Hr. 287.- 1916. Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Literarijche Utopien und öer Weltkrieg. Bon Alfred Brett. Ter Krieg der Gcgeirwart ist— von welcher Seite immer man lbn betrachten mag— die umstürzlerischste Lehre für alle jene, die bei den mannigfachen Prophezeiungen, Zukunftsbildern_ und Visionen der Moderne ungläubig und mit einem mehr oder minder mitleidigen Lächeln den Kopf schüttelten. Das Ereignis, das seit nunmehr bald zweieinhalb Jahren über der gesamten Welt lastet, ist so ungeheuerlich, so wenig faßlich in seinen schier übermenschliche gigantischen Dimensionen, daß wohl jedermann manchmal sich bei der Empfindung ertappt, als sei alles nur ein schwerer Traum, ein böser, entsetzlicher Alpdruck, aus dem ein plötzliches Erwachen uns retten muß,— retten in eine Welt, wie wir sie vor dem 1. August UU1 kannten und für dauernd, unbedingt beständig und, so wie sie war, einzig möglich hielten. Trotzdem die letzten fünfzig Jahre so viel neues, so viele über- raschcnde Umwälzungen auf jedem Gebiete der Allgemeinheit gc- bracht haben, trotzdem schon die Technik und Wissenschaft des Friedens uns eigentlich hätten lehren können, daß unser Zeit- alter kein Recht hat, in irgend einer Weise das Wort„Utopie" zu gebrauchen, war doch gerade dieser Begriff vielfach kennzeichnend für die internationale Literatur. Die Bezeichnung des„utopisti- scheu Romans" ist ein Gattungsbegriff geworden, und heute, da wir noch immer unter der unerhörtesten aller Ueberraschungen wie unter einem Banne geduckt stehen, mag es an der Zeit sein, zu prüfen, inwiefern diese utopistische Literatur denn eigentlich wirk- lrch utopistisch war. Wenn wir bei dem Phantasten Jules Verne anfangen, müssen wir sofort erkennen, daß es sich in den angeblich pratnich so unmöglichen Romanen dieses merkwürdigen Schriftstellers um nichts weniger als um Unmöglichkeiten handelte. Die Reife nach dem Mond in einem Luftschiffwunder, die uns in den Kinder- jabren so unglaublich erschien, ist durch den Krieg in ihren tech- nischen Ansätzen glänzend bestätigt. Zwar vermögen wir auch heute uich wohl noch lange nicht, den Blond zu besuchen. Aber das Luftschiff, wie Jules Berne es schilderte, ist unser Zeppelin, für den eine Reise nach London nachgerade ein Ausflug geworden scheint. Auch das Unterseebot bat Jules Verne in einem seiner Bücher auf ganz erstaunliche Weise vorausgeahnt. In„Zwanzigtausend Meilen unterm Meeresspiegel" befehligt ein geheimnisvoller Kapian ein Schiff, das unter Wasser fahrt und auf dem Meeres- gründe zu ruhen vermag. Beide Möglichkeiten gehören heute direkt zu unserer Kriegführung. _ Schon diese zwei Beispiele zeigen klar und unwiderleglich, wie falsch wir mit der Bezeichnung„Ilwpie" umgingen. Ein sehr interessantes utopistisches Buch gab zwei Jahre vor Kriegsausbruch der bekannte englische Tetektivschriftstellcr Eonan Dohle heraus. Er schilderte einen Zukunftökricg zwi''�-n Eng- land und einer verhältnismäßig sehr kleine!: Nation. Die letztere nimmt zum maßlosen Erstaunen der englischen Regierung� die ebenso leichtfertige wie hochmütige Herausforderung Albions an, und bald zweifelt niemand mehr, daß die tapfere angegriffene Nation über ein mächtiges Geheimmittel verfügen müsse. Dieses Mittel ist auch tatsächlich vorhanden; es besteht in einer Untersee- bootflotte, auf die gestützt der Gegner miaig den Kampf aufnimmt. Die Unterseeboote btockieren die englischen Inseln. Sie haben einen großen Aktionsradius, der ihnen wochenlanges Fernsein von der heimatlichen Basis gestattet. Nachdem einige englische Kreuzer den unsichtbaren Torpedos zum Opfer fielen, wird die stolze englische Kriegsflotte aus den freien Gewässern zurückgezogen, UM sich in einem gesicherten Hafen zu verbergen. Im weiteren Verlaufe des Buches wird geschildert, wie die Unterseeboote die englischen Handelsschiffe torpedieren, bis es ihnen gelingt, dem britischen Mutterland die zum Leben der Bürger notwendige NahrnngSnrittelzufuhr abzuschneiden. Das Buch Eanon Döhles kam, wie man sieh!, rein technisch der Wirklichkeit äußerst nahe. Wenn auch die Gegenwart den Jubelt auch dieses Buches natürlich nicht restlos bis zur äußersten Konsequenz zu erfüllen vermag, so schmilzt doch das utopistische Element auf ein Minimum zusammen. Diese Schrift, die merk- wiirdigerwcise bei uns im Frieden nicht bekannt wurde, war dazu bestimmt, englische Angriffsgelüste cinziiöämmen und auf den IriegStechnifchen Balken im eigenen Auge zu weisen. Großes Aufseben erregle seinerzeit ein anderes utopistisches Bück. EL nannte sich„Der Weltkrieg der Zukunft" und hatte einen ungenannten deutschen� Verfasser. Wer dieses Buch beute durchblättert, wird auf jeder Seite von neuem verblüfft sein. Die angebliche Weltkriegöntopie, die ja in zahllosen Büchern ver- schiö&ener Literaturen spukte, ist darin in politischen Einzelheiten fast ganz so gestaltet wie die junge� Geschichte, die wir erlebt haben und erleben. Auf der einen Seite steht Deutschland, auf der anderen Seite eine Koalition, der vor allem Englands und Frankreich angehören. Unterseeboot, modernste Mincnkonstruk- tionen, schnelle Torpedoboote, Riesengeschütze von überraschender Tragweite und schließlich Flugzeuge spielen darin eine gebührende Rolle. Ja selbst das neueste, uns Deutsche interessierende Ereignis, die allgemeine Zivildienstpflicht, ist keineswegs ohne literarische Ahnen.' In Bcllamys„Rückblick auS dem Jahre Zweitausend" ist das Leben in einem phatastischen Zukunftsstaate auf völlig denio- kratischer Grundtage entworfen. T'e ganze Bevölkerung bildet eine einzige große, sich bis ins Kleinsie regelrecht ergänzende Ar- beitsgesellschaft, eine G. m. b. H sozusagen. Jeder Bürger ist verpflichtet, eine gewisse Arbeit zu leisten. Keiner ist vollkommen Herr, keiner ist vollkommen Diener Jeder erwirbt und lebt von seiner Tätigkeit, ein Zeitalter vollkommener sozialer Eintracht scheint in diesem Staate angebrochen. Niemand ist ungerecht mit Arbeit überlastet, niemand ist vom Elend bedroht; andererseits darf aber mich kein Mitglied des Staates untätig sein Dasein ver- bringen, solange es persönlich arbeitskräftig ist. Unter allen Beispielen beweist dieses wohl am schlagendsten, daß man den fälschlich utopistisch genannten Schriftstellern Unrecht tat. wenn man sie als Träumer, häufiger noch als Leute bezeich- nete, die den Trick vewolgten, das Publikum durch das Ausmalen interessanter Unmöglichkeiten zu unterhalten. Der Krieg hat uns nebst vielem anderen gelehrt, daß das Wort„unmöglich" endgültig aus dem modernen Lexikon gestrichen werden muß. Was gestern Utopie schien, wird heute als möglich und ratsam ausgearbeitet, um morgen schon zu einer Selbstverständlichkeit zu werden. Unleug- bar hat der Krieg— trotz all der furchtbaren Wunden, die er schlägt, trotz all seiner die Welt belastenden Schrecken— anderer- seits die Tore des Fortschritts mit einem sähen Ruck so weit ge- öffnet, wie keiner von uns es sich hätte träumen lassen. Diejenigen aber, die schon heute eine neue Utopie zu sehen meinen, wenn man vom Frieden spricht, mögen sich an den Lehr- satz der WeltkriegSmenschbeit halten: daß es heute keine Utopien mehr gibt...._ Meines ZeuiUeton. Der Cinfiuß ües Werkzeuges auf Leben unö Kultur. Prof. Schlesinger behandelte im Zentralinstitut für Erziebnng und Unterricht dieses Thema. Er ivieö zunächst auf die Unterschiede zwischen den Menschen und den Tieren hin, die durch Vernunft, Sprache und Schrifr auf der einen Seite, durch Feuer und Werkzeug auf der anderen Seite festgelegt sind. Vom ersten Werkzeug, das wir kennen, das ist die Axt, ist durch die Verbindung dcS schneidenden Steines mit einem Griff, das ist ein Hebelarm, der mit Schwung betätigt wird, zum ersten Male die lebendige Kraft sin menschlichen Leben ausgenutzt worden. Der Mensch bahnte mit der Axt sich die Wege durch den Urwald, ebenso wie er damit in der Lage war,' die viel stärkeren und von der Natur besser ausgerüsteten Tic« anzugreifen und zu besiegen. Die Einwirkung dauernden Arbeitens mit Werkzeugen veränderte die Hand, das Haupiorgan der menschlichen Tätigkeit' in grundlegender Weise. Während die Affenhand auf da? Greifen von verschiedenartigen Griffen- nicht eingerichtet ist, weil ihr die Oppositionsstellung des Daumens fehlt, kann die Menschenhand allein allgemein sich wirklich allen Sonderforderungen der Natur und der Kunst anpassen. Sie ist das Werkzeug der Werkzeuge, ohne selbst ein besonderes Werkzeug zu Iverden! Aus dem Arbeilsorgan wurde dann auch gleichzeitig das Tastorgan. Wir sehen gewissermaßen im Dunkeln mir der Hand!- Nunmehr ging die Entwicklung der Werkzeuge schneller vor sich, becinfklißt durch die drei Hauptberufsgruppen Landwirli'chaft, Hand- ioerk und Industrie. Der lonservaiiven Wcrkzeugstechnik in der Landwirlschafr des Kleinbauern, die bis in die letzte Zeit noch an den ursprünglichen Geräten festhält, steht der rasende Fortschritt in der Industrie gegenüber, der in den letzten 100 Jahren insbeionder durch die Mechanisierung des Werkzeuges, d. i. die Umwandlung des Handwerkzeuges in die Werkzeugmaschine gekennzeichnet wird. Die Rückwirkung der Mechanisierung auf den Menschen, die zweifellos in einer gewissen geistigen Verödung bestehen könnte, tvurde wieder ausgeglichen durch die Gegengewichte, die in der Benutzung der Werkzengntaichine selbst liegen, d- i. die Erleichterung der körpcr- lichen Arbeit, die Verkürzung der Arbeitszeit und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Gleichzeitig wurde von den Menschen an Stelle der Körperkraft Geschicklichkeit nnd NeberwachungStStigkeit verlangt. So greift die Entwicklung des Werkzeuges auf die Wirt- schaftssragen über, beeinflußt überall offen und verdeckt die Lebens- führungen und wird so zu einem der Hauptträger der heutigen kulturellen Entwicklung._ M WirtfchastsoWzier fm besetzten GM. Die wirtschaftliche Nutzbarmachung der besetzten Gebiete im Osten erfährt feit einiger Zeit durch die Einsetzung besonderer Wirt- schaftsoffiziere im Operation-"- nnd Etappengebiet merkliche �-orde- rung. Es handelt sich dabei um O'fiziere, deren Fachausbildung sie besonders für die Leitung der Bewirtschaftung im Okkupations- aebiete fäbig macht. Neber die Tätigkeit dieser Wirlschaftsoffiziere sind lehrreiche Einzelheiten einem Artikel der„Deutschen Landwiri- schaftlichen Presse zu entnehmen, wo der als WirtschaftSoffizier enier Division im Osten tätige Reserveleutnant Dehlinger eimgeS aus seinen Erfahrungen mitteilt. Die Genauigkeit aus wirtschaftsichem Gebiete ist nicht weniger groß, als in der rein militärischen Tätig- keit. Der Wirtschaftsossizier erhält einen Stoß Akten, in denen ,eder Wagen Mist, jedes auf dem Felde vcrwcnvete deutsche Pferd und jedes Kilogramm deutschen Saatgutes aufgezeichnet wurde. Eine Sanvtpflicht des WirtichaftSoffizierS besteht darin, die Tätigkeit der Bauern zu überwachen und nach Er- fordernis auch entsprechend zu beeinflussen. Zu diesem Zwecks sind ihm ein Buchhalter und ein Dolmetscher beigegeben. Der Bezirk, m dem die geschilderten Erfahrungen gemacht wurden, liegt nordöstlich Wilna und umfaßt eine Fläche von 37,1 Qnadrarkilometer. Die un- wegsamen Straßenstellen wurden von den deutschen Truppen durch Knüppeldämme überbrückt. 3ä Dörfer mit inSaesaml 1740 Ein- wobner» gehören in den Distrikt des WirtichaftSoffizierS. Die Bc- völkerung ist auf fast unglaubliche Weise gemischt, Polen. V- Litauer und M. das fich aus Weißrussen, Altrussen nnd Tataren zusammensetzt, Auffallend ist. daß rrotz der vielen Analpbabeten bereit? fast die Hälfte der Eingeborenen wenigstens notdürftig' der deutschen Sprache mächtig ist. Die Einbringung der Ernte fällt dem WirtschaftSoffizier oft nickt leicht infolge deS Mangels an Baucrnpferden, und in dem in Frage stehenden Falle mußte mit 25—30 Gesponnen von Erntekolonnen nachgeholfen werden. In den von den Einaeborenen verlassenen Dörfern mußten die �Flucht- lmgssamilien zusammengezogen werden, um bei einem täglichen Lohn von IM. bis 1,80 M. die Ernte einzubringen. Zur Bearbeitung deS Bodens werden vielfach die einheimischen kleinen einspännigen eisernen Schwingpflüge, manchmal auch noch viel einfachere Holz- eggen verwendet, die von fünf oder gar sechs Pferden gezogen werden müssen. Hier erwies sich die Untersiiitznna durch deutsche Pferde als io wirksam, daß in dem ganzen Bezirk trotz Fehlens von ungefähr 70 Bauernfamilien nur 30 Hektar weniger Winterfrucht bestellt wurden, als in normalen Jahren. ?n öer Narkose. In der Narkose redet man gern, und mancher schöne Nnfirm mag da zutage kommen. Viele Soldaten verfallen dabei inS Singen, nnd der opertende Arzt singt dann gewöhnlich die zweite Stimme mit. Das ist der Humor im OperalionSsnal. Gelacht bat aber neulich der Dr. Kilo, Chefarzt eines Reserve- lazareits, als er den Wehrmann Schulz operierte, nnd dieser während- dem seinen schönen Namen, Dr. Kilo, zergliederte. „Kilo! WaS ist das doch fiirn spaßiger Name 1_ Dreht man den'nnn, dann heißt er Olik. O liek, so lang du liegen kannst! O lieg, so lang du liegen magst I Die Stunde kommt, die Stunde kommt, wo du aus Ohligs gehen mußt!" So ging das weiter in den verrücktesten Betrachtungen; nnd der Chefarzt schnitt und lachte in einem fori:„Schulz, bören Sie auf! hören Sie auf!"'_ s.Liller KriegSzeilung".) Notize«. — Konzertchronik. Das Piccader« Konzert, das am Sonnabend, den 16. Dezember, in der Philharmonie für die „Kriegshilfe" des Vereins„Berliner Presse" stattfinden sollte, muß tvegen plötzlicher Erkrankung des Künstlers verschoben werden. Die Billette behalten ihre Gültigkeit. — Die„griechische Göttin", die während deS Krieges vom alten Muieum erworben wurde, seit langem der bedeutendste Fund auS der frühgriechischen Kunst, wird von nnn an der Oeffent- lichkeit zugänglich gemacht. Das Sitzbild der Göttin— eS ist ein Kultbild ans einem Tempel— hat vorläufig seine Aufstellung im kleinen Saal dcS Oberstocks des alten Museums gefunden. Später wird es in einen besonderen Raum im neu erstehenden Pcrgamon- Museum übersiedeln. 28j Ums Menschentum. Ein Schillcr-Roman von Walter von Molo. Ein Mann ging durch die Reihen der ängstlich flüstenlden Akademisten. Sie hoben sich aus die Zehenspitzen und sahen mit grausiger Wollust, wie er mit ihren Kameraden experimentierte. Er ließ die Burschen ernst und heiter dreinsehcn— ein Blick des Herrn von Seegcr genügte, ilin diese Gefühls- Phänomene auf Wunsch hervorzubringen— er maß und prüfte die Gesichter mit dem Längenmaß. Er kontrollierte die Seelen. Hoven, der an einer Götz-Nachahmung„dichtete", fand heute kein Gehör bei Schiller. Vergebens vertraute er dem seine literarischen Nöte an,„daß die Sache kein Ende hätte und die notwendige Tendenz ihm selbst noch nicht klar lväre." sisritz Schiller sah hochinteressant dem Manne mit den schwär- merisch-wilden Augen zu; seine Ohren waren taub für die Schmerzen der gewollten Poesie, die auch in seinem Innern rasten und brüllten.„Meinst du, eS gibt eine Wissenschast vom inneren Menschen, Scharffenstein?" fragte er,„meinst du 7" „Professor Abel saget, daß Herren LavaterS Physiognomik nicht ohne Boden sei; man könne wohl aus Körperteilen auf die Eigenschaften der Seele schließen. Da schau' hin, jetzt zeichnet er des Kempff' Silhouette!" Alle streckten sich, und über Fritz Schiller kam wieder das unleidige Zittern, das ihn stets befiel, wenn sein Fühlen vorauseilte uns allein in menschenfcrnen Gebieten war. Der Mystizismus des katholischen Gottesdienstes zu Gmünd stand vor seinen erschaudernden Augen, die sich einwärts wandten; die Sagen und Märchen der Jugendzeit verbanden sich mit den Mondscheinlandschaften des heinilich gelesenen Ossian zu unheimlichem Blick hinter die Weltkulissen. Sein Kopf wehrte sich. Mit scharfen Augen, die sich nicht imponieren lassen wollten, sah er den Hantierungen dcS Züricher Predigers zu. Herr Lavater prüfte, ernst und strenge, den Llopf des Zog- lingS, er betastete und maß ihn, heiligen Eifers voll, der Aufklärung entgegenzutreten, die dein Körper seine Rechte Verlich. „Das ist Material für meine Sammlung," sagte schwer er- regt und hoch erfreut die helle Stimme, die von schwelgerischer Phantasie erzählte,„hier sieht man deutlich, daß die Seele Herrscherin ist und den Körper bildet. Hier ist ein Exempel gewonnen, wie die Menschenkenntnis zur Förderung der Nächstenliebe beizutragen befähiget ist." Aufgeregt fuhr er noch einmal die unfertige Bubennasc des Anstaltsböselvichts entlang, derweil die Zöglinge vor seinem Urteil bebten und mit scheu bewundernden Blicken sein Seclcnwisscn quittierten. „Das ist ein moralisch und seelisch hochstehender Mensch l Wie heißet er?— Kempff V Der Kempff ist ein Heiliger, der verkannt wird 1" Den flammenden Blick rundum sendend legte er die Hand herausfordernd auf des Dümmsten und Schlechtesten Haupt. Totenstill war'S; selbst Herrn von Seegers schnellfertige Miene erstarrte in der vorübergehenden Besorgnis, daß er manchmal manchem Zögling in manchem könnte Unrecht getan haben. Noch immer stand Herr Lavater mit verzückten, übersinnlichen Augen, die grenzenlos in uferlosen Hoffnungen schwärmten. „WaS sagest Du. Schiller? Ist's nicht schrecklich, wie tief er ins Leben steht?" flüsterte Hoven. „Schiller, gib Antwort; wie sollen wir bei solchen Ver- hältuissen jemals Gerechtigkeit üben?" Langsam und sicher, mit gelöschtem, ruhigem Blicke sah Fritz Schiller seine Freunde an; ein verächtliches Lächeln kräuselte seinen eigenwilligen Mund. Er sagte bedächtig: „Herr Lavater ist ein Riesenvieh!" Nun wuchs das bange Lächeln zu voller Blüte aus, er umfing den Hoven und Scharffenstein und schwenkte sie.„Lasset euch doch nicht impo- nicrcn von dem da mit seinem Zollstab!" Ein erlösendes Gelächter scholl Herrn Lavater ent- gegen. „Wird Ruhe gehalten werden?" schrie Intendant von Secgcr. dem es fürchterlich war, daß das„Ausland" vermeinen könnte, er hätte schwache Disziplin in der Anstalt, „bei sonstigem Eßentzug!" Sie standen wieder mit unbeweglichen Zügen in Reih und Glied. Verstohlen und dankbar sahen sie zu Fritz Schiller auf, der einen Nimbus zerstört hatte, der sie für Wochen ins Zweifeln geivorfen hätte. Doch Fritz Schiller merkte seiner Freunde verehrende Blicke nicht; sein Kopf, der sich zum erstenmal getraut hatte. eine geistige Autorität anzutasten, sah nun auch in eigner Sache klar: Was er bis heute geschrieben hatte, war schlecht. Die Erkenntnis stand plötzlich vor ihm: Man durfte nicht mit kleinlichen Mittelchcn arbeiten, wollte man etwas Großes, Weltumfassendes leisten. Viel hatte der treue Scharffenstein zu stützen, seit der Traum des Kunstwerkes in Schiller zu Ende war. Selbst weh im Herzen, streichelte ScharffcnstcinS Wort den Freund: „Was hast du, Schiller? Sei nicht kleinmütig; auch ich bin gescheitert mit der Poesie. Wir alle!" „O Scharffenstein, euch war es nur Spiel; bei mir ist nun alles aus und vorbei." „Hast du nicht die gleiche Zukunft vor dir wie wir andern? Ich lverd' Offizier, das ist nicht viel bei den jetzigen Zeiten, du kannst Sekretär nnd mehr iverden." „Tu malest schön; dir ergibt sich die Kunst auf andern Gebiet; mir bleibt das traurige Verzichten!" Wie kannst du so sprechen! Du, dem die stießen wie andern nicht die gewöhnliche Die Nachahmung gelingt nur den Halbbegabten; Nichtkönner und die Begnadeten müssen darin versagen. die „Schiller! Verse vom Munde Rede." „Scharffenstein, sag das nochmals!" „Ja, ich fühl' deine Sendung, du beißest dich durch! Du darfst nicht verzagen! Dil mußt durch dick und dünn gehen. Du darfst tiichst den andern gehorchen— nicht einmal dir selbst, wenn du schwach bist!" „llud wenn es fehl geht?" „Dann— dann muß Gott helfen! Aber: es wird gc- lingen! Und sonst: Du bist auch dann noch ein Mensch, der Arme und Beine hat." „O Scharffenstein, dir blühet noch ein anderes Leben; dir bist stark und schön, du wirst im Felde sterben als kühner Soldat oder die Fahne in der Faust die feindlichen Schwadronen verjagen und den Dank aus des Fürsten Tochter Hand empfangen, im Angesichte des siegreichen Heeres. Ich aber: Ich bin häßlich und der Schlechteste im Fechten und Voltigieren und jeder lacht, der mich sieht. Widersprich nicht, deine Güte des Mitleides schmerzte mich; ich will dir nur klar auseinanderlegen, warum ich als Poet Karriere machen muß! Ich bin zum Geistigen gedrängt; WaS euch ein mißglücktes Spiel war und bleiben tvird, mir wäre eS ein zerbrochenes Leben ich wäre am Ende. Was soll ich auch als blecherner Jurist mit all' dem Formelkram? Kühn werf' ich ihn ab und recke mich; gut, aber: Scharffenstein, was soll ich Klassenletzter und einzige Hoffnung meiner Familie, meinem Vater sagen? Und zu andern: tauge ich nicht! Ich seh' nimmer aus vor Hcrzensbangigkeit und quälender Angst. Mir brennt nur mehr dieses eine Licht, vielleicht crlvtsch' ich noch das wahre Lebeil, das die Menschen ehrt, statt der Paragraphen und Gamaschen, in die man mich preßt... Korkst folgt.) Direllion; Mas Reinhardt Deuisches Thealer Deutscher Zyklus. < Uhr: Z. 1. M.: OantonK Tod. Kaoimerspiele. S Uhr:<><>KpenHf(>r»onnto. �'olksbühno. Theater a. Btilowpl. S1/, Uhr: Kose Bernd. IhBater i. d. Königgrätzersfr. S Uhr; Pnol I.onxe und Tora. KarBbcrg. KoniödienhuiiK. 8 Uhr: Oer 7. Tag. Berliner Theater. 8 Uhr: Auf Flügeln des Gesanges. Morgen nachm. S'l4 Uhr: I.tsl's Märehcnrelsc. Sessing- Theater. Direktion; Victor Barnowsky. 7'/- uhr: Peer Cynt. Sonnab.. Somit.: Julins Cäsar. deutsch. Künstler-Theater. Allabondlich 8 Uhr: Moral. Komödio von Ludwig Thoma. URAHIÄ TaubenstraCo 48/49. 8 Uhr: Geh. Kegierungsrat Peter Jessen: Kriegcrehrnng Felde und f>ahelm. Im Theater für Freitag, den IS. Dezember. Residenz-Tlieater Die Warscliaiisr Zitadelle. Deutsches Opernhaus, Charlottcnb. 8 Uhr: Mignou. Friedrich-Wilhelmstädt. Theater. 8 uhr: Das Dreimäderlliaüs. Clcbr. Herrnfelfl- Theater s-/.u.: Der doppelte Buchhalter. Posse mit Gesang und laiu. Kleines Theater «uhr: im Teeliseli. Komische Oper «■/. uhr: Der Puszta-Kayaüsr. Bonnt 3'/. Uhr: Oer Hiitlenbasitzer. Lustspielhaus S'/.Uhr: I»er selige Bnldatn mit Henry Bender. Sonnab. 3'/«: Die deutsch Klcinstädt. Metropol-Theater s uhr: Die Csardastürslin. Sonntag 3 Uhr: Bio Kaiserin. Neues Operettenhaus Kassentelephon: Kordon 281. s uhr: Der Soldat der Marie. 8'/. Uhr Schiller-Theater O. s uhr Seine einzige Frau. Schlllep-Th.Cbarlottenbg. 4 Uhr: Snccwittchen. s uhr: Kaler Lampe. Thalia-Theater. Heute geschlossen! Morg. 8 Uhr: Das Vagabundenmädel. Theater am Vollcndorfpl. Uhr: I>lc Anna lilse. Ü'lt Uhr; Blaue Jungem». Theater des IVestens 3'/. Uhr; Maria Stuart, s uhr: Die Fahrt ins Glück mit Guido Xhiclscher. Xrlanon-Thcator s'/.u.-..... als Gast. Kosc-Thcatcr s uhr: Das Glücksmädel. Walhalla-Theater 8 uhr: Das Müsikantenmäde!. Voigt-Theater. Täglich t Badstr. 58. Eadctr. 53. Ilutco. Qotmt.sn.nben&d: Das goldene Buch. eoiiut.3 lt.; O.Tocht. d Herrn Fabricius Ab Montag: Spottvögcl. Jtafftnevöffnuttg 7 NHr. Anfang 8 Ufir. Reieiishallen-Theater. Stettiner Sänger. Zum Schlug: Frle»Iensgl»el»ea. Zeitbild von Meysel. Ansang S Uhr. 2cin:tr.g mich. mittag 3 llbr: (Gr mag. Prcifc) Weihnachtsabend i. Schütze(.graben utreu,-MJ JBusch Freitag, 15. 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