Nr. 296.- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Nonnkkslag, 38. Dezember. M öer Donau von Ruststhuk bis Grsova. Von unserem Berichterstatter Hugo Schuld V t b i u, 16. Dezember. Hinter der Offensive ber bis nach Bukarest vorzubringen, Ivar keine einfache Sache unb btc Reise vollzog sich unter mannigfachen, bas Gemüt beklemmenden Hindernissen. Wie aber wieder von Bukarest zurückkehren? Mit dem Strqm ging es ja noch, aber gegen den Strom. Na, das wird eine schöne Geschichte werden. Da leuchtet plötzlich ein Hoffnungsschimmer. Der Bahnanschluß nach Giurgiu soll bereits hergestellt sein, wenn auch mit Unterbrechungen durch zerstörte Brücken. In Giurgiu mochte uns ein Schlepper oder am Ende sogar ein Personendampfer ausnehmen und uns durch die vielfach mit gesunkenen Schiffen verkeilte, überdies auch nicht ganz minenreine Fahrrinne der Donau allmählich nach Orsova bringen. Ter Plan war schön und es zeigte sich alsbald, daß auch eine Anzahl von deutschen Offizieren uird Soldaten diesen Weg ein- schlug, um zum Genuß des bovilligten Heimatsurlaubs zu gc- langen. Bald saßen wir gemeinsam mit den Offizieren in einem Gütertransport! vagen und fühlten uns ganz geborgen. Es ging auch anfangs flott vorwärts, aber bald kamen die Hindernisse, deren erstes schon recht ausgiebig hemmte. Vor der zerstörten Brücke über dem hochgcschwollenen Argesul wurden wir ausgesetzt und nun hieß es mit Sack und Pack durch Kot und Morast bis nach Gra- distca wandern, wo zu einer nicht genau bestimmbaren Zeit ein Gegcngug aus Giurgiu eintreffen sollte, um uns weiter zu befördern. Ter hatte cs ober nicht sonderlich eilig und ließ uns clwa acht Stunden unter freiem Dezmbcrhimmel warten. Ich fand so Gelegenheit, mir das Schlachtfeld am Zlrgcsul ein wenig zu besehen. Kein neues Bild. Granatentrichter, herumliegende Schrapnellhülsen, mit dem Spaten aufgewühlte Ackerkrume, Fetzen und blutige Leinenstreifen, zerriffcne Patronentaschen! In der Nähe schlachteten deutsche Pioniere, die beim Brückenbau beschäftigt sind, ein fettes Schwein von drei Zentner Gewicht, dessen Lenden- stücke sie bald darauf in brodelnden Kochkesseln hatten. Wir waren dann nicht bloß Zaungäste des üppigen Mahles, sondern erhielten bon den freigebigen Pionieren einen tüchtigen Happen der requi- ricrten Leute. Der Krieg lebt nämlich in Rumänien ausschließ- lich vom Lande, dessen Ergiebigkeit erstaunlich ist. Die gewaltigen Marschleistungen der Truppen wären wohl auch unmöglich, weim Rumänien nicbt so viele Rinder, Schweine, Gänse und Hühner hätte. Die walachische Ebene ist übersät mit behäbigen Ortschaften, die ganz anders ausseben als die ärnrlichcn Weiler im gebirgigen Rorden des Landes. Tie Lffcnswe lebt hier auf großem Fuße und das Land spürt cs kaum, wenn auch der einzelne Bauer, den es trifft, bitter seufzen mag in dem Bewußtsein, nun auch noch die ganzen Kosten der verbrecherischen Politik seiner bojarischcn Ausbeuter allein tragew zu müssen. Der Zug kam uns holen. Es Ivar schon stockfinster, als wir die Fahrt quer durch das Vorrückungsgebiet der Armee Mackensen beendet hatten und in Giurgiu eintrafen. Um den Bahnhof braun- tcn Feuer, au denen sich deutsche Soldaten ihren Tee kochten. Zu ihnen gesellte ich mich, um wieder eine hübsche Weile zu warten, bis Lchsenkarrcn tamcn, um uns und unser Gepäck über die Donau nach Rustschuk zu bringen. Fast wäre cs ober besser ge- Wesen, durch den Kot zu stapien, denn wir hockten zlviscbcn auf- gestapelten Rucksäcken wie krummgeschlossen. Ter Anblick der schauerlich grinsenden Ruinen von Giurgiu er- k.öbte die Pein. So was von Zerstörung habe ich nur noch im August 1915 östlich der Weichsel gesehen, wo die Russen ihre Rück- zngsstraße durch systematisch niedergebrannte Städte markierten. Giurgiu wurde zuerst Ivährend der Kämpfe von User zu Ufer mit schwerer Artillerie bearbeitet, was aber noch übrig blieb, ging bei der Erstürmung und bei den Straßenkämpsen in Klammen aus. Ucbcr die gewaltige Kricgsschissbrücke, die auf riesigen Schlepp- kätznen und Eiscnpontons ruht, gebt cs nach Rustschuk, und wir befinden uns nun aus bulgarischem Boden. Man merkt es gleich an den bulgarischen Landsturmsoldaten, die am User Wache halten. Ich konnte mir die Stadt näher besehen, denn bis das Schijf kam. das uns ins Hinterland entführen sollte— cs stand sogar ein Personendampfer in Aussicht— verging wieder fast ein Tag. Rustschuk hat gleich wie die anderen ehemaligen türkischen Donausestungcn, Sflistria, Sislov und Vidi«, noch viel Orientalisches in seinem Stadibilde beivahrt. Das Belagen des Auf- cnthalts wird dadurch nicht erhöht, und der„Hau", in dem ich nach langem Herumirren endlich Unterkunft fand, blieb trotz des stolzen Namens„Hotel Splendid" hinter den bescheidensten Ansprüchen zurück. Man soll aber sonst in Rustschuk auf durchaus europäische Art leben können, und die zahlreichen mohammedanischen„Po- maken", die mit den bunten Turbans auf dem würdigen. Haupte durch die Straßen wimmelten, geben nur die Folie zu der auf- strebenden Neustadt, deren Gepräge durchaus westlich ist. Mittags dampften wir ab. Ter Kiel des Schiffes schneidet durch dichten Nebel, und der Steuermann tastet sich vorsichtig durch bis zur Kricgsbrücke bei Sistow, die unter zeitraubenden Arbeitsvorgängen eine Bresche aufschließt, um den Dampfer durchzulassen. Bei Zimnica auf der rumänischen Seite legt er an, genau an der Stelle, wo das erste bulgarische Regiment, das hinübcrgeschifft wurde, unter den Klängen des„Schumi Maritza" den feindlichen Baden betrat, um sofort unter wildem.Hurrageschrei gegen die noch verteidigten Ränder des'Auwaldes'loszustürmen. Das war am 23. November nur 16 Uhr morgens. Der Stromübcrgang vollzog sich unter dem Schutze dichten Nebels, der das Feuer der Rumänen, die entlang dem Usersaum nur vorgeschobene, halvfertige Stellungen hatten, daneben lenkte. Sechs österreichische Dampfer, an denen je vier Leviathans von Schlepp- kähnen hingen, bewerkstelligten die Uebcrschiffung der Vorhut, die den Brückenschlag decken sollte. Zuerst erreichte» österrcichisch-ungarischc Grcnzjäger das feindliche Ufer, dann deutsche Abteilungen und das erwähnte bulgarisckie Regiment, das gleich eine Musikkapelle mit- genommen hatte. Tie Rumänen gaben die schwachen Uferstellungen sofort preis und gingen etwas zurück. Da begannen nun die Ge- schütze der Monitore, die wie Gespensterschiffe aus dem Nebel auf- tauchten, zu spielen, und gleich darauf verstärkten die hinter Sistow im Hügelgelände verborgenen ganz schweren Kaliber mit ihrem dröh- nenden Baß das entsetzliche Konzert. Unser Schiffskapitän, der damals mitgewirkt hat, meint, daß die Rumänen sich gegenüber diesem Hagel von schwersten Granaten unnröglich halten konnten. Jeden- falls haben sie sich nicht gehalten, und das Pionierbataillon, das nun den Brückenschlag vollzog, leistete seine Herkulesarbeit fast ohne blutige Verluste. Die Brücke,' die wie ein Wunderwerk, an dem Generationen gebaut haben, dasteht, war in 18 Stunden fertig. In 18 Stunden hatten unsere Pioniere die Eisenkonstruktionsfelder, die je zwei der mächtigen Eisenpontons miteinander verstreben, zusarn- mengefügt, dann ein Brückenglied nach dem anderen eingeführt, alles richtig vernietet und gepölzt, bis sich schließlich die Eisenkette aus stählernen Schiften und stählernen Gerüsten über 966 Bieter Strom- breite spannte. Dann trappte und stoppte, klapperte und dröhnte cs hinüber Tag und Nacht, quer über den gewaltigen Strom floß ein anderer gewaltiger Strom in das rumänische Land hinein, um es zu überfluten. Ich besah mir die Brücke genau, als ich nach Sistow hinüber- ging, um dort ein Stündchen zwischen altem türkischen Gemäuer und neuen Schützengräben zu verweilen. Es hätte keine Eile gehabt, zurückzukehren, denn wir lagen' dann noch mehr als 24 Stunden vor Anker, weil der undurchdringliche Nebel das Weiterfahren unmöglich machte. Der Verkehr auf der Donau stockte. Ganze Schlepper- flottillcn, die außer Geräten, Wagen, Pferden und Vieh noch Hun- dcrte von Gefangenen an Bord der Kähne hatten, lagen mit abge- stoppten Maschinen fest. Tie armen Ilrlauber an Bord unseres Schiffes ächzten vor Ungeduld, denn es hieß, daß wir unter Um- ständen auf eine Woche nicht vom Fleck kommen würden. Glücklicher- weise hoben sich am folgenden Mittag die Nebelschleier und der Dampfer setzte sich in Bewegung. Es war allerdings wenigstens bis über Lom Palanka hinaus nur ein nickweises Vorwärtskommen, denn immer wieder fielen Nebel ein, insbesondere bei Nacht, und wir er- reichten schließlich Orsova mit einer Verspätung von fast drei Tagen. So oft das dicke Gewölk, das über dem Wasser schwebte, zer- flatterte, bot die Stromfahrt eindrucksvolle Bilder. Zunächst noch kriegerische. In einem Seitenarm lag wie an einer Schnur gefädelt die ganze Flottille der Monitore und armierten Dampfer, die dort nach getaner Arbeit ruhen. Idyllisches Leben schien an Bord der gepanzerten Schisse zu berrschen, die Soldaten wuschen und scheuerten, vom Gestänge der Masten flatterten trocknende Hemden. Noch weiter aufwärts verlor der Strom sein kriegerisches Gepräge und die großartige Landschaftsszenerie rückte nun in den Vordergrund des Gesichtsfeldes. Die Wasserfläche, über die die erst spät mit voller Kraft hervorbrechende Abendsonne ein leuchtendes Purpurband webt, dehnt sich stellenweise bis zur Breite des Bodcnsees. Ueppige Auen, die noch späthcrbstlichcn Anblick gewähren, bedecken die Inseln und ziehen sich entlang den flachen rumänischen Ufern. Sie sind voll von Wasserwild und stelzbeinigen Reihern. Das bulgarische Ufer erhebt sich in schroff aufstrebenden Wiesenhalden, die mit Schafherden ge- sprenkelt sind, zu einem Tafelland, hinter dein aus weiter Ferne blaue Berge hcrübcrschimmern. Alles atmet da Frieden und ruhige?, einfältiges Natnrgeschehcn, nichts erinnert mehr an Krieg und Kriegs- gcschrei, an menschliche Unrast und leidenschaftliche Gier. Nur ge- ichichtliche Kricgserinncrungen steigen noch auf. Da klebt ein kleines Dörfchen wie ein Schwalbennest an bulgarischen Felsen. Es heißt Rikopoli, nach einer größeren Stadt, die einst an dieser Stelle lag. Bei Nikopoli vollzog sich im Jahre 1395 eine große geschichtliche Wende, dort erwuchs iäh in bluiigcr Schlacht die für die ganze Christenheit einst so schreckhnfie Türkcngefahr. Zehntausend crz- gepanzerte Ritter aus Deutschland, Frankreich und Ungarn, von König Sigismund geführt, erlagen dort dem wilden Ansturm von etwa llOW türkischen Spahls und Ianitschareu des Sultans Bajazid, den iiiau auch Jildcrim— den Blitz— nannte. Eine Wcltwcndc! Galt, was war das im Grunde für'ue harmlose Affäre! Ein mittleres Vochutgefecht..«____ kleines Zemlleton. Sraila. Aus Braila fluten nun die geschlagenen Rumänen zurück. Ge- langt man auf der Donau nach Braila, so sieht man bei der Ankunft von der etwa 56 666 Einwohner zählenden, im Verhältnis zu dieicr Bevölkerungszahl ungeheuer ausgedchnten Stadt verhältnismäßig tvenig, denn sie liegt'aus einer ebenen Fläche, die etwa zwanzig bis dreißig Meter höher liegt als die Donau und dicht am Ufer in steilem Hange zum Strome abfällt. Braila bezeichnen die Rumänen gern als die schönste Stadt ihres Landes, und das ist kaum übertrieben: selbst mit Bukarest kann sie wetteifern. Während die übrigen Provinzstädtc Rumäniens eben rechte und ichlechte Provinzstädte mit kümmerlichen Häusern und sehr schlechtem Pflaster sind und sich durch unregelmäßige Bauart auszeichnen, ist Braila eine ganz nroderne, gut gepflasterte Stadt, die nach einem regelmäßigen Plane angelegt ist. Zur Zeit des Krimkrieges befand sich da, wo das heutige Braila liegt, nach der Schilderung eines irischen Kriegsberichtserstalters eine große, staubige Ebene, auf der ein paar Häuier verstreut waren. Innerhalb eines halben Jahrhunderts hat sich Braila zum größten Ausfuhrhafen Rumäniens entlvickelt und selbst das Aufblühen Konstanzas hat ihm nur tvenig Abbruch tun können. Da, wo die Donauarme sich wieder vereinigen, ist der Strom außerordentlich breit Mid dank der Stromverbesserung tonnen die glößten Seedampfer bis nach Braila aufwärts fahren. Damvser und Segelschiffe, die vom Schwarzen Meer kommen, löschen idre Fracht in Galatz, dem Einfuhrhafen, aber in Braila werden die beiden Hauplerzeunisse, Korn— Weizen und Mais— iowie Petroleum vertrachtet. Längs des ganzen Hafens steht ein Kornmagazin neben dem andern, imd stellenweise ist diese Hasen- straße dichlbeietzt mit den weißen Zhtinderbehältern, aus denen das Erdöl durch Rohre in die Petroleumschiffe geleitet wird. In den Wochen nach der Ernte herrichr am Hafen ein ungeheuer reiches, ge- räuschvolleS Leben, und der Hafen zeigt ein orientalisches Bild: die buntgekleideten Lastträger schleppen Kornsack auf Kornfack, Türken, Albanesen, Armenier, Juden, Karrentreiber, Kutscher der kleinen einspännigen Getreidewagen wimmeln durcheinander, Rumänen und Rumäninnen stehen in Bergen des gelben KörnS.� das sie mit großen Schaufeln laden, im Hafen liegt ein großer Seedampfer neben dem anderen und in langen Reihen liegen die eigentümlich geformten türkischen und griechischen Segelschiffe. Es givt nicht eine Straße der eigentlichen Stadt, die nicht an einem Ende oder gar an beiden zur Donau führt! Während Braila gegenwärtig seine Rolle als Festung an Galatz abgegeben bat. war es in der Vergangenheit mehrmals ein befestigter Ort. Ob die Römer den Ort schon befestigt harten, weiß man nicht sicher; die Rumänen scheinen dies zu glauben und haben deswegen den Hauptplatz mit einem Trajans« denkmale geschmückt. Sicher ist, daß die Römer in dieser Gegend das rechte Ufer befestigt hatten, denn hier lief die Reichsgrenze entlang. Ihren großen Aufschwung als Handelsstadt hat sie in der zweiten Hälfte deS vorigen Jahrhunderts genommen; die Vcr- besserullg des DonauwegeS und der Bau der Eisenbahnen, durch die Braila mit Buzeu und im Norden über Galatz mit Jassy verbunden ist, haben hierin das Ihre beigetragen. Notize». —„Herrn ArncS Schatz", das neue Bühnenwerk von G c r h a r t Hauptmann, hat seine Uraufführung am Deutschen Theater gegen Ende Fänuar und ztvar als letztes Stück des „Deutschen Zyklus", in dem einstweilen Georg Büchners.Dantons Tod" die Szene noch erfolgreich beherrscht. Am Silvesterabend wird„FigaroS Hoch zeit" in der seinerzeit von Joseph Kainz gefaßten Form gespielt. — Anton Wildgans„Arntilt" wird am Freitag in den K a mm er sp i c l e n des Deutschen Theaters erstmals ans- geführt. — Dem Lyriker Franz Werse!, einem Starken der jüngsten deutschen Dichtung, ist ein Abend gewidmet, der am ö. Januar, 8 Uhr, in der Berliner Sezession stattfindet —„G r o ß in u t t e r s Bratäpfel", ein alte? Singspiel, dessen Musik von Johann Adam Hiller stammt, wird in den„Kleinen Hauskomödien" sjetzt am Nollendorfplatz) zur Einleitung der Sil- vestcrvorstellung ausgeführt. — DieTochlerder Birch- Pfeiffer, der vor einem halben Jahrhnndct sehr bekannten Klcinbürgcr-Rührstück-Schreiberin, ist bockbetagt in Hohenaschau gestorben. Ihr Name Wilhelmine von H i l l e r n bedeutete seil den sechziger Fahren eine Stufe in den Anfängen der dentschen Frauenbewegung. In vielgelesenen Romanen versuchte sie� darzustellen, daß die Emanzipation der Frau ihre Grenzen habe, ivie bestritt, daß die Frau zu selbständigen, wissenschaftlichen Leistungen berufen sei, gestand ihr aber den Beruf zur Kunst zu. Sie formte in eraltiertcr Schreibweise den Typus der „Ueberspannten" und würzte ihre Kost mit den sentimentalen Zu- taten, die den Erfolg ihrer Mutter ausgemacht haben. 571 Ein Ums Menschentum. tchiller-Roman von Walter von Molo. In einem einfachen Mietwagen, ohne Diener, war eines Tages der Graf bon Falkcnstcin vorgefahrcn. Doch der lauernde Karl Eugen schoß in voller Gala auf den zarten Herrn im grünen Rocke los und riß Diener um Ticner vor deS Kaisers Majestät, derweil die Zöglinge im Musiksaal zur Begrüßung ihre Instrumente stimmten und die Professoren, in großer Uniform, die Perücken neigten. Ter Gras von Falkenstein fand Freude an den jungen Kerls, die drauf los geigten, bliesen und trommelten, als gälte es, die Seelen am jüngsten Tage aufzuwecken. Er blieb eine halbe Stunde und horchte zu, mit leisem, verträumtem Lächeln. Karl Eugen strahlte und nickte ermunternd und strafend bald hierhin, bald dorthin, je nachdem er ver- meinte, cs könnte nicht schaden. Beifall oder Tadel zu zeigen. AlS der erlauchte Gast in die Unterrichtssäle trat, herrschte atemlose Stille. Seit Maximilian, ivar Joseph II. der erste Kaiser, der Stuttgart wieder mit seinem Besuche beehrte. Man zog alle Register der Festlichkeit. Professor Abel wurde vor- galoppiert, dann folgte im geistigen Parademarsch die, Elite- schar der Zöglinge. Alles ging prächtig! Ter grüne Arm mit dein roten Äuischlag hob sich und eine überlegene Stimme sprach:„Run will ich selber fragen: nämlich die, die nichts wissen!" Und schon stand der Kaps vor des Reiches Majestät und scheuerte verzweiflungsvoll die Galahose mit den Händen, weil der Kopf versagte. Kirschbraun und wutschwarz war Karl Eugens Antlitz; wenn seine geballten Fäuste die Macht des Rünrberger Trichters besessen hätten, der Kaps wäre des Reiches c r st e r Geist gewesen! So aber gings sehr langsam, wenn auch frech, auf"der hnidcrnisreichen Straße der Käme- ralicn weiter. Wie ein Lakai sprang Karl Eugen hinzu, als der Graf von Falkenstein winkte..Ich bin zufrieden", sagte der lächelnd. „man erkennet die Vorteile einer Anstalt am besten daran, was die Kehrseite des Gewollten Gutes zeigt. Die Burschen sind kühn und wagen etwas. Wer mit so wenig Wissen über Staatswissenschaftcn redet, der getraut sich auch gegen Zeit- Mißstände und unnötige Fesseln der Menschheit loszugehen. Ihr ziehet revolutionäre Hirne; nur von solchen profitiert der Staat." Von des Scharffensteins Hand lief das Blut, so grub Fritz Schiller dem Freunde die Rägel ein. In seinen Augen standen glückliche Tränen.„Stehest du, siehest du: Er ehret die Menschheit und ersehnet auch Freiheit für sie. Der Vater von Teutonien ist der Schmuck der Prinzen, der Götter Liebling!" „Schauet den Iltisern au!" brummte Petersen und orientierte die beiden mit hurtigen Rippenstößen.„Wie blöd er drein sieht l" Karl Eugen lächelte bittersüß und devot, ihm wäre ein anderes Lob erwünschter gewesen. Doch Lab war Lob, sein Werk fand den Beifall des Kaisers; der herzogliche Schul- meister lächelte noch dankbarer und erfreuter, cs galt die Ge- legenhcit zu nützen: er verneigte sich mit hängenden Armen. „Da darf ich wohl, in abzusehender Zeit, bei so schätzens- wertem Urteile von Eurer Majestät, ans die ersehnte Er- ncnnimg zur hohen Schule rechnen?" Tie hellen Augen blitzten und die scharfen Lippen vcr- bargen ein überlegenes Lächeln.„Da könnte man dann den ganzen Tag Doktors macheu'{ WaS?" Dumm und geblendet sah Karl Eugen in Kaiser Josephs durchdringenden Blick, der, wie ein Aar im hellsten Sonnenlicht, über dem kleinlichen Alltag stand.„Wir wollen sehen," begütigte schnell die angeborene Gutmütigkeit des Wieners,„ich send' den Kinski) her, damit ich noch genaucrn Einblick in die Gründe der Einrichtungen bekomm'. Ich mein', cs wird bald Stutt- garter Doktors geben." Zwei Tage blieb der Freiheitskaiser, und wieder mu- sizierten die Zöglinge, als er in seine Kutsche stieg, um Marie Antoinette zu Paris aufzusuchen, lvoselbst sonderbare Blasen im Volke zu quirlen begannen. Fritz Schiller meldete sich noch am gleichen Abende krank. Er hatte nun keine Zeit für den Unterricht, er war über- voll und der Kiel flog im Marodenzimmer die ganze Nacht. Die Gedanken rannten aus dem Kopfe, wie Wasser aus zer- brochenem Sieb. Bald war hier noch ein Reis dem Hand- lungsstamin aufzupfropfen, bald verschob sich dort ein Stein im zlvangbestimmten Gebäude und mußte versetzt oder beiseite getan werden. DaS� neue Erlebnis gebar neuen Reichtum und reifte nie geahnte Saat:„.. hat die Welt sich umgedreht, Bettler sind Könige, und Könige sind Bettler!— Ich möchte die Lumpen, die er anhat, nicht mit dem Purpur des Ge- salbten vertauschen. Der Blick, mit dem er bettelt, daS muß ein großer, ein königlicher Blick sein— ein Blick, der die Herrlichkeit, den Pomp, die Triumphe der Großen und Reichen zernichtet!..." Als die Sonne über den Stuttgarter Rebenhügeln langsam und siegreich ausstieg, fand sie einen zerwühlten, zersouneneu Kopf, in dem stürmisches Wollen mit mangelnder Lebenserfahrung titanisch rang. Wie hatte doch Franziska von Hohenheim dreingesehen, damals, als er sie beim Arme nahm und der Herzog der Schüler war? Ja, so ver- wundert, nein: verächtlich mußte Amalia den seilen Buhler Franz von sich stoßen, wenn er begehrend nach ihr griff. So, ivie das Phinele den Mund auswarf, wenn Bater 'was Derbes aus dem Kriege erzählte, das ihr nicht in den Kram paßte! Das Heroische und Starke war ein Kinderspiel gegen die furchtbare Qual, das Weib zu gestalten, das er nicht kannte... Tritte kanien. Fritz Schiller riß die Decke zum Schutze über das Manuskript. Die Tür ging auf. Es war Scharffenstein, der glücklich lächelnd in die Kranken- stube einzog, hinter sich den alten Wärter. Mit den Augen sprachen die Freunde. Der Wärter tats mit dem zahnlosen Mund und blies die qualmende Lampe aus. (Forts, folgt.) Titrettion Max Keinbarflt. Deutsches Theater. Deutscher Zyklus. 7'/z Uhr: Oantou» Tod. Kammerspiele. 7'/- Dhr:(•csponetorKonato. Tolkftbühne. Theat a Bülownlatz. 8';, t'fac: IVarlitiiH.vl. Theater i. d. Koniggratzerstr. Tl, Uhr: Erdsrcist. Komödicnhaus. 7'/, ÜJir: l»cr 7. Tsic. Berliner Theater TM, Uhr: Auf Flügeln des Gesanges. Heute b.Sonnab.: Xachm. 3'/« Uhr EIsUb Tlarchonrcisc. Sesslng-Theater. Direktion: Victor Biirnowsky. 8 Uhr; Die beiden Klingsbsrg. l'rcitajr: Die beiden Klmgsborg. tronaabonil;.liillus Cäsar. Deutsch. Künstler-Theater. s Uhr: W'i.lfc in der Hiacht. Freit, füonnal).: Wölfe in der Nacht. URANIA Ta üben, tva Uo-1 S l 9. I Uhr i halbe IV Im U-Boot gegen den Feind. 8 Uhr: ff Sudenburg:» Tffancr. Theater für Donnerstag;, 28. Dezember. Deutsches Opernhaus, Charlottcnb. �r-ü.WMMv.Mdei'g Friedrich-Wilbclmstädt. Theater. s uhr: Das Dreimäderltiaus. Gebr. Herrnfeld- xheater s'/.u.: Der doppalte Buchhalter. Kleines Theater s uhr; Am Teelisch. Komische Oper L uhr; Der Puszta-Kavalier. Endo 10' U Uhr. Lustspielhaus viiV.: Der selige Balduin mit Henry Bender. Metropol-Theater 7'/, u.: Die Gsardastilrstin. Sonntag 3 Uhr: Die Kaiserin. Neues Operettenhaus Kassentelephon: Korden 281. 7V, u.: Der Soldat der Marie. Residenz-Ttiealer t-hi-vDie Warschauer Zitadeiie. Schiller-Thectcr O. «uhr: Das Alter. Schiiler-Th.C'hariottenbg. 8 uhr Seine einzige Frau. Ttaalia-Xheatcr. �,u.: Das Vagabundenmädei. Theater am XoIIcndorfpt. •91,', U hr;\utlinn der Welse. 7Vz Uhr: Blaue Jungem». Theater de» Westen» 3 V.U.: Der Widcrspcnslifien tälimung. s uhr: Die Fahrt ins Glück mit Guido Thielsoher Trianon-Theatcr « u-hr: Willis Hochzeitstag. Ho«c-Thcater tv, u: Das Glücksmädel. Walhalla Theater 'v, u.: Das Müsikantenmädei. Berliner HonzerthausüH.& p. Udei*. wfel IIIICI /WIvmCI IS3wlld|'Jabak-Gfoßliaiidlting und Tabakfabrik. Spezialität: Nordhäuser Kautabak reo Q. A. Kanevuacker, Grimm* Triepel. Zimmcrstr. 90 91.! c cfc Maucrstr. 82. WS- Heule"WEÜ Gastspiel von Oscar FctraS� Komponist. Berliner Konzerthaus-Orchester. Leiter; Komponist Frz. v. Blcn. ----- Stets frisch zu iler, äuifersten Engrospreisen.—- Amt Horltzpl. Jtll4. Anlang J Uhr. Anfang 1 Uhr. Biisck Mittwoch Jä T orstellungen 31 Heim G 1 o�Weiliuacliismann� S on; iu' aac" tfe» gcl).«»■»«y Sitzplbtz. TTCl »u»lo n u Geierprinzessin 0 In beiden Vorstellungen verlier: Das großart.Wcihnaehtspronramm Preise:."'0. 89. 119. 119. J99 excl. �VeueixVon-eHdVi� IlÄfll Das grolle, in allen Teilen Tdlllg neue Variete-Programm Joseph Plaut (Nur kurzes GastspiclJ Helene Ballet Pepl Neuere, Seifenblasen Scharff, der„geniale" Musiker Vier Merkels, akrobat, Akt Sun Hsiang Jung, chin. Gaukler Alfen» u. Alfrede, Esccntriks Ballettpantomime. Musik von Mozart. Inszenierung von Max Reinhardt. Hauptdarsteller: Lillebil Christensen, Kalle Sterna, Crnst Matray, Ernst lubltsch. Relehsballen-Theater. Stettiner Sänger. Anfang 8 U hr. Sonntag, 31. 12. Montag, t. I. 17 nachmittag* zu ermäB. Preisen: Welhnacbtsab. i.Sbhützengrab. Fricdrlchstraljo 21(5. — Täglich— abends 8 Uhr 4 14 Populäre Humoristen insgesamt erstklassige Varietenummern Vorverkauf ab 10 Uhr ununterbrochen Theaterkasse, sowie A. Wertheim u. luvalidendask. Anfang 7V, Ende 10'/, Xnr noch 1 Tage! IH Kl) Ii u. d. gr. Dea.-Progr. Casino-Theater. Lothringer Str. 37. Täglich h'!, Ubr Tie Slhla«e>-P»ise btc'cc iiucijcil Zwei helle Berliner Berliner Figuren! Berliner Humor! Äorhrr critflaiiigc 2pr;ialitäte» ?lm 31. Tczcinbcr und 1. Hanum, 'J.achiniilag 4 Uhr: Weihnachtsurlaub. DW?" Saufe grhiflndjte gnte Arktkerkk 20 Pf. daS 2 lud, gfhrniiditf V, iöfinharlif 2 Pf. das Slüif, jcnicr aitk nnd Utile Korkt aller Art, Korkabfälle, alte Filmt, ilriluloid und Abfüllt. altt Grommophouplatttn und iZruch. Zahle Fracht und Porro. 22(i/4jf Nachemstein. Charlottcnburg, Wlndschcldstr..10. Tel.: Wi beim ö'iTB. ! Vorwäris-Katender I i Zf = Öiefcr einzige lojialbcmofratifchr Togcsabreißtulender pcrjeidjncl alle für die ärbeiferfeijaft wichtigen Ereignisse, bringt llebemchtel! über den Stand der gesamten modernen Ardciicrbeweguna und enthält außerdem einen reichen Schah an Gedichten, Sprüchen. Ausmgen aus Reden und Schristen und dgl. 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