Hr. 4.- 1917. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Zl>itMlwd)(j. Januar. Arbeit. Ja. das ist schwer. Zu fremden Leute» geh'» und sagen: „Tehl. rcb hake nichts, nichlS' Nicht einmal Arbeil. wenn ihr mir leine gebt! Wenn ihr lein Mitleid habt, mutz ick verhungern. Und der Junge, der nichts von dem Unglück versteht. Der Junge!" Das ist schwer, so zu sprechen.„Hatte ich nicht ein Glück?" dachte die junge Frau.„Nun habt ihr mir's genommen! Ja, ihr? Zu denen ich jetzt um Arbeit betteln gehen mutz. Aber daS darf man nicht sagen. Fein stille sein und bitten! So: ich will ja alles tun! Aber ihr dürft mich nicht so forschend anseh'n! Nicht mir Blicken weh tun! Verachten I Ihr..." Und swjetzle sich ihren kleinen, billigen, schwarzen Hut auf. der die Blässe ihres hübschen Gesichtes hervorhob und ging aus der kleinen Stadt. So durch die Strotzen, die alten, die sicher ein bitzchen Mitleid mit ihr hotten.„Du altes Hau?, ja. du kennst mich. Nicht, du wunderst dich? Nanu! Die frohe LieS. so ernst und schwarz! Ah. die Menschen! So neugierig! So roh, wo Leid blutet. Ter feine Herr dort hat sicher keine Not. Ich Hab' ja nichts. Blotz den Jungen. Gott, womit soll ich ihn kleiden? Wovon Bücher kaufen? Er mutz doch etwas Tüchtiges werden! Er darf nicht bützen, datz fein Vater fiel. Er mutz doch weiter auf die Mittelschule gehen! Wer soll das alles bezahlen? Da war das alte Tor. Da war die Stadt zu Eudc. Nun noch dreiviertel Stunden Weg über Feld, dann kam die Fabrik, die Arbeiterinnen suchte. Sie erschrak. Arbeiterin... Gab es denn nichts anderes für sie? Wo waren denn all die Menschen, die früher in guter Zeit so lieb waren? Ach die hatten wohl Sorgen setzt jeder mit sich allein. Ja, kann keiner an den andern denken. Keiner helfen. Ein Schluchzen kam in ihre Keble und würgte sie. Sie dachte au ihren Manu. Aber sie nahm sich zusammen, nicht zu weinen. Brauch doch niemand sehen, wie weh ihr ist! Bor ihr lag hügeliges Land, rechts ein lleiner Flutz, links der Bahnhof, Brücken, Züge. Darüber ein FrühlingShiunnel mitten im November. Ihr wurde bange, je näher sie der Fabrik kam. Tie log schwer und breit im Licht. Wie ein riesiger Unhold, der sich sonnt. Man horte sie weilhiu stampfen, keuche"». Dorr drin arbeiten? Ach es war sicher gar nicht so schwer. ES sind ja viel Frauen und Mädchen drin. Die sortieren Papier. Wer hatte denn da» mal erzählt? Da satz noch ihr Mann mit am Tisch und hörte zu. Der war denn das nur? Ach, es war ja gleich. Also, die schleppen die Papierstöße ans dem Schneidesaal in den Sorncrsaal. wo an langen Tischen die Frauen und Mädchen stehen, lind jede? hat einen Slotz Papier vor sich und wendet Blatt für Blatt und legt jede? zerrissene und fallige heraus. Das ist doch nicht schwer? Sollte sie d.is nick» auch können? Nur sich nicht siirch'.en vor den abtastenden Blicken der andern, die sicher über ihr städtisches Wesen spotten würden. Nur nicht beirre» lassen. Still die Arbeit tun. Das ist doch keine Schande! Arbeilen! Und sie satzlc ctloas Mut. Ging endlich ziemlich sicher die «tusen zun, Kontor hinauf-, sie klopfte leise. Ja, elivas bange war >ie doch! Warum es leugnen! Sie war doch tapfer und wollte das Leben tragen und arbeiten! Nur etwas bange war ihr. nicht vor der Arbeit, nur vor den Menschen. Das Herz schlug so.„Ach," dachte sie.„du gehst doch zu Menschen! Haben ein Herz wie du! Wissen doch auch die harte Zeit und die Nor! Und sind doch gut zu einem armen Weib." So tapfer glaubte sie. Aber sie sah doch nur flüchtig, ivaS i» dem Raum, m den sie nun trat, vorging. Das BcobachtungSvermvgen, das Schaue» wird schwächer, wenn das Herz so llopft. „Ich möchte um Arbeit bitten." „Ja. einen Augenblick." Tann wartete sie. Nicht lange. Oder war eZ doch lange? Sieh, dem einen Kontoristen kani die Sonne immer mehr aufs Buch gekrochen. Dann lag sie mit einem Male ganz breit und glänzend darauf. To zog er einen Lorhang zu. Alle? weg. Schatten. Der dumme Mensch, dachte sie. Aber da kam ein Herr auf sie zu: „Rein, im Papiersaal wird niemand benötigt. Nein, wirklich nicht. Aber wenn Sic aus unserer Ladestelle arbeiten wollen, dann können Sre morgen früh um sechs antreten. Ja, früh um sechs. Und Sie müßten pünktlich seilt." Wa» sie denn dort zu tun häl!». Er musterte ihr schmale» Gesicht und der verächtliche Zug seines Gesicht« wurde tiefer. „Das wird man ihnen schon zeigen. Tie ankommenden Güter aus- mid einladen. Verstehen Sie?" i Und dann, vielleicht weil ihm die Hilflosigkeit ihres Gesichts lächerlich vorkam, versuchte er zu scherzen: „Sic wollen doch Arbeit, nicht wahr? Das ist Arbeit. Arbeit. Die kann�natürlich jeder tun, der Lust dazu bat. Ich könnte e» auch, natürlich, aber ich habe eben eine andere Arbeit." � Er will doch das Schwere linder», dachte sie und donlte und versprach zu kommen. Sie ging, fast froh. So. nun halte ihr Leben wieder einen Inhalt, einen Zweck. Morgen früh um sechs Uhr begann die Arbeit. Das Brotverdiencn für den Jungen, den sie lieb hatte. Morgen früh um sechs. Der Junge war ja verständig, stand allein auf, zog sich allein an und wärmte sich den Kaffee. Das würde ja alles gehen. Da brauchte sie keine Angst zu haben. Und abends hatte sie ihn dann wieder, abends erst... und dann würde» sie sich erzählen, jeder von seinem Tag... er von Arbeit und Spiel... sie... ach, würde sie von der schweren Arbeit sprechen... ilagcn?.' Nein, nein. Ilm ihn mutz Sonne sein. Wenn die Kindheit nicht sonnig ist, was soll's dann im Leben sein? Am nächsten Morgen stand sie aus der Arbeitsstelle. Eisenbahn- ivagen zum AiiSladcn und Einladen. ES war eiwaS kait. Die schweren groben Papierballen, scst in Bretter verpackt, lagen da und ivartelen auf die Menschen, die sie bewegen sollten. Und derbe Weiber kamen, die über ihre zarten Finger lochten. Aber sie griff zu. Tie Männer wunderten sich drüber. Da. ein Splitter im Daumen! Ach was... ist weiter nichts, nur nicht merken lassen. Es geht schon. Und abends, todmüde, noch dreiviertel Stunde Weg in die Siadt. Tie glotzt schon von weitem mir trüben Lichtern. Aber da oben in einem kleinen Zimmer sitzt ja ihr Junge. Und da kommen ihre müden Beine noch vorwärts. Es ist ja nicht mehr weit! Ob er jetzt lernt? Er wird ein guter Mensch! Er mutz ja werden wie sein Vater. Liebreich, voll Willen nach Freiheit, voll Kraft, alle? Menschenjoch abzuschütteln, aller Bedrückung und Knechtschafi die Stirn zu bieten! Ja. der Junge lernt. „Mutter, hör' mich doch ab!" Sie ist todmüde.„Ach. Mutter, schläfst du?"„Nein. nein. Junge, ich schlafe nicht, ich höre ja!" „Mutler, nicht, ich kann'S V So Tag für Tag. Ihre Hände tverden rauh und rissig. So arbeitshart und derb. Sie gibt sie abends ganz vorsichtig dem Jungen, damit er die Risse nicht spürt, und hält sie im Schoß. wenn sie am Tische sitzen, damit er die Schrammen und die hnn? Haut nicht sieht. Das ist Arbeit. Für ein Leben? Für zwei? Für eine neue Welt, die mit dem Kinde wird! Hans G a t h m a inr. kleines Jeuilleton. Helen Keller für ü!e kriegsblinden. Am WeihnachiStage traf bei dem Stuttgarter Verleger Robert Lntz ein Brief au? Amerika ein, der in mancherlei Beziehung für unS Deutsche von Interesse ist und dessen Inhalt insbesondere bei unfern am Augenlicht geschädigrcn Krieaern Freude erwecken wird. Wrentham, Mass., 11. November I9iti. Lieber Herr Latz! Ich schreibe Ihnen, um«ie freundlichst z» bitten, Sie möchten alle meine Einkünfte aus den deutschen Ausgaben meiner Bücher zur Unterstützung deutscher, im Kriege rrblindeler Soldaten ver- wenden. Ich möchte, datz dies geschieht, solange der Krieg andauert, und bis zum Schluß des Jahres, in dem der Friede wiederhergestellt wird. DaS ist eine kleine Gabe für daS deutsche Volk, dessen Werl- ichätzung und rasche Ameilnahme an Frau Machs(Lehrerin Helen KcllerS) und an meiner Arbeit mich so oft ermutigt und erfreut haben. Ich wollte, ich hätte mehr zu gebe»! Aber zu dem, was es ist, gebe ich mein Herz mit dazu. Meine Bewunderung für die Deutschen ist vermehrt worden durch ihre glänzende orgamsatorriche Fähigkeit, ihren wilden Mut und ihre Kraft drS DurchhallenS. Ich bin neutral: aber ich schaue immer noch auf doS Land Beelhovens, das Land Goethes und Kant?, das Land Karl Marx' als ans ein zweites Vaterland. Aus der Nacht heraus, die mich umgibt, schwarz, unermeßlich, endlos, halte ich meine Hand den tapferen jungen Männern entgegen, denen«ine Granate daS Augenlicht für immer ausgelöscht bat. Ibr belden- bafteS Opfer und ihr erbarmungswürdiges Hilfsbedürfni» bringe» sie mir jehr nahe. Ich leime jeden Schritt des grausamen dornige» Wege», den sie zu gehen hoben.?lber wieviel härter ist ihr Kampf als der meine I Sie müssen das Leben ganz von vorne wieder an- fangen in einer Welt, die ihnen völlig fremd ist. Von neuem müssen sie anfangen zu arbeuen, ihr eigenes Leben zu leben, wenn sie je wieder ein gewisses Matz von Freude und Seelenfrieden erlangen sollen. Ich kann nicht rasten, bis ich alles getan habe, was ich kann, um sie aufzurichten helfen ans Elend und Verzweiflung. Mit freundlichen Grützen bin ich Ihre treuergebene Helen Keller. Viele von uns werden sich über die Art und Weise, wie die Mithilfe angetragen wird, nicht weniger sreuen, als über die Hilfe selbst. Der Brief der taubblinden Helen Keller, die im Alter von 18 Monaten Geficht. Gehör und Sprache verlor(als LSjährige hat sie unter größter Anstrengung leidlich sprechen gelernt), ist nicht nur ein schönes Zeugnis echten Menscheiituins, sondern für uns Deutsche auch ein ersoeulicheS Zeichen dafür, daß cS auch in Amerika, wo die Lügenprcsse im neutralen Lande am tollsten gegen uns gc- wütet hat. noch allerlei Leute gibt, die sich ihr Ur'.eil nicht trüben lassen.'__ Der Lurenfunü von Daberkow. Nach mehrjähriger Arbeit sind jetzt die wissenschaftlichen Unter- suchungen des sehr bedeutenden LurenfnndeS von Daberkow zu Ende gebrach: worden, so datz ein endgültiges Urteil über den Fund ab- gegeben werden kann. In der„Prähistorischen Zeitschrift" gibt nun Hubert Schmidt in einer ausführlichen Abhandlung intcressonlc Einzelheiten darüber. Im April des Jahre- 1912 wurden auf einer moorigen Wiese des Kiostergmcs Daberkow in Vorpommern zwei bronzene, braunpatinierte Liftcnrohre mit anfgesctztcn. buckel- verzierte» Scheiben gesunden, wie sie von den im National»>useu»i ausbewahrten Kopenbagener Luren bekannt sind. An der Fundstelle hat einst ein großer erratischer Block gelegen, von dem schon in den siebziger Jahren einzelne Stücke abgesprengt sein sollen: als die Reste des Blocke? eiufernr wurden, fand man die Luren. Damit hat man zum erstenmal in Pommeiir Vertreier jener Blasinstrumente aus der germanischen Bronzezeit gesunden, während bisher solche nur vereinzelt in Brandenburg. Hannover und Mecklen- burg-Schwcrin vorgekommen sind. Bei sorgfältigem, weiterem Nach- forschen kamen auch noch verschiedene andere Lurenbruchstücke zutage. darunter auch Mundstücke. Ebenso ivie bei fiüheren Lurensnnden handelt e- sick bei denen von Daberkow nur paarweis zusammengehörige Blasinstrumente, was sich daraus erklärt, datz die Luren in verschiedener Tonhöhe stets paarweise gestimmt wurden. Tie Daber- kower Luren siamnien augenscheinlich ans der jüngeren Bronzezeil, auS jener Zeit, in der die Luren, deren Form sich ans dem einfachen Tierhorn entwickelt bat, immer länger wurden, so daß man die langen Rohre in Teilen formte. AIS besonders charakteristisch ist bei den Luren von Daberkow daS Mundstück anzusehe», das an der Kclchwandung einen abfallenden Rand zeigt. Danach müssen die pommcrschen Luren jünger sein als die bisher in Dänemark und Skandinavien gesundenen, die am Mimdrohr als Abichlntz scharfe Ecken zeigen, die für moderne Bläser als besondiiS unbequem empfunde» wurden. Ist es ciiierseiis beklagenswert, datz keine vollständige Lure in Daberkow gefunden wurde, sondern nur staik beschädigte Bruchstücke, so wurde andererscits dadurch eine genanere Erkenntnis der Gutztechnik der alten Bronzezeit möglich, und durch ineiallographische Unterfuchnngen, die vom königlichen Material- prtifimgsamte in Lichterfeldc ausgeführt wurden, ist die An- nähme bestäiigi worden, datz die Germanen der Bronzezeit genaue Keiininissr der verschiedenen Bronzelegierungen hatten. Sie verwendeten für die einzelnen Teile der Luren ganz verschiedene Legierungen und wußten angeiischeiniick, genau Bescheid über die Ver- änderlichkeit des Schmelzpunktes bei Zusügung von mehr oder weniger Zink. Mutz man nun J die Kunst der Modelleure und der Bronzegietzer in den Lureawerkstätte» als eine er- stauniich hohe bezeichnen, so warnen aber mm) die Funde von Daberkow davor, die Musikleisiungeu der Ger- manen in jener grauen Vorzeit zu überschätzen. Tic Tonhöhe der Dabcrkowschen Luren ließ sich, da eben Teile fehlen, nicht genau bestimmen, doch ist wohl aiizunehmen, datz sie, wie die skandinavisü)- dänischen Luren, eine Klangfarbe zwischen dem Wald- Horn und der Tenorposaune gehabt haben. Die bei fast allen ge- ftindenen Luren angebrachten Retten, mit denen Rasselgeräusche hervorgebracht wurden, lassen daraus schließen, datz die Lure» zu- fammen mit Rasseln und Paulen ein Orchester bildeten, da:- eine Lärmmusik voLführle, wie sie heule»och bei Völkern niedriger Kultur zur Vertreibung von bösen Dämonen üblich ist. Viotize». — Reinhardt in Zürich. Im Züricher Stadttheaier eröffnete Reinhardt ein Gastspiel mir der Orestie von Aeschvlos in Vollmöllers Bearbeitung. Das gewallige, bluterfüllte Drama, da? diesmal im Theater statt inr Zirlns gespielt wurde, machte riefen Eindruck. Moissi konnte als Orest mitwirken, nachdem er zwei Jahre durch Krieg und Gefangenschaft seinem Beruf entrissen war. — Der wandernde Aal. Eine iiiigewöhnliche lieber- raschung erlebte eine Familie in Hamburg. Während des Essen- kochen? war eS der Hausfrau aufgefallen, datz da? Wasser aus der Wasserleitung ganz langsam floß. Als man der Ursache»achging und mit einem Löffel den Kräh» untersuchte, svrang in Blitzes- schnelle ein dünner, langer Aal heraus, der im Wasserbecken ciuen wilden Fischtanz vollführte und später als ivillkommcneS Beigerichr verspeist wurde. Offenbar war der Aal aus der Elbe durch die Filtrier- und Wafferkmistanlagen in die Tcinkwzisserrohre gerate» und hatte sich im VcrsorgungSrohr der Küchenleitung schließlich ver- fangen. itj Ums Menschentum. Ein Schiller-Roman von Walter von Molo. Fritz Schiller schob, in tiefstem Verachten, die linier kippe vor. Banal und sänftiglich, mit Bücklingen nach allen cinflutz reichen Seiten, trabten die üblichen Phrasen des Redners ein- her. Der breite Froschknünd ging anniastend auf und zu. die weistseidenc, goldgestickte Weste glänzte wie ein weißerBauch. Nun wurde der Cftapsau-ba--(Klapphut) unter dein Arm fester gefasst, kein Zweifel: ein kübner Exkurs stand bevor. Und wirklich:. O Ivclch' schöner Anblick in Gottes Schöpfung ist ein Jüngling, welcher durch Tugend und reine Sitten sich in semer natürlichen Heiterkeit und Vollkräftigkeit erhält! Ihm verlischt das Feuer nicht zu früh im Auge, ihm verbleichen die Rasen der Wangen nicht schon am Morgen dcS Lebens; in seiner Miene herrscht Seclenrnh' und ein edler Geist atmet aus allen seinen Taten. Sehen Sic hin- gegen jene unglücklichen Opfer verderblicher Lüste an, wie sie am Altar des Lasters bluten..." „Was haben Sic denn schon wieder, Schiller? Ich bitte Sie, beherrschen Sie sich?!" flüsterte Abel. Schillers Blick funkelte Wut.„Weist der Tchulfuchs nicht. daß auch Werther so ein.unglückliches Opfer' war? Was soll Goethe von uns denken? Er ist errötet! Errötet wegen diesem Vieh!" Professor Abel stahl sich leise beiseite. Er schüttelte weh- mutig den Kopf. Der junge Mensch wuchs über ihn. Ihm bangte. Mit schreckcrfülltem Blick sah er kummervoll Schillers kühnes Profil. Unter dem Händeklatschen der Zöglinge und anderen Untertanen schloß die vom Herzog befohlene Rede. Stolz verließen des Professors weißseidene Beine die Rednertribüne. Karl Eugen nahm wieder die Liste der Auszuzeich- nenden in die Hand. Die Preisverteilung lief weiter. Die jährliche Schlußfeier war ein rasfimert ausgeklügeltes Potpourri yon aufgetünchtem Ernst und muffiger Dankbarkeits- dressur... Der Name Johann Christoph Friedrich Schiller wurde gerufen. Alle Augen sahen ans ihn; der Durchschnitt witterte. Hocherhobenen Hauptes schritt die lange, militärisch aufge- richtete Gestalt durch die Reihen. Nun stand sie vor dem Herzog und das zur Demut gezüchtete Blut siegte über den widerwilligcn Geist: Fritz Schiller beugte den Rücken. „DaS ist nämlich ein erleuchtetes Subjektum!" sagte Karl Eugen gewichtig zum Weimarer Herzog. Doch der blickte angelegentlich nach einer jungen Dame auf der Galerie. Der Rektor wandte sich zornrot zu Goethe und sagte nochmals fast drohend:„Das ist nämlich ein er- lcuchtetes Subjektum meines Landes!" Eine Kops Neigung, die verbindliches Interesse markierte, folgte. Mir gleichgültiger Höflichkeit bemühten sich, für einen Augenblick, Goethes glänzende Augensterne, in das toten- bleiche Akademistengejicht zu sehen, das mit tiefer Scham der Vorschrift genügte, die gütig anordnete, daß jeder Bügerliche des Herzogs Rockzipfel dankend zu küssen hätte. Das kalte Licht stand in den hohen Fenstern und sah mit erbarmungsloser Neugier zu. Fritz Schillers gemarterte Augen klammerten sich in Goethes Antlitz fest. Des Geheim- rats Blick schwebte weiter. Er gab nicht viel auf K arl Eugens Empfehlimg und sann eben allerhand spinnwebfeinen Dingen nach, spinnwebfeinen Dingen, die nicht zu einem armen, schweißnassen Schwabenantlitz paßten. Der herzoglickie Päd- agoge sprach noch immer:„Den Preis in deutscher Sprache und Schreibart hat Er für diesmal wohl an Elwert ver- lorcn. Doch Elwert tritt heute aus und Er kann die Scharte im kommenden Jahre noch auswetzen! Halt Er sich nur weiter an der tsre(Spitze) und ich will'S Ihm nicht fohlen lassen, wenn Er ins Leben kommt!" Wie im Taumel schritt Fritz Schiller zurück, wie im Taumel stand er in den Reihen.„Er hat dich angesehen!" flüsterte Hoven und schielte verlegen und schuldbewußt, weil er sein Gefühl nicht ivortlos meistern konnte, weil er in des andern tiefste Andacht hineinsprach,' wie in eine feierliche Kirchensiille,„wir haben's alle bemerkt!" Was Fritz Schiller bis heule eine begeisternde Buch- stabenfolge, ein mystischer Klang gewesen war, was ihm eine prophetische Leuchte, ein Hoffnungslicht in finsterster Kerker- nacht gewesen, das stand dort fleischgeworden vor ihm.. Erhebend und erschütternd war die leibliche Wirklichkeit. Ein menschliches Wesen, gekleidet wie alle andern, hatte das Herrliche vollbracht.- Ein Mensch tvar Goethe! Ein Mensch wie er! Wie groß, wie begnadet war doch das Menschen geschlecht! Und wie lächerlich war's, daß der Herzog von solchem Geiste die Reverenz verlangen durfte. Wie nieder drückend war die Erkenntnis, daß keine Leisttmg so hoch hob, wie die zufällige Zeugung im fürstlichen Bett. Wie Vera d scheuungswert.�wie blind, wie ungerecht, wie tyrannisch dumin war daS Menschengeschlecht! Sie gafften die Fürsten au. sie bewnndertcn die schöne Maitresse. lind Goethe? Goethe! Nun ja, er war der Aufputz der irdischen Macht. der gnädig bewillkommtc Gast des knppleriscken Hofes-, der nur dachte, wenn es feinen Freuden galt. Der KvuiK im Reiche der Geister stand als geehrter, gürig geduldeter Lakai der ersten Kategorie neben Karl Eugens beleidigender Herab- lassung. Er, der die Geister in seinem Willen hielt, der sie heulend, jubelnd und röchelnd tveinen lassen konnte, wie'? seinen machtvollen Worten genehm war, der über Throne und Reiche verfügte in einem kurzen Augenblicke seines innern Erleben?, der die Weltgeschichte vorauslebtq, er tvar in den Augen der Majestät, m den Triefaugen dieses qualligen Untieres der Menge, eine � Rarität, eine Absonder lichkcit,' an deren herzgeborenen, hirngehämmerten Werken jeder Kärrner anmaßend herumzog und seine kleinliche Meinung maß, wie vorhin der akademische Mistpantscher! Aber er wollte sie zwingen! Bettelnd sollte die Meute vor ihm knien und um gnädigste Absolution flehen, die er ihnen verweigern würde. Dreck sollten sie fressen und Staub sollte ihr Getränk sein, wenn sie auf der Folter seines rächenden Werkes lagen. � Keine Demütigung durfte zu groß fein, wenn sie nur zum Ziele führte, weim sie diesen Pöhel. der zu herrschen nicht berufen war. in ihrer Folge in den Abgrund donnerte!„O, meine Augenbrauen sollen über euch herhangen wie Gewitterwolken, mein herrischer Name schweben wie ein drohender Komet, meine Stirne soll euer Wetterglas sein! Ich will euch die zackigen Sporen ins Fleisch hauen und die scharfe Geißel versuchen. Tie Wahrheit sollt ihr hüllenlos sehen, daß ihr zusammenbrecht!..." .(Forts, folgt.) THrottion Max"Reinliardt Deotscbes Theater. 7 Uhr r FjgapoH Hochzeit. Kammerspiele. 7/,', Uhr: Armnt. Vol!•:»büh n e. Theat. n. BEIowplatr 7'/» Uhr: I»ie Hatte». Theater i. d. Königgrätzerstr. 7'/, Uhr: Hrdseist. iComödienhaus "V. Uhr: Die verlersno Tochter. Itcrllner Theater. 7!/. Uhr: Auf Flügeln des Gesanges. Heute nachm. ü'/, Uhr: 1 1»!« Härchcnrelae. 2essmg-Thcater. Direktion: V ictor Damowsky, 7V, Uhr: Die deiden Klingsberg. Sonntag:.Inlins fÜMir. Montag; Die beiden Klingsberg. fieistsdi.Jtötistler-Tbeater. VI, Uhr: Wülle in der Nacht. Montag; Wölfe in der Nacht. URAMIA Tanbenstraße 48/19. 8 Uhr: Hindenbürgs Mauer. Theater für Sonnabend, 6. Januar. Neues Operettenhaus Kassentelophon: Norden 281. v,, u.: Der Soldat der Marie. Besldeuz-Tiieatei' t�Die Warschauer Zitadelle. Schiller-Theater O. vi, u.: Seine einzige Frau. Schiiler-Th.Charlottenbs. ■i'l, Uhr: Prinz Friedrieh*. Homburg. 71/. u.; Der Familientag. Thalia Theater. 7'(tü.: Das Vagabundenmädel. Theater am Nollendorfpl. 7vs u.: ßiaue Jungeus. Theater des Wcattens 4 Uhr: Dnrnrönehcn. 7v.u.: Die Fahrt ins Oiöok mit Guido Ihiolscher. Trlanon-Theatcr '/.s u.: Willis Hochzeitstag. Deutsches Opernhaus, Charlettcnb. 7 ihr: Boccaccio. Friedrich-Wilhelmstädt. Theater. tv, u.: Das Dreimäderihaus. <7ehr. Herrnfeld-Theater TV, Uhr: Der doppelte ßuchhaltsr. �unntagS'/.Uhr: Der Hüttenbesitzer. Kleines Theater s uhr: im Teelisch. Komische Oper KnÄ/'U. DerPuszta-Kavalier Sonntag ZV- Uhr: Das Glückskind. Lustspielhaus t.u: Der seiige Balduin Morgen 8 Uhr; Charleys Tante. Metropol-Theater i�in..- vis Csardaslilrstin. Scnnt.'1,3 U: Hie Kaiserin. Clreus"Bsj BusdiL Sonnabend 2 Vorstellungen 1 Belm 0 1 sWeilmachlsmanii� »ZU Kind AS frei 11 IMo 171 f�Geierprinzessin n in beiden Vorstellungen sorher: Das glänzende Januarprogramm. Friedrichstr. 21t. Tel. lützow 7341 SV Beginn 7 Uhr 18 Min. Das glänz. Variöle-PrograiM und Neptun auf Reisen AusstattungsposMO von Arnold und BacU, Mn.iik von K. Xolson. !! Stürmischer Lachorfolg l! Sonntag: 2 VorsteUnngeu Nachm. 8 Uhr ermaß. Preise, abend» 7.15 Uhr. In beiden Vorstellungen das vollständige Programm. Zirkus A. Schumann! Anfang 8 Uhr. Der Zirkus ist gut geheizt. Honte nud titglich Die Seeräuber.! Gr. Ansstattangspant. in 4 Akt. Der märchenhafte Prankakt in nie vorherges. Praehientl.| Ein wirk). Bild aus 1001 Nacht. Vorher das glänz. Zirkusprogr. Sonntag A gr. VorsteUungen. 3 Uhr und 7'/, Uhr. Nachm. ein an gehör. Kind frei. I Rose«Tkeater. 7V, Uhr: Brs Glüeksmadel. Walhalla-Theater. 7'/. Uhr: Das MDSiirantenmädel. ä i Admiralspaiast. Schlittschuhläufer- Ballett aus der Oper„Oer Prophet" und �rau �attfasie Anfang?9/4. VcrzQgMCaehg. Possen- Theater. Täglich 7',', Uhr: He» I t. vve» JU-wacKcn Eist oder weder Hoff man»*« Sclunn«. „Die grüne Flöte" Ballettpantomiine. Musik von M o e a r fc. Inszenierung ven Max Reinhardt sowie der ncnc. ebwechslungsrciche Yariötö-Spielplan. Jeden Sonntag nachmittags 3 Uhr Vorstellung Kl. Preise. Kinder die Hälfte. Casino- Theater Lethringer Str. 37. Täglich 7'/. ITbv, Um 7V, Uhr: BunteS Programm. Nm 8V: Bbr: Die Jchlagerposfe einzig in Groß-Berlin Zwei keNeZerNner Berliner Humvr— Berliner Figuren. Soiiiiwg 87, Uhr: Weihnachtsurlaub. HelchZhalleD-Tdealei'. Btette Sänger. „CabaretFeliljrau" i.Humoresk. o.Meyfel. Anfang 7 V,Uhr. Sonntag, Anfang 7Vb Sonnt. 87, n.»Vs ..Berliner Bilder" Heitere llovue von R. Sloidl m. 11. Steidl. A. Miiiler-Idncke. Da/u Otto Kewtfcr , Pcrzina— Irene Marehn IlSte Doiseet— Vera- Truppe Canova usw. nachmitt. 3 U. zu ermäB. Preisen: V olgt-Theatep. Badstr. 58. Badatr. 38 »-glich- WchtkkS MiviovkN. BoUSstSck mit t?-iar.g in 8 ZlUen .>on I. G. Schabe. Kasseiieröffti. 7 Uhr. Zinjaiig',',8 Uhr. Äo!ml ,7.Lan.,nachin.Z: Rückkehr am Weihnaehtaab. 7�: Richte ra MllllBnen Drebbänhc, Revolvcrbänhc, ßobrinafcbinen, fräsmafebinen, Bbapings foulen Wir gegen sofertige Koffe, neu ober gebraucht. iluSführ- liche Angebote mit Angabe des FabrtkatsM-s event. Atter«, der genauen Dimen>ionen, Gewicht. möglichst Abbildung, u. Preis an Gcvr. Levysohn, Berlin W. 30, Rosenheimer Str. 33.* OBQiselierltetallarlieiter-VertiaQii Verwaltungsstelle Berlin. Ten Kollegen zur Nachricht dag unser Mügiied, der Ina Ben r Richard Sehcckel Panfow, Berltner S trage 9, am 3. Januar gestorben ist. Ehre seinem Andenke» 1 Die Beerdigung findet am Sonntag, den 7. Januar, nach. mittags 3a/. Uhr, Bon der L'eichcn- dallc des Kemeindc-Friedboses i» der Schönhelzcr Heide aus statt. Rig« Beteiligung wird erwarte!. Den Kollegen scrncr zur Nach- richt, daß unser Mitglied, der Schleifer Faul Zchweltzderger Bödikerstr. 34, am 2. Januar gestorben ist. Ehre seinem Andenfen! �Die Beerdigung findet beute Sonnabend, den 6. Januar, nachmittags 17; Uhr, von der Leichen- halle des Zentral-Ariedhoses in Ziierrichöseide au« Natt. Rege Beteiligung wird erwartet. Kachrnt. Den Kollegen ferner zur Nach- richt, dag unser Mitglied, der Schlosser Bsrohard Bierhahn am 18. Dezember an Lungen- leiden gestorben isL Ehre seinem Audenken 1 Xexcbc»!. Den Kollegen serner zur Nach- richt, dag unser Mitglied,- der Schlosser Faul Kalme Waldfir. 49, am 1. Januar gestorben ist (»hre seinem Andenken! Aachriik. Den Kollegen serner zur Naeh- ficht, dag unser Mitglied oer Schlosser Gusta? Wienecke am 17. Dezember gestorben ift. Ehre seinem Andenke» l 127���Tt�Lrtsv�waltu»� serhaiii! lierl-Meisiite- u. Mt- arlisiter, Filiale GFo8-8erlln. Den Mitgliedern geben wir hiermit Nachricht' vom Tode des Kollegen -Josef Goder vom Gaswerk(Nitichtncr Siratze. dem Lbristus-Kirchhos in Mariendoij statt. 23/ö Die Crfähertoaltunfl. Nach furzem, schwerem Leiden starb am 1. Januar unser innigst- geliebtes Töchtcrchcn �11 \era. Dies zeigt fief&c trübt an Willi Metzner und Frau, Gubener S trage 59. Tie Beerdigung findet Sonn abend, den 6. Januar, nachm. 27, Uhr, Bon der Leichenballe des Zentral-gricdhoscs in Friedrichs- jeldo auS statt. Am Donneistag, den 4. Januar 1917, morgens 6 Uhr, verschied nach schwerem, in groxcr Geduld getragenem Leiden im Urban- Krankenbause unsere inniggclicbtc Tochter und Schwester t�rlcla �lelhner IM Mier von 23 Jahren. Durch ihre edlen, guten Dba- raktcrcigenschastcn. ihr sreundliches Wesen und ihre ArbeitSircudigteit wird sie allen, die sie gekannt haben, nnvergetzlich b eiden. Die trauernden Hinterbliebenen Karl Ricthucr. 1708b Paul Merhner, z. Z. im Felde, Max Methner. Tic Beerdigung findet om Montag, den 8. Januar 1917. nachmittags 2 Uhr, von der Halle de« Jentralsrieöhoses in Friedrichs. leide aus statt. Tanksaguttg. Für die Zeichen inniger Teilnabme bei dem Heimgange meines lieben Mannes sage ich dem Deutschen Holz- a'.bcilcrvcroandc, Zahl'ielle. Berlin, iowie der Allgemeinen Kranfcu- und Slerbefaffe der Drechsler, Ersahfasse Hambura. Berlin A, ferner seinen werten Kollegen der Firma Maibah u. So., seinen lieben Freunden. Bc. fanntcn und Verwandten meinen herzlichen Tauf. t68 Johanna Petzold. BezogsQueüsn-uerzeiGünis Borlln-Hopden K«i Eintasfei««pfuHf«._ Drogen, Farben iKcuelliek.ir." caä.Erbrlr f lalach- u. Wun •ben wir.»» R ■ti�jffsi. H Jtw. BSglschfflaoiisCeDtr.imMs.j ILM .Karr.-. Darc.-, tChVh.- h. Ktfttohen-Öarder, tifl.BopagB�TrMn. Koionialwaraii 1 Strelitiar Stf.*7 it.SIL Meliihaudluncü D-"Mebthsudlungen BLLiiatPaltitT.». jje ÄJÄaln-agavI in Cozugsiiücilen-Uerzeictmls Berlin-Onten IrKl ti«t U-eteetli-S«im!. EL Datter, Eier, KSse xa 'J, ll&m!ia,8Fillaigga : Kahlhandlung .Piettö! SrraßB 26 17 _ Photon�aph. Ataiiars■ feiKas/nnt Frankfan. Alto« 02a ygf£'. Hipgbnh. Frunkf. AUeo.y siTii.telr�»a r.Scbuhw. o. BoehLantlallen jtm LileiBM fl Waronhiuaop_ rr.liirgfr WueibMi Uli f lear..aj Ali-Stal««ll.Yflffr.-La«.«rfc.» i . Zahn-Atelier Wuhlfell q ÜSstc Kiiair.ur.«0 f«B iiamdeirUg Urm7~ li. BlüosDspentleü Jvl mXL schnell tnib billig. 56 Bahars JU Beriiner Konzertbaus. Mauerstr. 82. Zimmerstr. 90 91. Heute! Gr. Konzert des Berliner KonBertbaas-Orebestera Leiter: Komponist Frz.*. Blon. Anfang 77, Uhr. Eintritt 30 Pf. Anfang 77, Uhr. An allen Wochentage*; lEachtnlttara-Konzert hei freiem Eintritt und voller Orchesierbesetzung. mmi Preaslsche Klsseiilottefie Ziehung der 1. 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