�«•- Unterhaltungsblatt des Vorwärts Einem neuen Leben entgegen. Wo es herkam unb wie eS schab, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich laut aufschrie, mein Kamerad ebenfalls. Ein furcht- barer Schlag. Verschüttet!— Das war der erste Gedanke. Dann aber sah ich das Tageslicht durch den Eingang, sah, wie mein Kamerad herausstürmte, hörte, wie er nach dem Sanitäter schrie und merkte doch erst nach langen Minuten den wahnsinnigen Schmerz in meinem Bein. Bald trug man mich heraus. Mein Kamerad suchte mich zu trösten und zu beruhigen.„Das ist nur ein Hcimatsschuß."— Heimat?— So hat der Granatsplitter nicht nur meinen Fuß, er Kot auch den Nebelschleier zerrissen, der die Erinnerung an alles Liebe und Ferne verdunkelte. Kamerad, dein Wort linderte Schmerzen. Meinen Fuß mußte ich im Feldlazarett laffcn. Was lag daran. Jetzt gab es doch nur zwei Möglichkeiten. Entweder cS ging hinüber, dann war es eine Erlösung, oder ich bleib am Leben. Fortan sollte ich Mensch bleiben, nur Mensch-- oder nichts. Die vorsichtige Lüge, die ich mit zitternder Hand an meine Frau schrieb, ich wäre nur leicht verwundet, nutzte mir nichts. Bon zwei Seiten hatte man ihr die Wahrheit gewissenhaft mitge- teilt, soweit sie bis dahin bekannt war. Sechs Tage nach der Ver- wundung wurde ich amputiert. Doch erst einen vollen Monat später schrieb ich es selbst nach Haus. Dann aber strömten mit?lllgewalt andere Gedanken auf mich ein. Ich durfte fortan mit größerer Berechtigung nach Hause denken. Seit die Fieberkurve fast ganz gefallen war, wuchs damit auch die Aussicht auf Rückkehr in die Heimat. Aber wie würde das Wiedersehen werden?— Gewiß, der Mann, der fortging, würde mit heißer Freude begrüßt werden, mit derselben Liebe, die nun , schon mehr als 12 Jahre allen Stürmen standgehalten hatte. War ich denn aber noch der Gleiche? Durfte ich hoffen, auch alö Krüppel dieselbe Aufnahme zu finden? Woher nahm ich überhaupt das Recht, Frau und Kindern zur Last zu liegen? Liebevolles Mitleid würde in der ersten Zeit alles überwinden. Wenn diese Last aber Jahre und Jahre dauert, wenn da? Mitleid der Gewohnheit ge- wichen, was wird dann unter dem Druck der Sorgen werden? Verschwommener, schwächer wurden die Bilder des Heimat- lichen Wiederschens. Und als dann eines Tages der Stabsarzt auch mich für fähig hielt, den Transport nach Deutschland zu er- tragen, da kam mich ehrliche Furcht an. Ein Kampf begann zwischen hoffnungsvoller Freude und leisem Grauen vor dem Wiedersehen. Dicht hinter der Grenze lud man ups schon wieder aus. Wir kamen mehrere Schwerkranke in ein kleines Lazarett, in dem alle bisherigen Insassen mehr oder weniger gut herumlaufen konnten. Eine bunte Gesellschaft. Zum Grübeln blieb hier wenig Zeit. Wir lagen an dreißig Mann in einem Saal. Da war immer Leben und Bewegung. Hier sollten wir Amputierten solange bleiben, bis wir unsere künstlichen Glieder bekommen hatten. Darüber konnten schon Monare vergehen. So versuchte ich mich nach Möglichkeit mit der gegebenen Situation abzuftnden. Solche Gelegenheit zu stiller Lektüre mußte weidlich ausgenutzt werden. Llbcr wie sah es mit dem Lesestoff aus? Einiges konnte mir lvohl ein intelligenter Sanitäter beschaffen, Bücher, die er absichtlich fast allzu sehr behütete vor weniger gewissenhaften Lesern. Welch stilles Glück, als ich darunter die' tiefernste, fast knorrige und doch meisterhafte Erzählung von Annete von Droste-Hülshoff:„Die Judenbuchc" fand. Oder die reizende Geschichte von dem„Fähnlein der sieben Aufrechten" von Gottfried Heller. Doch besser noch wunde es, als es gelaug, durch einen dort ansässigen organisierten Kameraden Bücher aus der Arbcirerbibliothek zu bekommen. Bald wurde mein Krankentisch zur kleinen Leihbibliothek. Wer irgendein Bedürftiis zum Lesen empfand, toandte sich in der Regel an mich. Leider ließ sich über dieses Bedürfnis der Mehrzahl der Lazarett- iusassen wenig lo Venswertes sagen. So viele auch unter den Der- »oundcten ihrer baldigen Entlassung entgegensahen, nur wenige beschäftigten sich in der vielen freien Zeit, die ihnen zur Ber- fügung stand, mit Dingen, die ihnen für ihre spätere Lebens- sührung dienlich sein konnten. Das Kartenspielen erfüllte den ganzen Tag. Nur einige knüpften eiftig Decken aus buntem Garn. Auffällig war mir hier dieselbe Erscheinung, die ich schon im Felde beobachtet hatte. Die Zeitungen wurden geradezu mißachtet. Wurden achtlos beiseite geworfen, weil niemand mehr etwas vom Kriege wissen wollte. Sicherlich werden manche Kameraden auch sonst nur herzlich selten mit größerem Interesse hineingesehen haben. Diese Abneigung wurde jetzt allgemein, weil jede Zeitung und auch Zeitschrift mit Kriegsnachrichien und Aufsätzen gestillt war, die immer wieder den Krieg zum Ausgangspunkt nehmen. Auch ich wurde von dieser Abneigung angesteckt. Als mir ein lieber Freund die beiden Vorwärts-Büchcr von Franz Diederich:„Herzen im Kriege" als Lazarettlektüre brachte, da empfand ich ehrliche Freude darüber. Diese geistvolle Auswahl der besten, tiefempfundenen iß] Ums Menschentum. Ein Schiller-Roman von Walter von Molo. Friedrich Schiller umschlang die tvcinende Frau, die ihn geboren hatte, die stark und schwcratmig in des Lebens Ruttel- sieb geworden war. und die ihn nun schluchzend befühlte, ob er auch ganz wieder zurück in ihre Hände käme. Sie küßte seine Stirn, die kühn, wie eine Bastion, in die Welt sprang und zeichnete ein Kreuz darauf. Der stolze Kopf neigte sich, die krampfartige Spannung in seinem Racken ließ nach. Frau Schiller wandte sich und streckte fröhlich die .Hände nach rückwärts. Sie rief mit heller Stimme, die plötzlich und eilig anS ferner Jugendzeit kam:„Fritzle, da schau', was aus der Luise geworden ist!" Und sie zog das verlegene Mädchen, das er als kleines 5tind innig geliebt hatte, das er acht Jahre hindurch kaum angesehen hatte, wenn es im Besuchszimmer ängstlich an Mutters Rock hing, näher zum heimgekehrten Bruder heran. „Du bist gewachsen," sagte Friedrich Schiller zur Schwester. Die Mutter erblaßte, daS Wort war schal und leer; das hätte er früher nicht vermocht! Mehr sagte er nicht: drohenden, durchdringenoen BlickeS sah er die Gebäude der Solitüde vor sich; dort hatte seine Entrechtung ihren Anfang genommen... Das Phinele gab ihm einen herzhaften Kuß; sie war ein starkes Mädchen geworden, das dem Vater nachgeriet. Sie verstand es, den Knoten der Stiinmung zu lösen, weil sie ein Ahnen seines Wöstens in sich trug.„Was machen die Räuber", flüsterte sie und schielte nach dem herankommenden Vater.„Sag!" Auf Schillers Stirn verschwanden die kantigen Falten- wälle, die seine Persönlichkeit vor der Todfeindschaft des an- kriechenden Alltags aufwarf. Schwärmerische Helligkeit glitt, wie Sonne über zerstörtes Land, über sein Antlitz.„Sie sind im Druck!" „Ach!" Sie stieß einen jähen Siegesschrei aus und gab sich gleich selber mahnend eine auf den Pfund. Scheu und triumphierend sah sie den Vater an, der sie nicht gehört hatte.„Woher hast du das Geld zum Druck genommen „Das Hab' ich mir geliehen. Ein Hundsfott, der sich nichts zu wagen getraut!..." Kriegsschildernngen verschiedener Zeiten war doch wohl siir Ver- wundste die schönste Gabe? Trotzdem— warum soll ich's leugnen?— gab ich die Bücher zurück, nachdem ich nur eins gelesen hatte. Es ging nicht. Mir scheint nur die eine Erklärung dafttzi zutreffend zu sein, daß die Ueberfülle der Kriegsliteratur diesen Widerwillen hervorgerufen hat, bei mir wie bei den anderen. Je mehr ich mich bemühte, die unfreiwillige Muße zur Wieder- gcloöhnung au meinen früheren Schreibtischbenis zu benutzen, um so mehr schien das Leben wieder Zweck und Ziel zu gewinnen. Der trübe Schleier, der die Zukunft für den Kriegstcilnebnier undprch- dringlich verhüllt, teilte sich allmählich. Trotz heimlichem Bangen vor dem, was das Leben dem Einbeinigen an Beschwerden bringen könnte, doch wieder ein unbestreitbares Glücksgefühl. Das Bewußt- sein, wieder einer Tätigkeit entgegenzugehen, etwas brauchbares sein, wieder einer Tätigkeit entgegenzugehen, etwas Brauchbares Bedauern empfand ich mit den Lazarettkameraden, die durch die Art ihrer Verwundung die Aussicht verloren hatten, ihren erlernten Bc- ruf wieder auszuüben. Trotzdem herrscht bei manchen äußere Sorg- losigteit. Unbegreiflich erschien mir die Zuversicht, mit der sie auf die Versorgung durch die Allgemeinheit rechneten, ans den Anstel- luugsberechtigunMchcin, auskömmliche Rente» oder gar private Unterstützungen.—— Schließlich kam die Uebersiedlung nach einem Berliner Lazarclt, noch vor der Ausheilung, nicht überraschend. Nach langer Zeit sah ich wieder als halbwegs bewegungsfähiger Fahrgast in einer Eisen- bahn! Mitleidiges Interesse gegenüber dem Krückenläufer war noch immer aus ollen Gesichtern. Meiner Frau machte ich über die Stunde meines Eintreffens in Berlin keine Mitteilung, nur den Tag gab ich an. Der Brief mag ganz gegen meine sonstige Gewohnheit beinahe hart gewesen sein; ich weiß nur noch,„bitte aber ernstlich darum, jede Beileids- bczcigung zu unterlassen!"— Eine halbe Stunde mochte ich schon im Lazarett geweilt haben, da führte die Schwester mit liebcns- würdiger Aufmerksamkeit den ersten Besuch, meine Frau, zu mir. Und als dann der nächste Besuchstag mir auch noch die Kinder mit Tränen der Freude in den Augen zuführte, da schwand die letzte Bangigkeit vor dem alten, jetzt so neuartigen Leben. Häufiger Urlaub zwang mich dazu, die Straßenbahn zu be- nutzen. Wie ich da eine» TageS an einem Schausensterschutzgitter angelehnt und gespannt nach der Straßenbahn ausschaute, stand Plötz- lick ein altes Mütterchen, der'die Spuren harter Lebensarbeit im Gesicht geschrieben waren, bor mir und redete auf mich ein. Das GesiÄt war von liebevollem Mitleid verklärt, einen Einmarkschein, den sie in der Hand hielt, wollte sie mir durchaus ausdrängen. So freundlich es in der Eile ging, lehnte ich ab. Gerade bog meine Elektrische um die Ecke. Ich wollte leben ohne Mitleid, wollte auch als Amputierter nicht aus die Gnade der Mitmenschen angetviesen sein. Bald wäre dieser Vorsatz dennoch zu Wasser geworden. An derselben Umstcigestelle war's. Nur einige Tage später. Wieder war es eine Arbeiterfrau, nur wesentlich jünger. Glücklicherweise ließ mir diesmal die Straßenbahn mehr Zeit, meine Gründe für die Ablehnung überzeugend genug auseinanderzusetzen. Ob es ihr eingeleuchtet bat?, Seitdem ich mein künstliches Bein hatte, kam diese Versuchung nicht mehr an wich heran. Als aber auch iwch die Uniform fort- fiel, da kümmerte sich um den Kriegsbeschädigten, mit Ausnahme der nächsten Verwandten und Bekannten, niemand mehr. Und so wollte ich es gerade. Denn von jetzt wollte ich ganz wieder meinem neuen Leben angehören. Ter Krieg, der Verlust meines Beines— das alles lag hinter mir. Ein neuer Kamps setzte ein, der alle meine Kräfte befeuerte: ich wollte wieder meinen Platz ausfüllen und ein nützliches Glied der Gesellschaft sein.(z) A. D. kleines Feuilleton. flmunüsen über Weg und Ziel seiner Norüpolfahrt. Der in New Jork ersckieinenden„Nordist Tidende" hat der kürzlich in den Vereinigten Staaten angekommene Roald Amundsen Mitteilungen über Weg und Ziel seiner in Borbereitung befindlichen Nordpoleppedition gemacht, die manches Neue entbalten. Danach ist seine Absicht, so lange der sibirischen Küste zu folge», bis das Eis aufbricht, und danach, nach dem Vorgange Nansens, bis auf den Pol zuzutreiben. Bestätigen sich Amund'sens Voraussetzungen in bezug auf die Richtung der Strömung, so müßte er zwischen Spitzbergen und Grönland aus dem Eise herauskommen und so einen voll- ständigen Kreis rund um den Pol beschreiben. Die Dauer der Fahrt berechnet er auf drei bis fünf Jahre. Er vermutet, daß er sich dem Pole bis auf etwa 1K0 Kilometer wird nähern können und von diesem Punkte au? soll dann der Ausflug nach dem Pol selbst im Flugzeug unternommen werden. Diese Reise, die mit Hunden unb Schlitten sicherlich mehr als zwei Wochen in Anspruch nehmen würde, hofft er in kürzester Frist zurücklegen und dabei am „Er ist groß geworden, nicht wahr?" sagte bänglich Frau Schiller und bettelte um ein beruhigendes Wort aus ihres Mannes Mnnd.„Findest du nicht, daß er männlich gc- worden sei?" „Hm. ja!' brummte Kaspar Schiller unmutig,„der Herzog hätt' ihn ivahrlich zu mehr machen können! Das ist nicht die bessere Versorgung, die er meinem Sohne zugesaget hat. Jetzt kommet der Junge nicht weiter als der Vater. Wofür Hab' ich mich denn gerackert? Fast mein' ich selber, er hätte recht, wenn er sagt, wir lebten vergebens." Die Mutter sah mit einem Male die enge Uniform ihres Lieblings, in der er häßlich und eckig steckte, der frackartige dunkelblaue Rock wirkte wie ein Futteral, die plumpen weißen Gamaschen nm- standen, wie schlcchtbcmessene Zylinder, die mageren Beine. Sic mußte weinen... „Du. Phinele." sagte Friedrich Schiller,„im Stöudlinschcn Musenalmanach erscheinet ein Versstück von mir. Dafür be- komm' ich Honorar! Ich Hab' auch schon neue Tragödienpläne in mir." „Wenn du wieder'was zu kopieren hast, schick' es mir. Was meine kleinen Kräfte zu dement Ruhme und deiner Größe fügen können, das tue ich, wie du weißt, von ganzem Herzen! Hast du noch genug Papier? Sonst steh!' ich dir wieder herzogliches aus der Kanzlei von Papa— er merket nichts!" „Du Gute I" Er streichelte ihr mit den Blicken das Haar zurück und fragte liebevoll:„Was machet der Lentnant"von Miller?" „Ach der!" Sic zog schmollend da? Schürzeuband,„ich möcht' ihn schon, aber: unser alter Herr krieget ja den Wutkoller, wenn man nur von dem schönen Menschen redet. Ich lverd' schon einen Aktuarius oder so einen verschimmelten Kerl zum Ehe- gesponsen bekommen." Sie warf trotzig die vollen Lippen auf. „Phine!" „Ach, laß doch, Fritz! Latz das!" Sie nahm des geliebten Bruders Kopf zwischen ihre Hände und sah tief in seine Augen, die sogar schöner waren als dcS Leutnant von Millers herziger Blick. „Was habet ihr zwei so heimlich und lang zu beraten?" rief Kaspar Schiller streng,„ich fürchte sehr, es gehet wieder contra mich I" Stirnrunzelnd maß er das Geschwisterpaar. Pole selbst einen Aujentholt von 2t Stunden nehmen zu können, um dort seine Beobachtungen zu machen. Er ist der Ansicht, daß der Flug in den kalten Regionen kaum auf irgendwelche Schwierigkeit stoßen dürfte. Die Absicht seiner Expedition gebt nicht aus die Entdeckung des Poles— diese Aufgabe ist nach seiner Ansicht bereits gelöst. Das Hauptziel seiner Unter- nebmung bildet viclmebr die Beobachtung der Meeres- und Luft- strömungen in der Arklis. Kennt man die Luftströmungen am Pole. so kann man mit größerer Sicherheit auch die Lustsiröinungen au anderen Stellen berechnen und damit neue, wertvolle Unterlagen für die Meteorologie gewinnen, lieber die viel erörterte Frage des Erecker-Landes, das von Peary entdeckt sein soll und nachher nicht mehr aufgesunden werden konnte, bemerkt Amundsen, daß nach seiner Ansicht Peary sicherlich in gutem Glauben gehandelt hat, aber vermutlich durch eine Luftspiegelung getäuscht worden ist. Uebrigcns habe Pearl) seine Aufgabe in der Enideckung des Poles gesehen, und sich daher um andere geographische Aufgaben bei seiner Reise wohl nicht so sorgfältig lümmern können. �iuf Ehrenwort entlassene Zuchthäusler. Tie neuen Bestimmungen über den Strafvollzug, die in den Strafanstalten einiger amerikanischer Bundesstaaten neuerdings zur Einführung gelangt sind, bedeuten eine Neuordnung der Dinge aus ' strafrechllicbcm Gebiet, die eine ebenso wagemutige wie durchgreifende Umwälzung darstellt. An Stelle des harten Zwangs ist die moralische Erziehung getreten, die Absonderung der Einzelhaft ist durch Arbeit in freier Luft ersetzt, und man kommt dem Sträfling überdies nicht mehr wie bisher mit Mißtrauen und Verachtung entgegen, sondern erweist ihm sogar so weit- gehendes Vertrauen, daß man ihm vor Ablauf der«strafe auf die chrcnwörtliche Versichcrung hin in die Freiheit entläßt, er werde sich in Zukunft keinen Verstoß gegen das Strafgesetzbuch mehr zu schulden kommen lassen. Die einzige Einschränkung, die sich an diese Entlassung knüpfi, besteht darin, daß er bis zum Ablauf der ihm zuerkannten Strafzeit der Aussicht von Gefängnisinspektoren untersteht, die das Recht haben, ihn. wenn er sich auch nur wir Haaresbreite von dem Pfade der mustergültigen Führung entfernt, sofort in die Strafanstalt zurückzuführen. Nach NnSweiS der Statistik haben die neuen Bestimmungen vorzügliche Ergebnisse gezeitigt. Nach dem Bericht der Direktion des Zuchthauses von Indiana haben von 3S27 auf Ehrenwort entlassenen Sträflingen nur 970 das in sie gesetzte Vertrauen getäuscht und sich eines Rückfalls schuldig gemacht. Das ergibt einen Durchschnitt von 73,36 Proz. dauernd Gebesserter. Bei den Frauen ist mit 71, oO Proz. daS Verhältnis der dauernd Gebesserten ininder gut. DaS System der bedingungsweisen Frei- lassung hat überdies" den Vorteil, der Ehrenrettung der Bestraften durch die Arbeit den Weg zu bahnen, da. von Einzelfällen abgesehen. im allgemeinen die Freilassung nur aufrechterhalten wird, wenn die Freigelassenen außer der guten Führung auch nachweisen können, daß sie eine Beschäftigung haben. Notiz». — Musikchronik. Im V.Sinfonie-Abend des B l ü t h n e r" O r ch e st e r S am Donnerstag wird L. Arial de Padilla eine Arie von Mozart und Gesänge von R. Strauß singen. Außerdem ent- hält daS Programm die Romantische Sinfonie von Bruckner. — Noch eine Friedensbedingung. Der Vorstand des Deutschen Sprachvereins beschloß, an den Herrn Reichskanzler die Bitte zu richten, bei zukünftigen Friedensverhandlungen möchten die deutschen Vertreter sich ausschtießliih der deutschen Sprache be- dienen und unter keinen Umständen die Sprache eines unserer Feinde als gemeinsame Verhandlungssprache zulassen. Wie wär'ö mit Esperanto, ihr Herren? — Eine Besichtigung der Siicolai-Kirche(am Molkenmarkt) findet nach einem Vortrage und unter Führung des Pfarrers Göhrke am Donnerstag, den 11. d. MtS., abends 8 Uhr statt. Eintritt frei. — Shaw für Irland. Der Jrländer Bernhard Shaw hat ein Drama geschrieben, worin er die Heuchelei und das Ver- brechen des offiziellen Englands an Irland mit doller Kraft seines Talents brandmarkt:„John Aulls andere Insel"(— Irland). Der Direktor des Lesfing-TheaterS, V. Barnowsli, will dieses Drama aufführen— eine nützliche Demonstration der Methode, wie Eng- land die kleinen Nationen befreit. —- I o s e s L u d l ist ganz plötzlich einem Schlaganfall erlegen. Sonnabend abend erschien er nicht im Metropol-Theater, um gc- wohnterweise seine Rolle in der„CzardaSfürstin" zu spielen. Man fand ihn in seiner Wohnung tot.— LudlS komisches Talent war hier in Berlin, wo er erst seit kürzerem wirkte, noch nicht voll zur Geltung gekommen. Wer ihn noch im Münchcner Gärtnerlhcaicr gesehen hat. der nahm den Eindruck eines vollsaftigen, süddeutsch- österreichischen— Ludl stammte aus Wien— Künstlers mit sich, der ganz aus der Rasse heraus derbe, gesunde, deutsche Urwüchsigkeit verkörperte. Friedrich Schillers Blick verließ die Erde und wanderte aufs neue den Wolken zu. Phinele aber machte einen schnippischen Knix, Weil sie über ihres Bruders unveränderte Liebe glücklich Ivar und sagte: „Wir sprachen von den schönen Husaren, Herr Papa; von den wunderschönen Husaren 1" „Loses Ding, mißratenes!" „Und vorn Herzog haben tvir auch geredet, der so gnädig zum Fritz ivar, durch Ihre Protektion!" Kaspar Schiller erbleichte, denn sie schrie jetzt mit geballten Fäusten und in eiferndem Zorn:„Er ist ein elender Lügner, der sein Wort nicht hält!"— Wie ein mahnender Apostel, zu Stein verwandelt, stand der Vater und warnte mit schrcckcrstarrter Miene und erhobenem Stock vor den beschneiten Büschen, deren dürre Blätter wie erregte Lauscher bebten.„Wollet Ihr peinlich zu Tode gebracht werden?" „Autsch!" schrie das Phinele und begann zu laufen. „Mutterle," rief sie über die Schulter zurück,„ich schau schon nach dem welschen Festgockel, damit er nicht anbrennet!" Mit fliegenden Röcken, ivie ein junges, übcrkrästiges Fohlen, rannte sie den Rest des Weges zur Solitüde hinauf. Kaspar Schiller kollerte und schimpfte über das Mädelgezücht im all- gemeinen und über seiner Tochter scharfes Mundwerk im bc- sondern, das sie doch eigentlich von ihm ererbt hatte... „Fritz," sagte die Mutter und nahm ihn Wieder bei den Schultern, ängstlich forschten ihre Augen.„Dll glaubest doch noch an Gott?" „Freilich, Mutter; er hat ja so mächtig viel aus mir gemacht!" „Hat Er dich nicht gesund ans der Akademie entlassen? Und bist du nicht durch ihn ein Mann von starkem Wisseil gelvorden?" „Das Können Hab' ich mir selbst verschafft!" „Siehst du, Kaspar," sagte trostlos Frau Dorothea und ließ die Arme fallen,„er ist ungläubig' worden.. Sttllschweigend gingen sie, gesenkten Hauptes: Was ihnen als neuer Lebensbegmn vorgeschwebt war, das zeigte sich nun auch bloß als. Station im kämpscrcichcn Vormarsch zu düsterm Ziel. Die Luise trabte hinterher und ärgerte sich über den unhöflichen Bruder, vor dem sie sich ein klein wenig fürchtete.(Forts, folgt.) Direktion Max ReinharSt. T Deutsebes Theater. Uhr: Danton» Tod. Kammerspiele. T'fj Uhr: Armnt. Volksbühne. Theat. a Biilowptatz. 7!,'2 Uhr: DI© Ratten, Tlisater i, d. Königgrätzerstr. 'Vi Uhr; Panl Lange and Tora Parsberg. Komödie it hau n. "Vj Uhr: Die verlorene Tochter. Berliner Theater. T1/. Uhr: Aul Flügeln des Gesanges. Mors. u. Sonnab. nachm. SV, Uhr: 1,1*1'« Rürchenrelse. Scssing-Thester. Direktion: Victor Barnowsky, 7 Uhr: Peer Gj nt. Mittwoch: Julia« Cümar. Dentseb. Künstler-Theater. AUabencIlich 7'/, Uhr; Wölfe in der Kaeht, URANIA Taubenstraße tZ/tS. 8 Uhr: Winter in der Schweiz. Theater für Dienstag, den 9. Januar. Deutsches Opernhaus, Charlottcnb. 7 uhr: Die loten Augen. Friedrich-Wilhelmstädt. Theater. vi, u.: Oas Drsimäderlhaus. «ebr. Herrnfeld- Theater w., vrillanic::, Perlen. 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