Nr. 10-12.- 1917. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Zov«abend,13.Iauultr. Der Welt-Srotmarkt. Stimmungsbilder von dcrChikagoerWcizenbörse. Wer in den letzten Monaten die Räume der Ivellbernhmten Chilagocr Getreidebörse betrat, gloubie sich in ein TollhauS versetzt. Im allgemeinen herrscht ja an jeder Börse ein ununterbrochenes Stininrengcwoge, da? monoton ist wie die Brandung der Wellen am Strande. Am Chikagoer Weizenmarkt aber nahm in den jüngsten, aufgeregten Wochen der gewöhnliche Lärm um das Viel- fache zu, und es herrschte ein Geschrei und Getöse von geradezu unsagbarer Stärke. Durch das ohrenbetäubende Gebrause drangen schrill und schneidend in den höchsten Tönen die Rufe der Ääufer und � Verkäufer. die mit krebsroten Gesichtern wie Irr- sinnige gestikulierten. Gleich Signalbalken schwangen die rechten Arme der Maller, die auf diese Weise das Angebot markieren, hin und her; bis auf die Zuschauertribünen wälzte sich der Kamps der Welt um das tägliche Brot, indem sich hier die jungen Leute der Händler und Makler um die Telephonapparate schlugen, wobei sie erregt und schreiend aufeinander einredeten. Der starke Tele- graphenvcrschlag in der einen Ecke wurde von den Angestellten ge- radezu gestürml, und es war in der Tat ein Sturmangriff, bei dem die Ellbogenkraft den Sieg davontrug. Jeder Clerk wandle feine ganze Kraft an, unr mit seinem Chef in Verbindung zu gelangen, seine Formulare abzuliefern und darauf mit Windeseile zur Schranke zurückzujagen. Dieser Kampf uniZ Brot an der größten Getreidebörse der Well ist auch nur eine Folge des Krieges. Am SV. Oktober 1916 erreichte Wintcrweizen an der Chikagoer Börse mit 1,92�/z Dollars für den Bufhel den höchsten„natürlichen" Preis, der in den letzten 47� Jahren notiert worden ist. Im August 186!», vier Jahre nach dem Bürgerkriege, wurde der Bushel mit 2,47 Doll. verkauft, und noch zweimal im Verlauf der folgenden Zeitspanne näherte der Wcizenprcis sich der Zweidollargrenze. Doch in diesen beiden Fällen— das eine Mal war es der berüchtigte Leiter: Corner— hatte es sich um„Schwänzen", künstliche Preis- rreibereien, gehandelt. Diesmal bar der hohe Weizenpreis feine Ursache in der über alle Masten schlechten Weltweizen- ernrc. In den Vereinigten Staaten, in Kanada und Argentinien ist das Ernteergebnis durchschnittlich um ein Drittel gegen das Vorjahr zurückgeblieben, und dieier Umstand hat in Verbindung mit der riesigen Rachfrage der Enlentestaaten nach Brotgetreide beinahe ' eine Panik erzeugt. Der genannten Notierung vom 30. Oktober liegt eine Preissteigerung von 3ö Cents innerhalb von vierzehn Tagen zugrunde, eine Steigerung, die ihren letzten Anstoß durch das Bekanntwerden der außerordentlich ungünstigen Aussichten der argentinischen Weizenernte erhalten hatte. Ist doch das Gesamtergebnis der Weizeuerts beider Hälften der Neuen Welt auf etwa 600 Millionen Bushel weniger als im Vorjahre geschätzt worden. Daß die Chikagoer Börse seit dem Ausbruch deS Krrdges in ihrer Eigenschaft als leitende Getreidebörse der Welt mehr als je zuvor in den Vordergrund getreten ist, bot zweierlei Ursachen: die Abhängigkeit der Alliierten von Amerika, was die Brotversorgung anbetrifft, und den Umstand, daß die Chikagoer Börse zu einer Zeil, in der sämtliche großen Warenbörsen der Well ihre Türen geschlossen, daS Prinzip„business as usual-' aufrecht erhielt. Aeusterlich besieht die Getreidebörse aus einer großen .Halle, deren heroorstechendste Merkmale die Pier„Pits" l Schranken)� bilden: die Weizenschranke, die Maisschranke. die Haferschranko und die Schweincschcanke. Dort strömen die Vertreter des gesamten GetrcidehandelS zusammen. Das Ganze ist wie ein großer Markt; Käufer und Verkäufer aus oller Herren Länder, große wie kleine, treffen sich hier, und daS Getreide des ganzen Landes sammelt sich an, um den Weg in Länder zn nehmen, die Taufende von Meilen von dem Orte entfernt sind, Ivo es gereift ist. Der fremde Ääufer kann nicht unmittelbar vom Er- zeuger kaufen; dieser Weg würde zuviel Geld und Zeit kosten, da der Käufer ja natürlich nicht ahne» kann, welcher Landmann just die Weizensorte anbaut, die er zu taufen wünscht. Außerdem würden sich Schwierigkeiten in der Beschaffung der erforderlichen Getreide- menge ergeben; wird doch in der Regel auf nicht weniger als etwa je 200 000 Bushel Weizen oder Mais abgeschlossen. Ter Chikagoer Markt ist durch ein besonders trefflich arbeitendes Handelstelegrommwesen mit allen Gegenden der Welt verbunden; er hat Taufende von Agenten und Korrefpoudentcu. Hierher ge- laugen in erster Linie alle Angaben über Ernteaussichten, EntWicke- lung des Getreides auf dem Halm, Verbrauch und llmsatz. Jedem, der zum ersten Male die Chitagor Weizenbörse besucht, wird die BPH" merkwürdige Art und Weise auffallen, in der sich die Makler durch Zeichen verständigen. Dieses System ist uralt, und die Ehikagoer Börsenjobber würden ohne ihre Zeichensprache ganz hilflos sein; denn an einem Ort, wo unzählige Menschen durcheinanderfluten, rufen, schreien, wo Hunderte von Telegravhenapparaten ticken, würde jede Einzelstimme sich un- rctlbar verlicreu. Wer. an der Börse handeln will, ist daher durch- aus auf die Fingersprache angewiesen. Und er hat nicht eine Sekunde zu verlieren: kann ihn ein einziger ungenutzter Augenblick doch Hunderte und Tausende von Dollars kosten. Tie fortwährend schwankenden Preise erfordern schnelles Handeln. Durch ciniache Fiiigcrbewegung gibt man daher zu erkennen, ob man Käufer oder Verkäufer ist, welchen Preis man zu zahlen und zu fordern beabsichtigt, welche Mengen man wünscht usw.; kurzum, jede Mitteilung, die zum Abschluß eines Geschäfts erforderlich ist, wird durch die Finger weitergegeben. Dennoch umfaßt die Fingersprache nur neun Zeichen. Wird die Hand horizontal gehalten, so gilt das jeweilige Zeichen stets für den Preis; wird sie hingegen senkrecht gestellt, so weiß der andere, daß es sich um die Getreidemenge handelt, wobei jeder Finger S000 Bushel vertritt- Wünscht man zu kaufen, so wird die Hand flach ausgestreckt; ist man Käufer, wird die Handfläche nach unten ge- dreht. Will man aus einen Kauf eingehen, so nickt man mit dem Kops; perhält man sich ablehnend, so drückt eine Handbewegung daS aus. Kommt der Stauf zum Abschluß, so wird da? Geschält auf einer Karte vermerkt, die einen blauen Vordruck für den Käufer und auf der anderen Seite einen roten sür den Ver- käüfer aufweist. Der Text dieser Karte ist sehr kurz gefaßt. Kauft beispielsweise Smith SO OVO Bushel Weizen pro Moncit Mai zu 90 EcntS von Johnson, so bcmeilt er aus der blauen Seite: „50— May— Johnion— 90". Auf diese Art kann während einer Minute ein Dutzend Käufe abgeschlossen werden. Innerhalb jeder Schranke findet sich ein offizieller„Reporter", der allen Ge- ichäften oder wenigstens jeder Preisschwankung aufmerksam folgt, sie notiert und an den Telegraphisten zu seiner Seile weitergibt. Dieser sendet die neue PreiSnotiz dann der Tslcgraphenabteiiung weiter, worauf sie augenblicklich durch den Draht durch die ganze Welt verbreitet wird. Ganz in der Nähe der Weizenschranke besieht eine Abteilung für Weizcnproben; auf etwa 40 großen Tischen findet man alle erdenk- lichen«orten dieses Brotgetreides ausgestellt. Jeden Morgen vor der Eröffnung der Börse kommen diese Proben von der staatlichen Getreideinspe'kiion an, die durch seine Inspektoren die Prüfungen vornehmen läßt. Diese haben allerdings hauptsächlich nur für Bar- geschäste Wert. Die Proben werden, bevor sie ausgestellt werden. von Sachversiändige» auf ihren Waffergehalt usw. untersucht. Erst dann werden sie zur Anregung der Kauflust freigegeben. kleines Feuilleton. Oer holländische Geschichtsschreiber des Sozialismus. Aus Amsterdam wird uns geschrieben: Am 6. Januar ist hier der Siationalökonom Hendrik Peter Gottsried O u a ck im 83. Lebens- jähr gestorben. Ein Leben von fast unübersehbarer Tätigkeil ist da- mit abgeschlossen. Wissenschaftliche Ttudien und finaiizwirtschaftliche Praxis, amtliche Verwaltungsarbeit und akademischer Lehrberus und ein rmmer regeS Interesse an den gegenwärtigen gesellschaftlichen Fragen haben eS erfüllt. Ouack war u. a. Professor in Utrecht und Amsterdam, dazwischen auch Direktor der Niederländischen Bank. Von seinen zahlreichen, hauprsächlich iozialgeschichtlichen Schriften ist weitaus die wichtigste die Geschickte deS Sozialismus, die er unter dem Titel„Die Sozialisten. Personen und Systeme" von 1872 bis 1903 in fünf stattlichen Bänden herausgab. Dieses Werk, das vor allem als ungemein fleißige Material- sammlung Werl behalten wird, hat zur sozialistischen Erziehung der holländischen Arbeiterschaft außerordentlich beigetragen und so auch in der praktischen Arbeiterbewegung, deren führenden und gerstig �reg- samcn Elementen es die erste breite Uebersicht über die Geschichte der sozialistischen Bestrebungen gewährte, seine Spuren hinterlasse». Tie Spälfrucht von OuackS schriftstellerischer Arbeit war ein Band interessanter Lcbenscnnnerungen. Aber noch eine seiner Schöpfungen verdient brsondere Würdigung. Während seiner jahrzehntelangen Forschungen hatte Ouack mit uner- müdlichem Eifer und glücklichem Sammlerinstinkt eine Bibliothek Volks- wirtschaftlicher und sozialistischer Literatur vereinigt, die die wichtigen Werke in seltener Bollzähligkeit und manche Seltenheiten einschließt. Im vorigen Jahre har er diese Privatsammlung, die sich der Anton M e n g e r s an die Seite stellen läßt, der Amsterdamer UniverfitätS- bibliothek geschenkt und seinem Land derart� den dauernden Besitz eines ungewöhnlich reichhaltigen und unersetzlichen Buchcrschatzcs gesichert._ Galatz. Galatz. rumänisch Galati, ist die Haupisiadt des Kreise» Coburlui und liegt, wie Braila, am linken Donanuscr, zwischen der Mündung des Serelh und des Pruth; im Norden wird die«tadt vom BratiSsee begrenzt. Sie bildet den Endpunkt der von Focsani bis zur Donau sich erstreckenden Festungswerke, die hauptsächlich gegen Rußland gerichtet waren. Als Eisenbahnknotenpuilkt hat Galatz groß- Bedeurung. da hier vier Eisenbahnlinien zusammen- laufen. Im Lause des vorigen Jahrhunderts hat es sich zu einer größeren Handelsstadt emporgeschwungen.� Im Jahre 1832 war es noch eine ganz unbedeutende Stadt mit kaum 8000 Einwohnern; der Schiffahrtsverkehr kam kaum in Betracht. 1843 lies während des ganzen Jahres cm einziges Schiff in den Hafen ein. Durch Ausöaggsruug des mittleren Donauarmes konnte die 148 Kilometer lange Strecke von Sulina bis Galatz 1861 bereiis von Seedampfern befahren werden; dadurch prägte sich all- mählich der Charakter einer Seestadt. Heute zählr die Stadt schon 70 OVO Einwohner. Neben Rumänen ist ein wirres Völkergemisch von Griechen, Inden, Bulgaren, Ungarn, Armeniern und West- curopäern sestzusteUen. Der gewalnge Ausschwung der Stadt ist nur durch die im Frieden von 1826 erfolgte Freigabe der Donauschiffahrt zu erklären. Für die unteren Donauländcr bildet Galatz den Haupthafeu für den überseeischen Handel und ist»eben Wien und Budapest der größte Handelsplatz an der Donau überhaupt. Die Einfuhr über Galatz beträgl ungefähr 80 Millionen Mark, gleich 21 Proz. der rumänischen Gesamleinfubr, und sie betrifft hauptsächlich Web-, Metall- und Kolonialwaren, Oele und Fette. Die Ausfuhr beläuft sich auf 24 Millionen Mark, gleich 10 Proz. der Gesamtausfuhr, und besteht aus Eichen- und Fichtenholz, Getränken, Vieh und Ge- treide. Von Kalatz aus findet oder fand ein regelmäßiger Dampfer- verkehr nach Odessa, Konstautinopel, Italien, England und den DouauhäfeiC statt. Die untere Donau gefriert fast all- jährlich. Die Dauer der Eisdecke beträgt im Durchschnitt 49 Tage; aber auch da kann eS natürlich Abweichungen geben. Im Winter 188l/82 war die Donau nur 12 Tage mit Eis bedeckt. 1879/80 aber volle 96 Tage. Das Zufrieren beginnt um Neujahr herum, das Auflauen gewöhnlich gegen Ende Februar. Die Altstadt und die gut gepflasterte Neustadt von Galatz breiten sich amphirheatralisch auf einer sanft gegen den Strom ge- neigten Terrasse aus. Am Fuße dieser Terrasse zieht sich der schöne Haiendamm entlang. Im November 1796 lieferten die Russen bei Galatz den Türken ein Treffen und nahmen die Stadt ein. Tann war sie bald in den Händen der Türken, bald in denen der Russen; von 1824—1827 war sie im Besitz der Oosterreicher, im Russisch- Türkischen Kriege nahmen die Russen Galatz wieder und überschritten hier am 22. Juni 1877 die Donau. Notize». — Die erste Berliner mediziuische Fach zeit- s chrisr wurde vor genau 200 Jahren ins Leben gerufen. Sie trug, wie Prof. Dr. Karl Kißkalt in der„Deutschen Medizinischen Wochenschrift" mitreilr. den Titel„Acta medicorurn Berolinensium", Die Zeilschrist enthielt Aiiatonnsch-PraktischeS. vor allein auch Sektionsprotokolle von gerichtlichen Sektionen, weiterhin Klinisches, Chirurgisch-Praktisches, Bückerbesprechungei! und schließlich AbHand- lungeu über den Verlans der Seuchen. Von 1721 ab erschienen regelmäßig Tabellen über die Berliner Todesfälle des vergangenen Jahres, die nach den Monaten und Todesursachen eingeteilt waren. Sie enthielten auch mancherlei merkwürdige Einzelheile», wie zum Beispiel die Angabe von Kindern, die aus Bosheit gestorben seien. — M u s i k ch r o li i k. Da» erste diesjährige SonntagSkonzcrt deS Schiller-TheaterS findet den 14., mittags 12 Uhr, statt. Es bringt an Kammermusikwerken Mozarts Quintett op. 407 und das Schubertsche Oktctt op. 166, ferner GesangSvorträge de» Kammer- sängers Kurt Sommer. — Ein neuer Dürer, eine heilige Familie angeblich aus dem Jahre 1209, ist aus Portugal nach Berlin gelangt und von einem Berliner Sammler erstanden worden. 20s Ums Menschentum. Ein Schiller-Roman von Walter von Molo: Alts breiter Basis, erst schwelend und geguält flackernd. brannte nun die Lebensflamme Friedrich Schillers steil zur Höhe und stand selbstsicher und spitz, wie ein Keil, init ruhigem Lichte leuchtend. Die Entscheidung fiel: Fast zu spät rasselte die unförmige Kutsche über Mann heim» holpriges Pflaster. Ein bleiches Antlitz sah an den Straßenecken und Brunnenrohren die Zettel kleben, Flimmernde, scheue Augen lasen, was auf dem papierncn Pranger stand: .Sonntags den 13. Jänner 1782 wird auf der hiesigen National Bühne aufge führet Die Räuber. Ein Trauerspiel in sieben Handlungen: für die Mannheimer Stationalbühuc bom Verfaßer Herrn Schiller neu bearbeitet. Das Stück spielt in Teutschland im Jahre, als Kaiser Maximilian den ewigen Landfrieden für Teutschland stiftete. Wegen Länge des Stückes wird heute präzise 5 Uhr angefangen. Der Berfaßcr an das Publikum. Die Räuber— das Gemähide einer verirrten großen Seele— ausgerüstet mit allen Gaben zum MrtreMchen, »nd mit allen Gaben— verloren— zügelloses Feuer und schlechte Kainmeradschaft verdarben sein Herz, rißen ihn von Laster zu Laster, bis er zuletzt an der Spize einer Mord- brennerbande stand. Gräücl auf Gräucl häufte, von Abgrund zu Abgrund stürzte, in alle Tiefen der Verzweiselnng— doch erhaben und ehrwürdig, gros und majestätisch im Unglück, und durch Unglück gebeßert, zurückgeführt zum Fürtresslichen. — Ein solchen Mann wird man im Räuber Moor beweinen und haßen, verabscheuen und lieben. Franz Moor, ein heuchlerischer, heimtückischer Schleicher — entlarvt und gesprengt iu seinen eigenen Minen. Der alte Moor, ein allzuschwachcr, nachgebender Vater, Verzärtlcr und Stifter vom Verderben und Elend seiner Kinder. In Amalien die Schmerzen schwärmerische� Liebe, und die Folter herrschender Leidenschaft. Man wird auch nicht .ohne Entsetzen in die innere Wirtschaft des Lasters Blicke werfen, und»vahrnchmen, wie alle Vergoldungen des Glücks den iiincrn Gewissenswurm nicht tödtcn— und Schrecken, Angst. Reue. Verzweifelung hart hinter seinen Fersen sind.— Der Jüngling sehS mit Schrecken dem Ende der zügellosen Ausschweifungen nach, und der Mann gehe nicht ohne den Unterricht von dem Schauspiel, daß die unsichtbare Hand der Vorsicht auch den Bösewicht zu Werkzeugen ihrer Absicht und Gerichte brauchen, und den verworrensten Knoten des Geschicks zum Erstaunen auslösen könne.' Ein magerer Arm wies ans dem Dunkel der Kutsche. „Petersen, sieh die vielen, vielen Wagen; sie alle trugen Atome meines Schicksals daher; die Rosse stampfen und der Würfel fällt." Der Arm sank ins Dunkel des kleinen Wagen- fensters zurück. Aus Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt, Mainz. Worms, Speiser, aus der ganzen Umgebung waren sie herbeigeeilt, im Sattel und aus dem Karossensitz, um das berüchtigte Stück zu sehen. Bor dem kleinen Schaüspiclhause drängten sich aufgeregie Menschen, die keinen Platz mehr bekgmen; sie schimpften und gestikulierten und ließen den hageren Herrn nur unwillig passieren, der sich zum reservierten Sitze drängte und deil Anzug trug, den Kaspar Schiller für seines Sohnes Privatpraxis hatte bauen lassen. Friedrich Schiller war eine Null in diesem Saal; sein Werk verdrängte ihn. Seit Mittag hielten die Glücklichen, die den Eintritt er- stritten hatten, ihre Plätze besetzt.„Schon!" schrien sie an- dächtig und dankbar, als nach langen Stunden endlich der Vorhang aufrollte und Inland, der große Mime, das erste Wort, augendrehend, in die Menge schoß:„Aber ist Euch auch wohl. Vater! Ihr seht so blaß!".... Friedrich Schiller wich dem drängenden Arm des dicken Nachbars aus; er studierte, völlig entwurzelt, die Knöpfe am blauen Frack eine» Kcrzenfabrikantcn; er maß mit den ber- lorencn Blicken die Schritte des kurz gewachseneu Karl Moors, der seine Sache brav machte; er bebte in seiner Menschcnvcrachtung vor der lauernden Menge, dem Vampyr, der vieläugig ihn ilmschloß und sich am heißen Worte nicht erivärmcn wollte... „Es ist leichter morden, als lebendig machen...— Da steht der Knabe, schamrot und ausgehöhnt vor dem Auge des Himmels, der sich anmaßte, mit Jupiters Keule zu spielen..." TicS Wort erkannte er! Es war sein Werk, vor dem er saß, das er verließ, weil er sich feig an klein- liche Zerstreuungen hing, um die Angst zu besiegen! Da mußte eS unterliegen! O nein, er war treu und hielt zu feinem Werk! Seine Blicke nmflammten die Bühne! Er mußte, er wollte siegen! War's nicht die Frucht seines harten Lebens bis heute'i Und gab der die Ernte auf, der sie mit tausend Qualen schuf? Was iu Heimlichkeit und verschwiegenen Korridoren, im lauschenden Kreise der An- Hänger, in schweißigen Krankenzimmern, an der Leiche im Seziersaal, im Unterricht über das Drama der Griechen, allüberall, luo die Beobachtung und das Vergleichen Schwingungen seiner sehnenden Seele schuf, entstanden und schmerz- lich geboren worden war. daL rang hier und stritt um die Palme. Verzweiflung preßte ihn durchs Oehr der verzagen- den Verkleinerung seines Selbst. Boigeol fiel ihm ein. Ver- birtcrung und Haß quollen breit stuS feinem gequälten Herzen. Petersens Lippen sprachen; er glaubte wieder an sich I Sic verstanden ihn nicht! Sie folgten ihm nicht! Das war's!... Blöden Blicke» saßen sie und wußten nicht, daß es unr sein Leben ginge. Leer waren sie; eS klang kein Widerhall in ihnen! Allein und unverstanden hing sein Wollen in der Mensch- heit. seine Anker rissen und faßten nicht Grund. Wofür* Wofür dann alle»'k Sein beleidigtes, verschmähtes Blut rauschic auf, zornig und ungestüm, eS schrie in den Ohren und lärmte überlaut, wie die gepeinigte Menschheit am jung- sten Richttage, immer lauter und dröhnender, es drohte, ihn zu zersprengen— es war Beifall— lauter, dröhnender Beifall, der urplötzlich um ihn seine brandende Gischt peitschte und zischend in die offene Szene wogte, der die menschlichen Körper in begeisternden Schauern hin und widerriß. Sie eine Peitsche fiel die Erkenntnis der Welt-Tragödie über- die arglos gekommene Menge, die sich in eigenen Netzen sing. Der Gewissenswurm kroch ans der Larve... Wie Gewitterwolken hing Jfflands Spiel über den Bebenden. Die zackigen Sporen der Schillcrschen Künder- Wucht hieben ins Fleisch der Zuhörer. Die glühenden Eisen der herzgehämmerteu Worte brannten unter ihnen. Unver- hüllt sprang die ewige Menschensecle aus den alten Kostümen. die vergeben» die. Zeit und ihren Kampf umvappten. So lebten und litten sie alle! Mit jähem Riß fetzte das lügne- rische Dunkel bor ihren Augen entzwei; sie sähen klar und hell, für einen kurzen Augenblick, die Verknöcherung, die Zer- nichtung des Menschentums.(Forts, folgt.) DireWäon Max Eeinliarflt Deutsches Theater. Vit Uhr; Danton» Tod. Kammerspiele. Vlt Uhr: Armut. VoUisbtihne.Theat. a.BOIowpIatz. Untorffrundb. Schönhauser Tor. Vit U" Das Wintcrmürchen. Theater I. d. Königgrätzerstr. VI, Uhr: Erdgeist. Komödienhaus T'/j Uhr: Dia verlorene Tochter. Beriiner Theater T1/, Uhr; Auf Flügeln des Gesanges. Heut« 3'/, Uhr: l.!sl'e Märchenreise. Cessitig-Theater. Direktion: Victor Barnovrsky. 7V,U.; Die bcid.Kllngaberg. Sonntag: Julius Cäsar. Montag: Die Wildente. Mseh. Künstler-Theater. AUabendUch 7'/. Uhr; WOIie in der Wacht. URANIA Taubenstxaßo 48/19. 8 Uhr: Alice Schalek: Drei Monate an der Isonzofront. Theater für Sonnabend, 13. Januar. Deutsches Opernhaus, Ctaarlottenb. ? uhr- Tannhäuser. Ciebr. Herrnteld- Theater VI, Uhr: Oer doppelte Euchhalter. Sonnt. 3'/, Uhr: Der Hüttenbesitzer. Kleines Theater s uhr: im Teelisch. Komische Oper vi, uhr; Der Puszta-Kayalier. Sonntag 8'/« Uhr: Die Haubenlerche. Lustspielhaus vv.u.jer selige BaliJiiiDmBeHndn.rry Morg. 3 U.: Die deutsch. Kleinstädter. Metropo!-Theater io Min.; Die Csardasfürstin. Sonntag*1,3 Uhr: Die Kaiserin. Neues Operettenhaus Kassentelophon: Norden 281. 7-/«u.- Dar Soldat der Marie. Prledrich-'Wilbelristädt. Theater. vi, u.: Das Oreimäderlhaus, Residenz-Theater �vDie Warschauer Zitadelle. Schüler-Theater O. VI, Uhr: Zum ersten Molo: Will und Hiebke. Schiller-Th.Chaplortenbg. 3 Uhr: Die Jungfrau von Orleans. tv.üc Der Famiiientag. Thalia-Theater. vi, u.: Das Yagahondenmädel, Theater am.\ellendorfpl. 31/« Uhr: Dein Lieopold. vi, u.: Blaue Jungens. Theater des Weatena 7-/.u.- Die Fahrt ins Glück mit Guido Thielscher. 4 Uhr: DornrOschen. Triaaen Theater '/.» u.; Willis Hocbzeitslag. JSilsck Sonnabend 2 Vorstellungen. 31 Beim Qj 2 MeiHnachtsmcun. h tan- 6 tttlTb°us allen-�2 geh. frei Vi Geierprinzessin In beiden Vorstellungen vorher; Das glänzende Januarprogramm. Friedriohstr. 218. Tel. LUtzow 7341 W 7 Ohr Ii-M0 flas großartige farietß-Progr. Dazu Neptun auf Reisen Ausstattungspossa von Arnold und Bach. Musik von B. Nelson. Bonutag 2 Vorstellungen: Nachm. 3 ü., abends 7 Uhr 15. „Die grüne Ftöie" Ballettpantomime. Inszenierung ven Max Reinhardt sowie der aenc« abwechslungsreiche Yarieß-Spielpian. Jeden Senntag: üselunittsg rrühTi VorsÄg Kleine Preise, Kinder die Hälfte. Ziikus A. Schumann Anfang 71/» Uhr. Der Zirkus ist gut geheizt. Steh- Die Seeräuber. Gr. Ausstattnngspant. in 4 Akt Im helländ.Fiacherderf— Ausfahrt z. Fischlang— Das Kaperschiff— Der Verrat—- Die Verfolgung der Piraten— DasPiratenlager— Die Gefangennahme— Das Strafgericht— Die Hinrichtung durch den Elefanten— Da» Hrnnkfest. Vorher; Das glänzende grofie Zirkusprogramm Sonnt, 2 gr. V orst, 3 u. 7'/, Uhr. RosesTheater. g>/, IlünKel and dretel. T/, Uhr; Gastspiel der Schlierleer: Gt. Georg d. Dracfaentöter. Walhalla-Theater. VL Uhr: Das Xasikantenmädel. Caslno- Theater lothringer Str. 37. Täglich 7'/- Uhr. Um V/, Uhr: Buntes Programm. Um 8'l, Uhr: Die Schlagcrposse Einzig in Groh-Berlin LweiUeUeZarlwev Berliner Humer— Berliner Figuren. Sonntag H'l, Uhr: Weihnachtsurlaub. Voigt-Theater. Badstr SS. Badstr.58. Täglich: Eine Fran ohne Hera. Tie Geschichte einer Stiesmutter in 4 Alten von E. N. Ialebi. .lassenerössn. H'l, U. Ansang 7'/, U. Eonniag 3 Uhr; Eine Frau ohne Herz. 7 Uhr: Richters Millionen. Ab Montag, d. IS. 1. 1917: Goldtuchs. Admiralspalasl. Sohllttschuhliufer- Ballett a. d. Oper„Oer Prophet" und Trau Tantasie. VorzQgl. Küche. Anfang 7'/,. Reichshailen-Theatsr. Stettiner Sänger. N«»„CabaretFelilgraii" Anlang 7'/$ Uhr Sonntag naehmitt. 3 Uhr ebenfalla CabaretFeMgnc ErmäB. Preise. Possen- Theater. Täglich VI, Uhr t Oes Lt&wess Erwachen Eist oder weder Hoftmann'a Schma». Anlaug"'.'j, Sonnt. S'l, u. VI, „Berliner Bilder" Otto Rentier u. d. große Januar-Programm. JU Bertiner Konzerthaus. Mauerstr. 82. Zimmerstr. 90/91. Heute: ÖT. KOHZCrt des Berliner Konecrthane-Orcheeter» Leiter: Komponist Frz.*. Blon. Anfang?-/» Uhr. Eintritt 30 Pf. Anfang 7'/, Uhr. An allen Wochentagen; STachmUtage-KoMert bei freiem Eintritt und voller OrohetTerbesetzung. Erste Deutsche Ersatzmittel-Aussteilung verbunden mit Lebensmittelmesse EineKriegsschau deutschen GewerbefleiSes Al'SSTELLX'XeS• if ALXEW AB ZOO• Nachmittags 4—7 Uhr: Konxert. Täglich 10 Uhr bis abends 8 Uhr geöffnet. Eintritt 50 Pf. KtwaltunssSkÜk Krriin. N 54, LiuiknKr. 83—85 Geschäftszeit von 9—1 Uhr und von 4—7 Uhr. Telephon: Ami Norden 1987. 1239. 9714. 13S. Montag, den IS. Januar, abends 8 Uhr, im Lokal von Sand, Beuffelstr. 9: Bezirks-Versammlung für Moabit. Tagesordnung: 1. Vortrag des Kollegen Cohen über daS neue HllfSdienstgesetz. 2. Neuwahl der BezirfSIeiwng. 3. Verschiedenes. Die Bersammlung wird wegen der frühe« Polizeistunde pü»tt- lich eröffnet. Zahlreiches Erscheinen wird erwartet. Die Bezirksleitung. Montag, den 13. Januar, abends ß'Ij Uhr, in Frankes Festsälcn, Badstr. 19: Bezirks- Versammlung des 30. Bezirks. TageSordnnni 1. Jahresbericht der SezirlSIeitung. 2. Z 3. Verschiedenes. Zahlreichen Besuch erwartet 128,'S awahl der Lezirisleiwng. Tie Ortsverwaltung. Bezugsquelleo-Uerzeichnis Barlin.SOden Kraekeiil vwkutlUb«iaeaL Blekep. a jjP.Ta&j Bicker- n. Rondftarelen 4 N'klln., AJIerstr. 3Tf« I li; S f. fltitrlvr. i.Aif leka.Q pU>«lB».FrBClltl8n8.LI>gr.|B| E.& Dl. leudicHe Manstelnstr, 4 Uhpan. 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