r Srschtiüt in Leipsig NLitvoch. Freitag, Sonntag. tuc ,!» Monncmcutsprcis j.a.ij i)eutfdilanb 1 M. 60 Pf. rra Quartal. Monats-Abaunemrnls ortbcn bri allen bcutichn, Postanstaltcn aal ben 2. unb t. Monat, imb aus ben Z. Mona: belonbcri angenommen: im «önigr. Sachsen nnb Hcrzogth. Sachsen- Ältcnburg auch auf ben tten Monat beb Quartals ä 54 Pfg. Inserate betr. Versammlungen pr. Pctitzeile 10 Pf., betr. Privatangelegendelien unb Feste xro Peiitzeile 30 Ps. orwar Vestellungel: nehmen an alle Postanstalten unb Puch. yanblungeu beb In- u. Autlanber. Fillal- Expcbitioncn. New-Nvrlt Soz.- bemokr� ltlenollttt- schastöbuchbruckerci, lü-t QlllrilZ�e Ltn. Philabelphia: P. Haß, 630 Kcrth 3'3 Street. I. Boll, 1129 Charlotte Str. Chicago! A. Lansermann, 296 IMvi- sion Street. San Franzi oco: F. Entz, 413<)'?ar- rell Street. Lonbon! Baubih, 5 Xaesau Street, Hickillese» Hospital. Kentral Grgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 19. Sonntag, 12. November. 1876. Unsere Gegner. vi. (Schluß des VI. Art.) Sind Sie schwer von Begriffen, Herr Sonalistcntödter! Aufgepaßt: In der sozialistischen Gesellschaft sind die Arbeits- Instrumente Gcmeineigenthum; alle Arbeit, die verrichtet wird, wird für die Gesellschaft verrichtet— nicht für einzelne Mitglieder derselben, sondern für alle. Sie schütteln wiederum den Kopf, Herr von Unruh! Nun, wir haben nicht die Zeit, Sie in das ABC der Nationalöko- nomie einznweihen, Sie über die Bedeutung der Worte: Arbeit, Arbeitsinstrumente aufzuklären; und wir haben nicht die Macht, Sie— da das Verständniß Ihnen abgeht— zu dem Glau- den an die Durchführbarkeit unserer Prinzipien zu zwingen(für Belchrungs- und Bekehrungsversuche sind Sie überhaupt zu alt und kein hinlänglich dankbares Objekt»; aber wozu wir Sie zwingen können, so gewiß Sie dcnkfähig sind, ist, daß Sie bei Beurthcilung der Wirkungen des Sozialismus auch die fozia- listische Gesellschaftsordnung zu Grunde legen, und nicht ein beliebiges Phantasiegebilde, das Sie willkürlich unterschieben, und das zufälliger Weise mit Ihrer Gesellschaft eine verteufelte Achnlichkeit hat. Sie pflücken die Giftblüthen der bürgerlichen Gesellschaft, und geben sie für die Gewächse der sozialistischen Gesell- schaft aus. Wie nennt man ein solches Verfahren in der Handelswelt, Herr von Unruh? Betrug! Seien wir mild-- sagen wir blos: Sie gehen von falschen Voraussetzungen aus. Dagegen verwahren wir uns nachdrücklich. Was würden Sie z. B. sagen, wenn wir schlußfolgerten: „Gründen" und Stehlen ist eins und dasselbe. Ein Gründer ist ein Spitzbube. Herr von Unrnh ist ein fünffacher Gründer. Folglich ist Herr von Unruh ein fünffacher Spitzbube. Sie würden energisch protesftren und uns entgegenhalten, daß wir von falschen Voraussetzungen ausgingen. Und doch wäre unsere Schlußfolgerung zum Mindesten ebenso berechtigt wie die Ihrige, vor der sie obendrein entschieden den Borzug der Logik hätte. Ob Gründer und Spitzbuben Synonyme*) sind, ist vorläufig noch eine Streitfrage; daß aber in der sozialistischen Gesellschaft — und diese müssen Sie für Ihre Argumentation acceptiren— eine Ausbeutung von Menschen durch Menschen nicht möglich ist, das ist keine Streitfrage, das ist eine Thatsache, die jedem Durchschnitts-Quartaner einleuchtet, dem man fünf Minuten lang die Rudimente des Sozialismus erklärt hat. Ausbeiitungjetzt Uebermacht auf der einen, Schntzlosigkcit auf der anderen Seite voraus; und in einer Gesellschaft, die durch Verwandlung der Arbeitsmittel in Gemeingut und durch gerechte Vertheilung der Arbeitsprodukte die ökonomische und damit die soziale und poli- tische Gleichheit sämmtlicher Gesellschaftsglieder herstellt, wird die Möglichkeit der Ausbeutung in irgendwelcher Form, und folglich auch der Prostitution, ausgeschlossen. Die sozialistische Gesellschaft kennt keine Gründer und keine Aktionäre, keine Räuber und keine Geplünderten, keine Kapita- listen und keine Lohnsklaven, keine Menschenkäufer und keine ge- kauften Menschen, keine Herren und keine Knechte— die Gründer, Räuber und Kapitalisten müssen ehrlich arbeiten, sogar ein Stroußberg wäre genöthigt, ein nützliches Glied der Gesellschaft zu werden; den Menschenkäufern wird das Handwerk gelegt, und� wer sich anmaßt, den Herrn spielen zu wollen, wird in eine Besserungs- oder Irrenanstalt gesteckt. Das Weib aber, das jetzt, außer den Ketten der ökonomischen, sozialen und politischen Sklaverei, noch die Ketten der geschlechtlichen Sklaverei zu tragen hat, wird frei sein— gleichberechtigt dem Mann. Wo bleibt da die Prostitution, Herr von Unruh? Wo Ihre Bordelle mit der Thalertaxe? In Ihrer Gesellschaft muß sich das Weib verkaufen; in unserer Gesellschaft kann sich das Weib nicht verkaufen. Das ist der Unterschied. Sticht wahr, Sie sehen jetzt ein, daß es ein Unsinn war, die Prostitutton der heutigen Gesellschaft in die sozialisttsche Gesell- schaft hinüber zu tragen? Doch wir wollen tolerant sein. Der Gedanke an Ihre fünf Gründungen und„Schwindelanfälle" hat Sie wohl etwas ver- wirrt und das Wort„Prostitution" niederschreiben lassen, ohne daß Sie sich der Bedeutung desselben recht bewußt gewesen—, wir wollen in Gnaden annehmen, es sei Ihnen wieder ein lapsus pennae passirt und Sie hätten nicht Prostitution ge- weint, sondern„Weibergemcinschaft", regellosen thie- rischen Geschlechtsverkehr.— Sie sind der Ansicht, wenn die sozialisttsche Gesellschaft mit jedem anderen Zwang den Liebes- und Ehezwang aufgehoben habe, werde das Streben der Menschen sich blos auf viehischen Gcschlechtsgenuß richten. Nicht wahr, das meinten Sie? Sie nicken zustimmend? Gut! Aber da kommen Sie nicht besser weg, Herr von Unruh. Ihr Unglück ist und bleibt, daß Sie— Ihren Schnurr- 1 bort nicht gereinigt haben und den Schmutz der heutigen Gesell- schaft, Ihrer Gesellschaft, nicht los werden können. Was Sie uns zuschreiben, das ist die„berechtigte Eigenthümlichkeit" Ihrer Ge, ellschaft, genauer ausgedrückt Ihrer Gesellschaftsklasse. -i�aß heutzutage geschlechtliche Ausschweifungen auch bei den �genannten niederen Klasse«, bei dem arbeitenden Volke zu finden sind, wer wollte es leugnen? Wir nicht. Aber die Wollust methodisch pflegen, die Liederlichkeit raffiniren, sie in ein System bringen, den regellosen Geschlechtsgehiuß zur Lebensregel machen, das kann das arbeitende Volk nicht, dazu fehlt ihm die Zeit. Im Großen und Ganzen„macht es aus der Roth eine Tugend", ist tugendhaft, weil es muß. Die Arbeit ist eben eine vortreffliche Morallehrerin, die einzig wirksame Garantte der Sittlichkeit. Zur raffinirtcn, systematischen Wollust gehört zweierlei: Schwelgen und Müßiggang. „Müßiggang ist aller Laster Anfang", sagt das Sprüchwort. Sie kennen's doch, Herr von Unruh? Und wo findet sich das Schwelgen und der Müßig- gang, Herr von Unruh? Wo sich auch die systematische Liederlichkeit und Corruption findet. Bei den Arbeitern nicht.--- Schauen Sie um sich! Halten Sie Heerschau unter Ihren Klassengenossen, und halten Sie Heerschau unter den Arbeitern, namentlich den sozialistischen Arbeitern. In Arbeitervereinen, in Arbeiterversammlungen, überall, wo Arbeiter ihre Gedanken, ihre Gefühle austauschen— was bildet das Thema der Gespräche, der Reden, der Vorträge? Politische und ökonomische Fragen; wissenschaftliche Probleme, die erha- bensten Ziele der Menschheit. Manches unverdaute Zeug mag dabei zu Tage gefördert werden, das ideale Streben ist aber unstreitig vorhanden. Nur ein Lügner kann dies in Abrede stellen. Wie anders unter Ihren Klassengcnossen, Herr von Unruh! Wovon unterhalten sich Fabrikanten, Kaufleute, Offiziere? In erster Linie von Frauenzimmern, und zwar von Frauenzimmern, „die zu haben sind", von Frauenzimmern, die man„zu haben" hofft, von Bordellen, von den schmutzigsten Mysterien der Venus vulgivaga, der„Weibergemeinschaft" in Ihrem Sinn, Herr von Unruh! Außerdem noch in zweiter Linie vom„Geschäft", von Wett- rennen und sonstigen Thierquälereien, von Duellen und sonstigen Rohheiten, von Pferden, Hunden und ähnlichen Culwrgcgen- ständen. Waren Sie je auf der Leipziger Messe, Herr von Unruh? Nicht? Nun, so wollen wir Ihnen erzählen, daß für die Leip- ziger Messe, welcbe die Blüthe der Bourgeoisie„froh vereint", die Leipziger Bordelle stets reichlich mit frischer Waare assortirt werden müssen, und daß trotzdem der überaus entwickelte—„Familiensinn", würden Sie's wohl nennen, Herr von Unruh!— unserer moralischen Bourgeois sich noch auf den Straßen aufs Lebhafteste bethättgt. So lebhaft, daß notorisch während der ganzen Dauer der Leipziger Messe kein anständiges Mädchen ohne männlichen Schutz sich herauswagen kann, weil es in Ge- fahr schwebt, selbst am hellen lichten Tag mit den moralischen Begriffen, die unsere moralischen Bourgeois von Ehe, Liebe und Familie haben, in praktische Collision zu gerathen. Und gehen Sie einmal an die Wirthstafeln— sogar der feinsten Hotels—, wo die moralischen Herrn„Meßgäste" zusammenspeisen, und hören Sie sich die Tischgespräche an. Erstens Zoten, zweitens Zoten und drittens Zoten— und dabei mit cynischer Offenheit die erlebten, oder auch erdichteten„Liebesabenteuer" zu Markt gebracht. Wer mit den saftigsten Zoten, den unfläthigsten Schwei- nereien aufwartet, ist König im Reiche der Bourgeoismoral. Wir haben uns in den verschiedenartigsten Kreisen bewegt, sogar in den Kreisen des verworfensten„Auswurfs der Gesellschaft", das können wir bcthcuern: was unsere moralischen Herrn Bourgeois in puncto der Zotenreißerei und Schmutzunterhaltung zu leisten verstehen, das haben wir in keinen anderen Kreisen erreicht, ge- schweige denn übertroffen gefunden. Und Ic style c'est rhomme (der Styl ist der Mensch)— nicht bloß der Schriftstyl, sondern auch der Rede- und Gesprächsstyl— in der Unterhaltung spie- gelt sich die Seele; wie die Worte, so die Werke-- Verlassen wir das unsaubere Thema und argumenttren wir weiter: Also,— und das ist der Kern Ihres Raisonnements, so gut er sich aus den konfusen Phrasen und Wendungen herausschälen läßt— wenn der Ehe- und Liebeszwang aufhört, tritt pronns- cuous intercourse ein, die schrankenloseste Polygamie und Polyandrie (Vielweiberei und Vielmännerei)— dauernde Beziehungen zwischen den Individuen der beiden Geschlechter gibt's nicht mehr, Jedes stürzt aus den Armen des Einen flugs in die des Anderen— nach dem, für die Mädchen und Frauen enssprechend zu variiren- den, Text: „Heut' lieb' ich die Susanne Und morgen die Johanne!" (Ein sozialistisches Liedchen? Nicht wahr, Herr von Unruh?) Stur daß das„heut" und„morgen" nicht durchaus 24 Stunden dauern müßte— denn ein solches obligatorisches Minimum wäre ja ebenfalls ein Ehe- und Liebeszwang. Gemach, Herr von Unruh. Eine Frage! Ist die heuttge Ehe— die bürgerliche oder kirchliche— denn wirklich eine Garantte der geschlechtlichen Treue und der Be- ständigkeit? Sind die Herren Fabrikanten und Kaufleute, deren Treiben auf der Leipziger Messe wir Ihnen— beispielshalber— vorhin schilderten, enva allesamnit unverheirathete Leute? Die Eheringe, welche dieselben in den Bordellen herumzeigen, sind glänzende Beweise des Gegentheils. Und die vornehmen Herren— dem Arbeiter erlauben schon seine Mittel keine so. kostspieligen Vergnügungen, dafür sorgen Ihre Herren Collegen durch Besol- gung des Camphausen'schen Reeepts, dem ja auch Sie sehr eifrig huldigen— und die vornehmen Herren, welche die Schauspie-! lerinnen, Sängerinnen und Ballettänzerinnen„unterhalten", sind diese„Gründer", Commerzienräthe, Banquiers, Fabrikanten, Offiziere, Minister, Barone, Grafen, Fürsten und so fort, und so fort, sind sie allesammt unverheirathete Leute, Herr von Unruh? Sie wissen das Gegentheil! Und die Herrn„Gründer", Commerzien- räthe, Banquiers, Fabrikanten, Offiziere, Minister, Barone, Grafen, Fürsten u. s. f., u. s. f., die„Maitressen" besitzen, elegant eingerichtete Absteigequartiere haben— wir könnten auf Wunsch mit zahlreichen Adressen und Namen dienen, über die Mancher sich wundern würde— sind sie allesamnit unverheira- ! thete Leute? Nein. S i e haben in diesen Dingen zu viel Er-! fahrung, um eine so offenkundige Thatsache in Zweifel zu ziehen. Eine zweite Frage! Wer hindert Sie, Herr von Unrnh, sich ein„Verhültniß" ' außer dem Haus zuzulegen, oder in Abwesenheit der Frau von Unruh mit Ihrem Dienstmädchen„freie Liebe" zu treiben? Wer hindert die Frau von Unruh in Abwesenheit des Herrn v. Unruh mit ihrem Leibkutscher eine„Eheschließung" ä la Unruh ein- zugehn? Ruhig Blut Anton, Pardon: Herr v. Unruh! Wie können Sie sich so ereifern? Was dem Herrn v. Unruh und der Frau v. Unruh recht ist, ist jedem anderen Menschen billig. Und haben Sie nicht ge- sagt, wenn der äußere Ehe- und Liebeszwang wegfalle, würde der ungeregelte Gcschlechtsgenuß, das schmetterlingsartige Flat- tern von einem„Gegenstand" zum andern, allgemeine Gesellschafts- regel werden? Wir haben Ihnen gezeigt, daß die heutige Ehe die Weiber- und Männergemeinschast in Ihrem Sinne nicht' verhindert, und— wir haben die Consequenzen Ihrer Behaup-• tungen auf Sie selber und Ihre Frau Gemahlin angewandt. „Aber", wenden Sie noch immer ein,„der Herr v. Unruh und die Frau v. Unruh sind feingebildete Leute, sie wissen, was sich schickt, sie haben geläuterte Sittlichkeitsbegriffe!" Zugegeben! Zugegeben! Um des Arguments willen zuge-\ geben! Aber, Herr v. Unruh, der Sozialismus beschränkt sich nicht) auf die ökonomische Umgestaltung der Gesellschaft, er nimmt auch» die Culturaufgabe des Staates ernst, und wird ein ivirklich den- Namen verdienendes Volksschul- und öffentliches Erziehungs-; system einführen. Wir„Barbaren des 19. Jahrhunderts" sind so barbarisch zu verlangen, daß das Schul- und Erziehungswesen, neben der ge-) nossenschaftlichen Organisation der Arbeit und der gerechten Ver- theilung der Arbeitserzeugnisse, die einzige Hauptaufgabe des| Staates sei. Und wir sind so verwegen zu glauben, daß, wenn, j einmal der Staat, statt Millionen und Milliarden in das boden< lose Faß des Militarismus zu schütten, seine Kraft auf Erfül] lung dieser Aufgabe eoneentrirt, der ungebildetste Staatsbürgen mehr Bildung, eine harmonischere Bildung haben wird, als Sie, Herr v, Unruh— ohne Ihrer Bildung zu nahe treten zn wollen— und— Scherz bei Seite!— mehr Anstand und ge- läuterte Sittlichkeitsbegriffe! Der Ihrer eorrupten Gesellschaft entrissene Mensch, der sich selbst wiedergegebene Mensch soll viehisch sein, wie ein Hund, viehischer, als ein Hund! Das ist zu arg. Um den Sozialismus zu verdächtigen, haben Sie die menschliche Natur verdächtigt, den Menschen unter das Vieh degradirt. Sie wollten ein Pasquill(Schmähschrift) auf den Sozialismus schreiben und Sie haben ein Pasquill auf die Menschheit geschrieben. Obgleich Sie uns durch Jdentifizirung des Sozialismus mit der Humanität ein unfrei- williges Compliment machen, können wir Ihnen das nicht hin- gehen lassen. Ihre Unwissenhett, Ihren Mangel an Logik, Ihre Ver- drehungen, Ihr Fälschen, Ihre Jneonsequenzen, Ihre Verdäch- tigungen, Ihre Unsauberkeiten— das Alles können wir Ihnen verzeihen, diese Beschimpfung der Menschennatur, dieseMa- jestätsbeleidigung an dem Geiste derMenschheit können, dürfen wir Ihnen nicht verzeihen. Das erheischt Züchtigung.— Das ernstyafte Instrument her! „Eins, zwei, drei!" aber nicht„an der Bank vorbei", son-' dern auf die Bank, Herr v. Unruh! Eins!— Zwei!!-- Drei!!! Adieu! Herr v. Unruh! Und hüten Sie sich vor weiteren „Schwindclanfällen"! Sozialpolitische Ueberstcht« — Zwangscours in Deutschland. Auf welch' präch- tiger Grundlage unsere deutsche Münzreform, an der die„Finanz- capacitäten" innerhalb und außerhalb des Reichstags so lange „gearbeitet" haben, beruht, geht daraus hervor, daß die silbernen Fünf-Markstücke nur 3�/« Mark wirklichen W rth haben. In welcher Weise unsere deutschen Patrioten gegen die österreichische Regierung losgezogen sind, die ihre Staatsbürger zwinge, das österreichische Guldensttick zu 2 Mark anzunehmen, trotzdem das- selbe nur ungefähr 1 M. 60 Pf. wirklichen Werth repräsentirt, ist allgemein bekannt— und jetzt stehen wir im Berhältniß zu den beregneten Oesterreichern unter der Traufe. Der Zwangs- cours ist übrigens immer aufgetaucht in denjenigen Ländern, welche vor dem wirthschaftlichen, finanziellen Ruin standen. Armes Deuffchland, wie theuer mußt du deine„Heldenthatcn" von 1864, 1866 und 187O— 71 bezahlen! — In der Sitzung des deutschen Reichstags vom 8 November wurde ein Antrag des Abg. Most auf Aufhebuitt, der schwebenden Untersuchungen wider die Abgg. Geib, Hai und manu und Vahlteich während der Dauer der Session i Kart nommen.— Vor einigen Taaewurmrdc auch das Strafver köi'ich "■ — Der evangelische Oberkirchcnrath wendet sich in! selbst in'Nichtsthun und Wohlleben schwelgen zu können. Die sein mag, so ist doch der„Genossenschafter", um mich gelinde einem kläglichen Schreiben an die Gemeinden, um die kummer- Verleger des„Sozialdemokraten" haben diese gemeine Beschuldi- auszudrücken, von leichtsinniger Berichterstattung nicht freizu- volle Lage der Seelsorger zu mildern. Durch Erhöhung des gung auf das Glänzendste zu nichte gemacht, indem sie jährlich! sprechen, denn nach dem ganzen Zusammenhange konnte fein Gehaltes derselben auf mindestens 600 Thaler sei zwar der mit 7000 Abonnenten und darüber 3500 Kronen, mit 8000 Zweifel obwalten, daß ich nicht von jenem allgemeinen Inhalte dringendsten Roth der bedrängten Geistlichen vor der Hand ab- Abonnenten 4000 Kronen und für je weitere 1000 Abonnenten der resp. Blätter, sondern von dem Inhalt an specifisch-beleh- geholfen, aber ganz ohne Sorgen müßten sie gestellt werden, 500 Kronen(1 Krone— 1,13 Mark) als Unterstützung für die renden Artikeln sprach. Ich weiß wohl, daß die„Allgemeine und dazu gehört mehr. verunglückten Parteigenossen und Abonnenten hergeben. Die Zeitung" mit ihrer literarischen Beilage, die„Kölnische Zeitung" 600 Thaler! Dies ist allerdings keine große Summe, aber Statuten sind bereits ausgearbeitet und ist daraus zu ersehen, mit ihren naturwissenschaftlichen Artikeln, und noch andere Blätter «/,. der geistigen und körperlichen Arbeiter haben weniger. Und daß ein Jeder, der vom 1. Oktober 1876 an ein halbes Jahr chrenwcrthe Ausnahmen bilden, und daß selbst kleinere Blätter doch sind es gerade die Geistlichen, welche die große Masse des Abonnent des„Sozialdemokraten" gewesen ist, bei einer etwaigen existircn, welche sich redlich bemühen, zu der wirklichen Bildung Volkes zur Geduld mahnen und auf den Himmel vertrösten, der Berunglückung in der Stadt �oder auf dem Lande, auf der Reise und dem Wissen ihrer Leser etwas Reelles beizutragen. Aber ihnen Ersatz biete für das Erdenlcid. Weshalb sind denn ge- rade sie nicht mit dem„Ersatz" zufrieden, den der Himmel bietet. Glauben sie nicht an den Ersatz', den sie doch immer pre- oder bei der Arbeit, bei Feuersbrünsten u. s. w., eine ent daß dies im Großen und Ganzen vereinzelt vorkommt, wird sprechende Unterstützung aus den ausgeworfenen Summen erhält, mir kein Keuner unserer Tagespresse bestreiten, und hierauf, ausgeschlossen bleiben solche, die im Kriege, Rauferei oder Duell unter Hinblick auf die„philosophischen und nationalökonomischen" digen? Die„bedrängte Geistlichkeit" möge sich doch selbst mit oder durch Trunksucht, bei Wettrennen, Wettsegeln, Luftballon- Artikel der sozialdemokraksschen Blätter, bezog sich meine ta- dem so oft von ihr citirten Spruche trösten: Selig sind die Ar- steigen verunglücken, aber besondere Berücksichtigung verdiene» delnde Bemerkung. Ob ich von„nicht dem zehnten Theil" men, den ihrer ist das Himmelreich! Solche, die durch Mißhandlung beim Militär oder durch Ueber- bei diesem Anlasse wirklich gesprochen, will ich nicht schlecht- fall von Polizeimannschaften körperlich geschädigt werden."— hin in Abrede stellen, möchte aber glauben, daß auch dieses — Daß verbrecherischer Schwindel in den höchsten Es fällt uns nicht ein, den dänischen Gesinnungsgenossen vor- Wort eher der Phantasie des Berichterstatters(!) als mir cnt- Kreisen der herrschenden Gesellschaft heimisch ist, hat schreiben zu wollen, wie sie am besten die Agitation betreiben sprungeu ist. Vielleicht(!) habe ich gesagt,„kein liberales in neuester Zeit der große Prozeß der Wiener„Phosphatgcsell- könnten; nur soviel sei gesagt, daß wir es zur Förderung der Blatt bringe den zehnten Theil so viel Artikel der schaft" in ungewöhnlich eklatanter Weise bewiesen. Von dieser Sache des dänischen Proletariats für wenig ersprießlich halten, bezeichneten Art als die sozialdemokratischen Blätter" Gesellschaft behauptete der Staatsanwalt in seinem Plädoyer init etwaige Geldüberschüsse zu Versicherungszwecken verwenden zu und das dürfte der Wahrheit ziemlich nahe kommen. Unter vollem Recht:„Auch in der entschwundenen Periode der Täu-! wollen. Mögen doch die Gegner heulen, kläffen und verleumden,-•■''''" das sind ja ihre vornehmsten Kampfesmittel. Unsere deutschen „Führer" können gewiß auch ein Liedchen davon singen, was es heißt, mit Koth beworfen zu werden. Nicht nur die„verpraßten Arbeitergroschen" spielen da eine Rolle— sogar complette Rittergüter sollen sich einzelne„Führer" der deutschen Sozialisten j schon erworben haben. Also Verleumdung dort wie hier— schungen ist in solcher Blöße und Nacktheit kein Betrug verübt worden." Allein die Stellung des öffentlichen Anklägers war von vornherein eine haltlose, da er den Hauptschuldigen nichts anhaben konnte. Der Wirkliche Geheimrath Freiherr v. Helfert z. B., der notorisch eben so schuldig war wie die Angeklagten, mußte unbehelligt gelassen werden, weil er ein Liebling des Hofes ist. Bevor besagter Freiherr v. Helfert als Zeuge vcr- nommen wurde, übermannte ihn die Aufregung derart, daß er im Zeugenzimmer ohnmächtig zusammenbrach. Und diese Auf- regung ist wahrlich kein Zeugniß für ein gutes Gewissen. In der Vernehmung selbst zeigte sich das Gedächwiß des noch ver- hültnißmäßig jungen Mannes sehr geschwächt. Die Polizei hat übrigens in diesem Prozesse die kaiserliche Kabinetskanzlei arg compromittirt. Auf Requisition bes Gerichtes gab sie eine Leu- mundsnote über den bekannten Dr. Ullmann ab— den ehemaligen Secretär des Grafen Langrand-Dumonceau—, worin sie denselben geradezu eine zweifelhafte Existenz nannte, dessen! Meistern arbeiten zu lassen Treiben dem aller dunklen Ehrenmänner cutspreche. Dr. Ull--w"— mann wies nun nach, daß er fast zur gleichen Zeit, als die Polizei diese Note abfaßte,„von Sr. Majestät" den Orden der Eisernen Krone(eine sehr hohe Auszeichnung) empfangen habe. Unter diesen Umständen hatte die Vcrtheidigung leichtes Spiel. „Sie haben sie gleich mir durchgclebt," sagte der bekannte An- walt Dr. Neuda,„jene Zeit der Täuschungen; diese„Täuschung" aber, meine Herren, begrenzte sich nicht blos auf gewisse Kreise, sie erstreckte;.ch auf alle Regionen, und selbst die höchsten Kreise blieben v-m ihr nicht verschont. Damals, meine Herren, sah der öffent: he Ankläger diesem Treiben ruhig zu, die Moral und das Gerechtigkeitsgefühl, in ihm verkörpert, empörten sich nicht; nunmehr aber, wo Unsummen von Werthen vom Winde hiwcg- geweht sind und die Armuth und Noth allenthalben cinherwanken, will man neben dem Ruine des Glückes auch noch den Ruin der Ehre. So wünschte ich denn zum Mindesten in der Ber- folgung selbst mehr Consequenz und Festigkeit und bessere Ans- Wahl, wünschte, daß Groß und Klein vor die Gerichtsschranken gezogen werden, um sich zu rechtfertigen, eine Gleichheit der Vertheilung im Sonnenschein wie im Winde.... Kraft meines Amtes kann ich nicht gestatten, daß die Staatsanwaltschaft Ein- zelnen gegenüber Schonung übe; Einer für Alle, Alle für Einen, das ist die Devise, unter der dieser Fall zu beurtheilen ist. Es kann, es darf Niemand ausgeschieden werden. Es sind Alle oder es ist Niemand strafbar." Es bedurfte hiernach noch kaum des Plaidoyers der übrigen drei Anwälte. Sämmtliche vier Ange- klagte wurden durch das Verdikt der Jury von der ihnen zur Last gelegten Anklage freigesprochen; diese Freisprechung aber war die schärfste Verurtheilung für die herrschenden Klassen in Oesterreich. Und wie in Oesterreich, so sind sie bei uns und überall— Die- jenigen, welche heute„auf des Lebens lichten Höhen wandeln". allen Umständen hat es sich auch" hier nicht um den gejammten Inhalt, sondern nur um die mehr charaktcrisirten, dem posi- tiven Wissen dienenden Artikel gehandelt. „Um nun jedes Mißverständniß auch für Diejenigen, welche dem Vortrage nicht beigewohnt, von vornherein abzuschneiden sei bemerkt, daß mir nichts ferner liegt, als die„philosophischen und nationalökonomischen" Artikel der sozialdemokratischen Or- darum ruhig Blut. Es ist eben die alte Geschichte: eine schlechte gane wirklich für bildend oder auch nur für belehrend zu halten. Sache kann nur mit schlechten Mitteln verthcidigt werden. Dieselben sind meines Urtheils ein Gemisch von Wahrem, Halb- wahrem. Unbewiesenem und total Falschem, Übergossen mit einer — Aus Kopenhagen wird berichtet, daß die dortigen � Sauce des rohcsten Atheismus und des giftigsten Hasses gegen Buchdruckereibesitzer über alle Schriftsetzer, welche dein Typo- den modernen Staat, insbesondere aber gegen unser heutiges graphenbunde angehören, den Arbeitsausschluß verhängt haben. Einige Setzer wurden, angeblich wegen Unfugs, verhaftet. j— Ueber die Arbeiterbewegung in Dänemark wird aus.Kopenhagen geschrieben wie folgt:„In gleichem Maße wie die Zahl unserer Anhänger zunimmt, in gleich erfreulicher Weise mehrt sich auch die Abonnentenzahl unserer Organe„So- zial Demokraten" und„Ravnen". Selbstverständlich heulen unsere Gegner auf das Entsetzlichste über das allmälige Einpor- schießen und Gedeihen der sozialdemokratischen Saat, und gleich widerwärtigen Pintschern kläffen sie uns an und überbieten sich, unseren Führern alles Schlechte in die Schuhe zu schieben; unter Anderem fehlt auch die Beschuldigung nicht, daß sie den Arbci- kern ihre sauer verdienten Groschen aus der Tasche locken, um Deutschland. Belehrend können diese Dinge nur für den � sein, der sich aus ihnen über das Wesen unserer Sozialdemokratie informiren will, und zur Bildung haben sie weiter keine Be- iehung, als daß sie die Grundelemeute jeder wahren Bildung, ie Welt des Gemüthes und der sittlichen Grundsätze und Ge- systematisch zu ertödten suchen. Ich nehme daher keinen Anstand, meine Ueberzeugung auszusprechen, daß einer in diesem Sinne geleiteten Presse gegenüber eine Ausnahmsgesetz- gcbung ebenso unerläßlich wie gerechtfertigt sein würde, und daß nur wenige Jahre vergehen dürften, bis die bittere Roth zu — Von italienischen Parteigenossen werden wir dar- einer solchen zwingt. Was ich an der sozialdemokratischen Presse auf aufmerksam gemacht, daß unsere Notiz, betitelt:„Bünd- lobe, ist nur der Eifer, den sie entfaltet und mit dem sie ihre nisse" unter der„Politischen Uebersicht" des„Vorwärts" vom Hebel gerade an der richtigsten Stelle, nämlich an der Denk- 20. Oktober(Nr. 9) eine Unrichtigkeit enthält. Gleichzeitig mir und Gefühlsweise der Menschen ansetzt. dem ftanzösischen tagte kein italienischer Arbeitercongreß. Herr„Vielleicht glauben Einige, es wäre besser gewesen, die betr. — In Frankreich mißbraucht man gleichfalls die im Heere dienenden Handwerker, um sie für unerhört billige Lohnsätze bei Meistern arbeiten zu lassen. Daß dadurch den nicht unifor- wöhnung mirten Gesellen der Verdienst in doppelter Weise geschmälert wird, versteht sich von selbst. Ob monarchistisch, ob blau-republi- kanisch, gleichviel, überall herrscht der Capitalismus. Filipp eri, welcher das Telegramm nach Paris schickte, handelte Blätter selbst zur Aufnahme einer„Berichtigung" zu nöthigen. Auftrag des„Vorstands", welchen der vor einigen Mo- Aber die Natur des Gegenstandes machte dieses Verf' naten zu Genua abgehaltene Congreß italienischer Arbeiter gesellschaften niedergesetzt hat. Dieser Congreß hatte aber durch- aus keinen ausgesprochen sozialistischen Charakter, indem die auf demselben vertretenen Vereine meist der mazzinistischen, der internationalen Arbeiterassoziation feindlichen Richtung angehören. Die Bedeutung der Demonstration wird dadurch nicht vermindert. Im Gegentheil, daß selbst die mehr national gesinnten Arbeiter Italiens von solch brüderlichen Gefühlen den französischen Ar- bessern gegenüber beseelt sind, zeigt erst recht die Tiefe der ita- lienischen Sympathien für das demokratische Frankreich. — Das Unglück, einmal die Wahrheit gesagt zu haben, läßt Hrn.' Schulze von Mainz nicht schlafen(ein ahn- liches Pech ist ihm noch nicht zugestoßen), und in einer schlaf- losen Nacht hat er folgendcu Angst-, Roth- und Reueschrei aus- gestoßen, den der„Pforzheimer Beobachter" vom 1. d.„unter dem Strich" registrirt hat und den wir hiermit der Vergessen- hcit entziehen wollen: „Zur Klarstellung. Erlauben Sie mir, die Spalten Ihres Blattes, welche Sie in so freundlicher Weise dem Berichte über meinen Vortrag geöffnet, auch noch für einige klarlegende Bemerkungen in Anspruch zu nehmen. Dieselben sind, wie es scheint, dadurch wünschenswerth geworden, daß der„Genossen- schafter" und ihm folgend, der Leipziger„Vorwärts" sich mit dem erwähnten Vortrage befaßt haben, der dies natürlich nicht anders ermöglichen konnte, als mittelst einiger grober Ent- stellungen. „Die beiden genannten Blätter thun so, als habe ich den allgemeinen Inhalt der sozialdemokratischen Blätter und der „Bourgeois-Prcsse" mit einander verglichen. Es ist aber ganz unmöglich, daß ein Zuhörer mich dahin mißverstehen konnte, und wenn also der„Vorwärts" in gewissem Sinne gerechtfertigt erfahren ge- rade diesmal zu einem sehr schwierigen, und überdies habe ich keine Lust mehr, gegen sozialdemokratische Blätter die Gerichte anzurufen, seit meine Klage gegen den„Volksstaat" wegen der abscheulichsten, in demselben gegen mich geschleuderten Be- schimpfungen(?)(bezahlter Spion, berüchtigter Schmalz- gesell lc.) mir nur eine Advokatcnrechnung von 49 Mark ein- gebracht hat. Andererseits habe ich betreffs des Umfanges, in dem auch hier das Wort„semper aliquid haeret" wahr ist, so IN- sonderbare Erfahrungen gemacht, daß ich es jedenfalls für mäßig hielt, das Meinige gegen die Ableitung weiterer Verständnisse aus meinem Vortrage zu thnn. Mainz, Ende Oktober 1876. Mit aller Hochachtung Jul. Schulze." Wir würden der köstlichen Stilübung nur Abbruch thun, Ivenn wir sie commentiren wollten. Und durch das ivehmüthige Geständniß, daß beim Dcnunziren nichts herauskommt, als große Advokatenrechnungen, finden wir uns entwaffnet. Blos eine Bemerkung. Das«emper aliquit haeret(es bleibt immer etwas hängen) bezieht sich auf den kläglichen Durchfall„unseres" Schulze bei der letzten Conferenz der hessischen„Fortschreiten- den Rück-)schrittspartei". Wir condoliren dem Armen von Herzen, deß darf er versichert sein. Antwort eines Deutschen auf Gustav Rasch's„Deutsche Flüchtlinge in London". London, den 26. Oktober 1876. An den Redakteur des„Volksstaat". Geehrter Herr! Sic haben am 30. Juli einen Artikel von Gustav Rasch über „Deutsche Flüchtlinge in London" veröffentlicht, dem ich, in Folge Russische Cultur. Die Lage der deutschen Colonistcn in Rußland. (Fortsetzung statt Schlqß.) ■ Eine verständige Regierung in Rußland sollte anstatt ! ihre Auswanderung zu erzwingen, jetzt um jeden Preis deutsche Landwirthe nach Rußland berufen und ihnen alle mögliche Frei- heit gewähren, damit nur keiner fortgehe. i Wie in Rußland alles darniederliegt, das kann man nur begreifen, wenn man selbst im Innern Rußlands gewesen ist. Es giebt Bauerndörfer, in denen kein Pferd mehr zu finden ist • und die letzten Kühe gepfändet wurden, um die Kronabgaben zu decken. Im ganzen Dorf gilt oft kein Haus 25 Rubel, das 1 ganze Ackergerät!) eines Bauern schon in die besseren Dörfern ist nicht 5 Rubel Werth, ja es giebt Fälle, wo Bauern bis 70 Rubel : Kronabgaben schuldeten und ihnen dafür 2 Pferde, eine Kuh und das ganze Ackergeräth gepfändet wurde, und alles das nur die Hälfte der Schuld deckte. Daß von Bearbeitung des Ackers , unter solchen Verhältnissen nicht die Rede sein kann, ist be- greiflich. Die Summe der rückständigen Kronabgabcn beträgt ichon viele Millionen, eine andere Schuldsumme, die Abgaben, welche die Leibeigenen dem Edelmann laut dem Gesetz von 1861 als Loskaufs-Geld 49 Jahre lang zahlen müssen— ist noch viel , größer; doch der Adel schreibt Zins auf Zins und lacht sich f dann in's Fäustchen darüber, daß die cmanzipirten Bauern ihm r schon fast das halbe Jahr für die Zinsen arbeiten müssen. Die Schuld aber bleibt und wird auch in tausend Jahren nicht ge- < tilgt werden können, es sei denn, daß sie durch eine Revolution bald quittirt werde. Der Adel hat durch die Freilassung der fvBauern viel gewonnen, er läßt jetzt die Bauern für die Zinsen ar- Gcnoffu, und sobald die Arbeit beendet ist, läßt er sie gehen, 'ss Li?nd vor 1861 jeder Edelmann seinen Leibeigenen das ganze Neu dhindurch ernähren»rnßZjj. Welche Maßregeln angewendet wählt von 4—8000 Seelen), hier wurden sie geschimpft mit Worten, deren sich jeder Deutsche schämen würde. Als sie auf die Kniee fielen und um Geduld baten, weil von den Bauern kein Geld einzutreiben sei, schrie der Stadthalter den anwesenden Soldaten zu:„Sperrt mir diese Hunde auf 7 Tage ein." Ein 60jähriger Greis, der durch Küssen der Füße des Statthalters Begnadigung zu erlangen trachtete, bekam einen Stoß mit dem Stiefel in die Zähne und die Antwort:„Hinaus Du Rindvieh." Alle 13 wurden in ein Loch von 1'/« Kubik-Faden eingesperrt, wo sie fast erstickten. Als sie freigelassen wurden, da gings an ein Hauen der Bauern, die sie gerade zu Haufe antrafen; zum Glück sind selten mehr wie 5 Proz. der Bauern zu Hause. Kommt aber so ein Bauer einmal von der Arbeit auf ein paar Wochen zu seiner Frau and seinen Kindern, dann muß er so- gleich alles Geld hergeben— erst für die Krone, dann für den Edelmann und drittens für diejenigen, von welchen selbst durch Peitschen nichts mehr zu erlangen ist. Laut Gesetz vom Februar 1861 haften die Bauern nämlich solidarisch für einander. Steht aber ein angekommener Bauer in Verdacht, nicht alles Geld ab- gegeben zu haben— welcher Vater würde nicht die Sünde be- gehen, einige Rubel für seine hungrigen Lieben zu verheimlichen, — dann ist er keinen Augenblick sicher, daß er nicht in Gegen- wart der Kinder entblößt und gepeitscht werde. 20 Hiebe erlaubt das Gesetz ohne Appellationsrecht, jedem Pauern— nach 1881 auch den Deusschen— zu geben, wenn aber der Verurtheilte zu arm ist, den Vollstrecker der Exekution vorher zu bestechen, dann empfängt er unzählige. Klagen die von den gesetzlichen 20 oder von den ungesetzlichen 180 Hieben herrührten, sprach man den Michajew frei. Professor Treitschke sollte einmal eine Reise durch die russi- schcn Baucrndörfer machen, dann würde er von aller Sympathie für die„tiefeinschneidcnden Reformen", durch welche Alexander II. dem Volke neue Bahnen geöffnet haben soll, geheilt sein(siehe Juni-Heft der preußischen Jahrbücher 1876: die Türkei und die Großmächte). Wann eine Revolution— für welche von zwei Seiten aus mit staunender Thätigkcit agitirt wird— in Rußland etwas Besseres schaffen wird, weiß man nicht; aber schrecklich wird der Umsturz sein, welcher durch die gegenwärtige Willkür herauf- beschworen wird, und je länger er hinausgeschoben wird, um so fürchterlicher wird sein Erscheinen sein. Der Adel strebt nach einer Regierung, wie die englische ist; seine Glieder nennen sich Anhänger der Dekabristen(Dezember-Männcr von 1825), und unter ihnen zündet jedes von den russischen Zeitungen gebrachte deutschfeindliche Wort, wie ein Funken im Pulverfaß. Die an- dere Partei erstrebt einen Staat, in welchem alle Mensche» gleiche Rechte haben sollen, Abschaffung des persönlichen Eigen- thums, gleiche Schulbildung auf Staatskosten für Alle, eine gleich- mäßige Arbeitszeit für Alle und eine Regierung aus dem Volke gewählt und Abschaffung der Kasten— alle Menschen sollen Bürger werden. Auch in ihr ivühlt der Deutschenhaß, während beide eine große Sympathie für Frankreich äußern. (Schluß folgt.) Bauern einmal über solche Willkür, dann ergeht es ihnen wie WMMW' MWM~ MÜtt denen in Kurßk. Dort hatte der Polizei-Inspektor Michajew einige Bauern mit 200 Peitschenhieben anstatt mit 20 derart mißhandelt, daß noch nach 5 Jahren zusammengewachsene Fleisch- knollen bewiesen, wie grausam sie zerfleischt worden waren. Die Gemißhandelten führten Klage, aber erst nach 5 Jahren, im April 1876, kommt die Sache vor Gericht. Viele Zeugen con- — Bourgeoiswitz. Bei der„liberalen" Versammlung in Pößneck, in welcher Laster Bericht erstattete, wurde, wie schon mitgctheilt, auch eine Abstimmung über die Wiederwahl des Ellenredners vorgenommen, die naturlich äußerst günstig für Laskerchen ausfiel. Ein alter Spieße mit einer prächtig glänzenden Karfunkelnase, der ziemlich weit hinten stand, wollte seinen Patriotismus recht kräftig zum Ausdruck bringen, und fuhr vor lauter Vergnügen mit beiden Fäusten in die Höhe. Ein neben ihm stehender Sozialdemokrat, dem dieses Muster- Exemplar eines längerer Abwesenheit, erst jetzt meine Aufmerksamkeit widmen kann. Uebte der Verfasser bloße Kritik, und wäre sie noch so heftig, ich würde kein Wort erwidern. Da er aber die hinter- listige Waffe der Unwahrheit, der kecken Erfindung gegen mich kehrt, so darf ich hoffen, daß Sie dieser Entgegnung in Ihrem Blatte Raum gönnen. Bor den deutschen Arbeitern, die ich ehre und achte, will ich nicht in falschem Lichte erscheinen. Gustav Rasch weiß von dem Leben der hiesigen Deutschen absolut nichts. Die zahlreichen deutschen Vereine in London find ihm nicht einmal dem Namen nach bekannt. Von den verschie- denen Arbeitervereinen, dem großen Turnvereine mit seiner reichen Leihbibliothek für Mitglieder, seinem deutschen Theater, deutschen Vorträgen, deutscheu Kneipabenden; vom Berein für Kunst und Wissenschaft, mit dessen häufigen deutschen Vorlesungen, Concerten deutscher Musiker, Compositions- Abenden deutscher Maler und Bildhauer; von den deutschen Gesangvereinen u. f. w. hat er keinen gesehen. Diesen Vereinen liegt die Pflege des Deutschthums so sehr am Herzen, daß in den meisten und wich- ligsten von ihnen Kcnntniß der deutschen Sprache für englische Candidaten vorgeschrieben ist und nur Deutsche im Borstande sein dürfen. Deutsche Zeitungen liegen in großer Anzahl in solchen Vereinen auf, die ein ständiges Lokal haben. Es würde mich zu weit führen, wollte ich mich in das vielseitige Leben der Deutschen aller Stände in London hier einlassen, von dem Rasch nichts weiß. Aber auffallend ist mir, daß Gustav Rasch den Deutschen in England fälschlich Vernachlässigung des Deutschthums vorwirft, während er sich im Auslande, und besonders unter Franzosen, mit seinem anti-deutschen Sinne geradezu brüstet. Selbst seineu deutschen Namen hat er jahrelang romanisirt. In zahl- reichen, interessanten Briefen, die er mir bis vor Kurzem schrieb, zeichnete er sich stets„Don Gustavs". In London ging er stets mit einer Montenegrincrmütze einher, rühmte sich, der Günstling des despotischen Fürsten von Montenegro zu sein, der schon seit Nikolaus' Zeiten ein russischer Pensionär ist, that groß damit, daß ihm Fürst Nikita seinen Palast zur Verfügung gestellt habe, daß er sein„Freund" wäre. Er hat bekanntlich für ihn ge- schrieben. 5kurz,„Don Gustavs" war von seiner„garcke de la manche1',— Don Gustav® de la Manche. Auf das Roth seiner Montenegrincrmütze deutend, rief er stolz:„Das bedeutet das Türkenblut"! Aber als Fürst Nikita in's Feld zog, da war kein Don Gustavo beim Appell, seine Lanze für den bedrängten „Freund" einzulegen.„Küche" und„die Speisen"— für ihn sehr wichtige Dinge— sind besser in der Schweiz als in Mon- tenegro und ohne türkische Musik. Sein„Bauch" ihm ebenfalls wichtig— liegt ihm zu sehr an und auf dem Herzen, ihn den Türken als Zielscheibe zu bieten. Es ist nicht so gefährlich, denkt er, Freunde in der Ferne zu verwunden, als Türken in der Nähe. Seine weitere Tapferkeit besteht darin, von einem stets wcch- selndcn Schlupfwinkel aus ehrbare Männer mit Koth zu bc- werfen, Männer wie den berühmten Augenarzt Liebreich, der, im August 1870 aus Frankreich verwiesen, ein hoher Vertreter deutscher Wissenschaft in England ist; ferner den 7t!jährigeii Arnold Rüge, den Vorkämpfer des jungen Deutschlands in den dreißiger Jahren, der für seine Freiheitsidccn mit Gefängniß während seiner Jugendzeit und mit Verlust eines großen Ber- mögens büßte; und den bis jetzt noch exilirte» Karl Blind, dem selbst heute Teutschland, ebenso Frankreich verschlossen ist. (Ein Jrrthum— Herr Blind tann ruhig nach Deutschland zu- rückkehren; aber er hat seine Gründe, das„Märtyrerthum" in England vorzuziehen. In Deutschland würde er nur seine Im- Potenz zur Schau tragen. R. d. B.) Gerade zur Zeit des letzten Besuches von Rasch litt Blind noch an den Folgen eines mör- derischen Anfalles von Seiten eines fanatischen Verehrers von Bismarck. Dies hielt aber den edelherzigen Rasch nicht ab, ihn in seinem Artikel einen Trabanten von Bismarck zu nennen und dabei seinen Lesern vorzulügen, als ob er den Muth gehabt hätte. Blind von Angesicht zu Angesicht dieses zu sagen. Er sagt am Schlüsse seines Artikels:„Ich sagte ihnen: Legt euch vor dem großen Kanzler auf den Bauch."' Gesagt hat er aber dieses nie, sondern von Paris aus geschrieben, erst nachdem cr hundert und zwanzig Stunden Weges zwischen sich und Blind sah. Bei seinem ersten Besuche Londons saß Rasch täglich, Wochen- lang am gastlichen Tische Blind's. Damals schmeckte ihm die hiesige Küche wohl. Zum Dank für die Gastfreundschaft be- schmutzt cr die Familie, verleumdet er den Gastfreund. Er sagt, semer ältesten Tochter, einer Stieftochter, fehle manchmal ein deutsches Wort. Da sie von Kindesjahren an in England er- zogen wurde und sich beständig mit englischer Literatur befaßt, mag dies hier und da der Fall sein; Aehnliches ist das Resultat bei Vielen, die den größten Theil ihres Lebens im Auslande zugebracht haben. Wie gut aber diese Stieftochter Blind's haben mag:„Das geht doch nich!"— Ein weiterer Blick in das Gesicht des Sozialisten belehrte ihn erst, daß er gefoppt war, und unter einer Fluth von„liberalen" Schimpfredcn, aber gleichzeitigem Gelächter der„Reichsfeinde" zog er seine beiden Telegraphenstangen zurück. — Raubbau. In einer kürzlich abgehaltenen Versammlung in Bochum wurde festgestellt, daß im Kreise Bochum nicht weniger als l l'>2 Morgen Land und 413 Gebäude durch den Bergbau größere oder geringere Beschädigung erlitten haben. — Zur Gründerei. In dem eiserneu Tresor der„Europäischen Centtal- CommissionS- Bank" in Berlin, einer nagelneuen Gründung eines gewissen Hrn. Träger, dessen werther Person sich der Staats- anmalt zu vergewissern gedenkt, fand man bei näherer Besichtigung ein polnisches Viergroschcnstück, ein Zehnpfennigstück und sechs Cigarren. Hierin bestanden die Aktiva. Im Uebrigen hat der„Herr Direktor" �3 junge Leute engägirt, welche ihm sämmtlich, theilweise in recht be- irächtlicher Höhe, Cautionen hinterlegen mußten. Er hat auf diese Weise ganz bedeutende Summen erschwindelt. Die Untersuchung, die jetzt eingeleitet ist, wird Näheres ergeben, doch bemerken wir, daß Herr Träger durch ein Attest geschützt sein soll, welches seine Geisteskräfte für unzureichend erklärt. Ob dieses genügen wird, ihn vor den Folgen seiner Handlungsweise zu schützen, wird die gerichtliche Untersuchung zu -•ehren haben.— Herr Träger hat übrigens schon ftüher in einem Prozesse, in welchem er als„Präsident des deutschen Baubeförderungs- Berein" figurirte, den Behörden viel zu schaffen gemacht. Statistisches über das Fabrikwesen in Frankreich. Einer französischen technischen Zeitung entnehmen wir, daß Frankreich gegen- wärtig 1t!J,tXX> Fabriken besitzt, welche 1,800,000 Arbeiter Beschäftigen. T5te in diesen Etablissements angewendete mechanische Kraft beträgt o02,009 Pferdekräfte. Paris fabrizirt jährlich für 1000 Millionen Erancs Waaren; ungefähr bringt also die Seinestadt den fünften Theil »er Produktion des ganzen Landes hervor. Die Umgebung der Stadt <-lue sabrizirt jährlich für 700 Millionen Waaren, die Umgebung von i-pon(ür 600 Millionen, die von Ronen für 440 Millionen, die Um- Mung von Marseille für 271 und die von Saint Etienne für 240 tttllwnen Francs. Deutsch versteht, hat sie durch ihre treffliche Uebersetzung deS Werkes von David Strauß„Alter und neuer Glaube" be- wiesen. Doch abscheulich, niederträchtig ist es von Seiten Rasch's, den Eltern Blind Gleichgiltigkeit gegen das Andenken ihres unglücklichen Sohnes vorzuwerfen, indem es allen Denen, die sie kennen, wohl bekannt ist, daß die Wunde, die ihnen der fürchter- liche Tod ihres Sohnes schlug, heute noch blutet, da gerade der Anfall auf Blind kurz vor Ankunft Rasch's in England durch die Vertheidigung des Andenkens des Sohnes verursacht ward, wie Rasch wohl weiß. Vertheidigung seiner politischen An- sichten gegen solche Angriffe, wie die von Gustav Rasch, braucht übrigens Blind nicht. Man kennt den Ankläger und den Auge- klagten zu gut. Auch auf mich, den Gustav Rasch sonst so gern„Freund" zu nennen pflegte— was allerdings bei ihm nicht so ernst zu nehmen ist, denn er ist sehr freigebig mit diesem Worte— richtet er seine giftige Waffe. So lange er hier war, bemühte er sich niemals, meine politischen Ansichten kennen zu lernen. Nur ein- mal, als er von seinen„zur Strafe verbrannten 37 franzö- fischen Städten" sprach, sagte ich ihm, dieses sei Uebertreibung, und„besser wäre es zu versöhnen, als zu Hetzen und alte Wun- den aufzureißen, wie er es thue". Mehr sprach ich nicht mit ihm über politische Punkte. Weder öffentlich noch privat habe ich je die Ansichten geäußert, die er mir in seinem Artikel an- heften möchte. Die eigentliche Ursache von Gustav Rasch's plötzlicher Feindschaft gegen mich, sowie gegen seinen Gastfreund Blind kann ick nur darin finden, daß dem reichen Feuilletonisten und Kapitalisten, der hier bummelte und sich langweilte, weil er kein Wort Englisch versteht, zum zweiten Male die Gastfreundschaft nicht wieder geboten wurde. Dafür rächte er sich an der engli- scheu Küche und an englischen Speisen und am Gastfreund. Er, der von seinen Reuten lebt, hatte keine Idee von den Londoner Arbeitsverhältnissen und kein Verständniß von den schweren Bc- rufspflichtcn Anderer, die für ihr tägliches Brot arbeiten müssen. Alles, was Rasch über meine Gesinnungen sagt, erkläre ich hiermit als Lüge. Lüge ist, was er bezüglich Neff's sagt, den ich übrigens wenig kannte. Diese Lüge ist beweisbar.„Als ich"—' sagt Rasch—„mit Dr. Schaible von Reff von Emmen- dingen sprach— es war gerade sein Todestag— da hatte er nicht ein Wort für seinen gefallenen Freund." Fr. Reff aber wurde am 9. August erschossen, und ich war an seinem To- destage schon zehn Tage in Bad Wildungen gewesen, als Rasch noch in' London war. Somit ist seine heilige Entrüstung nichts als Wind— Wind wie der ganze Mensch. Der darauf folgende Satz wird durch meinen ftüheren widerlegt. Da läßt er mich über die„Preußen" im deutschen Club klagen, während er mir vorher„Preußenseuche" vorgeworfen. Vor mehr als zwei Jahren sandte ich von hier aus einen Beitrag zur Errichtung von Denksteinen für die 1849 in Baden Hingerichteten. Hat Rasch einen Beitrag gesandt? Mehr als einmal habe ich von England aus die Gräber der Hingerichteten, unter anderen auch das von Reff, besucht, der in der Nähe Dortü's liegt, da wo er erschossen ward. Hat Rasch sie besucht? Wohl nicht! denn er sagt, Neff wäre in Rastatt erschossen wor- den, während cr bei Freiburg, auf dem Kirchhofe der Wiehra, litt und liegt; auch war Neff nicht aus Emmendingen, wie Rasch angicbt. Rasch sollte einem ehemaligen Exilirten kein Mitleiden predigen. Anstatt windiger Worte, wie er sie spendet, haben wir in der Fremde oft mit Leidensgenossen unser Stück Brot zu thcilen gehabt, während er in Saus und Braus zu Hause lebte. Als eine empörende, infame Lüge muß ich die mir von Rasch zugeschriebenen Worte-erklären:„Paris müsse zerstört werden." Vor, während und nach dem Kriege war ich stets ein Freund eines freien Frankreichs— nicht eines bonapartistischen. Während und nach dem Kriege stand ich und stehe ich auf dem Fuße der Freundschaft mit republikanischen und sozialistischen Franzosen, mit französisch gesinnten Elsässern und Lothringern. Stets war es mein Herzenswunsch, den ich oft aussprach, Deutschland und Frankreich versöhnt, als gute Freunde und Nachbarn zu sehen. Denn die Verbrüderung dieser beiden Völker sehe ich als die erste und wichtigste Bedingung einer freiheitlichen Entwickelung Europas an. Mit aller Entschiedenheit muß ich daher die schändliche Verleumdung von Rasch von mir weisen. Ich mache keinen Anspruch auf politische Stellung. Ich hau- dclte stets nur aus politischer Ueberzeugung, ohne Furcht vor dem Bringen von Opfern, aber auch ohne Ehrgeiz. Ich habe Gefängniß, vierzehn Jahre Exil, drei politische Prozesse hinter mir, nebst Vermögensbuße. Trotz alledem bin ich heute noch, was ich war, glaube ich, was ich glaubte. Verleumdungen wie die von Rasch können daher mich wohl schmerzen, mich empören, aber mir nicht schaden. Meine Freunde kennen mich. Der Hannoveraner Rasch sagt, ich leide ap der„Preußenseuche". Es ist dies ein von ihm erfundenes Wort und er ist stolz darauf. Er spielt damit, so oft er nur kann, wie ein muth- williger Knabe mit dem Blasrohr. Er sollte sich aber eines solchen Wortes schämen. Es ist ein Hctzwort gegen einen Volks- theil Deutschlands, es ist ein Stück jenes alten Unterthanen- Hasses, einer Zeit, wo die deutschen Unterthanen eines Fürsten auf höchsten Befehl die eines benachbarten Herrn haßten und schimpften, und von dem heute noch ein Rest an der unteren Donau und im Elsaß besteht, der dem Worte von Rasch an die Seite gestellt zu' werden verdient. Während der hannöverischc Unterthan das Wort„Preußen" als Schimpfwort gebraucht, so brauchen die Elsässer den Namen der biederen Schwaben als solches und nennen die Deutschen spottweise„Schwöb". Die französisch gesinnten Elsässer werden die Erfindung Rasch's wohl bald benützcu und nach ihm Sym- pathie mit Deutschland„Schwabenseuche" nennen. Ich weiß nicht, was Rasch unter seinem Lieblingsworte ver- steht. Meint er das preußische Volk als solches, so liebe ich dasselbe so sehr als einen andern deutschen Volkstheil. Meint er das Regicrungssystem, so liebe ich dasselbe so wenig als das aller anderen deutschen Staaten. Wenn nur er selbst so frei wäre von„Seuchen", unter anderen von Tschechenseuche, Welsen- scuche, Pfaffenseuche und Franzosenscuche.„Mit einem Menschen, der so schändlich auf sein Vaterland schimpft, wollen wir nichts zu thun haben"— so sagte mau ihm vor kurzem im Bureau Oes französisch gesinnten„Alsacicn" in Straßburg. Als er vergangenes Jahr vier Monate hier war, wagte er nie, inir in meiner Gegenwart Vorwürfe zu machen. Er wollte niemals meine Gesinnungen kennen, die ihm jeden Augenblick � zu Gebote standen. Als er aber hundert und zwanzig Stunden Wegs zwischen sich und mir hatte, schrieb er mir einen frechen Brief. Ich widerlegte darauf seine Anklage. Dies hinderte ihn aber nicht, mit echt ritterlichem Gefühle von seinem Schlupf- winkel in der Schweiz die Verleumdungen, die ich zurückgewiesen, schloß er mit folgenden Worten:„Denken Sie aber nicht daran. sich in Jahr und Tag in Freiburg niederzulassen. Es würde Ihnen dort ergehen, wie Freiligrath in Stuttgart. Sie gingen dort wie ein Todter umher."— Wenn Gustav Rasch einen Mann wie Freiligrath, zur Zeit, als dieser auf dem Leidensbette lag, einen„Tobten" nennen konnte, so darf sich Unsereiner nicht beklagen, sondern muß es sich zur Ehre anrechnen, in Verbindung mit ihm verlästert zu werden. Ich zeichne, geehrter Herr Redakteur, hochachtungsvoll Karl Schaible.*) Correspondenzen. s. Mtona, 7. November. Wie der„Hamburger Correspon- dent" erfährt, ist von Seiten der Fortschrittler der Abgeordnete Eugen Richter als Candidat für den ReichstagSwahlkreis Altona-Stormarn in Aussicht genommen. Da kann's interessant werden! Der bisher genannte Candidat, der- Fortschrittler Lutteroth, entbehrt jedes Interesses, er ist nicht für die Oeffcnt lichkeit bestimmt, sein Licht stellt er immer unter den Scheffel— deshalb ist über den Mann gar wenig zu sacjen. Er gleicht der guten Hausfrau, über die auch keinerlei Ansichten im Publikum malten— er mag deshalb auch zu Hause bleiben. Aber Eugen Richter! Mit dem hat's ein anderes Bewenden, und wenn wir erst wissen, daß er definitiv in unserem Wahlkreis aufgestellt ist. dann werden wir über den interessanten Mann auch noch Näheres mittheilen. Bis dahin genüge es, daß bei der Berathung des Bankgesetzes Richter für das Interesse der Privatbanken, des Privatkapitals sehr warm eingetreten ist, daß er ferner hinter dem Rücken seiner Fraktionsgenossen und seines Freundes Duncker als ständiger Mitarbeiter der fortschrittlichen„Volkszeitung" zu gleicher Zeit auch für die matte nationallibcrale„National- Zeitung" geschrieben hat; auch ist es bewiesen, daß derselbe seiner Zeit für ein partikularistisches Blatt(ehemalige„Volkszeitung" in Hannover) correspondirte. Roch ein Schritt nach rechts— die Spalten der„Kreuzzeitung" sind-geöffnet und der Geheime Oberregierungsrath im Finanzministerium ist fertig. n. Aus Schkeswig-Korkein, 5. November. Mit welchen cigenthümlichen Hoffnungen sich die Gegner des Sozialismus herumtragen, mag aus einer Correspondenz erhellen, welche der Berliner„National-Zeitung" aus unserer Provinz kürzlich zu- gesandt worden ist. Wir wollen derselben nur folgenden bezcich- nenden Absatz entnehmen: „Ihr Referent hat in Erfahrung gebracht, daß die sozial- demokratische Partei in Holstein mehr und mehr an Anhang verliert. Einerseits soll hierzu die Unzufriedenheit mit dem zwischen der Hasenclevcrschen und Liebknechtscheu Fraktion geschlossenen Compromiß beigetragen haben, andererseits das erklärliche Mißtrauen gegen das sozialdemokratische Können. Von den großen Versprechungen, welche die Führer der Sozialdemokratie den diesseitigen Wählern vor 3 Jahren machten, ist selbstverständlich keine einzige erfüllt worden, und unser Ar- beiterstand beginnt einzusehen, daß die Leistungen der sozial- demokratischen Führer und Agitatoren für den Arbeitcrstand in keinem Verhältniß zu den großen Opfern stehen, die Erstere vom Letzteren fordern." So viel mir bekannt ist— und ich kenne die Bevölkerung Schleswig-Holsteins besser, als jener National-Zcitungs-Corrcspon- dent—, freut man sich in den Arbeiterkreiscn durchaus über die Vereinigung der früher getrennten Fraktionen; ja mau hat es auch allseitig hier mit Freuden begrüßt, daß gerade Haseuclever und Liebknecht zusammen das Ccntralorgan„Vorwärts" rcdi- gireu, weil dadurch die dauernde Vereinigung noch ganz beson- ders sichergestellt wird. Und daß ich die Wahrheit schreibe, be- weiset wohl am Besten die bedeutende Abonneutenzahl, die der „Vorwärts" gerade in Schleswig-Holstein hat. Daß es natürlich sehr viele Parteigenossen in unserer Provinz gicbt, die das Scheiden Hasenclevers aus der Nähe sehr ungern gesehen haben, ist allzunatürlich, als daß ich darüber weitere Worte verlieren möchte, doch auch diese haben sich schon bald gesagt, daß das Gesammtiuteresse über persönliche Sympathien gehe, und daß unser Freund ja auch sicher einmal von Leipzig aus gele- gentlich einen Abstecher nach Schleswig-Holstein machen wird. Was also der National-Zeitungs-Correspondent über diesen Punkt gefaselt hat, ist einfach in das Gebiet der Phantasie zu verweisen. Die großen Versprechungen aber, welche die sozialdemokratischen Agitatoren den Arbeitern gemacht haben sollen, sind gleichfalls ein Phantasiegebilde des liberalen Eorrespondenten, da ich oft genug gehört habe, daß die sozialistischen Redner besonders be- tonten, daß eine gute Frucht zur Reife lange Zeit haben müsse, und daß der vorgeschlagene Weg, zum Ziele zu gelangen, zwar sicher, aber langwierig und dornenvoll sei. Die Schleswig-Hol- steinische Arbeiterbevölkerung hat einen allzugesunden Sinn und ist auch hinlänglich ideal angelegt, daß sie keine gebratenen Tauben verlangt, die so plötzlich in den Mund fliegen sollen. Wir werden hier muthig und energisch weiterkämpfen— weder reaktionäre Gewaltthaten, noch liberales Gefasel werden uns von dem Wege abbringen.— Am 10. November feierte ein Arbeiter in Flensburg sein 50jähriges Jubiläum als Packer der schleswig scheu Austerncompagnie. Dabei kann der Mann zurückblicken und berechnen, wie viel von dem Ertrage seiner Arbeit das Kapital ihin genommen hat— es würde ein nettes Sümmchen herauskommen. Und blickt der Mann zurück und berechnet er daS, so wird er auf seine alten Tage noch Sozialdemokrat. V. Krankfurt a. W., 4. November. Meine letzte Cor respondcnz hat hier allgemein Beachtung gefunden; selbst von Mitgliedern des demokratischen Vereins wurde mir— sie wußten natürlich nicht, daß ich der Verfasser derselben bin— zuge- standen, daß der Verein in eerporc sich durch die mysteriösen Wahlumtriebe befleckt habe. Die Spaltung im Schooße des demokratischen Vereins ist Thatsache, und wenn es noch nicht bei einem größern Theile zum offenen Bruche gekommen, so war daran jedenfalls der neuliche Compromißschacher nicht schuld, sondern nur dessen starkes Disziplinbcwußtsein, welches ihn noch am Ganzen festhält. Weitere Thatsache ist, daß Manche der „bürgerlichen" Demokraten bei der nächsten Reichstagswahl ihre Stimmen dem sozialistischen Candidaten geben werden, und *) Der betr. Artikel ist im„Volksstaat" erschienen, dessen Eingehen> dem Herrn Einsender offenbar unbekannt geblieben ist(er richtet seine „Antwort" an den Redakteur des„Volksstaat"). Da aber der„Bolls- i ßaat" ein offizielles Parteiorgan war, und jetzt kein anderes offizielles Parteiorgan besteht als der �.Vorwärts", so halten wir uns zur Auf- nähme, und zwar zur unveränderten Aufnahme der„Antwort" in den Vorwärts" für verpflichtet, obgleich der Ton ein sehr heftiger ist und � Manches z. B. das über das Waschweib und den Waschlappen Karl Blind Gesagte, unseren Ansichten durchaus zuwiderläuft. Wir kön-zz. radikalen Demokratie erachten, die bewußt negirende Gruppe im Reichstage den professionsmäßigen Jasagern gegenüber zu ver- stärken.— Gestatten Sie mir nun noch, auf ein Uebel der hie- sigen Stadt aufmerksam zu machen, das ebenfalls im„Vorwärts" gebrandmarkt werden muß, weil es in seinen Wirkungen nicht blos Frankfurt, sondern ganz besonders auch den Süden und Süd- westen Deutschlands vergiftet. Es sit dies die Rubrik„Lokales" in unserer Presse(ausgenommen natürlich den„Volksfreund"). Nehmen Sie einmal die„Frankfurter Zeitung", das„Frank- furter Journal", den„Beobachter", den„Anzeiger" und die zwar, sagen sie, nicht etwa, weil ihnen die Person des letztern vesonders sympathisch sei, sondern weil sie es im Sinne der „Reue Frankfurter Presse", und Sie werden finden, daß alle diese Zeitungen, �so sehr auch sonst ihre Tendenzen auseinander- gehen, in diesem Theile alles gleichlautend bringen und brü- derlich mit einandergehen. Dies allein wäre indeß nicht das Verwerflichste, das Verdammungswertheste ist der heillose Inhalt, den ein Wüstling zusammenstöppelt, der, man sieht es tagtäglich an seinen Leistungen, eine besondere Wollust empfindet, sich im Schmutz wälzen zu können. Unzuchtepisoden und dergleichen verarbeitet er mit einer Behaglichkeit und in einer Breite, daß die hiesige Zeitungslcktüre thatsächlich eine Gefahr für die Fa- Milien wird. In der schamlosesten Weise reihet er Zote an Zote, Gemeinheit an Gemeinheit und degradirt dadurch die Reporterschaft Frankfurts zur Schande Frankfurts. Dieser Mensch, der ftüher als sogenannter„Diebsmüller" nur ordinäre Gassengeschichten sammeln konnte, weil er von jedem Anständigen gemieden war, wird jetzt von Behörden und Privaten benutzt, und zwar benutzt im buchstäblichen Sinne des Worts. Es heißt, daß er für Geld spricht oder schweigt und, da er der fast ein- zige Kanal ist, durch den die hiesigen Zeitungen ihre Nahrung für den lokalen Theil beziehen, sprechen oder schweigen, je nach- dem der privilcgirtc Reporter sich zu verhalten das meiste In- teresse hat, auch alle hiesigen Tagesblätter, mit Ausnahme des „Bolksfrcund". Ist das nicht erbärmlich? Sollte den Frank- furtern nicht die Schamröthe auf die Wangen treten angesichts einer solchen Schande? Es ist freilich Usus aller Bourgeois- blätter, daß sie aus ihrem lokalen Theil einen Sumpf machen, der die Luft verpestet, allein in Frankfurt ist dieser Theil der Zeitungen zum Schandwinkcl geworden, in den alle Schamlosig- leiten der Stadt geworfen werden, sofern sie von solchen her- rühren, die nicht irgendwie in der Lage sind, dem Allerwclts Reporter den Mund zu stopfen. Dessen Beziehungen zu ein zclncn Stadtverordneten-, Magistrats- und einflußreichen Mit- gliedern anderer Corporationen sind offenes Stadtgeheimniß. Suchte man sich Material zur thatsächlichcn Begründung der ausgesprochenen Beschuldigungen, es wäre geradezu nicht zu be- wältigen, so riesig ist die Fülle des Anklagestoffes, und es wun- dert uns nur, daß selbst der hiesige„Bolksfreund" noch nicht die Sonde an diese Eiterbeule der hiesigen Stadt gesetzt hat. Schließlich sei noch ein weiterer Uebelstand erwähnt, der darin besteht, daß hier eine unparteiische und rückhaltlose Kritik der communalen Angelegenheiten durchaus vermißt wird. Es er- eignen sich im Schooße des Magistrats, der Stadtverordneten, der einzelnen Stadtverordneten-Commissionen Dinge, die an die Äbderitcn erinnern, ohne daß sie von der Kritik gehechelt werden. Zwar haben wir einen„Beobachter", dem nach Aufhebung der Stempelsteuer eigens ein Communalblatt angegliedert wurde, von welchem man sich seiner Zeit viel versprach, allein wir haben auch einen Kanngießer, der in seinem Hauptblatt allerdings mit einer wahren Todesverachtung gegen den armseligen Scrben- fürsten und den»xent provocateur Tschernajew zu Felde zieht, der aber in seiner eigenen Commune„Gott einen guten Mann" sein läßt. Sein„Communalblatt" ist gegenwärtig ausgefüllt mit einer rührenden Erzählung der Annexion vom Jahre 1866, neben welcher selbstredend kein Raum mehr ist zu einer Kritik der Thatcn unserer„Väter" und. dann ist, wissen Sic, Herr Kann- gicßer auch ein—„Vater". Leipzig, 7. November. Alle Gesinnungsgenossen des 10., 11., 13. und 14. Wahlkreises werden aufgefordert, von jeder öffentlich stattfindenden gegnerischen Versammlung uns so- fort, im Nothfalle telegraphisch, Nachricht zu geben, damit un- verzüglich Redner und Stenographen auf den Kampfplatz gesendet werden können. Insbesondere soll dafür gesorgt werden, daß dem Bürgermeister Heinrich aus Borna(Candidat der Conser- vativen, das sind die ausgesprochenen Reaksionäre), dem Bürger.- meister Ludwig-Wolf aus Großenhain(Candidat der National- Liberalen, das sind die nichtausgesprochenen Reaktionäre), dem Buchhändler Findel aus Leipzig(Candidat der Fortschrittler, das sind die verschämten Reaktionäre), sowie endlich deren Schild- knappen, dem bekannten Blum(Hans), Professor Birnbaum (beide aus Leipzig) und Kaufmann B. Sparig aus Reudnitz, überall wo sie den Muth haben sollten, vor die Oeffentlichkeit zu treten, gründlich die Wahrheit gegeigt wird. Also Acht ge- geben! Das Central-Wahlcomitö. I. A.: Chr. Hadlich, Färbcrstr. 12, II. Wordyausen. Daß die Landtagswahlen sich nur einer äußerst geringen Betheiligung auch hier am Orte zu erfreuen hatten, wird den geehrten Lesern gewiß nicht auffallend sein, selbst wenn wir hervorheben, daß man von liberaler und con- servauvcr Seite bedeutende agitatorische Anstrengungen gemacht hatte. In der Versammlung, in welcher der bisherige Vertreter unseres Kreises im Landtage, der große Fortschrittler Mühlen- beck einen sogenannten Rechenschaftsbericht gab, interpellirten unsere Genossen denselben wegen seiner Stellung zn dem abge- lehnten ultramontanen Antrage auf Einführung des gleichen di- recten Wahlrechts. Nach dadurch hervorgerufener einstündiaer, lebhafter Diskussion über die sociale Frage, an der sich unsere Parteigenossen Hollnagel, Lorenz und Koschmiedcr siegreich be- theiligten, gab Herr Mühlenbeck die famose Erklärung ab, daß er bei einer eventuellen Wiederwahl auf unsere Stimmen ver- zichte und sich aus der Versammlung entfernen würde, wenn man dies Gebiet der Diskussion nicht verlasse. Bald darauf präcisirte in einer Wählerversammlung Ge- nosse Wolf aus Halle unseren Standpunkt gegenüber den dem- nächstigen Wahlen und erntete allseittgen Beifall. Bei der nun folgenden Agitation der Liberalen für die Landtagswahlen in den umliegenden kleineren Städten, wurde von unserer Seite Wahlenthaltung empfohlen, und dürfte zum großen Theil in Folge dessen der Procentsatz der Landtagswühler nicht 10—15 Proccnt erreicht haben. Am Sonntag, den 22. Okt., hatten wir ein allgemeines Volks- fest arrangirt, das von über 400 Personen besucht wurde. Neben Deklamationen und Concert wurde das Theaterstück„Demos und Libertas"(Neue Welt, Heft 10) zur Aufführung gebracht. Das Fest ist als ausnehmend gelungen zu betrachten; kein Mißton störte es, bis zum frühen Morgen waren die Festtheilnehmer ftöhlich beisammen. Bedauerlich ist es, daß so wenig Bauhand- werter anwesend waren. Wir standen bei der- Landtagswahl Gewehr bei Fuß, doch .»un muß bei den Genossen des hiesigen Wahlkreises dahin ge- 'wirK werden, daß Agitationsgelder gesteuert werden, damit wir thatkräftig in die Wahl eingreisen können. Sollten wir auch nicht den Sieg davon tragen, so ist es doch bei den hiesigen Parteivcrhältnissen der Gegner sehr leicht möglich, daß wir bei tüchttger Agitatton eine Stich-Wahl erzwingen. Gelder nimmt in Empfang der Kassirer des sozialdemokranschcn Wahlvcreins, Herr Hollnagel, Hundegaffe 11. Mit sozialdemokr. Gruß, � Schulze. Aus dem zweiten Weininger Wahlkreis, 7. November. „Herr Dr. Laster kämpft um seinen Rcichstagswahlsitz im Meininger Land und hat unter vielem Beifall in Saälfeld, Pößneck ze. geredet"— so berichtet der Chorus der national- liberalen Blätter und Blättchen. Da ich nun z. Z. wohl am Besten in der Lage bin, über die Lasker'sche Agitation einige Auskunft zu ertheilcn, so will ich für die Leser des„Vorwärts" einen kurzen Bericht abgeben. Vorige Woche wurde ich von den Genossen in Pößneck durch den telegraphischen Ruf über- rascht:„Der Lasker kommt". Einen Tag später wurde mir die bestimmte Nachricht, daß der„große Doktor", mein verehrter Gegner in diesem Wahlkreis, am Samstag in Saalfeld in einer „öffentlichen Versammlung des liberalen Wahlvereins" Bericht über seine bisherige Thättgkcit erstatten und sein„Programm" für die bevorstehende Wahl entwickeln werde. Dabei war der Wunsch angefügt, ich möchte kommen und Herrn Lasker gegen- über treten. Obwohl ich mir gleich im vorhinein dachte, wie sich die Sache bezüglich des„Gegcnübcrtretens" auswachsen würde, kam ich doch dem Ruf mit Vergnügen nach. In Folge verspäteten Eintreffens des von mir benutzten Zuges in Hof ge- langte ich erst Nachts halb 11 Uhr in Saalfeld an und hatte nur noch Gelegenheit, das„Hoch" mit anzuhören, das die Liberalen in Hellmuth's Saal ihrem Halbgott(ihr ganzer ist ja bekanntlich Bismarck) ausbrachten, der mit unverwüstlicher Ausdauer, trotzdem eine Anzahl der Anwesenden aus Verzweif- lung davongelaufen' war, zwei und eine halbe Stunde„geredet" hatte. Es war aber eigentlich nichts verloren, denn es war zu Anfragen— und zu nichts weiter— nur zehn Minuten Rede- zeit gewährt worden.— Sonntag Nachmittag fand unsererseits eine sehr gut besuchte Versammlung im Schützenhausc statt, über welche wohl die dortigen Genossen selbst Bericht erstatten werden. Abends fuhr ich dann in Begleitung von etwa 20 Saalfeldern nach Pößneck, um dort Freund Lasker abzufangen. Tie Ver- sammlung im dortigen Schützenhaussaale war bereits eröffnet, als wir ankamen, und Lasker schon im vollen Zuge, das Reich, mit dem was drum und dran hängt, zu verherrlichen und zu zeigen, wie reaktionär das deutsche Volk gesinnt sei, und daß es aller Anstrengungen der liberalen Partei bedurft habe, um reakti onäreGesetze zu verhindern! WirNürnbergerhattcn bisher unfern Frankcnburger immer für den Ausbund aller ad- vokattschen Unverfrorenheit und Rabulistcrei gehalten, allein hier sollte ich erfahre», daß Lasker den„Rummel" doch noch besser versteht.„Es geht ein reaktionärer Zug durch das deutsche Volk," sagt der„gewiegte Parlamentarier",„der Reichstag und die einzelnen liberalen Abgeordneten wurden mit Petitionen förmlich bestürmt, dem Verlangen der Regierung betreffs der Präscnzziffer von 401,000 Mann nachzugeben. Um nun diesem reaktionären Verlangen des Volkes einen Damm ent- gegenzusetzcn, haben wir zu dem Scptennat gegriffen und auf diese Weise dem drohenden Conflikt vorgebeugt." In diesem Tone ging es etwa eine gute Stunde fort, nach welchem Zeit- räum der geehrte Herr Abgeordnete unter kolossalem Beifall der Liberalen endete. Es gehört doch wirklich eine unglaublich kecke Stirn dazu, jenes infame Reptilienmachwcrk, den sogenannten „Petitionssturm", der gelegentlich jener Reichstagsvcrhandlungen provozirt worden war, in einer Versammlung erwachsener Men- scheu als Bolkeswille hinzustellen! Es ist dies sowohl ein Beweis für die unerhörte Charakterlosigkeit der„liberalen" Agi- tatoren, als für die Gedankenlosigkeit oder Verkommenheit eines Publikums, das sich so etwas bieten läßt, ohne dagegen zu pro- teftiren, ja welches fähig ist, noch jubelnd zuzustimmen.(Schluß f.) Feuchern. Am vergangenen Freitag Abend fand Hierselbst eine gut besuchte Versammlung statt, in welcher Parteigenosse Klute rcferirte. Der anwesende Bürgermeister löste plötzlich die Versammlung auf und ließ Klute verhaften und in das Kreisgerichtsgcfängniß zu Zeitz abführen. Einen Grund haben wir nicht finden können. ! Striegau v. E. Schön 1,10; Junkerken V.G.L. 45,00; Helmar! ' hausen v. D. Bönning 2,00; Leipzig d. H. Jansen Liste 1033: ,5,50, Liste'1040: 5,20, Liste 1041: 6,45, Liste 3999: 3,65; i Hohenfelde Liste 60 d. Lehmkuhl 2,90; Lauenburg v. Arbeitern der Lauenburger Eisenbahnbrücke d. Schröder 10,20; Mölln d. � Schwarz(Kapell) 6,00; Otterndorf d. Breuel 12,30; Gößnitz d. � L. Etzold 7,10; Harburg v. d. Schiffszimmerern d. Groß 50,00; � Reiherstieg v. d. Schiffszimmern d. Groß 80,00. Hamburg, 8. November 1876. Mit Gruß August Geib, Rödingsmarft 12. Briefkasten der Redaktion. An verschiedene Correspondenten: Die Adresse Dreesbach's ist: August Dreesbach, 0. 3. 6. Mannheim; Hirsch's Adresse: C. Hirsch, liue Dunkerque 6, Paris.— Verein der Töpfer und Berufsgenossen in Wiesbaden: Derartige Steckbriefe dürfen wir laut Congreßbeschluß nicht aufnehmen.— R. St. Pößneck; Ihr Bericht ist durch eine längere Correspondenz erledigt. der Expedition. W. Paschburg, Barmstedt: Wir haben bei der Post Nachftagc gehalten) das Resultat theilen wir Ihnen nach Eingang mit. Quittung. Nmz Wien Ab. 10,00. Vgntz hier Schr. 4,55. Hrt Wiesbaden Schr. 1,50. Kng Hemelingen Schr. r,I0. Hsstn u. Vglr hier Anw 2,50. Ptmnn Duisburg Ab. 4,00. Fschnr Flensburg Ann. 0,70. Lndmnn Burgdamm Schr. 5,00. Bll Constanz Schr. 5,00. Br. Lichtenstein Schr. 12,15. Pschn Stockum Schr. 0,65. Wttg hier Ab. 1,70. Wgnr Waldheim Ann. 0,70, Schr. 2,00. L. Greiz Schr. 2,00. Arb.-Bildungs-Berein hier Ann. 7,30. Cigarren-Arbeiter-Verein hier Ann. 1,20. Grd Stötteritz Ab. 4,80. Mrtn Schmölln Ab. 3,90. ZhMr Darmstadt Ab. 13,50. Gmbrt Osnabrück Schr. 5,00. Khl Duis- bürg Schr. 28,24. Lsch Chemnitz Schr. 6,88. Mdlr Greiz Schr. 25,00. Drng Danzig Schr. 6,70. Bll Constanz 5,00. Mnk Remscheid Schr. 2,65. Brgr Altötting Schr. 8,40. Alxndr Odlczn Schr. 2,85. Mhnr Schönau Schr. 6,00. Kirsch Forste Schr. 3,80. Schr. Vevcy Schr. 6,00. Lhmnn Pforzheim Schr. 12,50. Hchbrg Frankfurt Schr. 7,15. Leipzig. Oeffentliche Quittung. Seit dem 15. Oktober habe ich für nachbenannte Fonds ein genommen: a) Agitationsfonds. Altona vom 30. Septbr. d. Gundelach M. 25,11; Meldorf Auer 2,00; Cuxhaven d. Breuel 1,60; Lauenburg d. August Kapell 5,00. b) Unterstützungsfonds. Augsburg d. Hörauf 6,00; Mühltroff v. I. Kunz d. Hasse 1,00; Hamburg vom Ball des Frauenvereins 26,27; do. von Kotkamps Fabrik d. Quedner 6,00; Groß-Auheim d. Bergmann 6,00; Stcinwerder vom Ball d. Kerl 9,62; Crimmitschau durch F. Böttger 5,45; Apcnrade d. Johannsen 0,30; Gera d. H. Prell 7,40, Ermsthal Vergnügen v. Arb.-B.-B. d. Bennewitz 4,25; Flensburg d. Leiding 6,78; Malente durch C. F. Stuhr 5,80; Leipzig d. H. Jansen 24,40. v) Wahlfonds. Hamburg v. Formern d. Plettner 5,00, do. v. F. Schwartz' Tischlerwcrkstclle 3,10, do. 3,00, do. 3,05; do. von den Hafen- arbeitern 54,00; d». v. d. vereinigten Segelmachcrn des Elb- stromes 120,00; do. d. W. Taube v. Geburtstagsfest 3,00; do. v. Möller's Cig.-F. 2,25; d. Liste 5 d. Schultz 5,00 und 4,80; do. d. Schultz Sammelbuch 5,20; do. v. Hagel 6,00; do. von M. Heuer 0.60; do. v. Ball der Schiffszimmerer d. Döscher 13,70; do. Liste 3955 d. Opp. 1,40; do. Liste 13 d. Seyffarth 4,80; do. Liste 57 d. Prey 3,00; do. d. Striegau 5,25; do. v. Wttmnn 9,00; do. v. Silvanus 10,00, do. Ueberschuß v. Fest d. Metallarbeiter d. Dcisinger 47,85; do. Liste 3953 d. Messer 2,30; do. v. d. Tischlergesellen bei Ahlcrs 4,40; do. von den Maurern M., Schr., H., Br., St., Th. u. W. 27,30; do. aus Meyer's Stockfabrik durch Mentzel: 8 Listen 79,45; Altona von Sieck's Fabrik d. Gundelach 55,73; do. v. d. Gypsern 125,00; do. v. Schröder's Fabrik 50,00; do. v. Drogmeyer's F. 8,00; do. v. Boten Solomon 3,00; Bützfleth v. Schultz 4,00; Kauf- beuren Liste 2163 d. Neuhauser 2,50; Eimsbüttel Liste 120 d. Grübcr 14,85; do. L. III d. Weinert 9,20; Lechhausen L. 1247 d. Lichtcnsteiger 4,20; Cöpenick d. W. Schmidt 9,00; Barmen v. B. Gräser 10,00; Lüneburg d. B. 4,65; Geislingen v.J.B. 5,00; Erfurt d. M. Haack 3,00; Reichenbach i. V. Liste 1575 bis 1585 d. R. Müller 33,40; Groitzsch Liste 1243 d. G. Reichelt 5,34; Niederwürschnitz v. B.-V. durch A. Schramm 3,80; Wer- den b. H. v. M. Naujock 6,00; Oschatz Liste 2372 durch Böhm 4,15; Baden Liste 2351 d. Kühn 5,73; London d. I. Mors v. Arb.-B.-B. 76,30:. do. von zwei Freunden in London 203,70 Anzeigen zc. Krankenkasse für Cigarrcnarbeiter und Sortircr. In der am 36. Juli d. I. abgehaltenen Generalversammlung wur- den folgende§§ 3, 7, 12, 13, 14, 22, 24 abgeändert und die§§ 30 und 47 ergänzt. Nachdem die Genehmigung den 3. Novbr. d. I. durch das Königliche Gerichtsamt im Bezirksgericht zu Leipzig, Abtheilung für Genossenschaft, ertheilt wurde, treten obige Abänderung und Er- gänzung bis auf die§§ 14 und 30 sofort in Kraft. Die§z 14 und 30 jedoch erst den 4. Dezember d. I., so daß mit.der vorletzten Steuer dieselbe von 60 auf 70 Pf. erhöht wird. Leipzig, den 7. November 1876.(F212)(120 Im Auftrage des Ausschusses: Herm. Becher, Vorsitz. Gewerkschaft der Schuhmacher) Montag, 13. November, Abends 8 Uhr: Versamm- lung bei Richter, Roßplatz 9. Tagesordnung: Wichtige Angelegen- heiten. Das Agitationscomitö wird aufgefordert zu erscheinen.(50 Ter Bevollmächtigte. ftptNzJ/l Allgemeiner deutscher Schncidervereiu. ■>-1- If» 5�0* Montag, 13 November, Abends 8 Uhr, im„Thüringer Hof"(Burgstraße): Versammlung. Tagesordnung: Neuwahl der Arbeitsnachweis-Commission.— College«, welche dem Verein auch nicht angehören sind hierzu freundlichst eingeladen. D. B.(50 Dienstag, den 15. November, Abends 8, Uhr, in der„Tonhalle": Volksversammlung. Tagesordnung: Die materielle Lage der Leipziger Commune. Referent A. Bebel.______ Der Einberufer.[80 Da sich hier das Kreiscomitö für- den 10. fach. Wahkkrcis gebildet hat, werden die Genossen, besonders die von Leisnig, ersucht, ihre Adressen schleunigst dem Unterzeichneten anzugeben. (F322)_ H. Wegner, Augaffe 148.(60 Leipzig. Waldheim. Achtung! Soeben erschien: ie JFalvel Sozial-demokratisches Wahlflugblatt Nr. 4 für den 10., 11., 12., 13. und 14. sächsischen Wahlkreis. Inhalt: Robert Blum. Gedicht. Zum Gedächtniß an die„ge- setzliche" Ermordung Robert Blum's in der Brigittenau zu W'en am 9. November� 18t8.— Die Leipziger Commune.— Oeffuet die Augen, Kleinbürger!— Correjpondenzcn.— Nationalliberaleö Maulhcldcnthum.— Fackelsunken.— Pfui Blum! Zur Erinne- rung an das Votum des Dr. Haus Blum für die Todesstrafe. Preis per Stück 5 Pf., Wiederverkäufer erhalten hohen Rabatt. — Bestellungen bei der Expedition des„Vorwärts", Färber- straße 12, Leipzig. Verlag der„Fackel". Die Abonnenten der„Neuen Welt" in Duisburg, Dortmund, München und Offenbach a. M. werden gebeten, sich wegen Forlbezug des Blattes mit dortigen Partei- Ver- trauensleuten in's Einvernehmen zu setzen, da die bisherigen Expe- ditions stellen Unregelmäßigkeiten haben einreißen ssassen, welche wir von hier aus nicht ordnen können. Für München suchen wir einen verläßlichen Colportcur, aus- schließlich für die„Neue Welt", unter günstigen Bedingungen. Früherer Abonnentenstand daselbst: 350. Leipzig. Die GenosscnschaftSbnchdruckerei. Färberstraße 12/11. Greulich, Forst N./L. wird aufgefordert, umgehend Ordnung zu schaffen!_____ Bekanntmachung. Der vormalige Redakteur des„Volksstaat", Herr Rudolph Benjamin Seiffert, und der Schneider Herr Julius Heymann in Coburg sind wegen der in denjenigen Artikel», welche in den Nrn. 26, 31 und 34 des„Volksstaat" vom vorigen Jahre unter der Ueberschrift„Coburg" ersichtlich sind, enthaltenen, in Mitthätcrschafl verü'ten Beleidigungen von Personen des 6. Thüring. Jnfanteric-Regiments Nr. 95 in Bezug auf deren Beruf»ach§§ 47, 185 und 186, 73, 74, 196 des Reichs- strafgesexbuchs, sowie Nr. 20 des Reichspreßgesetzes ein Jeder zu Bier Wochen Gefängniß und Tragung der Untersuchungskostcn rechtskräftig verürlheilt worden, was in Gemäßheil von§ 200 des vorgedachten Sira gesetzbuchs antragsgemäß hierdurch bekannt gemacht wird. Leipzig, den 2. November 1876. Königliches G richisamt im Bezirksgericht Abtheilung für Strafsachen. Bieler. Verantwortlicher Redakteur: W. Hasenclever in Leipzig. Redaktion und Exvedition Färberstraßc 12/Il. in Leipzig. Druck uud Verlag der Genosfensämstsbuchdruckerei in Leipzig