Erscheint in feiptig Mittwoch, Freit ag, Sonntag. Abonnemrntsprcis sür ganz Deutschland I Ä!. K0 Pf, pro Quartal. Monats» Abonnements werden bei allen deutschen Postanftaltcn aus den 2. und 3. Monat, und aus den 3. Monat besonders angenommen� im jtZnigr. Sachsen und Hcrzogth. Sachsen- Altenburg auch aus den tten Monat des Quartals ii 54 Psg. Inserate betr, Bersammlunge» pr, Petitzeile lvPf., betr. Prioatangelegenheiten und Feste pro Pentzcile 30 Ps. Vorm ürt Leflcllungen nebmen an alle Postanstalten und Buchhandlungen des In- u. Auilandce, Filial» Expeditionen. New-Porl: Soz,-demolr. Slcuossen» schastsbuchdruckcrei, 154 Llr. Philadelphia: P. Haß, 630 Korth 3-4 Street. 3. Boll, 1129 Charlotte Str. Chicago: A, Lanscrmann, 296 vivi- siou Street. San FranziSeo: F, Entz, 418 v'?ar- reU Street. London: Baudltz, 5 Xagsnu Street, bliälllesea Hoapual. Gentrat Hrgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 8. Freitag, 19. Januar. 1877. Parteigenossen! Sorgt für Geldmittel zu den engeren und Nachwahlen! Aus nur wenigen Orten sind bis jetzt Ab-! rechnungen für Dezember eingegangen, freiwillige Beiträge nur aus einzelnen. Sendungen sind zu richten an A. Geib, Ham- bürg, Rödingsmarkt 12. 10. Januar. Das war ein herrlicher Siegestag Wohl in dem deutschen Volke, Der Freiheit Sonne bricht hervor, Verscheucht der Knechtschaft Wolke. Berlin und Hamburg, Altona, Breslau und Dresden, Bremen, Auch Braunschweig braucht sich dieses Tags Fürwahr noch nicht zu schämen. Von Nord und Süd und West und Ost, Aus Dorf und Stadt die Runde, Allüberall, es strömt herbei Die frohe Siegeskunde. Das„kleine Häuflein-, wie es wächst— Das Rind erwächst zum Manne, Wer ist so stark, daß er heut' noch Den Geist der Freiheit banne? Und vorwärts, vorwärts geht der Kampf, Kein Ruhen gilt, kein Rasten, Wir stehen zu der Fahne treu, Die einmal wir erfaßten. Nicht Waffenstillstand giebt's; der Sieg, Der ganze kann nur frommen, Bis daß das Volk zu seinem Recht, Zur Freiheit ist gekommen. Die Wohlfahrt Aller ist das Ziel, Gerechtigkeit für Alle Das Fundament, woraus beruht Der Zukunft Freiheitshalle. Drum auf, o Volk, und halte fest Und treu zu unsren Fahnen, Es gilt zu deinem eignen Wohl Den Weg jetzt weiter bahnen. (Braunschw. Leuchtkugeln.� 24 Stichwahlen! Bei 24 Stichwahlen kommen sozialistische Candidaten in Be- tracht; 24 Siege können wir noch erfechten. Daß unsere Gegner alle ihre Kräfte daran setzen werden, dies zu verhindern, ist selbstverständlich; aber auch wir wollen unsere volle Kraft einsetzen, den Sieg an unsere Fahnen zu seffcln. .Die Bestürzung im gegnerischen Lager ist groß, benutzen wir dle,elbe und nehmen, indem wir uns bis zum Aeußersten anstrengen, bei den engeren Wahlen Position auf Position. Wir fordern Viel, sehr Biel von unfern Parteigenossen, aber die Sache, für welche wir die ganze Thatkrast, die ganze Opferwilligkeit fordern, ist groß und hehr, sie ist die Sache der Menschheit.. Für diese Sache Alles einzusetzen ist Pflicht jedes Mannes. Deshalb auf mit aller Kraft an's Werk! Nach dem 10. Januar. Vernichtend wie der Blitzstrahl ein morsches Gebäude, so hat der 10. Januar die Berliner„Fortschritts"-Partei getroffen; es war ein Todesstoß, den der Sozialismus dem„Fortschritt" er- theilte, von welchem es keine Erholung, keine Rettung mehr giebt. Und wie wiegte man sich in Sicherheit, wie zweifellos er- schien im gegnerischen Lager ein„glänzender Sieg", wie ent- sernt galt die Gefahr einer Niederlage:— so schlummert der Unbedachte am Abgrunde und erwacht erst, wenn er in denselben hineinstürzt. Aber das Faule, das Falsche gehört in den Ab- grund der Vernichtung und das Berliner Volt kann sich gratu- liren, sich endlich einmal von dem lastenden Alpe des„Fort- schritts" befreit zu haben. Noch wird es sich dessen kaum be wüßt sein, auch kann eine vorübergehende, in Folge des sozia listischen Sieges eintretende Reaktion den Schein des Gegen-. theils wachrufen: aber die günstigen Folgen desselben können. und werden nicht ausbleiben, sobald die Bevölkerung Berlins sich selbst und der soeben mit vollster Ueberzeugung gewählten Fahne treu bleibt. Im„fortschrittlichen Lager" sucht man sich noch zu trösten, wenn auch hinter diesem Bemühen die pure Verzweiflung sich nur schlecht versteckt; man macht sich selbst den Vorwurf, nicht voll und ganz seine Schuldigkeit gethan zu haben, man jpreist himmelhoch die„Organisation" der Sozialdemokratie; doch das sind Alles nur gesuchte Ausreden, die das Eine verdecken sollen, das allerdings furchtbare Bewußffein, seine Existenz und was mehr ist, seine Existenzberechttgung, verloren zu haben, die nur in der Wahrheit und in dem Rechte des Prinzips und seiner Vertretung nach Außen hin beruht. Die Fortschrilts- Partei hat sich in beiden Beziehungen nicht bewährt. Nicht nur ihre Prinzipien waren und sind un- zureichend oder falsch, sondern sie selbst ist denselben oben- drein noch in den verschiedensten Fällen untreu geworden. Die Fortschritts- Partei hatte vergessen, daß auch in dem politischen Leben das Shakespeare'sche Wort gilt:„Vor allen Dingen bleib Dir selber treu!" Wir haben ihr zu wiederholten Malen poli- tische Charakterlosigkeit und Heuchelei nachgewiesen, und ist es denn da so wunderbar, wenn das zum Bewußtsein erwachende Volk sich von ihr lossagt und die Führung seiner Angelegen- heiten in der Oeffentlichkeit ehrlichen, consequenteren und darum würdigeren Männern anvertraut? Also nicht sozialistische„Minir-Arbeit", nicht politische Ur- theilsunfähigkeit der großen Masse hatten am 10. Januar der „Fortschritts"-Partei in Berlin und damit im ganzen Lande eine Niederlage bereitet, sondern die Wahrheit und Gerechtigkeit der sozialistischen Forderungen und Grundsätze. Die Sache an- ders darzustellen ist Schwindelei und noch mehr: es ist eine Beleidigung all' der 34,000 Wähler, welche am letzten Wahltag ihre Stimme für einen Sozialisten abgegeben haben, indem sie dadurch zu unmündigen, urtheilslosen Leuten gemacht werden, die, einem oberflächlichen Eindrucke folgend, sich bei der Wahl hätten verleiten lassen. Es scheint uns sogar unklug, jetzt, wo es sich noch um verschiedene Stichwahlen handelt, in der Weise zum Volke zu sprechen, es könnte schaden und die Herren Fort- schrittler mögen aus dieser unserer wohlgemeinten Warnung er- sehen, wie tief wir von der Sicherheit und Wirssamkeit unserer Sache überzeugt sind, da wir sie sonst jedenfalls nicht hindern würden, sich beim Volke noch mehr zu compromittircn. Die Reaktion— und darauf kommen wir ein andermal noch des Näheren zu sprechen— jubelt selbstredend über diesen Sturz des hauptstädtlichen Fortschritts- Götzen, sie hofft auf eine um so schnellere„Umkehr";— nun, wir werden ihr diese Freude schon verderben, trotz Polizei und Tessendorff. Haben wir gegen diese, vielleicht auch mit diesen so viel vertragen können, so werden wir jetzt gewiß auch noch Größeres erreichen; Zufriedenheit stellt sich bei uns erst mit ganz errungenem Ziele ein und da unser Ziel mit der naturnothwendigen EntWickelung auch immer weiter geht, so ist unser Streben ein unendliches. Die Reaktion mag sich von der Gewalt Rettung erhoffen, die immer ihre einzige Stütze war: sie kann, wie schon oben ge- sagt, einen augenblicklichen Rückschritt, eine Freiheitsverkürzung herbeiführen, aber das Volk wird„auf der Wacht" sein und wir werden es wanien. Zeigt sich aber in der That die Reaktion, dann wollen wir einmal sehen, wer sich mit aller Kraft gegen dieselbe auflehnen und ob der Liberalismus noch irgendwelche Widerstandsfähig- keit haben wird. Mnn drohte dem Volke mit der Reaktion, falls es sozialistisch wählte, aber warum that man es? Weil man sich sagte, daß ein Sieg des Sozialismus allen Mittelparteien ein Ende machte; daß es dann nur zwei Parteien gäbe, die des Sozialismus und der Reaktion, und daß der„Fortschritt" dann in die letztere ebenso sehr hincingehörte, wie die Conservativen. Das ist das bekannte Wort von der„großen reaktionären Masse". Aber weiter! Wir zweifeln nicht, daß die Reaktion kommen wird: hat sie denn der Sozialismus verschuldet? Sie könnte nicht kommen, wenn es dem Liberalismus Ernst wäre um einen Widerstand gegen dieselbe; aber sie muß und wird, wenn auch nur auf kurze Zeit, kommen, weil der Liberalismus nicht wider- stehen kann, und, was die Hauptsache ist, gar nicht widerstehen will. Der Liberalismus selber also ist Schuld an einer herein brechenden Reaktion; den Sozialismus dafür verantwortlich machen, heißt geradezu den Sachverhalt auf den Kopf stellen. (Berliner Freie Presse.) Ein Brief aus Nordamerika. Aus Columbia(dem zu keinem Staat gehörigen Bundes- distrikt der vereinigten Staaten, in welchem die Bundeshaupt- stadt Washington liegt) vom 18. Dezember wird uns geschrieben: Der Süden der Bereinigten Staaten besitzt im Gegensatz zu dem Norden manche interessante Verschiedenheit, namentlich Vieles, was für die Kenntniß der hiesigen sozialen Zustände wirklich lehrreich ist, so daß es sich in der That lohnt, diesen Zuständen in der sozialistischen Presse Beachtung zu schenken. Denjenigen Lesern des„Vorwärts", welche Amerika nicht aus eigener An- schauung kennen, mag deshalb das folgende immerhin Neues bieten. �„ 1 Es sind bereits 10 Jahre verflossen, seitdem Präsident Lincoln> jene Befreiungserklärung erließ, die den Negern die ersehnte Freiheit verheißt und damit den Sklavenbaronen den Kapitalzins reduzirte. Nur ein kleiner Zeitraum liegt zwischen uns und der Zeit, wo der Secessionskrieg seine Beendigung fand und dem siegenden Norden die Macht gab, die versuchte Trennung des Staatenbundes zu verhindern. Friede und Eintracht ist seit jenen Ereignissen noch nicht wieder eingekehrt; der Neger ist noch nicht in der Achtung der Weißen gestiegen, der Racenhaß noch so vorherrschend, daß an ein Zusammengehen der Weißen und Schwarzen vorläufig noch nicht zu denken ist. Der ganze Süden hat eine vorwiegend ackerbautreibende Be völkerung. Im Vergleich zu dem Norden ist die Industrie nur schwach entwickelt und findet sich nur in den größern Städten, unter welchen selbst die größte, nämlich New-Orleans, der Stadt Cincinnatt an Einwohnerzahl und industrieller Bedeutung nach- steht. In Städten zweiten Ranges finden sich nur vereinzelt Fabriken. Hingegen ist die Erzeugung von Baumwolle, Zucker, Reis ic. außerordentlich verbreitet. Gewaltige Plantagen dehnen sich über die Staaten aus und werden von Negern bearbeitet. Es ist übrigens eine Thatsache, daß wirklich nutzbringende Arbeit fast nur von den Schwarzen verrichtet wird, die sich den klima- tischen Einflüssen auch widerstandsfähiger zeigen wie die Weißen. Aber auch hier zeigte es sich, daß eine unwissende Masse mit leichter Mühe zu beherrschen ist. Nur dadurch ist es ja erklär- lich, daß die Neger eine Stellung im Staate einnehmen, die ihrer Anzahl durchaus nicht entsprechend ist. Bei alledem, daß sie die verschiedensten Professionen betreiben, giebt es doch nur äußerst Wenige, welche Besitzer eigener Geschäfte sind; fast Alle, mit verschwindenden Ausnahmen, befinden sich im Dienste der Weißen, die den gesammten Geschäftsverkehr in der Hand haben. In den südlichen Hafenstädten findet man die Produkte des Landes in riesigen Waarenhäusern gelagert und zum Versandt bereit; Waaren, welche, einen ungeheuren Werth repräsentirend, den Kapitalisten fortwährend bereichern, während Diejenigen, welche durch ihre Arbeit dieselbe erzeugt, in Lumpen einhergehen und in elenden Baraken Hausen. Trotzdem die allgemeine Armuth im Süden keine so große ist wie im Norden, find die Neger doch noch verlumpter hier. Fälle, wo Letztere mit 4—5 Dollars die Woche eine ganze Familie von(5—8 Köpfen ernähren, sind gar nicht selten. Der Neger ist dem Wortlaut des Gesetzes nach allerdings frei, frei gleich dem weißen Lohnsklaven. Es steht ihm frei, wem er sich verkauft, nur muß er mit dem angebotenen Kaufpreis zufrieden sein. Und leider ist er es. Kaum mit den nothwcn- digsten Bedürfnissen versehen, verharrt er in seiner Gleichgültig- keit und empfindet wenig das Gefühl nach Verbesserung seiner Lage. Ihm genügt es, nicht mehr von der Peitsche bedroht zu sein; Beanspruchung einer Gleichstellung in der Gesellschaft liegt ihm fern. Dennoch fühlt er instinktiv, daß seine Race eine ver- ächtliche Stellung einnimmt, und— was ihm zur hinlänglichen Aufklärung über seine Lage mangelt, das besorgt der Weiße durch rohe Behandlung ihm gegenüber. Man hört hier sehr oft die lächerliche Redensart:„We ckon't like to be mied by tbe niggers, this country belongs to the white man."(„Wir lieben nicht von den Niggers �verächtlicher Ausdruck für die Schwarzen) regiert zu werden, dies Land gehört dem Weißen an."), ohne dabei zu bedenken, daß erst durch die Anwendung der schwarzen Arbeitskrast der Süden wohn- und urbar gemacht werden konnte, und dieselbe auch vorläufig noch eben den Lebensgenuß Bieler be- dingt. Schon während der Beendigung des Bürgerkrieges gelangte die republikanische Partei zur Herrschaft. Es war natürlich, daß �ie Neger Anhänger derselben wurden, da sie es war, die die Sklaverei aufhob. Die Republikaner aber hatten durch diesen Zuwachs ein vorläufiges Uebergcwicht über die demokratische Partei erhalten und richteten ihr besonderes Augenmerk auf den Süden, wo die Neger in vielen Theilen eine beträchtliche Majo- rität bilden. Schaarcn von Politikern und beutegierigen Hallun- ken wanderten nach dem Süden, mit der alleinigen Absicht, Geld zu machen. Ich sage absichtlich„alleinige", denu durch Arbeit den Lebensunterhalt verdienen, davon kann bei jenen Creaturen keine Rede sein, da sie ohne Ausnahme nach Aemtern haschen, die einen unzweifelhaften Gewinn versprechen und ihnen somit die Möglichkeit verschaffen, ein üppiges Leben zu führen. Um letzteres aber zu können, war hauptsächlich die Hülfe der Neger nöthig, welche durch das soeben erlangte Stimmrecht und durch die noch frische Erinnerung an die erlittene Schmach der Skla- verei ihre natürlichen Bundesgenossen wurden, da sie die eigent- lichen Motive jener nicht begriffen. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß die Herren der republikanischen Partei nicht deshalb die Sklaverei aufhoben, weil ihnen dieselbe mit der Civilisation nicht vereinbar erschien, oder aus purem Menschlichkeitsgesühl; die einfache Thatsache, daß Republikaner, die früher im Norden lebten, nach dem Kriege aber dem Süden sich zuwendeten, die Neger gleich dem eingcborncn Südländer hassen, ist ein hin- reichender Beweis, daß Alles, nur kein Mitgefühl für eine miß- handelte Menschenklasse sie dazu bewog. Allerdings verschweigt man die wahren Beweggründe, aber der persönliche Verkehr des Schreibers dieses mit sogenannten hervorragenden Vertretern beider Parteien bestätigte die von ihm längst gehegte Ansicht, daß die Abschaffung der Sklaverei keine Lösung einer civilisa- torischeu Zeitfrage war, die edleren Motiven entsprang, sondern daß die Konkurrenz des Kapitals zwischen dem Norden und Süden die Abschaffung einer fluchwürdigen Jnstttutton herbei- führte. Immerhin mag aber die Thatsache als eine Errungen- schaft angesehen werden. Ein Jeder besitzt ein gewisses Dankbarkeitsgefühl dem gegen- über, dem er seine Freiheit verdankt. Das gilt auch von dem Neger. Die republikanische Partei gab ihm die Freiheit, folglich ist er Anhänger derselben, nichts natürlicher als das. Schade nur, daß dieses Anhänglichkcitsgefühl sich in solch verkehrter Weise bethätigt. Begriffe der Neger, daß er weder von der republikanischen, noch der demokratischen Partei Etwas zu er- warten hat, so würde das frevelhafte Spiel bald aufhören. Bei Anlaß der soeben beendeten Wahlcampagne ließ sich recht beobachten, mit welch raffinirten Mitteln die Bourgeois- Parteien kämpfen. Das Volk der Vereinigten Staaten wird nicht durch die von ihm erwählten Vertreter regiert, sondern steht unter der Herrschaft politischer Bcutejägcr, die beiden Parteien angehören, und die Wahl dieses oder jenes Kandidaten zu Stande bringen, wogegen Letzterer entsprechende Gegendienste, bestehend in Verleihung fetter jAemter oder Belohnung durch an- sehnliche Summen, zu leisten haben, tiiicht das Volk also, ssn- dern die besitzenden Häupter der Parteien herrschen. Der Nor- den ist vorwiegend republikanisch, der Süden ist ausschließlich demokratisch mit Ausnahme der Neger. Da diese aber in einigen Staaten, wie Missisippi, Louisiana und St. Carolina, die Mehr- heit bilden und fast ausschließlich der republikanischen Partei an- gehören, so ist es klar, daß nur mit Hülfe des schwarzen Vo- tums ein demokratischer Candidat Aussicht ans Erwählung hätte. Die Weißen wissen dies und drohen den Neger sofort zu ent- lassen, falls er für besagte Partei stimmen sollte. Dieser, so in die Enge getrieben, verspricht nun Alles. Der Wahltag kommt und— er stimmt republikanisch. Aber auch dieser Eventualität sucht man vorzubeugen, indem man selbst den Nigger an die koll»*) schleppt, ein demokratisches Ticket(Billet, Stimmzettel) in die Hand drückt und sich so vergewissert, daß demokratisch gewählt wird. Natürlich ist die Gegenpartei auch wachsam, aber oft vermag sie solche Gewaltstreiche doch nicht zu verhindern und überdies treibt sie es womöglich noch ärger. Sollten sich aber dennoch Einige durchaus widerspenstig zeigen, dann hält man ihnen die Whiskyflasche unter die Nase und wie viele vermögen dieseni Versuche zu widerstehen! Ein sich großdünkender Demokrat erzählte mir, daß er am Wahltage von Morgens 6 Uhr bis Nachmittags 3 Uhr bereits 23 Schwarze für seine Partei geangelt habe. Derselbe entließ folgenden Tages drei Schwarze, welche mit einem republikani- schen Ticket gestimmt hatten.— So ein amerikanisches Wahlpoll im Süden bietet einen grotesken Anblick. Ehe dieselben geöffnet werden, sieht man schon die Beamten(!) beider Parteien herum- schwärmen, bewaffnet mit Bills(Todtschläger) und Revolver, und mit der unvermeidlichen Whiskyflasche versehen. Desgleichen haben sie einen genügenden Vorrath Wahlzettel ihrer resp. Partei zur Hand. Mit Adleraugen spähen sie dann nach den heran- nahenden Wählern, laufen ihnen schon auf 100 Schritt entgegen, halten sie fest und lassen sie nicht eher los, bis sie versprochen, das„beste Ticket" zu wählen. Selbstverständlich geht es bei solchen Gelegenheiten selten ohne blutige Schlägereien ab und schon mancher Wahltag hat den oder jenen das Leben gekostet. Die letzte Wahl aber ist über alles Erwarten ziemlich ruhig verlaufen, wenngleich dennoch der Revolver hin und wieder thätig eingreifen mußte. Dies erregt um so mehr Verwunderung, wenn man die Hetzartikel gegen die Neger in Zeitungen gelesen hat. In einer englischen Zeitung von Charleston wurden unter anderm täglich alle diejenigen Handwerker, Händler u. s. w. namhaft gemacht, welche Demokraten seien, und den Lesern- plau- sibel gemacht, daß sie jedein Andersdenkenden die Kundschaft ent- ziehen müßten. In Versammlungen wurde dasselbe gesagt. Ueberall, wohin man kam, hieß es: Republikaner oder Demokrat. Die Erlangung einer Stelle war deshalb von der politischen Gesinnung abhängig. Auch die spießbürgerlichen Deutschen in Charleston glaubten der Welt zeigen zu müssen, welch' wichtige Rolle sie zu spielen bemfen seien. Sie veranstalteten nämlich eine Massenversammlung, um ihrer demokratischen Gesinnung Ausdruck zu geben. Der Zufall ließ mich derselben beiwohnen. Und was sah ich?— eine lächerlich ausgestattete Bühne mit einem„Die Wacht am Rhein" darstellenden Bilde im Hinter- gründe. Was„Die Wacht am Rhein" mit unfern politischen Verhältnissen in Amerika eigentlich zu thun hat, habe ich bisher noch nicht zu ergründen vermocht. Eminente Redner, sog. distinguirte Personen, machten sich auf ihren Sesseln breit und betrachteten das Auditorium.(In Amerika herrscht bei Vcr- sammlungen die Sitte, daß sich eine Anzahl Personen um den Präsidenten und Redner gruppirt jedenfalls nur, um angeglotzt zu werden.) Und diese lasen ihre langweiligen Reden herunter. Einer derselben glaubte jedenfalls zu einer Versammlung von Nationalliberalen zu sprechen. Er sagte nämlich:„So lange noch ein Tropfen Blut durch uusere Adern rollt, wollen wir, die Nachkömmlinge Hermanns, auf Seiten des Rechtes stehen!" Was diese Herren unter Recht verstehen, dafür möge die That- fache dienen, daß sie die Sklaverei als ein nothwendigcs Uebel betrachten. Unter den anwesenden Amerikanern, von welchen etliche deutsch verstanden, versicherte dem Schreiber dieses einer nach Schluß der Versammlung, daß die ganzen gehalteiien Reden too moch dutch(zu sehr deutsch)*) seien. Uebrigens ließ *) Ort, wo gestimmt wird. Eigentlich heißt Poll die namentliche Abstimmung selbst. *) Dutch, eigentlich der englische Ausdruck für„deutsch", oder genauer holländisch, weil die Holländer derjenige deutsche Stamm sind, mit dem die Engländer als Seevolk hauptsächlich verkehrt haben; die Amerikaner gebrauchen das Wort in geringschätzigem Sinne von den Deutschen. sich von vornherein nichts Besseres erwarten. Wie können ser- vile Spießbürger von dem sittlichen Gefühl des Rechtes durch- drungen sein. Erwähnt sei obiger unbedeutender Vorfall nur, um das Wesen der hiesigen besitzenden Klasse zu kennzeichnen. An Anmaßung und Brutalität gegen die Unterdrückten giebt die amerikanische Bourgeoisie der europäischen nichts nach, wenngleich sie ihre Autorität m anderer Weise geltend macht. Analog den Zuständen Europas ist ihr der Schutz des Gesetzes unter allen Umständen gewiß. Gleichheit vor dem Gesetz ist eine Phrase. Und wenn man nicht den Farbenunterschied— es giebt auch schwarze Richter— hervortreten läßt: der Geldsack triumphirt stets. Als im verflossenen September ein armer Teufel in einem Riot(Aufruhr, Tumult) in Charleston um's Leben kam, da er- achtete man es kaum für nothwendig, eine Untersuchung anzu- stellen; als aber bald darauf in eben derselben Stadt bei gleicher Gelegenheit ein reicher Geldprotz dasselbe Schicksal hatte, da erhob sich ein allgemeines Geschrei, und schon seit Wochen findet ein Jnquest(Enquete, Erhebung) statt. Amerika bietet deshalb in Bezug auf Europa in seinen so- zialen Verhältnissen ein getreues Ebenbild. Der Racenhaß und der Nationalitätshaß ergänzen sich einander. Ersteres mit seinen republikanischen, wie Letzteres mit seinen monarchischen Jnsti- tuttonen sind nicht für das arbeitende Volk geschaffen. Wir wollen uns deshalb bemühen, den außer Amerika lebenden Ar- beitern dieses Land zu zeigen wie es ist, nicht wie es in der Vorstellung erscheint. Der Kampf um den täglichen Lebens- unterhalt ist hier erst mit außerordentlichen Schwierigkeiten ver- bunden, größer, wie Mancher in Europa sie sich träumt, und doch ist der permanente Aufenthalt in diesem Lande trotz seiner Nachtheile, trotz seiner Mängel und Fehler in Vergleich mit dem reaktionären Europa, in mancher Beziehung erträglicher, zumal auch die amerikanischen Arbeiter mit voller Energie an der Be- freiung ihrer Klasse arbeiten und zur Erreichung dieses Zweckes den Sturz der Kapitalherrschaft als eine unerläßliche Bedingung betrachten. Erst dann wird Amerika den Menschen eine frohe Stätte und eine sichere Zukunft bereiten. R. J. Sozialpolitische Uebersicht. — Zu den Reichstagswahlen. Es sind nunmehr die Ergebnisse von 380 Reichstagswahlen bekannt. Endgültig sind gewählt: 29 Conservative, 105 Nationalliberale, 28 Mit- glieder der deutschen Reichspartei, 11 Polen, 19 Mitglieder der Fortschrittspartei, 95 Klerikale, 10 Sozialdemokraten, 6 El- sässcr Autonomisten, 3 Anhänger der Elsässer Protestpartei, 8 keiner Fraktion Angehörende, unter letzteren 4 Partikularisten. Bei den 66 engeren Wahlen, welche erforderlich sind, kommen in Betracht: 48 Nationalliberale, 24 Sozialdemokraten, 15 Eon- scrvativc, 14 Mitglieder der Fortschrittspartei, 14 Klerikale, 9 Mitglieder der deutschen Reichspartei und 8 Partikularisten bezw. Polen. — Ueber die Oeffentlichkeit der Stimmzählung am Tage der Wahl. Da durch verschiedene Vorfälle die Frage, ob die Ermittelung des Wahlergebnisses am Tage der Wahl öffentlich sei oder nicht, vielfach wieder Zweifelhaft geworden scheint, muß dieselbe an der Hand der bestehenden Bestimmungen abermals geprüft werden. Eine Unklarheit ist überhaupt nur insofern möglich, als Z 9 des Reglements vom 29. Mai 1870 nncorrekter Weise sagt:„Die Wahlhandlung beginnt um 10 Uhr Vormittags und wird um 6 Uhr geschlossen" jc. Daraus glaubt man schließen zu dürfen, daß die Bestimmungen in Z 9 des Gesetzes vom 31. Mai 1869:„die Wahlhandlung ist öffentlich" sich nur auf die Zeit von 10 bis 6 Uhr beziehe, und daß die Worte:„sowie die Ermittelung des Wahlverfahrens" lediglich auf die erst vier Tage nach der Wahl stattfindende amtliche Zu- sammcnstellung des Wahlresultates Bezug habe. Es ist diese Deduktion unrichtig. Denn, wenn die Wahlhandlung nur bis 6 Uhr dauert, sind Wahlhandlung und Abstimmung vollständig identisch. Es würde dann die Bestimmung des§ 17 des Regle- mcnts:„Um 6 Uhr Nachmittags erklärt der Wahlvorsteher die Abstimmung für geschlossen", den Erfolg haben, daß irgend auf die Wahl bezügliche Handlungen nicht mehr vorgenommen werden dürften, die Wahlhandlung wäre eben abgeschlossen und beendet. Dies steht aber in unvereinbarem Widerspruche mit den sonstigen Vorschriften des§ 17 und denjenigen des K 18, die sich auf Dinge bezichen, welche überhaupt erst nach 6 Uhr vorgenommen werden können. Namentlich zeigt die Vorschrift, daß die erst bei der nach 6 Uhr möglichen Ermittelung der Wahlresultate anzulegende Gegenliste„beim Schlüsse der Wahlhandlung von dem Wahlvorstande zu unterschreiben" ist, mit welcher inneren, 'logischen Nothwendigkeit der Begriff„Wahlhandlung" über den Zeitpunkt von 6 Uhr Nachmittags erstreckt werden müsse. Die Dinge stehen eben so, daß im§ 9 des Reglements statt:„Die Wahlhandlung beginnt, um 10 Uhr Vormittags und endet um ! 6 Uhr Nachmittags" es heißen inüßte:„die Wahlhandlung be- ginnt um 10 Uhr und wird die Abstimmung um 6 Uhr ge- schlössen". Dann stehen alle Bestimmungen des Wahlgesetzes und des Wahlreglements unter sich vollkommen im Einklang. Im§ 9 des Gesetzes wird in diesem Falle durch den Begriff „Wahlhandlung", für welche die Leffentlichkeit vorgeschrieben ist, das gesammte Versahren, einschließlich der Ermittelung am Tage der Wahl bezeichnet und es beziehen sich die Worte:„sowie die Ermittelung des Wahlverfahrens sind öffentlich" auf die amt- liche Festsetzung, welche gemäß§ 26 des Reglements am vierten Tage nach dem Wahltermine stattzufinden hat. Es Harmoniren so§ 17 und 18 des Reglements vollständig mit allen sonsttgen Vorschriften. Läßt man aber eine andere Deutung zu, so kommt man zu dem vollkommenen Unsinn, daß dem Wahlvorsteher Dinge„beim Schlüsse der Wahlhandlung"(und der Abstim- inung) also um 6 Uhr zugemuthet werden(Unterzeichnung der Gegenliste und des Protokolls nach§ 18 des Reglements), die er um diese Zeit thatsächlich in keiner Weise zu leisten im Stande ist, da alsdann Protokoll und Gegenliste noch nicht vorhanden sein können. Dem Gesetzgeber darf eine Absurdität nicht zuge- muthet werden und jede Interpretation, bei der dies nothwendig ist, muß absolut verworfen werden.(„Frkf. Beobachter".) j — Zu den Stichwahlen. Der„Reichsanzciger" publi- zirt die Vorschriften für die engeren Wahlen. Die engere Wahl hat der Wahlvorsteher zu veranlassen, sobald sich bei der Er inittelung des Wahlergebnisses, diesmal am 14. Januar, heraus- gestellt hat, daß eine absolute Majorität nicht erreicht worden ist. Der Termin für die engeren Wahlen ist von dem Wahl- j commissar festzusetzen und darf nicht länger hinausgeschoben werden, als höchstens 14 Tage nach der Ermittelung des Er- gebnisses der Wahl. Auf die engere Wahl sind diejenigen zwei Candidaten zu bringen, welche bei der ersten Wahl die meisten\ Stimmen erhalten haben; haben mehrere eine gleiche Stimmen- 1 zahl, so entscheidet oas Loos, welche zwei auf die engere Wahl s kommen. In der acht Tage vor dem Wahltermin zu veröffent-' lichenden Bekanntmachung sind die beiden Candidaten, unter! denen zu wählen ist, mit dem Hinweise zu benennen, daß alle auf andere Candidaten fallenden Stimmen ungültig sind. Die I engere Wahl findet auf denselben Grundlagen und nach den- selben Vorschriften statt, wie die erste. Es werden die bei der ersten Wahl festgestellten Wählerlisten unverändert angewendet; auch bleiben die Wahlbezirke, Wahlvorsteher und Wahllokale un- verändert. Eine etwa nothwendige Aenderung derselben ist öffentlich bekannt zu machen. Tritt bei der engeren Wahl Stimmengleichheit ein, so entscheidet das von der Hand des Wahlvorstehers zu ziehende Loos. Da am 14. Januar die amt- liche Feststellung der Wahlergebnisse stattfindet, so sind die en- j aeren Wahlen bis spätestens den 28. Januar zu veranlassen.- Bei der Sttchwahl darf jeder, der in der Wählerliste steht, wäh len, gleichviel ob er bei der ersten Wahl gewählt hat oder i nicht. — Zu den Stichwahlen. Es ist selbstverstäudlich, daß im Allgemeinen bei den Stichwahlen unsere Parteigenossen dort,! wo der eigene Candidat nicht selbst mit zur Wahl kommt, dem• Candidaten der politisch am nächst stehenden Partei ihre Stimmen zuwenden müssen, wenn sie es überhaupt für noth- i wendig halten, sich an der Wahl zu betheiligen. Die Nothwen- digkeit müssen unsere Parteigenossen an den einzelnen Orten selbst erwägen. Wir haben hier nur in einem Falle in lieberem- stimmung mit der Parteileitung ein abweichendes Urtheil abzu- geben. In Berlin kommt nämlich der nationalliberale Herr von Forkenbeck in zwei Kreisen mit Fortschrittsleuten in die engere Wahl, mit dem Herrn Kreisgcrichtsrath Klotz und mit dem Herrn Doktor Max IHirsch. Wir fordern unsere Berliner Parteigenossen nun auf, in dem zweiten Berliner Wahlkreise für Klotz und gegen Forckenbeck, im ersten Wahlkreise aber unter keinen Umständen für Dr. Max Hirsch zu stimmen. Der Grund für diesen Vorschlag liegt auf der Hand. Ein Mann, der wie Dr. Max Hirsch die Arbeiter an der Nase herumzuführen sucht, ein Mann, der unter dem Teckmantel der Ärbeiterfreund- lichkett den Arbeiter noch mehr von dem Drucke des Kapitals■ abhängig machen will, ein Mann, der die bewußten sozialistischen Arbeiter auf das Schmachvollste verleumdet hat, ein Mann, der also mit den heiligsten Gefühlen des Volks ein frevles Spiel Wer ist der gröstte Sozialist? (Melodie:„Was ist des Deutschen Baterland?") Wer ist der größte Sozialist? Ist's Hasselmann, der Bourgeois frißt? Der solche That verrichten kann, Fürwahr, er ist der rechte Mann. O nein, o nein, o nein, o nein, Der Sozialist muß größer sein! Dann ist es doch der Bebel wohl? „Daß ihn nur bald der Teufel hol!"— So klingt der Gegner laut Geschrei, Drum glaube ich, daß er es sei. O nein, o nein». Der Sozialist muß größer sein! Gewiß ist es der L i e b e k n e ch t? Der hat so oft sich ja erfrecht, Dem Stephan, ja dem Bismarck gar Zu krümmen ein, ja selbst drei Haar'. O nein, o nein:c. Der Sozialist muß größer sein! Wer ist der größte Sozialist? O sag es endlich, wer es ist! Ist's Hasenclever, überall Genannt„Petroleumgeneral"? O nein, o nein w. Der Sozialist muß größer sein! Ist's M o t t' l e r oder ist es G e i b, Die schonen weder Kind noch Weib In wilder Communisten-Wuth, Wie Wein schmeckt ihnen Menschenblut. O nein, o nein:c. Der Sozialist muß größer sein! Dann ist's gewiß der grimme Most, Der fürchterlich sich drob erboßt, Daß noch die Welt nicht auf den Kopf Gestellt ist wie ein Henkeltopf. O nein, o nein:c. Der Sozialist muß größer sein! Ist's Fritzsche denn, ist's Bracke wohl, Der jüngst den liberalen Kohl So jämmerlich versalzen hat, Daß jetzt die ganze Welt schon satt? O nein, o nein zc. Der Sozialist muß größer sein! O sag' es endlich, sag' es schnell, Ist's Blos, ist's A.. ist's O. Kapell, Ist's Vahlteich, ist's der Reimer gar, Wer ist es aus der wilden Schaar? O nein, o nein zc. Der Sozialist muß größer sein! Dann sicher ist's der Tölkerich, Vor dem so mancher Feind erblich, Der einstens im Concerthaussaal Die Bourgeois schlug in großer Zahl! O neitz, o nein zc. Der Sozialist muß größer sein! So nenne endlich mir den Mann, Der sich des Namens rühmen kann! Der stolz und hoch das Haupt erhebt, Vor dem die ganze Welt erbebt! Wer ist, wer ist, wer ist, wer ist, Wer ist der größte Sozialist? Der Tessendorff, er ist der Held, Der schlägt sie Alle aus dem Feld, Er stürmte stolz, er stürmte kühn Des„Fortschritts" Burg, die Stadt Berlin. Er ist, er ist, er ist, er st Der allergrößte Sozialist! — r. — Die gegnerischen Blätter werden anständig. S» schreiben die �Bremer Nachrichzen" Folgendes: „Am Mittwoch, den 10. Januar, Abends, hatte sich vor dem Lindem hose am Domshof und auf dem Rolandsmarkic eine solche Menschen- menge angesammelt, daß ein Theil der Polizeimannschaft schließlich gegen die Ausschreitungen Einzelner, welche durch Schreien und Tobe« sich bemerkbar machten, vorgehen mußte. Tie Polizei säuberte binnen zehn Minuten den Domshof, und als die Menge sich nach dem Markt« platz drängte, wurde sie auch dort angehalten, sich zu vertheilen. Dein Bernehmen nach wurden vierzig bis fünfzig Personen, die sich wider- spenstig zeigten, arretirt, indeß noch während der Nacht ein großer Theil derselben vorläufig entlassen. Die Behörde ging bei alledem mit möglichster Schonung zu Werke.— Die Masse bestand übrigens zum größten Theile aus halb erwachsenen Lehrjungen und anderen müssigen jungen Leuten, die eben kein anderes Interesse als die Neugierde zusammengeführt hatte. In der Rembertisttaße und den umliegenden Straßen sind übrigens keinerlei Unruhen vorgekommen, so daß die zahlreichen Polizisten und Nachtwachebeamten, sowie die in der Alfes'schen Reitbahn einguartirte Compagnie Soldaten glück' licherweise keine Ursache hatten, gegen irgend Jemand einzuschreiten. Bor Jahren hätte man unbedingt den Sozialdemokraten den Krawall in die Schuhe geschoben. Jetzt sagt man die Wahrheit, weniger ans Wahrheitsliebe als aus Furcht. Dies ist auch ein nicht zu unter' schätzender Erfolg der letzten Wahlschlacht. — Borschlag zur Güte. Als Benjamin Franklin noch ein kleb ner Junge war, fand er es sehr langweilig und mit seinem gutes Appetite nicht vereinbar, daß sein Vater stets vor dem Essen weitläufig� Tischgebete verrichtete und die Speisen segnete. Eines Tages, als(' dabei war, wie man die Vorräthe für den Winter einsalzte, sagte e! zu seinem Vater:— Ich dächte, Vater, es wäre am rathsamslen, D* segnetest jetzt, wo Alles beisammen ist, die ganzen Speisen ein für alle mal, dann sparen wir später die Zeit beim Mittagessen. — Aus Neu-Caledonien. Den neuesten Nachrichten aus Sa Francisco zufolge sind neulich zwölf französische Communisten von de� Straf-Colonie Noumea in Neu- Caledonien an Bord eines Schlepir Dampfers entkommen. Ein Kriegsschiff holte indeß das Fahrzeug eis und nahm zehn Flüchtlinge gefangen; die übrigen zwei sprangen übe> Bord und ertranken. — Unser Berliner Parteiorgan, die„Berliner Freie Presse", bring' folgende bezeichnende Annonce:„Den Herren Prof. v. Treitschk� v. Unruh, Franz Duncker und Franz Mehring für ihre geistige Be�st nichtung der Sozialdemokratie unfern verbindlichsten Dank. sozialistische Central-Wahl-Comitö". treibt— ein solcher Mann darf unter keinen Umständen mit Hülfe von Arbeitern in den Reichstag kommen. — Den extremen Elementen gehört der Kampfplatz! Dieser Anschauungsweise wird auch von dem„Hamburger Cor- respondent" gehuldigt, indem er schreibt:„Nicht der liberale Parteiführer, sondern der Vertrauensmann der Regierung ist von demjenigen Theil der Berliner Wähler auf's Schild ge- hoben worden, der sich von der Fortschrittspartei losgesagt und den Entschluß gefaßt hat, der Sozialdemokratie so wirksam wie immer möglich zu begegnen. Wieder einmal hat sich gezeigt, daß es die Extremen sind, welche sich' in aufsteigender Linie bewegen und daß der Zeitpunkt herannaht, in welchem wir über- Haupt keine andere Wahl als die zwischen beiden Extremen haben werden."— Wir freuen uns selbstverständlich über solche Einsicht, da dieselbe geeignet ist, den Kampfplatz zu klären. Jetzt ist die Fortschrittspartei zwischen den Extremen zermalmt wor- den, bei den nächsten Wahlen kommt der Nationalliberalismus, die verkörperte polittsche Halbheit, an die Reihe. — Drei interessante engere Wahlen zum Reichstage werden stattfinden. In Essen und Aachen kommen zwei Cen- trumsmänner, Foryade de Biaix und von Biggeleben in die engere Wahl mit zwei christlich-sozialen, katholischen Arbeiter- candidaten, dem Redakteur Stötzel und dem Caplan Laaf; in Essen giebt unsere Partei den Ausschlag. In Reichenbach- Neurode findet die Stichwahl statt zwischen unserem Partei- genossen A. Kapell, der 5829 Stimmen, und dem klerikalen Fabrikbesitzer Eduard Franz, der 4811 Stimmen erhielt. Die „Frankfurter Zeitung" bemerkt�zur letzteren Stichwahl:„Hier steht der liberale Herkules am Scheidewege." Wir aber sagen: „Der liberale Herkules wird sich auf den reichsfeindlich schwarzen Weg begeben, er findet dort doch mindestens einen Vertreter des Kapitals."— Die Arbeiter aber, so hoffen wir, werden ohne Hülfe des Liberalismus den frömmelnden Kapitalismus schon aus dem Felde schlagen. — In einem lächerlichen Flugblatte, welches die Fortschrittspartei vor den Wahlen gegen uns herausgegeben hat, und welches eine Anzahl Käseblätter ohne Quellenangabe abdrucken, heißt es zum Schlüsse:„Wer also die Reaktion will, der stimme für die communistischen Candidaten; wer sie nicht will, der stimme gegen dieselben". Die Fort- schrittspartei hat überhaupt am tollsten gegen uns geschimpft. In einem andern Flugblatt derselben, welches in mehreren 100,000 Exemplaren verbreitet wurde, wird der sozialistische Staat zuerst mit der Caserne, dann mit dem Zuchthause verglichen. Der Lohn für dieses lächerliche und elende Ge- bahren der Fortschrittler ist nicht ausgeblieben— sie sind am 10. Januar in den Dreck gefallen. — Zur Berliner Wahl. Eingeschriebene Wähler find ca. 171,500. Davon haben giltige Stimmen abgegeben 80,435. Es haben erhalten: Fortschrittspartei 32,138, Sozialdemokratie 31,576, Nationalliberalen 11,641, Handwerkerpartei 3961, ultra- montane und conservative Partei, sowie zersplittert 1070. — Die Furcht vor dem rothen Gespenst, welches in allen gegnerischen Zeitungen spukt, hat wieder einmal vor den Wahlen einen recht bezeichnenden Ausdruck gefunden in einer Notiz, die(wahrscheinlich aus der bekannten Fabrik journalistt- schen Blödsinns in Berlin stammend) zum Schrecken aller alten Weiber männlichen und weiblichen Geschlechts, mit wahrem Wohl- behagen von den Herren Preßlakaicn abgedruckt wird. Da die- selbe neben dem unvenneidlichen Blödsinn auch ein gut Stück unfreiwilliger Wahrheit enthält, möge sie hier wortgetreu folgen: —„Wenn man einen Blick auf die Wahlagitation der ver- schiedenen Parteien wirft, so begegnet man der Wahrnehmung, daß die Sozialdemokratie die größte Rührigkeit und Thätig- keit entwickelt. In fast allen Wahlkreisen werden von den Aposteln der Sozialdemokratie Volksversammlungen veranstaltet, in denen die Zustände des Reichs und der Gesellschaft als über aus trostlose hingestellt werden und der Masse der Bevölkerung vorgepredigt wird, daß sie Rettung für die Gesellschaft nur in dem Anschluß an die Sozialdemokratie zu suchen habe. Es ist leider nur zu wahr, daß die Versprechungen der sozialdemokra- tischen Führer meistens auf fruchtbaren Boden fallen, und so kommt es nicht selten vor, daß Wahlversammlungen, die von Fortschrittlern und Nationalliberalen zusammenberufen waren, von der sozialdemokratischen Partei auseinandergesprengt wurden. Es ist dies natürlich meistens nur die Folge der Lauheit und des Jndifferentismus, den die übrigen Parteien bei den Wahlen an den Tag legen, was wiederum daher rührt, daß die ganze sozialdemokratische Bewegung von jeher von der Presse und den politischen Parteien zu leicht genommen und zu oberflächlich behandelt worden ist. Es scheint nichts geholfen zu haben, daß bei den Wahlen zur zweiten Legislaturperiode des Reichs tages die in der That bedenkliche Thatsache hervortrat, daß die Zahl der bei den Wahlen abgegebenen sozialdemokratischen Stimmen sich auf nahezu 400,000 belief, denn es läßt sich schon jetzt übersehen, daß diese Zahl bei den bevorstehenden Reichs- tagswahlen sich mindestens auf das Doppelte erhöhen wird. Geht es in dem Maße weiter, so wird die sozialdemo- kratische Partei in einem Jahrzehnt vielleicht am stärksten im Reichstage vertreten sein. Was dies für das Reich und die Gesellschaft bedeuten werde, braucht nicht weiter auseinandergesetzt zu werden, da die sozialdemokratischen Umsturz- pläne nicht blos gegen das Reich und die Grundlagen der Heu- tigen Staatsordnung gerichtet sind, sondern die ganze gesittete Gesellschaft aus den Fugen gerathen müßte, wenn die Lehre der Sozialdemokratie zum Gesetz erhoben werden sollte. Es ist daher die Pflicht eines jeden patriotischen Wählers, in seinem Kreise dahin zu wirken, daß nur solche Personen in den Reichstag ge- schickt werden, welche in Gemeinschaft mit den Regierungen der Zersetzung der heutigen Gesellschaft durch die sozialisttschen Irr- lehren entschieden entgegenzuwirken entschlossen sind."--- Soweit der erwähnte Waschzettel. Unsere Leser ersehen daraus zweierlei: Erstens, daß die sozialdemokrattsche Partei von den Feinden des wahren Volkwohts gefürchtet und gehaßt wird, weil diese Feinde den Zeitpunkt, wo die sozialistischen Abgeord- nctcn die Mehrheit im Reichstage bilden werden, schon ganzsnahe tz �angekommen sehen(vergl. hiermit die liberale Phrase vom „Rückgang"!) und zweitens ersehen unsere Leser daraus, wie Nur ihnen freilich schon unzählige Male an Beispielen gezeigt haben, daß unsere ehrenwerthen Herren Gegner von der Presse sich nicht entblöden, uns mit den Waffen der gemeinsten Ver- dächtlgung und gröbsten Unwahrheit hinterrücks anzugreifen, indem lie längst widerlegte, alberne Vorwürfe gegen uns vorbringen— Vorwürfe, an die sie selbst nicht glauben. Freilich, uns in offenem Kampfe mit redlichen Waffen entgegenzutreten, dazu fehlt rhnen der Muth, weil ihnen das fehlt, was dem Manne Muth verleiht,— das erhebende und stärkende Bewußtsein, eine ver- nünftige, eine gute und gerechte Sache zu vertheidigen. Deshalb greifen sie uns mit solchen niederttächtigen Waffen an, und deshalb rufen wir mtt Lassalle:„Tod dieser Presse!" — Ueber unfern Sieg in Chemnitz schreibt unser dor- tiges Parteiorgan:„Unsere Gegner in Chemnitz sind nicht mit Ehren unterlegen, daher kann man nicht erwarten, daß wir diesem fliehenden Feinde„eine goldene Brücke" bauen. Sie haben mit den schändlichsten Mitteln gekämpft, wir erinnern nur an die gefälschten„Citate", welche im„Chemnitzer Tageblatt" veröffentlicht wurden, und zwar nach Aussage des zweiten Vor- sitzenden des liberalen Wahlcomites offiziell von diesem Wahl- comits selbst._ Das liberale Wahlcomits wollte den Sieg seiner Sache erkämpfen um den Preis seiner Ehrlichkeit, um den Preis seiner Ehre, es hat diesen Preis in die Wagschale geworfen; schimpflich wäre der Sieg gewesen, der dadurch errungen wurde; Schmach und Schande bedeckt jetzt die Fälscher, da sie geschlagen sind.— Man entschuldige das Comitä nicht damit, daß es viel- leicht die Citate für echt gehalten und nur Einem die Fälschung zur Last falle. Als Adv. Harnisch die„Citate" in Gablenz vorlas, wurde ihm und dem ganzen liberalen Comite von Most gesagt, daß diese„Citate" gefälscht seien. Man wußte also genau, was man that, als man kurz vor der Wahl das crbärm- liche Manöver entrirte. Daß durch dieses Taschenspielerkunst- stiickchen ein volkreicher Wahlkreis nicht in die Hände falscher Spieler fiel, daran trägt nur der gesunde Sinn des Volkes und die Rührigkeit der Sozialdemokratie, welche den falschen Spielern auf die Finger klopfte, das Verdienst."— Wir bringen diese Notiz, um zu zeigen, mit welchen elenden Mitteln unsere Gegner vielfach gekämpft haben. Desto bedeutsamer aber sind deshalb unsere Siege. — Dem Bundesrathe ist seitens des Direktoriums des deut- scheu Apothekervcreins eine begründete Eingabe in Betreff des Verkaufs von Gcheimmitteln übersandt worden, worin her- vorgehoben wird, daß das Publikum gegen hohe Preise oft sehr werthlose, sogar schädliche Mittel erhält und nicht nur deutsche Gehcimmittel-Fabrikanten das Publikum auf maßlose Weise aus- beuten, sondern auch aus Frankreich und England sogenannte Specialitäten in großer Menge eingeführt und dafür nicht unbe- deutende Summen gezahlt werden. Deshalb wird beantragt: 1) in Betreff der Bewilligung zur Zubereitung von Geheim- Mitteln einheitliche, für das ganze Deutsche Reich geltende Be- stimmungen zu erlassen; 2) in Zukunft kein Gcheimmittel zum öffentlichen Verkaufe zuzulassen, welches nicht vorher von dem Rcichs-Gesuudheitsamte begutachtet worden ist und endlich 3) die in den verschiedenen deutschen Ländern genehmigten Geheimmittel einer Revision zu unterwerfen und den als werthlos oder schäd- lich befundenen den öffentlichen Verkauf zu versagen. — Die„Nassauische Volkszeitung" bringt folgendes„Einge- sandt" aus Schierstein, 7. Januar: „Wenn man, wie in letzterer Zeit so häufig von Akten der Roheit und des Ucbermuths liest, so ist man, namentlich wenn die Excedenten den unteren Volksschichten oder der Landbevölkc- rung angehören, leicht geneigt, die Ursache in dem Mangel an genügender Schulbildung zu suchen. Anders werden indessen wohl die meisten Leser denken über die neulich gebrachte Notiz wegen muthwilliger Zerstörung einer Anzahl Obstbäume an der Wiesbaden-Dotzheimerstraße, wenn sie erfahren, daß die Thäter Schüler höherer Lehranstalten und Söhne angesehener El- tern sind, die vielleicht seiner Zeit berufen erscheinen, ehrenvolle Stellungen im Staatsleben zu bekleiden, ja sogar Recht zu sprechen über ähnliche Vergehen gegen das Eigenthum. „Was den verursachten Schaden betrifft, so dürfte derselbe sich denn doch etwas höher berechnen als 500 Mark, mit wel- cher Summe derselbe in Nr. 301 Ihres Blattes annähernd be- zeichnet wird. Einsender dieses hat sich durch Augenschein über- zeugt, daß 14 Bäume das Opfer des Bubenstreiches geworden sind, indem sie theils ganz abgeschnitten, theils derart ange- schnitten wurden, daß sie entfernt werden müssen. So sind z. B. auf einem Grundstücke„an der Eiche"(dem Vernehmen nach einem Herrn L. in Sch. gehörend) ein Birnbaum im Alter von cv. 80—90 Jahren, sowie ein Apfelbaum im Alter von ca. 25— 40 Jahren, beide von erheblicher Tragfähigkeit, total zer- stört worden, die Wohl allein einen Werth von 500—600 Mark repräsentiren. Die Untersuchung ist eingeleitet und werden die Uebelthäter ihrer gerechten Strafe hoffentlich nicht entgehen." — Nicht einmal mit der Scheere verstehen sie richtig umzugehen, die Schecrenredakteure des„Leipziger Tageblattes". Drucken sie da in der letzten Dienstagsnummcr unter der Ueber- schrift:„Wie die Berliner sozialdemokratische Presse über die Wahlen denkt" einen langen Artikel ab, in dem es u. A. heißt: „Es läßt sich heute nicht mehr verheimlichen und nicht mehr umschreiben— ein starker Prozentsatz der Bevölkerung des deutschen Reichs huldigt sozialistischen Ideen, lebt und webt in den Utopien der Sozialdemokratie". Also ein sozialdemo- kratisches Blatt soll die Prinzipien der Sozialdemokratte Uto- pien genannt haben! Dem unglücklichen Schcercnredakteur ist es passirt, daß seine Scheere zu weit-schnitt und den von der „Berliner Freien Presse" abgedruckten Artikel eines gegne- ri schen Blattes mit abschnitt. Herr Hüttner muß sich entweder eine selfaeting— eine selbst schneidende— Scheere anschaffen, oder muß seine Scheere besser dressiren, oder er muß Unterricht im Schneiden nehmen— bei wem? das besagen verschiedene Annoncen in seinem Blatt.— Derselbe Hüttncr läßt in einer Heulmeierei über„das Ergcbniß der Reichstagswahl im Leip- zirer Landkreis" folgenden Blödsinn Passiren: es ist vorge- kommen,„daß, wie z. B. in der Liebertwolkwitzer Gegend ge- schehen, sogar größere Gutsbesitzer den Sozialisten wählten, weil ihnen von den Agitatoren vorgeredet worden, die Butter werde theurer werden, falls mehr Sozialisten in den Reichstag kämen". Wo war die Scheere? Warum hat sie nicht diesen haarsträubenden Blödsinn, und diese sehr unpoli- fische(Herr Hüttner!) Beleidigung der„größeren Gutsbesitzer" weggeschnitten? Warum nicht? Je nun— der Hüttner denkt nicht, und die Scheere lenkt.— — In Folge der Wahlsiege unserer Partei in Berlin geht uns folgende Zuschrift aus Italien zu: „An die Mitglieder der Redaktion und Administration des „Vorwärts". Fossano bei Torino, 13. Januar 1877, 9 Uhr Morgens. Die Zeitung„11 Secolo" bringt mir die telegraphische Nach- richt über die Ergebnisse der in Berlin stattgehabten Reichstags- wählen.— Als aufrichtiger Anhänger der sozialdemokratischen Prinzipien beeile ich mich, meine große Freude über diese Er- gebnisse dem„Vorwärts" auszudrücken. Bravo! Ihr Sieger! Bravo! die andern Sozialisten, die in die Stichwahl kommen, wenn sie auch bei derselben zum Theil unterliegen sollten. Herzlich wünsche ich den sozialdemokratischen Candidaten einen entschiedenen Sieg über ihre Gegner. Mit brüderlicher Liebe und Hochachtung A. St" — Die„Droits de l'Homme", das radikale Blatt in Paris, ist vor einigen Tagen zum vierzehnten Male verurtheilt worden. Auf sechs Monate Gefängniß und 3000 Frcs. Geld- bnße lautete die letzte Verurthcilung wegen verschiedener berech- tigter Angriffe auf die Pariser Polizei. — Die Türken scheinen es darauf angelegt zu haben, die Diplomatie im Allgemeinen, und die russische Diplomatie ins- besondere lächerlich zn machen. Jgnatieff und Gortschakoff stehen wie die— undiplomatischsten aller Vierfüßler am Berg des türkischen nou possumus, und die russischen Riesenarmeen,>velche die Türkei zum Frühstück verspeisen sollten, sind im russischen Schnee und Koth stecken geblieben. Ein ritterlicher Versuch des Fürsten Bismarck, die russischen Gönner und Freunde durch einen nach Constantinopel gerichteten„kalten Wasserstrahl" ans ihrer fatalen Situation zu befreien, ist an dem Nichtverständniß der Türken für solche geniale Staatsstteiche kläglich gescheitert und die Jgnatieffs und Gortschakoffs stehen mehr als je am Berg. Ueber den gegenwärtigen Stand der orientalischen Frage schreibt uns ein competenter Beurtheiler in einem Privatbrief: „Wenn die Türken Fuß bei Mal halten, so ist's mit Rußland bald alle. Die allgemeine Wehrpflicht hat die russische Armee noch weit mehr desorganisirt, als ich erwartete, während die Türken nie in so guter Verfassung waren, dabei haben sie nach der englischen die beste und stärkste Panzerflotte der Welt. Geht's also los— und geht's nicht los, so giebt's eine neue Revolution in Constantinopel: und dann geht's erst recht los—, so könnte Euer Antrag auf Wiederherstellung Polens eine eigenthümliche Aktualität(Zeitgemäßheit) bekommen." — Fritzsche vor der 7. Criminaldeputation. Partei- genösse Fritzsche, einer unserer Berliner Sieger, hatte sich am 13. ds. zu verantworten über eine angeblich aufreizende Rede, die er am 20. Oktober v. I. vor 2000 Zuhörern gehalten hatte. Der Staatsanwalt glaubte den aufteizenden Charakter derselben constatircn zu müssen. Der Gerichtshof konnte aber, nach Fritzsche's längerer Selbstvertheidigung, den Beweis für die An- klage nicht als erbracht erachten. — Von unserem Parteigenossen Temmler erhält das Leip- ziger Wahlcomits folgende Zuschrift: „Schwerin, 12. Januar. Ich danke dem so überaus thätig gewesenen Comite der sozialdemokratischen sächsischen Partei für die große Pflichttreue und Rührigkeit, welche dasselbe bei den Wahlen an den Tag gelegt hat; vor allen Dingen aber danke ich den Parteigenossen des 13. Wahlkreises sammt und sonders, daß sie so tapfer und unerschrocken zur Fabne gestanden und durch ihre Einmüthigkeit mir den s, glänzenoen und höchst erfreulichen Sieg über die drei Candidaten der gegnerischen Parteien verschafft haben. Sein Sie vorläufig der Dolmetscher meiner dankbaren demokratischen Gesinnungen für das Vertrauen, welches die Wähler mir ge- schenkt haben. Weiter wird es mir aber eine große Freude sein, von Berlin aus zu denselben zu kommen, um ihnen persönlich zu danken. A. Temmler." Correspondenzen. Atensöurg. 12. Januar. Am Sonntag, den 7. Januar fand hier im Flensburger Tivoli eine von der liberalen Partei einberufene Wählerversammlung statt, wozu alle deutschen und reichstreuen Wähler eingeladen waren. Weil auch wir Sozia- listen uns zu den deutschen Wählern rechneten, waren auch wir recht zahlreich erschienen. Krcisgerichtsrath Gottburgsen eröff nete die Versammlung, theilte mit, daß man ihn beauftragt habe, den Vorsitz zu führen und den Dr. Rommel als Stellvertreter. Zunächst machte der gnädige Herr Kreisgcrichtsrath darauf auf- mcrksam, das nur deutsche und reichstreue Wähler eingeladen wären, ausgeschlossen wären die Reichsfeinde, das heiße, um die selben gleich beim Namen zu nennen, die Dänen und die Sozial demokraten. Unser Candidat, Herr Brückmann, aus Altona bat zur Geschäftsordnung um's Wort: Geschäftsordnung gibt es bei uns nicht, gab der Herr Krcisgerichtsrath in seiner hohen Weis heit zurück. Wer sind Sie? Sind Sie hier wahlberechtigt? Nein, dann sind Sie auch nicht eingeladen.— Ich bin der Can- didat der Arbeiterpartei des zweiten schleswig-holsteinischen Wahlkreises und bitte zur Geschäftsordnung um's Wort, war die Antwort des Herrn Brückmann. Raus, Maul halten, Bu reau wählen, wurde durcheinander geschrien. Im Nu war der Kreisgerichtsrath im Schiff des Saales, stellte sich vor Brück- mann hin mit den Worten: Ich verbiete Ihnen den von mir gemietheten Saal. Zugleich sahen wir auch Herrn Dr. Rommel auf der Tribüne mit erhobener Rechten den Laskerknüppel schwingen, die Kopfbedeckung auf, in den Saal schreiend, wenn die Sozialdemokraten nicht den Saal in fünf Minuten geräumt und verlassen haben, werden sie aufgeschrieben. Die Diener des Gesetzes natürlich, wenn es heißt, die Sozial demokraten raus, waren auch nicht faul, um gleich zu expediren, die Herren Bourgeois faßten mich sogar beim Arm, um mich hinauszuführen, als wenn sie als Vertreter des Geldsacks Wunder was für Rechte hätten. Da unser Candidat Herr Brückmann unter den gegebenen Umständen den Saal verlassen mußte und auch wir nicht weiter Lust verspürten, uns längrr mit den Na- tionalmiserabeln abzugeben, verließen wir mit Herrn Brückmann den Saal. Noch sei bemerkt, daß ein Inhaber eines hie- sigcn Kleidermagazins in der betreffenden Versammlung an- wesend war, welcher sich äußerte, den Sozialdemokraten müsse man das Maul breit schlagen! Merkt Euch das, Ihr Arbeiter Flensburg?, so geht man mit dem arbeitenden Volke um! Mit sozialdemokratischem Gruß Heinrich Mahlke. Die Parteiorgane, besonders das„Hambura-Altonaer Volks- blatt" und„Die rothe Fahne" werden um Abdruck gebeten. Kannover. Schon seit Monaten war es eine tagtägliche Frage: was für einen Candidaten stellt die Arbeiterpartei zur nächsten Reichstagswahl auf? Diese Tagesfrage ist nun am 16. Dezember beantwortet worden; mit welcher Spannung die Proklamation des Arbcitercandidaten Meister erwartet wurde, davon gab der von ungefähr 2000 Personen gefüllte Saal das beste Zeugniß. Nachdem in üblicher Weise das Bureau gewählt war, erhielt Herr Meister das Wort. Derselbe führte aus, wie wichtig der 10. Januar 1877 für das Volk sei, es solle an diesem Tage zu Gericht sitzen über diejenigen, loelchen Pe lhr Wohl und die Förderung ihrer Interessen anvertraut; ob die selben das Wohl des gesummten Volks gewahrt und gefordert haben, müsse �uvor geprüft werden, und da finde man denn heraus, daß die maßgebendste Partei, die nationalliberale, stets nur das eigene Ich gewahrt, somit ihre Aufgabe nicht erfüllt habe. Tie Nationalliberalen haben diesmal Herrn Senator Wülbern aufgestellt, einen Mann, welcher in feiner Candidaten- rede selbst erklärt habe, es sei ihm nicht möglich, vom wissen- schaftlichen Standpunkt über die soziale Frage zu sprechen, somit selbst erkärt: ich bin nicht fähig zum Reichstagsabgeordneten, bin jedoch bereit, ein Opfer zu bringen. Die zweite Partei, die deutsch- hannoversche, welche bis jetzt stets siegreich aus dem Wahlkampf hervorging, hat ihren vor anderthalb Jahren ge- wählten Vertreter wieder aufgestellt, Herrn Brühl, der es vor- zog, lieber den Sitzungen der evangelischen Landessynode, statt denen des Reichstaas beizuwohnen. Jetzt haben sich im Verlauf von zehn Jahren die Verhältnisse geändert, und müsse noth- wendig ein Jeder selbst nach dem härtesten Schicksalsschlage mit frischer Kraft suchen, sich auf den Standpunkt der Thatsachen zu stellen und von diesem aus sein Interesse zu wahren, ferner hätten die Führer der deutsch- hannoverschen Partei selbst Herrn Dr. Behrens noch vor anderthalb Jahren erklärt, auf sozialem Gebiet wollen wir dasselbe, was die Sozialdemokraten wollen; daß dieses nicht wahr, sondern blos gesagt worden, um die Arbeiterstimmen zu ködern, beweise das Verhalten des Herrn Dr. Behrens in Holstein, wo er mit den Conservativen Hand in Hand geht, um die Sozialdemokraten zu bekämpfen. Daß die Arbeiter nach einiger Prüfung keinem von den oben angeführten Candidaten ehre Stimme geben können, sei wohl klar. Redner empfahl nun den Ärbeitercandidatcn Herrn F. W. Fritzsche aus Berlin, welcher das Wort nahm und nun von der Versammlung freudig begrüßt wurde. Derselbe gab eine scharfe Kritik der seitherigen Volksvertreten und der von ihnen geschaffenen Gesetze. Redner führt zunächst an, wie die Staatsformen sich stets nach den Besitzverhältnissen regeln, dies sehen wir bei jedem einzelnen Gesetz, welches aus dem letzten Reichstag hervorging. Das Hilfskassengesetz sei nur für den Arbeiter gemacht und man habe nicht einmal den Grundsatz dabei berücksichtigt: das Privatcigenthum ist unantastbar, da man das Eigenthum der Arbeiter(die Kassen) unter die Vormundschaft der Polizei gestellt hat; warum? Damit der Arbeiter sich niemals als freier Staatsbürger fühlen kann, sondern das Abhängigkeitsgefühl in ihm erhalten bleiben soll. Beim Haftpflichtgesetz springt der Unterschied noch klarer vor Augen, da man bei Verunglückung auf der Eisenbahn, welche auch von Besitzenden benutzt wird, der Verwaltung es überlassen bat, den Beweis zu bringen, daß sie oder ihre Beamten keine Schuld an dem Unglück tragen; dagegen bei Unglücksfällen in Bergwerken u. s. w. der Arbeiter den Beweis liefern muß, daß die Verwaltung die Schuld trifft, welches in den meisten Fällen fast unmögltch sei. Sodann habe man viele Gewerke, z. B. das Baugxwcrk, gar nicht in's Hastpflichtgesetz aufgenommen. Diese zweierlei Gesetze haben wir dem Fortschritt und Liberalismus zu verdanken. Jede Schranke, welche dem Kapital entgegenstand, wurde von ihnen niedergerissen. Dazu wurde das Aktiengesetz geschaffen. Das Militärgesetz erweitert die Ungleichheit, indem der Nichtbesitzende drei Jahre, der Besitzende ein Jahr zur mili- tärischcn Ausbildung herangezogen wird. Nach der Statistik sei die Lebensdauer eines Arbeiters 30 Jahre, die eines Reichen 65 Jahre, somit müsse der Arbeiter den zehnten Theil seines Lebens dem Militärdienste opfern, während der Reiche nur den sechzigsten Theil seines Lebens zu opfern brauche.— Es würde zu weit führen, wollte ich den ganzen Bortrag nur auszugsweise wiedergeben. Zum Schluß wurde Herr F. W. Fritzsche einstimmig von der Versammlung mit großer Begeisterung als Candidat des 8. hannoverschen Wahlkreises anerkannt.— Es folgten nach dieser ersten Versammlung im Ganzen noch sieben in den verschiedenen Theilen der Stadt, zu denselben war wieder- holt Herr Fritzsche anwesend; einmal Herr Pfannkuch, welcher uns ebenfalls mit einem sehr guten Referat erfreute, nur be- dauerten sämmtliche Parteigenossen, daß die Versammlung in Folge zu späten Einberufcns so schwach besucht war. In den übrigen Versammlungen hatte Herr Meister die Referate und waren dieselben fast sämmtlich gut besucht. Die letzte am 9. Januar abgehaltene muß ich jedoch noch in Kürze erwähnen. Dieselbe war von über 3000 Pxrsonen besucht und der Saal bis zum letzten Platz dicht gefüllt; trotz der starken Hitze ging nicht ein Mann vom Platz und war die Begeisterung für unfern Candidaten so groß, daß wir getrost dem kommenden Tag ent- gegensehen konnten. Die Tagesordnung lautete:„Unsere Gegner im Kampfe um die Gesetzgebung, erstens die nationalliberale Partei, zweitens die deutsch-hannoversche Partei." Nachdem Herr Meister seinen Vortrag bcenoet, erwarteten wir wohl, daß sich Gegner zur Interpellation dieser Tagesordnung eingefunden hätten, doch nicht ein Laut der Gegenrede wurde h-L bar. Unsere Gegner wagen es hier nicht, an die Ocffentlichkeit zu treten, denn sie sind sich nur zu sehr bewußt, daß sie dadurch immer mehr Dumme zur Aufklärung gelangen ließen;. ihre eigenen Versammlungen finden nur hinter verschlossenen Thören statt, und doch wird die Zahl ihrer Anhänger immer kleiner und die Zahl der Arbeiterpartei wächst mit Riesenschritten. Dies hat nun am besten der 10. Januar bewiesen, wo auf den Arbeiter- candidaten F. W. Fritzsche 5547 Stimmen fielen, als» 1149 mehr als vor anderthalb Jahren; der nationalliberale Candidat bekam 5915 Stimmen, der Candidat der Deutsch-Hannoveraner 9297 Stimmen, und zuletzt 113 Stimmen der Candidat der deutschen Fortschrittspartei, welche erst in letzter Stunde am 9. Januar Abends das erste Lebenszeichen von sich gab und den Herrn Zuckerfabrikdirektor Hurzig als ihren Candidaten proklamirte. (Obige Stimmenzahl kann noch cme kleine Aenderung erfahren, doch das Resultat steht gleich.) So können wir nun mit Zu- friedenheit zurückblicken und mit frischer Kraft auf's Neue für die nächste Wahl vorarbeiten. St. ZohanN'Saarörücken. Zu den Reichstagswahlen waren im hiesigen Wahlbezirk drei Candidaten aufgestellt: der geheime Bergrath Pfähler aus Sulzbach als Candidat der nationallibe- ralcn, oder besser gesagt der„reichstreuen" Partei, Dcchant Schneider von St. Johann als Candidat der Ultramontanen, und Genosse Hackenberger aus Pforzheim als Candidat unserer Partei. Bon den Genannten wurde, wie dieses unter hiesigen Verhältnissen, wo die Abhängigkeit der Arbeiter von ihren Bnd- 1 gebern eine so große ist, wo der Liberalismus durch einen zahl- reichen Beamtenstand vertreten und durch Krieger- und ähnliche Vereine künstlich am Leben erhalten wird, nicht anders zu er- warten war, der geheime Bergrath Pfähler, ein compromitzlicher Schönredner, mit(soweit bis jetzt, 12. Januar Abends, die Wahl- 1 resultate bekannt sind) 7775 Stimmen gewählt. Der Candidat der ultramontanen Partei erhielt 4299, und Genosse Hackenberger 323 Stimmen. Wenn nun auch die Anzahl der auf den Can- didaten unserer Partei vereinigten Stimmen noch eine geringe ist, so liefert diese Wahl doch den Beweis, daß auch hier, wenn schon unter den ungünstigsten Verhältnissen, recht fleißig agitirt worden ist. Letzteres giebt auch die liberale„St. Johanner Zeitung" zu, indem sie constatirt, daß unsere Partei,„wenn auch resultatlos, so doch offenbar ziemlich lebhaft für ihren Can- ? didaten agitirt habe." Erfreulich ist es, daß in einigen Ort- ! schaften des Wahlkreises, sowie in zwei Saarbrücker Wahlbezirken idem zweiten und dritten) Genosse Hackenberger mehr Stimmen bekam, als der ultramontane Candidat. Daß die Arbeiterbevöl- kerung unseres Wahlkreises endlich zum Bewußtsein ihrer Klassen- läge gelangt ist, das ist es, was uns mit Freude erfüllt und uns die Ueberzeugung giebt, daß mit der Zeit unsere ganze Gegend sich zu den Prinzipien der Sozialdemokratie bekennen wird. Das Elend unter den arbeitenden Klassen ist hier groß, sehr groß, und eine tüchtige Agitation müßte von unzweifelhaftem Erfolg sein. Das wissen aber auch unsere Herrn Polizisten und Bürgermeister, deshalb dürfen hier keine Volksversammlungen abgehalten werden, deshalb wird sogar der Wirth, welcher, um ' etwas zu verdienen, es sich bcikommen läßt, sein Lokal behufs ' Abhaltung einer sozialistischen Versammlung herzuleihen, mit ; einer beträchtlichen Geldstrafe belegt. Nützt aber alles nichts! [ Sie werden wiederkommen, die Sozialdemokraten, immer wieder kommen werden sie und— steter Tropfen höhlt den Stein. Darum haltet hoch die rothe Fahne Genossen von Saarbrücken � und Umgegend! Haltet hoch die rothe Fahne Ihr Sozialisten allerwärts! Bosenheim bei München, 11. Januar.(Wie die Libe- ralen siegen.) Die Wahl ist günstig für die Liberalen aus- gefallen, während wir nur 84 Stimmen erhielten. Es fanden aber die ärgsten Umtriebe statt, noch weit ärger wie früher. Wir haben eine allgemeine, freie, direkte Wahl, sagen unsere Liberalen; wir sagen Nein und tausendmal Nein. Die Liberalen sagen, die Sozialisten achten das Gesetz nicht; wir sagen, unsere Gegner treiben Spott mit unserem Reichstagswahlgesetz. Das Folgende bestätige diese Behauptung. Ich ging mit einigen Ge- nossen am Nachmittag des Wahltages nach Kalbermoor, da ich die gesetzwidrige Bauernfängerei in Rosenhcim nicht mehr mit ansehen konnte; jedoch in Kälbermoor war es noch um 100Proz. ' ärger. Höret und staunet. Am Tage vor der Wahl sagte Herr v. Ripen zu den Fabrikarbeitern: Wer nicht liberal wählt, wird sofort entlassen. Herr Inspektor Tietz und noch einige Fabrik- Paschas stellten sich nun vor das Wahllokal. Ein jeder ruhiger Bürger, der seine Stimme abgeben wollte, gerieth oft mit ge- nannten Paschas in Conflikt und mußte sich mit Gewalt los- reißen, wenn er sozialistisch wählen wollte. Einem Genossen kam dies ungerecht vor und wies derselbe deshalb Herrn Tietz auf das Gesetz hin. Herr Dietz antwortete jedoch, er kenne da kein Gesetz. Als sich nun auch zwei Genossen hinstellten, um �Zettel anzubieten, und die Paschas sahen ,_ daß sie kein Geschäft Potsdam(Kreis Osthavelland): Lossau 1076, Wulssheiir� 5038, Parisius 3582, Windthorst 139, zersplittert 18. Anm. zum 11. Wahlkreis. Im Jahr 1874 erhielt Bebel, allerdings ohne jedwede Agitation, 845 Stimmen in diesem Kreis und obgleich das„Dresdner Journal mit einer gewissen Genug- thuung meinte,„trotz der angestrengtesten Agitation sei es uns nicht gelungen, die Majorität zu gewinnen," so können wir kon- � stattren, daß nur der dort aufgestellte Candidat im Kreis thätig war und 12—14, allerdings immer gut besuchte Versammlungen abgehalten hat, es ist somit der schlagendste Beweis geliefert, daß unsere Landbevölkerung recht wohl einsieht, welche Partei für ihre Interessen am entschiedendsten eintritt und daß die Schlagwörter,„Aufhebung des Privat-Eigenthums, Abschaffung der Ehe:c." auch dort nicht mehr verfangen, nnd als eitel Hum- bug betrachtet werden. Wir sind überzeugt, daß dieser Kreis für uns gewonnen werden kann. mehr machen konnten, stellte sich Herr Dietz unter die Thüre des Wahlzimmcrs und nahm den Wählern die Kiefcrzettel aus der Hand mit den Worten: Dumme Teufel! das ist ja der richtige nicht; schaut, das ist ja gleich, Steuern müßt ihr bei den Sozialisten auch zahlen, wählt den Bermühler! Das ist stark, werden sich die Leser denken, und doch ist das noch lange nicht das Aergste. Die Liberalen gingen her, packten ihre Opfer rechts und links, suchten ihnen die Taschen aus, nahmen ihnen die Zettel und drangen ihnen Bermühlerzettel auf. Trotz alle- dem und alledem hofften aber unsere Genossen auf den Sieg. Da auf einmal kam ein Zug, förmlich Gefangener(ungefähr ein halbes Hundert), lauter bleiche, hohläugige Männer; voraus, rechts und links und hintennach Aufseher der Fabrik. Diese bleichen Männer, die mit ihrer Arbeitskraft auch ihren freien Geist verkaufen mußten, wählten denn auch mit treuer Folg- samkeit den von Herrn von Ripen ihnen gegebenen Bermühler. Nun war der Sieg der Liberalen gesichert und erhielten dieselben 49 Stimmen mehr als Kiefer.— Wir haben aber recht deutlich ".esehen, daß, wie unser Programm es besagt, die ökonomische bhängigkeit die Mutter aller Knechtschaft ist. Plauen i. V.(Wahlbcricht.) Die Wahlschlacht im 23. Wahl- kreis ist geschlagen. Es wurden im Ganzen 13766 Stimmen abgegeben, davon fielen auf unfern Candidaten Max Neisser in Bremen 4923, auf den conservativen Finanzrath Mensel in Dresden 4624 und auf den liberalen Advokat Krause in Dresden 4121. Die liberale Partei, die während des ganzen Wahlkampfs kein Mittel unbenutzt ließ, die fortwährend Lügen und Verleumdungen in der gemeinsten Art gegen uns schleuderte, hat diesmal eine Niederlage erlitten, von der sie sich so schnell nicht wieder erholen wird. Unsere Arbeiter in Plauen und den übrigen Städten haben gezeigt, daß sie ihre Klassenlage erkannt haben, und wenn wir die ländliche Bevölkerung mehr gewonnen haben, dann wird in Zukunft uns Niemand den Sieg streitig machen können. Am 27. Januar wird wahrscheinlich in unserm Wahlkreis die Stich- wähl zwischen unserm Candidaten Max Neisser und dem conservativen Finanzralh Meusel stattfinden. Darum müssen wir unsere Truppen auf's Neue concentriren, sie auf's Neue mit Munition ausrüsten, damit wir am 27. Januar auch diesen Gegner aus unserni Wahlkreis vertrei- ben können. Deshalb Genossen im 23. sächs. Wahlkreis, arrangirt so- fort Versammlungen in den wichtigsten Ortschaften und setzt Euch mit dem unterzeichneten Centtal-Wahlcomitö in Verbindung. Mit bestem Gruß Das Central-Wahlcomitö. Friedrich Farbiger, Hoferstraße 92. Offizielle Wahlresultate. 7. sächs. Wahlkreis: Nauert 5237, Richter 7053, Scheller 1704, zersplittert 25. 11. sächs. Wahlkreis: Hadlich 3332, Günther 7807, zer- splittert auf Burckhardt und Nauert 249. 20. sächs. Wahlkreis: Wicmer 4928, Brockhaus 3838, Höfer 1901, zersplittert 30(Stichwahl). 22. sächs. Wahlkreis: Auer 8140, Dietel 4694, Trützschler 3048. 23. sächs. Wahlkreis: Reiß er 4923, Meusel 4624, Krause 4121(Stichwahl). Darmstadt-Großgerau: Most 2910, Büchner(Fortsch.) 4672, Welker(nl.) 3679, Riegcr(cons.) 466, Wambold(ult.) 333. I. Braunschweiger Wahlkreis: Bode(nl.) 10160, Bracke 9212, Veltheim(Agrarier) 626, zersplittert 7. II. Braunschweiger Wahlkreis: Bracke 3094, Kuntzen(nl.) 10123. Erlangen-Fürth: Löwenstein 4458, Marquardsen(nl.) 7768, Sensburg(Fortsch.) 1282, Haas(cons.) 997, Jörg(ult.) 288, zersplittert 41. Dessau: Geiser 2332, Träger 810, Cuny 10023. Bielefeld: Pfannkuch 2164, Marcard(ult.) 5377, Bodel- schwing(cons.) 4990, Kisker(l.) 3469. Bautzen: Keller 1427, Graf Stollberg(ult.) 1830, Reich (cons.) 8951. 5. württ. Wahlkreis: Mottelcr 1775, Ritter(Volkspartei) 9283, Lenz(nl.) 7897, Graf v. Bissingcn 263. Oldenburg: Trillhose 434, Becker 4980, Ahlhorn(Fortsch.) 3770. Lennep-Mcttmann: Nicht, wie früher gemeldet', Stichwahl zwischen Techow und Andorf, sondern Techow(nl.) mit 56 St. über absolute Majorität gewählt. Bitterseld-Delitzsch: Ramm 1361, Thilo(frci-kons.) 8613. Briefkasten der Redaktion. R. in N.: Ihre Karte ist an Herrn Hassel- mann gesandt worden.— I. G. in D.: Die Jagdgesetze in den ver- schiedenen Staaten sind verschieden; wir würden Ihnen rathen, dort zu einem tüchtigen Gesetzeskundigen zu gehen.— Wichtige Briefe für mich bitte ich bis zum 23. Januar zu adressiren: Redaktion der„Neuen Offenbacher Zeitung", Offenbach a. M. W. Liebknecht. der Expedition. P. Kn. Wertheim: Nr. 104, 5 u. 6 d. V.-St. heute per Kreuzband der Post übergeben. Kosten 40 Pfg. nebst Porto. Sendung in Briefmarken erbeten.— A. Grabler, N. a. H.: Wegen Credites müssen Sie sich an den P.-Vorst. in Hamburg wenden. N. W. kann nachgeliefert werden. Preis siehe N. W., die per Kreuzband folgt. — Christof Backhaus, Erbach im Rheingau. Unter dieser Adresse sinä am 30. Dec. 76 bestellte 2 Kalender abgegangen, laut Controle im Spesenbuch franco. Quittung. Lst hier Ab. 18,75. K. Nnwk Smederewo Schr. 10,60. Verein der Spengler Wien Ab. 6,40. Pls Prag Ab. 0,95. W. C. St. Johann Ab. 1,25. Schndlr hier Ab. 1,80. Grbnstn Lin- denau Schr. 9,64. Thm hier Ab. 1,70. Gewerkschaft der Schneider Wien Ab. 8,33. Wnk Niemes Ab. 3,89. Schmnn Frankfurt Schr. 3,60. Htmnn hier Schr. 2,20. Grd Stötteritz Ann. 1,30, Schr. 1,00. Endlr Deffendorf Ab. 5,99. Pftdnr Brambach Ab. 1,60, Schr. 11,90. Drp Verden Ab. 9,00. Trffrth Diepholz Ab. 1,00. Wllhn hier Ab. 1,80, Schr. 1,25. Ullrch hier Ab. 300,00. Prsp Brünn Ab. 5,00. Klwrt Cannstadt Schr. 0,90. Wllck hier Ab. 4,50. Arbeiterbildungsverein hier Ann. 3,90. Schstr Dresden Schr. 2,80. Bdr Stockholm Ab. 8,45. Fr. Fllrmnn Bremerhafen Schr. 36,94. Zgr. hier Ab. 0,80 u. 1,25. Mkn Düsseldorf Ab. 14,60. Mllr Mannheim Ab. 25,00. I. Kchnrthr Hof Ab. 15,36. Ldng Flensburg Ab. 21,60. Arbeiter bildungsverein Linz Ab. 4,84. Fond für Gcmaßrcgelte. Von Dr. T. hier 10,00. Wahlfonds. V. Dr. K. M. Framersbach 5,00. A. A. das. 1,00. M. F. das. 1,00. Liste 90 d. M. Otto hier 4,95. M. S. hier 4,20. Aus Reh- dach d. Trost 1,30. Liste 19 d. Walter 1,00. Von I. Künzel 1,00. Von D. in Schw. 31,86. Aus Oetsch d. Hecht 1,20. Aus der Hauck« scheu Fabrik in Gohlis Liste 7 2,40. Liste 3 d. Förster 6,65. Von E. Künzel 10,00. V. F. hier 120,00. B. Lrnz u. W. Thonberg 2,00. Durch Dttrch, Neusellerhausen: Riege Gemüthlichkeit Liste 24 2,00, v. Mitgl. d. Gemeindevereins Liste 23 3,20. Ein alter 43. u. 49. Kämpfer Mannheim 1,00. Für das Central-Wahl- Comitv: Peter Krebs, Kassirer. Wer noch eine Forderung an das Central-Wahl-Comitv zu machen hat, muß dieselbe bis spätestens Montag, den 22. Januar, bei. Obigen einreichen. Anzeigen zc« Anuoncen für die Mittwochs-Nummer müssen bis Mon- tag Vormittags 9 Uhr; für die Freitags-Nummer bis Mitt- woch-BormittagS 9 Uhr; für die Sonntags-Nummcr bis Frei- tag Vormittags 9 Uhr hier sein, wenn solche noch bestimm- Aufnahme finden sollen. Annoncen, denen der Betrag nicht beiliegt, oder für welche der Einsender kein Depot bei unS hat, können eine Aufnahme nicht finden. ic Expedition des„Vorwärts". Freitag, den 19. Januar, Abends 8 Uhr: Sitzung der Commission zur Begründung eines Verkehrs- lokals. Eintheilung der entstandenen Unkosten. Da dies die letzte Sitzung, so werden alle Mitglieder ersucht, zu erscheinen. ArbeiterbildungSvercin. •v-Vl-j. ziy» Sonnabend: Bortrag von Hrn. Wittich. Unser Stif- tungsfest wird Sonnabend, den 10. Februar in der„Tonhalle" abge- halten.[40 Nächsten Sonntag, Abends 8 Uhr, wird im Verciuslokal eine Gesellige Zusammenkunft stattfinden. Die Mitglieder werden zu zahlreicher Betheiligung höflichst eingeladen. Der Borstand.[1,50 Metallarbcitergcwerkschaft. Sonnabend, den 21. Januar, Abends8 Uhr: Vcr- sammlung in der Restauration von Jul. Menzel, Am Täubchenweg. T.-O.: Gewerkschaftliches. Aufnahme neuer Mitglieder. ur Bcad Soß, London. — Der Communistische Arbeiter-BildungS- Verein hält seine regelmäßigen Sitzungen seden Sonnabend und Montag Abend um 9 Uhr Mars'nali Street, Golden Square W. Nr. 38. Briefe u. s. w. sind zu richten an den Sekretair: I. 14 kortland Street, Polano St. W. Die Abonnenten des„Vorwärts" und der„Neuen Welt" in Lon- don werden aufgefordert, für das laufende Quartal keine Abonnements- Gelder zu zahlen, ohne dafür eine gedruckte und mit dem Vereins- stempel versehene Quittung zu verlangen. Wer bis dato schon bezahlt hat, wird gebeten, eine solche nachzufordern.[1,20 ____ Der Obige. Qvmiftnt k8. sächs. Wahlkreis. -xjD-'l-UAlU. Sonntag, den 21. Januar, von Nachmittags 3 Uhr an Großes Wahlsiegsest in den Räumen des„Deutschen Hauses". Concert. Festrede gehalten von Herrn Wittich aus Leipzig. Massen- gesang. Abends Ball. Jedermann hat Zutritt. Entröe 30 Pf. Damen die Hälfte. ___ Das Central Wahlcomitä.[360 Sonntag, den 21. Januar, im„Alten Kuhberg", an der Schnur- gaffe: Allgemeiner Festball der Tischler CölnS und Umgegend. Anfang: 8 Uhr.— Entree 75 Pf., Damen frei.— Kaffenpreis erhöht. Es ladet ergebenst ein Das Fcstcomite.[210 Verantwortlicher Redakteur: W. Hasenclever in Leipzig. Redaktion und Expeditton Färberstraße 12/11. in Leipzig. Druck und Verlag der SenoffenschastSbuchdruckerei in Leipzig