4:.. 40. 10. 00. HO. Erscheint in Leipzig Mittwoch, Freitag, Tonntag. Abonncmcntsprcis Kit ganz Teutschland t Ä!, SO Pf. pro Quartal. MonntS» Abonnements werden bei allen dcutfchen Postanstalten auf den 2. und u. Monat, und aus den Z. Monat besonders angenommen: im Königr. Sachsen und Herzogth. Sachsen- Altcnburg auch aus den ttcn Monat des Quartals h 54 Psg. Inserate betr. Kersaminlungen pr. Pctitzeile 10 Ps., betr. Prioatangelegenbeiten und Feste pro Petitzeile Za Ps. Vorwärl Vesllliungen nehmen an alle Poslanstalten und Quch. Handlungen des In- u. Auslandes. Filial- Expeditionen. New-Dorl: Soz.-demorr. Kenoüen- IchaftSbuchdruckerei, 154 Qlilrillxn tttr. Philadelphia: P. Haß, 630 Xorth Sr-> Street, I. Boll, 1129 Charlotte Str. Chicago: A. Lansermann, 296 llivi- sion Street. San Franziico: F.Entz, 416 v'b'ar- rell Slroet. London: Beuditz, 5 Hassan Street, Middlceex Hospital. Kentrat Grgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 20. Freitag, 16. Februar. 1877. Ein neues Buch! U. Was haben die armen Reichsfrcunde dermalen nicht aus- � zustehen! In Dresden hat laut der„Köln. Zeitung" der könig- liche Stallmeister sein Personal bei der Reichstagsivahl angewiesen, für den purpurrothen Drcchslcrmeister Bebel zu stimmen— im Berliner Geheimrathsviertel wachsen Sozialdemokraten wie Brombeeren— unter'm herrlichen Kriegsherr mehrt sich die Nachfrage nach Lassalle's Schriften, und jetzt wirft gar noch das Berlags-Magazin in Zürich— die Stätte, wo der Repti- liensäugling Mathiä am Setzcrkasten faullenzte, bis ihn der Schweidnitzer Patriot Tschischwitz aufschnuppcrte— ein Buch auf den Markt, dessen Aufschrift schon: Mcue Hedichte von cheorg Kerwegh(herausgegeben nach seinem Tode) Dies Volk, das einst aus Cäsar's Schüssel Und Becher sich so gern erfrischt, Und sich, wie Mommsen, seinen Rüssel An Cäsar's Tischtuch abgewischt, in üble Laune versetzen dürfte. Wohl bekomm's! Dank den Freunden, welche dem Dahingeschiedenen dies Denkmal gesetzt haben. Diese aus alten Zeitungsblättern und vergilbten Manu- scripten zusammengetragenen, theilweise auch mit Tinte aus dem neuen„Reich der Gottesfurcht und frommen Sitte" geschriebenen Strophen werden ihren Werth behalten und freie Herzen laben und stärken, wenn das„poetische" Gebell gegen den Erbfeind und das Geschrei der Culturkampf-Spatzen längst der überreich- lich verdienten Vergessenheit anheimgefallen ist. Den circa KLO, 000 deutschen Männern, welche für die Candidaten der Sozialdemokratie gestimmt haben, hoffen wir eine Freude zu machen, wenn wir ihnen das prächtige Lied bei dieser Gelegen- heit in Erinnerung bringen, das Herwegh im März 1873 für den„Volksstaat" geschrieben: Achtzehnter März: Achtzehnhundcrt vierzig und acht, Als im Lenze das Eis gekracht, Tage des Februar, Tage des Märzen, Waren es nicht Proletarierherzen, Die voll Hoffnung zuerst erwacht Achtzehnhundcrt vierzig und acht? Achtzehnhundert vierzig und acht, Als Du Dich lange genug bedacht, Mutter Germania, glücklich verprcußte, Waren es nicht Proletarierfäuste, Die sich an's Werk der Befreiung gemacht Achtzehnhnndert vierzig und acht? Achtzehnhundert vierzig und acht, Als Du geruht von der nächtlichen Schlacht, Waren es nicht Proletarierleichen, Die Du, Berlin, vor den zitternden, bleichen, Barhaupt grüßenden Cäsar gebracht Achtzehnhundcrt vierzig und acht? Achtzehnhnndert siebzig und drei, Reich der Reiche, da stehst Du, juchhei! Aber wir Armen, verkauft und verrathen, Denken der Proletaricrthaten— Noch sind nicht alle Märze vorbei Achtzehnhundert siebzig und drei. Wem geht da nicht das Herz auf? Und nun legen wir die Feder aus der Hand, um das Buch, das uns grad„warm" aus der Hand des Druckers gekommen, zu Ende zu lesen. Keiner will der Vater sein. Im bürgerlichen Leben kommt es häufig genug vor, daß ein Kindlein in die Welt gesetzt wird, von welchem Niemand der Vater sein will. Aber auch im politischen Leben werden Kinder geboren, die Niemand als sein eigen anerkennen will; sie sind— nach den verschiedeneu Ansichten— entweder zu mißrathen, oder zu wild und eigenartig, daß sich der öffentlichen Meinung gegenüber der Erzeuger genirt, seinen Namen zu nennen. Der jüngste bislang nicht so sehr beachtete Sprößling der Zeitbewegung, der Sozialismus, ist herangewachsen und hat in Deutschland durch seine Verschiedenheit mit den älteren Kiu- dern der Zeit, durch seine Eigenartigkeit das Staunen, den Haß und die Furcht derselben auf sich gelenkt. Dieses Staunen, dieser Haß, diese Furcht, sie traten auch in der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 9. Februar bei Berathung der geheimen Fonds für Preßzwccke hervor. Alles rief wild durcheinander: „Wo ist denn dieser so schnell gewachsene, so ungemein kräftig gewordene, rothe Junge denn eigentlich hergekommen?" Und nun sollte der Vater an's Licht gezogen werden! Schorlemer Alst, Richter(Hagen), Graf Eulenburg, Mignöl, v. Tschirsky, Wehrcnpfennig, Windthorst und Andere mehr eilten zur Redeschlacht— keiner wollte der Vater sein. Einige sagten, der preußische Staat habe das böse rothe Kind selbst aufgepäppelt in den Zeiten des Conflicts mit der Fortschrittspartei, um dasselbe gegen den Fortschritt aufzuhetzen; wieder andere sagten, der Staat habe keine Schuld, aber die Conservativen, das sind die gemeinsamen Väter und die klerikalen Pfaffen haben ihnen trotz Cölibat bei dem Akte geholfen. Nun aber erhoben sich der Staat, die Conservativen und Klerikalen und protestirtcu feierlich gegen die Vaterschaft und schrieen:„Wir kennen den wahren Jakob, das heißt den wahren Vater, das ist der Liberalismus, das ist die ganze moderne Wirthjchafts-Bewegung, sie haben den roth- haarigen Burschen, den Sozialismus, gezeugt und groß ge- zogen." Und so wogte die Redeschlacht hin und her und Keiner wollte der Vater sein; und die Presse führte eine ganze Woche bis auf den heutigen Tag den Kampf fort, protestirte, schimpfte und tobte und nimmermehr will Einer der Vater sein. Der stramme Bursche aber, der Sozialismus, lacht laut auf über das jammervolle Gebahrcn und bedankt sich dafür, daß eine von diesen abgemergelten, kraft- und saftlosen Par- teicn sein Erzeuger sein soll. Er ist offen genug, seine Eltern zu nennen, er kennt recht gut. Der nüchterne büreaukratische Staat, der bocksbeinige Eon- servatismus, der faule, dickbäuchige Liberalismus und der äugen- verdrehende Klerikalismus— sie sind gleich unschuldig an seiner Geburt. Der Zeitgeist ist sein Vater, die Wissenschaft ist seine Mutter und die Begeisterung ist seine Anime. Ter Fluch, welcher auf der Arbeit ruht und die Roth, sie helfen ihn nähren und unterstützen sein Wachsthum. Und nun hervor, ihr Gegner allesammt, zu frischem, früh- lichen Kampfe— der Bursche fürchtet sich nicht vor aller Welt und wenn sie voller Teufel wäre: er ist ein legitimes Kind und seine Eltern sind ein gar mächtiges, unübcrwind- lichcs Paar! ersprießliches Parteigezänk zu Wege bringen und schließlich dahin komme», den Säbel anzurufen, daß er haue, die Flinte, daß sie schieße. Das Ende mit Schrecken, weil die Geister dem Schrecken ohne Ende erliegen— soll es wirklich Deutschland nicht erspart bleiben? Soll die Sprache der Thatsachen, sollen die beson- nenen Mahnworte der Wenigen, die bis jetzt„was davon er- kannt", was die Massen erfüllt und treibt, ungehört verhallen? „Gewöhne man sich endlich"— so schließt einer der Letzteren, Schäffle, seine Darstellung der Quintessenz der Sozialdemokratie —„an concretes Denken und Urtheilen in dieser ungeheuren Frage und entziehe man sie dem ivüsten Einfluß der Schlag- Worte, der Boypiegelungcn, der Leidenschaften, der Vorurtheile, der Selbstbelügung und Denunziationen! Sonst gehen darob sie j alle Stände mit der Civilisation zu Gründe." Sonst— wer kann die Verhandlungen der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 9. d. Mts. lesen, ohne an dieses furchtbare„Sonst" zu denken. Wohin man blickt, Schlagwort, Leidenschaft, Selbstbe- trug, nirgends concretes Denken und Urtheilen; als ob der eherne, unerbittliche Gang der Geschichte sich auch durch Partei- gezänk und impotente Opposition gegen ein paar Minister auf- halten lasse. Besser fürwahr noch die offene Erklärung des Bankcrotts der Staatsweisheit, als diese Wechselreiterei auf einen Kredit hin, der längst nicht mehr vorhanden ist. Die schwarze Katheder- Sozialismus und wirklicher Sozialismus. Sorge oder richtiger die rothe, die Angst vor dem Sozialismus, rath- lose, hilftose Angst beherrscht seit einiger Zeit die Debatten des preußischen Abgeordnetenhauses. Sehr gut und treffend schreibt darüber die nicht sozialistische„Frankfurter Zeitung": kost eguitem sollet atra enru(hinter dem Reiter sitzt die schwarze Sorge— ein Vers des römischen Dichters Horaz)— es vergeht keine parlamentarische Verhaudlung, ohne dieses ho- razischc Bild in Erinnerung zu bringen. Mag ein Liberaler oder ein Ultramontaner das Wort ergreifen, mag Camphausen oder Eulenburg in die Debatte eingreifen, hinter jedem Redner aus dem Hause wie vom Ministertische steht die atra cura(die schwarze Sorge) in Gestalt der Sozialdemokratie. Es ist nicht mehr Gespcnsterfurcht, die auf den Gemüthern lastet, son- dern die bestimmte Angst vor einer sichtbaren Gefahr, deren Größe ziffermäßig gemessen werden kann. Aber was thun diese trefflichen Archontcn in ihrer Angst? Sie beschuldigen einander in den stärksten Ausdrücken, diese Gefahr großgezogen zu haben, der Eine macht den Andern, wieder ein Anderer Alle mitsammen für das Dasein der Sozialdemokratie verantivortlich— in wahrhaft babylonischer Sprach- und Schimpf- Verwirrung offenbart sich die vollkommenste Rathlosigkeit. In einem Haufen Phrasen- sprcu findet sich nur ab und zu ein Körnlein Wahrheit, das Vorurtheil überwältigt das Urtheil, die denunziatorische Leiden- schast erstickt die Krittk. Und woher das? Einfach, weil man thörichterweise die Frage stellt und immer wieder repctirt: Wer ist Schuld an der in in so gewaltigem Maße sich entwickelnden Macht der Sozialdemokratie, anstatt zu fragen und zu unter- suchen: Was ist Ursache dieser Bewegung, was ihr Kern und was ist's, das sie so schnell und mächtig fördert? So wird, was Gegenstand ruhiger Erwägung sein, was dem Lande zum Heil gereichen könnte, Quelle endlosen Fraktionsgezänks und Veran- lassung zur Erregung von Leidenschaften, die das Uebel vcr- größern und in immer weitere Kreise tragen müssen. Es ist fürwahr hohe Zeit, daß dieser Art von Behandlung einer Welt- bewegenden Frage Einhalt geschieht, daß Boden gewonnen wird für die Erkenntniß, daß nicht Personen und Parteien, sondern daß es Zustände sind, in denen die soziale Bewegung wurzelt, und daß diese Zustände es ihr ermöglichest, reiche Nahrung aus den Wurzeln zu ziehen. Windthorst streifte einmal das, worauf es ankommt, mit der Bemerkung, Alles, was arm und unzufrieden sei, der Arbeiter wie der Bürger und Beamte sieht bei der Sozialdemokratie Zuflucht und Rettung, anstreben. Der sogenannte Kathedersozialismus trägt seinen schönen Namen sehr mit Unrecht. Wenn wir wenigstens nach dem neuesten Buch eines seiner Hauptvertreter, Professor Brentano's „Arbeitsvcrhältniß gemäß dem heutigen Recht" urtheilen dürfen, so ist er vom Sozialismus so weit entfernt, als z. B. die„Nord- deutsche Allgemeine" von der„Berliner Freien Presse"— und in der That hat auch die crstere ihre„volle Nebereinstimmung" mit dem Buch erklärt. Trotz des letzteren Umstandes hat uns das Erscheinen desselben Freude gemacht; denn wir freuen uns immer, wenn uns unsere Gegner öffentlich Rede stehen; in dem Bewußtsein, daß wir, wie sich ein Regierungsorgan zweideuttg ausdrückte,„mit Bcrnunstgründen nicht zu widerlegen sind." Das soll hier auch an dem vorliegenden Buch gezeigt werden. Brentano spricht von der Entwicklung der Arbeiterfrage, von der wirthschaftlichen Grundlage derselben und von ihrer Lösung. Wir betrachten hauptsächlich den letzten Abschnitt. Hier nämlich präzisirt er seinen prinzipiellen Standpunkt, wobei er folgender- maßen etwa argnmenttrt. „Die Geschichte zeigt uns, daß einzelne Völker und Volks- klaffen gewisse Kulturideen erzeugen, die nach und nach zum Gemeingut aller Völker werden; als das ideale Ziel der Ent- Wicklung der Menschheit wird daher die höchste Vollendung Aller zu betrachten sein. Diese kann in nichts anderem bestehen, als der größtmöglichsten Vollendung jedes Einzelnen. Sie kann daher nie zu einer gleichen Ausbildung Aller, sondern nur zur größten Ausbildung der Anlagen eines Jeden führen. An dem Bestehen von Unterschieden unter den Menschen wird sich daher nichts ändern lassen. Das Ziel der Arbeiterbewegung ist die Gleichberechtigung aller Gesellschaftsklassen zur Theilnahme an der Kultur. Soll die Menschheit im Ganzen aber jenem idealen Ziele näher kommen, so muß die Kultur fortschreiten. Dies kann nur geschehen bei Ungleichheit der Existenzbedingungen unter den Menschen. Die Sozialdemokraten, welche diese Un- Gleichheit aufheben wollen, gcrathen also in Widerspruch mit jenem Endziel, der höchsten Kultur, und dies setzt ihren Bestre- bungen die Grenze." Ein ganzes Gewebe von Widersprüchen, Unklarheiten und Jrrthümern, dessen vollständige Auflösung wir uns ersparen können, wenn wir die Hauptfehler bezeichnet haben. Ganz klar dürfte wohl Niemand der Jdeengang Brentano's geworden sein; soviel aber scheint festzustehen: er nimmt ein gewisses, unverrück- bares Ziel der Entwicklung der Menschheit an und findet, daß die Sozialisten an demselben scheitern müssen; und zwar, weil die höchste Kultur, welche jenes Ziel ist, nicht erreichbar ist bei der Gleichheit der Existenzbedingungen, welche die Sozialisten denn was heißt das anders als: Die Sozialdemokratie ist ein Produkt unserer politischen und wirthschaftlichen Zu- stände! Und daß sie als solches wohlberechtigt ist, daß sie nicht das Werk künstlicher Agitation, ihr also auch mit Mitteln nicht zu begegnen ist, mit denen man Agitationen bekämpfen zu können meint— wie lange wird man sich in parlamentarischen Kreisen noch dieser einfachen Logik verschließen? Prüft doch Nun an die Krittk! Hätte Brentano gesagt: ich wünsche die höchste Kultur der Menschen vor allen Dingen; ich halte dieselbe nicht für erreichbar im sozialistischen Staat; ich bin daher ein Gegner der Sozial- demokratie,— so wäre, wenn sich auch gegen die einzelnen Sätze Vieles einwenden ließe, doch der Gedankengaug ein logischer gc- Wesen. So verfährt er aber nicht, sondern er sagt: die höchste endlich einmal den Volksgeist auf die Eindrücke, die er von deni Kultur ist das Ziel der Entwicklung, an dem nun einmal nichts System eines verschleierten Absolutismus, von einer Aera der geändert werden kann; die Sozialen wollen daran ändern, ich Kriegspolitik, von der Entmannung und Ohnmacht sogenannter aber habe keinen Willen, also kann ich kein Sozialist sein. Er Volksvertretungen in sich aufgenommen hat, prüft die materiel- gehört demnach zu den Fatalisten, die bekanntlich vergessen, daß len und sittlichen Folgen jener manchesterlicheu Volkswirthschaft, bei der Gestaltung der Zukunft ihr Wille ein maßgebender Fattor welche die Gesellschaft in ihre Atome auflöst und sie als Ganzes! sein kann; sie berechnen die kommenden Ereignisse, ohne auf negirt, die Staat und Gesellschaft auseinanderrcißt, in letzterer ihren persönlichen Einfluß Rücksicht zu nehmen, und aus dem den Krieg Aller gegen Alle im Namen der Freiheit und Wohl Resultat, das natürlich die Wirkung dieses Einflusses nun»icht fahrt proklamirt und den crsteren als Nachtwächter Feuer und I ausweist, schließen sie, daß derselbe vergeblich sein werde. Z. B. Licht zu hüten anweist— prüft, dieses Alles und es wird Anderes I wenn Jemand argumcntiren wollte, um 12 Uhr 30 Min. geht und Ersprießlicheres herauskommen, als das Stichwort: Ultra- der Zug nach Potsdam, jetzt ist es zwar erst 11 Uhr, aber der inontanismus oder Culttirkampf, als die Namen Bismarck oder Zug wird ohne mich abgehen; ich will daher nicht zum Bahnhof, Euleuburg, und nicht Krankheit, sondern Heilung wird inan denn es wäre ja doch umsonst, so würde man den Mann für � nennen. was als natürlicher Prozeß begriffen und gewürdigt verrückt halten, ich kann aber nicht finden, daß sich der Beweis- wird. So lange man freilich, wie unsere Parlamentarier, nicht gang Brentano's von diesem sich dem Wesen nach unterscheidet. den Willen und den Muth hat, in den Kern der sozialen Fragen Ein ganz anderer Fall Ooäre natürlich, wenn jener Reisende einzudringen und in verhängnißvoller Verblendung an der Form folgenden Monolog hielte: um 12 Uhr 30 Min. geht der Zug /der sozialistischen Bewegung haftet, als ob sie sich mit dem'ab, ich möchte gern mit, indessen es ist schon 12 Uhr 2ä Min., Wesen decke, so lange wird man nichts Besseres als schales, un- ich muß also bei der großen Entfernung vom Bahnhof daraus verzichten. Das wäre zwar unangenehm, einwenden ließe sich aber nichts. Wenn Brentano ebenso verfahren wollte, hätte er sagen müssen: ich möchte zwar vor allen Dingen eine möglichst allgemeine Kultur, wenn auch eine weniger auf die Spitze ge- triebene; soviel ich mich aber auch anstrengen würde, diesen Wunsch zu befriedigen, es würde mir nicht gelingen, weil andere Umstände, welche eine höchste Kultur herbeiführen, uuüberwindlich sind; ich muß mich daher, so leid es mir thut, in meinen Wün- schen beschränken. Es fragt sich nun, ob sich nicht für diese Art und Weise der Beweisführung Brentano's noch ein tieferer psychologischer Grund auffinden lasse, ob es wirklich nur Unklarheit ist, die ihn dazu verführt. Wir glauben einen zu finden. Brentano möchte für seinen Antisozialismus gern die Weltgeschichte verant- wortlich machen; er hat nicht den Muth, zu sagen: Die so- zialistischen Bestrebungen sind zwar berechtigt, ich aber kämpfe offen dagegen, weil ich andere Interessen vor Augen habe; er hat auch keine Lust oder nichl den Muth, sich offen auf unsere Seite zu stellen; er will seine Hände in Unschuld waschen und giebt daher dem Fatum alle Schuld. An dieses Fatum müßt ihr euch halten, Sozialdemokraten, an ihm euch rächen, nicht an mir! Man könnte nun erwidern: die Art und Weise der Beweis- führung Brentano's ist zwar unlogisch, indessen sollten die So- zialisten doch bedenken, ob ihren Bestrebungen nicht unüber- windliche Hindernisse entgegenstehen, die sie beim besten Willen nicht überwinden können. Niemand wird doch einer Sache seine ganze Thätigkeit opfern wollen, die von vornherein mit abso- luter Gewißheit, oder selbst nur mit sehr großer Wahrscheinlich- keit als verloren betrachtet werden muß. Wie verhält es sich in dieser Beziehung mit dem sozialistischen Staat? Kann man ihm Lebensunfähigkeit oder rasche Vernichtung im Kampf um's Dasein heute schon prognosticiren? Ehe wir auf diese Frage näher eingehen, müssen wir erst einen anderen Jrrthum Aren- tano's aufdecken, und zwar den wichtigsten. Die Behauptung, im sozialistischen Staat sei eine Erhöhung der Kultur unmöglich, ist falsch und falsch jeder Satz des Be- weises für dieselbe. Brentano's Gedankengang ist folgender: Die Erfahrung lehrt, daß es keinen Fortschritt in der Kultur giebt bei Gleichheit der Existenzbedingungen, wobei er sich auch auf Lange, einen wirklichen Sozialisten beruft. Nun wollen die Sozialdemokraten jede Ungleichheit der Existenzbedingungen aufheben. Also ist in ihrem Staat ein Fortschreiten der Kultur unmöglich. Der Grundfehler dieser Argumentation besteht darin, daß aus Erfahrungen, welche nur in nichtsozialistischen Staaten gemacht worden sein können, auf Zustände in sozialistischen ohne Rücksicht auf die veränderten Bedingungen geschlossen wird. Wenn nun die Umstände, welche dort bei Gleichheit der Existenz- bedingungeu ein Stillstehen der Kultur zur Folge haben, hier gerade fehlen? Das ist in der That der Fall, wie wir sehen werden. Warum nämlich ist nur bei Ungleichheit der Existenz- bedingungeu ein Fortschreiten der Civilisation möglich? Weil nur in diesem Falle, wie Brentano meint, es Leute geben kann, welche, materiell unabhängig gestellt, sich höheren Aufgaben, der Wissenschaft, der Literatur, der Kunst widmen und so jenen Fortschritt verwirklichen dürfen. Das ist ungefähr richtig für eine Gesellschaftsordnung, in der sich der Staat um nicht viel mehr bekümmert als Rechtspflege, Militär, Verkehrswesen und Unterricht, und es dem Ermessen und der Willkür der Einzelnen überläßt, ob hier und dort Jemand sich der Wissenschaft u. s. w. ergeben will. Im sozialistischen Staat wird das nicht dem Zu- fall überlassen bleiben. Da werden von denen, die Lust dazu haben, die Tüchtigsten auserwählt werden, ihr Leben den höheren Berufsarten zu widmen und für den Fortschritt der Kultur zu sorgen. Es tritt also ganz das Gegentheil ein von dem, was Brentano fürchtet. Dieser Fortschritt, bisher nach Brentano abhängig davon, ob ein Reicher eine wissenschaftliche oder künst- lerische Thätigkeit ergreifen wollte, wird offenbar um so rascher von Statten gehen, wenn nicht mehr allein aus der geringen Zahl der pekuniär Unabhängigen, sondern aus allen die Jünger der Musen hervorgehen.— Durch den Umstand, daß so viele Reiche ihren von Brentano ihnen auferlegten Beruf nicht er- füllen, sondern nur sehr wenige, läßt derselbe sich nicht irre machen. Er entschuldigt es durch den Hinweis auf das Natur- gcsctz, nach dem eine Ueberproduktion von Keimen überall statt- finde. Hier zeigt sich wieder der Fatalist. Wir Menschen ge- hören doch auch zur Natur, haben bei der Anwendung der Natur- Ein Gegner über Ferdinand Lassalle. Kreisrichter Dr. Arndt hielt im Essener Gewerbeverein einen Vortrag über Lassalle, dem wir denjenigen Theil entnehmen, welcher über die wissenschaftliche Thätigkeit des bedeutenden Mannes handelt. Der Vortragende sagte: „Lassalle war von einer glühenden, leidenschaftlichen Seele und einer unbezwinglichen Willensstärke, er besaß eine Beredt- samkeit, in gleicher Weise hinreißend für die Gebildeten, wie die Massen; eine Uuerschrockenheit, welche vor keiner Gefahr zurück- bebte und ein stolzes Selbstgefühl, welches sich in keiner Lebens- läge verleugnete. Derselbe Mann aber, welcher mit Ostentation den Stock Robespierres trug, der Apostel der Arbeiter, verkehrte mit Vorliebe in aristokratischen Kreisen, kleidete sich nach der neuesten Pariser Mode und war stolz darauf, die geschmackvollsten Gesellschaften zu geben. Wie aber auch immer die Beurtheilung seines privaten wie politischen Verhaltens ausfallen mag, so steht doch heute über jeden Zweifel erhaben fest, daß Lassalle gleich groß als Denker wie Gelehrter, gleich groß als Kenner der Philosophie der Griechen wie der Jurisprudenz der Römer, gleich groß in dem innigsten Verständniß der Philosophie der Deutschen wie der Nationalökonsmie der Engländer, seineu Na- men mit unauslöschlichen Buchstaben in die Annalen der Wissen- schaft eingetragen hat. „Lassalle war ursprünglich für den Handclsstand_ bestimmt, widmete sich indeß später mit durchschlagendem Erfolge dem Studium der klassischen und modernen Philosophie. Schon als Student gelang es ihm, sich die Bewunderung und innige Freundschaft der glänzendsten Namen deutscher Wissenschaft, Böckh's und Alexanders von Humboldt zu erringe». Mitten in seinen' wissenschaftlichen Arbeiten wurde er durch die Bewegung des Jahres 1848, welcher er sich mit der ganzen Leidenschaft- lichkeit seines Wesens hingab, noch mehr aber durch eine Bekannt- schaft mit einer hochgestellten Dame gestört, welche für sein ganzes Leben von maßgebender Wichtigkeit wurde. Als Jüng- ling von 19 Jahren lernte Lassalle die Fürstin Hatzfeld kennen, welche in der unglücklichsten Ehe mit dem Grafen Hatzfeld ver- bunden war. Aus bisher nicht aufgeklärten Motiven warf sich Lassalle zum Beschützer dieser Dame auf, welche ihm bis an sein Lebensende eine treue und hingebende Freundin geblieben ist. Nach jahrelangem, endlosem Mühen und Prozessiren gelang es Lassalle, der Fürstin ihre Freiheit und ihr Vermögen zu retten. Nachdem der leidige Prozeß beigelegt war, veröffentlichte Las- falle seia erstes großes wissenschaftliches Werk,„Die Philosophie gesetze ein Wort mitzureden und wollen eben nicht, daß in dem angegebenen Falle eine Ueberproduktion stattfinde. Man bemerke, daß der angegebene Grund der einzige ist, den Brentano für die Erhaltung der Privilegien der Besitzenden anzuführen weiß. Logischerweise müßte er aber dann auch ganz zufrieden sein, wenn man gleich heute alles Privateigenthum kasfirte und nur denjenigen ein größeres Vermögen ließe oder gäbe, welche Professoren, Künstler, Beamte sind oder werden wollen. Es ist auffallend, daß Brentano nicht eine andere Folge der „Gleichheit der Existenzbedingungen" anführt, welche man oft verkünden hört, um eben jenen Beweis zu führen, daß das Fortschreiten der Civilisation gefährdet sei. Man liest überall die Behauptung, jedes Streben müsse im sozialistischen Staat, in welchem jene Gleichheit besteht, aufhören. Es wäre dies vielleicht richtig, wenn wirklich der einzige und höchste Zweck der Sozialisten auf diese Gleichmachung hinausliefe. Das ist nun keineswegs der Fall. Da aber Brentano immer nur von der Gleichheit der Existenzbedingungen redet, wenn er von den Zielen der Sozialdemokraten spricht, so könnte ein unkundiger Leser annehmen, daß es trotzdem so sei und könnte sagen: Brentano hat zwar in der Art seines Beweises für die Behauptung, daß die Kultur in ihrem Fortschritt gefährdet sei, Unrecht; die Be- hauptung selbst aber ist richtig. Bei der Widerlegung dieses Einwandes kommen wir auf einen Hauptmangel in Brentano's Auffassung der Arbeiterfrage. Er hat, wie es scheint, nicht die richtige Ansicht über die psychologische Entstehung derselben. Die Grundidee des Sozialismus ist keineswegs, eine absolute Verbesserung der Lage des Proletariats herbeizuführen, sondern eine Verbesserung im Berhältniß zu der Lage der besitzenden Klassen. Das scheidet die bloßen Arbeiterfreunde, zu denen jeder Kapitalist gehören kann und viele auch gehören, von den Sozialisten. Der Trieb, welcher jene bewegt, ist, abgesehen von egoistischen Gründen verschiedener Art, das Mitleid, das Ge- fühl, welches uns begeistert, ist das der Gerechtigkeit. Wir wollen, daß Jeder nach seinem Verdienst belohnt werde, Ihr wollt höchstens, daß die Arbeiter gut belohnt werden. Der Unterschied ist prinzipiell und deshalb werden die größten Wohl- fahrtseinrichtungen und materiellen Verbesserungen doch den Sozialismus nicht ausrotten. Also wir wollen keineswegs die Gleichheit der Existenzbedingungen, wenn man unter diesem dunkele» Ausdruck, wie viele geneigt sein werden, versteht, daß Jeder ein gleiches Leben führt, keine Unterschiede in der Lebens- Haltung mehr existiren, sondern wir wollen, daß jeder im Ver- hältniß zu der Mühe und Arbeit, die er hat, durch Genuß cnt- schädigt werde. Daß eine solche Art der Gleichheit dem Fort- schritt der Civilisation nicht hinderlich, sondern im Gegentheil sehr förderlich ist, bedarf keines besonderen Beweises. Da wir jetzt das Ziel der sozialistischen Bewegung festgestellt haben, können wir auch auf die obige Frage, die damals auf- gehoben wurde, zurückkommen, ob man dem sozialistischen Staat Lebensfähigkeit im Kampf um's Dasein mit anderen Staaten vindiciren kann. Fragen wir, was wird gesehen, wenn heute irgend ein Land sozialistisch organisirt wird. Zwei Hauptge- fahren würden ihm drohen. Einmal die, von der Coalition der nichtsozialistischen Staaten, die eine Ansteckung fürchten, erobert zu werden, was eine Aufhebung der sozialistischen Einrichtungen natürlich zur Folge hätte; sodann zweitens die Auswanderung zweier wichtiger Faktoren: der guten Köpfe und des baaren Geldes. Gegen die erstere Gefahr giebt es nur ein Mittel, nämlich die internationale Verbreitung der sozialistischen Ideen und Verfassungen, und, wie die Sachen heute stehen, dürfen wir hoffen, daß wir zur rechten Zeit im Besitz dieses Mittels sein werden. Ernster ist die zweite Gefahr. Es steht zu befürchten, daß, noch ehe es zum sozialistischen Staat kommt, die Kapitalisten suchen werden, ihre heimischen Staatspapiere u. s. w. in Gold und Silber:c. zu verwandeln und mit diesem sowie ihren aus- ländischen Effekten das Weite zu suchen. Dagegen ließe sich nichts machen; zwar würde die internationale Verbreitung des Sozialismus sie bald aus allen civilisirten Ländern vertreiben; nun, dann gingen sie in die halbcivilisirten und schließlich zu den Wilden. Bis sie aber der Sozialismus bei den Niamniam in Jnnerafrika, oder bei den Paguas erreicht— bis dahin hat es gute Wege. Aber wir brauchen uns deswegen nicht zu äng- stigen: der Verlust wäre nicht groß. Der Verlust des Goldes und des Silbers würde nur im Falle einer ungünstigen Hau- delsbilanz des sozialistischen Staates unangenehm werden. Die Herakleitos des Dunklen von Ephesos", welches die höchste Be- wunderung der Gelehrten erregte. Aus einzelnen Bruchstücken und Zeugnissen anderer Alten hatte er das System dieses merk- würdigen Philosophen zusammengestellt und mit der ihm eigenen Gewandtheit beleuchtet. Trotz des antiken Stoffes trägt das Werk vielfach einen ganz modernen Anstrich. Sechshundert Jahre vor unserer jetzigen Zeitrechnung hat Heraklit gelehrt, daß Nichts in der Welt ist, Alles vielmehr wird, und daß die Erde, wie die Menschheit in einem unaufhörlichen Prozesse des Werdens und Sichentwickelns begriffen ist. Da nun Alles, was ist, im Grunde nicht ist, indem es fchon im nächsten Augenblicke ein Anderes wird, fo ward auch der einzelne Mensch nicht geschaffen, um für sich zu sein und zu leben. Nicht der einzelne Mensch für sich, nur die Menschheit hat Wirklichkeit; die ganze Ethik, der ewige Grundbegriff des Sittlichen ist daher nach Herklit die Hin- gäbe ans Allgemeine. Dem„Herakleitos" ließ Lassalle sein Hauptwerk„Das System der erworbenen Rechte" folgen, eine wissenschaftliche Schöpfung von bleibendem Werthe, welche viel- leicht alle heutigen Rechtscompendien überdauern wird. Selbst Diejenigen, welche die von Lassalle gezogenen Consequenzen nicht gelten lassen wollen(z. B. der Ministerialdirektor Förster, der erste Kenner des preußischen Rechts), gestehen zu, daß sein Werk von einer ungemein tiefen Auffassung der römischen und germa- nischen Rcchtsanschauuugen wie von einer Fülle geistvoller und philosophischer Gedanken zeugt. Erworbene Rechte sind solche, auf welche kein Gesetz zurückwirken kann, d. h. welche der Ein- zelne sich so zu eigen gemacht hat, daß sie ihm ohne seinen Willen niemals, auch nicht durch einen Akt der Gesetzgebung, entzogen werden können. Lassalle zeigt nun historisch und dog- matisch, daß aus innerer logischer Nothwendigkeit kein crwor- benes Recht existirt, daß vielmehr Alles, was uns heute als er- wordenes Recht erscheint, sich erst im Laufe der Geschichte hier- zu entwickelt hat. Die erworbenen Rechte bleiben sich nicht gleich, was bei den Römern als erworbenes Recht galt, war dies nicht bei den Germanen. Der Begriff der erworbenen Rechte ist im steten Wandel und Flusse begriffen. Der alte Römer konnte über seinen Nachlaß verfügen, wie er wollte; er konnte ihn in die Tiber werfen lassen, und seine Kinder hatten kein erworbenes Recht auf seinen Nachlaß, der alte Germaue umgekehrt durfte überhaupt nicht über feinen Nachlaß verfügen, da dieser seiner Familie kraft wohlerworbenen Rechtes gehörte. An diese historischen und rechtlichen Ausführungen knüpft Lassalle die Bemerkung, daß der Zug der Weltgeschichte den Begriff der erworbenen Rechte immer mehr einenge, daß die Rechtssphäre Gefahr einer solchen ist indeß bei der besseren, zweckmäßiger organisirten und größeren Summe von Arbeit, welche in ihm geleistet wird, verringert. Im schlimmsten Falle müßten die j sozialistischen Einwohner auf gewisse ausländische Produkte ver- zichten.— Ebenso würden beim Herannahen des Sozialismus 1 Viele auswandern, welche von ihrer geistigen Ueberlegenheit einen ausgiebigeren Gebrauch in Staaten machen können, wo noch Ausbeutungs-Freiheit herrscht, als wo diese beschränkt oder aufgehoben ist. Nun, auch diese Gefahr können wir abwarten: die Nachtheile, die wir dadurch iu Bezug auf Industrie, Wissenschaft und den Wettkampf mit nichtsozialistischen Völkern erleiden könnten,, würden durch den Umstand, daß bei diesen viele geistige Kräfte f gar nicht aufkommen können, während bei uns keine so leicht durch die Ungunst der äußeren Verhältnisse vernichtet werden kann, wohl reichlich aufgehoben worden.— Soviel wir also sehen und aus diesen Andeutungen hervorzugehen fcheint, läßt sich eine sichere, ernste, unabwendbare Gefahr für den sozialisti- schen Staaat nicht absehen, so daß wir hierdurch nicht abgehalten werden können, die soziale Sache zu verfolgen. (Schluß folgt.) Sozialpolitische Uebersicht. „Vollkommen schülerhaft, überaus oberflächlich, ja oft ganz unqualifizirbar" nannte Windthorst im preußi- schen Abgeordnctenhause(Sitzung des 9. Februar) die Weise, in welcher die Tagespresse die Sozialdemokratie behandelt. Er hatte recht, wenn auch der Gegenvorwurf der Getroffenen, er selbst habe sich in seinen Bemerkungen über das Wesen der: sozialdemokratischen Bewegung nichts weniger als gründlich ge-, zeigt, nicht ganz aus der Luft gegriffen ist. Die Albernheit, welche die feindliche Presse in ihrer Polemik mit an den Tag legt, wird nur durch ihre haarsträubende Unwissenheit übertroffen. Die stupidesten Mährchen und Schlagwörter müssen seit Jahren herhalten. Sogar der, von der absolutesten Gedankenlosigkeit i zeugende Petroleum-Blödsinn wuchert noch so üppig, wie' im Sommer 1871. Man sagt: Lügen haben kurze Beine, aber die Dummheit hat leider sehr lange Beine, und wenn die Dumm- I heit die Lüge auf den Arm nimmt, dann läuft auch die Lüge auf langen Beinen. Nun wissen wir zwar, daß der Satz: mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens, nur von Göt-] tern gilt, die ihrer Mutter gegenüber ohnmächtig sind, zum Glück aber nicht von Menschen; und ferner wissen wir, daß mit einem Feind, der Geist und Kenntnisse hat, nicht so leicht fertig zu 1 werden ist, als mit einem, der diese Requisiten nicht hat, allein trotzdem wünschen wir aufrichtig, daß unsere Gegner zunehmen mögen an Weisheit und Verstand; sie würden uns dann wenig- stens mitunter eine angenehme Unterhaltung und Gelegenheit zu geistiger Gymnastik bereiten. — Das heilige Eigenthum. Die„Frankfurter Zeitung"! vom 10. d. enthält in ihrem lokalen Theil folgendes„Ein-' gesandt": „In den„Frankfurter Nachrichten"(Jntelligeuzblatt) findet j sich folgende Lokalnotiz: „Borgesteru wurde ein Mann, welcher zwei Laibe Brod aus einem Bäckerwagen am Liebfraueuberg gestohlen hatte, hierbei betroffen und festgenommen. Die Festnahme gelang dadurch, daß der Verfolgte in der Töngesgasse stürzte und sich hierbei stark am Kopf verletzte. Da sich herausstellte, daß er mit Frau und Kinder sich in größter Roth befindet und nur, um den Hunger der Seinigen zu stillen, das Brod entwendet hatte, wurde er vorläufig wieder entlassen." „Dem gegenüber berichten wir als Augenzeugen: Am Montag! den 5. ds. Mts., zwischen 1(1 und 11 Uhr, ging ein anständig gekleideter Mann in der Töngesgasse an einem Brodwagen vorbei. Der eigene Hunger und die große Roth seiner Familie bewogen ihn, sich etwas Brod anzueignen. Er be- sann sich aber, nahm es nicht mit, sondern legte es auf einen vorbeifahrenden Bierwagen. Der Lenker des Brotwagens mochte dieses entdeckt haben und lief dem davoneilenden Manne nach mit den Worten: Haltet ihn, er hat mich bestohlen. Auf dieses Geschrei stürzte der Nachtarbeiter Seyfried mit einer eisernen Stange aus dem Laden und schlug den Mann zu Boden. Der arme Mann, der arg verwundet war, blieb be-! wußtlos liegen, das Blut floß ihm aus Mund und � des Einzelnen immer mehr und mehr zu Gunsten der Allge- 1 mcinheit beschränkt werde. Hatten der„Herakleitos" nnd„Das System der erworbenen Rechte" einen streng wissenschaftlichen Charafter im Inhalt nicht minder als in der Darstellung, so beschritt Lassalle mit seiner nunmehr folgenden Schrift„Herr Julian Schmidt der Literar- 1 Historiker" den Weg persönlicher Angriffe. Julian Schmidt, der bekannte Verfasser einer deutschen und einer französischen Lite- raturgeschichte, ist ein Mann von einer unbeschreiblichen Viel- seitigkeit des Geistes, einer großen Gewandtheit der Darstellung, leider aber auch ein Mann von einem mitunter recht oberfläch- lichen Wissen. Er gibt sich den Anstrich, als sei er auf das Genaueste mit Allem vertraut, was die Wissenschaft auf irgend einem Felde geleistet, als verstehe er die antiken Philosophen ebenso wie die modernen, die Tragiker der Griechen nicht min- der als die Shakespeare, Racine und Schiller der Neuzeit, als kenne er den Ursprung der römischen Geschichte so genau, wie die Uranfänge des Christenthums, und die moderne Rechtswissen-] schaft so gut wie die modernen Naturwissenschaften. Mit der Miene der überlegenen Intelligenz urtheilt Julian Schmidt über- unsere Goethe und Schiller, Kant und Hegel ab, als seien dies| Schulbuben, deren Aufsatzhefte er zu corrigiren habe. Dieser � Mann war geradezu tonangebend in der Literatur geworden, sein Urtheil war maßgebend, seine Anschauungen bemächtigten sich der gebildeten Stände. Da erschien Lassallc's Schrift wie ein Blitz aus heiteren Himmelshöhen und erschlug den modernen j Literarhistoriker. In dieser Schrift wurde auf das Unwiderleg- lichste dargethan, daß Julian Schmidt die Bücher, über welche er zu Gerichte gesessen, theilweise gar nicht gelesen, theilweise nicht verstanden und daß seine Angriffe auf unsere deutschen Klassiker ihren Ursprung lediglich in seiner eigenen, verkehrten Auffassung derselben haben. Wie sehr man nun auch Lassalle in de» Einzelheiten, welche er gegen Julian Schmidt vorbringt, Recht geben muß; wie sehr man sogar mit ihm sympathisiren kann) wenn er mit solcher Wärme und Begeisterung für die Geistesheroen des deutschen Volkes eintritt, so wird man doch nicht umhin können, die pamphletartige Form seiner Schrift als durchaus unpassend zu bezeichnen. Aber nicht blos Julian Schmidt, der ganzen öffentlichen Meinung und der gesammten Tagespresse warf Lassallc den Fehdehandschuh hin.„Die Julian Schmidt herrschen in der Literatur und der Presse, sie sind die Stimmführer in den Parlamenten und die Tonangeber in der Politik. Männer von dem Halbwissen und der Selbst- überHebung des Julian Schmidt führen die deutsche Nation am Nase und er mußte in's Spital geschafft werden. Und dieses die Wahrheit. „Woher nun jene falsche Darstellung im Jntelligenzblatt? Ist solch�eine Art von Rohheit nicht strafbar? Srgehenft M. F. S. T." Strafbar? Wäre schön! Der Mann hat in seiner Begci- Gerung für die Heiligkeit des Eigenthums höchstens etwas zu viel Eifer entwickelt; und das ist eher verdienstlich, eines Ordens Werth als strafbar. Aber eine liebliche Kultur-Jdylle ist's doch, nicht wahr? — Briefstieberei. In der Berliner„Volkszeitung" vom S. d. ist Folgendes zu lesen:„Ueber eine Verletzung des Briefgeheimnisses beschwert sich wiederum der„Oredownik", ein polnisches Blatt. Wie im ersten Falle soll jetzt auch ein Brief aus Kosten aufgeschnitten angekommen sein, nur mit dem Unterschiede, daß dieser Brief zwar für die Redaktion bestimmt, aber an eine andere Adresse gerichtet war. Beide Briefe waren von derselben Person abgesendet worden. Der„Oredownik" nimmt an, daß der Brief auf dem Transporte von Kosten nach Posen absichtlich beschädigt sein muß, und gedenkt das Couvert diesmal der polnischen Fraktion einzusenden, da die damalige Klage beim Postamt nichts fruchtete, und so Material zu einer Interpellation an den Gencralpostmeister zu geben."— (Von der früheren Beschwerde ist uns nichts bekannt geworden. Vielleicht ist ein Leser des„Vorwärts" im Stand, uns die be- treffende Nummer des„Oredownik" zu verschaffen. R. d. V.) Inzwischen hat der„Reichsanzeiger" sich abermals bemüßigt gefunden, für das bekannte Bibel-(auf dem Altar)- Dogma des unfehlbaren und unverletzlichen Post-Moltke eine Lanze zu brechen. Er schreibt:„Zur Beleuchtung der bei Verlustfällen von Briefen so häufig gegen die Postverwaltung erhobenen Be- schuldigungen ist erst kürzlich in diesen Blättern über die Unterschlagung einer großen Anzahl von Briefen durch einen tandlungslehrling in Bielefeld Mittheilung gemacht worden. chon wieder ist ein ähnlicher Fall in Erfurt vorgekommen. Auch hier hat ein für durchaus zuverlässig gehaltener Lehrling Monate hindurch unbeargwohnt die ankommende und abgehende Correspondenz seines Hauses in solchem Umfange unterschlagen, daß nach seiner Verhaftung noch mehrere Hundert unterdrückter Briefe bei ihm vorgefunden wurden. Der Verdacht hatte sich auf den jugendlichen Verbrecher erst gelenkt, als die Postbehörde des Ortes aus Anlaß einer bezüglichen Beschwerde darauf hin- gewiesen hatte, daß nach den begleitenden Umständen die Ursache des Abhandenkommens so vieler Sendungen nicht auf der Post, sondern in dem eigenen Dienstpersonale des geschädigten Hauses gesucht werden müsse."— Schade nur, daß weder Marx, noch Lübeck, noch Hirsch, noch Liebknecht, noch Reitenbach und wie die Bestieberten alle heißen mögen, ihre Briefe durch „Handlungslehrlinge" oder sonstige„Lehrlinge" besorgen lassen. Zwischen den„Handlungslehrlingen" und„Lehrlingen" des „Staatsanzcigers" und den Briefstiebern, gegen welche die Lieb- knecht'schen Reichstagsreden sich richten, besteht der sehr wcsent- liche Unterschied, daß jene auf Geld und Briefmarken fahnden, diese aber auf den geschriebenen Inhalt, und zwar auch blos dann, wenn vorauszusetzen, daß er von politischem oder richtiger von polizeilichem Interesse. Der„Lehrling" des„Staatsanzeigers" nimmt das Geld(und die Marken),„wo er es findet"(nach einem bekannten Vorbild), während der Brief- stieber Liebknccht's eiue sorgfältige Auswahl trifft und für Adressen und Handschriften eine sehr feine Nase hat. Wird «s deni„Staaatsanzeiger" endlich gelingen, diesen Unterschied zu kapiren? Es würde dem Ruf des höchsten amtlichen Blattes tn Deutschland nicht schaden. — Mit welcher Frechheit unsere„Herren" Gegner die Sozialdemokratie zu behandeln versuchen, mag man u. A. aus folgenden Zeilen einer in Pforzheim erscheinenden Wochenschrift, welche sich den für sie urkomischen Namen„Fortschritt" zulegt, ersehen. Es heißt da:„Man hat die Sozialdemokratie, seit die Strikes bei uns seltener geworden sind, vergessen; man wird jetzt unliebsam an sie erinnert. Man hat ihr Wesen nicht verstanden, man versteht es heute nicht. Sie ist der Ausdruck der Unzufriedenheit geistig verwahrloster Massen, in denen ein abgelebter politischer Radikalismus neuen Boden gefunden hat. Sie ist der Tummelplatz aller hirnlos radikalen Opposition gegen alles Bestehende, aber keineswegs haben ihre Führer und die Massen den wirklichen Muth zur Revolu- tion. Sie ist die höchste Entwicklungsstufe des Raisonnirens, das geschürt wird durch wirkliche materielle Roth."— Und das beklagt sich, wenn wir einmal die Feuerzange hervorholen und derlei Gewürm anfassen. — Eine infame Drohung. In der„Wandsbecker Ztg.", dem Ablagemngsorte unerhörten liberalen Schmutzes, ist wört- lich zu lesen:„Es ist ein triftiger Grund, selbst unter ZuHilfe- > nähme spitzfindiger Formen, gegen den aufgestellten Candidaten Herrn Professor Karsten nicht denkbar, nachdem auch verschiedene conservative Politiker sich den bestehenden Verhältnissen gegen- über mit demselben einverstanden erklärt haben und lebhaft für seine Wahl eintreten. Diejenigen Personen, welche trotzdem in isolirter Stellung beharren, bekennen sich dadurch zu einer Ge- ! sinnung, welche nur als eine reichsfeindliche zu bezeichnen ist, womit diese Männer allerdings einen Vorwurf gegen sich heraus- fordern, welcher von schwer wiegender Bedeutung sein wird und zwar um so mehr, als er sich nur gegen sehr ein- zelne Personen richten dürfte, die selbstverständlich nach voll- zogener Wahl sämmtlich allgemein bekannt sein müssen, weil eben nur eine geringe Zahl geneigt sein kann, eine der- artige Verantwortung auf' sich zu nehmen."— Aus dieser Drohung geht hervor, daß die Liberalen Jeden, der sich der Abstimmung enthält, maßregeln wollen! Daß sie es mit den Leuten, die für einen sozialistischen Candidaten stimmen, so machen, ist allgemein bekannt. Solche Seelenverkäuferei aber ist schmachvoll und niederträchtig. — Ueber die Reichstagswahl im ersten Hamburger Wahlkreis hält der„Hamburgischee Correspondent" eine in- tercssantc Betrachtung, in welcher er hervorhebt, daß im ersten Wahlkreise auf Geib 42,z Proz. sämmtlicher abgegebenen Stim- men gefallen sei, was nur daraus erklärt werden könne, daß der Einfluß �unserer Partei in dem wohlhabendsten Theile„der reichen Stadt" sich nicht mehr auf das eigentliche Arbeiterthum beschränke, sondern auch in den sogenannten„kleinbürgerlichen Kreisen" Eingang gefunden habe. Das Blatt findet dafür fol- gende Erklärung:„Wenn dieses Kleinbürgerthum nichtsdesto- weniger in eine Strömung gezogen zu werden beginnt, mit weicheres durch kein erkennbares(?) Interesse verbunden ist, so kann das nur daraus erklärt werden, daß die innere Lebenskraft der Mittelklassen in der Abnahme begrif- fen ist und daß der Unterschied zwischen Arm und Reich auch innerhalb des selbständigen Bürgerthums zu einer unüberschreit- baren Schranke geworden ist. Das sollte man sich vor allem in den Kreisen Derjenigen gesagt sein lassen, welche die Wieder- Herstellung eines selbständigen Handwerkerstandes auf ihre Fahne geschrieben haben; während diese Herren nach einer schützenden Decke ausschauen, droht ihnen der Boden unter den Füßen weg- gezogen zu werden."— Wenn nur die Erkenntniß sich überall Bahn bräche, daß die innere Lebenskraft des Handwerkerthums — durch die Conkurrenz des Großkapitals— in Abnahme begriffen ist, dann würde überall das Handwerkerthum sich zu unserer Partei bekennen. Wenn aber, und dies sagen wir dem so gelehrten„Hamburgischen Correspondent", diese Abnahme kein erkennbares Interesse bildet, welches den Handwerker mit dem Arbeiter verbindet, dann allerdings giebt es niemals ge- mcinsame, erkennbare Interessen. — Bei Kopenhagen, auf dem Norderfeld, fand amö. d. eine von mehreren tausend Personen besuchte Volksversam m- lung statt, um die Frage der herrschenden Arbeitslosigkeit und die Mittel gegen dieselbe zu berakhen. Auf Antrag von Louis Pio wurden folgende- Resolutionen angenommen: 1) Die Ver- sammlung erklärt, daß die herrschende Arbeitslosigkeit und der damit in Verbindung stehende Stillstand im Handel und Wandel einen solchen Grad erreicht haben, daß es unumgänglich noth- wendig geworden ist, Maßregeln dagegen zu treffen. Da nun die bestehende gesellschaftliche Ordnung den Arbeiter hindert, selbst solchen durch die gegenwärtige Produktionsweise hervor- gerufenen gesellschaftlichen Mißständen abzuhelfen, ist es Sache der Regierung und der Volksvertretung, diejenigen Mittel zu bezeichnen, welche diese beiden leitenden und gesetzgebenden Fak- toren für zweckmäßig ansehen, den Druck, der so schwer auf den produzirenden Staatsangehörigen Dänemarks lastet, sofort zu beseitigen. 2) Um der Wiederholung solcher Mißstände ig Zu- kunft vorzubeugen, beantragt die Versammlung, daß der Staat Narrenseile; sie sind die Augen, durch welche die Gebildeten sehen, die Ohren, durch welche sie hören. Wie ein Zug von Kranichen sind die großen Geistesheroen des deutschen Volkes über unfern Häuptern dahingerauscht. Bon der immensen geistigen Arbeit, von der innerlichen Weltwende, die sie voll- bracht, ist Nichts auf uns gekommen. Wir feiern unfern Den- kern und Dichtern Feste, aber lesen ihre Werke nicht und be- gnügen uns mit einem Ragout, welches ein Julian Schmidt uns vorzusetzen für gut findet. Unsere Presse, welche die Na- tion belehren und geistig heben sollte, ist in den Händen der Julian Schmidt zum Annoncengeschäft herabgesunken; anststt dem Kanzelprcdiger zu gleichen, welcher das Wahre und Gute verkündet, gleicht sie dem Ausrufer, welcher Hoff'schen Malz- cxtrakt und alte Kleider anpreiset." Dies etwa war es, was Lassalle wiederholt der deutschen Nation zurief, und jeder Scharfblickende wird in jenen Ausführungen, wie weit sie auch über das richtige Ziel hinausschießen, ein gutes Körnlcin Wahr- cheit auffinden." Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Rauschet, Gesänge, und klinget, ihr Saiten, Wecket ein hohes Bewußtsein mit Macht! Möge der Wind zu den Hütten euch leiten, Auf daß zu männlichem Thun angefacht Der Mensch werde wieder, Dess' Geist und dess' Glieder In Banden noch sind! Auf daß er sie sprenge Im Kampfesgcdränge Und endlich der Welt höchste Güter gewinnt! Freiheit vor Allem muß Jeder erringen, Denn sie veredelt den Menschen zumeist! Frei, wie die Vögel in Lüsten sich schwingen, Soll sich entfalten der menschliche Geist— Und brechen die Schranken Durch kühne Gedanken In Wort und in Schrift! Und kämpfen mit Klarheit Für Recht und für Wahrheit, Auf daß stets Verachtung die Lüge nur trifft! Doch ohne Gleichheit kann niemals es geben Wirkliche Freiheit für jedes Geschlecht, Drum müssen Beides im Kampf wir erstreben, Auf daß nicht ferner sei Herr und sei Knecht— Und Nutzen nicht ziehe Durch Fleiß und durch Mühe � einen Betrag von 200,000 Krotten zur Unterstützung derjenigen Arbeitslosen bewilligt, welche nach Amerika auszuwandern und � dort eine Colonie zu begründen wünschen, welche aber nicht die zur Reise und zur dortigen Niederlassung erforderlichen Mittel besitzen.— Es wurde alsdann eine Deputation gewählt, welche ' dem Conseils-Präsidenten und dem Präsidenten des Folkethings ! die beiden Resolutionen sofort überbringen sollte. Was die gefaßten Beschlüsse betrifft, so können wir uns nur � mit dem ersten derselben einverstanden erklären; der Plan, dem Nothstand durch Auswanderung abzuhelfen, beruht auf voll- �ständig falschen Voraussetzungen, auf einem vollständigen Ver- kennen der Ursachen des herrschenden Nothstandes; statt das Uebel an der Wurzel zu packen, sucht man ihm aus dem Wege zn gehn. Ueberdies ist die geforderte Summe, ini Vergleich mit dem erstrebten Ziel geradezu lächerlich gering. Doch hören wir nun, wie es der gewählten Deputation er- ging. Der Präsident des Folkething erklärte einfach:„der Ar- beitslosigkeit vermöge er sowenig als irgend ein anderer abzu- helfen; man lasse nicht arbeiten, blos um den Arbeitern Be- schäftigung zu verschaffen, sondern nur wenn es nothwendig und zweckmäßig sei, den bedürftigen Arbeitern Unterstützung zu geben, liege nicht in der Macht des Folkething(des gesetzgebenden Kör- pers), die Deputation möge sich an die Regierung wenden." Und von seinem Standpunkt aus hatte der Mann ganz Recht. Der heutige Klassenstaat kann der Arbeitslosigkeit, dem Massen- elend nicht steuern, aus dem einfachen Grunde, weil er auf Zuständen beruht, welche die Arbeitslosigkeit und Massenver- armung zur nothwendigen Consequenz haben. Die Besei- tigung der Arbeitslosigkeit und des Massenelends setzt die Beseitigung des Klassenstaates voraus, und den Herren Bourgeois kann man nicht zumuthen, daß sie freiwillig, aus reiner Menschenliebe, dem Klassenstaat, ihrem Staat das Lebenslicht ausblasen. Der Wucher allein! Nein, daß nur gewähre Noch Achtung und Ehre Die Arbeit, die einzig soll Wohlstand vcrleihn! Und um die Freiheit und Gleichheit sich winde Brüderlichkeit als das knüpfende Band, Welches die Eintracht der Völker begründe Fernhin bis zu dem entlegensten Strand! Daß Frohsinn nur walte, Und nimmermehr spalte Uns Mißgunst und Neid— Und Jeder verübe Nur Thaten der Liebe, Und stets sei dem Nächsten zu helfen bereit! Auf nun, ihr Männer, das Banner entrollet, Ob auch umtobet uns Brandung und Fluth, Ob auch im Sturme der Donner uns grollet, Wir siezen dennoch durch Kühnbeit und Muth! Drum vorwärts, Genossen, Die Reihen geschlossen Zum Kampf und zum Streit! Und Friede erst werde, Wenn einst auf der Erde Herrscht Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit! Plötzensee, 10. Januar 1877. Julius Heiland. — Eine Beschwerde ganz eigenthümlich er Art brachte in diesen Tagen die fromme„Kreuzzeitung" gegen die Sozialisten vor. Diese Kinder Belial's schmücken ihre Flugschriften und Aufrufe in neuerer Zeit häufig mit biblischen Aussprüchen und verrathen überhaupt eine lästerliche Neigung, ihre gottlosen Bestrebungen in eine Art reli- giösen Gewandes zu Üleidein Die„Kreuzzeitung" vergießt über diesen Eingriff in die Privilegien der frommen conservativen Partei einige blutige Thränen, liefert aber komischerweise an einer anderen Stelle ihres Blattes ein drastisches Beispiel, wie man in ihrem eigenen Lager die Bibel auszunutzen pflegt. In dem Januarheft der„Jahrbücher für die deutsche Armee und Marine" wurde näinlich das folgende auf Jesus Christus bezügliche Bibelwort frischweg zu Gunsten des„ein- zigen" Friedrich von Preußen annektirt:„Machet die Thore weit und die Thüren hoch, daß er einziehe, der König der Ehren!"— Also der Mann der beständigen Kriege und Eroberungen wird auf eine Linie mit dem milden Stifter der christlichen Religion gestellt. Die Aehnlichkeit ist etwas ftappirend. Der große Nazarener mir dem liebe- vollen Herzen sprach das Wort:„Lasset die Kindlcin zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ihrer ist das Himmelreich"— der „einzige" Friedrich dagegen trieb seine zaudernden„Jungens" mit den ermunternden Worten in die Schlacht:„Ihr Hunde, wollt Ihr denn ewig leben?"____ — Das Altonaer Arbeiter- Wahlcomitä hatte sich, gestützt auf die Erfahrung und auf verschiedene Auslassungen mehrerer Wahlvorsteher des Landgebiets, veranlaßt gesehen, den Wahlkommissar des Kreises zu ersuchen, dahin wirken zu wollen, daß denjenigen Leuten, welche gewillt sind, am Wahltage an den Urnen zu verbleiben, selbst wenn sie nicht im Bezirk wähl- berechtigt sind, dies durch die Wahlvorsteher nicht untersagt werden dürfe. Der Wahlcommissar und königliche Landrath Herr v. Levctzau hat sich daraufhin veranlaßt gesehen, nachfolgende Bekanntmachung owohl öffentlich zu erlassen, wie auch abschriftlich dieselbe dem ! Schriftführer des Arbeiter- Wahlcomitos zuzustellen. Dieselbe lautet: Wandsbeck, 8. Februar 1877. Bekanntmachung. In ge- gebencr Veranlassung mache ich die bei den bevorstehenden Reichstagswahlen fungirenden Herren Wahlvorsteher darauf aufmerksam, daß nach dem Z 9 des Gesetzes vom 31. Mai 1869 die Wahlhandlung öffentlich ist und daß in Beachtung dieser Vorschrift jeder Person, einerlei ob dieselbe Wähler ist oder nicht— der Zutritt zum Wahllokal zu gestatten sein wird, soweit eben der Raum und die Aufrechthaltung der Ruhe und Ordnung dies zulassen. Der Königliche Landrath gez.: W. v. Levetzau. Abschriftlich vorstehende Bekanntmachung erhalten Sie statt- Bescheides auf Ihre Vorstellung vom 3. d. M. Der Königliche Landrath W. v. Levetzau. An den Herrn A. Hecht in Altona, große Bergstraße 27. — Die Nachwahl im dritten Berliner Wahlkreise findet den 21. Februar statt. — In vielen, zum Theil sogar sonst wohlunterrichteten Zei- tungen(wie z. B. der„Frankfurter Zeitung") wird Johann Jacoby als Candidat der Sozialdemokraten für die bevor- stehende Nachwahl im dritten Berliner Wahlbezirk genannt. Man hätte wahrhaftig wissen müssen, daß Jacoby durch seine Ablehnung des vom 13. sächsischen Wahlbezirk ihm ertheilten Mandats(1874) sich von jeder Candidatur ausgeschlossen hat. Im dritten Berliner Wahlbezirk ist natürlich auch diesmal !Rackow unser Candidat. Erklärung. Aus der in Nr. 18 des„Vorwärts" veröffentlichen Erklä- rung meines verehrten Freundes, des Reichstagsabgeordncten W. Liebknecht, überzeuge ich mich zu meinem Bedanern, daß die Anklage gegen Carl Vogt, sich an„den Verbrecher des zweiten Dezember" und an seinen nichtsnutzigen Vetter Napoleon Bona- parte(Jorome) verkauft zu haben, eine gerechte und wohlbe- gründete war. Die in den im Auftrage der französischen Re- publik veröffentlichten„Fspiers et Correspondence de La fa- inille imperiale" enthaltene Notiz:„Vogt; il Ini est remis en aout 1859 40,000 Francs" läßt an der Richtigkeit dieser Anklage nicht zweifeln.„, p Ich hielt mich während der Jahre 1859 und 1860 behufs der Agitation gegen die österreichische und bourbonische Herr- schaft m Italien auf und habe die Marx'sche Schrift:„Herr Vogt", die mir nur den Titel nach bekannt wurde, nicht gelesen. Wien, den 12. Februar 1877. Gustav Rasch. Innere Parteiangelegenheiten. Als Agenten des Vorstandes sind ernannt: Altbufeck: C. PH. Becker, H. Wagenbach. Bracke i. O.: F. Brandes. Camburg i. S.-M.: H. Pfeifer. Ham und Horn: E. Lück. Kirchheim- bolanden: A. Blüm. Mehlin: W. Moritz. Neukirchen b. Ch.: Aug. Behnisch. Offenbach a. M.: W. Kölsch. Fritz. Plagwitz: C. Schröder. Speyer: I. Häfner, C. Michalk. Waldenburg: O. Oertel, M. Lohr. Wieseck: H. Schreiner, W. Hildebrandt. Wolkenstein: Sailf. Sollten während der Wahlbewegung Agenten angemeldet worden sein, deren Namen nicht veröffentlicht worden sind, so ersuchen wir die Parteigenossen uns davon in Kenntniß zu setzen. Hamburg, den 10. Februar 1877. Mit sozialdemokratischem Gruß I. Ä.: C. Derossi. I. Auer. Pferdemarlt 37. Correspondenzen. s Altona, 11. Februar. Den 15. d. M. findet hier jdie Neu� j wähl statt. Ein heftiger Kämpft wird entbrennen,� nti- j jcmijl VMU»wivv----,—- CVJrtrft»? � Kampf zwischen zwei Parteien, sondern der Kampf einer» gegen die rothe Reaktion, welche sich unter dem Namen sozialisten breit macht und aus einem politischen Sammelsu- rium besteht. Der Sammelsuriumscandidat ist der„fortschritt- liche" Professor Karsten aus Kiel; unter dem Wahlaufruf des Sammelsuriums steht neben dem fortschrittlichen Advokaten Jonas der conservative Graf Moltke. Welche Mittel unsere Gegner er- greifen, mag man daraus ersehen, daß ein Parteigenosse in einem kleinen Dorfe von zwei Ortsschulzen, einem Amtsschreiber und einem Polizeidiener bis zur Ohnmacht geprügelt wurde; der Versuch, ihn zum Fenster hinauszuwerfen, mißlang. Die Sache ist der Staatsanwaltschaft übergeben und haben sich der Wirth und die Wirthin des Hauses, in welchem jene Unthat geschah, freiwillig als Zeugen gemeldet. Während in den Zlusrufen der rothen Reaktion die Arbeiter, die Sozialdemokratie und der Candidat derselben, Schuhmacher Hartmann, auf das Lästerlichste geschmäht werden, confiszirt man den sozialistischen Aufruf wegen Beleidigung des Advokatenstandes, die begangen sein soll, weil bei Besprechung der freien Advokatur behauptet wurde, daß die heutigen Advokaten es verstünden, aus der Haut des Volkes Riemen zu schneiden. Der confiszirende Polizeimeister in Wandsbeck hat erklärt, von der Altonaer Staatsanwaltschaft den Auftrag erhalten zu haben; wer aber berechtigt den Staats- anwalt zu diesem Schritte? Das Preßgesetz wahrlich nicht. In demselben heißt es, daß ohne richterliche Anordnung eine Druckschrift wegen ihres Inhalts nur wenn das Vergehen des Hochverraths, der Majestätsbelcidigung, der Unzüchtigkeit darin enthalten ist, oder wenn dieselbe Jemanden auffordert, strafbare Handlungen zu begehen, oder wenn verschiedene Klassen der Be- völkerung zu Gewaltthätigkeiten öffentlich gegen einander angereizt werden, in beiden letzteren Fällen aber auch nur dann, wenn eine Verzögerung der Beschlagnahme das Vergehen unmittelbar zur Folge haben würde.— Was aber bat mit alledem eine Belei- digung der Advokaten zu thun? Eine richterliche Anordnung aber konnte wohl kaum vorhanden sein— wenigstens ist dies bei der Beschlagnahme nicht mitgethcilt— weil das Flugblatt des Sonntags ausgetheilt wurde und an demselben Tage die Beschlagnahme theilweise schon erfolgte. Einige Parteigenossen halten den Advokaten Jonas in Wandsbcck, den Fortschritts- mann mit den Krebsscheeren, für den Denunzianten.— Doch alle Anstrengungen unserer Gegner werden vergebens sein! Hamburgs und Ottensens Arbeiter werden hinter Altona stehen und sie werden am Wahltage mehr ausrichten, wie die von der Hamburger Börse bezahlten Agenten. Auch wir werden unsere ganze, volle Schuldigkeit thun— wir wissen, daß die Gesammt- Partei Deutschlands auf den Rieienkampf sehen wird, der sich am 15. d. M. hier im Norden abspielt.� Hie Kapital! ist der Kampfruf der Einen, hie Recht und Arbeit! der Kampfruf der Anderen. Ordnungspartei nennt sich das allgemeine Sammelsurium— auch die Versailler Henker nannten sich so; Umsturzpartei nennt man uns. Nun wohlan! Wir wollen die Götzenbilder, welche der Habgier, dem Neide, dem Betrüge, der Rechtlosigkeit täglich geweiht werden, umstürzen— dazu soll der 15. Februar uns mithelfen! chetenau, 1. Februar. Die Wahlschlacht ist geschlagen und wir sind diesmal noch einmal unterlegen. Es erhielten bei der Wahl am 10. Januar unser Candidat Wiemcr 4928, Dr. Brockhaus 3838, Gerichtsamtmann Höfer in Zöblitz 1901 Stimmen. Bei der Stichwahl am 23. Januar erhielt Wiemer 5886, Brockhaus 8617 Sttmmen. Auf die den 20. Wahlkreis bildenden 7 Ge- richtsamtsbezirke vertheilen sich die Stimmen wie folgt: Wiemcr Brockhaus Daß wir bei der Stichwahl unterlegen sind, ist kein Wunder, wenn man die Machinationen unserer Gegner in's Auge faßt, die erbärmlichen Mittel, welche unsere Herren Liberalen anwen- den mußten, um uns den Sieg zu entreißen und unseren 20. Wahlkreis vor der„Schmach", einen Sozialdemokraten in den Reichstag zu senden, zu bewahren. Auf welche Weise unsere Herren Fabrikanten in Thun, Gelenau, Zschopau, Wolkenstein und andern Orten mit Ausnahme einzelner Weniger ihren Libe- ralismus an ihren Arbeitern bewiesen, dafür ein Beispiel. In ihren Comptoiren ivurden die stinimberechtigten Arbeiter aufge- schrieben, erhielten besondere mit Kanzleischrift geschriebene, also von allen anderen leicht zu unterscheidende Stimmzettel mit der Bemerkung, wer nicht diesen Brockhauszettel abgebe bei der Wahlurne, werde aus der Arbeit entlassen. Um nun genau zu wissen, wer dieser Weisung nachkommt oder nicht, wird ein Be- amter der Fabrik hingestellt, der sich bei jeden Zettel abgebenden Arbeiter seine Anmerkungen macht; bei der Sttmmenauszählung paßten dieselben wieder auf, ob die Zettel vorhanden waren, welche ausgehändigr wurden. Auf solche Weise sah sich mancher mit der edelsten Gesinnung für die Arbeitersache beseelte Arbeiter gezwungen den Stimmzettel für seinen Gegner in die Urne zu iverfen. Aber fragen wir, ist das das freie Wahlrecht? Wäre es nicht ebenso gut, man entzöge den Arbeitern vollends das bischen Stimmrecht? Ferner wurde unserm Candidaten Wiemer die letzten zwei Tage vor der Wahl Schande und Brand, wo und wie man nur konnte, nachsagte. Natürlich wurde auf solche Weise bei manchem Arbeiter eine Abneigung gegen unfern Can- didaten erzielt, welches man deutlich z. B. in Thum merkte; wo Wiemer am 10. Januar 202, Brockhaus 183 Stimmen erhielt, während am 23. Januar sich 145 Stimmen für Wiemer und 338 für Brockhaus ergaben. Dasselbe war auch in Jahnsbach der Fall wo man die Leute mit den landesüblichen lügnerischen Berichten über die Ziele des Sozialismus vor der Wahl Wie- mers abschreckte. Soviel nur von unserer nächsten Umgebung, wo wir wenigstens in der Lage sind, derartigen Verleumdungen entgegenzutreten, aber leider giebt es noch sehr viel entfernt lie- gende Orte, wo jede Ungehörigkeit ungerügt hingeht. Wenn an- sichts solcher Umstände sich unsere Gegner mit ihrem Siege brüsten, so gratuliren wir ihnen dazu.'Mit viel mehr Zufrie- denheit können wir auf das diesmalige Resultat blicken, wenn wir das von 1874 damit vergleichen, wo auf unsere Candidaten Tölcke und Liebknecht nicht ganz 2000 Sttmmen entfielen. Haben wir nicht diesmal einen Stimmenzuwachs von 4000 Stimmen aufzuweisen trotz aller gegnerischen Machinationen? Ein Beweis, daß im Erzgebirge die Erkenntniß sich mehr und mehr Bahn bricht. Deshalb, Freunde von nah und fern, ar- bettet rüstig vorwärts, der Sieg muß endlich uns gehören. Kekdöerg, 2. Februar. Das Resultat der Wahl am hiesigen Ort war: von�163 Gesammtsttmmen, welche abgegeben wurden, fielen 140 Sttmmen auf den nationalliberalen Candidaten Dr. Rückert, 23 St. auf unseren Parteigenossen Carl Grillen- berger. Voraussichtlich werden wir bei den nächsten Wahlen bessere Resultate erzielen. Wie es gekommen ist, daß an un- serem Orte überhaupt von Sozialdemokratie die Rede ist, will ich kurz schildern. Es war im November v. I., als ich mit noch 4 Parteigenossen übereinkam, einen Lesezirkel zu gründen. Ich ließ durch Cireulair unsere Gesinnungsgenossen auffordern, sich an einen bestimmten Abend in einem Bierlokal einzufinden, um über Gründuug eines Lesezirkels zu sprechen. Unser Vorhaben war vom günstigsten Erfolg gekrönt, denn der Zudrang von Leuten war so groß, daß das Lokal nicht alle Besucher fassen konnte und ein Theil genöthigt war, wieder abzugehen. Die Polizei war, wie gewöhnlich in solchen Fällen, gut vertreten, aber dem ungeachtet machte ich in einer kleinen Ansprache mei- nein Herzen Luft und erläuterte den Zweck der Versammlung etwas genauer, und alles ging vortrefflich. Aber schon anderen Tages hatten wir den Zorn unserer Gegner zu verspüren, denn einem unserer Gesinnungsgenossen wurde ein kleines Kapital ge- kündigt und einem andern die Arbeit aufgesagt. Trotzdem aber geht unsere Agitation ungenirt ihren weiteren Gang, aber an Schmähungen und Roheiten, welche wir zu ertragen haben, fehlt es nicht. Am Wahltage thaten wir, was in unseren Kräften stand und hatten die Freude, die 23 oben erwähnten Stimmen auf unseren Candidaten zu erringen. Noch muß ich bemerken, daß wir am 2. Weihnachtsfeiertag eine Volksoersammlung ab- hielten, in der Parteigenosse Güth aus Meiningen einen Vortrag über die Stellung der Arbeiter zur Reichstagswahl hielt. Der Vorttag fand guten Anklang, hauptsächlich bei den Land- bewohnern. Ch. R. R. WüiiKer i ZS., 3. Februar. Die„Bildung der Libe- ralen" gelangt auch hier mitunter zum eigenartigen Ausdruck, was bei den fortwährenden Schmähungen und Schimpfen des Reptils„Westfälische Provinzial-Zeitung" kein Wunder ist. Wird doch den paar Hundert hiesigen Liberalen tagtäglich vorgejam- mert, daß die Sozialdemokraten so bald als möglich aus der Welt geschafft werden müßten, wenn nicht, wie nach den er- staunlichen Wahlresultaten zu schließen ist, die Sozialisten nach Verlauf eines Deeenniums im Parlament überwiegeno sein, wenn Staat und Kirche, Thron und Altar gerettet werden sollten. Was Wunder, wenn dann ein„gebildeter" königlicher Eisenbahn- beamter beim Hören des Wortes Sozialdemokrat aufspringt und, nichtachtend, daß er sich in einem öffentlichen Schanklokale in anständiger Gesellschaft befindet, ausruft:„Wer ist hier Sozial- demokrat, der ist ein Schuft!" Nicht genug damit, erklärte dieser Herr auf die Frage,„was er denn sei", sich in die Brust wer- send:„Ich bin Nationalliberaler!" Als ihm ein Sozialist replizirt:„dann sind auch Sie ein Schuft!" versuchte er den Staat zu retten, indem er wie besessen auf den Sprecher ein- schlug. Darüber wurden denn selbst die Leute des Centrums erbost und selbstredend wurde dieser kühne liberale Bahnbrecher- einstimmig ver— bessert.— So geschehen zu Münster am Tage nach der Dresdener Stichwahl. Und bei solchen Vorkommnissen klagen unsre Gegner stets über die Roheiten, welche in Arbeiter- kreisen vorkommen. Ättenburg, 6. Februar. Das Resultat der Reichstagswahl ist den Parteigenossen durch den„Vorwärts" schon bekannt ge- worden. An Wahlumtrieben, Wahlbeeinflußung seitens unserer Gegner hat man in unserem Wahlkreise bas möglichste geleistet; man könnte Hunderte von Fällen anführen, wo gegen das Wahl- gesetz verstoßen worden ist. Das hindert aber unsere Gegner nicht, uns Sozialisten bei dem kleinsten Formfehler zu denun- ziren.— Am 28. Dezember vorigen Jahres begab ich mich und Parteigenosse Kirchner aus Schmölln nach Klosterlaußnitz und Muithensen, um daselbst vom Gastwirth Bittner das Lokal zu einer Volksversammlung zu miethen. Zufälligerweise saß der Ortsvorstand neben mir und hörte die Abmachung mit Bittner an, nahm auch die Anmeldung zu der Versammlung von mir mündlich entgegen, worüber ich Parteigenossen Kirchner aus Schmölln zum Zeugen habe. Außer dieser mündlichen Anmel- dung beim Ortsvorstand habe ich die Versammlung noch schrist- lich mit dem Vermerk: die Bekanntmachung erfolgt durch Plakate, beim Landrathsamt zu Roda angemeldet und bescheimgen lassen. Als ich und W. Stolle, der für unseren Wahlkreis aufgestellte Candidat, am 30. Dezember uns nach Klosterlaußnitz begaben, um die oben angedeutete Versammlung durch Plakate anzuzeigen, wurde mir, nachdem ich das erste Plakat angeheftet hatte, vom Amtsvorsteher bedeutet, daß ich das Plakat wieder entfernen müsse, er werde nicht dulden, daß die Versammlung stattfinde, weil diefelbe nicht angemeldet sei. Ich zeigte dem Herrn darauf die Bescheinigung vom Landrathsamt Roda, aber trotz Beschei- nigung verbot der Amtsvorsteher die Versammlung und sagte, das Landrathsamt habe ihnen nichts vorzuschreiben. Die be- treffende Versammlung trug mir nachträglich eine Strafe von 16 Mark 40 Pf. ein, weil ich an die nicht von der Ortspolizei dazu bestimmten Plätze Plakate angeschlagen haben soll. Um den Tag nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen, glaubte ich nichts besseres thun zu können, als von Haus zu Haus, von Stube zu Stube zu gehen und Wahlaufrufe und Stimmzettel für unserem Candidaten zu verbreiten, was mir eine zweite Strafe einbrachte, weil laut Strafmandat es schon das erste Mal zur Nachmittags- kirche geläutet haben sollte. Die Strafe lautete wegen groben kirchlichen Unfugs auf 7 Mark 40 Pf. Ich habe für beide Mandate auf einzelrichterliche Entscheidung angetragen. Eduard Risch. Erfurt, im Februar. Quittung über die seit dem 29. Dez. v. I. mr Genossen Rudolph eingegangenen Uiiterstüßungen. Vom Tischler- bund hier durch Kummer 10,00; d. Bochert in Gotha 15,00; v. meh- reren Bahnarbeitern d. Rabes hier 4,67; v. 7 Cigarrenarbeitern aus Uelzen d. Meyer 2,55; v. H. Pilster in Iserlohn 1,00; v. mehreren Parteigenossen Leipzigs d. Hadlich 4,50; v. A. W. Arnstadt 5,00; d. C. A. Reichelt in Apolda 3,20; Erlös für das Gramannsche Festgedicht d. Stegmann hier 4,42; desgleichen aus Apolda d. Kühn 7,00; v. I. Köhler in Kleinkrotzen b. Hanau 1,00; d. B. Heß in Sonneberg 3,00; v. Tischlerbund hier 5,00; d. L. Hertel v. Parteigenossen in Bremen 12,00; v. d. Metallarbeiter-Gewerkschaft in Buckau bei Magdeburg d. Taute 6,00; d. Ufert aus Weimar 0,80; d. Ufert v. einen Partei- genossen 0,70; v. d. Metallarbeiter-Gewerkjchast Leipzig d. Ludwig 10,00; Metallarbeiter. Gewerkschaft Hamburg d. C. Deisinger 7,00. Genosse Rudolph spricht hiermit seinen Dank für die Unterstützung aus, welche ihn von auswärtigen wie hiesigen Genossen zu Theil ge- worden. Die bedeutenden Curkosten ließen zur Erhaltung seiner Fa- milie nicht viel übrig. Die Krankheit hat ihren Abschluß bisher noch nicht erreicht. Genossen, welche im Stande sind, noch etwas zur Unter- stützung beizutragen, werden gebeten, dies zu thun. Die diesbezüg- Uchen Gelder sind, wie früher, an Herrn Thomas Kühn, R esenanger 6, zu senden. I. A.: F. H. Klute. RS. Der„Bund" und„Panier" werden um Abdruck des Obigen gebeten. Meldorf, 11. Februar. Den Parteigenossen im 5. schleswig-hol- steinischen Wahlkreise hiermit zur Nachricht, daß wegen Uebersiedelung von H. Plath nach Hamburg Briefe Parteiangelegenheiten zc. betreffend, an Unterzeichneten zu senden sind. Hermann Müller, Cigarrenarbciter. pr. Adr.: Hrn. Peter Karstens. RS. Das„Hamb.-Altonaer Volksblatt" wird uni Abdruck gebeten. Minden i./W.(Quittung über die für die Reichstagswahl gesam- Mellen Gelder.) Auf Liste Nr. 1 d. van Aken 1,75; Liste Nr. 2 d. E. Rädel 3,80; Liste Nr. 3 d. F. Schlüter 8,40; Liste Nr. 4 d. F. Schlüter 3,65; Liste Nr. 5 d. R. Sinemus 2,75; Liste Nr. 6 d. F. Rahlmeier in Rehme 2,70; Liste Nr. 7 d. K. Beith 3,40; Liste Nr. 8 d. F. Schweizer 11,80; Liste Nr. 9 leer abgegeben; Liste Nr. 10 d. H. Fcy 0,30; d. H. Sieben in Babbenhausen bei Rehme 1,65. Namens des Wahlcomites: Gottf. Siepert. Herr Th- Hahn, Redakteur des„Vegetarianer", Zeitschrift für volksthümliche Gesundheitspflege, sowie des„Impf- gegner", Zeitschrift gegen Impfung und Impfzwang, erbietet. sich, allen deutschen Arbeitervereinen jene beiden Zeitschristen auf Verlangen gratts zugehen zu laffen. Adresse: Hr. Theodor Hahn, Waid b. St. Gallen, Schweiz. Briefkasten der Redaktion. L. Schultz, Berlin: Sie schicken eine„zweitc- Anfrage(eine erste ist uns nicht zugegangen): Warum ist im parla- mentarischen Ehrenspiegel der pp. Sonnnemann nicht genanv.t?" Fragen Sie gefälligst Hrn. Franz Mehring, Redakteur der„Staats- bürger-Zeitung", wie es ihm in seinem Frankfurter Prozeß ergangen ist. Oder haben Sie etwa Beweise? Dann her damit! Wir werden sie ungesäumt veröffentlichen. Haben Sie keine, nun dann können wir Ihnen nicht helfen. Sie wissen doch, daß es eine Ungerechtigkeit, ja geradezu eine Infamie ist, ohne Beweise einen Menschen zu verurtheilen und ihm die Ehre abzusprechen?— Die Adresse von W. Bock ist: Gotha,. Mühlgrabenweg 3. der Expedition. I. Brdt., Oelsnitz i. B.: Wenn Postabonnnent, reklamiren sie bei dortiger Post. Wenn Porto deponirt wird, liefert dieselbe nach. Hier kostet die Nr. 10 Psg. in Nachlieferung.. Sendung in Briefmarken. Quittung. Wß Pegau Ann. 1,50, Schr. 1,84. Wnds Ohligs: Schr. 11,50. Krs Forste Schr. 1,30. Trp Reudnitz Ab. 10,00. Grbnstn Lindenau Schr. 13,36. Mllr Bockenheim Ab. 2l,20. Srg Hoboken Ab. 300,00 u. 200,00. Jrms Philadelphia Schr. 20.00. Lftmnn Chicago Ab. 300,93. Wahlveeein Hannover Ann. 1,00. Wckwtz hier Ab. 0,60. F. Frnzl Stollberg Schr. 33,00. Krtschmr Dortmund Schr. 4,07. Ottrbch Stuttgart Ab. 1,60. Klrsch Forste Schr. 6,80. Schlr Frohnau Schr. 1,75. Hrng Schneeberg Schr. 2,40. Wllck bier Ab. 0,90. Brbm Gotha Ab. 20,00.' Kls Magdeburg Ab. 11,70. Zhwr Darmsladt Ab. 17,95. Fllrmnn Bremerhafen Schr. 30,00. Ar- beiterbild.- Verein Neunkirchen Ab. 6,63. Schmdt Römerstadt Schr. 4,97. Jhnk Gaarden Schr. 4,85. Schft Lübeck Schr. 2,10. Jffw hier Ab. 1,80. Thm hier Ab. 0,90. Wahlfonds. Arbeiterverein Plagwitz durch Q. 1,06. Anzeigeu u« Annoncen für die Mittwochs-Nummer müssen biS Mon tag Vormittags 9 Uhr; für die FjreitagS-Nnmmer bis Mittwoch-Vormittags 9 Uhr; für die Tonntaas-Nnmmer bis Frei- tag Bormittags 9 Uhr hier sein, wenn solche noch bestinim- Aufnahme finden sollen. Annoncen, denen der Betrag nicht beiliegt, oder für welche der Einsender kein Depot bei uns hat, können eine Aufnahme nicht finden. Die Expedition des„Vorwärts". SVlTf-rnm Sonnabend, den 17. Februar, Abends 8>/» Uhr w Koppelmann's Salon: Volksversammlung. Tagesordnung: Vorttag. O. Reimer. s50 Sozialdemokratischer Wahlverein. .-eilt. IL 1 1.1 V. Sonntag, den 18. Februar, Nachmittags 5 Uhr, im Vereinslokal bei Kahle: Generalversammlung. Tagesordnung: 1) Rechnungslegung pro 1876. 2) Neuwahl des Vorstandes.______(543)____ Icr Vorstand.[70- Genossenschaftstischlerei Cöln(Eingetr. Genossenschast). Samstag, den 17. Februar, Abends 8>/z Uhr, im Lokale des Hrn. Jonas, Streitzeuggasse 10»:(F. 67) Generalversammlung. Fortsetzung der vorigen Tagesordnung.[2,40 Erscheinen sämmtlicher Mitglieder nöthig. Der Anffichtsrath. Korb macher-B und. Sonnabend, den 17. Januar, Abends 8>/, Uhr im Salon zum Roland 1, Jakobstraße Nr. 19: Versammlung der Mitglieder von Hamburg-Altona- Ottensen. Tagesordnung: Vereinsangelegenhctten.[80 F. W i r ck e l i n g. „Die Neue Welt." Jllnstrirtes Unterhaltungsblatt. Wöchentlich l'/s Bogen. Preis vierteljährlich Mk. 1,20. In Heften 4 30 Psg. II. Jahrgang. Auflage über 30,000. Jede Ruchhandtung und H'oKanKatt nimmt Aestellungcn an. Die Leser unserer Parteiblätter machen wir darauf aufmerksam daß zur Einführung der„Neuen Welt" „Jllustrirte Prospekte" gratis versandt werden, welche ein Berzeichniß des Inhalts der ersten Nummer von 1377 und Jllusttationsproben enthalten. Die Verbreitung der Prospekte in Versammlungen, Bereinen, Werkstätten, Wirthschaften und Familien wird den Gesinnungsgenossen als bestes Agitationsmittel dringend an's Herz gelegt. Wir bitten bei Bestellung Zahl des Bedarfs und genaue Adresse anzugeben. Plakate zum Aushängen in öffentlichen Lokalen und Sammellisten stehen zu Diensten. Die Genosseuschaftsbuchdruckerei. Leipzig, Färberstraße 1211. Die Partcipresse wird um gratis Weiterverbreitung dieser Annonce ersucht. Für Metallarbeiter insbesondere Trehcr rc. Berechnungen über das Gewindeschneiden nebst gründlicher Anleitung und Erklärung des Verfahrens. Von ch. Maumann. Geprüft und empfohlen von Fr. Aulhenheimer, Direktor des Zürcherischen Technikums. Preis für Parteigenossen M. 1,60, sonst M. 2,00. Es empfiehlt fich vorherige Bctrags-Eiusendung in Briefmarken oder Bestellung per Postanweisung, da von hier ans mit Kreuzband- Nachnahme nicht versandt werden kann.— Bei Partien lohnender Rabatt! Dieses Schriftchen, von dem nur noch ein kleiner Vorrath vor- Händen, wird jedem Fachmann gewiß treffliche Dienste thun.(2a) Volksbuchhandlung 5,10j Zürich(Schweiz, also Toppel-Pvrto!). Verantwortlicher Redakteur: W. Liebknecht in Leipzig. Redaktion und Expedition Färberstraßc 12/11. in Leipzig. Druck und Verlag der Genoffenschaftsbuchdruckerei in Leipz-.g