erscheint in Leipzig Mittwoch, Freitag, Sonntag. Abouncmcntsprris sär ganz Teutschland t M. 60 Ps, pro Quartal. Monats-Abonncinents »erden bei allen deutlchen Postanstalten ausden 2. und Z, Nioimt, und aus den ».Monat besonders angenommene im trSnigr, Sachsen und Herzogth. Sachsen» Alienburg auch aus den ilcn Monat des Quartals i 54 Pfg. Inserate detr, Perlammlungen»r. Petitzeile lv Ps., betr. Prioatangelegenheiten und Feste pro Petitzeile 30 Ps. ZZefitllunztn nehmen an alle Postanstalten und Buch Handlungen des In- u. Auslandes. Filial- Expeditione». New-Dorl: Soz.-demolr, Benostcn- schastsbuchdruckerei, 154 Eldridge Str. Philadelphia: P. Haß, 530 North Se» Street. I. Boll, 1139 Charlotte Str. Shicago: A. Laniermann, 396 Division Street. San Franziico: slöEnß, 41« V'I'ar- reii Streft. London: Bauditz, 5 Nassau Street, Uiddleaex Hospital. Kentrat Grgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Rr. 25. Mittwoch, 28. Februar. 1877. Des sächsischen Bußtages wegen müssen Annoncen sür die Sonntagsnummer schon Donnerstag Morgens bis 9 Uhr in unsern Händen sein, sonst können sie keine Aufnahme finden. Die Exped. d.„Vorwärts". Abonnements aus den„Vorwärts" für den Monat März zu 55 Pfennig werden bei allen deutschen Postanstalten, für Leipzig pro Monat zu 60 Pf. bei der Expedition, Färberstr. 12 il, unserm Colportcur Moritz Ulrich, Südstr. 12, in den Filialen: Cigarrenladen des Hrn. Peter Krebs, Ulrichsg. 60, und Sattlerwcrkst. am Königs- platz 7; für die Umgegend von Leipzig bei den Filialexpeditionen: für �okümarsdorl, Reudnitz, Aenschönefetd k. bei Frau Engel, Reudnitz, Täubchenweg 29, 2 Tr., für Connewitz zc. bei H ackert, Sfurze Str. 10 pari., für Kteinzschocher u. Umgegend bei Fleischer, Schloßg. 13 das., für Lhonverg oei Kirsten, Hauptstr. 7, für Neureudnitz bei Zschau, 151, für Nlagwitz-Lindenau bei Frau Grüsen st ein, Aurelienstr. 3, für chohkis ic. bei A. Hermsdorf, Lindenthalcr Str. 7, für Stötteritz bei Grude, An der Papiermühle, angenommen. FürRerlin wird auf den„Vorwärts" monatlich für 75 Pf., frei in's Hans abonnirt, bei der Expedition der„Berliner Freien Presse", Kaiser-Franz-Grenadier-Platz 8a, und bei Nubenow, Brunnenstr. 34, im Laden. Ueber Ursprung und Wesen der Sozial- demokratie hielt Freitag vor acht Tagen Herr Regierungspräsi- dent von Wurmb, ehemaliger Polizeipräsident zu Berlin, und dem größeren Publikum bekannt durch die Affairc Hessels, zu Wiesbaden einen Vortrag, der, wie die'„Nassauische Volks- zeitung" bemerkt,„ebenso sorgfältig ausgearbeitet als iuhalts- reich und zu weiterem Nachdenken veranlassend" war. „Der Redner— wir folgen dem Referat des genannten Blatts — gab zunächst einen kurzen geschichtlichen Ucberblick über das Zutagetretcu sozialistischer Ideen vonl spartanischen Staate Iis auf Thomas Morus. Hieran schloß sich eine prägnante(ge- drungene) Darstellung der seit dem scchszchnten Jahrhundert zur Geltung gelangten nationalökouomischcn Systeme, des Merkantil- systems, des Agrarsystems, des Freihandelssystems, denen man in neuester Zeit als viertes, jene zu ersetzen bestimmtes System, das der Sozialdemokratie, des Rcmtes der freien Arbeit, hinzu- fügen wollte. Ties führte den Redner dazu, das Auftauchen und allmähliche Heranwachsen der sozialdemokratischen Ideen zu verfolgen. Mit der„Utopia" des Thomas Moore beginnend schtl- derte er in kurzen Zügen die fast gleichzeitigen Bewegungen der dentschcil Bauern und die mit chiliastischen(das„tausendjährige Reich" betreffenden) Vorstellungen vermischten Erscheinungen der Wiedertäufer. Damit verschwinden sozialistische Ideen fast ganz aus dem deutschen Leben und der deutschen Literatur. Um so lebhafter setzt sich, zunächst in Schriften, die Bewegung in Frank- reich fort: Morelly, I. I. Rousseau, Cabet s!) bereiten den Boden sür St. Simon, Fourier, Proudhon, die der Vortragende in der Verschiedenartigkeit ihrer Ideen und Bestrebungen scharf zu cha- rakterisiren wußte. Aus dem raschen Verfall der von diesen Männern ausgehenden Bewegungen, sobald die Leiter derselben vom Schauplatz ihrer Thätigkeit abgetreten, glaubte der Vor- tragende im Jahre 1862 sozialistischer Bewegung jeglicher Art nur kurzen Bestand prophezeien, sie von der Persönlichkeit des leweiligen Leiters abhängig machen, ihr namentlich in Deutsch- land keinerlei Aussicht auf' Erfolg versprechen zu dürfen. Allein gerade das Jahr 1862 wurde sür den Sozialismus von der größten Bedeutung. Es ist das Geburtsjahr der Jnternationgle, die am August auf einem Verbrüderungsfest in London gegründet wurde(! dw internationale Arbeiter-Assoziation wurde am 28. Sept. 1864 gegründet) und in diesem Jahre hielt Lassalle seine ersten Vorträge in Berlin. „Unter Napoleon wurde die Internationale in Paris groß- gezogen. Er benutzte(!) sie„merkwürdigerweise" gegen die Bonr- geoifie. In nothwendig gewordenen(!) Prozessen wegen Theil- nähme an einer nicht anerkannten Gesellschaft wurde gegen ih- e Mitglieder sehr glimpflich(?) verfahren. Die Folge(!) war der Ausstand der Commune im Jahre 1871. Der Vortragende gab von dieser lehrreichen(!) That der Internationale ein lebendiges und getreues Bild. „In Deutschland bestanden noch im Frühjabr 1870 drei fozia- llstische Parteien: erstens die Lassalleaner, die sich wieder in zwei, die weibliche und die männliche Linie schieden. Sie waren unabhängig von der Internationale, Gegner des Strike und »erlangten � für den Arbeiter die Hilfe des Staates. Zweitens nanr „Die Wahlen haben ferner bewiesen, daß unter der deutschen Sozialdemokratie eine tiefgehende Spaltung nicht mehr existirt. � Sie ist allen Gegnern gegenüber einig und festgeschlossen. Ihr drohendes Anwachsen hat mancherlei Vorschläge zur Besserung hervorgerufen. Man verlangt siebenjährige Reichstagsperioden, Abschaffung der direkten und geheimen Wahl, zwei Kammern, Ausdehnung des preußischen Vereinsgesetzcs über das ganze Reich. Der Vortragende verspricht sich von allen diesen Maßregeln wenig oder gar keinen Erfolg und begründet diese Ansicht in schlagender Weise. Auch Schule und Erziehung möchten nicht im Stande sein, das Uebel mit der Wurzel auszurotten. „Die Geschichte der Commune giebt dem Vortragenden die Mittel, drei Punkte hervorzuheben, wodurch dem deutschen Reiche die nächste und unmittelbarste Gefahr von der Sozialdemokratie bevorstehe. Erstens: die ganze deutsche Sozialdemokratie ist einig und gehorcht der Internationale. Das Erste beweisen die Wahlen, das Zweite die Verbindung deutscher Sozialisten mit der Commune und die im(üonseil g&iöral(?) seinerzeit abgedruckten Dokumente. Zweitens: In den Straßenkämpfen zu Paris fraternisirte die Armee mit dem Volke. Die Frage scheint berechtigt, ob wir der deutschen Annee ganz sicher sind, und wenn wir es noch� sind, ob wir es bleiben werden. Die Art der sozialdemokratischen Agitation läßt keinen Zweifel übrig, daß ihre Ideen auch bereits in der Armee Anhang gefunden haben und noch mehr finden werden. Drittens: Aus der Reihenfolge der Ereignisse in Paris erkennen wir, daß die Führer der In- ternationale erst allmählich mit ihren wahren Plänen hervor- treten. Ein Gleiches geschieht bei der Agitation in Deutschland. Die sozialistischen Agitatoren hüten sich wohl, den ganzen Um- fang ihrer Ziele sofort zu offenbaren. Sie wählen die jedesmal eindrucksvollsten ihrer Forderungen aus und ködern damit die Menge. „Zum Schlüsse beantwortet der Vortragende die Frage: Was ist gegenüber dieser Gefahr zu thun? Nur geistige Waffen sind anzuwenden, polizeiliche Maßregeln würden zu nichts führen. Man kläre das Volk über die Endziele der Sozialdemokratie auf. Man stelle ihm vor, was das Menschcndasein sein würde, wenn Güter- und Frauen- gemcinschaft eingeführt, das Erbrecht abgeschafft, Kunst und Wissenschaft aus der Welt entfernt seien. So und nur so allein wird es das Wahnsinnige der svzia- listischcn Irrlehren begreifen. „Zu diesem Zwecke aber müssen, um den gefährlichsten Feind des modernen Staates zu bekämpfen, alle sonstigen politischen und religiösen Spaltungen beseitigt werden und alle Kräfte sich renmüthig wider die Sozialdemokratie richten." Ties das Rcsumä des Vortrags, der im„Lllterthnmsvercin", also einer„gelehrten" oder gar„wissenschaftlichen" Gesellschaft gehalten und„mit lebhaftem Beifall" aufgenommeil wurde. Mag sein, daß der Bericht der„Nassauischen Volkszeitung" in manchen Einzelheiten ungenau ist, immerhin läßt sich daraus erkennen, wie die soziale Bewegung sich im Kops eines preußischen Polizei- und Regierungspräsidenten abspiegelt. Daß Herr von Wurmb von Polizeimaßrcgeln nichts hält, verräth eine größere Selbst- erkenntniß, als wir ihm zugetraut hätten, und daß er für den Kampf gegen uns„nur geistige Waffen" bcsürwvrtet, ist sicher- lich sehr lobenswcrth; aber noch lobenSwerther ivürde es ge- wesen sein, wenn der Herr Polizei- und Regierungspräsident von den empfohlenen„Waffen" auch Gebrauch gemacht hätte. Unter Bekämpfung„mit Waffen des Geistes" ist doch unzweifel- Haft eine wissenschaftliche Bekämpfung verstanden, d. h. der Nachweis, daß entweder die Grundlagen des Sozialismus, oder die Schlußfolgerungen, oder die Grundlagen und Schlnßfolge- rungen des Sozialismus falsch sind— ein Nachweis, der natür- lich voraussetzt, daß der Nachweisende die Grundlagen und Schlußfolgerungen des Sozialismus erkannt und begriffen hat. Das hat aber unser Herr Polizei- und Regierungspräsident entschieden nicht gethan. Einen Theil der Unrichtigkeiten und schiefen Urtheile, sowie sämmtlichcn Blödsinn, der ihm in den Mund gelegt wird, wollen wir auf Rechnung des Reporters sehen; aber es bleiben, wenn wir dem Herrn Reporter das Menschen- und mehr als Menschenmögliche aufhalsen, doch noch so viel Unrichtigkeiten und schiefe Urtheile übrig, daß wir befugt sind zu erklären: Herr v. Wurmb hat nicht die blasseste Ahnung von den Prinzipien des Sozialismus und von der sozialdemokratischen Bewegung. Und Herr v. Wurmb ist königlich preußischer Polizei-- und Regierungsprä- Lident! Wem fällt bei diesen„Waffen des Geistes" nicht das � berühmte Wort Oxensticrna's ein? von Anhängern der Internationale gegründete, das söge- P � Nürnberger Programm verfolgende Partei der sozial- e nokratiichen Republik, hauptsächlich in Sachsen. Sie predigte vCU /Tr»...8. vi-.ftLPi-cift:* i\\ ers-'n q Herrn Eugen Duhring's Umwälzung der Philosophie. Von Friedrich Engels. IX. Wir enthalten uns, Pröbchen zu geben von dem Mischmasch von Plattheit und Orakelhaftigkeit, kurz von dem simplen Kohl, den Herr Dühring seinen Lesern fünfzig volle Seiten zu ge- nicßen gicbt, als wurzelhaftc Wissenschaft von den Elementen sv•ii4i--7*w wu�utpt--�rii�>(vir„ Hl.«-v.ulirr(luiuieu. des Bewußtseins. Wir eitiren nur dies:, ,38er nur an der § �vnsorten!) Ihr Organ ist die„Volkszeitung". Hand der Sprache zu denken vermag, hat noch nie erfahren, Heule ilt diew Treitheilung nur noch von historischem Werth.°-<•- � ä»"' �" jjir t r j-. r5- 00n Schweitzer hatte dem Vortragenden � er'iichert, die Schultze-Delitzsch, Duncker:c. arbeiteten iw■-puternationale. Das haben die letzten Wahlen einestheils die Fortschrittspartei unter der Arbeiter- » ijn®r-leine Anhänger gefunden, anderntheils die Sozial- ' lK-! ganz von der Fortschrittspartei losgesagt hat(!). knimwet!? � Un5) die Selbsthilfe(!)'. Drittens die bourgeois 7n. Partei, gegründet von den Fortschrittsmännern Schultze-Delitzsch, mit Musterstawten.(Armer ad Consorten!) Ihr Organ ist die„Volkszeitung". �........... v- M�,,............ ~,.-reitheilung nur noch von historischem Werth, was abgesondertes und eigentliches Denken zu bedeuten Vchon.Herr von Schweitzer hatte dem Vortragenden � habe." Danach sind die Thiere die abgesondertsten und cigcnt- lichsten Denker, weil ihr Denken nie durch die zudringliche Ein Mischung der Sprache getrübt wird. Allerdings sieht man es den DLHring'scheu Gedanken und der sie ausdrückenden Sprache an, wie wenig diese Gedanken für irgend eine Sprache gemacht sind und wie wenig die deutsche Sprache für diese Gedanken. Endlich erlöst uns der vierte Abschnitt, der uns, außer seinem zerfließenden Redebrci, wenigstens hie und da etwas Greifbares über Moral und Recht bietet. Gleich im Anfang werden wir diesmal zu einer Reise ans die anderen Weltkörper eingeladen: die Elemente der Moral müssen sich„bei allen außermenschlichen Wesen, in denen sich ein thätiger Verstand mit der bewußten Ordnung von triebförmigen Lebensregungen zu befassen hat, in übereinstimmender Weise... wiederfinden... Doch wird unsre Theilnahme für solche Folgerungen gering bleiben... Außer- dem bleibt es aber immer eine den Gesichtskreis wohlthätig erweiternde Idee, wenn wir uns vorstellen, daß auf andern Weltkörpern das Einzel- und das Gemeinleben von einem Schema ausgehen muß, welches... nicht vermag die allgemeine Grund- Verfassung eines verstandesmäßig handelnden Wesens aufzuheben oder zu umgehen." Wenn hier ausnahmsweise die Gültigkeit der Dührina'scheu Wahrheiten auch für alle andern möglichen Welten an die Spitze, statt ans Ende des betreffenden Kapitels gestellt wird, so hat das seinen zureichenden Grund. Hat man erst die Gültigkeit der Dühring scheu Moral- und Gcrechtigkeitsvorstellungcn sür alle Welten festgestellt, so wird man um so leichter ihre Gül- tigkeit auf alle Zeiten wohlthätig erweitern können. Es handelt sich aber hier wieder um nichts Geringeres als um endgültige Wahrheit letzter Instanz. Die moralische Welt hat„so gut wie diejenige des allgemeinen Wissens ihre bleibenden Prinzipien und einfachen Elemente", die moralischen Prinzipien stehn„über der Geschichte und über den heutigen Unterschieden der Völker- beschaffenheiteu... Die besonderen Wahrheiten, aus denen sich im Lauf der Entwickelung das vollere moralische Bewußtsein und sozusagen das Gewissen zusammensetzt, können, soweit sie bis in ihre letzten Gründe erkannt sind, eine ähnliche Geltung und Tragweite beanspruchen, wie die Einsichten und Anwendungen der Mathematik. Echte Wahrheiten sind überhaupt nicht wandelbar... sodaß es überhaupt eine Thorheit ist, die Rich- tigkeit der Erlennwiß als von der Zeit und den realen Verän- derungen angreifbar vorzustellen." Daher läßt uns die Sicher- heit strengen Wissens und die Zulänglichkeit der gemeineren Er- kenntniß nicht dazu kommen, im besonnenen Zustande.an der absoluten Gültigkeit der Wissensprinzipicn zu verzweifeln.„Schon der dauernde Zweifel selbst ist ein krankhafter Schwächezustand und nichts als der Ausdruck wüster Verworrenheit, die bis- weilen in dem systematischen Bewußtsein ihrer Nichtigkeit den Schein von etwas Haltung aufzutreiben sucht. In den sittlichen Angelegenheiten klammert sich die Leugnung allgemeiner Prin- zipien an Jne geographischen und geschichtlichen Mannichfaltig- keitcn der Sitten und Grundsätze, und gibt man ihm die un- auswcichliche Nothwcndigkeit des sittlich Schlimmen und Bösen zu, so glaubt sie erst recht über die Anerkennung der ernst- haften Geltung und thatsächlichen Wirksamkeit übereinstimmender moralischer Antriebe hinaus zu sein. Diese aushöhlende Skepsis, die sich nicht etwa gegen einzelne falsche Lehren, sondern gegen die menschliche Fähigkeit zur bewußten Moralität selbst kehrt, mündet schließlich in ein wirkliches Nichts, ja eigent- lich in etwas, ivas schlimmer ist als der bloße Nihilismus... Sic schmeichelt sich, in ihrem wirren Chaos von anfgeköstcn sittlichen Vorstellungen leichten Kaufes herrschen und dem grund- satzlosen Belieben alle Thorr öffnen zu können. Sie täuscht sich aber gewaltig: denn die bloße Hinwcisung auf die unvermeid lichen Schicksale des Verstandes in Jrrthum und Wahrheit genügt, um schon durch diese einzige Analogie erkennbar zu machen, wie die natnrgesctzliche Fehlbarkcit die Vollbringung des Zntrcf- senden nicht auszuschließen braucht." Wir haben bis jetzt alle die pompösen Aussprüche des Herrn Dühring über endgültige Wahrheiten letzter Instanz, Souverai netät des Denkens, absolute Sicherheit des Erkenncns u. s. w. ruhig hingenommen, weil die Sache doch erst an dem Punkte zum Austrag gebracht werden konnte, wo wir jetzt angelangt sind. Bisher genügte die Untersuchung, in wie weit dje ein zelncn Behauptungen der Wirklichkeitsphilosophie„souveraine Geltung" und„unbedingten Anspruch auf Wahrheit" hatten; hier kommen wir vor die Frage, ob und welche Produkte des menschlichen Erkennens überhaupt souveraine Geltung und un- bedingten Anspruch auf Wahrheit haben können. Wenn ich sage: des menschlichen Erkenncns, so sage ich dies nicht etwa in bc- leidigcnder Absicht gegen die Bcivohner anderer Weltkörper, die ich nicht die Ehre habe zu kennen, sondern nur weil auch die Thiere erkennen, aber keineswegs sonvcrain. Der Hund erkennt in seinem Herrn seinen Gott, wobei dieser Herr der größte Lump sein kann. Ist das menschliche Denken souvcrain? Ehe wir Ja oder Nein antworten, müssen wir erst untersuchen, was das mensch liche Denken ist. Ist es das Denken eines einzelnen Menschen? Nein. Aber es existirt nur als das Einzeldenken von vielen Milliarden vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Menschen. Wenn ich nun sage, daß dies in meiner Vorstellung zusammen- gefaßte Denken aller dieser Menschen, die zukünftigen einge- schloffen, souverain, im Stande ist die bestehende Welt zu erkennen, sofern die Menschheit nur lange genug dauert und so» weit nicht in den Erkenntnißorganen und den Erkenntnißgegen- ! ständen diesem Erkennen Schranken gesetzt sind, so sage ich etwas ziemlich Banales und zudem ziemlich Unfruchtbares. Denn das wcrthvollste Resultat dürfte dies sein, uns gegen unsre heutige Erkenntniß äußerst mißtrauisch zu machen, da wir ja aller Wahrscheinlichkeit nach.-so ziemlich am Anfang der Menschheits- geschichte stehn, und die Generationen, die uns berichtigen werden, wohl viel zahlreicher sein dürften als diejenigen, deren Erkennt- niß wir— oft genug mit beträchtlicher Geringschätzung— zu berichtigen im Falle sind. Herr Dühring selbst erklärt es für eine Nothwendigkeit, daß das Bewußtsein, also auch das Denken und Erkennen, nur in einer Reihe von Einzelwesen zur Erscheinung kommen körnte. Dem Denken jedes dieser Einzelnen können wir nur insofern Souverainetät zuschreiben, als wir keine Macht kennen, die im Stande wäre, ihm im gesunden und wachenden Zustand irgend einen Gedankeu mit Gewalt aufzunöthigen. Was aber die sou- veraine Geltung der Erkenntnisse jedes Einzeldenkens angeht, so wissen wir Alle, daß davon gar keine Rede sein kann, und daß nach aller bisherigen Erfahrung sie ohne Ausnahme stets viel mehr Verbesserungsfähigcs als Nichtvcrbesserungsfähiges oder Richtiges enthalten. Mit andern Worten: die Souverainetät des Denkens ver- loirklicht sich in einer Reihe höchst unsouverain denkender Men- schen; die Erkenntniß, welche unbedingten Anspruch auf Wahrheit hat, in einer Reihe von relativen Jrrthüment; weder die eine noch die andre kann anders als durch eine unendliche Lebens- dauer der Menschen vollständig verwirklicht werden. Wir haben hier wieder denselben Widerspruch, wie schon oben, zwischen dem nothwcndig als absolut vorgestellten Charakter des menschlichen Denkens, und seiner Realität in lauter beschränkt denkenden Einzclmenschen, ein Widerspruch, der sich nur im un- endlichen Progreß, in der für uns wenigstens praktisch endlosen Aufeinanderfolge der Menschengeschlechter lösen kann. In diesem Sinn ist das menschliche Denken ebensosehr souverain wie nicht souverain und seine Erkenntnißfähigkeit ebensosehr unbeschränkt wie beschränkt. Souverain und unbeschränkt der Anlage, dem Beruf, der Möglichkeit, dem geschichtlichen Endziel nach; nicht souverain und beschränkt der Einzel-Ausführung und der jedes- inaligen Wirklichkeit nach. Ebcitso verhält es sich mit den ewigen Wahrheiten. Käme die Menschheit je dahin, daß sie nur noch mit ewigen Wahr- hciten, mit Denkresultaten operirte, die souveraine Geltung und unbedingten Anspruch auf Wahrheit haben, so wäre sie auf dem Punkt angekommen, wo die Unendlichkeit der intellektuellen Welt nach Wirklichkeit wie Möglichkeit erschöpft und damit das viel- berühmte Wunder der abgezählten Unzahl vollzogen wäre. Nun gibt es aber doch Wahrheiten, die]0 feftstehn, daß jeder Zweifel daran uns als gleichbedeutend mit Verrücktheit erscheint? Daß zwei mal zwei vier ist, daß die drei Winkel eines Dreiecks gleich zwei Rechten sind, daß Paris in Frankreich liegt, daß ein Mensch ohne Nahrung Hungers stirbt u. s. w.? Also gibt es doch ewige Wahrheiten, endgültige Wahrheiten letzter Instanz? Allerdings. Wir können das ganze Gebiet des Erkennens nach altbekannter Art in drei große Abschnitte theilen. Der erste umfaßt alle Wissenschaften, die sich mit der unbelebten Natur beschäftigen und mehr oder minder einer mathematischen Be- Handlung fähig sind: Mathematik, Astronomie, Mechanik, Physik, Chemie. Wenn es Jemandem Vergnügen macht, gewaltige Worte auf sehr einfache Dinge anzuwenden, so kann man sagen, daß gewisse Ergebnisse dieser Wissenschaften ewige Wahrheiten, endgültige Wahrheiten letzter Instanz sind; wcßhalb man diese Wissenschaften auch die exakten genannt hat. Aber noch lange nicht alle Ergebnisse. Mit der Einführung der veränderlichen Größen und' der Ausdehnung ihrer Veränderlichkeit bis ins unendlich Kleine und unendlich Große hat die sonst so fitten- strenge Mathematik den Sündenfall begangen; sie hat den Apfel der Erkenntniß gegessen, der ihr die Laufbahn der riesenhaftesten Erfolge eröffnete, aber auch die der Jrrthümer. Der jungfrän- liche Zustand der absoluten Gültigkeit, der unumstößlichen Be- wiesenheit alles Mathematischen war auf ewig dahin; das Reich der Kontroversen brach an, und wir sind dahin gekommen, daß die meisten Leute differenziren und integriren, nicht weil sie ver- stehn was sie thun, sondern aus reinem Glauben, weil es bisher immer richtig herausgekommen ist. Mit der Astronomie und Mechanik steht es noch schlimmer, und in Physik und Chemie befindet man sich inmitten der Hypothesen wie inmitten eines Bienenschwarms. Es ist' dies auch gar nicht anders möglich. In der Physik haben wir es mit der Bewegung von Molekülen, in der Chemie mit der Bildung von Molekülen aus Atomen zu thun, und wenn nicht die Interferenz der Lichtwellen eine Fabel ist, so haben wir absolut keine Aussicht, jemals diese interessanten Dinger mit unseren Augen zu sehn. Die endgültigen Wahr- heitcn letzter Instanz werden da mit der Zeit merkwürdig selten. Noch schlimmer sind wir dran in der Geologie, die ihrer Natur nach sich hauptsächlich mit Vorgängen beschäftigt, bei denen nicht nur nicht wir, sondern überhaupt kein Mensch dabei ge- Wesen ist. Die Ausbeute an endgültigen Wahrheiten letzter In- stanz ist daher hier mit sehr vieler Mühe verknüpft und dabei äußerst sparsam. Die zweite Klasse von Wissenschaften ist die, welche die Er- sorfchung der lebenden Organismen in sich begreift. Auf diesem Gebiet entwickelt sich eine solche Mannichfaltigkeit der Wechselbe- Ziehungen und Ursächlichkeiten, daß nicht nur jede gelöste Frage eine Aiizahl neuer Fragen auswirft, sondern auch jede einzelne Frage meist nur stückweise, durch eine Reihe von oft Jahrhun- derte in Anspruch nehmenden Forschungen gelöst werden kann; wobei dann das Bedürfniß systematischer Auffassung der Zusam- menhänge stets von Neuem dazu nöthigt, die endgültigen Wahr- Helten letzter Instanz mit einer überwuchernden Anpflanzung von Hypothesen zu umgeben. Welche lauge Reihe von Mittelstufen von Galen bis Malpighi Ivar nöthig, um eine so einfache Sache wie die Cirkulation des Bluts bei Säugethicren richtig festzu- stellen, wie wenig wissen wir von der Entstehung der Blut- körperchen, und wie viel Mittelglieder fehlen nnS heute noch, um z. B. die Erscheinungen einer Krankheit mit ihren Ursachen in rationellen Zusammenhang zu bringen! Dabei kommen oft genug Entdeckungen vor wie die der Zelle, die uns zwingen, alle bis- her festgestellten endgültigen Wahrheiten letzter Instanz auf dem Gebiet der Biologie einer totalen Revision zu unterwerfen, und ganze Haufen davon ein für alle Mal zu beseitigen. Wer also hier wirklich echte, unwandelbare Wahrheiten aufstellen will, der wird sich mit Plattheiten begnügen müssen wie: Alle Menschen müssen sterben, alle weiblichen Säugethiere haben Milchdrüsen u. s. w.; er wird nicht einmal sagen können, daß die höheren Thiere mit dem Magen und Darmkanal verdauen und nicht mit dem Kopf, denn die im Kopf centralisirte Nerventhätigkeit ist zur Verdauung unumgänglich. Noch schlimmer aber steht es mit den ewigen Wahrheiten in der drittm Gruppe von Wissenschaften, der historischen, die die Lebensbedingungen der Menschen, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Rechts- und Staatsformen mit ihrem idealen Ucberban von Philosophie, Religion, Kunst u. s. w. in ihrer geschichtlichen Folge und ihrem gegenwärtigen Ergebniß untersucht. In der organischen Natur haben wir es doch wenigstens mit einer Reihenfolge von Hergängen zu thun, die sich, soweit uusre un- mittelbare Beobachtung in Frage kommt, innerhalb sehr weiter Grenzen ziemlich regelmäßig wiederholen. Die Arten der Or- ganismen sind seit Aristoteles im Ganzen und Großen dieselben geblieben. In der Geschichte der Gesellschaft dagegen sind die Wiederholungen der Zustände die Ausnahme, nicht die Regel, sobald wir über die Urzustände der Menschen, das sogenannte Steinalter, hinausgehn; und wo solche Wiederholungen vor- kommen, da ereignen sie sich nie genau unter denselben Umständen. So das Vorkommen des ursprünglichen Gemeineigenthums am Boden bei allen Kulturvölkern und die Form seiner Auflösung. Wir sind daher auf dem Gebiet der Menschengeschichtc mit unsrer Wissenschaft noch weit mehr im Rückstand als auf dem der Biologie; und mehr noch: wenn einmal ausnahmsweise der innere Zusammenhang der gesellschaftlichen und politischen Daseins- formen eines Zeitabschnitts erkannt wird, so geschieht es regel- mäßig dann, wenn diese Formen sich schon halb überlebt haben, dem Verfall entgegen gehn. Die Erkenntniß ist hier also wesentlich relativ, indem sie sich beschränkt auf die Einsicht in den Zusam- menhang und die nothwcndigen Folgen gewisser, nur zu einer gegebnen Zeit und für gegebne Völker bestehenden, und ihrer Natur nach vergänglichen Gesellschasts- und Staatsformen. Wer hier also auf endgültige Wahrheiten letzter Instanz, auf echte, überhaupt nicht wandelbare Wahrheiten Jagd macht, der wird wenig heimtragen, es seien denn Plattheiten und Gemeinplätze der ärgsten Art, z. B. daß die Menschen im Allgemeinen ohne Arbeit nicht leben können, daß sie sich bisher stets eingetheilt haben in Herrschende und Beherrschte, daß Napoleon am 5. Mai 1821 gestorben ist u. s. w. Nun ist es aber merkwürdig, daß gerade auf diesem Gebiet die angeblichen ewigen Wahrheiten, die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz u. s. w. uns am häufigsten begegnen. Daß zwei mal zwei vier ist, daß die Vögel Schnäbel haben, oder derartiges Ivird nur der für ewige Wahrheiten erklären, der mit der Absicht umgeht, aus dem Dasein ewiger Wahrheiten überhaupt zu fol- gern, daß es auch auf dem Gebiet der Menschengeschichte ewige Wahrheiten gebe, eine ewige Moral, eine ewige Gerechtigkeit:c. die eine ähnliche Geltung und Tragweite beanspruchen wie die Einsichten und Anwendungen der Mathematik. Und dann können wir mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß derselbe Menschen- freund uns bei erster Gelegenheit erklären wird, alle frühereu Fabrikanten ewiger Wahrheiten seien mehr oder weniger Eiel und Charlatans, seien alle im Jrrthum befangen gewesen, hätten gefehlt; das Vorhandensein ihres Jrrthums und ihrer Fehlbar- keit aber sei naturgcsetzlich und beweise das Dasein der Wahr- heit und des Zutreffenden bei ihm, und er, der jetzt erstandene Prophet, trage die endgültige Wahrheit letzter Instanz, die ewige Moral, die ewige Gerechtigkeit, fix und fertig im Sack. Das Alles ist schon so hundertmal und tausendmal dagewesen, daß man sich nur tvundern muß, wenn es noch Menschen giebt, leicht- gläubig genug, um dies nicht von Andern, nein von sich selbst zu glauben. Und dennoch erleben wir hier wenigstens noch einen solchen Propheten, der denn auch ganz in gewohnter Weise in hochmoralischcn Harnisch geräth, wenn andre Leute es ab- leugnen, daß irgend ein Einzelner die endgültige Wahrheit letzter Instanz zu liefern im Stande sei. Solche Leugung, ja schon der bloße Zweifel ist ein Schwächezustand, wüste Verworrenheit, Nichtigkeit, aushöhlende Skepsis, schlimmer als der bloße Nihi- lisnius, wirres Chaos und was dergleichen Liebenswürdigkeiten mehr sind. Wie bei allen Propheten, ivird nicht kritisch-wissen- schaftlich untersucht und beurtheilt, sondern ohne Weiteres moralisch verdonnert. Wir hätten oben noch die Wissenschaften erwähnen können, die die Gesetze des menschlichen Denkens untersuchen, also Logik und Dialektik. Hier aber sieht es mit den ewigen Wahrheilen nicht besser, aus. Die eigentliche Dialektik erklärt Herr Dühring für reinen Widersinn, und die vielen Bücher, die über Logik geschrieben worden sind und noch geschrieben werden, beweisen zur Genüge, daß auch da die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz viel dünner gesäet sind als Mancher glaubt. Uebrigens brauchen wir uns keineswegs darüber zu erschrecken, daß die Erkenntnißstufe, auf der wir heute stehen, ebensowenig endgültig ist, als alle vorhergegangenen. Sic umfaßt schon ein ungeheures Material von Einsichten und erfordert eine sehr große Specialisirung der Studien für Jeden, der in irgend einem Fach heimisch werden will. Wer aber den Maßstab echter, un- wandelbarer, endgültiger Wahrheit letzter Instanz an Erkennt- nisse legt, die der Natur der Sache nach entweder für lange Reihen von Generationen relativ bleiben und stückweise vervoll- ständigt werden müssen, oder gar an solche, die, ivie in Kosmo- gonie, Geologie, Menschheitsgeschichte schon wegen der Mangel- haftigkeit des geschichttichcn Materials stets lückenhaft und unvoll- ständig bleiben werden— der beweist damit nur seine eigne Unwissenheit und Verkehrtheit, selbst wenn nicht,>vie hier, der Anspruch auf persönliche Unfehlbarkeit den eigentlichen Hinter- grund bildet. Wahrheit und Jrrthum, wie alle sich in polaren Gegensätzen bewegenden Denkbestimmungen, haben absolute Gül- tigkeit eben nur für ein äußerst beschränktes Gebiet; wie mir das eben gesehn haben, und wie auch Herr Dühring wissen würde, bei einiger Bekanntschaft mit den ersten Elementen der Dialektik, die grade von der Unzulänglichkeit aller polaren Ge- gcnsätze handeln. Sobald wir den Gegensatz von Wahrheit und Jrrthum außerhalb jenes oben bezeichneten engen Gebiets an- wenden, wird er relativ und damit für genaue wisieuschaftliche Ausdrucksweise unbrauchbar; versuchen wir aber, ihn außerhalb jenes Gebiets als absolut gültig anzuwenden, so kommen wir erst recht in die Brüche; die beiden Pole des Gegensatzes schlagen in ihr Gegcnthcil um, Wahrheit wird Jrrthum und Jrrthum Wahrheit. Nehmen wir als Beispiel das bekannte Boyle'sche Gesetz, wonach bei gleichbleibender Temperatur das Volumen der Gase sich umgekehrt verhält wie der Druck, dem sie ausgesetzt sind. Regnault fand, daß dies Gesetz für gewisse Fälle nicht zutraf. Wäre er nun ein Wirklichkeitsphilosoph gewesen, so war er verpflichtet zu sagen: das Boyle'sche Gesetz ist wandelbar, also keine echte Wahrheit, also überhaupt keine Wahrheit, also Irr- thum. Damit hätte er aber einen weit größeren Jrrthum be- gangen als der im Boyle'sche» Gesetz enthaltene war; in einem Sandhaufen von Jrrthum wäre sein Körnchen Wahrheit ver- schwunden; er hätte also sein ursprünglich richtiges Resultat zu einem Jrrthum verarbeitet, gegen den das Boyle'sche Gesetz init sammt dem Bischen Jrrthum, das an ihm klebte, als Wahrheit erschien. Regnault, als wissenschaftlicher Mann, ließ sich aber auf dergleichen Kindereien nicht ein, sondern untersuchte weiter und fand, daß das Boyle'sche Gesetz überhaupt nur annähernd richtig ist, und besonders seine Gültigkeit verliert bei Gasen, die durch Druck tropfbar-flüssig gemacht werden können, und zwar sobald der Druck sich dem Punkt nähert, wo die Tropfbarkeit eintritt. Das Boyle'sche Gesetz erwies sich'also als richtig nur innerhalb bestimmter Grenzen. Ist es aber absolut, endgültig wahr innerhalb dieser Grenzen? Kein Physiker wird das be- haupten. Er wird sagen, daß es Gültigkeit hat innerhalb ge- � wisser Druck- und Temperaturgrenzen und fiir gewisse Gase; und er wird selbst innerhalb dieser noch enger gesteckten Grenzen die Möglichkeit nicht ausschließen einer noch engeren Begrenzung oder veränderter Fassung durch künftige Untersuchungen.*) So *) Seit ich Obiges niederschrieb, scheint es sich bereits bestätigt zu haben. Nach den neuesten, von Äendetejeff und Bogusty mit genaueren steht es also um die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz z. B. in der Physik. Wirklich wissenschaftliche Arbeiten vermeiden daher regelmäßig solche dogmatisch-moralische Ausdrücke wie Irr- i thum und Wahrheit, während diese uns überall entgegentreten i in Schriften wie die Wirklichkeitsphilosophie, wo leeres Hin- und Herrcden uns als souveränstes Resultat des souveränen> Denkens sich aufdrängen will. Aber, könnte ein naiver Leser fragen, wo hat denn Herr! Dühring ausdrücklich gesagt, daß der Inhalt seiner Wirklichkeits- Philosophie endgültige Wahrheit sei. und zwar letzter Instanz? 1 Wo? Nun, zum Beispiel in dem Dithyranibus auf sein System (S. 13), den wir im II. Artikel thcilweise ausgezogen. Oder! wenn er in dem oben citirten Satz sagt: Die moralischen Wahr- heilen, soweit sie bis in ihre letzten Gründe erkannt sind, bcan- spruchen eine ähnliche Geltung wie die Einsichten der Mathematik. Und behauptet nicht Herr Dühring, von seinem wirklich kritischen Standpunkt aus und vermittelst seiner bis an die Wurzeln reichenden Untersuchung bis zu diesen letzten Gründen,! den Grundschematen vorgedrungen zu sein, also den moralischen Wahrheiten Endgültigkeit letzter Instanz verliehen zu haben? Oder aber, wenn Herr Dühring diesen Anspruch weder für sich i noch für seine Zeit stellt, wenn er nur sagen will, daß irgend einmal in nebelgrauer Zukunft endgültige Wahrheit letzter In- stanz festgestellt werden können, wenn er also ungefähr, nur confuser, dasselbe sagen will wie die„aushöhlende Skepsis* und „wüste Verworrenheit"— ja dann, wozu der Lärm, was steht. dem Herrn zu Diensten? Wenn wir schon mit Wahrheit und Jrrthum nicht weit vom Fleck kamen, so noch viel weniger mit Gut und Böse. Dieser Gegensatz bewegt sich ausschließlich auf moralischem, also auf einem der Menschengeschichte angehörigen Gebiet, und hicr'sind die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz grade am dünnsten gesäet. Bon Volk zu Volk, von Zeitalter zu Zeitalter haben die Vorstellungen von Gut und Böse so sehr gewechselt, daß sie einander oft geradezu widersprachen.— Aber, wird Jemand einwerfen, Gut ist doch nicht Böse, und Böse nicht Gut; wenn j Gut und Böse zusammengeworfen werden, so hört alle Moralität I auf, und Jeder kann thun und lassen was er will.— Dies ist> auch, aller Orakelhaftigkcit entkleidet, die Meinung des Herrn Dühring. Aber so einfach erledigt sich die Sache doch nicht. Wenn das so einfach ginge, würde ja über Gut und Böse gar' kein Streit sein, würde Jeder wissen, was Gut und was Böse' ist. Wie steht» aber heute? Welche Moral wird uns heute gepredigt? Da ist zuerst die christlich-feudale, aus früheren gläubigen Zeiten überkommene, die sich wesentlich wieder in eine, katholische und protestantische thcilt, wobei Ivicoer Unterabthei- lungen von der jefnitisch-katholischen und orthodox-protestantischen i bis zur lax-aufgeklärten Moral nicht fehlen. Daneben figurirt die modern-bürgerliche und neben dieser wieder die proletarische! Zukunftsmoral, so daß Vergangenheit, Gegenwart und Zpkunst allein in den fortgeschrittensten Ländern Europas drei große � Gruppen gleichzeitig und neben einander geltender Moraltheorien liefern. Welche ist nun die wahre? Keine einzige, im Sinn absoluter Endgültigkeit; aber sicher wird diejenige Moral die j meisten. Daner versprechenden, Elemente besitzen, die in der Gegenwart die Umwälzung der Gegenwart, die Zukunft, vertritt/! also die proletarische. Wenn wir nun aber sehn, daß die drei Klassen der modernen Gesellschaft, die Feudalaristokratie, die Bourgeoisie und das Proletariat jede ihre besondere Moral haben, so können wir daraus nur den Schluß zieh», daß die Menschen, bewußt oder unbewußt, ihre sittlichen Anschauungen in letzter Instanz aus den praktischen Verhältnissen schöpfen, in denen ihre Klassenlage begründet ist— aus den ökonomischen Verhältnissen, in denen sic' produziren und austauschen. Aber in den obigen drei Moralthcorien ist doch Manches allen Dreien gemeinsam— wäre dies nicht wenigstens ein Stück der ein für allemal feststehenden Moral? Jene Moraltheorie» l vertreten drei verschiedene Stufen derselben geschichtlichen Eick Wicklung, haben also einen gemeinsamen geschichtlichen Hinter- grund, und schon deshalb nothwendig viel Gemeinsames. Noch« mehr. Für gleiche oder annähend gleiche ökonomische Entwick- lungsstufcn müssen die Moralthcorien nothwcndig mehr oder weniger übereinstimmen. Von dem Augenblick an, wo das Privateigenthum an beweglichen Sachen sich entwickelt hatte, mußte allen Gesellschaften, wo dies Privateigenthum galt, das Moralgebot gemeinsam sein: Du sollst nicht stehlen. Wird dies Gebot dadurch zum ewigen Moralgebot? Keineswegs. In einer Gesellschaft, wo die Motive zum Stehlen beseitigt sind, wo also auf die Dauer nur noch höchstens von Geisteskranken gestohlen werden kann, wie würde da der Moralprediger ausgelacht werden, der feierlich die ewige Wahrheit proklamiren wollte: Du sollsl nicht stehlen! Wir weisen demnach eine jede Zumuthnug zurück, uns irgend welche Moral-Dogmatik als ewiges, endgültiges, fernerhin um wandelbares Sittengesetz aufzudrängen, unter dem Vorwand, auch die moralische Welt habe ihre bleibenden Prinzipien, die übel der Geschichte und den Völkcrverschicdcnheitcn steh». Wir be- haupten dagegen, alle bisherige Moraltheorie sei das Erzeugniß, in letzter Instanz, der jedesmaligen ökonomischen Gesellschasts- läge. Und wie die Gesellschaft sich bisher in Klassengegensätze� bewegte, so war die Moral stets eine Klassenmoral; entweder rechtfertigte sie die Herrschaft und die Interessen der herrschcndell Klasse, oder aber sie vertrat, sobald die unterdrückte Klasse mächtig genug wurde, die Empörung gegen diese Herrschaft und die Zu- kunftsinteressen der Unterdrückten. Daß dabei im Ganzen uni Großen für die Moral sowohl, wie für alle andern Zweige del menschlichen Erkenntniß ein Forsschritt zu Stande gekommen ist, daran wird nicht gezweifelt. Aber über die Klassenmoral sind wir noch nicht hinaus. Eine über den Klassengegensätzen und über der Erinnerung an sie stehende, wirklich menschliche Morw wird erst möglich auf einer Gesellschaftsstufe, die den Klassen- gegensatz nicht nur überwunden, sondern auch für die Praxis deS Lebens vergessen hat. Und nun crmesse man die Selbst' überHebung des Herrn Dühring, der mitten aus der altes Klassengesellschaft heraus den Anspruch macht, am Vorabend einck sozialen Revolution der künftigen, klassenlosen Gesellschaft ciick ewige, von der Zeit und den realen Veränderungen unabhänchg' Moral aufzuzwingen! Vorausgesetzt selbst— was uns bis je? noch unbekannt— daß er die Struktur dieser künstigen Gesell' schaft wenigstens in ihren Grundzügcn verstehe. Schließlich noch eine„von Grund aus eigenthümliche" abc' darum nicht weniger„bis an die Wurzeln reichende* Enthw' Appmaten angestelltsn Untersuchungen zeigten alle echten Gase ein vev änSerliches Berhältnisi zwischen Druck und Volumen; der Ausdehnung� koetsicient war bei Wasserstoff bei allen bisher angewandten Druckstärk� positio(das Volumen nahm langsamer ab, als der Druck); bei � atmosphärischen Luft und den anderen untersuchten Gasen fand sich'* jedes ein Nullpunkt des Drucks, so daß bei geringerem Druck Koesficient positiv, bei größerem negativ war. Das bisher noch praktisch brauchbare Boylesche Gesetz wird also einer Ergänzung duc � eine ganze Liethe von Specialgesetzen bedürfen. luttg: J:l Beziehung auf den Ursprung des Bösen„steht uns die Thatsache, daß der Typus der Katze mit der zugehörigen Falschheit in einer Thierbildung vorhanden ist, mit dem Um- stände auf gleicher Stufe, daß sich eine ähnliche Charaktergestal- tung auch im Menschen vorfindet... Das Böse ist daher nichts Geheimnißvolles, wenn man nicht etwa Lust hat, auch in dem Da- sein der Katze oder überhaupt des Raubthiers etwas Mystisches zu wittern." Das Böse ist— die Katze. Der Teufel hat also keine Hörner und Pferdefuß, sondern Krallen und grüne Augen. Und Göthc beging einen unverzeihlichen Fehler, wenn er den Mephistopheles als schwarzen Hund, statt als ditto Katze ein- führt. Das Böse ist die Katze! Das ist Moral, nicht nur für alle Welten, sondern auch— für die Katze! Sozialpolitische Uebersicht. — Tie Thronrede, welche der Kaiser am 22. d. M. im weißen Saale zur Eröffnung des Reichstages abgelesen hat, berührt auch— allerdings recht sanft!— die mit Rücksicht auf ihre Ausdehnung und Tiefe unerhörte Nothlage der Industrie und des Handels in Deutschland. Der Kaiser las:„Leider dauert die gedrückte Lage, in welcher Handel und Verkehr sich in den letzten beiden Jahren befunden haben, bei uns wie in anderen Ländern noch heute fort. Die unausgesetzten Er- wägungen der verbündeten Regierungen über die Mittel, der- selben abzuhelfen, haben mir nicht die Ueberzeugung gegeben, daß die inneren Zustände des Deutscheu Reichs einen wesent- lichen Autheil an den Ursachen der Uebelstände haben, die in allen anderen Ländern gleichmäßig gefühlt werden; die Aufgabe, augenblicklichem und örtlichem Mangel an Beschäftigung arbeit- suchender Kräfte abzuhelfen, liegt den einzelnen Staaten näher als den: Reich. Insoweit der Wiederbelebung des Verkehrs ein Mangel an Vertrauen auf die zukünftige Sicherheit der Rechts- zustände innerhalb Deutschlands etwa im Wege steht, werden Sie mit mir solche Besorgnisse für unbegründet halten. Die Organisation des Reichs und der gesunde Sinn des deutschen Volks bilden eine starke Schutzwehr gegen die Gefahren, welche anarchische Bestrebungen der Sicherheit und der regelmäßigen Entwickeluug unserer Rechtszustände bereiten könnten." Daß dem Kaiser das arbeitslose, hungernde Volk leid thut, steht also fest; warum sollte es nicht? Daß aber die deutsche Regierung nichts, auch gar nichts für das hungernde Volk thun wird, ist durch diese Worte der Thronrede, die einzigen, welche der Kaiser der Volksnoth gewidmet hat, gleichfalls unum- stößlich festgestellt. Dem französischen Volk, bei deni der Roth- stand zwar auch vorhanden, aber doch lange nicht so schlimm ist, wird es voraussichtlich etwas besser zehn, als uns-- die republikanische Regierung von Frankreich hat den gesetzgebenden Körperschaften eine Vorlage gemacht, welche einen Kredit von einer halben Million Francs verlangt zur Bestellung von Seiden- stoffen bei den Lyoner Fabriken. In gleicher Weise sind von den Gemcindevorständen vieler Städte Nothstandskredite für die nothleidenden Seidenarbeiter in Lyon bewilligt worden. Auch gegenüber der Roth in anderen Jndustriebezirkeu Frankreichs wird die französische Regierung, nachdem sie einmal das Alphabet der Staatsunterstützung begonnen hat, mit hilfreichem Eingreifen nicht zurückhalten könnne. Somit wäre im republikanischen Frankreich die Pflicht des Staats, dem arbeitenden Volke bei dem Einbrechen ungewöhnlicher Nothstände beiznspringen und das Recht des Arbeiters auf Arbeit und Existenz anerkannt; das preußische Landrecht hat bekanntlich ebenfalls diese Auer- kennung in sehr unzweideutige und die heutige Regierungspraxis beschämende Worte formulirt; im kaiserlichen Deutschland steht diese Anerkennung aber nur auf dem Papier des Landrechts, während die Praxis nur Versicherungen des Mitleidens und Worte, aber keine Thaten kennt. Volk, hilf Dir selbst— dann wird die Regierung Dir helfen— müssen! — Was sich die Gegner erzählen.„Mit der ominösen Zahl von dreizehn Mitgliedern kommen die Sozialdemokraten in den Reichstag", sagt die„Magdeburger Zeitung" zum Ent setzen aller alten Weiber vom starken Geschlecht, die sich durch «ine solche Zahleukabalistik gruseln machen lassen. Ferner wissen sie ganz genau, daß unsere Leute ein Cartell mit den Bourgeois- demokrateu geschlossen haben, welches beide» Theilcu gestattet, von dem anderen so viel Stimmen zu„leihen", als ihnen noch zu den ihren nöthig sind, um einen selbstständigcn Antrag zu stellen. Die Deinokraten hätten, weiß die„Magdeburgerin" fer- ner, darin jedoch eine Clausel durchgesetzt, nach welcher die„Be- theiligung beim Antragstellen nicht präjudiziell für die Abstim mung sein soll." Es ist das eine lustige Gepflogenheit von Lasker u. Co., die Anträge stellen und nach donnernden Reden für, hintcnnach bei der verhängnißvollen dritten Lesung, wenn nicht schon eher, dagegen stimmen. Diese Taktik hat ein klerikaler Ab- geordnete des preußischen Landtages dahin formulirt:„sie reden grün und stimmen blau." Am Ende dieses Orakelspruchs tröstet man sich denn auch mit der Hoffnung:„Wenn also die Anhänger Lassalle's Anträge über Eigenthum, Familie, Ehe:c. einbringen, so werden die Bourgeoisdemokraten denselben eine Anleihe von 2 Stimmen geben, aber gewiß nicht für die Anträge selbst stim- inen." Da käme es also vor der Hand noch nicht zum„Theilen von Weib, Hab und Gut." Die„Magdeburgerin" wird durch dieses Cartellmärchen gewiß manchem Gegner, der bis in die tiefste Seele erschrocken war über die Zunahme unserer Abge- ordnetenzahl, einen schweren Stein vom Herzen genommen haben und die panische Furcht vor Mord und Todtschlag wird wohl ein wenig gewichen sein— aber im Hintergrund steht doch immer noch die Befürchtung, daß die böse, böse Frage trotzdem zur Diskussion kommt! — Die Interpellation des Abgeordneten v. Komierowski im preußischen Abgeordnetenhauses in Sachen des Redakteurs Kantecki, welche auf die Tagesordnung vom 23. ds. gesetzt war, hat folgenden Wortlaut: „Der Redakteur des„Kuryer Poznanski", Dr. Kantecki, befindet sich seit dem 29. November 1376 in Haft beim könig- lichen Kreisgericht zu Posen; die Jnhaftirung erfolgte und dauert fort, weil Dr Kantecki in Folge einer Requisition des kaiser- lichen Oberpostdirektors zu Bromberg zur zeugeneidlichen Ver- uehmung darüber aufgefordert, von welcher Person ihm die Mittheilung über den Inhalt der vom Oberpostdirektor zu Brom- berg in Nr. 213 des„Kuryer Poznanski" vom 10. September l 3.«, erwähnten, die Beschlagnahme von Briefen S. Eminenz des Cardinal-Erzbischof v. LedochowSki betreffenden Verfügung zugegangen ist, zwar bezeugt und beschworen hat, daß ihm diese Nachricht nicht von einem Postbeamten zugegangen ist, sonst aber .sich geweigert hat, die betreffende Person zu bezeichnen. Der Unterzeichnete erlaubt sich königliche Staatsrcgierung um Aus- kunst zu ersuchen: i) Ist der vorliegende Fall zur Kenntniß der königlichen Staatsregierung gelangt? 2) Ist die königliche Staats- regicrung geneigt, geeignete Maßnahme zu Gunsten des inhaf- tirten Dr. Kantecki zu treffen?" Der Gegenstand der Interpellation ist unfern Lesern hin- länglich bekannt. Unterstützt ist sie aus den Reihen des Cen- trums und der Fortschrittspartei. Nach einigem ergebnißlosen Hinundherreden wurde diese Sache für erledigt erklärt. — Mobilmachung gegen den Sozialismus! Das stehende Heer hat man der Gesammtbevölkerung mit aller Gewalt entfremdet und von ihr isolirt; manhat ein sogenanntes allgemeines und gleiches Wahlrecht, aber nicht für den Soldaten, der seine 3 und mehr Jahre aktiv dient; unbedingten Gehorsam darf keine Gesellschaft ihren Obern schwören: der Fahneneid jedoch wird dem Kaiser geleistet und nicht auf die Verfassung, so daß die Regie- rung die Verfassung vermittelst eines Befehls des obersten Kriegsherrn brechen kann, ohne daß die verfassungstreuen Staats- bürger,— wollte sagen„Unterthanen" auch nur irgend ein Schutzmittel haben. Nun, die Nation gewöhnt sich, wie es scheint, an dies alles! Ein Zeugniß, daß man in der Gesammt- heit sehr wenig über diese Frage denkt, beweist die Bahn, welche die entlassenen Militärs einschlagen, sowie sie in Militär- vereine sich kristallisiren. Der durch den Dienst subordinations- gewöhnte Geist macht diese zu Kämpfern gegen das Volk in dem politischen Leben. Aus Mecklenburg meldet man, daß der Kriegerverein der Stadt Tressin beschlossen hat, wegen Unver- träglichkeit der sozialdemokratischen Grundsätze und Ziele mit denen der Kriegcrvereine die Anhänger der Sozialdemokratie von sich auszuschließen. Ein Cirkular fordert die Mitglieder zu einer Erklärung über ihre politische Stellung auf, um auf Grund solcher Erklärungen die Ausscheidungen vornehmen zu können. Ein solche Vergewaltigung an der Meinungsfreiheit des Einzelnen ist wirklich unerhört, aber sie wird in„maßgeben- den Kreisen" gewiß mit größter Genngthuung gebucht. In Hessen predigt man die gleiche„heilige Pflicht", die„auf die Schädigung des Bestandes des deutschen Reiches gerichteten Be- strebuugen der Sozialdemokratie zu bekämpfen, sozialistenfreund- liche Mitglieder aus dem Tempel hinaus zu werfen und in den Vereinigungen ihre Kameraden über die„Irrlehren" der Sozial- dcmokratie„aufzuklären"! Eine Resolution dieses Inhalts wurde in Gießen am 16. Februar in einer Generalversammlung des dortigen ftriegervereins gefaßt und folgendermaßen begründet: Ter Kampf gegen den Sozialismus innerhalb und außerhalb des Vereins sei mit aller Kraft aufzunehmen, und zwar „in Erwägung, daß aus der Part.ipresse der Sozialdemo- kratie zur Genüge hervorgeht, daß ihr Bestreben nicht als da- hingehend bezeichnet werden kann, unter Anerkennung des Be- standes des deutschen Reiches als solchem, an dem Ausbau und Weitcrbau der Einrichtungen desselben, nach ihren Anschauungen und Grundsätzen zu arbeiten; „in Erwägung, daß vielmehr ihr Bestreben dahin gerichtet ist, den Bestand des deutschen Reiches selbst zu schädigen und das- selbe und seine Einrichtungen zu verhöhnen, dem deutschen Volke und dem Ausland gegenüber herabzusetzen; „in Erwägung endlich, daß die Sozialdemokratie in diesem Bestreben Irrlehren verbreitet, welche die Grundlagen des ge- sammten staatlichen Lebens erschüttern." Blödsinn, eitel Blödsinn ist es, was wir da für gesellschafts- feindliche Pläne in die Schuhe geschoben bekommen! Was die Herren Gegner kränkt, ist unsere Wahrheitsliebe, die sich nichts vorflunkern läßt und nicht Schein für Sein nimmt, die uns die Dinge bei dem rechten Namen nennen läßt, die uns nöthigt, den Dingen auf den Grund zu gehen; was sie kränkt ist ferner in neuester Zeit namentlich das Wachsen und fröhliche Gedeihen der Partei, das wir eben dem erwachenden Gerechtigkeitssinn, dem schärferen Urtheil der Gesammtheit, dem wachsenden Zu sammcngehörigkeitsgefuhls des Volkes zu verdanken haben. Auch vor der Mobilmachung dieser Armee unserer Feinde fürchten wir uns nicht im geringsten; im Gegenthcil, es erfüllt uns mit Freude, daß die Kriegervcreine über die sozialistischen„Irr- lehren aufklären" wollen, da wird sich ja zeigen, wie weit in den- selben wirkliche Aufklärung gefördert wird: ob man die Schmutz- flecke der gegnerischen Verleumdung beseitigen und den Sozialis- mus in seiner reinen, wahren Gestalt erkennen wird! Geistigen Kampf haben wir nie gescheut und brauchen ihn nun und nimmermehr zu scheuen, und so sehen wir denn auch den An- griffen unserer in den Kricgervcreinen organisirten Gegner ruhig entgegen: diejenigen in ihren Reihen, welche es mit dem Sich- aufklären ernst nehmen, werden früher oder später doch die Unsrigen werden. Und nun heran! Vorwärts zum Kampf! Zeigt, Ihr Mitbürger, daß Euch der Militärismus nicht Willen und Urtheil ganz genommen hat, Dinge, die für unfern Kampf so nöthig sind, wie Kanonen und Mausergcwehre in der Feld- schlackst! — Der verloren geglaubte Sohn kehrt wieder! Die „Vossische Zeitung" hatte, wie wir neulich niittheilten, Max Hirsch der geheimen sozialistischen Gesinnung beschuldigt. Da- gegen erhebt der zu einem verkappten Sozialisten Gestempelte in einem Schreiben Protest. Er stehe vollkommen auf dem Boden der Fortschrittspartei mit der Devise der Selbsthilfe und des Schultze-Delitzsch'schen Spar- und Kreditkasseiisystems. Die staat- liche Commission habe er einzusetzen vorgeschlagen,„um den übertriebenen Angaben der Sozialisten über die Zahl der Ar- beitsloscn entgegenzutreten":c.; die Commune und den Staat habe er wegen der„außerordentlichen" Nvthlage heranzuziehen für nöthig gehalten rc.:c. Tie Tante wird wohl nun nicht mehr ihren Max in falschem Verdacht haben; sie erwidert auch gar nichts, sondern behält sich Begründung ihres frühern Urtheils vor. Wir werden hören und staunen! Natürlich waren es be- sonders die Forderungen Hirsch», welche etwas annähernd Ver- nünftiges enthielten, die ihn in den Augen der„Vossischen" zum Sozialisten stempelten. — Die arbeitslosen Bergarbeiter im Dortmunder Revier haben an das königl. preußische Ministerium für Handel und Gewerbe folgende Petition gerichtet: „Seit Anfang des vorigen Jahres hat sich die Geschäftskrise vorzüglich auch in hiesiger Gegend in der Montan-Jndustrie sehr bemerkbar gemacht. „Ihren Anfang nehmend mit bedeutenden Lohnreduktionen auf verschiedenen Zechen und Ausfall der sonst üblichen wöchent- lichen Schichten sind seit 3 Monaten Arbeitcrentlasiungen an der Tagesordnung, deren Ende noch nicht abzusehen und welche schon jetzt die Zahl von 6000 überschritten haben und fortwährend im Wachsen sind. „Die Roth der bei dem allgemeinen Arbeitsmangel abgelegten Bergleute macht sich jetzt bereits in einer Weise fühlbar, welche weder durch die Privatwohlthätigkeit, noch durch die Hilfe der ! Communalbehörden gelindert, geschweige beseitigt werden kann. „Die Unterzeichneten, zum größten Theil Familienväter, sehen einer trostlosen Zukunft entgegen; ohne jegliche Arbeit und Verdienst sind dieselben außer Stande, weder ihren Privat- Verpflichtungen, noch den Pflichten der Gemeinde gegenüber, in ; welcher sie als steuerzahlende Bürger wohnen, Genüge leisten zu können. Unter solchen Verhältnissen werden außer ihnen eine große Anzahl kleinerer und größerer Geschäftstreibenden, Kauf- leute, Bäcker, Metzger zc. w., in Mitleidenschaft gezogen und auch deren Ruin unfehlbar herbeigeführt. „Wohl ist es uns bekannt, daß in dem letztverflossenen Jahre an verschiedenen Orten unseres Vaterlandes durch außergewöhn- liche Naturereignisse die Einwohner schwer haben leiden müssen und gegenwärtig sich noch Tausende in bedrängter Lage befinden, welche der Hilfe ebenso bedürftig sind als wir; aber der ersten Roth ist bei ihnen schon theilweise Widerstand geleistet worden, auch scheint dieselbe nicht so intensiv zu sein wie in hiesiger Gegend. „Daß bei der gegenwärtigen Sachlage im hiesigen Kohlen- revier es großer Mittel bedarf, um dauernd zu heUen, davon sind wir überzeugt; aber wir zweifeln auch keinen Augenblick daran, daß die königl. Regierung unseres Landes im eigenen Interesse Alles aufbieten wird, was in ihren Kräften steht, um geeignete Maßnahmen zu treffen, einer allgemeinen Verarmung vorzubeugen. Von dieser Ueberzeugung ausgehend, richten wir die Bitte an die königl. Regierung: sobald als möglich durch Ausführung öffentlicher Bauten rc. der arbeitslosen Bevölkerung Gelegenheit zu bieten, wieder bei ehrlicher Arbeit ihr Brod zu verdienen. Dortmund, im Februar 1877. Das Comitö der arbeitslosen Bergleute." Der preußische Minister für Handel und Gewerbe heißt Achenbach. Es ist das derselbe Achenbach, der im Bereine mit dem Finanzminister Camphausen die geniale Entdeckung machte, daß der darniederliegenden Industrie nur durch Erhöhung der Arbeitszeit und Herabsetzung der Löhne aufzuhelfen sei. Welchen Erfolg die Petition haben wird, ist daher unschwer vorauszu- sehen, wobei noch ganz unberücksichtigt bleiben soll, daß ein Mi- litärstaat, wie Preußen einer ist, seinen Staatszweck in ganz anderen Dingen sucht, als in der Forderung des allgemeinen Wohls. Nicht minder trübe wie in Deutschland nehmen sich die Ar- beitsverhältnisse in Oestreich aus. In Wien allein z. B. beträgt die Zahl der arbeitslosen Arbeiter 11,000, während 18,000 nur halbe Tagesarbeit haben. Zu der ersten Kategorie gehören ins- besondere Manufaktur-, Holz- und Ledergalanterie- Arbeiter, Schlosser, Anstreicher, Vergolder, Maurer; zu der letzteren Eisen- arbeiter aller Branchen, Schuhmacher, Schneider, Goldarbciter, Buchdrucker. Während in den Jahren 1872—1873 etwa 10,000 Tischlergchilfen arbeiteten, sind jetzt wenig mehr als 3000 be- schäftigt. —§ 77 der preußischen Gesindcordnun g gab neulich in Merseburg wieder einmal einem Kreisrichter Anlaß, einem wegen Mißhandlung durch ihre Herrschast klagbar gewordenen Mädchen Genugthuung— zu verweigern. Eine Großmagd hatte die Zeit verschlafen und wurde in brutalster Weise geschimpft und geschlagen; aber, wie gesagt, Rechtsschutz findet sie eben nicht, denn der bewußte Z 77 lautet:„Reizt das Gesinde die Herr- schaft durch ungebührliches Betragen zum Zorn und wird in solchem von ihr mit Scheltworten oder geringen Thätlichkeiten behandelt(wo ist die Grenze zwischen geringen und erheblichen Thätlichkeiten?) so kann es keine gerichtliche Genugthuung for- dern." Neulich meldeten wir schon einen solchen Fall, wir halten aber für nöthig, immer von neuem auf die Mängel unsrer Gesetze hinzuweisen, selbst auf die Gefahr hin, den Vorwurf zu hören, wir wiederholten immer die alten Klagen: so oft eben dieselben Ungerechtigkeiten vorkommen, so oft werden wir die- selben Klagen erheben müssen, denn durch Tvdtschweigen werden die Mißstände nicht aus der Welt geschafft! — Man schreibt uns aus Königsberg: Gestern, Freitag, den 23. d. M., Vormittags wurde an Dr. Joh. Jacoby eine Steinoperation vollzogen, die glücklich ausgeführt wurde. Ob jedoch der 72jährige Patient im Stande sein wird, die Folgen der Operation zu überwinden, bleibt abzuwarten. Die Opera- tion wurde durch Professor Dr. med. Schönborn mit Hilfe von zwei Assistenzärzten vollzogen. Außerdem waren Dr. Moeller, Dr. Hay und Dr. Rosenstock dabei. Man fand und förderte zu Tage: einen Stein von der Größe einer Wallnuß und 16— sechszehn— kleinere Steine. In letzter Nacht hat Jacoby ge- fiebert und schlecht geschlafen. — Wir werden um Veröffentlichung nachstehender Zuschrift ersucht: Glarus, den 22. Februar 1877. In Nr. 22 Ihres geschätzten Blattes befindet sich eine Zu- schrift des Schweizerischen Ärbeiterbundes in Winterlhnr, welches mich zu folgender Erklärung zwingt: Es ist allerdings richtig, daß der„Freie Glarner", wie der- selbe gegenwärtig bedient wird, niemals unter die sozialdemo- kratische Presse gezählt werden kann. Dagegen vollkommen un- richtig ist die Behauptung, stelle sie wer da wolle, daß ich jemals für ein Blatt in liberalem Sinne oder entgegen dem sozial- demokratischen Prinzipe geschrieben habe. Auch�ist meine Bctheiligung am„Freien Glarner" schon seit Ende September vorigen Jahres gleich Null. Meine letzten Artikel, die ich für jenes Blatt geschrieben, waren eine Serie Leitartikel über ein eidgenössisches Fabrikgesetz, die kaum am dritten Abschnitt ange- langt und das Haftpflichtgesetz behandelnd durch meine Abbe- rufung unterbrochen wurden. Ich erkläre also in dieser Richtung die Zuschrift des Bundescomitö als eine auf Unkenntniß der Sache beruhende und hinsichtlich meiner prinzipiellen Haltung vollkommen unrichtige. I. Heinrich Staub. — Nach dreizehnmonatlichcr Hast ist der frühere Redakteur der„Chemnitzer Freien Presse", Müller, am 23. Februar aus dem Landesgefängniß Zwickau entlassen worden. Es ist für unser Chemnitzer Parteiorgan hierdurch der seltene Fall einge- treten, daß sich gegenwärtig nur zwei seiner Redakteure, Looff und Saeveke, in Kriegsgefangenschaft befinden; doch lange wird diese Freude nicht dauern, denn Kegel und Wiemer sind verurtheilt und über Vahlteich und Petzold schwebt das Da- moklesschwert der Anklagen. — Wie die Berliner Zeitungen melden, ist das Urtheil des Kieler Gerichts gegen Liebknecht(2 Monate Gefängniß für „Beleidigung" des deutschen Heeres) vom Obertribunal bestätigt worden, und zwar schon am 31. Januar 1877. Dem Verur- theilten ist sonderbarerweise noch keine Mittheilung zugegangen. — Unter dem Titel:„Neues Nemscheider Volksblatt" wird in Remscheid in kurzer Zeit ein neues Parteiorgan erscheinen. Correjpondenzen. Varmen-KkSerfekd, 221 Februar.(Abrechnung über die Wahl.) Wenn wir Sozialisten hierorts auch nach hartem«ampse nicht gesiegt haben, so liefert doch der Umstand, daß wir sowohl als die Gegner weit über 14,(XX) Stimmen erzielten und der bürgern; geschieht das, so stehen wir zur nächsten Wahl anders Compromißcandidat aller übrigen Parteien, die Ultramontanen da! Also vorwärts! Bei dem guten Geist, bei 4500 Wählern Briefkasten ___________________________________ f_____________________________________________________ j_____________ der Expedition. G. Lchtbrz Solingen: Cassa erbeten. Netto eingeschlossen, nur 240 Stimmen mehr erhielt als Hasselmann, müssen wir mit energischem Vorgehen unser Ziel erreichen. Aber M. n.W, Porto so Pfg den überzeugenden Beweis, daß die Genossen ihr Möglichstes auch Jeder muß zu Opfern bereit sein! Wir haben, um das' o W hwm f w? *L.......,' Stzö«Od*LmSpm****** m s°<-°»d.m NBÄBs-Ä"StUR& Wir unterlagen hauptsächlich, weil die grenzenlose Arbeits- Muster drucken lasten: Schr. 9,80. Red. d. Budolnost Praa Ab. 3,10. Stnbrn Furtwanaen Schuldschein Nr.... Ab. 0,80. Rlnd München Schr. 2,00. Ws Christophsgrund Ab. 9,05. für den Fond zur Herausgabe einer sozialdemokratischen Zeitung. Mrc Gospodjincl Ab. 3,30. Arbeitcrbildungsverein Mürzzuschlag 2,31. Bon Herrn....... Endrs Augsburg 100,00. Ellnr Frankfurt Schr. 51,20. Hß Sonne- ist uns zur Kostendeckung bei Herausgabe einer Zeitung ein Be- berg Schr. 8,75. Wgnr Neustadt Ab. 4,40. Gx Oclsnitz Schr. 4,00. trag von Mark.... als Darlehn bewilligt und baar ausbe- Fch�r Mühlheim achr. 6,55. Krnk Bielefeld Schr. 3,00. zahlt worden unter der ihm wohlbekannten Bedingung, daß eine„,. 177" Verzinsung wie Rückzahlung nur bei sich einfindender Rentabi- Biiouieriewaaren-Fabrikanr, Große Sand- «li Ä» d-i Kd-l lim Nach***' Pfennigen darf diesmal nicht gezeichnet werden, es müsien—-•—-------- j Mark sein! Fonds für Gemaßregeltc. Genossen! Was nie begonnen wird, wird nie erreicht! Ein Von Hackbl Loßnitz d. L. 1,39._________ Sturm der Begeisterung muß die Arbeiter erfassen! Nicht wahr? WahlfoudS Ihr habt gelesen, wie in der großen französischen Revolution z�n E. hier 1,50, v. Scatspiel b. L.'d. H. 0,70. jeder Mann die Waffen ergriff, wie Greise die Jünglinge an-——----------——-——--- feuerten, Jungfrauen ihre Schmucksachen opferten! Wie? Wenn Donoerstag, den 1. Marz, Abends 8 Uhr, in der wir wollen, ernstlich wollen, sollten wir in Altenburg, wo die � losigkeit Tausende von Arbeitern so entmuthigt hatte, daß sie aus Furcht vor Entlassung sich von Fabrikanten und Werkmeistern zur Wahlurne führen ließen und gegen ihre eigene Ueberzeugung stimmten. Wir hoffen jedoch bei rastloser Agitafion, die Scharte im nächsten Wahlkamvfe gänzlich wieder auszuwetzen. Allen Parteifreunden in Deutschland, welche uns im Wahl- kämpfe unterstützten, den herzlichsten Dank. Hier folgt die Quittung der zur engeren Wahl eingesandten Gelder: Berlin Mrk. 300,00; Hamburg erste Rate 300,00; zweite Rate 400,00; Niederrad von Kempf 3,00; Essen von Straßner 16,90; Partei- freund in Greifswald 1,50; Melle bei Osnabrück von A. Säcken 2,5; K. Varnhagen 4,65; Leipzig von Frau Noab 2,00; Rheda von H. Kreutzkamp 12,00; Lübeck von H. Brucher 50,00; Paris von Carl Hirsch 22,40; Dessau von Rätiger 2,50; Düren von Fabry 4,50. Summa Mrk. 1121,50. Das Arbeiter-Wahlcomite. Solingen. Die vereinigten Messerschleifer erklärten am 15. d. M. der Firma I. A. Henkels den Strike. Die Gründe, welche den betreffenden Verein zu diesem Entschluß veranlaßten, sind folgende: Anfangs Dezember v. I. mußten auf Kündigung der Firma I. A. Henkels 11 Schleifer ihre Arbeit in dem Henkel'schen Etablissement einstellen, theils wegen des schlechten Geschäftsgangs, theils weil sie einen unmoralischen Lebenswandel geführt haben sollten. An und für sich läßt sich gegen diese Maßregel nichts einwenden, da es ja jedem Arbeiter angenehm ist, nur mit ordentlichen Menschen zusammen zu arbeiten. In letzter Zeit bemerkte man jedoch, daß dieser Kündigung andere Motive zu Grunde lagen, als die angegebenen. Die Firma I. A. Henkels begann nämlich in letzter Zeit Meister anzustellen, welche für Tagelohn arbeiteten, und erlaubte denselben, die Ar- beiter, welche vor Weihnachten aus moralischen Rücksichten ent- lassen worden, wieder als Gehülfen anzunehmen. Man sieht hieraus deutlich, daß die Bestrebungen genannter Firma darauf hinauslaufen, die Grundlagen des Messerschleifer-Vereins zu untergraben, indem sie sich für die Folge unabhängig von den Beschlüssen der vereinigten Messerschleifer zu stellen' sucht, und zwar dadurch, daß sie vor und nach eine Tagelohn-Schleiferei einrichtet, welche es ihr möglich macht, sich für die Folge den Strikes zu entziehen und die Preise zu drücken. Wenn die Be- strebungen dieser Firma durchgingen, so würde es nicht lange dauern, und die Firma I. A. H. würde sämmtliche Messer im Tagelohn oder solcher Accordarbeit schleifen lassen, die ganz und gar die Bestrebungen der Messerschleifer, nur nach geregelten Preisen zu arbeiten, durchkreuzen würde. Und nicht lange würde es dauern, und andere hiesige größere Fabrikanten würden auf der betretenen Bahn folgen. Es droht hierdurch nicht allein den Arbeitern eine große Gefahr in Betreff der Preisheräb- setzung und vollständigen Knechtung unter die Laune des Fa- brikanten: auch die kleinen Fabrikanten, welche heute noch in gleichem Rechte mit den größeren stehen, würden für die Folge nicht mehr die Concurrenz dieser Großfabrikanten, welche durch die Tagelohnarbeit billiger fabriziren, ertragen können und unfehlbar zu Grunde gehen. Man steht also, daß der Messer- schteifcrverein, will er das Interesse seiner selbst, sowie aller Arbeiter und kleinen Fabrikanten wahren, vollständig gezwungen war, zum Strike zu greifen und die unangenehmen Borkomm- nisse desselben auf sich zu nehmen. Es ist deshalb Pflicht jedes Arbeiters, mit aller Kraft für den günstigen Ausfall dieses Strikt einzutreten. NB. Alle Arbeiterblätter werden um Abdruck des Obigen gebeten. Uraunschweig, 20. Februar. Nach mehr als anderthalb- jähriger Voruntersuchung ist gegen de» Chef der Herzoglich Braunschweigischen Landes-Lotterie-Verwaltung, Hermann Wolff, die Auflage wegen Betruges von der Herzoglichen Staatsanwalt- schaft in Braunschweig erhoben worden. Herr Wolff ist auf freiem Fuße und sein Name paradirt nach wie vor auf den Braunschweigischcn Lotterie-Loosen.— Für Diejenigen, welche in der Brannschweigischen Lotterie spielen, sei bei dieser Gelegen- heit bemerk, daß die Äraunschweigische Lotterie nur dem Namen nach noch unter Herzoglicher Direktion steht. Das Institut ist seit mehreren Jahren an Privatpersonen verpachtet, welche dabei Millionen verdient haben und unter der Firma„Herzogliche Landcs-Lotterie-Direttion" ihre Geschäfte betreiben. Attenöurg, 20. Februar. Herr Präsident Wagner, der Ver- trctcr Altcnburgs im Reichstag, hat heute die lange angekündigte Rede über seine parlamentarische Thätigkeit gehalten, sie bietet jedoch zu wenig Merkwürdiges, um hier genauer erörtert zu werden. Der Herr begann zunächst mit einer für ihn freilich nothwendigen, an unfern Ohren aber wirkungslos vorüber rau- schcnden Rechtfertigung des Justizgesetzcompromisses, erstaunte, wie überhaupt jemand etwas gegen denselben haben könne und versicherte später, daß Deuffchland jetzt so mächtig sei, jedem seiner Staatsangehörigen im Auslande Sicherheit verschaffen. Im Allgemeinen drückte er sich anständig aus, brachte keine gc .Tonhalle' Leute nicht mehr so dumm sind, nicht unser Ziel erreichen? Und es giebt ja hier auch noch Männer von 48, die sich jetzt der! Sache fern halten, für die sie früher eifrig stritten. Diese auch/ müssen wir um unser Banner sammeln! Denn sicher sind sie nicht Alle so! Wenn sie sehen, wie ihre einstige große Göttin, die Freiheit, die sie einst angebetet, verjüngt aufersteht, so werden 1 sie wieder zu ihr stehen. Ja, Genossen! Wir siegen! Im Lande Thomas Münzer's muß der Sozialismus seinen Triumph feiern, wir dürfen nur unsere Kraft einsetzen. Und wenn es wirklich einige giebt, die■ das Gelingen bezweifeln, wohlan, zeigen wir ihnen, was für ein Vertrauen wir in unsere Kraft setzen, durchdringen wir sie mit unserer Kraft. Unser Blatt soll möglichst bald erscheinen! Alle Partcige- nossen unseres Herzogthums, Alle, die den Fortschritt der Mensch- heit ernstlich wollen, mögen uns nach ihren Vermögen Geld aus obige Scheine leihen. Redaflion und Expedition werden gratts besorgt. Genossen! Gebe Keiner zu wenig. Gelder sind zu senden an den Kassirer Franz Nitzsche, Nikolaikirchhof 27. Briefe an W. Thiemann, Markt 8. Und nochmals, Parteigenossen! Jetzt wollen wir uns geloben, den faulen Liberalismus aus Altenburg auszurotten, bei der nächsten Wahl lösen wir unser Gelöbniß ein. Und nun vor- wärts, Genossen! Thue Jeder das Seine! HugP Grunwald. NB. Der„Crimmitschauer Bürger- und Bauernfreund" wird um sofortigen Abdruck gebeten. Äus dem 14. sächsischen ZSaMreis. Die Wahlen sind vorüber und war das Gesammtrcsultat am 10 Januar, Geiser 3868, Heinrich 5367 und Scharf 3787 Stimmen.� Bei der Sttchwahl zwischen Geiser und Heinrich, wo unsererseits etwas niehr agitirt wurde, erhielt Geiser 6824, Heinrich 8226 Stimmen. Es haben also die vereinigten Gegner, welche mit aller Macht gegen uns vorgingen, ihren Heinrich mit nur 1402 Stimmen Majorität durchgebracht. Parteigenossen, mit Zufrie- den!;..: können wir auf den beendeten Wahlkampf zurückblicken, denn die 1402 Stimmen gehören bei guter Agitation in 3 I.leren uns! Kämpfen wir rastlos weiter, so ist der Sieg nächstes- mal unser. Sämmtliche Städte unseres Kreises haben mit er- freulichen Ziffern das Wachsen unserer Partei bewiesen, nur die Stimmabgabe der Landbevölkerung, welche sich noch immer von den Thcilungslügen bethören läßt, war mangelhaft. Wo die wirklichen Theiler zu suchen sind, zeigt folgendes Borkommniß, wovon wir die Mitthcilnng der„Dresdener Nachrichten" bei- fügen: „Zu dem Vermögen des Erbgrafen von Schönburg ist vor dem Appellationsgcricht zu Zwickau der Concurs eröffnet worden. Derselbe hat geradezu unglaubliche Resultate ergeben. Wie man jetzt, wo sich der Concurs seinem Ende nähert, erkennt, belaufen sich die Schulden des Herrn Erbgrafcn auf 1,800,000 Mark, denen Aktiva im Betrage von 3000 Mark gegenüber stehen. Davon werden nicht einmal die Prozeßkostcu gedeckt. Vor un- gefähr 3 Jahren wurde der Herr Erbgras bereits einmal durch einen ersten hiesigen Advokaten„arrangirt". Damals betrug seine Schuldenmasse 1,200,000 österreichische Gulhen. Der Herr Erbgraf, mit einer Fürstin von Windischgrätz vermählt, lebt nämlich in Graz. Nachdem der hochbetagte Vater des ver- schwenderischen Grafen erkannt hatte, daß sein Sohn ein unver- besserlicher Schuldenmacher sei, hat er, wie wir aus vorzüglicher Quelle vernehmen, unter Zustimmung des Lehnsherrn und der sonstigen Verwandten, ein Testament gemacht, wodurch der Erb- gras enterbt und der zweitgeborne Sohn zum Universalerben eingesetzt ist. Nach der Bertassungsurkunde genießen die Fürsten und Grafen von Schönburg das Recht, über das bürgerliche Erbrecht hinausgehend, derartige Testamente abzufassen, sobald nur gewisse äußerliche Be- dingungen erfüllt sind. Dem 85jährigen Grafen von Schön- Volksversammlung. Tagesordnung: Die Wahlagitation im 17. sächsischen Wahlkreis und die liberale Presse. Referenten Liebknecht und Nauert. s90 _____ Der Einberufer._ Leipzig.„gKZN-l" 27- 8 Volksversammlung. Tagesordnung: Wie befreien Referent Geiser. wir uns von der Preßcorruption. Der Einbcrufer. s80 .C�ärtrtfcrittf Donnerstag, den 1. März, Abends 8>/- Uhr, v lltll IlUX. im Saale des Hrn. Kuhlmann, Alte Münze 21: Oeffentliche Arbeiter-Versammlung. Tagesordnung: Abrechnung. Wahl eines Agitations- Comitvs. Verschiedenes. Um recht zahlreiches Erscheinen ersucht s7v __ P. Krowiarz. MonuementS-Emladuilg. Mit dem 1. März d. I. beginnt ein neues Monatsabonnement auf Die Fackel. Volksorgan für Leipzig und Umgegend. Dieses seit dem 1. Januar d. I. vorläufig wöchentlich dreimal er- scheinende Blatt vertritt auf Grund des sozialistischen Programms die Interessen des arbeitenden Volkes nach jeder Richtung. Es enthält in jeder Nummer einen gediegenen Leitartikel, eine gutgewählte politische Uebcrsicht, die wichtigsten Lokalnachrichten, Thcatcrreccnsionen, Corre- spondenzcn aus der Umgegend, Berichte über die Gemeindcrathssitzungen, die Standcsamtsnachrichten, den Eisenbahnfahrplan zc.; ebenso ist im Feuilleton für eine wirklich gute Unterhaltungslektüre gesorgt. Inserate, welche bei dem großen Leserkreise des Blattes von ausgezeichneter Wirk- samkcit sind, werden pro Petitzeile nur mit 10 Pf. berechnet. Abonne- mentspreis pro Quartal 1 M. 60 Pf., für Monat März 60 Pf. incl. Bringerlohn. Zu zahlreichem Abonnement, sowie zur Einsendung von Inseraten fordern auf Redaktion u. Expedition der Fackel. Leipzig, Kl. Fleischergassc 15 Part. XU. Abonnements werden von allen Postanstalten, in unserer Expedition, bei unseren Colporteuren, sowie in den bekanuten Filialen entgegengenommen. Statistische T»fc> der sozialistischen Wahlen zum deutschen Reichstage. Eine genaue Zusammenstellung der Gesammtrcsultate(sozialistische und gegnerische Stimmen) derjenigen Wahlkreise, in welchen bei dem diesjährigen Wahlgange sozialistische Candidaten aufgestellt waren, unter Einschluß der engeren Wahlen zwischen Sozialisten und Can- didaten anderer Parteien. Für 20 Pf. zu beziehen vom Verleger August Geib, Rödings- i markt 12 in Hamburg, an den alle Bestellungen zu richten sind. Neue Welt Erster Jahrgang, 1876, complett ann erst mit Ende März d. I. versandt werden. Mehrere Rum- mern sind total vergriffen und ist Nachdruck nicht eher möglich, da un- sere neue Maschine früher nicht eintrifft und laufende Auftrüge unsere ganze K>aft in Anspruch nehmen. Wir empfehlen also lieferbar wie oben angegeben: Die Neue Welt. Erster Jahrgang, 1876, complett. hässigen Angriffe gegen uns vor, wie früher Birnbaum, sprach bürg liegt natürlich die Ehre und Zukunft seines Hauses am aber ungefähr so, wie Demosthenes, ehe er ein Redner war. Herzen: die Gläubiger des enterbten Erbgrafen werden freilich Nun, es ist nicht jcdcrmann's Sache, auf stetem Felde seinen ein verdutztes Gesicht machen." Redefluß zu üben, oder Versuche zu machen, mit seinem Organ! Dieser edle Herr war der Erbe des �Schlosses Rochsburg das Tosen des Meeres zu übertönen. Wir machen dem Herrn zwischen Lunzenau und Penig, sowie eines Schlosses in Glauchau_ � D,„—„,_____--. nur seine Partcistcllung zum Vorwurf und deshalb bekämpfen u. s. w. Die angegebene Schuldsumme begreift natürlich nur«„za.„„gebunden 5 M., in elegantem Einbände 7 M. 50 Pf. wir ihn, halten ihn aber sonst für einen Ehrenmann.— Trotz die Gläubiger in sich, die sich gemeldet� haben; es dürfte noch franco. unserer neulichen Warnung gefährdete Meister Hämmcrlein viele geben, die dabei nicht mitgezählt sind, da der Herr Erb- Die Einbanddecken tragen in Golddruck das große Titelbild des (Advokat Hammer, Martel u. s. w.) wieder seine Praxis, da er gras in verschiedenen hiesigen Kassen nicht nur, sondern auch bei Hefwmschlags, darstellend: die übliche Reihe von Worten wie Nägel anzubringen einzelnen Landleuten enorme Summen zusammen zu borgen ge-\ der MenlckiSeit" suchte. Der liberalen Taktik gemäß war diese Versammlung ruht haben. Das ist die Gleichheit vor dem Gesetz, daß diese,|;nho„bb,rfen f,„b i y(,(m.., b... vom städtischen Verein in die Hand genommen und wurden nur! Herren gesetzlich ihren Gläubigern ein Schnippchen schlagen.�chnahme(excl. Porto) durch uns. sowie' durch die Vuchb' lN- Reichstrcue eingeladen, um jeder Diskussion vorzubeugen. Da- können.— Eine weitere Benachtheiligung des Publikums geschieht Öerei Dpn � Jistfen', Leipzig, Üniversitätsstr. 16, zu bezichen durch aber zeigen die Liberalen offen, daß sie ihre Sache für derzeit durch den sich vollziehenden Auflösungsprozeß des nach Bei Partiebezug entsprechender Rabatt.- Es empfiehlt sich bei Einzel --- Cl*...... c.< cm. 4. w.-.- veiff r\v Artnv Sofort<.n.tf____ rci.-—** faul halten" daß sie uns fürchten, und wenn hier Wagner Schulze- Delitzschs Reccpt von Baudirektor Fröhner gegründeten bestellung Einsendung des Bettages in Briefmarken. mit der liberalen Kampfwcise nicht einverstanden sein wollte, so Spar- und Creditvercins, der sehr weit verzweigt ist und unter Leipzig. müßte er jedermann frei und offen Rede stehen. Das hat er andern auch von dem Wechsclburger Crediwerein 90,000 Mark Die Expedition der„Neuen Welt". nicht gethan und das werfen wir ihm vor! erborgt hat, wovon nicht einmal Zinsen gezahlt sind; ob das__ ,varberstr. 12. Ii._ Parteigenossen! Aus vorstehendem Bericht seht Ihr, daß wir Kapital abgetragen wird, ist sehr unbestimmt.— Das sind zwei Soeben ist erschienen und durch uns zu beziehen: es hier mit Feiglingen zu thun haben, die ihre Sache nicht i Pröbchen von der brutalen, wirklichen Theilerei, die die Bour- offen zu vertheidigcn wagen. Weil sie es verstanden, uns geoisie ausübt! jedes größere Lokal zu versperren, haben sie mehr Anhang als Darmstadt.(Allgemeiner deutscher Töpferverein.) Es ist wir. Der Altenburger Zeiwngskalchas warnt vor uns, schimpft den Mitgliedschaften des Vereins bekannt, daß in Wiesbaden seit dem auf uns, druckt alle Hetzartikel gegen uns nach und wir besitzen � Januar ein Strike ausgebrochen ist, da aber bis jetzt die meisten kein Mittel zur Vcrtheidigung. Parteigenossen, das darf nicht Mitgliedschaften ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen find, so bitte ferner feint Wir baben uns aeiaat dan die ltunabme nm-.nn lch dringend, die Unterstützungen, iowie!. kitgllederbeitrage einzuschicken. Mimmcn ein nennenslvekber Fortk�ntt 92� sW Sie V-riinsk-sse ist erschöpft. Ueber den Streit im Vorstande muß d,e .Lössen£ A rtt••' i nächste Generalversammlung entscheiden, da eine Verständigung noch Nicht nu.l'Ui wir siegen und uns schon jetzt durch Gründung eines erzielt ist. Ferner bitte ich nochmals die Mitgliedschaften, Vorschläge Blattes einen überall hindrmgenden Agitator schaffen. Benutzen für den Vorort so bald wje möglich bei mir einzuschicken. wir die Spannung-, welche noch von der Wahl her herrscht! Jos. Kienzle, Revisor, Schützenstt. 8. Alle Kräfte werden wir ansetzen müssen, unser Blatt einzu-i--- Zur Grund- und Bodenfrage von Wilhelnl Liedknecht. 2. vervollständigte Auflage, Preis per Exemplar 0,75 Mark. Die Expedition des„Vorwärts". V.?an:wor.4lcher Redaiteur: W. Liebknecht in Leipzig. . Redak an und ExpedÄon Färberstraße 12/11. in Leipzig. Druck und Verlag der Genoffenschastsbuchdruckirei in Leipzig I