Erscheint in �eipziZ Mittwoch, Freitag, Sonntag. Abonncmcntspreis iär ganz Teutschland t M, SV Ps. pro Quartal. Monats- Abonnements werden bei allen deutschen Postanstalten aus den 2. und 3. Monat, und aus den 3. Monat besonders angenommen; im ftäiiigr. Sachsen und Herzogth. Sachsen- Alteuburg auch aus den lten Monat des Quartals it 54 Psg. Inserat« betr.«crsammlungen pr. Petitzeile 10 Ps., betr. Prioatangelegenheiten und Feste pro Petitzeile 30 Ps. Vorm ärls ZZeslellungen nehmen an alle Postanstalten und Buch» Handlungen des In- u. Auslandes. Fillnl. Expeditionen. New-Borl: Soz.-demotr Genossen- schastsbuchdruckerei, Ib4 bllsrise« Str. Philadelphia: P. Hast, 030 Kortst g-a gtreet. S. Boll, 112» Charlotte Str. Hoboien: F. A. Sorge. Chicago: A.Lansermann, 74 Clxhourne»»«. San Franzisco: F.CnK, 41S(Vtarrell Street. London: Baudi», 5 Hassan Street, Middlcsex Hotpital. Kentrat Hrgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 30. Sonntag, 11. März. 1877. Johann Jacoby. Dienstag den k. März, Abends 6�« Uhr, starb zu Königsberg der greise Kämpfer für Freiheit und Recht, unser Parteigenosse, Dr. Johann Jacoby, im 72. Lebensjahre an den Folgen einer Steinoperation. Der klassische Denker und heldenmüthige Kämpfer, der für seine Ueberzeugung Verfolgungen und Kerker nicht scheute, führte sich durch die Schrift:„Vier Fragen eines Ostpreußen"(184st) in das politische Leben ein. Im Jahre 1848 wurde er von der Nationalver- sammlung zum Mitglied einer Deputation gewählt, welche dem Könige von Preußen über die Lage des Landes Aufkläruilg geben sollte. Als der König diese Deputation nicht anhören wollte, rief Jacoby ihm das berühmt gewordene Wort zu: „Es ist eben das Unglück der Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen!" Nachdem die sogenannte bürgerliche Demokratie, welcher Jacoby angehörte, immer mehr in Zerfall ge- rathen war, schloß der schon grau gewordene Freiheits- kämpfer sich der Sozialdemokratie an. Ein Gegner der männermordenden Schlachten, ein Freund der Culturentwicklung, that er den denkwürdigen Ausspruch: „Für den künftigen Kulturhistoriker wird die Gründung des kleinsten Arbeitervereins von größerer Bedeutung sein als der Schlacht- tag von Sadowa." Wir verlieren in Jacoby einen der besten Partei- genossen, das Volk verliert in ihm einen seiner edelsten Freunde. Das Begräbniß findet heute Vormittags 11 Uhr in Königsberg statt. . Die Reichstagsabgeordnetcn Fritzsche und Most werden unsere Partei bei dem Begräbniß vertreten; die Ber- liner Genossen entsenden außerdem noch eine Deputation nach Königsberg. Die Blätter der Fortschrittspartei reden bei ihren heuchlerischen Betrachtungen von der„Vereinsamung", in welche der theure Todtc in politischer Hinsicht in. letztcr Zeit gcrathen- sei— Jacoby wollte eben mit den polittschen Waschweibern nichts mehr zu thun haben, er war ein ganzer Mann und stand deshalb auch nur zu Männern und dem großen, arbeitenden Volke. Sein Andenken wird deshalb auch allen Männern und dem arbeitenden Volke stets heilig sein. Ein Kind der freien Concurrenz. Die gegenwärtige Nothlage ist geeignet, recht objektiv die Strikes und ihre Berechtigung zu besprechen. Niemand wird zu behaupten wagen, daß wir den arbeitslosen Arbeitern jetzt Arbeitseinstellung predigen wollten, jetzt wo der„Arbeits- ausschluß" in ganz Deutschland organisirt oder nichtorganisirt in fürchterlicher Weise grassirt. Aber auch die Arbeiter selbst werden mit viel größerer Ob- jektivität diese Frage der Prüfung unterziehen können, da ihr Blick jetzt gewiß nicht durch sogenannte„Erfolge" getrübt ist. Gleiches Recht— diese Phrase führt die liberale ökonomische Schule immer im Munde, gleiches Recht in wirthschaftlicher Be- Ziehung. Deshalb keine Staatshilfe für irgend eine Gesellschaftsklasse; die freie Bewegung allein ist die Triebfeder alles Schaffens, alles Thuns, und einzig und allein ist es gerecht, wenn man jedem Einzelnen überläßt, die Werthe. welche er besitzt, zu dem höchstmöglichsten Preise an den Mann zu bringen. Stellen wir uns einmal auf diesen liberal-öconomischen Stand- Punkt und fragen: wie ist es aber möglich, daß man den Ar- beiter, welcher seine Waare— die Arbeitskraft— recht theuer verkaufen will, gerade von der Seite, die dieses hohe Ver- werthen der. Waare im Allgemeinen als obersten Grundsatz auf- stellt, so verdammt? Hierdurch wird doch das gleiche Recht selbst von der national- öconomischen Wissenschaft mit Füßen getteten. Woher kommt aber diese Mßachtung des gleichen Rechts? Wir wollen gar nicht behaupten, daß dieselbe lediglich aus Parteinahme für die Kapitalmacht entstehe, vielmehr glauben wir, daß die eigentliche Klarlcguug der Sachlage noch vielfach steht'""k � kaburd) hauptsächlich solche Ungerechtigkeit ent- Da nämlich der einzelne Arbeiter den Toncurrenzkampf mit dem Kapital nicht mit der Aussicht auf den allergeringsten Erfolg aufnehmen kann, so verbindet sich die Klasse der Ar- beiter vielfach zum Angebot ihrer Waare und sucht den Preis der Arbeitskrast so hoch als möglich zu stellen. Hierbei wollen .u" Wm bemerken, daß wir wohl wissen, daß selbst im gunstignen Falle die Folgen des ehernen öconomischen Lohn- Gesetzes un Allgemeinen durch eine erhöhte Preiserzielung für die Waare Arbeitskraft nicht beseitigt werden können, daß viel- mehr das eherne Lohngesetz nur eine Schwenkung auf kürzere oder etwas längere Zeit zu Gunsten der Arbeiter machen kann. Wenn nun bei dem geregelten, vereinigten Angebot die Waare Arbeitskrast nicht nach dem Wunsche der Besitzer verkauft werden kann, so kommt es vor, daß dieselben ihre Waare überhaupt nicht verkaufen und den Strike erklären. Darob entsteht großes Lamento und der höchst merkwürdige Vorwurf, daß die Arbeiter durch das Zurückhalten ihrer Waare von dem öffentlichen Markte die Nationalwohlfahrt, ja die ge- sammte Mcnschenwohlfahrt gefährdeten. Hier stehen wir an dem kitzlichen Punkte. Ist beispielsweise durch Ueberproduktion irgend einer Waare die Produktion derselben gehemmt und für eine Zeit lang lahm gelegt und somit die allgemeine Wohlfahrt ernstlich bedroht, so sind allerdings die Besitzer solcher überproduzirten Waaren in den meisten Fällen gezwungen, dieselben zu niedrigerem Preise loszuschlagen. Sind aber Einzelne trotzdem in der Lage, die Krisis abwarten zu können, und verbinden sie sich dann zu ge- meinsamem Handeln, so nimmt ihnen Niemand übel, wenn sie die Waare zurückhalten, um später einen höheren Preis für die- selbe zu erzielen. Daß aber gerade so, wie bei dem Strike der Arbeiter, durch das Zurückhalten der Waare die Produktion und somit der National- und der allgemeine Wohlstand geschädigt werden, ist doch selbstverständlich, und trotzdem fällt es keinem National- Oeconomen der liberalen Schule oder sonst einem den Herr- schenden Klassen angehörenden Menschenkinde ein, für Unrecht zu erklären, daß überhaupt nicht die Waare zn jedem, selbst orm niedrigsten Preise losgeschlagen wird. Hieraus geht hervor, daß nicht mit gleichem Maße gemessen, daß es nur den Arbeitern verdacht wird, wenn sie ihre Waare so theuer als möglich verkaufen wollen. Aber das muß jeder rechtliche Mensch zugestehen, daß die Berechtigung der Strikes, nämlich die Arbeitskraft so hoch als möglich zu verlderthen, gerade in der liberal-öcono- mischen Anschauung von der freien Concurrenz liegt; ja, das muß Jeder zugestehen, daß der Strike ein Kind, ein ureigenes Kind der freien Concurrenz ist, welches aller- dings seiner Mutter manchmal unbequem wird. Würde die freie Concurrenz verschwinden, würde das Kapital nicht in derselben den Haupthcbel seiner Ausbreitung und Macht sehen, dann könnten folgerecht auch keine Strikes entstehen, dann regelte sich unter anderen friedlicheren Bedingungen die ganze Produktion, als jetzt, wo die Menschheit in wirthschaftlichen Dingen sich fortwährend auf dem Kriegsfuße befindet. Da wir Sozialdemokraten nun diese friedlicheren Bedingungen der Produktion herbeiführen wollen durch Umänderung der Heu- tigen kapitalistischen Produktionsweise in die sozialistische, da wir das System der freien Concurrenz und des Kampfes um das Mein und Dein überhaupt brechen wollen, so sind wir selbst- verständlich als Gegner solcher Concurrenz, als Gegner solchen Kampfes, im Prinzip auch G gner aller Strikes. So lange aber der Concurrenzkampf an allen Ecken und Enden noch tobt, halten wir auch die Strikes für vollständig berechtigt und eventuell für nothwendig, indem sie hin und wieder der übergroßen Anmaßung des Kapitals Schranken setzen. Zur endgültigen Erlösung der Arbeit vom Drucke des Kapitals tragen sie allerdings, wenn auch noch so oft siegreich, an sich nichts bei; sie erschüttern ja das heutige Wirthschaftssystem nicht im Geringsten, aber sie sind wohl dazu angethan, die Mannen der Arbeit zusammcnzuschaaren, das Gefühl der Zusammengehörigkeit mehr und mehr auszubilden und dadurch die Streiter für höheren Lohn und anderweitige bessere Arbeitsbedingungen zu Kämpfern für die Menschheit heranzuziehen. Zum Schlüsse wollen wir noch den übrigen Gegnern der Strikes den Rath geben, daß sie den alten Zankteufel, die Xantippe, freie Concurrenz genannt, aus der Welt schaffen mögen, dann wird das kleine Teufelchen, der Strike, keine Nahrung mehr finden und mit seiner Mutter zur Hölle fahren. Die Gesellschaft ein Organismus. i. Die Menschengesellschaft ist durch ihre geschichtliche Entwicke- lung bestimmt, ein Organismus zu werden, und zwar zunächst das einzelne Volk, dann die Gesammtheit der Völker, zuletzt die ganze Menschheit. Es kann mit dem Ausdruck Organismus sehr viel gemeint sein, aber auch sehr wenig. Der Baum ist ein Organismus, aber auch jedes seiner Blätter(und seiner Blüthen und Früchte, welche bloß umge- wandelte Blätter sind) ist— obwohl ein Glied am Baume—; doch zugleich ein Organismus für sich; ja, jede einzelne Zelle dieser Blätter, des Holzes und der Rinde ist nicht blos ein noch geringeres Glied des Baumorganismus, sondern wieder ein kleiner Organismus für sich. Jedes einzelne Thier ist ein Organismus, aber ebensosehr ist es jede seiner Gliedmaßen und — sie alle durchkreuzend, jede ihrer Verrichtungen, also das Gerippe, die Muskel-, Sehnen- und Bindegewebe, das Nerven- netz, Adernetz; ja jeder Blutstropfen iBlutkügelchen), jede Zelle im kleinsten Maßstabe. Hinwieder giebt es Thiergesellschaften,| welche Organismen bilden, wie z. B. die der Korallen, der Ameisen und Bienen. Welchen von diesen wcitverschiednen Organismen(Körper- schaften) ist nun die Menschengesellschaft ähnlich oder gleich zu nennen, oder aber erst noch zu gestalten?— Gewiß keinem ein-! zigen; denn der Mensch ist eben, je mehr er gesellig lebt, desto weniger eine Pstanze oder ein Thier. Und die Reihe der in der Geschichte bestandenen Gesellschaften ist wieder so verschieden unter einander und von derjenigen Form, welcher die zukünfttge Gesellschaft entgegenstrebt, daß man noch sehr wenig von ihr weiß, wenn man bloß weiß, daß sie ein Organismus zu werden bestimmt ist. Es ist aber dennoch ein großer Fortschritt, wenn ein Professor der Volkswirthschaft(Herr Schäffle in Wien) in die Wissenschaft den Begriff des Organismus einführt. Denn, was gewöhnlich sich Volkswirthschaft nennt, betrachtet jedes Volk j als eine Summe von Einzelwesen, beinahe als einen Haufen von Sandkörnern, deren Zusammengehör zufällig ist. Es fällt ihr gar nicht ein, zu untersuchen, was für eine Art Einzelwesen die Menschen sind, welche die Gesellschaft zusammensetzen; worin sie von einem Haufen Sandkörner verschiede», warum sie das, was sie sind und leisten, ein jeder bloß durch alle anderen sind und leisten; was die Folgen sein müssen, wenn diese Einzelwesen jedes sich gegen alle andern spröde wie Sandkörner verhalten; endlich warum fast alle ökonomischen Lehrsätze in Widerspruch stehen mit Geschichte, Naturwissenschaft und Sittlichkeit. Sie vermißt sich erklären zu wollen, wie der Nationalreichthum ent- steht, und sie ist blind gegen die geschichtliche Wahrheit, daß mit dem Wachsen des Reichthums.Einzelner der Bolksreichthum ab- nimmt. Sie nennt das Spiel zwischen Angebot und Nachfrage ein eisernes, göttliches Naturgesetz, und sie drückt beide Augen zu vor der i,aturwissenschaftlichen Thatsache, daß das in der Menschenwelt noch immer herrschende Recht des Stärkern diesem Gesetz des Angebots und der Nachfrage eine Nase drehen muß. Sie spricht von der Freiheit des Vertrags zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer— die Heuchlerin— obwohl sie weiß, daß alle Grundbedingungen der Freiheit dabei fehlen— das gleiche Anrecht am Boden, den Arbeitsmitteln und Allem, was nicht die Arbeit des Einzelnen geschaffen hat. Diese Volkswirthschafts- lehre sollte Einzelwirthschaftslehre, oder noch besser Voltsver- Wüstungslehre heißen. Mit dem guten Willen jedoch, die Menschengesellschaft zu be- greifen und planen als einen Organismus, ist sehr wenig ge- wonncn. Denn ein solcher ist sie immer gewesen, aber in sehr verschiedener Weise, und noch niemals— auch nur entfernt— ihrem Begriffe gemäß. Bergleicht man sie z. B. mit dem Orga- nismus eines Bienenstocks, oder eines Ameisenvölkleins, oder gar eines Baumes, so mag man immerhin zahlreiche Aehnlichkeiten zwischen diesen und der Menschengesellschaft, wie sie sein sollte, j ausfinden; aber es bleiben dabei noch mehr Unterschiede, und zwar gewaltige, verborgen. Da der Mensch nur mit dem Men- ;chen verglichen werden kann, so kann sich der Begriff des menschlichen Gcsellschafts-Organismus nur einerseits aus dem Begriffe des Menschen, und andrerseits aus den stufenweisen Fortschritten ergeben, welche die Gesellschaft in der Geschichte ge- macht hat. In der Stahl-Gerlach'schcn Staatswcisheit spielt der Begriff des Organismus eine große Rolle. Weil das preußische Volk in der unbeschränkten Alleinherrschaft von Gottes Gnaden heran- erzogen worden ist, so kann alle weitere Entwicklung nur vom Throne ausgehn— thut sie das, so ist sie organisch(christlich- germanisch), denn sie ist dann aus vergangenen Zuständen natur- wüchsig entstanden. Thut sie das nicht, so ist sie willkürlich und eine Auflehnung gegen die preußischen Naturgesetze. Diese Weis- heit wäre ganz folgerecht, falls nachgewiesen wäre, daß das preu- ßische Volk seinen Verstand und Willen, kurz seine gesanmite Gehirnthätigkeit dem König in Verwahrung gegeben und auf eigene Einsicht und eigenen Willen in allen allgemeinen Ange- legcnheitcn für immer verzichtet hätte. Denn im menschlichen Körper haben die einzelnen Glieder auch keinen eigenen Ver- stand und Willen, außer insoweit das Gehirn ihnen beides ge- stattet. Gesetzt aber, der König dankte freiwillig ab, damit das Volk seine erlangte Reife zur Selbstregierung beweisen könne— was doch nicht ganz unmöglich ist— so würde diese Art Weis- heit dies nicht organische Fortentwicklung nennen und damit ihre Heuchelei beweisen. Die Schweiz ist, Alles in Allem, das bis jetzt fteieste, mensch- lichste Gemeinwesen. Stellt sie nun etwa denjenigen Organismus dar, in welchen die Geschichtsentwicklung der Menschheit die Völker der Zukunft hineindrängt? Man darf dies verneinen, ehe man noch das Wesen dieses Organismus untersucht hat. Denn da soviel wenigstens von vorn herein feststeht, daß der Mensch unter allen bekannten Wesen das freiefte ist und immer freier zu werden bestimmt ist und da wir in der Schweiz noch keine Anstalten getroffen finden, um die Geistcsknechtschaft der Abergläubischen, die Leibesknechtschaft der Lohnarbeiter und Ent- erbten und deren Folgen von Grund aus zu verhüten, so ist die Schweiz nicht der geforderte Organismus. Diese beiden Beispiele können uns lehren, daß alle bis- herigen Gesellschafts-Organismen, wenn man sie mit denen in der Thier- und Pflanzenwelt vergleicht, ihren Namen sehr wenig verdienen. Selbst die Organisation eines Baumes ist weit voll- kommener als die beste menschliche. Jedes Blatt(und ebenso jedes andere Gebilde am Baume) genießt voll diejenige Frei- heit, deren es fähig ist— es wiederholt die allgemeine Gestalt und den Bau der Blätter dieftr Art Bäume in verschiedener Weise, so daß nicht zwei einander völlig gleich sind. Es waltet darin ein unverbrüchliches Gesetz, aber in der endlosen Mannich- faltigkeit seiner Ausführung können diese Einzel-Lcbewesen sich ihrer Selbstheit erfreuen. Jedes dieser Blätter(und ebenso der Aeste, Zweige, Blüthen, Samen, Früchte, Wurzeln ic.) ist ganz so sehr des Baumes wegen da, dem sie seine Nahrung fertig machen, als dieser ihretwegen da ist. Je mehr Blätter er ansetzt, desto mehr wächst er selber; je besser er wächst, desto mehr ge- Winnen alle seine Gebilde. Er setzt keinen Ast, keinen Zweig, kein Blatt an, ohne ihm genügend Säftezufluß und Entwick- lungsraum, Licht, Luft und Sonne zu lassen, und keines seiner Glieder nimmt sich von alledem mehr, als es verarbeiten und dadurch wieder ihm zugute kommen lassen kann. Und ganz ähnlich mit allen Naturorganismen. Die menschlichen Gesellschafts-Organismen haben bisher alle nach einer von zwei Seiten hin gefehlt und sind dadurch zu Grunde gegangen. Entweder sie haben das menschliche Einzel- Wesen fast nur als Mittel zum Zwecke des Ganzen behandelt — so nicht nur die Alleinherrschaften, sondern ebensosehr die alten hellenischen und römischen Völkerherrschaften— oder sie haben den Staat überwiegend als Mittel zu den Zwecken der Einzelmenschen behandelt— so die amerikanische Union, die Schweiz, Großbritanien und deren Nachahmer. Das Ergebniß war aber in beiden Fällen dasselbe; es gewann dabei bloß eine Minderzahl der Staatsglieder Entwicklung ihrer Anlagen und Bedürfnisse— bald eine etwas größere, bald eine kleinere Minderjahl. Durch Schaden gewitzigt, fiel die Gesellschaft immer aus der einen von beiden Ausschreitungen in die cnt- gegengesetzte. Die Aufgabe der zukünftigen Gesellschaft kann also gar keine andere sein als die, beide Ausschreitungen zu ver- meiden, dw beiden Gegensätze zu versöhnen, wie sie in jedem Naturorganismus versöhnt sind, und dadurch einen Menschen- Organismus zu erzeugen, welcher seines Namens Werth ist. Da die Freiheit des Menschen nur gradweise von der aller anderen Naturwesen verschieden ist, obwohl ihre Leistungen so sehr über die der letzteren sich erheben, daß sie ihm und seinen Gebilden den unablässigen Fortschritt zum Gesetz machen, so muß vom menschlichen Gesellschafts-Organismus in noch höherem Grade als von jedem natürlichen gelten, daß die größtmögliche, stets wachsende Freiheit aller Einzelglieder Bedingung ist, wenn der Organismus gedeihen soll. Der Staat der Zukunft— warum ihn nicht den communistischen nennen?— wird also jedem seiner Bürger einen weit größeren Spielraum der Frei- heit geben müssen und geben können, als jeder bisherige; und eben dadurch wird er bisweilen mehr zu leisten im Stande sein als jeder bisherige. Dies folgt also mit Nothwendigkeit aus den Begriffen vom Menschen und vom Organismus. Denn da jeder Einzelmensch durch Sprache, Erziehung und aufgehäuften Gesammtreichthum befähigt werden kann, die geistigen Schätze seiner Zeitgeossenschaft in sich wiederzucrzeugen, abzuspiegeln und in besondrer Richtung zu vermehren, so wird dadurch der geistige und äußere Reichthum der Gesammtheit in nie erlebter Weise vermehrt werden, ebendamit aber auch ihre eigene Frei- heit und Leistungskraft. Das Glück des Menschen besteht in seiner stets wachsenden Freiheit vom äußeren Zwange, von Vorurtheil und von Selbstbestimmungs-Ohnmacht. Es hat wohl noch nie ein Mensch gelebt, der von allen drei Hindernissen seiner Freiheit nach Maßgabe des zeitgenössischen Fortschritts befreit gewesen wäre. Und doch ist diese gleichmäßige Befreiung nach allen drei Richtungen möglich und steten Wachsthums fähig. Es giebt durchaus kein organisches Hinderniß dagegen, daß jeder Mensch sich den Beruf wähle, nach welchem hin seine Anlagen und Neigungen ihn drängen, daß er in der Gattenloahl vollste Be- fricdigung finde, und daß er seine leiblichen und geistigen Lieb- lingsgenüsse nach Maßgabe des auf ihn entfallenden Antheils pflege. Diese drei Richtungen erschöpfen sein Bedürfniß nach Freiheit vom äußerm Zwange. Wohl Niemand wird es als Zwang empfinden, daß er als Mann oder als Weib, daß er von gerade diesem Elternpaare, gerade zu dieser Zeit und unter gerade diesen äußeren Verhältnissen geboren ist. Stur was an- ders möglich wäre, aber schwer oder gar nicht von ihm zu an- dern geht, wird als Zwang empfunden. Wenn also die Gesell- schaft allen äufieren Zwang beseitigt, welcher freieste Wahl des Berufs, des Gatten und der vernünftigen Bedürfnisse verhindert, so hat sie für das stets wachsende äußere Glück des Einzelnen, also für seine und ihre eigene wachsende Freiheit gesorgt. Es ist auch kein organisches Hinderniß denkbar, welches Vor- urtheite und Willensschwäche jedes Einzelne zu überwinden un- möglich machte. Es mag hier und da mehrere Geschlechter- Folgen erfordern, um durch verbesserte Erziehung eine ungünstige Gehirnbildung zu verbessern. Aber so gewiß aus irgend einer Affenart Menschen und aus rohen Urmenschen die heutigen Culturmenschen haben entstehen können, so gewiß kann jede Ge- Hirn Mißbildung von heutzutage vermenschlicht werden, und zwar weil jeder Mensch sein Dasein als ein Thier beginnt, was bei Millionen ein Aufsteigen zu den höchsten Zielen nicht hindert, innerhalb eines, höchstens weniger Menschenleben. Die Schwierigkeiten bei Erstrebung eines solchen Gesellschafts- Organismus sind groß genug; allein sie werden gewöhnlich über- schätzt. Man darf nie außer Acht lassen, daß die Menschheit ihre jetzige hohe Stufe erstiegen hat trotz weit größern Hinder- nissen; daß sie sich nach Zahl und' Grad vervollkommnet hat, C'in pädagogisches Buch. Wohl neun Zehntel der pädagogischen Literatur gehören in den Papierkorb, um der allgemeinen Anerkennung de» werthvollen Zehntels Raum zu geben. Adolf Douai. Eine Schrift, welche gewiß unter das letztere Zehntel gehört, ist der„Grundriß der Erziehungs- und Unterrichts- lehre" von l)r. Friedrich Dittes(Leipzig, Julius Klinkhardt), und da anzunehmen ist, daß dieses Buch jeden denkenden Men- schen, hervorragend aber jeden Vater interessiren muß, weil er hier eine Fülle von wichtigen Belehrungen findet, so wollen wir die Gesinnungsgenossen auf dasselbe aufmerksam machen. Die Erziehung der Jugend ist ja eine so wichtige Sache, beinahe nirgends im Volke findet sich ein richtiges Verständniß dafür, und doch kann aus einer durchgreifenden Veränderung unserer Schulen nur dann etwas werden, wenn ein solches Verständniß allgemein geworden ist. Man sieht und hört oft genug die Eltern in Opposition gegen die Schule und dadurch zum Theil wieder verderben, was dort genützt wird. Aber auch die Lehrer selbst werden mit mehr Lust und mehr— Sorgfalt ihr Werk leisten, wenn sie bei einem Theil der Eltern pädagogischen Sinn voraussetzen dürfen. Wie wichtig dieser ist, wollen wir an einigen Aeußerungen Douai's aus seinem ausgezeichneten Schriftchen„Kindergarten und Volksschule" zeigen. Er sagt:„Schon der gewöhnliche Sprachgebrauch macht einen Unterschied zwischen.Erziehen� und .Abrichten', indem er letzteren Ausdruck auf die einseitige Aus- bildung einer Anlage anwendet und auch bei Thieren gebraucht, ersteren aber ausschließlich für den Menschen zurückbehält, und auch bei diesem nicht von einer Erziehung zum Schuhmacher, Schneider, Turner, Fechter oder sonstigen Berufsmenschen spricht, wohl aber von einer Erziehung zu selbstäudigem Forschen, Denken, Wollen, Schaffen, besonders aber von sittlicher Er- ziehung. Schon die Ableitung des Wortes, Erziehung' macht oiese zu einer Thätigkeit, bei welcher nichts dem Wesen des Menschen Fremdes in denselben hineingetragen, sondern das in ihm von der Natur Gesetzte in ihm und aus ihm heraus ent- wickelt werden soll; während die Ableitung des Wortes ,Ab- richtung' einen fremden Willen setzt, welcher die natürliche An- obschon die Gesellschaft immer barbarisch war, und noch heute halb-barbarisch ist; endlich daß der Anfang zum Einverständniß aller Culturvölker gemacht ist, daß die Gesellschaft ein voll- kommener Organismus im Sinne der Freiheit jedes Einzelnen zu werden hat. Sozialpolitische Uebersicht. — 168,200,000 Mark. Das dem Bundesrath vorgelegte Anleihegesetz für Kasernirungszwecke hat folgenden Wort- laut:„Der Reichskanzler wird ermächtigt, diejenigen außerordent- lichen Geldmittel, welche für das Jahr 1377 und für die fol- genden Etatsjahre nach Maßgabe des Reichshaushaltsetats zur Durchführung der allgemeinen Kasernirung des Reichsheeres, sowie zur Erstattung der vom Königreich Sachsen seit dem 1. Januar 1863 und von Würtemberg seit dem 1. Januar 1872 für Kasernementseinrichtungen aus Landesmitteln bestrittenen Ausgaben erforderlich werden, bis zur Höhe von 168,200,000 Mark im Wege des Kredits flüssig zu machen und zu diesem Zweck im Jahre 1377/78, sowie in den folgenden Etatsjahren in dem Nominalbetrage, wie er zur Beschaffung des in dem Jahresetat jedesmal veranschlagten Bedarfs erforderlich sein wird, eine verzinsliche, nach den Bestimmungen des Gesetzes vom 19. Juni 1368 zu verwaltende Anleihe aufzunehmen und Schatzanweisungen auszugeben."— Die Kasernirung entfremdet bekanntlich den Soldaten immer noch mehr dem Bürgerthum und befördert den Militarismus, welcher jetzt schon dem Wohl- stände der Nation die tiefsten Wunden schlägt. — Der Zeugnißzwang scheint in Preußen epidemisch werden zu wollen. Wie in Culm und Posen, so soll, wenn die Zeitungen recht berichten, jetzt auch in Berlin eine Zeugniß- zwangtragödie inscenirt werden, und zwar durch den Polizei- Präsidenten v. Madai. Der Held des Stückes ist diesmal ein Reporter, welcher mehreren Zeitungen einen, angeblich nur durch Indiskretion zugänglichen Tagesbefehl des Commandeurs der Schutzmannschaft mitgetheilt hatte. Herr v. Madai war so artig, dem Reporter hiervon brieflich Mittheilung zu machen und ihm zugleich ein einfaches Mittel an die Hand zu geben, wie er der drohenden Tortur entgehen könne: er brauche nur„baldgefälligst den Namen des Gewährsmannes resp. des betreffenden Beamten mitzutheilen"; thut er das nicht innerhalb acht Tagen, so wird das peinliche Verfahren eingeleitet. — Thatsachen sprechen. Wer es noch nicht glauben will, daß die Fortschrittsorgane„Vossische Zeitung" und„Volks-Zei- tung" regierungsfähig sind und die Grenze„erlaubter" Opposition bilden, dem können wir erzählen, daß dieser Tage dem Primaner eines kgl. Gymnasii das Lesen des„Vorwärts" und der„Ber- liner Freien Presse" und überhaupt sozialdemokratischer Organe streng untersagt wurde, während man das Abonnement auf jene beiden„fortschrittlichen" Zeitungen— wie man eben jenem Primaner auf seine Frage bekundete— widerspruchslos gestattet hätte.— Man muß doch gewaltige Angst haben, daß das„Gift der Weltverbesserung" auch in t>en jugendlichen Ge- müthern der besser situirten Klassen um sich greift. — Zur Altonaer Stichwahl. Ein Arbeiter, der jetzt schon dreiviertel Jahre in Altona wohnt, war von Hamburg aus dahin gezogen. Zweimal hatte er mitgewählt, weil er ordnungs. mäßig in die Wahllisten eingetragen war. Jetzt bei der Stich- wähl wurde er an der Wahlurne zurückgewieseu. Warum? In Altona hatte er keinerlei Armenunterstützung erhalten. Ja warum? Vernehmt: Vor fast einem Jahre, als er noch in Hamburg wohnte, hatte er, als er im Winter ohne Arbeit war, freie Medicamente für sein krankes Kind bekommen! Das sogar war ausspionirt worden! Abgesehen davon, daß wir es in jedem Falle für ungesetzlich halten, daß ein Wahlvorsteher ein- getragene Wähler zurückweist, giebt das in Altona eingeschlagene Verfahren den Arbeitern viel zu denken. Im heutigen Staat kann also der Arme nicht einmal die Hilfe der auf Staatskosten ausgebildeten Aerzte umsonst erhalten, wenn er nicht die Schmach auf sich laden will, das wichtigste bürgerliche Ehrenrecht zu verlieren. Ja, weitergehend, wenn du einen reichen Mann, der dich an den Bettelstab gebracht hat, verklagen willst, wenn dir das Geld fehlt, um den Advokaten und dem Gerichte den verlangten Vorschuß zu leisten, und du dir vom Gerichte deine Armuth bescheinigen läßt, so wärest du analog der Auffassung der Altonaer liberalen Wahlvorstände, deines Wahlrechtes verlustig, wie du es bereits wirst, wenn dir läge und Neigung des Abzurichtenden vergewaltigt. Die traurige Thatsache, daß nur zu oft sich Erziehung nennt, was bloße Ab- richtung ist, ändert nichts daran, daß zwischen beiden ein ge- waltiger Unterschied besteht, und an der gebieterischen Forde- cung der Pädagogik, daß beim Menschen alles Abrichten weg- fallen sollte." Nun! das Verständniß für Erziehung verlangt pädagogischen Sinn, und solchen Sinn zu wecken, dazu ist unser oben ange- zeigtes Buch ganz geeignet. Der Verfasser, kein Sozialist, dies zeigt schon die ganz eigene Stellung, welche er zur Religion einnimmt, aber ein denkender Erzieher, ein, bis auf eben angeführten Punkt, vollständig vorurtheilsfreier Lehrer und ein vollendeter Kenner des menschlichen Wesens, behandelt hier in wissenschaftlich-populärer Weise die Erziehung vom frühesten Kindesalter bis in die Schule, welche selbst aber vielfach mit hereingezogen, ihr Wesen, ihre Ziele, ihre Lehrmittel und Me- thoden sich erläutert finden. Das Buch ist für Fachleute geschrieben und bereits in pädagogischen Unterrichtsanstalten eingeführt, aber glaube man nur ja nicht deshalb, daß es trockene Äorschriften über die Be- Handlung der Kinder durch den Lehrer enthalte; nein, es ist eine allseitige, auf das wirkliche Wesen des menschlichen Geistes und Körpers begründete und in der verständlichsten Weise ge- geschriebene Erziehungslehre, welcher Eingang in die weitesten Kreise zu wünschen ist. Und sind, oder sollen wir Eltern nicht auch Fachleute in der Erziehung sein? Der„Grundriß zc." behandelt in Abschnitten zuerst(auf 42 Seiten) die physische Erziehung. Dieser Abschnitt für sich kann als das Beste bezeichnet werden, was an derartigen Ar- beiten in so gedrängter Kürze existirt. Man sieht, wie werth- voll es ist, wenn sich verschiedene Fachleute, wie hier der Arzt und der erfahrene Erzieher, zu gemeinsamem Werk entschließen. Die folgenden Abschnitte über die geistige Erziehung zeigen dann zunächst die Grundbedingungen und die Entwicklung des geistigen Lebens, ferner die intellektuelle und moralische Er- ziehung, die Gemüthsbildung und endlich die religiöse Erziehung. Dieser letzte Abschnitt ist der einzige, an dem es wohl Vieles zu kritisircn gäbe. Der Verfasser glaubt nämlich, die Religion nicht ganz aufgeben zu sollen. Zwar will er jeden priesterlichen Einfluß aus der Schule verbannt wissen und die Religion selbst das Schulgeld für deine Kinder erlassen wird. Nach der Alto- naer Auffassung würde selbst der Landwehrmann, der aus dem Kriege mit dem eisernen Kreuze zurückkehrt, sich des höchsten Ehrenrechtes beraubt finden, wenn seine Frau während seiner Abwesenheit von der Gemeinde Unterstützung empfangen hat.— Bei der Wahlprüfung im Reichstage muß diese Frage zur Ent- schcidung gebracht werden. — Falscher Schluß. Der Jubel der Herren Misch- Maschler in Altona ist so groß, daß sie vollständig aus dem Häuschen sind. So schreibt einer der Herren den„Itzehoe? Nachrichten" einen Bericht, in welchem es heißt:„Daß„das Bollwerk der Sozialdemokratie im Norden Deutschlands" er- stürmt und besiegt worden ist, wird und muß eines tiefen Ein- druckes, und wir hoffen zum Heil und Segen unserer Arbeiterbevölkerung, nicht verfehlen."— Wir hegen■ dieselbe Hoffnung. Der tiefe Eindruck, den die elende Hand-! lungsweise vieler unserer Gegner bei der Wahlagitation auf die Arbeiter gemacht hat, wird nicht verfehlen, das Klassenbewußtsein■ derielben noch mehr zu heben und die„Niederlage" später in einen Sieg zu verwandeln. — Heroismus. Mit welcher Lebhaftigkeit und Energie der Wahlkampf in Altona geführt wurde, davon mögen nachfolgende Thatsachen den Beweis liefern. Mittags wurden die Altonaer Wähler, welche als Schauerleute am Grasbrook-Quai beschäftigt waren, von ihren Collegen abgelöst. An einer Stelle, beim Schiff„Gellert", ereignete sich leider das Unglück, daß der Schauermann Johann steen, wohnhaft Finkenstraße, Altona, als er vom Perron des Quais auf's Schiff springen wollte, fiel und einen doppelten Beinbruch erlitt. Seine Collegen wollten! ihn sofort zum Arzt tragen, Steen aber bestand darauf, trotz. seiner Schmerzen zur Wahlurne gebracht zu werden und erst! seine Stimme abzugeben. Es geschay denn auch und erst! dann ließ sich der Verunglückte den ersten Verband anlegen.— Ein ähnlicher Fall ereignete sich am 15. Februar. Ein Mann,> dem am 14. Februar beide Beine abgenommen wurden, ver- langte unter allen Umständen, seine Stimme für Hartmann ab-! zugeben und man trug ihn zur Wahlurne.— Dies beweist, mit welchem Ernst viele Männer ihre Rechte und Pflichten als � Staatsbürger ausüben. — Alberne Lügnerei. Ein Berliner Correspondent der „Königsberger Hartung'schen Zeitung" schreibt: Der Wahlsieg i der liberalen Parteien in Altona, der im hiesigen sozialdemo- kratischen Lager große Verstimmung hervorgerufen hat, wird| zum großen Theil den Bemühungen des Abgeordneten Dun cker verdankt, der in verschiedenen Volksoersammlungen den sozial- demokratischen Agitatoren persönlich entgegentrat. Speziell mit dem früheren Abgeordneten Reimer, der bei der diesmaligen I Wahl von dem Grafen Holstein geschlagen worden ist, ließ er j sich in eine lebhafte Diskussion über Ziele und Wege der; Sozialdemokratie ein, in welcher sein Gegner unterlag.— Die Versammlung fand im„Englischen Garten" statt; die leb-] haste Diskussion beschränkte sich darauf, daß Duncker fünfviertel Stunden sprach, und daß unserem Parteigenossen Reimer nur eine Redezeit von 10 Minuten bewilligt wurde. Und dies Ber- fahren nennt der liberale Correspondent einen Duncker'schcn Sieg. Wohl bekomm's dem„Ehrenduncker". — Zur Nachahmung empfohlen. Des Staatsbürgers � Pflicht ist es nicht allein, auf Beseitigung von Schäden find Gebrechen hinzuarbeiten, welche er im Staate vorfindet— in nicht geringerem Grade hat er auch sein Augenmerk zu richten auf das, was in der Commune geschieht oder unterlassen wird. J Ja gerade die gegenwärtigen Communen sind es recht eigentlich, welche weit mehr als der Staat den Egoisten und Strebern i aller politischen Schattirungen als Schlupfwinkel dienen, von welchen aus sie ihren Standesvorurtheilen fröhnen und ihrem> Eigennutz zum Schaden des Gemeinwesens dienen können. Das haben unsere Genossen in Mainz recht wohl begriffen, und! darum haben sie, weil auch sie nicht zufrieden sind mit der Art,! wie ihre Gemeindevertretung das Gemeinwohl zu fördern trachtet, energisch ihre Stimme erhoben. Doch hören wir, was der „Frankfurter Zeitung" hierüber aus Mainz unterm 6. März! berichtet wird: „Die Sozialdemokraten sind unermüdlich; für die erst im Oktober stattfindenden Ergänzui>gswahlen zu der Stadtverord- netenversammlung treten sie jetzt schon in die Agitation. Gestern j Abend haben sie im„Heilig-Geist" eine gut besuchte Volksoer-, sammlung abgehalten, bei welcher diese Wahlen als erster Punkt soll nach freier Richtung verändert, aber immerhin hält er sie für ein nothwendiges Attribut der Menschheit. Wenn man bedenkt, daß dieser„Grundriß" als Lehrbuch in! den Lehrerseminarien eingeführt ist, dann wird man geneigt, selbst diese Ansicht als einen Fortschritt zn bezeichnen. Zudem nimmt dieser Abschnitt dem Buche, man möchte sagen nur guan- i titativ etwas von seinem Werthe, denn während die Ausfüh- rungen über die übrigen Geisteseigenschaften vielfach ineinander- greifen und nothwendig als Ganzes zusammengefaßt werden müssen, so aber auch für sich ein ganzes Bild von allen natürlichen menschlichen Eigenschaften und deren erziehlicher Behandlung geben, steht der Abschnitt über religiöse Erziehung für sich als letzte Abhandlung, beinahe ohne jede Beziehung zu! dem Uebrigen, selbst zu der moralischen Erziehung; und das Fehlen der sonst durch das ganze Buch so wohlthuend sich hin-! ziehenden Logik, das Fehlen der verständlichen, volksthümlichen Beweisführung des Verfassers in diesem Kapitel zeigt deutlich genug, daß es ihm Schwierigkeiten machte, der Religion einen Platz zu finden. Man kann also diesen Abschnitt sich ganz gut wegdenken und das Buch ist immer noch ein vollständig Ganzes. Die wichtigsten Theile bleiben die über: intellektuelle Er- ziehung, Gemüthsbildung und moralische Erziehung, aus welchen wir einige Stellen allgemeinen Inhalts zum Beweise des Ge- sagten anführen wollen. Ueber Werth und Wesen der intellektuellen Bildung spricht sich der Verfasser wie folgt aus: „— Ist sonach allerdings das Streben nach äußerer Wohl- fahrt ein starker Antrieb zur Ausbildung des Geistes, so wird letztere doch immer sehr einseitig und dürftig ausfallen, wenn man sie ausschließlich oder vorzugsweise nach ihrer materiellen Nützlichkeit bemißt. Man sieht es dann auf eine möglichst große Summe von Kenntnissen ab, die aber recht.praktisch' sein, d. h. möglichst bald Brot bringen sollen." „— Das Lernen wird Hauptsache, das Denken Nebensache. Wenn man in den Volksschulen mehr Wissensstoff anhäuft, als die Kinder zu bewältigen, d. h. selbstthätig zu durchdringen und zu verarbeiten im Stande sind, so werden die Früchte für's Leben, selbst die materiellen, viel dürftiger ausfallen, als man nach der Menge der Aussaat erwarten möchte. Und wenn die Studie» auf den höheren und höchsten Schulen fast ausschließlich im Er auf der Tagesordnung standen. Die Majorität der derzeitigen Stadtverordnetenversammlung gefällt den Sozialdemokraten durch- aus nicht, und sie finden Alles, was durch dieselbe in den letzten Jahren geschehen ist, nicht den wirklichen Bedürfnissen der hiesigen Bevölkerung entsprechend, sondern nur zum Vortheil einzelner bevorzugter Klassen geschaffen. Man habe nahezu 200,000 M. für die Restauration des Theaters ausgegeben, aber eine gleiche Summe für Erbauung eines Schulhauses für zu hoch befunden. In alten, nothdürftig verbesserten Magazinen, in welchen die Fußböden cementirt seien, erhielten die Kinder Schulunterricht; fast wochenlang hätten die Schüler einzelner Klassen aus Mangel an Schulbänken sich auf den stachen Boden setzen müssen und Andere hätten mehrere Monate Ferien be- kommen, da man keine Lokale, um sie unterzubringen, gefunden. Die sozialdemokratischen Redner haben hiermit den brennendsten Punkt erfaßt und einen wunden Fleck unserer städtischen Ver- waltung berührt. Wenn sie auch in etwas grellen Farben auf- getragen, so ist leider ein großer Theil der beregten Klagen nur zu gerechtfertigt und verdient sowohl der Wichtigkeit, als der Art und Weise wegen, wie diese Frage in maßgebenden Kreisen behandelt wird, öffentlich besprochen zu� werden. Nachdem man schon lange allseitig anerkannt hat, daß die bestehenden Schul- lokale den Bedürfnissen nicht mehr entsprechen, ist in voriger Finanzperiode, auf Pression der dem Stadtverordnetencollegium angehörenden Schulmänner, beschlossen worden, ein neues, ge- räumiges, den heutigen Wünschen entsprechendes Schulhaus zu bauen und wurde die nöthige Summe in's Budget aufgenommen. Trotz wiederholter Versicherung des Bürgermeisters, daß die Pläne ihrer Vollendung entgegen gingen, war von der Aus- führung dieses Beschlusses noch nicht das Geringste zu sehen und zur allgemeinen Ueberraschung waren in dem vorvergangene Woche den Stadtverordneten vorgelegten Budget für dieses Jahr für den Schulbau keine Gelder vorgesehen. Hierüber inter- pellirt, wurden Antworten ertheilt, aus denen man den Eindruck gewinnt, daß man von gewisser Seite sucht, den früher gefaßten Beschluß über Bord zu werfen. Dieses Bestreben und die Gründe hierfür wurden von den sozialdemokratischen Redner be- leuchtet und besonders scharf gegeißelt— und zwar mit großem Recht— daß eine so wichtige Angelegenheit in solcher Art be- handelt wird. Mit der Besprechung solcher Fragen gewinnen die Versammlungen der Sozialdemokraten an Interesse! ob es ihnen auch gelingen wird, sich einige Plätze bei den Stadtoer- ordneten zu erringen, muß die Erfahrung erst lehren, da bei der Gemeinderathswahl durch eine Bestimmung mit dem Unter- stützungswohnsitz im Wahlgesetz die Sozialdemokraten fast durch- gehends von der Wahl ausgeschlossen waren." Vertreter in die Vcrwaltungskörper der Commune» hinein- zubringen, ist den Sozialdemokraten bei dem gegenwärtigen be- schränkten Gemeindewahlrecht nur hier und da möglich, und vor- läufig auch nebensächlich. In der Hauptsache genügt es, das Volk auf die wuuden Flecke auch im Gemeindeleben aufmerksam zu machen; die guten Früchte solchen Thuns wird die Zeit schon reifen. — Der Ulmer Gemeinderath erläßt im„Anzeigeblatt von und für Ulm" unter'm 6. März folgende kuriose Bekannt- machung: „Aufforderung, betr. das Vergehen des Bettels. Da das zur großen Belästigung gewordene Betteln insbe- sondere seitens durchreisender Handwerksgesellen und Arbeiter durch die gesetzlich zulässigen Strafmittel nicht vermindert wird, so sehen sich die städtischen Collegien zu der dringenden Auf- sorderung an die Bürger- und Einwohnerschaft veranlaßt, Ge suche um Unterstützung stets abzulehnen und die um Unterstützung an das Fremdcnbureau des Stadtpolizeiamts zu verweisen, auf welchem jeder Bedürftige angemessene Unterstützung aus der öffeutlichen Armenkasse erhält. Die Hausbesitzer sind insbesondere ersucht, durch geeigneten Anschlag am Hauseingang letztere Anordnung zur Kenntn'.ß zu bringen, wobei denselben anheimgestellt wird, gleichzeitig auch den Eintritt in ihr Anwesen zum Zweck der Nachfrage um Arbeit zu untersagen, welche meist nur den Deckmantel für das Betteln giebt. Nachdem sich viele Durchreisende 8—14 Tage hier auf dem Bettel herumtreiben und der Stadtkasse durch die Strafe der Bettelvergehen eine tägliche Ausgabe von 20 Mark erwächst, wird sich die Einwohnerschaft gewiß veranlaßt sehen, auch ihrer- seits dem Bettel in hiesiger Stadt nachdrücklich zu begegnen." Es ist nur anerkennenswerth, wenn der Ulmer Gemcinderath sich bereit erklärt, jeden Bedürftigen angemessen zu unterstützen; er überschreitet aber ganz entschieden seine Befugnisse und schä- lernen der vorgeschriebenen Wissensmasse bestehen: so darf man sich nicht wundern, daß aus diesen Anstalten verhältnißmäßig außerordentlich wenig produktive Talente hervorgehen, die sich über eine handwerksmäßige Betreibung ihres Berufes zu her- vorragenden Leistungen erheben und dem allgemeinen Cultur- fortschritte dienen. Wo die geistigen Kräfte fast ausschließlich zur Aneignung großer Massen positiven Wissens verbraucht werden, muß natürlich die selbständige und produktive Geistes- thätigkcit höchst nothdürftig ausfallen, eben weil dazu die Kräfte und mit ihnen die Triebe und Neigungen fehlen." In Betracht solcher Mißverhältnisse gewinnen die An- klagen, welche man nicht selten gegen die intellektuelle Bildung zum Lobe der Gemüths- und Charakterbildung erhebt, einen gewissen Schein von Wahrheit. Wenn freilich die Geistesbildung schlecht, d. h. durch den Egoismus beschränkt und durch den Mechanismus gelähmt ist, so hat sie schon an und für sich wenig Werth; und wenn diese Mistgestalt von Intelligenz noch den übrigen Richtungen wahrhaft menschlicher Entwickelung im Wege steht, so wird sie positiv nachtheilig. Aber das Uebel liegt dann nicht in der intellektuellen Bildung überhaupt, sondern in deren Verkehrtheit und außerdem in der Vernachlässigung der sonstigen Erziehungsaufgaben. Aechte und mit der gesummten menschlichen Entwickelung in Harmonie stehende Geistesbildung ist nie ein Uebel, sondern stets ein Gut und zwar ein sehr großes. Sie steht mit der Moralität keineswegs in Widerstreit, ist vielmehr eine unentbehrliche Leuchte und Dienerin des sitt- lichen Willens.— Bildung ist nicht Anhäufung von Wissens- ichätzen, nicht todte Gelehrsamkeit, sondern Entwickelung der geistigen Vermögen zu realen und lebendigen Kräften, Ausge- l-j»-1!® ber natürlichen Anlagen zu einer harmonischen Person- Uchkett, zu einer Persönlichkeit, welche das Wahre denkt, das Gute will, welche vor Allem Berständniß und Empfänglichkeit v allgemein menschlichen Angelegenheiten. Nur wenn die Bildung dies ist, hat sie unbedingten Werth." (Schluß folgt.) — Den Nothstand in Berlin suchen einige Blätter zu leugnen oder zu verringern, so die„Vossische Zeitung", ein sonst ziemlich ver- nunstiges Blatt. Jetzt tritt abcr sogar die„Nationalzeitung" hervor digt obendrein die Arbeiter, wenn er den Ulmer Hausbesitzern anräth, das Betreten ihres Anwesens zum Zwecke der Nachfrage nach Arbeit zu untersagen. Die Tausende und aber Tausende von Arbeitern, welche in Folge der Geschäftskrise gegenwärtig gezwungen sind, Deutschland von Ost nach West, und von Nord nach Süd zu durchstreifen— sie thun dies nicht um zu betteln, sondern um Arbeit zu suchen. Das weiß jedes Kind und sollte auch der verehrltche Gemeinderath von Ulm wissen. — Berichtigung. Wie die„Bromberger Zeitung" aus guter Quelle mittheilt, beruht die Nachricht des„Kuryer Poznanski", welche wir in der vorigen Nummer brachten, daß der Oberpost- direktor zu Bromberg seine Beamten auf Ehrenwort gefragt habe, ob sie die betreffende Verfügung dem erwähnten Blatte hätten zugehen lassen, auf einem Jrrthume. — Aus England kommt die Nachricht, daß ein in den Kohlcndistrikten Süd- Dorkshire und Derbyshire ausgebrochener Lohnstreit dadurch beigelegt worden sei, daß sich die Besitzer und Arbeiter über eine Lohnherabsetzung von o'/i Prozent geeinigt hätten. Für dieses fette Zugeständniß an die Besitzer haben die Arbeiter das magere Versprechen erhalten, daß die Löhne wieder erhöht werden würden, sobald der Gang des Geschäfts es er- laube. Da werden die Arbeiter wohl lange warten können. Uebrigens berühren die Abmachungen nahezu 40,000 Arbeiter. Correspondenzen. Kamöurg, 27. Februar. Wie schon vielfach bekannt, wurde ich bei meiner nothwendigen Thätigkeit als Candidat zu den Reichstagswahlen für die Kreise Mühlheim- Wipperfürth und Gummersbach, sowie Crefeld, in einer zu diesem Zwecke anbe- räumten Volksversammlung in letztgenannter Stadt verhaftet, nach dem damaligen Bericht der„Crefelder" und„Kölnischen Zeitung" wegen schwerer Majestätsbeleidigung und Aufreizung der verschiedenen Klassen zu Haß und Verachtung(§ 130). Wer nun weiß, daß sich unser Kampf nicht gegen Personen, sondern gegen Systeme richtet, der kann sich auch denken, daß ich nicht so leicht geneigt sein konnte, Se. Majestät den Kaiser, einen ebenso ehrwürdigen, wie alten und ergrauten Herrn, zu beleidigen; trotzdem fand der königliche Polizeikommissar. nachdem ich sagte,„daß vom menschlichen Stanopunkte aus Se. Majestät nichts weiter sei, als jeder andere Mensch", eine Beleidigung heraus. Nachdem ich meinen Bortrag beendet und alsdann die Anwesenden durch Kundgebungen meine Ansicht theilten, erklärte der königliche Beamte die Versammlung für geschlossen und zu mir gewandt sagte er:„Sie sind verhaftet!" Solches geschah am 7. Januar; am 9. Januar wurde ich nach Düsseldorf transportirt, einige Tage später kam ich zum Unter- suchungsrichter, welcher dann dieses furchtbare Verbrechen un- tersuchte. Wieder zurückgeführt in die Anstalt, saß ich nun volle 5 Wochen, ohne irgend etwas zu erfahren; dann wurde ich am 12. Februar vor die königliche Zuchtpolizeikammer gestellt und von der angeblichen Majestätsbeleidigung freigesprochen. Nach- dem nun meine Unschuld festgestellt und ich durch den über- großen Amtseifer des Herrn Commissars 5 Wochen lang meiner Freiheit beraubt war, glaubte ich genug gebüßt zu haben; doch der Herr Staatsprokurator dachte anders. Er legte Appell ein und ich wurde in die mir bekannte Behausung zurückgeführt, bis ich dann am 19. Februar gegen Caution von 400 Mark entlassen wurde, und habe ich jetzt in einigen Wochen vor der dortigen Appellkammer meine Unschuld noch einmal zu beweisen. Den Parteigenossen zu Düsseldorf, sowie namentlich den Genossen von Mühlheim a. Rh. für die bewiesene Theilnahme meinen herzlichsten Dank. Indem ich mir vorbehalte, die Behandlung der dortigen Untersuchungsgefangenen, das Auftreten der Beamten den Ge- fangenen gegenüber, sowie die Bildung eines königlichen Polizei- Sergernten und die gerichtliche Verhandlung selbst näher zu beschreiben, schließe ich für heute mit der Bemerkung des„Düffel- dorfer Anzeigers" über die Gerichtsverhandlung: Der Sozialdemokrat Ferdinand W. aus Hamburg u. s. w., angeklagt wegen Majestätsbeleidigung, wurde von dieser An- klage freigesprochen, weil die königliche Zuchtpolizeikammer eine Beleidigung Sr. Majestät nicht zu erblicken vermochte, sondern nur eine Ehrfurchtsverletzung. Den Genossen in den verschiedenen Städten für die entsandten Grüße meinen besten Dank. Ferd. Weidemann. Äpcnrade, 6. März. Ein hiesiger Cigarren- Fabrikant, Namens I. P. Junggreen, ein echter dänischer Patriot, hat und schreibt-„Es wird uns in glaubhafter Weise versiwert, daß die Zahl der unbeschäftigten, vergeblich Arbeit suchenden Arbeiter ganz außerordentlich groß sei und daß in vielen Tausenden von Arbeiier- somilien die Einschränkung des Verbrauchs l ä n g st die Grenze über- schritten habe, jenseits welcher die Gesundheit und die A.beitskräsw durch Entbehrung des zum Unterhalt Nothwendigem gefährdet erscheinen." — Ein königliches Wort unseres Kaisers. Bon der letzten ..Hofcour"(zu deutsch: Hof-Hof— denn cour heißt Hof) im königlichen Schloß zu Berlin erzählt man sich, nach der„Vvssischen Zeitung", in Abgeordnetenkreisen:„Als dem Kaiser bei derselben der Abgeordnete Fabrikbesitzer Schlieper aus der Grüne bei Iserlohn vorgestellt wurde, fragt« er sofort:„„Bei Ihnen steht es mit der Industrie wohl sehr schlecht?"" Der Abgeordnete bestätigte, daß man in Westfalen sehr übel daran sei; worauf der Kaiser erwiderte:„„Nun, Nothstand herrscht augenblicklich überall, in der ganzen Welt!"" So die..Vossische Zei- tung". Was Herr Schlieper geantwortet, wird nicht gesagt; vielleicht war er durch den Strahlenglanz königlich-kaiserlicher Majestät zu ver- blufft um überhaupt etwas sagen zu können. Für die Hungernden und Verhungernden aber ist es unzweifelhaft ein großer Trost, daß das Volt in der„ganzen Welt" hungert und verhungert. Solamen miseris socios habere rnalorurn, sagten schon die alten Römer(ein Trost ist's den Unglücklichen, Genossen des Unglücks zu haben). — Beitrag zur Unfallstatistik. Bei der Magdeburger Allge- meinen Bersicherungs-Aktien-Gesellschaft— Abiheilung für Unfall-Versicherung— kamen im Monat Januar 1877 zur Anzeige: 14 Unfälle, welche den Tod der Bewoffenen zur Folge gehabt haben, 3 Unfälle, in Folge deren die Beschädigten noch in Lebensgefahr schweben, 2ll Un- fälle, welche für die Verletzten voraussichtlich lebenslängliche, theils to- tale, theils partielle Invalidität zur Folge haben werden, 332 Unfälle, mit voraussichtlich nur vorübergehender Erwerbsunfähigkeit. Sa. 371 Unfälle.— Von den 14 Todesfällen treffen 4 auf Zuckerfabriken, 2 auf Bergwerke, je einer aus eine Brauerei, Schneidemühle, Spinnerei, Eisen- gießerei, Brennerei, einen Schleppschtfffahr'sbetrieb, Steinbruch und Landwirthschaftsbctr>eb; von den 3 lebensgefährlichen Betchädigungen je eine auf ein Baugewerk, eine Mineralöl- und Parassinfabrik und eine Kunstwollfabrik; von den 22 Jnvaliditäisfällen 5 auf Zuckerfabriken, 5 auf Brauereien, je 2 ans Holzschneidereien und Landwirthschaftsbetriebe, je einer aus ein Baugewerk. Puddel- und Walzwerk, eine Schneide- mühle, Spinnerei, Schiffbaucrei, Papierfabrik, Steinhauerei und eine» combinirten Mahl- und Schneidemühlenbetrieb. m dem gleichfalls dänischen, in Hadersleben erscheinenden Blatte „Freja" nachstehendes Fabrikat geliefert. Nachdem er auf die außerordentlichen Fortschritte der Sozialdemokratte seit der Reichs- tagswahl im Jahre 1874 aufmerksam gemacht, legt er also los: „Die Bedeutung, welche die Regierung dieser Sache widmet, ist genugsam aus der„Provinzial-Correspondenz" sowie aus der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" zll ersehen. Welcher Schreck über die mächtigen Fortschritte der Sozialdemokratie die nicht- sozialistische Bevölkerung erfaßt hat, beweist das Zusammen- wirken der anderen Parteien bei der Nachwahl, um die Wahl eines sozialistischen Candidaten zu verhindern. 650,000 mündige Deutsche haben ihre Stimmen abgegeben für eine Partei, welche die Gegenwärtigkeit Gottes vernichtet(!!), welche die größtmög- liche Neuigkeit(!!) des Erdenlebens aufstellt, die einen Umsturz der ganzen heutigen Gesellschaft beabsichtigt(!). Wenn es so fortgeht mit der Entwickelung dieser Partei, wie bisher, so kann sie zur nächsten Reichstagswahl groß genug werden. Es ist gewiß Keiner, der bezweifelt, daß die Regierung noch im Stande ist zu verhindern, daß die Sozialisten den Versuch(!) machen, ihre Ideen auf dem Wege der Revolution(!) zu verwirklichen. Wenn die Sozialdemokratie in Deutschland gleiche Fortschritte macht in Zukunft, wie in den letzten drei Jahren, so kann die Zeit kommen, wo der Militarismus sich gegen Staat und Ge- sellschaft wendet!"— Hierauf berührt der Schreiber die in Vor- schlag gebrachten Kasernenbauten u. dgl. und sagt dann:„Dies beweist, wenn das Erwähnte wahr ist, zur Genüge, daß die Regierung sich der Gefahr wohl bewußt ist. Wenn ein solches Mittel indeß helfen soll, so müßte die Dienstzeit im deutschen Heere so lang sein, bis der Soldat vollständig entfremdet wird den Ideen und Gedanken, die er von Hause mitgebracht hat und welche in der bürgerlichen Gesellschaft Platz gewonnen; aber dies ist sie nicht. Militärwesen und Disziplin! das ist noth- wendig, um das Heer zusammen zu halten."...„Obgleich die Sozialdemokratte in Deutschland größere Fortschritte macht, wie in irgend einem anderen europäischen Lande, so wäre es doch leicht, sie zu bekämpfen. Allein meine Ideen(!) über die Ur- fache(!) und deren Bekämpfung würden wohl wenig Beifall(!!) finden bei den Staatsadvokaten(!!!)"...„Es ist erfreulich, daß die gescllschaftsauflösenden Elemente auf unsere nordschleswigsche Bevölkerung so wenig Einfluß üben, ungeachtet dessen, daß die Sozialisten es nicht haben an Agitation fehlen lassen(??) und ungeachtet dessen, daß Pio und Consorten in Kopenhagen sich nicht schämten(!!) unsere Arbeiterbevölkerung aufzufordern, einem deutschen Sozialdemokraten ihre Stimmen zu geben. Aber die Ursache ist die warme Liebe(!) zum Baterlande, angesichts der Erinnerung der Volkes-Borzeit(!). Dies ist es, was unser Volk unempfindlich für die sozialistische Bewegung gemacht hat, und hoffe ich, daß es mit Gottes Hilfe(!!) stark genug ist, um Alles zurückzuweisen, was es von anderer Seite in's Verderben bringen kann(!!)."— Nachdem der Fabrikant über seine Vater- landsgedanken geplaudert hat, schließt er mit folgendem Aufruf: „Aber an dich, mein armes, hartgeprüftes Volk, will ich fort und fort die Aufforderung richten: Halte fest an Dem, was dein inneres Wesen ausmacht, laß nicht das Zeichen, das Gott der Herr selbst auf dich gesetzt hat, ausgewischt werden und halte fest an dem Glauben, daß der Mensch ctioas Anderem und Höherem nachzustreben hat, als essen, trinken und sterben(!!!)." Soweit die salbungsvolle Muckerei. Eins hat der gute Herr Junggreen vergessen, nämlich„Amen" zu sagen. Wenn er als Cigarrenfabrikant nicht besser ist, denn als Artikelschreiber, dann inag es sehr wenig sein, was er der Welt nützt. Denn sollte man es für möglich halten, daß ein solches Machwerk dem Gehirn eines im 19. Jahrhundert lebenden Menschen entspringen könnte? Doch diese Herren fürchten das mächtige Anwachsen des Sozia- lismns und in ihrer Angst machen sie die lächerlichsten Versuche, um ihn zu unterdrücken. Aber weil sie die Wahrheit, welche in dem Sozialismus liegt, einsehen, suchen sie den Arbeiter in den fadenscheinigen Mantel der„christlichen Liebe" zu hüllen. Daß unsere Sache hier in Nordschleswig nicht so fortge- schritten ist, wie sie es sein sollte, haben wir der allgegenwär- tigen Polizei zu verdanken, denn entweder war sie direkt oder indirekt Schuld daran, daß wir nicht agitiren konnten. Direkt hat sie uns insofern gehindert, daß sie die angemeldeten Ver- sammlungen einfach verbot, wozu sich immer leicht ein Vorwand fand, oder sie hielt das Lokal für zu klein oder zu niedrig zc. und indirekt hinderte sie uns dadurch, daß sie die Wirthe beein- flußte. Aber trotz alledem und selbst dann, wenn es dem Herrn Junggreen gelingen sollte, eine Militärdienstzeit von 40 Jahren zu erwirken, soll die hiesige Bevölkerung von den„gesellschaft- auflösenden Ideen nicht verschont bleiben. Dafür werden wir sorgen. M. N. Andresen. Limmer bei Hannover. Auf die Erfolge in unserm Wahl- kreise können wir trotz unserer Niederlage mit Stolz zurückblicken, freilich hätte das Resultat ein besseres sein können, aber der Umstand, daß die Agitation erst mit Aufstellung unseres Can- didaten H. Meister und zwar im Dezember, also sehr spät begann, machen unsere Niederlage sehr leicht erklärlich. Die wenigen an verschiedenen Orten von uns einberufenen Bolksversamm- lungen waren gut besucht, auch haben die betreffenden Orte ein gutes Stimmenresultat zu verzeichnen, das beste Resultat hat aber Limmer aufzuweisen, denn von 308 abgegebenen Stimmen fielen 187 auf unfern Kandidaten Meister, 120 Stimmen ver- theilten sich auf die beiden gegnerischen Candidaten und eine Stinime wurde für F. W. Fritzsche aus Berlin abgegeben; gewiß ein gutes Resultat. Mögen die Arbeiter aller übrigen Ort- schaften sich unfern Ort zum Vorbild nehmen, damit sie bei der nächsten Wahl zum deutschen Reichstage nicht hinter den Arbei- tern Limmers zurückstehen. Im Ganzen vereinigten wir auf unfern Candidaten Meister 824 Stimmen, mit welchem Ergebniß wir für's erstemal zufrieden sein könne», namenttich wenn wir bedenken, wie wenig in unserm ausgedehnten Wahlkreise agittrt worden ist. Bei der nächsten Wahl jedoch müssen wir ein noch besseres Resultat erfechten, das können wir aber nur, wenn wir organisirt sind, wenn alle Hand ans Werk legen. Darum auf Ihr Arbeiter alle, schließt Euch unseren Reihen an, nur dann können wir siegen. Die Limmer Arbeiter werden aufgefordert, sich dem hiesigen sozialdemokratischen Wahlvcrein anzuschließen, das Vereinslokal befindet sich bei E. Hengstmann, woselbst jede» Sonnabend Abends 8 Uhr Mitgliederversammlung statt- findet; das Eintrittsgeld beträgt 20 Pf., monatlicher Beitrag 10 Pf. Also auf Arbeiter, helft uns für unsere Prinzipien kämpfen. H. Breslau, 5. März. Mit der am 27. Februar stattgehabten Nachwahl in den beiden Breslauer Wahlkreisen hat der Wahl- kämpf für Schlesien für dieses Mal sein Ende erreicht. Noch vor einem Jahre waren die Sozialisten Schlesiens ein ver- i schwindend kleines Häuflein und die Zielscheibe des Spottes ihrer Gegner. Das sollte sich ändern. Im Frühjahr vorigen Jahres wurde hier die„Wahrheit" gegründet. Durch die unerwartet rasche Abonneutenzunahme uusrcs anfangs wöchentlich nur einmal herausgegebenen Organs und durch dessen alsbald noth wendig gewordenes tägliches Erscheinen wurden die gegnerischen Blatter unangenehm überrascht. So verfloß das Jahr 1876. Die! Gegner fühlten das Schwinden ihres Einflusses über die ihnen bisher blindlings ergebenen Massen. Man sann auf Mittel, sich im Besitz der Macht zu halten. Die Fortschrittspartei wagte es> wieder, große Versammlungen einzuberufen. Herr Professor Hänel aus JHel, ihr Candidat, hielt vor 4000 Breslauern seine j Candidatcnrede, die unter dem Eindrucke des bei Berathung der Justizgcsetze soeben abgeschlossenen Compromisses sehr„anti- i nationalliberal" ausfiel. Unser Candidat Kräcker interpellirtc Hänel. Das behagte den Gegnern nicht. Die Frager sind immer unbequem, zumal wenn viele Hunderte ihnen Beifall � klatschen. Die Gegner fingen an derart zu skandaliren, daß der fortschrittliche Leiter der Versammlung seinen Freunden zurufen mußte, sie sollten doch nicht vergessen, daß„der Anstand das Privilegium der liberalen Parteien" sei.— In einer zweiten von 2000 Personen besuchten Versammlung stellte sich der andere fortschrittliche Eandidat, Herr Ur. Stein, vor. Maximilian Schlesinger und unser zweiter Candidat Bäthke sprachen über eine Stunde, während die liberaler Redner nur eine halbe Stunde sprachen. Aergerlich, daß drei Viertel der Anwesenden auf die Seite der Sozialisten traten, rief der fortschrittliche Can- bidat unmuthig aus:„Von den Sozialdemokraten will ich nicht gewählt sein!" Hier war es, wo sich die Fortschrittspartei mit »hrem„Appell an das Volk" Witz gekauft hatte, denn es wurde in den später abgehaltenen Versammlungen, die verwiegend von Arbeitern besucht waren, nie wieder eine Diskussion eröffnet, sondern die Versammlung, sobald die letzte Silbe dem fort- schrittlichen Munde entflohen war, geschlossen. Schlauer gingen die Nationalliberalen und die Ultramontanen zu Werke, die in geschlossenen Versammlungen mit vorher dazu bestimmten Red- nern operirten; die Ultramontancn hatten sogar einen Christlich- sozialen auf die Tribüne geschickt. Wir Sozialisten waren rührig, in Breslau und in der Provinz. Schwierigkeiten aller Art, von denen der Mangel an geeigneten Versammlungslokalen keine der geringsten war, hatten wir zu überwinden. So kam endlich der 10. Januar, der große Tag der Heerschau heran. Es wurden in Schlesien für unsere Candidaten 21,792 Stimmen abgegeben, die auf unsere Genossen August Kapell, Kräker(4356), Bäthke (4088), Reinders, Fischer, Just, Otto Kapell fielen, außerdem hatten Johann Jacoby 10 und Bebel 6 Stimmen in Orten, wo wir nicht einmal Gefinnungsgenossen vermutheten. Aug. Kapell war im Kreise Waldenburg und im Kreise Reich�nbach-Neurode, also zweimal, und Bäthke und Kräcker in je einem der beiden Breslauer Kreise zur Stichwahl gekommen, Letztere sogar mit der relativ größten Zahl aller abgegebenen Stimmen. Also vier Stichwahlen, außerdem 264 sozialistische Stimmen im Ärieger Kreise, der Pforte Oberschlesiens, und an 500 oben nicht mit- gezählte Stimmen in Rawitsch und Umgegend, einem polnischen Wahlkreise, das war das Ergebniß jenes Tages. Wir freuten uns, jedoch mit Maß; wir wußten, die größte Arbeit lag, noch Vor uns. Bei den Stichwahlen standen uns in Breslau Hänel (fortsch.) und Lasker(nat.-lib.), in Waldenburg Fürst von Pleß (cons.) und in Reichenbach-Neurode Franz(ultr.) gegenüber. Jetzt wurde auf beiden Seiten eine große Rührigkeit entfaltet, die von Seiten der Anständigen eine anständige, von Seiten der „privilegirt Anständigen" aber eine„privilegirt„—anständige"" war. Die nationalliberalen Bismarckanbeter ohne Phrase und die fortschrittlichen Bismarckanbeter mit Phrase hatten sich in Breslau vor dem 10. Januar zu allgemeiner Belustigung die größten Kränkungen zugefügt; jetzt vergaßen die soeben noch feindlichen Brüder, daß sie sich kurz vorher noch die Augen aus- gekratzt; sie begriffen nicht, wie sie sich je hatten entzweien können; ja sie waren mit einem Schlage von der Nothwendigkeit ihres Zusammengehens überzeugt. Die Ultramontanen waren in eigen- thümlicher Lage. Im Eulengebirge war der Sozialist ihr Gegner, in Waldenburg sollten sie zwischen A. Kapell und dem Fürst von Pleß, in Breslau zwischen Bäthke und Lasker und zwischen Kräcker und Hänel entscheiden. So weit sie nicht direkt mteressirt waren, nahmen sie als Partei keine bestimmte Stel- lung, sondern überließen den einzelnen katholischen Wählern die Entscheidung. Das Resultat der Stichwahlen ist bekannt. Wir fielen in Waldenburg und in Breslau durch, siegten hingegen im Eulengebirge, die braven schlesischcn Weber hatten ihre Schuldig- keit gethan. An Wahlunregelmäßigkeiten hat es nicht gefehlt. Bon gegnerischer Seite bediente man sich der unlautersten Mittel, besonders viel Einfluß wurde durch Führung von Doppellisten geübt. Unsere Lokalpresse constatirte eine größere Zahl von Unregelmäßigkeiten und eine große Volksversammlung wollte das hiesige Wahlrcsultat durch Protest anfechten. Die Herren tänel und Lasker beugten dem durch ihr Abdanken vor. Die reslauer mußten noch einen Wahlgang machen. Wir ver- doppelten unsere Anstrengungen. In Breslau hatten wir von Neujahr bis zum 10. Januar 23 Versammlungen abgehalten, von da ab bis zum 26. Januar 43, und in der Zeit zwischen der zweiten und dritten Wahl 74. Außerdem mußten wir noch unsere Redner zu den Versamm- lungen in der Provinz abgeben; Unterstützung wurde uns von auswärts erst in den letzten drei Tagen vor der Nachwahl durch Hasenclever und A. Kapell, die in auch von Gegnern zahlreich besuchten Wählerversammlungen unter allgemeinem Beifall refe- rirten. Bei dem dritten Wahlgange hatten wir nur noch eine compakte Geldsackspartei uns gegenüber. Die Ultramontanen verzichteten auf die Ausstellung eigener Candidaten. Die Fort- schnttler wären zwar gar zu gern selbständig vorgegangen, sie konnten es nicht verwinden, daß sie am 10. eine Schlappe erlitten und den Osten Breslau's an die Nationalliberalen ver- loren hatten, sie grollten diesen darob und hätten diesein Groll gern Luft gemacht; doch sie ließen sich gut zureden und lernten verstehen, daß der„gerechten" Sache des Kapitals nur durch einen Compromiß der liberalen Zwillingsbrüder zum Siege zu verhelfen sei. Nun wurde ein großes Geschäftchen abgeschlossen; die Krämerseelen können eben auch im polittschen Kampfe ihren Charakter nicht verleugnen; die Fortschrittler verschacherten ihre Stimmen im Osten an die Nationalliberalen und diese ver- schacherten als Gegensatz ihre Stimmen im Westen an jene. Jetzt ging man noch eine Zeit lang vergeblich auf die Suche nach„geeigneten" Candidaten, endlich fand man, was man brauchte, in den Personen der Herren Leo Molinari, Kaufmann, Consnl und Commerzienrath in Breslau und Heinrich Bürgers, Schriftsteller, Excommunist und Landtagsabgeordneter in Berlin. Mit wahrem Heldenmuthe hielten diese beiden Herren in einer „Karten"-Bersammlung ihre Candidatenreden, in denen sie es bewunderungswürdig verstanden, sich an�der Erörterung der brennenden Tagesfragen vorbeizudrücken. So standen die Sachen. In der einen Wagschale lag die große Macht der Besitzenden, in der andern der Opfermuth, die Hingebung und Ueberzeugungs- treue des sozialistischen Proletariats. Der Abend des 27. Fe- bruar brachte uns die Gewißheit, daß das Proletariat die beiden Brcslauer Reichstagssitze nicht erobert hatte. Ruhig und würdig nahmen wir dieses Faktum hin. Noch einmal war das Kapital Sieger geblieben.„Aber fragt mich nur nicht wie!"-- 1930 Stimmen waren den Liberalen in den letzten vier Wochen verloren gegangen, während wir in derselben Zeit 162 Stimmen noch erobert hatten. Ist uns in Schlesien auch nur ein Reichs- tagssitz zugefallen, so können wir doch mit Genugthuung auf den letzten Wahlfeldzug zurückblicken; am 10. Januar hatten wir 21,792 Stimmen und 4000 Abonnenten auf die„Wahrheit", am 27. Februar hatten wir 33,315 Stimmen und 9000 Abon- nenten auf die„Wahrheit"! Hierbei ist zu constatiren, daß wir von den 33 schlesischen Wahlkreisen nur in 8 mit Candidaten aufgetreten waren. Zum Schlüsse sei als Beweis unseres rastlosen Vorwärts- strebens noch die Thatsache mitgetheilt, daß heute in Breslau die Gründung eines sozialistischen Arbeitervereins beschlossen worden ist, der es sich zur Aufgabe machen wird, für die weiteste Verbreitung der sozialistischen Ideen an dem Orte, wo die Ge- beine Lassalle's ruhen, kräftig zu agitiren. Mit sozialistischem Gruß Alexander Schlesinger. Weininge«. Es wird wohl mancher Parteigenosse geglaubt haben, daß hier die Parteibewegung eingeschlummert sei, da es schon lange her ist, seit der letzte Bericht erfolgte. Doch dem ist nicht so. Wenn die Agitation auch mit schwacher Kraft sortge- führt wird, denn zahlende Mitglieder hatten wir bis 1. Januar fast gar nicht mehr, so hatten wir uns doch an der Wahlcam- pagne betheiligt, und haben auch wir ein kleines Resultat auf- zuweisen. Während Liebknecht im Jahre 1874 blos 1 Stimme erhielt, gewannen wir am 10. Januar für Grillenberger 614 Stimmen. Wir hätten aber ganz sicher 1000 Stimmen mehr für unsere» Candidaten erzielt, wenn ein von uns erlasse- ner Aufruf durch unliebsame Verzögerung nicht um zwei Tage zu spät zur Vertheilung gelangt wäre. Aber leider verhielt sich die große Mehrzahl wieder vollständig indifferent, denn von über 1700 Wahlstiminen erhielt Grillenberger 101 und der libe- rale Candidat Dr. Rückert aus Sonneberg 630 Stimmen. Am besten hat Salzungen und Umgebung gewählt. In Salzungen wurden abgegeben für Grillenberger: Dr. Rückert: 177 257 Leimbach 17 17 Wildbrechtroda 27 20 Kloster Allendorf 35 9 Dorf Allendorf 34 20 Langenfeld 63 40 Kaltenborn 19 16 Briefkasten der Redaktion. H. in Mühllroff: Wir wissen von keinem Be- richt; die Quittung senden Sie gefälligst noch einmal; an M. Neisser wenden Sie sich doch direkt, er ist Redakleur der„Bremer Fr. Presse" die stenographischen Berichte über die Reichc-tagsverhandlungen, deren Preis uns unbekannt ist, bestellen Sie bei der Post. der Expedition. Töpferverein Hamburg: Ihr Annoncendepot ist um 1,80 überschritten; ersuchen um Geldsendung. Ich ersuche den Cigarrenarbeiter Kilian Benn von stroschhausen>. mir, wichtiger Angelegenheiten halber, seine genaue Adresse anzugeben. Heinr. Braun, Cigarrcnmach-r in Groß Steinheim. Quittung. Rdgr Halle Ann. 0,90. Lhmnn Ab. 8,00 u. 23,60. Wahlcomiiö Cöln Ann. 1,50. Frkn Düsse dorf Schr. 10,80. Otto Teuchcrn Schr. 3,60. Schdwö Cöthcn' chr. 13,20. Schrmr Lübeck Ab 450. Kchnrthr Hos Ab. 5,83. Frnknbrgr Wien Ab. 1,65. Ad- ministration der Arbeiterwochenchronik Pest Ab. 33,00. Ullrch hier Ab. 100,00. Arbeiterverein Reudnitz Ann. 0,60 Rttmnnr München Ab. 30,00. Smtr Königsberg Schr. 10,00. Fllrmnn Bremcrhafcn Ab. u. Schr. 35,00. Expedition der Fr. Presse Cöln Ann. 0,70, Schr. 20,50. Mckn Düsseldorf Ab. 6,50. Knk Frankfurt Schr. 12,00. Strk Kiel Ab.. 40,90. Brnr Zwickau Schr. 10,00. Stc Wien Ab. 1,81. Lndr Mar- kersdorf Ab. 3,30. Wbr Oellingen Schr. 2,40. Heldburg Meiningen „ Umgebung 372 23 101 118 614 379 134 630 Bon 13,897 abgegebenen giltigen Stimmen erhielt Dr Rückert 12,620 und Schriftsteller Eugen Richter in Berlin 609 Stimmen. Wir können also immerhin mit dem Ergebniß zufrieden sein und hoffen bei der nächsten Wahl eine größere Stlmmenzahl zu erhalten. Natürlich war die Wahl auch mit großen Opfern ver- knüpft. Die ganze Wahlagitation kostet mir mit Schriften 196 Mark, davon erhielt ich durch Tellersammlung und freiwillige Beiträge 46 Mark, so daß mir noch 150 Mark zu zahlen bleiben. Es wäre wohl ein Leichtes, das Defizit zu decken, aber leider haben wir hier keine opferfreudigen Parteigenossen, ausgenom- men die Salzunger, welche mich einigermaßen unterstützen. Guth. Skrabbnrg i. K. Die Stadterweiterung von Straßburg, welche die Niederlegung des größten Theils der hiesigen Wälle bedingt, ist schon lange ein Hoffnungsanker vieler Arbeiter in dieser schweren Zeit gewesen. Jeder Arbeiter, der hierher kam, hoffte durch fleißige Arbeit wenigstens ein menschenwürdiges Leben führen zu können. Aber die Enttäuschung blieb nicht aus. Die Arbeit wurde durch den Fiskus in Vertretung der Stadt einer Gesellschaft übergeben. Winkopp, Serschke und Walther heißen die Unternehmer. Dieselben haben die Arbeiten um mehrere Prozente billiger übernommen, als andere Unter- nehmer, und führten dann ein Arbeitssystem ein, wie es schlechter nicht gedacht werden kann. Nachdem bekannt geworden war, daß bei Akkordarbeit 4 Mark täglich verdient werden könnten, kamen viele Erdarbeiter hierher, hauptsächlich Italiener. In Wahrheit stellen sich aber die Verdienste der Erdarbeiter per Tag nur auf 1,20, 1,50, 1,60—1,80, der höchste Satz ist 2,50; aber nur sehr wenige, und zwar nur Italiener, erhalten ihn, warum, das wissen die Götter. Das Gros der Arbeiter verdient 1,60, was hier in Straßburg bei den notorisch theuren Lebensmittelpreisen, wo die höheren Beamten ein Drittel Gehaltszulage bekommen, viel zu wenig ist. Aber da wird vielleicht mancher fragen, existirt denn in Straßburg keine unabhängige Zeitung, welche sich der Arbeiter annimmt? Doch, es ist eine da, sie nennt sich sogar selber uuabhängig, und der Redakteur derselben, Herr Schneegans, sitzt sogar im Reichstage als Abgeordneter von Zaber». Aber dieser Publicist schreibt in seinem„Elsässer Journal", daß Tausende von Arbeitern reichlichen Verdienst bei der Erdarbcit haben. Ich glaube nicht, daß Herr Schnecgans sich an der rechten Quelle nach den Arbeitsverhältnissen in Straßburg erkundigt hat, sonst hätte sein Blatt von einem reichlichen Verdienst der Erdarbeiter nicht fabeln können. Das„Elsässer Journal" altcrirte sich neu- lich auch darüber, daß eines unserer Organe, die„Berliner Fr. Presse", die naive Meinung habe, ein Abgeordneter müsse die Prinzipien seiner Wähler nur einzig und allein vertreten, sonst sei er unmöglich für seine Wähler. Dazu meint das Organ des Herrn Schneegans, ein richtiger Abgeordneter dürfe nicht blos nach unten schauen, sondern auch nach oben. Das sagt dieselbe Zeitung, deren Redakteur sich bei Uebernahme der Redaktion einen Sohn von 1789 nannte. Nun, ein Sohn von 1789 ist er, aber ein ungerathener. Doch genug von diesem Republikaner; sein Benehmen im Reichstage wird vielleicht Diesem oder Jenem die Augen blenden, aber ein Arbeitergegner ist er doch. Doch ein Gutes haben die Zustände hier: es gehen vielen Arbeitern die Augen auf und sie schieben sammt und sonders die Hauptschuld an den hiesigen Mißständen der Regierung zu. Das wird zur Folge haben, daß bei der nächsten Rcichstagswahl hier in Straß- bürg anders gestimmt werden wird als zeither, denn den meisten � deutschen Arbeitern und hauptsächlich auch den Bahnhofsarbeitern, die 2 Mark täglich verdienen, ist des deutschen Reiches Herrlich- keit gründlich verleidet worden. Franz Siegle. Bremen. Allen Collegen zur Nachricht, daß wir von jetzt ab unser unentgeltliches Arbeitsnachweisungsbureau selbst leiten. Geschäflsstunden von 12'/, bis D/, Uhr Mittags und von 8>/, bis 10 Uhr«bends im Lokal: Hankenstraße 25, bei Herrn Lahmeier. Wir ersuchen alle rei- senden Collegen, hiervon Notiz zu nehmen und dortselbst zu verkehren, indem für ein billiges und gutes Nachtquartier, sowie gute Speisen und Getränke bestens gesorgt ist. Der Bevollmächttgte der Schneidergewerkschaft. Anzeigen tt. Zur Beachtung! Abonnements auf den„Vorwärts" und die „Neue Welt", B e st e l l u n g e n auf Schriften, sowie alle Geldsendungen und Annoncen sind nur an die Expedition, hingegen Berichte und Correspondenzen nur an die Redaktion des betreffenden Blattes zu adressiren. Leipzig, im März. Die Redaktion u. Expedition. ringer" Hof•t,Cn �-»ds 8 Uhr, im Thü- Oeffentliche Schneider-Versammlung. Tagesordnung: 1. Die Bedeutung der Gewerkschaften. Referenten Ramm und Werner. 2. Neuwahl der Arbeitsnachweis-Commisfion. O-70] Aug. Zipfel. �Plthttife Arbeiterverein. lF261) JltUDUllJ» Montag, den 12. März, Abends 3>/2 Uhr, in der Restauration„Zur weißen Taube": Oeffentliche Versammlung. Tagcsord.: Vortrag üb. d. Landgeme ndeordnung. Res: H. Ramm. Ein politisch und ökonomisch mehrfach gemaßregelter Parteigenosse, in den kaujm. Buchführungen erfahren, der französischen und englischen Correspondenz mächtig, auch literarisch befähigt, sucht Stellunq. Adr. sagt die Exped. d. Bl.(3c) fi,I> Bei E. Bidder in Leipzig erschien und ist durch die Expedition des„Vorwärts" zu beziehen: Politische Gründer und die Korruption in Deutschland. Von vi'. Rudolph Meyer. Preis 4 Mark. Der bekannte Sozialpolitiker giebt in diesem seinem neuesten Werke eine Geschichte der Corruption in Deutschland, welche die Unhaltbarkeii des Bismarck'jchen Systems darthun soll und in der Forderung einer Beseitigung desselben sammt seinem Träger gipfelt.(45» � „Die Neue Welt." Jllustrirtes Unterhaltungsblatt. Wöchentlich 1'/, Bogen. Preis vierteljährlich Mk. 1,20. In Hefte» ü 30 Pfg. II. Jahrgang. Auflage über 30,000. Jede HZuchhandtung und �ostanstakt nimmt Nesttlkungen an. Die L.jer unserer Parteldtätier machen wir darauf ausmerksoM daß zur Emsührung der„Neuen Welt" „Jllustrirte Prospekte" gratis versandt werden, welche ein Berzeichniß des Inhalts der ersten Stummer von 187? und Jllustrationsproben enthalten. Die Verbreitung der Prospekte in Versammlungen, Vereinen, Werkstätten, Wirthschasten und Familien wird den Gesinnungsgenossen als bestes Agitationsmittel dringend an'S Herz gelegt. Wir bitten de» Bestellung Zahl des Bedarfs und genaue Adresse anzugeben. Plakate zum Aushängen in öffentlichen Lokalen und Sammellisten stehen zu Diensten. Die Genosscnschastsbuchdrirckerei. Leipzig, Färberstraße IL/ II. Soeben erschien: Die Märtyrer der Commune in Neucaledonien. Berichte zweier Entwichenen. Bon "gfaschat chrousset und Ar. Isurdc. Preis: 30 Pfennig. Der Ertrag dieser deutschen Uebersetzung ist für die deportirten Com' munards und deren Familien bestimmt. Ein grauenhaftes Bild menschlichen Elends und menschlicher Nieder' tracht entrollen die Verfasser. Die wenigen Bogen bilden ein unver- löfchlicheS Denkmal der Schmach für die Henker der Pariser Commune- Verlag der Genossenschafts-Buchdruckerei in Leipzig- Färberstraße 12/Il. _____ B-rantwonlicher Redakteur: W. Hasenclever in Leipzig. Redaktion und Expedition Färberftraße 12/Il. in Leipzig. Druck und Verlaq der Genoffenschastsbuchdruckerei in Leipzig