Erscheint in Leipzig Mittwoch, Freit-g, Sonntag. «bounewentspreis für ganz Teutichlaad t M. SO Pf. Pro CiHital. Monats- Wonnements tverdm bei allen dtillchen Poftanstaltrn aus den 2. und Z. vtonat, und aus den Z.Monat b- s» n d er seangenommen■. im Sönigt. Sachsen unt Herzoglh. Sachsen- Altenburg auch als den bten Monat dei OuartaS i 54 Pfg. Jnstratr betr. Versammlungen xr. Petitzeile 10 Pf., betr. Prioatangcleg nheiten und Feste pro Petitzeie Z0 Ps. Vorwnrls Vestellungeu nehmen an alle Postanstalten und Buch» Handlungen de» In- u. Auslandes. Filial- Expeditionen. New-Porl: Soz.-demolr. Genosien- schastsbuchdrulterei, 154 LlSeichxe Str. Philadelphia: P. Haß, eso IZortd Zra Street. I. Boll, 1129 Charlotte Str. Hobolen: F. A. Sorg«. Ilh i c a g o: A.Lansermann, Ii Clybourne•»«. San FranziSco: F. gnß, 418 O'FarreU Street. London: Bauditz, 5 Nassau Street, Uiddlesex Hospital. Gentrat Grgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr 44.1 Sonntag, 15. April. 1877. Congrch dA Sozialdemokraten Deutschlands. Parteigenossen! Von Eich mit der Vertretung der Interessen des arbeitenden Volkes in ttcichstage betraut, halten wir es für unsere Pflicht, uns mit �.ch. 6er die nun vorzunehmenden weiteren Schritte, in und au r dem Reichstage, zu verständigen. Besonders er- scheint s ins noth n endig, den Plan für die weitere Agitation und C. s m sation der Partei festzustellen. Un di mit Er olg thun zu können, berufen wir, im Ein- Verständnis mit Parteigenossen an vielen Orten, hiermit vom 27. bi 3:Rai nen Congreß der Sozialdemokraten Deutschlatds, nach Hotha. Das Coigreßlokal befindet sich im Gasthof zum „Fhüringer Kas". Parieignossenl Die großartigen Erfolge, welche wir bei den letzte!' Wahlen erzielten, haben gezeigt, daß die fozialisttsche Arbciterp rtei in Deutschland zu einer Macht und Stärke heran- gewachsen ist, gegen welche die reaktionären Gewalten vergebens ankämpfet. Unsere Partei noch mehr zu festigen und vor allem ihre einhetliche Entwicklung zu wahren und zu fördern, das soll die Aufgche des bevorstehenden Congresses sein. Wir rwarten deshalb, daß Ihr denselben zahlreich beschickt. Außerden wird es sich empfehlen, daß Ihr über den bevor- stehenden Congreß in Euren Versammlungen diskutirt, dessen Dagesordung einer eingehenden Besprechung unterzieht und die Resultate Eurer Debatten in Gestalt von Anträgen vor den Congreß b igt. Zutrittpa dem Congreß haben solche Parteigenossen, welche von einer Arbeiter- oder Volksversammlung zu Delegirten ge- wählt wrnvtt. Um dieVertretung nach einheitlichem System zu ermöglichen, wird bestinnt, daß nur die in einer und derselben Versammlaug eines Orte gewählten Delegirten auf dem Congreß Zutritt haben. Di Delegirten haben sich durch ein Mandat, welches von den Ersitzenden und Schriftführern der Wahlversammlung unterzeichne sein muß, zu legitimiren; außerdem ist es nöthig, daß der Votstzende der Wahlversammlung dem mitunterzeichneten I. Auer. Auburg, Pferdemarkt 37, von der Wahl und dem Namen des Delegirten brieflich Kenntniß giebt. Die vor�.figc Tagesordnung des Congresses lautet: 1) Bericht aer sozialistischen Reichstagsabgeordneten über ihre Thäticeit in oer ersten Session des Reichstags. 2) Bericht über Gang und Stand der sozialisttschen Agitation in Detschland mit besonderer Berücksichtigung der Wahl vom 1. Januar 1877. 3) Die so�alistiichen Organisationen in Deutschland. 4) Die Prteipresse. Antrüge um Congreß sind spätestens bis zum 15. Mai an Auer zu seihen, falls sie auf die definitive Tagesordnung des Congresses gsetzt werden sollen. Mit sozialdemokratischem Gruß I. Auer. A B� el. W. Blos. W.Bracke jr. Temmler. F. W. ie. W. Hasenclever. A. Kapell. W. Liel knec ih. Most. I. Motteler. Rittinghausen. Enttturs eines Arbeiterschuizgeselzes. Eine endgiltige Revision des Entwurfs, der nun eingereicht ist m.d mit c>n übrigen Anträgen auf Abänderung der Ge- werbeordnung in den nächsten Tagen zur Diskussion kommen wird, hat z* folgenden Correkturen und Veränderungen ge- führt: In>'1?bsatz 3 muß es heißen§ 142a, anstatt§ 142b. § 106 Absitz 2 ist nach Werkstatt zu setzen: bez. Werkplatz. § 107 Absitz 3: Arbeitgebern und Arbeitnehmern, anstatt Arbeitgeber um Arbeitnehmer; und am Schluß desselben Ab- fatzes: die Hiuptpause muß in die Mitte der Arbeitsschicht fallen, statt: Ue Arbeitspause muß in der Mitte der Arbeits- schicht stattfinder. § III: Falrik- oder, statt Fabrik- und Werkstatt- ic. § 112 ist ils vorletzter Absatz einzufügen: Ein Exemplar der vom Gew'rbegericht genehmigten Fabrik-, Werkstatt- bez. Werkplatzordnuig ist in jedem Arbcitsraum an einer Stelle auf- zuhängen, wo?s lesbar zugänglich ist. In H llj>)at der Passus von„oder wenn" bis„auferlegt" wegzufallen, md ist statt dessen als zweiter Absatz einzufügen: Die Kündigungsfristen müssen für beide Theil gleich sein. § 123 miß es am Schluß:§ 125 jc. heißen, anstatt §139 jc.; um am Schluß des§ 124: 120, anstatt 119. Am Schluß des§ 125„mittelbar" statt unmittelbar. „ Im zweite» Absatz des§ 123: 108 vorletzter, anstatt 108 letzter. .§ 131 hat zu lauten: Jeder Lehrvertrag muß, um rechts- Na», l'ch zu sein, schriftlich abgeschlossen werden und ist durch gläubigen" Gewerbegericht kosten- und stempelfrci zu be- zufügen� �"verbrechen oder Vergehen": gemeiner ein- lichcu � 2:»gew erbegerichtlichen" anstatt polizei- s iÄ9r Ap'l l"ach§ 142c: und 150. t~rr Ii;*« V akeine Berufung"; sondern nur m - si �I5desanwendung die Nichtigkeitsbeschwerde. ��gerÄe") �(142c) rae9 l"3n aIl£n" � Artisi V., Absatz z, muß lauten:„Absatz 3 des§ 143 und die Nummer si des si 148 find aufgehoben. Zwischen dem 1. und 2. Absatz des Z 150 ist einzufügen: In gleicher Höhe ist zu bestrafen, wer gegen Z 132 und§ 136 verstoßen hat. Im Anfang des 2. Absatzes ist statt„er" zu setzen, der Zuwiderhandelnde. !_ Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Philosophie. Von Friedrich Engels. XI. „Für das politische und juristtsche Gebiet liegen den in die- fem Kursus ausgesprochenen Grundsätzen die eindringendsten Fachstudien zu Grunde. Man wird daher... davon ausgehen müssen, daß es sich hier... um die konsequente Darstellung der Ergebnisse des juristischen und staatswissenschaftlichen Gebiets gehandelt hat. Mein ursprüngliches Fachstudium war gerade die Jurisprudenz, und ich habe derselben nicht nur die gewöhnlichen drei Jahre der theoretischen Universitätsvorbereitung, sondern auch während neuer drei Jahre gerichtlicher Praxis noch ein fortgesetztes, besonders auf die Vertiefung ihres Wissenschast- lichen Gehalts gerichtetes Studium gerichtet... Auch würde sicherlich die Kritik der Privatverhältnisse und der entsprechen- den juristischen Unzulänglichkeiten nicht mit gleicher Zuver- ficht haben auftreten können, wenn sie sich nicht bewußt gewesen wäre, überall die Schwächen des Faches ebensogut wie dessen stärkere Seiten zu kennen." Ein Mann, der so von sich selbst zu sprechen berechtigt ist, muß von vornherein Vertrauen einflößen, besonders gegenüber dem„einstigen, eingestandenermaßen vernachlässigten Rechts- studium des Herrn Marx". Wundern muß es uns deßhalb, daß die mit solcher Zuversicht auftretende Kritik der Privatrechtsver- Hältnisse sich darauf beschränk, uns zu erzählen, daß es„mit der Wissenschastlichkeit der Jurisprudenz... nicht weit her" ist, daß das positive bürgerliche Recht das Unrecht ist, indem es das Gewalteigenthum sanftionirt, und daß der„Naturgrund" des Kriminalrechts die Rache ist— eine Behauptung, an der nur die mysttsche Verkleidung in den„Naturgrund" allenfalls neu ist. Die staatswissenschaftlichen Ergebnisse beschränken sich auf die Verhandlungen der bewußten drei Männer, von denen der Eine die Andern bisher vergewaltigt, und wobei Herr Dühring alles Ernstes untersucht, ob es der Zweite oder der Dritte ist, der die Gewalt und die Knechtschaft zuerst eingeführt hat. Verfolgen wir jndeß die eindringendsten Fachstudien und die durch dreijährige gerichtliche Praxis vertiefte Wissenschaftlichkeit unseres zuversichtlichen Juristen etwas weiter. Von Lassalle erzählt uns Herr Dühring, er sei„wegen der Veranlassung des Versuchs zum Diebstahl einer Kassette" in Anklagezustand versetzt worden,„ohne daß jedoch eine gerichtliche Verurtheilung zu verzeichnen gewesen wäre, indem die damals noch mögliche sogenannte Freisprechung von der Instanz platzgriff... diese halbe Freisprechung." Der Prozeß Lassalle's, von dem hier die Rede ist, wurde verhandelt im Sommer 1848 vor den Assisen zu Köln, wo, wie fast in der ganzen Rheinprovinz, das französische Strafrecht in Kraft war. Nur für polittsche Vergehen und Verbrechen war das preußische Landrecht ausnahmsweise eingeführt gewesen, aber schon im April 1848 wurde diese Ausnahmsbestimmung durch Camphausen wieder bescittgt. Das französische Recht kennt durch- aus nicht die liederliche preußische Landrechtskategorie einer„Ver- anlassung" zu einem Verbrechen, geschweige der Veranlassung des Versuchs eines Verbrechens. Es kennt nur Anreizung zum Verbrechen, und diese, um strafbar zu sein, muß gcschehn„durch Geschenke, Versprechungen, Drohungen, Mißbrauch des Ansehns oder der Gewalt, listige Anstiftungen oder sträfliche Kunstgriffe" ((Zocke pönal, art. 60). Das in das preußische Landrecht ver- tiefte öffentliche Ministerium übersah, ganz wie Herr Dühring, den wesentlichen Unterschied zwischen der scharf bestimmten ftan- zösischen Borschrift und der verschwommenen landrechtlichen Un- bestimmthcit, machte Lassalle einen Tendenzprozeß und fiel glän- zend durch. Denn die Behauptung, als kenne der französische Strafprozeß die preußische landrechtliche Freisprechung von der Instanz, diese halbe Freisprechung, kann nur Jemand wagen, der auf dem Gebiet des französischen modernen Rechts ein voll- ständiger Ignorant ist; dies Recht kennt im Strafprozeß nur Verurtheilung oder Freisprechung, kein Mittelding. Somit sind wir im Falle sagen zu müssen, daß Herr Dühring sicherlich nicht mit gleicher Zuversicht diese„Geschichtszeichnung großen Styls" an Lassalle hätte verüben können, wenn er den Code Napoleon jemals in der Hand gehabt hätte. Wir müssen also konstatircn, daß Herr Dühring das einzige modern-bür- gerliche, auf den gesellschaftlichen Errungenschaften der großen französischen Revolution ruhende und sie ins Juristtsche über- setzende Gesetzbuch, das moderne ftanzösische Recht, gänzlich unbekannt ist. Anderswo, bei der Krittk der nach französischem Muster auf dem ganzen Kontinent eingeführten, nach Stimmenmehrheit ent- I scheidenden Gcschwornengerichte, werden wir belehrt:„Ja, man wird sich sogar mit dem, übrigens nicht einmal geschichtlich bei- � spiellosen Gedanken vertraut macheil� können, daß eine Verur- � theilung mit Widerspruch der Stimmen in einem voll- kommenen Gemeinwesen zu den unmöglichen Institutionen ge- I hören sollte... Jedoch muß diese ernste und tief geistige Auf- fassungsart, wie schon oben angedeutet, für die überlieferten Ge- bilde darum als unpassend erscheinen, weil sie für dieselben zu gut ist." � Es ist Herrn Dühring abermals unbekannt, daß die Em- stimmigkeit der Geschworenen nicht nur bei strafrechtlichen Ver- urtheilungen, sondern auch bei Urtheilen in bürgerlichen Pro- zessen, unumgänglich nothwendig ist nach dem englischen gemeinen Recht, d. h. dem ungeschriebnen Gewohnheitsrecht, das seit un- vordenklicher Zeit in Kraft steht, also mindestens seit dem vier- zehnten Jahrhundert. Die ernste und tiefgeistige Auffassungsart, sie nach Herrn Dühring für die heutige Welt zu gut ist, hat in England also gesetzliche Geltung gehabt schon im dunkelsten Mittelalter, und ist von England nach Irland, nach den Ver- einigten Staaten Amerikas und nach allen englischen Kolonieen übergeführt worden, ohne daß die eindringendsten Fachstudien dem Herrn Dühring auch nur ein Sterbenswörtchen davon ver- rathen hätten! Das Gebiet der Geschwornen- Einstimmigkeit ist also nicht nur unendlich groß gegenüber dem winzigen Geltungs- bereich des preußischen Landrechts, es ist auch ausgedehnter als alle die Gebiete zusammen genommen, auf denen die Geschwor- nen-Mehrheit entscheidet. Nicht nur, daß Herrn Dühring das einzige moderne, das französische Recht total unbekannt ist, er ist auch ebenso unwissend in Beziehung auf das einzige germanische Recht, das sich unabhängig von römischer Autorität bis auf die heutige Zeit fortentwickelt und auf alle Welttheile ausgebreitet hat— das englische Recht. Und warum nicht? Denn die eng- tische Art der juristischen Denkweise„würde doch Angesichts der auf deutschem Boden bewerkstelligten Schulung in den reinen Begriffen der klassischen römischen Juristen nicht standhalten," sagt Herr Dühring, und ferner sagt er:„was ist die englisch- redende Welt mit ihrer kinderhaften Gemengselsprache unserer urwüchsigen Sprachgestaltung gegenüber?"— Worauf wir nur mit Spinoza antworten können: ljjnorantia non est argumentum, die Unwissenheit ist kein Beweisgrund. Wir können hiernach zu keinem andern Schlußergebniß kommen, als daß Herrn Dühring's eindringendste Fachstudien darin be- standen, daß er drei Jahre lang theorcttsch in das Corpus Juris, und weitere drei Jahre praktisch in das edle preußische Landrecht sich vertieft hat. Es ist das sicherlich auch schon ganz verdienstlich, und genügend für einen recht achtungswerthen altpreußifchen Kreisrichter oder Advokaten. Wenn man aber eine Rechtsphilo- sophie für alle Welten und Zeiten zu verfassen unternimmt, so sollte man doch auch einigermaßen Bescheid wissen in den Rechts- Verhältnissen von Nationen wie die Franzosen, Engländer und Amerikaner, Nationen, die eine ganz andre Rolle in der Ge- schichte gespielt haben als der Winkel von Deutschland, wo das preußische Landrecht florirt. Doch sehen wir weiter zu. „Die bunte Mischung von Orts-, Provinzial- und Landes- rechten, die sich in sehr willkührlicher Weise bald als Gewohn- heitsrecht, bald als geschriebenes Gesetz, oft unter Einkleidung der wichtigsten Angelegenheiten in reine Statutarform, in den ver- schiedensten Richtungen kreuzen— diese Musterkarte von Unord- nung und Widerspruch, auf welcher die Einzelheiten das Allge- meine, und dann gelegentlich wiederum die Allgemeinheiten das Besondere hinfällig machen, ist wahrlich nicht geeignet, ein klares Rechtsbewußtsein bei irgend Jemand... möglich zu machen."— Wo aber herrscht dieser verworrene Zustand? Wieder im Gel- tungsbereich des preußischen Landrechts, wo neben, über oder unter diesem Lanorecht Provinzialrechte, Ortsstatuten, hie und da auch gemeines Recht und anderer Quark die verschiedensten relattven Abstuftingen von Gültigkeit haben und bei allen prak- tischen Juristen jenen Nothschrei hervorrufen, den Herr Dühring hier so sympathisch wiederholt. Er braucht gar nicht sein ge- liebtes Preußen zu verlassen, er darf nur an den Rhein kommen um sich zu überzeugen, daß dort von alledem seit siebzig Jahren keine Rede mehr ist— von andern civilisirten Ländern gar nicht zu reden, wo dergleichen veraltete Zustände längst beseitigt sind. Ferner:„In einer weniger schroffen Art tritt die Ver- schleierung der natürlichen individuellen Verantwortlichkeit durch die geheimen und hiermit anonymen Kollektivurtheile und Kollek- tivhandlungen von Kollegien oder sonstigen Behördeneinrichtungen hervor, die den persönlichen Antheil eines jeden Mitgliedes mas- kiren." Und an einer andern Stelle:„In unserm heutigen Zu- stände wird es als eine überraschende und äußerst strenge Forderung gelten, wenn man von der Verhüllung und Deckung der Einzelverantwortlichkeit durch Kollegien nichts wissen will." — Vielleicht wird es für Herrn Dühring als eine überraschende Mittheilung gelten, wenn wir ihm sagen, daß im Gebiet des englischen Rechts jedes Mitglied eines Richterkollegiums sein Urtheil in öffentlicher Sitzung einzeln abzugeben und zu be- gründen hat; daß die Verwaltungskollegien, so weit sie nicht ge- wählt sind, und öffentlich verhandeln und abstimmen, eine vor- zugsweise preußische Einrichtung und in den meisten übrigen Ländern unbekannt sind, und daß daher seine Forderung für überraschend und äußerst streng eben nur gelten kann— in Preußen. Ebenso treffen seine Klagen über die Zwangseinmischungen der Religionspraktiken bei Geburt, Ehe, Tod und Bestattung von allen größeren civilisirten Ländern nur Preußen, und seit Ein- führung der Civilstandsregister auch dies nicht mehr. Was Herr Dühring nur vermittelst eines„socialitären" Zukunftszustandes fertig bringt, hat sogar Bismarck inzwischen durch ein einfaches Gesetz erledigt.— Nicht anders wird in der„Klage der mangel- haften Ausstattung der Juristen für ihren Beruf," eine Klage, die sich auch auf die„Verwaltungsbeamten" ausdehnen läßt, eine specifisch preußische Jcremiade angestimmt; und selbst der bis ins Lächerliche übertriebene Judenhaß, den Herr Dühring bei jeder Gelegenheit zur Schau trägt, ist eine, wo nicht specifisch preußische, so doch specifisch ostelbische Eigenschaft. Derselbe Wirklichkeitsphilosoph, der auf alle Vorurtheile und Super- stitionen souverän herabsieht, steckt selbst'so ttef in persönlichen Marotten, daß er das aus der Bigotterie des Mittelalters über- kommene Volksvorurtheil gegen die Juden ein auf„Naturgrün- den" beruhendes„Natururtheil" nennt und sich bis zu der pyra- midalen Behauptung versteigt:„der Sozialismus ist die einzige Macht, welche Bevölkerungszuständen mit stärkerer jüdischer Un-! man übrigens an diese Möglichkeit kaum; selbst die vertrauten termischung(Zustände mit jüdischer Untcrmischung! welches Na- Freunde des Reichskanzlers meinen, daß er bei seinem„überaus turdeutsch!) die Spitze bieten kann." krankhaften Zustande, seiner permanenten Schlaflosigkeit" auch Genug. Die Großprahlerei mit der juristischen Gelahrtheit nach Ablauf des Urlaubs seine Geschäfte schwerlich wieder zu hat zum Hintergrund— im besten Falle— die allerordinärsten übernehmen im Stande sein wird. Fachkenntnisse eines ganz gewöhnlichen altpreußischen Juristen. Das juristische und staatswisienschaftliche Gebiet, dessen Ergeb-— Die beiden ersten Sitzungen des Reichstags nach nisse uns Herr Dühring konsequent darstellt,„deckt sich" mit dem den Ferien verliefen höchst langweilig? wäre Jemand so grausam Geltungsbereich des preußischen Landrechts. Außer dem jedem gewesen, auszählen zu lassen, so hätten wahrscheinlich'gar keine Juristen, jetzt selbst in England so ziemlich geläufigen römischen Sitzungen stattfinden können. Das Einzige, was in der Recht, beschränken sich seine juristischen Kenntnisse einzig und I Mittwochssitzung das Interesse der anwesenden Abgeordneten allein auf das preußische Landrecht, jenes Gesetzbuch des aufge-. auf kurze Zeit fesseln konnte, war der preußische Schnaps und klärten patriarchalischen Despotismus, das in einem Deutsch gc- der Bismarck'sche Urlaubsbrief. Letzterer läßt Alles in der Schwebe: schrieben ist, als wäre Herr Dühring dort in die Schule ge- gangen, und das mit seinen Moralglossen, seiner juristischen Un- bestimmtheit und Haltlosigkeit, seinen Stockprügeln als Tortur- und Strafmittel noch ganz der vorrevolutionären Zeit angehört. Was darüber ist, das ist für Herrn Dühring vom Uebel— so- wohl das modern-bürgerliche französische Recht wie das englische dem Urlaub ist keine Grenze gesetzt, was mit anderen Worten bedeutet, daß die Reichskanzlerkrisis auf unbestimmte Zeit fort- dauert. An eine Rückkehr Bismarcks an das Staatsruder glauben nur sehr Wenige, den Reptilienblättern zum Trotz, die so thun, als ob Alles beim Alten bliebe. Im Grunde genom- men begehen diese Blätter, die es jetzt so darstellen, als hätte Recht mit seiner ganz eigenartigen Entwicklung und seiner auf Fürst Bismarck blos um einen Druck auszuüben seine Entlassung dem ganzen Kontinent unbekannten Sicherung der persönlichen gegeben, eine Bismarckbeleidigung, wie sie kirger nicht gedacht Freiheit. Die Philosophie, welche„keinen bloß scheinbaren j werden kann.— Im Augenblick, wo dieses Blatt zur Presse Horizont gelten läßt, sondern in mächtig umwälzender Bewegung geht(Freitag), beschäftigt sich der Reichstag mit dieser, in mehr alle Erden und Himmel der äußeren und innern Natur aufrollt" als einer Hinsicht traurigen Angelegenheit. Wie? das werden — sie hat zu ihrem wirklichen Horizont— die Grenzen der wir in nächster Nummer sehen. sechs altprcußischen Ostprovinzcn, und allenfalls noch der paar sonstigen deutschen Landfetzen wo das edle Landrecht gilt; und— Der Kronzeuge Matthiä— unsere Leser werden sich jenseits dieses Horizonts rollt fie weder Erden noch Himmel, vom letzten Berliner Arnimprozesse her des Elenden noch er- weder äußere noch innere Natur auf, sondern nur das Gemälde, innern— ist mit reichem Lohne für seine Erbärmlichkeit aus der krassesten Unwissenheit über Das was in der übrigen Welt, der Reichshauptstadt wieder in seine Heimath zurückgekehrt. vorgeht. Einige Zeit hat er in der Decker'schen Hofbuchdruckerei das Amt Wenn Herr Dühring die englische Sprache eine„kinderhafte eines Correktors versehen, der Sprung vom Setzerlehrling zu Gemengselsprache" nennt, also an der Sprache Shakespeares und j dieser Stellung scheint aber dem hochstrebenden„Ehr"geize des Byrons, Walter Scotts, Hume's und Gibbon's nicht ihren Reich- Subjektes nicht genügt zu haben; er fühlte sich unbehaglich und thum und ihre Kraft, sondern nur den augenfälligsten Umstand wünschte eine„anständigere" Versorgung. Das war jedoch nicht bemerkt, daß sie bei einer wesentlich germanischen Grammatik leicht, da selbst die Kreise, welche die Spionage seiner Zeit als einen großentheils romanischen Wortschatz besitzt— so beweist patriotische Heldenthat feierten, sich verschlossen zeigten. Es fand er damit bloß, daß er nicht Englisch genug versteht um die sich indeß schließlich ein Ausweg— der Kronzeuge erhielt eine Sprache beurtheilen zu können. Auch Herr Dühring kann trotz Anstellung in der Registratur der deutschen Gesandtschaft in der gerühmten deutschen urwüchsigen Sprachgestaltung nicht ohne Japan; er ist mit Paß und Reisegeld ausgerüstet und hält sich zahlreiche lateinische und griechische technische Bezeichnungen zu nur noch zu dem Zwecke in seiner Heimath auf, um seine Ab- recht kommen; mit demselben Recht könnte also ein Slave, oer schiedsbesuche zu machen. Auch dem Vaterhause hat er einen diese Fremdwörter fast alle durch slavische Ausdrücke ersetzen Besuch abgestattet, dort aber eine solche Aufnahme gefunden, daß kann, der in Grammatik, Naturwissenschaft, Philosophie ic. eine ihm die Abschiedsbesuche wohl verleidet sein werden. fast rein slavische Terminologie hat, von der kinderhaften Ge-! Daß dieser Mensch ebensowohl in Japan als in Europa zu mengselsprache des Herrn Dühring sprechen. Einen Mangel allen nützlichen und ehrenhaften Beschäftigungen— Dank seinen hat die englische Sprache allerdings: man muß in ihr klar und deutlich schreiben und damit ist es ihr unmöglich gemacht, die „wurzelhaften Konzeptionen" des Herrn Dühring (Schluß folgt.) Sozialpolitische Uebersicht. — Die Kanzlerkrisis ist vorläufig beendet und an- scheinend nicht so sehr zu Ungunsten des Reichskanzlers, als man ursprünglich glauben oder, auf nationalliberaler Seite, fürchten wollte. Bismarck hat dem Präsidium des Reichstags schriftlich angezeigt, daß er wegen seiner geschädigten Gesundheit einen Urlaub erhalten habe; während dessen— nicht angegebener— Dauer ihn bezüglich der inneren Reichsangelegenheiten der Prä- sident des Reichskanzleramts, Hofmann, und bezüglich der aus- wältigen der Staatssekretär v. Bülow vertreten werde. Der ursprünglich für die Vertretung in den inneren Angelegenheiten in Aussicht genommene Herr Camphausen ist also entweder von Bismarck glücklich bei Seite geschoben worden, oder er hat sich selbst zurückgezogen, das letztere vielleicht deshalb, weil ihm eine volle Vertretung des Reichskanzlers mit dem Rechte der Gegen- Zeichnung aller kaiserlichen Erlasse nicht übertragen, Bismarck also vorläufig und formell noch gerade wie bei den früheren Urlaubsfällen an der Spitze der Geschäfte belassen werden sollte. Die Nationalliberalen athmen auf— das Schlimmste, der offen- bare, jähe, nicht mehr gutzumachende Sturz ist für den Augen- blick abgewendet— der Name Bismarck prangt nach wie vor in eitel güldenen Lettern über dem Reichsportal. Der Name freilich blos— aber das genügt den liberalen Seelen, denen es, abgesehen von Geld- und Kapitalfragcn, bei denen sie sich immer an das Reell»Greifbare, an den Kern der Sache halten, nur um den Schein zu thun ist. Die Blamage des Bankerotts der Bismarck'schen Reichsherrlichkeit ist vertagt; die Jntriguen für den Reichshalbgott können, unterstützt von der tausendstim- migen Preßmeute der Reptilienzucht, von neuem ihr Spiel be- ginnen; vielleicht kehrt er doch wieder, der„Gründer" des deutschen Reichs, der„größte Staatsmann des Jahrhunderts", der abgethane Bismarck. In parlamentarischen Kreisen glaubt Verführern in Amt und Würden!— verdorben ist, darüber kann kein Zweifel herrschen; ebensowenig darüber, daß er bis wiederzugeben, an sein Lebensende preußischer Staatspensionär bleiben wird. Bismarck's Preußen ist ja reich genug, seine Schande zu be- zahlen! — Ein interessanter Gotteslästerungsprozeß kam am 7. April vor dem Schwurgericht zu Eßlingen zur Ver- Handlung. Der Angeklagte ist der 81jährige Lehrer an der Stuttgarter Realschule, Professor Karl Friedrich Eugen Maier. Im Frühjahr 1876 war im Verlage von Conrad Wittwer in Stuttgart eine von Maier verfaßte Schrift„Versuch einer mo- nistischen Begründung der Sittlichkeitsidee" erschienen und in circa 400 Exemplaren verbreitet worden. Auf eine Denunziation des evangelischen Pfarrers Kapff von Rieth wurde wegen einer Stelle Anklage erhoben auf Grund des§ 166 des Strafgesetz buchs, da nach Ansicht des Denunzianten und der Staatsanwalt- schaft darin öffentlich durch beschimpfende Acußerungen Gott ge- lästert sei. Die inkriminirte Stelle lautet: „Gerade vom moralischen Gesichtspunkte aus kann man, mag es auch noch so blasphemistisch klingen, sich des Gedankens nicht wohl erwehren, daß ein allmächtiger und allwissender Gott, der alles das namen- und zahllose Elend(zu dessen Linderung und Minderung nach Kräften beizutragen Lebenszweck des edlen Menschen ist) auf Erden zuließe, während er es doch durch einen bloßen Willensatt verhindern könnte, selbst in dem Falle, wenn dasselbe verschuldet sein könnte(was doch durchaus nicht zutrifft) nach geläuterten sittlichen Begriffen ein rachedürstendes mo- ralisches Ungeheuer sein müßte, das nach dem bekannten Ausspruche eines Communards guillotinirt zu werden verdiente. Man denke, abgesehen von den alltäglichen Men- schen- und Thierquälereien, an Fälle wie die Bremerhafener Explosion und die durch gräßliches Unglück gestörte Weihnachts- feicr in Herlikon." Die gesperrt gedruckten Worte sollen nach der Ansicht des öffentlichen Anklägers die Gotteslästerung enthalten. Der Ange- klagte bestritt entschieden, sich dieses Vergehens schuldig gemacht zu haben, da er weder sich eines solchen bewußt gewesen, noch die Absicht dazu gehabt. Der wissenschaftliche Charakter der Schrift spreche dagegen. Der Angeklagte citirt nun mehrere philosophische Schriften, in denen mit dürren Worten ganz ähn- liche„beschimpfende Aeußerungen" sich vorfanden, insbesondere eine Aeußerung von John Stuart Mill in seiner Selbstbiogra- phie, kürzlich herausgegeben in Stuttgart, welche Aeußerung dahin geht, daß ein solcher Gott der„Inbegriff alles erdenklich Hassenswerthen" sei. Warum der Staatsanwalt nicht den Ruhm suche und die Pflicht erfülle, diese Schrift zu verfolgen? Der Angeklagte hebt weiterhin mit Recht hervor, daß die„Frommen" den unter anständigen Leuten einzig richtiger Weg hätten ein- schlagen sollen, nämlich: Gegengründe aufzustellen; statt dessen hätten sie ihn denunzirt. Dem gegenüber hebt die Staatsan- waltschaft hervor, dem Angeklagten habe es nicht an dem Be- wußtsein und der Absicht des Vergehens gefthlt. Der wissen- schastliche Charakter des Werkes könne nimmer einen objektiv beschimpfenden Ausdruck wie„rachedürstendes moralisches Unge- Heuer" decken, der geeignet sei, ein Aergernfß zu geben. Die Geschworenen standen diesmal auf Seiten»er Vernunft und fällten nach kaum viertelstündiger Berathung:iit einer Mehrheit von 8 gegen 4 Stimmen den Wahrspruch �rf„Nichtschuldig", worauf die Freisprechung des Prof. Maier erfolgte. Somit wäre dieser eine Angriff eines Imiglichen Staats- anwalts auf die Wissenschaft und ihre Lehr gescheitert. Be- schämenderweise— für alle Reichsbegeisterten— gehört dieser Fall zu den Ausnahmen im deutschen Reiche. — Bevormundung der studirenden Jucend. Man schreibt uns aus Münster ä. ck. 9. April: Zur hiesigen Aka- demie gehört ein Lesezimmer, auf dem außer den auswärtigen Zeitschriften und Blättern, die gehalten werden, die Pflicht- exemplare sämmtlicher Zeitungen der Provinz Westfalen auf- liegen. Nur die„Westfälische Freie Presse" fehlt, obwohl, wie wir gehört haben, die Redaktion derselben von dem Bibliothekar eigens aufgefordert ist, ein Pflichtexemplar zu liefew. Nun ist es zwar nicht die Pflicht der Bibliothek, die bei ihr einlaufenden Zeitungen auf dem Lesezimmer des Vereins auszllegen, und man konnte darum über das Fehlen der sozialdmokratischen „Westfälischen Freien Presse" höchstens sein Bedauett ausdrücken. Aber eines entschiedenen Tadels bedarf es, und es'.erdient als ein der ganzen Studentenschaft der hiesigen Akademie angethaner Schimpf und als Akt geistigen Despotismus an Pn Pranger gestellt zu werden, wenn die Auslegung der„Westfälichen Freien Presse" deshalb unterlassen bleibt,„weil die Studmten noch nicht fähig seien, die sozialdemokratischen Ideen nach ibrem wahren Werths zu verstehen und zu würdigen und veil man es nicht zulassen dürfe, daß die unerfahrene Jugend durch die Phrasen der sozialdemokratischen Presse auf deren Irrwege ge- führt werde." Wir fragen: Sind die Studenten etwa mehr„befähigt", die liberalen Lehren, die verwickelten liberalen Lehren von der complizirten Verwaltung, Politik und Volkswirtschaft, als dieeinfachen und klarenJdeenderSozialdemokratiezuvestehen? Wir fragen: Wo bleibt die Unterrichts- und Bildungsfreihnt, mit der sich die Liberalen so sehr brüllen? Ein Student all also in Beziehung auf sein Studium von dem oft sehr eschränkten Urtheil des Bibliothekars abhängig sein, ob dieser M für reif oder unreif erklärt, irgend eine Schrift zu verstehen! Das riecht schon stark nach russischen Zuständen oder nach deutsch» zu einer Zeit, wo die Druckerschwärze der Censur noch ihr schwarzen Male zeichnete. So viel wir wissen, sind obige Aeußerungen ftd das damit begründete Verfahren nur vom Bibliothekar Sander ausgegangen, und wir können nicht posittv behaupten, daß höhere Beeinflussungen dahinter stecken; aber nichtsdestlpeniger ver- muthen wir es. Bereits zu verschiedenen Malen nd Anträge gestellt worden, eins oder mehrere sozialdemokraftche Blätter von Außen zu halten, jedoch sind sie immer z rückgewiesen worden. Dabei ist zu bemerken, daß das Bewilligrlgsrecht von dem aus drei Lehrern und zwei Studenten bestehen!:» Vorstande geübt wird. Wir brauchen über die Maßregel keine Weilern Worte zu verlieren. Sie charakterisirt sich selbst als eine Jlustration zu den gepriesenen liberalen Zuständen Preußens. — Volksthorheit und Königsdank. Ale Herrscher-| familien, auch die allerschlechtesten, haben die Volkgutmüthigkeit für ihre Hauszwecke auszubeuten vermocht und mt Hilfe dieser unverzeihlichsten Charatterschwäche des Volkes mt dessen Gut und Blut schnöden Schacher, schamlosesten Mißbrauch getrieben. So fanden auch die 1866 aus Hannover vertribenen Welsen viele ihrer angestammten„Unterthanen" bereit, ach ihnen für den Fall einer, gleichviel wenn möglich werdend», Erhebung gegen das siegreiche Preußen zur bedingungslosen Verfügung zu Deutsche Plimsoll's. Für die Gegenwart ist„der deutsche Plimsoll" vorläufig noch ein frommer Wunsch; in der Vergangenheit haben aber Plim- soll's bei uns gelebt und gewirkt, und zwar am Rhein u. A. in Straßburg. Anläßlich der jüngst aufgetauchten Frage einer „Untersuchungscommission für Rheinschiffe" macht ein Corre- spondent der„Frankfurter Zeitung" auf die vor Kurzem er- schienene Schrift Carl Loeper's,„Die Rheinschifffahrt in Straßburg in früherer Zeit" aufmerksam. Darin wird erzählt, wie bei der Straßburger Schiffleut-Zunst, einer der angesehensten Gewerbecorporationen nicht bloß im alten„Stratiburg"(Straß- bürg), sondern auch entlang des ganzen Rheines— hatte man sie doch in einem gar nicht so sehr zu mißbilligenden Sinne die „Erfinder der Rheinschifffahrt" genannt— von der Zunft selbst jährlich fünf„frome, erbare" Männer erwählt wurden,� welche den Namen„Fertiger" führten, den heute kein Conversations- lexikon mehr kennt. Wir empfehlen das Wort Herrn Stephan für die Eisenbahnconducteure, die ja ohnehin schon jetzt, wenn sie den Zug abfahrtsfähig halten, ihr„fertig" erschallen lassen. Diese mußten beim Befrachten der Schiffe zugegen sein und darauf sehen, daß das Schiff nebst Zubehör in gutem Zustande sich befand und das Beladen ordnungsmäßig geschah. Sie mußten einen Eid des Inhalts schwören, daß sie Niemand ab- fahren lassen wollten, wenn Schiff und Geschirr nicht gehörig besichtigt wären.„Und sie bedunckhet", heißt es im alten Artikel- Buch der Zunft von 1446 wörtlich,„das der Schiffmann sich überladen habe oder der Ruder, der Lap(Steuer) zu klein vnd schwach were, oder Mangel am Rieggeschirr, dadurch Schaden vnnd Nachtheil, Windt oder Wetters halber möchte entstehen, so sollen sie den Schiffsman heißen wider außladen, wo die Ge- schir nit verschafft, andere zu nemmen, vnnd soll ihnen der Schiffsman hierinen gehorsamen ohne Widerredt, auch sollichen außgeladnen vbrigen Last einem andern, so nechst fahren will, vnnd der Last laden kan, zuweisen, darmitt der Kauffmann nit gesaumett werde." Mit der Abferttgung des Fahrzeugs über- antworteten sie gleichzeitig die Fracht in die Gewalt der Steuer- leute und übernahmen damit zugleich eine Verantwortlichkeit gegenüber den Befrachtern. Es lag nahe, denselben auch die Feststellung des Wasserstandes und die Bestimmung der zur Fahrt erforderlichen Zahl der Schiffsknechte zu überlassen. Auch die fiskalische Vertretung wurde in ihre Hände gegeben. Denn einer der Fertiger hatte stets nach erfolgter Befrachtung des Schiffes ein Verzeichniß der eingeladenen Güter anzulegen, welches von dem Schiffmann im Kaufhause abzugeben war, wo- selbst die im Interesse der Stadt zu erhebenden Gebühren ent- richtet wurden. Mindestens drei, später fünf beim Befrachten des Schiffes anwesende Fertiger hatten diese Verzeichnisse („Zettel") zu unterschreiben. Die besondere Sorge der Straß- burger Schiffer hatte freilich auch ihre besondere lokale Veran- lassung. Die Schifffahrt auf dem oberen Theile des Rheins war um so schwieriger, als häufig die hier und dort bewaldeten Ufer nach erfolgter Ueberspülung, abbrachen� und dadurch Bäume und Sträucher in die eigentliche Fahrstraße gelangten, welche nebst den Sandbänken die Flußbahn unsicher und für die Schiff- fahrt schwierig, ja selbst gefährlich machten. Darum wurde der Rhein vor Abfahrt eines jeden Schiffes bis nach Neuburg(bei Germersheim) visittrt: auf einem Kahn vorher abgesandte Steuerleute wurden verpflichtet, an jeder gefährliche» Stelle des Rheins, insbesondere da, wo ein verschlämmter Baum in der Fahrstraße lag, einen Stab einzuschlagen. Nach der zu Wagen ausgeführten Rückkehr der Steuerleute hatten dieselben einem der Ferttger genau anzugeben, in welchem Banne sie dergleichen Stäbe befestigt hatten. Erst dann gaben sie demselben die eid- liche Erklärung ab, daß sie bereit wären, das Schiff„mit Gottes Hilfe" zu führen. Sonderbarer Weise erhielten sich diese„Fertiger" noch, als die Straßburger Schiffleut-Zunft schon manchen schweren Stoß erlitten hatte und zur Neige ging. Nach wie vor wurde jedes Schiff unter der Aufsicht der Fer tiger, dieser Vertrauenspersonen des Handels- und Schiffer-! standes, beladen und expedirt. Erst mit dem Aufkommen einer neuen, auf Arbeitstheilung basirenden Selbstverwaltungsform der modernen Bersicherungs-Gesellschaften, mußten die Fertiger- weichen. Die Kaufleute und die Schiffer bedurften der Mittels- Personen nicht mehr, die Gefahr hatte ja ein linderer über- nommen: eben die Assekuranz- Compagnie. Welcher Unterschied zwischen dem Selfgorernement von heute und von damals! Loeper hat wohl.recht, wenn er sagt:„Man hat behauptet, daß die Zunft eine Krücke ge- wesen sei, an der die Genossen derselben Gehm und Stehen verlernten. Dies mag im Allgemeinen richtig seil, indessen bei der eigenartig organisirten Schiffleutzunft in-traßburg traf dies weniger zu; besaß dieselbe doch einzelne Vorzüge der mo- dernen Genossenschaft." — Tribünen-, Katheder- und sonstige Gedankenperlen. Wir erfreuen uns, so meinen die„Hess. Blätter", eines herrlichen Sagenkreises von Blüthen des Unsinns, die Tribüie und Katheder percnnirend umranken. Da hat im Sturm und Drang der Begeisterung — es war im Frciheitsrausch des Jahres 1848— ein ticdner in einem Bilde gesprochen, er hat die Herzen der Hörer getrosen und es folgt eine Explosion donnernden Beifalls. Und was hat der Demosthenes gesprochen? Er rief:„Wir wollen alle Schiffe Hinte» uns verbrennen und dann mit vollen Segeln hinaussteuern in den Ozelp der Freiheit!" Justizminister Hye rief damals den Wiener Studenten m der Aula zu: „Der Wagen der Revolution rollt und fleischt die Zähne!" Und welcher Blödsinn blüht in der loyalen Ansprache des rheinischer Bürgermeisters als der Reichsverweser durch seine Stadt kam.„Kein Dcltemich", sprach der Biedermann,„kein Preußen, ein einziges Deutschland! Das war der Spruch, den der Mund Ew. Kaiserlichen Hoheit stets im Auge hatte." Dem ähnlich giebt Professor Johannes Scher» in der 5. Auf- läge seiner allgemeinen Geschichte der Literatur von dcr Lyrik Lenau's folgende Charakteristik:„Aus dunkeln Regionen philosophischer Probleme läßt der Dichter plötzlich wunderschön» Liederschwärme auftauchen, die stolz und anmuthig zugleich über die räthselhaften Tüsen dahingleiten, fernblitzende Gedankenperlen im Schnabel tragend." Asso Lieder tragen Perlen im Schnabel! Und warum auch nicht? Die selige Mühlbach sagte von einem Mädchen, das tiefe Reue empfand:«Sie lnieete m dem Tempel ihres Inneren und betete inbrünstig". Das macht ihr kein Kautschukmann nach. Im deutschen Reichstag endlich hat Graf Bethusy Huc(die„Hessischen Blätter" nennen irrthümlich einen Graf Frankenberg, der indeß nicht existirt, und unter dem wohlder sauf dem Kothurn sitzende) Freiherr von Frankenstein verstanden sein soll) unsere stellen; und der in maßlosem Königsdünkel verkommene blinde Exkönig entblödete sich nicht, aus seinen„Getreuen" die ihrer- zeit vielgenannte„Welfenlegion" zu bilden. Ueber das Ende, welches dieselbe genommen, berichtet der„Hannov. Courier": „Es bestätigt sich, daß die letzten Schicksale und Unternehmungen der Legionäre ebenso traurig und erbärmlich gewesen sind, wie die Gründung der Legion thöricht und unbesonnen war. Be- kanntlich stammte ein großer Theil der jungen Leute aus dem Kreise Gifhorn; von dort erhalten wir jetzt genauere Kunde über die Schicksale der verblendeten, unglücklichen Mitglieder der Legion. Als im Jahre 1868 die Auflösung derselben angeordnet wurde, kehrte ein Theil der Leute in die Heimath zurück; eine Schaar von 200 Mann dagegen begab sich nach Amerika, blieb hier in einem gewissen Zusammenhange und wartete auf den günstigen Augenblick der Rückkehr nach Europa. Kauni erscholl die Kunde vom Ausbruch des Krieges zwischen Deutschland und Frankreich, als sich etwa 180 der Legionäre sofort an Bord eines Dampfers begaben zur Reise nach Frankreich, um am Kampfe gegen Deusschland Theil zu nehmen. Sie landeten Ende August. Da erfuhren sie die Nachricht, daß Deutschlands Armeen in mehreren Schlachten siegreich gewesen waren; und auch das Bitterste blieb ihnen nicht erspart: kein Franzose wollte ihnen glauben, daß sie kämen, gegen ihr eigenes Lolk zu kämpfen. Die Bezeichnung Lunnovrieus nutzte ihnen nichts; sie wurden für Spione gehalten, gefangen genommen und waren nahe daran, erschossen zu werden, als ein Befehl kam, sie gegen gefangene Franzosen auszuliefern. In Folge dessen wurden sie in die Nähe der deutschen Heere transportirt, ohne zu wissen, was aus ihnen werden sollte. Erst auf der vorletzten Station wurde ihnen mitgetheilt, wozu sie bestimmt waren; da erklärten alle, sich lieber sofort erschießen lassen zu wollen, als ausgeliefert zu werden. Nach Zeiten harter Noth und abermaliger Todesgefahr wurden die unglücklichen Leute endlich nach dem Süden Frank- reichs transportirt. Immer noch behandelt wie Spione, nicht erfreut durch die Nachrichten von neuen großen Siegen ihrer Landsleute, landeten sie im Herbst 1870 in Algier. Dort sind viele im Kampfe gefallen, noch mehrere sind vom Fieber fort- gerafft; nur wenige sind später nach Europa zurückgekehrt und fristen jetzt größtentheils in Oesterreich, fern von den Ihrigen, ihr verfehltes Dasein. Die Erfahrungen, welche sie 1870 in Frankreich gemacht haben, sind ihnen nicht unnütz gewesen; die Mittheilungen der Flüchtlinge haben in ihrer Heimath auf die thörichten Hoffnungen und Träume der welfisch gesinnten Land- bevölkerung ernüchternd und herabstimmend eingewirkt."— So- weit der„Hannoversche Courier"! Ob seine Mittheilungen in allen Punkten der Wahrheit entsprechen, ist gleichgiltig; im We- sentlichen sind sie richtig und enthalten eine Lehre, die sich die Leute da, wo es noch blinde Herrschertreue— Hundedemuth, statt Männerstolz, vor Königsthronen— geben sollte, hinter die Ohren schreiben mögen. Diese Art„Treue", welche auf ganz einseitiger, jeder vernünftigen Begründung und jeder Spur von Gegenseitigkeit entbehrenden Hingabe und Preisgebung der In- teressen des Einen an den Anderen beruht, verdient allerdings keine andere Art der Belohnung, als sie die Welfenlegionäre von ihrem Welfenkönige, der sie einem elenden Geschick schutzlos überliefert hat, empfangen haben. Die vornehmste Aufgabe eines Jeden, der als Mensch geachtet und berücksichtigt werden will, ist zunächst energisches Eintreten für die eigenen Interessen gegen- über fremder Ueberhebung und insbesondere jener Ueberhebung, welche„geborene Herrscher" von ihren„Unterthanen" blinde Treue— Treue„bis in Roth und Tod"— fordern läßt. Wo es keine Knechte giebt, da giebt es keine Despoten— das ist ein allezeit wahres Wort!! — Mit den Erfolgen wachsen auch die Verfolgungen — dieses Wort Lassalle's paßt auf die Gegenwart vollkommen. Die Erfolge der Sozialdemokratie hei den Reichstagswahlen, der erfreuliche Aufschwung der sozialistischen Presse und die damit in Zusammenhang stehende bereitwillige Aufnahme, welche die sozialistischen„Irrlehren" im Volke finden, haben die Gegner des Sozialismus im hohen Grade kopfscheu gemacht. Was Wunder, wenn alles aufgeboten wird, um der Ausbreitung des Sozialisinus Einhalt zu thun. Neben dem„geistigen Kampf", welcher von den Sozialistenfeinden jetzt so gut wie aufgegeben ist, ist es vornehmlich die Polizei, die die„bedrohte Gesellschaft" retten soll— gewiß keine Empfehlung für letztere. An solchen polizeilichen Gesellschaftsretterthaten ist neuerdings zu verzeichnen die Schließung der sozialistischen Arbeiterpartei in Meerane durch folgende Verordnung: „An Herrn Florenz Voigt hier. Nach Ablauf der Ihnen mittelst Verfügung vom 26. Februar dieses Jahres gesetzten Frist zur Einreichung der Statuten der sozialistischen Arbeiter- Partei(die Partei sollte gleich einem Lokalvercin Statuten ein- reichen) wird dieser Verein hiermit aufgelöst und haben von jetzt ab weitere Versammlungen desselben bei Vermeidung der in 8 33 des Gesetzes, das Vereins- und Versammlungsrecht be- treffend, vom 22. November 1850 angedrohten Strafen zu unter- bleiben. Meerane, am 4. April 1877. Der Stadtrath. Dr. Klotz, Bürgermeister." Wo es gilt, die Sozialdemokratie zu bekämpfen, da können die Münchcner Gesellschaftsretter natürlich nicht fehlen. Und so standen denn am 7. April vor dem Bezirksgericht München l. d. I. Parteigenosse Pröbstl nebst 26 Genossen— angeklagt waren 46—, um sich wegen Fortführung eines polizeilich geschlossenen Vereins zu verantworten. Die Angeklagten vertheidigten sich glänzend und endeten die Verhandlungen erst Abends 10 Uhr. Der Staatsanwalt beantragte Gefängnißstrafen von 1 Monat 15 Tagen bis zu 2 Jahren 2 Monaten. Die Urtheilspublikation wurde bis zum 14. April vertagt. Daß die Angeklagten frei- gesprochen werden sollten, ist bei dem tendenziösen Charakter aller dieser sogenannten„Rechts"prozeduren nicht zu erwarten. Aber sintemalen es feststeht, daß den Erfolgen die Verfolgungen auf dem Fuße folgen, daß andrerseits aber die Verfolgungen nur immer wieder neuen Erfolgen die Wege ebnen— können wir angesichts dieser Wahrheiten frohlockend ausrufen: Es leben unsre Feinde, die Freunde! — Der Nothstand in Schlesien ist nach Versicherungen der„satten Leute" gar nicht so groß, wie er dargestellt wird, und ein eigentlicher Hungertyphus existirt gar nicht. Das heißt mit anderen Worten: um die„satten Leute" zu rühren, müßte die Roth weit größer sein als sie ist, und um an den Hungertyphus zu glauben, müßten die Arbeiter erst wirklich Hungers sterben. Mit dieser Logik freilich können und wollen wir nicht rechten, aber sie ist würdig Derer, die den in Schlesien trotz alledem herrschenden Nothstand verschuldet haben. Ganz anders wie die obigen, den Nothstand ableugnenden Versiche- rungen nehmen sich die Schilderungen aus, welche die Roth- leidenden selber von ihrer Lage geben. Wir könnten mit meh- reren derartigen Schilderungen aufwarten, wollen aber für jetzt davon Abstand snehmen und nur eines Aufrufs erwähnen, den die„Wahrheit" in Breslau in ihrer Nummer vom 8. d. M. zum Abdruck bringt. Nach einem Hinweis auf das Elend, unter welchem die Weber im schlesischen Eulengebirge seufzen, gedenkt der Aufruf auch der Verurtheilung von vier Mitgliedern des Arbeiterwahlcomitös des Reichenbacher Wahlkreises zu ins- gesammt 374 Mark. Die Berurtheilten sind wackere Partei- genossen, und fordert die„Wahrheit" die Gesinnungsgenossen auf, die Familien der Berurtheilten, welche Letztere, da sie un- vermögend sind, wahrscheinlich auf längere Zeit in's Gefängniß werden wandern müssen, durch Unterstützung vor der härtesten Bedrängniß zu bewahren. Die Expedition der„Wahrheit" (Breslau, Schuhbrücke 42, I) ist erbötig, Geldbeiträge in Em- pfang zu nehmen. Helfen wir im Kleinen, im Großen ist der Staat zu helfen verpflichtet! — Aus Schottland. Die Schiffszimmerleute am Clyde, etwa 3000 Mann stark, haben die Arbeit eingestellt, weil die Meister sich geweigert haben, eine Gehaltserhöhung von einem Penny pro Stunde zu gewähren. Die Meister hoffen auf den Sieg und rechnen namentlich auf Zuzug aus Teutschland; die deutschen Schiffszimmerleute sind daher ermahnt, ihrer Pflicht gegen die englischen Arbeitsbrüder eingedenk zu sein. — Die Arbeitslosigkeit in Nordamerika hat, das geben nun selbst dortige Bourgeoiszeitungen zu, erschreckliche Di- mensionen angenommen. Die Zahl der beschäftigungslosen Ar- beiter beträgt gegenwärtig nicht wenigr als 2 Millionen, wovon 50,000 auf Newyork kommen. Ein allgemeiner Wiederaufschwung des Geschäfts wird für die nächste Zeit nicht erwartet. Die Löhne sind fast in allen Beschäftigungszweigen beträchtlich ge- fallen und neigen sich noch immer abwärts. Es werden keine Eisenbahnen gebaut, viele Fabriken sind geschlossen und die Hälfte der Arbeiter feiert. In den Bergbau-Distrikten herrscht großer Nothstand._ — Parteigenosse Franz Rohleder, dessen Maßregelung (er wurde, weil er den Eid, als seinem Gewissen und seinem wissenschaftlichen Standpunkt zuwiderlaufend, verweigerte, von seiner Stelle als Lehrer am Progymnasium zu Friedberg in der Neumark entfernt— Aera Falk!) unseren Lesern noch crinner- lich sein wird, ist mit dem 10. d. in die Redaktion des Münche- ner„Zeitgeist" eingetreten. — Der Redakteur der„Glauchauer Nachrichten" wurde am 4. April in zweiter Instanz zu drei Monaten Gefängniß ver- urtheilt, weil er durch Veröffentlichung des Gedichtes:„Vor Sammlung mit zwei schätzenswerthen Beiträgen erweitert. Schon vor einigen Jahren wollte er„den Strom der Zeit bei der Stirnlocke er- greisen" und jüngst rieth er in einer Commissionssitzung dem Kriegs- minister für den Fall, daß die Franzosen wirklich so friedlich gesinnt seien, wie dieser sie schildert, seine Stelle niederzulegen und„heimzu- kehren zu seinen väterlichen Ochsen", eine Wendung, die offenbar die etwas freie Uebersetzung des Birigilschen„vatern» rura"(die väterlichen Aecker) sein sollte. — Warnung- Unser Hamburger Parteiorgan, das„Hamburg- Altonacr Lolksblatt", schreibt:„Ein Schundroman, betitelt„„Arbeit und Kapital"", wird gegenwärtig colportirt, und zwar scheint es dabei namentlich auf Leser abgesehen zu sein, welche mit der Sozialdemokratie sympathisiren; denn es wird eine„„Gratisprämie"", welche die Abon- nenten aus den fraglichen Roman erhalten sollen, umher gezeigt, die diese Bermuthung vollständig rechtfertigt. Dieselbe besteht nämlich in einem sehr zweifelhaften Oelfarbendruckbilde, auf welchem die Köpfe verschiedener bekannter Sozialisten zu sehen sind. Man wüßte dies nicht, wenn nicht die Namen beigedruckt wären, da von einer Aehnlich- keit der Bilder mit den betreffenden Personen gar keine Spur zu ent- decken ist. Die arbeitende Bevölkerung sei hiermit vor dem Machwerk gewarnt." � Gottesfurcht und fromme Sitte. Aus Worbis schreibt man der„Germania": An dem KönigsgeburtstagSesscn betheiligten sich etwa 40 Personen, darunter mehrere evangelische Pastoren. Einer dieser Herren der Pastor von Wintzingerode, artete in seiner Jubellaune so aus, daß er Gläser und Flaschen zerschlug und aus dem Fenster be- soroerte, schließlich mußte er selbst cxmittirt(an die Lust gesetzt) wer- den. In einem Nebenzimmer, wohin inan ihn gebracht hatte, zertrüm- merte er� in seinem eigenthümlichcn Festtagshumor nun gar den Ofen und warf auch hier verschiedene Sachen mit Getöse zum Fenster, auf Die Straße hinaus. Außerdem fielen späterhin noch verschiedene Zänkereien vor, die in Thätlichkciten ausarteten. Der Skandal war so groß, daß der Landrath die Festtafel aufheben mußte. Bestraft werden die loyalen Herren wohl schwerlich werden. Der Zweck heiligt nicht blos die Mittel, sondern auch die Manieren. — Ein zweiter„Julian". Herr Gottschall, der Literatur- Historiker der sogenannten Gebildeten(auch Dichter und Kunstkritiker), hat seiner Zeit ein Machwerk geliefert unter dem Titel:„Portraits und Studien", das folgende Stelle enthält:„Sein einförmiges Leben hatte Grillparzer im Jahre 1843 durch eine Reise nach Griechenland unter- brachen, auf welcher er einige Zeit in Konstantinopel und Athen ver- weilte." Darnach liegt Konstantinopcl in— Griechenland. Wenn dies die Russen nur auch glaubten! Dann fährt Gottschall fort:„In spätern Jahren(also nach 1843) unternahm er(Grillparzer) eine Reise nach Deutschland, die ihn mit Goethe, Hegel und Tieck, mit Börne und Heine in persönliche Berührung brachte." Weiter gar nichts, Herr Gottschall? 1831 erlaubte sich Hegel, 1832 Goethe, 1837 Börne zu sterben, und ich glaube nicht, daß sie Grillparzer oder Gottschall zu lieb wieder auferstanden sind. Auch daß Heine vor 1843 nach Paris über- gesiedelt und nicht mehr Nack Deutschland zurückgekehrt, ist allbekannt. Und dabei wagt man's immer noch von französischer Ignoranz zu schwefeln! — Genialer Blödsinn. Der Herzog von Meiningen— bekanntlich ein ausgezeichneter Theaterdirektor, der als Fürst seinen Beruf ver- fehlt hat— feierte vor kurzem seinen Geburtstag. Bei dieser Gelegen- heit überreichte ihm�sein Gast, der Zukunftsmusikant Richard Wagner ein Exemplar seiner gesammelten Werke. Der erste Band enthält nach- stehende Widmung: „Es giebt viele Meinungen, Ich kenne nur ein Meiningen; Es giebt Viele, die über mich Herzogen, Ich kenne nur einen Herzog." Wigela weia. O weia, o weia! — Wie Einer Geschäfte zu machen sucht. Wir werden„Höf- lichst ersucht", nachstehendes Inserat in unser„geschätztes Centralorgan", den„Vorwärts", aufzunehmen, und sollen auch dafür sorgen, daß an- dere Parteiorgane von demselben Notiz nehmen: «Wer ernstlich nebenbei sich etwas verdienen, oder mit wenig Geld ein eigenes Geschäft gründen möchte, beliebe seine Adresse nebst Einlage von 20 Pf. zu senden an F. Fessel, Krahnenstraße 37, Cannstatt." Dies das Inserat. Und nun schleunigst recht viele Adreffen einge- sandt, aber auch die Hauptsache, die„Einlage von 20 Pfennig" nicht vergessen, damit Herr Fessel„ernstlich nebenbei sich etwas verdienen" und mit„wenig Geld" ein„eigenes Geschäft" machen kann. Wir wünschen viel Glück dazu, Herr Fessel! dem Kreuze" nach Anficht der Richter sich die Vergehen der Gotteslästerung und Religionsschmähung hatte zu Schulden kom- men lassen. Schlichantwort auf Gustav Rafch's„Deutsche Flüchtlinge in London". London, 17. März 1377. An den Redakteur des„Vorwärts". Geehrter Herr! In Folge von Postverschleuderung kam ich erst dieser Tage in den Besitz des zweiten Angriffs von G. Rasch. Ich kann mich daher erst heute nochmals an Sie wenden, in der Hoffnung, daß Sie mir— der von einem bisherigen Freunde und Ge- sinnungsgenossen ganz unprovozirt— lediglich aus kleinlich-pcr- sönlicher Malice— politisch verleumdet worden war, das Recht der Schlußantwort gestatten. Im„Volksstaat" vom 30. Juli 1876 erschien Rafch's erster Artikel. Diesen Artikel sandte Rasch, laut Poststempel aus Heiden(Schweiz), erst am 20. September an mich ab, während er wohl wußte, daß der„Volksstaat" Ende September ein- ging. Von einer längeren Ferienreise zurückgekehrt, konnte ich nicht früher antworten. Indessen hatte der ritterliche Verleumder meiner Ansichten offenbar darauf gerechnet, daß mir unter den Umständen gar keine Möglichkeit bleiben würde, im„Bolksstaat" zu erwidern! Jetzt aber ist er keck genug mir vorzuwerfen, daß ich„drei Monate hindurch auf seinen Artikel geschwiegen." Dabei vergißt er, daß er auf meine Antwort vom 26. Oktober(„Vor- wärts" vom 12. Nov.) zwei Monate still schwieg! Unfähig, die ihm von mir nachgewiesenen Unwahrheiten zu widerlegen, greift er auf eine vor bald siebzehn Jahren vor- gefallene Angelegenheit zurück, die ihn nicht abgehalten hatte, bis zum Sommer 1375 mit mir in freundschaftlichstem Ver- hältmß zu bleiben. Was es mit seiner heiligen Empörung zu Gunsten eines seiner„unbestechlichen Freunde" auf sich hat, konnte er im„Vorwärts" vom 11. Februar lesen. Ich selbst werde auf die an den Haaren herbeigezogene Sache hier nicht weiter eingehen, als mit der Bemerkung, daß ich 1859 meine Erklärung dem Sachverhalte gemäß abgab, und daß ich Herrn Rasch für sein tückisches Verfahren nur meine gründliche Ver- achtung ausspreche. Wie? Erst am 12. Januar 1877— nicht einmal in seinem ersten Angriffe!— will mir Herr Rasch die Eigenschaft eines Lügners anheften? Und all' die langen Jahre hindurch hat er sich meinen Freund genannt, hat inich besucht und öffentlich lobend über mich geschrieben? Wie? noch im Sommer 1875 wollte er mich, einen alten verstockten Junggesellen, brieflich und mündlich wiederholt dringend überreden, eine mir gänzlich unbe- kannte Freundin von ihm in den Alpen zur Ehegemahlin zu nehmen:„da unter all' seinen Freunden Keiner wäre, der sie verdiene, als ich?" Wie konnte er so schändlich handeln, seiner Freundin einen„Bären" als Gatten aufbinden zu wollen? Hier noch eine Probe eines hübschen„Lügchens" von Rasch. Im„Volksstaat" hatte er geschrieben:„Nun, lange hielt ich es bei diesen guten Deutschen(u. A. mich damit meinend) nicht aus.... und besuchte die Rothen und Sozialisten." Das war denn doch nicht ganz so. Noch, als ich auf der Rückreise nach England in Paris ankam, fand ich in meinem Hotel, das Rasch zum Voraus von mir erfahren hatte, folgende Zeilen mit seiner Karte:„Lieber Freund— wir wohnen also 54, Ruo de I'Arbre sec I. Vielleicht haben Sie hier in Paris für uns einige Stunden Zeit. In London hatten Sie es nicht. Gustav Rasch, voetor juris utriusque." Ich suchte ihn auf ohne ihn zu treffen. In ungerechtem Zorn darüber, daß ich nicht zum zweiten Male kam— denn Nichts, absolut Nichts fiel zwischen ihm und mir vor— griff er mich an! Welcher Charakter! Um nicht schon Gesagtes zu wiederholen, sei hier nur er- wähnt, daß für die behauptete Thatsache, Herrn Rasch sei wegen unziemlichen Schimpfens auf sein eigenes Vaterland sogar auf dem Bureau eines Elsässer Blattes die Thüre gewiesen worden, unabhängiges Zeugniß vorhanden ist. Es war auf dem„Journal d'Alsace"> nicht„Alsacien", wie ich mich verschrieben hatte). Den Schreibfehler benützt Rasch zur bequemen Abläugnung. Daß ich ihn in den hiesigen„deutschen Verein für Kunst und Wissenschaft" je eingeladen, ist abermals eine Unwahrheit. Im Gegentheil vermied ich dies, indem ich ihm, in Anbetracht seiner leidenschaftlichen rücksichtslosen Manier, offen sagte: er würde sich dort mit Manchem nicht vertragen. Er gab mir dabei selbst Recht. Ich fürchtete, man möchte ihm die Thüre weisen, ein ihm nicht fremdes Vorkommniß. Jetzt sagt er in einem Athem: ich sei ein Preußenseuchler, und ich müsse der „Preußen" halber in jenem Vereine in der Ecke sitzen. Die eine Unwahrheit schlägt die andere. Er selbst aber ist plötzlich, zu allen andern Seuchen, auch noch von der Preußenseuche angefressen worden. Sein schönes Werk über Elsaß-Lothringen ist bei dem früheren Verleger des Dezemberkaisers und Plon-Plon's unter dem Titel:„l-es Prussiens en Alsace-Lorraine par un Prussien" herausgekommen. Der Uebersetzcr ist Dr. Leger, der über das Slaventhum in Böhmen schrieb. Ein sonderbares Trio! Für den Hannoveraner Rasch ist das Preußenthum schon gut genug, wenn es sich darum handelt, dem Vaterlande wieder Feinde auf den Rtcken zu hetzen und sich selbst mittlerweile die Taschen zu füllen. � Von seiner unerhörten Denunziation, die er bei Louis Blanc gegen mich ausspielte, erfahre ich zum ersten Male durch ihn selbst. Nochmals erkläre ich: seine Behauptung meines angeb- lichen Wunsches,„Paris zerstört zu sehen", ist eine erbärmliche Lüge. Wenn Rasch auf meine Mittheilung, daß für Karl Blind noch heute Frankreich verschlossen ist, erwidert: diese Angabe sei' „lächerlich", so diene ihm zur Nachricht, daß Louis Blanc selbst, mit welchem Karl Blind seit 20 Jahren in vertrautestem Freund- schaftsverhältniß steht, sich nach dem Krieg um Aufhebung des Verbannungsdekretes von 1849 bemüht hat, daß aber die Re- gierung der Republik dasselbe mit Brief und Siegel neu bestätigte. Dies Dokument hat Louis Blanc selbst an Karl Blind übermittelt, den er seit dem Kriege hier wiederholt bei seiner zeitweiligen Rückkehr nach England besuchte. Da Rasch die ehrende Biographie Blind's(1867) schrieb, ihm auch Bücher widmete, so mag er sich's notiren, wohin die Gehässigkeit ihn, Rasch, jetzt führt. Ueber seinen angeblichen Besuch bei Arnold Rüge hat dieser ihm in der„Westlichen Post" II. 8. heimgeleuchtet. Rasch hat Rüge gar nicht gesehen! und Alles, was er über den Besuch sagt, ist erfunden!— Prächtig ist der Vorwurf der „Charakterlosigkeit" gegen den todten Revoluttonsdichter(was man sein kann, ohne Bcrrath am Vaterlande zu begehen) Fcrd. Freiligrath, neben dem gleichzeitigen Lobgesang auf den Montenegriner-Fürsten, dessen Unterthanen den Kriegsgefangenen Nasen und Ohren abschneiden, und der eine russische Subventton von 8000 Dukaten und eine französische von 50,000 Frcs. be- zieht.(S.„Kolb's Handbuch der Statistik", 4. Aufl. S. 424.) Ich meinerseits halte es doch lieber mit den Gesinnungen, die einst Freiligrath begeisterten, und ziehe ihn dem Fürsten Nikolaus Petrowitsch und seinem„rothen" Freunde Rasch vor. Hochachtungsvoll Karl Schaible. Correspondenzen. Kagen, 16. März. Eine Nothstandsversammlung fand am Sonntag Hierselbst statt, in welcher Herr C. Klein über die jetzige Nothlage eingehend referirte. Die Versammlung beschloß, nachstehende Denkschrift an die königl. Regierung in Arnsberg zu senoen: „Der so lange andauernde Nothstand veranlaßt die in einer Volksversammlung am 11. März er. zusammengetretenen Ar- beiter der Stadt Hagen in Folgendem ihre Ansichten und Wünsche behufs Abstellung des Nothstandes vorzulegen. „Die Folgen einer unerhört schwindelhasten Gründerperiode vollständig planloser und Ueberproduktion, in Verbindung mit einer beständigen Kriegsgefahr, erzeugten eine totale Unsicherheit auf allen wirthschaftlichen Gebieten und brachten es dahin, daß die herrschende Krifis allenthalben, namentlich auch im Kreise Hagen, stündlich furchtbarer auftritt, infolge dessen Tausende von fleißigen und strebsamen Menschen zwischen Hungertuch und Bettelstab gestellt sind, ja Massen von Menschen in die Arme des Verbrechens oder zum Selbstmord getrieben werden. „Das arbeitende Volk hat ein Recht auf Arbeit, deshalb wäre es im höchsten Grade verwerflich und unwürdig, wenn dieser überaus fleißige und strebsame Thcil der menschlichen Ge- sellschaft durch Almosen oder unproduktive Arbeiten zwischen Leben und Sterben hingehalten würde. „Der Staat und die Communen haben, namentlich bei Herr- schenken Nothständen, die Verpflichtung, ohne den langsamen Gang der angestrengten Untersuchungen durch die Bureaukratie abzuwarten, schleunigst die gebotenen Mittel zu ergreifen und Wege einzuschlagen, um solchen traurigen Zuständen zu begegnen und abzuhelfen. „So erklärt es auch die Volksversammlung vom 11. März für Pflicht der königl. preußischen Regierung zu Arnsberg, sich der herrschenden Nothlage des Kresses Hagen anzunehmen und dafür Sorge zu tragen, daß alle diejenigen öffentlichen Bauten, Wegearbeiten:c., für welche die Geldmittel bereits bewilligt, und diejenigen, welche projektirt sind, schleunigst in Angriff genommen werden. „Als eine dieser nothwendig vorzunehmenden Arbeiten be- zeichnet die heute im P. Bettermann'schen Lokale tagende Volks- Versammlung die schon seit vier Jahren projektirte, genehmigte und befohlene Ueberbrückung der Chaussee über den Eisenbahn- körper zwischen Altenhagen und Eckesey, welche bisher von der Bergisch-Märkischen Eisenbahnverwaltung auf unbegreifliche Weise verschleppt worden ist. „Die heutige Volksversammlung ersucht dieserhalb eine hohe Regierung zu Arnsberg, mit aller Macht auf die Erfüllung der von der Bergisch-Märkischen Eisenbahngesellschaft eingegangenen Verpflichtungen zu dringen, um so für viele Arbeitslose Beschäf- tigung zu schaffen." Auf obige Petition erhielt Parteigenosse Karl Klein bereits unterm 25. März nachstehende Antwort von dem Regierungs Präsidenten zu Arnsberg: „Die von Ew. Wohlgeboren, im angeblichem Auftrage einer dort stattgefundenen Arbeiterversammlung unter dem 14. d. M. an die Königl. Regierung gerichtete Eingabe giebt, soweit sie, von bekannten Theorien ausgehend, die Ausführung öffentlicher Bauten als ein Recht der in Folge der augenblicklichen in- duflriellen Lage in Mitleidenheit gezogenen dortigen Arbeiter in Anspruch nimmt, zu einer Erwiderung keinen Anlaß und würde eine solche auch nicht gefunden haben, wenn es sich bei der darin speziell in das Auge gefaßten Ueberbrückung der Schienen- stränge der Bergisch-Märkischen Eisenbahn auf dem dortigen Bahnhofe nicht um eine Einrichtung handelte, welche im Jnter- esse des öffentlichen Verkehrs als nothwendig anerkannt ist und an deren Herstellung demgemäß das gesammte Publikum das gleiche Interesse hat. „Nur im Hinblick auf den letzteren Umstand benachrichtige ich Sie, daß die Inangriffnahme der bezüglichen Bauausführungen unmittelbar bevorsteht und, der getroffenen Bestimmung gemäß, voraussichtlich schon stattgefunden haben würde, wenn die gleich- zeitigen Vornahmen der verschiedenen auf dem dortigen Bahn- hose erforderlichen Bauarbeiten mit der Sicherheit des Eisen- bahnverkehrs vereinbar gewesen wären. „Es ist anzunehmen, daß sich bei den in Rede stehenden Bauten auch für die— übrigens nicht, wie Sie behaupten, nach Tausenden zählenden, sondern nach den stattgefundenen, sorgfältigen Erhebungen die Zahl von Hundert nicht erreichen- den— augenblicklich beschäftigungslosen Arbeiter der dortigen Stadt Gelegenheit zur Beschäftigung finden wird, und es wird Sache der Einzelnen sein, sich behufs deren Erlangung an die Eisenbahnbehörde zu wenden. Im Uebrigen ist es nothleiden- den Personen überlassen, die gesetzliche Fürsorge der Gemeinde ihres Untcrstützungswohnsitzes auf dem geordneten Wege nach- zusuchen. Steinmann." Aus vorstehender Petition geht klar hervor, daß der Satz, welcher von Tausenden Arbeitslosen spricht, sich auf Deutschland resp. Preußen bezieht, was um so einleuchtender wird, wenn man den Schlußsatz in Betracht zieht, da in demselben aus- drücklich für„viele Arbeitslose Beschäftigung" durch das bezüg- liche Projekt als vorhanden bezeichnet ist. Kotha. Der Sänger-Congreß am 1. und!2. April in Gotha. Es waren 24 Gesangvereine mit 577 Mitgliedern ver- treten. Nach Prüfung der Mandate trat der Congreß zunächst in die Berathung der Statuten, unter Berücksichtigung der von den einzelnen Vereinen gestellten Abänderungs- resp. Verbesse- rungsanträge ein. Die wichtigsten Punkte sind: 1) Der Bund führt den Namen: Allgemeiner Arbeiter- Sänger-Bund. Der Bund hat den Zweck, den Gesang zum Gemeingut deS Volkes zu machen. 2) Jeder neu hinzutretende Gesangverein zahlt ein Eintritts- geld von 2 Mark. 3) Jedes Mitglied des Bundes zahlt einen jährlichen Bei- trag von 30 Pfennig. 4) Der Bund wird von einem Ausschuß von 7 Personen verwaltet. Den Vorfitzenden des Bundes wählt die General- Versammlung und ist dessen Wohnort zugleich Vorort. 5) Es können sich im Bund Provinzialvcrbände bilden, die- selben führen die Karten und Sängerzeichen des Bundes. 6) Die jährliche Generalversammlung ernennt eine Stadt, in welcher ein Comitö von Musikverständigen gewählt wird, die die für den Bund bestimmten Gesänge hinsichtlich ihrer Compo-� fitionen zu prüfen haben, die Texte werden vom Ausschuß ge- prüft. Es wurde vom Congreß der Buchhändler Emil Sauer- teig in Gotha zum Vorsitzenden des Bundes gewählt, Gotha ist also Vorort. Als Organ des Bundes wurde der„Vorwärts" bestimmt. Auf Antrag der„Lassallia" in Pforzheim wurde beschlossen, für den Bund ein einheitliches Sängerzeichen einzuführen und der Ausschuß mit der Beschaffung desselben beauftragt. Der Liedercyclus, welcher im Verlag von Emil Sauerteig ' in Gotha in Lieferungen erscheint, wurde für den Bund be- stimmt, und es werden daher die von jetzt an erscheinenden Lie- der geprüft. Zustimmende Telegramme liefen ein: von Zürich, Halle a. S. ! und Itzehoe. Nach zweitägiger Berathung ging der Congreß mit einem Hoch auf den„Allgemeinen Arbeiter-Sänger-Bund" auseinander. Statuten zc. werden den Vereinen noch zugesendet. Kflen, 8. April. Die Kündigungen von Sozialisten auf der Krupp'schen Fabrik dauern noch immer fort. Unter den Gekündigten befinden sich Leute, die schon über 17 Jahre im Dienste der Firma stehen und die— abgesehen davon, daß eine so lange Thätigkeit auf ein und demselben Werke genügendes Zeugniß von treuer und pünktlicher Dienstleistung bietet— sich im Besitz eines sogenannten„Geschenkscheincs" befinden, der nur solchen Arbeitern ertheilt wird, die sich stets musterhaft geführt haben. Man muß gestehen, daß die„Großherzigkeit" unserer deutschen Fabrikanten Angesichts solcher Thatsachen als Muster aufgestellt werden kann. Siebenzehn volle Jahre einen Ar beiter ausnutzen und dann, wenn die Leistungsfähigkeit desselben im Sinken begriffen ist, einen solchen Arbeiter ohne jegliche Ur- fache, nur um seiner politischen Glaubensmeinung willen, maß- regeln, das ist eine Illustration unserer herrschenden Gesell schaftszustände, wie sie trefflicher kein Journalist zu bringen vermag. Die Mehrzahl der Meister der Fabrik sind ehrlich und anständig genug, zu bestätigen, daß durch diese Maßregelung die besten und intelligentesten Arbeiter der Firma entfremdet werden, und beklagen tief das Scheiden dieser Arbeiter, die sie gerade wegen ihrer Tüchtigkeit, trotz politischer Meinungsver- schiedenheit, achten und lieben gelernt haben. Manche Meister sollen mit Thränen in den Augen die Kündigung mit den Worten vollzogen haben:„Wir können nicht anders, es ist eine Am ordnung der Firma, oder es kommt von oben herunter."— Wie überhaupt jetzt auf der Fabrik verfahren wird, davon giebt ein Vorfall Zeugniß, der jeden humanen Menschen mit Eni- rüstung erfüllen muß. Einem Arbeiter, der schon längere Zeit krank ist, wurde gestern von dem besuchenden Arzte mitgctheilt, daß er von der Firma angewiesen sei, ihn am folgenden Tage unbedingt zur Arbeit zu schicken. Ob also der Arbeiter wieder gesund und arbeitsfähig sei oder nicht, das ist höchst gleichgiltig; es heißt: Vogel friß, oder stirb! Und welchen Zweck verfolgt die Firma mit dieser wirklich unbegreiflichen Anweisung? Der be- treffende Arbeiter ist schon seit 12 Jahren auf der Fabrik be- schäftigt, besitzt einen sogenannten„Gcschenkschein", ist aber So- zialist, steht als„zu entlassen" wegen seines politischen Glau bens im Sündenregister und soll nun nach der Fabrik kommen, um sein Todesurtheil, die Entlassungs- resp. Kündigungsanzeige zu vernehmen. Eine wirklich vortreffliche Medizin zur Besse- rung eines kranken Arbeiters.—„Wegen seines politischen oder confessionellen Glanbens soll Keiner auf meinem Werke benach- theiligt werden", so sprach Herr Krupp vor einigen Jahren, und heute werden die besten und ältesten seiner Arbeiter deshalb aus der Fabrik gen orfen, weil sie Sozialisten sind! Wie reimt sich das zusammen?(„Duisburger Fr. Ztg.") Kauscha b. Sonneberg, 31. März. Am 17. März Abends hielten wir in Lauscha eine öffentliche Arbeiterversammlung ab, in welcher Parteigenosse Heinrich Greiner aus Sonneberg über die soziale Frage, ihre Entstehung und Bedeutung referirte. Das Urtheil der Versammlung über obigen Vortrag war ein günstiges. Dasselbe gewinnt aber noch an Werth, indem hier noch nie eine ähnliche Versammlung abgehalten wurde und der Einwohnerschaft die Ideen der sozialistischen Arbeiterpartei voll- ständig unbekannt waren. Wir haben also auch hier einen Schritt vorwärts gethan; spätere Wahlen werden beweisen, daß die wenigen denkenden Männer hier in Lauscha Aufklärung unter der Bevölkerung zu verbreiten verstanden haben. Einstweilen sind wir in geringer Zahl zu einem Arbeiterverein zusammen- getreten. Aufruf an die Volks- und Arbeiter- Gesangvereine des Maingaues. Das unterzeichnete Central- Comite zeigt hiermit an, daß sich ein „Allgemeiner Arbeiter-Sängerbund des Maingaues" gebildet hat, dessen vorläufiger Sitz sich in Frankfurt a. M. befindet. Die Ziele dieser Verbindung sind: Das Gefühl der Zusammengehörigkeit des Volkes auch nach dieser Richtung hin zu wecken und zu heben, die Pflege des Ge- sangs zu erleichtern und dem Volksgesang überhaupt einen sittlichen, wahren Werth zu verleihen. Unter Beiwohnung sämmtlicher hiesiger Ortsvereine, welche sich für den Gegenstand interessiren, sind die allge- meinen Statuten berathen, dem Druck übergeben und das unterzeichnete Comitä mit der vorläufigen Leitung des Bundes betraut worden. Es ergeht somit an alle Volks- und Arbeiter-Gesangvereine des Maingaues die sreundschafllichc Aufforderung, dem Bunde beizutreten und das angefangene Werk ausbauen zu helfen. Alle Anfragen betreffs des Bundes wolle man?n den Präsidenten des Central-Comitös richten; derselbe ist beauftragt, die Statuten gratis zu versenden, sowie jede Auskunst zu ertheilen, und bittet man Briefe unter der Adresse: Hrn. Gustav Flemming bei Vogt, Frankfurt a. M., Saalgasse 29, zu richten. Mit freundschaftlichem Sängergruß Das Comitä des Arbeiter-Sängerbundes des MaingaueS. XL. Alle Arbeiterblätter des Maingaues werden um Abdruck ge beten. Briefkasten der Epedition. P. H. Frankfurt a. M.: Annonce für Freitag zu spät gekommen. Brief trägt Stempel vom 10/4, 7— 8 Uhr Nachmittags. Geld stets beizulegen. Zehn geschriebene Worte gleich eme Druckzeile.— I. BrgrMchn: Senden Sie 85 Pfg. Briefmarken für Grund- und Bod'enfragc nebst Porto. Das genügt. Quittung. R. Krs Frankfurt Ab. 1,30. Arbeiterpartei Gelsen- kirchen Ann. 0,80. Arbeiterbildungsverein Dornbirn Ab. 11,00. I. Endrs Augsburg Ab. 100,00. Dr. Eick Wien Ab. 1,63. Knk Frank- furt Ab. 15,00. F. Wd Neapel Ab. 12,19. Kul Apolda Ab. 30,00. Zhlnr Darmstadt Ab. 13,20, Schr. 11,13. Buch Saalfeld Ab. 15,00. Mknfy Düsseldorf Ab. 9,00. A. Gb Hamburg Ab. 75.00, Schr. 25,00. Schlgl Graz Ab. 11,54. Wnk Niemes Ab. 12,55 u. 4,80. Hrm Elber- feld Ab. 7,00. Gtz OelSnitz Ab. 4,60. Grnr Gr.-Rajchau Schr. 2,90. Hrbg Würzburg Ab. 20,00. Zsch Neu-Reudnitz Ab. 15,00. Wllk hier Ab. 0,60. E. Zntz Ab. 4,80. Grd Stötteritz Ab. 16,10. I. Hpt Wien Ab. 4,95. Kchnrthr Hof Schr. 17,56. Srwn Lüneburg Ab. 7,10. Mrtn Schmölln Ab. 9,05. Zur Beachtung! Vom Sonntag, den 15. d. M., ab bin ich in Berlin nicht anwesend, sondern auf Reifen. Ich bitie deshalb alle Briese zc. nach Hamburg zu adressiren. Adresse: 2. Bernhardstr. 39, St. Pauli. August Kapell. Sonntag, den 22. April. Nachmittags *3)U|UlUiU/Ul. 3 Uhr, im großen Saale des Hrn. Wolf, Hermannstraße: Große Volksversammlung. Referenten die Herren Kühl und Hasselmann. Den Genossen liegt die weiteste Verbreitung zur Pflicht auf. _(5130) H. T. H. W.(80 Korbmacher-Bund »yVUUvUvy. von Kamburg, Altona und Ottensen. Sonntag, den 15. April, Nachmittags 3 Uhr, im Salon zum Roland, 1. Jakobstraße Nr. 19: Generalversammlung. Tagesordnung: 1. Abrechnung. 2. Verringerung des Beitrags. 3. Ergänzungswahl des Vorstandes. F. Wirckcling.[o,80 Qrtiyii-fff Montag, den 16. April, Abends 8'/» Uhr, im tP(5 tsv Lokale des Arbeiterbildungsvereins sehr wichtige Be- sprechung, wozu ich alle Gewerkschaftsvorstände und Commissions« Mitglieder des Verkehrslokals dringend einlade. P. Krebs.(40 Krankenkasse des Gewerkvereins für Leipzig und Umgegend. Montag, den 16. d. M., Abends 8 Uhr, im Lokale des Herrn Menzel, Kurze Str., Täubchenweg-Ecke- Generalversammlung. Tagesordnung: 1) Rechenschaftsbericht. 2) Abänderung der 11, 13, 16, 26. 3) Diskussion über zustellende Anträge zur Haupt-General- Versammlung nach Gotha. Nichtanwesende Mitglieder zahlen nach§§ 26 Pf. 25 Ordnungsstrafe. R. Ludwig, Vorsteher.(110 Allgemeiner deutscher Schueiderverein. Montag, den 16. d. M., Abends 8 Uhr, im„Thü- ringer Hof": Geschlossene Mitgliederversammlung. Tagesordnung: Kassenbericht und wichtige Bereinsangelegenheiten. D. B.(40 QrtttSrtn Den Abonnenten des„Vorwärts" zur Notiz, daß die .VVUz.l.U. Agentur für genanntes Blatt an C. Henze, 8 New Street, Golden Squarre 20 übertragen ist. Alle Bestellungen und Bezahlungen, sowie Reklamationen wegen Nichteintreffen der Zei- tung sind an dessen Adresse zu richten. Auch ist derselbe in allen Versammlungen anwesend.(0,80 Der Communistischc Arbeiterbildungsverein hält .�VUWU. seine regelmäßigen Versammlungen jeden Sonnabend,. Sonntag und Montag Abends 9 Uhr, Aarsball Street, Golden Square W. Nr. 38. Ties zur Beachtung für olle Parteigenossen, welche nach London reisen sollten. Briefe u. f. w. sind zu richten an den Sekretair: I. Boß, 79 GKarlotte Street, Fitzroy Squarre W.[0,80 Offenbach-Tieburg. findet in der Nähe Ossenbachs ein cZb) sl 80 Großes Wahlfest statt. Festrede gehalten von Hrn. Liebknecht. Alles Nähere später .�leUvlNl). Jeden Montag. Mends�st�Uhr, in der„Weiße« Taube", Feldstraße: Versammlung. Nächsten Montag: Vereinsangelegenheiten. Der Borstand.(40 Allg. deutsche Assoziattonsbuchdruckerei zu Berlin. (Eingetragene Genossenschast.) Nachdem das Vorstandsmitglied(Disponent) Fr. Milke aus dem Vorstande ausgetreten, hat der Aufsichtsrath gemäß§ 25 der Statuten der Genossenschaft das Genossenschaftsmitglied August Heinsch m Berlin zum Disponenten ernannt. Hamburg, den 6. März 1877. August Geib. H. Köhler. G. W. Hartmann. I. Auer. E. Derossi. Alle Gelder für die statistische Tafel der sozialist. Wahlen sind umgehend an August Geib, Hamburg, Rö- dingsmarkt 12, zu senden. Die weiteste Verbreitung der statistischen Tafelliegt im Interesse der Partei! Arbeiter-Schutzgesetz. Antrag der sozialist. Reichstagsabgeordneten. In Separat Abzügen für 15 Pf. zu beziehen von A. Geib, Hamburg, Rödingsmarkt 12. Die weiteste Verbreitung dieser Ausgabe liegt im In» teresse der Partei!(2a) Für Männerchöre. Im Verlage von Emil Sauerteig in Gotha ist erschienen: Nr. 8. Commerzlied. Gedicht und Comp, von W. Käpplinger. Nr. 9. Die Arbeit. Ged. von A. Scheu. Comp, von G. Scholz. Preis für beide Lieder Part, mit 4 St. 1,20, 4 Stimmen 0,90. EleganteEinbanddeckm für die„Neue Welt" sind ä Stück M. 1,20 gegen baar oder Nachnahme(excl. Porto) durch die Buchbinderei von H. Jansen, Leipzig, Universitätsstraße 16, zu beziehen. Colporteure und Filialcxpeditioneu erhalte« bei Partie- bezng entsprechende« Rabatt.(360 ES empfiehlt sich bei Einzelbezug Einsendung von Briefmarken. Soeben erschienen und durch unS zu beziehen: Waldverwüstung und Ueberschwemmung. Ein Kapitel der Grund- und Bodenfrage. Von Heorg Kollmar. Preis pro Exemplar.5 Pfennig. Die Expedition des„Vorwärts". V rantwortttcher Redakteur: W. Liebknecht m Leipzig. Redaktion und Expedition Färberstraß- 12/11. in Leipzig. Druck und Verlag der Genoffenschaftsbuchdruckerei in Leipzig