erscheint in Leipzig Mittwoch, Freitag, Sonntag. Abonncmcnisvrris sür ganz Teutschland t M. SV Pi. pro Quartal. Monats-Abonnements Werden bei allen dcutichen Postanstalten aus den 2. und». Monat, und aus den Z.Monat besonders«angenommm: im ftönigr. Lachsen und Herzogth. Sachsen- Altenburg auch aus den iten Monat des Quartals 54 Pfg. Inserate betr. Versammlungen pr. Petitzeile 10 Ps., betr. Privatangelegenheiten und Feste pro Petitzeile 30 Ps. Vorwärts nehmen an alle Poltanftaltm und Buch» Handlungen des In-». Auslandes. Filial- Expeditionen. N c w- B° r I! Eoz.-demotr. Genossen- schastsbuchdruckerei, lös üläriSx« Str. Philadelphia: P. Hab, SM Kortti 3-6 Street. I. Boll, 112» Charlotte Str. Hobolen: F. 21. Sorge. Chicago: A.Lanftrmann, 7s CI>hourue.... San Franzisco: F. Entz, sl« OTarrell Street. London: iSauditz, 5 Xaasau Street, Middlesex Hospital. Kentrat Hrgan der Sozialdemokratie Deutschtands. Nr. 45. Mittwoch, 18. April. 1877. Wie soll der„Vorwärts" schreiben? Häufig hören wir aus den Reihen unserer Parteigenossen die Bemerkung, der„Vorwärts" sei zu„wissenschaftlich" ge- schrieben, derselbe müsse mehr populäre Artikel bringen. Wir wollen nicht untersuchen, was an solchen Bemerkungen Wahres ist, da wir ja auch hin und wieder gar die Aeußerung gehört haben, der„Vorwärts" sei nicht„wissenschaftlich" genug gehalten, er müsse sich weniger noch mit praktischen Fragen be- schästigen und sich noch tiefer in die sozialen Theorien der- senken. Hier stehen also zwei Urtheile sich gegenüber; das erstere Urtheil wird allerdings, so viel uns bekannt geworden ist, von einer größeren Anzahl von Genossen gefällt, als das zweite. Sehen wir aber in aller Ruhe uns beide Urtheile an. Der„Vorwärts" ist Centralorgan der deutschen Sozial- demokratie. Als solches aber, so glauben wir, soll derselbe vollständig auf der wissenschaftlichen Höhe der sozialistischen Anschauungen sich befinden; die politischen Meinungen, die belehrenden Feuil- letonartikel, die kleinen Notizen, und selbst die Correspondenzen sollen gleichfalls in einer Sprache geschrieben sein, die sich vor- theilhaft von dem gewöhnlichen Zeitungsdeutsch unserer liberalen Literaten unterscheidet. So fassen wir die Aufgabe des„Vorwärts" auf. Brächten wir nur populäre Leitartikel, deren doch auch eine nicht geringe Zahl im Vorwärts" fich befinden, so würden wir der Sache nicht vollständig dienen, da auch den fortgeschritteneren Elementen in unserer Partei eine entsprechende geisttge Nahrung geboten werden muß; und würden wir unsere Artikel und No- ttzen in dem saloppen, leichten Style der modernen Zeitungs- macher schreiben, so würden wir uns erst recht versündigen am deutschen Volke, dem wir den Kern des Wissens auch m einer guten Schale reichen wollen. Und nicht das allein! Die Correktheit der Sprache, die Präzision des Ausdrucks, sie bilden ganz besonders den Leser; sie spornen zum Lernen an, sie erzeugen den Trieb zum Selbstdenken und das Bestreben, die Ge- danken wieder zu trefflichem Ausdruck gelangen zu lassen. Ja, sie haben uns unsere Redner und Agitatoren gewissermaßen geschaffen. Hätten dieselben nur oberflächliche oder schlecht stylisirte Zeitungslektüre gelesen, sie würden das zündende Wort nicht so gut handhaben können, wie sie es jetzt thun. Und Lassalle! Seine Vorträge, seine Broschüren sind in einer klassischen Sprache gehalten und geschrieben— er, fast wie Keiner noch, war erzürnt, wenn die deutsche Sprache gemiß- handelt wurde, wenn, wie es Schulze-Delitzsch that, unter dem Scheine populärer Schreibweise Sprache und Gedanken verflacht wurden. Also auch dem Meister der Dialektik, dem leuchtenden Vor- bilde für Schriftsteller und Agitatoren, Lassalle zu Liebe dürfen wir die Haltung des„Vorwärts" nicht verändern. Und diejenigen, denen der„Vorwärts" noch nicht wissen- schaftlich genug geschrieben ist— sie mögen bedenken, daß es nicht leicht ist, daß es lange Zeit und große Mühe kostet, das Volk aus dem geistigen Sumpfe, in welchen es durch langjährige Unterdrückung hineingerathen, zur lichten Höhe der Wissenschaft emporzuziehen. Wen man aber cmporziehen will, dem muß man die Hand reichen; deshalb müssen wir auch populär und vor allem ver- ständlich schreiben. Für den aufmerksamen Leser aber und vor allem für Den, der sich wirklich bilden will, ist der„Vorwärts" zur Genüge verständlich geschrieben, und nur einige Artikel sind lediglich an die schon weiter vorgeschrittenen Leser gerichtet. Gelingt es aber einem Leser nicht, den Sinn eines Satzes, eines Abschnittes sofort zu entziffern, so lese er den Satz, den Abschnitt noch einmal, so strenge er das Gehirn etwas mehr an, und der Lohn bleibt dann und zwar auch auf die Dauer nicht au», da durch solches Lesen der Verstand doppelt ausgebildet wird. Mögen die Lokalblätter recht populär, aber dabei doch correkt und gut schreiben, der„Vorwärts" muß sich auf seiner jetzigen Höhe halten, ja er muß nach allen Richtungen hin noch besser werden, er muß noch mehr emporstteben. Das bezwecken wir und geben uns der Gewißheit hin, daß alle braven, tüchtigen Parteigenossen uns in solchem Streben treu unterstützen werden. Herrn Eugen Dühring'S Umwälzung der Philossphie. Von Friedrich Engels. (Schluß des Artikels Xl.) Man kann nicht gut von Moral und Recht handeln, ohne auf die Frage vom sogenannten freien Willen, von der Zurech- nungsfähigkeit des Menschen, von dem Verhältniß von Roth- Müdigkeit und Freiheit zu kommen. Auch die Wirklichkeits- diese z'�e � nicht nur eine, sondern sogar zwei Lösungen für »An die Stelle aller falschen Freiheitstheorien hat man die erfahrungsmäßige Beschaffenheit des Verhältnisses zu setzen, in welcher sich rationelle Einsicht auf der einen, und tricbförmige Bestimmungen auf der andern Seite gleichsam zu einer Mittel- kraft vereinigen. Die Grundthatsachen dieser Art von Dynamik sind aus der Beobachtung zu entnehmen, und für die Voraus- bemessung des noch nicht erfolgten Geschehns auch, so gut es gehen will, im Allgemeinen nach Art und Größe zu veran- schlagen. Hierdurch werden die albernen Einbildungen über die f innere Freiheit, an denen Jahrtausende genagt und gezehrt haben, I nicht nnr gründlich weggeräumt, sondern auch durch etwas Posi- tives ersetzt, was sich für die praktische Einrichtung des Lebens brauchen läßt."— Danach besteht die Freiheit darin, daß die rationelle Einsicht den Menschen nach rechts, die irrationellen Triebe ihn nach links zerren, und bei diesem Parallelogramm der Kräfte die wirkliche Bewegung in der Richtung der Diagonale ! erfolgt. Die Freiheit wäre also der Durchschnitt zwischen Ein- ' ficht und Trieb, Verstand und Unverstand, und ihr Grad wäre bei jedem Einzelnen erfahrungsmäßig festzustellen durch eine„per- sönliche Gleichung", um einen asttonomischen Ausdruck zu ge- brauchen. Aber wenige Seiten später heißt es:„Wir gründen die moralische Verantwortlichkeit auf die Freiheit, die uns jedoch ' weiter nichts bedeutet, als die Empfänglichkeit für bewußte Be- weggründe nach Maßgabe des natürlichen und erworbenen Ver- standes. Alle solche Beweggründe wirken trotz der Wahrnehmung l des möglichen Gegensatzes in den Handlungen mit unausweich- licher Naturgesetzmäßigkeit; aber gerade ans diese unumgängliche 1 Nöthigung zählen wir, indem wir die moralischen Hebel an- setzen." Diese zweite Bestimmung der Freiheit, die der ersten ganz ungenirt in's Gesicht schlägt, ist wieder nichts als eine äußerste Verflachung der Hegelschen Auffassung. Hegel war der Erste, der das Verhältniß von Freiheit und Nothwendigkeit richtig dar- � stellte. Für ihn ist die Freiheit die Einsicht in die Nothwendigkeit. „Blind ist die Nothwendigkeit nur, insofern dieselbe nicht begriffen wird." Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntniß dieser Gesetze und in der damit gegebenen Möglichkeit, sie plan- mäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen. Es gilt dies ! mit Beziehung sowohl auf die Gesetze ver äußern Natur, wie auf diejenigen, welche das körperliche und geistige Dasein des Menschen selbst regeln— zwei Klassen von' Gesetzen, die wir höchstens in der Vorstellung, nicht aber in der Wirklichkeit von einander trennen können. Freiheit des Willens heißt daher nichts Anders als die Fähigkeit, mit Sachkenntniß entscheiden zu können. Je freier also das Urtheil eines Menschen in Beziehung auf einen bestimmten Fragepunkt ist, mit desto größerer Nothwen- di gleit wird der Inhalt dieses Urtheils bestimmt sein; während die auf Unkenntniß beruhende Unsicherheit, die zwischen vielen verschiedenen und widersprechenden Entscheidungsmöglichkeiten scheinbar willkührlich wählt, eben dadurch ihre Unfreiheit beweist, ihr Beherrschtsein von dem Gegenstande, den sie gerade beHerr- schen sollte. Freiheit besteht also in der, auf Erkenntniß der Naturnothwendigkeiten gegründeten, Herrschaft über uns selbst und über die äußere Natur; sie ist damit nothwendig ein Pro- dukt der geschichtlichen Entwicklung. Die ersten, sich vom Thier- reich sondernden Menschen waren in allem Wesentlichen so unfrei wie die Thiere selbst; aber jeder Forsschritt in der Kultur war ein Schritt zur Freiheit. An der Schwelle der Menschheitsge- schichte steht die Entdeckung der Verwandlung von mechanischer Bewegung in Wärme: die Erzeugung des Reibfeuers; am Ab- schluß der bisherigen Entwicklung steht die Entdeckung der Ver- Wandlung von Wärme in mechanische Bewegung: die Dampf- Maschine.— Und trotz der riesigen befreienden Umwälzung, die die Dampfmaschine in der gesellschaftlichen Welt vollzieht— sie ist noch nicht halb vollendet— ist es doch unzweifelhaft, daß das Reibfeuer sie an weltbefteiender Wirkung noch übertrifft. Denn das Reibfeuer gab dem Menschen zum ersten Mal die Herrschast über eine Naturkraft und trennte ihn damit endgültig vom Thierreich. Die Dampfmaschine wird nie einen so gewal- tigen Sprung in der Menschhcitsentwicklung zu Stande bringen, so sehr sie uns auch als Repräsentantin aller jener, an sie sich anlehnender gewaltigen Produktivkräfte gilt, mit deren Hülfe allein ein Gesellschaftszustand ermöglicht wird, worin es keine Klassenunterschiede, keine Sorgen um die individuellen Existenz- mittel mehr gibt, und worin von wirklicher menschlicher Freiheit, von einer Existenz in Harmonie mit den erkannten Naturgesetzen, zum ersten Mal die Rede sein kann. Wie jung aber noch die ganze Menschengeschichte, und wie lächerlich es wäre, unseren zetzigen Anschauungen irgendwelche absolute Gültigkeit zuschreiben zu wollen, geht aus der einfachen Thatsache hervor, daß die ganze bisherige Geschichte sich bezeichnen läßt als Geschichte des Zeitraums von der prakttschen Entdeckung der Verlvandlung von mechanischer Bewegung in Wärme bis zu derjenigen der Ver- Wandlung von Wärme in mechanische Bewegung. Bei Herrn Dühring wird die Geschichte freilich anders be- handelt. Im Allgemeinen ist sie als Geschichte der Jrrthümer, der Unwissenheit und Rohheit, der Vergewaltigung und Knech- tung ein die Wirklichkeitsphilosophie anwidernder Gegenstand; im Bcsondcrn jedoch thcilt sie sich in zwei große Abschnitte, nämlich 1) von dem sich selbst gleichen Zustand der Materie bis auf die französische Revolution, und 2) von der französischen Revolutton bis auf Herrn Dühring; und dabei bleibt das neun- zehnte Jahrhundert„noch wesentlich reaktionär, ja es ist es(I) in geisttger Beziehung noch mehr als das achtzehnte," wobei es jedoch den Sozialismus in seinem Schoß trägt, und damit„den Keim einer gewaltigeren Umschaffung als sie von den Vorläufern und den Heroen der französischen Revolution erdacht(!) wurde." Die wirklichkeitsphilosophische Verachtung gegen die bisherige Geschichte rechssertigt sich wie folgt:„Die wenigen Jahrtausende, für welche eine historische Rückerinnerung durch ursprüngliche Aufzeichnungen vermittelt wird, haben mit ihrer bisherigen Menschheitsverfassung nicht viel zu bedeuten, wenn man an die Reihe der kommenden Jahrtausende denkt.... Das Men- schengeschlecht ist als Ganzes noch sehr jung, und wenn einst die wissenschaftliche Rückerinnerung mit zehntausenden statt mit taufenden von Jahren zu rechnen hat, wird die geistig unreife Kindheit unserer Institutionen eine selbstverständliche Voraus- setzung über unsere alsdann als Uralterthum gewürdigte Zeit unbestrittene Geltung haben." Ohne uns bei der in der That„urwüchsigen Sprachgestal- tung" des letzten Satzes länger aufzuhalten, bemerken wir nur zweierlei: Erstens, daß dies„Uralterthum" unter allen Um- ständen ein Geschichtsabschnitt von höchstem Interesse für alle künftigen Generationen bleiben wird, weil er die Grundlage aller j späteren höheren Entwicklung bildet, weil er die Herausbildung des Menschen aus dem Thierreich zum Ausgangspunkt und zum Inhalt die Ueberwindung von solchen Schwierigkeiten hat, wie sie sich den zukünfttgen associirten Menschen nie wieder entgegen- stellen werden. Und zweitens, daß der Abschluß dieses Uralter- thums, dem gegenüber die künftigen, nicht mehr durch diese Schwierigkeiten und Hindernisse aufgehaltenen Geschichtsperioden ganz andre wissenschaftliche, technische und gesellschaftliche Erfolge versprechen, ein jedenfalls sehr sonderbar gewählter Moment ist, um diesen kommenden Jahrtausenden Vorschriften zu machen durch endgültige Wahrheiten letzter Instanz, unwandelbare Wahrheiten und wurzelhafte Konzeptionen, entdeckt auf Grundlage der geistig unreifen Kindheit unsres so sehr„rückständigen" und„rückläu- sigen" Jahrhunderts. Man muß eben der philosophische Richard Wagner sein— doch ohne Wagners Talent— um zu übersehn, daß alle die Herabwürdigungen, die man auf die bisherige Ge- schichtsentwicklung wirst, ebenfalls an ihrem angeblich letzten Resultat haften bleiben— an der sogenannten Wirklichkeits- Philosophie. Eines der bezeichnendsten Stücke der neuen wurzelhaften Wis- senschast ist der Abschnitt über Jndividualisirung und Werth- steigerung des Lebens. Hier sprudelt und strömt in unaufhaltsamem Quelldrang durch volle drei Kapitel der orakelhafte Ge- meinplatz. Wir müssen uns leider auf ein paar kurze Proben beschränken. „Das tiefere Wesen aller Empfindung und mithin aller sub- jektiven Lebensformen beruht auf der Differenz von Zustän- den... Für das volle(!) Leben läßt sich aber auch ohne Wei- teres(!) darthun, daß es nicht die beharrliche Lage, sonoern der Uebergang von einer Lebenssituation in die andere ist, wodurch das Lebensgefuhl gesteigert und die ensscheidenden Reize ent- wickelt werden... Der annähernd sich selbst gleiche, sozusagen in Trägheitsbeharrung und gleichsam in derselben Gleichge- wichtslage verbleibende Zustand hat, wie er auch beschaffen sein möge, für die Erprobung ves Daseins nicht viel zu bedeuten... Die Gewöhnung und sozusagen Einlebung macht ihn vollends zu etwas Indifferentem und Gleichgültigem, was sich nicht son- dcrlich vom Tsdtsein unterscheidet. Höchstens tritt noch als eine Art negativer Lebensregung die Pein der Langeweile hinzu... In einem sich stauenden Leben erlischt für Einzelne und Völker alle Leidenschaft und alles Interesse am Dasein. Unser Gesetz der Differenz aber ist es, aus welchem alle diese Er- scheinungen erklärlich werden." Es geht über allen Glauben, mit welcher Geschwindigkeit Herr Dühring seine von Grund aus eigenthümlichen Ergebnisse zu Stande bringt. Eben erst ist der Gemeinplatz ins Wirklich- keits-Philosophische übersetzt, daß fortdauernde Reizung desselben Nerven, oder Fortdauer desselben Reizes jeden Nerv und jedes Nervensystem ermüdet, daß also im normalen Zustand Unter- brechung und Abwechselung der Nervenreize stattfinden muß— was seit Jahren in jedem Handbuch der Physiologie zu lesen und was jeder Philister aus eigner Erfahrung weiß— kaum ist diese uralte Plattheit in die mysteriöse Form übersetzt worden, daß das tiefere Wesen aller Empfindung auf der Differenz von Zuständen beruht, so verwandelt sie sich auch schon in„Unser Gesetz der Differenz." Und dies Gesetz der Differenz macht „vollkommen erklärlich" eine ganze Reihe von Erscheinungen, welche wieder nichts sind als Illustrationen und Beispiele von der Annehmlichkeit der Abwechselung, welche selbst für den aller- gewöhnlichsten Philisterverstand durchaus keiner Erklärung be- dürfen, und welche durch den Hinweis auf dies angebliche Gesetz der Differenz nicht um die Breite eines Atoms an Klarheit gewinnen. Aber damit ist die Wurzelhaftigkeit„unseres Gesetzes der Differenz noch lange nicht erschöpft:„Die Abfolge der Lebens- alter und das Eintreten der mit ihnen verbundenen Verän- derungcn der Lebensverhältnisse liefern ein recht naheliegendes Beispiel zur Veranschaulichung unsres Differenzenprinzips. Kind, Knabe, Jüngling und Mann erfahren die Stärke ihrer jeweiligen Lebcnsgefühle weniger durch die bereits fixirten Zu- stände in denen sie sich befinden, als durch die Epochen des Ucbergangs von deyt einen zum andern." Damit nicht genug: „Unser Gesetz der Differenz kann noch eine entlegnere Anwen- dung erhalten, indem man die Thatsache in Anschlag bringt, daß die Wiederholung des bereits Erprobten oder Geleisteten ! keinen Reiz hat." Und nun kann sich der Leser den orakelhaften Kohl selbst hinzudenken, zu dem Sätze von der Tiefe und Wurzel- haftigkeit der obigen den Anknüpfungspunkt bieten; und wohl mag Herr Dühring am Schluß seines Buchs triumphirend aus- rufen:„Für die Schätzung und Steigerung des Lebenswerths wurde das Gesetz der Differenz zugleich theoretisch und praktisch maßgebend!" Für die Schätzung des geistigen Werths seines > Publikums durch Herrn Dühring ebenfalls: er muß glauben, es bestehe aus lauter Eseln und Philistern. Weiterhin erhalten wir folgende äußerst praktische LebenS- regeln:„Die Mittel, das Gesammtinteresse am Leben rege zu erhalten"(schöne Aufgabe für Philister und solche die es werden wollen!)„bestehen darin, die einzelnen, sozusagen elementaren Interessen, aus denen sich das Ganze zusammensetzt, sich nach den natürlichen Zeitmaßen entwickeln oder einander ablösen zu lassen. Auch gleichzeitig für denselben Zustand wird die Stufen- folge in der Ersetzbarkeit der Niedern und leichter befriedigten Rehe durch die höheren und anhaltender wirksamen Erregungen dahin zu benutzen sein, daß die Entstehung von gänzlich interesse- losen Lücken vermieden werde. Uebrigens wird es aber darauf ankommen, zu verhüten, daß die naturgemäß oder sonst im normalen Lauf des gesellschaftlichen Daseins entstehenden Span- nungen in willkührlicher Weise gehäuft, forcirt, oder, was die gegentheilige Verkehrtheit ist, schon bei der leisesten Regung be- friedigt und so an der Entwicklung eines genußfähigcn Bedürfens verhindert werden. Die Einhaltung des natürlichen Rhythmus ist hier wie anderwärts die Vorbedingung der ebenmäßigen und anmuthenden Bewegung. Auch darf man sich nicht die unlös- bare Aufgabe stellen, die Reize irgend einer Situation über die ihnen von der Natur oder den Verhältnissen zugemessne Frist ausdehnen zu wollen" u. s. w. Der Biedermann, der sich diese feierlichen Philister-Orakel einer über die fadesten Plattheiten spintisirenden Pedanterie zur Regel der„Lebenserprobung" dienen läßt, wird allerdings nicht über„gänzlich interesselose Lücken" zu klagen haben. Er wird alle seine Zeit nöthig haben zur regelrechten Vorbereitung und Anordnung der Genüsse, so daß ihm zum Genießen selbst kein freier Augenblick bleibt. Erproben sollen wir das Leben, das volle Leben. Nur zweierlei verbietet uns Herr Dühring: erstens„die Unsauber- reiten her Einlassung mit dem Tabak", und zweitens Getränke und Nahrungsmittel, welche„widerwärtig erregende oder über- Haupt für die feinere Empfindung verwerfliche Eigenschaften haben." Da nun Herr Dühring in dem Kursus der Oekonomie die Schnapsbrennerei so dithyrambisch feiert, so kann er unter diesen Getränken unmöglich den Branntwein verstehn; wir sind also zu dem Schluß gezwungen, daß sein Verbot sich blos auf Wein und Bier erstreckt. Er verbiete nun auch noch das Fleisch, und dann hat er die Wirklichkeitsphilosophie auf dieselbe Höhe gebracht, auf der weiland Gustav Struve sich mit soviel Erfolg bewegte— auf die Höhe der puren Kinderei. Uebrigens könnte Herr Dühring doch in Beziehung auf die geistigen Getränke etwas liberaler sein. Ein Mann, der ein- gestandener Maßen die Brücke vom Statischen zum Dynamischen noch immer nicht finden kann, hat doch sicher alle Ursache, gelmd zu urtheilen, wenn irgend ein armer Teufel einmal zu tief ins Glas guckt und in Folge dessen die Brücke vom Dynamischen zum Statischen ebenfalls vergebens sucht. Anstatt einer Brieskastennotiz. Von mehreren Seiten ist bei uns angefragt worden, weshalb wir am 11. April keine Notiz von dem Geburtstage Lassalle's genommen; die Fragesteller aber ließen durchblicken, als ob wir mit besonderer Absichtlichkeit, ja aus Antipathie gegen den großen Todten den Tag nicht erwähnt hätten. Wir weisen diese Anschauung weit von uns weg, indem wir unsererseits die Frage stellen, ob Diejenigen, welche am lautesten jubeln oder klagen, auch immer die besten Anhänger, die treuesten Verehrer sind? Die Bedeutung Lassalle's für die deutsche Arbeiterbewegung, ja für den Sozialismus überhaupt, ist über jeden Zweifel er- haben; wir haben dieselbe anerkannt und werden dieselbe immer anerkennen, und gern gedenken wir auch öffentlich in Schrift und Wort des großen Mannes. Aber wir glaubten zu solcher Erinnerung einen andern Tag wählen zu sollen und zwar den 31. August, den Todestag Lassalle's; die Erinnerung an den jähen Tod des mitten im Kampfe stehenden Streiters ist jedenfalls naheliegender, als die Erinnerung an die Geburt und rückblickend vom Grabe bis zur Wiege kann man dann die ein- zelnen Thaten des Gefeierten vor dem Auge des Lesers oder Hörers zum Gedächtniß besser vorüberziehen lassen. Kam es uns doch so vor, als ob einige Artikel, die unsere lokalen Partciblätter zum Geburtstage Lassalle's brachten, zur Erinnerung an seinen Todestag geschrieben seien! Die Feier des Todestags Lassalle's ist fast in ganz Deutsch- land bei unserer Partei Sitte geworden, laßt uns also diese jedes Jahr begehen, so ernst und feierlich wie möglich, aber laßt es auch damit genug sein. Die Bourgeoisie feiert die Geburtstage ihrer Größen meist nur alle 10, 25, 50 oder 100 Jahre; und wenn wir auch gern eingestehen, daß Lassalle uns mehr war, als jemals ein großer Geist der Bourgeoisie sein kann, so wollen wir doch nicht in den Fehler verfallen, den Kultus von Personen abgöttisch zu be- treiben. Lassalle selbst würde sich am ersten, wenn er noch lebte, der- gleichen verbitten. Lassalle war sich seines vollen ganzen Werthcs bewußt, aber er war nicht eitel, deshalb wollte er auch keine Ovationen, sondern nur, wo es der Sache galt, bedeutsame De- Ein Kapitel zum Zeugnijzzwang der Redakteure. Wie in den letzten Jahren in Preußen-Deutschland die Zeugniß- Pflicht der Redakteure zur Ermittelung von Post- und Tele- graphenbcamtcn ausgeübt wird, welche sich erkühnten, in der Presse nicht Alles gut zu heißen, was von Herrn Stephan oder ihm untergeordneten Organen kommt, dazu bietet die bisher wenig bekannt gewordene Leidensgeschichte des Begründers und langjährigen Leiters der Berliner Wochenschrift„Deutsche Post" neben dem Falle Kantecki eine so treffende Illustration, daß wir uns nicht versagen können, hier ein kurzes Bild der akten- mäßig festgestellten Thaisachen folgen zu lassen. Das oben angeführte Blatt hatte sich unter Anderm die Aufgabe gestellt, ein treuer Anwalt der Verkehrs-, inbesondcre der Post- und Telegraphenbeamten zu sein und öffnete seine Spalten willig so manchem Schmerzensschrei aus jenen Kreisen. Dadurch hatte es sich die Gunst eines viel von sich reden machenden und viel- belobten Verwaltnngschefs verscherzt, der seinerseits das Menschen- möglichste aufbot, dem Blatte seine Ungunst zu zeigen. Be- sonders waren jenem Verwaltungschef die alljährlich wieder- kehrenden Klagen über die eigenthümlichen Gratifikations-Ver- theilungen an Postbeamten zu Weihnachten ein Dorn im Auge. Dem Redakteur des genannten Blattes, E. König, machten die sich alljährlich wiederholenden zahlreichen Zuschriften über das genannte Thema nicht minder Kopfschmerzen; es gab da viel zu sichten und zu feilen, und doch mußte er den Lesern seines Blattes auch iu diesem Punkte Rechnung tragen. In der Weih- nachtsperiode von 1872 allein gingen einige siebenzig Zuschriften über das genannte Thema ein. Eine der besten der anonymen Arbeiten, die sich durch ihren Stil sowohl, als durch gewisse Zahlenangaben auszeichnete, verwandte Redakteur König, nachdem er Streichungen und Zusätze vorgenommen hatte, als Leitartikel in Nr. 4 des Jahrganges 1873 seines Blattes. Jener Arttkel blieb Polizeilich oder besser staatsanwaltlich völlig unbeanstandet, den Berwaltungschef Stephan dagegen versetzte er in große Aus- regung. Eine Erwiderung— freilich eine sehr matte— war die Folge, welche wiederum in einem Leitartikel(in Nr. 7 pro 1873 der„Deutschen Post") kritisirt wurde. Versuche von diversen Seiten, auf Schleichwegen beim Rc- datteur König, den Einsender jenes Arttkels zu ermitteln, wurden s monstrationen. So glauben wir, daß man uns, wenn wir am ! 11. April Lassalle's nur in der Stille gedachten und unsere � Erinnerungsworte auf den 31. August aufschoben, keinen Verstoß gegen die Pietät, die wir dem Verstorbenen zollen, zeihen kann. Der 31. August aber soll für die deutschen Arbeiter der jährliche Erinnerungstag an Lassalle sein— das Centralorgan der Sozialdemokratie Deutschlands wird desselbem jedesmal in angemessener Weise gedenken. Sozialpolitische Uebersicht. —„Die Lage ist sehr ernst und wenn nicht durch ein wahres Wunder ein Scenenwechsel eintritt, so stehen wir un- mtttelbar vor dem Ausbruch eines Krieges"— so schreibt die Wiener„Neue Freie Presse", die in den orientalischen Ange- legenheiten bis jetzt immer sehr gut unterrichtet war. Rußland ist in dem diplomatischen Spiel von der Türkei glänzend be- siegt worden, nun kann das kriegerische Spiel losgehen. Auch die„National- Zeitung" spricht von der Unvermeidlichkeit des �Krieges. Der geniale Staatsmann, ohne dessen Willen in Eu- ropa kein Kanonenschuß fällt, hat augenscheinlich seinen Zauber verloren— oder ist es sein Wille, daß der Kriegsbrand im Osten Europas sich entzündet?— Sei dem wie ihm wolle, das Kaiserbündniß ist vernichtet, der Krieg, im Osten angefacht, kann , sich sehr leicht über den Westen ausdehnen, den das mächtige, „friedfertige" Deutschland nicht verhindern kann. Wir stehen i somit vor einer recht rosigen Zukunft.— Nach einzelnen Nach- richten soll der Krieg schon erklärt und die Russen im Vormarsch begriffen sein. — Ueber die Regierungslosigkeit in Berlin macht die reichsfreundliche„Kölnische Zeitung" folgende interessante Bemerkungen:„Die Ernennung Hofmann's zum Vertreter des Fürsten Bismarck hat auf die Mehrheit der Abgeordneten einen ungünstigen Eindruck gemacht. Wir zweifeln nicht, daß Herr Hofmaan als Präsident des Reichskanzleramts seine Pflicht nach bestem Wissen und Können erfüllt; aber er ist nicht im Stande, Herrn Delbrück zu ersetzen. Im Reichskanzleramte herrscht jetzt, wie man klagt, eine gemüthliche Anarchie, und Jeder thut so ziemlich was er will. Wenn das nun geschah, während Fürst Bismarck noch zugegen war, was wird geschehen, wenn Herr Hofmann diese mächtige Stütze verloren hat? Auch fehlt es dem gegenwärtigen Stellvertreter des Reichskanzlers leider an jener Festigkeit der volkswirthschaftlichen Grundsätze, durch die sich Herr Delbrück auszeichnete."— Aus solchem Gejammer und Geklage ersieht man, daß das„deutsche Reich" noch lange auf keinen grünen Zweig angelangt ist— und dies sogar trotz Bismarck. — Ueber das Arbeiterschutzgesetz, welches die sozialistischen Abgeordneten entworfen haben, äußern sich jetzt sast alle Zeitungen. Bezeichnend ist das Urtheil der„National- Zeitung", die sich folgendermaßen vernehmen läßt:„Der von den Sozialdemokraten ausgearbeitete Entwurf eines Arbeiter- schutzgesetzes ist nunmehr beim Reichstage eingegangen, unterstützt durch die Abgeordneten Krüger, Rußwurm, vr. Reichensperger (Kreseld) und Holthoff. Es ist ein sehr umfangreiches Aktenstück und betrifft Abänderungen der Titel I, II. Vit, IX und X der Gewerbeordnung. Von der Tendenz, die Arbeit im Sinne des sozialistischen Zukunftsstaates zu organisiren, hält sich der Ge- setzcntwurf fern; es wird dem Arbeiter der Arbeitgeber gegen- übergestellt, dem letzteren auch ein gewisses Maß von Rechten eingeräumt. In dieser Beziehung stimmen daher die gestellten Anträge mit den Forderungen der für Wahlzwccke und sonst benutzten sozialistischen Parteiprogramme nicht überein. Abgesehen davon, ist in dem Gesetzentwurf allerdings anscheinend jsämmt- lichen in Deutschland ooer anderswo vertretenen Bestrebungen der Arbeiterpartei Rechnung getragen. Es befinden sich darunter solche, deren Berechtigung auch von andern Parteien anerkannt und zu deren Durchführung anderweit bereits die Initiative ergrissen ist. Ein weiterer Theil der Bestimmungen schießt über das unter Berücksichtigung der thatsächlichen Verhältnisse zur Zeit erreichbare Ziel mehr oder weniger weit hinaus, während eine dritte Kategorie mit der bestehenden Rechtsordnung offen bricht. Daß die erste Probe eines gesetzgeberischen Versuchs von sozialdemokratischer Seite die Rücksicht auf das Erreichbare nicht beobachten würde, kann nicht überraschen; es kam ja vor allem darauf an, die Wähler vom 10. Januar durch die Jnaussicht- stellung möglichst umfassender Verbesserungen zufrieden zu stellen. Eine verständige Einschränkung der Forderungen hätte unfehlbar sehr ernüchternd auf die Anhänger der Partei einwirken müssen. von Letzterem, der— beiläufig bemerkt— den Einsender selbst nicht kannte, glücklich abgeschlagen, und schon glaubte König, der Groll des von den nationalliberalen Blättern mit dem Beiwort „groß", auch wohl„genial" geschmückten Verwaltungschefs und Ehrendoktors sei verraucht und letzterer habe die Unmöglichkeit der Befriedigung seiner„Wißbegierde" eingesehen, als er im Frühjahr 1873 eine Vorladung vom Berliner Stadtgericht als „Zeuge in der Disziplinar-Untersuchungssache wider Unbe- kannt"(?!?) vor dem bekannten, auch im Prozesse Arnim mehrfach genannten Untersuchungsrichter Pescatore erhielt. Im ersten Termine wurde ihm eröffnet, daß seine Vernehmung lediglich auf Requisition des Generalpostdirektors erfolgt sei, welcher eine Disziplinaruntersuchung gegen den betreffenden Be- amten, welcher jenen Artikel, der dem Herrn Stephan nicht ge- fallen hatte, eingesandt, einleiten wolle. Dann forderte er Re- dakteur Köuig auf, den Namen dieses Beamten zu nennen(also denselben gewissermaßen treulos seinem mächtigen Feinde aus- zuliefern). Man hatte den Antrag damit motivirt, der Herrn Stephan mißfällige Artikel enthalte Angaben, Zahlen u. dergl., die nur von einem höheren Postbeamten herrühren könnten, — also eine Verletzung des Amtsgeheimnisses— außerdem sei die ganze Fassung des Aufsatzes für die Verwaltung, beziehungsweise deren Chef verletzend. Die sonst in solchen Punkten so feinfühlige Staatsanwaltschaft hatte Verletzendes allerdings nicht zu entdecken vermocht. Den ersten Punkt bestritt König und wies nach, daß in keiner Weise eine Verletzung des Amtsgeheimnisses vorläge, daß vielmehr die Zahlenangaben:c. Jedermann, in dem entsprechenden Reichstagsmaterial, als Postetat, Poststatistik-c. zugänglich seien. Das angeblich Verletzende der Fassung des Artikels dagegen nahm er auf sich. Damit war indessen dem Postchef wenig gedient; er ließ zwar das Motiv der Amtsgeheimnißverletzung fallen, legte da- Segen den Werth auf die verletzende Fassung des Arttkels. !önig versicherte, daß das Manuscript anonym gewesen sei und er die Arbeit ihres innern Werthes halber für die eines höheren Postbeamten gehalten habe, weigerte sich aber, seine Aussage zu beschwören, weil seine Vernehmung nur auf Requisition eines nichtrichterlichen, einfachen höheren Verwaltungsbeamten erfolgt Deshalb hat der vorliegende Antrag in unseren Augen auch nur einen Werth als Stimmungsbild und Zeichen der Takttk." — Also weit über das Ziel hinaus schießt jener Antrag, trotz- dem er sich von der sozialistischen Tendenz des Zukunftsstaates fern hält. Also doch noch zu freisinnig! Unsere Parteigenossen mögen daraus das endgiltige Schichal des Gesetzentwurfs, die Ablehnung, ersehen, aber zugleich erkennen, daß selbst die prak- tischesten Vorschläge, welche den Kapitalismus nur etwas be- schränken sollen, in den Augen der liberalen und conservativen Kapitalanbeter keine Gnade finden. — Die politische Satyre hat nur dann ihre volle Be- rechtigung, wenn sie sich gegen die Macht, gegen die Unterdrücker wendet; sie wird meistens schal, wenn sie gegen die Unterdrückten gerichtet ist. So lange der„Kladderadatsch" ein opposittonelles Blatt war, waren seine Witze schneidig, seitdem er aber servil geworden und der Macht dient, sind seine Witze flach. Sie werden aber oft genug unmoralisch, wie nachstehende Briefkastennotiz zur Genüge uns zeigt:„L. M.: In Nr. 71 des„Neuen Hei- delberger Anzeigers" finden wir die Einladung zu einer allge- meinen SchuhmachenVersammlung, auf deren Tagesordnung die „Besprechung betreffs einer Petition an den deutschen Reichstag über Abschaffung der Zuchthausstrafe" steht. Wir zweifeln nicht, daß diese Petition zahlreiche Unterschriften in den Kreisen Derer finden werde, deren Finger zu lang für ehrliche Arbeit sind."— Wenn im„Heidelberger Anzeiger" ein solcher Druckfehler gewesen ist(es soll selbstverständlich heißen: Ab-' schaffung der Zuchthausarbeit), so konnte der„Kladderadatsch" dem„Anzeiger" einen Hieb versetzen, doch in dieser Weise die i einladenden Schuhmachergesellen, die unter dem Drucke der Zucht- Hausarbeit leiden, zu verhöhnen, das ist mehr als frivol, das ist gemein.— Uebrigens würden, wenn eine Petttion auf Ab- schaffung der Zuchthausstrafe in Anregung gebracht würde, gerade die Gönner des„Kladderadatsch", verschiedene Gründer, Gummiwaaren- Anpreiser-c. zc., also alle Die, welche der ehr- lichen Arbeit abhold sind, ganz vorzugsweise Ursache haben, eine solche Petition zu unterzeichnen. — Die Einigung der österreichischen Arbeiter ist so gut wie vollzogen, da der„Agitator" und die„Gleichheit", die Organe der früher einander gegenüberstehenden Gruppen der � österreichischen Arbeiter, gleichzeitig das folgende Programm als| Grundlage der Einigung veröffentlichen: „Die Sozialdemokratie Oesterreichs verlangt: A. In politischer Beziehung: 1. Ertheilung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechtes an alle Staatsbürger vom 21. Lebensjahre an für alle Vertretungskörper in Staat und Gemeinde, mit Diätenbezug für die Abgeordneten. 2. Vollständige Vereins-,! Bersammlungs- und Coalitionsfreiheit. 3. Preßfreiheit, ins-' besondere Aufhebung des objektiven Verfahrens und der Polizei- lichen Beschlagnahme, Abschaffung des Zeitungsstempels und der Kaution, Freigebung der Colportage. 4. Obligatorischen unent- geltlichen Volksschulunterricht. Unentgeltlichen Unterricht in allen öffentlichen Bildungsanstalten. 5. Trennung der Kirche von Staat und Schule durch Beseitigung jedes confessionellen Ein flusses auf Staat und Schule. 6. Abschaffung der stehenden Heere und Einführung der Volksmiliz. 7. Reform des Gerichts- wesens im Sinne der Mündlichkeit und Unentgeltlichkeit des Verfahrens und Wahl der Geschwornen durch das Volk. ö. In wirthschaftlicher Beziehung: 1. Revision der Gewerbeordnung, insbesondere im Sinne folgender Forderungen: a) Arbeiter- kammern, b) Beschränkung der Frauen- und Abschaffung der Arbeit der Kinder bis zum vollendeten vierzehnten Lebensjahre, o) Einführung eines zehnstündigen Normal-Arbeitstages für alle erwachsenen männlichen Arbeiter, ck) Regelung der Gcfängniß- arbeit. 2. Ein zweckentsprechendes Haftpflichtgesetz, überhaupt Schutzgesetze für alle Arbeiter unter Controle durch Fabriks- inspektoren. 3. Aufhebung der Gesindeordnung. 4. Einführung einer einzigen progressiven Einkommensteuer anstatt aller, ins- besondere der das Volk belastenden indirekten Steuen." Wir beglückwünschen die österreichischen Arbeiter zu dem' Siege, den sie über sich selbst errungen haben. — Die industrielle Krisis fängt an, sich auch in England allenthalben bemerkbar zu machen. Vor Allem liegt die Eisen- und Kohlenindustrie darnieder und die Fabriken stellen neue Lohnherabsetzungen in Aussicht. In Durham, Warwickshire, Jorkshire und Cleveland ist eine solche bereits angesagt. Nur die Erbauer eiserner Schiffe bilden eine Ausnahme. Etwas besser steht es in der Textilindustrie, doch feiern auch aus diesem Gebiete manche Fabriken. Im nördlichen Irland haben die sei, der ja selbst bereits die angebliche Verletzung des Amtsge- (jeimittsses als unbegründet habe fallen lassen müssen. Alsbald erfolgten Vorladungen auf Vorladungen, als ob es sich nicht einfach um gekränktes persönliches Selbstgefühl handle, sondern um Ermittelung des schwersten Verbrechens; selbst die Gerichtsferien unterbrachen das fortgesetzte Vernehmen nicht. Das ganze Sommersemester hindurch konnte man fast einen Tag um den andern den Redakteur König im Zimmer des Herrn Pescatore am Molkenmartt erblicken, selbst durch seine Beschwer- den über das nach seiner Meinung ungerechtfertigte und unge- schliche Verfahren beim Kammergericht und beim Obertribunal erlitten seine Vorladungen und Vernehmungen keine Unter- brechung. Auch die Vorhaltungen seitens des Gerichts wegen Verweige- rung des Zeugnißeides blieben nicht aus, ebensowenig die Straf- androhungen und Strafeinziehunaen. Zuerst zog man 10 Thlr. Strafe, dann 40 Thlr. wegen Verweigerung des Zeugnißeides von König ein und die höheren Instanzen,� Kammergericht und Obertribunal, billigten das Verfahren des Stadtgerichts, sodann drohte man eine Geldbuße von 100 Thlr. und endlich Gefäng- niß an. Jene Folterproben würden auch bestimmt eingetreten fern, hätte der Kummer über die vielen heimlichen und öffentlichen Verfolgungen seiner Gegner und deren Creaturen, sowie der Gram darüber, bei den Behörden keinerlei Schutz dagegen zu finden, den geniarterten Redakteur nicht auf's Krankenlager ge- warfen und hätte das ärztliche Attest nicht ausdrücklich weitere Vernehmungen— weil zu aufregend für den Kranken— auf 4 bis 6 Wochen untersagt. Man machte gerichtlicherseits zwar verschiedene Einwendungen gegen die Krankheit und begehrte ein Attest von einem gerichtlichen Physikus; es trat aber zuletzt doch eine Pause in den Vernehmungen bis Ende September ein. Die fortgesetzte Tortur war-Z inzwischen auch zu den Ohren des Einsenders des verhängnißvollen Artikels gedrungen. Dieser, ein ehrlicher Mann, suchte den Redakteur auf, und gab sich ihm als den Verfasser zu erkennen. Die Vermuthung, daß der Ver- fasser ein höherer Beamter gewesen sei, bestätigte sich jetzt; er bekleidete das Amt eines Postinspektors in Berlin. Kurz vor dem letzten Termin ging dem Redakteur König ein Brief jenes höheren Beamten etwa des Inhalts zu:„Euer Wohlgeboren er-! Weber ihre Stühle bei Seite gestellt und dafür landwirthschaft- liche Geräthe in die Hand genommen. In der Landwirthschaft ist jetzt nach Arbeitern größere Nachfrage. Die Bauhandwerker sind wohl die einzigen Arbeiter, welche jetzt wirklich gute Zeit haben, was auch zum Theil von denselben mit Recht zur Hebung ihrer Lage benützt wird. So haben z. B. die Stuccaturarbeiter Liverpools an ihre Arbeitgeber das Verlangen gestellt, die Ar- beitszeit zu kürzen und den Lohn zu erhöhen. Anstatt 10 Stunden täglich zu arbeiten, wie dies gegenwärtig der Fall ist, verlangen sie eine 9 stündige Arbeitszeit und einen Penny Lohnerhöhung pro Stunde. Man weiß noch nicht, ob die Arbeitgeber dieser Forderung nachkommen werden; wahrscheinlich ist's jedoch, daß die Arbeiter durchdringen werden, weil, wie erwähnt, die Bau- arbeiter allgemein beschäftigt sind. — Aus Italien berichten die Bourgeoisblätter in allen Ländern eine höchst einfältige Schwindelgeschichte. Die Jnter- nationalen sollen in der Nähe von Rom den Aufruhr entzündet haben. Hochkomisch klingt folgende Nachricht, welche durch fast alle deutschen Zeitungen als Telegramm lief:„Die Polizei ver- haftete am Sonntag in Pontemolle bei Rom 18 Mitgliever der Internationalen, welche im Begriff waren, sich zu einem Haufen zusammen zu schließen."— Die„Boss. Zeitung" ist übrigens ehrlich genug, das Ganze für ein Polizeimanöver zu erklären; die Verhafteten haben mit der Internationale nichts zu thuu, es ist einfaches Raubgesindel, welches in Italien im- menvährend sein Unwesen treibt. Selbst der Minister Nicotera erklärte, daß die Aufrührer den untersten Volksklassen an- gehören, während bekanntlich diese in Italien sich der Jnter- nationale ganz fern halten.— Also Schwindel, immer Schwindel, um den verhaßten Rothen eins anzuhängen. — Neue Gedichte von Georg Herwegh. Der 7. Kri- minal-Deputation des Berliner Stadtgerichts lagen am 12. April die„Neuen Gedichte von Herwegh", in Zürich erschienen, zur Prüfung auf deren strafbaren Inhalt vor. Es wurde in den Gedichten eine fortlaufende Kette von Majestätsbeleidi- gungen, Gotteslästerungen, Verhöhnungen der Staats- einrichtungen und anderen Vergehen gefunden und deshalb auf Unbrauchbarmachung der Broschüre in allen vorfind- lichen Exemplaren erkannt.— Wir freuen uns dabei, daß man die„Neuen Gedichte von Freiligrath", in welchen die revolu- tionärsten Anklänge zu finden sind, bis jetzt noch nicht verboten hat— oder sollte man mehr die Person auch nach dem Tode noch verfolgen, als das Objekt, die Gedichte, selbst? Herwegh ist bekanntlich als Revolutionär gestorben, Freiligrath aber, von der herrschenden Gesellschaft mit 60,000 Thalern dotirt, hatte auch dieser Gesellschaft schließlich seine Leier geweiht. n. Berlin, 14. April. Die Donnerstags- Sitzung des Reichstags wurde mit lang- weiligen Debatten über Elsaß-Lothringen und mit Etats- berathungen ausgefüllt. Der Postctat gab Liebknecht die Gelegenheit, einige neue Fälle von Verletzung des Brief- geheimnisses zu constatiren und den Nachweis zu liefern, daß das Anklagematerial, welches er in der Reichtagssitzung vom IS. Dezember vorigen Jahres vorgebracht, unwiderlegt geblieben ist und, weil durchaus auf Wahrheit beruhend, auch nicht wider- legt werden kann. Im Eingang seiner Rede erklärte Liebknecht, daß, wenn er sich in Deutschland auf politischem Gebiet noch über etwas wundern könnte, er sich darüber wundern müßte, daß Herr Stephan, nach der einstimmigen Verurtheilung, die ihm am 13. März bei Besprechung der Kantecki-Affaire im Reichstag zu Theil geworden, überhaupt noch an seinem Platz fitze. Das sei nur möglich in einem Land, wo„untertürkische" Zustände herrschten.— Herr Stephan blieb die Antwort schuldig. Der folgende Tag brachte eine der skandalösesten politischen Comödien, die je im Reichstag abgespielt worden sind: die sog. Debatte über das Urlaubsschreiben Bismarck's. Herr Hänel, der in seiner öligen, salbungsvoll-pfäffischen Weise den Reizen eröffnete, meinte, der Reichstag dürfe nicht schweigen, schwiege der Reichstag, so würde er sich ein Armuthszeugniß ausstellen; und um das Armuthszeugniß des Schweigens zu verhüten, stellte der wackere Fortschrittsprediger dem Reichstag ein Armuths- zeugniß des Redens aus, wie es nie drastischer ausgestellt worden ist. Die widerlichste Beweihräucherung des„beurlaubten" Reichskanzlers wechselte ab mit den Plattesten parlamentarischen Gemeinplätzen, betreffend verantwortliche Reichsminister und an- dere mehr oder weniger schmackhafte Gerichte des fortschrittlichen mächtige ich, mich in dem nächsten Termine als Verfasser des Leitartikels in Nr. 4 Ihres geschätzten Blattes zu nennen. (Namen.)" Gleichzeitig hatte sich der betreffende höhere Beamte in einem Schreiben an den Generalpostdirektor diesem gegen- über selbst als den Verfasser angegeben, so daß jener die end- liche Befriedigung seiner Wißbegierde bereits erreicht hatte, be- vor noch König vor Pescatore erschienen. (Schluß folgt.) — Beitrag zur Unfall. Statistik. Bei der Magdeburger All- gemeinen Verstcherungs- Aktien- Gesellschaft— Abtheilung für Unfall- Versicherung— kamen im Monat Februar 1877 zur Anzeige: 15 Unfälle, welche den Tod der Betroffenen zur Folge gehabt haben, 3 Unfälle, in Folge deren die Beschädigten noch in Lebensgefahr schwe- ben, 15 Unfälle, welche für die Verletzten voraussichtlich lebenslängliche. theils totale, theils partielle Invalidität zur Folge haben werden, 285 Unfälle, mit voraussichtlich nur vorübergehender Erwcrbsunsähigkeit. Sa. 318 Unfälle. Bon den 15 Todesfällen treffen 4 auf Brennereien, 2 auf Zuckerfabriken, 2 auf Brauereien, 2 auf Landwirthschaftsbetrieb, je einer auf «inen Steinbruch, Speicherbetrieb und ein Verladungsgeschäft, eine Schiffbrauerei, Oelmühle, Seifen- und Lichtfabrik; von den 3 lebens- gefährlichen Beschädigungen je eine auf eine Schneidemühle, eine Leder- fabrik und eine Gyps- und Schwerspathmühle; von den 15 Jnvaliditäts- fällen 3 auf Zuckerfabrien. 3 auf Papierfabriken, je einer auf eine Schneidemühle, Baumwollspinnerei, Brennerei, Kunstwollfabrik, Eisen- gleßerei, Oelmühle, chemische Fabrik, Chamottewaarenfabrik, und die Emzelversichernng eines Zimmermanns. Jobann Jacoby, der Jahre lang auch ein eifriger Be- hm-'v a?en Königsberg betreffenden Angelegenheiten gewesen ist, hat macht Mark als Beitrag zum Bau eines Siechenhanses ver- <*„°.?5 ökonomische Kenntnisse eines„Gebildeten". m;!*,'V11 �adt wurden kürzlich einige Falschmünzer er- wischt und emgesperrt.„Wie schade," meinte ein Gebildeter,„jetzt, da der schreiendste Geldmangel herrscht." Der Mann war vollkommen im tf«** Ine,/E' �urch Falschmünzerei ließe sich dem Geldmangel ab- ,!«>, �«5 unterscheidet er sich nicht allzufehr von den(meist libera�l) Volttb«glückern, die ihre Schwindelpapiere nur zum öffent- uchen Besten auf den Markt bringen, um den allgemeinen, bei Leibe nicht den elgenen Wohlstand zu heben. Speisezettels. Ein Uneingeweihter würde gedacht haben, es sei unmöglich, den Fortschrittler und Auch-Demokrat Hänel an Servilität und Fadheit zu übertreffen, aber— der deutsche Reichstag ist reich an Capacitäten auf diesem Gebiet, und eine der hervorragendsten unterzog sich der ruhmvollen Aufgabe, dem Kieler Professor, dem schon die Siegesfreude das Antlitz ver- klärte, die Palme zu entreißen, und— Bennigsen wurde und blieb Sieger. Als er dem„großen Staatsmann" den Lorbeer um die Schläfe wand, und„die bewährte friedliche Politik des Reichskanzlers" in den Himmel erhob, da wurde das Auge Braun's thränenfeucht— er kam gerade vom Frühschoppen, und einige verbissene Reichsfeinde hätten zur gelungenen Aufführung beinahe geklatscht. Dem Vice- und Westentaschen-Kanzler folgte die„kleine Exellenz", der rechtzeitig wieder gesund gewordene — wie er rechtzeitig krank geworden war— Windthorst, mit einem schwarzen Sammtkäppchen auf dem Kopf, als argumentum aä bominem für schnöde Zweifler, die an eine diplomatische Krankheit geglaubt hatten. Er war sehr, sehr diplomatisch. „Exellenz" müssen jetzt wieder sondiren. Sehr gemäßigt, sehr prickelnd, au tonü aber sehr harmlos, das politische Gebiet nur anstreifend. Immerhin war's ein Mißklang im Concert der Knechtseligkeit. Das fühlte der alte Kleist-Retzow und mit seiner Trompetenstimme schmetterte er ein Lied von junkerlicher Loyalitätsinbrunst und romantischer Begeisterung für Gott, Bis- marck nnd König-Kaiserthum von Gottes und Bismarck's Gnaden, daß es selbst Bennigsen und seinem nationalliberalen Troß angst und bang wurde, als das grauköpfige Schreckenskind sie als Ge- sinnungsgenossen reklamirte. Die unfreiwillige Douche, die der unglückliche Äethusy-Huc dem„hohen Haus" beibrachte, kam sehr zeitgemäß. Natürlich blieb der unglückliche Graf, der zwar den Strom der Zeit an der Stirnlocke zu fassen, aber auch nicht den genügsamsten Zuhörer zu packen vermag, mehrmals auf's Peinlichste stecken— er thut's nun einmal nicht anders. Jetzt war die Reihe zu reden an Lieknecht, der sich rechtzeitig ge- meldet und fürsorglich nach der Rednerliste erkundigt hatte. Es war noch nicht 2 Uhr Nachmittags, das Haus also noch ganz „frisch"— jede Partei(Polen und Elsaß-Lothringer machen selbst keinen Anspruch darauf,„Parteien" zu bilden), mit Aus- nähme der Sozialdemokraten, hatte einen Sprecher gestellt; der einfachste Anstand, die einfachste Gerechtigkeit erheischte, daß man einen Vertteter der� Sozialdemokratie zum Wort kommen ließ. Doch was heißt Anstand, was Gerechtigkeit? Der böse Sozial- demokrat hätte die schöne Harmonie, die nach Verklingen des Windthorst'schen Mißtons wiedergekehrt war, durch eine schrille Dissonanz gestört, vernichtet— die Fackel der Wahrheit in diesen parlamentarischen Theaterflitter geschleudert, den„großen Staatsmann" wie er ist, dem„großen Staatsmann" wie er von bezahlten und unbezahlten Schönfärbern geschildert wird, gegenübergestellt, die Früchte der Blut- und Eisenpolitik dargelegt, dem Parlamentarismus die Maske abgerissen. Das mußte ver hindert werden: Herr Valentin erhielt Weisung, sein skanda löses Amt zu versehen— und er that es. So wurde die Sozialdemokratie mundtodt gemacht. Und wohlgcmerkt: auch die Partei des Herrn Richter, der unseren Abgeordneten bekanntlich vorwirft, daß sie nicht genug redeten, war den Unterhandlungen mit Valentin nicht fremd. Nach Beendigung dieser Haupt- und Staatsaktion setzte das Haus die Berathung des Etats fort. Bebel befürwortete im Namen unserer Partei eine Aufbesserung der Gehalte der unteren Beamten und die Abschaffung des jetzigen Willkürregiments im Post- und Telegraphenwesen; er geißelte die Praxis der Gratifi- kationen, welche blos darauf hinauslaufe, an Stelle der Ge- rcchtigkeit die Gnade und das Almosen zu setzen, und die Be- amtcn zu entwürdigen und zu corrumpiren. Von Rednern des Centrums, der Nationalliberalen und der Fortschrittspartei wurden diese Mißstände ebenfalls mehr oder weniger scharf getadelt, von den Fortschrittlern und Nationalliberalen Schmidt, Bcrger und Richter, unter höchst unpassenden Ausfällen auf die Sozial- demokraten,„die durch ihre Fürsprache die Sache der Postbeamten" nur schädigten. Echt— richterisch benahm sich„Eugen der edle Ritter", der in seiner üblichen Manier, mit der ihm eigenen Courage, der So- zialdemokratie köterhast in die Beine fuhr, gerade im Moment, wo Herr Valentin auf's Büreau schlich, um die Debatte zu guillotiniren. Bebel, der sich zur Replik um's Wort gemeldet hatte, wurde, wie Liebknecht drei Stunden vorher, valcntinirt, — ein Theil der Fortschrittspartei stimmte für den Schluß!— und der tapfere Richter kam diesmal ohne die verdiente Züchti- gung davon. Nun, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Herr Valentin, von den Sozialdemokraten privatim inter- pellirt, meinte, es sei so spät— schon 5 Uhr— und der Reichs- tag so ermüdet, daß eine Fortsetzung der Debatte„physisch nicht möglich gewesen sei". Man bedeutete ihn, daß Bebel höch- stens 5 Minuten gesprochen hätte und daß man moralisch ver- pflichtet gewesen sei, ihm als Angegriffenem das Wort zur Ver- theidigung zu geben; man erinnerte den Herrn weiter, daß, als er Liebknecht durch Schlußantrag mundtodt machte, es erst 2 Uhr und der Reichstag noch nicht müde war. Schließlich kündigte man Herrn Valentin an, daß der in einer ffrühern Session be- reits eingebrachte, aber nicht zur Berathung gelangte Antrag Liebknecht's zum Schutz der Redefreiheit im Reichstag nun erneuert und sein skandalöses Handwerk verdientermaßen ge- geißelt werden würde. Der gloriose Parlamentsretter war nicht wenig verdutzt— er schien sogar etwas erschrocken. Jedenfalls werden sich unsere Abgeordneten nicht so ohne Weiteres unter- drücken lassen. Treibt man sie zum Aeußersten, so werden sie Repressalien üben. Das Arbeiterschutzgesetz, welches voraussichtlich am Montag mit den übrigen Anträgen auf Abänderung der Gewerbeordnung zur Diskussion kommen wird, trägt, außer den Namen der Antragsteller, die Unterschriften von Rußwurm(Centrum), Reichensperger(Centrum), Holthoff(Demokrat) und des Dänen Kryger. Die Herren Patzer und Retter von der schwäbischen Bolkspartei haben ihre Unterschriften ver- weigert. An die Parteigenossen: In Nr. 42 des„Vorwärts" wurde seitens der Essener Ge- nossen über das Vorgehen des Herrn Krupp berichtet, welcher durch Entlassung der sozialistisch gesinnten Arbeiter die Bewegung dort lahm legen möchte. Hier müssen die Genossen allerorts ein- treten, um dieses Vorhaben zu vereiteln, ja sogar das Gegen- theil zu bewirken von dem, was Krupp bezweckt, so daß gerade durch das Vorgehen desselben die sozialistische Bewegung im Wahlkreise Essen einen recht festen Boden gewinnt. Schnelle Hilfe ist aber nöthig, und müssen daher so rasch wie möglich freiwillige Beittäge aufgebracht und an den mitunterzeichneten A. Geib, Hamburg, Rödingsmarkt 12, ein- gesandt worden. I. Auer. H. Brasch. C. Derossi. A. Geib. W. Hartmann. Correspondenzeu. Hamburg, 14. April.(Teleg.) Arbeitseinstellung der Schiffszimmerer im Reiherstieg an der Elbe in Aus- ficht. Zuzug von der Elbe fern halten. Aus der Schweiz, 11. April. Dem Schweizerischen Arbeiter- bunde liegt eine Reihe von Fragen zur Absttmmung vor, die bis heute beantwortet sein müssen. Sie beschäftigen sich mit den Statuten der„landespolitischen Gruppe". Mit der poli- tischen Landesgruppe hat es folgende Bewandtniß: Auf den Congressen in Winterthur und Bern wurde grundsätzlich be- schloffen, im Schooße des Schweizerischen Arbeiterbundes eine landespolitische Gruppe in's Leben zu rufen, welche die Agitation in landcspolitischen Fragen betreiben soll, während für den ge- sammten Arbeiterbund eine kosmopolittsche Thätigkeit, die Ver- breitung sozialdemokratischer Ideen und die Vereinigung aller Arbeiter als Hauptaufgaben in Aussicht genommen waren. In Ausführung dieser Beschlüsse unterbreitete der Arbeiterbund von Basel dem Bundescomite einen Statutenentwurf für die landes- politische Gruppe, die sich aus den schweizerischen Mitgliedern des Bundes zu bilden und einen organischen Bestandtheil des letzteren ausmachen sollte. Es wurde darin für die landespoli- tische Gruppe eine eigene und nur dem Congrcß verantwortliche Leitung beansprucht, deren Sitz von dem des Bundescomitäs getrennt sein sollte.— Das Bundescomits erblickte in dieser Lösung der Frage eine ernste Gefahr für den Arbeiterbund und stellte einen Gegenantrag. Seine Vorschläge waren folgende: § 1. Um in landespolitischer Beziehung mehr leisten zu können, organisiren sich die Mitglieder des Arbeiterbundes zu einer„Sozialdemokratischen Partei in der Schweiz", bei der die Schweizerbürger Aktivmitglieder und die Nicht- schweizer Passivmitglieder sind, und deren äußerliche Organisa- tion sich an unfern Staatskörper anschließt. Die Mitglieder des ganzen Arbeiterbundes bilden also die Partei in der Schweiz, die in einem Kanton die Partei in diesem Kanton u. s. w.— § 2. Sämmtliche Sektionen des Arbeiterbnndes an einem Orte, resp. Bevölkerungscentrum, bilden eine einzige Sektion dieser Partei und heißen in dieser Form„Arbeiter-Nnion". Kleine und vereinzelte Sektionen können sich zu diesem Zwecke den benachbarten in anderen Orten anschließen. Auf diese Weise können sich auch bezirks- oder kantonsweise Arbeiter-Unionen bilden und heißen in diesem Fall„Bezirks-Arbeiterunion", resp. „Kantonale Arbeiterunion".— Z 3.. Tritt ein Arbeiterverein oder ein gleichbedeutender Verein, der dem Arbeiterbunde nicht angehört, in eine Arbeiterunion ein, so wird er nach Berfluß von sechs Monaten als Sektion des Arbeiterbundes betrachtet, mit allen Rechten und Pflichten, falls er nicht früher den Ein- tritt erklärt.— A4. Bei gleichlautenden Abstimmungen, welche die Schweizerbürger schließlich an der offiziellen Urne ausmachen müssen, haben die Nichtschweizer kein Stimmrecht, in allen übri- gen Fällen sind sie gleichberechtigt.—§ 5. Die Central- leitung der Sozialdemokratischen Partei ist in den Händen des Bundescomits, welches zu diesem Zweck aus elf Mitgliedern besteht mit folgender Eintheilung: Finanzcommission 3 Mann, Correspondenzcommission 3 Mann, Statistik-Commission 2 Mann und landespolittsche Commission 3 Mann. Die weitere innere Organisation ist, vorbehältlich der Bestimmungen der Bundes- stawten, dem Bundescomits anheimgestellt.— A 6. Die Statuten der Unionen dürfen nicht im Widerspruch stehen mit den Bundesstatuten und dieser Organisation, dieselben sind daher dem Bundescomitö zur Genehmigung vorzulegen und 1 Exemplar für das Archiv derselben abzuliefern.—§ 7. Die Arbeiterunionen wählen ihre Vorstände nach Gutfinden, jedoch soll der Präsident ein Schweizerbürger sein.— ß 8. Die Ausgaben für die eidgenössischen Angelegenheiten bestreitet die Bundeskaffe, für die übrigen Kosten haben die Unionen selbst aufzukommen.— A 9. Das Bundescomitä, resp. die landespolittsche Commission erstattet dem Congreß Bericht über die Thätigkeit der Partei; Aenderungen dieser Organisation werden durch den Congreß, resp. durch Urabsttmmung vorgenommen. Vom Vasler Arbeiterbunde wurden hiergegen sofort ver- schiedene Bedenken geltend gemacht. Er betonte, daß eine Partei nicht auf Grund von Statuten, sondern durch ein Programm gebildet werden könnte. Eine Partei bestehe nirgends aus einer organischen Vereinigung aller derjenigen, welche dieselbe Partei- richtung haben. Die organischen Vereinigungen könnten nur die Mittelpunkte der Parteiorganisation bilden, aber nicht die Partei selbst. Ebenso verfehlt als die Grundidee im Entwürfe seien die meisten Einzelbestimmungen, A 3 wäre nur geeignet, die Ausdehnung der Arbeiterunionen in den größeren Ortschaften zu beschränken, indem er verhindere, daß Vereine, welche örtlich wohl für die Sache der Sozialdemokratte wirken, aber daneben nicht dem Schweizerischen Arbeiterbunde beitreten möchten, eben einfach von den?lrbeiterunionen fern bleiben. Er machte weiter darauf aufmerksam, daß nach den Vorschlägen des Bundescomitä dasselbe nichtschweizerische Mitglied des Bundes zugleich Passiv- und Attiv-Mitglied desselben sein würde: Aktivmitglied in allen nicht landespolitischen Fragen, Passivmitglied bezüglich der letzteren. Bon der internationalen Sektion Genf wurden Abän- derungsanträgc zum Basler Entwurf eingebracht. Nach diesen sollten den Mitgliedern des Grütlivercins sowie auch denen anderer Vereine, deren Statuten denen des Arbciterbundes nicht entgegenlaufen, Sitz und Stimme in der landespolitischen Gruppe zustehen. Die Centralleitung sollte beim Bundcscomitä bleiben, das aus seiner Mitte ein ans Schweizerbürgern bestehendes De- partement zu bilden hätte.— Namentlich der erstere Punkt wurde von den Baslern aus praktischen Rücksichten bekämpft, überhaupt gab es nun eine Fülle von Repliken und Duvliken und eine solche Verwirrung, daß allseitig ein von Zürich ge- stellter Antrag begrüßt wurde, alle Anträge in der Urabstim- mung abzulehnen und die brennende Frage auf dem Congresse zur Entscheidung zu bringen. Voraussichtlich hat der Arbeiter- bund diesen Vorschlag acceptirt und die Entscheidung vertagt. Wir von unserem persönlichen Standpunkte können uns für eine politische Landesgruppe nicht sonderlich erwärmen. Einmal enthält sie eine zwecklose Conzession an die Gegner, denen der internationale Charakter des Arbeiterbundes ein Dorn im Fleische ist, dann birgt sie, namentlich wenn die Organisation nach dem Basler Entwürfe erfolgte, in der That ernste Gefahren für den Arbeiterbund. Die Zweitheilung könnte nur verhängnißvoll werden. Die Basler weisen freilich darauf hin, daß im Rahmen des Arbeitcrbundes sich bereits ohne Schaden für den Bund eine unabhängige centralisirte Krankenkasse befinde. Das ist aber doch etwas anderes als eine politische Körperschaft, der man sehr bald ihre Verbindung mit den verrufenen internationalen Elementen des Arbeiterbundes entgegenhalten würde. Wir wollen den Raum des„Vorwärts" nicht zu sehr in Anspruch nehmen. Es ist nothwendig, die Frage noch einmal ruhig und leidenschaftslos zu erwägen, und wir hoffen, daß diese Nothwendigkeit den Mitgliedern des Arbeiterbundes bei der Jio- sttmmug klar geworden sein wird. K«S dem Meintand. In dem Regierungsbezirk Düffel-, dors und dem benachbarten westfälischen Regierungsbezirk Arns- berg hat die Roth eine ungemeine Höhe erreicht. Nicht allein Krupp in Essen, auch die anderen Eisenbarone entlassen ihre Arbeiter schaarenweis; auch auf dem Eisenblechwalzwerke zu Siegen und Olpe ist einer grossen Anzahl von Arbeitern gekün- digt worden. Bei den entlassenen Krupp'schen Arbeitern, die bekanntlich meist der Sozialdemokratie angehören, befinden fich auch einige„Führer" der christlich- sozialen Partei, die nun selbstverständlich sehr erbost auf den Herrn Krupp ist.— Trotz- dem dieser industrielle Pascha seine Arbeiter vor der Bcthei- ligung an dem politischen Leben und Treiben gewarnt hat, schenkt Madame Krupp dem„Deutschen Verein" zu Essen, der natürlich eine national-servile Richtung verfolgt und dem auch einige Krupp'sche Arbeiter angehören. 900 Mark— so begünstigt hinter dem Rücken ihres Mannes die Frau unsere Partei; denn sicher ist es, daß jene Arbeiter, wenn sie nur einige Vorträge in dem„Deutschen Verein" gehört haben, aus purem Ekel vor dem Scrvilismus spornstreichs in das sozia- listische Lager laufen werden, geradeso wie die meisten Arbeiter, die einmal bei Hirsch-Duncker in die Schule gehen, sofort der- selben entlaufen, um zu uns kommen. Die Madame Krupp ver- dient also unfern Dank für ihre wirksame Unterstützung.— Am zweiten Ostertage sprach der Reichstagsabgeordnete Hasenclever Vormittags in einer überfüllten Volksversammlung in Essen unter großem Beifall, Nachmittags hielt derselbe auf einer Fest- feier zu Ehren Lassalle's die Festrede. Am andern Tage fanden| die Kündigungen in der Krupp'schen Fabrik statt; wir waren bei einem Parteigenossen zum Besuch in den Krupp'schen Ar- beiterwohnungen gewesen, als ein braver Arbeiter in der Mit- tagspause uns begegnete. Sein kleines Mädchen sprang an ihm empor und fragte:„Papa hast Du mir etwas mitgebracht"— der Arbeiter sagte zu uns leise:„Ja, etwas schönes mitgebracht — die Kündigung. Und weshalb? Weil ich von meiner Ueber- zeugung nicht lassen kann."— Und 60 sozialistisch gesinnte Arbeiter wurden an jenem Mittage entlassen. Krupp hatte in die Volksversammlung zwei Stenographen gesandt, da jedoch der jüngste Ukas des Herrn Krupp schon genügend in den vorher- gehenden Volksversammlungen kritisirt worden war, deshalb er- wähnte Hasencleber den Herrn kaum, so daß die Stenographen recht überflüssig erschienen.— In Duisburg herrscht die Roth gleichfalls in großem Maße; der Geist in der Arbeiterbevölke- rung ist auch dort recht gut, trotzdem eine Versammlung Tags nach Ostern auf der Schützenburg, in welcher Hasenclever gleich- falls sprach, nicht so gut wie in Essen besucht war. Tags zu- vor war aber ein Arveiterfest gewesen, auf welchem die meisten Duisburger Arbeiter vertreten waren und welches einen glänzen- den Verlauf nahm.— In Elberfeld fand Mittwoch nach Ostern eine sehr zahlreich besuchte Volksversammlung statt, in welcher Hafenclever und Hassclmann sprachen. Als Hasenclcver be- merkte, daß es besser sei, bei der letzten Reichstagswahl mit 14,000 Stimmen unterlegen zu sein, als beispielsweise mit 10,000 Stimmen gesiegt zu haben, zeigte der allgemeine Beifall, daß die Wuppcrthaler Arbeiter nicht entmuthigt sind, sondern siegesfreudig rn die Zukunft blicken.— Die Eisen- und Kohlenreviere von Hagen, Bochum, Witten und Dortmund bieten ein recht trauriges Bild dar— überall stehen die Fabriken still oder lassen nur einen Theil des Tages arbeiten. Der Anblick muß jedem vernünftigen Menschen die Frage aufdrängen: Wäre es nicht besser, wenn die Arbeit organisirt würde, daß keine Ueberproduktion und keine Krisen stattfänden? Alle vernünftigen Menschen und alle Arbeiter werden mit einem kräftigen Ja ant- Worten; nur die von der heutigen Produktionsweife persönlichen Nutzen haben, oder die da wollen, daß durch sie der heutige Staat und die heutige Gesellschaft, so wie sie sind, erhalten bleiben, antworten natürlich mit Nein. Doch die Culturgeschichtc wird mit wuchtigen Schritten über dies New binwegschreiten. Mainz, 10. April. Am 8. d. M. tagte in dem„Heiligen Geist", in demselben Lokale, in welchem an dem Geburtstage des Kaisers die militärischen Keilereien ihren Ursprung hatten, in größter Ruhe eine stark besuchte Volksversammlung. Ter Abgeordnete Blos(Vertreter von Reuß älterer Linie) entwickelte in längerer Rede ein Bild vom Reichstag und der Wirksamkeit der fozialdemokratischen Abgeordneten. Der darauf folgende Redner kritisirte in scharfer Weise das Vorgehen des Kreisraths von Darmstadt, der auf einen veralteten Paragraphen des Po- lizeigesetzcs hin vergangenen Montag eine sozialdemokratische Versammlung unterdrückt, aber eine unter gleichen Umständen veranstaltete Versammlung einer anderen Partei, im Gegensatz der Anschauung der dortigen Polizei, gestattet habe. Der von dem Redner hierbei gemachte Witz, daß fich hieraus schließen lasse, daß die Polizei anfange, den Ideen der Sozialdemokraten zugänglich zu werden, erregte ungemeine Heiterkeit, in welche auch die zwölf Mann hoch anwesende Polizeimannschaft, als ihre einzige Thätigkeit bei der Versammlung, mit einstimmte. — Die Untersuchung über die Käisergeburtstagsschlägerei hat nun durch einen Gvuvernementsbefehl ihren Abschluß erhalten, der in den einzelnen Compagnien verlesen wurde. Danach wurde von einer Bestrafung wegen der dainaligen Exzesse ab- gesehen. Wahrscheinlich wird die Verkürzung des Stadturlaubs zc., sowie die Untersuchungshaft Bieler als genügende Strafe betrachtet. Ztarmstadt. Am 2. April fand im großen Ritsert'fchen Saale hier eine Voltsversammlung statt, die den Beweis lieferte, daß die arbeitende Bevölkerung Darmstadts in der sozial-politischcn Erkenntniß nicht zurückgeblieben ist. Referent war der Reichs- tagsabgeordnete Johann Most. Derselbe hatte zur Tagesordnung gewählt:„Die Lösung der sozialen Frage." Der fehr ausführ- liche und lehrreiche Vortrag fand bei der Versammlung den lebhaftesten Anklang. W. Fifcher. Nürnberg.(Zum Nothstand.) Unser Nürnberger Partei- »rgan bringt eine scharfe Notiz über den Nothstand in der stolzen Stadt Nürnberg, der wir Folgendes entnehmen: Wissen die Vornehmen, wie Hundefleisch schmeckt? Haben dieselben schon einmal welches gegessen?— Nein, das haben sie nicht; das haben sie ja auch gar nicht nöthig, sie kommen nicht in die Lage, Hundefleisch kosten zu müssen, wie dies z. Z. Nürnberger Ar- beiter thun müssen.„Das Vordertheil vom Hund wird in's Wasser getragen, das Hintertheil gebraten und gegessen, das Fell verkauft und das Fett als„Delikatesse" auf's Brod gc- strichen!" So erzählte uns dieser Tage wortwörtlich eine Frau, deren Mann seit einem Jahre arbeitslos ist und seit mehreren Monaten auch noch dazu krank darniederliegt. Ha, Euch„ekelt" wohl vor solcher„Brut". Ihr Herren? Nun, tröstet Euch doch selbst, es exiftirt ja kein„Nothstand" in Nürnberg, und das Recht auf Arbeit ist blos eine„sozialdemokratische Phrase"! Als in dem belagerten Paris die Roth auf's Höchste gestiegen war, wurden auch Hunde geschlachtet, auch Ratten, wie man erzählte. Also schon wieder ein Trost! Die Nürnberger Hunger- leider sind noch nicht auf der untersten Stufe angekommen, sie essen noch Hunde, wenn sie einmal bei den Ratten angekommen sein werden, dann wollen wir untersuchen, ob sie auch noch ein Bett haben, das noch unversetzt ist-- vielleicht kann dann dem Einen oder Andern ein„Almosen" verabreicht werden.' Aber wozu auch Fleisch? Kartoffeln und Kaffee halten auch eine i Zeit lang den wandelnden Leichnam zusammen. Ja, Kaffee! Wissen die Herren, wovon die Nürnberger Nothleidenden Kaffee kochen? Aus Träbern, gebettelten Trabern, welche ursprünglich für die Schweine bestimmt sind, für Schweine, deren Fleisch von den„Satten" der Gesellschaft verzehrt wird. Diese Träber werden getrocknet, gedörrt und gemahlen und dann wird„Kaffee" davon gekocht. Eine„delikate" Mahlzeit ist auch„geronnenes Ochsenblut", das ein mitleidiger Metzger herschenkt, mit gesottenen Kartoffeln, aber ohne Salz, denn um Salz zu kaufen, dazu braucht man Geld, und das Geld befindet sich nicht in den Händen derer, welche es erarbeitet, wahrhaft verdient haben, sondern in den hermetisch verschlossenen Feuerfesten Derjenigen, welche sich voll Grauen abwenden von dem übelriechenden, von Frost geschüttelten, vom Hunger gepeinigten Volk, welches„kein Recht auf Arbeit", dafür aber das Recht auf den Hunger, die „Freiheit" zum Verhungern hat. Kttenvnrg, 12. April. Im letzten Bericht sprach ich die Hoffnung aus, bald von einer Disputation mit den Liberalen! etwas niittheilen zu können. Diese Hoffnung ist zu Wasser ge- 1 worden. Herrn Käufmann Wagner, der in unserer Commune- Versammlung prahlerisch erklärte, uns unsere Anhänger ent- reißen zu wollen, forderte ich brieflich auf, sein Wort zu halten und das Lokal zu beschaffen. Ich erbot mich, über die Lehre Lassalle's und die Entwickelung der Sozialdemokratte zu sprechen und dabei alle unsere Forderungen zum Ausdruck zu bringen.! Dieser Vortrag sollte zur Debatte gestellt werden. Hr. Wagner schrieb, er wolle das Lokal wohl besorgen, doch dürfe ich nur 30 Minuten und auch nur über unsere Forderungen sprechen, die ich in Thesen formuliren und ihm 8 Tage vor der Ver- sammlung schicken sollte. Ein Liberaler müßte dann ebensolange dagegen sprechen. Hierauf hätte die Debatte zu folgen, in der Jeder, doch nicht länger als auf 20 Minuten zum Wort kommen könne. Endlich behielt er sich noch für die Liberalen ein be- sonderes Schlußwort vor. Im Cinvcrständniß mit den Partei-> genossen erwiderte ich, daß ich auf Alles, mit Ausnahme des Schlußwortes, eingehen wolle. Wir sagten uns, daß die Herren Liberalen ihre Niederlage in der Debatte voraussähen und sich deshalb das Schlußwort sichern wollten, um uns in einem län- geren Vortrag, auf den wir nichts hätten erwidern können, etwas anzuhängen, was der„Mtenburger-Zeitung" Stoff zu einem Artikel über unfern„Rückgang" geliefert hätte. Verschiedene Leute, die sich durchaus nicht wollen belehren lassen, hätten dem Schlußredner Beifall geklatscht und die Liberalen würden sich stolz als Sieger geberdet haben.— Aber Herr Wagner hielt hartnäckig am Schlußwort fest und so ist es denn klar, daß sich diese Herren vor einem ehrlichen Prinzipienstreite fürchten, sich ihre„Siege" höchstens zu erschleichen suchen und sich diesmal glücklich gedrückt haben. Wir verlangten für keine Partei ein Schlußwort, trotzdem ist Herr Wagner dreist genug, mir zu schreiben, da ich ihn(Wagner) Ernst machen sähe, bekäme ich Furcht! Ich meine, daß sich aus dieser einfachen Darstellung jeder das richtige Bild machen könne. Wenn nun auch die Liberalen nicht ehrlich gegen uns kämpfen können, wenn sie auch wissen, daß sie stets den Kürzeren ziehen, wenn man ihnen ihr geringes Wissen zur Evidenz nachweist, so halten sie sich deshalb immer„och für die allein Gescheidtcn. Wenn sie gegen unsere Red» r nichts mehr vorzubringen wissen, so liegt das lediglich d...au. weil sie„kein Material mitgebracht" haben! Möge Herr Wagner Wohlleben und in seiner Stammkneipe die „Sozio. oemokraten" bekämpfen, einstweilen gehören die 900 Wähler noch uns und daß sie vermehrt werden, soll unsere Sorge sein! Am 18. März, Nachmittags, hatten die Parteigenossen des Herzogthums eine Conferenz in Schmölln und waren Altenburg, Gößnitz, Ronneburg und Schmölln vertreten. Es wurden die Wahlausgaben, Landtagswahl und das Zeitungsprojekt besprochen. Obwohl wir übercin kamen, energisch auch für die Landtags- wähl einzutreten, so mußte sich doch Altenburg(die Stadtl später davon zurückziehen, jedoch wird nächstes Jahr auch hierbei in's Zeug gegangen werden. Die Zeitung kann erst am 1. Juli er- scheinen, da es zum 1. April der noch spärlich eingelaufenen Gelder wegen nicht möglich war. Am 9. April hatte hier zum Gedächtniß des Geburtstags Lassalle's eine Volksversammlung statt mit der Tagesordnung:„Die Lehre Lassalle's und die Ent- Wicklung der Sozialdemokratie." Hugo Grunewald. Mgau. Eine Anzahl hiesiger Bewohner hatte die Absicht, am 25. März eine Volksversammlung abzuhalten, in welcher für die in Sachsen zu Recht bestehende Gewerkschaft der Schuh- macher gewirkt werden sollte. Dem Pegauer Bürgermeister ge- fiel es aber, die Versammlung durch folgenden„Beschluß des Stadtraths zu Pegau" vom 23. März zu verbieten: „Den Gesuchstellern zu eröffnen, daß zu Abhaltung der hier den 25. dieses Monats in Aussicht genommenen Volks- sammlung die Genehmigung Seiten der unterzeichneten Polizei- behörde versagt wird, nachdem die hier lebenden Mitglieder der sozialdemokrattschen Partei dadurch, daß dieselben mit vollem Bewußtsein der Gesetzwidrigkeit Mitglieder eines in Sachsen verbotenen Vereins geworden sind(worüber zur Zeit die Untersuchung beim hiesigen Königlichen Gcrichtsamte ja auch noch schwebt), den Beweis gegeben haben, daß sie die bestehenden Gesetze als für sich nicht verbindlich erachten, daher diejenigen Garantien effektiv nicht zu bieten vermögen, welche einen ordnungsgemäßen Verlauf von Volksversammlungen er- warten lassen. Brgrmstr. Dr. Grundig." Gegen dieses Bersammlungsverbot ist Beschwerde bei der Kreishauptmannschaft zu Leipzig eingereicht, und soll deren Er- folg den Lesern des„Vorwärts" seinerzeit bekannt gegeben werden. Hoffentlich hat jeder unbescholtene Staatsbürger noch das Recht, die Befugniffe auszuüben, welche ihm das Vereins- und Ver- sammlungsgesetz garantirt. Wannhei«.(Berichtigung.) Wir werden von bestunter- richteter Seite auf einen weiteren Verstoß gegen die Wahrheit aufmerksam gemacht, welcher sich in der zweiten Mannheimer Corrcspondenz des„Vorwärts" vom 2. März befindet. Es wird dort gesagt, die Freisprechung des pp. Schneider sei erfolgt, weil derselbe einen großen Geldbeutel gehabt, also— wie infinuirt wird— in der Lage gewesen sei, zu bestechen. Nach der uns gewordenen Information hat ein derartiger Verdacht auch nicht die leiseste Begründung' u«d ist die Annahme, daß der pp. Schneider durch Bestechung seine Freisprechung erlangt habe, durchaus hinfällig. Wir können nur unser Bedauern aus- drücken, daß wir durch unseren Correspondenten irre geleitet worden sind. Rcdaktton des„Vorwärts". Statistische Tafel über die sozialischcn Reichstagswahlen. Sollten bezüglich derselben Berichtigungen zu machen sein, so wird gebeten, dieselben so bald wie möglich an A. Geib in Hamburg, Rödingsmarkt 12, zu senden, da in diesem Blatte ein Nachtrag gebracht werden soll, welcher auch die fehlenden Re- sultate, die Nachwahlen und Richtigstellung einiger Jrrthümer enthalten soll. Musikalisches. Auf die in meinem Verlag zum Liedercyclus erschienenen Nr. 8. „Commerzlied" und Nr. 9.„Die Arbeit" mache ich die Arbeiter-Gesang- vereine besonders aufmerljam. Während das Commerzlied unseres Genossen Käpplinger ein einfaches, heiteres Lied ist, welches leicht eiuzu- üben ist und sich leicht in das Gedächtniß einprägt, so daß es bei je- dem heiteren Zusammenkommen gesungen werden kann, ist„Die Arbeit" ein herrliches Gedicht von unserm Genossen A. Scheu, welcher darin eine große Fülle von Gedanken entwickelt. Hierzu hat es Genosse G. Scholz verstanden, die Fülle der Töne mtt diesem Text ebenso schön zu verbinden, so daß kein Arbeiter- Gesangverein dieses Lied unbefrie- digt bei Seite legen wird. Dieses Lied sollte in keinem Arbeiter- Ge- sangverein fehlen und bei jedem Volksfest sollte es zur Ausführung kommen. Besonders mache ich die größeren Arbeiter-Gesangvereine auf dieses Lied aufmerksam, da es nicht ganz einfach componirt, aber auch nicht gerade schwer ist. Gotha. Emil Sauerteig. Buchhandlung. Briefkasten der Redaktion. Koch in Mannheim: In Nr. 43 befindet sich unter Ludwigshafen die gewünschte Abrechnung. Sehen Sie nur gef. genau nach. der Expedition. C. H. K. Dortmund: Verspätung liegt wahr- scheinlich an der Bahnzugverbindung. Hier wird stets rechtzeitig zur Post geliefert. Erkundigen Sie sich dort. Tauschexemplar wird ange- wiesen. Quittung. Brnnmr Göppingen Ab. 15,95. H. BmbS Graz Ab. 8,26. L. Klfld Pest Ab. 5.00. A. Brndt Mittweida Ab. 11,00. Ar- beiter-Bildungs-Verein Wels Ab. 8,67. Dsbch Hanau Ab. 29,10. Brn Heidenheim Schr. 9,00. F. A. Schmdt Hannover Ab. 130,00. Frtschr Pösneck Schr. 2,90. Kpft hier Ab. 1,00. F. A. Srg Hoboken Ab. 450,00. Dr. Brtgm Mühlhausen Ab. 1,75. Blink Lemberg Ab. 4,86. Klpp Ronsdors Ab. 94,80. Thm hier Ab. 5,45. Frck Preetz Schr. 6,58. Dntr Ottmachau Ab. 3,00. Expedition d.„Wahrheit" Breslau Ab. 57,15 u, 145,50, Schr. 34,90. Exped. d.„Fr. Pr." Magdeburg Ab. 200,00. Hgrch Arnstadt Schr. 3,00. Gth Neustadt a. d. H. 6,00. Exped. d.„Tagwacht" Zürich Ab. 150,00. Frankfurt a. M. 8'/, Uhr. bei Pfuhl, Zeil 47: �'[80 Geschlossene Mitglieder-Vers ammlung. Tagesordnung: 1. Neuwahl des Vorstandes. 2. Verschiedenes. Zahlreiches Erscheinen ist nothwendig. I. A.: I. Ibsen. Neue Mitglieder werden aufgenommen.[F 122) (SfllTtfllirfl � Allgemeiner dentscher Topfer Verein. Donnerstag, den 19. April, Abends S'/j Uhr. bei Herrn Hübner, Gr. Rosenstraße 37: Geschlossene Mitgliederversammlung. Tagesordnung: 1) Diskussion über den Vororr. 2) Fahnen-Ange- legenheit.— Es ersucht alle Mitglieder zu erscheinen[0,80 G: Älaws. I Gewerkschaft der Holzarbeiter. Sonnabend, den 21. April, Abends 8 Uhr, im Saale des Hrn. Jacobi, Rosenthalgasse: Generalversammlung. Tagesordnung: 1. Abrechnung der Kranken- und Gewerkschaftskasse. 2. Anträge. Vollzähliges Erscheinen erwartet Der Borstand. Fehlende haben nach§ 26 der Statuten 25 Pfg. Strafe zu ent- richten._[1,00 Mittwoch, Abends>/z9 Uhr: Ausschußsitzung im Arbeiter- bildungsverein._ D. O.[0,20 Leipzig. im Lokale des an..„ Ägltalioiis-Eomit«-. Mittwoch, 18. April, präcise 9 Uhr Abds., Sitzung ArbciterdlldungsvereinS. D. B.[0 30 siptNZm Donnerstag, den 19. April, Abends V,9 Uhr, im TO O*„Thüringer Hof", Burgstr. 20: Oeffentliche Sozialistenversammlung. Tagesordnung: Bortrag über die Gewerbcgesetznovelle. Referent: I. Motteier. Event. Bortrag über die östr. Arbeiterbewegung. Re- ferent: L. Werner. Der Agent.[70 Parteikarten sind vorzuzeigen. �s-tlmspN Donnerstag, den 19. April. Abends 8-/, Uhr, �UUlstUl. m Burniclstcr'S Salon, 1. Treppe: Sozialistenversammlung. Tagesordnung: Der bevorstehende Congreß. U.KO) �_ F. Heerhold. Offenbäch-Dieburg. IÖÜ7, findet in der Nähe Offenbachs ein<3c)[1 80 Großes Wahlfest statt. Festrede gehalten von Hrn. Liebknecht. Alles Nähere später Arbeiter-Schutzgesetz. Antrag der sozialist. Reichstagsabgeordneten. In Separatabzügcn für 15 Pf. zu beziehen von A. Geib. Ham- bürg, Rödingsmarkt 12. Die weiteste Verbreitung dieser Ausgabe liegt im In- teresse der Partei!(2b) La empkeblen sieb als liellvermäklte:[t,50 t-nst»? Junghans Emilie Junghans geb. Gerstner. Connewitz, den 15. April 1877. Den Parteigenossen und Freunden von Hannover und Linden empfiehlt sich Unterzeichneter zur(F. 160)[2,10 Änsertignng v°n Herreickkidern. H. Rudolph, Schneidermeister. __ Hannover, Mittelstraße 11._ Für Maunerchöre. Im Berlage von Emil Sauerteig in Gotha ist erschienen: Nr. 8. Commerzlied.(2*)[110 Gedicht und Comp, von W. Käpplinger. Nr. 9. Die Arbeit. Ged. von A. Scheu. Comp, von G. Scholz. Preis für beide Lieder Part, mit 4 St. 1,20, 4 Stimmen 0,90. Der„Arme Conrad" 1877 ist wieder in ca. 300 Exemplaren broschürt zu haben. Preis tc, bekannt. Bestellungen mit Geldsendung erbeten. Die Expedition des„Vorwärts". « rantwortlicher Redatteur: W. Hasencleverin Leipzig. Redaktton und«rpeditton Kärberstraße 12/11. m Leipzig. Druck und Verla, der Genossenschafttbuchdruckerei in Leipz,»