Erscheint in Leipzig Mittwoch, Freitag, Soantig. AbonncmcntspreiS für ganz Trutfchland 1 SR. 60 �Jf, pro Quartal. Monats- Abonnements werden bei allen dcutichen Poftanftalten aui den ll. und 6. Monat, und auf den Z.Monat b c s s n d c r S«angenommen; im »Snigr. Sachsen und Herzogth. Sachsen� Attenburg auch-ul den Iten Monat de« Quartal» h 54 Pfg. Inserate betr. Versammlungen pr. Petitzeilc 10 W., betr. Prioatengclegcnheiten und Feste pro Peritjeilc 30 PI. Vorwärts Veflellunze» nehmen an alle Postanstalten und Buch» Handlungen des In- u. Auslandes. Filial< Expeditione». lstew-Vorl: Soj.-demokr. Genossen- schaftsduchdruckcrci, 154 Qltlrltlge Str. Philadelphia: P. Haß, 630 Korth 3-4 Street. 3. Boll, 1129 Charlotte Str. Hobolen: F. A. Sorge. Chicago: A.Lansermann, 74 CI>dourne«r«. San granzisco: F. End, 41«(Vk'arreU Street. London: Baudiv, 5 Xasoau Street, Uiddlesex Hospital. Gentrat Hrgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 46. Freitag, 20. April. 1877. Aus der Union. Jrvington, N. I. 15. März 1877. Die mühsam errungene Vereinigung der beiden sozialistischen Fraktionen der Arbeiterpartei in den Vereinigten Staaten ist immer noch bedroht. Es wäre schlechte Politik, darüber vor der Oeffentlichkeit stillzuschweigen, während die gesammte Arbeiterwelt aller Lehren und Warnungen dringend bedarf, welche aus den besonderen Kampfesweisen der Partei in jedem einzelnen Lande fließen. Die Lassalleaner, und mit ihnen die jüngeren Eingewanderten, die in der hiesigen Arbeiterbewegung noch Neulinge sind, wollen auf den politischen Kampfplatz heraustreten, mittels des allge- meinen Stimmrechts zunächst in der Gemeinde und im Einzel- staate sich geltend machen, und sind mit der Bestimmung des Unionsoertrags unzufrieden, wonach die Partei auch örtlich nicht politisch wirken soll, bevor sie eines Erfolges gewiß sein kann, und auch dann nur mit ökonomischen reinen Arbeiterforderungen. Die Internationalen, und mit ihnen die älteren, hier erfahrenen Mitglieder, sehen nichts als Unheil voraus, wenn diese politische Thättgkeit schon jetzt begonnen wird. Jene mögen so wenig als möglich mit den Gewcrkvereinen und ihrer ökonomischen Be- thätigung zu thun haben; diese sehen nur in diesen Heil. Jene berufen sich auf das Beispiel der deutschen Sozialisten, diese auf das der englischen Trades-Unions. Jene sind vertreten in der „Arbeiterstimme" und in den Tagesblättern von Chicago und Milwaukee, sowie in den eben gegründeten englischen Organen von letzterer Stadt und von Cincinnati; diese im„Vorbote" und „Labor Standard". Jene suchen besonders den Kleinbürgerstand an der Partei zu interestiren, diese wollen blos auf Lohnarbeiter dieParteilenkung beschränkt sehen und erwarten von einer Betheiligung der Kleinbürger, bevor sie zu Lohnarbeitern herabgesunken sind, nur eine Verderbniß der Partei. Jene suchen auf einem neuen Partei-Congrcß das Programm in ihrem Sinne umzuändern; diese würden, wenn dies gelänge, wieder austreten— glücklicher- weise aber fehlen die Geldmittel zur Abhaltung eines Congresies. Es ist diese fanatisch aufrecht gehaltene Verschiedenheit der Standpunkte einfach die Folge davon, daß auf amerikanischem Boden ein rascher Erfolg unserer Partei vorderhand unmöglich ist— und zwar aus Gründen, welche wir mehrfach besprochen haben. Wüchse die Partei so rasch wie in Deutschland, oder wären die Ausbreitung und die ökonomischen Wohlthaten des Gewerkschaftswesens so handgreiflich wie in England, so gäbe es keinen bedenklichen Meinungszwiespalt. Bei dem sehr langsamen Fortschritt beider Bewegungen aber, während doch die Aus- breitung des Proletariats und seiner Roth erstaunlich rasch von- statten geht, sucht jede von beiden Fraktionen die Schuld des Erfolgmangels der andern aufzubürden(gerade wie nach einer verunglückten Revolution). An einer Fülle von tristigen und scheinbaren Gründen fehlt es keiner der beiden; leider werden nur die gegnerischen dabei nicht voll gewürdigt. Diese Gründe hier alle mitzutheilen ist unmöglich; wir halten es aber für geboten, diejenigen davon zu erwähnen, welche in der Hitze der Verhandlung selten erwogen und in der Parteiprefle noch nie widerlegt worden sind. Beide Fraktionen pflegen zu vergessen, daß in jedem Staate die Agitationsweise sich der Eigenthümlichkeit der Nationalität, und in unserer amerikanische» Mischbevölkerung an fast jedem , Orte sich derjenigen der vorwaltenden Nationalität anzubequemen hat. Wie grundverschieden trotz aller nahe verwandten Ab- stammung sind doch der Angloamerikaner, welcher immer nur eine Frage oder Aufgabe auf einmal verhandelt haben will, um seine ganze Willenskrast zu ihrer Durchsetzung zu verwenden, und der Deutsche, welcher immer einen ganzen Gedankengang Srundsätzlich klarzustellen verlangt, mit welchem jede einzelne irage oder Aufgabe folgerecht verbunden sein soll! Wie grund- verschieden wieder trotz aller Urverwandtschaft sind der Franzose, der überall im Auslande nur Franzose bleibt und in die Be- sttcbungen und besondere Kampseswcise für allgemeine Zwecke bei andern Nationalitäten sich nie hineinlebt, und der Jrländer, der überall sofort zuhause ist und mitmacht und eine Rolle spielen will, aber in grundsätzlicher Hinsicht so wankelmüthig zu sein pflegt! Und mit diesen vier Nationalitäten zugleich und noch andern, schwächer vertretenen, haben wir es hierzulande zu thun! Unter solchen Verhältnissen sollte das Parteiprogramm biegsamer sein, als es ist. Es sollte neben den internationalen Parteigrundsätzen, die es fast wortgetreu wiedergiebt, einen ein- zigen praktischen Agitationszmeck für alle Mitglieder auf einmal verbindlich hinstellen(einen solchen natürlich, aus dessen Durch- setzung die übrigen sich der Reihe nach von selbst ergeben) aber alle übrigen erlauben, sobald dem einen volle Genüge geleistet ist. Ein solcher Zweck ist die Durchsetzung des Normalarbcits- tags von acht Stunden; und es sollte jeder Mitgliedschaft ge- stattet sein, entweder mittels einer bloßen Parteibewegung, oder mittels einer blos gewerkschaftlichen, oder mittels beider dafür Zu agitiren. Demnächst kommt in Betracht der Feind, mit welchem es unsre Partei in jedem Lande zu thun hat. In dieser Hinsicht ist— außer der Schweiz— kein europäisches Land nur ent- ■£! ra*t �Cm unfern zn vergleichen. Denn in allen übrigen gievt es neben der Bourgeoisie uoch eine Monarchie, eine Be- �»ldatenherrschaft, einen Adel und eine anerkannte kirchliche Macht zu bekämpfen. In der Schweiz aber ist weder me Bourgeoisie so allmächtig, noch sind die politische Bedeutung des Staates, seine Größen-, Rcichthums- und Bevölkerungs- verhältnipe den unsern ähnlich genug. Es passen also für uns alle von Europa entlehnten Beispiele praktischen Partei Vorgehens sehr wenig. Da wir verfassungsmäßig volle Preß-, Rede-, Ver- fammlungs- und Wahlfreiheit(von Religions- und Unterrichts- freiheit gar nicht zu reden) besitzen und folglich binnen einem halben Jahre die gesetzgebende Macht im Gcsammtstaate, in jedem Einzelstaate und in jeder Gemeinde erringen könnten(in den ! letzten 22 Jahren ist zweimal der Fall vorgekommen, daß eine neue Partei binnen so kurzer Zeit den genannten Erfolg in fast dem ganzen Maße errang), so ist das Volk selbst sein Hemm- schuh, wenn jetzt, da die Nothwendigkeit einer neuen Parteibildung fast allgemein anerkannt ist, die unsere nicht recht voranschreiten will. Die Bourgeoisie wird so allgemein als die Ursache unserer Corruption verschrien, daß ihre Macht dem Volksunwillen längst hätte weichen müssen, wenn das Volk selbst nicht ausgeartet, seiner Verfassung unwürdig geworden wäre. Das Manchester- thum, der Kapitalismus, die selbstsüchtige Vereinzelung(welche mit kleinlichem Bereinswesen ausgezeichnet sich verträgt) steckt Jedem im Blute, oder im Gehirne, und das allein macht das Volk einem so verächtlichen Feinde gegenüber, wie unser Geld- königthum ist, ohnmächtig und erklärt dessen unglaubliche Frech- heit. Nur die älteren erfahrenen Mitglieder unserer Partei wissen das und sind deshalb ängstlich dafür eingenommen, vor Allem den sittlichen Geist des arbeitenden Volkes, sein Selbst- vertrauen, seinen brüderlichen Sinn, sein Klassenbewußtsein, den Internationalismus und den Haß gegen den Kapitalismus in den Gewerkschaften großzuziehen, um eine größere Anzahl treuer, verläßlicher, klardenkender Agitatoren zu gewinnen, ehe sie politisch auftritt, und um den arbeitenden Massen Zeit, Kraft und Muth zum politischen Kampfe durch eine Verbesserung der ökonomischen Lage zu verschaffen. Die unerfahrenen Mitglieder, und die nicht hinreichend umsichtigen können nicht begreifen, daß es so schwer sein soll, mittels der Preß-, Rede- und Wahlfreiheit baldige Erfolge zu erringen. Da Hilst alles Reden nichts— man muß sie mit dem Kopfe gegen die Wand rennen lassen. Das allein kann helfen— sie müssen den Sisyphus- Stein, gerade wie die lange Erfahrenen, erst eine Zeit lang vergebens gerollt haben, ehe sie sich auf das vorerst Erreichbare beschränken lernen. Und in dieser Weise allein kann die Partei alle etwaigen Selbstsücht- linge kennen lernen und loswerden, welche durch politische Thätig- keit auf Kosten der Parteizwecke aufsteigen möchten. Aber ver- fehlt wäre es nun, wollte die internationale und erfahrenere Frattion hartnäckig jede vorzeitige Wahlbewegung seitens ein- zelner Mitgliedschaften bekämpfen, oder gar zu verhindern suchen. Die Partei darf darüber nicht gespaltet werden. Verfehlt wäre es, zu leugnen, daß selbst eine verfrühte Wahlbewegung einen örtlichen Parteisieg erringen könne, der wirklich allen Partei- zwecken zugute käme— in diestr Hinsicht hängt der Erfolg blos von der Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit der Agitatoren ab. Biel wichtiger als ein starres Festhalten am Programme ist daher ein starres Sichten der Partei von unwürdigen und an- rüchigen Charasteren, welche sich vordrängen— und gerade das wird wenig geübt. Die Entwicklung des Kapitalismus ist bei uns so reißend schnell gegangen, weil gar kein Gegengewicht vorhanden war, und weil das kapitalistische Beispiel Englands so verlockend war, so dem stammverwandten Volksgeiste entsprechend, daß nur die- jenigen noch an einen baldigen Sieg unserer Partei hierzulande glauben können, welche dieses Volk nicht vor dem Bürgerkriege gekannt haben und deshalb nicht das jetzige mit dem frühcrn vergleichen können. Mittlerweile ist nämlich auch das Völker- gemisch ein ganz anderes geworden. Endlich wirkt das kuitur- feindliche Klima mit jeder neuen Generation nachdrücklicher auf die Erschlaffung der Willenskraft und des selbständigen Denkens ein. Es ist also kein Wunder, daß unsere Partei fast nur aus Ein- gewanderten besteht, und daß das eingeborne junge Volk sich an der Partei selbst fast gar nicht, an den Gewerkschaften nur höchst ausnahmsweise betheiligt. Diese unumstößliche That- fache allein schon beweist schlagend alles oben Gesagte und er- klärt unsern Mangel an Erfolg aus der einzig genügenden Ursache— dem wachsenden Verderbniß des Volksgeistes durch den Kapitalismus. Man sollte denken, daß die zunehmende allgemeine Roth zum Denken und zur Energie reizen müßte. Aber da es eben trotzdem nicht so ist, so sollte man sich inner- halb der Partei keine gegenseitigen Vorwürfe wegen Mangels an Erfolg machen, sondern sich mit dem Gedanken trösten, daß das Klima mit seinen vielen sekundären Ursachen die geistige Oberflächlichkeit und Unselbständigkeit mächtig großzieht. Aber darüber haben noch die Allerwenigsten Betrachtungen angestellt. Die Gewerkschaft der Lokomotiven-Führer— eine der best- verwalteten im Laude— hat neuerdings drei siegreiche Aus- stände glänzend gewonnen. Zuerst aus der New-Jersey-Central- bahn, dann auf der canadischen Grand Trunkbahn, zuletzt auf der Boston- und Maine-Bahn hat sie, nachdem die Drohung mit dem Ausstande von den Companien unbeachtet geblieben, zu einer und derselben Stunde alle Lokomotiven der Bahn da, wo sie gerade sich befanden, ausgelöscht und stehen lasse». Sie ver- fuhr dabei mit äußerster Schonung, indem sie Stunden wählte, zu welchen so wenig Passagiere als möglich im Freien sitzen gelassen wurden. Immerhin widerfuhr dies Schicksal Hunderten, und großen Frachtzügen. Natürlich war keine einzige Zeitung, welche diese Geiverkschaft nicht rücksichtslos verdammt hätte— die wenigen Arbeiterblätter ausgenommen— und in der Massachusetts- Legislatur kam sofort ein Gesetzvorschlag ein, welcher ein solches Verfahren zum Kriminal-Berbrechen wachen wollte. Unser Mitglied Mc Neill vereitelte das Plänchen durch eine meisterhafte Rede, in welcher er die Rede des Chs. Francis Adams— eines der Großmoguls und berühmten Politikers, der die Companie vcrtheidigte, Satz für Satz parodirte. Tiefe Siege einer Gewerkschaft und das Aufsehen, welches eines Ar- beiters Worte erregten(der im Uebrigen ganz vereinzelt dasteht, aber seit lange hochverdient um unsere Sache ist), haben unserer Partei mehr Rückhalt verschafft, als alle Wahlbewegungen gethan haben und in Bälde thun könnten. Das ganze Land hat er- fahren, daß das große Kapital sofort Schranken findet, wo es mit einer Anzahl entschlossener, für ihr gutes Recht kämpfender Arbeiter zu thun hat. Solch' ein Beispiel ermuntert. Freilich sind nicht alle Arbeiter so unentbehrlich und schwer zu ersetzen, als die Lokomotivführer; dafür aber sind sie zahlreicher und haben mehr Zeit und Gelegenheit zur Organisation. Der in meinem vorigen Berichte erwähnte Congreß-Ausschuß, welcher zu begutachten hatte, ob eine Abänderung unseres Staats- Vertrags mit China räthlich sei zum Zweck der Verhütung des Chinesen-Jmports, hat, wie wir vorausgesehen, nicht für räthlich gefunden, dies zu empfehlen. Trotzdem erklärt er diese Sklaven- einfuhr für ein weit überwiegendes Uebel. Er ist für Abwarten, ob es nicht gelingen werde, aus diesen Heiden Christen, aus diesen Arbeitssklaven steie amerikanische Bürger zu machen. Und in diesem heuchlerischen Sinne wird der Congreß wohl entscheiden. Sozialpolitische Uebersicht. — Bei Berathung der eingebrachten Anträge auf Abänderung der Gewerbeordnung erklärte der Präsident des Bundeskanzleramts, Minister Hofmann, der sich früher schon mehrere Male als heftiger Gegner des Sozialismus be- merkbar gemacht hat, die Anttäge der Sozialisten(Arbeiter- schutzgesetz) für diskutirbar und auf dem praktischen Boden sich bewegend. Die meisten Zeitungen sprechen sich in ähnlicher Weise aus. Wir wußten dies im Voraus— und freuen uns deshalb darüber, daß unsere Abgeordneten derartige„zahme"! Anträge eingebracht haben, mit denen sich der zaghafteste Bürgers- mann einverstanden erklärt, weil trotz solcher Anerkennung die Anträge beseitigt, d. h. in einer Commission begraben worden sind, welches einer Ablehnung so ziemlich gleich kommt. Das Lob der Gegner an und für sich ist uns gerade nicht von be- sonderem Werthe; von großem Werthe aber ist es, daß ihr Verhalten trotz des Lobes diesen Anträgen gegenüber ein der- artiges ist, daß die Arbeiter und freisinnigen Bürger sich miß- muthig von jenen Herren abwenden müssen. — Conservative Ansichten und Absichten. Das letzte Flugblatt des Wahlvereins der Deutschconservativen schreibt: „Noch weit mehr Aufsehen als die conservative Bewegung hat bei den letzten Wahlen das Hervortreten der sozialdemokra- tischen Partei gemacht. Der Zuwachs, den diese Partei im Reichstag erhalten hat, ist ja an sich nur unbeträchtlich, aber gewaltig ist das Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen, die überhaupt abgegeben worden sind. Im Jahre 1874 wurden in ganz Deutschland für die Sozialdemokraten nur 351,952 Stimmen abgegeben, bei der diesmaligen Wahl dagegen nach der geringsten Schätzung die doppelte Zahl! In circa 100 Wahlkreisen find überhaupt sozialdemokratische Candidaten aufgestellt worden. Die sozialdemokratische Partei zeigt eine Organisation von einer Festigkeit und Ausdehnung, mit der sich die Organi- sation keiner anderen Partei auch nur annähernd vergleichen kann. Eine sozialdemokratische Presse, die in mehr als 100,000 Exemplaren erscheint, beherrscht die Massen; eine große Zahl von wohlbezahltcn Agitatoren und Reisepredigern durchziehen das Land. In einzelnen großen Städten, wie in Berlin und Altona hat es die Agitation sogar vermocht, im Interesse der Wahlen den Umzug zahlreicher Wähler in diejenigen Wahlbe- zirke zu veranlassen, in denen eine besondere Anstrengung im Interesse der Partei nothwendig schien. Dieses gewaltige Zu- nehmen der Entwickelung der Sozialdemokratie hat um so mehr Aussehen erregt, als seit jener Zeit, in der die überall Herr- schenden Strikes die Gemüther erregten, eine Zeit scheinbarer Ruhe eingetreten war. Das Darniedcrliegen unseres gesammten Verkehrs und der Produktion, welches ein bedeutendes Fallen der Arbeitslöhne hervorgerufen hatte, machte die frühere Kampsesweise, das Vorgehen mit massenhaften Arbeitsein- stellungen unmöglich, aber andererseits haben die Wirtschaft- l'chen Mißstände, die Unzuftiedenheit, die sie in den niederen Klassen der Bevölkerung hervorriefen, den Boden für die sozia- listische Agitation begünstigt. Der Liberalismus hat seit Jahren die sozialdemokratische Bewegung ignorirt oder unterschätzt. Man hat bisher vielfach auf jener Seite es nicht verschmäht, die S'immen dieser Kreise für liberale Zwecke auszunutzen und eS mag daher theilweise die Scheu stammen, gegen diese Bewegung energisch aufzutreten. Es ist nicht zu verkennen, daß die sozial- demokratische Bewegung gewaltig durch die liberale Theorie gefördert worden ist. Wir wollen hier davon abschen, daß im Grunde die Sozialdemokratie nur die äußersten Conscquenzen von Grundsätzen zieht, welche die liberale Theorie vertreten hat. Die Minderung der Achtung vor Gesetz und Obrigkeit, die Schwä- chung der Achtung vor den kirchlichen Institutionen, die allzu große Humanität der Strafgesetzgebung und noch mehr der praktischen Uebung der Strafgesetze, die Beseittgung noth- wendiger Beschränkungen des Vereins- und Ver- sammlungsrechtes und noch manches Andere, was wir wesentlich der Herrschaft liberaler Anschauungen in Gesetzgebung und Verwaltung verdanken, hat in eminenter Weise dazu beige- tragen, dem Wachsthum der Sozialdemokratte Vorschub zu leisten. Es ist jetzt dem Liberalismus nicht mehr möglich, sich gegen die Thatsachen zu verschließen und es ist keine Frage, daß ein großer Theil der Liberalen den Wunsch nnd die Ab- ficht hat, Schranken gegen das Steigen der sozial- demokratischen Fluth errichten zu helfen, welche uncr- läßlich sind, wenn wir den Staat, wenn wir den ganzen Be- stand der Gesellschaft vor zerstörenden Umwälzungen bewahren wollen. Eine Durchsicht dessen, was jetzt die Presse über die obwaltenden Verhältnisse bringt, zeigt, daß überall die Nei- gung zn einer starken Reaktion gegen die bisherige Ent- Wickelung vorhanden ist. Gerade ein Theil der Bourgeoisie, die bisher überall von den Lehren des Liberalismus beherrscht wurde, neigt sich Maßregeln zu, die mit den bisherigen Prin- zipien freiheitlicher Entwickelung brechen, die durch stärkeres polizeiliches Eingreifen, durch Beseitigung des gelten- den Stimmrechts die Fluth eindämmen möchten. Die Aus- breitung der Sozialdemokratie ist ja zum großem Theil durch die liberale Gesetzgebung begünstigt worden, aber sie beruht andererseits auch auf großen sozialen Mißständen, die eine Folge der Entwicklung unserer Produktion, der unvermeidlichen Er- setzung der Handarbeit durch Maschinen, der Verdrängung der handwerksmäßigen Thätigkeit durch den Fabrikbetrieb sind. Es wird die wesentlichste Aufgabe sein, die Sozialdemokratie da- durch zu bekämpfen, daß die Gesetzgebung und die Arbeit- geber selbst Alles thun, was irgend möglich ist, um die wirk- lichen und gerechtfertigten Beschwerden der Arbeitermassen zu heben. Ein großer Theil der Leiden, die da existiren, ist we- niger wirthschaftlicher als sittlicher Natur und ihnen kann nur durch eine wahre Erziehung unseres Volkes entgegengetreten werden, eine Erziehung, die nicht blos das Wisien vermehrt, sondern vor Allem den Charakter bildet und wahrhaft christliche Gesinnung stärkt. Es wird die Aufgabe der conservativen Partei vor allen Dingen sein müssen, hierauf hinzuweisen. Nicht poli- zeilicher Zwang, nicht polizeiliches Vorgehen gegen die Agitation allein werden die Gefahr bannen, sondern vor Allem wird der Beruf hierzu auch der Kirche zufallen, die wieder die gebührende Stellung im Leben erringen muß, die allein in der Lage sein wird, wahrhaft christlichen Geist wieder zu erwecken und die Gemüther vor fanatischen Irrlehren zu bewahren." Also nicht polizeiliches Vorgehen allein, sondern noch an- dere schöne Dinge. Und die Herren Liberalen haben„zum großen Theil" die„feste Absicht", mit den Herren Conservativen Hand in Hand„Schranken gegen die sozialdemokratische Fluth" zu errichten, die zu humane Gesetzgebung zu enthumanisiren, das Vereins- und Versammlungsrecht noch mehr zu verstümmeln, das Wahlrecht zu beschneiden u. s. w. Recht hübsch das! Und wir wünschen den Leutchen: Gesegnete Mahlzeit! Mögen sie die Suppe ausessen, die sie einbrocken. Uns wird sie den Magen nicht verderben!— — Armes Deutschland! Jv einer Adresse, welche die Wormser Nationalliberalen an Bismarck richteten, heißt es wört- lich:„Das Gefühl der Bestürzung ergriff das deutsche Volk, Bangigkeit hatte sich aller Gemüther bemächtigt bei dem Ge- danken an den Verlust, der unserm deutschen Reiche durch den Rücktritt seines zweiten Schöpfers drohte. Was wird aus un,serm deutschen Vaterlande werden, wenn der starke Arm ihm fehlt, wenn er ihm entrissen wird? Mit dieser Frage blicken wir alle sorgenvoll in die Zukunft."— Armes Deutschland, das du auf zwei Augen ruhst! Arme Nationalliberale, daß ihr solches glaubt und aussprecht! — Herr Tessendorff gibt uns Schuld an den kürzlich stattgehabten Krawallen auf dem Alexanderplatz zu Berlin. In seiner Anklage gegen zwei Personen, die sich an diesem Krawalle betheiligt haben sollen und von denen die eine, die einen Schutz- mannslieutenant an die Kehle gefaßt hatte, mit einem Jahr Gefängniß bedacht, die andere aber freigesprochen wurde, äußerte Tessendorff sich dahin, daß die intelectuelle Urheberin an solchen Vorkommnissen die sozialistische Propaganda sei, welche allen Autoritätsglauben vernichte und Gott weiß was Alles für Schändlichkeiten verübe. Die„Berliner Freie Presse" bemerkt dazu recht trocken, daß dann Herr Tessendorff erst recht Schuld an den Excessen trage, da er durch sein Vorgehen die sozia- listische Propaganda wesentlich unterstütze. — Die Stimmung in Oesterreich ist wieder kriegerischer geworden. Man fürchtet die Occupatio» der nördlichen Türkei durch die Russen. Besonders in Ungarn, dem gegenwärtig maß- gebenden Lande des Kaiserreichs, ist die Erbitterung gegen Ruß- laut» in stetem Wachsen. So schreibt der„Pesther Lloyd":„Die Occupation, das ist die Annexion, und angesichts dieser That- fache wäre es Thorheit, an die Möglichkeit einer dauernden Neu- tralität Oesterreichs-Ungarns in dem türkisch-russischen Kriege zu glauben. Gleichwie nur die entschiedenen Siege der Türken über die Serben uns die Nothwendigkeit einer bewaffneten Stellungnahme erspart haben, so könnten uns auch nur entschie- dene Siege der Türken über die Russen ein Heraustreten aus Ein Kapitel zum Zeugnitzzwang der Redakteure. (Schluß.) Herr Stephan konnte nun flott mit der Disciplinarunter- suchung(oder in korrektes Postdeutsch übersetzt Schülerzucht- Untersuchung) beginnen, auch ohne Königs weitere Vernehmung. Im Termine vor Pescatore selbst legte dieser das Original und eine Abschrift des erwähnten Briefes vor und erklärte, daß er auch heute bei seiner Zeugnißverweigerung beharren würde, wenn sich der Verfasser seinem vorgesetzten obersten Chef gegen- über nicht bereits selbst genannt und ihn nicht ausdrücklich er- mächtigt hätte, ihn im gegenwärtigen Termine zu nennen. Durch Erfahrung gewitzigt, bat er den Herrn Pescatore aber, die Ab- schrift zu den Akten zu nehmen und ihm das Original des Briefes zu belassen, damit er ein Vertheidigungsmittel gegen ge- wiffe Jntriguen in den Händen behalte, die er fürchte— und wie sie schon gegen ihn in Scene gesetzt worden seien— näm- lich, daß man ihin, wenn irgend möglich, trotz seiner gewiß ehrenhaften Handlungsweise noch in öffentlichen Blättern des Vertrauensbruches seitens dienstwilliger Geister beschuldigen lassen würde. Er erklärte zugleich, daß, falls wieder ein Buben- stück, wie das angedeutete, gegen ihn in Scene gehen würde, er sich öffentlich auf das Zeugniß des Herrn Untersuchungsrichters und seines Protokollführers berufen würde. Mit dem Ausrufe: „Gott sei Dank, daß auch diese unangenehme Geschichte endlich aus der Welt geschafft wird", dictirte Herr Pescatore das Schlußprotokoll. Nunmehr glaubte Redakteur König keine Veranlaffung mehr zu haben, den Eid zu verweigern und er beschwor das Schluß- Protokoll, man hatte ja auch ohne seine Aussage erfahren, gegen wen man Disciplinaruntersuchung einleiten könne, wenn diese überhaupt allein der Zweck des ganzen Verfahrens gewesen wäre. Noch an demselben Tage wurde der Beamte Knall und Fall zunächst nach Brandenburg versetzt. Kaum dort eingetroffen er- schien denn auch neben einem höchsten Beamten der Justitiar des Generalpostamtes, Professor Dr. D., ein Mann, der denselben Namen trägt, den ein in der Demagogenverfolgungsperiode viel- fach genannter Jurist auch führte und begann mit der ein- gehendsten Vernehmung und den geschicktesten Kreuz- und Quer- fragen des zu maßregelnden Postinspektors. Wenige Tage darauf erhielt auch Redakteur König eine Vor- der neutralen Haltung ersparen. Wir machen rechtzeitig auf diese Lage der Dinge aufmerksam', damit wir von der Roth- wendigkeit nicht überrascht werden. Wir haben gewiß nicht den Beruf, uns für den Bestand der Türkei in abenteuerliche Unter- nehmungen zu stürzen, aber wir haben die Pflicht, unsere eigene Existenz zu vertheidigen und diese wäre durch die Etablirung eines russischen Regiments in den slavischen Provinzen der Türkei aufs ärgste bedroht."— Wenn Oesterreich also in einen Krieg verwickelt wird, dann wird Deutschland seinen„Erbfreund" nicht im Stiche lassen wollen und der Weltbrand!ist entzündet trotz aller diplomatischen Friedensbemühungen zweier Jahre.— Man sieht, daß, wenn nicht immerfort die Welt durch Friedens- störer in Aufregung versetzt werden soll, endlich einmal die Völker selbst zur Leitung ihrer Geschicke sich emporraffcti müssen. Dann wird nimmermehr ein„Bischen Herzegowina" die Cultur- länder zerrütten können. — Der Kampf der Türken und der Montenegriner ist wieder entbrannt: auch die Aufständischen in der Herzego- wina rühren sich. Nach Telgrammen aus Pesth stehen heiße Kämpfe nahe bevor. Die Keilerei im Kleinen hat also ange- fangen, die Keilerei im Großen folgt nach— und das nennt sich ein gesittetes Jahrhundert! — Ausbreitung der sozialistischen Presse. In Hagen (Westfalen) erscheint ein neues Parteiblatt:„Hagener Volks- freund"; dasselbe wird dreimal wöchentlich hetausgegeben. — Die 47 Sozialisten, welche in München angeklagt waren, als selbstständiger Verein mit dem Vorstande der sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands zu Hamburg in Verbindung gestan- den zu haben, wurden sämmtlich freigesprochen. — Der frühere Redakteur des„Bolksstaat", Marbach, der sich gegenwärtig im Leipziger Bezirksgerichtsgefängniß in Haft befindet, ist kürzlich vom Kreisgericht zu Halle wegen angeblicher Beleidigung des Staatsanwalts in Halle zu 1 Jahr Gefäng- niß verurtheilt worden. Das gleiche Schicksal tras den Redak- teur des„Reporter", aus welchem Blatte der„Bolksstaat" eine Correspondenz reproduzirt hatte, in welcher die fragliche Belei- leidigung enthalten sein soll. Die Appellation ist angemeldet. u. Berlin, 16. April. Auch am Sonnabend erntete der Herr Generalpostmeister Lorbeeren. Die Debatte des Post- und Telegraphen- Etats wurde fortgesetzt, und als wiederum die Unzufriedenheit unter den Postbeamten zur Sprache kam, fand Herr Stephan sich veranlaßt, seine Bildung dadurch zu dokumentiren, daß er die Postbeamten, welche sich in der Presse und in Zuschriften an Abgeordnete mißbilligend über das Regiment Stephan äußern, in einer Weise angriff, die geradezu unerhört zu nennen ist. Leider kam nachher nur Lasker zu Wort, der, statt das unerhörte Benehmen des Herrn Generalpostmeisters gebührend zu rügen, demüthig erklärte, die betreffenden Postbeamten seien ganz brave Leute— ein Zeugniß, das ihnen wahrhaftig nicht von Herrn Lasker aus- gestellt zu werden brauchte.— Bei der Bcrathung der Aus- gaben des Reichstags ergriff der Abg. Kapell das Wort, um für die schlecht besoldeten Diener des Hauses einzutreten. Sein Antrag, den betreffenden Absatz in die Budgetcommission zurück- zuverweisen, wurde selbstverständlich abgelehnt. In der heutigen Sitzung, die Vormittags 11 Uhr begann, stand in erster Linie auf der Tagesordnung die Berathung über den Antrag Schulze(Delitzsch) und Genossen, Abänderung des Gesetzes über Erwerbs- und Wirthschafts- Genossenschaften betr. Bekanntlich hat schon dem vorigen Reichstag ein ähnlicher Antrag vorgelegen, und bezweckt derselbe unter Anderm Haupt- sächlich eine Erhöhung des Minimalsatzes der Genossenschafts- antheile und verschiedene Abänderungen in Bezug auf die Eon- trole und das Liquidationsverfahren. Der Abgeordnete Schulze (Delitzsch) begründete in längerer Ausführung seinen Antrag, wobei er natürlich nicht versäumte, den von ihm in's Leben ge- rufenen Genossenschaften und deren segensreicher Wirksamkeit reklamenhaftes Lob zu spenden. Der Abgeordnete Most, welcher von unserer Seite das Wort zu dem Antrag ergriff, betonte, daß wir durchaus keine prin- zipiellen Gegner des Genoffenschaftswesens sind, im Gegentheil wlbst bereits eine Reihe von solchen in's Leben gerufen hätten; allein gerade weil wir ein großes Interesse am Genossenschasts- wesen haben, müßte es uns doppelt befremden, daß von der ladung von dem in der Disciplinaruntersuchungssache mit dem Anklägergeschäfte betrauten Postrath B., demselben, der neuer- dings mit der Vertretung des in der Kanteckiangelegenheit viel- genannten z. Z. beurlaubten Oberpostdirektor v. Jahn betraut ist. Redakteur König ließ diese eigenthümliche Vorladung eines einfachen Verwaltungsbeamten mit dem Bemerken zurückgehen, daß er der Requisition eines nicht richterlichen Beamten, er möge heißen, wie er wolle, und einen Titel führen, welchen er»volle, nieinals Folge leisten, daß er vielmehr nur der Vorladung des Gerichtes folgen»vürde, was denn auch eine abermalige Ver- nehmung des von dem B. requirirten Gerichts zur Folge hatte. Man hätte glauben sollen, daß nun endlich die Sache mit der so sehnlich erwünschten Disciplinaruntersuchung gegen den Postinspektor und dessen Maßregelung ihren Abschluß hätte finden müssen; allein weit, weit gefehlt! Pescatore's Schluß- Protokoll enthielt unter Anderem die Bemerkung, daß das Manuscript anonym gewesen sei. Dem in Disciplinarunter- suchung gezogenen Postinspector war unter Andern seitens des Justitiars D. die Frage vorgelegt»vorden,_ ob er nicht vielleicht seiner Zeit das Manuscript mit einem mit seiner Unterschrift versehenen Begleitbrief übersandt habe, und dieser hatte ausge- sagt:„Bermuthlich oder wahrscheinlich." Und auf diese unbe- stimmte Aussage hin baute man einen Strafantrag gegen den bestgehaßten Redakteur König auf, der denselben für immer ver- nichten, ihn bürgerlich todt machen sollte.„Wenn festgestellt ist, daß ein Begleitbrief mit Unterschrist dem Manuscript beige- fügtjvar, so war das Manuscript nicht anonym", so folgerte man, und auf diese seltsame Schlußfolgerung wagte man in der liebenswürdigsten, humansten Weise einen Strafantrag wegen nichts Geringerem— als— man höre und staune!— wegen wissentlichen Meineides aufzubauen, dem die Königl. preußische Staatsamvaltschaft auch Folge gab, indem sie die Untersuchung gegen den schwergeprüften Redakteur König eröffnete. Es wurde dann schließlich auch Schlußverhandlung vor dem Stadtgerichte anberaumt; aber nur wegen fahrlässigen Meineids. Wir unterlassen es, zu schildern, was eine ehrenwerthe Fa- milie in jener Periode gelitten hat, als diese Unter- suchung über dem Haupte ihres Ernährers schwebte, und bemerken nur, daß den Redakteur König um jene Zeit noch viele harte, von intriguanten Feinden und deren Creaturen geführte Schläge trafen und seinen Wohlstand und sein Unternehmen vernichteten. Seite, welche die Vaterschaft des Genossenschaftswesens in An- spruch nehme, Anträge wie der vorliegende eingebracht werden könnten. Das Äcnossenschaftsgesetz habe Mängel, aber in ent- gegengesctztcr Richtung als der, gegen welche die Schulze'schen Anträge sich wendeten. Zunächst sei es ein großer Uebelstand an den» Gesetze, daß dasselbe ausnahmslos die Solidarhaft s vorschreibe, eine Bestimmung, die das Aktiengesetz nicht kenne und die also nur als eine Beeinträchtigung des kleinen Besitzes bezeichnet werden könne. Weiter sei es ein großer Uebelstand, daß das Gesetz vorschreibe, daß Genossenschaften sich nicht an politischen Angelegenheiten betheiligen dürfen. Auf Grund dieser vagen Bestimmung sei es möglich gewesen, in München und' Augsburg zwei Genossenschaften(Buchdruckereien) gerichtlich aufzulösen, die nichts anderes verbrochen, als daß in deren Ge- schäften je eine politische Zeitung fertig gestellt wurde. Was die Erhöhung bez. Fixirung der Minimalziffer der Antheile! betreffe, so laufe dieselbe auf nichts anderes hinaus, als gerade, denjenigen Theil der Bevölkerung, zu deren Wohl angeblich die Genossenschaften hauptsächlich ins Leben gerufen wurden, von i der Betheiligung an solchen auszuschließen. Sollte der Antrag wirklich Annahme finden, dann könnte man mit Recht sagen: der König im sozialen Reich sei zu einem König Herodes geworden, ja schlimmer, denn er habe seine eigenen Kinder getödtet. Nachdem noch je ein Mitglied der nationalliberalen und der! conservativen Partei ihre Wünsche vorgebracht, erklärte der Vertreter des Bundesraths, daß seitens der Regierungen ein: Gesetzentwurf vorbereitet und wahrscheinlich der nächsten Session des Reichstags vorgelegt werde. Auf diese Aeußerung hin zog der Abgeordnete Schulze seinen! Antrag zurück, nachdem er den Ausführungen Most's gegen- über noch einzelne, meist nichtssagende Bemerkungen gemacht, aus denen wir nur das beachtenswerthe Geständniß hervorheben s »vollen, daß das Aktiei»gesetz eine Prämie für die Mühe, 1 »velche die Kapitalseriverbung verursache, sei, und daß Genossenschaften, ioenn sie in Bezug auf diese Erwerbung ihr Theil geleistet, ebenfalls zu Aktiengesellschaften avanciren können. Für das Großkapital also das Aktiengesetz ohne Haft-» Pflicht und volle Freiheit im Börsenschwindel, für das! kleine Kapital und den Genossenschafter aber solidarische Haftpflicht, strengste Controle und ungehinderte Polizei- I liche Chikane. Das ist die fortschrittliche Liebe für den so- genannten kleinen Mann. Nunmehr gelangte eine Reihe von Anträgen in Bezug auf j Abänderung der Gewerbeordnung zur Verhandlung, darunter auch das von den sozialistischen Abgeordneten einge- brachte Arbeiterschutzgesetz. Bei der hohen Wichttgkeit dieses> Gegenstandes für unsere Leser behalten wir uns vor, auf die! Verhandlung noch näher zurück zu kommen, und geben im Nach- � folgenden nur eine kurze Skizzirung des Verlaufs derselben. Nachdem man beschlossen hatte, sämmtliche vorliegenden Anträge gemeinschaftlich zu debattiren, und nachdem eine in letzter Stunde von der Fortschrittspartei eingebrachte Resolution, welche alles beiin Alten lassen will, ebenfalls noch mit zur Debatte gestellt worden war, ergriff der Abgeordnete Ackermann das Wort, um Namens der conservativen Partei für Einführung von Arbeitsbüchern, Bestrafung des Contraktbruches und zwangsweise Zurückführung entlaufener Lehrlinge zu plaidiren. Nach ihm sprach Graf v. Galen(Centrum), um in längerer Ausführung für Wiedereinführung, oder richtiger für Einführung— denn diese Phantasie ist nie Wirklichkeit gewesen— der christlich-sozialen Weltordnung eine Lanze zu brechen, wofür er sich vom nationalliberalen Rickert sagen lassen mußte, daß ihm(Rickert) 4 oder 5 Paragraphen, geeignet, bestehenden Uebel- ständen abzuhelfen, lieber gewesen wären, als die ganze lamje Rede. Im Uebrigen vertheidigte Rickert die Gewerb efreiheit wie überhaupt die Grundprinzipien, welche der Gewerbeordnung! zu Grunde liegen, und stellte an die Regierung die Frage, ob! sie in dieser Angelegenheit heute noch auf demselben Boden wie 1869 stehe? was von dem Bundeskanzleramtspräsidenten Hoff- mann bejaht wurde. Auf die in mancher Beziehung interessanten � Ausführungen Hoffmann's werden wir noch speziell zurückkommen, ebenso auf die Ausführungen unseres Genossen Fritzsche, der in längerer Rede den Standpunkt der Sozialdemokratte klar- legte. Nachdein der Abgeordnete Bauer, von den Hamburger Zünftlern gewählt, noch über eine Reihe von Petitionen, welche sich auf den behandelten Gegenstand bezogen, berichtet,»vurde die Sitzung Nachmittags 5 Uhr vertagt. Morgen Kasernirungs- gesetz und Fortsetzung der Debatte über die obigen Anträge. ---- Man setzte Besudelungen seiner Person in öffentlichen Zei» tungen für schweres Geld in Scene. Eine strafgerichtliche Ver- folgung gegen den Entrepreneur, einen Postsekretair, früheren Buchbindergesellen, wurde abgelehnt und an eine Disciplinar- Untersuchung war schon gar nicht zu denken; derselbe erhielt viel- mehr ein recht einträgliches Commissorium zur Taxcommission nach Stuttgart. Höhere Beamte sahen dieselbe Zeit die Post- amtlichen Abonnentenlisten auf die„Deutsche Post" hier und da ein und diejenigen Abonnenten, welche Beamte»varen, wurden vielfach dadurch ängstlich und hielten das Blatt nicht mehr. Eine dieserhalb an den deutschen Reichstag gerichtete Petttton hatte zur Folge, daß in der Pctitionscommission jenes Einsehen der Abonnentenlisten für eine Verletzung des Briefgeheimnisses (also doch wohl auch des Amtsgeheimnisses?) erklärt, ferner, daß eine Interpellation an daß Reichskanzleramt gerichtet und von letzterem Untersuchung und Abhilfe versprochen wurde. Ein Einschreiten der Staatsanwaltschaft gegen die Personen, welche das Briefgeheimniß in der angegebenen Weise verletzt hatten, wurde indessen nicht beliebt,.selbstverständlich konnte deshalb auch eine gerichtliche Bestrafung nicht eintreten, so heilsam die- selbe auch gewesen wäre, indem sie bewiesen haben würde, daß der Artikel der Verfassung:„Jeder Preuße ist vor dem Gesetze gleich" keine Phrase ist. Am Redakteur König freilich bewährte sich der alte Spruch: „Ja, Bauer, das ist ganz was Anderes!" Der Schlußverhandluugstermin gegen ihn erschien. Einziger (angeblicher) Belastungszeuge war jener Artikelschreiber, zcner gemaßregelte höhere Beamte, um den der Redakteur König so gelitten hatte. Aber der Beamte war mehr ein Entlastungs- als ein Be- lastungszeuge. Seine Aussagen stimmten mit denen des Ange- klagten überein und die Freisprechung erfolgte. So fein die Jntriguen gegen den Redakteur König auch ge- spönnen war, so hatten seine Widersacher doch die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Groß mochte der Groll sein über den Richterspruch, der einen Quersttich über so pfiffig, rachsüchtig und herzlos ersonnene Anschläge machte. Man beruhigte sich bei dem Urtheil erster Instanz natürlich nicht, man appellirte gegen das fteisprechende Erkenntniß und als endlich nach langer Zeit— im Dezember 1874— die Be- In meinem vorigen Brief vergaß ich zu erwähnen, daß ein Theil der Fortschrittspartei auch für den Balentin'schen Schluß- antrag gegen Liebknecht gestimmt hat. Weiter sei erwähnt, daß das gemeine Benehmen des Herrn Eugen Richter von allen anständigen Leuten im Reichstag ent- schieden mißbilligt wird. Ein Vorschlags) An die Parteigenossen. Genossen! In der Voraussetzung, daß wir uns sämmtlich in dem ehrlichen, ernsten Bestreben vereinigen, das arbeitende Volk durch Aufklärung zum Bewußtsein seiner Macht zu bringen, um dadurch Absolutismus, Knechtschaft und Klassenelend aus der Welt zu schaffen, erbitte ich mir für das Nachstehende Eure Aufmerksamkeit. Wer, der ein aufrichtiger Sozialdemokrat, hat sich nicht schon tausendmal die Frage vorgelegt, wodurch, durch welches Mittel kann die Ausbreitung unserer Prinzipien noch beschleunigt, die Befestigung derselben im Volke nachhaltig gemacht werden? Wer von uns behält wohl die Hoffnung auf baldigen Sieg der Wahr- heit stets ungeschwächt in Anbetracht der gewaltigen Macht der Dummheit, der Trägheit der Massen, und andererseits der zahl- losen Machtmittel der reaktionären Gewalten? Gewiß, der endliche Triumph unserer Sache ist uns sicher; mit Recht ist oft darauf hingewiesen worden, wie selbst alle Machinationen der Gegner nur das Gegentheil des Beabsichtigten bewirken; allein— es handelt sich auch darum, den Kampf nach Möglichkeit abzu- kürzen, dafür einzutreten, daß wir möglichst bald zu einem Ziele gelangen, und das können wir. Das Prinzip des bewußten Fortschritts ist ja gerade die besondere Seite der Sozialdemo- kratie im Gegensatz zur bisherigen menschlichen EntWickelung und daher ist es für uns, die wir aus Ueberzeugung zur Fahne der Freiheit stehen, höchste Pflicht und Schuldigkeit, es ist sozial- demokratische Moralität, daß wir Alles thun, um unser» Zweck zu erreichen. Das wird jeder Sozialdemokrat anerkennen. Unser Zweck ist nun, wie wir wissen, erstens das ganze ar- bettende Volk womöglich in die Bewegung zu ziehen, sodann die Bewegung selbst im Volke zu vertiefen, einen festen, echt demokratischen Geist in die Massen zu bringen. Schon viel ist in dieser Richtung geschehen, aber leider eben noch lange nicht genug. Die Agitationsmittel: Vereine, Versammlungen, Zei- tungen, Schriften sind alle zur Anwendung gelangt, sehr oft aber nicht in Wünschenswerther Harmonie und darauf kommt es doch hauptsächlich an. Was nun die verschiedenen Agitations- mittel betrifft, so sind sie höchst verschieden im Grade der Wirkung. Betrachten wir zuerst die Vereins- und Bersammlungs- thätigkeit. Das Bischen Vereins- und Versammlungsfreiheit, welches die Gewalt dem Volke gelassen, muß zwar stets ausgenützt werden, jedoch stehen die Resultate, besonders der Versammlungen, sehr oft in keinem Verhältnisse zu den Opfern, welche für die Versammlungen von den Genossen gebracht werden. Hieraus soll nicht gefolgert sein, daß nun die Versammlungen ganz und gar nebensächlich behandelt werden können, im Gegen- theit. Die Versammlungen entwickeln ihre größte Wirkung als erstes Agitationsinittel bei Massen, welche erst aufgerüttelt werden sollen; sie sind sozusagen Alarmirungsmittel und werden als solche immer bei der Agitation in Anwendung bleiben müssen. Aber das wird mir Jeder zugeben— Nachhaltiges wird durch Versammlungen allein fast nie geschaffen. Ich habe schon so manchen Arbeiter gesprochen, der wohl.vielen Versammlungen beigewohnt, der aber trotzdem indifferent geblieben war. Die ganze Errungenschaft der Versammlungen war für die Be- treffenden die gewesen, daß sie Etwas von Sozialdemokratie läuten gehört hatten, eine Errungenschaft zwar, aber doch eine recht geringe. Kommt es zu einer öffentlichen Kundgebung, wie bei der Wahl, so lassen sich zwar solche für die Partei ge- Winnen, sind aber doch äußerst schwankende Elemente. Diese Erfahrungen haben wir gemacht. Kommt es nun noch vor, daß vor einer Wahl, um Erfolge, gleichviel ob auch nur Augen- blicks- Erfolge, zu erzielen, daß unsinnige Versprechungen ge- macht, oder alberne Hoffnungen auch nur durch Stillschweigen gewährt werden, so kann der schmerzliche Rückschlag gar nicht ausbleiben. ♦) Wir veröffentlichen diese Zuschrift, weil dieselbe, wenn auch der darin gemachte Lorschlag kaum ausführbar sein dürste— jedenfalls nicht in der vorgeschlagenen Form— doch unzweifelhaft mancherlei nützliche Anregungen enthält. R. d. B. Aus dem Gesagten geht hervor, daß wir unsere größte Hoff- nung nicht auf die Erfolge der Versammlungen setzen, vor allen Dingen uns nicht mit diesen begnügen dürfen, denn die Ver- sammlungs-Erfolge sind meistens, wo nicht immer, nur momen- tane. Ja einer Correspondenz aus Iserlohn in Nr. 19 des „Vorwärts" d. I. heißt es:........ Der Wahlkampf ist be- endigt. Wir haben eine Schlappe erlitten. Wir haben weniger Stimmen erhalten, wie vor drei Jahren...... Fragen wir uns nun, welches sind die Ursachen, daß wir hier weniger Stimmen erhalten haben, als bei der vorigen Wahl, so ist darauf Vieles zu antworten. Zum allergrößten Theilc war der Lokalmangel in Iserlohn daran schuld. Hier, wo der Heerd...... war lange Zeit kein Lokal zu haben, es konnten darum auch keine Ver- sammlungen stattfinden u. s. w." Man sieht: keine Vcrsamm- lungen— keine Stimmen; man setzt seine ganze Hoffnung auf die Versammlungen und sucht die Spreu von früher zu gewinnen; ja, die Spreu ist vom Winde verjagt, durch einen tückischen Zufall hat man einmal keinen Versammlungs-Wind, um die Spreu wieder zusammenzublasen und— man erleidet„eine Schlappe". Ist das eine sozialistische Partei? Ist das Agitation? Hören wir eine andere Stimme. Parteigenosse G. Gladewitz schreibt in Nr. 22 des„Vorwärts" aus Mittweida:„Wir sind unterlegen!.... Selbstverständlich müssen wir, da wir an ein Fortschreiten der sozialistischen Bewegung glauben, den Ursachen unserer Niederlage nachforschen. Die Hauptschuld trifft den Arbeiterstand selbst. Während ein kleiner Bruchtheil stundenweit in die Versammlungen kam und unsere Leute dadurch stets in der Majorität waren, hielten es Andere nicht der Mühe Werth, unsere Prinzipien näher kennen zu lernen, und sie wußten that- sächlich nur das von uns, was ihnen die Gegner erzählten..... Die Folgen dieser elenden Verhetzung zeigten sich nur zu deutlich während der Wahlbewegung, sowie am Wahltage selbst. Wir mußten oftmals von blutarmen, durch Hunger und Roth ge- beugten Arbeitern die ungerechtesten Urtheile über uns mit an- hören:„Der Kerl(unser Eandidat) kann uns auch Nichts geben, der bringt uns auch kein Vrot in's Haus," sagten Viele, und in trauriger Verblendung wählten sie den Gegner. U. s. f." Das ist der Fluch der Augenblicks- Erfolge, merkt's Euch, Partei- genossen! Genosse H. F. Schröder berichtet aus Eutin in Nr. 27 des Vorwärts":...... Unsere Niederlage ist freilich groß, zumal hier im Fürstenthum �Lübeck bei der vorigen Wahl 1874 nahezu noch einmal so viel Stimmen für unser» Candidaten abgegeben wurden. Doch ist dieser Verlust leicht erklärlich, wenn man Folgendes in Erwägung zieht: Durch die vorige Wahlagitation wurden die Arbeiter hier sowohl, wie im 1. schleswig-holsteini- schen Wahlkreise zum ersten Mal aus dem Schlafe gerüttelt und vom Strudel der Wahlbeweguug mit fortgerissen,(!) ohne Klar- heit über Zweck und Ziele der Sozialdemokratie(!) zu erlangen; sie glaubten jedoch mit Zuversicht, durch die Wahl Reuner's in kurzer Zeit in das Land der Verheißung einziehen zu können.(!) Dies war die Situation nach der vorigen Wahl, und ein auf- geklärter Sozialist konnte für dieselbe nur ein wehmüthigcs Kopfschütteln haben." Schärfer als dieser Bericht es thut, kann man das Jagen nach Augenblicks-Erfolgen nicht verurtheilen. Dagegen ist eine Agitation anzuerkennen, von welcher der u-Correspondent aus Altona in Nr. 39 des„Vorwärts", Jahr- gang 1876, berichtet:...... Wie anders treten da doch die Sozialdemokraten auf; ich erinnere mich, daß vor Kurzem der Eandidat der Arbeiter, Hasenclever, nachdem er einen Vortrag gehalten, ausdrücklich betonte, daß alle Diejenigen, welche mit seinen Ansichten nicht völlig übereinstimmten, getrost gegen ihn votiren könnten, ja daß es ihre Pflicht wäre, am Wahltag gegen ihn zu stimmen." Die Versammlungen zu agitatorischen Zwecken werden sonach wesentlich als erstes, als Aufrüttelungsmittel, zu betrachten sein, niemals aber als Universalmittel; die Aufregung einer Ver- sammlung muß sofort zur Vertiefung und Befestigung der Be- wegung benutzt werden, soll nicht der größte Theil des Erfolgs wieder verloren gehen. Denn das gesprochene Wort verhallt, und was sonst übrig bleibt, ist schädliche Unklarheit. Das zweite Agitationsmittel: die Presse ist berufen, in den noch bevorstehenden Kämpfen mit den reaktionären Gewalten unsere stärkste Waffe zu bleiben. Trotz alledem ist sie weit ent- sernt, ihren Zweck als Agitationsmittel zu erfüllen. Sehr richtig ist, was Eduard Sack in seiner vortrefflichen Schrift„Unsere Schulen im Dienste gegen die Freiheit" Seite 13 sagt:„Ich habe wohl allen Respekt vor den Blättern der Sozialdemokraten, aber an denselben findet nur jener sehr kleine Theil des Volkes Geschmack, der an der sozialdemokratischen Agitation theilnimmt. stätigung der Freisprechung erfolgte, war die Familie des Rc- dakteurs König pekuniär fast zu Grunde gerichtet. Ein Richter bat die Lernichter seiner Existenz bis- her nicht ereilt uno was das Gewissen der Biedermänner zu ihren Heldenthaten sagt, vermögen wir nicht anzugeben; genug, man hat zerstört, was Unbequemlichkeiten verschaffte, man hält sich für den Sieger über die lästige Wahrheit, über die frei- müthige Krittk, wenn die Leidensgeschichte jenes geplagten Re- dakteurs nicht bekannt wird, wenn Niemand von den Rollen, die seine Feinde spielten und von den Handlangerdiensten eines großen Thciles der nationalservilen Blätter erfährt. Durch geschickte Benutzung des Zeugnißzwanges suchte man einer Jntrigue einen gewissen Stempel von Gesetzlichkeit aufzu- drücken. Deshalb ist es wahrlich Pflicht einer redlichen Presse, das Dunkel, das so manche Akten in Nacht und Grauen hüllt, zu hellen und so manchen„Ritter von der Ehrbarkeit" vor das Forum der Oeffentlichkeit zu stellen. Unsere Illustration zum Kapitel über die Zeugnißpflicht der Re- dakteure, dieses Bruchstück aus dem Leben eines Preßangehörigen war ein Griff in's wirkliche Menschenleben. Wir fragen, wann wird Solches, wie das Erzählte, unmög- lich werden, wann endlich wird durch Aufhebung der Folter des Zeugnißzwanges das Gesetz nicht mehr die Handhabe zu per- sönlichen Verfolgungen abgeben können und es auch bei uns ein gleiches Recht für Alle geben?— E. K. Ein revolutionäres Snuhirtchen. getadelt werde. Leute, die weniger vorsichtig sind, sollen der artige Malheurs erlebt haben." Ist das nicht die Sprache eines revolutionären Sauhirtchens? Sauhirtchen fängt zu drohen an. Uebersetzen wir vorstehende Sätze aus der Militärspvachc—„Commando",„Heeresfolge", „Abrüstung"— in gewöhnliches Deutsch— Sauhirtchen ist auch militärisch gebildet— so lauten sie: Wir, die Sauhirten, tanzen in der Folge nur dann noch wie uns gepfiffen wird, wenn man uns im Voraus garantirt, nicht hinterher zum Dank mit Fuß- tritten behandelt zu werden. Es lebe die„Gegenwart"! Weiter unten heißt es in den nämlichen„Notizen":„Die Sozialisten müssen allerdings seit ihrer letzten Ueberrumpelung zweier Berliner Wahlkreise im Auge behalten werden. Bisher wurden sie ignorirt. Es giebt zahlreiche Staatsbürger, die, wenn sie nicht etwa den Reichstag besuchen, in ihrem ganzen Leben einen wirklichen Sozialisten kaum jemals zu Gesicht be- kommen haben. Die von jenen Herren redigirten Blätter zu studiren, wird man ohnehin Niemandem zumuthen. Abgesehen davon, daß dadurch die sozialistische Propaganda in der Familie, ja bei dem dienenden Personal gefördert würde, wäre es auch eine schwere Aufgabe, neben so vielen anderen Zeitungen auch noch radikalen Unsinn lesen zu müssen." Das heißt: Es giebt fast gar keine wirklichen Sozialisten, aber trotzdem inuß nian sie im Auge behalten. Wie das Letztere aber geschehen soll, ist uns unerfindlich; denn, sagt der Notizen- schreiber: die von den Sozialisten redigirten Blätter darf man nicht lesen, 1) weil sie„radikalen Unsinn" enthalten, und 2) weil durch Lesen derselben der Sozialismus in der Familie verbreitet würde. Wahrlich ein schmeichelhaftes Compliment für .3" Nr. 5 der„Gegenwart" von 1877 werden die Be- verbrettet wurde. Wayrttch em fchmeichelhaftes Complimen zrehungen der deutschen Presse zur französischen in einem„No- j die deutsche Bourgeols-Famille, sie.st also empfängl.ch für„ £, betitelten Arttkel besprochen, der folgende Stelle enthält: d.kalen Unsinn". Das Letztere glauben w.r übrigens auch, wie rtj.1* Decken vor einer gelegentlichen Polemik mit den sranzö-! konnte fte sonst die„Gegenwart le;eii.., fischen College» nicht zurück, lassen sie uns vielmehr als Unter-_ Ende-und nach se.nerSchre.bwe.s-.st das sehr glaub brechung des Alltagslebens hin und wieder ganz gern gefallen, würdig- geHort der.Notizen schreiber ebenfalls zu den Ber- Auch wenn auf Commando vorgegangen werden svll, haben wir �ner Ueberrumpellen verstanden uute�einer�vi"� 9e � mü rden �vämlicki� eme— �unbert Stosche wiegen noch keinen einzigen Bismarck auf. „ Bedingung. Wir wurden kiamlich ein geschmackvolle Bismarcks-Taxe auf Kosten eines Mannes(Stosch), gewisse Garantie voraussetzen, daß, wenn wir patriottsch Mit- der bei dem Kaiser, wie bei dem Kronprinzen gleich geachtet und an. fechten, dies Nicht nach einiger Zeit, wenn der Moment der Ab- gesehen ist, ist die ureigenste Erfindung eines Berliner Correspondenten rustung eintritt, als unruhstistend, ungehörig und unpatriotisch der„Elberf. Zeitung." So weit die Organisation der Partei reicht, so weit reicht auch nur das Publikum dieser Blätter und ich fürchte, es wird nie anders sein. Sie befriedigen nur die erregten Massen, die Agitatoren. Die übergroße Mehrheit des Volkes steht aber außer- halb dieser Organisation und wird derselben immer fern bleiben. Wie gesagt, ich habe allen Respekt vor diesen Blättern und ich freue mich, daß sie da sind; aber sie sprechen nur zu jenen harten, zu einem schweren und gefährlichen Kampfe entschlossenen Männern; es sind Organe der sich sammelnden, sich gegenseitig anrufenden, zum Kampfe sich aufregenden„Arbeiter-Bataillone". U. s. w." Ich für mein Theil glaube nun zwar nicht, daß es „nie anders sein" wird; ich bin der Ansicht, daß sich unsere Presse mit der Zeit doch bei der Mehrheit des arbeitenden Volkes, wenn auch langsam, einführen könnte— das Wesentliche des Angeführten ist aber unbedingt wahr. Die sozialdemokratische Presse bildet fast ausschließlich nur die geistige Speise derjenigen, die bereits Sozialdemokraten sind. Nach meinen Erfahrungen ist an eine rationelle Agitation durch die Presse nicht zu denken. Die Presse soll die Tageslektüre und zugleich die Waffe der Partei sein; die Förderung der Agitation durch die Presse kann und wird niemals in einem wünschenswerthen Grade geschehen, und ich will dies auch kurz nachzuweisen suchen. Die Agitation der Abonnenten durch Zeitungsblätter wird immer nur in der Weise vor sich gehen, daß einzelne Blätter au Indifferente zum Lesen gegeben werden. Nun ist aber erforderlich, daß, um einen Indifferenten zu einem Sozialdemokraten zu machen, sobald das Interesse geweckt ist, derselbe bald zu Anfang etwas Ganzes an Kritik der Zustände und über unsere Bestrebungen und Ziele vorgeführt erhält. Ein solches Ganzes ist nun eine Zeitungs- nummer keineswegs, ja fünfzig, hundert Zeitungsuummern geben durchaus kein ganzes, abgeschlossenes, am allerwenigsten ein übersichtliches Bild der Sozialdemokratie. Dazu kommt, daß das erste Interesse, welches vielleicht der Betreffende nahm, weil ohne Nahrung, leicht wieder verflogen ist, und dann ist das Anknüpfen 'chon viel schwieriger. Der Inhalt einer sozialistischen Zeitung ist zudem, wie auch Eduard Sack ausführt, zum großen Theile einem Indifferenten unverständlich und daher nicht angethan, Interesse zu erwecken, resp. ein angefachtes Interesse zur vollen Ueberzeugung zu ent- wickeln, da der Inhalt vor allen Dingen den Anforderungen der Genossen genügen soll. Das Halten einer Zeitung kann von einem Manne, der solche Erfahrungen macht, gar nicht er- wartet werden. Die Presse ist daher, wie schon gesagt, hauptsächlich nur für die überzeugten Sozialisten da; zur rationellen Weiterverbreitung unserer Tendenzen bedürfen wir anderer Mittel. Bleiben noch die Broschüren und hier haben wir in der That dasjenige Agitationsmittel, welches mit Versammlung und Presse in Verbindung und Organisation gebracht, einzig und allein im Stande sein kann, eine sichere Bewegung auf die Mehrheit des Volkes auszudehnen und dieselbe zu festigen. Fragen wir uns Parteigenossen, wodurch wir selbst eigentlich erst unsere feste Ueberzeugung erlangten, so bin ich überzeugt, unter 100 Fällen haben dies in 90 die Broschüren gethan. Die Broschüren geben meist ein abgeschlossenes ganzes Bild an Kritik und Bestrebungen und darin liegt ihre Kraft. Leider hat die Agitation mit Broschüren auch ihre Uebelstände; die Schriften kosten Geld und wenn sich Arbeiter, nachdem auch wirklich ihr Interesse durch einen gehörten Vortrag geweckt ist, entschließen, von ihrem knappen Taschengelde Schriften zu kaufen, so sind dies wiederum nur Ausnahmen. Schon oft habe ich Freunde seufzen hören:„Ja, wenn wir die Schriften wegschenken würben!"— Genug. Parteigenossen! Beseelt von dem Wunsche nun, die Agitation unter dem arbeitenden Volke in rationellster, ununterbrochener und nachhaltiger Weise entfaltet zu sehen, habe ich Euch einen Vorschlag zu machen: Alle Zeitungen, auch die Lokalblätter, liefern am Schlüsse jedes Quartals für jeden Abonnenten eine gute, aber kurze Broschüre gratis. Jeder Abonnent hat die Pflicht, die Quartals- Broschüre an indifferente Mitarbeiter, Bekannte:c. zu vergeben, oder auch, die Broschüren werden gesammelt und in Versamm- lungen vertheilt. Da wir Abonnenten fast sämmtlich überzeugte Sozialisten sind, so werden wir mit den Quartals-Broschüren den für die Agitation geeignetsten Gebrauch zu machen wissen. Wir haben damit das wirksamste Agitationsmiltel in wirksamste Organisation gebracht. Wenn irgend ein Agitationsplan von Erfolg sein kann, so scheint es mir dieser zu sein, denn es sind fast alle Bedingungen erfüllt: durch die Parteipresse besteht eine Verbindung aller überzeugten Genossen; diese nur find es wiederum, von welchen eine rührige Agitation ausgehen kann, also Nichts natürlicher, als daß iene Verbindung durch die Presse auch zu einer planmäßigen, alle Genossen beschäftigenden Agitation benutzt wird. Die Kosten dieser Organisation werden von den Abonnenten getragen, indem die Abonnementspreise der Zeitungen um einen Durchschnittsbetrag der Herstellungskosten einer solchen Broschüre, also vielleicht um 5 oder 10 Pfennige pro Quartal erhöht werden. Gegenüber den gebräuchlichen Mitglieder-Beitragssätzen von 15—20 Pf. pro Monat, wie sie in den früheren Orgaili- sationen üblich waren, ist dieser Betrag verschwindend. Der Nutzen für die Partei kann dagegen ein unverhältmßmäßlg großer werden. Bedenkt Genossen: die Broschüren sind das beste Agitationsmittel, dieselben können unter das Volk unent- geltlich vertheilt werden, der private Verkehr, sowie die Ver- sammlungen bieten dazu ausreichende Gelegenheit. Die Broschüren in den Händen der Abonnenten, also zum größten Theil treuer Parteigenossen zu wissen, bietet uns die Garantte für die best» Verwendung. Den Zeitungen werden wiederum dadurch am raschesten neue Abonnenten zugeführt, besonders wenn am Schlüsse der Broschüren auf die betreffende Zeitung in geeigneter Weise aufmerksam gemacht wird.*) Die Versammlungen würden immer zahlreicher besucht werden, mit einem Wort, es würden sich durchweg die besten Wirkungen ergeben, während die Kosten für uns Abonnenten gar nicht in Betracht kämen. Etwaige Schwierig- ketten in der Zusendung und dergleichen könnten leicht gehoben werden..., Ich bin fest überzeugt, daß wir mtt einer solchen Schriften- Organisation unter Beibehaltung auch der übrigen Agitattons- mittel dasjenige leisten würden, ivas nur unter den bestehenden *) Zum Zweck der Befestigung der Parteigrundsätze in der Familie wäre sehr zu wünschen, daß sämmtliche Zeitungen dem Beispiele der „Berliner Freien Presse" und der„Wahrheit", dem schlefischen Organ, folgten und die„Neue Welt" als Sonntags-Gratis Beilage beigeben. Dadurch, daß die„Wahrheit" die„Neue Welt" beigiebt, wird herbei- geführt, daß beinahe ein Drittel der Auflage der„Neuen Welt" nach Schlesien, dem 14. Theile deS deutschen Reiches wandert, da v w „Wahrheit" an 10,000 Abonnenten ausweist. Nimmt man noch o« 6-8000 Exemplare, welche auf die„Berliner Freie Presse� entfaüm, dazu, so kömmt auf Berlin und Schlesien eine Halste der ga zen Auflage der„Neuen Welt", während sich die übrige Hälft- aus da» ganze übrige Deutschland vertheilen muß. BildungSzufiänden erreichbar ist. Wir würden in kurzer Zeit mindestens alle intelligenten Elemente, den Kern des arbeitenden Volkes in Stadt und Land zu uns herübergezogen haben und zwar für die Dauer, da wirkliche Ueberzeugung verbreitet worden wäre; und damit hätten wir gewonnen. Was soll es heißen. wenn Andorf singt: Der Feind, den wir am tiefsten hassen, Der uns umlagert schwarz und dicht; Das ist der Unverstand der Massen, Den nur des Geistes Schwert durchbricht! Was ist„des Geistes Schwert" anders als Sprache und Schrift? Das gespftochene Wort zur Aufrüttelung, das gedruckte f�ur völligen dauernden Eroberung der Massen— das ei unsere Losung für die Agitation. Der Druck der Broschüren könnte nach einem einheitlichen Plane seitens des Borstandes in die Hand genommen werden, es würde dadurch die größtmöglichste Billigkeit der Schriften erzielt werden. Unsere Presse wird, so viel ich weiß, in circa 100,000 Exemplaren aufgelegt, demnach würden jährlich plan- mäßig und sicher an 400,000 Broschüren verbreitet, in dem Zeitraum von einer Reichstagswahl bis zur andern an 1,200,000 Broschüren! Nehmen wir dazu die Steigerung der Abonnenten- zahl durch Erziehung neuer Kämpfer, so haben wir ein Agitatious- mittel, wie es noch keins gegeben hat und eine Agitation, wie sie noch nie entfaltet worden ist. In Verbindung mit diesem tlane kann der Vorschlag der Verbreitung einer Broschüre im inne des im„Volksstaat" erschienenen Artikels„Was wir brauchen"(von welchem Plane man leider Nichts mehr gehört hat) wieder aufgenommen werden. Die Wahl der zu vertheilenden Broschüren könnte durch Congreßbeschluß festgestellt werden. Die Schriften-Colporteure würden durch diese Broschüren- Agitation keinen Abbruch erleiden, da sich der Wissensdurst dadurch nur vermehren kann und umsomehr gelesen werden wird. Dies ist mein Vorschlag. Seid Ihr, Genossen, noch Alle von der alten Thatkraft beseelt, habt Ihr Aue den heißen Wunsch, das Volk so bald als möglich zum Bewußtsein seiner Lage und seiner Macht zu bringen, so haltet sofort Abonnenten-, Mitglieder- oder Volksversammlungen ab, diskutirt meinen Vor- schlag und macht Euch schlüssig darüber. Ich habe hiermit die Anregung geben wollen, sorgt Ihr nun dafür, wenn Ihr mit meinen Ausführungen übereinstimmt, daß die Frage schon dem nächsten Congreß vorgelegt werden kann. Lassen wir vor allen Dingen die Zeit nicht unnütz verstreichen! An alle Blätter unserer Partei richte ich die dringende Bitte, im Interesse unserer Sache vorstehenden Aufruf unver- kürzt und baldmöglichst zum Abdruck bringen zu wollen. Mit bestem Gruß an alle Genossen P. Köhler. Correspondeuzen. Stepr. Aufruf an die Parteigenossen allerorts' Die hiesigen Schuhmachermeister gehen mit dem Plane um, sämmtliche hiesige Mitglieder des Fachvereins der Schuhmacher aus der Arbeit zu entlassen. Es werden daher die Parteige- nossen und insbesondere die Eollegen ersucht, den Zuzug nach hier nach Möglichkeit fernzuhalten. Den Anlaß zu der beab- sichtigten Maßregelung gab die Einführung der unentgeldlichen Arbeitsvermittlung seitens des Fachvereins, während die Meister 5 kr. für den Einbringemeister verlangen. Ein weiterer Stein des Anstoßes ist die vom Fachverein der Schuhmacher gegrün- dete Krankenkasse, die die Meister durch eine Gegenkrankenkasse unmöglich zu machen suchen. Wie man sieht, handelt es sich nicht um Lohnstreitigkeiten, sondern um Verletzung unseres Rechts, und darum fordern wir dringend auf, den Zuzug nach Steyr fernzuhalten. Herrn. Prayer. Alle Arbeiterblätter wollen das Obige gefälligst abdrucken. Iranüfurt a. ß»., 5. April. Allen Parteifreunden, die mich während meiner dreiwöchentlichen Haft unterstützt haben, spreche ich hiermit meinen Dank aus und versichere der sozialistischen Sache treu zu bleiben. T. Blaudow. Augsburg, 9. April. In Sachen der Genossenschaftsbuch- druckerei Augsburg wurde heute das bezirksgerichtliche Urtheil verkündet. Dasselbe lautet auf Auflösung der Genossen- schaft ohne Entschädigung und eine Geldstrafe von 30 Mark für die drei Angeklagten, die Bücher seien an die Liquidatoren herausgegeben. Ueber die Urtheilsbegründung seitens der Herren Richter ein Urtheil zu fällen, halten wir für jetzt für überflüssig. Es genügt, vorzuführen, daß sich die Richter in allen Punkten den Ausführungen des Staatsanwalts und der magistratischeu Denkschrift angeschlossen haben. Daß viele Mitglieder des lite- rarischen Vereins solche der Genossenschaft sind, daß dieselbe zu klein angelegt und infolge dessen nicht conkurrenzfähig sei, daß Tauscher in Versammlungen über den„Bolkswille" gesprochen, der Aufruf von Endres in der Probenummer des Blattes, der Brief Auer's, Alles dieses bilden belastende Momente. Ja sogar die Behauptung des Polizeioffizianten Tischer, daß Tauscher in einer Versammlung von durch die Genossenschaft angestellten Eolporteuren gesprochen habe, welche Aeußerung in der Ver- Handlung als unmöglich gethan bestritten wurde, wird trotz der notorischen Schwerhörigkeit Tischer's, der kaum den vor ihm stehenden Präsidenten verstand, als richtig befunden und als belastend anerkannt. Ans alle diese Annahmen bildete sich die Ueberzeugung der Richter von der politischen Thätigkeit der Ge- nossenschaft. Ob dieselbe von den Richtern des k. Oberappella- tionsgenchts, vor welchem die Sache auf Berufung der Ver- urtheilten nun zur Verhandlung kommt, getheilt wird, ist eine andere Frage. Hallnberg, 3. April. Modernes Räuberthum. Obgleich man glauben sollte, daß sich in unserer geschäftsflauen Zeit ein Unwesen verloren haben müßte, welches früher in der haarsträubendsten Weise getrieben wurde,-so scheint dem doch nicht so, wie nachstehend verbürgte Nachricht beweist. Ein hiesiger Weber erhielt durch den Vermittler oder Verleger 4 Stück Waare(Erepee) für ein Meeraner Haus zu fertigen; trotzdem derselbe nun alles Material einschlug, bekam er doch Abzug auf zu leicht. Hierüber aufgebracht begab er sich selbst zum Fabri- kanten nach Meerane, und hier erfuhr er, daß der Fabrikant nicht 1300 Spulen, sondern 1488 zur Anfertigung dieser 4 Stück Crepee dem Faktor übergeben hatte, dieser also 188 Spulen;= 94 Zahlen für sich behielt und dann dem Arbeiter noch zumuthete, die Waaren in der vorgeschriebenen Dichte ferttg zu bringen. Wir bedauern nur, daß die Verhältnisse so liegen, daß derartiger Schwindel noch mit Glaccehandschuhen angefaßt werden soll. 94 Zahlen West würden, wenn von einem Weber dem Fabrikanten direkt unterschlagen, von den maßgebenden Ver- tretern für ein Werthobjekt von ca. 14 Mark taxirt werden, er würde Bekanntschaft mit der Anklagebank machen und verdon- nert werden müssen, auch wenn ihn Hunger und Elend zu diesem verzweifelten Betrug getrieben hätten. Für Eigenthums- „vergriffe" obenbezeichneter Art gibt es freilich keine Anklage- bank, denn wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter. Möge vor- stehender Fall den Herren Fabrikanten zeigen, wie nothwendig es ist, das Lohn und Material genau und deutlich auf dem für die Faktore bestimmten Aufgabeschein oder Musterzettel ange- gegeben werden.(„Glauchauer Nachrichten.") Altona. Vor einigen Tagen stand vor dem hiesigen Kreis- gerichte Termin an gegen unfern Parteigenossen Otto Reimer wegen Verbreitung eines„Schuhmacher oder Professor" betitelten Flugblattes, das während der Wablbewegungen im 8. Holsteini- schen Wahlkreise ausgegeben wurde. Rechtsanwalt Jones in Wandsbcck, der sich dort an die Spitze der Gegenpartei gestellt hatte, reichte im Namen des Advokatenstandes, welchen er durch Ausführungen des Flugblattes beleidigt glaubte, beim hiesigen Kreisgericht eine Klage gegen dasselbe ein, und die Staats- anwaltschaft trug auf 60 Mark Strafe oder 10 Tage Gcfängniß und Veröffentlichung des Erkenntnisses in der„Wandsbecker Zeitung" an. Der Angeklagte aber bestritt dem Rechtsanwalt Jones von vornherein das Recht, gegen ihn eine Klage zu er- heben, da er den Jones nicht persönlich beleidigt und dieser keinen Auftrag von dem„Stande der Advokaten" gehabt hätte. Der Gerichtshof schloß sich dieser Ansicht an und sprach den Verklagten kostenlos frei. Damit wird natürlich die seinerzeit zum großen Schaden der Sozialisten erfolgte Confiskation oes Flugblattes nicht gut gemacht. Kamvnrg. Unser Hamburger Parteiorgan schreibt: Der „Hannov. Kur." berichtet aus Hamburg und die anderen libe- ralen Blätter drucken es ihm mit Behagen nach, der Vorgang in Kopenhagen, daß die Sozialistenführer Pio und Geleff heimlich von bannen gingen, habe die Hamburger sozialdemokratischen Arbeiter stutzig gemacht. Es heißt dann mit Bezug hierauf weiter:„Es hat sich hier eine Art Oppositionspartei gebildet, die zunächst bezweckt, daß alle Partei- und Genossenschaftskassen unter genaue Controle gestellt werden, eine Sache, die sich eigentlich ganz von selbst verstehen sollte. Es sollen zur Herbei- führung dieser Controle in einer Arbeiterversammlung bereits 800 Unterschriften abgegeben worden sein. Die Führer sollten schon aus eigenem Antriebe, da es sich um die Verwaltung von Gcnossenschafts-Parteigeldern handelt, gerade die Oeffentlichkeit suchen, um gegen Anzapfungen geschützt zu sein, wie sie s. Z. gemacht wurden, daß einige Agitatoren die Tellersammlungcn zu Champagnerfeten benutzt hätten."— Die ganze Mittheilung ist von Anfang bis zum Schlüsse erlogen. Während bei den Liberalen über die von ihnen geführten politischen Kampfe nie- mals eine Abrechnung der vereinnahmten und ausgegebenen Gelder stattfindet, stehen alle CoimtSs der sozialistischen Arbeiterpartei, und gerade in Hamburg, unter der strengsten Controle, und wird von ihnen bei Heller und Pfennig Abrechnung abgelegt. Daß dieselbe nicht den liberalen Blättern zugesandt wird, ist wohl selbstverständlich, weil diese die inneren Angelegen- heiten der Arbeiterpartei nichts angehen. Die Parteigenossen, welche sich um das Vereinsleben kümmern, und das sind in Hamburg einige Tausend, wissen, wie es um die Kassenverhält- nisse steht, und daß dieselben in Ordnung sind. Förmlich albern ist aber gerade die Zumuthung, die„Führer" sollten die betr. Abrechnungen veröffentlichen und wohl gar den liberalen Zei- tungen zustellen lassen, um„gegen die Anzapfungen geschützt zu sein, wie sie s. Z. gemacht wurden, die Agitatoren hätten die Tellersammlunaen zu Champagnerfeten benutzt." Die liberalen Soldschreiber, die diese„Anzapfungen" s. Z. gebracht und noch bringen, wissen ganz gut, daß sie gelogen haben. Man kann ihnen aber»den so wenig das Lügen abgewöhnen, wie dem Hunde das Bellen. Darob grämt sich jedoch Niemand. Aufforderung betr. die eventuelle Neubesetzung der Stelle des RedaktionS- sekretärs der„Tagwacht". Laut des bezüglichen Congreß- und Urabstimmungs- Beschlusses, Punkt 2, hat die Redakiionscommission jcweilcn vor dem Congreß zu Bewerbungen und Vorschlägen für die eventuelle Neuwahl des Re- dakteurs der„Tagwacht" aufzufordern. Die eingehenden Bewerbungen und Borschläge sollen am Congreß besprochen und von diesem, der freien Urabstimmung der Mitglieder unbeschadet, ein unmaßgeblicher Vorschlag gemacht werden. Die„Tagwacht" ist eine sozialdemokzatische Zeilung und Organ des schweizerischen Arbeiterbundcs. Sie erscheint wöchentlich 2mal, 4 Seiten stark, Folio. Außer für die„Leilar:ikcl" und„Sostalpolitische Rund- schau" hat der Redakteur noch für die Bearbeitung der eingehenden Correspondenzen zu sorgen und überhaupt alle mit der Redaktion des Blattes zuiammenhängenden Verpflichtungen zu erfüllen. Der Gehalt beträgt dafür zur Zeit 2(KX) Franken per Jahr. Die speziellen Bedin- gungen werden den sich um die Stelle Bewerbenden auf Wunsch bereit- willigst mitgetheilt. Indem wir hiermit die Sektionen des schweizerischen Arbeiterbundes, sowie auch die einzelnen Parteigenossen, gleichviel ob in oder außer- halb der Schweiz, zu Vorschlägen resp. Bewerbungen auffordern, er- suchen wir, dieselben bis spätestens Mittwoch, den IL. Mai d I. schriftlich einzureichen an: F. Sträßli, Römerstraße 29, Hottingen- Zürich, wie überhaupt alle diese Sache betr. Anfragen u. s. w. an die vorstehende Adresse zu richten sind. Zürich, 14. April 1877. Die Redaktions-Commission der„Tagwacht". 6) Auf welche Weise ist eine einheitliche Verbindung aller deutschen Zimmerleute zu gegenseitigem Schutz und Trutz herzustellen? Alle diese einzelnen Punkte sollen besprochen und darüber Beschlüsse gefaßt werden. Wir hoffen nun, daß dieser Congreß eine imposante Kundgebung des größten TheilS der deutschen Zimmerleute werden möge, indem die meisten Orte Delcgirte zu demselben entsenden. Um diesen Congreß genügend bekannt zu machen, haben wir nach 439 Orten Aufrme versendet, und zwar, soweit wir nicht spezielle Zimmereradreffen hatten, an die Bevollmächtigten anderer Gewerkschaften, damit diese sie den am Orte befindlichen Zimmerleuten unterbreiten. Wir möchten je- doch hier nochmals Gelegenheit nehmen, alle Parteigenossen aufzu- fordern, bei den Zimmerleutcn ihres Orles für die Beschickung dieses Congresses zu wirken. Auf nach Leipzig! Orte, welche Delegirte zum Congreß senden haben dieselben bei Hrn. R. Schwarze in Neujchönefeld 124, Leipzig, vorher anzumelden.| Mit brüderlichem Gruß Das Einberufungs-Comite. XL. Wir haben an unsere sämmtlichen Parteiblätter in Deutschland dieser Tage diese Ausforderung versendet. Wir bitten die geehrten Re- daktioncn, dieselbe in der nächsten Nummer ihrer Zeitung zum Abdruck zu bringen, damit der Congreß genügend bekannt wird. In dem Verzeichniß der Parteiblätter, welches wir in Nr. 43 des„Vorwärts" veröffentlichten, fehlen folgende Blätter: „Düsseldorfer Freie Zeitung". Wöchentlich dreimal. „Essener Freie Zeitung". Wöchentlich dreimal. „Hagener Volksfreund". Wöchentlich dreimal. „Rothe Fahne". Erscheint in Barmen wöchentlich einmal. Preis 50 Pf. pro Quartal. „Der Sozialist". Erscheint täglich in Chicago(Amerika.) Folgende Berichtigungen haben wir zu machen:„Der Grund- stein" erscheint nicht in Berlin, sondern in Hamburg, ebenso „Der Pionier".„Der Fortschritt" erscheint in Leipzig. Briefkasten der Redaktion. I. M. in Magdeburg: Die verlangte genaue Adresse ist uns nicht bekannt.— M. G. in Schweidnitz: Führen Sie; Beschwerde bei der Königl. Regierung zu Breslau.— C. Flesch in! Oschatz: Erst wenn Sie Bescheid vom sächsischen Kriegsministerium er- haltm haben, ist die Angelegenheit spruchreif.— Niederussigheim bei! Hanau: Nicht verwendbar..— Chr. Fr. G. in Oelsnitz: Desgleichen.— W. F. in Darmstadt: Die Nr. 45 wird Sie überzeugt haben, daß Ihr Bericht dem Papierkorb nicht einverleibt worden ist; dagegen haben wir von dem uns zustehenden Recht der Kürzung Gebrauch gemacht. der Expedition. Es ist der G.-B. unmöglich, Ihren Wunsch zu erfüllen. Quittung. Rdlf Hannover Ann. 2,99. Jbsn Frankfurt Ann. I 9,89. Thm hier Ab. 1,25. Hrrmnn hier Ab. 2,59. Brgmr Seesen j Ab. 29,29. Much Zittau Schr. 17,8«. Pllck Weißkirchen Ab. 8,65. Ossmnn Erfurt Schr. 11,99. Trst Kl.-Zschocher Ab. 3,59. Dr. Hngr! Rybnik Ab. 19,99. Ullrich hier Ab. 4,59 u. 399,99. I. Lmbrd Paris; Ab. 16,99. Dhn Barmen Ab. 1,29. Kppl Schwarzenbach Ab. 9,10. Hrsch Stuttgart Ab. 19,69. Schuß Plauen Ab 3,99. Plmbck Neu- Münster Ann. 2,79. Ntt Halle Ann. 9,59. Wahlverein Hannover An. 2,39. Bttchr hier Ab. 9,95. Bsch hier Ab. 4.65. Wldnhn hier Ab. 1,25 Grd Stötteritz Ab. 8,89. Ws Christophsgrund Ab. 19,99. Jng Krajujevatz Ab. 9,59. Mllr Glauchau Ab. 64,99. Mllr Mannheim; Ab. 29,99. Schrmr Lübeck Ab. 4,59. Gr Osnabrück Ab. 8,99. Jgr i Stockum Ab. 4,49. I. Art Mainz Ab. 65,55. Arb.-Bild.-Ver. Linz Ab. 4,76. Arb.-Bild.-Verein Leoben Ab. 4,76. Mr Basel Schr. 19,69. Brng Delitzsch Ab. 3,69.___ Der Leser des„Vorwärts" in Zweibrücken wird hierdurch gebeten, seine Adresse dem Unterzeichneten baldigst einzuschicken, behufs Ueber- mittlung wichtiger Nachrichten. PH. Koch, 9. 5, Mannheim. Fonds für Gemaßregelte. Bon einem 48— 49ger Kämpfer in Mannheim zu Kaisers Seburts- tag 2,99. Aufruf an die Parteigenossen in Hannover und in Linden. In der geschlossenen Mitgliederversammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins vom 7. Mts. wurde der Antrag gestellt, auS den Reihen der Mitglieder ein Sänger-Chor zu bilden zur Unterstützung des Wahl- Vereins bei etwaigen Festlichkeiten und Agitationen. Es werden daher alle Parteigenossen, sowie namentlich die alten Sänger, welche geneigt sind, diese gute Sache zu unterstützen, hiermit ersucht, sich Freitag, den 29. April, Abends 8 Uhr, im Bereinslokal, Mittelstraße 11, einzu« finden. NU. Der Gesangs-Unterricht ist gratis. I. A.: Die Commission, H. Rudolph. Congreß der deutschen Zimmerleute. Der Congreß findet am 16 Mai zu Leipzig statt. Wir fordern alle Zimmerleute Deutschlands auf, denselben durch Abgeordnete ihres Ortes zu beschicken. Die heutige Lage der Zimmerleute ist eine höchst traurige, gedrückte, und wird durch die Arbeitslosigkeit immer schlechter. Wenn wir daher nichi ganz und gar in Kümmer und Roth untergehen wollen, dann ist eS die höchste Zeit, daß wir uns ausraffen, um zu handeln. Der Congreß soll die Mittel und Wege berathen, durch welche eine Besserung dieser elenden Verhältnisse ermöglicht werden kann; zu diesem Zweck wird der Congreß folgende Gegenstände zur Besprechung aufstellen: 1) Wie ist es möglich, die traurige Lage der Zimmerleute zu ver- bessern? 2) Auf welcher Weise kann dem Ruin unseres Handwerks wirk am entgegengetreten werden. 3) Der Standpunkt der verschiedenen Kranken- und Sttrbekassen an den einzelnen Orten, und deren Aufgabe, den kranken Kameraden gegenüber. Können sie diese Aufgabe erfüllen? 4) Sind Jnvalidentassen nothwendig? Reiseunterstützungskassen, Unter- stützung bei Arbeitslosigkeit? 5) Das heutige LehrlingsverhälMiß. Anzeigen zc» /r Sozialdemokratischer Arbeiterverein. «ytiUt Vi. Sonnabend, den LI. April, Abends 8 Uhr,> Große Wallstraße 24: 'Aersammkung. Tagesordnung: Vereinsangelegenheiten.(F. 169) Neue Mitglieder werden aufgenommen. D. B.(9,69 s CSfiffp(5� Die Mitglieder der WetalkassarSeiter- ei�IVUlL VI. w. Arankenkafle werden ersucht, Sonntag,! 22. April, Nachmittags 2 Uhr, im Vereinslokal, zu einer Vor- standswahl, zahlreich zu erscheinen. K. Mette, Bev.(F. 160)(50! Sozialdemokratischer Wahlverrin. oTHlUUUvtl. Sonnabend, den LI. April, Abends 8'/, Uhr, j im Lokale des Herrn Boge, Mittelstraße 11:(F. 161)! Oeffentliche Versammlung. Tagesordnung: Vortrag des Hrn. Meister über das erste Gebot � der christlichen Lehre, in ihrer früheren Bedeutung gegenüber der> Gegenwart. Der Vorsitzende.(89 j Slfn/Tör Freitag, den 20. April. Abends 8 Uhr, im Saale der„Drei Mohren": Disputation der Herren Findel und Geiser über Wesen und Ziele des Sozialismus. Zahreicher Theiluahme seitens der Parteigenossen sieht entgegen 99) Der Einbernfer. ReümünsterTL�:����'"�� Geburtstligsstier Ferd. Lgssalle's | bestehend in Concert mit Gesang und deklamatorischen Borträge« unter Mitwirkung tüchtiger Kräfte.(F. 239) Anfang Abends 8 Uhr. Um rege Theilnahme bittet DaS Comitö. Sociusgesuch. Ein intelligenter Mann(erwünscht Maschinenbauer) zu einem sichern Unternehmen. Erforderniß 6— 9969 M. Off. erbeten unter R. P. 12 in der Exped. des„Vorwärts".(159 Für Männerchöre. Im Verlage von Emil Sanerteig in Gotha ist erschienen: Nr. 8. Commerzlied.(26)[110 Gedicht und Comp, von W. Käpplinger. Nr. 9. Die Arbeit. Ged. von A. Scheu. Comp, von G. Scholz. Preis für beide Lieder Part, mit 4 St. 1,29, 4 Stimmen 9,99. Verantwortlicher Redakteur: W. Hasenclever.» Leipzig. Redaktion und Expedition Färberstraße 12/ll. in Leipzig. Druck und Verlag der lIenosscnschalitSbuchdntckerei in Le-pz'K