Erscheint in Leipzi? Mittwoch, Freitag, Sonntag. Abonncmentspreis str ganz Temichland 1 fil. 60 Pf. pro Quartal. Monats»Alionnements «erden bei allen deutfchen Poftanftalten auf den 2. und R. Monat, und auf den S. Monat bcfonders>angen°mmen� im ftörngr. Sachsen und Herzogth. Sachsen- Allenburg auch auf den iten Monat des Quartals k 5s Pfg. Juicratc betr. Verfammlungcn pr. Petitzeilc 10 Pf., deir, Privatangelegendeiten und Feste pro Petitzeile 30 Pf. VorwärtK Vestellnngen nehmen an alle Postanstalten und Buchhandlungen des In- u. Audlande«, Filial» Expeditionen. New-Port: Soz.-demokr. Genossen- fchastibuchdruckerei, 154 Eldndxa Str. Philadelphia: P. Haß, KZO North 3-3 Street. I. Boll, 1129 Charlotte Str. Hobolen: F. A. Sorge. Chicago: A-Lanfermann, 7s Clxbouene»v-, San Franziico: F. Entz, slS CNarreU Street. London: Beuditz, 5 Nassau Street, hlidiUeaetc Hospital. Gentrat Grgan der Sozialdemokratie Deutschtands. Nr. 47. Sonntag, 22. April. Die Neuwahl in Berlin. Die Wahl unseres Parteigenossen Hasenclever ist im Reichs- tage am 18. April für ungültig erklärt worden. Die Gründe sind den Lesern bekannt; die Nachlässigkeit einiger Magistratsbeamten, welche mehrere Bogen in eine falsche Wahl- liste geheftet haben, trägt die Schuld an der Ungültigkeits erklärung. Ueber die höchst interessante Debatte, die im Reichstage bei der Wahlprüfung stattfand, und in welcher Parteigenosse Most in trefflicher Weise für die Gültigkeit sprach, werden wir noch näher berichten— hier mag nur angeführt werden, daß außer unseren Parteigenossen nur der Däne Krüger und- der Abge- ordnete des Centrums Schröder-Lippstadt für die Gültigkeit der Wahl Hasenclever's stimmten. Abgeordneter Most hatte genau ausgerechnet, daß immerhin, wenn man die in dem Wahlproteste angeführten Proteslirenden abrechne, noch eine Majorität von 10 Stimmen vorhanden sei, doch Reaktion und Fortschritt und das Centrum, welches in letzter Zeit dem Fortschritt gern jeden Gefallen thut, sie standen alle vereinigt bei dieser Abstimmung, die einer unserer Genossen einen parlamentarischen Meuchelmord nannte. Die geduckten Fortschrittler, ihres höchst zweifelhaften Sieges kaum froh, sahen übrigens genau so aus, wie das böse Gemissen — sie wagten kaum, unseren Abgeordneten in'S Gesicht zu sehen. Daß Hasenclever bei der Wahlprüfung im Reichstage nicht anwesend war, halten wir für sehr natürlich, da er für seine eigene Wahl selbst nicht eintreten und durch seine Abwesenheit überhaupt noch bemerklich machen wollte, daß eine Personen- frage überhaupt nicht vorliege. Die Rechtsfrage und die Partei- frage konnte aber ein anderer Genosse in dieser Angelegenheit besser betonen, als Hasenclcver, da letzterer wenigstens der äußern Form nach direkt dabei interessirt war. Und Most hat dies ja auch gut verstanden.— Wir werden also von Neuem in den Wahlkampf eintreten. Freuen wir uns dessen! Der Sozialdemokratie muß fortwährend Gelegenheit geboten werde«, ihre Organisation und ihre Agitationskraft in großem Maße zu zeigen— das wirkt auf Freund und auf Feind in einer unsere Sache fördernden Weise ein. Und diese Gelegenheit haben wir jetzt wieder. Der 6. Berliner Wahlkreis ist einer der bedeutendsten in Deutschland, er ist der Hauptsitz des Proletariats der größten Stadt des Reiches. Gegen 42,000 eingeschriebene Wähler können ,fich an dem Kampfe betheiligen, und unter ihnen befinden sich mindestens 32,000 Proletarier im engsten Sinne des Wortes. Es sind dies die Arbeiter, welche sich durch den Herrn Schulze aus Delitzsch das zweifelhafte Lob ausstellen lassen mußten, daß Sie die intelligentesten des Landes seien und zwar deshalb, weil ie antisozialistisch gesinnt waren, den Schulze'schen Salbadereien eine Zeit lang zulauschten und zu ihrem eigenen Schaden leider auch die Schulze-Hirsch-Duncker'schen Quacksalber-Arzneien ge- braucht haben. Der„König im sozialen Reich", der jetzt„verwrangclte Schulze", war auch damals König im Berliner Maschinenbauer- viertel. Doch diese Zeiten sind verflogen. Die dortigen bewußten Arbeiter in ihrer großen Zahl sind wirklich intelligent geworden, wie das die vorige Wahl gezeigt hat, sie schwören zur Fahne des Sozialismus, der fie treu bleiben werden trotz Roth und Verfolgungen. Der Kampf, der jetzt wieder in Berlin entbrennen wird, ist ein Kampf der Reaktion und der Kapitalmacht gegen das frei- heitdürstende Proletariat. Der Ausgang kann nicht zweifelhaft sein, wenn die Arbeiter sich nicht einschüchtern lassen, wenn das Hungertuch, welches ihnen in der trüben Zeit vorgehalten wird, sie nicht muthlos macht. Doch das wollen wir nicht glauben. Sind die Arbeiter Sozialisten, so werden sie entlassen, sind fie keine Sozialisten, so werden sie gleichfalls entlassen, wenn es an Arbeit mangelt— das Kapital kennt kein Mitleid, es kennt nur den Profit. Und wenn alle Arbeiter sozialistisch wählen, wenn sie alle als Brüder miteinander auftreten, dann gehören die Maß- regelungen in das Gebiet der Unmöglichkeiten. Darum laßt Euch nicht verblüffen, Ihr Arbeiter in Berlin! Unsere Partei aber hat eine harte Probe zu bestehen; die vereinigten Gegner müssen bekämpft werden. Erringen wir den Wahlsieg nicht, so wollen wir wenigstens einen großen Stimmenzuwachs im Vergleich zur Wahl am 10. Januar zu verzeichnen haben— auch das ist ein Sieg, ein Sieg der Aufklärung, die immer mehr sich der Masse des Volks bemächtigt. Fällt uns der Wahlsieg aber zu, so ist es nicht dieser Sieg, sondern hauptsächlich wieder die größere Aufklärung, die dadurch gebracht wird, welche uns erfreut und zu neuem Streben antreibt. Also kann der bevorstehende Kampf, wenn wir sämmtlich unsere Pflicht thun, die Parteigenossen in ganz Deutschland und vesonders die in Berlin, auf keinen Fall uns eine viiederlage bereiten. n u Prinzipien des Rechts, der Freiheit und der Menschen- "fne immer mehr ausgestreut, ihnen wird bereitet, sie werden eine i in der bevorstehenden � UUj, ist ein unbestreitbarer Sieg unserer Partei. Deshalb Parteigenossen tretet mit freudiger Zuversicht, aber auch mit aller Entschlossenheit und mit ganzer Energie in den «zaylkamps. Denkt an den Ausspruch Lassalle's:„Mit Berlin wird die Bewegung unwiderstehlich!" Sozialpolitische Uebersicht- — Die Kriegspanik in Frankreich. Unter dieser omi- nöscn Ueberschrift bringt die„erbfteundliche", preußisch-russische „Nationalzeitung" einen Leitartikel, der, ohne es zu wollen, den Franzosen ein gutes, den Deutschen ein schlechtes Zeugniß aus- stellt. Die Franzosen sollen nämlich befürchten, daß aus dem russisch-türkischen Kriege ein allgemeiner Krieg entstehe und daß die Deutschen„über sie herfallen würden". Daraus geht doch hervor, daß die Franzosen keinerlei Revanchegelüste haben, sonst würden sie sich nicht vor einem Kriege fürchten, der für sie die größten Aussichten auf Erfolg hätte, besonders wenn die Deutschen ohne Grund über sie herfielen. Der Leitartikler der„National- zeitung" meint allerdings, daß die Kriegsbefürchtung nur das böse Gewissen der französischen Nation sei, das den Deutschen derartige Pläne unterschöbe, wie sie schon lange in Frankreich vorhanden seien.— Confiiseres Zeug haben wir übrigens noch nicht gelesen. Herrscht in Frankreich der Plan, über Deutschland herzufallen, dann muß ja Frankreich sehr erfreut sein, wenn ihm Deutschland dazu die beste Veranlassung giebt. Entweder ist die„Nationalzeitung" in ihrem Franzosenhaß irrsinnig geworden, oder sie ist inspirirt worden, unter dem Deckmantel der Eon- fusion langsam auf einen Krieg zwischen Deutschland und Frankreich hinzudeuten, wobei es dann darauf ankäme, in der öffentlichen Meinung schon vorher den Gedanken zu colportircn, daß Frankreich„das Karnickel sei, welches angefangen habe".— Deutschland aber kann in Hinblick auf solche Gesellen ausrufen: „Herr, schütze mich vor meinen Freunden!" — Unser„Erbfreund" zeigt seine liebenswürdigen Ge- sinnungcn gegen uns dadurch, daß in Rußland, ohne alle Rück- sichten auf bestehende Verträge, auf allen nach Deutschland führenden Bahnen die beladenen Waggons entladen worden sind, um zu Kriegszwecken benutzt zu werden. Welcher Schaden da- durch für unsere Handclswelt erwächst, das kümmert den„Erb- freund" nicht— er weiß ja, daß er dessenungeachtet unser „Erbfreund" bleibt, so lange nichtsnutzige, chauvinistische deutsche „Patrioten" von einem„Erbfeinde" jenseits des Rheins faseln. — Wo sind die Milliarden geblieben? Antwort: der Kriegsmoloch hat sie verschlungen! Die nationalliberale„Bres- lauer Zeitung" belegt diese Antwort mit folgender Aufzählung der Verwendung der Milliarden:„In den Jahren 1870 bis Ende 1875 sind zu militärischen Zwecken oder zur Deckung von Ausgaben, welche mit der Kriegführung zusammenhängen, ins- gesammt 19K2 Millionen Mark aus der Reichskasse geflossen. Darin sind die Kricgskosten des Norddeutschen Bundes mit ein- begriffen, nicht aber� gleichzeitig die besonderen Kriegskosten der süddeutschen Staaten, welche dieselben aus ihren Antheilen an der Kriegscontribution zu decken haben. Die pro 1876 und die folgenden Jahre noch in der Kasse zurückgebliebenen 240 Millionen Mark dienen, mit Ausnahme von 82 Millionen Mark, welche noch zum weiteren Ausbau der Reichseisenbahnen in Elsaß- Lothringen bestimmt sind, gleichfalls jenen Zwecken. Sonach fallen schon im Ganzen von der französischen Kriegscontribution 2120 Millionen Mark auf solche Kosten. Rechnet man dazu, daß die 159 Millionen Mark im Reichsfestungsbau-Fond auch zur Stärkung der Wehrkraft dienen, daß ebenso die 561 Millionen Mark im Relchsinoalidensond bis auf den jetzt als entbehrlich berechneten Bestand von 108 Millionen Mark nur als Aequivalent für die durch den Krieg erwachsenen Jnvalidenpensionen dar- stellen, so kommt man schon auf einen Betrag von 2732 Millionen Mark. Die süddeutschen Staaten ihrerseits haben von ihren 444 Millionen Mark Antheil zum Mindesten 300 Millionen Mark für Militärzwecke verausgabt. Sonach entfallen von den von Frankreich empfangenen 4455 Millionen Mark weit über 3000 Millionen Mark oder mehr als zwei Drittel auf Deckung von Kriegskosten oder Ltriegsschäden, sowie auf„Verbesserung" der militärischen Einrichtungen für die Zukunft!"—„Die Kirche hat einen guten Magen" so lautet ein altes Sprüchwort; der moderne Militärstaat aber darf der Kirche jetzt nichts mehr vorwerfen, er übertrifft sie noch an Appetit. Doch wie sich die Kirche den Magen verdorben hat, so geht es auch dem Militär- st»at, beide kranken ihrer Auflösung entgegen. — Kantecki ist aus dem Gefängnisse entlassen worden. Man spricht davon, man habe den Verletzer des Amtsgehcim- nisses in der Person eines Postagcnlcn ermittelt— die Wahrheit des Letzteren bezweifeln wir. Vielleicht ist Kantecki am 18. April entlassen, weil am 19. April im Reichstag die Debatte über den Fall Kantecki bevorstand. — Ueber das Arbeiterschutzgesctz, welches von den sozialistischen Abgeordneten im Reichstage eingebracht ist, läßt sich der„B. B.- Cour." also vernchmex:„Es bleibt unleugbar, daß alle bisherigen Anträge und Vorschläge sich theils wie Spiele- reien, theils wie Stückwerk ausnehmen gegenüber den tief ein- schneidenden und umfassenden Forderungen der Novelle, welche seitens der Sozialdemokraten zur Gewerbeordnung eingebracht ist. Wir haben dieselben bereits neulich im Abendblatte skizzirt und wiederholen hier nur, daß der Inhalt mit seinen Bestim- mungen über freigewählte Gewerbekammern und Gewerbegerichte, über staatliche Beaufsichtigung durch unabsetzbare Reichs-Fabrik- inspektoren, über Kinder- und Frauenarbeit und über Nacht- und Feiertagsarbeit vollen Anspruch auf alleraufmerksamste Be- rücksichtigung fordert. Ja, wir möchten behaupten, daß die Zu- rückwcisung der in diesem Arbeiterschutzgcsetze niedergelegten Petita sich von keinem volkswirthschaftlichen oder sozialpolitischen 1877. Standpunkte aus rechtfertigen ließe. Und wir glauben, daß, wenn diese Zurückweisung dennoch erfolgt, das aus einer Unglück- lichen Voreingenommenheit, welche die Abneigung gegen die antragstellende Partei auf den Inhalt des Antrags selbst über- trägt, wird erklärt werden müssen." So zutreffend das Urthcil des gegnerischen Blattes auch ist, so steht doch schon soviel fest, daß der Gesetzentwurf, der, wie wir in voriger Nummer schon erwähnten, einer Commission zur Borberathung überwiesen, für diese Session also so gut wie beseitigt ist, auch später keine Aussicht hat, angenommen zu werden. Zu dieser Annahme berechtigen uns die gelegentlichen Aeußerungen einiger Führer der Reichstagsmajorität. Das ar- bellende Volk wird daran vollständig einschen, daß die Sozial- demokratie allein die rechte Schmiede ist, an welche es sich zu wenden hat, wenn es seine Interessen gewahrt wissen will. — D�er brave Lasker hat uns von allen gegnerischen Rednern in der Gewerbeordnungsdebatte am besten gefallen. Er verthcidigte selbstverständlich den liberalen Standpunkt, wandte sich dann gegen die Conservativen, indem er die früheren Zu- stände in Deutschland mit. der Sklaverei verglich und von der Rcitpcirsche sprach, die auf dem Rücken der Arbeiter tanzte; die Klerikalen kamen noch schlechter weg, indem er ihren Antrag einfach reichsfeindlich und undiskutirbar nannte. Nachdem er nun �noch von versoffenen Handwerkern gesprochen hatte, hielt er die Sozialdemokratie allerdings für eine berechttgte Erscheinung — er sagte sogar, daß man in dem Arbeiter, welcher die volle Gleichheit wolle, nur das Erwachen des allgemeinen Menschen- gefühls erblicke—, dann aber wandte er sich zu den sozialisti- scheu Anträgen, die er, im Gegensatze zu Max Hirsch, zu rein sozialistischen stempelte und für unannehmbar erklärte. Das ge- fällt uns. Lasker vertheidigte nun noch den Liberalismus, wo- bei er nur vergaß, der Hungerpeitsche des Kapitalismus, die auf dem Rücken des Arbeiters tanzt, Erwähnung zu thun. — Zur Ungiltigkeitserklärung der Wahl Hasen- clever's. Der Redakteur der„Nationalzeitung", Reichstags- abgeordneter Der« bürg, hat im Reichstage gesagt, dem Ab- geordneten Hasenclever sei nach seinem eigenen Ausspruch ein Sitz im Reichstage keinen Nickel Werth. Hasenclcver hat gesagt, er gebe für seine Person keine Nickelmünze für ein Reichs- tagsmandat(Hascnclever ist eben kein eitler Geck, wie verschie- dene Mitglieder der Dernburg'schen Fraktton des Reichstags); doch im Interesse der sozialistischen Partei würde er vor keiner Anstrengung zurückscheuen, das Mandat, wenn es verloren gehe, zurückerobern zu helfen. Das lautet doch ganz anders! Dr. Dernburg ist natürlich ein Literat an einer„anständigen" Zeitung, deshalb hat er auch im Parlament eine indirekte Un- Wahrheit gesagt— was doch nicht alles die leidige Gewohnheit thut!— Die Unwahrheit war aber auch noch durch die pure Angst vor den Sozialisten dem Chefredakteur der„National- zeitung" eingegeben worden. Man merkte es an der folgenden Aeußeruna:„Die Wähler des 6. Berliner Wahlkreises würden sich wohl nicht überreden lassen, daß die Wahl zu Unrecht kassirt und die Wiederwahl Hasenclever's ein Akt der Gerechtigkeit für die Unterdrückten sei." Das ist die Sprache des Gewissens, Herr Dernburg, welches sich vor dem Volksurtheil fürchtet! Das ist eine Sprache, um den„parlamentarischen Meuchelmord" zu verdecken!— Dernburg war es auch, der den Reichstag auf das Fehlen Hasenclever's bei der Debatte ausdrücklich aufmerksam machte.— Uebrigens erklärte zum Schlüsse der nationalliberale Berichterstatter La- porte, wohl auch um sein Gewissen zu beruhigen, Folgendes:„Der Fehler, welcher hier vorliegt, ist in letzter Instanz auf die Berliner Behörden zurückzuführen."— Nun gut! Die Ber- liner Wähler werden bei der Neuwahl zeigen, daß sie weder der Majorität des Parlaments, noch dem Herrn Dernburg, noch aber dem Berliner Magistrat einen Gefallen erzeigen wollen. — Ueber das neu herausgegebene Programm der Fortschrittspartei macht sich jeder freisinnige Mann mit Recht lustig. Das Programm fordert nur die Erhaltung des gleichen Wahlrechts, nicht seine Uebertragung auf die Einzel- staaten und die Gemeinde; und während das gleiche Wahlrecht erhalten werden soll, erklärt einer der Unterzeichneten des Pro- gramms, der fortschrittliche Abgeordnete Windthorst(Bielefeld), in einer Versammlung zu Dortmund, daß das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht eine„Verfälschung der Volksmeinung" sei. Desungeachtet stößt man ihn aber nicht aus der Partei. Also ernst meint es die Fortschrittspartei auch nicht mit dem gleichen Wahlrecht.— In Bezug auf die Forderung der Vereins- und Versammlungsfreiheit sei bemerkt, daß die Fortschrittspartei 1873 beantragte, das preußische Vereinsgesetz auf Mecklenburg auszu- dehnen, und daß der Abgeordnete Wiggers bei Berathung des Preßgesetzcs den sozialistischen Abgeordneten zurief, wir wollen Preßfrciheit, aber keine Prcßzügcllosigkcit, und damit stimmte mau den Preßknebelparagraphen zu. So sieht es auch mit den fortschrittlichen Anschauungen von Vercinsfreiheit aus— das preußische unter Manteuffel entstandene Vereiusgesetz soll auf ganz Deutschland übertragen werden.— Dann fordert das Pro- gramm Verminderung der Militärdienstzeit mit Beibehaltung des Einjährig. Freiwilligen-Jnstituts— somit kann also nur von einer zweijährigen Dienstzeit die Rede sein, und außerdem ver- theidigt die Fortschrittspartei in dem Einjährig-Freiwilligen- Institut das Privilegium des Besitzes. Wir haben es also auch in diesem Falle trotz Duncker, Hirsch und Schulze mit mncr arbeiterfeindlichen Partei zu thun. Im Uebrigen hat die Fort- schrittspartei dem Landsturmgesetz vor zwei Jahren zugestimmt, nach welchem der Deutsche bis zu seinem zurückgelegten 42. Lebens- jähre der Trommel folgen muß— das ist eine schöne Ver- Minderung der Dienstzeit.— In Bezug auf die Diätenforderung sagt die„Frankfurter Zeitung" recht treffend:„Daß die Diäten- fordcrung nicht fehlt, versteht sich von selbst. Darauf hat die Fortschrittspartei seit 1867 ein Patent und wie sie die Durch- ftihrung des constitutionellen Systems versteht, wird sie es wohl noch lange behalten. Alle Jahr ein Antrag, alle Jahr eine Rede ihres verwrangelnden Schulze, alle Jahr in den Akten den Vermerk: der Bundesrath hat den Antrag abgelehnt, alle Jahr ein Parisius-Richter'scher Lobgesang auf diese neue That— die Geschichte hat nun nachgerade den Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen so weit hinter sich, daß ernste Volksvertreter sich wirklich besinnen sollten, ob sie die Comödie noch ferner mitmachen sollen." Die Sozialdemokratie hat in Bezug auf die Diätenfrage be- kanntlich die entsprechende Stellung eingenommen— das erste Mal, wenn der Antrag in einer Legislaturperiode eingebracht wird, stimmen die sozialistischen Abgeordneten mit„Ja", späterhin aber enthalten sie sich der Abstimmung oder gehen gar nicht in die betreffende Sitzung.— Daß die„Frankfurter Zeitung" den „König im sozialen Reich" mit dem Feldmarschall Wrangel ver- gleicht, ist eigentlich noch schmeichelhaft für Schulze— bildet der altersschwache Wrangel auch eine etwas komische Figur, so fällt er doch niemals aus der Rolle und seine Komik ist auch meist eine freiwillige, diejenige aber des pathetischen Herrn Schulze ist immer eine unfreiwillige, deshalb allerdings noch drastischer. Und die Fortschrittspartei ist Schulze! Sie ist auf dem politischen Theater die komische Alte. — Daß wir keine vernünftige Volkserziehung be- sitzen, gestehen unsere Gegner oft genug selbst ein. So schreibt in den„Jtzehoer Nachrichten" ein Fachmann:„Daß in der Ausbildung der Mädchen bisher Vieles versäumt und viel ge- sündigt worden ist, wer will das in Abrede stellen? Ein großer Thcil unserer weiblichen Jugend ist entweder höchst mangelhaft gebildet, oder, was noch schlimmer ist, verbildet. Die Mädchen der ärmeren Klasse, des Kleinbürger- und Handwerkerstandes erhalten bis heutzutage in der noch immer höchst mangelhaft gestalteten Volksschule einen nothdürftigen Unterricht, der nicht über die ersten Elemente hinausgeht. Die Mädchen der wohlhabenderen Klasse besuchen Privatinstitute und Mädchen- Pensionat?, wo ihnen stellenweise ein zierlich garnirtes Ragout von Bildung verabreicht wird, das den Geist am Ende kaum besser nährt, als das trockene Morgenbrod, welches in jenen auf Maffenunterricht berechneten Anstalten den ärmeren und minder gut situirten Schwestern verabreicht wird. Die Folgen einer solchen Halbcultur können nicht ausbleiben, und um so we- niger, als die Bildungszeit der Mädchen so frühzeitig als möglich abgebrochen wird, bei den Einen, damit sie im harten Frohndienst der Tretmühle des Lebens einem geistlosen Erwerb nachgehen, bei den Anderen, damit sie so früh wie möglich der großen Zahl Derjenigen eingereiht werden, die den schönen Lebensabschnitt zwischen Confirmation und Ehestand, resp. W- jungferschaft zweck- und ziellos vertrödeln."— Das vor- stehende Urtheil ist völlig richtig, doch sind wir der festeu Ueberzeugung, daß die heutige Gesellschaft solche Zustände weder ändern will, noch ändern kann. Eine allgemeine gute Volks- erziehung kann nur in einer auf allgemeinen, gleichen und reckst- lichen Grundlagen beruhenden Gesellschaft stattfinden. — In der famosen Disziplinaruntersuch-u-ngssache wider den Postsekretär Klinck in Ottensen, die nächstens vor- dem Disziplinarhof in Leipzig verhandelt werden wird, hat der als öffentlicher Ankläger fungirende Geheime Oberpostrath Prof. Dr. Dambach unter Anderem behauptet, daß die in verschiedenen Blättern erschienenen Artikel über Stephan's Postwirth- schaft, welche mit k unterzeichnet waren, von Frau Postsekretär Klinck herrührten; die Uebereinstimmung des Stils sollte diese Behauptung unterstützen. Die Sache wird übrigens merkwürdig in die Länge gezogen. Klinck ist schon den ganzen Winter hin- durch auf Wartesold gestellt. Wird er nun auch in zweiter Instanz, wie nicht anders zu erwarten steht, freigesprochen, so hat sich die Postverwaltung selbst eine ihrer Arbeitskräfte auf lange Zeit entzogen gehabt, der sie dann den Gehalt nachzahleu und voraussichtlich die Kosten ersetzen muß. k —„Das Großkapital ist nicht zur Herrschaft ge- langt, im Gegentheil es ist jetzt der kleine Kapitalist auch im Die Slovaken-Ouartiere bei Berlin. (Aus Ar Vossischen Zeitung.) Für den Menschenfreund giebt es auf dieser Erde gar zu viel zu thun, und es finden sich noch stets Männer und Frauen, welche sich der scheinbar Verlassensten annehmen. Da leben unter uns jene seltsamen Fremdlinge, die ungarischen Draht- binder, sie kommen, sie gehen, wie die Wandervögel, aber ihre Hauptquartiere in Britz, Rixdorf:c. werden niemals leer. Die Meister, die Gesellen bekommt mau in Berlin nur selten zu lehen. Sie arbeiten in ihren Werkstätten und haben in einer Anzahl von Kindern, die jeder Meister hält, eine Art von Sklaven, die mit ihren Fabrikaten umherziehen und jedenfalls Geld bringen müssen, wobei es dem Meister gleichgiltig ist, ob das Geld aus dem Verkauf von Waaren oder aus dem Bettel stammt. Jeden Morgen um 7 Uhr werden die Kinder, in ihre Lumpen gehüllt und meist barfuß, mit ihrer schweren Last hin- ausgejagt, und die Bewohner der Pionierstraße haben tagtäglich das zweifelhaste Vergnügen, die Jungen, selbst bei tiefem Schnee, barfuß in Trupps von 10—20 vorbeipassiren zu sehen. Außer- dem müssen sie auch noch den ersten und letzten Ansturm des Völkchens aushalten, welches von dreistester Zähigkeit ist und doch schließlich die Herzen rührt, wenn es mit slavischer Weichheit der äußeren Formen demüthig und treuherzig sein:„Nix verdient! Meister haut!" stammelt. Die ganze Dressur die>er Kinder be- ruht auf Prügeln, und die Meister regieren sie damit selbst unsichtbar, wenn die Kinder weit von ihnen fort unter Fremden umherirren. Sie sind verschwiegen, wie das Grab. Und erst bei längerer Bekaniitschast entlockt man ihnen, daß sie hungern, auf bloßer Diele schlafen und pro Tag 15 Groschen heimbringen müssen, wenn es nicht Prügel setzen soll. Sie bringen aber auch viel mehr heim, wovon die Thaler zeugen, die sie sich häufig bei den Geschäftsleuten in der Pionierstraße einwechseln. Ein Meister, der seine 8 bis 10 Jungen hat, macht also ein ganz brillantes Geschäft. Man darf seinen Reingewinn auf 60—80 Mark pro Woche veranschlagen. Seine Commissionäre in Wien für die Lieferung von Knaben sind fein auftretende Herren, welche die Kinder mit Leckerbissen an sich locken. Schon mit 7 Jahren verwendet man sie als Hausirer, wovon man sich durch den Augenschein tagtäglich überzeugen kann. Offiziell sind sie aber alle über 14 Jahre alt— das haben die slovakischen Meister schnell gelernt. Die Kinder haben von ihrem Hausir- Stande, sich am Großbetriebe mit zu betheiligen"— wer sprach diesen Satz aus? Es war der Abg. Grumbrecht, Excommunist, jetzt kohl-raben-schwarz-schnee-weißer Nationaler bei Gelegenheit der Gewerbeordnungsdebatte im Reichstage. Der Mann hat Recht— der kleine Kapitalist(niedere Beamten, Wittwen, die sich einige 100 Mark erspart haben, kleine Handwerker:c.:c.) sie können sich an der Großindustrie betheiligen, indem sie sich eine Aktie kaufen. Sie haben dies ja auch gethan, und solche Be- theiligung war für sie— das heißt für die Gründer— äußerst segensreich. — Die Handlungsweise des Herrn Krupp in Essen wird selbst von nationalliberalen Blättern scharf verdammt. So schreibt die„Westfälische Zeitung":„Commerzienrath Krupp, der schon kürzlich ein Drohcirkular gegen die Sozialdemokratie an seine Arbeiter gerichtet, wie er dieselben früher vor Bethei- ligung an klerikalen Agitationen verwarnt, hat 128 Arbeiter, welche, das in Essen erscheinende sozialdemokratische Blatt hielten, aus der Arbeit entlassen. Ob Herr Krupp damit seinen Werken nützt, wird er selbst zu beurtheilen haben; daß er aber jeden- falls die Sache der Sozialdemokratie durch solche Gewaltmaß- regeln nur fördert, dürfte auf der Hand liegen."— Tessendorff, Krupp, Eugen Richter, Bismarck und Eulenburg sind bekanntlich längst unsere besten Freunde, Mitarbeiter und Agitatoren. — Waffentragen außer dem Dienst. In Bremerhafen hat der dortige Commandeur den Soldaten das Waffentragen außer Dienst verboten, damit die vielen Schlägereien vermieden oder doch unblutig gemacht werden.— Ein vernünftiger Commandeur. Ob dieses Verbot wohl Nachahmung findet? — Eugen Richter, der große Eugen, nennt die„Deutsche Post" ein albern redigirtes Blatt. Unter der früheren Re- daktion erbat er sich zu seiner Information zum Oefteren ganze Jahrgänge des Blattes. Möglich, daß ihn später ein Artikel des Blattes verschnupft hat, der seine eigenthümliche Haltung den Beamten gegenüber in das wahre Licht setzte. Jedenfalls hat das„albern redigirte" Blatt der Beamtenschaft mehr genützt, als Eugen Richter und gewisse Personen, die sich mit falschen Federn schmücken. k n. Berlin, 17. April. Nach rascher Erledigung des ersten Punktes der Tages- ordnung(Anleihe für Zwecke der Marineverwaltung und der Post- und Telegraphen-Verwaltung im Gesammtbetroge von 33,863,000 Mark— für das reiche„Reich" natürlich ein Pappen- stiel, um welchen ein Wort zu verlieren„unnobel" wäre), be- schäftigte sich der Reichstag in seiner heutigen Sitzung mit der projektirten„Anleihe zur Durchführung, der Kasernirung des Reichshcers". Die Anleihe soll 168>200,0 Mark betragen. Weitere 168 Millionen Mark für den Militarismus, das heißt für gänzlich unproduktive, ja geradezu reichthum- zerstörende Zwecke in einem Moment, wo das Gespenst des Hungertyphus seinen Rundgang durch Deutschland hält— man sollte es für unmöglich halten. Aber die Majorität des Reichs- tags kennt kein„unmöglich" in solchen Dingen. Herr Richter (Eugen der edle Geschäftspolitiker) knabberte in seiner bekannten Weise an dem Gesetzentwurf herum, dessen Verweisung an die Budgetcommission er befürwortete. Ein Ultramontaner, Ramens Schalcha, brachte allerhand Bedenken zum Ausdruck; der national- liberale Herr Wehrenpfeunig beantragte fonnell die Ver- Weisung an die Budgetcommission. Während Wehrenpfennig sprach, setzte das lebendige Reichsinstitut Valentin sich in Be- wegung und deponirte auf dem Bureau den üblichen Schluß- antrag. Es war nämlich ruchbar geworden, daß sich im Namen der Sozialdemokraten Bracke zum Worte gemeldet hatte. Der Präsident war gerade im Begriff, den Schlußantrag anzukündigen, da meldete sich ein Regiermigscommiffär zum Wort, um einige Bemerkungen zu machen, und verhinderte dadurch die sofortige Abstimmung über den Valentin'schen Antrag. Allein man wußte sich zu helfen— Herr Lucius, der bekannte Bismarck-Dolmet- scher, erhob sich und sprach ein paar überflüssige Worte und— das Beil der Rede Guillotine konnte herabfallen. Kaum hatte die Majorität den Schluß angenommen» so begab Liebknecht sich aus das Bureau, um seinen, schon in der vorletzten Session ein- gebrachten, damals aber nicht zur Debatte gelangten Autrag auf Abänderung der Geschäftsordnung(gegen Mißbrauch der Schlußanträge 2C.) von Neuem einzubringen. gewerbe keinen Vortheil, denn hundemäßiger können sie daheim nicht leben. Der ganze Bortheil fällt den Meistern zu. Recherchen ergaben nun, daß diese Meister so gut wie un- controlirt leben. Von dem Stande ihrer Gesellen und Knaben hatten die Ortsbehörden von Britz und Rixdorf keine Kenntniß. Eine Anzahl von Berliner Bürgern nahm deshalb die Sache selbst in die Hand und ließ sich vom Landrath eine Legitimation für diesen Zweck geben. Am Montag, den S. d. M., Abends gingen sie an eine Untersuchung der Slovaken-Ouartiere, welche in Kellern und Hinterhäusern oft zu dreien bis vieren liegen. Auf die landräthliche Bescheinigung hin diente ein Gensdarm als Führer. Genaue Auskunft vermochte auch er nicht zu geben, doch taxirte er die Zahl der Kinder in Britz allein auf etwa 40. Die Leute bewegen sich eben freier, als die eingeborenen Staats- angehörigen, ihre Führung in den Gemeinderegistern ist eine höchst lückenhafte. Nach ihren Quartieren brauchte man nicht lange zu suchen. Ueberall her erklang das Hämmern und Picken der Werkstätten in die Nacht hinein. In einem Raum von höchstens 12 Quadratfuß Inhalt saßen bei trüber Lampe ein Meister und 3—4 Gesellen bei der Arbeit, trotzige Burschen, die bei dem Eintritt der Rechercheure keine Miene verzogen. Der Dunst in diesen Räumen spottet jeder Beschreibung. Die Wände hingen dicht voll Waare: Mäusefallen, Reibeisen, Kaffeetrommeln, Schlüsselkörbe u. dgl. m. „Wo ist der Meister?"„Meister ist hier!"„Sie heißen?" „Stephan Brakiewicz."„Ihren Paß?"„Hier." Ein schlimmer Patron, dieser Meister Stephan, in blauer Blouse und Pelz- mütze, unter der ein Paar Luchsaugen aus dem scharf profilirten Gesicht mit dem kühn geschwungenen Schnurrbart hervorblitzten. „Wo sind die Kinder?"„Oh, Kinder nicht viel. Eins— zwei — drei. Und Jaschko geht morgen heim." Plötzlich hört man es draußen im Dunkeln rasseln, und schon schleichen drei schwer beladene Knaben herein. Sie fallen vor Müdigkeit alsbald auf die Dielen nieder.„Wie alt ist der Kleine?"„Ist 14 Jahre." „Der 14 Jahre? Der ist höchstens 10 Jahre alt. Wo sind seine Papiere?" Diese fehlen natürlich. Abermals ertönt das Rasseln, und drei neue Ankömmlinge treten ein.„Worauf schla- feu die Kinder?"„Nun, auf Stroh."„Wo ist das Stroh?" „Stroh draußen." Man revidirt, nirgends, weder auf Flur noch auf Boden findet sich eine Spur von Stroh.„Was bekommen die Kinder zum Abendbrod?"„Nun, Kartoffeln mit Häring oder Häringsbrod oder so etwas."„Und was bekommen sie zu trinken?" Keine Antwort.„Nicht wahr, Schnaps?" Sinn ja, Das Haus nahm nun die gestern vertagte Gewer beord- nungs-Debatte wieder auf. Den Reigen eröffnete„unser Max", der zu keinen selbstständigen Ausführungen kommen konnte, weil der sozialdemokratische Antrag mit Centnerschwere auf seinem Harmonie- Schädel lastete und sein Harmonie-Jngenium derartig ausfüllte, daß dasselbe an nichts anderes zu denken vermochte. „Die Vorschläge der Sozialdemokraten, soweit sie vernünftig sind, sind meine Vorschläge," winselte der arme Max mit der komisch-hülflosen Verzweiflung einer Gluckhenne, der die aus- gebrüteten Entchen soeben in's Wasser gewatschelt sind. Die arme Gluckhenne! Lassen wir sie klucksen und schluchzen. Was sie sonst gethan. bezw. gesagt hat, wissen wir nicht, obgleich wir sehr genau aufpaßten. Es giebt personifizirte Gemeinplätze, die stundenlang reden können, ohne daß der feinhörigste Zuhörer inr Stande wäre, auch nm einen, die Aufmerksamkeit fesselnden Satz herauszuhören. Ein solcher verkörperter Gemeinplatz, dessen Rede in tödtlicher Monotonie hölzern dahin klappert, wie das Geklapper einer Mühle, ist unser unglücklicher Harmonie-Max; und seine Beredsamkeit hatte die Eigenschaft des Mühlengeklappers r das ganze Haus schlief ein nnd erwachte erst wieder, als der letzte hölzerne Ton des Harmoniegeklappers verhallt war. Dem langweiligen Max folgte der kurzweilige Centrumsmann und Pfarrer Westermeyer, in dem so ein Stückchen Abraham(t Santa Clara(oder Kapuziner aus WallensteilLs Lager) steckt; Pater Westermeyer verfiel nicht in den Fehler seines Genossen Galen, er hielt sich, in vorsichtiger Entfernung von den Nebel- höhen des Christenthums, hübsch praktisch auf der praktischen, realen Erde und beleuchtete,, zum Theil mit viel Mutterwitz und durchaus treffend, die heutigen gewerblichen Verhältnisse. Es war eine höchst ergötzliche Abwechselung von gesundem Menschen- verstand und komischem Unsinn und unsinniger Komik.— Um die Palme der Lächerlichkeit rangen zwei tapfere Reichstags- Mundhelden mit Westermeyer: der alte Grumbrecht und der ältere Kleist-Retzow. Ersterer produzirte sich in einer schwarz- roth-weißcn, letzterer in einer schwarz-weißen(keine Spur des gottlosen Roth verrathenden) Narrenkappe— das war eigentlich der ganze Unterschied. Amüsante Käuze sind's— das muß mau ihnen lassen, und schwer ist es zu entscheiden, welchem von Beiden, nein von den Dreien der Preis zuzuerkennen. Eine unparteiische und gewissenhafte Prüfung zwingt uns aber doch, Kleist- Retzaw als Sieger zu proklamiren. Das geflügelte Wort, welches- ihm in der Hitze des Redegefechts entfuhr:„die Gleichheit ist unmöglich, sie ist gegen die Ncstur, in welcher die Verschiedenheit herrscht, denn manchmal sind die Mädchen von den Knaben. verschieden" brachte das stampfende junkerliche Schlachtrpß um. anderthalb Pferdelängen vor seine Mitbewerber. Nur Einer im Reichstag ist fähig, Kleist-Retzow ernst zu nehmen— der Einzige, der auch den deutscheu Parlamentarismus ernst nimmt: Lasker. Lasker. schwang sich auf seinen Klepper und trabte in die Rennbahn,'.un eine Lanze zu brechen für die moderne Freiheit und Gleichheit—„die ich meine". Der Kampf gegen den Wind nnd die Windmühlen des borussischen Voll blnt- Junkers war rechbspaßig, jedoch lange nicht so amüsant, wie das Gepolter des heiteren Kleeblatts Westermeyer,. Grumbrecht, K leist- Retzow. Und dann ging das Laskern los über.die Gewerbeordn ung. Die Gewerbeordnung ist schlecht— die Gewerbeordnung ist gut— die Anträge auf Abänderung der Gewerbeordnung sind schlecht— die Anträge auf Abänderung der Gewerbeordnung sind gut u. s. w. Gut— schlecht. Gut— schlecht. Gut— schlecht. Selbst ein Priester des delphischen Apollo würde nicht crrnthcn haben, ob der Mann„gut" sagen wollte oder„schlecht".„Gut — schlecht; gut— schlecht;, gut— schlecht." Nur beb dem sozialdemokratischen Autrag ging das Gleichgewicht zwischen„gut" und„schlecht" in die Brüche;. Herr Lasler gerieth in Eifer, liest an dem Entwurf kein gutes Haar und bekundete eine solche— Unwissenheit in diesen Dingen» daß sein vor ihm. sitzender Freund Rickert ordentlich verlegen wurde. Lasker selbst aber merkte nichÄ und redete sich so in die Hitze hinein, daß ihm der Schweife von der Stirne lief. Inzwischen war es Vaö Uhr geworden. Das Haus wurde ungeduldig. Herr Kardorff(der Ritter vom preußischen Schnaps) errang sich mit Mühe Gehör für einige kurze Bemerkungen gegen Lasker. Er erschöpfte, das letzte Restchen von Geduld. Um Uhr. vertagte sah der Reichstag; morgen wird die Gewerbeordnuugsdebatte beendigt werden Die Antrags steller— unsererseits Bebel— haben das Wort. Außerdem stehen verschiedene Berichte der Wahlprüfungs- Commission. auf der Tagesordnung, darunter der über die Wahl(Hasenclever's) im 6. Berliner Wahlkreis. lvenn sie wollen, Schnaps, oder auch Weiß."»Hören Sie, die Kinder sind fast alle unter 14 Jahren alt und müssen in die Schule gehen!"„Ach, was brauchen sie in Schule gehen. Sind schlauer, als Große."„Dann bekommen wohl auch die Großen von ihnen die Prügel?" Die Gesellschaft lachte hell auf.„Nicht war, wenn die Kinder kein Geld bringen, bekommen sie Prügel?" „Oh, Kinder bekommen keinen Schlag." Während dieser Unterhaltung flitzt ein Bursche auf eine slavische Anrede des Meisters in die Nacht hinaus. Einige der Rechercheure eilen hinter ihm her.„Heda, Junge, steh' einmal stillt. Worauf schlaft Ihr?"' Athemlos flüstert er:„Auf Diele" nnd macht dabei die Panto» mime des Kopfstützens auf den Ellnbogxn.„Was bekommt Ihr zu essen?"„Kartoffeln, Kartoffeln!"„Und wenn Jhx kein Geld nach Hause bringt?"„Prügel, Prügel!" Und fort war er wie ein scheues Wild. Wir aber hatten uns übertölpeln lassen. Die anderen Nester fanden wir alle leer von Kindern. Der Bursche hatte unsere Ankunft überall hin signalisirt. Das Resultat der Recherche war imnierhin ein genügendes. Daß es hier nicht mit rechten Dingen zugeht, ist klar. Es ist sanitär unzulässig, daß 14 und 1k Menschen in einem knappen Räume, in dem am Tage gearbeitet wird, schlafen. Es ist un- statthaft, daß Kinder so elend ernährt und erhalten loerden, wie diese ungarischen Drahtbinderkinder. Es ist endlich völlig un- statthaft, daß schon sieben- nnd achtjährige Kinder so mißbraucht werden. Dergleichen darf jin unmittelbarer Nähe der Residenz nicht geduldet werden. Und die Behörden müssen Mittel unb Wege finden, da die den Ortsvorstehern zu Gebote stehenden Kräfte nicht dazu ausreichen, daß von Berlin aus ein wachsames Auge auf diese ungarischen Sklavenhalter gerichtet werde» damit sie die Kinder menschlich zu halten gezwungen werden. Besser freilich wäreesschon, wirhätten diese Invasion überhaupt nicht, dennderBor- theil bleibt nur in der Tasche von Wenigen hängen. Das Laos der Kinder kann unmöglich in ihrer Heimath ein so trauriges sein, wie hier. — Ein würdiger Vertreter der Heiligkeit der Ehe. Die „Berliner Freie Presse" schreibt: Unsere Nachricht, daß einem in der Potsdamer Straße zu Berlin wohnenden„Jedermann" bekannten Abgeordneten und Zeitungsbesitzer die Frau mit Sack und Pack von dannen gezogen, können wir noch dahin vervollständigen, daß die Frau sich wegen der vielen galanten Abenteuer des Herr» Gemahls schon vor den Reichstagswahlen von ihm scheiden lasten wollte. Wie der Präsident vor Festsetzung der Tagesordnung mit- theilte, beabsichtigt man, die Session am S. Mai zu schließen, was allerdings, wie der Präsident selbst zugab, kaum möglich sein dürfte. Die Etatberathung muß im Laufe der nächsten Woche zu Ende sein, da das Budgetjahr am 31. April abläuft. Da gilt's freilich mit Dampfgejchwindigkeit arbeiten. Morgen wird schon um 10 Uhr Vormittags angefangen, und man munkelt schon von Abendfitzungen. Donnerstag soll u. A. die Kantecki-Affaire und der An- trag Kryger(Ausführunc> des Prager Vertrags betr. die Ab- tretung von Nordschleswig an Dänemark) zur Verhandlung kommen. Warten wir ab! 18. April. Fortsetzung der Gewerbeordnungsdebatte. Die An- tragsteller haben das Schlußwort. Zuerst tritt auf der conser- vativ'e Antragsteller Helldorf. Derselbe ist durch die Zusage der Regierung, daß eine Aenderung der Gewerbeordnung in Aus- ficht genommen sei, befriedigt. Im Uebrigen plaidirt er für die con- servativen Anträge: Contraktbruchbestrafung, Lehrlingszwang zc. Aus den Reden dieser Herren duftet immer ein gutes Stück Mittelalter. Erwähnenswerth erscheint uns noch, daß der Herr Einführung der Arbeitsbücher zum— Schutz der tüchtigen Arbeiter verlangt. Er„freut sich, daß die sozialistischen Ab- geordneten ihren Antrag eingebracht. Derselbe enthalte eine ganze Reihe von Bestimmmungen, denen die conservative Partei aus vollem Herzen zustiinme. natürlich vorbehaltlich einiger Aenderungen. Es sei zu hoffen, daß, wenn die Sozialisten in dieser Weise fortfahren, sie wohl warme Freunde des Arbeiter- standes bleiben, aber aufhören werden, Sozialisten zu sein." Wir fürchten, dem Redner steht eine grausame Enttäuschung be- vor. Neu ist jedenfalls die Theorie, daß wer ein„warmer Freund des Arbeiterstandes" ist, kein Sozialist sein kann. Mit der„warmen Freundschaft" des Hrn. v. Helldorff und seiner Gesinnungsgenossen scheint es jedenfalls eine eigenthümliche Be- wandtniß zu haben', eine ebenso eigenthümliche, wie mit seiner Logik. Im Namen des Ccntrums folgt ihm als Redner Windt- Horst, auf den die bisherigen Debatten einen sehr erfreulichen Eindruck gemacht haben, im Gegensatz zu seinem Parteigenossen Westermeyer, auf den sie einen sehr traurigen Eindruck ge- macht. Die Polizei, der Staat, können nicht Alles thun; durch Gesetze allein sei den Uebelständen auf gewerblichem Gebiet nicht abzuhelfen. Die Menschen müßten sich Entbehrungen auf- erlegen, weniger dem materiellen Genuß nachjagen— das und das allein werde dauernde Besserung schaffen. Also eine neue Spartheorie, mit der freilich Herr Schulze nicht ganz zufrieden sein dürfte. Wir müssen Aszeten werden, möglichst viel Bedürf- nisse uns abgewöhnen— wer keine Bedürfnisse hat, kommt Gott am nächsten, und ein Volk, welches fromm und geduldig Hungers stirbt, hat chen Gipsel des Windthorst'schen Gcsellschafts-Jdeals erklommen. Das ist freilich die gründlichste Lösung der sozialen Frage. Zu den sozialdemokratischen Anträgen übergehend, be grüßt er deren Einbringung als ein ebenso bedeutsames als er- freuliches Ereigniß. Die Sozialdemokratie habe damit den Bo- den der Gesetzgebung betreten. Bisher, das sei nicht zu leugnen, seien die Vertreter der Sozialdemokratie im Reichstag nicht so behandelt worden, wie es sich geziemt habe. Man sei sogar so- weit gegangen, sie mit dem Knüppel zu bedrohen(Abgeordneter Lasker hüpft empor,(als habe er eine Ohrfeige bekommen). Man habe mit Schießen gedroht(Flinte schießt, Säbel haut). Das sei nicht der richtige Weg, die soziale Frage aus der Welt zu schaffen. Man müsse mit den Sozialdemokraten im Reichs- rag discutircn und ihnen, dabei gleichen Wind und gleiche Sonne gewähren. Sein verstorbener Freund Mallinckrodt habe die Anwesenheit von 30 Sozialdemokraten im Reichstag gewünscht. Er(Windrhorst) stimme mit Mallinckrodt überein. Was nun speziell unsere Anträge betreffe, so seien dieselben etwas einseitig; sie befürworteten zu sehr die Interessen der Arbeiter und vcr- nachlässigten die der Arbeitgeber(als ob letztere nicht über Ge- bühr bereits von der Gesetzgebung bedacht wären!). Hr. Windt- Horst erging sich dann in einen kleinen Exkurs über die Har- monielehre, der Max Hirsch das Herz im Leib hüpfen ließ. Die Interessen von Arbeitern und Arbeitgebern seien nicht von ein- ander zu trennen. Wenn es dem Einen gut gehe, dann gehe es auch dem Andern gut; und wenn dem Einen schlecht, dann auch dem Andern.„Betrübt" hat es die kleine Excellenz, daß Fritzsche bei Vertheidigung des absoluten Verbots der Sonntags- arbeit gesagt habe, die Sozialdemokraten stellten diese Forderung nicht aus religiösen Motiven. Die Religion biete die einzige Damals gelang es dem„Vielbekannten" seine Gattin dahin zu be- stimmen, daß sie diesen ihren Entschluß bis nach der Wahl vertagte. Nunmehr ist das Unvermeidliche eingetreten. Damit dürften auch die Mittel des„rühmlichst bekannten Volksmannes", welche erforderlich sind, einer theuern Schönen am Rhein, einer Anderen in der Leipziger Straße in Berlin und einer Dritten in der Eichhornstraße die nichtsthuende Existenz zu fristen, erschöpft sein. Und dieser Mann redete und schrieb sich so oft in Extase über die angeblich von den Sozialisten verletzte Heiligkeit der Ehe! Aus der„besseren" Gesellschaft. Die Zeitungen berichten aus Berlin:„Eine Hebamme, die sich in Damenkreiscn einer zahlreichen Kundschaft erfreute und schon seit Jahren ein förmliches Gewerbe daraus gemacht haben soll, den Folgen eines allzu intimen Umganges mit Männern vorzubeugen, ist, wie die Zeitungen melden, kürzlich verhaftet worden. Die Verhaftung ist erfolgt auf Grund einer Denunziation, worin die Hebamme beschuldigt wird, durch die von ihr in Anwendung gebrachten Mittel den Tod eines jungen Mädchens herbeigeführt zu haben. Zur Feststellung des Thatbestandes hat vorgestern Nachmittag aus dem Thomas-Kirchhof die Ausgrabung der Leiche der Verstorbenen stattgefunden. Nach den angestellten Ermit'elungcn bestand das gedachte Mittel der Quacksalberin aus einem höchst eigenthümlichen Präparat, nämlich aus Nadelspitzen, die sie mit anderen Substanzen, vermischt in Pillensorm, den ihrer Hilfe bedürftigen Patientinnen verabreichte. Der Prozeß wird voraussichtlich viel Aussehen erregen, da in demselben Damen aus den angesehensten Familien der Stadt als Zeuginnen auf- zutreten haben werden." — Ein Liebesbrief an RobeSpierre. Ein Pariser Wochen- blatt, die„Rovue des documcnts historiqucs", entreißt der Vergangenheit ein Schriftstück, das trotz seiner mangelhaften Orthographie und malerisch unregelmäßigen Wortfügung ein interessantes Streiflicht auf die Stimmung der Gewüther in Frankreich während der großen Revolution wirft. Es ist ein Liebesbrief, den eine junge Wittwe an den ihr per- fonlich unbekannten Robespierre schreibt und der folgendermaßen lautet: „Am 13. Prairial des Jahres II. r. Mein lieber Robespicrre! i,*«' Revolution begonnen hat, bin ich verliebt in Dich, allein * �bckettet und wußte meine Leidenschaft zu besiegen. Heute bin ®emi ich habe meinen Mann im Bendeekriege verloren und ich wltt �lr angesichts des höchsten Wesen dieses Geständniß machen. fi- mir, mein lieber RobeSpierre, daß Du für dieses Ge- standniß, das ich Dir mache, empfindlich sein wirst. Es wird einer Frau hart, ein solches Geständniß zu machen, allein das Papier ist ge- dmdig und man errölhet weniger aus dxr Entfernung, als wenn man einander gegenübersteht. Du bist meine oberste Gottheit und ich kenne keinen andern au; Erden als Dich. Ich betrachte Dich als meinen Schutzengel und will nur unter Deinen Gesetzen leben. Sie sind so Ueb und juß, daß rch Dir schwöre, mich mit Dir für's Leben zu ver- emigen, wenn Du ebenso frei bist wie ich. Basis einer friedlichen sozialen Reform. Es habe ihn daher auch so bitter geschmerzt— ob der fromme Redner bei diesen Worten Thränen vergoß, konnten wir wegen der diplomatischen Brille nicht sehen— daß sein College Galen am Montag aus- gelacht worden sei, als er von der göttlichen und christlichen Weltordnung sprach, nach welcher Staat und Gesellschaft einge- richtet werden müsse, wenn nicht Katastrophen eintreten sollten. Die Sonntagsfeier fei eine religiöse Pflicht, und den Herren Meistern, die ja ebenfalls Arbeiter seien, zu empfehlen, daß sie sich dieser Pflicht erinnerten, und zum Excmpel keine Minister- Conferenzen, Reichstags-Schließungen oder-Eröffnungen am Sonntag vornähmen. Redner protestirt nun gegen die Schaf- fung einer burcaukratischen Maschinerie zur Ueberwachung der gewerblichen Thätigkeit, und hat nun die Brücke gefunden, welche ihn auf das Feld des Culwrkampfes führt. Eine solche Ma- schinerie würde zu Culturkampfzwecken benutzt werden; er habe nicht vergessens, daß es in einer preußischen Stadt Jahre lang gedauert habe, ehe einem katholischen Schlächter die Erlaubniß zum Schlachten ertheilt worden, und habe man nicht in den letzten Jahren erlebt, daß zahlreiche Anstalten, die der Er- ziehung des Volkes in Fleiß und Gottesfurcht gewidmet waren, unterdrückt worden seien? Und so weiter u. f. w. Zum Schluß applizirt Windthorst dem kleinen Lasker noch einige kleine par- lamentarische Liebesgrüße und bittet die Regierung, doch ja da- für zu sorgen, daß die Commissiou, in welche die verschiedenen Anträge unzweifelhaft verwiesen werden würden, nicht zu einer Todtengräberei werden möge.— Herr Wehrenpfennig hatte die nicht sehr schwierige Aufgabe, den Liberalismus gegen die Angriffe ded Centrums zu vertheidigen, und machte die leichte Sache sich dadurch doppelt leicht, daß er mit großer Hartnäckig- keit den Boden der Thatjachen vermied, und sich auf die Nebel- regionen der Phrase beschränkte. Amüsant war ein Vergleich der Sprache, welche die Vertreter des Centrums im Reichstag und der, welche sie außerhalb desselben führen. Nicht minder amüsant wäre freilich ein Vergleich der nationalliberalen Sprache außer- und innerhalb des Reichstags gewesen. Als letzter Redner trat Bebel auf. In einstündiger, klarer Rede präzisirte derselbe die Stelluag der Sozialdemokratie zur Ge- werbeordnung und löste unter Darlegung der sozialistischen Ziel- punkte die von den Gegnern erhobenen Einwände einen nach dem andern auf, und erläuterte dann, so weit es in einer Ge- neraldebatte angeht, die Hauptbestimmungcn und-Forderungen des sozialdemokratischen Antrags. Obgleich es an scharfen An- griffen auf die alten Parteien: Conservative, Centrum, National- liberale und Fortschrittler nicht fehlte, so hörte das Haus im Ganzen mit Aufmerksamkeit die Ausführungen des Redners an. Als Bebel geendigt, begannen die persönlichen Bemerkungen. Herr Lasker, der die Unannehmlichkeit, nicht das letzte Wort zu haben, und Angriffe hinnehmen zu müssen, ohne daß man darauf antworten kann, zum erstenmal empfand, jammerte, daß ihm die Geschäftsordnung nicht erlaube, den Vorredner zu widerlegen, meinte, er sei von Bebel mißverstanden worden, hielt unter der Firma„persönliche Bemerkung" eine kleine Rede, die nichts weniger als„Persönliches" betraf, und suchte u. A. auch den famosen„Knüppel" wegzuexplizireu. Dies gelang ihm aber so wenig, daß sogar Abgeordnete seiner eigenen Partei und Mit- glieder des Bureaus ihm die Fruchtlosigkeit seines Bemühens privatim nachweisen, und die Ungenauigkeit seiner beschönigenden Erklärung zugestehen mußten. Bebel erzählte noch kurz die tragi-komische Geschichte des Lasker-Knüppels— Windthorst unterhielt das Haus noch durch einige Witze— ein paar Witz- und Erklärungsversuche Windthorft's und Klcist-Retzow's(welch' letzteren Fritzsche über eine mißverstandene Aeußcrung in seiner vorgestrigen Rede kurz zu belehren hatte)— und die Debatte war zu Ende. Der Reichstag beschloß einstimmig die Ver- Weisung sämmtlicher eingelaufener Anträge und Resolutionen an eine Commission. Wir Sozialdemokraten haben alle Ursache, mit der parla- mentarischen Campagne der drei letzten Tage zufrieden zu sein. Durch unsere Redner Fritzsche und Bebel sind die Ideen und Prinzipien der Sozialdemokratie in würdiger Weise zum Aus- druck gebracht worden, wohingegen auf Seiten der Gegner sich die traurigste Rathlosigkeit bekundet hat. Wir werden die Ver- Handlungen des Näheren besprechen und erwähnen einstweilen, daß der stenographische Bericht der Reden unserer Abgeordneten nebst einem zum Verständniß nöthigen Resumä der gegnerischen Reden in Hamburg veröffcntlicht werden wird. Ferner sei noch erwähnt, daß man den Wunsch zu erkennen gegeben hat, Ich biete Dir als Mitgift die wahren Eigenschaften einer guten Republikanerin, vierzigtaujend Francs Renten und die zwciund- zwanzig Jahre einer jungen Wittwe. Wenn dieses Anerbieten Dir entspricht, so antworte mu, ich flehe Dich darum an. Meine Adresse ist an die Wittwe Jakin, poste restaute, Nantes. Wenn ich Dich bitte, mir poste restante zu schreiben, so ist es weil ich fürchte, daß meine Mutter mich um meiner Unüberlegtheit willen auszanken möchte. Wenn ich so glücklich bin, von Dir eine günstige Antwort zu erhalten, so werde ich mich beeilen, sie ihr zu zeigen. Dann kein Ge- heimniß mehr! Adieu, mein Vielgeliebter, denke an die kleine Nan- teserin und an diese unglückliche Stadt, die von der Geißel des Krieges hart getroffen ist. Da Dein Verdienst Dir in der Nationalversammlung viel Einfluß giebt, so mache doch Anstrengungen, um uns aus dem Elend, in dem wir stecken, zu befreien. Ich spreche nicht für mich, son- dern für alle die braven Ohnehosen und guten Bürger. Antworte mir, ich bitte Dich, wenn nicht, werde ich zudringlich werden. Adieu noch einmal. Denke an die Unglückliche, die nur für Dich lebt. Verwende nicht das Siegel der Convention. Schreibe mir als ein- facher Privatmann." Wie schade, daß man nicht weiß, was Robespierre dem verliebten Gänschen aus Nantes geantwortet hat! Es wäre so kurios, den großen Revolutionär in der neuen Beleuchtung eines erotischen Correspondenten kennen zu lernen. — Opfer der heutigen Ausbeutung. An einem Neubaue in München ist ein Gewölbe eingestürzt, wodurch eine schwangere Tag- löhncrin erdrückt und einer andern Frau durch die herabstürzende Masse beide Füße zerschlagen wurden; ein Maurer, der ebenfalls schwere Verletzungen erhielt, verschied auf dem Wege zum Krankenhause.— Während' tausende kräftiger Arbeiter hungernd auf den Straßen herum- zulaufen gezwungen sind, müssen schwangere Frauen, um den Hunger ihrer Kinder stillen zu können, Männerarbeil verrichten und ihr Leben lassen, so will es die heutige göttliche Weltordnung. — Ein Prozeß um einen Esel. Unser Parteiorgan, die„Chem- nitzer Freie Presse", hat schon eine ganze Reihe von Preßprozessen überstanden. Der merkwürdigste ist ihr aber doch wohl kürzlich zu Theil geworden. Das gedachte Blatt schreibt nämlich:„Entrüstet über die abgeschmackten Beleidigungsklagen, die wir erlebt hatten, bildeten wir in den„Raketen" einen Esel ab mit der Unterschrift: „Quäle nie einen Esel zum Scherz, Denn er fühlt wie du den Schmerz" und mit dem Hinzufügen� Nun wollen wir doch sehen, ob sich hierdurch Jemand getroffen fühlen und Strafantrag wegen Beleidigung stellen wird."— Und in der That, es ist geschehen. Durch das erwähnte Bild mit der angeführten Unterschrift hat sich beleidigt gefühlt und Strafantrag gestellt Herr Hermann TheniuS,„Redakteur" des„Chem- nitzer Tageblatt".— Wir haben nichts hinzuzufügen." Wir auch nicht. einen sozialdemokratischen Abgeordneten in die Gewerbeordnungs- Commission zu wählen, und daß unserseits Fritzsche dazu vor- geschlagen wird. Nach Erledigung der Gewerbeordnungs- Anträge trat das Haus in Wahlprüfungen ein. Die Wahl Weigel's in Hanau wurde von Bracke in längerer Rede bestritten, vom Haus aber trotzdem mit großer Majorität für gültig erklärt. Eine größere Debatte entspann sich über die Wahl Hasenclever's im 6. Berliner Wahlkreis. Der Berichterstatter der Wahlprüfungs-Com- Mission, der nationalliberale L aporte, beantragte, auf ein- stimmigen Beschluß der Commission, die Ungültigkeitserklärung. Most kritisirte in längerer, scharfer Rede die Vorkommnisse bei der Wahl, die mangelhafte Anfertigung der Wahllisten, das liederliche Verfahren der fortschrittlichen Gemeindebehörden, die eigenthümliche Entstehungsgeschichte des Wahlprotestes und die nicht minder eigenthümliche Logik des Commissions-Berichts und -Antrags. Der Geschäftspolitiker Richter ließ sich in Erwartung eines Valentin'schen Schlußantrags zu einer neuen Köterattacke auf die Sozialdemokratie verleiten, wurde jedoch, da Valentin gleich dem alten Homer manchmal schläft, von Most so gründlich gezüchtigt, daß dem Burschen die Lust verging, sich weiter her- vorzuwagen. Der zufällige Umstand, dag unsere sozialdemo- kratischen Abgeordneten, um besser hören zu können, in seine Nähe gekommen waren, verursachte dem tapferen Geschäfts- Politiker solche Beklemmungen, daß das Papier mit den Notizen, welches er in der Hand hielt, wie Espenlaub zitterte. Der nationalliberale Dernburg, der in seinem Wahlkreis Offenbach nicht die Courage gehabt hatte, seinem Gegenkandi- baten Liebknecht Auge in Auge gegcnüberzutreten, fühlte sich, in Mitten der Scimgen, muthig genug, der Sozialdemokratie einen kleinen Treff zu versetzen und beschuldigte Most, eine Versammlung, in der er(Dernburg) während der letzten Wahl- bewegung referirt, gestört zu haben— ein Pfeil, der von Most, da inzwischen Valentin sein Amt verrichtet hatte, in persön- lichcr Bemerkung auf den unglücklichen Schützen zurückgeschnellt wurde. Das Alles konnte indeß nichts am Resultat ändern. Bei der Abstimmung erhoben sich blos die Sozialdemokraten, der Däne Kryger und der Centrumsmann Schröder-Lippstadt für Giltigerklärung der Wahl. Die Wähler des 6. Berliner Wahlbezirks werden die Antwort auf den Reichstagsbeschluß nicht schuldig bleiben. Die Sitzung dauerte bis 4 Uhr Nachmittags. Für die morgige Sitzung, die auf 12 Uhr angesetzt ist, stehen Wahl- Prüfungen, der Kantecki-Fall und der Antrag Kryger auf der Tagesordnung. Correspondenzen. z«5onflantin«per, 12. April. Was mich zunächst hier beschäftigen wird, ist die Constitution, womit die Türkei nun auch vom Himmel gesegnet wurde. Der weise Prophet scheint es sich zu Herzen genommen zu haben, feine Glaubenskinder mit all den Vortheilen zu bescheeren; die den europäischen Nationen durch die Constitution erwachsen sind.— Als biederer Inwohner des Himmels— wo nach den neuesten Ermittelungen der hie- sigen Hodjas(Schriftgelehrten) auch die constitutionelle Regie- rungsform eingeführt worden sein soll, um die glücklichen Seelen der verschiedenen Religionen verfassungsmäßig zusammen zu halten, hat Mohamed nun auch diese himmlische Beglückungs- sucht bis auf die Erde ausgedehnt und Mithad-Pascha war dazu bestimmt, das Sprachrohr zu sein, wodurch die guten Türken eines Morgens zu ihrem großen Erstaunen erfuhren, daß sie nunmehr auch glückliche Besitzer einer Constitution seien.— Wenn ich den Ursprung der neuen Verfassung im Himmel suche, so darf man sich darüber gar nicht wundern: kommt doch aller Segen von Oben, sagt ein Dichter! Aber besonders darf sich der dickwanstige Bürger darüber gar nicht wundern, dem der con- stitutionelle Staat doch über Alles auf der Welt geht und der darin die Quintessenz der heutigen Regierungsweisheit sieht, und da eben dieser Spießbürger gewöhnlich auch ein treuer Verehrer des Himmels ist, so wird er wohl begreifen, daß die Beglückung der Menschen in constitutioneller Form von Oben kommt. Allein himmlisches Glück ist auch nicht ohne Dornen und der Beglücker der Türken, Mithad, war der Erste, an dem die constitutionelle Freiheit durch Unfreiheit erprobt wurde. Gerade so ivie bei Ihnen schon mancher Rechtsvertheidiger auf ein paar Jahre in eine Festung wandern mußte, so mußte unser Mithad, von der Constitution geschirmt, nach dem Auslande ziehen. Unterdessen ist allerdings die Verfassung in Kraft getreten und die Kammer tagt fleißig, und hat bereits die übliche Adresse in Antwort auf die Thronrede erlassen; nächstens wird derselben ein Haufen von Projekten vorgelegt, die, nachdem sie sorgfältig berathen, nach hiesiger Sitte nie zur Ausführung kommen werden. Wer die Türkei genau kennt, wird von derselben keine Re- formen erwarten, denn es fehlt ganz und gar an Elementen, die dieselben zur Ausführung bringen könnten. Um dies zu er- klären, will ich einige Betrachtungen anstellen, über das Volk, auf dessen Boden auf so unverhoffte Weise die constitutionellen Freiheiten hingeworfen worden sind; und hier tritt uns zunächst die gänzliche Unbildung des Volkes entgegen, welches den Sinn einer Constitution gar nicht zu fassen vermag und dem ein ge scheidterer Monarch als Abdul Hamid jedenfalls mehr Roth thäte als alle möglichen Constitutionen der Welt, von denen es nichts zu hoffen hat, da die höheren, durch und durch entsitteten Klassen doch nur jede Verfassung dazu benützen werden, um das Volk Hand in Hand mit dem Monarchen zu prellen,— Abdul Hamid selbst ist ein kranker und ungebildeter Mann, den bald die eine, bald die andere Grille leitet und der von der Ver- fassung eben keinen bessern Begriff hat, als der harmloseste seiner Unterthanen. Daß der Mann seine Zustimmung zur Constitution gab, hat darin seinen Grund, daß seine Rathgeber ihn davon zu überzeugen wußten, daß endlich einmal etwas ge- schehen müsse, um Sand in die Augen der allerchristlichen euro- päischen Monarchien zu streuen, die um das Wohl der in der Türkei lebenden Christen so besorgt sind, währenddem es ihnen gar nicht darauf ankommt, die Christen zu Hause am Hunger- typhus zu Grunde gehen zu lassen. Hiermit will ich natürlich keineswegs gesagt haben, daß die leidenden Christen der Türkei keiner Unterstützung würdig seien. Für dasHeil des türkischen Volkes darf man also aufAbdulHamid nicht bauen; er wird der Spielball der ihn umgebenden Rath- geber bleiben und trotz Constttution hängt nach wie vor das Gedeihen des Staates vom Großvezir ab, oder von sonst einer dem Sultan nahestehenden Persönlichkeit. Der Großvezir kann eigentlich auch nicht selbständig handeln; er muß die Zustimmung des Sultans besitzen, sind aber bei diesem andere Einflüsse stärker als die des Großvezirs, so reducirt sich des letzteren Wirken auf Null.— Gegenwärtig ist gerade dies der Fall. Mahmed Pascha ist der Rathgeber vom Vertreter des Propheten, und die ersten Resultate seiner Thaten waren leider ve- rcits verderbend für das Land, dem Mithad entzogen wurde, der vielleicht der einzige Mann ist, der dasselbe dermalen hätte regeneriren können. Verfolgt man nun die Sache weiter, so finden sich in allen Schichten der Administration dieselben Uebelstände vor: überall Männer wie Calonne und sonstige berühmte Schurken, die das Volk aussaugen, ihre eigenen Taschen füllen, in Ueppigkeit und Schwelgerei leben, nnd nicht die nöthige Zeit finden, an das steuerzahlende Volk zu denken, für welches nach den allgemeinen Glauvensgcsetzen doch Gott, wenn nicht auf dieser, so doch in der zukünftigen Welt sorgt. Um das Volk von den vielen Blutegeln zu befreien, müßten also zunächst hier die Reformen beginnen, die dem Parlament zugemuthet werden. Indessen, dieser Riesenarbeit scheint mir das Deputirtenhaus keineswegs gewachsen zu sein, denn dasselbe besteht zum größten Theil aus Automaten der Regierung, die von vornherein gar nicht beab- sichtigen, ihre Meinung zur Geltung zu bringen, weil sie nicht Volksvertreter, sondern Regierungscreaturen sind. Wenn man betrachtet, wie es bei den Wahlen für die Kammer zugegangen ist, wo die meisten Deputirten von der Regierung, anstatt vom Volke gewählt wurden, so kann meine Behauptung gar nicht an- gezweifelt werden, daß das Parlament nichts Anderes als eine große Null ist, das mit dem Comödienspielen von Napoleon III. große Aehnlichkeit hat. Allerdings wird das Spiel mit Meister- Hand gettieben, die Sitzungen daselbst scheinen dem fremden Auge vertrauenerweckend zu sein, und man glaubt endlich ein- mal, den Volkswillen zum Ausdruck gebracht zu sehen, allein die Zukunft wird uns wohl lehren, daß alle Erwartungen illu- sorisch waren— und die europäischen Zeitungen, die sich beeilt haben, die Sitzungen in ihren Spalten zu veröffentlichen, viel- leicht in Ermangelung sonstigen Materials, werden es wohl be- dauern, nicht scharfsichtiger gewesen zu sein.— Ja, der Reorga- nisationsprozeß, den die Türkei gegenwärtig durchzumachen scheint, wird größtentheils schlecht beurtheilt; man nimmt den Schein für baarc Münze und nur Rußland will(freilich nicht aus Humanitären, sondern aus bekannten egoistischen Rücksichten) den ganzen Reformentand nicht anerkennen. So ist auch eine irrige Meinung über Sofias, Hodjas und Ulemas und wie sie Alle sonst noch heißen, in Europa verbreitet. Man hält diese Menschen für maßgebende politische Faktoren in der Türkei, wo- mit man in einer gewissen Beziehung nicht gerade fehl geht; deren in letzteren Zeiten stattgehabten Bewegungen kommen je- doch dem eigentlichen Fortschritt gar nicht zugute. Der Sofia ist, was man bei uns einen Studenten nennt, be- lehrt sich indessen nicht in irdischer Wissenschaft wie bei uns; er lernt den Koran und sonstige in dieses Fach einschlagende Bücher, damit gelangt er entweder zum Priesterstand, wird Jnam, oder zum Rechtsstand, indem er Ulema wird. Der Türke kennt also eigentlich keine Wissenschaft in dem Sinne, wie wir sie heut zu Tage verstehen; er sieht Alles durch die Augen der Religion, die jedenfalls nicht dazu angethan ist, freiheitlichen Bewegungen Vorschub zu leisten. Die Religion bleibt der ewige Gegensatz zur Freiheit; wo die Religion aufhört, dort fängt die Freiheit meist an. Die Geschichte liegt vor uns, um dies zu bestätigen. In den Bewegungen der Softas darf man also keinen frei- heitlichen Trieb suchen; dieselben kamen durch die Softas zur Anregung, weil sie gegen das sonstige unwissende Volk dennoch etwas Bildung besitzen, die die Niederträchtigkeit von der dama- ligen Regierung zu durchschauen im Stande war. Als diese Männer sahen, wie weit die Türkei durch die Mißwirthschaft von Abdul-Aziz gesunken war, und wie wenig daran fehlte, die- selbe zur Beute von Rußland zu machen, erwachte deren in religiösen Grübeleien vertiefter Sinn, uud mit Mithad Pascha an der Spitze geschah die Entfernung von Sultan Abdul-Aziz. Sodann kam das Erwachen des Islam gegen die allerseits in- surgirten Vasallenstaaten. Der Islam stand in Gefahr, und zu- nächst war für dessen Rettung zu sorgen; überall entfaltete sich die grüne Prophetenfahne, zu der Alt und Jung eilte, voll Be- geisterung, denn Jeder, der für die Sache des Islam stirbt, ist eines sicheren Erwachens im Himmel sicher!— Kommt heute so eine Gefahr, was durch den Russenkrieg, der zu erwarten, möglich ist, so wird sich dasselbe Schauspiel wahrscheinlich in noch größerem Maßstabe wiederholen. Indessen, diese Begeisterung ist kein Erwachen eines sein Vaterland liebenden Volks: es ist Fanatismus, der bekanntlich mehr leistet bei einem ungebildeten Volke, als Pattiotismus in vorgeschritteneren Ländern. Daß man dies Erwachen des Volkes nicht in der Stärke und Leistungs- fähigkeit der Türken suchen darf, beweist schon der Umstand, daß gerade die Softas ernstlich mit der Absicht umgingen, die Christen zu massacriren, als die Türkei von den Christen von allen Seiten bedroht war.— Diese Umstände müssen besonders gewürdigt werden, um nicht Fortschritt mit religiösem Fanatis- mus zu verwechseln und sodann kommt man zum richtigen Schlüsse, daß vorerst von der Regenerirung des türtischen Volkes im freiheitlichen Sinne noch lange keine Rede sein kann. München, 12. April. Am letzten Sonntag Abend fiel ein Einjahrig-Freiwilliger über zwei in der Herrcnstraße stehende, im eifrigen Gespräche begriffene Arbeiter unter dem Rufe:„Ihr Demokraten, Ihr Spitzbuben!" mit gezogenem Säbel her, kam aber an die Unrechten. Einer der Arbeiter packte den demo- kratenfresserischen Heldenjüngling und schleuderte ihn auf die Seite, daß er im Straßenkothe lag. Lachend gingen die Ar- beiter von bannen, der übel angekommene Held aber schlich sich beschämt von bannen. Ueberhaupt kann man versichert sein, daß sich bei beherztem Zugreifen in der Regel herausstellen wird, daß die Säbelhelden Feiglinge sind. Krsurt, 13. April. In Nr. 41 des„Vorwärts" meldete ich den Tod unseres erst 34 Jahre alten, braven Genossen Ru- dolph. Am 6. ds. fand die Beerdigung statt. Die Betheiligung an dem Leichenbegängnisse war eine zahlreiche zu nennen. Eine Menge Kränze ic., zierten den Sarg, der die sterbliche Hülle eines der edelsten Streiter für die Verwirklichung des Sozia- lismus in sich barg. Ernst und schweigsam bewegte sich der lange Zug zum Friedhofe wo ebenfalls noch eine erhebliche Zahl an dem Äcgräbniß theilnahm. Rudolph hat bei seinen angesttengten körperlichen Arbeiten der Arbeiterbewegung ebenfalls große Dienste geleistet; sowohl der politischen wie der Gewerkschaftsbewegung. Vorzugsweise besaß er ein organisatorisches Talent, verbunden mit großer Sach- und Menschenkenntniß. Ans Krankenlager wurde er ca. 18 Monate gefesselt, in welcher Zeit auswärtige wie hiesige Ge- nassen durch große pekuniäre Opferwilligkeit den Kranken und seine Familie vor Hunger schützten. Am 4. April erlöste ihn der Tod von seinen langen Leiden. Rudolph war als echter Sozialist selbstverständlich auch Freidenker und hatte mit den religiösen Systemen der Gegenwart vollständig gebrochen. Daß dennoch in dem Augenblick, wo seiue Kraft erlahmt war, Priester an dem Lager des Sterbenden erschienen, ja, das auch ein sol- cher am Grabe eine„Rede" hielt, ist wohl nicht der Wunsch des Tobten gewesen, Rudolph gehörte uns und nicht den Priester! Die Gesinnungsgenossen werden ihm in ihren Herzen ein Denkmal setzen, das Denkmal der Liebe zu einem braven Kämpfer! Klute. Nachschrift. Der Wohllöbl. Magistrat gestattete mir nicht, ! am Grabe Rudolphs zu sprechen, und lasse ich das diesbezüg- liche Verbot, welches keines Commentars bedarf, hier folgen: „Auf Ihr an die hiesige Polizei-Verwalwng gerichtetes, von dieser uns mitgetheiltes Schreiben vom gestrigen Tage gereicht Ihnen zum Bescheide, daß wir— kraft unseres Hausrechts— das von Ihnen beabsichtigte Halten einer Grabrede auf unserm städtischen Friedhofe nicht gestatten und die Polizei-Verwaltung ersucht haben ev. gegen die Verwirklichung dieses Ihres Bor- Habens einzuschreiten. Der Magistrat." Gsnaörück, 9. April. Ein nettes Aktenstück ist aus dem hiesigen Kriegerverein hervorgegangen. Es lautet wörtlich: „Osnabrück, 4. April 1877. An den Herrn X. Der Vorstand sieht sich veranlaßt, Ihnen zu eröffnen, daß er Ihnen wegen Ihres Verhaltens bei den letzten Wahlen nicht mehr das Recht einräumen darf, Mitglied des Kriegervereins zu sein resp. es wieder zu werden. Nach Auffassung des Vorstandes sind die Bestrebungen der gegnerischen Partei, an denen Sie sich thatsächlich betheiligt haben, als reichsfeindlich aufzufassen, und konnte Ihnen diese Auffassung auf keine Weise unbekannt sein. Sie werden deshalb ersucht, das in Ihrem Besitz befindliche Gewehr dem Vereinsdiener Jung zu überliefern. Sollten Sie sich bei der Entscheidung des Vorstandes nicht beruhigen wollen, steht Ihnen eine Berufung an die General- Versammlung des Kriegervereins frei. Im Auftrage des Vorstandes: M. Böttger, Präses." Man sieht hier wieder, was die Kriegervereine bedeuten; man sieht aber auch zugleich, daß ihnen gegenüber das Vereinsgesetz nicht in Anwendung kommt. Die Kriegervereine gebahren sich ganz offen und frei als politische Vereine, und dennoch treten sie miteinander in Verbindung, fassen gemeinsame Beschlüsse ec. trotzdem das Gesetz es verbietet. Heyer, 11. April. Den Parteigenossen allerorts zur Nach- richt, daß eingetretener Schwierigkeiten halber das Erscheinen des Blattes für den 19. sächsischen Wahlkreis sich noch um einige Zeit verzögert hat. Wir hoffen nunmehr, das Blatt bestimmt am 1. Juli erscheinen lassen zu können. Wir ersuchen jedoch, mit der größten Energie die so gewonnene Zeit zu benutzen und überall, wo nur immer möglich, Zeitungsvereine zu gründen und durch Zeichnung von freiwilligen und laufenden Beiträgen, sowie durch Entnahme von Antheilscheinen ä 3 Mark und aus sonstigen Quellen zu beschaffende Gelder das Kapital zusammen- zubringen, ohne das nun einmal nicht angefangen werden kann. Freunde! Ihr Alle seid gewiß von der Nothwendigkeit der Existenz eines eigenen Parteiorgans im Erzgebirge überzeugt, soll dasselbe aber wirklich in's Leben treten, dann müßt Ihr alle energisch Hand an's Werk legen., Für das Centtalcomitö: C. Temmler, Vorsitzender. Ernst Schletter, Schriftführer. — Der von den Sozialdemokraten, in Verbindung mit den Demokraten Holthoff, Payer und Retter und dem Dänen Kryger eingebrachte Gesetzentwurf zum Schutze der Wahlfrei heit hat folgenden Wortlaut: Der Reichstag wolle beschließen: 1) In ß 10 bc-r Wahlgesetzes für hen deutschen Reichstag vom 31. Mit 1869 das 2. Alinea zu streichen. 2) Dem tz 1 1 des Wahlgesetzes folgenden Zusatz zu geben: „Die Stimmzettel müssen bei der Wahlhandlung in einem unbeschriebenen Couvert übergeben werden. Jedem Wähler, der in die Wählerliste aufgenommen ist, muß vor Auflegung derselben(§ 8) ein zur Aufnahme des Stimm zettels bestimmtes Couvert zugestellt werden. Die Stimmzettel-Couverts müssen von starkem, undunksi sichtigem Papier angefertigt, mit dem Stempel des Wahl- kommissärs versehen und für jeden Wahlkreis völlig gleich artig beschaffen sein. Wähler, welche ein amtliches Stimmzettel-Couvcrt nicht erhalten haben, sind auf Reklamation durch die zuständige Behörde mit einem solchen zu versehen. Amtlich gestempelte Stimmzettel-Couverts sind am Wahl- tage innerhalb des Wahllokals für die Wähler in genü gender Anzahl vorräthig zu halten." 3) In§ 15 des Reglements zur Ausführung des Wahlgesetzes vom 28. Mai 1870 Alinea 2, 3 und 4 zu streichen und statt dessen zu setzen: „Der Wähler übergiebt, sobald der Protokollführer seinen Namen in der Wählerliste aufgefunden hat, das seinen Stimmzettel enthaltende amtliche Couvert zusammengefaltet, aber nicht verschlossen(zugeklebt, versiegelt zc.) dem Wahlvorsteher oder dessen Stellvertreter(§ 12 des Reglements), welcher dasselbe uncröffnct in das auf dem Tisch stehende Gefäß legt. Stimmzettel, welche sich nicht in einem amtlichen Couvert befinden, sowie Couverts, die außer dem amtlichen Stempel ein besonderes Kennzeichen tragen, oder solche Stimmzettel, die verschlossen(zugeklebt, versiegelt zc.) sind, hat der Wahlvorsteher zurückzuweisen." 4) In 8 16 des Wahlgesetzes hinter den Worten„Die Kosten" einzuschalten die Worte:„für die Stimmzcttelcouverts". 5) Dem 8 12 des Wahlgesetzes folgenden Zusatz zu geben: „Die Wahl findet an einem Sonntage statt." 6) Den 8 29 des Wahlreglements in seiner jetzigen Fassung zu beseitigen und durch folgende Bestimmung zu ersetzen: „Die engere Wahl findet am zweiten Sonntage nach der Ermittlung des Wahlresultats statt." 7) Nach dem 8 107 des Reichsstrafgesetzbuchs einen neuen 8 107» einzuschalten, folgendermaßen lautend: Wer einem Deutschen Geschenke oder andere Vortheile anbietet, verspricht oder gewährt oder Nachtheile androht, um ihn bei öffentlichen Angelegenheiten zur Abgabe seiner Wahlstimme in einem bestimmten Sinne zu veranlassen, wird mit Gefängniß nicht unter Einem Monat bestraft! Ausgenommen sind Hinweisungen auf die aus der Wahl und der Thätigket des Gewählten für die öffentlichen Angelegenheiten möglicherweise entspringenden Folgen, auch wenn diese die Verhältnisse des Einzelnen berühren. Macht sich ein Beamter oder, gegenüber den bei ihm in Arbeit stehenden Personen ein Arbeitgeber oder sein An- gestellter der in Abs. 1 bezeichneten Handlung schuldig, so wird er mit Gefängniß nicht unter drei Monaten bestraft. 8) Den Reichskanzler aufzufordern, dem Reichstag in der nächsten Session den Entwurf eines Gesetzes vorzulegen, welches den Umfang und die Zahl der Reichstagswahlkreise in Gemäßheit mit den Ergebnissen der letzten amtlichen Volkszählung regelt. Liebknecht, Holthoff, Payer, Retter. Most, Bebel, Fritzsche, Blos, Auer, Motteler, Bracke, Temmler, Rittinghausen, Kapell, Kryger. An die Parteigenossen im 18. und 19. hannoverschen WahlZicise. Tie hinter uns liegenden Reichstagswahlen werden jeden Partei- i genossen überzeugt haben, daß Wahlsiege ohne eine gute Organisation, welche ihrerseits wieder die erste Bedingung zu einer erfolgreichen Agi- lation ist, schwer, ja fast gar nicht zu erringen sind. Um über eint geeignete Organisation und Agitation schlüssig zu werden, lade ich dit Parteigenossen des 18. und 19. hannoverschen Wahlkreises und insbe- sondere aus den Orten Freiberg, Altenbruch, Neuhaus, Osten u. s. u> ein, sich am 29. April, Nachmittags 3 Uhr, bei Hrn. Knote in Ottern- dorf zu einer Versammlung einzufinden, da ich gerade an diesem Tage in Olterndorf anwesend sein werde. Mit sozialdemokratischem Gruß Philipp Krebs. An die Gesinnungsgenossen des Teltow-Beeskow-Starkowec Kreises. Hierdurch berufe ich auf Sonntag, den 29. April d. I., Vormittag- 11 Uhr, Berlin, Alexanderstraße 3 l, bei Vogel, eine Confrrenz ein, und hoffe ich, daß die Gesinnungsgenossen zahlreich erscheinen werden. Tagesordnung: 1) Der vom 27— 30. Mai stattfindende Congrec der deutschen Sozialdemokratie in Gotha. 2) Die Agitation im Teltower zc. Kreise. Mit sozialdemokratischem Gruße G. Dietzmann, Berlin HO., Waßmannstr. 6. Allgemeiner Arbeiter-Sängerbund. Der Ausschuß des Bundes besteht aus: 1. Emil Sauerteig, Buchhändler, Vorsitzender. 2. Emil Busch, Tischler, Stellvertreter d. Bors. 3. Emil Rüger, Schuhmacher, Kassirer. 4. Ernst Witzel, Cigarrenmacher. 5. Emil Wabst, Tischler. 6. Richard Spätzel, Lühograph. 7. Moritz Schneidler, Lackirer. Briefe sind zu richten an den Buchhändler Emil Sauerteig in Gotha, Gelder dagegen an den Schuhmacher Emil Rüger, Gotha, Schloßberg 2. Briefkasten der Redaktion H. F. in Preetz: Eine Schrift, welche die Ge< schichte der deutschen Fortschrittspartei behandelt, existirt, soviel wir wissen, nicht.„Eine Geschichte der politischen Parteien Deutschlands seit 1848 mit besonderer Berücksichtigung der Fortschrittspartei" zu schreiben,! ist nicht so leicht,� doch wir werden die Sache anregen.— W. H. in' Iserlohn: Der„Scnefelder Bund" erscheint in Nürnberg.— Bekannter! Anonymus in Berlin: Die Anmerkung zu„Ein Vorschlag" rührt nicht von der Redaktion, sondern von dem Verfasser des Artikels her.! Wir constaiiren gern, daß die„Berliner Freie Presse" weit mehr Abonnenten hat und Exemplare der„Neuen Welt" absetzt, als„6 bis! -8000", wie dort angegeben ist.— Quittung. Ktsky Wien Ab. 19,35. Arbeiterverein Halle Ann. 0,60. Frck Preetz Ab. 1,40. Expedition der„Fackel" hier Ab. 6,00.1 Brtrm hier Ab. 18,7S. Hmbrgr Wien Ab. 6,40. I. Wrgs Wien- Schr. 10,99. W. Knk Frankfurt Ab. 20,00. Hssnr Mainz Ab. 35 00. Hhn Bockenheim Ab. 7,30. Pfrtzschnr Hohenstein Ab. 45,00. Ullrch hier Ab. 1,30, Schr. 0,30. Hllr Breslau Ab. 0.50. Lnk hier Ab. 0,60. Schneidergewerkschaft hier Ann. 5,60. Schmdt Römerstadt Ab. 9,00,! Schr. 6,6r. Drp Verden Ab. 7,80. Schmdt Hannover Ab. 100,00.- Smn Coburg Ab. 8,00. Lmml Dresden Ab. 3,00. Jssjw Jena Porto 0,90. Hngr Rybnik Ab. 2,00. Allgemeiner deutscher Schneidcrvereiu. �'+0�' Montag, den 23. April, Abends 8 Uhr, im Thüringer Hof Versammlung. Tagesordnung: 1. Soziale Rundschau. Refer. Hr Eichler. 2. Besprechung über Einberufung künftiger öffentlicher Schneidcrversammlungen.(0,50 Gäste sind willkommen. D. B. Metallarbeiter-Gewerkschaft. -Vtl-pgiy. Sonnabend, den 21, April, Abends 8 Uhr: Versammlung. Täubchenweg und Kurze Straße Ecke, Restauration von I. Menzel. Tagesordnung: Diskussion über eingelaufene nnd zu stellende An- träge zur Haupt- und Generalversammlung. Gewerkschaftliche». Sonnabend, den 28. April: Berichterstattung der Commission über die neue Krankenkaffenstatuten-Vorlage. 2. Fortsetzung der vorigen Tagesordnung._____ Der Vorstand.[90 Soeben erschien: Skizzen und Studien zur französischen Revolutions-Geschichte. Einzelpreis ä 1 Mk., bei Bezug in Partien ä 75 Pfg. per Exemplar. � MM(3a) (2.70 Versendung gegen baar oder Postvorschuß. Braunschweig, den 15. April 1877. W. Bracke jun. Soeben erschien und ist durch uns zu beziehen: Hin photograpyisches Havleau eine Eiche darstellend, in deren Stamm sich die Portrait» von Lassalle, Marx und Jacoby befinden, die 12 sozialistischen Reichstagsabgeord- ncten sind in den Aesten derselben angebracht. Der untere Theil ist auf das sinnreichste ausgestattet. Das Ganze giebt eine prachtvolle Zimmcrzierde. Angefertigt vom Parteigenossen K. P. ReiuderS in Breslau. Preis pro Exemplar 1 Mark 50 Pfg. Schlesische Volksbuchhandlung. H. Zimmer& Co.(450 Breslau, Schuhbrücke 42 I. Durch unS ist zu beziehen: Allgemeine Theorie der Bewegung und Kraft als Grundlage der Physik und Chemie. Von Friedrich Mohr. Gr.-Oktav. 144 Seiten. Preis pr. Expl. 2,50 M. _______ Buchhandlung des„Vorwärts". EleganteEinbanddecken «gen baar oder Nachnahme(excl. Port») durch Jause«, Leipzig, Universitätsstraße 16, zu für die„Neue Welt" sind a Stück M. 1,20 die Buchbinderei von s beziehen. Colporteure und Filialexpeditiouen erhalten bei Partie- bezug entsprechenden Rabatt.[360 Es empfiehlt sich bei Einzelbezug Einsendung von Briefmarken. L-rantwonltcher Redakteur: W. Hasenclever n Leipzig. Redaktton und Erptdittou Firberstraßc 12/ll. m Leipzig. Druck und Verla, der Genoffrnschattsbuchdruckern nt Lech»,»