art es erscheint in Leipzig � Mittwoch, Freitag, Sonntag. Abonncmcntsvrcis für ganz Teutschland 1 M. SO Ps. k-ro Quartal. Monats- Abonnements werden bei allen deutschen Postanstalten aus den 2. und 3. Monat, und auf den S.Monat besonder s'angenommen � im Königr. Sachsen und Herzoglh. Sachsen- Altenburg auch aus den neu Monat des Quartals k 54 Psg. Jnscratr betr. Versammlungen rr. Betitzeile lo Bf., betr. Priratangelegenhciten und Feste pro Perirzeile so Pf. orwar ZZtstellungen nebmen an alle Postanftalten und Buch» Handlungen des In- u. Auslandes. Filial- Expeditione». Ncw-Norl: Soz.- demolr. Benosim- schastsbuchdruilerci, 154 bllckrlüs« �lr. Philadelphia: P. Haß, SSV North Zra Street. I. Voll, 112» Charlotte Str. Hobolcn: F. A. Sorge. Chicago: A.Lansermann, 74 Oxdonrne San Franziico: F. lbnh, 418 O'Narrell Street. London: Beuditz, 5 Nassau Street, dliälllesea biospilal. Hcntrat Hrgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 49. g-| Abonnements aus den„Vorwärts" sür Monat Mai u. Juni zu M. 1. 10. werden bei allen deutschen Postanstalten, für Leipzig pro Monat zu 60 Pf. bei der Expedition, Färberstr. 12 Ii, unserm Colporteur Moritz Ulrich, Südstr. 12, in den Filialen: Cigarrenladen des Hrn. Peter Krebs, Ulrichsg. 60, und Sattlerwerkst, am Königs- platz 7; für die Umgegend von Leipzig bei den Filialexpeditionen: für �»kkmarsdorf, Reudnitz, Meuschönefetd w. bei Frau Engel, Reudnitz, Täubchenweg 29, 2 Tr., für(Sonnewitz:c. bei Hackert, Kurze Str. 10 part., für Kkeinzfchocher u. Umgegend bei Fleischer, Schloßg. 13 das., für Thonberg bei Kirsten, Hauptstr. 7, für Zleureudnitz bei Zschau, 15 I, für �tagwitz» Lindenau bei Frau Gräfenstein, Aurelienstr. 3, für chohtis:c. bei A. Herms- dorf, Lindcnthalcr Str. 7, für Stötteritz bei Grude, An der Papiermühle, angenommen. Für Rerlin wird auf den„Vorwärts" monatlich für 75 Pf., frei in's Hans abonnirt, bei der Expedition der„Berliner Freien Presse", Kaiser-Franz-Grenadier-Platz 8», und bei Rubenow, Brunnenstr. 34, im Laden. Das Arbeiterschutzgesetz im Reichstag. ii. Von kleinlichen Mäkeleien abgesehen, wurden gegen den Ent- Wurf der sozialistischen Abgeordneten eigentlich nur drei Ein- Wendungen erhoben. Er habe einen polizeilichen Charakter, bringe die Polizei überall hin, meinte der Abgeordnete Lasker, der seit anderthalb Dezennien Jahraus Jahrein dem Polizeistaat lustig die Steuern bewilligt, und jeden Angriff auf besagten Polizeistaat— der je nach Bedarf„Preußen" oder„Deutsches Reich" heißt— als un- patriotisch denunzirt. Es ist wahr, der Entwurf stellt Industrie und Gewerbe unter strenge Controle— und daß in dem Ent- wurf das Wort Polizei nicht ausgesprochen ist, ändert nichts an der Sache. Aber ist denn eine Controle an sich deshalb zu verurtheilen, weil die Polizei in Deutschland keinen guten Namen hat? Wie man das Ding nennt, ist sehr gleichgültig. Fest steht, daß ohne Polizei Staat und Gesellschaft nicht be- stehen können; wenn die Polizei bei uns in Mißkredit ist, so liegt dies darin, daß die Polizei ihrem einzigen berechtigten Zweck: für die Sicherheit und Wohlfahrt des Volkes zu sorgen (Sicherheitspolizei, Gesundhcitspolizei) ganz oder theilweise ab- wendig gemacht, und in ein Werkzeug der politischen Bevor- mundung verwandelt worden ist. In London gicbt es verhält- nißmäßig mehr Polizeidiencr(Constabler) als in Berlin, und doch ist die Polizei in London ebenso gern gesehen, wie in Berlin ungern. Grund: in London ist die Polizei fast ausschließlich Sicherheits- und Wohlfahrtspolizei, welche sich im Ganzen wohl hütet, ihre Nase in Dinge zu stecken, welche dem Beruf der Poli- zei eigentlich fern liegen. Was nun den Entwurf betrifft, so wird die Controle, welche er heischt, in die Hände von Beamten gelegt, die entweder(Gc- Werbegerichte und Gewerbekammern) aus allgemeinen direkten Wahlen hervorgegangen, oder(Fabnkinspcktoren) von einer Be- Hörde(Gesundheilsamt) gewählt sind, die absolut keinen poli- tischen Charakter hat, und der das Bestreben, das Fabrikinspek- torat zu einer politischen Polizei zu machen, einfach nicht zuzu- trauen ist. Und dann ist ja bekannt, daß gerade die Berufs- klaffe, welche im Reichsgcsundheitsamt vertreten ist, durchschnittlich sich durch politische Unabhängigkeit und durch Humanität, wahre werkthätige Menschenliebe sich auszeichnet. Ueberdies hat der Entwurf Sorge getragen, die Fabrikinspektoren ökonomisch so zu stellen, daß sie nicht nach Gunst oder Ungunst der herrschenden Personen und Klaffen zu fragen haben. Ein anderer Vorwurf ist: das Arbeiterschutzgesetz sei par- teiisch— es berücksichtige einseitig die Interessen der Arbeiter — kümmere sich aber nicht um bieder Arbeitgeber, und sün- dige gegen das sozialistische Prinzip: Gleiches Recht für Alle. Der Vorwurf entbehrt aller und jeder Begründung; die Wahlen zu den Gewerbekammern und-Gerichten sind für Arbeiter und Arbeitgebeber vollkommen gleich, und bei sämmtlichcn die Ar- beiter und Arbeitgeber betreffenden Bestimmungen ist in pe- nibelster Weise darauf gesehen worden, für beide Klaffen abso- lute Gleichheit der Rechte und Pflichten herzustellen. Wer das Gegentheil behauptet, hat unseren Entwurf nicht gelesen, oder die Ungerechtigkeit des heutigen Klasscnstaats ist ihm so zur andern Natur geworden, daß er es unwillkürlich alseine Un- erechtigkeit gegen den Arbeitgeber betrachtet, wenn iesem keine Vorrechte vor dem Arbeiter eingeräumt werden. Nicht minder hinfällig ist der dritte Einwurf: wir hätten nicht genügend zwischen Fabriken und Werkstätten, zwischen Großindustrie und Kleingewerbe unterschieden. Die Verfasser des Arbeiterschutzgesetzes wollten eine solche Unterscheidung nicht. Ter Fehler der englischen Fabrikgesetzgebung besteht'ge- rabc darin, daß sie zwischen Fabriken und Werkstätten, und zwi- scheu den verschiedenen Fabrikationszweigen unterscheidet. Jetzt ist man bemüht, diesem Mangel durch Consolidation(Verschmelz- lung und Vervollständigung! der verschiedenen Fabrikgesetze einigermaßen abzuhelfen. Unsere Abgeordneten durften die dort begangenen Fehler nicht nachmachen, sondern hatten sie zu ver- meiden. Und das haben sie qethan. Was die Gleichstellung von Fabriken und Werkstätten angeht, so ist zu bemerken, daß die Hauptubel' gegen welche das Arbciterschutzgesetz sich richtet— Ichiechte Behandlung, ungesunde Arbeitsräume, Ueberarbeitung, Sonntagsarbeit u. s. w.— der Werkstattarbeit gerade so gut ankleben wie der Fabrikarbeit. Man würde sogar gern auch die Hausindustrie direkt in den Bereich des Gesetzes gezogen haben, allein es erwies sich als unthunlich, weil eine Controle Freitag, 27. April. der Hausindnstrie einen zu kolossalen Ueberwachungsapparat er- fordern würde. Noch Eins. Von mehreren Rednern der Gegenparteien, ja selbst von dein Hrn. Präsidenten des Reichskanzlcramtes wurde bemerkt, die sozialdemokratischen Abgeordneten hätten durch Ein- bringung des Arbeiterschutzgesetzes sozusagen mit ihrer Ver- gangenheit gebrochen und sich auf den Boden des, bisher von ihnen perhorreszirten(verworfenen) Parlamentarismus begeben. Ein wunderlicher Jrrthum das— ein Jrrthum, der wieder ein- mal die krasse Unwissenheit unserer Gegner in Bezug auf Wesen und Geschichte der Sozialdemokratie verräth. Schon im ersten (norddeutschen) Reichstag haben unsere Vertreter sich durch selbst- ständige Anträge an der Gesetzgebung berheiligt, und namentlich war dies der Fall bei Berathung der Gewerbeordnung zu der das Arbeiterschutzgesetz eine Novelle(neu eingefügte gesctz- liche Bestimmungen) bildet. Wir haben also in diqem Jahr nur fortgesetzt, was vor 9 Jahren von uns begonnen wurde. Wenn das Schutzgesetz umfangreicher ist als die bisherigen An- träge und Amendements der sozialistischen Abgeordneten, so liegt das in der Massenhaftigkeit des Stoffs und dem großen Um- fang des Gcbietesj, welches der Entwurf zu umfassen hatte. Wir sind und bleiben was wir waren. Unwandelbar im Prinzip, das letzte Ziel nie aus den Augen verlierend, werden wir im Reichstag, wie außerhalb des Reichstags für jede Maß- regel im Interesse des arbeitenden Völkes eintreten, und geeig- neten Falls die Initiative ergreifen. Das ist nicht nur nicht im Widerspruch mit unserem Parteiprogramm, nein, es ist aus- drücklich in demselben vorgeschrieben. Und hätten die Herren, die mit erstaunten Gesichtern unser gesetzgeberisches Vorgehen als etwas funkelnagelneues bezeichneten, sich die Mühe genommen, unser Parteiprogramm zu lesen, so würden sie gefunden haben, daß das Arbeiterschutzgesetz eigentlich nur die in den Be- reich der Gewerbeordnung fallenoen Punkte des letzten Theils unseres Parteiprogramms sormulirt und präcisirt hat. Sie hätten sich dann dieses klassische Zeugniß ihrer politischen Jgno- ranz und Unreife erspart. Wir sagen mit Bedacht: Unreife; die soziale Frage ist die Frage der Gegenwart, um sie drehen sich alle übrigen Fragen, und wer von der sozialen Frage und den Bestrebungen, sie zu lösen, in erster Linie der sozialistischen Bewegung, nichts weiß, dem muß das Ehrenrecht der politischen Mündigkeit aberkannt werden.I Genug; auf dem Boden des Gesetzes und der Gesetzgebung werden wir nach wie vor den durch unser Parteiprogramm vor- gezeichneten Weg wandeln. Wer mitgeht, ist uns als Freund willkommen; wer uns entgegentritt, ist uns als Feind willkommen — wir werden stets am Posten sein. Der Kamps um die materiellen Interessen, besonders dann, wenn es sich darum handelt, welche Spezies der Besitzenden den Löwenantheil an dem sogenannten National- Reichthum davon tragen soll, entfesselt in kostbarster Weise die Zungen der betreffenden Streiter und sie plaudern in der Hitze des Gefechts Dinge heraus, die sie aus politischen Klugheits- rücksichten jahrelang verschwiegen haben. Im dem Kampfe der Schutzzöllner und Freihändler, der am Sonnabend und Montag in dem deutschen Reichstagsgebäude tobte, sind allerlei„Geheim- nisse" zu Tage gekommen, die man eine„zu späte Erkenntniß" nennen möchte, wenn man nicht wüßte, daß die betreffenden Herren Reichsboten nicht zur Erkenntniß kommen wollten. Es standen die Vertreter der Großindustrie und der Reaktion, soweit die letztere nicht den Grundbesitz vertritt, den Vertretern des Liberalismus, der Handelswelt und der Reaktion, soweit sie den Grundbesitz vertritt, entgegen— also Großindustrie auf der einen, Handel und Grundbesitz auf der andern Seite. Es handelte sich nämlich um eine Ausgleichsabgabc, die besonders Frankreich gegenüber auf Eisen erhoben werden soll, da Frankreich sich nicht entschließen kann, jetzt schon dem Freihandel Thür und Thor völlig zu öffnen. Der Abgeordnete Löwe(Schutzzöllner) nannte den Bescheid der französischen Regierung, den dieselbe auf eine Anftaae beut- scherscits ertheilt habe,„hohnvoll", und gebehrdete sich oerartig chauvinisttsch, daß er von dem vorsichtigen Minister Camphausen abgekühlt werden mußte, der ihm einen„kalten Wasserstrahl" zusandte, indem er die französische Antwort als nicht hohnvoll bezeichnete. Doch dies nur nebenbei. Wir wollen jetzt einige Aeußerungen von schutzzöllnerischer und von freihändlerischer Seite hervorheben, die unsere oben ausgesprochene Ansicht bestätigen werden. Bleiben wir zunächst bei dem schutzzöllnerischen Abgeordneten Dr. Löwe(Salbe); derselbe sagte wörtlich: „Wir leiden jetzt an dem Rückschlag der großen wirthschaft- lichen Opfer, die ein Krieg und die unser ganzes Militär- system gerade in den niederen Klassen mit sich bringt. Dieser Vermögensverlust und die daraus resultirende Consumtions- Unfähigkeit ist die wesentliche Grundlage zu der Kalamität." Bravo! Das hätte auch ebenso gut ein Sozialist sagen können, und das hat einer unserer Vertreter bei der Militär- gesetzdebatte 1874 in ähnlicher Weise gesagt. Nur ist noch zu berücksichtigen, daß als ein weiterer Hauptgrund der„Milliarden- fegen" und die Ueberproduktion hinzukommt. Aber wie steht denn sonst dieser selbe Abgeordnete Dr. Löwe, weiland Demokrat, zu dem Militärsystem, welches mithilft, die große Roth gerade unter den niederen Klassen zu erzeugen? Antwort: Der Abgeordnete Löwe hat für die siebenjährige Dauer der ungeheuren Präsenzstärke des deutschen Heeres, er bat ferner für das Landsturmgesetz gestimmt— daraus ersteht man, was obige Phrase bei einer Zolldebatte im Reichs- tage für Werth hat. 1877. Greifen wir nun einen Freihändler, den nationalliberalen Professor und Sozialistenfresser Dr. Treitschke heraus. Der- selbe sagte auf eine Bemerkung des Finanzministers Camphausen folgendes: „Leid thut es mir auftichtig, daß unsere neuen Landsleute in Elsaß-Lothringen unter dem gegenwärtigen Zustande allerdings besonders leiden. Das ist der relativ beste Entschuldigungsgrund, den man für das Verfahren des Herrn Ministers Camphausen gelten lassen kann. Es ist nur menschlich, daß man die Verhältnisse dieser neuen Provinzen so sehr als möglich zu berücksichtigen sucht. Aber, fragen Sie, meine Herren, werden diese Verhältnisse sich ernstlich bessern, so muß ich leider mit Nein antworten. Der eigentliche Grund der wirthschaftlichen Uebel dort liegt in einer Thatsachc, die ich bei aller treuen Freundschaft für die Elsaß-Lothringer in keiner Weise aus der Welt schaffen möchte, in der Eroberung des Landes. Durch die Annexion, durch die Eroberung sind unzählige alte Handelsverbindungen zerrissen, ist das Land gezwungen worden, sich einen neuen Markt zu suchen. Die ungeheuren Schwierigkeiten dieses Uebergangszustandes können und wollen wir nicht beseittgen, wir müßten oenn das Land an Frankreich zurückgeben und davon kann keine Rede sein." Was war das für ein Jubel unter den„Patrioten" Deutsch- lands, als die Annexion von Elsaß-Lothringen vollzogen wurde! Treitschke voran verkündigten diese Herren das Glück Deutschlands, sie verkündigten das Heil von Elsaß-Lothringen, welches der bösen Stiefmutter abgenommen und der echten Mutter zurück- gegeben wurde, in hundertstimmigem Freudengeschrei— und jetzt? Treitschke selbst sagt, daß das wirthschaftliche Elend in Elsaß- Lothringen, daß die Roth im Volke hauptsächlich durch die Annexion entstanden sei. Ein wahrhast niederschmetterndes Gcständniß! Völkerglück steht dem Ruhme nach, welcher durch die Macht um einzelne Häupter gewunden wird! O, Treitschke, hättest du geschwiegen. Doch Treitschke schwieg nicht, sondern er hat noch' mehr aus- geplaudert: „Wie stehen wir heute, meine Herren, wohin ist die alte schöne Eintracht gekommen, die nach den Siegen des letzten Krieges die große Mehrheit unseres Volkes belebte? Es ist ja kein Wunder und ich klage es nicht an, daß ja die Stimmung jener großen Tage längst der Werktagsstimmung Platz gemacht hat, das aber habe ich nicht erwartet, daß sobald wieder in dem befreiten und geeinigtcn Teutschland lebendig werden würde der Krieg Aller gegen Alle, der unser Unglück war Jahrhunderte hindurch. Hüten Sie sich davor, das zerrissene Deutschland auch noch mit dem entfesselten Kampf selbstsüchttger Interessen unglücklich zu machen." Dies nationalliberale Gejammer, daß alle Prophezeiungen vom wieder auferstandenen deutschen Reich in's Wasser gefallen sind, daß die Eintracht zum Teufel ist, daß wir ein zerrissenes Deutschland haben— dies Gejammer, von einer ihrer Koryphäen vorgetragen, klingt gar ergötzlich. Wo ist der starke Held, der mit seiner gewaltigen Hand das Einheitsband um die deutschen Völker geschmiedet hat, wo ist der größte Staatsmann plötzlich geblieben? Weshalb wird das Weihraucbfaß nicht mehr ge- schwungen von den Treitschke'schcn Händen? Nnn? Weil der Jnteressenkampf die Zunge gelöst hat! Hätte das Interesse der Hintermänner des Herrn Treitschke es erfor- dert, so hätte der geehrte Volksvertreter von einem einigen und nicht von einem zerrissenen Deutschland gesprochen. Aber bezeichnend ist es, daß die Anarchie unter den„Reichs- freunden" schon derartig zu Tage tritt, daß einzelne derselben sich nicht scheuen, von der Tribüne des Reichstags schnöder In- teressen-Halber„die Herrlichkeit des deutschen Reiches" fortzu- diskutiren. So haben wir in den vorgeführten Reichstagsplaudcreien zweier parlamentarischen Größen ein Spiegelbild der Zustände deutschen Reiches— Elend und Zerrissenheit trotz aller pomp- haften Phrasen von deutscher Größe und Macht. Möge das Volk selbst erwachen, möge es auf dem Wege der Freiheit und des Rechtes erst jene Phrasen zur Wahrheit machen! Herrn Eugen Dnhring's Umwälzung der Philosophie. Von Friedrich Engels. XII. „Der erste und wichttgste Satz über die logischen Grund- elgenschaften des Sems bezieht sich auf den Ausschluß des Widerspruchs. Das Widersprechende ist eine Kategorie, die nur der Gedankmcombination, aber keiner Wirklichkeit angehören kann. In den Dingen sind keine Widersprüche, oder, mit andern Worten, der real gesetzte Widerspruch ist selbst der Gipfelpunkt des Widcrsinns.... Der Antagonismus von Kräften, die sich in entgegenge;etzter Richtung an einander messen, ist sogar die Gsuudform aller Aktionen im Dasein der Welt und ihrer Wesen. Dieser Widerstreit der Kräfterichtungen der Elemente und der Individuen fällt aber nicht im Entferntesten mit dem Gedanken von Widerspruchsabsurditäten zusammen... Hier können wir zufrieden sein, die Nebel, die aus vermeintlichen Mysterien der rüt aufzusteigen pflegen, durch ein klares Bild von der wirk- uchen Absurdität des realen Widerspruchs aufgelöst, und die Nutzloflgkeit des Weihrauchs dargetban zu haben, welche man für die der antagonistischen Weltschematik untergeschobene und recht plump geschnitzte Holzpuppe von Widerspruchsdial«ktik hier und da verschwendet hat."— Dies ist so ziemlich Alles, was in dem Cursus der Philosophie über Dialektik gesagt wird. In der kritischen Geschichte dagegen wird die Widerspruchsdialektik, und mit ihr namentlich Hegel, ganz anders mitgenommen.„Das Widersprechende ist nämlich nach der Hegelschen Logik oder viel- mehr Logoslehre nicht etwa in dem seiner Ztatnr nach nicht anders als subjektiv und bewußt vorzustellenden Denken, sondern in den Dingen und Borgängen selbst objektiv vorhanden und sozusagen leibhaft anzutreffen, so daß der Widersinn nicht eine unmögliche Combination des Gedankens bleibt, sondern eine thatsächliche Macht wird. Die Wirklichkeit des Absurden ist der erste Glaubensartikel der Hegelschen Einheit von Logik und Un- logik.... Je widersprechender, desto wahrer, oder mit andern Worten, je absurder, desto glaublicher, diese nicht einmal neu erfundene, sondern der Offenbarungstheologie und der Mystik entlehnte Maxime ist der nackte Ausdruck des sogenannteu dia- lektischen Prinzips." Der Gedankeninhalt der beiden angeführten Stellen faßt sich in dem Satz zusammen, daß Widerspruch— Widersinn ist, und daher in der wirklichen Welt nicht vorkommen kann. Dieser Satz mag für Leute von sonst ziemlich gesundem Menschenver- stand dieselbe selbstverständliche Geltung haben wie der, daß gerade nicht krumm, und krumm nicht gerade sein kann. Aber die Differentialrechnung setzt, ungeachtet aller Proteste des ge- sunden Menschenverstandes, Gerade und Krumm unter gewiffen Umständen dennoch gleich und erreicht damit Erfolge, die der auf den Widersinn der Identität von Gerade und Krumm sich steifende gesunde Menschenverstand nie fertig bringt. Und nach der be- deutenden Rolle, die die sogenannte Widerspruchsdialektik in der Philosophie von den ältesten Griechen an bis jetzt gespielt hat, wäre selbst ein stärkerer Gegner als Herr Dühring verpflichtet gewesen, ihr mit andern Argumenten entgegen zu treten, als mit Einer Behauptung und vielen Schimpfwörtern. Solange wir die Dinge als ruhende und leblose, jedes für sich, neben und nacheinander, betrachten, stoßen wir allerdings auf keine Widersprüche an ihnen. Wir finden da gewisse Eigen- schaften, die theils gemeinsam, theils verschieden, ja einander widersprechend, aber in diesem Fall auf verschiedene Dinge ver- theilt sind und also keinen Widerspruch in sich enthalten. Soweit dies Gebiet der Betrachtung ausreicht, soweit kommen wir auch mit der gewöhnlichen metaphysischen Denkweise aus. Aber ganz anders, sobald wir die Dinge in ihrer Bewegung, ihrer Ber- änderung, ihrem Leben, in ihrer wechselseitigen Einwirkung auf einander betrachten. Da gerathen wir sofort in Widersprüche. Die Bewegung selbst ist ein Widerspruch; sogar schon die einfache mechanische Ortsbewegung kann sich nur dadurch vollziehen, daß ein Körper in einem und demselben Zeitmoment an einem Ort und zugleich an einem andern Ort, an einem und dem- selben Ort und nicht an ihm ist. Und die fortwährende Setzung und gleichzeitige Lösung dieses Widerspruchs ist eben die Be- wegung. Hier haben wir also einen Widerspruch, der„in den Dingen und Vorgängen selbst objektiv vorhanden und sozusagen leibhaft anzutreffen ist". Und was sagt Herr Dühring dazu? Er be- hauptet, es gebe überhaupt bis jetzt„in der rationellen Mechanik keine Brücke zwischen dem streng Statischen und dem Dynami- scheu". Der Leser merkt jetzt endlich, was hinter dieser Lieb- lingsphrase des Herrn Dühring steckt; weiter nichts als dies: der metaphysisch denkende Verstand kann absolut nicht vom Ge- danken der Ruhe zu dem der Bewegung kommen, weil ihm hier obiger Widerspruch den Weg versperrt. Für ihn ist die Be- wegung, weil ein Widerspruch, rein unbegreiflich. Und indem er die Unbegreiflichkeit der Bewegung behauptet, giebt er selbst die Existenz dieses Widerspruchs wider Willen zu, giebt also zu, daß es einen in den Dingen und Vorgängen selbst objektiv vor- handenen Widerspruch giebt, der zudem eine thatsächliche Macht ist. Wenn schon die einfache mechanische Ortsbewegung einen Widerspruch in sich enthält, so noch mehr die höheren Bewe- gungsformen der Materie und ganz besonders das organische Leben und seine Entwicklung. Wir sahen schon oben, daß das Leben gerade vor Allem darin besteht, daß ein Wesen in jedem Augenblick dasselbe und doch ein Anderes ist. Das Leben ist also ebenfalls ein in den Dingen und Borgängen selbst vor- handener, sich stets setzender und lösender Widerspruch; und so- bald der Widerspruch aufhört, hört auch das Leben auf, der Tod tritt ein. Ebenso sahen wir, wie auch auf dem Gebiet des Denkens wir den Widersprüchen nicht entgehen können, und wie z. B. der Widerspruch zwischen dem innerlich unbegränzten menschlichen Erkenntnißvermögen und seinem wirklichen Dasein in lauter äußerlich beschränkten und beschränkt erkennenden Men- scheu sich löst in der, für uns wenigstens praktisch endlosen Ans- einanderfolge der Geschlechter, im unendlichen Progreß. Wir erwähnten schon, daß die höhere Mathematik den Wider- spruch, daß Gerad und Krumm unter Umständen dasselbe sein sollen, zu einer ihrer Hauptgrundlagen hat. Sie bringt den Em englisches Programm. (Fortstzung.) Bestimmungen um Land und Hauseigenthum zu nationalisiren. Erste Stufe des Fortschritts. Forderungen der Gegenwart. 1. Das Gesetz der Primogenitur und Erbfolge ist abgeschafft. 2. Alles Land- und Hauseigenthum wird unter die Ver- waltuna des Staates gestellt. 3. Die jetzigen Grundeigenthümer werden expropriirt und erhalten eine billige Entschädigung, entweder durch Bezahlung seitens des Staates oder durch Kauf seitens der Pächter. 4. Die Pächter erhalten ein Recht, sich von den jetzigen Eigenthümern zu befreien, indem sie für eine Dauer von 25 Jahren Ablösungsrenten zahlen. 5. Solche Ablösungsrenten beginnen mit einem Abzug von einem Viertel von den gegenwärtig für Grund- und Hauseigen- thum gezahlten Zinsen. S. Pächter unter staatlicher Verwaltung zahlen an die Re- gierung eine Landsteuer, von 10 Proz. vom Werth der Produkte und für Häuser von 20 Proz. von allen an Unterpächter wieder vermietheten Wirthschaftsgebäuden. 7. Kein Pächter, sei es von Land- oder Hauseigenthum, darf mehr als eine Pacht erhalten. 8. Die Güter sollen von mäßigem und gleichmäßigem Umfang sein; das größte 100 Acres nicht überschreiten. 9. Große Häuser werden vom Staat in mehreren Abtheilungen vermiethet. 10. Das Untervermiethen und Unterabtheilen von Gütern des gewöhnlichen Umfangs ist verboten. 11. Die Dauer der Landpachtung wird zugesichert unter der Bedingung zufriedenstellender Bewirthschaftung. 12. Erlaubniß, Pachtrecht zu übertragen oder zu verkaufen, wird gewährt gegen Bezahlung einer mäßigen Uebertragungs- steuer an die Regierung. 13. Im Falle des Todes des Inhabers hat die Wittwe oder eins der Kinder des Verstorbenen das Vorrecht auf die Pacht. 'andern Widerspruch fertig, daß Linien, die sich vor unseren Augen schneiden, dennoch schon fünf bis sechs Centimeter von ihrem Schneidepunkt als parallel, als solche gelten sollen, die sich selbst bei unendlicher Verlängerung nicht schneiden können. Und dennoch bringt sie mit diesen und mit noch weit stärkeren Widersprüchen nicht nur richtige, sondern auch für die niedere Mathematik ganz unerreichbare Resultate zu Stande. Aber auch schon in dieser letzteren wimmelt es von Wider- sprüchen. Es ist z. B. ein Widerspruch, daß eine Wurzel von A eine Potenz von A sein soll, und doch ist AT= yXT Es ist ein Widerspruch, daß eine negative Größe das Quadrat von etwas sein soll, denn jede negative Größe, mit sich selbst mul- tiplizirt, gibt ein positives Quadrat. Die Quadratwurzel aus Minus Eins ist daher nicht nur ein Widerspruch, sondern sogar ein absurder Widerspruch, ein wirklicher Widersinn. Und dennoch ist V—i eig in vielen Fällen nothwendiges Resultat richtiger mathematischer Operationen; ja, noch mehr, wo wäre die Ma- thematik, niedere wie höhere, wenn ihr verboten würde, mit zu operiren! Die Mathematik selbst betritt mit der Behandlung der ver- änderlichen Größen das dialektische Gebiet, und bezeichnender Weise ist es ein dialektischer Philosoph, Descartes, der diesen Fortschritt in sie eingeführt hat. Wie die Mathematik der ver- änderlichen sich zu der der unveränderlichen Größen verhält, jso verhält sich überhaupt dialektisches Denken zu metaphysischem. Was durchaus nicht verhindert, daß die große Menge der Ma- thematiker die Dialektik nur auf matheniatischem Gebiet aner- kennt, und daß es genug unter ihnen gibt, die mit den auf dialektischem Weg gewonnenen Methoden ganz in der alten, be- schränkten, metaphysischen Weise weiter operiren. Auf Herrn Dühriug's Antagonismus von Kräften und seine antagonistische Weltschematik näher einzugehn, wäre nur dann möglich, wenn er uns etwas mehr über dies Thema gegeben hätte als— die bloße Phrase. Nachdem er diese fertig ge- bracht, wird uns dieser Antagonismus weder in der Weltschematik noch in der Naturphilosophie ein einziges Mal wirkend vor- geführt— das beste Eingeständniß, daß Herr Dühring mit dieser„Grundform aller Aktionen im Dasein der Welt und ihrer Wesen" absolut nichts Positives anzufangen weiß. Wenn man in der That Hegel's„Lehre vom Wesen" bis auf die Plattheit von in entgegengesetzter Richtung, aber nicht in Widersprüchen, sich bewegenden Kräften heruntergebracht hat, so thut man aller- dings am besten, jeder Anwendung dieses Gemeinplatzes aus dem Wege zu zehn. Den weiteren Anhaltspunkt für Herrn Dühring, um seinem autidialektischen Zorn Luft zu machen, bietet ihm Marx'„Kapital". „Mangel an natürlicher und verständlicher Logik, durch welchen sich die dialektischkrausenBerschlingungen und Vorstellungsarabesken auszeichnen.... schon auf den bereits vorhandenen Theil muß man das Prinzip anwenden, daß in einer gewissen Hinsicht und auch überhaupt(!) nach einem bekannten philosophischen Borur- theil Alles in Jedem und Jedes in Allem zu suchen, und daß dieser Misch- und Mißvorstellung zufolge schließlich Alles Eins sei." Diese seine Einsicht in das bekannte philosophische Vor- urtheil befähigt denn auch Herrn Dühring, mit Sicherheit vor- auszusagen, was das„Ende" des Marx'schen ökonomischen Phi- losophirens, also was der Inhalt der folgenden Bände des „Kapitals" sein wird, genau sieben Zeilen nachdem er erklärt hat, es sei„jedoch wirklich nicht abzusehn, was, menschlich und deutsch geredet, eigentlich in den zwei(letzten) Bänden noch folgen soll." Es ist indeß nicht das erste Mal, daß die Schriften des Herrn Dühring sich uns erweisen als gehörig zu den„Dingen", in denen„das Widersprechende objektiv vorhanden und sozusagen leibhaft anzutreffen? ist. Was ihn durchaus nicht hindert, sieg- reich fortzufahren:„Doch die gesunde Logik wird über ihre Karikatur voraussichtlich triumphiren... Das Vornehmthun und der dialektische Geheimnißkram werden Niemanden, der noch ein wenig gesundes Urtheil übrig hat, anreizen, sich mit den Un- förmlichkeiten der Gedanken und des Styls... einzulassen. Mit dem Absterben der letzten Reste der dialektischen Thorheiten wird dieses Mittel der Düpirung... seinen trügerischen Einfluß ver- lieren, und Niemand wird mehr glauben sich abquälen zu müssen, um dort hinter eine tiefe Weisheit zu kommen, wo der gesäuberte Kern der krausen Dinge im besten Fall die Züge gewöhnlicher Theorieen, wo nicht gar von Gemeinplätzen zeigt... Es ist ganz unmöglich, die(Marx'schen) Verschtingungen nach Maßgabe der Logoslehre wiederzugeben, ohne die gesunde Logik zu pro- stituiren." Marx' Methode bestehe darin,„dialektische Wunder für seine Gläubigen herzurichten", und so weiter. Wir haben es hier noch durchaus nicht mit der Richsigkeit oder Unrichtigkeit der ökonomischen Resultate der Marx'schen Untersuchung zu thim, sondern nur mit der von Marx ange- 14. Der Pächter muß das Haus, oder einen Theil desselben, persönlich bewohnen. 15. Alles Land- und Hauseigenthum unterliegt alle 10 Jahre einer Schätzung. 16. Alle sich darum bewerbenden Landarbeiter werden auf nationale Landgüter angesiedelt. 17. Alle anderen Landarbeiter, welche keine Lust haben, Güter vom Staat zu pachten, haben, wenn verheirathet, Anspruch auf ein nettes Häuschen mit 2 Acres Land. 18. Alle Personen, welche bisher theilweise auf den Gemeinde- weiden Landwirthschaft getrieben, haben Anspruch darauf, auf den nationalen Landgütern angesiedelt zu werden. 19. Arbeiter und Handelsleute in Städten und Dörfern haben den ersten Anspruch, Hausverwalter unter staatlicher Aufsicht zu werden. 20. Jeder verheirathete Arbeiter, dessen Wohnung oder Be- schäftigung auf dem oder nahe am Lande ist, hat Anspruch auf einen Acre Land zu nützlicher Bewirthschaftung. 21. Für die Unbeschäftigten werden freie Ackerbau-Colonicn gegründet. 22. Die körpertaugliche Armen-Bevölkerung wird nach Acker- bau-Colonien übersiedelt. 23. Alles Oede- und Gemeindeland wird unter staatliche Verwaltung gestellt. 24. Eine Reichs-, Land- und Eigenthums-Bank wird ge- gründet. 25. Durch Parlamentsakte wird den Edelleuten und Mit- gliedern des Landadels, welche ihrem gegenwärtigen Besitzrecht freiwillig entsagen und ihr Land dem Staat zur Bertheilung übergeben, eine Geldentschädigung bezahlt. 26. Die Schlösser und Parks der großen Landbesitzer werden in öffentliche Erholungs- und Ruheorte umgewandelt; für die Erhaltung geschichtlicher Bauwerke und Oertlichkeiten wird be- sondere Vorsorge getroffen. Zweite Stufe des Fortschritts. Spätere Reformen. Die Land- und Häuser-Abgabe erreicht eine solche Skala, wandten dialektischen Methode. Soviel aber ist sicher: die meisten Leser des„Kapital" werden erst jetzt durch Herrn Dühring er- fahren haben, was sie eigentlich gelesen. Und unter ihnen auch Herr Dühring selbst, der im Jahre 1867(Ergänzungsblätter III. Heft 3) noch im Stande war, eine für einen Denker seines Kalibers verhältnißmäßig rationelle Inhaltsangabe des Buchs zu machen, ohne genöthigt zu sein, die Marx'schen Entwicklungen erst, wie es jetzt für unumgänglich erklärt wird, ins Dühringsche zu übersetzen. Wenn er schon damals den Schnitzer beging, die Marx'schc Dialektik mit der Hegel'schen zu idcntificiren, so hatte er doch noch nicht ganz die Fähigkeit verloren, zwischen der Methode und den durch sie erlangten Resultaten zu unterscheiden, und zu begreifen, daß man die letzteren nicht im Besondern widerlegt, wenn man die erstere im Allgemeinen herunterreißt. Die überraschendste Mittheilung des Herrn Dühring ist jeden- falls die, daß für den Marx'schen Standpunkt„schließlich Alles Eins ist", daß für Marx also auch z. B. Kapitalisten und Lohn- arbeiter, Feudale, kapitalistische und sozialistische Produktions- weise,„Alles Eins ist", ja am Ende wohl gar auch Marx und Herr Dühring„Alles Eins". Um die Möglichkeit solcher simplen Narrheit zu erklären, bleibt nur die Annahme, daß das bloße Wort Dialektik Herrn Dühring in einen Zustand von Unzurech- nungsfähigkeit versetzt, in dem ihm. einer gewissen Misch- und Mißvorstellung zufolge, schließlich Alles Eins ist, was er sagt und thut. (Schluß folgt.) Sozialpolitische Uebersicht. — Zur Situation. Der Kaiser von Rußland ist bei der Hauptarmee in Kischenew eingetroffen und feuert die Truppen zu dem bevorstehenden Kampfe an. Derselbe hat auch ein Manifest an das Russische Volk erlassen, in welchem er seine Hände in Unschuld wäscht und � den Türken die Schuld an dem Kriege zuschiebt. Der russische Geschäftsträger hat am 23. April Konstantinopel verlassen.— Wenn unsere Leser dies Blatt erhalten, ist der Krieg wahrscheinlich offiziell erklärt. — Die liberalen Zeitungen berichten, unter allerhand bos- haften Glossen, daß durch Fritzsche's Stimme das Bureau der Comm>ssion zur Borberathung der Anträge zur Gewerbe- ordnung in die Hände der conservativen, bez. ultramontanen Fraktion gelangt sei. Dem liegt Folgendes zu Grunde: Die Mitglieder des Reichstags sind sieben Abtheilungen, von gleicher Mitgliederzahl zugetheilt. Wenn nun im Plenum beschlossen wird, eine Commsision zu wählen, so wird die Wahl derselben den Abtheilungen überwiesen, und damit das Gleichgewicht für alle Abtheilungen vorhanden sei, wird die Zahl der zu wählenden Commissionsmitglieder stets in einer solchen Höhe festgesetzt, daß sie durch sieben theilbar ist. Es scheint hiernach allerdings, als ob die Unparteilichkeit der Wahlhandlung völlig gesichert sei. Dem ist jedoch durchaus nicht so. Es besteht ein sogenannter Senioren-Convent; derselbe ist zusammengesetzt aus Personen, die von den Fraktionen gewählt sind, welche durch ihre Mit- gliederzahl eine Macht im Reichstage bilden, das sind die nationalliberale, die Centrums-, Fortschritts-, deutsche Reichs- und die deutsch-conservative Partei. Dieser Convent tritt sofort, wenn die Wahl beschlossen ist, zusammen und bestimmt, wie viele Mitglieder von jeder Fraktion und welche Mitglieder gewählt werden sollen. Mitglieder, die keiner dieser Fraktionen angehören, können darum nur zu einem Sitz in einer Commission gelangen, wenn eine der maßgebenden Fraktionen einen Sitz an sie ab- tritt. Bei der in Rede stehenden Commissionswahl war es die Centrumspartei, welche so anständig war, an Fritzsche einen Sitz abzutreten; dafür konnte sie nun aber auch verlangen, daß dieser denen seine Stimme gab, die das Mitglied der Centrumspartei gewählt haben würden, dessen Stelle sie ihm übertragen. Hätte die nationalliberale Partei soviel Taktgefühl besessen, einen ihrer Sitze an die Sozialdemokraten abzutreten, so würde der Ver- treter der Letzteren selbstverständlich bei der Bq�eauwahl im Sinne der Nationalliberalen seine Stimme abgegeben haben. — Die„Franks. Ztg.", die— wie wir anerkennen— sich einer objektiven Beurtheilung der Sozialdemokratie und ihres öffentlichen Auftretens befleißigt, hat anläßlich der Besprechung der Gewerbeordnungsdcbatte im Reichstag in der Nr. 110 ihres Abendblatts einen Angriff auf Bebel gebracht, den wir als unberechtigt, weil auf Mißverständniß der Bebel'schen Aus- führungen beruhend, entschieden zurückweisen müssen. Der Abg. Graf Galen hat bei Motivirung der Anträge des Centrums die Rückkehr zur„christlich-sozialen Weltordnung", d. h. die Rückkehr zum Mittelalter empfohlen und jenes Zeitalter als das gepriesen, wo Handwerker und Arbeiter sich glücklich und zufrieden gefühlt. daß die Ackerbau- und Jndustriebcvölterung in ihren Mitteln zum Leben nach und nach gleichgestellt werden. Dritte Swfe des Fortschritts. Bebauung des Landes und Vertheilung der Wohnungen des Volks im communistischen Staat. 1. Die individuellen Pachtgüter werden aufgehoben und der Staat wird alleiniger Bebauer des Bodens. 2. Die nationale Landwirthschaft wird, was Größe der Felder, Anwendung von Maschinen und die Zahl der bei den verschie- denen Verrichtungen des Ackerbaus verwendeten Leute betrifft, in größtem Maßstabe betrieben. 3. Große Abtheilungen der Jndustrie-Bevölkerung der Städte werden periodisch auf's Land gesandt, um die Gewohnheit zu erwerben, sehr ausgedehnte landwirthschassliche Operationen in kürzester Zeit zu verrichten. 4. Die ganze Bevölkerung des communistischen Staats wohnt in Mustcr-Wohnhäusern, in deren jedem eine große Anzahl Per- sonen bequem untergebracht werden. 5. Die Industrie-Mittelpunkte der Bevölkerung sind von solcher Größe, daß sie den leichtesten Verkehr zwischen Gewerbe, Manufaktur und Handel gestatten. (Fortsetzung folgt.) — Aus der besten Gesellschaft berichtet der„Mainzer Anzeiger": Eine Skandalgeschichte, die zugleich ihre warnende Seite hat, erzählt man sich aus einer Nachbarstadt, wie folgt: Ein dortiger großer Ge- schäflsmann und Bater von zwei Töchtern, deren glänzende Erscheinung ihnen schon viele Verehrer zuzog, erschien mit diesen Töchtern auf einem nur von ausgesuchtester Gefellschaft besuchten Balle. Ein junger Mann, der ebenfalls auf dem Balle anwesend war, fixirte die eine der Schönen schon eine geraume Zeit mit eigenthümlichen Blicken und suchte sich ihr zu nähern, was ihm denn auch während einer Pause gelang. Die Dame hatte den einen Handschuh abgestreift-, der junge Mann trat auf sie zu und sagte plötzlich in entschiedenem Tone:„Dürfte ich Sie um Aufklärung bitten, woher Sie diesen Ring haben!" Die Angeredete erblaßte und war nahe daran, ohnmächtig umzusinken, eine Szene, die nicht geringes Aufsehen erregte und bald zu Erörterungen führte. Eine Einer solchen, nur in der Phantasie eines fanatischen Ultra- montanen oder in Romantik verrannten Konservativen möglichen Auffassung, die mit der geschichtlichen Wahrheit im strik- testen Widerspruch steht, hielt es Bebel für nothwendig, den Abg. Grafen Galen zu fragen: in welcher Epoche der Bergangen- heit jener angeblich so glückliche Zeitpunkt eigentlich vorhanden gewesen sei. Aus diesem vollkommen berechtigten Zweifel liest die „Franks. Ztg." heraus, Bebel habe die kirchlich-feudalistische Organisation des Gewerbewescns im Mittelalter bestreiten wollen — was Jenem selbstverständlich gar nicht in den Sinn kam— und wirst ihm auf diesen selbst erst künstlich erzeugten Unsinn hin„historischen Jrrthum" und damit nicht genug, auch„Un- kenntniß der Geschichte" vor. Es hätte der„Franks. Ztg." wohl angestanden, sich erst besser zu unterrichten, ehe sie mit unbegründeten Vorwürfen vorgeht. — Durchgebrannt! Welch ein schadenfroher Jubel in dem liberalen Lager, als Pio und Geleff der dänischen Sozial- demokratie den Gefallen thaten, nach Amerika zu verschwinden! Da seht ihr die Herren Sozialdemokraten, was für nette Pflänzlcin in ihren Reihen gedeihen und sogar zu Vertrauens- stellungen gelangen können! Und nun? Wie aus Dessau ge- meldet wird, sind drei Beamte der nach Schulze-Delitz'schem System begründeten Gewerbebank Namens Fiedler(64 Jahre alt), Steindorf(58 Jahre alt) und Eiseck(60 Jahre alt), heimlich durchgegangen und haben die Baarbestände der Bank im Betrage von 450,000 Mark mitgenommen. Dieselben werden steckbrieflich verfolgt. Soviel haben die Pio und Geleff jedenfalls nicht „exportirt", aber fern sei es von uns, diesen Fall dem Selbst- hilflerthum als solchem vorzuwerfen und es dafür verantwortlich zu machen. Diese sind eben solche— Menschen, wie jene es waren, wenn auch die Sozialdemokratie an jeneu weniger ver- loren hat als der Schulze-Delitzschismus. — Entlarvt. Die italienischen Verleumder, welche den Aufruhr, der in der Romagna ausgebrochen war, der Jnter- nationale in die Schuhe schieben wollten, und denen zuerst der Einwurf entgegengehalten wurde, daß die aufgegriffenen Banden aus Raubgesindel bestanden hätten, sind nun noch besser hinein- gefallen. So lesen wir jetzt in einem gut unterrichteten Blatte: „Man hat den sich zu einzelnen Haufen sammelnden ver- hungernden italienischen Landeskindern den Namen „internationalistische Banden" beigelegt; man fühlt wohl heraus, daß es keine geringe Schmach für die gegenwärtigen Zustände der Gesellschaft und die Leiter derselben ist, daß ganze Schichten des Volkes aus Mangel an Erwerb zu Grunde gehen, und ver- steckt hinter einer Bezeichnung, welche Verachtung und Abscheu erregen soll, diese Schmach. In Rom sieht man seit einigen Tagen Trupps von Gefangenen, welche offenbar dem Stande der Landarbeiter angehören, unter kleinen Polizeieskortcn nach den Gesängnissen führen. Der gelassene Ausdruck dieser Unglück- lichen Leute zeigt, daß sie. in der Voraussetzung, in den Ge- fängnissen wenigstens des Leibes Nahrung, welche sie anderweitig nicht auftreiben können, zu finden, gegen ihre Freiheitsentziehung nichts einzuwenden haben. Diese aber wissen vom Jnter- Nationalismus und seinen Ideen absolut nichts; sie sind in unmittelbarer Nähe der Stadt, in Ponte Molle und Umgegend aufgegriffen; bei Einem will man Statuten eines römischen Sozialistenvereins gesunden haben. Existirt ein solcher Verein, was immerhin möglich wäre, so ist nicht anzunehmen, daß der- selbe einem dieser überaus schlichten Leute, die kaum von etwas Anderem Kenntniß haben dürften, als von der Muttergottes und dem Magen, seine Geheimnisse anvertraut hätte." « So wie in Italien den Herren, welche die Internationale für alles Schlechte verantwortlich machen, auf welche aber der Pfeil zurückfliegt, so geht es auch in Deutschland den Verächtern der Vernunft und der Wahrheit, welche der Sozialdemokratie Mord- und andere Schandthaten aufzuhalsen versuchen. Russischer Fanatismus. Am 15. April traf die Mo- bilisirungsordre auch in dem russischen Grenzstädtchen Tauroggen ein. Die Truppen, und besonders die Kosacken, benahmen sich, als wenn sie von der Tarantel gestochen wären. Die preußische Grenze soll gänzlich von russischen Truppen entblößt werden— eine sehr bezeichnende Maßnahme. Der„Enthusiasmus", ge- steigert durch den Schnaps, den die schon ausgegebenen Kriegs- Rationen in größeren Portionen brachte, wurde besonders bei den Kosacken für die Einwohner sehr bedrohlich, die den Wunsch aussprachen, daß die vom Kriegstaumel Ergriffenen bald aus- marschircn möchten, da man sonst im russischen Norden selbst direkt etwas vom Türkenkriege verspüren möchte. Die russische Bevölkerung also ist bange vor den eigenen Soldaten— schöne Civilisation! ältere„Dame" hatte als erfahrene Gelegenheitsmacherin die beiden Schwestern dazu verlockt, heimliche Stelldicheins mit reichen jungen Leuten anzunehmen, mit deren Hilfe der Aufwand einer luxuriösen Toilette bestritten werden konnte. Bei einer dieser Zusammenkünfte, die stattsanden, während der arglose Bater seine Töchter im Concert oder im Theater wähnte, geschah es, daß dem betreffenden jungen Manne der Ring entwendet wurde, der nun die ganze Geschichte auf- deckte. — Die Redaktion des„Vorwärts" erhielt folgende Zusendung: „Leipzig, den 21. April. Mit Bezug auf den wiederholt ausgesprochenen Wunsch des hiesigen Tageblattes, welches eine Petition befürwortet für Einführung der Prügelstrafe, empfehlen sich vielleicht folgende Reimlein: Strafe muß sein(Leipziger Tageblatt Nr. 110, 1!1). O Mecklenburg, o Mecklenburg, Bald bist du übertroffen, Bei dir haut man die Leute durch, Wir haben's noch zu hoffen.— D'rum klein Paris, mein klein Paris, Auf, auf!— Petitioniren— Dir winkt das Glück, das ist gewiß, Du mußt ja reussiren. O Reichstag! Leipzig bittet d'ruM, Berhilf uns— Gottverdanzig— Dem Hochgeehrten Publikum Zu manchmal„fünfundzwanzig". Eine eingehende Beleuchtung der angeregten Frag- wäre wohl zu wünschen und auch der Verfasser dieses wäre gern geneigt, sein Scherf- lein dazu beizutragen. Leider ist derselbe aber nur in der Lage, gegen Zusicherung des strengsten Redaktionsgeheimnisses und unter Bedingung der Vernichtung seiner Manuskripte mitzuarbeiten an dem Werke, welches ein„Vorwärts" unserer heutigen sozialen Bestrebungen will. Mit hochachtungsoollem Ein Anonymer. Weil— er muß." Dem Einsender sagen wir im voraus Donk für seine„Scherflein" und geben ihm das selbstverständliche Versprechen, das Redaktions- geheimniß streng zu wahren. Deshalb ohne Furcht und immerzu mit- gearbeitet an dem Erlösungswerk der Menschheit. — Seit Anfang dieses Monats erscheint in Berlin ein neues Arbeiterblatt:„Allgemeine Tapezierer- Zeitung", Organ der Tapezierer und Fachgenossen. Das Blatt wird in der Allge- meinen Assoziations-Buchdruckerei in Berlin gedruckt, erscheint monatlich zweimal und kostet 50 Pf. pro Quartal. n. Berlin, 23. April. Seit Sonnabend tobt die„große Zollschlacht". Zur Be- rathung steht der Regierungsentwurf zur Erhebung einer Aus- gleichsabgabe(auf Eisen- und Stahlwaaren). Der Entwurf, welcher ein Compromiß zwischen Schutzzoll und Freihandel ist, wurde in längeren Reden von den Ministern Achenbach und Camphausen befürwortet, von dem Geschäftspolitiker Richter und dem Mordspatrioten Treitschke auf's lebhafteste bekämpft, weil damit die schiefe Ebene betreten sei, auf welcher man in den Abgrund des Schutzzolls rolle.(Herr Richter machte bei dieser Gelegenheit das interessante Geständniß, wenn der Reichstag sich zu einer reinen Interessenvertretung gestalte und das Feld- geschrei lauten sollte: Hie Agrarier, hie Großindustrielle, dann würde er— der edle Ritter Eugen— sich zu den Agrariern schlagen. Wenn die Agrarier anfangen, regierungsfähig zu werden, dann würde man, ein Finanzminister in spe, natürlich den Agrariern Kußhändchen zuwerfen. Es geht nichts über's „Prinzip"— Geschäfte zu machen!) Herr Löwe, der unter die Schutzzöllner gelaufene Fortschritts-Pudel, griff die Regie- rungsvorlage vom entgegengesetzten Standpunkt aus an: es sei blos ein Tropfen auf den heißen Stein des furchtbaren Roth- standes, der die Eisenindustrie beherrsche. Die Regierung sei um so mehr verpflichtet, diesen Industriezweig zu unterstützen, als sich derselbe in der Gründer- und Schwindelperiode von allen Gründereien und Schwindeleien frei gehalten habe— eine kühne Behauptung. Nun, dem Mann, der jetzt öffentlich die Staatshilfe für die Kapitalisten fordert, nachdem er Jahre lang auf's heftigste die Staatshilse für die Arbeiter bekämpft, überhaupt jegliche Staatshilfe verworfen hatte, kann es aller- Vings nicht an Kühnheit fehlen. Erwähnt sei noch, daß' die Herren Löwe und Treitschke, um ihren unschmackhaften Kohl zu würzen, aä libitum Franzosen abschlachteten und mitkochten (s. Leitartikel). Heut sprach zunächst der Conservative Wedelt- Malchow, der als Agrarier gegen den Schutzzoll zu Gunsten der Großindustrie sprach. Dann eine dreiviertelstündige Rede Windt- horst's(witzig und verklausulirt für Schutzzoll) und eine ändert- halbstündige Bamberger's(witzig sein sollend und rückhaltlos für Freihandel). Herr Bainberger warf der Regierung Jnkon- sequenz, ein Verlassen der bisher betretenen Bahn vor, und wurde dafür von den Herren Hofmann(Präsident des Reichs- kanzleramts) und Camphausen ziemlich unsanft abgekanzelt. Herr Hofmann meinte, die Regierung habe nie eine andere wirth- schaftliche Politik gehabt, als gegenwärtig, sie sei noch immer für den Freihandel, sie könne sich aber nicht thörichter Prin- zipienreiterei schuldig machen. Herr Bamberger mag nun darüber nachdenken, wo die freihändlerische Prinzipienreiterei anfängt und wo sie aufhört. Ordentlich derb wurde Herr Camphausen, der auf einige Anspielungen Bamberger's auf den Rücktritt Delbrück's schroff antwortete, er(Camphausen) finde es nicht in der Ordnung, daß man Vergleiche anstelle zwischen Beamten, die so glücklich seien, die Last der Geschäfte abgeschüttelt zu haben, und solchen Beamten, welche in dieser Zeit schwerer Krisis es für ihre Pflicht gehalten hätten, die Last der Geschäfte nicht abzuschütteln. Wenn er(Camphausen) wolle, könne er genau sagen, welche Stellung Herr Delbrück zu dem Regierungsentwurf einnehme, inwiefern er ihn billige und inwiefern nicht, aber er wolle es nicht sagen, weil— es nicht anständig sei, einen nicht Anwesenden in die Debatte zu ziehen. Herr Bamberger schien mit der Camphausen'schen„Expektoration"(wie er selbst es nannte) nicht sonderlich zufrieden zu sein, und auch Herr Delbrück dürfte die Nase etwas rümpfen. Nachdem der Kelch einer abgelesenen Rede des Elsässers Jaunez(ob sie gegen das Gesetz, war nicht zu ermitteln) und einer aogeschnatterten„Causerie" des faunisch lächelnden Unruh (dem man jeine bekannten Sittlichkeitsstudien sehr deutlich an- merkt) von dem unglücklichen Hause bis zur Neige geleert und ein Lalentin'schcr Schlußantrag von dem Bureau abgewinkt worden war, erhielt Bracke das Wort und präzisirte, im Ein- klang mit dem bekannten Beschluß des Gothacr Congresses, die Stellung der Sozialdemokratie zu der Schutzzoll- und Frei- Handelsfrage, wobei es nicht ohne Streifzüge auf das Nothstands- gebiet abging. Nicht in der Zollgesetzgebung, sondern in der heutigen Pro- duktionsweise sei die Grundursache der herrschenden Calamität zu suchen. Das Gleichgewicht zwischen Produktion und Eon- mmtioit fehle— dadurch würden die Krisen erzeugt. Durch Herabsetzung der Löhne nach dem Camphausen-Achenbach'schen Rezept der darniederliegenden Industrie aufhelfen wollen, heiße — Richter's Eroberungen. Die zwölf- bis vierzehnjährigen Zöglinge einer höheren Töchterschule in Hagen hatten sich in Folge der Reichslagswahlen in zwei politische Parteien gespalten, und jede hoffte ihren Candidaten durchzubringen. Ein Lehrer wird gefragt, wer von beiden die meisten Chancen habe. Als er seine Meinung ausge- sprachen, zischt der eine Haufe den andern aus, woraus die beleidigte Parteisührerin ihrer größten Gegnerin zuruft:„Ich weiß wohl, weßhalb Du für den bist, der ist noch„Junggeselle."— Der edle Eugen kann recht stolz auf seine Eroberungen sein; macht er keine in den parlamen- tarischen Kämpfen, so kann er sich mit den Eroberungen von Back- fischen trösten. — Das Communegesetz, welches den höchsten Gehalt der Be- amten auf 6000 Francs— 4800 Mark jährlich festsetzte, lautet wie folgt: l-a Commune de Paris, Considerant; Que jusqu' k ce jour les emplois superieurs des Services publica, par les appointements Cleves qui leur ont etö attribues, ont eis re- cherches et accordös comme places de faveur; Considerant: Que, dans une repubügne reellement democratiqne, il ne peut y avoir ni sine eure, ni exageration de traitement; Decröte: Article unique. I-c Maximum de traitement des employss aux divers Services communaux est fixe ä six mille francs par an. Hotel de ville, 2. avril 1871. La Commune de Paris. Zu Deutsch: Die Pariser Commune, In Anbetracht: daß die höheren Staatsämter bisher wegen der damit verbundenen hohen Gehälter nach Gunst erstrebt und vertheilt wurden; In Anbetracht: daß es in einer wahrhaft demokratischen Republik weder Sinecuren noch übertriebene Gehälter geben darf; Beschließt: Einziger Artikel. Das Maximum der Besoldung in den ver- schiedenen Aemtern der Commune wird auf sechstausend Francs jährlich festgesetzt. Stadthaus, dm 2. April 1871. Die Pariser Commune. 'das Pferd am Schwanz aufzäumen und verrathe vollkommene Unkenntniß der wirthschaftlichen Faktoren. Je niedriger die Löhne, desto geringer die Kaufkraft des Volks; und je geringer die Kaufkraft, desto schwächer der Absatz und folglich desto schlimmer die Lage der Industrie. Das englische Volk, welches die meisten Bedürfnisse und höchsten Löhne habe, beherrsche den Weltmarkt. Der Schutzzöllner Kardorff, der zum Schluß zur Begrün- dung eines, im Verein mit Löwe und Consorten gestellten Zu- satzantrags zur Regierungsvorlage sprach, ließ einigen der Aus- führungen Bracke's Gerechtigkeit widerfahren, und versetzte den Herren Freihändlern verschiedentliche wohlgezielte Hiebe. Hierauf lehnte der Reichstag fast einstimmig die Verweisung an eine Commission ab. Damit war die Tagesordnung erledigt. Die zweite Lesung des Ausgleichsgesetzes wird wohl Anfangs nächster Woche stattfinden. Die laufende Woche— Mittwoch ist Bußtag, Sitzung fällt aus— wird mit Etatberathungen aus- gefüllt sein, die bis Montag(einschließlich) beendigt sein müssen, da der Etat am 1. Mai(Dienstag) festgestellt sein muß. Morgen kommt die Zollfrage noch einmal zur Diskussion, anläßlich des Varnbüler'schen Antrags:„die Reichsregierung zu ersuchen: 1) kommissarisch die Produktions- und Absatzver- Hältnisse der deutschen Industrie und Landwirthschaft untersuchen zu lassen, 2) vor Beendigung dieser Untersuchung und Fest- stellung der sich aus derselben ergebenden Resultate, Handelsverträge nicht abzuschließen." Die dem Antrag beigegebenen Motive sind sehr reaktionär, gegen den Antrag selbst aber im Grunde nichts einzuwenden. Da die morgige Tagesordnung eine sehr reichhaltige ist, so sollen zwei Sitzungen gehalten werden. Die Aussicht auf Abend- sitzungen ist den Herren Reichsboten keine angenehme, indeß wenn die Session nicht bis in den Sommer hinein ausgedehnt werden soll, müssen sie in den sauern Apfel beißen. Correspondenzen. 'Paris, 19. April. Während sich die liberalen Republikaner mit den klerikalen Monarchisten zanken, haben die Arbeiter Frankreichs in aller Stille den Grundstein zu einem soliden und schönen Bau gelegt. Der Congreß der Bäckergehilfen, der in den letzten drei Tagen im Saale der Rue d'Arras tagte und zu einer dauernden Organisation der Arbeiter dieser Branche geführt hat, ist nämlich nur der erste Schritt auf diesem Wege. Binnen kurzem werden weitere Fachverbände gegründet werden. Damit betritt das französische Proletariat, nachdem es sich durch die, wenn auch besiegte Commune das republikanische Staats- prinzig und das allgemeine Stimmrecht gesichert hat, mit unge- beugtem Muthe die Bahn, auf der ihm die englischen und deutschen Arbeiter vorangegangen sind. Die Verhandlungen und Beschlüsse des Bäcker-Congreffes erinnern lebhaft an den ersten Congreß der deutschen Bäckergehilfen, der 1868 in Berlin stattfand. Dieselben Beschwerden, dieselben Forderungen, nur detaillirter. Beweis, wie der soziale Kampf keine„Erbfeinde" kennt. Mehrere Delegirte zeigten große Rede- gewandtheit und organisatorisches Talent. Man hatte bisher die Bäcker für hinter anderen Gewerben an Intelligenz zurück- stehend gehalten, und nun marschiren sie gar an der Spitze. Bemerkenswerth ist die Einstimmigkeit, mit welcher die Gehilfen die Abschaffung der Nachtarbeit fordern. Als die Commune die Nachtarbeit der Bäcker untersagte, da behaupteten die Organe der Versailler, die Bäckergehilfen protestirten gegen diesen„Will- kürakt". Man sieht es jetzt, wie sie Protestiren. Sie wollen zunächst den Versuch machen, durch Selbsthilfe, d. h. Coalition, Verhandlung mit den Meistern, Appell, an das konsumirende Publikum und eventuell durch Strikes die Nachtarbeit abzu- schaffen. Mögen sie es versuchen! Wenn es ihnen gelingt, um so besser, dann braucht man kein Gesetz zu erlassen. Scheitern ihre Bemühungen aber, wie es wahrscheinlich ist, nun, so werden sie bei ihrem nächsten Congreß, der in drei Jahren stattfinden soll, auf unserem deutschen Standpunkte angelangt sein. Die französischen Arbeiter sagen dies selbst und schämen sich keineswegs, unsere Bewegung oft als ihr Vorbild und Muster hinzustellen. Die deutsche Chauvinistenpresse, z. B. die„Offen- bacher Zeitung", denkt doch gar zu gering von dem Verstand der französischen Sozialisten, wenn sie denselben, neben„Wahn- witz",„verbrecherischen Trieben" und„cerebralen Veitstänzen", die aber„durch den Patriotismus geregelt und gemäßigt werden", auch den bornirtcsten Nationaldünkel und„bestialischen Haß des Deutschen" leiht. Das ist zuviel des Guten auf ein Mal. Es würde zu weitläufig sein, alle Unrichtigkeiten, die das genannte Blatt in einem Artikel aufgehäuft hat, einzeln zu widerlegen. Wie wenig unterrichtet der betreffende Artikelschreiber über den von ihm behandelten Gegenstand ist, kann man daraus ersehen, daß er den„Peuple"(der Offenbacher Gelehrte schreibt„Peuvle"!) für ein„sozialistisches Volksblatt" hält. Der„Peuple" gehört Floquet, einem Freunde Gambetta's, und ist so sozialistisch wie Gambetta. Ob wohl dieses Blatt die Idee hegen kann,„die rothe Fahne in Paris aufzupflanzen, damit die Barbarei ihr Zerstörungswerk vollende"? Herr Guyot hat bereits selbst festgestellt, daß er keineswegs auf dem Bankett der unterdrückten„Droits de l'Homme" die französische Regierung wegen der auch an Deutschland geschickten Einladung zur Weltausstellung getadelt hat. Also dies Haupt- argument des ebenso höflichen als kaltblütigen Polemikers ist ganz und gar unter den Injurien verschwunden, aus denen es stolz hervorgeragt hatte. Nicht besser verhält es sich mit dem groben Sprachschnitzer, denn die Depesche ist gar nicht wörtlich vorgelesen worden. Einer der Redakteure der„Droits de l'Homme" hatte sich den wesentlichen Inhalt der zu Ehren des mißhandelten Blattes eingelaufenen Begrüßungsdepeschen auf einem großen Bogen notirt und so der Reihe nach der Festver- sammlung mitgetheilt. Der„grobe Sprachschnitzer" käme also, wenn er existirte, auf Rechnung des französischen Journalisten. Vielleicht ist der Offenbacher Gelehrte, wenn ihm der Schmerz über die Wahlsiege der Sozialdemokraten das deutsche Reich ver leidet, erbötig, den Redaktenren der Pariser Presse Unterricht in ihrer Muttersprache zu geben? An der nöthigen— Selbst- achtung zu einem solchen Unternehmen scheint es ihm nicht zu fehlen. Wie die französischen Sozialisten über ihre deutschen Parteigenossen denken, das haben sie bei jeder Gelegenheit gesagt, und ich brauche nur anzuführen, wie sich die„Droits de l'Homme" am 17. Januar d. I. ausdrückten, als die Nachrichten von unseren großen Wahlsiegen eintrafen: „Der Moniteur der Zweckmäßigkeitspolitik", bemerkt das ge nannte Blatt zu einem süßsauren Artikel der Gambetta'schen „Republique franyaise",„ist entsetzt, und mit Recht, über die Fortschritte des überrheinischen Sozialismus auf politischem Gebiete. Diese Arbeiter da, die stich selbst helfew wollen und deren Wahlkampf jedesmal ein Wahlsieg wird, die in sechs Zähren von 60,000 Stimmen auf über eine halbe Million gekommen sind, bilden das gefährlichste Beispiel für die franzosischen Arbeiter. Und die Letzteren brauchen nur, belehrt durch die Erfahrung ihrer nordischen Brüder, kühn die Bahn zu betreten, an deren Ende ihre Interessen eine wirkliche, wahre Vertretung finden, was wird dann aus Herrn Gambetta und Consorten, den Politikern von Profession, die alsdann auf die wenig verlockende Rolle eines Generalstabs ohne Armee redu- zirt sind?" So verachten uns die französischen Sozialisten! In einem andern Artikel, der zwei Tage zuvor in dem gleichen Blatte erschienen war und die Ueberschrift„Eine Lektion" trägt, heißt es u. A. folgendermaßen(die deutsche„Preßfreiheit" gestattet leider nicht, den ganzen Artikel abzudrucken; wenn ihn aber die„Offenbachcr Zeitung" aufnehmen will, um zu zeigen, wie tief der französische Arbeiter den deutschen haßt und verachtet, so steht er ihr zu Diensten): „Die Wahlen, die in Deutschland stattgefunden haben, sind geeignet, die französische Demokratie anzuspornen und zu be- schämen, die sich um mehrere Längen überholt sieht, wenn nicht von ihren Zündnadelsiegern von vor sechs Jahren, so doch von dem wahrhaften deutschen Volk, das die Moltkes, Man- teuffels und andere.... ebenso wenig repräsentiren, als uns die Saint-Arnauds, Vinoys und Canroberts f im Jahre 1852 repräsentirten.... „Als Paris, das Paris vom 18. März, das Paris der so- zialcn Revolution fiel und die vielfarbige Reaktion, die Er- schießungen durch die Verleumdung ergänzend, ihre Opfer zu schänden" suchte, da wagten es Bebel, Liebknecht und ihre Par- teigcnossen, offen das Pariser Proletariat zu vertheidigen. Ihre Stimme erhob sich im Reichstag wie eine herrliche Prote- station gegen das Leichentuch von Koth, m das ein Jules Favre die kommunalistische Bewegung einzuhüllen versuchte. Im Namen der Arbeiter von jenseits des Rheins sandten sie damals einen sympathischen Gruß an die französischen Arbeiter, die in ihrem Versuch, sich zu emanzipiren, wieder einmal verrathen waren. „Und seitdem, ohne sich durch die Orgie der Unterdrückung einschüchtern zu lassen, deren Gegenstand sie selbst seitens der gegen ihr Agitations- und Organisationswerk vereinten Reaktion wurden, und trotz der Beschlagnahme ihrer Blätter, der Auf- lösung ihrer Vereine, der Verhaftungen und Verurtheilungen, die jeden ihrer Schritte begleiteten, hielten sie die Fahne der sozialen Rückforderung hoch und trugen sie von Stadt zu Stadt, von Werkstätte zu Werkstätte...." So schrieben die„Menschenrechte" vierzehn Tage vor ihrem Jahresbankett, zu welchem der„Vorwärls"— mit Erlaubniß der„Offenbacher Zeitung"— allerdings zu Gaste geladen war, wenigstens in der Person seines Correspondenten. Deutsche waren da friedlich mit Franzosen, Spaniern, Italienern, Russen, Polen zc. vereinigt, und wenn der Artikelschreiber der„Offenbacher Zeitung" wüßte, was wir uns gegensettig wünschten, so würde er Stoff zu Zwanzig„traurigen Aktenstücken nationaler Ber- irrung" haben. Wie tief kann doch der Mensch sinken, wenn sich seine„verbrecherischen Triebe" geltend machen, zumal in dem„radikalen Mekka", vor welchem sich das kaisertreue Gemüth der Offenbacherin bekreuzigt! Herr Jules Simon hat offenbar die„Droits de l'Homme" weniger patriotisch gefunden, als der gelehrte Säbelfritze von Offenbach, und hat ihnen etwas mehr Selbstachtung beibringen wollen, indem er sie mittels irgend eines Teflendorfs unter- drückte. Aber er hat kein Glück damit gehabt. Schon nach wenigen Tagen erschien der„Radical", von denselben Jour- nalisten redigirt, und da dieses Blatt manchem Sozialisten noch .u sanft vorkam, wurde bald darauf ein noch entschiedeneres, >ie„Marseillaise", gegründet, der morgen schon die„Laterne" auf dem Fuße folgt, ebenfalls„ultraradikal" und„bestialisch". Wenn aber die„Offenbacher Zeitung" meint, damit sei die Serie der„sozialistischen Verirrungen" erschöpft, so irrt sie be- deutend; es kündigt sich bereit ein kommunistisches Blatt an. Alle diese Organe des französischen Proletariats aber zeigen — zum Schmerze der„Offenbacher Zeitung" müssen wir es konstatiren— den gleichen„Mangel an Selbstachtung", den gleichen„verdunkelten Patriotismus", die deutschen Sozialisten als Brüder anzusehen, und zwar als ältere Brüder, von denen man etwas lernen kann. Sie sind darin sogar eher zu be- scheiden und übersehen, wie viel wir von ihnen zu lernen haben. Carl Hirsch. Berlin. Die„Berliner Freie Presse" bringt über die Un- gültigkeitserklärung der Hasenclever'schen Wahl folgenden schnei- digen Bericht:„Ein parlamentarischer Meuchelmord. Es ist schon etwas Gewöhnliches, daß unsere Abgeordneten im Reichstag valentinirt werden, wenn man sie in der maßlosesten Weise verleumdet und beschimpft hat; daß aber ein sozialistisches Mitglied des Reichstags gemeuchelt wurde, ist das jüngste Verdienst der Fortschrittspartei. Man erinnert sich noch des Schreckens, jder am Abend des 10. Januar in die Glieder der liesigen Fortschreiter gefahren war, als es sich herausstellte, daß sie in 2 Berliner Wahlkreisen völlig geschlagen und in 3 anderen nicht im Stande waren, die bis dahin innegehabte Position zu behaupten und man durfte darauf gefaßt sein, daß die sau- bere„Ring"-Partei vor keinem Mittel zurückschrecken werde, aus dem erlittenen Schiffbruche zu retten, was möglich ist. Im 4. Berliner Wahltreise war die auf den sozialistischen Candi- baten entfallene Majorität eine solch' erdrückende, daß sich der Fortschritt heulend und fluchend von dannen trollte, im 6. Wahl- kreis dagegen hatte der Sozialist Hasenclever nur 21 Sttmmen über die absolute Majorität erlangt—; da konnte etwas„ge- macht" werden.„Zufälliger Weise"(man lache nicht!) waren die Stimmlisten von einigen Häufern verheftet worden; die Ar- beiter, welche darauf verzeichnet waren, konnten nicht wählen; die Hausbesitzer und sonstigen Satten aber hatten gute Nasen, kamen in Folge dessen gleich dahinter, wo die verhesteten Listen steckten und wählten daher m dem betreffenden Lokale. Solcher- maßen waren so und so viele sozialistische Stimmen unterdrückt worden und der Fortschritt war zu seinem„Rechte" gelangt. Vor der Wahl und am Wahltage selbst sagten die Leutchen darüber keine Silbe, weil ihnen die„Schiebung" gewiß prächtig in den Kram paßte; nach der Wahl aber— hm! da mußte dieses Vorkommniß den Strohhalm bilden, an den sich der ertrinkende„Fortschritt" anklammern wollte. Es mußt? ein Wahl- Protest losgelassen werden. Aber wer sollte denselben unter- schreiben? Etwa die in den fraglichen Häusern wohnenden Fort- schrittler? Die hatten ja gewählt. Oder die zu Schaden gekom- menen Sozialisten? Denen konnte es doch nicht im Schlafe einfallen, gegen eine Wahl zu protcstiren, die zum Siege ihrer Partei geführt. Es blieb also nur noch der Schwindel, der qe- meinste Bauernfang übrig, also ein Gebiet, auf welchem aller- dings der„Fortschritt" seit jeher sich mit Vorliebe bewegte. Ein Schriftstück wurde von irgend einem„Ring"-Bruder angefertigt und die Hauswirthe gaben sich alle erdenkliche Mühe, Unter- schriften für dasselbe zu erschleichen und hatten damit auch einigen Erfolg. Theils unterzeichneten Frauen und Töchter, theils auch Wahlberechtigte selbst, weil man ihnen vorschwindelte, j an den Congreß erfolgen soll: es handele sich nur um eine Ahndung der abgedachten Listen- verheftung. Endlich wurde nun das Schreiben als„Wahlprotest" eingereicht und damit ein offenbarer Betrug verübt, ein Betrug (Erschleichung von Unterschriften unter falschen Vorspiegelungen), der unter anderen Umständen ohne allen Zweifel zur criminellen Bestrafung der Betrüger führen müßte. Hier aber trat dieses nicht nur nicht ein, sondern der Reichstag hat sich nicht geschämt, dem frechen Betrüge auch noch einen legalen Stempel aufzu- drücken.— Es ist constatirt worden, daß mindestens 21 und höchstens 27 Wähler von der Urne gewiesen wurden, weil in dem betreffenden Wahllokale die Listen, in denen ihre Namen standen, nicht vorhanden waren; es ist aber auch ferner consta tirt worden, daß 13 Personen von diesen Zurückgewiesenen� im anderen Wahllokale, wo die Listen fälschlich auslagen, thatsäch- lich abgestimmt hatten, so daß also nur noch 8 bis höchstens 14 Personen übrig blieben, die wirklich um ihr Wahlrecht ge- kommen sind,(alle diese Leute hatten indeß die Absicht, für Hasenclever zu stimmen); endlich ist constatirt worden, daß, wenn man auch diese 8—14 Stimmen der Gesammtzahl aller abgegebenen Stimmen hinzurechne, für Hasenclever immer noch eine Majorität von 10 eventuell von 7 Sttmmen übrig bliebe, und daß mithin dessen Mandat unanfechtbar sei. Der Reichs- tag aber nahm sich unter dem vergeblichen Widerspruch der Sozialisten, die Fr— eiheit, auch diejenigen Wahlberechtigten von der mehrerwähnten Liste in Betracht zu ziehen, die notorisch gar nicht wählen wollten. Hätte er diesen unerhörten Kniff nicht in Anwendung gebracht, so wäre es absolut unmöglich gewesen, Hasenclever's Wahl zu kassiren. Denn der Vorwand, daß die vorgekommene Ungchörigkeit an sich zur Kassirung des Hasen clever'schen Mandats hinreiche, nahm sich geradezu lächerlich aus, da die ganze Praxis, welche bisher im Reichstag in sol- chen Angelegenheiten geübt wurde, darauf hinauslief, vorge- kommen? Unregelmäßigkeiten nur infoweit in Betracht zu ziehen, als dadurch die absolute Majorität, welche der Gewählt� erlangt hatte, alterirt wurde. Aus Alledem ergiebt sich, daß Hasenclevcr einfach gemeuchelt worden ist. Und der parlamentarische Dolchstich, der gegen ihn geführt wurde, hat natürlich auch seine Wähler getroffen.— Da nun aber Gewalt vor Recht geht, kann man sich mit diesem Brutalitätsakte an sich weiter nicht bcschäf- tigen, zumal damit nur unnützerweise Zeit versäumt würde; und Zeit kann und darf jetzt nicht versäumt werden. Jetzt gilt es einfach, sich zu einer neuen Wahlschlacht zu rüsten. Sind un- fere Genossen gehörig auf dem Damme, dann wird es ein Leichtes sein, der Partei des Schwindels eine neue Niederlage zu bereiten. Ronneburg. Ten 11. ds. Mts. fand hier wiederum eine sehr stark besuchte Versammlung statt. Ueber den ersten Punkt der Tagesordnung referirte Herr Fr. Klute und wurde das Thema: Unsere Schulen und die wahre Volksbildung m»/«stün- diger trefflicher Rede von demselben erledigt. Nach Beendigung des Referats meldete sich Herr Schuldirektor Rudolph zum Wort, um feine Freude über" den herrlichen Vortrag, wie er sich ausdrückte, auszusprechen. Er stimme im Großen und Ganzen mit Klute überein, nur müsse der Religionsunterricht nicht aus der Schule verbannt werden, derselbe sei als Grundlage im Un- glück ein schöner Gesangvers Trost und Linderung. Da der Herr fons: ziemlich mit Klute übereinstimmte, und auch erklärte, daß Kr Staat für Volksbildung zu wenig leiste, so wurde demselben auck' verdienter Beifall zu Theil. Hiera..; ergriff Herr Schullehrer Vogt das Wort, um zum wiederholten Male, wie in früheren Versammlungen seine An sichten für Sedansfeste, sowie überhaupt für heilige Kriege zum Besten zu geben. Unter dem Hohngelächter der Versammelten verließ der Herr Lehrer den Saal. Die Replik Klute's war kurz und kräftig, indem er Herrn Vogt bedeutete, daß er immer hin die Schlachtfeste feiern solle, nur möge er die Kinder damit verschonen. Im Uebrigen möge man in der Schule als Pa- trioten die Gedenktage von Schiller, Goethe, Fichte, Lassalle so- wie anderer deutscher Geistesheroen feiern und nicht Tage ver- herrlichen, die unsägliches Leid und Tod über Tausende und aber Tausende gebracht haben.— Nach Erledigung des ersten Punktes erhielt Herr Schellenberg aus Schmölln das Wort, um über seine Thätigkeit im Altenburger Landtag zu berichten. Unter lebhaftem Beifall legte unser Parteigenosse der Bersamm- lung klar, wie er stets für die Interessen des arbeitenden Volkes eigetreten, und obgleich als Sozialist allein im Landtag, doch nie einen Fingerbreit vom Prinzip abgewichen. Am Schluß der Versammlung wurde eine Resolution, die die Wiederwahl des Hrn. Schellenberg emfahl, einstimmig angenommen. Auch diese Versammlung hat besonders viel für die Verbreitung unserer Ideen gewirkt. An die Parteigenossen der ersten acht sächsischen Wahlkreise. Die Rcichstagswahl ist schon eine geraume Zeit verflossen, und ist seitdem die Agitation wenig betrieben worden, dieS hatte aber seinen Grund zumeist darin, daß wir innere Angelegenheiten zu regeln hatten. Weiter fehlte es auch an agitatorischen Kräften, da Kayser gleich nach der Wahl eine achtwöchentliche Gefängnißstrase antreten mußte. Der Kalamität sind wir jetzt überhoben, weil uns mehr Kräfte zur Ber- fügung stehen und Kayscr besonders agitiren wird. Um nun eine plan- mäßige Agitation zu betreiben, haben wir ein Comitä gebildet, welches die Agitation leitet und es sich zur Aufgabe gestellt hat, für die wei- teste Verbreitung der Ideen des Sozialismus zu wirken. Es ergeht daher an alle Genossen nach auswärts das Ersuchen, Versammlungen anzuberaumen, und bei Bedarf von Referenten sich mindestens acht Tage zuvor nur an Unterzeichneten wenden zu wollen. Im anderen Falle können wir nicht dafür bürgen, daß allen Aufträgen genügt wird. Dresden, den 23. April. Mit sozialdemokratischem Gruß I. A.: R. Tröger, Gr. Schießgasse 7/IV. An die Schuhmachergchilsen Deutschlands. In der Herz'schen Schuhwaarensabrik Hierselbst sind uns vor kurzer Zeit 20—21 Proz. am Lohne gekürzt woidcn. Als nun gar noch die. ! Arbeitszeit verlängert werden sollte und auch noch ein abermaliger Lohnabzug in Aussicht gestellt wurde, sahen wir uns genöthigt, diel Arbeit zu kündigen. Dieses zur Beachtung für die Collegen Deutsch- i lands. i Frankfurt a. M., 19. April. Sämmtliche Aufzwicker der Herz'schen Schuhwaarensabrik. l Die Parteiblätter werden um Abdruck der obigen Mittheilung ge- ' beten. Die Parteigenossen des 23. sächsischen Wahlkreises werden ersucht, in Betreff der Vertretung zum Congreß mit dem Unterzeichneten in Meinungsaustausch zu treten und namentlich wird gebeten, sich darüber auszulassen, ob eine gemeinsame Vertretung für den ganzen Kreis -»eckmäßig sei. AuS pekuniären Gründen ist Plauen nicht im Stande, ir sich allein einen Vertreter auf den Congreß zu senden. Plauen. Franz Rudolph, Gartenstraße. Aufforderung. Nachfolgende Personen werden hiermit aufgefordert, ihre Angelegen- heit mit der Expedition ungesäumt zu ordnen, dafern nicht Borlage Joh. Georg Güth in Meiningen; Carl Salomen für die Partei- genossen in Fraureuth; A. Stölle in Göttingen; der Vorstand des Arbeitervereins Neuschönefeld; Chr. F. Künzel in Weida; Sand- mann in Dessau; Albrecht in Neuschönefeld; Knobloch daselbst; Baumann, Schneider, jetzt Prediger der apostolischen Gemeinde da- selbst; C. Temmler in Geyer; Vorstand des Arbeitervereins Brünn; Adolph Schrodt, Schreiner, in Bayreuth; A. Reichel, Colporteur, in Troppau(Aufenthalt zur Zeit unbekannt!); R. Schneeweiß in Uelzen; W. Tausche in Theresienstadt.(Forts, f.) Vertrauensleute und Agenten werden um Vermittelung gebeten. n. Berlin, 24. April. (Nachschrift.) Die geforderten 105 neuen Hauptmanns- stellen riefen bei Berathung des Militäretats eine längere Debatte hervor, in welcher Graf Moltke, seinem geflügelten Worte getreu, daß wir 50 Jahre gerüstet stehen müssen, um das u schützen, was wir in einem kurzen Kriege errungen, die For- erang der Regierung warm unterstützte. Er sagte, daß die Zeiten einen längeren Frieden nicht hoffen ließen, jeder Staat müsse alle Kräfte zur Sicherung seiner Existenz anspannen— das leidige Mißtrauen der Regierungen gegen einander bedinge dies; Frankreich stehe gut gerüstet da, man dürfe demselben nicht nachstehen, und den französischen Rüstungen gegenüberVorkehrungen treffen. Die 105 Hauptmannsstellen wurden gegen die Stim- men der Sozialisten, der Demokraten, des Centrums, der El- süsser, Polen und der Fortschrittspartei angenommen. Näherer Bericht folgt. Briefkasten der Redaktion. Herr P. Köhler wird ersucht, Herrn H. Pilster in Iserlohn seine Adresse anzugeben.— W. St. in Nürnberg: Ihre Petition ist an den Parteiovorstand abgesandt worden. der Expedition. Riedel, Halle: Beinahe in jeder Nr. steht an der Spitze der Annoncen die Bekanntmachung, zu welcher Zeit die An- noncen in unfern Händen sein müssen, wenn sie für die folgende Nr. Aufnahme sinden sollen. Statt Montag Vormittags erhielten wir Ihre Annonce für die Mittwochsnummer erst Dienstag, mithin um 24 Stun- den zu spät.— Heene Haßloch: Für die Mittwochsnummer zu spät.— Joh. Pfäfer in Joh.. thal: Wenden Sie sich an die Antiquariats- buchhandlung K. F. Köhler, Poststr. Leipzig.— Stepanoff Brüssel: „Vorwärts" wird an Bertrand abgesandt. Gruß.— C. Anmnn Wiesenberg: Senden Sie 1. 15 kr. östr. W. für Abonnement bis Ende Juni a. c.; Nr. 29 folgt. Quittung. Lhmnn hier Ab. 1,40. Grbnstn Lindenau Ab. 37,40, Schr. 6,00. Sängerchor Hannover Ann. 0,°0. Schndnbch Brunndöbra Ab. 2,20. Holzarbeitergewerkschaft hier Ann. 6,60. S. Lswbrgr Bern Schr. 17,00. Gsr hier Ann. 1,20. Mhnr hier Ann. 1,50. Schlnzg Wintersdorf Ab. 2,20. Bsch hier Ab. 2 40. N. Wsmr Anina Ab. 17,34. C. Grllnbrgr Nürnberg Ab. 120,00. Kchl Chemnitz Schr. 1,00, Smn Coburg Ab. 4,00, Schr. 5,35. Br Carlsruhe Schr. 1,50. Dr. Hngr Rybnik Ab. 3,45. Hn Haßloch Ann. 0,60. Rdgr Halle Ann. 0,50. H. Lgs Hannover Ann. 1,40. Engl Reudnitz Ab. 1,40. Krtzschmr Dortmund Schr. 4,50. Ems Mittweida Schr. 8,00. Kn Reutlingen Ab. 15,00. Fonds für Gemaßrcgelte. Von Rebntfch Tannenberg 0,40. Für die gemaßregeltcn Krupp'schen Arbeiter in Essen: Vom Arbeiters. Plagwitz d. Q. 1,40. >er Wahlverein. »ozialdemokratlscher Wahlverein. «VvlililUVvi. Sonnabend, den 28. April, Abends 8'/, Uhr, im Lokale des Hrn. Boge, Mittelstraße Nr. 11: Oeffentliche Versammlung. Tagesordnung: Vortrag des Hrn. Meister über das 2. Gebot. 70)(5163) Der Borfitzende, fSilffp(5� Metallarbeiter Krankenkasse. VI. Sämmtliche Mitglieder werden dringend er sucht, Sonntag, den 6. Rtai, Nachmittags 2 Uhr, zu einer Borkands-ZSayr zu erscheinen. fF. 160)(60 Karl Nette, Bevwllmächtigter. PsfiUo rr(& Freitag, den 27. April, Abends 8 Uhr: «jpilUv Vi. w. Oeffentliche Versammlung. Tagesordnung: Vortrag des Herrn Lic. Reinhard, Pastv! Wörmlitz, über die Arbeilerftage. Erscheinen Aller nothwendig. Pastor aus Riedel. (F 166)(50 Sonnabend, den 28. April, Abends 8 Uhr, im„Ena- JUU. tischen Garten": Oeffentliche Sozialistenversammlung. Tagesordnung: Berathung über den diesjährigen Sozialisten-Con- greß am 27. Mai in Gotha.(80 Zahlreiches Erscheinen muß stattfinden.(F. 182) Chr. Starck. S Q Metallarbeiter-Gewerkschaft. Sonnabend, den 28. April, Abends 8 Uhr: Versammlung. Täubchenweg und Kurze Straße Ecke, Restauration von I. Menzel. Tagesordnung: 1) Delegirten-Wahl zur Generalversammlung nach Gotha. 2) Berichterstattung der Commission über die neue Statuten- Vorlage. 3. Anträge. Zahlreiches Erscheinen unbedingt nothwendig. R. Ludwig, Bev. XL. Sonnabend, den 5. Mai: Hauptversammlung. 8 26 der Krankenkassen-Statuten tritt in Kraft. D. O.(90 Ein Arbeiter findet dauernde Beschäftigung bei Carl Heene, Schneider in Haßloch(Pfalz). Parteigenossen sorgt für einen Mitkämpfer.(k» __ W. Gerhold. Neue Welt ErsterJahrgang, 1876, complett ist wieder versandtfertig geworden, und wiederholen wir deren Em- pfehlung als Zierde jeder Bibliothek und besonders geeignet zu Fest geschenken. Preis: ungebunden 5 M., in elegantem Einbände 7 M. 50 Pf. franco nnr gegen baar. Für Porto find 50 Pf. einzusenden. Die Einbanddecken tragen in Golddruck das große Titelbild des Heftumschlags, darstellend: „Z>ie Befreiung der Menschheit". Diese eleganten Einbanddecken sind ä 1,20 Mark gegen baar oder Nachnahme(excl. Porto) durch unS, sowie durch die Buchbin» derei von H. Jansen, Leipzig, UniversitStSstr. 16, zu beziehen. Bei Partiebezug entsprechender Rabatt.— Es empfiehlt sich bei Einzel- bestellung Einsendung des Betrages in Briefmarken. Leipzig. Die Expeditton der„Neuen Welt". Färberstr. 12. II. L-rantw örtlicher Redakteur: W. Hasencleverln Leipzig. Redaktwn und Expedltten Färberstraße 12/11. in Leipzig. Druck und Verla« der S-nosstnschaftSbuchd>uckerei in Ltwji»