Erscheint in Leipzig Mittwoch, Freitag, Eonntag. «bonnemenlspreiS lo: go�j Teutlchlaod 1 M, 60 Ps. pro Quartal. Monats-«b oimcments werden bei allen deutschen Posianstalten uul dm 2. und 3. Monat, und auf dm 3. Monat besonders angenommm: im Königr. Zachsen und Herjoglh. Sachsen- Wtmburg auch aus den Ilm Monat de« Quartali ir 54 Psg. Inserate betr. Bersamntlungen pr. Petitzeile tOPs., berr. Pnratangclegendeiim und Feste pro Petitzeile 30 Ps. Vtjicllungen ncbnim an alle Peklanstalten und Bnch- handlungm de« In« u. tluilandco. Fillal- Expeditionen. New-Bork: Zoj.-demolr. Genossen- schaslibuchdruikcrci, tS4 Illilrliltxiz Str. Philadelphia: P.Hab, 630 Xortl» 3ra Street. I. Boll, 1123 Charlotte Str. Hobolen N.J.: F. A. Sorge, SIS VVasIr. Inxlon Str. Chicago: A. Lansermann, 74 Clybourne»,«. San Zranziico: F. Snh, 41» 0'b'nrreU Str. London Vf.: C. Henze, 8 New 3tr. Golden Square. Kentrat Grgan der Soziatdemokratie Deutschtands. Nr. 55. Freitag, 11. Mai. 1877. Jubelfest und Arbeiterelend. Motto:„Feiern an den Feiertagen Sollte auch die Noth." Fried. Rückert. iox einigen Tagen feierte der Großherzog von Baden fein -öjähriges Regierungsjubiläum in Carlsruhe, seiner Residenz- stadt. Illuminationen, Fackelzug, schlechte Gedichte, krumme Rücken, Musik, durstige Kehlen, superfeine Toiletten, Wagengerassel, Thorgesang, Ballet, Gebete, Operetten und Predigten— Alles das konnte man in dem schönen Carlsruhe an jenem Tage hören, sehen und genießen. Wer kann's dem Großherzog verübeln, daß er sein Jubi- läum feiert und feiern läßt— thut doch dies fast jeder Be- amte, hoch oder gering. Auch wir verdenken dem Herrn die Feier nicht, er thut nichts Anderes, als was sie Alle thun. In den Jubel kam plötzlich ein Mißton— in dem sreud- vollen Carlsruhe trat ein ekles, grinsendes Weib, das Elend, plötzlich auf den offenen Marktplatz und entblößte sich— zuerst Erschrecken, dann Zorn und Wuth erfüllte die Herzen der Freu- digen. Wenn das Weib nur in ihrer Klause geblieben wäre, hätte es den offenen Marktplatz nicht betreten und sich so schäm- los enthüllt— dann wäre Alles in Ordnung gewesen; das Elend, wenn es dem Auge'des Glücklichen verborgen bleibt und wenn es noch so gewaltig zerstörend im Volke hauset, ein sol- ''es Elend genirt nicht— aber wenn es sich zeijjt, öffentlich zeigt, so stört es ja die Freude und das ist entsetzlich. Das Elend selbst ist sogar nolhwendig für die heutige Ge- sellschaft, es hilft die Masse des Volkes in Ruhe und Ordnung, in Abhängigkeit halten, aber das Borführen des Elends ist ekel- Haft und aufrührerisch.— Während des Fackelzuges waren an mehreren Straßenecken und Häusern Plakate angeschlagen worden folgenden Inhalts: „Tausend Arbeiter sind in Pforzheim in großer Nothilage; grenzenloses Elend! Abhilfe dringend noth- wendig!" Die Polizei entsernte die Plakate natürlich sofort— aber der Eindruck derselben war geblieben, da» Elend hatte sich den Jubelnden in nackter Gestalt gezeigt— das polizeiliche Ein- schreiten war nutzlos. Der Aerger, die Wuth über das Anschlagen der Plakate in dem Lager der Besitzenden iist deshalb ungemein groß. Die „Badische Landeszeitung" ließ sich aus Pforzheim des andern Tags folgendes Schreiben schicken: „Das Gerücht, daß in Carlsruhe am gestrigen Tage ein gehässiges Plakat angeheftet war, des Inhalts, daß man dort ein Jubelfest feiere, während in Pforzheim Taufende von Arbeitern brodlos seien, hat hier in der Bürgerschaft um so gröjßere Entrüstung erregt, als der Verdacht nahe liegt, daß das gemeine, erbärmliche Bubenstück— anders können wir es nicht bezeichnen— von hier aus in Scene gesetzt wurde, indem ein ganz ähnliches Stück bei Anwesenheit des Großherzogs bei der Landesrosenausstellung ausgeführt, indeß noch rechtzeitig durch die Polizei und die Bürgerschaft selbst vereitelt wurde, welche die Plakate von den Straßenecken abrissen. Diese Bü- berei wurde damals nachweislich von hiesigen Sozialdemo- kraten ausgeführt, es liegt daher bei der Aehnlichkeit des Falles die Annahme sehr nahe, daß die in Carlsruhe verübte Gemeinheit in der hier großgezogenen Rotte ihre Quelle hat. Außerdem für heute nur die Mittheilung, daß der Inhalt des Plakats eine erbärmliche, auf Aufhetzung berechnete Lüge ist. Wenn auch unsere Industrie durch die allgemeine Calamität Schaden erlitten hat und noch leidet, so ist der Roth- stand in der Arbeiterbevölkerung in dem Maße, wie er in den sozialdemokratischen Blättern geschildert wird, nicht vorhanden; überdies geschieht hier von Seiten der Stadt und der Bürger- schaft außerordentlich viel, wofür dieselben den Dank in sozial- demokratischen Blättern in fortgesetzten gemeinen Schmä- Hungen ernten. Traurig genug, daß Leute, die solcher Er- bärmlichkeit fähig find, Verbündete in Kreisen haben, wo solche nicht zu suchen sein sollten." Den Schlußsatz können wir nicht verstehen— wir wissen nicht, aus welche„Verbündete" der hochedle Notizenschreiber an- spielt; aber das könven wir»erstehen und scheuen es uns auch nicht auszusprechen, daß es wohl kaum einen pöbelhafteren, schmühsüchngeren Menschen geben kann, als diesen Schreiber. Der Herr spricht von einer erbärmlichen Lüge und giebt zu, daß die Psorzheimer Industrie darniederliegt, bekräftigt also die Thatsache, und sucht nur durch einige Phrasen die Roth in Pforzheim abzuschwächen. Doch das ist Alles Nebensache! Wir haben den Wortlaut des Plakats, welches in Carlsruhe, angeheftet war, oben gebracht— wir setzen denselben hier noch- mals hm: "tausend Arbeiter sind in Pforzheim in großer Nothlage; i� M Elend! Abhilfe dringend geboten." ■. 7?° diese ruhige öffentliche Bitte, nennt der Schreiberund Uch esBub�K �nd-Szeitung" ein»g-meines erbärm- Also dem„Landesherrn" soll an seinem Jubeltage nicht ein- das nothleidende Volk eine öffentliche Bitte vorlegen dürfen, und die das nicht wollen, gerade sie ersterben vor Loyalität! ... l]; das Unglück der Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen"— so klingt das Wort des verstorbenen Jacoby; der diejenigen, welche die Fürsten davon abhalten, die Wahr- 9 ii zu hören, das pnd die eigentlichen Verbrecher am Volke an den Fürsten----_ doch wir schreiben uns ja Illumination und Fackelzug sind längst erloschen, Jubelge- sänge, Gebete, Predigten, Wagengerassel und Musik sind längst verklungen. Ballet, durstige Kehlen, krumme Rücken und schlechte Gedichte, sie sind für einige Zeit in die Rumpelkammer gc- warfen, aber das-.Elend, das bleiche Elend ist geblieben— es macht seinen Rundgang durch unser schönes Deutschland. Giebt es kein Mittel, dasselbe zu bannen? Gewiß! Aber nicht genügt es, das Elend von dem öffentlichen Markte fern zu I halten, die Wunden des Volkes zu verkleistern, sondern das Elend muß mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Und dies kann geschehen � wenn die Kulturnationen die Organisation der Arbeit in die Hand nehmen, wenn sie das Recht auf Arbeit und das Recht der Arbeit feststellen. Nimmer aber werden diejenigen Klassen der Bevölkerung an solcher Umgestaltung der Gesellschaft theilnehmen, welchen der heutige Zustand behaglich ist, welche sich in demselben glücklich fühlen— deshalb muß das Volk, das arbeitende Volk zu- sammenstehen und mit seinen wenigen Freunden aus den an- deren Klassen durch energische Agitation zur Aufklärung der Massen und besonders bei den Wahlen zur Gesetzgebung das Ziel zu erreichen suchen. ' Und günstige Gelegenheit hierzu wird jetzt schon wieder in Berlin bei den Nachwahlen geboten. yAP. v--'".. �- UUUI Wl«. sUJttl Iflst in einen monarchischen Eiser hinein.--- Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Philosophie. Von Friedrich Engels. Xlll. „Diese historische Skizze(der Genesis der sog. ursprünglichen Kapitalakkumulation in England) ist noch das verhältnißmäßig beste in dem Marx'schen Buch und würde noch besser sein, wenn sie sich außer auf der gelehrten nicht auch noch auf der dialek- tischen Krücke fortgeholfen hätte. Die Hegel'sche Negation der Negation muß hier nämlich in Ermangelung besserer und klarerer Mittel den Hebammendienst leisten, durch welche die Zukunft aus dem Schooß der Vergangenheit entbunden wird. Die Aus- Hebung des individuellen Eigenthums, die sich in der angeben- teten Weise seit dem 16. Jahrhundert vollzogen hat, ist die erste Verneinung. Ihr wird eine zweite folgen, die sich als Vernei- nung der Verneinung und mithin als Wiederherstellung des„in- dividuellen Eigenthums", aber in einer höheren, auf Gemein- besitz des Bodens und der Arbeitsmittel gegründeten Form, charak- terisirt. Wenn dieses neue„individuelle Eigenthum" bei Herrn Marx auch zugleich„gesellschaftliches Eigenthum" genannt wor- den ist, so zeigt sich ja hierin die Hegel'sche höhere Einheit, in welcher der Widerspruch aufgehoben, nämlich der Worffpielerei gemäß sowohl überwunden als aufbewahrt sein soll.... Die Enteignung der Enteigner ist hiernach das gleichsam automa- tische Ergebniß der geschichtlichen Wirklichkeit in ihren materiell äußerlichen Verhältnissen.... Auf den Credit Hegel'scher Flausen, wie die Negation der Negation eine ist, möchte sich schwerlich ein besonnener Mann von der Nothwendigkeit der Boden- und Kapitalkommunität überzeugen lassen.... Die nebelhafte Zwittergestalt der Marx'schen Vorstellungen wird übrigens den nicht befremden, der da weiß, was mit der Hegel- dialektik als wissenschaftlicher Grundlage gereimt werden kann oder vielmehr an Ungereimtheiten herauskommen muß. Für den Nichtkenner dieser Künste ist ausdrücklich zu bemerken, daß die erste Negation bei Hegel der Katechismusbcgriff des Sünden- falls, und die zweite derjenige einer zur Erlösung hinführenden höheren Einheit ist. Auf diese Analogieschnurrc hin, die dem Gebiet der Religion entlehnt ist, möchte nun wohl die Logik der Thatsachen nicht zu gründen sein.... Herr Marx bleibt ge- trost in der Nebelwelt semes zugleich individuellen und gesell- schaftlichen Eigenthums und überläßt es seinen Adepten, sich das tiessinnige dialektische Räthsel selber zu lösen." Soweit Herr Dühring. Also Marx kann die Nothwendigkeit der sozialen Revolution, der Herstellung einer auf Gcmeineigenthum der Erde und der durch Arbeit erzeugten Produktionsmittel nicht anders beweisen als oadurch, daß er sich auf die Hegelsche� Negation der Negation beruft; und indem er seine sozialistische Theorie auf diese der Religion entlehnte Analogieschnurre gründet, kommt er zu dem Resultat, daß in der künftigen Gesellschaft ein zugleich indivi- duelles und gesellschaftliches Eigenthum als Hegel'sche höhere Einheit des aufgehobenen Widerspruchs herrschen nrirb._ Lassen wir zunächst die Negation der Negation auf sich be- ruhen, und besehen wir uns das„zugleich individuelle und ge- sellschaftliche Eigenthum". Dies wird von Herrn Dühring als eine„Nebelwelt" bezeichnet, und er hat darin merkwürdiger Weise wirklich Recht. Es ist aber leider nicht Marx, der sich in dieser Nebelwelt befindet, sondern wiederum Herr Dühring selbst. Wie er nämlich schon oben vermittelst seiner Gewandtheit in der Hegel'schen Methode des„Delirirens" ohne Mühe feststellen konnte, was die noch unvollendeten Bände des„Kapital" ent- halten müssen, so kann er auch hier ohne große Mühe Marx nach Hegel berichtigen, indem er ihm die höhere Einheit eines Eigcnthiims unterschiebt, von der Marx kein Wort gesagt hat. Bei Marx heißt es:„Es ist Negation der Negation. Diese stellt das individuelle Eigcnthum wieder her, aber auf Grund- läge der Errungenschast der kapitalistischen Aera, der Koopera- tion freier Arbeiter, und ihrem Gemeineigcnthum an der Erde und den durch die Arbeit selbst producirten Produktionsmitteln. Die Verwendung des auf eigner Arbeft beruhenden, zcrsplit- terten Privateigcnthums der Individuen in kapitalistisches ist natürlich ein Prozeß, ungleich mehr langwierig, hart und schwierig als die Verwandlung des faktisch bereits auf gesell- schaftlichem Produktionsbetrieb beruhenden kapftalistischen Privat- eigenthums in gesellschaftliches Eigenthum." Das ist Alles. Der durch die Enteignung der Enteigner hergestellte Zustand wird also bezeichnet als die Wiederherstellung des individuellen Eigen- thums aber auf Grundlage des gesellschaftlichen, Eigenthums an der Erde und den durch die Arbeit selbst producirten Pro- duktionsmitteln. Für Jeden, der Deutsch versteht, heißt dies, daß das gesellschaftliche Eigenthum sich auf die Erde und die andern Produktionsmittel erstreckt und das individuelle Eigen- thum auf die übrigen Produkte, also auf die Verbrauchsgegen- stände. Und damit die Sache auch für Kinder von sechs Jahren faßlich werde, unterstellt Marx auf Seite 56 einen„Verein freier Menschen, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräste selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben", also einen sozialistisch organissrten Verein, und sagt:„Das Gesammtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt. Ein Theil dieses Produkts dient wieder als Produftionsmittel. Er bleibt ge- sellschaftlich. Aber ein anderer Theil wird als Lebensmittel von den Vereinsgliedern verzehrt. Er muß daher unter sie vertheilt werden." Und das ist doch wohl klar genug, selbst für den verhegelten Kopf des Hrn. Dühring. Das zugleich individuelle und gesellschaftliche Eigenthum, diese konfuse Zwittergestalt, diese bei der Hegeldialektik herauskommen müssende Ungereimtheit, diese Nebelwelt, dies tiefsinnige dialek- tische Räthsel, das Marx seinen Adepten zu lösen überläßt— es ist abermals eine freie Schöpfung und Imagination des Herrn Dühring. Marx als angeblicher Hegelianer ist verpflichtet, als Resultat der Negation der Negation eine richtige höhere Einheit zu liefern, und da er dies nicht nach dem Geschmack des Herrn Dühring thut, so muß dieser wiederum in höhern und edlern Styl verfallen, und Marx im Interesse der vollen Wahrheit Dinge unterschieben, die Hrn. Dühring's eigenstes Fabrikat sind. Ein Mann, der so total unfähig ist, auch nur ausnahmsweife richtig zu citiren, mag wohl in sittliche Entrüstung gerathen gegenüber der„Chinesengelehrsamkeit" anderer Leute, die aus- nahmslos richtig citiren, aber eben dadurch„den Mangel einer Einsicht in das Jdeenganze der jedesmal angeführten Schrift- steller schlecht verdecken". Herr Dühring hat Recht. Es lebe die Geschichtszeichnung großen Styls! Bisher sind wir von der Voraussetzung ausgegangen, Herrn Dühring's hartnäckiges Falschcitiren sei wenigstens in gutem Glauben geschehen und. beruhe entweder auf einer ihm eigenen totalen Unfähigkeit des Verständnisses, oder aber auf einer, der Geschichtszeichnung großen Styls eigenthümlichen und sonst wohl als liederlich bezeichneten Gewohnheit, aus dem Gedächtniß an- zuführen. Es scheint aber, daß wir hier an dem Punkt ange- kommen sind, wo auch bei Herrn Dühring die Quantität in die Qualität umschlägt. Denn wenn wir erwägen, daß erstens die Stelle bei Marx an sich vollkommen klar und zudem noch durch eine andere platterdings kein Mißverständniß zulassende Stelle desselben Buchs ergänzt wird; daß zweitens weder in der oben angeführten Kritik des„Kapital" in den Ergänzungsblättern, noch auch in derjenigen in der ersten Auflage der„Kritischen Gefchichte" Herr Dühring dies Ungeheuer von„zugleich indivi duellen und gefellschastlichen Eigenthum" entdeckt hatte, sondern erst in der zweiten Auflage, also bei dritter Lesung; daß in dieser sozialistisch umgearbeiteten, zweiten Auflage Herr Düh- ring es nöthig hatte, Marx über die zukünftige Organisation der Gesellschaft möglichst großen Blödsinn sagen zu lassen, um da- gegen— wie er auch thut—„die Wirthschaftscommune, die ich in meinem„Kursus" ökonomisch und juristtsch skizzirt habe" um so triumphirender vorführen zu können— wenn wir das Alles erwägen, so wird uns der Schluß aufgedrängt, daß Herr Dühring uns hier fast zur Annahme zwingt, er habe hier den Marx'schen Gedanken mit Borbedacht„wohlthätig erweitert"— wohlthätig für Hrn. Dühring. Welche Rolle spielt nun bei Marx die Negation der Nega- tion? Auf Seite 791 u. ff. stellt er die Schlußergebnisse der aus den vorhergehenden fünfzig Seiten durchgeführten. ökono- mischen und geschichtlichen Untersuchung über hie sogenannte ursprüngliche Akkumulation des Kapitals zusammen. Vor der kapitalistischen Aera fand, wenigstens in England, Kleinbetrieb statt, auf Grundlage des Privateigenthums des Arbeiters an seinen Produktionsmitteln. Die sog. ursprüngliche Akkumulation des Kapitals bestand hier in der Expropriation dieser unmittel- baren Produzenten, d. h. in der Auflösung des auf eigener Arbeit beruhenden Privateigenthums. Dies wurde möglich, weil der obige Kleinbetrieb nur verträglich ist mit engen, natur- wüchsigen Schranken der Produktion und der Gesellschaft und auf einem gewissen Höhegrad daher die materiellen Mittel seiner eigenen Vernichtung zur Welt bringt. Diese Vernichtung, die Verwandlung der individuellen und zersplitterten Produktions- mittel in gesellschaftlich konzentrirte, bildet die Vorgeschichte des Kapitals. Sobald die Arbeiter in Proletarier, ihre Arbeitsbe- dingungen in Kapital verwandelt sind, sobald die kapitalistische Produktionsweise auf eigenen Füßen steht, gewinnt die weitere. Vergesellschaftung der Arbeit und weitere Verwandlung der Erde und andern Produktionsmitteln, daher die weitere Expropriation der Privatcigenthümer, eine neue Form.„Was jetzt zu expro- priiren, ist nicht länger der selbstwirthschaftende Arbeiter, son- dcrn der viele Arbeiter exploitirende Kapitalist. Diese Expro- priation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Konzentration der Kapitalien. Je ein Kapitalist schlägt Viele todt. Hand in Hand mit dieser Konzentration oder der Expropriation vieler Käpita listen durch Wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewußte technologische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßig ge- meinsame Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeits- Wittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel und die Oekonomisirung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als gemeinsame Produktionsmittel kombinirter gesellschaftlicher Arbeit. Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmag- naten, welche alle Bortheile dieses Umwandlungsprozesses usur- piren und monopolisiren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtung, der Degradation, der Ausbeutung, aber auch der Empörung und der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst ge- schulten, vereinten und organisirten Arbeiterklasse. Das Kapital wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Konzentration der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigenthums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriirt." Und nun frage ich den Leser: Wo sind hier die dialektisch krausen Verschlingungen und Vorstellungsarabesken, wo die Misch- und Mißvorstellung, der zufolge schließlich Alles Eins ist, wo die dialektischen Wunder für die Gläubigen, wo der dia- lektische Geheimnißkram und die Verschlingungen nach Maßgabe der Hegel'schen Logoslehre� ohne die Marx, nach Hrn. Dühring, seine Entwicklnng nicht zu Stande bringen kann? Marx weist einfach historisch nach, und faßt hier kurz zusammen, daß gerade, wie einst der Kleinbetrieb durch seine eigene Entwicklung die Bedingungen seiner Vernichtung d. h. der Enteignung der kleinen Eigenthümer mit Nothwendigkeit erzeugte, so jetzt die kapita- listische Produktionsweise ebenfalls die materiellen Bedingungen selbst erzeugt hat, an denen sie zu Grunde gehn muß. Der Prozeß ist ein geschichtlicher, und wenn er zugleich ein dialek- tischer ist, so ist das nicht die Schuld von Marx, so fatal es Hrn. Dühring sein mag. Erst jetzt, nachdem Marx mit seinem historisch-ökonomischen Beweis fertig ist, fährt er fort:„Die kapitalistische Produktions- und Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigenthum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigne Arbeit gegrün- deten Privateigenthums. Die Negation der kapitalistischen Pro- duktion wird durch sie selbst, mit der Nothweudigkeik eines Natur- Prozesses, produzirt. Es ist Negation der Negation" u. s. w. (wie vorher citirt). Indem Marx also den Vorgang als Negation der Negation bezeichnet, denkt er nicht daran, ihn dadurch beweisen zu wollen als einen geschichtlich nothwendigeu. Im Gegentheil: Nachdem er geschichtlich bewiesen hat, daß der Vorgang sich in der That theils ereignet hat, theils noch sich ereignen muß, bezeichnet er ihn zudem als einen Vorgang, der sich nach einem bestimmten dialektischen Gesetz vollzieht. Das ist Alles. Es ist also wieder eine reine Unterschiebung des Herrn Dühring, wenn er behauptet, die Negation der Negation müsse hier die Hebammen-Dienste leisten, durch welche die Zukunft aus dem Schoß der Vergangenheit entbunden wird, oder daß Marx verlange, man solle auf den Kredit der Negation der Ne- aation hin sich von der Nothwendigkeit der Boden- und Kapital- kommunität(welche selbst ein Dühring'scher leibhafter Widerspruch ist) überzeugen lassen. Es ist schon ein totaler Mangel an Einficht in die Natur der Dialektik, wenn Hr. Dühring sie für ein Instrument des bloßen Beweisens hält, wie man etwa die formelle Logik oder die elementare Mathematik beschränkter Weise so auffassen kann. Selbst die formelle Logik ist vor Allem Methode zur Auffin- dung neuer Resultate, zum Fortschreiten vom Bekannten zum Unbekannten, und dasselbe, nur in weit eminenterem Sinne, ist die Dialektik, die zudem, weil sie den engen Horizont der sor- Mellen Logik durchbricht, den Keim einer umfassenderen Welt- anschauung enthält. In der Mathematik liegt dasselbe Verhältniß vor. Die elementare Mathematik, die Mathematik der kon- stauten Größen, bewegt sich innerhalb der Schranken der for- Mellen Logik, wenigstens im Ganzen und Großen; die Mathe- matik der variablen Größen, deren bedeutendster Theil die In- finitesimalrcchnung bildet, ist wesentlich nichts Anderes als die Anwendung der Dialektik auf mathematische Verhältnisse. Das bloße Beweisen tritt hier entschieden in den Hintergrund gegen- über der mannigfachen Anwendung der Methode auf neue Untersuchungsgebiete. Aber fast alle Beweise der höheren Mathe- matik, von den ersten der Differentialrechnung an, sind vom Standpunkt der Elementarmathematik aus, streng genommen, falsch. Dies kann nicht anders sein, wenn man, wie hier ge- schieht, die auf dialektischem Gebiet gewonnenen Resultate ver- mittelst der formellen Logik beweisen will. Für einen krassen Metaphysiker, wie Herr Dühring, vermittelst der bloßen Dia- lektik etwas beweisen zu wollen, wäre dieselbe verlorne Mühe, die Leibnitz und seine Schüler hatten, den damaligen Mathe- matikern die Sätze der Infinitesimalrechnung zu beweisen. Das Ein Heldenmädchen.*) Sophie Larionowna Bardina, die Tochter eines Edel- manns, geboren 1854 zu Tambow, studirte in Zürich. 1874 nach Rußland zurückgekehrt, wurde sie unter dem Namen der Frau eines Soldaten Saizew in einer Fabrik als einfache Ar- beiterin aufgenommen. 1875 auf Anzeige einer Denunziantin we�en Verbreitung sozialistischer Schriften verhaftet, wurde sie am 21. Februar l877 mit 49 anderen Sozialisten von der besonderen Sitzung des Strafsenats verurtheilt und zu 9 Jahren Zwangsarbeit verdammt. In der Sitzung hielt sie folgende Vertheidigungsrede: „Von meinem Standpunkt betrachtet halte ich mich für un- schuldig und nicht straffällig, weil ich der Gesellschaft und dem Volke keine Schädigung seiner Interessen beizubringen die Absicht hakte und, wie ich hoffe, auch thatsächlich keine solche veranlaßt habe. Allerdings wird man mich sowohl wie die anderen Ange- klagten beschuldigen, darnach gestrebt zu haben, die heiligen Grundlagen des Staates, des Eigenthums, der Familie und der Religion zu zerstören, zum Aufruhr, zur Hervorrufung von Anarchie in der Gesellschaft ermuntert und aufgereizt zu haben. Das alles wäre ja schrecklich, wenn es— wahr wäre. That- sächlich sind diese Anschuldigungen auf Mißverständnissen be- gründet, welche ich, wenn mich der Gerichtshof anhören will, aufzuklären die Absicht habe. Nimmermehr habe ich das Eigenthum aufheben wollen, im Gegentheil, ich erlaube mir die Meinung, daß ich es vertheidige, weil ich anerkenne, daß jeder Mensch ein Recht auf Eigenthum hat, welches ihm seine persönlich geschaffene Arbeit gewährleistet, und daß jeder Mensch voll und ganz Eigenthümer seiner Arbeit ist(des Ertrags seiner Arbeit? R. d. B.) Kann man nun sagen, daß ich es bin, die mit ihren Meinungsäußerungen die Grundlagen des Eigenthums erschüttert— oder ist es nicht viel- mehr der Fabrikant, der den Arbeiter nur für ein Drittheil seiner Arbeitsleistung entschädigt, zwei Drittheile aber ruhig in *) Die„Neue Welt" wird ein wohlgelungenes Portrait dieser Kämpferin nebst denen ihrer Genossinnen bringen. Differential verursachte ihnen dieselben Krämpfe wie dem Herrn Dühring die Negation der Negation, in der es übrigens, wie wir sehen werden, auch eine Rolle spielt. Die Herren gaben zuletzt, soweit sie nicht inzwischen starben, knurrend nach) nicht weil sie überzeugt waren, sondern weil es immer richtig heraus- kam. Herr Dühring ist, wie er selbst sagt, erst in den Vier- zigen, und wenn er das hohe Alter erreicht, das wir ihm wün- ?chen, so kann er auch noch dasselbe erleben.— (Schluß folgt.) Sozialpolitische Uebersicht. — Die Nachwahl im 6. Berliner Wahlkreise findet den 17. d. M. statt. Von Seiten der Sozialdemokratie ist der frühere Abgeordnete des Kreises, Parteigenosse Hasenclever, von Seiten der Fortschrittler der frühere Anhänger Lassalle's und Jacoby's, der gegenwärtige Renegat und Stadtverordnete Ludwig Löwe als Candidat aufgestellt worden; die National- Conservativen haben bis jetzt noch keinen Candidaten ernannt. Der Abgeordnete Eugen Richter, der Backfischherzenbesieger und Sozialistenfresser, schlägt auf die große Trommel in seiner (fortschrittlichen) Correspondenz. Diese Trommelklänge wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten, damit sie ersehen, daß unsere Gegner Alles aufbieten werden, der Sozialdemokratie den Sieg in Berlin streitig zu machen. Der Eugen Richter'sche Trommelwirbel klingt folgendermaßen: „Es steht zu hoffen, daß die Neuwahl nickt wieder mit dem Siege des sozialdemokratischen Candidaten endet. Oder sollte die Bürgerschaft Berlins wirklich geneigt sein, dem die Frei- heit und Rechtsgleichheit der Bürger bedrohenden, den Frieden zwischen den verschiedenen Berufsklassen der Einwohner- schaft zerstörenden, das Verhältniß von Arbeitgeber und Ar- beitnehmer vergiftenden, das allgemeine Mißtrauen und damit die herrschende Geschäftslosigkeit und Erwerbslosigkeit steigern- den*), von einer Handvoll beliebiger gewerbsmäßiger Agi- tatoren geleiteten Treiben neue Nahrung und Kraft dadurch zuzuführen, daß man aus Gleichgiltigkeit, Unthätigkeit, Energielosigkeit u. s. w. zum zweiten Mal den 6. Wahlkreis in die Hände der Sozialdemokraten fallen läßt? Hat doch am 10. Ja- nuar in diesem Wahlkreis noch nicht die Hälfte der einaeschrie- denen Wähler von threw Wahlrecht Gebrauch gemacht. Bei der jetzigen Wiederholung des Wahlaktes kann man sich nicht mehr mit der Unkenntniß über die Stärke der Gegner entschuldigen, von Ueberraschung oder lleberrumpelung sprechen. Auch der par- lamentarischen Fortschrittspartei wird man Angesichts dieser Dar- stellung nicht Mangel an Wachsamkeit vorwerfen können. Die parlamentarische Fortschrittspartei wird die Wähler im 6. Wahl- kreise in Bekämpfung der Sozialdemokraten nach Kräften unter- stützen. Die Hauptarbeit aber muß im Wahlkreise selbst voll- bracht werden. Dazu genügen nicht einzelne Personen mit einem Kassenbestande von einigen Hundert Mark, sondern ist eine bis in jeden einzelnen Abstimmungsbezirk und in jedes einzelne Haus hinabgegliederte einheitlich arbeitende Organisation, welche viele Hunderte von Vertrauensmännern umfaßt, erforderlich. Außerdem bedarf es reichlicher Mittel für Flugblätter, Stimm- zettel, Plakate«. s, w. Sobald solche Organisation geschaffen, ist es auch mit der Sozialdemokratie zu Ende. Hat die- selbe doch von ihren neun bis 1877 besessenen Wahlkreisen bei den letzten Wahlen nicht weniger als sünf wieder eingebüßt. Der Verlust eines soeben in Berlin gewonnenen Wahl- kreises würde der Sozialdemokratie eine weit über Berlin hinausreichende Niederlage beibringen. Umge- kehrt ist ein wiederholter Sieg der Sozialdemokratie in Berlin von den bedenklichsten Folgen für das Fortwuchern dieser poli- tisch, gesellschaftlich und wirthschaftlich gleich verderblichen Rich- tung innerhalb und außerhalb Berlin. Was in Altona oder Elberfeld-Barmen unter ungleich ungünstigeren Verhältnissen er- erreicht wurde, muß Berlin zu vollbringen eine Ehrensache sein, wenn es nicht an seinem Ansehen auch auf anderem als polttischem Gebiete Schaden leiden will." Diesen Trommelwirbel hat der„tapfere Eugen", dem sein Redemanuscript wie Espenlaub in der Hand zittert, wenn ihm ein beherzter Gegner in's Auge sieht, so daß er selbst das Lügen vergißt,— diesen Trommelwirbel hat er am 9. April im Bor- sig'schen Saale noch mit seiner Maultrommel unterstützt und Lügen, Verdrehungen und Verleumdungen thurmhoch aufgehäuft — er fühlte sich sicher bei seinen fortschrittlichen Genossen. Weniger siegessicher und sehr verschnupft ist die„National- Zeitung", welche in Bezug auf die Candidatur des Herrn Ludwig Löwe erklärt:„Bei diesem einseitigen Vorgehen der *) Erinnert lebhaft an die Participial- Poesie des Königs Ludewig vom Baierland. seine Tasche steckt? Oder der Spekulant, der auf dem Wege des Börsenspiels Tausende von Familien ruinirt und auf deren Kosten sich bereichert, während er selbst nichts produzirt? Den obligatorischen Communismus predige� weder ich noch irgend einer unserer Propagandisten. Wir stellen nur als obersten Grundsatz auf das Recht des Produzenten auf den vollen Ertrag seiner Arbeit. Was er damit anfängt, ob es zu Gemeinbesitz wird oder Privatbesitz bleiben soll,— das ist einer späteren Zeit überlassen. Wir unterfangen uns nicht, diese Fragen im voraus gründlich zu lösen, und glauben ja auch, daß eine solche Gesell- schaftsordnung erst in ferner Zukunft sich verwirklichen kann und daß die speziellen Einzelnheiten erst in der Praxis Gestalt an- nehmen können. Was die Familie anlangt, ist sie nicht gefährdet durch eine Gesellschaftseinrichtung, welche die Mutter und die Kinder zwingt, dzs Haus zu verlassen, um in der Fabrik zu arbeiten, in welcher die Armuth zur Prostitution führt, welche von der Gesellschaft auch noch sanktionirt und als eine vollkommen gesetzmäßige und unentbehrliche Erscheinung hingestellt wird! Oder zerstören wir das Familienleben, die wir die Armuth, die Hauptursache des Verfalls der Familien, vertilgen wollen? Was die Religion betrifft, so kann ich nur erklären, daß ich allezeit ihrem Geiste und ihren Hauptgrundsätzen treu geblieben bin, wie sie in reiner Form von ihren Begründern gelehrt worden sind. Außerdem ist zu bemerken, daß kein Zeuge etwas darüber ausgesagt hat, man habe Gottesleugnung gepredigt u. s. w. Die Zeugin Doria Sworzowa sagt z. B.:„Gott im Himmel erkennen sie Wohl an, aber nicht seine Persönlichkeit." Das will doch heißen: sie verhalten sich den Religionsgebräuchen, Bilder- cult u. s. w. gegenüber indifferent. Deshalb brauche ich über die Religionsfrage nicht weiter zu sprechen. Der„Zerstörung" des Staates bin ich ebenso wenig schuldig. Ich glaube überhapt nicht, daß die Ansttengungen Einzelner den Staat zerstören können. Wenn Staaten untergehen, so geschieht es, weil sie schon den Keim des Todes in sich tragen. So sind die Staatengebilde des Alterthums verschwunden, zum Theil weil sie auf der Sklaverei begründet waren, also auf einer Grund- läge, welche die Entwicklung der Gesellschaft hemmt. Wenn ein Fortschrittspartei mit Aufstellung eines Candidaten ist leider die Hoffnung sehr gering, daß es gelingen wird, die Wiederwahl Hasenclever's zu verhindern." Der Nordbezirksverein des sechsten Wahlkreises(die Mit- glieder gehören verschiedenen Parteien an) rüstet sich in einer sehr zweckmäßigen und interessanten Weise zur Nachwahl. Derselbe hat nämlich in seiner letzten Sitzung beschlossen, zur Aufklärung der Mitglieder vor der Wahl je einem Vertreter der Fortschrittspartei, der Sozialdemokraten, der Handwerker- Partei und nationalliberalen Partei, Gelegenheit zu geben, ihr Programm in einem Vortrage zu entwickeln. Aus alledem sehen unsere Parteigenossen nicht allein in Berlin, sondern in ganz Deutschland, daß in der Reichs- Hauptstadt eine heiße Schlacht geschlagen wird; daß ferner, wenn die Sozialdemokratie siegreich aus derselben hervorgehen soll, unsere Genossen überall das Wahlcomit6 in Berlin unter- stützen müssen. Die letzte Veröffentlichung der Beiträge für den Wahlfonds schließt das Comite(in der„B. Fr. Pr.") mit folgen- den Worten: „Genossen, wir sind am Vorabende der Wahl, thut Eure Schuldigkeit!" Die Namen und Adressen der Comitemitglieder sind: C. Anders, Steglitzerstraße 53; E. Dastig, Reichenbergerstraße 179; H. Ecks, Alte Jakobstraße 46, im Cigarrenladen; C. Greifenberg, Bergstraße 71; A. Heinsch, Große Frankfurter- straße 118»; A. Keitel, Stettinerstraße 35; Werthmann, Alexandrinenstraße 126. — Die Wahlprüfungs-Commission des Reichstages hat 41 Wahlen in der letzten Session geprüft. Davon ist eine noch nicht erledigt, da die von der Commission verlangten Auf- klärungen der Behörden im 8. Schleswig- Holstein'schen Wahlkreise(Altona-Stormarn) noch nicht eingegangen find. Im Ganzen hat die Commission in zwei Fällen auf Ungiltig- keitserklärung, in acht auf Beanstandung angetragen. Bei den Uebrigen ist die Giltigkeitserklärung beantragt. Der Commission werden nur solche Wahlen zugewiesen, bei denen es sich um die Gilttgkeit der Wahl selbst handelt. — Eine Raubgründung. Im Jahre 1873 schlug der Ziegeleibesitzer Friedrich zu Alt-Spieß bei Dresden seine Ziegelei für 182,000 Thlr. an vie Nord- besser Mord-Baubank los; 60,000 Thlr. wurden baar angezahlt. Diese Bank versilberte das Unternehmen wiederum an die Besitzer des„Figaro", Ge- brüder Cohnfeld in Berlin für 197,000 Thlr., und diese machten aus ihr, was sie konnten, sie gründeten ein Aktienunwesen mit; einem Grundkapital von 387,000 Thlr. Gründungscomitömitglieder waren die Gebrüder Cohnfeld, der Rentier Rosahl und Rechts-! anwalt Meyer. 50,000 Thlr. sollten zum Betriebe Verwendung finden, 11,000 Thlr. die Presse, 60,000 Thlr. der Zimmer- meister Strömer, Direktor der Nord-Baubank und den Rest die Gründer erhalten. Nach einmaligem fehlgeschlagenen Versuch, eine Bilanz aufzustellen, wurde derselbe erneuert, und einem genialen Rechenkopfe gelang es wirklich, aus Null 8pCt. Dividende herauszukalkuliren. Mit dieser Bilanz in der Tasche kutschirten die Gebrüder Cohnfeld und Strömer zu den Berliner Zeitungsredaktionen, 11,000 Thlr. Aktien und 10,000 Thlr.! baar wurden in die Hände gewisser Cours machender Subjekte geschoben und schwarz auf weiß standen eines Tages die Aktien mit einem Course von 106 bis 107 in verschiedenen Blättern. Strömer als Direktor der ge- nannten Nordbaubank brauchte nun zum beabsichtigten Erwerbe der in der Königstraße belegenen alten Post Geld und erachtete einen alten Freund von ihm, den Kaufmann Lilie als geeignete Persönlichkeit zur Abnahme von Ziegelei- und Baubankaktie».! Unter Hinweis auf den feinen Stand der Attien erhielt er von ihm 15,000 Thlr. baar und 4000 Thlr. in Wechseln gegen 20! Prozent Zinsen und lombardirte hierfür 50,000 Thlr. Ziegelei- Aktienmakulatur und 10,000 Thlr. Aktien der Baubank. Bei j diesem lukrativen Geschäfte gingen für Lilie 15,000 Thlr. ver loren, den Rest gelang es ihm zu retten. Wegen dieses Schwin- dels angeklagt, wurde Strömer zu 1>/, Jahren Gefängniß und zweijährigem Ehrverlust verurtheilt. Die Ziegeleiaktengründung wird dagegen nächstens vor den Dresdener Gerichten ihre Wür- digung erfahren. Heut ist Herr Friedrich wieder Eigenthümer des Unternehmens; für baare 77,000 Mk. hat er das giganttsche Etablissement in der Subhastatton erstanden.— Aus diesem Bericht mögen die Leser ersehen, welchen großen Anthell die liberale und die conservative Presse an dem Volksbetrug ge- i habt hat. Für Geld lockt die herrschende Presse den Wittwen und Waisen selbst die Sparpfennige aus der Tasche, für Geld verdummt sie das ganze Volk, sie die„Volksbildnerin!" Staat das Volk(oder Theile desselben) in polittscher, ökonomi- scher und geistiger Sklaverei hält, wenn er durch eine fast un- bezahlbare Steuerlast, durch kapitalistische Ausbeutung des Ar- beiters und andere unnatürliche ökonomische Verhältnisse diesen in Armuth, Krankheit und Verbrechen stürzt— ein solcher Staat eilt selbst seinem Untergang entgegen, und daran find dann sicbec nicht Einzelne oder Gruppen Einzelner schuld. Deshalb ist keine Ursache vorhanden, diese so grausam zu verfolgen und zu be- strafen. Einem Staate kann bei gesunden Zuständen aus den Bestrebungen dieser Menschen keine Gefahr erwachsen, folglich ist auch eine Bestrafung nicht nöthig. Deshalb ist mir die Logik, der Prokuratur in der Anklage des Gerichtshofes unbegreiflich, welche sagt, daß„keine Gefahr vorhanden sei" und doch„Ge fahr drohe". Für dieses Dilemma scheint es nur eine Lösung• zu geben. Man beschuldigt mich, das Volk zum Aufruhr gereizt zu haben. Ich habe aber niemals zum Aufruhr aufgemuntert und konnte dies auch nicht, denn ich bin überzeugt, daß eine Revo- j lution das Resultat von einer ganzen Reihe geschichtlicher Be dingungen ist, aber nicht die Folge der Aufmunterungen einzelner! Personen. Eine Metzelei ist ja an und für sich nicht Wünschens-> Werth. Ich besitze durchaus nicht einen so blutdürstigen Cha- i rakter, wie ihn die Prokuratur allen Propagandisten zuschreibt.' Wenn die ideale Gesellschaftseinrichtung, die wir uns vorstellen, ohne jede Gewalt herbeigeführt werden kann, so wollen wir uns von ganzem Herzen freuen. Ich meine nur, daß unter gewissen Verhältnissen freilich eine gewaltthätige Umgestaltung ein unver- meidliches Uebel ist, woran aber wieder nicht einzelne Menschen oder Gruppen schuld sind.". I Senator Peters bemerkt, daß diese Auseinandersetzungen nicht zur Sache gehören. Angeklagte fährt fort: „Ich will meine Meinung über Revolution und Propaganda aussprechen und ich glaube, daß meine Ansichten mit denen vieler anderen Angeklagten übereinstimmen; meine Auseinandersetzungen find also nicht unnütz und dienen dazu, die Propagandisten in ihrem wahren Lichte zu zeigen. Ich, meine Herren, gehöre zn den Leuten, welche durch eine friedliche Propaganda die Intelligenz fördern wollen. Aufgabe dieser Leute ist, dem Bewuyt- — Eine treffliche Antwort. Die in Darmstadt be- stehende„Literarisch-artistische Anstalt" des Verlagsbuchhändlers Adolph Lange will eine„Arbeiterbibliothek"„gründen"; diese Büchersammlung soll in einzeln verkäuflichen, billigen Bäudchen ausgegeben werden. Die bewährtesten Volksschrist- steller werden zur Theilnahme aukgefordert; Privalleute, Fa- brikbesitzer, welchen die Bekämpfung der sozialdemokratischen Agi- tation am Herzen liegt, werden ersucht, Beiträge von 30— 5 Mark für später zu empfangende, von denselben zu ver- breitende Schriften einzusenden; Personen, welche auf die Schriften und deren Verbreitung verzichten, werden gebeten, S Mark für den guten Zweck an die Berlagshandlung zu schicken. In den Zuschriften, welche mit Hilfe der Adreßbücher an die „Rcichsfteunde" gesandt werden, soll der von uns betriebenen massenhaften Verbreitung von Agitationsschriften entgegengear- beitet werden. Daß nun aber das Adreßbuch kein ganz getreuer Rathgebcr bei solchen Spekulationen ist, beweist folgender Brief, der uns vom Oberrhein in Bezug auf obige„Arbeiterbiblio- thek" am 7. d. M. zugegangen ist: Herr Redakteur! Soeben empfing ich mitfolgende buchhändlerische Anzeige; bei derselben ist wenigstens das neu, daß man den Haß gegen die Sozialisten für seinen Privatsäckel auszubeuten sucht, und es würde sich wohl lohnen, solches Treiben im„Vorwärts" in das richtige Licht zu stellen. Als Antwort auf dieses Bettelgesuch empfangen Sie einliegend 20 Mark, die ich Sie in folgender Weise zu verwenden bitte: M. 5 für Wahlagitation in Berlin; M. 5 für gemaßregelte Krupp'sche Arbeiter; M. 2 für das in Mannheim zu gründende Lokalblatt. Für die übrigen 8 M. bitte ich, mir den Jahrgang 1876 der„Neuen Welt" zu übersenden. Achtungsvoll Dr. Ph. P. Bravo! Wir glauben durch einfachen Abdruck des Briefes den Wunsch des Briefschreibers am besten zu erfüllen. — O, welche Lust:c. ic. In Schleswig wurde vor einigen Tagen ein Husar(Rekrut) der 4. Escadron des schles- wig-holsteinischen Husaren-Regiments Nr. 16 von einem Unter- offizier in so arger Weise mißhandelt, daß er in's Laza- reth geschafft werden mußte, wo er, den„Jtzehoer Nachrichten" zufolge, nach zweitägigem Krankenlager mit Tode abgegangen ist. — Und welche Strafe erhält der Unteroffizier? — Unsere Genossen Frohme und Schäfer sind am 3. Mai von der Anklage, das Jmpfgesetz durch erdichtete und entstellte „Thatsachen" verächtlich gemacht und zum Widerstand gegen dasselbe„aufgereizt" zu haben, freigesprochen. Staatsanwalt Kunitz hatte gegen Frohme 5 Monate, gegen Schäfer 4 Wochen Gefängniß beantragt. Derselbe hat die Appellation angemeldet. Bei seiner Anklagerede gebrauchte nach unserm Frankfurter Parteiblatt der Staatsanwalt Kunitz folgende Worte: 1)„Den Sozialisten ist jedes Mittel recht zur Aufreizung, so auch die Agitation gegen den Impfzwang." 2)„Die Meinung des Angeklagten Frohme stützt sich nicht auf Autoritäten, sondern auf das Geschwätz einiger Charlatane und alter Weiber." 3i„Der Staat darf dem„Unfug" der Agitatton gegen den Impfzwang nicht länger mehr ruhig zusehen." Die Redaftion des„Vorwärts" hat keine Stellung ein- genommen zu der Frage, ob das Impfen mehr schädlich oder mehr nützlich ist, sie wird auch in dieser Frage so lange keine Stellung nehmen, bis vor dem Forum der Wissenschaft die Frage zum völligen Austrag gelangt ist. Man mag nun aber zu dieser Frage stehen wie man will, so muß man doch die Sprache des Staatsanwalts Kunitz unbedingt verurtheilen. Viele Gegner des Jmpfens, unter ihnen Professor Germann in Leipzig, sind höchst achwngswerthe und wissenschaftliche Männer, diese mit den Ausdrücken„Charlatane" und„alte Weiber", wenn auch nur indirekt, zu bezeichnen, ist geradezu unerhört; die Agitatton gegen den Impfzwang aber„Unfug" zu nennen, das ist, gelinde gesagt, eine Mißachtung eines Rechtes der Staatsangehörigen, die sich am allerwenigsten ein Rechtswächter zu Schulden kommen lassen dürfte— durch solche Reden gießt übrigens der Herr Staatsanwalt Oel ins Feuer, die Jmpfgegner werden an Zahl wachsen, und die Jmpffreunde können sich dieserhalb dann bei den Herren bedanken, die sich zwar wider Willen einer lebhasten Agitation gegen das Impfen, wie der Staatsanwalt Kunitz, somit schuldig gemacht haben. — Franz Zitz. Am letzten Apriltag starb zu München im 73. Lebensjahre Dr. Franz Zitz. der neben Hecker einst ge- sein des Volkes die Ideale einer besseren, gerechteren Gesell- schaftseinrichtung zu übermitteln, oder was etwa davon schon in ihnen keimt, weiter zu entwickeln, ihnen die Uebelstände ictziger Einrichtungen zu zeigen, damit in Zukunft derselbe Fehler nicht begangen werde. Die Zeit freilich, wann diese neue Aera be- ginnen wird, bestimmen wir nicht im voraus und können sie auch nicht voraussagen, da ihr Eintritt nicht von uns abhängt. Ich glaube, daß unsere Art der Propaganda nichts weniger ist -als eine Aufmunterung zum Aufruhr. Die Anklage sagt ferner, wir wollten die Klassen vernichten. Sie versteht dies so, als wollten wir alle Gutsbesitzer, Edel- leute, Beamte, Kaufleute, überhaupt alle Reichen niedermetzeln. Das ist wiederum ein grobes Mißverständniß. Wir wollen nur die Privilegien beseitigen, welche die Eintheilung der Menschen in Klassen der Besitzenden und der Nichtbesitzenden hervorrufen, nicht aber wollen wir die Personen vernichten, welche diese Klassen bilden. Es wäre wohl auch physisch unmöglich, eine solche Menge von Leuten abzuschlachten, wenn wir auch solche grausame Neigungen hätten! Wir wollen auch kein Reich der Arbeiter als Klasse bilden, welche ihrerseits die anderen Klassen unterdrücken würde, wie dies die Anklage auffaßt. Wir erstreben das Wohl Aller, die Gleichheit Aller; natürlich wollen wir nicht etwa die Verschiedenheit der Individuen in Temperament, in Geschlecht, Alter u. s. w. aufheben. Dies Alles kann höchstens Manchem als eine Chimäre erscheinen, keinesfalls aber liegt darin etwas Grausames und Unsittliches. Im Westen vernimmt man die Stimme einer solchen Propaganda alltäglich, und Nie- mandem erscheint sie so gefährlich; sie verwirrt die Gemüther nicht, be- unruhigt auch die Gesellschaft nicht, vielleicht weil man dort schon lange gewohnt ist, alle solche Fragen laut und öffentlich zu diskutiren. Die Anklage nennt uns serner politische Revoluttonäre. Wenn Nur aber einen Staatsstreich planten, so würden wir anders handeln müssen, als wir es thun: wir würden nicht zum Volke gehen, welches man noch belehren und bilden muß, sondern wir würden Vielmehr die unzufriedenen Elemente der„gebildeten" Klassen aufsuchen und vereinigen müssen. Dies würde viel zweckmäßiger sein; aber die Sache ist eben die, daß wir gar keinen solchen Staatsstreich planen feierte Führer der Volksbewegung des Jahres 1348. Bei dem Ausbruch der Bewegung war er Abgeordneter für Mainz in der Ständekammer, trat ins Vorparlament, später für Mainz in die conftituirende Nattonal- Versammlung, bis ihn seinesbeiläufig nichts weniger als heldenhafte) Theilnahme an dem Kampfe der bayerischen Pfalz zur Ausrechthaltung der Reichsverfassung, als Führer des rheinhessischen Hilfscorps«das er, nebst seinem Freund Bamberger, schnöde im Stich ließ, als die Sache gefährlich wurde), zur Flucht nach Amerika zwang. — Die Versailler Ordniyigswüthriche haben am Sonnabend, den 28. April, einen Pariser Communekämpfer Namens Mja rin zum vierten Male zum Tode verurtheilt. Angeklagt: den Befehl zur Inbrandsetzung der Mairie des 11. Arron- dissements gegeben, ja in eigner Person das zu diesem BeHufe erforderliche Petroleum herbeigeschafft zu haben, mußte das Todesurtheil gegen Marin wegen begangener Formfehler drei- mal cassirt werden. Jetzt ist es zum vierten Male gefällt, trotz- dem Marin entschieden bestreitet, das ihm zur Last gelegte Ber- brechen begangen zu haben. Aber was thut's. Marin ist ein Feind der heutigen„Ordnung", folglich gebührt ihm der Tod — von„Rechtswegen". — Sozialistencongreß in Portugal.„O Protesto", das Organ der Sozialisten Portugals, bringt einen Bericht über den ersten sozialistischen Arbeiter-Congreß in Portugal, welcher vom 1. bis 4. Februar d. I. in Lissabon stattgefunden hat. Dieser Congreß begründete eine sozialistische Partei in Portugal auf der Basis wie die Partei in Deutschland. In Bezug auf den allgemeinen Sozialistencongreß, der dieses Jahr in Belgien tagen soll, beschloß der Congreß, falls die portugiesischen Ar- bettervereine auch dazu eingeladen werden sollten, entweder durch einen Delegirten oder durch ein Schreiben folgende Kundgebung an den Congreß gelangen zu lassen: „Die portugiesischen Sozialisten nehmen Abstand von Mit- teln revolutionärer Aktion, sie sind solidarisch in ihren Bestre- bungen mit den sozialistischen Arbeitern der ganzen Welt." „Abstand nehmen von Mitteln revolutionärer Aktion", heißt natürlich nur, die portugiesischen Arbeiter verzichten' auf das „anarchistische" Agitationsmittel, mit„Flintenschüssen Propa- ganda" zu machen. Als Sozialisten sind sie selbstverständlich revolutionär. Gegenüber der republikanischen Bewegung faßte der Congreß den Beschluß,„daß die sozialisttsche Partei ihre unabhängige Stellung allen andern Parteien gegenüber aufrecht hält, nichtsdestoweniger aber zur Verwirklichung von Reformen, die in Uebereinstimmung mit ihrem Programm sind, ihren Bei- stand leisten wird." Der nächste Congreß soll im Februar nächsten Jahres in Porto stattfinden; ein Ccntralcomite in Lissa- bon besorgt die Leitung der Parteigeschäfte. — Vom„Kriegsschauplatz" nichts von Interesse; ent- scheidende Schläge sind überhaupt in den nächsten Tagen noch nicht zu erwarten. Als charakteristisches Moment sei erwähnt, daß die„civilisirteu" und„christlichen" Russen in brutalster Ver- letzung des Völkerrechts den Grenzfluß Pruth zwei Tage vor der Kriegserklärung zu überschreiten begannen, während die „barbarischen" und„heidnischen" Türken das Völkerrecht und die Verträge auf's Gewissenhafteste innegehalten haben und inne- halten. Noch Eins: ein russisches Blatt, der„Golos", ist unterdrückt worden, weil es sich des Verbrechens schuldig ge- macht hatte, für Rußland eine Constitution, wie die Türkei eine hat, zu wünschen— beileibe nicht zu fordern. Die türkische Verfassung dürste den russischen Diplomaten noch manche Ver- legenheit bereiten. — Der Erklärung der Frau Emma Herwegh fügt die „Frankfurter Zeitung" folgende Bemerkung hinzu:„Die alberne Spritzleder-Geschichte ist so oft und so gründlich widerlegt wor- den, daß die Verbreiter derselben sich nicht mit Unwissenheit entschuldigen können. Neuerdings sucht man, da man mit dem abgethanen Märchen nicht mehr offen aufzutreten wagt, durch allerlei Andeutungen und Anspielungen die alte Verleumdung wieder aufzufrischen. Die Herren Verleumder erinnern wir wiederholt daran, daß es auch eine„Kutschbockgeschichte" giebt, die vor dem„Spritzleder-Märchen" den Borzug vor- aus hat, daß sie zu gleicher Zeit pikant und— wahr ist." Abfertigung. Das„Leipziger Tageblatt" vom 24. April enthält nach- stehendes„Eingesandt": „In einer der letzten Nummern des„Vorwärts" befindet sich folgende Notiz: „Neue Gedichte von Georg Herwegh. Der 7. Kriminal- Nachdem ich nun alle Verbrechen, deren ich angeklagt bin, durchgegangen habe, komme ich zu der Ueberzeugung, daß ich keines derselben schuldig bin. Aber wie es auch sei und welches Laos mich auch treffen sollte, meine Herren Richter: ich bitte Sie nicht um Gnade, ich will diese gar nicht! Sie mögen gegen uns Verfolgungen anstellen, wie Sie wollen: ich bin fest über- zeugt, daß eine so verbreitete Bewegung, welche schon mehrere Jahre andauert und ohne Zweifel aus dem Geiste der Zeit heraus sich gebildet hat, durch keinerlei Gewaltmaßregeln erstickt werden kann." (Hier unterbricht sie Senator Peters:„Wir brauchen nicht zu wissen, wovon.Sie dort' überzeugt sind!" Die Angeklagte fährt fort:) „Eine Zeitlang kann eine solche Bewegung wohl aufgehalten werden, aber desto heftiger wird sie dann hervortreten, wie dies ja bei allen derarttgen Reaktionen der Fall ist; und sie wird so lange andauern, bis unsere Ideen die Oberhand gewinnen. Ich bin auch davon überzeugt, daß unsere schläfrige und faule Ar- beiterwelt aufwacht und sich aufrafft, und dann wird sie sich schämen, daß sie sich so lange mit Füßen treten ließ, daß sie erlaubte, ihr ihre Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern zu entreißen, um sie zu vernichten, nur weil sie ihre Meinungen frei äußerten: dann wird sie uns rächen. Verfolgen Sie uns, meine Herren, Sie haben derzeit noch die materielle Gewalt in den Händen; auf unserer Seite aber ist die Macht der Sittlichkeit, die treibende Gewalt eines sich vollziehenden historischen Prozesses, die Macht der Idee; aber die Idee kann man nicht mit Gewaltmaßregeln vernichten." Hier haben wir augenscheinlich ein Weib vor uns, das mit Ueberzeugung und mit völliger Klarheit eingreift in die revolu- tionäre Bewegung der Jetztzeit. Daß ein solches Eingreifen im Gegensatze zu Straßenkrawallen und Heugabelpusschen von ungemeiner Bedeutung ist, brauchen wir unseren Lesern wohl kaum zu versichern.— Wir bedauern nur, daß wiederum eine frische Menschenblüthe dem russischen, culturschänderischen Bar- barismus zum Opfer gefallen ist. Deputation des Berliner Stadtgerichts lagen am 12. Apri die„Neuen Gedichte von Herwegh", in Zürich erschienen, zur Prüfung auf deren strafbaren Inhalt vor. Es wurde in oen Gedichten eine fortlaufende Kette von Majestätsbeleidigungen, Gotteslästerungen, Verhöhnungen der Staatseinrichtungen und anderen Vergehen gefunden und deshalb auf Unbrauchbar- machung der Brochure in allen vorfindlichen Exemplaren er- kannt.— Wir freuen uns dabei, daß man die„Neuen Ge- dichte von Freiligrath", in welchen die revolutionärsten An- klänge zu finden sind, bis jetzt noch nicht verboten hat— oder sollte man mehr die Person auch nach dem Tode noch ver- folgen, als das Objekt, die Gedichte, selbst? Herwegh ist bekanntlich als Revolutionär gestorben, Freiligrath aber, von der herrschenden Gesellschaft mit 60,000 Thalern dotirt, hatte auch dieser Gesellschaft schließlich seine Leier geweiht." „Mit beiden Dichtern persönlich bekannt, mit Herlvegh sogar während meines ersten Aufenthaltes in der Schweiz(1841 bis 1846) auf„Du und Du" gewesen, erlaube ich mir die Thatsache zu constatiren, daß Freiligrath im Jahre 1845, als er sich auf das Feld der polittschen Bewegung begab, für welches sein rein dichterisches Naturell übrigens gar nicht geschaffen war, Seiner Majestät dem König Friedrich Wilhelm IV. die Pension von 300 Thalern, welche ihm der genannte Monarch bewilligt hatte, kündigte. Als der Dichter Freiligrath später in Roth gerieth und in England, um sich und die Seinen zu ernähren, zum Comptoirpult zurückkehrte, wurde allerdings eine Sammlung veranstaltet, an welcher sich aber alle Parteien ohne Ausnahme betheiligten. Die Ziffer von„60,000 Thalern" dürfte bedenklich zu hoch gegriffen sein. Freiligrath kehrte zu seiner Ursprung- lichen Ansicht zurück, daß Der Dichter steht auf einer höhern Warte, Als auf der Zinne der Partei. „Seine Leier" hat, soviel ich weiß, Freiligrath nie„dieser Ge- sellschaft geweiht", man müßte denn die reizenden Gedichte, in welchen er sein Familienglück schildert, als ein Verbrechen be- trachten. „Die wenigen politischen Gedichte Freiligrath's sind kaum noch im Buchhandel zu haben, denn der Dichter fühlte selbst, daß er nicht zum Tyrtäus der Parteien geschaffen war. „Eben so falsch ist es. daß Herwegh„als Revolutionär ge- storben" sein soll. Herwegh ist als verbissener, nichtsthuender Pessimist gestorben. Leider! Die Beschlagnahme seiner Gedichte aus dieser Epoche halte auch ich für einen Mißgriff, aber man soll Herwegh, so hoch er als Poet dasteht, nicht die unverdiente Ehre anthun ihn für eine revolutionäre Arbeitskraft auszu posaunen, und man sollte noch weniger eine durch und durch dichterische Natur, wie Freiligrath, im Grabe verdächtigen. Mit demselben Rechte könnte man Schiller für einen reattionären Poeten ausgeben; mit demselben Rechte Georg Herwegh— auf s ozialdemokratischem Standpunkte wenigstens: Die Sehnsucht Deutschlands steht nach dir, Fest, wie nach Norden, blickt die Nadel, O Fürst, entfalte dein Panier, Noch ist es Zeit, noch folgen wir! Behüt uns vor dem Frankenkind Und vor dem Czaren, deinem Schergen!(! Soll heißen: Schwager, Herr Marr!) Schon tagt ein neues Austerlitz, Mögst du in seiner Sonne siegen! („An den König von Preußen." Herwegh, Gedichte eines Lebendigen. 1. Theil. S. 83 ff.) Lapienti sat. W. Marr." So weit Herr Marr, in dem uns ein alter Bekannter ent- gegentritt. Es ist dies nämlich derselbe Herr Wilhelm Marr, der in den vierziger Jahren seine Erlebnisse in der Schweiz, namentlich die Kämpfe zwischen den„Communisten" und„Jung- deutschxn" mit einer solchen Deutlichkeit schilderte, daß die deutsche— Polizei darüber entzückt war. Daß Herr Wilhelm Marr, seine polittsche Vergangenheit nicht verleugnend, seitdem (in der„Nessel", die weiland in Hamburg erschien) abwechselnd für den angestammten Auaustenburger und die preußische Anuexion der Elbherzogthümer geschwärmt hat— andrer Genialitäten dieser Art nicht zu erwähnen—, sei nur nebenbei bemerkt. Wenn dieser Herr Marr Herwegh einen„verbissenen nichtsthuenden Pessimist" nennt, so akzeptiren wir das gern als Compliment für den tobten Freund, der allerdings kein zufriedener, reptilien- arbeitthuender Optimist war, wie Herr Wilhelm Marr. Ob Herr Wilhelm Marr Herwegh wirklich persönlich gekannt hat, wissen wir nicht— mag sein; jedenfalls ist uns, die wir den Dichter persönlichgckannthaben, noch sehr wohl erinnerlich, daß Herwegh in — Schullehrerloos. lieber das erbärmliche Loos der emeritirten Lehrer berichtet die Pädagogische Zeitung wie folgt:„Heut Vormittag brachte mir meine Frau einen Zettel und sagte, ein Armer stände draußen, ich solle nur lesen. Der Zettel war ein Attest der Stettiner Polizei, worauf stand:„„Der wegen Taubheit emeritirte Lehrer Timm aus Daber hat die Genehmigung, seine Bilder zu verkaufen."" Ich winkte dem Draußenstehenden einzutteten, und ein alter, kahlköpfiger Mann erschien. Die Bilder, die er mir vorlegte, hatte er selbst ange- fertigt, wie er sagte. Ich kaufte ihm keins ab, fondern gab ihm eine kleine Unterstützung. Wir konnten uns nicht viel verständtgen, da er ganz taub schien. Ich fetzte voraus, daß ich es mit einem Boltsbildner aus dem Staate Preußen zu thun hatte und zeigte ihm eine Karte dieses Staates, indem ich das Wort„„Daber"" dem Alten ins Ohr schrie. Er holte eine große Lupe hervor, fand aber den Namen nicht auf der Karte, zeigte jedoch auf die Stadt Dramburg in Pommern und sagte....in der Gegend da liegt eS."" Er erzählte nun, daß feine Familie in Stettin wohne und daß er monatlich 4 Thaler Pension er- halte; sein frühere? Lehrergehalt habe 150 Thaler jährlich betragen. Die Bilder müsse er mit Hilfe der Lupe anfertigen, da die Augen auch schon anfangen, den Dienst zu versagen. Die Augen thuen ihm heute ganz besonders weh, da er die vergangene Nacht nicht geschlafen, fem Nachbar ans dem Strohlager habe ihn fortwährend mit dem Ellenbogen gestoßen, wahrscheinlich hatte der Mensch Läuse, sagte er. Beim Schei- den wünschte mir der Alte allen hinmilischen Segen und Gesundheit, damit ich nicht zu früh emerititt werde und ich vor dem LooS, das ihn getroffen, bewahrt bleiben möge, vor dem—„Bettelstab". — Zur Heiligkeit der Ehe. Nicht wenig Sensation erregte ein vor Kurzem in Wilkowitz in Oesterreichisch- Schlesien stattgesundener Borfall. Der Maschinensteiger Sch. hatte seit längerer Zeit den dor- tigen Bergverwalter K. in Verdacht, mit seiner Frau im ehebrecherischen Berhältniß zu verkehren. Am genannten Tage fand Sch. seine gerecht- fertigte Bermuthung durch plötzliche Ueberraschung bestätigt. Sch. konnte wegen der Untreue seiner Frau sein zerstörtes Eheverhältniß nicht länger ertragen und schrieb an die Generaldirektion nach Wien, daß er wegen dieses Vorsalles seinem Leben ein Ende machen würde. Noch am selben Tage nahm er ein starkes Gift und starb. Der Bergverwalter wurde aber auch sofort entlassen.— Auf derselben Grube fanden Tags vorher 40 Arbeiter-Enilaffungen durch denselben Bergverwalter statt, darunter viele diesseitige Bergleute, die bereits 15—20 Jahre ununterbrochen dort gearbeitet und'ihren vorschrittSmäßigen KnappschaftSbeNrag von monatlich bis 3 Gulden gezahlt haben. Durch die momentane Enttas ung des betreffenden Beamten finden die Arbeiter eine theilweise Genugtuung. der Schweiz und in Paris von Herrn Marr wiederholt in Aus- drücken sprach, auf deren Wiedergabe wir, um keine Injurien- klage uns zuzuziehn, leider verzichten müssen. Herr Marr, der von seinem Werth ziemlich correkte Vorstellungen hat, wird es sich annähernd wohl denken können. „Die Ziffer von 60,000 Thalern" ist nicht„bedenklich hoch" gegriffen— offiziell betrug die Dotation, welche die deutsche Bourgeoisie Freiligrath bezahlte, 56,000 Thaler; das war aber nicht die ganze Summe, die 60,000 Thaler überstiegen hat. Wir sind in Bezug auf diese Angelegenheit sehr gut unterrichtet. Herr Marr dagegen ist unzweifelhaft sehr schlecht unterrichtet. Er läßt die Sammlung veranstalten„als Freiligrath — um sich und die Seinen zu ernähren zum Comptoirpult zurückkehrte." Zu besagtem„Comptoirpult"(in London) kehrte Freiligrath zu Anfang der 50 er Jahre zurück, 15 Jahre bevor die deutsche Bourgeoisie daran dachte, ihn zu dotiren. Daß an der Sammlung„sich alle Parteien betheiligt" hätten, ist einfach eine Unwahrheit. Es war die Bourgoisie der verschiedenen Parteischattirungen, welche dem Dichter des revolutionären Prole- tariats ihr goldenes Netz überwarf, das schwerer zu zerreißen ist als das Stahlnetz Vulkans. Hat Freiligrath sich verkauft? Das haben wir nie gesagt, nie gedacht— aber für das deutsche Philisterthum stieß er 1870 in„die Trompete von Mars la Tour", und für das kämpfend sterbende Proletariat vou Paris hatte er 1871 kein Lied, kein Wort.„Freiligrath's Naturell war für die politische Bewegung nicht geschaffen," sagt Herr Marr. Es fragt sich eben, was Herr Marr unter„politischer" Bewegung versteht. Das Eine wissen wir: so lange es eine deutsche Sprache giebt, und so lange es Menschen giebt, die für Freiheit begeistert sind, deren Herz für die Unterdrückten und die Rebellen schlägt, und von tödtlichem Haß gegen die Unter- drücker erfüllt ist— werden Freiligrath's politische Gedichte zu den schönsten Perlen der deutschen Literatur, der Weltliteratur gehören. Und damit genug. Die zwei tobten Dichter mögen es uns verzeihen, daß wir den Namen des Herrn Wilhelm Marr mit den ihrigen zusammengebracht haben. Wir hätten ihnen die Gesellschaft gerne erspart. Red. d.„Vorwärts". Congrch der Sozialdemokraten Deutschlands. Zur Vorbereitung des Congresses hat sich hier ein Lokal- comits constifaiirt. Um die nöthigen Quartiere zu beschaffen, werden die ge- wählten Delegirten ersucht, sich an Emil Sauerteig zu wenden. Mitglieder des Lokalcomites werden schon am Sonnabend den 26. Mai von Vormittags an, mit rothen Schleifen versehen, am Bahnhof die Delegirten empfangen. Das Lokalcomits eröffnet sein Bureau am 26. Mai Vor- mittags im Congreßlokal: Thüringer Hof. Gotha, 4. Mai 1877. Das Lokalcomits. Emil Sauerteig, Vorsitzender. Correjpondenzen. Isertoh«, 29. April.(Volksversammlung.) Am 22. ds. Mts. erstattete ich hier in einer zahlreich besuchten Volks- Versammlung zunächst Bericht über den Verlauf einer großen Bergarbeiter-Versammlung, welche an demselben Tage Vormit- tags in Dortmund zum Zweck der Besprechung einer neuen Ar- beitsordnung stattgefunden hatte, welche auf verschiedenen Zechen eingeführt werden soll. Die Volksversammlung(nahm die Mit- theilung mit lebhaftem Beifall entgegen, daß die Bergarbeiter die schnöde Arbeitsordnung entschieden zurückgewiesen und auf meinen Antrag beschlossen hätten, den Reichstag aufzufordern, dem von den sozialistischen Abgeordneten entworfenen Gesetze zum Schutze der Arbeiter seine Zustimmung zu ertheilen und dasselbe auch auf die Berg-, Hütten- und Salinen-Arbeiter aus- zudehnen. Nachdem ich der Volksversammlung den Entwurf des Ge- setzes im Wesentlichen auseinandergesetzt hatte, beauftragte die- selbe daß Bureau einstimmig, den Reichstag zur Annahme des Gesetzes aufzufordern. Die Petition wird morgen an das Prä- sidium des Reichstags abgesandt. Nach eingehender Debatte beschloß die Volksversammlung ferner einstimmig die Beschickung des bevorstehenden Congresses der Sozialdemokraten Deutschlands, sowie, an den Congreß An- träge zur besseren Regelung der Parteipresse zu richten. Unterzeichneter wurde einstimmig als Delegirtcr gewählt und der Antrag des Herrn C. Malter, dem Congreß den in Nr. 46 des„Vorwärts" veröffentlichten Vorschlag des Hrn. P. Köhler zur Ausführung zu empfehlen, mit allen gegen die Stimme des Herrn Malter abgelehnt Mit Gruß C. W. Tölcke. Hffenvach, 1. Mai. Eine wahrhaft herzerhebende Demon- stration, die die Stärke unserer Partei hierorts erkennen ließ, fand letzten Sonntag bei Gelegenheit der Beerdigung unseres Freundes und Parteigenossen Ädam Bleß statt. Schon vor der festgesetzten Zeit hatten sich die Freunde des Verstorbenen vor dem Trauerhause eingefunden, und als sich der Leichen- wagen in Bewegung setzte, bildete sich ein imposanter Zug der Leibtragenden; mehr als 600 Personen folgten dem Sarge. Dem den Zug eröffnenden Leichenkommissar folgte unmittelbar die mit schwarzem Flor behangene rothe Fahne des Gesang- Vereins„Lassallea", dessen langjähriges Mitglied der Verstorbene war, und darauf der Leichenwagen, der die Hülle des Dahinge- schiedenen ihrer letzten Ruhestätte zuführte. Hinter dem Wagen folgten zunächst die Verwandten; Frauen und Jungfrauen mit Kränzen und Sträußen, dann ein großer Kranz mit rother Schleife seitens der sozialistischen Arbeiterpartei, deren treuer und wackerer Mitkämpfer er war, dem Parteigenossen und Freund gewidmet. Dann folgte ein Theil der Leidtragenden, die rotbe Sozialisten-Fahne Frankfurts und der größte Theil der Freunde des Verstorbenen.— Aus dem Friedhofe angelangt, senkte man den Sarg in das Grab, worauf zunächst der Gesangverein „Lassallea" in ergreifender Weise ein Trauerlied sang und dann Herr C. Ulrich mit wenigen Worten des Verstorbenen gedachte, dessen unermüdliches Wirken am Werke der Befreiung der Menschheit sowie dessen Treue und Charakterstärke hervorhob, und auf das Fortleben seines Andenkens im Gedächtniß seiner Freunde und Genossen sowie der Nachwelt hinwies. Hierauf ergriff Herr C. Frohme aus Frankfurt das Wort und führte in längerer, ergreifender Rede aus, daß nur Der die Freiheit und das Leben verdiene, der täglich sie erkämpfen müsse, und daß Der, an dessen Grabe wir ständen, zu jener Schaar gehörte, die stets kämpfend, trotz Roth und Sorge, in der sie leben, der Freiheit und dem Glücke unserer Nachkommen ihre freie Zeit gewidmet haben. Der� Gesangverein„Lassallea" sang hierauf wieder ein Lied, und Herr C. Ulrich nahm das Schlußwort und warf im Namen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit drei Hände voll Erde auf den Sarg, wünschend, daß die Erde dem verstorbenen Freunde leicht werden möge. Stuttgart, i. Mai. In der Parteiversammlung vom 2. Mai wurde betreffs der mit E. unterzeichneten Stuttgarter Correspon- denz in Ztr. 50 des„Vorwärts" nachstehende Resolution mit 40 gegen 10 Stimmen angenommen: „In Erwägung, daß Compromisse von uns nie und nirgends gemacht oder versucht worden sind; daß die Unterstützung unseres Candidaten bei der Landtagswahl in weiteren bürgcr- lichen Kreisen und notorisch seitens der Volkspartei ohne eine Spur von Gegenleistung oder eine Aufforderung unsererseits sich vollzogen hat; daß, wenn diese Unterstützung bei der Reichs- tagswahl trotz der notorischen Empfehlung des„Beobachters" geringer als bei der Landtagswahl ausfiel, der Grund hiervon nicht in einem mehr„radikalen" Candidaten, sondern darin lag, daß dieser Candidat in weniger weiten Kreisen bekannt war und überdies mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, als welche das Fortfallen von Couverts bei der Stimm- abgäbe und die Verhaftung von Genossen in der letzten Wahl- Versammlung, welche uns schwer geschädigt hat, anzuführen sind; in Erwägung auch, daß die Jacobyfeier im reinsten sozialistischen Sinne gehalten und auch von den theilnehmenden Mitgliedern der Volkspartei als sozialistische Feier aufgefaßt wurde, erklärt die Parteiversammlung vom 2. Mai die be- treffende Einsendung, soweit sie die Stuttgarter Mitgliedschaft betrifft, für ein haltloses Gemisch von Verdächtigungen und Entstellungen." I. A.: W. Riegers, Schriftführer. Dresden, 5. Mai. Heute wurde unsere Parteigenossin und Herausgeberin der„Blätter für geistigen Fortschritt", Frau Eu- genie Klemich, vor die königliche Staatsanwaltschaft gefordert, um fich auf eine Denunziatton des hiesigen Subdiakonus Jo- Hannes Paul Botichius zu verantworten wegen angeblicher Stö- rung„gottesdienstlicher Handlungen", verübt gelegentlich einer von ihr gehaltenen Grabrede für eine verstorbene Parteigenossin. Es stellte sich jedoch heraus, daß der Denunziant ganz übersehen hatte, daß die Rede der Angeschuldigten am Grabe erst dann begonnen wurde, als die„gottesdienstlichen Handlungen" that- sächlich schon verrichtet waren, und daß der„fromme" Herr nichts ein- zuwenden gehabt hatte, als die Leidtragenden ihm Mittheilung von der zu haltenden Rede gemacht hatten. Auch über den Inhalt der Rede selbst hatte der Denunziant— der bei Beginn der Rede davongegangen war, dieselbe also nicht vernommen hatte— Angaben gemacht, die sich aus dem vorgelegten Concept keineswegs bestätigen ließen. Sonach erklärte der Staatsanwalt von einer Strafverfolgung absehen zu müssen. Der Herr Sub- diakonus soll nun die Absicht haben, einen letzten Versuch bei der Polizei zu machen, um von dieser eine Ordnungsstrafe für die Missethäterin zu erwirken.— So rufen die geistlichen Herren, welche die Nächstenliebe predigen, selbst gegen eine Frau die weltliche Macht an. Äktcnöurg, 25. April. Herr Max Wagner, der liberale Diomedes, dessen edle Absichten mein letzter Bericht aufdeckte, strebt ehrgeizig nach höherm Ruhm, als er ihn etwa durch Be- kämpfung des Sozialismus in der Kneipe erringen könnte. In Nr. 94 der„Altenburger Zeitung", von der wir beharrliche Auf- nahmeverweigerung unserer Entgegnungen gewohnt sind, läßt er einen drittehalb Spalten langen, sehr schlecht stylisirten Artikel gegen die„rothe Internationale" im Allgemeinen und gegen mich im Besondern drucken, der zum Zweck hat, meinen Vortrag zu verhunzen und mir Worte in den Munde legt, die ich nie gesprochen. Von sich selbst redet Herr Wagner in der dritten Person wie Cäsar im bellum xallieum und führt einige Treppen- gedanken als von ihm in der Versammlung gesprochen auf, die ihm wohl erst lange danach gekommen sind. Am Schluß wird eine Stelle aus Scherr citirt und der wackere Rufer im Streit, Herr Diomedes-Wagner, ruft den„Philistern" empathisch zu: „Laßt uns nicht zu Hause bleiben! Laßt uns den Sozialdemo- traten zeigen, daß wir auch Männer unter uns haben, die für die gute Sache nicht nur reden, sondern auch handeln können! Laßt uns einen Reichsverein gründen!" Auf den 23. April hatten wir eine öffentliche Versammlung einberufen mit der Tagesordnung:„Rundschau, Zeitungsfrage", zu der sich die Parteigenossen anfangs nur spärlich eingefunden hatten, doch erschienen sie zahlreich während des Vortrags. Und auch die Mitglieder des städttschen Vereins waren nicht zu Hause geblieben, 30—40 Mann stark erschienen sie pünktlich. Der tapfere Herr Wagner durfte hier nicht fehlen, jedenfalls hatte er vorher verwegen versichert, uns wieder entgegenzutreten, und wohl deshalb saß er jetzt so trostlos in einer Ecke. Unter „Rundschau" stellte ich als Hauptpunkte: Ketzerprozesse im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Das Arbeiterschutzgesetz. Ruß- land und die Türkei, russischer Sozialismus. Zunächst sprach ich über die Verurtheilung des Redakteurs der„Glauchauer Nachrichten" zu drei Monaten Gefängniß wegen Abdruck eines Gedichts aus Nr. 30 des Sonntagsblatts von 1876. Dieses Gedicht(Vor dem Kreuze) wollte ich vorlesen, kam aber nur zum zweiten Vers, da sprang der überwachende Beamte auf und erklärte diese Nummer des Sonntagsblatts für confiszirt. Nun las ich die Artikel:„Ein Ketzcrprozeß" und„Abermals ein Ketzerprozeß" aus Nr. 15 und 16 des Sonntagsblatts von 1877 vor und kritisirte alsdann das Vorgelesene. Unter Anderm sagte ich etwa:„Man nennt die Sozialisten ausnahmslos Atheisten. Ich könnte das bestreiten, will es hier aber nicht erörtern. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß der von uns erstrebte Staat Jeden nach seiner Facon wird selig werden lassen. Der Sozial- staat darf aber keine Religion als, Staats- oder herrschende Religion dulden und ich finde es bedauerlich, daß noch heute den Kindern in der Schule der Glaube an einen Gott anerzogen wird, dessen Existenz nicht erwiesen ist und nicht bewiesen werden kann!" Hier sprang der Beamte abermals auf und erklärte die Versammlung für aufgelöst. Dagegen ließ sich nichts machen, aber auch die Herren Liberalen gaben laut ihre Mißbilligung kund, und ein hiesige? Advokat suchte dem Beamten sogar zu erklären, daß er im Unrecht sei und die Auflösung doch wieder rückgängig machen möge, dieser aber kannte seine Macht und blieb fest. Jawohl, die Liberalen fanden diese Auflösung un- gesetzlich, aber wollen diese Herren denn nicht begreifen, daß der Liberalismus, weil er zu solchen Ungesetzlichkeiten schweigt, diese in erster Linie mit verschuldet? Beschwerde ist von uns sofort erhoben worden, aber was hilft das? Noch ein Kuriosum. Neulich brachte die„Altenburger Ztg." ein„Sonett" auf Bismarck aus der Feder eines hiesigen Ar- beiters und begrüßt deshalb denselben als einen Mann von ehrenwerther Gesinnung; Arbeiter, die nicht auf Bismarck schwören, besitzen also nach der„Altenburger Zeitung" keine ehrenwerthe Gesinnung. Hugo Grunwald. Augsburg. Der hiesige Stadtmagistrat bat die hiesige Mit- gliedschaft der Metallarbeiter- Gewerksgenossenschast geschlossen. Unterzeichnet ist der Magistratsbeschluß vom ersten Bürgermeister Fischer, der Leuchte des hiesigen Liberalismus. Die Begründung des Beschlusses entzieht sich der Kritik. Es wird am Anfang eine lange Geschichtsdarstellung gegeben, beginnend mit den Worten: Die Metallarbeiter- Gewerksgenossenschast, um deren hier bestehende Mitgliedschaft es sich gegenwärtig handelt, ging ursprünglich aus der allgemeinen deutschen vereinigten Metall- j Arbeiterschaft hervor, deren Sitz in Berlin war und deren Prä-! sidium Dr. v. Schweitzer daselbst führte. Und so geht es weiter. Um zu beweisen, daß es sich um einen politischen Verein handelt, wird die Vignette der Statuten- I bücher, das Annonciren in sozialdemokratischen Blättern hervor- gehoben, ferner, daß in den Versammlungen sozialdemokratische Agitatoren gesprochen haben und daß in den Pausen von all- gemeinen Arbeiterversammlungen Eintrittserklärungen in die Ge- nossenschaft angenommen wurden. Doch es lohnt sich kaum, der Logik des Bürgermeisters folgen zu wollen. Derselben sowie dem Style entspricht die Orthographie des Schreibers. Die Schreibfehler zählen nach vielen Dutzenden. Wir lesen Agigator und Gagiatoren, zweimal heißt es befollmächtigte, Prodokolle, Abendcrung und Bestättigung u. s. w. Wir glauben, der erste Bürgermeister der Stadt Augsburg hätte sich ein größeres Ber- dienst erworben, wenn er die Zeit zur Abfassung des Beschlusses auf die Ausbildung des Knaben verwandt hätte, welcher ihm als Schreiber diente. Briefkasten der Redaktion. I. B. in Constanz: Wir haben Ihren Brief nebst Einlage erhalten. Das„liberale" Flugblatt:„Das schwarze und rothe Gespenst" betitelt, ist so absurd, wie der Altkatholicismus, von dem eS herstammt. Als Berfaffer nennen sich 22 Personen, unter den- selben Professoren, Landtagsabgeordnete, Juristen, Staatsanwälte, Aerzte und Fabrikanten. Die Collektivarbeit dieser Herren ist eine recht schwache, wie sehr sind deshalb erst diejenigen Menschen zu bedauern, an welchen sie Einzelarbeit verrichten. Um unseren Lesern nur ein Pröbchen zu geben:„Der Sozialismus kennt nur Hohn gegenüber allen geheiligten(!) Einrichtungen des Rechtsstaats(siehe Affaire Kantecki!), der Ehe(Duncker ist auch wohl ein Sozialist?), des Eigenthums(siehe die Sozialisten Stroußberg, Ofenheim, Giskra,„Unser Braun", Miguel zc.) u. s. w., wobei er alle Gefühle für Familie(wiederum Sozialist Duncker!), Bater- land(siehe die Zeichner der französischen Anleihe), Religion(siehe Culwr- kämpf), Sitte(siehe unseren letzten Leitartikel: Pfui über das Gesindel) mit Füßen tritt."— Saptenti sat. der Expedition. G. Mann Kgswlde: Ja. In der Thätigkeit d. R. T. von Bbl. ist nur die Stelle von Bismarck-Bleichröder zu streichen. Sonst Alles zum Vortrag geeignet. In 6 Wochen erwarten das Wei- tere wie versprochen. Adr.: Genossenschaftsbuchdruckerei Färberstr. 12/Il. Quittung. Lgs Hannover Ann. 1,80. Khlmnn Bielefeld Ann. 2,00. Arbeiterverein Plagwitz Plakate 1,60. Rbl. Halle Ann. 0,50. Schps hier Ab. 0,60. Dr. Hngr Rybnik Ab. 3,00. Glls Hochfeld Ab. 4,10. Pfffr Gießen Ab. 10,00. E. Brggmr Seesen Ab. 22,10. Pfrtzschnr Hohenstein Ab. 32,00. W. C. St. Johann Schr. 20,00. Dr. Pl. Rheinau Ab. 8,00. Exped. der„Freie Presse" Berlin Ab. 5,00. W. Mllr Mannheim 2,00. Hrninn B..Leipa Ab. 0,99. Ge- werkschaft der Holzarbeiter hier Ann. 9,00. Ullrch hier Ab. 2,55. Lgs Hannover 0,70. Bttchr hier Ab. 5,45. Für die gemaßregelten Krupp'scheu Arbeiter in Essen: Bon Dr. P. Rheinau 5,00. Sozialdemokratischer Wahlverein. <�JilUUVVvl* Sonnabend, den 12. Mai, Abends S'/j Uhr, im Bercinslokale, Mittelstraße 11: Geschlossene Versammlung. Fortsetzung der letzten Tagesordnung. __(Fl 63)_ Der Präsident.[70 Gewerkschaft der Holzarbeiter. Sonnabend, den 12. Mai, Abends 8 Uhr, im Saale' von Jacobi, Rosenthalgasse: Außerordentliche Generalversammlung. Tagesordnung: 1) Die Auflösung der Gewerkschaft und Kranken- kasse, resp. Anschluß an den Bund; 2) Anträge; 3) Agitation; 4) Neu- wähl des Vorstandes. Angesichts der wichtigen Tagesordnung wird das Erscheinen Aller erwartet. Fehlende haben die übliche Strafe zu zahlen. Der Vorstand. f110 Metallarbeiter-Gewerkschaft. •VVlP'glVz. Sonnabend, den 12. Mai, Abends 8 Uhr, in Mcnzel's Restauration, am Täubchenweg: Versammlung. Tagcsord.: 1) Abrechnung; 2) Diskussion über eingegangene Anträge. f40 Mannheim u. Umgegend. fing nach Heidelberg. Sammelplatz dortselbst m der alten Gundei und Abmarsch von dort um'/«ü Uhr. Alle Freunde und Gesinnungsgenossen sind höflichst eingeladen. f1,50 Morgens'/-A t Uhr, in der alten Gundei) erste gemeinschaft- liche SiNung der Prcß-Commisfion, bei welcher Keiner fehlen darf. 30)_(5222)_ F. I. Ehrhart. Genossenschaftsbnchdruckerei Leipzig. Die diesjährige Ordentliche Generalnerfainmiung sindct am Montag, den 28. Mai, Nachmittags 2 Uhr, im Gasthaus zum„Thüringer Hof" in Gotha statt. Die Tagesordnung lautet: 1) Aeschäftbericht des Vorstandes. 2) Revisionsbericht des Auffichts- raths. 3) Richtigsprechung der Jahresrechnung. 4) Feststellung der Dividende und Bestimmung über den Geschästsgewinn. 5) Feststellung des Etats für das neue Rechnungsjahr. 6) Wahl des Vorstandes. 7) Bestimmung über den Sitz des Aufsichtsraths. Laut§ 18 des Statuts steht es den Mitgliedern, welche nicht am Ort der Generalversammlung wohnen, frei, sich auf Grund einer eigen- händig unterzeichneten Vollmacht vertreten zu lassen. Die betreffenden Bollmachtsformulare, welche den Stempel der Genossenschaft tragen müssen, werden von den mitunterzeichneten A. Geib, Hamburg, Rödings- markt 12, auf Verlangen den Genossenschaftsmitgliedern zuschickt. Hamburg, den 9. Mai 1877.(2a) Der Aussichtsrath. I.«.: G. W. Hartmann. I. Auer. H. Brasch. August Geib. C. Derossi.[260 In den nächsten Tagen erscheint im Verlag von C. Grillen- berger in Nürnberg: Gruppenbild der Reichstags-Abgeordneten des ar- bettenden Volkes Deutschlands. Stahlstich in Folio-Format. Kin Kunstblatt in des Wortes vosser Aedeutnng. Da der bedeutenden Kosten wegen auf Masscimbsay gerechnet werden muß, so ist auch der Preis dem entsprechend niedrig gestellt und kostet das Blatt nur 60 Pfg. Wiederverkäufer erhalten hohen Rabatt. Für die Schweiz zu beziehen durch die Expedition der„Tag- wacht" und die Schweizerische Volksbuchhandlung.[5,10 BeraMworilichrr Redakteur: W. Hasenclever in Leipzig. Redattwn und Erpedition Färberstraße 12/11. in Leipzig. Druck und Verlag der GenoffenschaftSbuchdruckerei in Lt'pztK