Erscheint in �eipjiz Mittwoch, Freitag, Sonntag. Abonnemontopreis lür ganz Lcatichland 1 M,«0 Pf. pro Quartal. Monats- Abonnements werden bei allen drntfchen Poftanftalten gus den 2. und.1. Monat, und auf den 3. Monat befonder» angenommen: im ttönigr. Sachsen und Herzogth. Sachsen- Altenburg auch auf den lien Monat de» Quartals k 54 Psg. Inserate betr. Persammlungen pr. Petitzeile 10 Pf., betr. Privatangelegenheiten und Feste pro Petitzeile 30 Pf. ßentrat Hrgan der Nr. 60. Freitag, 26. Mai. 1877. Ein klassischer Ausspruch. „Meine Herren! Die Sozialdemokraten wollen wenig arbeiten und viel verdienen» die Fortschrittsleute wollen viel arbeiten und wenig verdienen— das ist mit kurzen Worten ausgedrückt der Unterschied zwischen diesen Parteien." Wer war's, dem also von beredtem Munde das große Wort entfuhr? Knörke! Wer ist, was ist Knörke? Man kann gerade nicht sagen, daß der Name besonders anheimelt, daß er großes Vertrauen erweckt. Und doch ist Knörke einer der Auserwählten der Fortschritts- Partei, Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses für die Stadt der Intelligenz, für Berlin, Pastor a. D. und Standes- beamter, nebenbei Sozialistenfresser und fortschrittlicher Agitator für die bevorstehenden Berliner Neuwahlen. Die Sozialisten können sich übrigens bei Herrn Pastor Knörke bedanken, über den sicherlich der heilige Geist gekommen war, als er jenen Satz aussprach. Für unsere Leser brauchen wir nicht eingehend zu erörtern, daß jede Entlastung der Menschheit von körperlicher Arbeit zur Erringung einer höheren Kulturstufe führt; und daß ferner, wenn bei denkbar geringer Arbeitszeit genügende Gebrauchswerthe produzirt werden, die Menschheit sich höheren Aufgaben zuzu- wenden im Stande ist als jetzt, wo die große Masse des Volks an die körperliche Arbeit geschmiedet ist, wie der Sklave an die Kette. In der kleinen Schrift:„Kunst und Revolution 1847. Leipzig." hat dies Richard Wagner, der berühmte Componist, glänzend und treffend ausgeführt. Dem Sozialismus wird vorgeworfen, daß Wissenschaft und Kunst in der Zukunftsgesellschaft nicht gedeihen könnten, Wagner aber zeigt, daß iu der heutigen Gesellschaft, die unter der Herr- schaft des Geldsacks steht, die Kunst degradirt wird zum Freuden- mädchen, welches seine Dienste den Herren der Börse nicht nach freiem Willen, sondern nach Vorschrift widmen muß. Die Kunst aber zur hehren Göttin wieder zu erheben, das kann allein das von Roth und Elend und thierischer Arbeit mehr und mehr entlastete Volk, und der Sozialismus ist die einzige Kraft, welche diese Entlastung herbeiführen kann. Doch kommen wir auf Herrn Knörke wieder zurück, der uns für einen Augenblick und wider seinen Willen empor zu Wagner geführt hat. Wenig Arbeit— viel Verdienst— nun gut, wir acceptiren diese Parole. Ob die Fortschrittsleute gleichfalls mit ihrem Knörke einverstanden sind, wenn er für sie die Losung ausgiebt: Viel Arbeit— wenig Verdienst? Man hat uns immer vorgeworfen, wir wollten das Kapital vernichten. Dieser Vorwurf kann aber jetzt lediglich nur noch die Fortschrittsleute treffen. Consequenter Weise müssen sie auf Vernichtung der Maschinen, der Eisenbahnen bedacht sein, damit sie schwere körperliche Arbeit bei geringem Lohne verrichten können; auch die Lastthiere sind abzuschaffen und die Fortschritts- leute in die Karren und Wagen zu spannen— viel Arbeit und wenig Verdienst! Die Gesammtproduftion wird dann auch recht bald völlig darniederliegen. Wenn die Masse des Volks wenig verdient, kann sie auch wenig consumiren; wird wenig consumirt, so ist für die Produktion kein Absatz vorhanden und es wird dann auch wenig produzirt und mit der„vielen Arbeit" ist es dann auch nichts, nur der„geringe Verdienst" wird übrig bleiben. Doch sollen wir unsere Leser noch weiter über Herrn Knörke unterhalten? Nein! Wir haben nur zeigen wollen, mit welchen geistigen Rüstzeugen der Fortschritt auftritt, um in Berlin der Sozial- demokratie Hindernisse bei den bevorstehenden Wahlen in den Weg zu legen. Der arme Fortschritt— von einem Waldeck und einem Ziegler ist er auf den--- Eugen und auf den Knörke gekommen. Wir grawliren bestens. Die russischen Sozialisten und die orientalische Frage. i. Vor einigen Tagen ist uns eine russische Broschüre zugegangen, die den Standpunkt der russischen Sozialisten gegenüber der orien- talischen Frage und dem russisch-türkischen Kriege beleuchtet und, wie das freilich nicht anders zu erwarten, die vollständigste Ucber- cinstimmung mit den deutschen Sozialisten bekundet. Wir theilen nachstehend die wichtigsten Stellen im Auszug mit: ** * Seil zwei Jahren ist die orientalische Frage aufs Tapet ge- kommen und unsere Regierung setzte alle Hebel in Bewegung, um einen Krieg gegen die Türkei unvermeidlich zu machen, einen Krieg, der im Namen der Humanität und der europäischen *y™JJF geführt werden soll. Die Zwangsarbeit in Sibirien, die Menschenschlächtereien in Polen, die auch heute noch thatsächlich bestehende Leibeigenschaft im eigenen Vaterlande— das sind lauter Beweise, wie Rußland in der„Kultur"„machen" will, um die armen, seit Jahrhunderten schändlich unterdrückten Südslaven zu beglücken. Der weiße Czar, vom Humanitätsmantel heuchle- rl,ch umhüllt, schickt seine Horden über den Pruth, um den Süd- ilavcn Freiheit, Kultur, Gleichberechtigung und alle möglichen lchönen Dinge zu bringen— als ob es möglich wäre, daß Knechte und Sklaven andere Menschen befteien könnten!..*) Die russischen Sozialisten erklären sich deßhalb gegen den Krieg gegen die Türkei, weil aus demselben kein Nutzen für das russische Volk entstehen wird und kann; zugleich erklären sie den angeb- lichen Enthusiasmus, der im russischen Volke für den Krieg gegen die Türkei herrschen soll, für Trug und Lug. Wir werden überhaupt hier schrittweise das ganze Lügen- gewebe der russischen Regierung blosstellen, damit unsere aus- wältigen Genossen klaren Wein eingeschenft bekommen. Die liberalen Patrioten aber mögen über unsere Meinung lachen oder wehklagen, das steuerzahlende Volk wird doch einmal ein-! sehen, daß unsere Ansichten die richtigen sind. Die Zeit ist nicht! allzufern, wo unser Volk nicht gegen die Türkei, sondern gegen die eigenen Ausbeuter Krieg führen wird____ „Das Mitgefühl für die leidenden Christen in der Türkei, das hoch entwickelte ideale Gefühl des russischen Volkes für seine blutenden Brüder am Balkan, drängte das offizielle Rußland zum heiligen Kreuzzuge gegen den barbarischen Halbmond. Die Regierung wollte ja keinen Krieg, der friedliebende Czar hat eine heilige Scheu vor dem Blutvergießen; aber gegen den im höchsten Grade entfesselten Volksenthusiasmus konnte man schlech- terdings nichts thun, und die Regierung, als treue Vollstreckerin des Volkswillens, mußte der Türkei den Krieg erklären." So berichten nämlich alle russischen Zeitungen. Dieser„Enthusias- mus" aber herrscht, im Gtunde genommen, nur bei den herrschen- den Klassen und ist von Oben in Fluß gebracht worden. Wir wollen dies beweisen. Es sind nahezu zwei Jahre verflossen, seit das unterdrückte serbische Volt(von russischen Agenten aufgehetzt. R. d. B.) in Bos- nien und der Herzegowina gegen die Türken zu den Waffen gegriffen hat; seit dieser Zeit floß das Blut„unsrer slavischen Brüder",„unsrer Stammes- und Glaubensgenossen" in Strömen; unsere„Brüder" fingen den„heiligen" Kampf gegen den Islam an, und tausende von ihren Familien flüchteten aus ihrem Vaterlande in das Ausland, wo sie hungern und darben mußten noch ärger als in der Türkei. Und was that damals unsere herrschende Klasse? Sie war taub und glcichgiltig gegen die äußerste Roth und den herzzerreißenden Hilfzeschrei ihrer„theuren Brüder in Christo". Diese charakteristische Gleichgiltigkeit wurde auch in den öffent- lichen russischen Organen zugegeben. Auf einmal aber wendete sich das Blatt. Unsere Diplomatie trat mit ihren„großmüthigen" und„liberalen" Vorschlägen als Vermittlerin zwischen den Rebellen und ihrer rechtmäßigen Re- gierung auf. Sie nahm die Rolle des civilisatorischen Vermittlers blos darum an, weil sie den Moment für geeignet hielt, sich für die Niederlagen aus dem Krimkriege zu revanchiren. Die Herren, welche die Schmach und die Niederlage Rußlands im Krim- kriege verursachten, wollen jetzt ihr früheres Verbrechen durch ein neues wieder gut machen. Deßhalb verstecken sich unsere Diplomaten unter eine humane und kulturträgerische Maske, in Wahrheit aber treiben sie mit dem eigenen Volke nur ein ver- brecherisches Spiel. Man bedenke nur: die russische Regierung stellt sich auf die Seite der Rebellen! Die despotische russische Regierung schützt die Rebellen und will ihnen alle möglichen Rechte und Freiheiten von der Türkei erobern, während sie ihren eigenen Unterthanen keine Rechte gewähren will, sondern alle freiheitlichen Elemente nach Sibirien verbannt. Und seit dieser Zeit, auf direkten Befehl unserer Regierung, begann auch unser viel bewunderter und viel besprochener En- thusiasmus. Die Presse bekam die Erlaubniß, d. h. richtiger den Befehl, in diesem Sinne das Publikum zu bearbeiten und ganz Europa weiß zu machen, daß das russische Volk nichts anderes, als den Krieg gegen die Türkei wünscht. Unsere Regierung mußte vor ganz Europa die Bereitwilligkeit des Volkes zum Kriege zeigen, damit man die Verantwortung für die kolossalen Summen, die schon die Vorbereitungen zum Kriege allein ver- schlang, auf das Volk selbst wälzen kann. Nur deßhalb mußte unsere Regierung den„Enthusiasmus" im Volke künstlich er- zeugen. Dieser„Enthusiasmus" aber konnte sehr leicht für die Re- gierung gefährliche Bahnen einschlagen, und deßhalb mußte die Presse dem Volke die wahre Sachlage verschweigen. In der j Kirche und an anderen Orten liest und hört das Volk nur von den Leiden der Südslaven, daß die Türken sie quälen, tödtcn und ihren Frauen Gewalt anthun. Und auf die Frage: warum leiden denn die Serben so viel? antwortet man unserm Volke: weil ! sie griechisch-orthodox und nicht Mohamedaner sind. Man sagt aber dem Volke nicht, daß die Serben(Bosnier und Herzego- � winer) deßhalb leiden, weil sie gegen ihren„legitimen" Kaiser, gegen ihre feudalen Grundherren, rebelliren. Nein, man sagt ihm pfiffig: das sind deine Glaubens-, deine Stammesgenossen, die dort in der Türkei wegen ihres Glaubens so schwer schwach- Uen; dein Glaube ist beschimpft, aber unser großer Czar— er ! ist der Beschützer unserer Religion und er wird auch den Glauben der armen Südslaven in Schutz nehmen. Du aber, Volk, gib deine Pfennige, bete für den Czar und gehorche den weltlichen und geistlichen Behörden. Das ist das alte Lied, das schon Peter der Große dem armen bethörten Volke vorgesungen hat. Man fängt mit Humanismus und Befreinng an, und endet mit Hymnen auf den Czar und mit der Aufstacbelung des religiösen Fanatismus, der nichts Gutes für die Völker mit sich bringen kann. Aus dem Gesagten kann man sich leicht erklären, warum sich das despotische, absolutistische Rußland an die Seite der Rebellen ♦) Ter Uebersetzer ist selbst ein Südslave, und er muß erklären, daß es ihm graut vor der„Freiheil", die Rußland seinen Stammes- genossen bringen tvill. gestellt hat. Man wirst der Türkei vor, daß sie einen Religions- kämpf führt, doch mit mehr Recht kann man Rußland beschul- digen, das es noch vor einem Jahre einen Religionskrieg gegen den Moslim vorbereitete und jetzt thatsächlich auch einen solchen führt. Der Volksenthusiasmus ist also lauter Lug und Trug; denn das russische Volk, ebenso wie jedes andere Volk, wollte den Krieg nicht. Dieser„Enthusiasmus" wurde von Oben fabrizirt und herrscht nur bei den herrschenden Klassen, die sicher sind, daß sie ihr Leben nicht auf den Schlachtfeldern in Bulgarien und Kleinasien für ihre so theuern christlichen Brüder lassen werden, die im Gegentheil sehr Wohl wissen, daß dieser Krieg sie noch mehr bereichern wird. Sozialpolitische Uebersicht. — Die Haltung der preußisch-deutschen Reichsregie- rung in der orientalischen Frage fängt an, auch in sonst vertrauensduseligen Kreisen Besorgnisse einzuflößen. Selbst drei- mal in der Wolle gefärbte nationalliberale Blätter finden es nicht in der Ordnung, daß die Reichsregierung sich fortwährend in Schweigen hüllt, und den Reichstag auseinandergehen ließ, ohne den Volksvertretern Aufschlüsse über die politische Lage zu geben. Ein offiziöser Waschzettel sucht diesen Vorwurf durch Hinweis auf die bekannten Auslassungen Bismarck's über die Neutralität Deutschlands zu entkräften,— damit sei unsere Po- litik deutlich bezeichnet, und, weit entfernt, im Dunkeln zu tappen, hätten wir einen sicheren Weg und ein festes, Jedem sichtbares Ziel. Leider sind das nur jämmerliche Flunkereien der Herren Waschzettelfabrikanten, die mit dem Wörtcheu„Neu- tralität" plump taschenspielern und auf die Dummheit des Publi- kums rechnen. Es ist wahr, Fürst Bismarck sprach sich sehr entschieden für Neutralität aus, aber— und da liegt der Haken— er begnügte sich nicht zu erklären, daß die deutsche Regierung entschlossen sei, neutral zu bleiben, sondern fügte hin- zu, daß die deutsche Regierung auch bei den übrigen, nicht kriegführenden Mächten, im Sinne der Neutralität wirken werde. Und damit ist die ganze„Neutralitäts"erklä- rung thatsächlich jeden Werthes entkleidet, denn eine Neutralität, die andere Staaten im Sinne der Neutralität beeinflussen will, ist selbstverständlich keine Neutralität mehr. Es fragt sich, wie weit die deutsche Reichspolitik in ihrem Bestreben, die Neutra- lität der anderen Staaten, speziell Oestreichs und Frankreichs (England liegt außerhalb der preußisch-deutschen Machtsphäre) gehen wird? Wird die deutsche„Neutralität" fortdauern, wenn O estreich, von der Unmöglichkeit längerer Neutralität über- zeugt, Rußland mit bewaffneter Hand entgegentritt? und wenn Frankreich, seinen Interessen und seiner Tradition folgend, sich England zu einem Schutz- und Trutzbündniß gegen Rußland anschließt? Das ist die Frage, und leider haben wir min- bestens ebenso viel Gründe, sie mit Ja, als mit Nein zu beant- Worten. Mag auch das sehr hartnäckig auftretende Gerücht von einem schon seit Monaten abgeschlossenen Allianzvertrag zwischen dem preußisch-deutschen Reich und Rußland unrichtig Kin, so kann kein Zweifel darüber bestehen, daß das preußisch- deutsche Reich zu Rußland in ein Verhältniß gerathen ist, wel- ches keine unabhängige Aktion zuläßt, und unsere Regierung zu Gefälligkeiten und Dienstleistungen nöthigt. Die verschiedenen, nach Frankreich geschickten„Kaltwasserstrahle", namentlich die jüngste Rede des„großen Schweigers", sehn solchen Dienst- leistungen ähnlich wie ein Ei dem anderen; unsere offiziöse und reptilisirte Presse tritt für Rußland mit einem Eifer und mit einer Einmüthigkeit ein, die ohne geheime Weisungen nicht zu erklären sind; die Freundschaftsversicherungen, mit denen die- selben Blätter Oestreich überhäufen, erregen durch ihre Ueber- treibung Verdacht, kurz, die„Neutralität" des preußisch-deutschen Reichs ist sehr eigenthümlicher Art und erfordert einen sehr starken Glauben.— „Man wird sich erinnern, schreibt man der„Frankfurter Zei- tung" aus Berlin, daß während der Kanzlerkrisis für den Rücktritt des Fürsten Bismarck auch der Grund angegeben wurde, daß derselbe entgegen der Anschauung der Mititärkreise von einem Allianzvertrage mit Rußland unter Ausschluß Oestreichs entschieden abgerathen habe. Jetzt wird der„Germania" aus Bukarest mitgetheilt, ein hoher Staatsbeamter habe in der Soiräe eines Bojaren versichert, daß der Grund der Kanzler- krisis nur in den Propositionen zu suchen sei, welche der ruf- fische General Jgnatiew während seiner letzten Anwesenheit in Berlin vorgetragen habe und die an hoher Stelle günstig auf- genommen, jedoch vom Fürsten Bismarck nicht für annehmbar angesehen worden wären, da eine für fas et nefas(Recht und Unrecht— zum Zusammengehen durch dick und dünn) mit Ruß- land unter Ausschluß Oestreichs abzuschließende Allianz den In- teressen Deutschlands nicht entsprechen und besonders von dem deutschen Volke schwerlich gutgeheißen würde. Vor Kurzem soll eine bedeutende Persönlichkeit aus der Umgebung des Czaren sich ziemlich bitter zu einem Staatsmanne über den Fürsten Bismarck geäußert haben. Daß der deutsche Reichskanzler am russischen Hofe, namentlich aber!bei der russischen Aristokratie keine persona grata(beliebte Person) ist, weiß man hier schon längst. Hochgestellte russische Beamte machen stein Hehl daraus, daß nur in Folge des Einflusses des Reichskanzlers das Schutz- und Trutzbündniß mit Rußland nicht zu Stande gekommen, und die russische Aktionspolitik bis zu einem gewissen Grade durch die Politik des Fürsten Bismarck durchkreuzt worden sei." So der Correspondent der„Frankfurter Zeitung". Daß die orientalische Frage bei der„Kanzlerkrise" eine Rolle gespielt hat, wurde seinerzeit von uns angedeutet. Falsch ist aber, daß Fürst Bismarck gegen die russischen Zumuthungen Front gemacht Sozialdemokratie Vejtellunge» nebmn, an alle Posianstalten im!) Buch. handlungcu de» Iii- u. Auslandes. Filtal- Expeditione». New-Aori: Soz.-dk>n°!r. Oienoslcn- IchaslSduchdruckcrci, 154 Eldrldse Str. Philadelphia: P. Haß, 030 Korth S'd Street I. Boll, 1120 Charlotte Str. Hobolen K.J.: F. A. Ferge, 215 Washington Str. Chicago: A. Lanierniarn, 74 Clybourne.... San ZranziSeo: F. Enh, 41» O'FarreU Str. London w.: C. Hcnxe, 8 Kev tr. Golden Square. Deutschlands. und schon seit längerer Zeit das Vertrauen des Czaren �nnd seiner Rathzeber verloren habe. Wäre dies wirklich der Fall, so hätte der Krieg gar nicht ausbrechen können. Fürst Bismarck war außer Stande, die russische Diplomatie vor den Folgen ihrer eigenen Ungeschicklichkeit zu warnen, und konnte, als es zur Katastrophe kam, beim besten Willen nicht die so- fortige und direkte Hilfe gewähren, die Rußland in seiner Verlegenheit von ihm erwartete und zu der es sich berechtigt hielt. Dies hat unstreitig eine momentane Verstimmung erzeugt, aber man wird mittlerweile in Petersburg zur Erkenntniß ge- langt sein, daß die preußisch-deutsche„Neutralität" nützlicher ist als sofortige und direkte Hilfe.— In Frankreich plötzliche Scenenverschiebung: Mac Mahon hat sein„liberales" und„republikanisches" Ministerium zum Teufel gejagt, und ein monarchiftisch-klerikales eingesetzt. Die„Re- publikaner" schreienZeter, prophezeien einen„Staatsstreich" undthun natürlich nichts, um ihn zu verhüten. Wir können den französischen Republikanern diesen Fußtritt nur gönnen, und es ist uns höchst gleichgiltig, ob die französische Lügen-„Republik" bestehen bleibt oder nicht: die einzige Partei, die einzige Klasse, welche in Frankreich eine wahre Republik aufrichten kann: die Sozial- dcmokratie, das Proletariat, ist noch nicht aktionsfähig; und ist sie einmal aktionsfähig, dann wird sie mit der Reaktion unter monarchischer Firma ebenso gut fertig, wie mit der unter republikanischer. Ob und inwieweit die Haltung Frankreichs in der orientalischen Frage und zu Deutschland durch den Ministerwechsel verändert wird, läßt sich noch nicht berechnen— die deutsche Reptilienpresse beutet ihn natürlich im chauvinisti- schen Sinne aus.— Der Aufstand im Kaukasus nimmt mächtige Dimensionen an; der Vormarsch der russischen Armee, die sich der'kleinen türkischen Festung Ardahan bemächtigt hat, ivird dadurch ge- hemmt, und gelingt es den Russen nicht, in kürzester Zeit den Aufstand zu unterdrücken, so werden sie die Operationen gegen die asiatische Türkei vielleicht ganz einstellen müssen und � sich ihrer eigenen Haut zu wehren haben.— An der Donau„nichts Neues". — Aus Galizien schreibt man uns: Die Formirung pol- nischer Legionen läßt unsere klerikalen und aristokratischen Kreise nicht zur Ruhe kommen. Wieso rufen die Einen, sollten Christen im Verein mit Mohamedanern gegen Christen kämpfen? Verflucht sei das friedenstörende Rußland, aber dennoch dürfen wir seine Feinde, weil sie Mohamedaner sind, nicht unterstützen. Die Aristokratie, die ganze conservative Partei, eifert wider die Legionen aus anderen Gründen. Legionen bilden, heißt Revo- lution machen, und dann, wem hat die Türkei die Bildung der Legionen anvertraut? Wer von den Polen hat den Aufruf unter- fertigt? Kein Fürst, kein Graf, ja nicht einmal ein Edelmann. Wer ist denn Herr Brzozowski, wer Hr. Zimermann? Es sind Kaufleute; Herr Bohdanowicz ist ein ehemaliger russischer Offi- zier, Herr Holz ein Mechaniker. Zwar haben sie tapfer in Ungarn während der Revolution im Jahre 1848 und 1849 und in Polen ini Jahre 1363 und 1864 gekämpft, zwar sind es be- gabte und ehrliche Leute, welche sich von ihrer Hände Arbeit er- nähren, zwar kann man ihnen nichts vorwerfen, aber es sind Leute ohne Titel, ohne Wappen, ja es sind sogar unter diesen Polen, welche sich an der Formirung der Legionen betheiligen, etliche, die in den Reihen der Pariser Commune kämpften'. Daher wollen unsere„Herren" nichts von den Legionen wissen und ihr Krakauer Organ schreit sich heiser, um nur die Legionen, welche ohne Bewilligung der von ihm repräsentirten Kreise ge- bildet werden, zu discreditiren. Es wäre aber falsch, wenn man annehmen wollte, es handele sich in diesen Kreisen überhaupt allein darum, die Freiwilligen, welche nach Konstantinopel gehen wollten, zurückzuhalten. Von hier aus, wie überhaupt aus Polen, werden die Legionen keinen großen Zuzug erhalten können. Die Entfernung und die Kosten sind zu groß. Nur ärmere Leute möchten dahin eilen, um unter polnischer Fahne gegen den Czaren zu kämpfen, diese aber haben keine Mittel und dle Reise dahin kostet wenigstens 200 Gulden für eine Person! — Seelenverkäuferei. Der Staatsanwalt zu Posen erläßt in rheinischen Blättern eine Bekanntmachung, in welcher „vor den Betrügereien gewissenloser Agenten gewarnt wird, welche alljährlich Hunderte von Knechten und Mägden zum Dienst in den westlichen Provinzen anwerben, indem sie denselben falsche Vorspiegelungen über die Entfernung von Posen und die Arbeitsverhältnisse in den Bestimmungen und den An- miethern schwindelhafte Angaben über die Verwendbarkeit des gemietheten Personals machen."— Ganz gut! Schade nur, Wider eine alte Lüge! (Schluß.) Es sei mir im Interesse unserer Sache gestattet, bei dieser Gelegenheit und auf Grund jener meiner Erlebnisse gewisse An, gaben richtig zu stellen, die in einem erst kürzlich erschienenen Schriftchen:„Nachträgliche authentische Aufschlüsse über die ba- dische Revolution von 1849" enthalten sind. Es heißt dort xag. 57 nach der Schilderung des Treffens bei Dossenbach: „und nun ordnete der württembergische Commandant auf die Fliehenden, welche ihre Waffen weggeworfen hatten, eine wahre Hetzjagd an. Zu Dutzenden wurden sie unbarmherzig hingeschlachtet 2c." Dann weiter in einer Anmerkung:„Die Speisen mußten die Gefangenen mit den Fingern essen.-- Später ist Bornstedt in Folge der Behandlung im Gefängniß wahnsinnig geworden."— Das sind von der Parteileidenschaft eingegebene Uebertreibungen. Lassen wir diese Art der Geschichtsschreibung dem Oscar Jäger und Genossen. Man schadet damit nur der Sache, der man zu dienen glaubt. Die württembergischen Sol- baten waren allerdings in der höchsten Aufregung, da man sie, um sie in diese„gute Stimmung" zu versetzen, einige Tage vorher tüchtig umhergejagt hatte— und Jeder das auf Her- wegh ausgesetzte Fanggeld zu verdienen wünschte; sie haben uns mit Gewehrkolbenstößen traktirt, wie dies damals allgemein üb- lich war; aber zu Dutzenden Isind die Fliehenden nicht nieder- gemacht worden,(die Anklageschrift spricht ja nicht einmal von einem Dutzend Tobten!) sonst würden auch nicht so viele Ge- fangene von ihnen eingebracht worden sein.*) Was den Irr- sinn Bornstedt's anlangt, so hat sich dieser erst auf der An- klagebank vor dem Schwurgerichte eingestellt: Bornstedt nach der 9tägigen Verhandlung im höchsten Grade(wie leicht begreiflich) aufgeregt, rechnete, nachdem die Geschwornen zuvor Fickler und *) Es fällt mir nicht im Mindesten ein, die damalige rothe Re- aktion entschuldigen zu wollen; aber was nun einmal nicht wahr ist, ist und bleibt nicht wahr. Unsere Gegner haben der wahren Schänd- lichkeiten genug auf dem Gewissen! Auch Frau H erwegh sagt in ihrer Broschüre„Zur Geschichte der deutschen demokratischen Legion in Paris" v*g- 47:„Ob und wie viele aus der Legion später auf der Flucht von Feindeskugeln getroffen sind,— weiß ich nicht; habe aber bis heute noch keinen einzigen Todesfall constatiren hären." daß die Zahl der in Posen verhandelten Arbeiter eine ver- schwindend kleine ist gegenüber den Tausenden und Zehntausenden, die alljährlich aus Ostpreußen, Schlesien, Schweden und Italien an deutsche Arbeitgeber verhandelt werden, ohne daß die Behörden diesem schmachvollen Treiben zu steuern ver- suchten. — Arbeiterblut geflossen. Nach übereinstimmenden Mittheilungen ist die Lage der Arbeiter in Asch(Böhmen) eine äußerst gedrückte. Selbst das„Leipziger Tageblatt"— und das will viel sagen— gesteht diese Thatsache ein, indem es sich aus.Asch berichten läßt:„Sehr viele der hiesigen Fabrik- arbeiter verdienen wöchentlich 2—3 Gulden, viele andere gar nichts, und doch sind die Preise der Lebensmittel, wie überall, sehr hoch." Trotzdem also die Arbeiter in Asch buchstäblich am Hungertuch nagen, wagte es doch ein Fabrikant, die Bitte seiner Arbeiter um eine geringe Lohnaufbesserung rundweg abzuschla- gen. Die Folge davon war, daß in der betreffenden Fabrik die Arbeit niedergelegt wurde. Wahrscheinlich nun, um mit dem Fabrikanten zu unterhandeln, zogen die Arbeiter am andern Tage(14. Mai) vor die Fabrik. Sofort war aber auch die Gcnsdarmerie zur Stelle und suchte die friedliche Absicht der Arbeiter zu vereiteln. Es entstand Tumult; die Gensdarmerie „sah sich genöthigt", wie es in arbeiterfeindlichen Blättern be- schönigcnd heißt, wiederholt Feuer zu geben— und ein Arbeiter blieb todt und sieben schwer verwundet auf dem Platze. Merkt's Euch, Arbeiter: im heutigen Klassenstaat seid Ihr verpflichtet zu hungern und unter Umständen auch zu ver- hungern; fordert Ihr aber Arbeit, oder gar eine menschenwürdige Existenz durch die Arbeit— so antwortet man Euch mit Flinten- schüssen. — Unsere Gegner. In einem Böhmert- Schuster'schen Bandwurm gegen die Sozialdemokratie(der sich zu unserem Er- staunen auch in den„Hamburgischen Correspondenten" verirrt hat) wird Liebknecht als Anwalt der„freien Liebe" im Sinne der Weibergemeinschaft ä la Unruh aufgeführt. Der be- treffende Passus des Böhmert-Schuster'schen Bandwurms lautet:„Und damit ja kein Zweifel über das Ziel, wohin er strebt, möglich sei, ruft Liebknecht in seiner Broschüre ,Zu Schutz und Trutz' aus:„Nun— die freie Liebe, ja wir wollen sie; wir wollen die Liebe befreien von den Fesseln, welche die heutige Gesellschaft ihr angelegt hat.--- Jede Bereinigung von Mann und Weib, die Liebe geschaffen hat, auch wenn vom Priester nicht gesegnet, ist eine wahrhafte Ehe."— Ganz recht! Das hat Liebknecht gesagt; aber zwischen den durch drei Striche getrennten Worten:„angelegt hat" und„Jede Vereinigung" befinden sich in der Broschüre„Zu Trutz und Schutz" dritt- halb cnggedruckte Seiten, in denen auf's Energischste gegen die Weibergemeinschaft und die Prostitution Front ge- macht und der Nachweis geliefert wird, daß Weibergemein- schaft und Prostitution nothwendige Auswüchse der Bourgeoisie- Gesellschaft sind, welche der Sozialismus beseitigen muß und auch allein beseitigen kann. Kurz man läßt Liebknecht, durch Verstümmlung des von ihm Gesagten, das Gegentheil dessen sagen, waS er gesagt hat. Sonst pflegte man das Fäl- schung zu nennen. Jetzt nennt man es„Kampf mit geistigen Waffen«. — Die Genossen Reinders und Bäthke wurden am 18. Mai von dem Polizeigericht in Breslau wegen„groben Un- fugs", begangen in einem Wahllokal, zu 3 resp. 8 Tagen Ge- fängniß verurtheilt. In der Urtheilsbegründung wurde als erschwerendes Moment hervorgehoben,„daß die beiden Ange- klagten sozialdemokratische Agitatoren seien, die sich zum Lebensprinzip gemacht haben, die heutige gesell- schaftliche Ordnung umzustoßen." Als Entlastung hob der Polizeirichter hervor, daß die Angeklagten gegen Erwarten in der heutigen Verhandlung sich anständig benommen hätten. Selbstredend hat der etwas sehr die antisozialistische Tendenz verrathende salomonische Spruch des Herrn Polizeirichters die Billigung der verurtheilten Genossen nicht gefunden— sie haben appellirt. — Wegen„Beleidigung der Geistlichkeit" in dem Wahlflugblatt für den 9. schleswig-holsteinischen Wahlkreis wurde Parteigenosse Gundelach am 12. d. M. in Kiel zu 6 Wochen Gefängniß verurtheilt. Der Staatsanwalt hatte 6 Monate beantragt! Steinmetz— und dann auch mich bezüglich der Dossenbacher Affaire freigesprochen, ebenfalls mit Sicherheit auf seine Frei- sprechung. Als der Obmann der Geschwornen das„Schuldig!" ertönen ließ— trat die plötzliche Umwandlung in seinem Geiste ein. Ich besitze noch ein an jenem Abend von dem Unglücklichen an mich geschriebenes Blatt Papier, das dem Verfasser der authentischen Aufschlüsse den authentischsten Aufschluß über diesen Vorgang zu geben vermag! Doch nach dieser Abschweifung wie- der zurück zur Sache. Es ist mir glücklicherweise eine in der„Mannheimer Abend- zeitung" vom Jahre 1848 erschienene Erklärung zur Hand, in welcher die Sache gleichfalls von Augenzeugen und zwar zuerst und aus frischer Erinkierung besprochen wird, und welcher um so mehr Glauben zugemessen werden darf, als sie damals sicher- lich nicht in Folge von Außen kommender Einflüsse abgegeben werden konnte. Dieselbe lautet: „Erklärung. Mit Bedauern erfahren Unterzeichnete erst heute in ihrem Kerker zu Bruchsal, daß man in mehreren deutschen und fran- zösischen Blättern Hrn. Georg Herwegh, ehemaligen Präsi- deuten der Pariser deutschen demokratischen Legion, ungerechter Weise beschuldigt, schon gleich Anfangs beim Gefechte zu Dossen- bach das Schlachtfeld verlassen zu haben.— Wissen denn diese Verläumder nicht, daß nach dem Abmärsche von Zell, den 26. April 11 Uhr Nachts, unser Weg über steile Felsenpfade ging und während dieser ganzen regnerischen Nacht Herwegh mit seiner Frau diese Tour zu Fuße machte, um unseren ermatteten Leuten Muth einzuflößen; erst Morgens 3 Uhr, den 27., wurde in einem Dorfe ein armseliger Bauernwagen requirirt, worauf Beide auf vieles Zureden von unserer Seite Platz nahmen! (Dieser Wagen aber war ohne Spritzleder!) Erst gegen Ende des Gefechtes, wo unsere Legion fast schon ganz zerstteut war, fanden wir die Herwegh'schen Eheleute noch auf demselben Wagen, Patronen anfertigend; mitjMühe bewogen wir nun dieselben, die Flucht zu ergreifen, ihnen vorstellend, daß Alles verloren und längeres Bleiben sie unfehlbar in Gefangenschaft führen würde. Nach dieser Aufforderung erst verließen beide den Wagen und gelangten so glücklich auf Schweizergebiet. Kaum 5 Minuten nach ihrer Entfernung war schon der Wagen in den Händen des 6. württembergischen Infanterieregiments, der Fuhr- Innere Parteiangelegenheiten. Als Agenten des Vorstandes sind ernannt worden: Arnstadt:] Fr. Papst. Wege; Baden: Joh. Küsters, Wagner; Chemnitz: l C. A. Walther; Freiburg i. B.: F. Haug, M. Desker; Großen- Hain: R. Redam, A. Vatke; Großauheim: Ad. Kronenberger; Hamm u. Horn: H. Westphal; Heilbronn: G. Kittler, E. Schafferdt; I ohenfelde- Burgfelde: E. Breuel; Kappel: Albert Geihland; leinauheim: A. Kämerer, M. Kunkel; Mylau: F. E. Fischer; Neuhausen: E. Th. Zenker; Reutlingen: Chr. Walz, Carl Stark; Sonneberg: R. Heß, I. A. Ernst Bischoff; Stuttgart: H. Ber- linger, G. Grünwaldt; Ulm: L. Reißbach. Hamburg, den 17. Mai 1877. Mit sozialdemokratischem Gruß I. A.: C. Derossi. I. Auer. Pferdemarkt 37. Aus Großbritannien. Edinburgh, 13. Mai 1877. Während an der Donau und in Vorderasien der Krieg! zwischen Muselmann und Moskoviter sich noch im Einleitungs- siadium befinden, hat in England der Wortkampf zwischen den Türko- und Russofilen in Presse und Parlament, von der Kanzel und der Rednerbühne, in den Klubs und auf den Straßen so ziemlich seinen Höhepunkt erreicht. Während die Liberalen a la Gladstone in sektirerischer Scheinheiligkeit die Türken mit Sack und Pack aus Europa vertrieben sehen wollen und zu diesem! Zwecke so weit gehen, eine Allianz mit dem„hochherzigen Christenbefreier" anzuempfehlen, während die Tories es kaum erwarten können, daß England offen für die Türkei Partei er- greife und gegen Rußland losschlage, um sich den Seeweg nach Indien von seinem gefährlichsten Rivalen freizuhalten; während die Zahl derjenigen, welche der Türkei gerne einen Daumen auf's j Auge setzen, Rußland aber doch um keinen Preis nach Eon- stantinopel lassen wollen, zusehends wächst und die liberale Parlamentspartei zu zersplittern droht(Herr Gladstone war an- gesichts der Gefahr des Schismas im liberalen Lager gezwungen,; letzten Montag zwei seiner mit so vielem Pomp angekündigten: vier Resolutionen ihrer allzu russenermuthigenden Tendenz wegen fallen zu lassen), ist es erfreulich, im„Jndustrial Review"(vor- mals„Beehive") zur Abwechslung einmal vernünftige Politik gepredigt zu hören. Und zwar ist es Herr Prof. E. S. Beesly, I der die Arbeiter in dieser Frage von Conservativen sowohl als Liberalen zu trennen versucht. Er neigt allerdings mehr zu| den Conservativen, aber nur soweit, als diese den Eroberungs- gelüsten des russischen Kaisers Schranken setzen wollen. Er sucht den Ausspruch Lord Derby's, daß jeder Versuch, die Streitfrage zwischen Rußland und der Türkei auf diplomatischem Wege zu lösen, vergeblich und die englische Regierung sich dessen voll-! kommen bewußt gewesen sei, zu popularisiren. Rußland habe von vornherein Kriegsabsichten gehabt und sei entschlossen ge- wesen, von der Türkei gerade so viel zu nehmen, als das übrige> Europa erlauben würde. Englands Energie sei durch die i Agitation der christlich-liberalen Türkenfresser(der alte Knuten- freund und Galgenverehrer Carlyle obenan) im letzten Herbste| gelähmt worden und habe sich auf diplomatische Spiegelfechterei> beschränken müssen; Oesterreich, das am empfindlichsten bedrohte, habe sich nicht getraut, offen gegen Rußland Front zu machen, weil es wüßte, daß Fürst Bismarck die Absichten des Czaren begünstige. Man erinnere sich, daß im Mai 1875, als es Bis- marck beinahe gelungen war, Frankreich vor Vollendung seiner militärischen Reorganisation in einen Krieg zu verwickeln. Ruß- land vermittelnd eingeschritten sei. Deshalb habe Bismarck der Verwickelung Rußlands in einen Krieg mit der Türkei jeden Vorschub geleistet, um im Westen die Hände frei zu bekommen. Am selben Tage, als das Kriegsmanifest Alexanders in der Presse erschienen sei, habe man im deutschen Parlamente den großen Schweiger Mottle sich über drohende Militärbewegungcn auf französischer Seite beklagen und die deutsche Regierung mit Hilfe dieses Alarmschusses die Forderung nach„mehr Haupt- leuten" begründen hören. Die Etatserhöhung auf deutscher Seite werden ähnliche Maßregeln in Frankreich zur Folge haben; der Wolf habe dann das Lamm gefunden, das ihm das Wässer- lein getrübt und in kürzester Zeit könne Europa vor Thatsachen stehen, denen gegenüber die orientalische Verwickelung geringfügig erscheinen wird. Dort könne England jetzt nicht mehr viel ver- hindern. Eine näherliegende Sorge drückt uns: die Gefahr eines deutschen Angriffes auf Frankreich. „In einer solchen Krifis— schließt der Artikel— soll die englische Armee und Flotte nicht so sehr im Osten, als zu Hause sein um, wenn nöthig, für eine bessere Sache als die des Musel- mann und zwei Pferde fielen durchbohrt von den Kugeln dieses Regiments. Was Herwegh in Paris für die Deutschen gethan, wird Jedermann, der dort sein Wirken Gelegenheit hatte zu beobachten, dankbar anerkennen, selbst seine jetzigen dortigen Gegner. Herwegh nahm nie Antheil an militärischen Anordnungen, wollte auch niemals als Kriegsheld auftreten oder glänzen, er war rein nur politischer Chef der Legion. Im Interesse der Wahrheit und für alle Diejenigen, die so unverschämter Weise einem Manne die Ehre abzuschneiden suchen, finden wir uns zu dieser Erklärung veranlaßt. Alle Zeitungsredaktionen werden höflichst ersucht, dieser Er- klärung die möglichste Verbreitung angedeihcn zu lassen. Im Gefängniß zu Bruchsal, den 14. Juni 1848. Delaporte, Commandant des 3. Bataillons der Pariser deutschen Legion. Dr. Rods, Stabsarzt." Da ich Delaporte während seiner Gefangenschaft in Bruch- sal nicht gesehen— denn Bornstedt und ich, wir wurden ziemlich abgeschieden von den Andern gehalten—, so kann ich nicht mit Bestimmtheit behaupten, wohl aber mit Grund vermuthen, daß er von dem Spritzleder-Märchen durch eine französische Zeitung Kenntniß erhalten hatte. Delaporte war Franzose, ich glaube von Amiens, er konnte kein Deutsch und die Construktion man- cher Sätze deutet darauf hin, daß die Erklärung ursprünglich in französischer Sprache geschrieben und erst nachher— wohl in Mannheim— übersetzt wurde. Jedenfalls ist sie authentisch und vollbeweisend. Zum Schlüsse will ich noch den Brävsten der Braven, den unvergeßlichen Theodor Mögling, den ehrlichsten und offensten aller Schriftsteller über jene Zeitepoche, reden lassen. Daß der, was das Kapitel Feigheit anbelangt, keinen Spaß verstand, da? wissen seine heut noch lebenden Freunde, das haben seine Feinde anerkannt; hat er ihnen doch, mit zerschmettertem Bein und au! Krücken sich in den Standgerichtssaal schleppend, dermaßen im- Sonirt, daß sie dem angeklagten Freischärler mehr Glaube» henkten, als dem fungirenden Staatsanwälte, dem nachherige» Justtzminister von Freydorf! Dieser Zeuge sagt in„Briete a» seine Freunde"(Solothurn 1858): manns und gegen einen gefährlicheren Feind für die Unabhängig- keit Europas als den Czar, einen ehrenvollen Schlag zu thun." Das erinnert stark an Herwegh's:„Der schlimmste Feind steht an der Spree!" Die Majorität(??) der Arbeiter steht übrigens leider auf Seite der liberalen Waschweiber und läßt sich noch fortwährend zu Demonstrationen gegen die„bulgarischen Grausamkeiten" be- nützen. Einige Herren Gewerkschaftsführer, die sich zu einer „Eastern Question Association"*) zusammengethan und die sich gerne reden hören, haben letzten Montag wieder in Gesellschaft einiger Parlamentsmitglieder und eines halben Dutzend anderer Pfaffen eine Demonstration in Exeter Hall veranstaltet zur Unterstützung derselben Resolutionen, welche der große liberale Führer zur selben Zeit im Parlamente muthig fallen ließ, da sie selbst der Mehrzahl seiner sonstigen Parteigenossen zu grau- samlich nach Juchten rochen. Ein kleiner Theil der Arbeiter sammelt sich in der„Arbeiter- Friedensgesellschaft" und faßt Resolutionen zu Gunsten des „Friedens um jeden Preis". Gegen diese Letzteren gewendet, hat jüngst der„Jndustrial Review" eine Tirade losgelassen, die sich der deutschen:„Wir wollen alle Schiffe hinter uns ver- brennen und dann hinaussegeln in den Ocean der Freiheit" kühn an die Seite stellen kann.„Wäre die gegenwärtige Lage durch uns verursacht— heißt es in dem betreffenden Artikel— oder könnten wir den Lauf der Ereignisse überwachen, wir würden uns um das Banner des Friedens schaaren und unter ihm kämpfen bis zum Ende!"(„We should rally round the Standard of peace and fight under it to the end.") Betrachtungen aus und über Holland. Amsterdam, 17. Mai 1877. Holland gilt vielfach als ein todter Boden für den Sozialismus. Die Thatsachen scheinen dieser Ansicht Recht zu geben, denn die Rubrik„Holland" nimmt in den Berichten unserer sozialistischen Blätter nur einen äußerst bescheidenen Raum ein, und vergebens wird man darin nach Mittheilungen über Borgänge in der großen Volksbewegung unserer Zeit suchen, wie sie in andern Ländern zum Schrecken aller Mastbürger, aber zur Freude aller vernünftigen und verständigen Menschen immer alltäglicher werden. Die Erklärung für die laue Betheiligung Hollands an der Frage der Fragen wird vielfach in der geringen industriell- kapitalistischen Entwicklung sowie in dem vermeintlichen größern Wohlstande des Landes gesucht, die dem Sozialismus seine Wachsthumsbedingungen entziehen. Ich gestehe, daß auch ich mich bisher von dieser Ansicht über die günstigen sozial-ökono- mischen Verhältnisse Hollands gefangen nehmen ließ und Holland so zu sagen als verlorenen Posten betrachtete. Man muß das Land selbst kennen gelernt haben, um sich von der Unrichtigkeit jener Beurtheilung zu überzeugen. Es ist wahr— Holland ist enorm reich, es gicbt hier ganz fabelhafte Vermögen, und die ganze Welt ist Holland Geld schuldig. Aber wie überall, so ist auch hier unter dem„Reich- thum" des Landes eben nur der Reichthum der Reichen zu verstehen, wie überall so existirt auch hier dieser Reichthum nicht ohne seine unzertrennliche Begleiterin, die Armuth! Wahr ist es— man steht in den Städten Hollands eine Behäbigkeit, eine Pracht, einen Luxus, daß gerade nicht allzu viel Scharfsinn dazu gehört, um zu erkennen: Hier giebt es viele Leute, die sehr gut bei Kasse sind. Man braucht nur die eine Kalverstraat zu Amsterdam zu sehen, in welcher sich Laden an Laden reiht, von einer Pracht, einer Kostbarkeit und einem Geschmack, wie man sie in Berlin kaum sieht, wie sie sich aber auch in Paris nicht schöner finden. Aber wahr ist es auch, daß man in eben derselben Stadt der tiefsten Armuth, dem abstoßendsten Elend begegnet. Das ausgebreitete Bettelwesen in den Straßen erinnert an Italien und wohl nirgend weiter als eben noch in Italien wird der Fremde so sehr und in so aufdringlicher Weise von hilfsbereiten Geistern aller Art verfolgt wie hier. Bald soll man sich durchaus die Stiefel putzen, bald wieder den Weg „wijzen" lassen, und beweist man den Leuten, daß man weder das Eine noch das Andere nöthig habe, dann tritt die offene Bettelei zu Tage und der Cicerone beschwört Einen, man möge seine Dienste, wenn auch überflüssig, aus Gnade und Barm- Herzigkeit annehmen, er habe mitsammt Frau und Kindern heute den„heelen dag" noch nichts gegessen. Das ausgehungerte Ge- stell, die zerlumpte Kleidung— man begegnet hier Figuren, wie sie selbst in Berlin, der Urheimath der„Bassermann'schen *) Assoziation betr. die östliche, d. h. die orientalische Frage. 9. Brief pag. 123:„Unterwegs trafen wir eine Anzahl Flüchtlinge der Herwegh'schen Colonne" zc. „Ich fragte nun nach Herwegh und seiner Frau, einige meinten, diese werden wohl gefangen sein, da sie dieselben noch ganz spät auf dem Platze gesehen haben, sie haben sich wahr- scheinlich gerettet, denn es sei über ihre Gefangennehmung nichts bekannt geworden, genaue Auskunst konnte jedoch keiner geben." Dann pag. 126: „Der Aerger darüber, daß Herwegh mit seiner Frau ent- kommen war, machte sich dann in dummen Verläumdungen Luft. Wäre es eine große Heldenthat gewesen, wenn sie bei dem Ueber- fall zu Dossenbach ruhig zugewartet hätten, bis sie gefangen ge- nommen worden wären? Setze sich Jeder in denselben Fall, und er wird eine solche Dummheit vernünftigen Leuten nicht zu- anuthen." Zur allseitigen Beurtheilung seines Verhaltens sei noch fest- gestellt, daß Herwegh mit der militärischen Leitung der ganzen Sache durchaus nichts zu thun hatte. Es erhellt dies aus§ 1. der Anklageschrift, wo es in Betreff der militärischen Einthei- lung der Legion heißt:„Bei ihrem Einfall in Baden war die Legion 800— 900 Mann stark; ihre Führer waren: Carl Börnstein, Commandant(oder General) en ehest Corvin Wiersbyrsky, Chef des Generalstabs. Wilhelm Löwenfels, Regimentscommandeur. .Führer des I. Bataillons R. Herker. *}•„ Reinhard Schimmelpennig, aus Danzig. „ Carl Mushake aus Berlin. �„ August Delaporte aus Amiens. Herwegh wird also unter den militärischen Führern nicht genannt. Dagegen sagt der Bericht des Generals v. Miller ausdrücklich:„Herwegh begleitete die Legion als Comitemitglied." „Karlsruher Zeitung" Nr. 119 vom 1. Mai 1848. Und das Ergebniß dieser Zusammenstellung? Aus den Zeugnissen ist vor allem klar ersichtlich, was es mit der ganzen Sage für eine Bewandtniß hat: vchre erste Entstehung verdankt sie lediglich dem unmittelbar nach der Niederlage der Republikaner veröffentlichten Bericht des Generals von Miller, der den verhaßten, gefürchteten Gegner Gestalten", nicht häufig sind— beweisen, daß sich der Mann 1 mit jener Versicherung nicht allzu weit von der Wahrheit entfernt hat, und so giebt man ihm denn seine paar„Stuwer", nicht • ohne zugleich auf den zugedachten Genuß seines Stiefelputzens ' oder seiner Begleitung feierlichst Verzicht zu leisten. Ich habe dergleichen Scenen aus dem Straßenleben, wie sie gerade dem Fremden am Allerersten begegnen, stets als ein : ziemlich sicheres Erkennungszeichen für die Lebensverhältnisse der i betreffenden Bevölkerung angesehen. Ich glaube mit Recht. Denn was sind diese herumlungernden und hungernden Menschen anders als die„überschüssigen Hände", für welche das„Kapital" eben keine Verwendung hat, und was anders treibt diese Menschen hinaus auf die Straße, was anders treibt sie zu dieser unwür- digen Aufdringlichkeit und Kriecherei als der große Sklaven- üchter, der Hunger und die tiefste Verwahrlosung? Kann und arf es in einem wirklich geordneten Staatswesen Menschen wie diese geben? Unmöglich. Als sollte es uns immer und überall so recht unter die Nase gerieben werden, wie alles Schöne und alle Annehmlich- keiten des Lebens eben nur für den Reichen da sind, so findet man gerade in jenem Lande, dessen Reinlichkeit ja sprich- wörtlich ist, in den ärmeren Quartieren der Städte und unter der armen Bevölkerung einen Mangel an öffentlicher Salubrität, und deshalb einen Schmutz und eine Häufigkeit von ekelhaften Krankheiten zc., die ihres Gleichen suchen. Mit der holländischen Reinlichkeit ist das genau derselbe Schwindel, wie mit dem holländischen Reichthum. Beide betreffen sie eben nur die Reichen, und will man nicht fabuliren, sondern hübsch der trockenen, nackten Wahrheit die Ehre geben, dann muß man von der „holländischen Reinlichkeit" der Reichen, zugleich aber auch vom „holländischen Schmutz" der Armen sprechen. In der That besteht in Holland zwischen Arm und Reich eine so tiefe soziale Kluft, wie nur irgendwo anders, und der Arme, der es wagt, das Haus des Reichen mit der Bitte um ein Almosen zu betreten, wird zu allererst zur Thür hinaus- geschmissen, damit er durch seine Anwesenheit die„Kamern" nicht verunreinige. Ob er dann was kriegt, bleibt eine Frage für sich. Im Ganzen liebt es der reiche holländische„Heer", die Taschen recht fest zuzuhalten. Je reicher, je fester. Die Lohnarbeiteroerhältnisse angehend, so sind sie hier— wie überall, d. h. denkbarst schlecht. Der Bauhandwerker ver- dient bei einer Arbeit von 12 Stunden circa 2 Gulden(ein Gulden— ca. 1 Mark 70 Pf.), der Maschinenbauer ungefähr ebensoviel(es giebt hier Fabriken mit 1500 Sklaven), in den großen Staatswerften und Docks werden theilweise gar nur 1 bis l'lt Gulden bezahlt. Nicht mehr verdient der Arbeiter in den berühmten Amsterdamer Zuckersicdercien bei sehr schwerer Arbeit. Bemerkenswerth ist, daß die Buchdrucker, die doch bei uns zu den bestbezahltcn Arbeitern gehören, hier im Gegentheil am allerschlechtestcn, viel schlechter z. B. als die Maurer, ab- gelohnt werden. Bei uns motiviren die liberalen Volksunwirthe die bessere Bezahlung des Buchdruckers, ihren Theorien gemäß, mit der höhereu Qualität seiner Arbeit. Und hier? Ist die Typographie hier weniger eine Kunst als bei uns? Ich sehe! hierin nur einen neuen Beweis dafür, daß jeder Stand eben das ist, was— er aus sich zu machen weiß! Wie schlecht die oben angeführten Lohnverhältnisse sind, be- greift man erst, wenn man weiß, daß Amsterdam nur wenig wohlfeiler ist als unser liebes Berlin, bekanntlich heute so ziemlich die theuerste Stadt Europas. Das halbe Kilo Fleisch kostet 12 Stuwer(über 1 Mark), selbst Butter und Käse, von denen man ja glauben sollte, daß sie in Holland fließen, wie im gelobten Lande Milch und Honig flössen, sind sehr„duur". Der Arbeiter kann sich alle diese köstlichen Leckereien kaum gönnen, sondern lebt zumeist— tout comme chez nous— als unfreiwilliger Vegetarianer strengster Observanz. Eine halbwegs menschliche Arbeiterwohnung ist nicht unter ca. 150 fl. zu haben. Meist aber sind sie einfach unmenschlich. Kellerwohnungen sind überaus häufig, und was das in Amsterdam, das bekanntlich wie Venedig mitten im Wasser auf eingerammten Pfählen steht, be- sagen will, kann man sich leicht ausrechnen. Was das flache Land betrifft, so ist es ja auch sehr wahr und sehr richtig, daß da ein ganz ungeheurer Reichthum ver- borgen ist. Der holländische„boer" ist einfach der reichste der Welt. Es giebt unter ihnen solche, die allein in Staatspapieren die Kleinigkeit von 10 Millionen Gulden liegen haben. Aver— nun, es hieße sich wiederholen, wollte ich dieses Aber weiter ausführen. Kurz und gut, der holländische Kleinbauer, der holländische Tagelöhner, der holländische Hirt und Ackerknecht ist ebenso miserabel daran, wie nur irgend einer seiner Leidens- genossen. Daß sein Herr die Millionen im Schrank liegen hat, mit der ganzen Bosheit der Reaktion zu verläumden, zu be- schimpfen kein Bedenken trägt. Ihre rasche Verbreitung verdankt sie der Stimmung der Ge- müther in den schönen Maitagen von 1848, wo die Einen von der Furcht der Republik fast noch heftiger bewegt waren, als die Andern von der Hoffnung derselben. Es genügt hiefür, an den Franzoscnlärm zu erinnern. Die mythische Ausschmückung endlich verdankt sie offenbar Berichten von Augenzeugen über den wirklichen obengeschilderten Hergang während des Treffens, dem unerklärlichen, trotz aller Fang-Prämien glücklichen Entkommen Herwegh's nach demselben und— dem sehr erklärlichen Aerger darüber. Aus diesen Zeugnissen geht ferner positiv und unwiderleg- lich hervor, daß Herwegh das Schicksal der Legion bis zuletzt getheilt hat wie ein braver Kamerad, und daß er bei Dassen- dach seine Pflicht gethan hat als ein muthiger Mann. Und Angesichts dieser vollgilttgen, jedem, dem es um die Wahrheit zu thun ist, leicht zugänglichen Zeugnisse sagte und sage ich: Daß alles Gerede von Herwegh's Flucht Lüge ist, leichtsinnige oder absichtliche Lüge und Verleumdung. Kein ehrlicher Mensch wird mehr an diese Lüge glauben und nur ein Schuft kann sie jetzt noch wiederholen! Littenwiler bei Freiburg i. B., 27. April 1877. Krebs. — Todesfälle durch wilde Thiere. Die britisch-indische Re- gierung verausgabt alljährlich eine Summe von ca. 10,009 Pfd. St., die als Prämien für die Tödtung schädlicher wilder Thiere an die Ein- gebornen bezahlt werden. Im vorigen Jahre wurden nach dem offi- ziellen Ausweife 22,357 wilde Thiere und 270,185 giftige Reptilien ge- lödtet; trotzdem fielen in der bezeichneten Periode in ganz Indien den Tigern, Panthern, Leoparden, Bären, Wölfen, wilden Elephanten und Schlangen nicht weniger als 21,000 Menschen und 48,000 Stück Vieh zum Opfer. In dem Distrikte Chittagong wurden allein gegen 1000 Eingeborene getödtet; im Sesfore-Distrikte(Bengalen) betrug deren Zahl 569. In Madras erlagen 1536 Menschen und 11,934 Stück Vieh den Anfällen wilder Thiere und. dem Schlangenbiß, in Bombay 1072 Menschen und 4792 Thiere; in der Präsidentschaft Bengalen 10,9 l4 Menschen und 8147 Thiere. scheint ihn um nichts glücklicher, oder auch nur satter zu machen. Im Ganzen erachte ich die ländlichen Verhältnisse Hollands denen Holsteins am Aehnlichsten. Kapitalistischer Großbetrieb und seine Folgen, nämlich colossale Bereicherung Weniger einer- seits, Misöre der großen Mehrzahl andererseits; dabei allmählige Berschluckung des kleinen Besitzers durch den großen. Das sind, in flüchtigen Zügen, die thatsüchlichen sozial-öko- nomischen Zustände Hollands. Sind dieselben nun wirklich so arkadisch-gemüthliche zu nennen, daß sich aus ihnen die geringe Ausbreitung der sozialistischen Ideen, d. h. der Bestrebungen nach einer Beseitigung dieser Zustände, zur Genüge erklären läßt? Ich bezweifle es. Ueberhaupt scheint es mir ebenso unrichtig wie unserer Sache nachtheilig, wenn man, wie das in unfern eigenen Reihen so oft geschieht, überall dort, wo es mit der sozialistischen Propaganda nicht recht vorwärts geht, die Schuld in allzuvoreiliger Weise der vermeintlichen Ungunst der wirthschaftlichen Voraussetzungen, unter welchen vor Allem die modern-kapitalistisch-industrielle Entwicklung verstanden wird, ohne die es durchaus keinen Sozialismus geben soll, zuschiebt und damit die eigene Energie und Thatkraft einschläfert. Gerade die letzte Zeit hat die Unrichtigkeit dieser Theorien vielsach dargelegt. Wir sehen Länder, denen kein Mensch die modern-kapitalistische Entwicklung wird nachsagen können, die vielmehr noch in den feudalistischen Kinderschuhen herumlaufen— ich nenne hier nur Rußland, oder, um im lieben deutschen Vaterland zu bleiben, das herrliche Mecklenburg—, mit erstaunlicher Rapcdität vom Gifte des Sozialismus durchtränkt werden, während es in andern Ländern, die zufällig die ersten Industrieländer der Welt sind — ich meine hier natürlich vor Allem England und nebstdem Amerika— eigentlich so gut wie gar nicht vorwärts geht. Mecklenburg ja und England nicht? Erkläret mir, Graf Oerindur! Das stimmt doch wohl nicht. Die Ausbreitung der sozialistischen Ideen muß sich denn doch wohl noch nach andern Gesetzen als den rein ökonomischen regeln. Unzweifelhaft sind dieselben ja von größter Bedeutung. Von nicht geringerer Be- deutung scheint mir auch eine gewisse geistige Disposition, eine gewisse geisttge Atmosphäre zu sein, worunter ich die Emanzipation von den alten Vorurtheilen verstehe, besonders von jenen Mythen und Dogmen, die man Religion nennt und die vorher aus den Köpfen des Volkes ausgerottet sein müssen, ungefähr wie man den Acker von dem wuchernden Unkraut befreien muß. bevor die lebenspendende Frucht darauf gedeihen soll. Daß das Pfaffen- Wesen in England und Amerika noch so mächtig ist, darin sieht man mit Recht die Hauptursache für unsere langsamen Fort- schritte in diesen Ländern. Wovon mir aber die Erfolge der sozialistischen Agitation vor allem andern abhängig zu sein scheinen, das ist einfach— sie selbst, ihre Art und Weise, ihre Geschicklichkeit, ihre Kraft und Energie. Warum ist gerade in Deutschland, dem schläfrigen Deutschland, dem das vor 20. Jahren kein Mensch prophezeit hätte, die sozialistische Bewegung so mächtig angewachsen, daß es heute die Führerrolle darin übernommen, und selbst das urrevolutionäre Frankreich weitaus überholt hat? Was hat, nach den Grundsätzen jener Herren Theoretiker, die, wie mir scheint, ein wenig zu viel, nämlich kurzweg Alles, aus den wirth- schaftlichen Zuständen erklären wollen, Deutschland vor England, vor Frankreich oder Amerika voraus, das es zu dieser Führer- rolle berechtigte? Nichts. Die Sache ist einfach die, daß in Deutschland eine Anzahl tüchtiger, ihatkräftiger Männer, Lassalle und Andere, aufstanden, die die Sache in der richtigen Weise und beim rechten Zipfel anfaßten. Das ist des Pudels Kern. Oder warum— um uns die einzelnen Gegenden Deutschlands anzusehen— ist das wahrhaftig auch nichts weniger als indu- sttiell entwickelte Holstein doch so durch und durch sozialistisch? Eins ach weil es den Vortheil genießt, in unmittelbarer Nähe Hamburgs, eines Hauptkriegslagers des Sozialismus zu liegen, von wo aus es mit unermüdlichem Fleiße bearbeitet wurde und wird. Daß unsere guten Erfolge in Mecklenburg, deren sich kein Mensch versehen hätte, eben der kräftigen Agitation zu ver- danken sind, die neuerlich von Schwerin, von Berlin und Hamburg aus entfaltet wurde, las ich mehrfach in unserer Presse; und auch daß Sachsen eine so feste Burg des Sozialis- mus ist, läßt sich kaum allein aus seinetn zahlreichen industriellen Proletariat ableiten, sondern nicht weniger auch daraus, daß Leipzig in Sachsen liegt. Oder noch besser: Schlesien schien bis vor Kurzem für die sozialistischen Verführungen so gut wie unzugänglich. Ich erinnere mich, noch vor circa zwei Jahren in einem Abonnentenverzeichniß des„Neuen Social-Demokrat" das große Breslau mit ca. 40 Abonnenten aufgeführt gesehen zu haben, während das weit kleinere Altona deren über 2000 auf- wies. Nun, Schlesien ist eben kein geeigneter Boden für den Sozialismus, wird es damals geheißen haben. Punktum, Streu- fand drauf. Doch siehe da, kaum zwei Jahre sind seitdem hin- geschwunden und wie sehr hat sich das Alles geändert! Das „uneinnehmbare" Breslau z. B. ist bei den letzten Wahlen für die Berliner Marioncttcnbude in einer Art und Weise für unsere Sache eingetreten, daß jeder ehrlichen Communistenseele vor freudiger Ueberraschung das Herz im Leibe wackelte. Aus jenen 40 Abonnenten sind ca. 10,000 allein für die„Wahrhnt" ge- worden. Und woher das Alles auf einmal? Hat sich Schlesien in diesen zwei Jahren etwa in erstaunlichem Maße kavitalistisch entwickelt, hat es all diese Massen Proletariats, aus denen sich all diese Wähler und Leser rekruttren, in dieser Zeit neu ge- schaffen, sind dieselben vorher nicht dagewesen? Schwerlich. Wohl aber sind seitdem neue Parteiblätter gegründet, eine kräftige Agitation entwickelt worden, und das ist die höchst ein- fache Ursache, warum aus dem schlesischen Saulus so plötzlich ein Paulus geworden ist. Alle diese und noch manche andere Erfahrungen scheinen mir zur Genüge zu beweisen, was ich oben behauptet habe: daß es nämlich durchaus unrichtig und schädlich ist, wcun man die scheinbare Erfolglosigkeit der sozialistischen Propaganva in irgend einem Lande den angeblichen ungünsttgen sozial-wirthschaftlichen Voraussetzungen zuschiebt und sich damit in eine Art von tür- kischem Fatalismus in das vorgeblich Unabänderliche ergiebt. Das ist zwar sehr bequem, aber auch sehr verkehrt. Ueberall dort, wo es Arme und Reiche, Herren und Knechte, Betrogene und Betrüger giebt, müssen unsre„Hetzereien" nothwendig An- klang finden, sei das nun unter rauchenden Schloten oder unter wogenden Kornfeldern, in den dumpfen Gassen der Städte oder unter weidenden Biehheerden; und da es eben überall Arme und Reiche, Herren und Knechte, Betrogene und Betrüger giebt, so haben wir eben überall von vornherein gewonnenes Spiel. Wo wir es noch nicht gewonnen haben, da liegt das, meiner Ucberzeugung nach, einfach daran, daß entweder das Spiel noch gar nicht begonnen wurde, oder aber daß Die, die es begannen, nicht die rechten, echten Männer waren. Alle Diejenigen, die sich über die Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen beklagen, müyen sich, meiner Ansicht nach, vor Allem— über sich selbst be �Kommen wir nach dieser Abschweifnng wieder nach Holland zurück, so findet all das hier Gesagte auf dieses Land seine vollste Anwendung. Warum in Holland die sozialistischen Ideen so wenig verbreitet find, willst Du, lieber Leser, wifien? Das kann ich Sie sehr genau sagen, wie es in Sachsen heißt: Ein- sach, weil Niemand da ist, der sie verbreitet!!� Das politische Vereinsleben der arbeitenden Klasien ist hier so gut wie vollständig todt. Im„�lssemeen Nederlandsch Werklieden- verbond", dem einzigen ansehnlichen, der hier besteht(Mit- ?liederzahl 4— 5000, Organ„De Werkrnansbode") wird die öhere Schafzucht nach Schulze-Hirsch-Duncker'schem System be- trieben. In ganz Holland giebt e» kein einziges sozialdemo- kratisches Blatt.„De Werkrnansvriend'' ist in christlich-sozialem Sinne gehalten.(Brr, schreckliche Sorte!) Wohl gab es bis zum letzten Jahre hier den„Werkman", der in früherer Zeit so eine Art von Sozialdemokratie betrieben haben soll. Derselbe hat aber ein nicht sehr glorreiches Ende gefunden. Es sollen allerlei Unregelmäßigkeiten, vulxe Schweinereien, vorgekommen sein. Man wird zugeben, daß das nicht gerade sehr förderlich auf die sozialisttsche Agitation wirken konnte. Kann doch unsere reine Sache durch gar nichts ärger geschädigt werden, als durch solche häßliche Personalvorfälle. Unsere Parteiorganisationen so einzurichten, daß derartiges von vornherein unmöglich wird, das sollte unser eifrigstes Bestreben sein. In der That ist seit jenen Bor- gängen die Bewegung in Holland wieder bedeutend zurückgegangen, richtiger eingeschlafen. Ich sende Ihnen von allen drei hier genannten Blättern je eine Nummer zur Ansicht. Der Redatteur des obengenannten, liberal- gewerkschaftlich gehaltenen„Werkmanabede«, zugleich„voorzitter" des erwähnten Arbeitervcrbandcs, Herr B. H. Heldt, gegenwärtig der Führer der Arbeiter Hollands, scheint mir übrigens ein braver Mann, der nichts von der bewußten Verlogenheit unserer Ber- liner Selbsthilfler hat und höchst wahrscheinlich zusammt seinem Anhang mit Ningendem Spiel und wehenden Fahnen in das sozialistische Lager übergehen wird, wenn— er nur erst recht wiffen wird, was Sozialismus ist. Bisher herrscht hier eine ganz merkwürdige Unklarheit über dieses Ding, und auch die Herren Redakteure des seligen„Werkman" sollen nur höchst oberflächlich gewußt haben, was sie eigentlich wollten. Gegenwärtig agitirt Herr Heldt für das allgemeine Stimm- recht. Aber was nützt dem Volke dieses, so lange es nicht weiß, wofür es zu stimmen hat? Nach all dem hier Gesagten wird man es nur zu begreiflich finden, daß es mit der sozialisttschen Bewegung in Holland so steht— wie es eben steht. Und doch könnte es so leicht anders sein! Hier, wo die bitterste Armuth beständig den fabelhaftesten Reichthum, den raffinirtesten Luxus, die egoistischeste Wohllebig- keit vor Augen hat, wird jene doppelt und dreifach drückend. Der„Deldduivel" übt hier seine plumpe, brutale Herrschaft über Leiber und Seelen ebenso unumschränkt aus, wie nur irgendwo anders. Dabei lebt im Volke ein kräftiger Freiheitssinn, seine alte„Repnbliek1- steckt ihm noch in den Gliedern, es ist noch immer dasselbe Volk, welches vor 300 Jahren jene unsterblichen Großthaten vollbrachte, die wir die Befreiung der Niederlande von der spanischen Macht nennen, und die unsere neue Zeit erst so'recht eröffnete. Von jener kriechenden Loyalitätspest, von der wir in Teutschland jetzt so schrecklich heimgesucht find, ist nicht das Mindeste zu spüren.(Hierüber vielleicht ein nächstes Mal.) Auch unser Todfeind, der religiöse Wahn, übt, besonders in den Städten, nur noch wenig Macht über die Geister. Summa Summarum— der Boden ist hier für unsere goldene Freiheits- saat so fruchtbar wie nur möglich, zum Allermindesten ebenso fruchtbar, wie in vielen anderen Ländern, wo wir uns der besten Erfolge rühmen dürfen. Nichts bedarf dieser Boden, als der rechten Bebauer, die ihn in der rechten Art, mit dem rechten Geschick, mit dem rechten Fleiße, der rechten Ausdauer bear- beiten. Möchten sie sich bald finden! Wo immer an der Förderung unserer Sache gearbeitet wird, geschieht es zum Heile des Ganzen, an welcher Stelle immer mit Hand angelegt wird, desto früher muß er vollendet dastehen, der erhabene, himmelanstrebeude Bau des freien Volksstaats! Correspondenzen. KeKmar«, 14. Mai. Die Arbeitslosigkeit, unter welcher diesen Winter die Arbeiter Teutschlands litten und noch leiden, machte sich auch bei uns recht bemerkbar, obgleichchier ausschließlich Landwirthschaft betrieben wird. Es ist in den letzten Jahren vorgekommen, daß Arbeiter im Winter— man höre und staune — für 15, sage fünfzehn, Pfennige pro Tag haben arbeiten müssen. Man fragt auch hier nicht danach, ob der Arbeiter davon leben kann; der Bauer freut sich nur, wenn der Hunger ihm billige Arbeitskräfte zuführt; will der Arbeiter nicht für einen derartigen Lohn arbeiten— nun so mag er hungern.— Gleichzeitig nehmen wir Gelegenheit, einiges betreffs der Arbeits- zeit mitzutheilen, welche auch nicht ohne bedeutenden Einfluß auf den Arbeitslohn ist. Die Arbeitszeit dauert im Sommer, resp. von April bis November, von Sonnenaufgang bis Sonnen- Untergang, resp. von Morgens 4 bis Abends 10 Uhr, ohne merkliche Pausen. Des Morgens 4 Uhr geht's in's Feld, um 7 Uhr giebt es das Frühstück, um 12 Uhr Mittag und Nachmittags 4 Uhr Vesper— alles im Feld. Es ist noch zu bemerken, daß die Frühstücks-, Mittags- und Vesperzeit meistens nicht länger dauert als gerade zum Einnehmen der betreffenden Mahlzeit nothwendig fft. Ist nun die Ernte eingebracht, was bis Ende August zu geschehen pflegt, so wird die Dreschmaschine in Bewegung gesctzi bis alles ausgedroschen ist, was etwa bis November dauert; wird es dunkel beim Dreschen, so wird Licht angezündet, wobei die Arbeit bis 8, auch 9 Uhr fortgesetzt wird. Das ist dann nicht feuergefährlich! Wenn aber eine Arbeiter- Versammlung in einem Privathause abgehalten werden soll, so findet das der Kirchspielvogt feuergefährlich, weil— ein Back- ofen im Hause ist. Obgleich die Arbeitslosigkeit diesen Winter auch hier recht drückend war und die Löhne in Folge der vielen hier zurcisendcn Arbeiter aus den industriellen Gegenden Teutschlands auch jetzt sehr niedrig stehen, unb obgleich überflüssige Arbeitskräfte genug vorhanden sind, so lesen wir doch in den Waqrisch-Fehmarschen Blättern folgende Notiz: „Fehmarn, den 10. Mai. Um dem Mangel an Dienst- boten aszuhelscn, beschloß der hiesige landwirthschaftliche Verein, solche aus Ostpreußen kommen zu lassen." Al;o Mangel an Dienstboten, während so und so viel Ar- beitet auf Fehmarn ohne Arbeit find— recht erbaulich das! Schreiber dieics möchte den Herrn Landwirthen den guten Rath ertheilen,. ihre Arbeiter derartig zu bezahlen, daß es ihnen möglich ist, dabei menschenwürdig zu existiren, dann würde dem Arbeitermangel bald abgeholfen sein, denn wodurch unterscheidet sich jetzt der Arbeiter von einem gewöhnlichen Ackerpferd? Essen, Schlafen und Arbeiten ist das ewige Einerlei. Jedoch dürfte die Zeit nicht mehr ferne sein, wo es in den Köpfen der Arbeiter anfängt zu tagen, und dann werden diese ja wissen, was zu thun ist. Doch den Herren Landwirthen scheint die Strafe nicht ausgeblieben zu sein, denn weiter heißt es in der betreffenden Notiz: „Wie den„Schleswiger Nachrichten" geschrieben wird, hatte der Verein sich kürzlich mit einem Commissionär in Ost- Preußen in Verbindung gesetzt, der circa 40 Dienstboten, Knechte und Mädchen nach Lübeck senden und dort für die Person 42 Mark Reisegeld empfangen sollte. Die Knechte sollten Ostern, die Mädchen etwas später eintreffen. Kurz vor Ostern bat der Commissionär zur Deckung seiner Ausgaben um eine Vorschuß- zahlung; der landwirthschaftliche Verein sandte demselben 600Mrk. Ostern war ein Abgesandter des Vereins in Lübeck, um die Leute zu empfangen, es kamen aber keine und sind auch bis heute noch keine gekommen." Das ist die gerechte Strafe für die Herren Landwirthe. H. Sch. Lübeck, 17. Mai. Zunächst habe ich über den bewußten „Rückgang" am hiesigen Orte zu berichten, daß wir jetzt einen stabilen Agitator in ber Person des den Liberalen wohl bekannten Genossen Hey er erhalten haben, der auch als Delegirter zum Congreß gewählt worden ist.— Sonntag, den 13. d. Mts. hielten wir hierorts eine Conferenz der verschiedenen Bevoll- mächtigten der Gewerkschaften ab, und wurde der Beschluß ge- faßt, daß von jetzt an jeden ersten Sonntag im Monat eine Conferenz stattfinden soll. Ich möchte daher bitten, daß die Gewerkschaften, die noch nicht vertreten waren, Sonntag, den 3. Juni, die Conferenz beschicken mögen. Dieselbe findet beim Parteiwirth Hildebrand Morgens 10 Uhr statt. 1. Punkt der Tagesordnung ist die Wahl eines Vorsitzenden, sowie eines Schriftführers. 2. Punkt ist die Organisation der Gewerkschaften. 3. Punkt die Colportage der Gewerkschastsblätter. 4. Punkt das Abhalten und Bekanntmachen der Versammlungen. Bei der Wichtigkeit der Tagesordnung darf kein Bevollmächtigter fehlen. Rudolph Schröder, prov. Schriftführer. Ratibor, 10. Mai. Kaum ist der russisch-türkische Krieg ausgebrochen, so machen sich dessen Folgen hier im südöstlichsten Theile Deutschlands auch schon recht drückend fühlbar. Der Ge- treideexport aus Rußlanb, ber bisher ein bedeutender war, hat seit einigen Wochen ganz aufgehört. Die Mehlproduktion, die hier in Oberschlesien einen wichtigen Gewcrbszweig bildet, ist dadurch völlig lahm gelegt. Die Mchlfabrikanten können auf heimischem Markte wenig kaufen, ja nicht einmal soviel, um de» Bedarf der ohnedies sehr geringen Consumtion zu decken. Außerdem treiben sich österreichische Agenten herum, die alles Getreide, dessen sie habhaft werden können, kaufen, um es für die Türken, oder, was wahrscheinlicher ist, für die eigene Armee zu liefern. Die Folge davon ist, daß die Cerealienpreise in 14 Tagen um 20 pCt. gestiegen sind. Mancher Kapitalist machl da- bei auf Kosten der hungernden Proletarier ein ganz profitables Geschäft. Der Hungertyphus nimmt hier in Oberschlesien trotz ofstzieller Ableugnungen immer größere Dimensionen an. Bis- her waren die rechts der Oder belegenen Kreise damit heimge- sucht; jetzt ist diese verheerende Seuche links der Oder in Hütt- jchin, und in dem armen Weberdistritte Katscher, ja sogar im Garnisonslazareth in Kosel ausgebrochen, und bei der schreck- lichen Nothlage ist zu befürchten, daß die Epidemie ebenso furchtbar werden kann, wie vor 30 Jahren. Oberschlesien, wo es bei gutcm Geschäftsgange mehr hungrige als satte Arbeiter giebt, wo die Großindustrie und der Großgrundbesitz riesig ent- wickelt sind, wo der üppigste Rcichthum mit seinen raffinirten Genüssen dem grenzenlosen Elende des Proletariats gegenüber- steht— dieses Oberschlesicn, die Goldgrube des Kapitalismus, es bietet ein Bild des Entsetzens, des Jammers und der Verzweif- lung dar. Bleiche, abgezehrte Gestalten schleichen von Thür zu Thür, und gerne nähmen sie dasjenige, was die Hunde der Reichen unter die Füße treten. Es ist ein Hohn auf all diesen Jammer, wenn sich überall noch Vereine bilden, die die Abwehr der Bettelei sich zur Aufgabe machen. Ist es da ein Wunder, wenn das Volk demoralisirt wird? Die Folgen treten schon zu Tage. Verbrechen, Raub, Mord, Diebstahl stehen auf der Tagesordnung, so daß die Gerichte mit vollem Dampf arbeiten müssen. Und angesichts solcher namenlosen Roth sind die herrschenden Gewalten taub und stumm, ja sie sprechen dem Arbeiter sogar „das Recht auf Arbeit" rundweg ab. Das deutsche Parlament begräbt das„Arbeiterschutzgcsetz" in die Commission und geht über brennende volkswirthschastliche Fragen scherzend zur Tages- ordnung über. Freilich! Wir Sozialisten sind längst darüber einig, daß von den heutigen gesetzgebenden Faktoren nichts zu hoffen ist— und auch die große Masse des Volkes, die bisher alles Ungemach geduldig hinnahm, sie fängt bereits an zu murren und sagt sich, daß bei allem„Gottvertrauen" der Magen nicht satt wird. Glücklicherweise gewinnen auch in Oberschlesicn die Lehren der Sozialdemokratie mehr und mehr Anhänger. Mit dem pol- nischen Proletariat ist vorläufig nichts anzufangen, doch dem denkenden Arbeiter sind die Prinzipien der Sozialdemokratie iympathisch. Nur kann sich derselbe noch nicht von dem Ultra- montanismus trennen, dessen Führer pfiffig genug sind, in die soziale Frage hinein zu pfuschen. Ist erst der„Culturkampf" vorbei, dann ist jeder aufgeklärte Arbeiter in Oberschlesien So- zialist. Doch giebt es jetzt schon hier vereinzelte überzeugungs- tüchtige Sozialisten, die die Cadres für die Sozialdemokratie zu bilden suchen. Auch hier in Ratibor haben wir einen Stamm gebildet, der die Fahne des Sozialismus entfaltet. Wenn sich auch das Häuflein sehr langsam mehrt, so sind es aber lauter überzeugungsfeste Männer. Es kommen hierher 2 Exemplare des„Vorwärts", 10 Exemplare der„Wahrheit" und eben so viel von der„Neuen Welt". Den„Vorwärts" sieht nach dem Lesen der Abonnent nicht wieder, derselbe wandert von einer Hand zur anderen, so lange noch ein Fetzen daran ist. Wenn mit Muth und Ausdauer für die hehre Sache der Menschheit weiter gekämpft wird, so wird auch der Tag kommen, wo der so arg geknechtete Arbeiter Oberschlesiens zum Bewußtsein seiner Menschenwürde gelangen wird. C. K. Kreiöurg i. A., 17. Mai. Wir haben nun schon seit drei- viertel Jahren die„Lokalsperre" am Ort, und es ist uns daher rein unmöglich, ein Lokal zu größeren Versammlungen zu er- halten. Sobald uns ein Wirth das Lokal versprochen hat und Plakate angeschlagen worden sind, zieht erlauf Betreiben von gewisser Seite sein Wort wieder zurück. So hatte uns z. B. auf Dienstag den 3. April der Wirth Fuchs auf der früheren Brauerei sein Lokal zu einer Volksversammlung zugesagt; als aber die Plakate klebten, wurde uns das Lokal, wie gewöhnlich, vor der Nase geschlossen. Wir zogen dann in unser Verkehrs- lokal und nahmen dort den Bericht von Hang über den Mann- heimer Arbeitertag entgegen. Eine Tellersammlung zur Unter- stützung der Gründung eines Blattes für Baden und die Rhein- pfalz ergab 2 Mrk. 60 Pft— Seit einiger Zeit kommt hier in die Partei wieder mehr Leben hinein, und wenn möglich, werden wir auch zur Gründung von Gewerkschaften schreiten.— Eine Beschwerde, die wir wegen Verkümmerung des Versammlungs- rechtes seitens der Polizei an das Ministerium einreichten, wurde als unbegründet zurückgewiesen. Pflichten über Pflichten habe» wir wohl zu erfüllen, aber Rechte zu genießen?— ja Bauer„ daS ist ganz was andres. H. Schneeverg, 17. Mai. Nachdem seit der Reichstagswahl die Agitation geruht hatte, beginnt diese, wie allerorts, auch bei uns wieder. Schon vor k»rzer Zeit fand eine Volksversamm- lung in Eibenstock statt, welche gut besucht war und eine günstige Stimmung zeigte. Jetzt hielten wir wieder Bersamm- lungen ab in Niederschlema den 12., in Hundeshübel(das erste Mal) und Zschorlau am 13. und in Schneeberg den 14. Mai. In Niederschlema und Schneeberg war der Besuch nur mäßig, während derselbe in Hundeshübel und Zschorlau gut genannt werden muß und herrschte überall die musterhafteste Ordnung; nur in Zschorlau hatten der Feuerwehrcommandant Georgi und ein Brauer nicht übel Lust, Störung zu verur- fachen, was jedoch durch die entschlossene Haltung der Uebrigen. vereitelt wurde. In allen diesen Versammlungen referirte Ge- nosse Temmler aus Geyer unter der gespanntesten Aufmerk- samkeit und vielem Beifall zur vollsten Zufriedenheit. Die Agi- tation wird auch fernerhin lebhaft von uns betrieben werden und erwarten wir von allen Orten unseres Kreises dasselbe. Zum Schluß sei noch mitgethcilt, daß in nächster Zeit auch an verschiedenen anderen Orten des Erzgebirges, wo bis jetzt noch nichts geschehen ist, Versammlungen stattfinden und solche dort lebhaft gewünscht werden. Zur Beachtung für die Zimmerleute Deutschlands. In Itzehoe steht ein ArbeitSausschluß der Zimmerer bevor. Bnr Sonnabend, den 12. d. Mts., erklärte einer der größeren Meister, der Zimmermeister Schmidt, seinen Arbeitern: sie müßten von nächster Woche ab eine Stunde pro Tag länger arbeiten und das Lohnverhältniß nach eigenen Ermessen zu regeln, behalte er sich vor. Die Arbeiter er- klärten, unter diesen Umständen die Arbeit nicht wieder aufzunehmen,. und sind die Unverheiratheten schon abgereist. Die Zimmerer Deutschlands werden daher ersucht, den Zuzug nach Itzehoe fernzuhalten._ Warnung. Die Parteigenossen und Leser des„vorwärts" werden ersucht, sich vor einem gewissen Paul Bauditz(Tischler von Beruf), welcher hier- selbst die Expedition des„Vorwärts" besorgte und als solcher der Unter- schlagung und Schwindelei bezüchtigt ist, in Acht zu nehmen.— Da genannter Herr beabsichtigt nach Australien zu reisen, so diene Vor- stehendes den dortigen Genossen zur besonderen Notiz. London, den 15. Mai. Im Austrage des Commuuistischcn Arbeiter-Bildungs-Vereins. I. Voß, 79 Charlotte Str., Fitzroy Sq. W. Aufforderung. Die Maurer Gottfried Oppermann und Gottfried Stielitz for- dern die Unterzeichneten im Auftrage mehrerer hiesiger Parteigenossen auf, über die bei verschiedenen Gelegenheiten vereinnahmten Gelder Rechnung abzulegen, damit der noch vorhandene Rest zum Wahlfonds für die Berliner Wahl abgeschickt werden kann. Aschersleben, im Mai. Christoph Heide. Heinrich Friedrich. Briefkasten der Redaktion. H. M. in T.: Dissidenten können zu Abgabew an die Kirche nicht herangezogen werden.— Seifert in Erfurt: DaS betreffende statistische Material steht un» leider nicht zur Verfügung. Quittung. Krankenkasse des Tischlerbnndes hier Ann. IchO. Dr. Quenstdt Berlin Schr. 9,30. Knk Frankfurt Ab. 40,00. Mrr Ab. 1,60. Oßmnn Erfurt Ab. 15,95, Schr. 4,05. Lttrbch Stuttgart Ab. 4,60. Ovrbck Bremen Schr. 2,83. Bßlr Stuttgart Schr. 5,00. Pungr Bremen Ab. 40,00, Schr. 6,00. Zmmrmnn hier Ab. 2,10. Klfld Pest Ab. 10,00. Gb Hamburg f. L. 100,00. Br Borna Ab. 6,77. Genoflenschastsbuchdruckerei Newyork Ab. 118,48. Herrmnn hiev Ab. 10,00. Orbg Gießen Ab. 4,00. Mttg Altona Ab. 20,00: Grbnstn Lindenau Schr. 5,59. Sänger d. Arbeiterbild.-Ber. hier Ann. 2,4V. Expedition der„Fackel" hier Schr. 80,00, Ab. 1,30. Brnnr Graz Ab. 2,80. Mllr hier Ab. 1,50. Bich hier Ab. 2,70. C. Brnhrdt Hirsch- berg Schr. 6,75. Schwrz Reichenberg Schr. 4,40. In der Nr. 58 des„Vorwärts" hat sich am Schlüsse des Auftufs,. überschrieben- 9. sächsischer Wahlkreis, ein Fehler eingeschlichen. Es muß dort heißen: Zu adressiren an Frz. Engelmann, Bahnhof- straße 12(Hinterhaus). Für die gemaßregelteu Krupp'schcn Arbeiter. Bon einigen Parteigenossen beim Spaziergang nach Schke»ditz durch F. 9,64._ Berliner Wahlfonds. Von der Starke'jchen Schneiderwerkstatt hier 13,50; v. d. Hen- niger'schen Tischlerwerkstatt hier 5,00; durch Baßler Stuttgart 3,20. Anzeigen zc« Annoncen für die Mittwoch»-Nmnnter müsse« bis Mou- taa Vormittags 9 Uhr; für die FreitagS-Nummcr bi» Mitt- woch-Bormittags 9 Uhr; für die SoontagS-Nummer bis Frei- taa Vormittags 9 Uhr hier sein, wen» solche noch bestimmt Aufnahme finde« sollen. Annoncen, denen der Betrag nicht beiliegt, oder für welche der Einsender kein Depot bei«uS hat, können tine Ausnahme nicht finden. Dre Expedition deS„Vorwärts". /t(T Sonnabend, den 26. Mai, Abends 8'/, Uhr,. vZtlllO tt-'♦ im Rödiger'schen Lokal, Gr. Wallstraße 24: Oeffentliche Versammlung. Tagesordnung: 1. Macht und Recht. Ref. Aug. Zwiebler auS Magdeburg. 2. Telegittenwahl zum Congreß in Gotha.(F. 166) Erscheinen Aller nothwendig. Der Einberufer.(70 Ihre am 18. Mai zu Schwerin i. M. vollzogene Verehelichung zeigen hiermit allen Freunden an Bruno Mose, Frieda Mose, verw. Klima, geb. Henkhus. Durch uns ist zu beziehen: (iue Faire? Französischer Roman von Tchernhschewsky. 33 Bogen stark. Preis 4 Mark. Die Expedition des„Vorwärts". Soeben erschienen und durch uns zu beziehen: Waldverwüstung nndNeberschwemmuug. Ein Kapitel der Grund- und Bodenfrage. Von Heorg Kollmar. Preis pro Exemplar ib Pfennig. Die Expedition deS„Vorwärts". v�antwor-licher Redatteur: R. Seifsert i» Leipzig. Redatt.on und E;i3-dilion Färberstraß 12/11. m Leipzig. Druck und Ler'.aq dt: Geuoff nschaffsbuchdi-uckerei in Lewzig Hierzu rine Beilage. Beilage zu Nr. 60 des„Vorwärts". Die Agitationen gegen das Reichsimpsgesetz.�) C. R. Seit Einführung des Reichsimpfgesetzes vom 4. März 1874 haben die Agitationen gegen die Schutzpockenimpfung über- Haupt erheblich an Ausdehnung gewonnen, und es ist bis jetzt keine Sessionsperiode des Reichstages vorübergegangen, in der nicht eine Anzahl Petitionen um Abschaffung des Impfzwanges an die deutsche Volksvertretung gelangt wäre. Der Reichstag ist über diese Petitionen, den Vorschlägen der Petitions-Eom- Mission gemäß, stets zur Tagesordnung übergegangen, und auch eine von circa 80 Aerzten unterzeichnete Petition, an deren Spitze der praktische Arzt Dr. med. Meyner in Chemnitz stand, hat keine Gnade vor den Augen des Referenten dieser Com- Mission, des Dr. med. Thilenius gefunden, denn er nennt die Unterzeichner derselben:„Homöopathen, Wasserärzte, Vegetarianer oder sonstige Fachmänner von zweifelhaftem Gewicht;" er thut dies, obgleich er den nur mit Hochachtung zu nennenden Namen des bekannten medezinischen Schriftstellers Dr. Paul Niemeyer, der Professoren Dr. Germann, Hameruick und Rapp unter derselben begegnen mußte. Und die jener Petition beigefügten 251 Krankheitsgeschichten, nach denen nicht blos die Kuhpocken, sondern auch andere ekelerregende Krankheiten über- tragen wurden, existiren für den Referenten der Petitions- Commission entweder nicht, oder sie sind für ihn nur seltene Ausnahmen von jener Regel, nach welcher die Zwangsimpfung als eine durchaus wohlthätige Einrichtung zu erachten ist. Salus publica suprema lex sdas öffentliche Wohl ist das oberste Gesetz). Gleich dem Spartaner, der die schwächlichen Neugeborenen ohne Weiteres tödtcte, weil sie seinem Staatswesen späterhin doch nichts nützen konnten, so ist cs auch den Freunden der Zwangs- impfung Nebensache, ob eine Anzahl schwächlicher Kinder dadurch zu Grunde geht, oder ob einige Andere durch den leidigen Zufall mit einer ansteckenden Krankheit bedacht werden— wenn nur der Gesammtheit dadurch Vortheile erwachsen. Wir wollen uns an dieser Stelle nicht über das von Freunden der Zwangsimpfung zu Gunsten der letzteren aufgespeicherte statistische Material ergehen, denn bekanntlich haben deren Gegner dasselbe nach allen Richtungen hin, und zum Theil nicht ohne Geschick bemängelt, sondern es handelt sich hier nur um Er- örterung der Frage: ob die Agitationen gegen die Zwangsimpfung — sofern sie sich nicht gegen die Schutzpockenimpfung im All- gemeinen wenden, sondern nur gegen den Zwang**)— berechtigt sind oder nicht? Bis vor wenigen Monaten konnte man diese Frage weder sicher bejahen, noch verneinen. Heute liegt die Sache anders, und es ist uns nur auffällig, daß eine seit Ende vorigen Jahres bekannte Thatsache, an der kein Zweifel mehr zulässig erscheint, denn sie kann in jedem Augenblicke durch das Mikroskop erwiesen werden, geflissentlich von den maßgebenden Kreisen— im Reichstage, wie im Reichsgesundheitsamte— ignorirt wird; eine Thatsache, welche unter allen Umständen eine wesentliche Abänderung der bislang bei der Impfung beobachteten Gebräuche herbeiführen muß. Zu besserer Erläuterung dieser Angelegenheit müssen wir etwas zurückgreifen. 'Die Gegner des Impfzwanges haben unter Anderm namentlich auch die Behauptung aufgestellt: daß Skropheln, Tuberkeln, Syphilis?c. mit übertragen werden könnten. Die Wissenschaft- liche Pathologie gestattet eine solche Annahme nur dann, wenn es gelungen ist, ein spezifisches Gift(also Skrophelngift, Syphilis- gsst N. s. w.) zu entdecken, mit welchem man durch Impfung die gleiche Krankheit bei Gesunden erzeugen kann. Dies ist bis jetzt hinsichtlich der Skrophulose und Tuberkulose nicht möglich ge- Wesen, obgleich es feststeht, daß erstere sich bei vorhandener Disposition hierzu nach der Schutzpockenimpfung ebenso entwickelt wie nach gewissen ähnlichen Jnfektions-Krankheiten(Scharlach, Masern, Pocken zc.) Dagegen ist die Uebertragbarkeit jener kntsetzlichen Seuche, der Syphilis, vermittelst der Kuhpocken- lymphe erwiesen. Die Syphilis gehört zu den constitutionellen, d. h. zu den auf den gesammten Organismus sich erstreckenden chronischen Erkrankungen und manifestirt sich entweder durch äußerliche, in die Augen fallende Erscheinungen, theils kann sie latent(verborgen) im Körper fortbestehen, wenn jene äußerlichen Erscheinungen fehlen oder längst beseitigt sind. Das syphilitische Gist ist nach den exakten Untersuchungen Baerensprung's, Köbner's, Viennois' u. A. an die Geschwürsabsonderung, an das Blut und an das Semen virile des Erkrankten gebunden, und namentlich steht es fest, daß man mit dem Blute des syphi- '.-tisch Angesteckten, bei dem sich nur ein kleines Geschwür an irgend einer Stelle des Körpers entwickelt hat und der sich sonst ganz wohl befindet, die Syphilis auf Andere übertragen kann. Dasselbe ist hinsichtlich des Blutes der mit angeborener Syphilis behafteten Kinder der Fall. Es ist deshalb bis jetzt eine von allen Jmpfärzten beobachtete Regel, unter keinen Umständen Lymphe zu venvenden, welche augenfällig Blutkörperchen enthält, und nach einer allgemein verbreiteten, zuerst von Viennois aufgestellten Annahme kann man bei Anwendung wasserheller Lymphe sicher sein, die Syphilis nicht zu über- tragen. Nicht geringes Aufsehen erregte es deshalb, als der durch seine eminenten Leistungen auf gewissen Gebieten der Medizin hinlänglich bekannte Professor Dr. Klebs in Prag vor wenigen Monaten in einer Sitzung des dortigen ärztlichen Vereins mit der Behauptung auftrat: daß er bei der mikroskopischen Unter- suchung anscheinend wasserheller Kuhpockenlymphe in fast allen Fällen Blutkörperchen gefunden habe. Klebs hielt sogar deren Anwesenheit deshalb für vortheilhaft, weil man nunmehr ein sicheres Zeichen habe, ob die Lymphe direkt von der Kuh stamme, oder ob es sog. humanisirte Lymphe sei, denn die Blutkörperchen des Rindes unterscheiden sich von denen des Menschen wesentlich. Humanisirte Lymphe aber, von der Kuh auf den Menschen über- tragene und nach EntWickelung der Pockenpustel von dieser entnommene Lymphe, wird in fast jedem Falle menschliche Blut- körperchen enthalten. Es unterliegt nach Auffindung dieser Thatsache nunmehr keinem Zweifel, daß die seither von den Jmpfärzten ausgeübte Jmpfmethode, entweder von Arm zu. Arm zu impfen oder sich der Glycerinlymphe(mit Glycerin vermischter, *) halten uns zur Aufnahme dieses Aufsatzes verpflichtet, weil derselbe, abgesehen von seinem durchaus wissenschaftlichen Charakter, die Impffrage in ein— wenigstens für das große Publikum— ganz neues Licht stellt und über eine Entdeckung berichtet, die, wenn sie sich bestätigt, eine Reform der Impsaesetzgebung absolut nvthwendig macht. R. d. B. **) Beides ist doch wohl untrennbar. Bietet die Impfung wirklich Schutz gegen die Pocken, ohne- bei Beobachtung der nöthigen und möglichen Borsichtsmaßregeln— Nachtheile zu bringen, die diesen Bor- theil aufwiegen, so ist der Impfzwang berechtigt, ebenso berechtigt wie der Schulzwang. Thut sie dies nicht, so ist nicht blos der Impfzwang, I andern überhaupt das Impfen zu verwer en. Das einseitige Borgehen gegen den Impfzwang scheint uns inconsequent. R. d.«. humanisirter Kuhpockenlymphe) zu bedienen, nicht mehr gestattet werden darf und daß die Möglichkeit einer syphilitischen An- steckung nur durch den Gebrauch der direkt von der Kuh ent- nommenen Lymphe ausgeschlossen ist. Denn daß die Syphilis latent sein kann, wurde schon früher erwähnt, und außerdem ist sie verbreiteter, als vielleicht Mancher glaubt, ganz abgesehen von dem zwischen den Pathologen herrschenden Streite: ob der Name Syphilis nur einer ganz bestimmten Form der venerischen Erkrankungen zukommt, oder ob es nicht Uebergangsformen der letzterwähnten Krankheiten giebt, deren eine sich aus der anderen entwickeln könne. _ Wenn wir den Freunden des Impfzwanges nun auch zu- gestehen, daß die Kuhpockenimpfung für viele Personen ein auf mehrere Jahre währender Schutz gegen Blattern ist, so dürfen wir nach der Klebs'schen Entdeckung, über die sich Näheres in Nr. 3 der Prager medizinischen Wochenschrift und pag. 233 der medizinisch-chirurgischen Rundschau(1877) findet, wohl er- warten, daß von Seiten des Reichsgesundheitsamtes schleunigst die nöthigen Schritte in der oben bezeichneten Richtung gethan werden, und haben, wenn die direkte Impfung von der Kuh nicht durch- führbar sein sollte, oder wenn, wie verlautet, die der Kuh ent- nommene Lymphe bei vielen Personen weniger gut haftet als die humanisirte, lieber auf Aufhebung des Reichsimpfgesetzes hinzuwirken. Correspondenzen. Leipzig. Der„Kampf mit geistigen Waffen". Ein netter Beruf das, besonders wenn er mit einigem Geschick be- trieben wird. Und daß das„Leipziger Tageblatt" von beson- ders geschickten Künstlern in diesem Genre bedient wird, ist ebenso bezeichnend für dasselbe, als daß es gelegentlich mit seinen dunklen Zuträgern auf den Mund geklopft wird. Hier das neueste Belegstück dafür. Unterm 16. Mai d. I. berichtet ein solch' dunkler Zuträger(ob Leonhardt, postprozessualischen An- gedenkens dabei mitgescheert hat, wissen wir nicht) dem„Tage- blatt" Folgendes: „Man schreibt aus Crimmitschau: Wie das hiesige„Tage- blatt" mitcheilt, ist der bekannte sozialdemokratische Stadt- verordnete E. I. Schlegel aus der Stadt verschwunden, allem Anscheine nach, um einem Wechsel von 15,000 M. aus dem Wege zu gehen, welcher von einem in Dresden wohnhasten Ge- schäftsfreunde desselben eingeklagt wurde. Das Accept desselben soll auf einem Verfahren beruhen, welches man im gewöhnlichen Leben mit dem Ausdrucke Wechselreiterei bezeichnet." Am 17. Mai schon muß Cadeaux-Hüttner u. Co.— und sicherlich schmerzbewegt— Folgendes melden: „Zur Berichtigung der aus den„Dresdener Nachrichten" auch in unser Blatt übergegangenen Notiz über den Stadtver- ordneten E. I. Schlegel in Crimmitschau geht den„Dresdener Nachrichten" von dem dortigen Vertreter des Letzteren, Herrn Advokat Dr. Wolf II., folgende Mittheilung zu: Herr Schlegel hat vor mehreren Jahren dem Gutsbesitzer Hermann Richter in Dresden gegen Einräumung von Cautionshypotheken und gegen Bürgschaft eines Zwickauer Sachwalters Wechselcredit ge- geben und steht ihm aus dieser Geschäftsverbindung an den ge- nannten Richter auch jetzt noch eine Forderung von ca. 27,000 Mark zu. Um der Klagbarmachung dieses begründeten An- spruches ein Paroli zu bieten, hat Richter neuerdings einen aus dem Jahre 1875 herrührenden, nur aus Versehen in seinen Händen gebliebenen Solawechsel über 15,000 Mark, von dessen Existenz er beim wiederholten Empfang von Contocorrentauszügen mit keiner Silbe gesprochen, neuerdings gegen Schlegel geltend gemacht und sich sogar erdreistet, Wechselklage einzureichen, lediglich in der Absicht, gegen seinen Gläubiger eine Pression auf Rücknahme der gegen ihn einge- reichten Klagen zu üben. Nachdem Richter bei der widerrecht- lichen Geltendmachung jenes ungiltigen Wechsels selbst dann stehen geblieben, als er sich mir gegenüber bereit erklärt hatte, die Schlegel'sche Forderung nach Höhe von 25,200 M. anzu- erkennen, auch jenes Papier über 15,000 Mark ohne Weiteres auszuhändigen und damit also indirekt den Besitz dieses Wechsels als einen widerrechtlichen selbst gekenpzeichnet hatte; so hat Herr Schlegel auf meinen Rath heute die Hilfe der Staatsanwaltschaft gegen Richter angerufen. Um das Ma- terial zu seiner sehr umfänglichen Anklageschrift herbeizuschaffen, mar Herr Schlegel gezwungen, wiederholt in Dresden und Zwickau zu verkehren und also von Crimmitschau abwesend zu sein. Bei dieser Sachlage von einem Verschwinden des Herrn Schlegel zu sprechen, zeigt von einem leichtfertigen Umspringen mit dem ehrlichen Namen eines geachteten Mannes und hätte das Crimmitschauer Amtsblatt(aus dem die„Dresdener Nach- richten" geschöpft haben) sich füglich erst genauer orientiren sollen, ehe es eine solche reme private Angelegenheit an die große Glocke schlug." Daß das„Tageblatt", dem„man" auf dem bekannten Wege der Scheerenredaktion" von dem„bekannten sozialdemo- kratischen Stadtverordneten Schlegel" so und so schrieb, bei der Berichtigung den Titel„sozialdemokratisch" nicht er- ivähnte, versteht sich von selbst. Der Vortheil treibt's Hand- werk. Wie schade, daß abermals die Lumperei unter anderer Firma zu suchen ist! Also, nicht wahr, Bodeck'chen, der sozial- demokratische Stadtverordnete Schlegel ist noch Sozial- demokrat, wenn auch der Schnitt Eurer Dampfscheere ihn nicht über die Linie des ehrlichen Mannes hinwegbefördert hat!? Müßt wieder schleifen lassen, Herr Nachbar!— Natürlich die — geistigen Waffen.— Leipzig, 23. Mai. Heute begeht der Cigarrenarbeiter Wilhelm Schumann von hier ein Jubiläum seltener Art. Derselbe hat nämlich heute vor 25 Jahren sein Amt als Kassirer der Krankenkasse der Cigarrenarbeiter und-Sorttrer für Leipzig und Umgegend angetreten, und dasselbe in diesem langen Zeitraum in redlichster Weise für einen geringen Gehalt verwaltet. Was für ansehnliche Summen während dieser Zeit durch seine Hände gegangen sind, sei hier nur dadurch bewiesen, daß die Kasse innerhalb dieser 25 Jahre allein an Krankenunterstützung circa 220,000 Mark neben 30,000 Mark für Todtenopfer zahlte. Diese Kasse, welche jetzt ein Vermögen von ca. 29,000 Mrk. besitzt, ist stets in humanster Weise gegen ihre Mitglieder verfahren. So sind z. B. neben anderen hohen Posten Krankengeld allein einem langjährig kranken Mitgliede gegen 3300 Mark gezahlt worden, gewiß ein einzig dastehendes Beispiel. Die Verwaltung dieser Arbeiterkasse, welche nur von Arbeitern be- sorgt wird, giebt einen schlagenden Beweis dafür, daß entgegen den Jntenttonen, denen das neue Hilfskassengesetz entsprungen ist, die Arbeiter es wohl verstehen, ohne Einmischung der Re- gierungen oder der Fabrikanten mit der Verwaltung ihrer Kassen auf eignen Füßen zu stehen. Die Art und Weife, wie diese Kasse verwaltet wird, ist ein schönes Zeugniß für die Reife der Arbeiter zur Selbstverwaltung. Dem Jubilar sei hiermit herz- lichst gratulirt; möge es demselben vergönnt sein, noch lange Jahre seine Dienste den Arbeitern zu widmen. E. ei Hrohengain, 4. Mai. In dieser Zeit des maßlosen Elends hat man am besten Gelegenheit, zu sehen, wie der Arbeiter, der doch alles schafft, als Kanaille betrachtet und behandelt wird. In Zeiten, wo das Geschäft flott geht,„erlaubt" man es schon einmal, daß der Arbeiter eine eigene Meinung hat, weil man seine gewinnbringende Arbeitskraft nvthwendig braucht, und man oersucht es nur, es ihm auf dem Wege„gütlicher Vorstellungen" klar zu machen, daß er an„Begriffsverwirrung" leide. Aber in Zeiten, wo, wie jetzt, Arbeitskraft in Hülle und Fälle zu haben ist, soll es Einer wagen, andrer Meinung zu sein, als es sein Brodherr wünscht— er kann dann gewiß sein, daß ihm von seinem Fabriktyrannen der„Brodkorb höher gehängt" wird. Besonders aber haben hierunter diejenigen Arbeiter zu leiden, die dem Sozialismus huldigen: man gibt ihnen einfach die Ent- lassung, wie das auch hier schon in einzelnen Fällen vorgekom- men ist. Weiter hat man aber auch Gelegenheit, zu sehen, wie von Verwaltungsbehörden nicht die mindeste Rücksicht auf be- stehende Verhältnisse genommen wird, wofür wir hier einen neuen Beleg liefern wollen. Bei der diesjährigen Einkommen- abschätzung z» den hiesigen städtischen Centralanlagen wurden die Arbeiter im Durchschnitt um 50 Mark, theilweise mehr, er- höht, so daß jetzt die Weber auf 450 Mark gegen 400 im Vor- jähr, und die Cigarrenarbeiter auf 500 gegen 450 im ver- gangenen Jahre veranschlagt sind. Zu dieser Abschätzung werden von den Fabrikanten Lohnverzeichnisse der Arbeiter geliefert und weisen diese Lohnverzeichnisse beider obengenannter Arbeiter- kategorien einen Durchschnittslohn von 525 Mark auf. Das städttsche Anlagenregulativ enthält nun einen Paragraphen, nach welchem die Gehälter der Beamten bei der Abschätzung um 20—25 Prozent reduzirt werden. Nach stillschweigendem lieber- einkommen, wie es scheint, hatte man diese Reduktion schon seit mehreren Jahren auch auf die Arbeiterlöhne ausgedehnt, so daß dies Verfahren nun allgemein als rechtsgebräuchlich betrachtet wurde. Daß dies Verfahren auch ganz richtig ist, wird Jedem einleuchten, der annimmt, daß die Herren Fabrikanten das Ein- kommen der Arbeiter gewiß richtig angeben. Auf Grund dieser allgemeinen Annahme nun glaubten die Arbeiter, besonders aber die Weber, denen die Fabrikanten im Borjahre, die schlechten Verhältnisse benützend, einen l0prozentigen Lohnabzug bescheerten—, ihre Einschätzung sei zu hoch gegriffen und sie reklamirten da- gegen. Den Abzug von 25 Prozent nahm man, als zu Recht bestehend, zur Begründung. Alle diese Reklamanten erhielten hierauf den gleichlautenden Bescheid:„Abzulehnen, da Retla- mant einen prozentale» Abzug nicht zu beanspruchen hat." In stadtoäterlicher Fürsorge hat man also in diesem Jahre des Nothstandes von diesem Gebrauche Abstand genommen, obgleich man wußte, daß die Weber, die hiervon am meisten getroffen sind, seit nun einem Jahre 10 Prozent weniger verdienen, sowie daß dieselben 5 Wochen lang(Strike) nichts verdienten. Doch was kümmert das unsrer Stadtverwaltung? Stritt nicht, laßt Euch ohne Gegenwehr das Fell über die Ohren ziehen! So will es die— Harmonie. Die große» Pläne im Kopfe unsrer Stadtväter kosten Geld und das muß geschafft werden. Unsre städttsche Verwaltung wird seit einigen Jahren immer kostspieliger; aber vielleicht glaubt man, der Anblick unseres neuen Rathhauses niüßte einen Jeden mit neuer Opferwilligkeit erfüllen. Doch wenn wir uns obige Zahlen noch einmal betrachten, so finden wir bei der Vergleichung, das man doch Gnade walten ließ. Trotzdem der Arbeiter keinen prozentalen Abzug zu beanspruchen hat, er sei denn Beamter, so brachte man doch einen solchen in Anwendung, denn es wurde das von den Fabrikanten auf 525 Mark angegebene Einkommen auf 450 Mark— 14*/: Prozent reduzirt. Also merkt's Euch: zu beanspruchen habt Ihr nicht»; dies Jahr wird noch Rücksicht genommen, später nicht. Oder hat der Stadtrath etwa diese Reduttion eintreten resp. dieselbe gelten lassen, damit er eine Ausrede habe, wenn man ihm ent- gegen hielte, daß die Lohnarbeiter verhältnißmäßig schlechter daran sind als die anderen Steuerzahler? Als Laien sind wir, nebenbei bemerkt, der Ansicht, daß der für Arbeiter sehr in Be- tracht kommende Mehrbetrag der Steuer aus andere Weise auf- gebracht werden könnte; wenn mau nämlich das Einkommen tinsrer Großfabrikanten, daß uns(als Laien) zu niedrig gegriffen scheint, in seinem vollen Umfange ermitteln wollte. Da» ist aber für unsre Abschätzungskommission ein Problem! Allerdings suchen die Fabrikanten alle Mehrausgaben aus den Arbeiter ab- zuwälzen, so daß dieselben in Nichts gebessert wären, aber es würde mehr Klarheit geschaffen über die soziale Stellung aller Individuen und die Wahrheit dürfte Manchen überzeugen, wo er den Hebel zur Besserung anzusetzen hat. Hotditz. Anfang dieses Jahres fanden hier die Stadtver- ordnetenwahlen statt, und drangen bei denselben viele Kleinbürger durch. Darüber großes Entsetzen in unsrrn Philisterkrcisen, die sich in ihrer Existenz bedroht fühlen. Ein hiesiger Fabrikant soll zu seinem Sohn geäußert haben:„Aber Sohn, sie wählen nur Leute aus dem Volke, wo bleibst henn Du?" Ist das nicht ein Beleg für die Thatsache, daß sich diese Sorte Menschen nicht zum Volke rechnet. Die oppositionelle Wahl ist lediglich dem Verhalten des Stadtraths in der Schulfrage zuzuschreiben. Er beschloß nämlich, eine neue Schule, welche auf 180,000 Mrk. Baukosten veranschlagt war, zu bauen, wogegen in der Bürger- schaft allgemein die Meinung verbreitet ist, daß nur ein Umbau der alten Schule nöthig sei, wozu höchstens 50,000 Mrk. erforderlich wären. Die alten Stadtverordneten waren immer mit 30—50 Stimmen in das Collegium gekommen. Diesmal fielen die meisten mit ihren 40—50 Stimmen glänzend durch, denn die Majorität betrug 100—140 Stimmen. Die Schulbau- angelegenheit ist nun vor der Hand bei Seite geschoben, aber mit um so größerer Spännung sah man der diesjährigen Com- munal-Abschätzung entgegen, denn man glaubte allgemein, daß die Communalsteuer, wenn der Schulbau bei Seite geschoben wird, heruntergesetzt werden würde, wenigstens dachte Niemand an Mehrbesteuerung. Aber nun ist doch eine höhere Abschätzung, sowie ein Zuschlag von 30 Pf. auf jedes Hundert Mark Ein- kommen erfolgt, und die Stadtverordneten, von denen man an- fangs dachte, daß sie eine Mehrforderung ablehnen würden, stimmten mit allen gegen eine Stimme mit Ja. Darüber ist nun der Kleinbürger- und Arbeiterstand, und zwar nicht mtt Unrecht, sehr entrüstet, und bildet dieses Thema jetzt allenthalben das Tagesgespräch. Diese Thatsache ist für uns von größtem Nutzen, und wir werden bei der nächsten Neuwahl selbst Can- didaten aufstellen.— Wie schwer diese hohen Abgaben vorzügltcb dieses Jahr den Arbeiter drücken müssen, kann man daran ermessen, daß die beiden großen Steingutfabriken blos vier Tage in der Woche arbeiten lassen, desgleichen liegt auch die Cigarrenfabrikation darnieder. Wie das alles noch enden wird, läßt sich nicht voraussehen. Kein Verdienst, und colossale Steuern— � und da wundert man sich noch, wenn die Unzufriedenheit wächst? 3?egaii, 14. Mai. Der Stadtrath von Pegau scheint seit einiger Zeit das Bedürfniß zu fühlen, die hiesigen Arbeiter in ihren Organisationsbestrebungen durch allerlei Polizeimaßregeln zu behindern. Zunächst schloß er die Schuhmachergewerkschaft als angeblich politische, mit anderen Vereinen in Verbindung stehende Gesellschaft; hierüber schwebt der Prozeß, nachdem in erster Instanz die Mitglieder mit Geldstrafen vis zu 50 Mark bedacht wurden, noch in zweiter Instanz. Aber damit nicht zu- frieden, verbot der Stadtrath kurzweg alle angemeldeten Sozia- listen- und Volksversammlungen mit der salomonischen Begrün- dung, es handle sich dabei um die Fortsetzung der geschlossenen Schuhmachergewerkschaft. Dieser kühnen Jnterpretationskunst vermochten die hiesigen Genossen nicht zu folgen, weshalb sie denn bei der königlichen Kreishauptmannschaft Leipzig eine mo- tivirte Beschwerde einreichten. Auf dieselbe erfolgte unterm 19. April folgender Bescheid: „Die Königliche Kreishauptmannschast, collegialisch zusammen- gesetzt, hat denjenigen Rekurs, welchen der Schuhmachergeselle Gustav Lindner mittels der im Anschlüsse beigefügten Imme- diateingabe gegen den Beschluß des Stadtraths Blt. 22 b des Aktenheftes, die Abhaltung öffentlicher Versammlungen betreffend, eingewendet hat, nicht für unbegründet erachten können. In dem angefochtenen Beschlüsse ist die Versagung der Genehmigung zur Abhaltung der für den 25. März dieses Jahres angemeldet gewesenen Volksversammlung damit motivirt worden, daß die in Pegau lebenden Mitglieder der sozialdemokratischem Partei mit vollem Bewußtsein der Gesetzwidrigkeit eines solchen Vorhabens dem verbotenen Zweigvereine der Gothaer Schuhmachergewerk- schast beigetreten seien und dadurch den Beweis geliefert haben, daß sie die bestehenden Gesetze als für sich nicht verbindlich erachten, daher aber keine Garantie dafür zu bieten vermögen, daß die von ihnen einberufenen Volksversammlungen ordnungs- gemäß verlaufen. Die Königliche Kreishauptmannschaft vermag ihrerseits die aus dem Umstände, daß eine Anzahl der in Pegau lebenden Sozialdemokraten zur Gründung eines Vereins ver- schritten sind, welcher schon wegen des Zusammenhanges mit dem außerhalb Sachsens seinen Sitz habenden Hauptvereine als dem gesetzlichen Verbote unterliegend betrachtet worden ist, von dem Stadtrathe gezogene Schlußfolgerung zum Mindesten insofern nicht als ausreichend gerechtfertigt anzuerkennen, als damit die Versagung der Genehmigung zur Abhaltung der von dem Be- schwerdeführer rechtzeitig angemeldeten öffentlichen Versammlung hat begründet werden sollen. Denn nach§ 5 des Gesetzes, das Vereins- und Versammlungsrecht betreffend, vom 22. November 1850 unterliegen einem bezüglichen Verbote, sobald die übrigen Vorbedingungen der§§ 2 flg. des gedachten Gesetzes vorhanden sind, lediglich diejenigen Versammlungen, deren Zweck es ist, Gesetzübertretungen oder unsittüche Handlungen zu begehen, dazu aufzufordern oder doch dazu geneigt zu machen. Für die An- nähme aber, daß die im vorliegenden Falle von dem Beschwerde- führer angemeldete Volksversammlung einen solchen Zweck ver- folge, dürfte es an ausreichendem Gehalte fehlen; und wenn der Stadtrath befürchten zu sollen glaubt, daß die in Aussicht ge- nommene Versammlung nicht ordnungsmäßig verlaufe, so mag darauf hingewiesen werden, daß das Gesetz die Füglichkeit bietet, daß eintretenden Falls die Versammlung durch den von der Po- lizeibehörde in dieselbe abzuordnenden Beamten aufgelöst und für geschlossen erklärt werden kann." Diese nachdrückliche Zurechtweisung des hiesigen Stadtraths giebt uns unser willkürlich vorenthaltenes Vereins- und Ver- sammlungsrecht wieder zurück, und wir machten von demselben insofern sofort wieder Gebrauch, daß wir für gestern Abend eine Sozialistenversammlung veranstalteten, in welcher Genosse Werner aus Leipzig über die gegenwärtige Geschäftskrisis Vor- trag hielt.— Ueber den Ausgang des Prozesses der Schuh- machergewerkschaft werden wir später berichten.— Nächster Tage wird für den 14. Wahlkreis eine Delegirtenconferenz stattfinden, zu welcher die Einladungen bereits erlassen sind. Wir hoffen auf zahlreiche Betheiligung der Parteigenossen, da die Tages- ordnung eine sehr wichtige ist. Wr. Huedtinburg, 16. Mai. Es ist von meiner Seite in früherer Zeit an den„Volksstaat" zu verschiedenen Malen ein Lebenszeichen gelangt, eine kürzere oder längere Beobachtung des Volkslebens und-strebens in oen verschiedensten Beziehungen, und, wenn ich nicht irre, hatten diese Zuschriften, soweit unserer Sache dienlich, gern Aufnahme gefunden. Seit dem 1. Ottober vorigen Jahres sind nun die Blätter„Volksstaat" und„Neuer Socml-Demokrat" in den„Vorwärts" aufgegangen, dadurch ist der Leserkreis ein ganz anderer, weiterer, vielleicht auch ein mit erhöhten Ansprüchen hervortretender geworden, und ich weiß nun nicht, ob meine einfachen Beobachtungen, Ansichten und Anführungen heut noch so gern gesehen werden wie früher in dem kleineren Kreise. Zudem scheint mir der Grundzug der Correspondenzen im„Vorwärts" mehr auf Behandlung realer Thatsachen berechnet zu sein. Ueber Eines wohl darf sich der Freund eines regen Parteistrebens freuen, das ist, mit wenig Ausnahmen, das Ausharren aller Genossen in unserer Sache. Mancher ist matt geworden, und Manchen, der sonst seine Stimme vernehmen ließ, ist das Schweigen überkommen. Aber grade durch die Läuterung ist das Parteistrcben ein festeres, gedrun- generes geworden, daher auch all die Widerstandskrast, die sich im arbeitenden Volk gezeigt hat, gegenüber allem Hohn, allen Verlockungen, allen Schmeicheleien; daher auch das selbstbewußte stete Fortschreiten! Wenn mir nun ein Genosse daher kommt, wie ein Correspsndent der„Berliner Freien Presse", der nach den dreimaligen heroischen Anstrengungen der Ältonaer Genossen und ihrer von mir vorausgesehenen endlichen Niederlage nun gleich alles Wählen als eitlen Tand u. dergl. beiseite werfen möchte, der also durch einen Mißerfolg sogleich muthlos wird, so sage ich ganz einfach: Muth, Ausdauer, erneute Anstrengung nur führt zum Ziel! Und es geht vorwärts! Im Frühjahr 1875 schied ich nach kurzem Aufenthalt aus Mülheim a. Rhein. Wie schwer war es damals noch dem arbeitenden Volk gemacht, einen Saal zu einer Versammlung zu bekommen. Dieses Volk, das da hämmert und baut von früh bis zur Nacht, das Anderen Paläste hinsetzt, dieses Volk hatte für sein Geld kein Dach, unter dem es ge- meinschaftlich sich darüber berathen konnte, was zu seinem Heil dient! Jetzt, nach nur zwei Jahren, hatte man ichon seinen eignen Reichstagscandidaten, und ler Genosse weiß, wo er sich mit Seinesgleichen zusammen findet.— Ich kam dann wieder nach meiner engeren Heimath Schlesien. Wie thättg das webende, schnitzende, hauende und bauende Volk dort oben in dem Riesen- gebirge ist; feste, kernige Gestalten, und hart wie die Felsen, auf und zwischen denen sie wohnen. Aber auch leider hart noch das Gemüth, wenig empfänglich für den Geist der Neuzeit. Es ist merkwürdig aber doch naturgemäß, daß man sich zwischen den Bergen so gern mit Schießen beschäftigt, daher in Gebirgen die meisten Schützenvereine, aber— auch recht viel Glockenton, starres Festhalten an alten Ueberlieferungen, und doch— auch hier geht es vorwärts! Die Breslauer„Wahrheit" berichtete uns s. Z. aus Hirschberg in Schlesien, daß daselbst ohne jedwede Agitation für Joh. Jacoby 13, sowie für Kapell 8 Stimmen abgegeben wurden. In dem daran stoßenden Kunnersdorf fanden sich sogar 50 Stimmen für Kapell vor. Auch in diese harten Berge wird in Zukunft die Agitatton hinein getragen werden. Sinnend steht schon der Erdarbeiter, der Thongräber, der Porzellan- arbeiter, Glasbläser und Steinschleifer bei seiner Arbeit und wartet des Anstoßes und Rufes; und der Ruf wird ertönen bis hinauf nach Schreiberhau in die zerstreuten Hütten der Glas- arbeiter, und die Spielereien der Schieß- und Kriegervereine werden verschwinden vor dem Rufe der Neuzeit! Beschäftigte sich dieser Jahre eine im Ueberfluß schwelgende Bourgeoisie mit dem Gedanken, wie Hirschberg durch Gründung einer zweiten schlesischen Universität ein„Heidelberg des Ostens" werden könne, so möge das arbeitende Volk diesen phantastischen Empfindeleien dadurch begegnen, daß es bei den künftigen Wahlen selbst das erste Semester der Freiheit antritt! Der„Bote aus dem Riesen- gebirge" in seinem altväterischen Gewände und mit seiner kranken nationalliberalen und kulturkämpferischen Tendenz wird ja auch hoffentlich das Seine dazu treulich beitragen. Wie schwellte es mir einst das Herz, wenn ich vom schönen grünen Rhein erzählen hörte, und wo bleibt diese Jugend- schwärmerei vor der ernsten Mannesüberzeugung? Nur einen flüchtigen Blick that ich in das soziale Getriebe des arbeitenden und schaffenden Volkes, und welch' tiefes Elend habe ich da kennen gelernt? Was gilt z. B. dem Berliner Hausherrn ein Menschenleben? Alle, die da in seiner Kaserne ein- und aus- gehen, sie sind ihm ja nur eine Waare, die täglich ftisch ersetzt werden kann. Und doch setzt er auf das ohnedies hohe Haus und über die in demselben befindlichen Wohnungen noch ungesunde Mansarden. Und nun erst in den Rheinlanden! Hier habe ich Wohnungen gesehen, in welche das Licht von oben hereinfällt. Dort werden Kinder, wenn Bater und Mutter früh zur Arbeit wandern, in solche Dachhöhlen gesperrt, und diese menschlichen Wesen sehen Tag für Tag weder Baum noch Blume, weder Bogel noch Schmetterling, nur das einzige Fleckchen Himmel, das durch die schmutzige Dachscheibe herniederblintt. Und da wagt man es, die Arbeiter mit einem sogenannten„Arbeiter- spiegel" zu moralisiren? Als ob der Freund dieses geknechteten Volkes, wenn er tiefer blickt, sich nicht genug wundern müßte über dessen unendliche Langmuth, über seine Liebe zur Heimath, seinen Fleiß, seine Anhänglichkeit selbst an den Katholicismus, von dem es in seinem Elend immer noch die Erlösung hofft! „Schönes Rheinland mit seinen Burgen, seinen hohen Fabrik- schloten, den Zeugen des Fleißes seiner Bewohner seinen Herr- jichen Villen am Strom entlang"— ja wohl, für Den, welcher gesättigt und erquickt am Morgen von: Hotel aus das Dampf- schiff besteigt und so die lachenden Gefilde durcheilt, ohne je sich um das Leben des arbeitenden Volkes gekümmert zu haben. Wer des Volkes Leiden kennen lernen will, darf nur einen tieferen Blick auf das Leben und Treiben der Bahnhöfe an den Knotenpuntten unserer Verkehrsstraßen thun, und er wird viel lernen können. Im Frühjahr 1875 war ich auf dem Bahnhof in Deutz mit Frau und Kind. Wie das wogte von allerlei Volk! Ein dicker Mann mit schwerer Geldtasche rannte die Zimmer auf und ab, Schaaren von Männern, Frauen und Kindern verfolgten ihn mit harrenden Blicken. Endlich ein lauter Ruf, und Alles sprang auf! Die ganze Gesellschaft wurde gemustert, durchgezählt, ein- zweimal, dann wieder ein Gang zum Bahnhofsinspektor, zum Billeteur, um zu erftagen, wieviel Kinder auf ein Billet gehen, und dann nochmals Revue — und der Schwann setzte sich nach dem Perron beim ersten Glockenton in Bewegung. Sieh, sagte ich in bitterem Tone zu meinem Kind, diese Leute wandern in die moderne Sklaverei. Und verwundert sah mich dasselbe an, es hatte in der„christ- lichen" Schule gelernt, den Begriff der Sklaverei nur auf schwarze Gesichter anzuwenden. Und woher kommen diese Menschen und wohin gehen sie? Kommen sie aus unwirthlichen Gegenden, aus Wüsteneien, etwa aus der Lüneburger Haide, wo der Boden die Menschen nicht nähren kann? Nein, sie kommen aus Gegenden, wo herrliche Gefilde blühen, wo Korn und Obst in Masse wächst, und wo nur eine ungerechte Vertheilung der Lebensgüter die Menschen von dem Fleckchen Erde treibt, auf dem sie geboren und das ihre Heimath ist. Ueberall, wohin wir blicken, dieselben Zustände: Schaffen ungeheurer Glücksgüter durch die Enterbten und das Einheimsen dieser Güter durch die wenigen Auserkorenen, sei es Süd oder Nord, Ost oder West, hüben oder drüben— deshalb auch muß dxr Kampf ein einheitlicher, ein internattonaler sein gegen alle Gewalt, gegen alle Ausbeutung. August Kruhl, Weißgerber. Königsbrück, 10. Mai. Heute tagte im Saale des Rath- Hauses eine stark besuchte Versammlung, in welcher Herr Direktor Klemich aus Dresden einen wissenschaftlichen Bortrag über das Thema:„Alte und neue Weltanschauung" hielt. In 1'/«-stün- digem gediegenem Vortrage besprach Herr Klemich die alte, als die religiöse, und die neue, als die materialistische, Weltanschau- ung. Obiges Thema wurde eigentlich gewählt, um den hiesigen Geistlichen entgegen zu treten. Herr Klemich erttärte, daß ein Mensch, der Diebe, Räuber, Mörder u. s. w. für besser halte als solche, welche an keinen Gott glauben, verrückt sein müsse. Der Vortrag wurde mit allgemeinem Beifall aufgenommen. Gegner meldeten sich auf mehrmaliges Auffordern nicht zum Wort. Einiger Rüpeleien eines hiesigen Bürgers, welcher Herrn Klemich nachträglich im Gasthof zum Adler wegen einer übereilten Aeußerung alle Ehre absprach, wollen wir nicht weiter erwähnen. Derselbe ist den hiesigen Genosseu schon von früherher als ein Mann bekannt, der viel Wesens von sich macht. Der allgemeine Wunsch war, daß Herr Klemich hier bald wieder einen Vortrag halten möge. N. u. T. Stuttgart. Die in Nr. 55 des„Vorwätts" veröffentlichte Resolutton gegen meine Correspondenz in Nr. 50 d. Bl. hat mich in keiner Weise eines Besseren belehrt. Die gemachten Erläute- rungen zur Wahl widerlegen auch nicht einen Satz der von mir an- gefühtten Thatsachen über die Haltung der„Bolkspartei"; ob- schon, wie ich belehrt wurde, der„Beobachter" in den letzten Tagen vor der Reichstagswahl zu Gunsten unseres Candidaten geschrieben. Betreffs der Jacobyfeier wurde das Comitä(Gen. Degen- hard, Dulk und Maier) beaustragt, das Arrangement zu besorgen, in keiner Weise aber mit der„Volkspartei" zu verhandeln, sondern alle Freunde Jacobys einzuladen. Durch die Partei- Versammlung vom 2. Mai wurde jedoch konstatirt, daß 1) das Comitä drei Mitglieder der„Volkspartei" herangezogen, und 2) von dem Ausschusse der„Bolkspattei"„auf Ansuchen" rund 90 Mark Zuschuß erhalten hat. Was also ein„Gemisch von Bedächtigungen und Verdrehungen" sein soll, kann ich schlechter- dings nicht herausfinden. Ich schließe mich der Motivirung, welche Genosse Hirsch auf der Landesversammlung in Bezugnahme auf seine Ausführungen gab, auch hier an: nicht um uns Vorwürfe zu machen, müssen wir die gemachten Fehler konstatiren, sondern um sie in Zukunft zu vermeiden. Diesen Zweck zu erreichen, war die Aufgabe meiner Corre- spondenz. Georg Baßler. Erwiderung. Nachwort zum„Vorschlag" in Nr. 46. Herrn C. W. Tölcke in Iserlohn diene zur Nachricht, daß es mir fern liegt, mich in irgend ein Gezänke einzulassen; ich verabscheue es, Angesichts unserer großen gemeinsamen Ideale von Gleichheit und Gerechttgkeit das Gebiet des Persönlichen zu betteten, ttotzdem Bezeichnungen wie„albern" u. dergl. ge- j braucht wurden. Patteigenoffe Tölcke mag das verantworten, ich will damit Nichts zu thun haben. Herr C. W. Tölcke hat meinen Vergleich der schwankenden Elemente mit Spreu, die der Wind hin und her jagt, auf die Parteigenossen selbst bezogen, denn er sagt:„die hiesigen Partei- genossen nun als„Spreu" bezeichnen zu wollen, die sich von irgend einem Windbeutel hin- und herblasen ließe, das ist ein- 1 fach— albern." Während Herr Tölcke wenige Zeilen vorher den Verlust von 500 Stimmen in Iserlohn constatirt und man nun erwarten sollte, daß ihm der Gedanke kommen müßte, daß diese 500 Männer sehr wohl mit Spreu verglichen werden können, da bezieht er sonderbarer Weise meinen Vergleich aus die Parteigenossen, welche schon„14 Jahre und länger" treu zur Partei stehen. Befremden muß es, daß Herr Tölcke die Unmöglichkeit wei- terer Ausbreitung der Pattei in Iserlohn auf die Zusammen- setzung der Bevölkerung aus„Protestanten, Pietisten, Ultramon tanen, Millionären, abhängigen Handwerkern und Bürgern" be- gründet. Glaubt Herr Tölcke, die Bevölkerung sei anderwärts I unabhängig, anderwärts aufgeklärt? Dieselbe ist überall aus! Arm und Reich, Klug und Dumm, und sehr vielen Abhängigen zusammengesetzt, und wo die Ultramontanen nur den dritten Theil ausmachen, da ist das Verhältniß ivahrhafttg noch nicht das ungünstigste. Darnach wäre ja die ganze große Culturbe wegung fruchtlos, wir gelangten nirgends zur Majorität. Daß es ohne Anwendung gründlicher Mittel sehr leicht dahin kommen könnte, glaube ich sehr gern, doch werden alle vernünftigen Männer in der Pattei auf dem Platze sein, um dies zu ver- I hüten. Es ist mein sehnlichster Wunsch, überall eine recht große Anzahl solcher Parteigenossen zu wissen, die, wie in Iserlohn, I Jahrzehntelang treu aushalten, und gerade diesem meinem Wunsche entsprang mein Vorschlag. Wir müssen meiner An- ficht nach unbedingt darauf sehen, daß uns die einmal aufgerüt testen Massen nicht wieder verloren gehen; doch um die Mittel zu finden, die vorhandenen Mittel richtig zu gebrauchen, dar über müssen wir diskutiren. Ich habe mit meinem Vorschlag noch keineswegs einen endgültigen Plan feststellen wollen, nur eine Anregung wollte ich zunächst geben, wie ich ausdrücklich am Schlüsse hervorgehoben. Theorettsche Erwägungen und prak ttsche Erfahrungen ließen mich, um eine möglichst feste Ueber- zeugung unter den Neugewonnenen zu verbreiten, das gedruckte[ Wort als geeignet erwählen. Seit Erfindung der Buchdrucker kunst beginnt ein geistiger Aufschwung des Abendlandes, welches ja allem Anschein nach und in Anbetracht der auf unferm Erd ball bisher unerreichten Höhe der wissenschaftlichen und technischen Entwicklung berufen scheint, den Sozialismus zu verwirklichen.> Ist die Erfindung der Buchdruckerkunst nun wirklich dieser Aus- gangspunkt, so spielt ohne Zweifel das gedruckte Wort, die durch die Maschine vervielfästigte Wiedergabe des Gedankens die Haupt- rolle und— diese spielt das gedruckte Wott heute noch. Es ist nur noch die Frage, welche Form, ob Presse oder Broschüre für die Agitation die wirksamste ist, resp. wejche Bestimmung die I Tageszeitung hat, und welche der Broschüre beigelegt werden kann— und da bin ich zu dem Schlüsse gekommen, daß die letztere die geeignetste Form ist. Die näheren Gründe habe ich bereits besprochen. Noch eine Mahnung möchte ich den Patteigenossen zurufen: Schlafen wir nicht bei dem beruhigenden Gedanken, daß Einzelne wachen; in diesem großen Kampfe müssen wir Alle auf dem Posten sein. Es ist nicht gesagt, daß alle Organisationspläne aus dem Kreise derjenigen Parteigenossen hervorgehen müssen, welche von uns gegenwättig mit der Leitung der Geschäfte, der Führung der Partei beauftragt sind; diese Genossen haben ge- wöhnlich so schon genug zu thun. Wir müssen uns vielmehr in unserm engeren Staate, dem sozialistischen Parteistaate, Alle mit; einander an der Politik betheiligen, wir alle miteinander müssen berathschlagen, wie der Zweck unseres Staates: die Ausbreitung der gründlichsten Auftlärung unter den Massen trotz der geringen Bildung derselben am sichersten und schnellsten erreicht wird. Denn darüber täusche man sich ja nicht— ohne Ueberzeugung der Massen kein Heil, keine Demokratie, sondern wieder nur Cliquen- und Personenwitthschaft und Reattion. An die Führer unserer Partei richte ich die Bitte, den von mir gemachten Vorschlag möglichst objektiv zu betrachten und darnach zu handeln. Auch der Redaktion des„Vorwätts" gilt diese Bitte, von welcher ich gewünscht hätte) daß sie statt der j den Vorschlag begleitenden Bemerkung, daß„der Vorschlag kaum ausführbar sein dürfte"*) lieber entweder Gründe dafür angegeben, oder den Vorschlag überhaupt besprochen, oder aber die unnöthige Bemettung, die nur hindernd wirken kann, unterlassen hätte. Die Unausführbatteit erscheint mir vorläufig nicht er wiesen, die Kosten sind gettng und Schaden kann die Pattei da- bei nicht nehmen, im Gegentheil würde manche unserer Gr nossenschaftsbuckdruckreien, sobald sie in Bedrängniß ist, den Druck der Brojchürenmassen als willkommene Arbeit begrüßen. Und nun Genossen, nochmals: Seien wir eingedenk unserer Pflichten! Wird auch wirklich auf dem nächsten Congreß eine neue Organisation geschaffen, so kann doch nie genug geschehen. Die massenhafte Verbreitung unserer vorzüglichen Broschüre» kann ganz gut neben unserer Organisation vor sich gehen, weil sie wenig kosten würde. Die Verbreitung von Broschüren i würde, wie es mir scheint, am wirksamsten in Versammlungen nach gehaltenen Vorttägen sein, allen Parteigenossen aber würde ein gutes Agitationsmittel an die Hand gegeben. Ich glaube nun meine Pflicht gethan zu haben, möge Jeder die feinige thun. Mit Gruß an die Parteigenossen P. Köhler. *) Sie fügte aber hinzu:—„jedenfalls nicht in der vorgeschlagenen Form", und deutete damit an, daß ihre Bedenken sich nicht gegen das Wesen des„Borschlags"(der beiläufig nicht der einzige dem gleichen Ziel zustrebende ist) richtet. Da die Angelegenheit in wenigen Tagen auf dem Congreß zur Diskussion kommen wird, so verzichten wir hier auf weitere Bemerkungen. R. d. V. Berantwottlicher Redakteur: R. Seisfert in Leipzig. Redaktton und Elpedition Färberstraße 12/11 in Leipzig. Druck und Verlag der Senossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.