Nr. 63. Erscheint in keipsiz Mittwoch, Freitag, Sonntag. AboxnemcntsvrelS tür ga»j Teutschland 1 M, SO Pf,?r» Quartal. Monats- Abonnements werden bei allen deutichen Postanstaltm auf den S. und». Monat, und auf den !t. Monat besonders angenommen: im gtSnigr. Sachfen und Herjoglh. Sachsen« »ltenburg auch aus den ltcn Monat de» Quartali k 5» Psg. Inserate betr. Versammlungen pr. Petitzeile ivPs., betr. Prioatangelegenbciten und Feste?ro Petiijeile 3V Ps. KentratGrgan Vestellungen nehmen an alle Poftanstalten und Buch. Handlungen de» In« u. Auslandes. Filial- Expeditionen. New-Porli Soz.-demokr. olenoflen« schastSbuchdnickerei, lös klläeid�e 8>r. Philadelphia: P. Hab, K8V Korlh Zra Street, I. Boll, 1129 Charlotte Str. Hobolen N.J.: F. A. Sorge, 215 Wash- ington Str. Chicago: A. Lansermaim, 74 Olz�dourne»v«. San Franzi»--: F. Entz, 41«« i areell Str. London W.:(£. Henze, 8 Kew Ctr. Golden Square. Deutschlands. 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Für Wertin wird auf den„Vorwärts" monatlich für 75 Pf., frei in's Haus abonnirt, bei der Expedition der„Berliner Freien Presse", Kaiser-Franz-Grenädier-Platz 8», und bei Rüben ow, Brunnenstr. 34, im Laden. Der heutigen Nummer ist eine Extra-Beilage, enthaltend den auf dem diesjährigen Congreß in Gotha erstatteten Bericht des Central-Wahl- comit�'s der sozialistischen Arbeiterpartei Deutsch- land's, beigefügt. Bei etwaigem weiteren Be- darf wolle man sich an A. Geib, Hamburg, Rödingsmarkt 12, wenden. Ein Urtheil über den Werth der Diplomatie. Eine bemerkenswerthe Peraer Correspondenz der Augsb.„All- gemeinen Zeitung" behandelt die Rolle, welche in der Orient- krisis die Diplomatie spielt; dieselbe enthält mancherlei treffendes und gutes, von dem wir Notiz nehmen wollen. Die Geschichte der vornehm Diplomatie genannten Kunst und Wissenschaft, welche die völkerrechtlichen Beziehungen der verschiedenen Staaten regeln soll, beginnt für den Herrn Correspondcnten in Pera frei- lich erst mit der Neuzeit, Alterthum und Mittelalter sollen nach ihm keine Diplomatie gehabt haben. Haben aber nicht nur Rom und Griechenland, sondern zum Theil sogar die„uncivili- firten" Volksstämme immer und allezeit eine mehr oder min- der ausgebildete Geschäftsführung in Vertretungen bei und im Verkehr mit andern Völkern gepflegt, ja zum Theil sehr spe- ziell entwickelt? Denken wir nur an die Unzahl geschichtlich theils berühmt, theils berüchtigt gewordener politischer Unterhändler, von den Fetialen der Römer an bis zu unfern modernen Diplomaten herab. Es bedarf nicht der weiteren Ausführung, für das Msttelalter wiederlegt sich der betreffende Verfasser selbst durch seine Bezugnahme auf die geriebene Geschäftsträgerkunst der Italiener. Wie der Geist des alten Rom zum Theil auf die römische Kirche überging, wie die päbstliche Kurie in Rom mit ihrer Kanzlei das große Borbild für alle übrigen großen und kleinen Regenten ward, so hatte Italien auch einen gewal- tigen Einfluß auf die Entwicklung der Kunst der Politik in allen ihren Gebieten und schlaue Italiener waren sehr gesuchte Leute. Auf den Anfang der orientalischen Krisis zurückschallend meint der Berichterstatter: „Die Diplomatie wollte sich eine so schöne Gelegenheit zur Wichtigthuerei nicht entgehen lassen; die Sommerferien hatten begonnen; es mußte doch irgend ein Sommer-Amüscment auf's Tapet gebracht werden; jedoch, wohlverstanden, durfte die „orientalische Frage" der Diplomatie nicht aufoctroyirt werden: wer wird sich denn während der Badesaison mit der Lösung eines abstrusen(dunkeln, schwer lösbaren) Problems beschäftigen wollen? Der Spott ging also(mit dem Bischen Herzegowina) los, und zwar so leichtfertig, wie man sich nur denken kann. Ihr Correspondent hat schon damals, und seitdem wiederholt, sich dahin ausgesprochen: daß ein so leichtfertiges Treiben keinen 8 uten Erfolg haben könne. Und leider haben sich alle unsere ösen Ahnungen vollständig verwirklicht; wie ein in Feuer- schwamm gefallener Funke fraß der Aufstand um sich und ver- breitete sich fast über alle europäischen Provinzen der Türkei, gar nicht zu reden von den Würgeszenen in Salonichi, von dem zweimalige» Thronwechsel in der Hauptstadt, und schließlich stehen wir im Angesicht eines Krieges, ohne daß wir auch nur ahnen können, wann und wo der letzte Schuß in demselben ab- gefeuert werden wird. So weit hat es also eine in jeder Beziehung unfähige Diplomatie mit ihrer geschäftigen Wichtigthuerei gebracht. Es wäre aber mehr als Galgen- Humor, wenn man darüber triumphiren wollte, daß sich die Voraussagungen bestätigt haben. Dem Wohlstande nicht nur der Türkei, sondern ganz Europa's sind tiefe Wunden geschlagen, deren Heilung vielleicht Dezennien erfordert, während die JDiplv- mo'en sich amüsiren und die Kosten auf Rechnung der Steuer- zahlenden schreiben." � U"*1, daß die Herren viel brauchen,„um sich zu amüsiren", dafür bieten unsere Reichs- und Landtagsberichte die beredtesten Zeugnisse. Darüber läßt sich der Berichterstatter folgendermaßen aus: „Wir wissen recht gut, wie sich die hiesige Diplomatie die Zeit vertreibt. Da gibt es endlose gegenselttge Besuche, offizielle Tiners, offizielle Soiröen, offizielle Audienzen; nebenbei Theater, Ballets, Concerte, Ordensdccorationen, Jagden; offizielle Notifi- cationen über Geburten, Heirathen und Todesfälle in den fürst- lichen Familien. Unter so wichttgen Geschäften aller Att bleibt ihnen keine Zeit, sich um die Interessen ihrer Heimath und ihrer hiesigen Staatsangehörigen zu bekümmern, weshalb sie sich sorg« fältig vor jedem Contact mit der nichtoffiziellen Welt abschließen. „Unähnlich ihren Souveränen, die täglich zu gewissen Swn- den selbst dem gettngsten ihrer Unterthanen zugänglich sind, glänzen sie durch eine vornehme Unzugänglichkeit. Ich erinnere mich, daß ausnahmsweise einmal ein französischer Botschafter hier durch die Zeitungen bekannt machen ließ: daß er monat- lich dreimal, am 10., 20. und 30. Vormittags, zu gewissjen Stunden diejenigen Personen empfangen werde, welche sich mit ihm über eine Angelegenheit besprechen wollten. Wer nun die„Turquie", den„Levant Herald" oder ähnliche amtliche Or- gane der hiesigen Diplomatie aufmerksam liest, kann genau an- geben, welche Besuche Se. Exc. gemacht und empfangen hat, wann Se. Exc. die Sommerwohnung und wann die Winterwoh- nung bezogen hat, wie viele Ordcnsdecorationen Se. Exc. hat, wann Se. Exc. auf die Jagd gegangen ist u. s. w." Nach allerlei lusttgen Bemerkungen über die hohe Weisheit, von welcher die Herren bei Congressen und Confercnzen über- fließen, dabei aber öfter zum größten Theil gar nicht wissen, um was es sich eigentlich handelt, schließt er seine Betrachtung der diplomatischen Thätigkeit anlangend die orientalische Frage mit folgendem frommen Wunsch: „Die europäische Diplomatie hat sich 25 Jahre lang von der russischen bei der Nase herumführen lassen. Die türkische Diplomatte aber, der europäischen weit überlegen, hat sich nicht aus dem Concept(aus der Fassung) bringen lassen, und es war ihr ein Leichtes, das hohle Treiben ihrer europäischen College» zurückzuweisen. Später wird Europa wohl Zeit gewinnen, seinen Schaden zu besehen, denn einmal wird doch wohl der ent- brannte Krieg ein Ende nehmen müssen.(!) Zu wünschen aber wäre es, daß alsdann die europäische Nation(soll wohl heißen das Volk) und ihre gesetzlichen Vertreter,(d. h. in Deutschland ein paar Schock Fürsten, Grafen, Barone, Bankiers und andere Besitzende, die die ausschlaggebende Mehrheit bilden) auf eine durchgreifende Reform des Tiplomatenwesens dringen, denn es dürfte doch wohl unerhört sein, daß der Staatssäckel und die Steuerkraft der Untetthanen in Anspruch genommen werden, um einer Anzahl jüngerer Söhne aristokratischer Familien ein „standesgemäßes Amüsement" zu verschaffen, welches oft den Wohlstand Europas auf Generationen hinaus compromittirt." Alles sehr treffend und sehr beherzigcnswetth, und die„Na- tion" der Denker und Dichter, die ja im europäischen Concert nach der Ansicht gewisser Leute die erste Violine spielt, oder gar den Taktstab schwingt, mag es sich gesagt sein lassen. Ein gründliches Brechen mit diesen Spiel hinter den Coulissen, mit dieser Kunst aus Lug und Trug zusammengesetzt, deren Aus- Übung, wie Beispiele zeigen, so schreckliche Folgen haben kann, wäre allerdings angezeigt. Aber das Volk muß eben erwachen und überall die schönen Wahlsprüche:„Wahrheit und Recht, Freiheit und Gesetz" zu greifbaren Wirklichkeiten umzuschaffen suchen. Sozialpolitische Uebersicht. — Zur Sianatur der Gegenwart. Die bekannte Mottle- sche Reichstagsrede für den 13. Hauptmann und der dazu ge- hörige Commeutar des„redegewandten" Lasker haben gewirkt: die Saat des„großen Schweigers" ist, begünstigt durch die schwüle Kttegstemperatur, schneller aufgegangen, als man nur irgend vermuthet hatte. Neulich meldeten die Zeitungen über zahlreiche Avancements, welche der vom Reichstag bewilligte 13. Hauptmann in der deutschen Armee zur Folge hatte. Zu den günstigen Temperawrverhältnissen der politischen Atmosphäre kommt auch noch der Umstand, daß Maßnahmen auf dem Gebiete des Heer-, Festungs- und Kriegswesens überhaupt bei un» alle- zeit eine viel exattere und promptere Erledigung erfahren, als Maßnahmen, bei denen es sich um das Bottswohl handelt. Die Folgen einer solchen bedeutenden Aufmerksamkeit, eines so kolos- salen Aufwandes für völlig unproduttive, ja geradezu kultnr- feindliche Zwecke und die stiefmütterliche Behandlung wirklicher Kulturbestrebungen, für Schule, Gewerbe und dergleichen, können natürlich nur bittere Früchte tragen, und um Belege dafür zu finden, braucht man sich nur umzuschauen, man wird sie ohne Brille deutlich genug wahrnehmen— es ist die permanente Kriegsfurcht und der nicht minder in Permanenz Herr- schende Nothstand. — Die Geschäftsunsicherheit, die unvermeidliche Be- gleiterin jedes Krieges, auch wenn er„hinten weit in der Türkei" wüthet, tritt von Tag zu Tag deutlicher hervor. So erfährt man jetzt, daß für die östlichen Provinzen ein Exportartikel in den Lagern aufgespeichett wird ohne Hoffnung auf Absatz: das nordische Gold, der Bernstein, welcher die Türkei, eines seiner größten Absatzgebiete, für die nächste Zeit nicht mehr in Rech- nung ziehen kann. Große Lagervorräthe ergeben weniger Be- darf an Arbeitsleistung, diese ihrerseits wiederum Brodlosigkeit und Nothstand, welcher denn auch unter den mit der Bernstein- gewinnung beschäftigten Arbeitern schon bedeutende Dimensionen erlangt hat. — Die Sozialdemokratie in der Schule. Wir haben vor einigen Wochen bereits die Thatsache berichtet, daß auf einem „königlich" preußischen Gymnasium— den Namen verschweigen wir aus leicht begreiflichen Gründen— einem Primaner, bei Androhung der Relegation, untersagt wurde, sozialisttsche Zeitungen zu halten. Dieses„energische" Borgehen hat nun noch darin sein spaßhaftes Nachspiel gefunden, daß der betteffende Herr Direttor bei der letzten Abiturientenentlassung, wobei stets emi- nent„feierliche" Reden vom Stapel gelassen werden, die Ab- gehenden inständigst bat und nachdrücklich ermahnte, sich doch ja nicht von den„Irrlehren" der Sozialdemokratie locken zu lassen; denn gleicher Besitz, den der Sozialismus anstrebe(sie!) sei un- möglich. Ferner hielt auch einer der Abgehenden, angehender Theologe, augenscheinlich nach vorheriger Abkartung, eine Rede des Inhalts, daß er seine Kameraden vor dem„Wurm" warnte, der„am deutschen Reiche zehre".— Und alles dies, weil ein Primaner eine sozialdemokratische Zeitung hielt. Kann irgend etwas besser die Angst vor der Sozialdemokratie kennzeichnen? — Und doch wird oas den Gegnern alles nichts nützen; mit der Zeit wird auch unsere Jugend aus ihrer Schlaffheit sich aufraffen. — Daß die direkte Gesetzgebung durch das Volk, welche vielfach für unausführbar erklärt worden ist, in der Praxis sich bewährt, dafür liefert die Schweiz hinlängliche Belege. Wenn z. B. den Bürgern der Schweiz ein von den eidgenössi- schen Gesetzgebern erlassenes Gesetz nicht paßt, und es werden 30,000 Stimm.» für das Begehren aufgebracht, über das Gesetz das Volk abstimmen zu lassen, so muß dies geschehen. In ein- zelnen Kantonen hingegen haben alle kantonalen Gesetze, bevor sie Geltung erlangen, die Abstimmung durch das Volk zu Passiren, die endgiltig über deren Schicksal entscheidet. Der Kanton Zürich geht noch weiter und läßt— natürlich immer in kantonalen Angelegenheiten— die Initiative(das Vorschlagsrecht) zu. Wenn z. B. eine Anzahl Bürger ein Gesetz wünschen, so arbeiten sie sich einfach ein solches aus. Erhalten sie für diesen Gesetzent- wurf 5000 Unterschriften, so muß derselbe ohne jede Weglassung oder Hinzufügung dem Volke zur Abstimmung unterbreitet wer- den.'Auf diese höchst einfache, aber durch und durch demokra- tische Weise ist neuerdings im Kanton Zürich erst ein den Bank- Herren und Geldbaronen sehr unliebsames Gesetz zu Stande ge- kommen, das die Ausgabe von Banknoten nicht mehr,' wie bisher, einzelnen Privatgesellschaften, sondern einzig und allein dem Staate überträgt. Gelegentlich einer Berathung über diesen Gegenstand stellte der Sozialist Bürkli im Kantonsrathe einen dahingehendeti Antrag, der aber mit über 200 gegen 18 Stnn- men verworfen wurde. Was aber ein solches Votum von Volks- Vertretern für Wctth hat in einem Staate, in welchem das Volk die Gesetzgebung direkt übt, sollte sich bald zeigen. Der Antrag- steller wandte sich über die Köpfe der Volksvertreter hinweg einfach direkt an das Volk mit einem diesbezüglichen Gesetz- entwurf und erhielt in kurzer Zeit nicht blos 5000, sondern über 10,000 Unterschriften dafür. Jetzt war auf einmal der Kantonsrath auch für das Gesetz und empfahl es seinerseits ebenfalls zur Annahme. Wohl einsehend, daß es doch nicht anders kommen würde, machte er gute Miene dazu. Mit über 33,000 Stimmen votirte das Volk bei der Abstimmung dafür und heute ist der Antrag des Sozialisten Bürkli Gesetz, zum großen Aerger der hohen Finanz, der dadurch eine Quelle mühe- losen Erwerbes verstopft wurde. — Zum Jubiläum des Papstes. Der„Voss. Zeitung" wird aus Bern mitgetheilt, daß bei der„neuesten Römerfahtt" die Schweiz, welche sonst immer sehr zahlreiche Pilger und Pe- terspfennige gen Rom gesandt hat, sehr schwach bctheiligt sei. Insofern sich darin die Thatsache ausspricht, daß es in den Köpfen„mehr Licht" zu werden beginnt, läßt sich nur mit Freuden von diesem Umstände Akt nehmen. Alle diese Massen Geldes, welche nach Rom gewandert sind und noch dahin ihren Weg nehmen, könnten ja auch viel besser zur Befriedigung Hand- greiflicherer Bedürfnisse im eigenen Lande verwendet werden. In Seraing(Belgien) ist ein großer Strike ausge- krochen. Bourgeoiszeitungen berichten von Unruhen, die ent- standen sein sollen, so daß Militär aufgeboten werden mußte, um die Arbeiter zur„Ruhe und Ordnung" zurückzuführen; d. h. mit anderen Motten, die belgische Regierung ist bereit, die Ar- bester mit Pulver und Blei zu Paaren zu treiben, wenn sie nicht gehorsamst das Joch der Ausbeutung tragen. Dafür ist Belgien aber auch ein Muster-Bourgcoisstaat. — Die Arbeitsaussperrung auf den Schiffsbauwerften am Clyde(England) nimmt größere Dimensionen an. In Glasgow wurde am 23. v. M. ein stark besuchtes Meeting von Schisssbauherren aus Grennock und Glasgow abgehalten, in welcheni beschlossen wurde, auch die übrigen jetzt noch offenen Bauhöfe zu schließen, sobald die jetzt in Arbeit befindlichen kon- traktlichen Werke beendigt sind. Viele Arbeiter haben den Di- strikt verlassen und sich nach anderen Städten begeben, oder in den Staatswersten, wo ihnen Offerten gemacht wurden, Be- schäftigung gefunden. Es ist vorgeschlagen worden, die ganze Frage einem Schiedsgettcht zur Entscheidung zu unterbreiten. Bon der Aussperrung sind nahezu 30,000 Arbeiter betroffen worden. Militär ist bereit gestellt, um gegen die Arbeiter ein- zuschreiten, falls es zu Exzessen kommen sollte. Natürlich denken die Arbeiter nicht im entferntesten daran, sich eines anderen Mittels als des ihrer guten Organisation zur Verfechtung ihrer Interessen zu bedienen. — Der russisch-türkische Krieg rückt auf europäischer Seite nicht von der Stelle. Die Russen conzcntriren ihre Streit- kräste noch immer an der Donau, und die Türken halten scharfe Wacht, um dem russischen Friedensbrccher den Uebergang zu wehren. Anfang Juni glauben die Russen mit ihren strate- zischen Ausstellungen an der Donau fertig zu sein;„Väterchen" will dann bei der Armee eintreffen und höchstselbst den Befehl jjum Beginn der Menschenschlächterei ertheilen— natürlich nur im Interesse der unterdrückten christlichen Brüder in der Türkei. Inzwischen ist es den Russen gelungen, einen zweiten türkischen Monitor in die Luft zu sprengen. Vom- asiatischen Kriegsschauplatz ist zu vermelden, daß der von den Türken gut gepflegte Ausstand gegen die Russen immer mehr an Ausdehnung gewinnt. Ein unterjochter Volks- stamm nach dem andern greift zu den Waffen, um den russischen „Civilisatoren" die Wege zu weisen. Gekämpft wird an allen Ecken und Enden, und wenn man den von russischer Seite kol- portirten Gerüchten Glauben schenken wollte, dann erringen die Russen die Siege nur so im Handumdrehen. Natürlich wissen auch die Türken,„wie's gemacht wird"; es darf daher nicht Wunder nehmen, wenn die Siege und Niederlagen, je nachdem es dem einen oder dem andern Theile gerade„in den Kram paßt", dem neugierigen Publikum feilgeboten werden wie Brom- beeren. — Fünf Mark Geldstrafe wurden dem Redakteur des Münchener„Zeitgeist", Rohleder, zuerkannt, weil er in einem Aufruf aufgefordert hatte, Sammlungen zu veranstalten zur Unterstützung der gemaßregelten Arbeiter in den Krupp'schen Werken. Die Absicht, jene Unglücklichen nicht verhungern zu lassen, wurde von dem betreffenden Staatsanwalt als ein „politischer" Zweck erkannt, und so wissen wir, daß auch die edelste menschliche Regung, das Mitleid, strafbar ist, sobald irgendwie„Reichsfeinde" mit in's Spiel kommen. — Parteigenosse Eisengarten, Redakteur der„Glauchauer Nachrichten", hat am 24. Mai eine Hast von 6 Wochen ange- treten, die ihm wegen Beleidigung eines Meeraner Geistlichen zuerkannt worden waren.— Am 25. Mai wurde Genosse Pctzold, Redakteur der„Chemnitzer Freien Presse", zu 170 Mark Geldstrafe event. 34 Tagen Haft verurtheilt, weil er seinen „liberalen" College» vom„Chemnitzer Tageblatt" beleidigt haben soll.— Am 26. Mai wurde der verantwortliche Redakteur des „Frankfurter Volksfreund", Schäfer, wegen Beleidigung des Fürsten Bismarck durch die Presse zu sechs Wochen Gesäng- niß verurtheilt. Der Staatsanwalt hatte drei Monate bean- tragt. — In Kassel erscheint vom 1. Juli an ein neues sozio- listisches Organ unter dem Titel:„Hessisches Volksblatt." Auch in Münster lWestfalen), dem Hauptquartier der„Schwarzen" für die Rheinlande, wird mit dem 1. Juli ein sozialistisches Blatt das Licht der Welt erblicken. Congrch der Sozialdemokraten Deutschlands. (Fortsetzung.) Zum vorigen Berichte ist noch nachzutragen, daß Auer bei Feststellung der Tagesordnung für den Congreß beantragt hat, eine Commission zur Prüfung der eingegangenen Organisations- vorlagen einzusetzen. Die Commission besteht aus den Genossen Auer, Derossi, Fritzsche, Hasselmann, A. Kapell, Kiefer, Tölckc, und wird dem Congreß über ihre Arbeiten berichten. Die Sitzung wird nach 3 Uhr durch Hasenclever eröffnet und zwar mit Verlesung der Präsenzliste und einer Anzahl von Begrüßungstelegrammen. Sodann erstattet der Reichstagsabge- ordnete Fritzsche(zu 2» der Tagesordnung) Bericht für die sozialistischen Reichstagsabgeordneten unter gespanntester Auf- merksamkeit der Delegirten. Wir haben im vorigen Berichte bereits der vortrefflichen Stimmung Erwähnung gethan, welche diesen Congreß charaklerisirt. Die Entgegennahme des Fritzsche- schen Referats— der an Stelle des durch Familienverhältnisse verhinderten Liebknecht berichtet— bestätigt die Wahrhaftigkeit des Eindrucks, den auf uns der bisherige� Verlauf der Berhand- lungen gemacht hat. Der Geist der allseitig vollendeten prin- zipiellen Uebereinstimmung drückt auch den formellen Streitstagen seinen wohlthuenden Stempel auf. Die Einigung ist voll und ganz zu Fleisch und Blut geworden. Referent betont einleitend die großen Hoffnungen, die das gesammte Volk und auch ein Theil des Proletariats auf diesen Reichstag gesetzt habe und die darauf gefolgte allseitige Ernüch- terung. Die eigene Unfähigkeit der Reichstagsmajorität habe diese Ernüchterung bewirkt, während man den Mangels jeder Initiative in brennenden politischen und wirthschaftlichen Fragen auf die Reichsregierung zu wälzen suche. Neben den Budget- vorlagen— zu deren wichtigeren Positionen, wie Ausgaben für Aus der Reise nach dem Kassernlande. „Der Superkargo Mynheer van Kock Sitzt rechnend in seiner Kajüte; Er kalkuliert der Ladung Betrag Und die probablen Profite." Mit diesen Strophen beginnt ein längeres Gedicht Heine's, dessen Inhalt kurz folgender ist: Mynheer hat Sklaven an Bord, an denen er ein gutes Geschäftchen zu machen gedenkt, aber be- denklich nimmt die Sterblichkeit unter ihnen überhand. Der Schiffsdoktor referirt ihm: „Ich inspicierte die Leichen genau; Denn diese Schelme stellen Sich manchmal todt, damit man sie Hinabwirft in die Wellen." Und als Mittel gegen die hohe Sterblichkeit räth er dem Mynheer an, die Sklaven zwangsweise tanzen zu lassen,„die- weil sie sich tödtlich langweilen." Es.geschieht und Mynheer betet indessen: „Verschone ihr Leben um Christi will'n, Der für uns Alle gestorben! � Denn bleiben mir nicht dreihundert Stück, So ist mein Geschäft verdorben." Es ist noch nicht lange her, da wurde, wenn wir nicht irren, von einem Kreuzzeitungsritter durch die Presse den Großgrund- besitzern angerathen, ihren Arbeitssklaven Tanzvergnügungen-c. zu veranstalten als Mittel gegen die Auswanderungssucht trotz des Milliardensegens der— Reichen. Heute haben wir es mit einem gewissen Herrn Dannenberg zu thun, der Schiffsdoktor und Mynheer in einer Person zu sein scheint. In Nr. 13 der „Gegenwart" von 1877 bringt derselbe einen längern Artikel mit der Ueberschrift:„Arbeitslosigkeit und Auswanderung". Der Artikel beginnt damit, daß Herr Dannenberg wacker auf die „Culturkämpfer"— unter diesen versteht er die Ultramontanen! — die„Conservativen, die Wirthschaftsreformer, die Agrarier, und wie alle die verschiedenen Nuancen einer und derselben Grundfarbe sich nennen mögen", schimpft,„die nicht müde wer- den, immer von Neuem zu behaupten, daß die durch das Aktien- gesetz vom Juni 1870 eingeleitete wirthschaftliche Periode noth- gedrungen zum Ruin des Privatkapitals, zur erschöpfenden Aus- Militärzwecke, Steuern zc., der Reichstag durch das Septennat sich ja im Voraus schon die Hände gebunden und bei deren Berathung man sorgfältig vermieden hat, Sozialisten das Wort zu geben— waren es nur ganz wenig Vorlagen, die unser besonderes Interesse beanspruchten. Wir brachten das Arbeiter- schutzgesetz ein in der Hoffnung, daß man einem Theil unsrer Wünsche nothgedrungen mehr oder weniger entsprechen werde. Die Sozialisten damit zu überzeugen, daß wir praktisch thätig sein können, hatten wir keine Ursache; wir wissen, daß hierüber bei den Parteigenossen kein Zweifel obwaltet. Wir wollten aber durch Einbringung der Vorlage den fernstehenden Arbeitern und Handwerkern zeigen, daß der Sozialismus schon jetzt, wenigstens vorübergehend, für ihre Interessen praktisch zu wirken bemüht ist. Die Erfolglosigkeit unsres Versuches ist bekannt. Die Majorität des Reichstags hat auch in der großen Politik der Welt ihre volle Unfähigkeit und Willenlosigkeit bekundet. Das sorgfältige Vermeiden jeder energischen Interpellation bezüglich der orientalischen Frage, die schnelle Schließung des Reichstags, sollte Eurova Deutschlands Gleichgiltigkeit der Orientfrage gegen- über bekunden, um den Schein des höchsten Kraftbewußtseins desto lebhafter zum Ausdruck zu bringen. In der Kanzlerkrise habe der deutsche Parlamentarismus seine ganze Machtlosigkeit bokumentirt. Wir betrachten das Sitzen im Reichtag durchaus nicht als eine besondere Ehre, sondern unterziehen uns dieser Aufgabe im Dienste des Sozialismus, um ihn zu vertreten, soweit die Fesseln der Geschäftsordnung dieses zulassen. Redner beleuchtet das System der Valentinisirungen. Die Sozialisten haben einen Antrag auf Abänderung der Geschäftsordnung ein- gebracht, der durch Schließung der Session begraben wurde; dasselbe Schicksal traf den Antrag auf Abänderung des Wahl- gesetzes zum Schutze der Wahlfteiheit. Redner schließt mit den Worten: Wir tragen alles dieses vor, um in steter Fühlung mit unseren Wählern zu bleiben, denn wir sind der Ansicht, daß wenn auch eine Mandatsentziehung durch die Wähler gesetzlich nicht zulässig ist, wir uns doch verpflichtet halten müssen, sofort unsre Mandate in die Hände unsrer Wähler zurückgeben, sobald wir inne werden, daß wir nicht in allen Theilen ihren Willen zur Geltung bringen, oder in prinzipiellem Widerspruch zu ihnen stehen.(Lebhafter Beifall.) Es folgt zunächst, wie gestern mitgetheilt, der Bericht der Beschwerde-Commission. Dann folgt auf Antrag Kaiser's Ein- tritt in die Spezialdebatte über Punkt 2 a. Frohme-Frankfurt interpellirt die Abgeordneten darüber, weshalb sie zu ihrer Vorlag« nicht früher die speziellen Wünsche der Wähler kennen zu lernen gesucht und die Vorlage nicht rechtzeitig durch die Presse veröffentlicht hätten. Er beantragt eine gründliche Prüfung der Arbeiterschutzgesetzvorlage und der gegnerischen Anträge zu demselben durch den Congreß, was ab- gelehnt wird. Hierauf folgt eine Interpellation Frick's betreffs der Ab- stimmung unserer Abgeordneten in der Eisenschutzzollfrage, und Frohme schlägt vor, bei wichtigen Fragen sollen die Abgeord- neten das Gutachten ihrer Wähler einholen. Es wird constatirt, daß die sozialistischen Abgeordneten dies bis jetzt prinzipiell, soweit es immer möglich war, gethan haben. Ein Antrag Bremens, daß die sozialistischen Abgeordneten im Reichstag einheitlich stimmen sollen, wird vom Vorsitzenden mit zur Debatte gestellt. Blas motivirt seine Abstimmung gegen den Eisenschutzzoll unter Hinweis auf den Umstand, daß die Regierungsvorlage durch die verschiedensten Zusatzanträge bis zur Unannehmbarkeit verstümmelt worden sei, so daß ein Theil der Antragsteller selbst dagegen stimmte. Fritzsche erklärt, daß Temmler und Blos gegen den Schutzzoll gestimmt, die anderen anwesenden Sozialisten sich aber der Abstimmung enthalten hätten. Frick beklagt diesen Umstand als einen sehr bedauerlichen Fehler. Kaiser will die Abgeordneten nicht immer gezwungen wissen, geschlossen zu stimmen, ist aber von der Abstimmung Demmler's Und Blos nicht befriedigt, da dieselbe den Freihändlern zu gute kam. Hasselmann konstatirt, daß in vorletzter Rcichstagssession die sozialistischen Abgeordneten geschlossen für Schutz der Eisen- industrie gestimmt hätten. Der Eindruck der diesmaligen Abstim- mung war deshalb ein sehr peinlicher. Man hätte sozialistischer- seits weitergehende Separatanträge stellen müssen. Neisser erwähnt zum Bremer Antrag, daß die Bildung einer sozialistischen Fraktion unerläßlich sei, deren Beschlüssen sich jeder Abgeordnete zn unterwerfen habe. beutung der ehrlichen Arbeit, zum Elend der handarbeitenden Massen habe führen müssen." Gewiß hat nun noch Niemand be- hauptet, daß das fragliche Gesetz zum Ruin des Privatkapitals führe. Aber wir wollen es mit Hrn. Dannenberg in diesem Punkte nicht zu streng nehmen, er wollte wohl sagen: Klein- kapital. Nachdem noch die Fortschrittspartei ihr Theil abbe- kommen, fährt Herr Dannenberg fort:„Von den Sozialdemo- traten braucht man gar nicht erst zu reden." Die Hauptbe- tonung in diesem Sätzchen muß wohl auf dem Wörtchen„erst" liegen; denn jetzt geht es„erst" recht über die Sozialdemokraten her. Die gegenwärtige Geschäftsstockung, erzählt uns dann Herr Dannenberg, wird von den angeführten Parteien zu Partei- zwecken ausgenützt,„und daher erklärt es sich wohl, daß man bis jetzt noch nirgends dasjenige Mittel erwähnt findet, welches bei vorhandenem Mangel an Beschäftigung fast allein rasch wirk- same Abhilfe gewähren kann, allerdings aber auch keiner Partei- taktik irgend einer Art dienstbar zu machen ist: die Auswande- rung." Allerdings— ein gescheidter Kerl darf kein Dummkopf sein, und das ist Herr Dannenberg. Nach Amerika räth er, nicht auszuwandern, dort gehen die Geschäfte auch schlecht, aber „Australien, Neu-Seeland, das Capland, die Plahr Länder, endlich Süd-Brasilien bieten dem arbeitsfähigen und arbeitswilligen Auswanderer durchaus lohnende Aussichten". Herr Dannenberg wünscht also die deutschen Arbeiter dahin, wo der Pfeffer wächst; dieses Compliment geben wir ihm gern zurück. Ja, Herr D. meint, es wäre für sie vortheilhaft,„wenn sie dorthin ihre Schritte lenkten, um sich ein neues sorgenfreies Heimwesen zu gründen".„Wären wir in England(wie naiv!) so würden wir die Bildung von Comitös vorschlagen, um den aus solchen Grün- den Fortziehenden zu Hilfe zu kommen" u. f. w.„In Deutsch- land aber dürfte man mit einem solchen Vorschlage wohl noch nicht kommen"(man sieht's, der Artikelschreiber ist seiner Zeit voraus!)„denn hier gibt es noch zu viele Leute, die nicht zu begreifen vermögen"(ein gescheidter Kerl darf kein Dummkopf sein),„daß unter Umständen ein Landsmann über dem Meere dem Vaterland und seinem Volke nützlicher sein kann, als wenn er zu Hause geblieben wäre." Wir denken, wir haben genug citirt! Nur ein ganz herzloser, ganz gefühlloser Mensch kann so einen Vorschlag machen, nur so ein— Dannenberg! Wir kennen die häuslichen Verhältnisse des Herrn nicht, aber angenommen, der Mann ist Vater von Geib weist die in dieser Frage, zwischen dem Norden(spez. Hamburg, als Freihandelsplatz) und dem Süden(Rheinland ic.) total auseinanderliegenden Znteress enstandpunkte selbst der sozia- listischen Arbeiterschaft nach und verliest die vom vorjährigen Congresse diesbezüglich gefaßten korrekten und für die sozialistischen Abgeordneten bindenden Beschlüsse. Temmler und Blos haben richtig gestimmt. Es soll trotzdem nach keiner Seite hin ein Vorwurf erhoben werden. Der Beschluß des vorjährigen Eon- gresses lautet wörtlich:„Der Congreß erklärt, daß die Sozialisten Deutschlands dem innerhalb der besitzenden Klassen ausgebroche- nen Kampfe zwischen Schutzzoll und Freihandel fremd gegen- überstehen; daß die Frage, ob Schutzzoll oder nicht, nur eine praktische Frage ist, die in jedem einzelnen Falle entschieden wer- den muß; daß die Roth der arbeitenden Klassen in den allge- meinen wirthschaftlichen Zuständen wurzelt; daß aber die be- stehenden Handelsverträge seitens der Reichsregierung ungünstig für die deutsche Industrie abgeschlossen sind und eine Aenoerung erheischen; daß endlich die Parteipresse aufzufordern ist, die Arbeiter davor zu warnen, für die unter dem Verlangen nach Schutzzoll eine Staatshilfe erstrebende Bourgeoisie die Kastanien aus dem Feuer zu holen." Die Haltung der sozialistischen Ab- geordneten bei Abstimmung über den Eisenschutzzoll ist also m allen Theilen korrekt gewesen, sowohl seitens der Abgeord- neten, welche dagegen stimmten, als seitens derer, die sich der Abstimmung enthielten. Hasselmann beantragt motivirte Tagesordnung unter Fest- Haltung der von ihm zuvor erwähnten Gesichtspunkte. Nach einer Reihe von persönlichen Bemerkungen erklärt Fritzsche, daß dem Congreß anheimgestellt bleibe, ob er wünsche, daß die Sozialisten im Reichstage mit den bürgerlichen Demo- kraten zu einer Fraktion zusammentreten, um die zur Antrag- stellung erforderlichen 15 Unterschriften zu erlangen. Frick versichert, daß er mit seinem Tadel kein Mißtrauen aussprechen, sondern Klarheit habe schaffen wollen. Der Antrag Bremen's erledigt sich mit Annahme der moti- virten Tagesordnung von Hasselmann. Fritzsche beantwortetdieJnterpellation Frohme's: Diekurz bemessene Zeit zur Ausarbeitung der Schutzgesetzvorlage ist be- sonders den Vorarbeiten zur letzten Reichstagswahl und dieser selbst geschuldet. Alle Kräfte waren bis dahin überlastet und während der Session, die kurz nach der Wahl sofort begann, konnten nicht alle Abgeordneten regelmäßig an den Arbeiten in Berlin theilnehmen. Ueber die Wünsche der Wähler waren wir in der Hauptsache orientirt. Nach Bekanntgabe der Vorlage im „Vorwärts" hat auch ein lebhafter Verkehr zwischen Abgeordneten und Wählern in dieser Frage stattgefunden. Hasselmann empfiehlt, da die neue Einbringung in Ausficht steht, den Entwurf in der Presse eingehend zu diskutiren. Auer hält Frohme's Antrag nicht durchführbar, der Congreß ist überladen mit Arbeiten und hat Eile und könnte deshalb die Arbeiterschutzgesetzvorlage nicht so gründlich behandelt werden, wie sie es erheischt. Nach weiteren anderseitigen Ausführungen mehr formeller Natur, beantragt Volmar bis zum I.September eine revidirte Vorlage für den Reichstag vorzubereiten. Es wird indeß vom Congreß motivirte Tagesordnung be- schloffen. Sie lautet: Die Parteipresse möge das Arbeiterschutz- gesetz eingehend besprechen und auffordern, alle bezüglichen Wünsche und Sendungen an Fritzsche zu richten, der bisher als Referent fungirt hat. Damit ist dieser Gegenstand erledigt. Betreffs der weiteren über die Agitation k. gepflogenen Debatten ist auf den erschöpfenden später erscheinenden Congreß- bericht zu verweisen. Ueber die Verhandlungen selbst aber ist hervorzuheben, daß die sozialistische Bewegung sich nach allen Seiten hin verbreitet und vertieft. Daß die meisten die Agitation betreffenden Anträge speziell das Verlangen ausdrücken, redne- rische und organisatorische Kräfte zu beschaffen, zeigt deutlich, wie groß zur Zeit das von uns erschlossene Arbeitsfeld geworden ist. Ueberall herrscht das Bestreben, sich aufzuraffen und Stel- lung zu nehmen zu den brennenden Tagcssragen. Kritik und Kontrole ergänzen sich, lösen sich ab. Bald schneidig klar, bald stürmisch, bald in geschäftsmäßiger Selbstverständlichkeit. Man lernt, man wird belehrt, man regt an, man wird angeregt. Man sichtet, ordnet und baut. Und was ist dies Anderes als das Zeichen dafür, daß der Sozialismus eine Macht geworden ist— trotz Tessendorff?— Ob es unsere Gegner begreifen werden? (Schluß der Sitzung Abends 8'/, Uhr.) (Fortsetzung folgt.) sieben Kindern, er kommt durch irgend ein Unglück an den Bettelstab, seine Schreibereien werden von den Redaktionen aus Ueberfluß an noch schlechteren Artikeln zurückgewiesen— fort mit ihm und seiner Familie nach Neu-Seeland! Denn, um doch noch einmal �u citiren:„Man nutzte sie aus, so gut es eben ging, stellte sie an, wo es paßte, und behielt sie, so lange man sie brauchte. Jetzt aber brauchte man sie nicht mehr." Aber nein! es ist wahrlich nicht der Mühe Werth, solch einer Klasse von Journalisten ernstlich gegenüber zu treten. Plötzlich ist dem Schreiber dieser Zeilen, als ob sich Dannenbcrg's Vor- schlag verwirklicht hätte. Ich unternehme eine Reise zu meinen Landsleuten, die„nach England u. s. w. ihre Schritte lenkten, um sich ein neues sorgenfreies Heim zu gründen",„da ja unter Umständen ein Landsmann über dem Meere dem Vaterlande und seinem Volke nützlicher sein kann, als wenn er zu Hause geblieben wäre". In„Australien" traf ich einen Hamburger, der gerade damit beschäftigt war, Gold zu suchen. Nun, Bru- der Hamburger, redete ich ihn an, Du suchst wohl Gold? Zu welchem Zweck? Ich brauche Geld, meinte er, um auf die „Gegenwart" abonniren zu können, die so ausgezeichnete Artikel aus der Feder Dannenberg's bringt, ich werde die Nummern unter die Eingcborncn vertheilen, sie werden einen hohen Be- griff von Deutschland bekommen, umd, so denke ich„meinem Volke nützlicher zu sein, als wenn ich zu Hause geblieben wäre." Von Australien ging ich auf Umwegen nach„Neu-Seeland", hier traf ich just ein Leipziger Kind, das allem Anschein nach damit beschäftigt war, seine Wohnung auf einem Baume aufzu- schlagen. Nun, Landsmann, sagte ich zu ihm, Du scheinst einen erhöhten Standpunkt einnehmen zu wollen? Ei ja, sagte er, ich will mir ein„ein sorgenfreies Heim gründen", was auf ebener Erde wegen der Menschenfleischgelüste der Neu-Seeländer nicht möglich ist. Von hier aus wollte ich noch einen Abstecher in's Capland, vulgo Kaffernland, machen, fürchtete aber, am Ende gar daselbst auf meinen Landsmann Dannenberg zu stoßen.--- „Da naht mein Weib, schön wie der Morgen, Und küßt hinweg die deutschen Sorgen." ;K. m. Aus Rumänien. Buckarest, 23. Mai. In Folge Ihres Artikels„Aus Rumänien" in Nr. 58 des „Vorwärts", sehe ich mich veranlaßt, Ihnen folgendes zur Richtigstellung mitzutheilen. Mit unwahren Mittheilungen ist meinen und Ihren Parteigenossen durchaus nicht gedient, und ich bin überzeugt, daß es durchaus nicht Ihr Wille ist, etwas zn veröffentlichen, was nicht die strengste Wahrheit ist; so wie mich alles empört, was das Gegentheil ist.— Wenn eine Horde Interviewers die öffentliche Meinung über Rumänien und den Krieg im Auslande mit Wissen irreführt, ja auf das gröblichste betrügt, so liegt das ja mehr oder weniger in der Natur der verschiedenen Parteiorgane, welche ohnehin sämmtlich der Bour- geoisie angehören; in einem sozialdemokratischen Blatte darf da- von jedoch keine Rede sein.— Ihre Korrespondenz aus Rumänien beginnt z. B. mit fol- ejenden notorischen Unwahrheiten.„Seit einigen Tagen hier 2c. beginne ich mit dem Wetter, das gegenwärtig hier eine bedeu- tende Rolle spielt; in einem fort, seit Wochen, regnet es in Strömen, die Straßen sind durchweicht und unwegsam, und das macht den russischen Truppen, die täglich in Massen hier durch- pasfiren, nicht wenig zu schaffen; die Bahnbeförderungsmittel find nur in sehr beschränktem Maße vorhanden und die Truppen legen den Weg meist zu Fuß zurück, natürlich nicht, ohne bei jedem Transport eine respektable Anzahl von Maroden in den Spitälern zurück zu lassen." Unwahr, total falsch! Das Wetter ist ein ziemlich günstiges gewesen, bis zum 26. April alten Stils d. h. 8. Mai neuen Stils gab es schöne und regnerische Tage, wie es eben im Früh- jähr nicht anders sein kann, jedoch im allgemeinen günstiges Wetter, am 9. Mai regnete es sehr stark, worauf am 10. u. s. w. sehr schöne Tage folgten mit einer Temparatur bis zu 23 Grad Eelfius. Am 18., 19. und 20. regnete es an verschiedenen Orten sehr heftig, so daß am 18. von einem wolkenbruchartigen Regen ein Durchlaß von 6°°(keine Brücke, wie andere Zeitungen behaupten) zwischen Jasgot und Racaciune weggerissen wurde, welche Stö- rung bis am 20. durch Umlegen der Schienen behoben ward Am 20. riß das vom Gebirge kommende Hochwasser die Brücke(IS»») über das alte Oltbett(Aluta, rumänisch Oltivoru) fort und stürzte leider ein leerer Wagenzug in der Nacht vom 20. zum 21. hinein, wobei 1 Maschinenführer, 2 Heizer, 1 Zug- führer und 1 Bremser mit Maschine und Wagen in's Wasser rollten. Das ist das ganze schlechte Wetter— welches der Bahnverwaltung mehr Schaden als den Russen machte.— Am 19. war ich außerhalb Buckarest's, in der Nähe von Braila und sah Soldaten marschiren, wobei ich zugleich bemerkte, daß die Straßen schön trocken waren, wenngleich die sonstigen Feldwege kothig sind, weil letztere eben nicht beschüttet sind.— Das Bahnbeförderungsmaterial reicht vollständig aus, ja es wird nicht einmal alles benützt, was ich verbürgen kann. Es wer- den allerdings nicht alle Russen gefahren, was sehr richtig ist, da sie ganz gut einige Tagemärsche zu Fuß machen können und dann erst fahren.— Alles Material wird jedoch noch befördert. Auch bemerke ich, daß alle Personenzüge verkehren und auch Privatgütcr expedirt werden. Was sonst falsches sein mag, geht mich nichts an, und will ich nur erwähnen, daß die hiesige Regierung alles mögliche thut, sich Steuern zu beschaffen und daß sie einen ziemlichen Druck von Berlin aus zu erleiden scheint, also den Russen nicht alles in die Schuhe zu schieben sein dürfte.— Gestern, am 22. Mai, am Jahrestage der Thronbesteigung von Carol l. proklamirte die Kammer und der Senat die Unab- hängigkeit Rumäniens, wobei viel gesahnt und gefackelt:c. wurde, Abends Gala-Borstellung im Theater, welcher der Fürst Carol I. und Großfürst Nikolai von Plonesti beiwohnte.— Soviel für heute, mit dem Ersuchen, meine Wahrheitsliebe nicht zu mißdeuten; denn als ein alter Parteigenosse erachte ich es für meine Pflicht, dazu beizutragen, daß unsere Partelpresse vor Allem der Wahrheit die Ehre gibt.*) *) Die Redaktion des„Vorwärts" ist von demselben Streben ge- leitet, wie die Aufnahme obigen Briefes beweist. Dem Verfasser der vorigen Umespondenz, deren Richtigkeit übrigens nur in einem Punkte bestritten ist, wird diese Berichtigung zugestellt werden. R d.„B". SchlußUed. Dem„Schluß"-Valentin gewidmet und eingesandt aus dem Gasthos zum„Sauren Apfel" von einem eingesperrten Sozialisten. Adieu! geschlossen ist die„Bude"! Bei„Muttern" weilen aus dem Gute, Die ich so«st gehört mit Grau'n: Der Held Eugen und„unser" Braun. Wohl mir! Zu Ende das Geflunker! Und Alle fort, nicht nur der Duncker! Selbst Unruh sah mit Ruh' ich zieh'n, Ich klage nur um— Valentin. Ein solcher allgemeiner„Schluß" War sicher auch dir Hochgenuß, Mein Valentin! Auf grünen Riatten Zur Zeit verweilt dein holder Schatten; Jetzt nur der Nachtmusik der Katzen Und auf den Dächern kecken Spatzen Rufst das gewohnte:„Schluß! Schluß! Schluß!" Du vielerprobter Genius. Auch Lerchen, die zum Himmel steigen, Wird jetzt dein Formular erreichen, Dein Schlußantrag wird jetzt ertödten Im Busch der Nachtigallen Flöten. Du magst nach solchem wackern Thun In wohlverdienter Muße ruh'n. Doch rost' nicht ein! denn deiner Thaten Kann ich noch lange nicht entrathen. Nur eines bitl' ich: In der Ferne Das Schlußantragen nicht verlerne! Sobald, geübt in Ränken, Listen, Die schrecklichen Sozialisten, Nicht achtend selbst der„schwachen Nerven" Sich abermals auf's Rügen werfen, Dann blick', wie stets, nach dir ich hin Und Rettung naht— durch Valentin. Würd' jeder Sozialist gehört, Wie wär' die„beste Welt" gestört! Wenn immer wetzten ihre Schnäbel, Die Hasenclever, Moste, Bebel! Aus der Neuen Welt.*) (Schluß.) Allerdings hat die Philadelphiaer Weltausstellung dem erstaun- ten monarchischen Europa gezeigt, was eine Republik und zudem erst eine hundertjährige bei voller freier Entfaltung aller geistigen und materiellen Kräfte des Volkes leisten kann und wie diese junge Republik im Ackerbau und Maschinenwesen und in prak- tischen Erfindungen die tausendjährigen Anstrengungen des alten Europa weitaus überflügelt und sich in den übrigen Industrie- zweigen von dem einfachen Messer bis zur Uhr und zum com- plizirtesten Seidengewebe in dem kurzen Zeitraum von nur 10 Jahren zum ebenbürtigen Rivalen der civilisirtesten Nationen hinaufgeschwungen hat. Und trotzdem, wenn ich meine Blicke von dem herrlichen Fairinount-Park wegwandte, erschien mir die Lage des Volkes eine traurige. Handel und Wandel lagen, wenn auch nicht in so hohem Grade wie in dem von mir kurz zuvor verlassenen Deutschland, darnieder und Tausende und aber Taufende von Arbeitern waren in den Fabrikdistrikten und großen Städten brotlos und sind es heute noch, weil die Fabrikanten mit ihren verbesserten Maschinen in ihrer unersättlichen Sucht nach dem Erwerb großer Reichthümer bis zum Ausbruch der furchtbaren Finanzkrisis d. h. bis vor 3 Jahren zwei-, vielleicht dreimal mehr produzirten, als der Bedarf der Konsumenten gewesen, und dann die Hälfte der Fabriken schlössen und bei der andern Hälfte mit geringerem Personal und halbem Solde fortarbeiteten. Natürlich können die Fabrikanten in den weitaus meisten Fällen von dem aufgehäuften Profit der guten Zeiten fortfahren, wohl zu leben, und bessere Zeiten abwarten. Nur ein sehr kleiner Theil von ihnen verliert in Zeiten der Krisis durch Bankerott sein Ver- mögen. Aber der unbeschäftigte Arbeiter und zudem einer mit Frau und Kindern? Ein Beweis, daß die republikanische Staats- form das Glück des Volks nicht verbürgt, und daß auch in dieser Republik das bisher eingehaltene ökonomische System ab- geändert werden muß. Wie? ist hier nicht am Platze zu erörtern. Ich habe dies des Oefteren in Rede und Schrift im Einklänge mit den Grundsätzen der sozialdemokratischen Partei gethan. Zur Handels- und Finanzkrisis gesellte sich noch die leidige Präsidentenwahl, die monatelang nicht zum Abschluß kommen wollte, in einen Bürgerkrieg auszuarten drohte, Millionen von unnützen Ausgaben verschlang und den Geschäftsverkehr nur noch mehr störte. Bei den eingetretenen schlechten Zeiten war es natürlich bei der Masse mit der früheren Gleichgültigkeit zu Ende und rief Alles am Vorabende der Wahl nach Reformen, die denn auch von den Präsidentschaftscandidaten und Wahl- agitatoren der beiden Parteien, der demokratischen mit Tilden wie der republikanischen mit Hayes feierlich versprochen wurden. Ich will mich wegen Mangels an Raum nicht weiter über die Vorkommnisse während der Wahlkämpfe aussprechen und nur die Thatsache erwähnen, daß Tilden, der sich als Gouverneur des Staates New-Aork durch sein energisches Eingreifen gegen die Schwindeleien eigener Parteigenossen, eines Tweed, Hall und anderer Mitglieder des New-Uorker„Tammany Rings" eine gewisse Popularität erworben hatte, von den Urwählern mit circa 300,000 Stimmen Majorität ernannt worden ist, weil unter dem Einfluß der Pfaffen die Jrländer und deutschen Ultramontanen in Masse für ihn stimmten; daß aber Hayes mit Hülfe der parlamentarischen Wahlprüfungs-Commission, welche eine Stimme mehr zu Gunsten der republikanischen Partei hatte, auf den Präsidentenstuhl gesetzt wurde und, wie einst Fürst Schwarzenberg in Oesterreich gegenüber den Russen, die Welt mit seiner Undankbarkeit in Erstaunen setzte, indem er sich von den„Drahtziehern" seiner republikanischen Partei unabhängig machte, zu Ministern und andern höheren Beamten auch theil- weise Demokraten ernannte und in Louisiana und Süd-Carolina die von der demokratischen Partei ernannten Gouverneure Nichols und Hampton gegen Packard und Chamberlain, welche, von den Republikanern und Gouverneuren erwählt, Hayes zu seiner Präsidentschaft verholfen hatten, in ihrem Amte bestätigte. Es ist möglich, daß es Hayes gelingt, aus den Hauptelementcn der Parteien, die bisher ihm feindlich gegenüber gestanden, eine Ber- söhnungspartei zu Stande zu bringen, Reformen in der Ber- waltung einzuführen und darin von Schurz, der als Minister des Innern für einen Eingewanderten die höchstmögliche politische Neue Welt ohne„Ganssüßchen", d. h. Amerika. Die auf einem Schreib, oder Setzsehler beruhenden„Ganssüßchen" in letzter Nummer haben mehrere unserer Leser zu der sonderbaren Annahme verleitet, die Correspondenz sei aus dem Blatt„Neue Welt" abgedruckt. Wer schafft vor solchen Ketzern Ruh?, Mein Valentin! du! einzig du! D'rum Valentinus! Trost im Leid! Kehr' wieder zu der rechten Zeil! Dann, einsam, bin ich nicht alleine. Ersehnter Schlußmann! komm', erscheine! Mein Retter, Held und Valentin— Doch halt! wo führt mein Reden hin? ES faßt mich Angst, schnell will ich schließen, ES könnte Valentin verdrießen, Er naht schon! hemmt der Rede Fluß, Schreit aus der Ferne schon:„Schluß! Schluß!" — Culturkämpser. Man schreibt der„Kölnischen Zeitung" aus Zaandam in Holland:„Wehl kein Theil der Erdoberfläche hat sich durch Menschenarbeit im Laufe der letzten Jahrzehnte so sehr verändert, wie die niederländische Provinz Nordholland. Wer vor 3» Jahren die Eisenbahnlinie Haarlem-Amsterdam benutzte, gewahrte zu beiden Seiten eine unübersehbare Wasserfläche, auf der einen Seiie daS D, auf der anderen das Haarlemer Meer, dessen abbröckelnde Thätigkeit sogar die Sicherheit von Amsterdam, Haarlem, Leyden und Utrecht zu bedrohen schien. Heute überblickt er dagegen nach beiden Richtungen ein frucht- bares Garten- und Weideland, denn die Trockenlegung des Haarlemer Meeres war schon im Jahre 1323 beendet und die des D wird ebenfalls in wenigen Jahren vollendet sein. Alle diese Arbeiten stehen in einem gewissen Zusammenhang zu einander, sie bilden nur die Glieder eines einzigen großartigen Systems, welches bezweckt, die im 13. und 12. Jahrhundert von der See in den Länderbestand der nordhollän- dischen Provinz begangenen Eingriffe auszumerzen und Amsterdam seine frühere Bedeutung als Welthandelsplatz wiederzugeben. Die Vollendung des im Jahre 1862 begonnenen Kanals von llollaaä op -sin amaUt, die Ergänzung der von Amsterdam quer durch das U über Zaandam nach Nordholland führenden Eisenbahnlinie, die Her- stellung einer kürzeren Verbindung von Amsterdam mit dem Rhein durch Anlage des projektirtcn Kanals durch die Gelder'sche Vallei, so- wie schließlich die binnen 16 Jahren zu beendende Austrock.iung des südlichen Theils der Zuydersee werden die bisherigen Arbeiten ergänzen und nach holländischer Ansicht ausreichen, um Amsterdam seine ehe- malige Bedeutung im vollsten Maße wieder zu erstatten." Hut ab vor diesen„phlegmatischen" Holländern! Und Achtung vor diesem„Culturkampf". Dabei kommt doch wenigstens etwas heraus, während wir mit unserem„Culturkampf" und unserer militärischen „Strammheit" nicht einmal Geld genug aufbringen können, um unsere Ströme zu reguliren!— Stellung in diesem Lande erreicht hat, energisch unterstützt zu werden. Aber eine wirkliche durchgreifende Reform ist das doch nicht, und wird diese erst stattfinden, wenn im Congreß die Ra- dikalen und Arbeiter die Majorität für Umänderung der Con- stitution im Allgemeinen und für Abschaffung der Präsidentschaft im Besondern nach dem Muster der Schweiz haben werden. Auch auf dem religiösen Gebiete fand ich einen Rückgang zur Verhinderung der Aufklärung und des Fortschrittes. Die protestantischen Orthodoxen und die ultramontanen Katholiken haben ihre Preßorgane in den zwei Hauptsprachen, der englischen und der deutschen, seit 5 Jahren wenigstens verdreifacht und suchen die Communal-, Cantonal- und Nationalwahlen für ihre Zwecke zur Erlassung von Gesetzen zu beeinflussen. Das Schlimmste aber ist, daß man ihnen gestattet, sich durch ihre eigenen Confessionsschulen der Jugend zur Heranziehung im Aberglauben zu bemächtigen und durch Anhäufung von Gütern in todter Hano, die zudem merkwürdigerweise steuerfrei sind, auch materiellen Einfluß auf die Bürger und deren Geschäftsleben auszuüben. Ich sah Fälle, in welchen deutsche, unter vier Augen sich für Freidenker erklärende Geschäfsleute sich im Wirthshause ängstlich nach Spionen umsahen, als ich laut und vernehmlich auf das Gefährliche des Pfaffenwesens in dieser Republik hin- wies. Es erinnert mich das an die ängstlichen Gesichter der Pariser Cafös in der traurigsten Zeit der Napoleonischen Herr- schaft. Kaum glaublich, aber wahr. Allerdings arbeiten dagegen die schon berührten confessions- losen, von der Regierung unterstützten Freischulen und die von Deutschen errichteten Schulen, sowie zahlreiche mehr oder minder freisinnige protestantische Secten und insbesondere die„Freidenker", deren Zahl sich auch bei den Amerikanern nunmehr täglich mehrt. Das Hauptcontingent der Freidenker liefern natürlich die Deut- scheu, von deren Organe ich den von Doerflinger in Milwaukee herausgegebenen„Freidenker", den von Heinzen in seiner be- kannten(rüpelhaften. R. d. V.) Weise redigirten„Pionier" und den hier in San Francisko erscheinenden„Wecker" hervorhebe. Letzterer ist von Schuenemann-Pott, einem ausgezeichneten Redner und wissenschaftlich gebildeten, durch und durch radikalen Manne redigirt. Das Programm der Freidenker genügt aber nach meiner Ansicht nicht. Der Staat muß seine confessionslosen unentgelt- lichen Schulen zu obligatorischen machen, confessionellen Schulen und Pensionate geradezu verbieten und darf keine Erwerbung von Gütern in dritter Hand zulassen, sonst drohen der Repu- blik trotz der bestehenden Trennung der Kirche vom Staate große Gefahren. Was nun die moralische Seite des amerikanischen Lebens und Treibens betrifft, so könnten die sogenannten höheren Klassen der europäischen Hauptstädte auf den Luxus und Leichtsinn, welche in die hiesigen wohlhabenden Kreise eingedrungen sind, eifersüchtig sein. Selbst bei den„Ladies" der mittleren bürgerlichen Kreise, wo die Mittel dazu fehlen, werden Luxus und Nichtsthun mehr und mehr zur Mode; und will oder kann der Mann oder Vater den Anforderungyn nicht entsprechen, dann weiß man auch in Europa, wohin das häufig führt. Was mich aber am meisten mit Unwillen erfüllt hat, ist, daß man das frühere schöne echt demokratische Institut, bei den Eisenbahnen nur eine Wagen- klaffe für Arm und Reich, für Hoch oder Nieder zu haben, ab- geschafft, und bei jedem Zuge außer den früher schon vorhan- denen praktischen Schlafwagen nun auch zu der früher allein vorhandenen ersten Klasse auch noch eine zweite Klasse für weniger Bemittelte, und für Glücksritter sogenannte Palastwagen(Lalacs cars) hinzugefügt hat.„Ganz wie bei uns". Also auch hier mehr und mehr künstliche, nach der Anzahl von Dollars berechnete Erzeugung von Klassenunterschieden. Diesen vielfachen Schattenseiten gegenüber ist es erfreulich, daß die Arbeiterpartei in dem Lande der Selbsthülfe pur excellence(in hervorstechender Weise), also trotz Freiheit der Presse und der Versammlungen, auf einem schwierigeren Boden als indem morschen monarchischen Europa, in ihrer Organisation freilich durch die schlechten Zeiten begünstigt, durch Gründung von Vereinen und Zeitungen nicht nur bei den Deutschen, son- dern mehr und mehr auch bei den Amerikanern, Schweden, Dänen k. Fortschritte macht. lieber die Einzelnheiten ihrer Thätigkeit, die ich auf meiner Rundreise mit angesehen, kann ich mich nicht weiter verbreiten, da es mir am Borabend meiner Abreise in der That an Zeit gebricht. Uebrigens seid Ihr ja regelmäßig durch den„Bor- böte" von Chicago, durch Otto-Walster's„Arbeiterstimme" von New-Dork und durch Spezialcorrespondenten hinreichend unterrichtet. Von den letzteren lernte ich den Verfasser der im „Vorwärts" erschienenen kalifornischen Briefe, den jungen, äußerst strebsamen und talentvollen Parteigenossen Renz hier im Klauß'- schen Hauptquartier kennen. Letzteres ist in der Pacificstraße eine Schneiderwerkstätte, deren Inhaber Klauß, ein älterer energischer Sozialdemokrat, jederzeit überzeugungstreue thätige Sozialisten wie Renz, Vogel, Ralphes, Zimmermann, Anton, Rotermund, Simon?c. zur Berathung für Agitation unter den hier den Ausschlag gebenden Amerikanern empfängt, da die hiesige kleine Sektion die Arbeit der Propaganda nicht zu bewältigen vermag. Als weitere Einzelheit will ich noch erwähnen, daß die Verbreiter sozialistischer Zeitungen und Schriften, welche ihre ganze Existenz der Sache widmen und von Morgens früh bis Abends spät von Werkstatt zu Werkstatt, von Wirthschaft zu Wirthschaft wandern, die Hauptförderer der Ausbreitung der Arbetterpartei sind. Als solche aufopfernde, oft zu ihrem eigenen pekuniären Nachtheil arbeitende Sozialisten wurden mir Schumann tn Cincinnati, Herminghaus in St. Louis und Entz hier in San Francisko näher bekannt. Zum Schlüsse nur noch die Bemerkung, daß ich, wie in Amerika, so auch in den übrigen von mir noch zu besuchenden Ländern für unsere Sache fortwirken und, nach Europa zurück gekehrt, in Schrift und Wort nähere Aufschlüsse über meine Reiseerfahrungen geben werde. Auf Wiedersehen. Amand Gögg. Correjpondenzen. Stuttgart.(Entgegnung.) Den fortgesetzten Verdrehungen von G. Baßler in Nr. 60 des„Vorwärts gegenüber constatire ich 1) daß das Comitö für die Jacobyfeier zu freier Cooptation von Mitgliedern ermächtigt wurde, eventuell auch direkt von Vertretern der Volkspartei. Da wir das Lokal schließlich durch ein Parteimitglied erhalten konnten, so nahmen wir von Letzterem Abstand und begnügten uns mit der Einladung an die Volks- partei— in der einzig wir die Freunde Jacoby's zu suchen hatten— und mit der gemeinsamen Besprechung über die Redner und ein etwaiges Kosteildefizit. Das ganze Arrangement blieb iin unseren Händen. 2) Wir haben Nichts„auf Ansuchen" von der Volkspartei erhalten; sondern das Defizit wurde, wie 'verabredet, getheilt, wobei wir ca. 60 M. trugen, die Volk»- vartei ca. 90 M. übernahm und eine mittelgroße Photographie Jacoby's(ca. 20 M.) erhielt. Die Partei als solche hat über- dies von jenen 60 M. nichts zu tragen gehabt, vielmehr die große Photographie Jacoby's zum Geschenk erhalten. Zu solchem Resultat hat Baßler nichts als Hinderungen und Gegenagitation geleistet. Es ist ein Ruin für die Partei, wenn Verdächtigungen, denen hier aufzutreten der Muth wie der Boden fehlt, auswärts zur Geltung gelangen können. A. Dulk. (Mit Veröffentlichung obiger Entgegnung halten wir die streitige Angelegenheit für den„Vorwärts" für erledigt. Red. d. B.) Krtangen, 19. Mai. Heute kam es auf den hiesigen Felsen- kellern zwischen Universitätsstudenten und Arbeitern zu einer großartigen Schlägerei, welche � sich bis in die Stadt fortpflanzte und immer größere Dimensionen annahm, da die Studenten aus allen Wirthschaften herausströmten und sich an der Schlägerei betMligten. Als einer der exzedirenden Studenten verhaftet wurde, rottete sich ein Haufen Studirender vor dem Rathhause zusammen und verlangte ungestüm dessen Freilassung. Erst nachdem der Bürgermeister die Tumultuanten auf das Ungc- bührliche ihres Benehmens aufmerksam gemacht, zerstreuten sich dieselben. Im Geraufe wurde ein Polizeisoldat durch einen Messerstich schwer verwundet. An der Rauferei waren die Stu- deuten schuld, die ausdrücklich als die Exzedenten bezeichnet werden.— Man denke sich den Fall, daß Arbeiter sich vor dem Rathhause zusammengerottet hätten, um die Freigebung eines Gefangenen ungestüm zu verlangen. Dann hätte man sehen können, wie„die Flinte schießt und der Säbel haut". Vielleicht hätten auch einige Arbeiter in's Zuchthaus wandern können wegen Landfriedensbruchs. Was wird aber den Studenten ge- schehen? Vielleicht ein paar Tage Karzer tragen sie davon. Wir wollen darüber nicht schmähten; aber es soll Gerechtigkeit herrschen, und was bei den jungen„gebildeten Herren"' als jugendlicher Uebermuth, Mangel an Maßhalten, Leichtsinn:c. einigermaßen zu entschuldigen ist,'das muß auch entschuldigt werden, wo es sich um junge Arbeiter handelt. Das fordert die Gerechtigkeit, und die Gerechtigkeit in dieser Hinsicht ist es, welche wir noch vermissen. Aschersteben. Die Mitglieder des Vorstandes des hiesigen Arbeiter-Wahlvereins wurden wegen Verstoßes gegen§ 2 des Vereinsgesetzes Jeder zu 22 Mark Geldstrafe incl. Kosten, even- tuell zu zwei Tagen Haft verurtheilt, nachdem sie alle Rechts- mittel erschöpft hatten. Die Verurtheilung ist der Saumseligkeit des Vorsitzenden des Wahlvereins zu danken, der es unterlassen hatte, die Mitgliederliste bei der Polizei einzureichen. Zwei Mitglieder des Vorstandes, unter denen auch ich mich befand, konnten die Geldstrafe nicht bezahlen, und wir mußten wohl oder übel in's„Loch", um die zwei Tage Haft abzusitzen. Ueber das, was wir während der zwei Tage auszustehen hatten, will ich schweigen und nur so viel erwähnen, daß wir herzlich froh waren, als wir das Staatsquartier wieder im Rücken hatten.— Berichtigend will ich noch bemerken, daß es in der Aufforderung in Nr. 60 des„Vorwärts" heißen muß: Gottlieb und nicht Gottfried Oppermann, Gottfried Nielitz und nicht Stielitz. Heide. Ksfen, 23. Mai. Bor den Schranken der hiesigen Kriminal- Deputation stand heute Morgen der Parteigenosse Hermann Krupp von hier, angeklagt, bei Gelegenheit der vor einigen Monaten in Altendorf stattgehabten Gemeinderathswahl sich des Hausfriedensbruchs dadurch schuldig gemacht zu haben, daß er der wiederholten Aufforderung des die Wahl leitenden Bürger- meisters Kerkhoff, das Wahllokal zu verlassen, nicht nachge- kommen sei. Der Gerichtshof sprach den Angeklagten jedoch von der Anklage des Hausfriedensbruchs frei und motivirte die Frei- sprechung damit, daß, selbst wenn die Angabe des Bürgermeisters Kerkhoff, der Angeklagte sei in betrunkenem Zustande gewesen, wirklich wahr sei(was durchaus nicht feststehe), keine Beran- lassung vorliege, welche die Beschuldigung des Hausftiedens- bruchs rechtfertige. Der Bürgermeister Kerkhoff habe in diesem Falle höchstens das Recht gehabt, den Angeklagten auS dem Lokale entfernen zu lassen, da die Wahlhandlung eine öffentliche sei, und jeder Wähler der Gemeinde, gleichviel ob er in dem betreffenden Wahllokale wähle oder nicht, das Recht habe, die Wahlhandlung zu kontroliren. Aaumvurg a. d. S. Am 17. d. Mts. fand hier eine wie immer gutbesuchte Volksversammlung statt, in der Genosse Klute über das Wesen der Zuchthausarbeit und deren schädliche Einwirkungen auf das Kleinhandwerk und den Arbeiterstand re- ferirte. Der Vortrag fand im Allgemeinen guten Anklang und wurde ein Antrag angenommen, nach welchem eine Commsssion, in der möglichst viele Gewcrkc vertreten sein sollten, zu wählen ist. Diese Commission soll mit der Sammlung von Unter- schriftcn zu einer dem Reichstage zu übermittelnden Petition wegen Abänderung der Zuchthausarbeit beauftragt werden. Die acht in die Commission gewählten Herren werden ihre Schul- digkett thun, und wenn allerorts ähnlich vorgegangen wird, so kann sich die Regierung dieser gerechten Forderung nicht ent- gegenstemmen. Zum Schluß fand die Delegirtcnwahl zum Eon- greß der Deutschen Sozialdemokratie statt und verpflichteten sich die meisten der Anwesenden durch Unterschrift die Kosten einer solchen Delegation zu tragen. j Apolda. Donnerstag, den 10. Mai, Nachmittags, fand hier eine Delegirten- Versammlung der Fortschrittspartei für Thüringen statt, an welche sich Abends eine öffentliche Parteiver- sammlung anschloß, in der die Fortschrittler Eugen Richter und Träger referirten. Parisius war auch erschienen, erklärte aber nicht sprechen zu wollen. Nach Constituirung des Bureaus wurde, da schon Frühmorgens in Apolda das Gerücht umging, Bebel sei da, um Abends mit den Herren Eugen Richter und Träger in eine Diskussion einzutreten, auf Antrag Parisius für die Gegner eine zehnminütige Redezeit festgestellt, während den Referenten unbeschränkte Redezeit gesichert wurde. Ebenso wurde festgestellt!, wer von den Herren den Borsitz übernehmen solle. Nachdem dies erledigt, erstatteten einzelne Delegirte aus ihren Wahlkreisen höchst klägliche Berichte, die alle dahinausliefen, daß man in einigen Städten wohl hie und da einige Anhänger habe, eme geschlossene Bereinigung oder Organisation bis jetzt aber noch nirgends bestehe. Es wurde demnach auch beschlossen, in den verschiedenen Städten fortschrittliche Vereine zu gründen, in �err �öger hervorhob, alle die Fragen, wie sie im Reichstag zur Sprache kämen, besprochen werden sollten, damit sich die Wahl auch als eine reife Frucht ergäbe. Dann stellte fortschrittlichen Genossen die Sozialdemokraten als �cusrer ym, das wären Leute, die als unerreichbare leuchtende Bor- bilder in der Organisation sowohl als im Opfermuthc für ihre Parte, dastanden, schließlich wurden folgende Anträge ange- nommen. 1) Den hiesigen Wahlverein zu beauftragen, für einen S!ionlfsvli& llatCI Zuhilfenahme der Parlamcntscom- Mlssion des Reichstages eine Vermittelung zwischen den einzelnen Hessen herzustellen und eine Organisation für Thüringen zu schaffen. 2) Den Genossen den Auftrag mit nach Häuft u geben, m ihren Wahlkreisen bestmöglichst für Bildung fortschritt- licher Wahlvereine zu sorgen, und wird hierauf Apolda zum Vorort blS zur rachsten Versammlung gewählt. Das war der anze Zauber, den man in der Delegirten-Vcrsammlung ausge- eckt hat. Viel Geschrei und keine Wolle! Die öffentliche Parteiversammlung nahm 8 Uhr Abends ihren Anfang und wurde nach Eröffnung derselben sogleich mit- getheilt, daß heute Nachmittag beschlossen worden sei, den Vor- sitz solle das Mitglied der Fortschrittspartei für Apolda, Herr Wiedemann führen. Hierauf wird von unserer Seite zur Geschäftsordnung das Wort verlangt und erklärt, daß es Sache jeder öffentlichen Versammlung sei, ihr Bureau aus ihrer Mitte zu wählen. Diese Worte konnten aber unter dem heftigsten Ge- brüll der„gebildeten" Herren für alle kaum verständlich hervor- gebracht werden.'Raus,'naus! brüllten sie und machten sich trotz ihrer Minorität so breit, daß der Herr Vorsitzende, den Tumult benutzend, sogleich dem Hrn. Eugen Richter das Wort ertheilte, welcher dann in stundenlanger gehässiger Rede ganz denselben Unsinn zu Tage förderte, den er schon 8 Tage zuvor im 6. Berliner Wahlkreise hinter verschlossenen Thüren dem fort- schrittlichen Spießbürgerthum vorgetrommelt hatte. Ich halte es daher für überflüssig, den Lesern des„Vorwärts" zum zweiten Male denselben Richter'schen Unsinn aufzutischen. Daß Herr Richter mehrere Male hervorhob, die Sozialdemokraten hätten nur eine Rede, die brächten sie im Parlament und überall vor, kann uns bei seinen Verdrehungen nicht Wunder nehmen. Aus dem Verlangen nach der Bureauwahl hatte Herr Richter gesehen, wer die Majorität der Versammlung bildete, und begann er da- her auch mit der Einleitung, daß er gekommen sei, um vor den Bürgern Apolda's und nicht vor Leuten, die gar nicht hierher gehörten, z* sprechen. Freilich nach seinem Begriffe sind die Arbeiter von Apolda, das Volk von Apolda, welches das Recht der Burcauwahl forderte, keine Bürger dieser Stadt, bei ihm sind nur die Bourgeois Bürger. Und doch besaßen diese„Leute" mehr Takt und Anstand, als die Spießbürger, welche jedesmal, sobald die Verdächtigungen Richter's und seine Unkenntniß auf ökonomischem Gebiete zu grell zu Tage traten, und dann unserseits nur ein„Aufgepaßt", wie dies ja auch in Parlamenten ge- schieht, in die Versammlung hineingerufen wurde, mit einem nichtenden wollenden'naus!'naus! beantworteten, so daß sich dies sogar der Herr Richter, dem es anfangs ganz gut gefiel, für die Dauer verbat, indem es nur den Verlauf der.Versammlung störe.— Die Parteidisziplin der Apoldaer Genossen hat sich an jenem Abend glänzend bewährt, denn selbst Verdächtigungen Lassalle's konnten nur eine unruhige aber keineswegs die Versammlung störende Bewegung hervorrufen. Richter hob unter anderem auch hier wieder hervor, die Sozialdemokratie wolle das Erbrecht und alles Eigenthum abschaffen, und außer dem Staate solle dann weiter kein Arbeitgeber existtren. Heut wäre es jedem Arbeitnehmer freigestellt, wenn es ihm bei einem Arbeitgeber nicht mehr gefalle, bei einem andern Arbeit zu suchen, dies aber würde ihm in einem sozialistischen Staate nicht mehr möglich sein, da falle jede Privatindustrie weg, da wäre er an den einen Arbeitgeber gebunden und müsse unbedingt thun, was ihm dieser vorschreibe. Dies wäre der echte Polizeistaat, wo Polizeidiener und Exekutor hinter dem Arbeiter stehen. Herr Träger lobte die Gewerbeordnung und Freizügigkeit, die schon Herr Richter in ein günstiges Licht zu stellen nicht unterlassen hatte und sprach der Sozialdemokratie wenigstens eine gewisse Berechtigung nicht ab, sowie er überhaupt in semeni Vor- trage nicht in gehässiger Weise, wie der„edle" Enzen, vorging. Zum Schluß hob Redner noch hervor, man möge ihnen die Ueberzeugung geben, daß sich die Versammlung mit ihnen im Einverständniß befinde, denn es gewähre eine große Beruhigung, sich im Einklang mit dem Volke zu wissen, und wenn man sie (die Redner) nicht richtig verstehe, so solle man wenigstens nie- mals an ihrem guten Willen und an ihrer Ehrlichkeit zweifeln! Gut! Sollen wir wirklich nicht an ihrer Ehrlichkeit zweifeln, so müssen wir ihnen doch entschieden jedes richtige Verständniß der Geschichte und die Kenntniß in volkswirthschaftlichen Dingen, ohne welche einem Volke mit allem guten Willen und aller Ehr- lichkeit nicht geholfen werden kann, absprechen. Von unserer Seite trat als Sprecher Klute auf. Derselbe meinte, daß man in der Zeit von 10 Minuten nicht im Stande sei, stundenlange Reden, wie die eben gehaltenen, zu widerlegen und alle darin enthaltenen Beschuldigungen zurückzuweisen. Die Sozialdemo- kraten hielten es für eine Ehrensache, in ihren Versammlungen den Gegnern unbeschränkte Redezeit zu gestatten. Ferner empfahl er Hrn. Richter, da derselbe die Sozialdemokratie beschuldigt habe, daß sie das Eigenthum negire, das Werk eines ganz unparteiischen Mannes, eines Hrn. Seffners, in welchem derselbe ausführe, was eigentlich Eigenthum sei, zu lesen. Uebrigens werde mit dem Fortschritt der Fortschrittspartei zu viel Wesens getrieben. In seiner Replik verstieg sich Herr Richter zu der dreisten Behauptung, daß- es in allen freieren Staaten, wie Amerika, Schweiz und England gar keine Sozialdemokratie gebe, denn, wo die Freiheit anfinge, hörte die Sozialdemokratie auf! In Frankreich(Redner stockt— dumpfes Gemurmel des Staunens) da, nun da giebt es die Kommune.— Das Wort kam offenbar schwer über seine Lippen, er hätte wohl gern darüber geschwiegen, aber vas Wort Frankreich war nun einmal seinen Lippen ent- schlüpft und nun konnte er doch nicht anders als zuzugeben, daß es in Frankreich Sozialisten gebe. Ufert, der jetzt zu Worte kam, wies ebenfalls auf das Ungebührliche der Beschränkung der Redezeit für Gegner hin und sprach den Wunsch aus, daß es ihm später möglich werde, all den der Sozialdemokratie ange- dichteten Unsinn in einer anderen Versammlung widerlegen zu können. Nachdem nun Herr Richter wiederum längere Zeit ge- sprochen hatte, bekam Klute nochmals das Wort. Er wies den Vorwurf Richter's zurück, daß die Sozialdemokratie auf die Unter- nehmer schimpfe. Die Sozialdemokraten wüßten sehr wohl, daß die Unternehmer das Produkt ihrer Zett seien, sie kämpfen daher nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen die herrschenden Zustände an. Wer ferner die Arbeiterbewegung kenne, würde auch wissen, daß dieselbe in allen Kulturstaaten bestände, daß aber in England die Sozialdemokratie nicht so an Boden ge- Winne wie in Deutschland, das käme von der politischen Freiheit Englands her. Die Versammlung verlief soweit ruhig, ob aber zu Gunsten der Fortschrittler, das ist eine andere Frage. ' macht wurde, daß er, sobald b:.e Statulenfrage erledigt und alle vor- l zunehmenden Maßregeln und Einrichtungen zur gedeihlichen Weiter- cntwickelung des Verbandes getroffen wären, seine Stellung aufgeben wolle, resp. aus geschäftlichen Rücksichten aufzugeben gezwungen sei, haben wir zu erklären: daß der Borsißende keineswegs gesonnen ist, seine Stellung eher aufzugeben, als bis die Bestätigung der Stu- tuten erfolgt ist und dieselben an die Genossen verabfolgt sind. Zur Klärung dieser Angelegenheit sei noch bemerkt, daß der 1. Vorsitzende vom 1. Juli d. I. ein Geschäft(Restauration) auf eigene Rechnung zu betreiben gedenkt, und will derselbe, um gewissen Vorurtheilen, welche von den Mitgliedern sowohl als vom Publikum gehegt werden könnten, vorzubeugen, seine Stellung freiwillig aufgeben. Wenn auch der Borstand und die Controlcommission dem Borsitzen- i den in seiner Existenzfrage nicht hinderlich sein können und hinderlich sein werden, so behalten sich der Vorstand und die Controlcommission! das Recht vor, zunächst zu entscheiden, resp. durch eine Generalver- sammlung entscheiden zu lassen, ob der Vorsitzende seine Funktion auf- geben kann, bez. aufzugeben gezwungen sein könnte. Vorurtheile kön- nen nur Diejenigen hegen, welche von der Sachlage keine genaue Kenntniß haben. Solchen Vorurtheilen aber entgegenzutreten, wird jederzeit Pflicht der Verwaltungsbeamten sein. Lugau-Niederwürschnitz, den 21. Mai. Die Control-Commissiou. Zwickau, den 27. Mai. Der Gesammt-Vorstand. Briefkasten der Expedition. F. Uhlg Loschwitz: Senden Sie SS Pfg. in Briefmarken ein und wir senden Ihnen das Gewünschte per Kreuzband franko zu. Quittung. Expedition id.„Wahrheit" Breslan Ab. 1200,00. Gglr hier„N. W." 17,40. Grtkp München Schr. 1,10. Gth Neustadt a. d. H.„N. W." 14,10. Gth Meinmgen Schr. 5,60. Fllrmnn Bre merhaven„N. W." 37,00. Lndnr Hohenrauten Schr. 4,80. Frkl Budapest Schr. 27,20. Ebrt Zwickau Ann. 3,60. Krth Limbach Schr. 0,45. Kfmnn Bludenz Schr. 15,00. Albrts Eßlingen„N. W." 12,00. Byr Bockenheim f. Hhn„N. W." 8,00. Wlf Ärzberg„N. W." 2,12. Mrtn Schmölln ,.N. W." 3,60, Schr. 3,25. Hß Altona„N. W." 12,00. Schmdt Hannover Ab. 100,00. Engl Reudnitz Ab. 24,00. Rtr Ge- lenau„N. W." 17,60. Anzeigen sc* (SltltltONPt* � Sozialdemokratischer Wahlvereiu. «yvVUUVVV*-. Sonnabend, den 2. Juni, Abends 8>/. Uhr, im Vereinslokale, Mittelstraßc Nr. 11: Geschlossene Versammlung. Tagesordnung: Abrechnung und Verschiedenes. D. B.(60 Berichterstattung des Delegirten von der Generalversammlung zu Gotha. Zahlreiches Erscheinen erwartet(2b) Der Bevollmächtigte.(50 Allgemeine deutsche Assoziations-Buchdruckerei zu Berlin (Eingetragene Genossenschaft.) Den Mitgliedern zur Nachricht, daß die diesjährige Ordentliche Generalversammlung am Sonntag, den 1. Juli, Morgens um 10 Uhr, in Sander's Restaurant, Prinzenstr. 45a, oberer Saal, zu Berlin, stattfindet. Laut§ 21 der Statuten sind die Anträge zur Generalversammlung bis spätestens den 10. Juni bei dem Unterzeichneten einzureichen. Nur diejenigen Mitglieder, welche gemäß ß 11 ihre Pflichten erfüllt haben, sind zur Stellung von Anträgen berechtigt. Hamburg, den 24. Mai 1877. Der Aufsichtsrath. I. A.: (2b) August Geib, Rödingsmarkt 12.(570 Wir empfehlen: Grundzüge der Nationalökonomie von C. A. Schramm. 76 Seiten Oktav, Einzelpreis 25 Pf., in Partien bezogen 20 Pf. pr. Exp' Die Expedition des„Borwärt»". Soeben erschien im Verlag der Buchhandlung deS„Zeitgeist" in München: Juristisches Taschenlerikon! von Dr. Lehn. Unentbehrlicher Rathgeber in Prozeßsachen. Wichtig für Arbeiter, Kleingewerbetreibende, Kaufleute:c. Das Werk ist zudem noch ein leichtfaßlicheS, übersichtliches Hand- buch für Prüfungs-Candidaten.(300 7 Bg. 8. PreiS 1 Mark.(3a) Durch uns ist zu beziehen: Que Faire? Französischer Roman von Tchernyschewsky. 33 Bogen stark. PreiS 4 Mark. Die Expedition des„Vorwärts". Durch die Buchhandlung des„Vorwärts" ist zu beziehen: „Das preußische Regiment" vor Gericht. Rede, gehalten von Ludwig Mau zu seiner Bertheidigung vor' dem Stadtgericht zu Frankfurt a. M. Preis: 30 Pf. Inhalt: Vorwort.— Auszüge aus dem Münchener Kunstbericht, — Anklageschrift.— Gerichtsverhandlung.— Rede Ludwig Pfau'S.— Urtheil. Durch uns ist zu beziehen: Verband sächsischer Berg- und Hüttenarbeiter. Die in Nr. 57 d. Bl.(16. Mai) erlassene Bekanntmachung hat unter den Genossen einige Bedenken hervorgerufen, und sehen wir uns veranlaßt, um etwaigen Mißdeutungen vorzubeugen, folgendes zu er- i klären: Der Abgang unseres Hauptkassirers war dem Vorstande sowohl als der Controlcommission seit längerer Zeit bekannt. In Folge der sich mehrenden Gefchäfte und bei feinem leidendem Gesundheitszustände ist derselbe, trotz seiner Leistungsfähigkeit und Gewissenhaftigkeit, nichts mehr in der Lage, all den an ihn gestellten«nsorderungcn nachkommen zu können. Dazu kommt noch, daß sich einzelne Individuen angelegen' sein ließen, Verdächtigungen gegen den Hauptkalsirer auszusperchcn, in! denen der gute Wille und die Redlichkeit des Kassirers(derselbe halle j 500 M. Caution gestellt) angezweifelt wird. Das bewog den Haupt- kassirer, eher als er eigentlich wollte, seine Stellung auszugeben. Gegen- über den Gerüchten, daß seitens des Borsitzenden die Andeuwng ge-! Zur Grund- und Bodensrage von Wilhelm Liebknecht. 2. vervollständigte Auflage. Preis per Exemplar 0,75 Mark. Die Expedition des„Borwirts". Verantwortlicher Redakteur: R. Seiffert in Leipzig. Redaltion und»rvedition Fiirberstraßc 12.11. m Leipzig. Druck und Verlag der Genofi-nschastsbutdruckerei w Leipzig Hier»« ei»« Beilage. Extra- Beilage zu Nr. 63 des„Vorwärts". Mericht des Kentrat-Wahlcomits's. Als im vorigen Jahre der Congreß der deutschen Sozialdemo- kraten seine Tagesordnung erschöpft hatte und zum Schluß der Verhandlungen gelangt war, wurde von Seiten des damaligen Vorsitzenden der Wunsch ausgesprochen, daß die Verhandlungen und gefaßten Beschlüsse reiche Früchte tragen und daß besonders die bevorstehende Wahl dafür Zeugniß ablegen möge, daß unser Streben im Volke Verständniß finde und unser Einfluß in ste- tigem Wachsen begriffen sei. Heute nun sind wir in der Lage, darüber zu urtheilen, ob der damals ausgesprochene Wunsch sich erfüllt hat oder nicht. Als Mitglied des Central-Wahlcomitss, das von dem vorjährigen Sozialistencongreß zu dem ausdrück- lichen Zweck eingesetzt worden ist, die Wahl- und Parteiagitation zu leiten, erlaube ich mir im Auftrag des Central-Wahl- comitäs einen kurzen Ueberblick über die wesentlichen Vorkomm- nisse und vor allem über die unsererseits ergriffenen Maß- nahmen vor, während und nach der Wahlcampagne zu geben. Nachdem das Central- Wahlcomits sich constituirt hatte und dies in den Parteiorganen den Parteigenossen mitgetheilt war, wurden sofort Anstalten getroffen, um zunächst deck Druck des Congreß-Protokolls möglichst schnell zu besorgen. Leider hatten die darauf gerichteten Bemühungen nicht den gewünschten Erfolg, da durch die Herstellung des Protokolls in Berlin viel Zeit durch Hin- und Hersenden von Manuscript, Correkturbogen u. s. w. verloren ging. Im Ganzen wurden 3500 Protokolle gedruckt, welche bis auf einen kleinen Rest verkauft sind. In Bezug auf die Agitation knüpften wir an die bereits bestehenden Einrichtungen an. Unser Augenmerk war haupffäch- lich darauf gerichtet, diejenigen Wahlkreise, welche laut Congreß- beschluß für„offizielle" erklärt waren, zu berücksichtigen. Zu diesem Zweck setzten wir uns mit den bereits bestehenden Cen- tral-Wahlcomitäs der einzelnen Kreise in Verbindung und sorgten auch dafür, daß, wo solche Comics noch nicht bestanden, die- selben in's Leben gerufen wurden. Unsere Hauptsorge ging da- hin, sowohl die agitatorischen Kräfte als auch die vorhandenen und voraussichtlichen Geldmittel zweckentsprechend und möglichst gleichmäßig zu vertheilen. Als Agitationskräfte standen uns zunächst 6 ständige Agitatoren mit vollem Gehalte zur Verfü- Sung. Dazu kamen weitere 18 Agitatoren mit monatlichen Zu- Hüffen, von denen indeß einzelne während der letzten 6 Wochen vor der Wahl und während oer Stichwahlen vollbezahlt wurden, und außerdem wurde noch an 16 Wahlkreise 4 Monate lang und an 4 Wahlkreise 2 Monate vor der Wahl ein bestimmter Zuschuß bezahlt. Die Zuschüsse variirten in Beträgen non 15 bis 150 Mark pro Monat. Hierzu kommt noch, daß durch- gehends alle Candidaten direkt in den Wahlkampf eingriffen und eine Reihe derselben auf Veranlassung des Central-Wahlcomitäs nicht nur in ihren Wahlkreisen wirkten, sondern sich auch gegenseitig unterstützten und aushalfen. Außer den hier aufgeführten ständigen Agitatoren und mit Zuschuß bedachten Parteigenossen haben noch eine ganze Reihe anderer Parteigenossen und besonders die an der Lokalpresse angestellten Beamten sich in hervorragender Weise an dem Wahl- kämpf betheiligt, wodurch es denn auch möglich geworden war, daß in 175 Wahlkreisen sozialistische Candidaten aufgestellt und für dieselben gewirft werden konnte. Auf dieselben fielen, wenn wir das bei den Stichwahlen abgegebene Resultat zählen, 559,211 Stimmen. Rechnet man aber das Ergebniß der Stichwahlen nicht hinzu, so verbleiben als am 10. Januar für Sozialisten abgegebene Stimmen 496,843. Ein Vergleich mit dem Wahl- resultat vom Jahre 1874 zeigt uns, daß damals insgesammt, also bei der Hauptwahl und Stichwahl, 379,512 Stimmen, bei der Hauptwahl allein aber 356,153 Stimmen abgegeben wurden. Wir haben sonach bei der Hauptwahl 140,690 Stimmen mehr als im Jahre 1874 erhalten. Als besonders interessante Erscheinungen bei der Wahl glauben wir Folgendes verzeichnen zu müssen: erstens die Thatsache, daß das Stimmenmehr wesentlich auf Conto der großen Städte und Sachsens zu setzen ist, zweitens die außergewöhnlich vielen Stichwahlen, an welchen wir betheiligt waren, drittens die Er- scheinung, daß bei den letzten Wahlen die Vereinigung aller gegnerischen Parteien gegenüber der Sozialdemoftatie in einem viel höheren Maße der Fall war, als bei früheren ähnlichen Anlässen. Wir können deshalb mit vollem Recht sagen, daß die beinahe 600,000 Stimmen, welche bei der letzten Wahl auf Kandidaten der Sozialdemoftatie fielen, fast ausnahmslos von bewußten Anhängern der sozialistischen und demokratischen Grundsätze abgegeben wurden. Die geringen Ausnahmen, wo volks- parteiliche Elemente und katholische Arbeiter bei Stichwahlen für unsere Candidaten stimmten, fallen gegenüber dem Gesammfte- sultat kaum in's Gewicht. Zur Jllustratton der oben angeführten, besonders beachtens- werthcn Erscheinungen sei hier auf die Wahlresultate in Berlin, Hamburg, Breslau, Altona, Magdeburg, Barmen- Elberfeld, Bremen. Braunschweig. Dresden, Leipzig, Chemnitz, Nürnberg und Stuttgart hingewiesen. Ueberall in diesen Städten und in emer ganzen Reihe anderer, hier nicht genannter, hat eine ganz überraschende Steigerung der sozialistischen Stimmen stattgefun- » r™""öelnen derselben, wie in Berlin, Magdeburg, Breslau, Nürnberg, hat sich die Stimmenzahl geradezu verdoppelt. Besonders interessant ist auch, wie sich die Gegner der sozia- ttstMchen Bewegung mit dieser Thalsache abgefunden haben. Wahrend sie nach den Wahlen vom Jahre 1874 mit vollen Backen in die Welt hinausposaunten, daß die Sozialdemokratie nur Anhang finde bei dem Fabrikproletariat und bei der„ver- kommenen" ländlichen Jndustriebevölkerung, dagegen aber die Be- völkerung der großen Städte, welche damals als„Hort der In- telligenz und Bildung" bezeichnet wurden, den„Irrlehren" der sozialisttschen Partei völlig unzugänglich geblieben sei, greifen sie jetzt zu der entgegengesetzten Ausflucht. Da die Thatsache sich nicht wegleugnen ließ, daß die meisten großen Städte über raschend günstig für die Sozialdemokratie gestimmt hatten, Berlin und Dresden sogar sozialistische Abgeordnete in den Reichstag gesendet hatten, in den meisten der übrigen Städte sich aber die Sozialdemokratie als die relativ stärkste Partei erwiesen hatte, deren Sieg nur durch die Verbindung aller gegnerischen Par- teien und unter Preisgabe von deren Grundsätzen verhindert werden konnte, so wurden mit einemmale die vorher so hoch- gepriesenen Städte als„die Stätten für vaterlandsloses Ge- sindel", der„Umsturzparteien" und der„politischen Unreife" bezeichnet. Dagegen gilt jetzt der Bauer als letzter Hort und Schirm der„Ordnung", des„Friedens" und des„Gesetzes". „Der Landmann hat mit fester Hand die schwankende Wage in's Gleichgewicht gebracht und den rollenden Stein, der die bestehende Ordnung zu zertrümmern drohte, aufgehalten." Solche und ähnliche Phrasen sind jetzt an der Tagesordnung, um den gläubigen Lesern derBour- geoisblätter die Thatsache des Rückgangs aller sozialistenfeind- lichen Parteien in den Städten begreiflich zu machen. Oben ist gesagt, daß das Mehr der Stimmen, außer auf die großen Städte, wesentlich mit auf Sachsen fällt. Die Richtig- keit dieser Behauptung ist am besten durch Zahlen zu beweisen. Während in Sachsen bei der Wahl am 10. Januar 1874 80,000 Stimmen abgegeben wurden, fielen am 10. Januar 1877 laut offizieller Angabe 127,000 Sttmmen auf unsere Candidaten, d. h. 70,000 Stimmen mehr, als die zweitstärkste Partei, di� conservative, Stimmen erhielt. Daß diese Stimmen aber nicht blosvonder städtischen oder Jndustriebevölkerung abgegeben wurden, sondern daß auch die Landbevölkerung Sachsens der Sozialde- mokratie Sympathien entgegenbringt, das beweist die Thatsache, daß Wahlfteise wie der 10., 11. und 14., welche wesentlich Landbevölkerung aufweisen, Tausende von Stimmen für unsere Candidaten abgaben, und daß der 13. Wahlkreis, trotz seiner Landbevölkerung, sogar einen Sozialdemokraten in den Reichs- tag sandte. Dies und die Thatsache, daß mit Ausnahme deS Herzog- thums Anhalt und des 9. schleswig-holsteinischen Kreises nirgends ein Rückgang der Stimmen, auch in Landdistriften nicht, zu ver- zeichnen ist, wohl aber da, wo eine energische und geschickte Agi- tation entfaltet wurde, wie z. B. im 1. Braunschweiger Wahl- kreis, wesentliche Fortschritte gemacht wurden, zeigt hinlänglich, auf wie schwachen Füßen die Behauptung unserer Gegner steht, „der gesunde Sinn unserer Landbevölkerung weise die sozialistt- schen Lehren zurück". Was die Stichwahlen betrifft, so sei nur darauf hingewiesen, daß wir im Jahre 1874 deren nur 10 hatten, während sie im Jahre 1877 von 10 auf 20 stiegen. Daß wir bei diesen 20 Stichwahlen nur in 3 Kreisen(DreS- den-Altstadt, Reichenbach-Neurode i. Schl. und Solingen) als Sieger hervorgingen, ist insofern interessant, als sich bei diesen Anlässen besonders scharf hervorhob, wie alle zur Schau ge- tragenen Parteiunterschiede der antisozialistischen Parteien ein- fach Heuchelei sind und wie die Gegner alle einig sind, sobald es gilt, einen Candidaten des arbeitenden Volkes zu bekämpfen. Fortschrittler und Nationalliberale, die sich vor den Wahlen gegen- jeitig Schauspieler titulirten und Verrath an den Kopf warfen, Conservative und Liberale, die sonst nur als von Gründern und Reaktionären von einander sprachen, ja selbst Ultramontane und „Kulturkämpfer", wie uns die Stichwahl in Barmen zeigte— gingen vereint und versöhnt miteinander, nur um den bösen Sozial- demoftaten nicht zum Siege gelangen zu lassen. Trotz all' dieser unerhörten Anstrengungen aber und trotz all' der schamlosen und perfiden Verleumdungen, in welch letzterer Beziehung sich besonders das fortschrittliche Centralcomitä, allen voran aber Eugen Richter auszeichnete, haben die Stichwahlen doch ein ebenso überraschendes als für die Sozialdemokraten erfreuliches Resultat ergeben, nämlich die Thatsache, daß in den 20 Kreisen, wo derartige Wahlen anstanden, 62,368 Stimmen mehr für die sozialistischen Candidaten abgegeben wurden, als bei der Hauptwahl am 10. Januar 1877. Halten wir dem gegenüber, daß bei den 10 Stichwahlen im Jahre 1874 nur 23,359 Stimmen mehr als bei der Hauptwahl abgegeben wur- den, so zeigt sich auch hier ein ganz gewaltiger Fortschritt. Für die Gegner aber war das Resultat bei den Nachwahlen beson- derS insoweit überraschend, als zu Tage ftat, daß am 10. Januar die Sozialdemoftatie durchaus noch nicht ihre letzten Reserven in's Treffen geführt hatte. Das sei uns ein Fingerzeig für zu- künftige Wahlen. Wenn bis jetzt nur von den Erfolgen und Fortschritten der Sozialdemoftatie bei den Wahlen die Rede war, so geschah dies, weil wir mit vollem Recht auf diese Erfolge hinweisen konnten; damit soll aber freilich nicht gesagt sein, daß wir keine Nieder- lagen, ja theilweise sogar sehr empfindliche Niederlagen zu ver- zeichnen hätten. Hierher gehört zunächst der Verlust verschie- dener Wahlkreise, die während der Legislaturperiode von 1874 bis 1876 von Sozialdemokraten vertreten wurden. Obwohl wir in der vorigen Periode nur 9 Abgeordnete hatten und diesmal deren 12 zählen, so haben wir doch von den früher besessenen Kreisen 5 verloren, und zwar sind dies Barmen-Elberfeld, der 8. und 9. schleswig-holsteinische, und der 9. und 15. sächsische Wahlkreis. Was die Ursachen dieser Niederlagen betrifft, so muß zunächst darauf hingewiesen werden� daß sämmtliche verloren gegangenen Wahlkreise imJahre 1874 der Sozialdemokratie zum Theil erst erobert, theils in früheren Wahlkämpfen verloren und damals erst wiedergewonnen worden waren, und daß in Folge dessen die Gegner ganz naturgemäß die energischsten Anstrengungen machten, diese Kreise zurück zu erobern. Dies gilt besonders von Barmen-Elberfeld, dem 15. sächsischen und dem 9. schleswig- holsteinischen Kreise. Der 9. sächsische Kreis wäre wohl nicht verloren gegangen, wenn der frühere Vertreter desselben auch diesmal dort wieder candidirt hätte, und der 8. schleswig-hol- steinische Kreis(Altona), der ja bei der Hauptwahl behauptet worden war, ging erst verloren, als durch die Doppelwahl des früheren Vertreters des Kreises sich eine Nachwahl nothwendig machte, die dann in Folge unqualifizirbaren Verhaltens einiger sogenannter Auchsozialisten zur Stichwahl und bei dieser Ge- legenheit in Folge unerhörter Manöver und Gewaltthätigkeiten der Gegner zur'Niederlage für uns führte. Wenn aber auch die Thatsache feststeht, daß wir fünf Wahl- kreise verloren haben, so steht dem gegenüber die Eroberung von acht neuen Kreisen, und außerdem— und das ist das wcsent- lichste— haben die Stimmresultate in den verloren gegangenen Wahlfteisen durchaus keinen Rückgang, sondern im Gegentheil einen Zuwachs für uns ergeben. Niederlagen wie in Barmen- Elberfeld, Altona, im 9. und 15. sächsischen Kreis mit Minori- täten von 14, 13, 9 und 7000 Stimmen lassen sich ertragen und sind für eine Partei, wie die Sozialdemokratie, die, wie die That achen beweisen, in ständigem Aufblühen begriffen ist, nur ein Sporn zu erneuter und noch energischerer Agitation und Organisation als bisher.- Diese Wahlkreise sind nicht verloren, sie sind nur vorüber- gehend in anderen Besitz gerathen. Daß der 9. schleswig-hol- stemische Kreis eingebüßt wurde, konnte nicht überraschen. Wer die dortigen ganz außergewöhnlichen Verhältnisse kennt, in denen� die Arbeiter leben, Verhältnisse, die sich von denen des Hörigen zu seinem Herrn wenig unterscheiden, der konnte wohl voraus- sehen, daß es dort so kommen würde, wie es gekommen ist. Die dortige ländliche Arbetterbevölkerung lebt in vollständiger Abhängigkeit von den Grundbesitzern, und haben letztere denn auch bei der Wahl dieses Verhältniß in der rücksichtslosesten Weise ausgenützt. Wer sich erinnert, daß Hunderte von länd- lichen Arbeitern, nachdem das Wahlresultat vom 10. Januar 1874 bekannt wurde, von ihrer Heimath und ihrem Besitzthum, an dem ihr und ihrer Boreltern Schweiß klebte, getrieben wurden, den kann es nicht nur nicht verwundern, daß dieser Kreis ver- loren ging, sondern der muß erstaunen darüber, wie sich unter solchen Verhältnissen immer noch 4823 Männer fanden, welche für den Candidaten der Sozialdemokratie ihre Stimme abgaben. Wenn einzelne Stimmen laut wurden und darauf hinwiesen, daß in Bezug auf die Auswahl der offiziellen K'reise Fehler gemacht wurden und mancher nichtoffizielle Wahlfteis ein gün- stigeres Resultat ergeben habe, als ein sogenannter offizieller, sv ist letzteres zwar richtig, andererseits steht aber fest, daß die Bestimmungen betreffs der offiziellen Kreise von den Vertretern der Gesammtpartei aus dem vorjährigen Sozialisten-Congreß getroffen wurden, und dann muß auch beachtet werden, daß im Großen und Ganzen die gemachten Voraussetzungen als zufteffend sich erwiesen. Dabei muß aber auch auf eine Schattenseite des Wahlergebnisses hingewiesen werden, nämlich auf die Thatsache, daß es auch diesmal noch nicht gelungen ist, in dem industriell so hoch entwickelten Rheinland-Westphalen größere Eroberungen zu machen. Die Ursachen hiervon sind bekannt und liegen theils cm„Kulturkampf", theils aber in unseren eigenen inneren Partei- Verhältnissen jener Gegenden, deren Gestaltung und Eigenart übrigens nicht Folge von Vorgängen aus den letzten Jahren ist. Indeß wenn sich auch nicht von großen Erfolgen aus jenen Gegenden sprechen läßt, so ist es doch unleugbar, daß auch dort wesentliche Fortschritte gemacht wurden, wofür die in fast allen Kreisen gegen 1874 vermehrten sozialistischen Stimmen und der Sieg in Solingen Zeugniß ablegen. Wenn wir also auch zugestehen müssen, daß wir in mancher Beziehung Schlappen erlitten haben, und daß von mancher Gegend ein günstigeres Resultat hätte erwartet werden können, so überragen doch unsere Erfolge bei weitem unsere Erwartungen, und den Gegnern verursachten sie gradezu panischen Schrecken. Als ein ganz besonderer Erfolg unserer Agitation muß es aber bezeichnet werden, daß in den Kreisen des arbeitenden und leidenden Volkes und besonders auch,(und hier können wir uns auf das Zeugniß der Gegner berufen) bei dem unteren Beamten- stände unsere Grundsätze immer mehr Beachtung und Verständniß finden. Auch in diesen Kreisen greift die Ueberzeugung nunmehr Platz, daß nur durch die Umgestaltung der gesellschaftlichen Ver- Hältnisse im sozialistischen Sinne eine Besserung der Verhältnisse überhaupt möglich sei. Dieser Umwandlung der Gesinnung in den sogenannten unteren Schichten ist es denn auch zu danken, daß man nach oben mehr und mehr mit der eigentlichen Farbe herausrückt. Zu dem Säbel der haut, und der Flinte die schießt kam bei der letzten Wahl ein dritter Bundesgenosse— die Religion. Die liberale Partei, welche den„Kulturkampf" kämpft und ausgesprochene Atheisten, wie Virchow u. s. w., als Führer an ihrer Spitze hat, sie wurde aus Angst vor der Sozialdemo- krattc gottesfürchtig und rief die Religion als Schutzmittel gegen uns an. Gleich Franz Moor in der Verzweifluugs-Scene»er- suchte die Bourgeoisie im Wahlkampf zu beten und so die Schrecken des Sozialismus zu bannen. Diese vollständige Preis- gäbe aller Gesinnung und aller Prinzipien hat denn auch dies- mal noch ausgereicht, um bei den meisten Stichwahlen die So- zialisten zu schlagen. Wie lange die Wähler aber politische Chamäleons wählen werden, ist freilich eine andere Frage. Eines aber ist heute schon sicher: die sozialistische Agitation ist heute schon stark genug, um die Bourgeoisie zur Verleugnung aller ihrer Grundsätze zu zwingen; die Bourgeoisie ist fromm ge- worden durch uns, und ihre Siege über uns tragen als richtige Signatur die Firma: Gottes Segen bei Cohn! Zu den Erfolgen, welche wir zu verzeichnen haben, hat neben der mündlichen Agitation wesentlich unsere Presse mit beigetragen. Zunächst muß hier der auf Grund eines vorzährigen Congreß- Beschlusses erfolgten Verschmelzung der beiden früheren Central- organe„Neuer Social-Demokrat" und„Bolksstaat" Erwähnung gethan werden. Dieselbe vollzog sich ohne besondere Anstände und gelang es durch vereintes Zusammenwirken, den für Berlin entstandenen Ausfall zu decken und auszugleichen. Das neu ins Leben gerufene Centralblatt„Vorwärts" erfreute sich der besten Aufnahme, und konnte dasselbe kurz nach seinem Bestehen seinen Lesern die gewiß erfteuliche Mittheilung machen, daß die Zahl der Abonnenten über 12,000 betrage. Neben dem„Vorwärts" bestehen in Deutschland noch 41 sozialistische Blätter, ein ebenfalls sozialistisch gehaltenes belle- tristisches: Blatt„Die Neue Welt" und 14 Gewerkschastsorgane, welch letztere mehr oder minder ebenfalls im Geiste des So- zialismus gehalten sind. Von den 41 politischen Organen der deutschen Sozialdemokratie erscheinen 13 wöchentlich sechsmal, 14 wöchentlich dreimal, 3 wöchentlich zweimal, 11 wöchentlich einmal. 25 dieser Blätter werden in von Parteigenossen be- gründeten Druckereien hergestellt, deren derzeit vierzehn in Deutsch- land existiren. Ein Vergleich der sozialistischen Zeitungsliteratur mit dem Vorjahr zeigt uns eine Zunahme von 18 Blättern im Laufe der letzten 9 Monate. Der Aufschwung unserer Presse ist deshalb ein gradezu großartiger zu nennen, zumal dieselbe nicht blos in Bezug auf die Zahl der Blätter zugenommen, sondern sich, und das ist das wesentlichste, in Bezug auf Abonnenten mindestens verdoppelt hat. Wenn auf dem vorjährigen Congreß die Zahl der Abonnenten inclusive des Unterhalwngsblattes„Die Neue Welt" auf nahezu 100,000 angegeben werden konnte, so beläuft sich dieselbe jetzt nach den Wahlen ohne„Die Neue Welt" auf weit über 100,000,„Die Neue Welt" selbst aber hat einen Abonnentenstand von 35,000, der von Woche zu Woche steigt. Nicht ohne Interesse dürfte es sein, die Zahl der Redakteure unserer Blätter und deren frühere Beschäftigungsart kennen zu lernen. Nicht selten machen unsere Gegner den lächerlichen Ein- wand, daß die geistige Führung der Sozialdemokratie sich durch- gehends in Händen von„verbummelten Genies" aus den so- genannten besseren Ständen befindet. Literaten die ihren Beruf verfehlt, davongejagte Offiziere, verbummelte Studenten sollen es gewöhnlich sein, welche bei uns das große Wort führen und unter deren geistiger Leitung die Partei steht. Sehen wir zu, ob diese Behauptung wahr ist. Bei den oben angeführten 41 politischen Organen und dem Unterhaltungsblatt sind im Ganzen 44 Redakteure angestellt. Die geringe Zahl von Redakteuren erklärt sich einestheils dadurch, daß mehrere Blätter nur Zweig- blätter sind, andererseits durch die große Zahl von Mitarbeitern aus allen Ständen, deren sich eine ganze Reihe unserer Blätter erfreuen. Unter diesen 44 Redakteuren unserer Zeitungen befinden sich nach einer genauen Zusammenstellung: zwölf Literaten mit fast durchgehends akademischer Bildung, elf Schriftsetzer, vier Kaufleute, drei Schlosser, ein Maurer, ein Lohgerber, ein Riemen- dreher, ein Mechaniker, ein Cigarrenarbeiter, ein Zimmermann, ein Böttcher, ein Schuhmacher, ein Goldarbeiter, ein Buchhändler, zwei Schneider, ein Lehrer, ein Zeichner.— Thatsache also ist, daß über zwei Drittel unserer Preßvertreter direkt aus dem Arbeiterstand hervorgegangen sind und daß von jenen„unsauberen Elementen", welche unsere Gegner so stark in unseren Reihen vertreten glauben, oder doch wenigstens zu glauben vorgeben, keine Rcde sein kann. Lumpe suchen ihren Vortheil nicht bei den Verfolgten, wohl aber bei den Verfolgern. Neben unseren Preßorganen mag der Vertrieb der Broschüren und des Kalenders„Armer Conrad" hier noch Erwähnung finden. Was den Vertrieb der Broschüren betrifft, so wächst derselbe von Monat zu Monat, und dringt die sozialistische Literatur heute in Kreise ein, wo man es vor 2—3 Jahren kaum zu hoffen wagte. Als Beispiel sei hier erwähnt, daß von der Bracke'; chen Agitations- schrift„Nieder mit den Sozialdemokraten" während des Wahl- kampfes allein nahezu 100,000 Stück vertrieben worden sind. Der Kalender ist in einer Auflage von 50,000 Exemplaren er- schienen und verkaust. So ersteulich nun auch die Ausbreitung und Vermehrung unserer Presse ist, so muß doch an dieser Stelle vor allen über- eilten Schritten und besonders vor schlecht fundirten Uuterneh- münzen gewarnt werden. Die Presse soll sein und ist unser bestes Agitations- und Kampfesmittel, aber damit es dieses sein kann, muß dieselbe möglichst selbstständig und sicher gestellt sein. Pflicht aller Parteigenossen ist es deshalb, bevor sie an die Neubegrün- dung von Parteiorganen herantreten, sich genau zu überzeugen, ob die Möglichkeit der Existenz für das Blatt auch vorhanden, und vor allem, ob zu dessen Leitung auch die geeigneten geistigen und wirthschaftlichen Kräfte vorhanden sind. Besser kein Blatt als ein solches, das den gestellten Anforderungen nicht entspricht. Neben der Thättgkeit, welche die Parteigenossen auf dem Ge- biete der mündlichen und schriftlichen Agitation entfaltet haben, muß auch deren staunenswerther Opferwilligkeit gedacht werden. Daß Wahlkämpfe, wie die am 10. Januar und bei den Stich- wählen Geld kosten, versteht sich wohl von selbst und bedarf es darüber keiner langen Auseinandersetzungen, großartig aber ist, was die deutschen Arbeiter aufgebracht haben, um auf der poli- tischen Arena unter der Fahne des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts ihr Gewicht in die Wagschale zu werfen. Die hier beigefügte Bilanz der Hauptwahlkasse umfaßt den Zeit- räum vom 11. August 1876 bis 30. April 1877, also acht und einen halben Monat und weist dieselbe folgende Summen auf: Bilanz(Abschluß). Kinnahme. m.$f. Regelmäßige Beiträge.... 6019 15 Agitationssond...... 663 91 Unterstützungsfond..... 2558 91 Wahlfond........ 28327 55 Protokolle und Bücher.... 717 10 durch Hadlich, Leipzig.... 5434 60 . Geib, Wähler, erste Rate. 4330 97 „ zweite„.__ 6165 41 Sa. 54,217 60 Diese Summen sprechen für sich selbst. Außerdem kommt aber in Betracht, daß bier nicht der vierte Theil dessen auf- geführt ist, was seitens der deutschen sozialistischen Arbeiter beim Wahlkampf aufgebracht wurde. Wir verweisen hier auf die Ab- rechnungen der Centralwahlkomits's der einzelnen Kreise, welche theilweise in den Parteiorganen erschienen sind und welche zu- sammengezählt eine riesige Summe ergeben. Erwähnt sei hier nur der Abrechnung für den ersten schleswig-holsteinischen Wahl- kreis(Altona), welche eine Einnahme von 23,000 und eine Aus- gäbe von 30,000 M. aufweist. Ueber die Thättgkeit deS Centralwahlkomits'S sei hier noch einiges erwähnt. Dasselbe hielt seit seiner Konstituirung 67 offizielle Sitzungen ab und wurden seitens des Sekretariats 2208 Sendungen empfangen und 5724 Briefe und sonstige Sen- düngen expedirt. Der Kassirer verzeichnet 3200 Eingänge und 950 Ausgänge. Differenzen zwischen der Revisions- und Be- schwerdekommission einerseits und dem Centralwahlkomits anderer- seits sind nicht vorgekommen, sowie auch im Großen und Ganzen keine wesentlichen Widersprüche gegen die Anordnungen des Cen- tralwahlkomitö's erhoben wurden. Kleinere Differenzen und Meinungsverschiedenheiten natürlich ausgenommen. Was die Organisatton der Partei betrifft, so steht es in diesem Jahre noch genau so wie vor acht und einem halben Monat, diese Angelegenheit ans dem Kongreß verhandelt und erört ct wurde. In Preußen ist der Prozeß gegen die Partei noch nicht entschieden, obwohl die VII. Deputation des berliner Stadt- gerichts bereits ihr Urtheil gesprochen, das hie Angeklagten ver- urtheilt und die Partei aufgelöst hat. Der Prozeß dortselbst schwebt jetzt bereits seit 30. März vorigen Jahres und wenn es in demselben Tempo wie bisher fortgeht, dann ist alle Aussicht vor- Händen, daß der März noch zwei Mal ins Land geht, bis Tesfendorf mit der Vernichtung des angeblich geheim fortgesetzten pottttschen Vereins, genannt„Sozialdemokrattsche Arbeiterpartei Deutschlands" ferttg wird. In Bayern ist die Auflösung der Partei in erster Instanz nicht ausgesprochen worden und wurden die Angeklagten freigesprochen. Da der Staatsanwalt appellirte, bleibt abzuwarten, ob nicht die zweite Instanz oder vielleicht gar der oberste Gerichtshof findet, daß die Richter erster Instanz sich geirrt und die Partei dann doch aufgelöst wird. Daß trotz des Verbots unserer Organisation die Partei nicht nur nicht geschwächt ist, sondern überall neue Blüthen treibt und allerwärts Boden gewinnt, das hat die letzte Wahl glänzend bewiesen und Testen- dorf, der ja ein ganz brauchbarer preußischer Staatsanwalt sein mag, hat sich als>ehr schlechter Prophet erwiesen, als er bei Berurtheilung des„Allgemeinen deutschen Arbeitervereins" aus- rief: Vernichten wir die sozialistische Organisation und es existirt keine sozialistische Partei mehr. Seit 4 Jahren zerstört Herr Tessendorff alle und jede sozialistische Organisation, und gerade seit dieser Zeit blüht die sozialistische Bewegung mehr auf als je zuvor. Möge Herr Tessendorff seine segensreiche Thättgkeit noch lange fortsetzen. Zum Schluß gestatten Sie mir noch auf die Opfer hinzu- weisen, welche der heutige reakttonäre Staat aus den Reihen der Sozialdemokratie gefordert hat. Die Zahl der Redner, welche in diesem Jahre verhaftet und mit mehr oder minder langen Haftstrafen bedacht wurden, ist verhältnißmäßig nicht größer als in den vorausgegangenen Jahren; besondere Erwähnung verdient indeß die Berurtheilung von Vahlteich zu ein und einem halben Jahre Gefängniß wegen einer unverfänglichen Aeußerung in einer Rede. Wenn aber die Redner verhältnißmäßig glimpflich weggekom- men sind, so wurde dagegen unsere Presse um so reichlicher be- dacht. Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte die„Chemnitzer freie Presse" eine Zusammenstellung der ihren Redakteuren im Laufe dieses JahreS zudiktirten Gefängnißstrafen, und stellte sich da heraus, daß diese Strafen, nur in einem Jahre„verdient", über 8 Jahre betragen. Aehnlich geht es allen übrigen Blättern. Die„Berliner freie Presse" hat zwei Redakteure im Gefängniß sitzen, zwei Redakteure der„Bergischen Volksstimme" haben erst das Gefängniß nach achtmonatlicher Haft verlassen und manch anderes Blatt kann Leidensgenosien dazu stellen. So wüthet die Reaktion: Alles sucht sie zu zerstören, was wir schaffen, aber ihr Wüthen ist, wie die Erfahrung lehrt, fruchtlos, denn wenn man glaubt, einen Kämpfer für das Proletariat beseitigt zu haben, erscheinen an dessen Stelle zwei und mehrere neue auf dem Kampfplatz. Die Sache der Sozialdemokratie ist die Sache des Volkes und deshalb unausrottbar, wie dieses selbst. Im Ver- trauen auf diese Lebenskrast arbeiten und kämpfen wir weiter, und dieser Congreß wird, so hoffen wir, eine wichtige Etappe in diesem Streben nach vorwärts bilden. Hamburg, den 28. Mai 1877. Das Central-Wahlcomitö. I. A.: Jgttaz Auer. Verantwortlicher Redakteur: R. Seiffert in Leipzig. Redaktton und Ixpedittou Färberstraße 12/11 in Leipzig.