Erscheint in fti;{ig Mittwoch, Freitig, Sonntag. AbouncmeutsPrelS sür ganz Teultchland i M. 60 Ps. Pro Quartal. Monat«- Ab onnement» torrden bot allen dnitlcheu Postanstalten auiden 2. und Z. Monat,»nd aus den ll/Monal delonder» angenomnienl im Ldnigr. Sachsen und Herzogth. Sachsen- kltenbuig auch aus den itrn Monat de« Quartal« i. 54 Psg. Austräte betr. Lersannnlungen pr. Petitzeile U> Pf., betr. Prtvalangilegenheitm und Feste pro Petitznle 30 Ps. Genirat Grgan Vcltellunzen uedmen an alle Postanstalten und Buch. Handlungen de« In- u.«udiande«. Filial- Expeditione«. New-Borl! So».-demolr. Kenoffen- schastöbuchdruckcrei, 154 Eliti-iiigo Str. Philadelphia: P. Haß, 650 Kurth zra Street. I. Boll, 1139 Charlotte Str. Hoboken K.J.: F. A. Sorge,!l5 5Vash. ioFton 8tr. Chicago: A. Lansmnann, 74 Olxdourne»�e. San Franzitco: F. Entz, 41S O Farrell Str. London W.:(!. Henze, 8 Rov �tr. (Zlolcivn Square. Jeutscßtands. Nr. 64. NothstandsjesmttSmn«. Der gegenwärtige Nothstand bringt die eigenthümlichsten An- schauungen hervor. Während— und mit Recht— ein großer Theil der Be- völkerung die Staatshilfe verlangt, wenn auch im gegebenen Moment nur in beschränkter Form, so erheben sich die meisten Stimmen für die Privatwohlthätigkeit. Wir sind weit entfernt, der Wohlthätigkeit Schranken setzen zu wollen; wir finden es nicht mehr als billig, wenn diejenigen Leute, welche durch die Arbeitskraft des nothleidenden Volkes zu Ansehen und Vermögen gekommen sind, von diesem Ver- mögen wieder abgeben— sie thun ja einfach nur ihre Pflicht. Ob die Arbeitskraft von den Vorfahren benutzt und das Re- sultat der Arbeitskraft vererbt worden ist, oder ob dieselbe von den gegenwärtigen Befitzenden selbst ausgenutzt worden ist, das thut nichts zur Sache. Wenn wir also die Privatwohlthätigkeit nicht bekämpfen, so wenden wir uns aber mit aller Energie gegen die Motive, welche ihr vielfach untergeschoben, und gegen die Folgen, welche ihr beigelegt worden. So lesen wir in mehreren liberalen Blättern folgenden höchst bezeichnenden Satz: „Die Privatwohlthätigkeit ist es, welche die Menschen hüben und drüben, die Gebenden und Empfangenden, erhebt und veredelt, sie einander nahe bringt, die Gegensätze zu ver- Mitteln und zu versöhnen im Stande ist." In dieseni Satze liegt der ganze Jesuitismus der literarischen Vertreter der herrschenden Klasse. Sie wissen, daß auf die Dauer die proletarische Bewegung mit Gewalt nicht aufzuhalten ist, sie wissen, daß die eisernen Ketten verrosten und leicht zerbrochen werden; sie wissen aber auch ferner, daß ihre„Wissenschaft" nicht im Stande ist, die wis- senschaftliche Grundlage des Sozialismus nur in etwas zu er- schüttern, deshalb greifen sie zu dem„rosenfarbenen Bande" der Privatwohlthätigkeit, um das Volk zu fesseln, um es in immer größere Abhängigkeit noch zu bringen. Allerdings ist ein solches Begiunen sehr ungefährlich, denn es shat seinen größten Gegner in dem Egoismus, welcher in den Reihen der Besitzenden so übermächtig ist, daß von dem- selben eine anhaltende und auch nur annähernd ausreichende Privatwohlthätigkeit zur Linderung des Elends immer recht rasch erstickt wird. Trotzdem also die Ungesährlichkeit der„rosenfarbenen Bande" feststeht, muß man die oben angeführten Motwe zur Privatwohlthätigkeit an den Pranger stellen, damit das Volk sieht, was es vielfach von seinen„Wohlthätern" zu halten hat. Die Gebenden, die ohne Nebenabsicht Gebenden, können »rrhoben und veredelt" werden— wir gestehen dies zu—, die größere Anzahl der Gebenden aber hat Nebenabsichten. Der Eine will im Hilfscomitö den Vorfitz führen, der Andere will in den öffentlichen Blättern genannt sein aus Eitelkeit, Viele aber wollen öffentlich genannt sein als„Wohlthäter", um sich einen guten Namen zu erwerben und unter dem Deckmantel desselben das Volk besser ausbeuten zu können. Kr. Strausberg zum Beispiel„verübte" jedes Jahr öffentliche Wohlthaten, wurde als Volkswohlthäter gepriesen und konnte deshalb leicht die leichtgläubigen Menschen täuschen und ihnen gemüthlich das Fell über die Ohren ziehen. Wen aber die Motive der„rosenfarbenen Bande" bei seiner Wohlthätigkeit leiten, wie es augenscheinlich bei den Anpreisern dieser Wohlthätigkeit in der Presse geschieht, der geht von reak- tionären, egoistischen und volksfeindlichen Prinzipien aus und dessen Wohlthätigkeit ist die Wohlthätigkeit des Sklavenzüchters. welche die Gegensätze nicht versöhnt, sondern noch mehr scheidet. Also auch für die Gebenden wirkt so die Privatwohlthätigkeit demoralisirend. Daß aber die Empfangenden„erhoben und veredelt" werden, das ist einfach Unsinn. Im Gefühl der Schwäche, der Abhängigkeit liegt schon das Samenkorn der Zwietracht, welches aufgeht und allzuleicht Haß gebiert gegen den Gebenden. Ferner wird der Empfangende leicht zur Unselbstständigkeit gebracht und somit demoralisirt. Dies aber trägt nicht zur Versöhnung bei — die Kluft spaltet sich immer weiter, und wenn kein Marcus Curtius erscheint, der in die gähnende Kluft hineinspringt, so geht die Menschheit in ihr zu Grunde. Doch dieser Marcus Curtius ist vorhanden, er braucht nur veranlaßt zu werden, in die Kluft zu springen. Der Staat, die Gemeinsamkeit, muß hineinspringen; nicht Privatbettelsuppen, nicht allerlei wohlfeile Wohlthaten dürfen entscheiden, so daß die Roth der Menschheit, die, wenn sie auch heute etwas dadurch gelindert würde, morgen wieder und immer wieder auftaucht, nein, das Recht, das Menschenrccht muß die Entscheidung herbeiführen. Das Recht auf Arbeit, welches der heutige Staat schon zum großen Theil gewähren kann, das Recht der Arbeit, welches der fich mehr und mehr entwickelnde Gesellschaftsstaat feststellen wird, o einzigen Helfer in der Roth. .. Vossen wir also der Privatwohlthätigkeit ihren Lauf: möge N-"'Gern, wo sie es kann; aber legen wir ihr kein besonderes Gewicht bei, und bekämpfen wir alle unlauteren Motive, durch welche dieselbe oft genug in Sccne gesetzt wird. Wer der Roth, denl Elend, aber herzhaft und radikal, wer derselben dauernd zu Leibe gehen will, der schließe sich den erlösenden sozialistischen Ideen an, der trete mit uns ein sür die Rechte aller Menschen; dann kommt bald die Zeit, daß der eine Mensch nicht mehr von der Gnade des andern ab- Yangig sein wird. Sonntag, 3. Juni. „Karl Marx: Das»Kapital' und der heutige Sozialismus."*) Der Verfasser der oben genannten Schrift, Herr vr. Georg M. Calberla, die sich dem Publikum als„Sozialwissen- schaftliches, 1. Heft" vorstellt, erkennt an, daß der Sozialis- mus nicht mit Flintenkugeln, staatsanwaltlichen oder polizeilichen Verfolgungen bekämpft werden könne; es müsse vor allen Dingen eine wissenschaftliche Widerlegung seiner Fundamentalsätze geführt werden, weil die Sozialisten an diesen Sätzen wie an kirchlichen Dogmen blindgläubig festhielten. Die wissenschaftliche Wider- legung verspricht der Verfasser zu bringen. Tie Einleitung zu dem eigentlichen Inhalt, einer total miß- glückten Entgegnung gegen einzelne der im Marx'schen Werke niedergelegten Grundgedanken, ist so klar, unparteiisch und fach- lich gehalten, daß wohl jeder Leser mit erhöhtem Interesse dieser beabsichtigten Widerlegung entgegensieht; um so größer ist dann die Enttäuschung, wenn man statt irgendwelcher sachlichen Ein- wände und logischer Schlüsse nur einen Wust von Sophistereien, Widersprüchen und Verdrehungen vorfindet, und wenn der Herr Verfasser schließlich gar meint, damit„den sozialistischen Wahn gründlich zerstört zu haben"! Man müßte ein dickes Buch in der Weise des Bastiat-Schulze schreiben, wollte man Herrn vr. Calberla Punkt für Punkt auf seine Ausführungen antworten; die Reproduktton einzelner Stellen wird den Lesern schon genügend zeigen, mit welchen Waffen und mit welcher Logik die Marx'schen Sätze bekämpft werden. „Der Vortheil beim Tausch ist offenbar der, daß für jeden der beiden Tauschenden der Gebrauchswerth der einzutauschenden Waare höher ist, als der Gebrauchswerth der in den Tausch zu gebenden Waare, oder— daß für jeden der Tauschenden der Ge- brauchswerth der einzutauschenden Waare höher ist als der (Gebrauchswerth) der gegen sie zu vertauschenden Waare, oder als ihres Eintausches Werth, als ihr Tauschwerth." Eins! Zwei! Drei! Geschwindigkeit ist keine Hexerei!' Gebrauchswerth, Werth der zu vertauschenden Waare, Werth der einzutauschenden Waare, des Eintausches Werth, Tausch- werth. Alles dasselbe, besonders wenn der Leser nicht dabei denkt: dann ist Tauschwerth— Gcbrauchswerth und nun läßt sich Alles, was auf den Gcbrauchswerth paßt, auch. vom Tausch- Werth behaupten! Mit diesem Taschenspielerkunststück, welches das Wort Tausch- Werth plötzlich fiir Gcbrauchswerth setzt, will Herr vr. Calberla beweisen, daß beim Tausch beide Theile größeren Tauschwerth bekommen, als sie fortgeben! In einer besondern Anmerkung heißt es dann weiter: „Die Marx'sche Mehrwerthstheorie würde allerdings sehr modifizirt, wenn Herr Marx sich der nicht zu leugnenden That- fache erschließen wollte, daß beim freien Tausch stets eine Werth- steigerung beider Waaren stattfinden muß. Denn der Werth ist schlechterdings nichts den Waaren an sich Cohärentes, sondern er besteht und beruht und schwankt nur in ihren Beziehungen zu den verschiedenen Bedürfnissen verschiedener Menschen. Eine Schiffsladung Guano von hohem Werth für die deutsche Landes- kultur wäre werthlos für die Zulukaffern. Marx selbst glaubt nicht so streng an das: Gleiches gegen Gleiches beim Tausche, an die Substanz des Werthes; wenigstens äußert er: Alle Waaren sind Nichtgebrauchswerthe(also gar nichts, Werth- los??) für ihre Besitzer, Gebrauchswerthe für ihre Besitzer u. s. w." Gilt es als wissenschaftlicher Beweis, wenn man eine Be- hauptung ausstellt, sie als eine nicht zu leugnende Thatsache be- zeilynet und dann vom Gegner verlangt, er solle fich doch dieser Thatsache erschließen— dann freilich halt Herr vr. Calberla Marx in allen Stücken widerlegt. �Wissenschaftliche Beweise müssen sich auf Gründe, auf logische Schlußfolgerungen stützen; möge Herr Calberla die so klare Auseinandersetzung(Marx 1. Ausgabe S. 120—126) widerlegen, aber nicht von nicht zu leugnenden Thatsachen reden! Was soll man aber dazu sagen, daß Herr Calberla bei dem Citat aus Marx hinter das Wort: Nichtgebrauchswerthe— die Frage einschiebt: also gar nichts, werthlos?? Hat er denn gar keine Ahnung davon, daß z. B. alle Kanonen, die Herr Krupp fabrizirt, alle Lokomottven, die Herr Borsig baut, für die Herren nur darum einen Werth hüben, weil sie dieselben verkaufen, Geld dafür eintauschen können; daß aber weder Krupp noch Borsig von ihren Kanonen und Lokomotiven als Gebrauchs- werthen einen Gebrauch machen können? Hat er gar keine Ahnung davon, daß heute Jeder nur sür den Markt produzirt, also nur Gebrauchswerthe für Andere, d. h. Waare, herstellt? Von dem Allen hat der Herr keme Vorstellung, denn er sieht in dem einfachen Umformungsprozeß eines Gebrauchswerthe? die Ursache, aus welcher das Ding zur„Waare" wird. „Der Arbeitsvorgang erscheint als eine Veränderung an oder mit dem Arbeitsobjekt» einem gebrauchswcrthigen Ding. Diese Veränderung wird durcf Umgestaltung desselben oder durch seine räumliche Versetzung eine neue Eigenschaft jenes Dinges. Es selbst wird zur Waare." Wenn also die Waschfrau dem Herrn Doktor die Strümpfe ausgewaschen und gestopft hat, haben diese Strümpfe, das Ar- beitsobjekt der Waschfrau, nicht blos eine neue Eigenschaft be- kommen, sie sind rein statt schmutzig, gestopft statt«zerrissen, nein, *) Sozialwissenschaftliches. Heft I. Carl Marx:„Das Ka- pital und der heutige Sozialismus. Kritik einiger ihrer Fundamental- sähe" von vr. phil. Georg M. Calberla. Dresden, Schönfeld's Buch- Handlung. 1877. sie sind auch plötzlich— wenigstens nach Ansicht des Herrn Or. Calberla— zu Waare geworden! Aber die Bäume im Walde, welche vom Waldbesitzer an den Holzhändler, oder das Obst in den Alleen, welches von den Besitzern an die Obsthändler verkauft wird, sind nach Ansicht des Herrn vr. Calberla nicht Waare, denn es hat ja weder am Holz noch am Obst eine Umgestaltung oder eine räumliche Ver- setzung stattgefunden. Unddasnenntman wissenschaftlicheDe- duktion! Herr vr. Calberla bestreitet natürlich auch die Richtigkeit der Marx'schen Werththeorie, aber nicht etwa nur aus den von Schäffle und Anderen angeführten Gründen, er will auch etwas Besonderes einzuwenden haben und behauptet deshalb, es gäbe keine allgemein menschliche Durchschnittsarbeit, es lasse sich ein derartiger Durchschnitt nicht feststellen oder messen, und deshalb sei die ganze Werththeorie ein Unding. Dabei begeht der Herr aber eine bisher wohl nur selten vorgekommene und daher nicht scharf genug zu tadelnde Unge- Hörigkeit, indem er den Schein erweckt, als gerathe Marx fort- während mit seinen eigenen Deduktionen in Widerspruch. Marx erkennt bekanntlich den Werth aus der zur Herstellung der Waare gesellschaftlich nothwendiaen allgemein menschlichen Arbeit, gemessen nach Zeit, also aus der Durchschnittsarbeit. Er hebt dabei aber gleich auf den ersten Seiten seines Werkes, S. 4, besonders hervor: Die Maßeinheit der Arbeit selbst ist die ein« fache Durchschnittsarbeit, deren Charakter zwar in verschiedenen Ländern und Culturepochen wechselt, aber in einer vorhandenen Gesellschaft gegeben ist. Complizirtere Arbeit gilt nur als po- tenzirte oder vielmehr als multiplizirte einfache Arbeit, so daß z. B. ein kleineres Quantum complizirter Arbeit gleich einem größeren Quantum einfacher Arbeit. Wie diese Reduktion ge- regelt wird, ist hier gleichgiltig. Daß sie beständig vorgeht, zeigt die Erfahrung. Marx constatirt also ausdrücklich, daß der Begriff„allgemein menschliche Arbeit" nichts Festes, Bestimmtes, Greifbares, sondern etwas Wechselndes, durch jede Veränderung in der Produktivität der Arbeit Mitverändertes sei. Dagegen schreibt nun Herr Calberla ganz unverftoren: „Wenn gesellschaftliche Durchschnitts- Arbeitskraft nicht als etwas Festes, Bestimmtes, Greifbares existirt, kann die verschie- denartige individuelle Arbeitskraft selbstverständlich nicht auf die- selbe reduzirt werden; und die Zeitdauer der gesellschaftlichen Durchschnittsarbeit wäre ein Unding. Wir haben diese Boraus- setzungen(sie!) zu prüfen und sofern sie den wirklichen Ver- bältnissen nicht entsprechen, ist das Resultat der an sich ge- schlossenen Marx'schen Argumentation über die Werthsubstanz und über die Werthmessung unhaltbar. Denn diese Argumen- tation fußt auf der Voraussetzung der Existenz einer gesellschaftlichen Durchschnitts-Arbeitskraft, als etwas Bestimmtes, Greifbares, Festes, und würde auch mit ihr fallen. Schon unter dieser Annahme wäre die fundamentale Widersinnigkeit des Sozialismus heutigen Rezepts erwiesen." Hier wird also das direkteste Gegentheil von dem, was Marx gesagt hat, als eine Marx'sche Voraussetzung hingestellt. Und nun setzt sich der Autor auf das hohe Pferd und schreibt S. 39: „Und davon(von der Veränderlichkeit und Verschiedenheit der durchschnittlichen Arbeitskraft) muß Marx, trotzdem er eine gesellschaftliche Durchschnittsarbeitskraft voraussetzt, selbst über- zeugt sein, weil er schreibt, daß„die einfache Durchschnitts- arbeit selbst zwar in verschiedenen Ländern und Culturepochen ihren Charakter wechsele, aber in einer vorhandenen Gesellschaft gegeben sei." Und wenige Seiten weiter: „Marx selbst muß eingesehen haben, daß die menschliche Arbeit, geleistet in einer Zeiteinheit, verschiedene Werthe schafft, schon weil sie verschieden ist und nicht gleich, unterschiedslos. Denn S. 19 lesen wir weiter: Complizirte Arbeit gilt nur als potenzirte oder vielmehr multiplizirte Arbeit, so daß ein klei- neres Quantum complizirter Arbeit gleich einem größeren Quantum einfacher Arbeit. Man braucht in diesem Satz nur die Marx'sche Maßeinheit für die Arbeit, die Marx'sche Werthsubstanz und ihren Werthmesser, also die Arbeitszeit, an Stelle des Wortes Quantum einzuschalten, um zu sehen, wie widersinnig die Schätzung des durch die Arbeit geschaffenen Werthes nach der Dauer der letzteren ist. Denn jener Satz würde dann lauten: ... so daß eine kürzere Arbeitszeit(ein kleinerer Werth) com- plizirter Arbeit gleich einer größeren Arbeitszeit(einem größe- ren Werth) einfacher Arbeit ist." Erst schiebt Herr Calberla Marx eine Voraussetzung unter, die Marx gar nicht macht, und dann führt er Marx' eigene Worte in's Feld, um die gefälschte Voraussetzung als nicht zu- treffend zu bezeichnen und Marx als mit sich selbst in Wider- spruch gerathen hinzustellen! Fair play, Sir!(Ehrlich Spiel!) Nun sehe man sich aber den letzten Satz nochmals genau an. Es fehlt wirklich das in anständiger Gesellschaft mögliche, be- zeichnende Wort für diese Sinnentstellung! Jedes Kind kann es verstehen, wenn Marx behauptet: Gleiche Arbeitszeit einfacher Durchschnittsarbeit erzeugt gleich hohen Werth; längere Arbeitszeit dieser einfachen Durchschnittsarbeit erzeugt also mehr Werth als kürzere Arbeitszeit dieser einfachen Durchschnittsarbeit; da nun complizirte Arbeit wie multiplizirte einfache Arbeitszeit zu rechnen ist, so erzeugt kürzere Arbeits- zett complizirter Arbeit gleichgroßen Werth wie größere Arbeitszeit einfacher Arbeit. Und daraus macht Herr Calberla den Satz: „Kleinerer Werth ist gleich größerem Werth" und behauptet mit dreister Stirn, das gehe aus der Marx'schen Maßeinheit des Werthes hervor! —? Wie steht es denn aber mit der Richtigkeit der Calberla'schen Behauptung, daß die verschiedene individuelle Arbeitskraft über- Haupt nicht auf durchschnittliche Arbeitskrast reduzirt und nach Arbeitszeit gemessen werden könne, sobald die durchschnittliche Arbeitskraft nicht als etwas Festes, Bestimmtes, Greifbares existire? Die wissenschaftliche Statistik beschäftigt sich fast ausschließlich mit dem Aufsuchen von Durchschnittszahlen, deren Werth um so größer und um so sicherer anzuwenden ist, je mehr Einzelbco- bachtungen das Material zu diesen Durchschnittswerthen geliefert haben. Diese Durchschnitte sind auch nichts Festes, Bestimmtes, Greifbares, sondern nur etwas Abstraktes und Schwankendes und trotzdem beruht z. B. die so mathematisch sichere Wahr- scheinlichkeitsrechnung der Lebens-, Pensions- und Renten-Ver- sicherung einzig und allein auf diesen Durchschnittszahlen. In der Technik wird die gewaltigste, in den Dienst des Menschen genommene Naturkraft, die Dampfkraft noch heuttgen Tages nach Pferdekräften bemessen und dabei angenommen, daß ein Pferd im Stande sei, eine Last von 33,000 Pfund in einer Minute einen Fuß hoch zn heben. Herr Dr. Calberla wird nun wohl wissen, daß Race, Größe, Futterzustand und Alter von Einfluß auf die Kraft eines Pferdes sind, daß also von einem Festen, Greifbaren, Meßbaren hier ebenso wenig die Rede sein kann, wie bei der Durchschnittsarbeit des Menschen. Aber noch ist es Niemanden eingefallen, die seit Einführung der Dampf- Maschinen übliche Reduttion der Dampfkraft auf Pferdekräfte als unmöglich oder unsinnig hinzustellen. Vollzieht sich denn aber nicht auch die Reduttion der so ver- schiedenen menschlichen Arbeitskräfte auf einen gemeinsamen Maß- stab täglich vor unseren Augen? Wird die höher qualifizirte Ar- beit nicht durch höheren Lohn nur als eine Multiplikation ein- facher Arbeit anerkannt? Gerade Herr Dr. Calberla, der einen Vortrag über„die Löhnung nach der Arbeitsleistung" im Druck hat erscheinen lassen, wird doch nicht bestreiten können, daß z. B. der Lehrer seiner Söhne nicht nur höher qualifizirte Arbeit ver- richtet, als sein Schweinehirt, sondern daß auch der Unterschied beider Arbeiten in dem dafür gezahlten Lohn anerkannt, daß der Werth der Lehrerarbeit als multiplicirte einfache Arbeit durch die multiplizirte Lohnhöhe gekennzeichnet, die Lehrerarbeit also thatsächlich auf einfache Arbeit, wie hier des Schweinehirten, reduzirt ist. So läßt sich an all und jedem Lohnverhältniß nachweisen, daß die Reduktion der verschiedenen menschlichen Arbeiten auf einfache Durchschnittsarbeit thatsächlich schon heute vor sich geht; und doch bestreitet Herr Calberla die Möglichkeit einer derartigen Reduktion, so lange die Durchschnittsarbeit nicht als etwas Be- stimmtes zu messen, sondern nur annähernd zu schätzen sei. Dies unbegreifliche Verfahren findet nun seine Erklärung in der unwahren Behauptung, Marx habe die allgemein mensch- liche Arbeit nur deshalb als Werthsubstanz hingestellt und nach ihrer Zeitdauer bemessen, weil er keinen andern Maßstab finden konnte und einen solchen in sein sozialistisches System zur Vertheilung des Sozial- Ertrages unbedingt brauche. Die ganze weitläufige Deduttion hat also nur den Zweck, einen Vertheilungsmaßstab als unbrauchbar hinzustellen, den Herr Calberla Marx anzudichten versucht. Aber nirgends hat Marx die Arbeitszeit als Maßstab für die Vertheilung des Sozialertrages aufgestellt; im Gegentheil hat er ganz aus- drücklich hervorgehoben, daß der Maßstab der Vertheilung je nach dem Culwrzustande und anderen Verhältnissen wechseln werde und wechseln müsse. Schad't nichts! Der Jude wird verbrannt! Bei einem Gegner, der mit solchen Waffen kämpft und einen so bodenlos unwissenden Leserkreis voraussetzt, kann es nicht Wunder nehmen, daß er auch an plötzlichen Preissteigerungen eine Tauschwerthvermehrung nachzuweisen und damit die Marx'sche Werththeorie zu widerlegen versucht. Dazu wählt Herr Dr. Calberla das bei Fieberkrankhciten so beliebte Medikament Chinin. „Nehmen wir den Artikel Chinin", ruft er pathetisch.„Seine Herstellungskosten sind stetig, wenn auch im Steigen, der quan- titativen und qualitativen Verschlechterung des Rohmaterials wegen. Sein Sozialwerth aber schwankt herauf und herunter und würde auch im Sozialistenstaat schwanken, je nach der Dringlichkeit und je nach dem Umfange des Bedarfs nach Chi- nin. Im Jahre 1875—76 wurde Chinin durch Extrabedarf für die holländische Armee in Atchin, für die englischen und russischen Regierungen und für die Fieberkranken in den zahl- reichen Jnundationsflächen Europas und Amerikas, ohne daß die Herstellungskosten, die in ihm fixirte Arbeit andere geworden seien, gesellschaftlich werthvoller und Chinin stieg daher im Preise. In noch ganz anderem Umfange treten aber Schwan- kungen des Chininpreises in Fiebergegenden selbst ein, wenn der Bedarf danach sich plötzlich ändert, ohne daß seine Herstellungs- Prozeh Diest-Daber. Vor der dritten Kriminaldeputation d-? hiesigen Stadtgerichts fand am 25. Mai die Verhandlung gegen den Landrath a. D. Otto Karl Richard Heinrich von Diest zu Daber wegen Be- leidigung des Fürsten Bismarck statt. Den Vorsitz des Gerichts- Hofes führte der Stadtgerichtsrath Martius, als Beisitzer fun- girten die Herren Stadtgerichtsrath Bertram und Gerichts- Assessor Dr. Nickel. Als Staatsanwalt fungirte Teisendorf, als Bertheidiger des persönlich erschienenen Angeklagten der Rechtsanwalt Dr. Quenstedt. Das Auditorium bestand fast ausschließlich aus Zeitungs- Reportern, auch das Auswärtige Amt hatte drei Stenographen entsandt. Die Anklage basirt auf der bekannten Broschüre des Ange- klagten:„Der sittliche Boden im Staatsleben" mit dem Motto: „Mit Gott und ritterlichen Waffen", in welcher u. a. eine an- gebliche Aeußerung des verstorbenen Herrn v. Wedemeyer aus- geführt wurde. Die„Deutsche Reichsglocke" übernahm die Stelle in einem Leitartikel„Ein industriöser Staatsmann", setzte aber statt der Bezeichnung„M." den Namen Bismarck. Der An- geklagte soll gegen diese Substituirung zwar protestirt, aber doch anderweit erzählt haben, daß Bismarck bei der Uebernahme der Aktien der Centralbodenkreditbank betheiligt sei. Außerdem registrirt die Anklage noch mehrere andere Beleidigungen des Fürsten Reichskanzlers seitens des Angeklagten. So soll er dem Schriftsteller Dr. Rudolf Meyer im Töpfer'schen Restaurant mit- getheilt haben, daß der Fürst trotz alledem an der Uebernahme der Attien betheiligt sei, und ähnliche Bemerkungen soll er im Julitz'schen Restaurant zu Joachim Gehlsen gemacht haben. Ferner soll der Angeklagte dem Gutsbesitzer Hammerstein in Stargard gesprächsweise versichert haben, er besitze das Material zum Beweise, daß Fürst Bismarck von seinem Bantter Bleich- röder über eine Million Aktien erhalten und mit 20 Prozent Aufschlag verkauft habe, was er nicht für gentlemanlike(edel- männisch) halte. Das räumt der Angeklagte als richtig ein, will aber nicht den englischen Ausdruck gebraucht haben. Dem kosten, sein Arbeitswerth ein anderer geworden ist. Hieraus geht hervor, daß der Sozialwerth, Tauschwerth nicht eine untrenn- bare Eigenschaft der Waare ist(Ist er etwa eine trennbare Eigenschaft der Waare? Bem. d. Setzers), dergestalt, daß er sich nur verändern könnte in dem Maße, wie die zu ihrer Her- stellung nöthige Menge Arbeit sich verändert." Der einfachste Arbeiter, der Lassalle's Bastiat-Schulze auf- merksam gelesen hat, wird Hrn. Dr. Calberla das Beispiel von der winzigen Semmel in der belagerten Stadt vorführen und ihm sagen, daß in dem cittrten Fall ein Monopolpreis bezahlt wird, der mit dem gewöhnlichen Preis beliebig vermehrter Waa- ren nichts zu thun hat, noch viel weniger aber mit dem Werthe. Herr Calberla, der so vornehm auf Ricardo, Marx und ihre Jünger herabsieht, sollte nur erst Ricardo und Marx gründlich studiren und sich Mühe geben, sie zu verstehen, dann würde er finden, daß Ricardo wie Marx die von ihm als Regel hinge- stellten Ausnahmefälle in ihrer Werththeorie schon vorgesehen und berücksichtigt haben. Ricardo sagt ungefähr: „Der Tauschwerth aller Güter wird bestimmt durch die Menge von Arbeit, welche nothwendig auf deren Hervorbringung von denjenigen verwendet wird, welche keine besondere Geschick- lichkeit besitzen und mit der Hcrvorbringung derselben unter den ungünsttgsten Umständen fortfahren. Man versteht unter diesen ungünsttgsten Verhältnissen jene, unter welchen die nothwendige Menge der Erzeugnisse es gebietet, die Hervorbringungsarbeiten fortzusetzen." Also: unter welchen die nothwendige Menge der Er- Zeugnisse es gebietet, d. h. also: bei allen nicht beliebig vermehrbaren Gütern, wie bei den allerunentbehrlichsten Lebens- Mitteln bestimmt der Gebrauchswerth zwar nicht direkt die Höhe des Tauschwerthes, wohl aber indirekt, indem es von dem in der Gesellschaft bestehenden Bedarf abhängt, ob auch minder pro- duktive Arbeit noch als Tauschwerth erzeugend angesehen wer- den muß. Bei allen beliebig vermehrbaren Gütern wird aber immer diejenige Arbeit den Werth bestimmen, welche bei der Gütercrzeugung am produttivsten gewesen ist; bei all diesen Gütern wird, einzelne kurze Perioden abgerechnet, immer das Angebot schwerer in die Wage fallen, als die Nachfrage. Also auch Ricardo hat in seiner, wenn auch noch Mangel- hasten Werththeorie dem Gebrauchswerth gebührend Rechnung getragen. Aber erst die Marx'sche Theorie, welche den Werth auf die „gesellschaftlich nothwendige Arbeit" zurückfährt, paßt für alle Verhältnisse; sowohl für die beliebig vermehrbaren Waaren, wie auf jeden, im Preise ausgedrückten imaginären Werth und auf alle nicht durch Arbeit vermehrbaren Güter, sobald man nur das Wort nothwendig in Bezug auf den Bedarf betont. Es nimmt sich in der That verwunderlich aus, daß ein Mann, der den Gebrauchswerth nicht vom Tauschwerth, den Tauschwerth nicht vom Preis zu unterscheiden vermag, der glaubt, ein Ding werde deshalb zur Waare, weil es durch die Arbeit verändert oder von seiner Stelle gerückt worden sei, daß ein solcher Mann den Muth besitzt, einem Lassalle nachzusagen: „er habe jene Marx'schen Grundirrthümer über die gleiche, unter- schiedslose Arbeit als Werthsubstanz mit einem kindlichen Köhlerglauben nachgebetet, um die ihn die frömmsten Gläubigen irgend welcher Religion beneiden könnten." Mag Herr Dr. Calberla behaupten:„daß das Bewußtsein, das Rechte gewollt zu haben, tausendmal mehr werth ist, als das Beifallsjohlen des großen, oder das Applaudissement des kleinen Haufens"— was ja gewiß richtig ist— so muß er sich doch aber auch selbst sagen, daß es bei wissenschaftlichen Erörte- rungen nicht auf den guten Willen, sondern auf positives Wissen und vor Allem auf klares Denken ankommt und daß es nicht heißt, das Rechte wollen, wenn man dem Gegner Behauptungen in den Mund legt, die derselbe nicht aufgestellt hat. Wenn Herr Dr. Calberla sachliche Einwendungen gegen die sozialistische Wertheorie erheben kann, werden dieselben ihrer sachlichen Widerlegung sicherlich nicht entgehen. Sozialpolitische Uebersicht. — Die Erfolge der Türken im Kaukasus haben die Russen auf einmal zu der Ueberzeugung gebracht, daß es ein Frevel ist, die Unterthanen des Feindes zum Ungehorsam gegen den Souverän zu reizen und die Revolution zu entfesseln. Das Petersburger Kabinet hat eine Erklärung in diesem Sinne er- lassen. Wenn die Russen Rumänien zum Abfall von der Pforte zwingen, Serbien, Montenegro, die Bewohner von Bosnien und der Herzegowina zum Aufstand treiben— ja Bauer, das ist ganz was anderes! Auf dem asiatischen Kriegsschauplatz, in Armenien, scheint ein entscheidender(Zusammenstoß bevorzustehn. Die Nachrichten, mit welchen wir überschüttet werden, sind zu verwirrt, unzuver- Grafen v. Borcke auf Cannenberg soll der Angeklagte ähnliche. Bedenken gegen die Gründung der Centralbodenkreditbank mit- getheilt haben, und Ende Mai v. I. im Hotel de Prusse zu Stettin in großer Erregung sich über den Fürsten ausgesprochen und dabei u. a. geäußert haben:„Ich werde den Kaiser aus den Klauen dieses Mannes befreien." Diese Aeußerung bestreitet der Angeklagte. Endlich soll der Angeklagte im Herbst v. I. auf einer Jagd in Kanitz geäußert haben: er besitze jetzt Beweis- Material genug, jetzt müsse er heran, der Fürst Bismarck müsse noch einmal so klein werden, daß er das Brod aus der Hand eines preußischen Junkers essen soll." Diese absolut unwahren Thatsachen— resumirte der Staats- anmalt die Anklage schließlich— enthalten schwere Beleidigungen des Fürsten Reichskanzlers in Bezug auf seinen Beruf, und seien geeignet, den Fürsten verächtlich zu machen. Alle die in früheren Prozessen vernommenen Personen nochmals zu ver- nehmen, sei wohl nicht nöthig; der Angeklagte habe den Beweis der Wahrheit für seine Behauptungen nicht erbracht, früher sei er auf den Staatssekretär v. Thile, v. Wedemeyer und v. Blancken- bürg zurückgegangen, später sich auch noch auf briefliche Mit- theilungen von Blanckenburg's bezogen, in denen jedoch nichts von„bedenklichen Gründergcwinnen" stehe. Der Angeklagte habe später noch behauptet, daß nach ihm von Hrn. v. Savigny gemachten Mittheilungen bei dem Bankierhause Karl Meyer v. Rothschild eine Million Aktien der Centralbodenkreditbank deponirt werden, von denen eine halbe Million für den Fürsten Bismarck reseroirt sei. Rothschild habe dies jedoch eidlich be- stritten. Aus allen diesen Vorgängen sei der Angeklagte dem- nach angeklagt, in sechs verschiedenen Fällen den Fürsten Bis- marck durch Verbreitung unwahrer Thatsachen in Bezug auf seinen Beruf beleidigt und verächtlich gemacht zu haben. In dem Jnquisitorium glaubt der Angeklagte, daß durch sein ganzes offenes Versahren von vornherein die Absicht ausgeschlossen sei, angriffsweisc den Fürsten Reichskanzler zu beleidigen oder zu kränken; er hat oft geung mit dem Fürsten stundenlange Gespräche geführt und der Fürst ihm wiederholt gesagt:„Diest, lässig und widerspruchsvoll, als daß wir ein Bild der Si- tuation entwerfen könnten. An der Donau hat die Hochfluth eine Pause in den mili- tärischen Operationen nothwendig gemacht. — Der Rubel auf Reisen. Das polnische Blatt„Gazeta Narodowa" bringt folgende interessante Mittheilung:„Um etliche Diplomaten und eine Anzahl von Zeitungen für wertthätige Unterstützung der russischen Lrientpolitik zu gewinnen, hat das Cabinet von Petersburg die Summe von 1,800,000 Rubel zur Disposition gestellt. Die zu bestechenden und bereits bestochenen Zeitungen theilen sich in drei Kategorien: 1. in solche, welche bedingungslos Alles schreiben müssen, worüber Mansie instruirt; 2. in solche, auf deren politische Haltung man nur insoweit einen Einfluß übt, als man von ihnen eine spezifisch anti- türkische Sprache begehrt: 3. in solche endlich, denen man durch von den Botschaftern designirte Agenten einzelne Artikel zur Aufnahme zustellt. Am Besten wird selbstverständlich die erste Kategorie bezahlt. Die Anzahl der gewonnenen Blätter aller drei Kate- gorien beträgt: in Frankreich 16, in England 4, in Deutsch- land 28, in Böhmen 7, in Oesterreich 14. Auf Italien, Ungarn, Serbien, Rumänien kommen 18 Blätter; auf Polen 2. Im Ganzen also stehen bisher 89 Zeitungen im russischen Solde. 900,000 Rubel stehen außerdem noch für weitere Acquisitionen in Bereitschaft. Alles natürlich für Humanität und„christliche" Zwecke!" So weit das polnische Blatt. Im Wesentlichen sind die Mittheilungen gewiß richtig. Die Zahl der Blätter, bei denen „der Rubel auf Reisen" Einkehr gehalten hat, ist aber jedenfalls viel zu niedrig angegeben. Wenigstens in Deutschland ist sie bei weitem höher. Oder sollte der„Rubel" beim Gros unserer Kosackenblätter incognito einkehren— als heimischer und patriotischer„Reptilienthaler"? — Fromme Wünsche. Durch gegnerische Blätter geht folgende Notiz: „Auf dem vorjährigen Gothaer Sozialisten- Congreß war es bekanntlich der von den Herren Liebknecht und Bebel geleiteten(!) Fraktion der sozialdemokratischen Partei gelungen(!) sich das Ueber- gewicht(!) über den andern Flügel dieser Partei, der seinen Haupt- fitz in Berlin hat und hauptsächlich von den Herren Hasselmann und Hasenclever repräsenttrt wird, zu verschaffen und das wesentlichste Ergebniß dieses Erfolges war, daß der von Hassel- mann redigirte Berliner„Sozialdemokrat" einging und der Leipziger„Bolksstaat" unter dem neuen Titet„Vorwärts" zum Central-Preßorgan der deutschen Sozialdemokratie erklärt wurde. Die so mit großer Mühe hergestellte„Einigung" scheint aber neuerdings wieder ein Loch bekommen zu haben, denn in der letzten Versammlung der Berliner Sozialisten, in der man die dortigen Delegirten zu dem demnächst stattffndenden Congreß in Gotha wählte, sind Anttäge gestellt und angenommen, bez. den Delegirten mitgegeben worden, welche ziemlich unverhüllt auf ein Mißtrauensvotum gegen die Leitung des„Vorwärts" hinaus- laufen. Die Berliner Delegirten sind beauftragt worden, in Gotha dahin zu wirken, daß Artikel, wie der neuliche„Engels contra Dühring", nicht mehr im„Vorwärts" Aufnahme finden, und dann sollen sie ferner sich dafür bemühen, daß das Berliner Sozialistenblatt„Freie Presse" mehr und mehr die Stellung eines leitenden Centralorgans innerhalb der deutschen sozial- demokratischen Partei erlange. Diese Stellung beansprucht jedoch auch der Leipziger„Vorwärts" und es scheint demnach die alte Eifersucht zwischen den Berliner und den Leipziger Sozialisten nicht erloschen zu sein." Nun, der diesjährige Gothaer Congreß. der die vollständigste Harmonie zwischen„den Berliner und den Leipziger Sozialisten" zu Tag treten ließ, wird den Verfasser obiger Notiz und die ihm verwandten Seelen eines Anderen belehrt haben. Die in der Berliner Versammlung gefaßten Beschlüsse hatten durchaus keinen feindlichen Charakter gegen den„Vorwärts", wie schon durch die eine Thatsachc zur Genüge bewiesen wird, daß in dieser Versammlung einer der Redakteure des„Vorwärts" mit an Stimmeneinhelligkeit grenzender Majorität zum Congreß- Delegirten erwählt wurde. Niemand dachte daran, durch die „Berliner Freie Presse" dem„Vorwärts" Conkurrenz machen zu wollen— dem Congreß sollte bloß die Verbreitung der„Berliner Freien Presse" an's Herz gelegt werden, damit dieses Blatt sicb allmählich zum politischen Hauptorgan(nicht Centralorgan) unserer Partei entwickeln könne. Der betr. Antrag war von Hasenclever, einem der Redakteure des„Vorwärts", ge- stellt! Was den anderen Beschluß angeht, so zielte er einfach, daraus hin, daß längere wissenschaftliche Artikel, die bisher iin „Vorwärts" veröffentlicht werden mußten, weil kein anderes� geeignetes Organ vorhanden, in Zukunft in einer neuzugründenden wissenschaftlichen Beilage des„Vorwärts", oder selbststän- digen„Revue" veröffentlicht werden möchten. Eine Partei- wenn Sie mal etwas gegen mich haben, dann sprechen Sie es frank und frei aus!" In diese Lage sei er gekommen, als er von zuverlässigen Leuten allerlei Gerüchte hörte, und nun habe er wiederholt ehrlich und offen den Fürsten um Aufklärung ge- beten, allein der Reichskanzler sei ihm immer ausgewichen, selbst als er ihn dringend um eine Unterredung ersuchte und ihm da- bei sagte:„Sie werden vielleicht künftig noch einmal sagen, der Diest ist doch noch ein ehrlicher, biederer Mann gewesen." Durch dieses offene Verfahren, in freundschaftlichem Sinne unter- nommen, habe er den Fürsten nicht beleidigen wollen, auch habe der Fürst damals keinen Strafantrag gegen ihn gestellt, und wenn in Privatgesprächen unter Freunden einzelnes gesagt worden sei, was jetzt als beleidigend aufgefaßt werden soll, so sei wohl Keiner von solchem Vergehen ganz frei. Er sei also nicht in beleidigender, sondern in wohlmeinender Absicht verfahren, wir zu dem Zwecke, den Reichskanzler zu warnen. Der Staatsanwalt. Nach seinen amtlichen Instruktionen lägen die thatsächlichen Verhältnisse doch ganz anders, und be- halte er sich vor, später darauf zurückzukommen. Der Vorsitzende konstatirt, daß von den geladenen Zeugen nur der Redakteur Dr. Rudolf Meyer nicht erschienen ist. Es erfolgte sodann die Verlesung der Stelle aus der Broschüre „Der sittliche Moment im Staatsleben", welche von der Be theiligung des„M." und des„Ungenannten" bei der Gründung; der Centralbodenkredit-Gesellschaft handelt und worin von Trink- gelderbetheiligung gesprochen wird. Der Angeklagte erklärte am! Befragen, daß unter dem„M." Hr. Miquel gemeint sei und dieser Name auch ursprünglich in den Aufzeichnungen v. Wede- j meyer's gestanden habe. Staatsanwalt. Es stehe wenigstens fest, daß der Angeklagte dem Meyer und dem Gehlsen gegenüber sich dahin geäußert habe, daß unter dem„Ungenannt" der Fürst Bismarck verstände«« werden müsse. Angeklagter. Die Broschüre habe allerdings die Tendenz gehabt, den Großgrundbesitz gegen das Großkapital zu schützen! veranlaßt von Herrn v. Wedemeyer, habe er diesen Kampf gegen conferenz, in welcher die Redaktion des„Vorwärts" ver- treten war, hatte schon 14 Tage vorher einen Beschluß in diesem Sinne gefaßt, und der Congreß hat bekanntlich seine Sanktion ertheilt. — Zur Frage der Untersuchungshaft. In Berlin wurde kürzlich ein 14jähriger Knabe aus Sltügiger Untersuchungshaft entlassen, da seine Unschuld constatirt wurde.— War der 14jährige Knabe fluchtverdächtig? Konnte durch ihn, den Unmündigen, der Thatbestand verdunkelt worden, wenn er auf freiem Fuße blieb? Das Berliner Gericht wird die Ant- wort schuldig bleiben. — Zur Sittlichkeit der Liberalen. Gegen eine größere Anzahl Redakteure liberaler Zeitungen in Berlin ist die Unter- suchung eingeleitet worden wegen Verbreitung unsittlicher Inserate. Ein Redaktionsmitglied der liberalen„Hamburger Rc- form" wurde kürzlich wegen Verkaufs unsittlicher Schriften in Hast genommen. Derselbe war schon früher wegen solchen schmutzigen Handels bestraft worden, dennoch nahm ihn das liberale Blatt in die Redastion. Nicht wahr, Herr v. Unrub, Sie liberaler Schäker, der Liberalismus ist der Beschützer der Heiligkeit der Ehe? — Die Harmonieflöte des Dr. Hirsch hat einen weiteren Riß bekommen; kaum, daß sein edler Compagnon Duncker in recht unharmonischer Weise vom Schauplatz der Oeffentlichkeit verschwunden ist, so sagt sich auch der Ortsverein der Ber- liner Maschinenbauer, dessen meiste Mitglieder im 6. Ber- liner Wahlkreise wohnen, vom braven Mäxchen los; das Centralrathsmitglied Andreak ist ausgeschieden. So folgt Schlag auf Schlag— doch der eitle Marx tröstet sich, er hat ja einen Reichstagssitz erjagt. Daß die Hirsch-Duncker'schen Gewerk- vereine keine Zukunft hatten, war verauszusehen; wo sich die ganze Agitatton um den materiellen Vortheil dreht, wo jede Begeisterung, jede höhere Anschauung fehlt, da kann eine Bc- wegung nicht aufblühen. Doch daß dies Alles so schnell kam, das hätten wir selbst kaum gedacht. — Ueber die Verhandlungen des schweizerischen Arbeitercongresses in Neuenburg ist noch nachzutragen, daß in Betreff des Fabrikgesetzes, gegen welches die Fabrikanten zur Zeit eine eifrige Agitatton in Scene gesetzt haben, folgender Antrag Bogelsanger's einstimmige Annahme fand.„Der Congreß stimmt der Resolution der Züricher Arbeiterlandsge- meinde bei und erklärt es als hohe Pflicht der organisirten Ar- beiter, den Machenschaften der Fabrikanten, die sich nicht schä- men, bei der Unterschristensammlung einen Druck auf ihre Ar- beiter auszuüben, mit aller Kraft entgegenzuwirken. Die beiden Centralausschüsse des Arbeiterbundes und des Grütlivereins sind beauftragt, eine planmäßige Agitation einzuleiten, an. allen geeigneten Orten Versammlungen zu veranstalten, die durch tüch- tige Redner beschickt werden, und eine Flugschrift zur Aufklä- rung über das Fabrikgesetz gratis unter das Volk zu vertheilen. Seitens des Schweizerischen Arbeiterbundes soll zur Deckung der Agitationskosten ein Extrabeitrag von 50 Cts. eingezogen wer- den. Gleichzeittg mit der Agitation für das Fabnkgesetz soll auch dahin agitirt werden, daß das Haftpflichtgesetz auch auf die Arbeiter außerhalb der geschlossenen Räume Anwendung finde." Der Congreß beschloß ferner, den allgemeinen Sozialisten- Congreß in Belgien durch einen Delegirten zu beschicken. Zum Delegirten wird Greulich und im Verhinderungsfalle als Er- satzmann Joh. Phil. Becker gewählt. Der Congreß schickte dem vlämisch- belgischen Arbeiter-Con- greß in Mecheln ein brüderliches Begrüßungs-Telegramm und erhielt eine ebenso brüderliche Antwort mit der Nachricht, daß die„Sozialisttsche Arbeiterpartei" gestiftet sei. Außerdem er- hielt der Congreß eine große Zahl von Telegrammen und Zu- schriften von Arbeiterbundes- und Grütlivereins-Sektionen, von einer Typographia-Sektion(Biel) und von Privaten. Das Interesse am Congreß war ein wahrhaft allgemeines und der Verlauf des Congresses hat die Hoffnungen und Erwartungen aller Gesinnungsgenossen erfüllt. Erklärung. In dem Congreßbericht der Berliner„Volkszeitung" heißt es- „Liebknecht erklärt— er(Liebknecht) habe gegen die Ge- burtsfeier Lassalle's im„Vorwärts" gewirkt, weil es Lassalle's unwürdig sei, ihn bei jeder Gelegenheit zu feiern. Der„Vor- wärts" habe sich dies für den Todestag Lassalle's vorbehalten." Dazu bemerkt die Redaktion der„Berliner Volkszeitung" in einer Klammernotiz:„(Hasenclever und Liebknecht find die Redakteure des„Vorwärts." Aus der Erklärung L.'S geht nun deutlich genug hervor, daß Hascnclever die Lassalle-Feier nicht das Großkapital und für den Großgrundbesitz aufgenommen, wobei aber zwischen ihm und von Wedemeyer von vornherein ausgemacht morden, daß jedes persönliche Interesse ausgeschlossen und deshalb auch kein Namen genannt werden dürfe, sondern nur ein„N." gesetzt werden könne, gleichsam als nvis au lecteur für den, der sich getroffen fühle. Er gebe zu, daß er nach dem Erscheinen des Blanckenburg'schen Briefes darüber aufgeklärt war, daß von Wedemeyer sich in Bezug auf die Höhe der Be- theiligung des Fürsten im Jrrthum befand; er habe dabei die positive Ueberzeugung gehabt, daß etwas daran sei und habe dem Fürsten Bismarck einen Avis geben wollen, daß der Grund- besitz schwer geschädigt werde. Der Staatsanwalt glaubt zugeben zu können, daß der Brief Blanckenburg's zu Mißverständnissen veranlassen könne; es liege aber gar kein Grund vor, ohne jede Recherche Behauptungen m die Welt zu setzen, die den erstell Diener des Staats in so grober Weise beleidigen. Wenn Herr v. Blanckenburg nach Aus- einandersetzung des angeblichen Vorgangs mit den Aktien und der Kursverschiebung schließlich sagte:„Wo liegt da ein bedenk- licher Gründergewinn?" so hätte der Angeklagte doch zunächst darauf verweisen sollen, daß die Richtigkeit der Darstellung vorausgesetzt, allerdings ein bedenklicher Gründergewinn vorliege. Angeklagter. Das habe er allerdings Herrn v. Blanckenburg gegenüber gethan, und wenn sich beweisen ließe, daß der Fürst Aktien der Centralbodenkredit- Gesellschaft zum Kurse von 108 vw» � Iie9e darin der Gründergewinn, denn thatsächlich seien '■>te nf•en öu diesem Kurse niemals gehandelt worden. Bei den weiteren formellen Feststellungen bittet u. A. der Angeklagte den Vorsitzenden, ihn gegen den vom Staatsanwalt mehrfach gebrauchten Vorwurf der Verläumdung zu schützen; er sei angeklagt auf Grund der§§ 185, 186 und erst der§ 187 spreche von verleumderischer Beleidigung. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob er zu Rudolf Meyer ge- sagt habe, Fürst Bismarck habe bei der Gründung der Central- bodenkredit-Gesellschaft Trinkgelder im Betrage von einer halben Million erhalten, antwortete der Angeklagte, er habe mit Meyer '„vergessen," sondern daß Liebknecht ihm dieselbe gewissermaßen untersagt hat. Die Red.)" Ich habe nicht gesagt, daß ich gegen die Geburtsfeier Lassalle's im„Vorwärts" gewirkt habe. Ich habe gesagt, daß ich keinen Artikel zur Feier des Geburtstags Lassalle's gebracht, weil ich dies aus den von mir entwickelten Gründen nicht für zweckmäßig gehalten habe. Ich habe weiter gesagt, daß wenn Hasenclever, der damals abwesend war, einen derartigen Artikel geschickt hätte, dieser selbstverständlich aufgenommen worden wäre; und ich habe hin- zugefügt, daß während unseres Zusammenwirkens in der Redak- tion des„Vorwärts" nie auch nur die leiseste Differenz zwischen Hasenclever und mir stattgehabt hat. Ich bedauere, der Berliner„Volkszeitung", der in der Per- son ihres Patrons Duncker so schweres Leid widerfahren ist, eine harmlose Freude verderben zu müssen. Leipzig, den 31. Mai 1877. W. Liebknecht. Congrch der Sozialdemokraten Deutschlands. (Fortsetzung.) Die Vormittagssitzung vom 28. Mai wurde um 8 Uhr früh von Hasenclever mit verschiedenen geschäftlichen Mittheilungen eröffnet. Dieser Sitzung wohnte auch der bekannte Polizei- direktor von Leipzig, Herr Rüder, auf der Zuhörertribüne bei. Nach der„Deutschen Allgemeinen Zeitung" beantragte Blos anläßlich dessen„alle Nichtsozialisten vom Congreß auSzu- schließen". Dem gegenüber beantragte Hasenclever:„alle freiwilligen, beziehentlich unfreiwilligen Agitatoren für die sgzia- listische Sache als willkommene Gäste zu begrüßen".(Große Heiterkeit.) Dieser letztere Antrag gelangte ohne jede weitere Debatte zur Annahme.— Herr Rüder reiste Mittags wieder von Gotha ab, er hatte seine agitatorische Thätigkeit für den Sozialismus vorläufig erfüllt. Es wurde zunächst eine Organisattonskommission gewählt, der der Gegenstand der Tagesordnung:„Die sozialistischen Or- ganisationen in Deutschland" zur Vorberathung überwiesen wurde. Gewählt wurden in dieselbe: Auer, Derossi, A. Kapell, Tölcke, Fritzsche, Hasselmann und Kiefer. Der Congreß trat dann in die Bcrathung derjenigen An- träge ein, welche sich auf die Agitation bezogen. Kapell und Hörig beantragen, daß alle derartigen Anträge dem Central- wahlcomits zur Berücksichtigung zu überweisen seien. Es entspinnt sich eine lebhafte Diskussion, bei welcher einer- seits Redner verlangt werden, andererseits die Unmöglichkeit, solche in gewünschter Menge zu beschaffen, konstatirt wird. So zahlreich die in den Reihen der Sozialdemokratie vorhandenen agitatorischen Kräfte sind, ebenso sehr sind dieselben beständig mit Arbeit überbürdet. Ein Ucbelstand ist es aber, daß man allenthalben soziali- (tische Reichstagsabgcordnete und sonstige„Zugreferenten" ver- langt, und daß die jüngeren Kräfte nicht genügende Verwendung finden. Die rapiden Fortschritte, welche die Sozialdemokratie in der jüngsten Zeit gemacht hat, und welche sie noch immer macht, fordern mit zwingender Nothwendigkeit, daß alle Kräfte in Aktion treten; das Staatmachen mit Reichstagsab- geordneten u. dgl. ist sogar prinzchwidrig und führt zum Personenkultus. Diese und ähnliche Gesichtspunkte werden von verschiedenen Rednern herausgekehrt und sodann nach Ab- lehnung mehrerer Anforderungen dem Antrage Kapell und Hörig gemäß beschlossen. Ferner wurde der Antrag angenommen, eine kleine Agita- tionsschrift auszuarbeiten, welche besonders auf die Landbevöl- kerung berechnet sei; dieselbe muß in leichtfaßlicher Weise die Verhältnisse der Landbevölkerung behandeln. Ohne Debatte wird der Borschlag genehmigt: In Anbe- tracht der Maßregelungen des Fabrikannten Krupp in Essen, wodurch alle Agitation daselbst lahm gelegt ist, wird dem Cen- tralwahlcomitä anheimgegeben, 70— 90 Mark pro Monat für eine Agitation in Essen aufzuwenden. In der Nachmittagssitzung desselben Tages, die um 5 Uhr eröffnet wurde, kam ein Antrag der Hamburger Genossen zur Verhandlung, daß die Redakteure des Ccntralorgans der deutschen Sozialdemokratie mit auswärtigen Agitationen nicht belastet werden mögen; ausgenommen sollen nur Wahlagitationen sein, bei welchen die betreffenden Redakteure als Candidaten figuriren. Hörig begründet diesen Antrag mit dem Hinweis auf die That- fache, daß Jemand, der bald hier-, bald dorthin reisen soll, nicht im Stande sein könne, ein Blatt gut zu redigiren. Liebknecht und Hasenclever halten es für absolut noth- wendig, daß die Redakteure der Parteiblätter von der Agitation so viel als möglich entlastet werden, da sie durch dieselbe geistig aufgerieben und lcistungsunfähig gemacht werden. Der Antrag wird angenommen. in der Töpfer'schcn Restauration im Hinterzimmer gesessen und im freundlichen Gespräche habe Meyer geäußert, er habe Briefe von Wedemeyer erhalten, wonach eine halbe Million Aktien bei der Gründung der Centralbodenkredit' Gesellschaft für den Fürsten reservirt worden seien. Er habe darauf geantwortet, ihm seien aus andrer Quelle ähnliche Nachrichten zugegangen, bestreite aber, den Ausdruck„Trinkgelder" gebraucht zu haben. Im übrigen sei ein so intimes Zwiegespräch zwischen zwei Leuten im Hinterzimmer keine öffentliche Beleidigung, wie selbst das Ober- tribunal kürzlich einen Professor in Kiel, der in einem Auditorium einen Studenten beleidigte, wegen öffentlicher Beleidigung frei- gesprochen habe. Gehlsen habe ihn wiederholt aufgesucht, ein- mal sei er auch mit ihm zusammengetroffen, und da habe Gehlsen von ihm direkt„Material" gefordert, was er unter ausdrück- lichem Tadel der Gehlsen'schen Tendenzen ablehnte. Er verwahre sich deshalb ganz entschieden dagegen, daß man diesen Mann gegen ihn in's Gefecht führe und ihn gleichsam als Mitredakteur und Mitagitatvr der„Deutschen Reichsglocke" hinstelle. Die Märchen von dem angeblichen starken Verkehr zwischen ihm und Gehlsen seien direkte Lügen. Später hatte ihm Gehlsen jmitgetheilt, daß„die Sachen" wahr seien, der Geh. Rath Wagener sei bei ihm gewesen und habe ihm für ferneres Schweigen 15,000 Thaler geboten. Angeklagter habe ihn aber abgewiesen. Der Staatsanivalt spricht seine Verwunderung über diese Abweisung aus, da doch Briefe des Angeklagten in der Expe- dition der„Rcichsglocke" gefunden seien, in denen er sich zu- stimmend zu der Haltung des Blattes ausspreche. Gleichzeitig müsse er auf das Gerücht zurückkommen, daß Gehlsen von dem Reichskanzler empfangen worden sei; er habe sich darüber in- formirt und könne erklären, daß Gehlsen zwar eine Audienz bei dem Kanzler nachsuchte, dieser aber anordnete, den Menschen ein für allemal von seiner Schwelle fernzuhalten. (Fortsetzung folgt.) Ein Antrag auf Herausgabe einer Broschüre über das Parteiprogramm findet seine Erledigung durch die Erklärung Liebknecht's, daß er demnächst eine entsprechende Arbeit liefern werde. Mehrere Genossen wünschen die Colportage-Verhältnisse ein- heitlich geregelt zu sehen. Gegenwärtig gewähren die verschiedenen Buchhandlungen, welche sozialistische Schriften im Verlag haben, Prozente in ungleicher Höhe, so daß sie einander oft förmlich Konkurrenz machen. Es wird betont, daß den Colporteuren ein nicht unbeträcht- licher Rabatt gewährt werde müsse, da sonst kein Mensch beim Broschürenvertrieb bestehen könne. Andererseits heben niehrere Redner hervor, daß die Preise der Agitationsschriften sich ganz nach den Verhältnissen, unter welchen sie erscheinen, richten, und daß daher auch kein gleichmäßiger Rabatt gewährt werden könne. Durch Uebergang zur Tagesordnung wird auch dieser Antrag erledigt. Mehrseitig wird nun bemängelt, daß viele sozialistische Broschüren zu theuer verkauft werden, ja daß sogar einige Col- porteure sich Extraaufschläge erlauben. In letzterer Beziehung beantragt Rackow, daß den Colporteuren ein derartiges Vor- gehen verboten werden möge. Bebel u. A. beantragen, daß stets der Verkaufspreis auf den Umschlägen der betr. Broschüren vermerkt werden soll. Beide Anträge werden angenommen. (Schluß der Sitzung Abends 8 Uhr.) In der nächsten Nummer bringen wir die Verhandlungen des letzten Tages. Wir wollen heute aber schon bemerken, daß der Congreß einen überaus günstigen Eindruck auf alle Theil- nehmer gemacht hat. Geschlossen wurde derselbe Dienstag Nachts 1 Uhr mit einem Hoch auf die Sozialdemokraten aller Länder. An den Congreß der Sozialdemokraten Deutschlands sind eine Anzahl Zuschriften von Sozialisten des Auslands einge- laufen, die wir hiermit veröffentlichen: l. Brüssel, den 26. Mai 1877. Bürger und Freunde! Im Namen der Sozialisten Belgiens senden wir Euch unfern brüderlichen Gruß. Auch wir wollen, wie Ihr, den Kampf gegen die soziale Ungleichheit auf poli- tischem und ökonomischem Gebiete aufnehmen.— Seit den letzten Congressen, die in Belgien von Arbeiter-Delegirten des ganzen Landes in Gent und Mecheln abgehalten wurden, sind wir mehr als je mit den Zielen und Auffassungen unserer deutschen Brü- der einverstanden. Nachdem wir viele Jahre hindurch uns der Betheiligung an politischen Fragen enthalten, haben wir jetzt fast einstimmig er- kannt, daß wir damit nur unfern Gegnern in die Hände ge- arbeitet haben; heute sind wir entschlossen, denselben Weg zu verfolgen, wie Ihr, und wollen gleichfalls in die politische Arena herabsteigen. Nur ist das für uns schwieriger als für Euch, denn wir haben noch kein direktes allgemeines Wahlrecht. Aber gleichviel! Grade die Erkämpfung des allgemeinen Stimmrechts soll der erste Schritt sein auf diesem neuen Wege, den wir be- treten. Schon hat sich in unserem gesetzgebenden Körper eine Stimme für die Proklamirung des allgemeinen Wahlrechts erhoben— die unseres Abgeordneten für Berg(Möns) Defuisseau. Unser soeben in Brüssel von dem Kleinbürgerthum— der Arbeiter ist in Belgien nicht wahlberechtigt— erwählter sozia- listischer Deputirte Janson wird nicht zögern, sich diesen For- derungen anzuschließen, wenigstens hat er sich seinen Wählern gegenüber dazu verpflichtet. Aber nicht allein in Bezug auf den Weg, den wir zu verfolgen haben, sind wir mit Euch völlig einverstanden, auch unsere sozialen Ideale sind dieselben. Auch wir sind der Ansicht, daß zur Befreiung der Arbeit die Ver- Wandlung der Arbeits-Jnstrumente, des Kapitals und des Grund und Bodens in Gesammt-Eigenthum der Gesellschaft absolut nöthig ist. Um dahin zu gelangen, halten wir die Intervention des Staates, der die Gesanimtheit vertritt, sowie der einzelnen Gewerke, dieser vernunftgemäßen Organisation der Arbeiter, für nothwendig. Während das arbeitende Volk aber seine ökonomische Organi- sation, seine Gewerkschaften entwickelt, kämpft er auch aus poli- ttschem Gebiete für eine Reform der Gesetze und für die Auf- richtung des Volksstaats— ein Ziel, das den Blämingcn und Deutschen gleich theuer ist. Eins mit Euch in unfern Ideen, unseren Zielen, wünschen wir Euch die besten Erfolge!— Muth, deutsche Brüder!! Ganz Europa— nein die ganze civilisirte Welt blickt erwartungs- voll auf Euch, denn Eure Sache ist die des Proletariats der ganzen Welt, ist die der Menschheit!!— Im Auftrage der Brüsseler Gruppe der sozialdemokratischen Arbeiter-Partei Belgiens: Die provisorischen Sekretaire: Eugene Steens. Dr. De Paepe. (Rue Frere-Orbon.)(Rue Bueren 18.) II. Deutsche Brüder! Die Arbeiterkammer, in welcher sämmt" liche Arbeitervereine und Arbeiterorganisationen Brüssels ver- treten sind, sendet den Delegirten des Gothacr Congresses ihre brüderlichen Grüße. Das alte Europa ist in Bewegung,� die Bourgeoisparteien wissen nicht mehr, wie sie die Blicke des Volks von seinen wahren Zielen und auf sich selbst ziehen sollen. In diesem Augenblick befinden wir uns inmitten einer industriellen Krise, deren traurige Wirkungen sich in der ganzen Welt fühlbar machen. Ein furchtbarer Krieg, dessen Folgen noch furchtbarer sein werden, hat soeben begonnen: wohin wir blicken herrscht Anarchie. Es sind das die traurigen Früchte des Bourgeoisie-Regiments, der schlechten Einrichtungen, unter denen wir leiden. Deutsche Brüder! Die Aufgabe des Proletariats aller Län- der ist eine große. Arbeiten wir fortwährend und unentwegt an der Verbreitung unserer Ideen! Durch den düstern Schleier, welcher den Horizont bedeckt, fällt schon ein Lichtstrahl hindurch, der mehr und mehr Helle verbreitet. Die alte Welt, in ihren Grundfesten erschüttert, muß bald in Trümmer zerfallen. Deutsche Brüder! Mit immer wachsender Befriedigung sehen wir Euch am Werke, unsere Blicke sind auf Euch gerichtet, wir sehen, wie Ihr trotz aller Verfolgungen nicht einen Moment auf- hört, für das Wohl der Menschheit zu kämpfen. Wir wünschen Eurem Congreß den besten Erfolg und senden Euch unsere brüderlichen Grütze. Brüssel, 18. Mai 1877. Für die Arbeiterkammer: Louis Bertrand, Sekretair. III Gent, 26. Mai 1877. Werthe Parteigenossen! Die Gent'schen Arbeiter senden Euch, Deutsche Brüder, im Congreß zu Gotha vereinigt, ihren Bruder- " grüß und hoffen, daß Eure Berathschlagungen für die sozio- listische Idee vom besten Erfolg gekrönt sein werden. Zu- §leich berichten wir Euch, daß die„Vlämische sozialistische Ar- eiterpartei" Sonntag, den 20. Mai, in Mecheln gegründet worden ist, und daß die vlämischen Arbeiter Alles, was möglich ist, thun werden, um sie kräftig und dauernd zu machen. Auch melden wir Euch, daß Sonntag, den 20. Mai, auf dem halb- jährlichen Tongreß der belgischen internationalen Arbeiter zu Jemappes beschlossen wurde, einen allgemeinen sozialistischen Welt-Congreß zu Gent abzuhalten. Wir hosten, daß die deutsche Sozialdemokratie auf demselben in einer Weise vertreten sein wird, die ihrer Bedeutung entspricht. Die Gent'schen So- zialisten werden ihrerseits Alles thun, um den Abgeordneten der Männer, die mit uns leiden und kämpfen, einen würdigen Em- pfang zu bereiten. Das Circular, welches Ihr binnen wenigen Tagen erhalten werdet, wird Euch weiteren Aufschluß geben. Möge inzwischen das beste Einvernehmen in Eurem Eongreß herrschen, auf daß er gute Früchte trägt. In der Hoffnung, Viele von Euch im September in un- serer Mitte zu sehen, rufen wir Euch ein herzliches Glückauf! zu. Im Namen der Gent'schen Abtheilung der Internationalen Arbeiter- Assoziation: Edmond Banbeveren. Edouard Anseele. IV. Genossen! Wir ergreifen die Gelegenheit, Euch im Namen der sozialistischen Partei Portugals zu dem schönen Ergebniß Eures letzten Wahlkampfs und der großartigen Entwickelung Eurer Partei zu beglückwünschen, welche ja auch die unsere, ja die aller Sozialisten der Welt ist. Obgleich die Arbeiter heute noch in dem Rahmen der Nationalität sich bewegen, so kennt doch ihr Denken, so kennt doch ihr Ziel keine Grenzen, ist überall das- dasselbe,— die Meinungsverschiedenheiten des Proletariats sind im Grunde nur einfache Formfragcn, erzeugt durch die beson- deren sozialen Verhältnisse oder durch zufällige Persönlichkeiten. Die Hauptsache, Freunde! ist: daß das gesammte Proletariat, so weit seine Vernunft nicht gefesselt, die gleichen Bedürfnisse, die gleichen Bestrebungen hat. Gerade das ist uns der beste Beweis für den unaufhaltsamen Sieg unserer Sache. Setzen wir kühn und entschlossen den Kampf fort! Ihr marschirt an oer Spitze der Armee der Ausgestoßenen, der Opfer der Gesellschaft. Also Muth! Den 15. Mai 1377. Der Centralrath der Sozialisten- Partei Portugals. Im Namen und Auftrag des Ausschusses Azedo Guecco. Agostinho Jose la Silva. Antonio Uoaquim de Oliveirez. Antonio Lucio Fazenda. Aus Rumänien. — 26. Mai 1877. lDie Mission, die stammverwandten slavischen Brüder vom Türkenjoche zu erlösen, welche die vom„humanen" Eifer be- seelten Russen übernommen haben, scheint vom Himmel wenig begünstigt zu sein, da er die ganze Zeit über Thränen weint und das ganze rumänische Operationsfeld durch fortwährenden Regen überschwemmt; es regnet seit Wochen fast ununterbrochen*), derBoden ist durchweicht, sodaß jede Fortbewegung fast zur Un- Möglichkeit geworden ist. Der Aufmarsch der russischen Armee verzögert sich dadurch ungemein. Die Bahn, an vielen Stellen unterbrochen, muß beständig frisch in Stand gesetzt werden, da jede Reparatur durch neue lleberschwcmmungen zerstört wird. Die armen Soldaten sind daher meist nur auf Fußmärsche an- gewiesen, was bei der gegenwärtigen Beschaffenheit des Bodens nicht gerade angenehm sein muß. Die Leute sehen darum auch erbärmlich aus und ein großer Theil muß den Strapazen unter- liegen. Gestern, als ich am Bahnhof war, fand ich einen Offizier am Perron der Länge nach hingestreckt sich vergnüglich thun, das Publikum amüsirte sich an dem Anblick dieses braven Mannes, dagegen schien der eben eintreffende General darüber wenig erbaut und beorderte 2 Mann, ihren Vorgesetzten aufzu- richten und in eine Droschke zu bringeu, um ihm ein vassenderes Lager anzuweisen; der Offizier, damit nicht einverstanoen, wollte durchaus seinen Platz behaupten und die dadurch entstandenen Differenzen fingen an sehr ungemüthlich zu werden.— Solche Szenen gehören jetzt hier nicht mehr zu den Seltenheiten. Inzwischen sucht Rumänien seinem moskowitischen Verbündeten nachzueifern und für das angehäufte Kriegsmaterial geeignete Verwendung zu finden. Es hat sich von der Türkei für un- abhängig erklärt, um als selbstständiger Staat mit seinem bis- herigen Souzerän anbinden zu können. Die Rumänen sind aber nichts weniger als kriegslustig, sie verhehlen sich nicht, daß es eine riskante Sache ist, mit Schießgewehren und dergleichen gefährlichen Dingen umzugehen; sie bestreben sich möglichst, im Hintergrunde zu bleiben und den befreundeten Russen den Vor- rang zu lassen. Die von der Regierung angeordnete Rekrutirung geht hier in der kürzesten und formlosesten Weise vor sich. Eine Commission, bestehend aus einigen Sergeanten und Communal- beamten, sucht die öffentlichen Straßen, Plätze, Gast- und Cafö- Häuser ab und nimmt jeden ihr in den Weg kommenden Mann, der halbwegs militärfähig zu sein scheint, mit sich, um ihn der Armee einzureihen. Da sich hier sehr viele Ausländer stabil aufhalten, haben die fremden Consuln beständig zu thun, die Angehörigen ihres Staates zu reklamiren, wer aber nicht das Glück hat, durch Protektion oder sonstige Verwendung sich von der rumänischen Militärbehörde frei zu machen, der wird eingekleidet und in die Kaserne expedirt.— In der Stadt sowohl wie auf dem Lande werden Requisitionen vorgenommen. Doch geschieht das hier zu Lande ungeregelt, es herrscht dabei echt rumänische Willkür, und in der Regel wissen sich die Wohlhabenden von diesen Lasten zu befreien, theils durch Protektion, thcils durch Privatabmachunaen mit den amtirenden Organen. So sehr das Land durch den Kriegszustand zu leiden hat, und so sehr jeder Einzelne direkt und indirekt in seinen Verhältnissen geschädigt ist, ist die Stim- mung der Bevölkerung' doch eine ziemlich normale, so weit man dies aus den sich regelmäßig wiederholenden Judenprngeleien schließen darf. Der Rumäne kann es einmal nicht unterlassen, seine Tapferkeit an den wehrlosen Juden zu beweisen. Als Gegendienst haben die Judengemcinden einen Aufruf erlassen, in welchem zur Beschaffung von Charpie für die„tapfere rumänyche Armee",„unsere braven Soldaten", aufgefordert wird, und in welche jüdische Familie man heute auch kommt, findet man das schöne Geschlecht eifrigst Charpie zupfen. ----/ •) Vergleiche die Corresponden,:„Aus Rumänien� in voriger Rummer, in welcher daS Gegentheil behauptet wird. Bemerken wollen wir, daß die Angaben des Verfassers der heutigen Correspondenz(und auch der in Nr. 58) insofern bestätigt werden, als von den niederen Tonauländent große Ueberschwcmmungen infolge starker Regengüsse signalisirt werden. R. d. R. Bis jetzt verlautet noch nichts von einer eigentlichen Action, der Aufmarsch und die Concentrirung geben noch viel zu schaffen und man glaubt, daß Ende nächster Woche, wenn der Czar im Hauptquartier in Ploesti eingetroffen sein wird, der Uebergang über die Donau versucht werden wird; bei dem gegenwärtigen Wasserstand der Donau dürfte das keine leichte Aufgabe sein; man scheint sich darüber auch keiner Illusion hinzugeben. Sanitätswagen und Ambulancen mit dem rothen Kreutz werden massenhaft nach Galatz, Braila und Bukarest erpedirt.— An sämmtliche Partei- und GefinnnngSgenossen im Wahlkreis Altenburg. Das Ergebniß betreffs Herausgabe einer Zeitung für unseren Wahl- kreis ist folgendes: Einer gewählten Preßcommission, der später eine Controlcommisston beigegeben ist, wurde nach vielen Verhandlungen über Druck der Zeitung von dem Buchdruckereibesitzcr Herrn Blücher abschlägiger Bescheid. Bon der Crimmitschauer GenossenschaftSbuch« druckerei lief ebenfalls abschlägiger Bescheid ein. In unserer letzten Sitzung kam daher die Frage der Gründung einer Genossenschaftsbuch- druckerei auf's Tapet; allgemein wurde anerkannt, daß dies der einzige Ausweg sei. Ein Schriftsetzer, welcher der Sitzung beiwohnte, gab nähere Auskunft über die erforderlichen Mittel; sie werden sich genau berechnet auf lövll Mark Anfangskapital belaufen, jedoch kann mit der Hälfte des Kapitals angefangen und bei Prosperität unserer Zeitung die andere Hälfte später abgezahlt we den. Wir wollen Euch Gesinnungsgenossen nicht die Schwierigkeiten deS� Unternehmens verhehlen, die nöthigen geistigen und technischen Kräfte sind wohl vorhanden, eS fehlt aber das Geld. Die von uns auSgege- denen Schuldscheine sind nicht zur Genossenschaftsbuchdruckerel bestimmt,. dies Geld soll ein fester Fonds sein, der für andere Zwecke bestimmt ist. Zu diesem Fonds sind erst 150 M. eingegangen, eine winzige Summe bei über 6000 Gesinnungsgenossen im Wahlkreis. Wir for- Aber geschieht ihnen schon recht! Die Arbeiter sind schuld dern die Genossen daher auf, für das projektirte Unternehmen besser an den schlechten Zeiten, da sie während des wirthschaftlichen als bisher zu agitiren. Beruft Versammlungen ein und sammelt bei Correspondenzen. Mien, 26. Mai. Wenn man stets dasselbe Thema berührt, so wird das auf die Dauer langweilig, aber aus Oesterreich giebt's einmal nichts Anderes zu berichten, als über den Roth- stand und die Verfolgungen der Partei. Unter den vielen An- zeichen des erstern mag nicht das Unwichtigste der Umstand sein, daß vom 1. Januar d. I. bis heute in ganz Wien 9— sage neun— Neubauten begonnen wurden! So oft ein Bau be- gönnen wird, umdrängen den Bauplatz Schaaren von Menschen, die sich anbieten, um jeden Preis zu arbeiten. Aufschwunges nicht sparten. Wer es nicht glaubt, dem sagt es ftdcr Gelegenheit Gelder für das Unternehmen. Graf Lamezan.„Hätte man es verstanden, die nöthigen Vor- d°k-s unter Umst-ndm mcht mögltch sichtsmaßregeln zu treffen, so würde man nicht gezwungen setN, P-� s«: �Vorwärts für unseren Wahlkreis zur Ehre der Partei-. Ihr werdet einsehen, ist, die Zeitung am u klagen, daß die damalige Ausbeutung Ursache sei, daß heute ue Geschäfte so flau gehen." Daß die Sozialisten nicht der Ausbeutung, sondern der Ueberproduktion das Hereinbrechen der Krisis zuschreiben, kümmert den edlen Grafen nichts, ebenso wenig der Umstand, daß der Staat flugs bei der Hand war, als es galt, den bedrängten Millionären, die doch auch hätten„sparen" können, ibre Milliönchen zu erhalten. Schuldscheine sind zu haben bei Herrn Nitsche, Nikolaikirchhof, Altenburg. Alle Gelder für das ZeitungSunternehmen sind an dieselbe Adresse zu senden. Wir bitten die Gesinnungsgenossen, in den kommenden Bersamm- lungen über diesen Gegenstand in Berathung zu treten und rege für die Sache zu wirken. Die Zeitungs- und Control-Commission. Di-»,-iff«»-iwii»»,-n.uns-i-S I-ff-ndorl». di- i ÄVCSST � er sich neuerdings bei der Schwurgerichtsvcrhandlung gegen das_____ Buchdruckerorgan„Vorwärts" am 19. d. M. zu Schulden kom- Briefkasten men ließ, will ich unerörtert lassen, an derlei sind wir schon~_~f fsiiheafi.im w to- non w$w gewöhnt. Werthvoll aber ist sein Geständmß bei dieser Gele- S4r gjs. Gglr hier„N. W.- 12�20.' I.' Bst Mainz„N. W." genheit, daß ein Fabrikant m Asch den Lohn von 1 Gulden aus 19Ä m 31,50, Schr. 1,00. Rwe Altona Ab. 12,10. Arb.-Bild.. 60 Kreuzer per Stuck herabgesetzt habe. Entgegen den Lugen- verein Meran Ab. 12,65. Hßnr Mainz„N. W." 21.20. Expedition tclegrammen der liberalen Blätter, die Arbeiter hätten eine des„Volksbl." Altona„N. W." 500,00. Hllngl Nordhausen„N. W.Lohnerhöhung verlangt, ist dies deutlich genug. Einige gestanden 6,90, Ab. 9,00. Eh. Bltt St. Louis Ab. 7,90. Krtzschmr Dortmund allerdings verschämt eine Lohnreduzirung von 40 Kreuzern ein, ,.N. W." 2,40. Schllr Rchbrg 0,30. A. Mrr Jtzstein„N. W." 1,60. aber man hätte auch glauben können, es sei dies ein Abzug � »°m das wäri im»» mchl 1° st-cht--«ch. Lk'L/eM.VWW, t ssttfiS-W-«■----*•***»■ dem schnellen Verhungern zu schützen. Aber nicht allein das/ Die Arbeiter verlangten in ihren Forderungen von dem Fabrikanten Geipel nicht nur Herstellung des bisberigen Lohnes, sondern auch das Versprechen, sie ferner- hin nicht mehr mißhandeln und sie als Menschen betrachten zu wollen! Dies war also bis dahin nicht geschehen. Das Alles s m mm konnte wohl genug Grund zur Unzufriedenheit geben, aber Graf Eanv. G. iQ.ou. Lamezan meint, wenn ein Arbeiter sammt Familie mit 60 Kreu- zern nicht leben kann, seien die sozialistischen Blätter daran schuld. Ter durchschnittliche Wochenverdienst betrug in der Geipel'sckien Fabrik 4 Gulden! Die 40 Prozent Lohnreduzirung hätten also den Lohn auf 2 Gulden 40 Kreuzer verringert! Aber da sind eS die Blätter sozialistischer Tendenz, welche also die Arbeiter verblenden und aufteizen. Das Gräslcin ist übrigens wieder einmal'reingefallen, der „Vorwärts" wurde von den Geschworenen freigesprochen. Da mit den Geschworenen nichts anzufangen ist, sucht man die So- zialisten vor Berufsrichter zu bringen; zu diesem Behuf hat man gegen sämmtliche in dem Gasthause bei der Gelegenheit Anwesende(Schapira wurde dabei ausgewiesen) die Anklage wegen Vergehens der Geheimbündelei erhoben. Es ist zu lächer- lich! Die Berufsrichter müssen unsere Genossen ebenso frei- sprechen, wie den„Vorwärts" die Geschworenen, weil zu einer Verurtheilung doch wenigstens der Schein des Rechts gehört. Die Wiener Geschworenen sind auch nicht sozialistisch, aber sie mußten den„Vorwärts" freisprechen, wenn sie sich nicht bla- miren wollten. Die Grazer Geschworenen haben diese Gefahr zwar seiner Zeit nicht gescheut und Tauschinsky und Consorten schuldig ge- sprachen; aber die Grazer scheinen auch rare Leute zu sein. Nach einem Telegramm aus Graz vom 25. Mai wurde der Werksdirektor August Wittich in Schachner's Spiritusfabrik, ob- gleich er geständig war, einen renitenten Arbeiter in heftiger Zornesaufwallung mit einem Stück Holz todtgcschlagen zu haben, von den Geschworenen von der Todtschlags-Anklage ein- hellig freigesprochen. Ein Proletarier, der nach Idealen strebt, wird mit mehr- jähriger Kerkerhaft„bestraft", der geständige Mörder eines Arbeiters bleibt straflos! Wie viel fehlt noch, daß auch unsere Mastbürger, gleich jenen Römern, ihre Muränen mit Sklaven- fleisch füttern? 8. Hotha, den 28. Mai. Generalversammlung der Leipziger Genossenschafts- Buchdruckerei. Vertreten sind 47 Mitglieder. Es wird beschlossen, vom Reingewinn des Geschäftsjahres 1876 bis 1877 im Betrage von Mark 6114,57 zunächst laut Statut 10 pEt. dem Reservefond gut zu schreiben, weiter den Inhabern der Voll-Antheilscheine 6 pCt. Dividende zu gewähren, dann Mark 1939,00 verschiedenen Debitoren autzuschreiben, weiter Mark 1500,00 dem Auffichtsrath zur Verfügung zu stellen und den Rest dem Reservefond zu überweisen. Auf Antrag Fritzsche's wird dem Vorstaude Decharge ertheilt. Die Neuwahl des Vorstandes ergab folgendes Resultat: H. Ramm, Leipzig, 1. Vorsitzender, I. Motteler, Stellvertreter, Chr. Hadlich, Kassirer.__ Agitationsfonds. „Clvis germann» Pseudo-Bourgeoix" 5,00. Dr. Ph. P. 5,00. Für die gemaßregelteu Krnpp'fchen Arbeiter. Von Dr. A. 10,00. Dr. E. 5,00. Fabr. F. 30,00. Dr. C. Skatspiel 1,00 in W. Sa. 58,00. 2,00. Berliner Wahlfonds. Von C. Leipzig 1,00. Dr. P. Rheinau 10,00. Stollberg.(Abrechnung des ReichstagS-Wahlcomites.) Einnahme der Ceniralkasse des 19. Wahlkreises. Im Septbr. aus Psannenstiel M. 3,00, Hamburg 50,00; im Oktbr. ein Darlehn 12,00,_ Stollberg 5,00, JahnSdors(d. Thalheim) 2,00, Geyer 1,50, Schnee. bcrg 1,75; im Dezbr. d. Liebknecht 49,70, do. 50,00, do. 200,00, aus_ z_ 1 Geyer 0,55, Vielau 5,11, Mülsen 1,00; im Jan. 1877 d. Liebknecht! 20,00, aus Auerbach 5,00, Ursprung 3,00, Hamburg 50,00; im Febr.! aus Schnecberg 24,00, Geyer 1,25, Hamburg 44,00, do. 75,00. Sa. aller Einnahmen 603,86. Ausgabe de» Centralwahlcomites im Auszug. An Porto, Schreib- Material, Depeschen k. 58,62, Annoncen 8,01, das Lokalcomitö Geyer 35,80, do. Stollberg 99,50, do. Lößnitz 30,00, do. Grünhain 23,60, � do. Seifertsdorf 10,00, für Prozeßkosten 71,08, Agitation 139,60, Schriftführergehalt 70,65, zurückgezahltes Darlehn 12,00, sonstige Ver- waltungSspesen 9,10. Sa. der Ausgaben 567,86. Zusammenstellung. Einnahme M. 603,86 Ausgabe» 567,86 Kassenbestand Anzeigen ze» ri«�r°Ho?' � ÄBenb8 8 Oeffentltche Schneiderversammlung. Tagesordnung: 1. Der Nachtheil für unser Gewerbe durch die industrielle Zuchthausarbeit. Referent Hr. Nauert. 2. Neuwahl der Arbeitsnachweis-Commission. Die Wichtigkeit bedingt allseitiges Erscheinen.[90 Der Einbcrufer. Soeben erschien im Verlag der Buchhandlung deS„Zeitgeist" in München: Juristisches Taschenlerikon! von vr. Lehn. Unentbehrlicher Rathgeber in Prozeßsachen. Wichtig für Arbeiter, Kleingewerbetreibenoe, Kaufleute tc. Das Werk ist zudem noch ein leichtfaßliches, übersichtliches Hand- buch für PrüfungS-Eandidaten.[3,00 7 Bg. 8. Preis 1 Mark.(3b> Wir empfehlen: Grundzüge der Nationalökonomie von C. A. Schramm. 76 Seiten Oktav, Einzelpreis 25 Pf., in Partien bezogen 20 Pf. pr. Expl _ Die Expedition des„Vorwärts". Durch uns ist zu beziehen: Que Faire? Französischer Roman von Tchernyschewsky. 33 Bogen stark. Preis 4 Mark. __ Die Expedition des„Borwärts". Durch die Buchhandlung de-„Borwärts" ist zu beziehen: „Das preußische Regiment" vor Gericht. Rede, gehalten von Tudwig?fau zu seiner Vertheidigung vor dem Stadtgericht zu Frankfurt a. M. Preis: 30 Pf. Inhalt: Borwort.— Auszüge aus dem Münchener Kunstbericht. — Anklageschrist.— Gerichtsverhandlung.— Rede Ludwig Pfau's.— Durch uns ist zu beziehen: Zur Grund- und Bodmsrage von Wilhelm Liebknecht. 2. vervollständigte Auflage. Preis per Exemplar 0.75 M«rk. Die Expedition des„L-r»SrtS". M. 36.00 Vorstehende Rechnung für richtig befunden. Das Central-Wahlcvmitö: C. Temmler, Vorsitzender. H. Reymund, 2. Vorsitzender. F. August Stopp, Kassirer. Verantwortlicher Redakteur: R. Seiffert w Leipzig. Redaktion und Expedition Färberstraßc 12/11. in Letp�z. Druck und Verla« der Genoffenschaftsbuchdvuckerti in Lechze