Erscheint in Leipsiz Mittwoch, Freitag, Sonntag. Abonnementsprcls für ganz Teutfchland t M, 60 Pf. pr» Quartal. Monats- Abonnements «erden bei allen dcutfchen Postanstaltm auf den 2. und ll. Monat, und aus den 3. Monat besonders angenommen: im Sbnigr, Sachsen und Herzogth. Sachsen- Alten bürg auch aus den Itcn Monat des Quartals d i-t Pfg. Inserate betr. Versammlungen pr, Petitzeile 10 Pf,. betr. Privatangelegenheiten und Fest« pro Petitzeile so Pf. VorVärls Veslellungen nehmen an alle Postanstalten und Buch handlangen de» In- u. Auslände», Filial- Expeditionen. Rew�Borl: Soz.-demolr«enossen- schastsbuchdruckerci, IS4 kliüriilxe ßtr, Philadelphia: P, Haß,«so Kort!, Zea gtrert I. voll, 112- Charlotte Str. Hodolen N.J.: F. A. Sorge, 21S rVa>ih- in�ton ßtr. Chicago: A. Lansermat n, 7t Ctyhourne»». San Franziseo: F. Snh.tlS0'l'arreII tiir. London IV.: C. Henze,» Nev itr. Kolüeu Square. Gentrat Grgan der Soziatdemokratie Deutschtands. Nr. 67. Sonntag, w. Juni. 1877. Zum jüngsten Staatsstreich des Herrn Mac-Mahon. Wir glauben Niemandem etwas Unerwartetes oder Neues zu sagen, wenn wir die Ansicht aussprechen, daß die Republik die- jenige Staatsform ist, in der allein sich der freiheitliche, der demokratische Gedanke voll und ganz durchführen läßt. Aber einem solchen Exemplar von einer Republik, wie es Frankreich seit dem Sturze der Commune uns darbietet, möchten wir doch ohne Bedenken die absolute Monarchie von„Gottes Gnaden" gleichstellen, für die man uns sonst nicht gerade eine Schwärmerei nachsagen kann. Seit dem Mai 1871 haben in Frankreich Volksverrath und Freiheitsmord ununterbrochen sich breit gemacht, und wir haben das tieftraurige und doch wieder geradezu lächerliche Schauspiel gesehen, daß in einer Republik die monarchisch gesinnten Blätter laut für Bonapartismus, Or- leanismus und Legitimismus Propaganda machen durften, wäh- rend selbst gemäßigt-freiheitliche und republikanisch gesinnte Blätter auf jede Weise verfolgt uud unterdrückt wurden; in den offiziellen Aktenstücken der Regierung einer Republik aber wurde der Name Republik vollständig vermieden. Nach langem Zaudern ist jetzt endlich vor einigen Wochen der Staatsstreich fertig geworden; Mac Mahon, dieser Ritter von der traurigsten Gestalt, hat im Widerspruch mit dem ausgesprochenen Willen des Landes ein ultrareaktionäres Ministe- rium berufen, und von allen Seiten erhebt sich jetzt die reaktiv- näre Meute, die, wenn auch noch so zerspalten unter sich, wenn auch noch so verschieden in den Aeußerungen und Systemen ihres Wahnsinns, doch einig ist im Kampfe gegen die höchsten und hei- ligsten Güter der Menschheit. Wie sehr die jetzige Regierung bestrebt ist, auch die geringsten Reste von Freiheit und freier Meinungsäußerung, die dem Lande noch geblieben waren, zu vernichten, das beweist das Rund- schreiben, das der augenblickliche Ministerpräsident, Herzog von Broglie, an die Generalprokuratoren erlassen hat und das wir hier im Auszuge, aber in diesem auch wörtlich folgen lassen, da jede einfache Inhaltsangabe unmöglich die Schamlosigkeit kennzeichnen könnte, mit der diese Vertreter der„göttlichen Welt- ordnung" zu Werke gehen. Dasselbe lautet: „Herr Generalprokuratori Der Präsident der Republik hat, indem er.sich von seinem Ministerium kennte und eine neue politische Richtung einschlug, einen gesetzlichen Gebrauch von dem ihm verfassungsmäßig zustehenden Rechte gemacht.... Wenn er in den politischen Gang der Dinge eingegriffen hat, so geschah es, um dem Umsichgreifen der radikalen Lehren Ein- halt zu thun, welche in seinen Augen unter jeder Regierungs- form mit dem gesellschaftlichen Frieden und der Größe Frank- reichs unverträglich find. Da also weder an den Verfassungs- gesetzen, noch an irgend einem anderen Gesetz etwas geändert ist, so habe ich auch nichts an den Weisungen zu ändern, welche Sie über die denselben schuldige Achtung und den Geist, in dem sie zu handhaben sind, erhalten haben. Aber Sie fühlen wohl selbst, daß, je mehr sich die politischen Leidenschaften in Ihrem Amtskreise regen und durch die zum Austrag kommenden Fragen aufgereizt werden, Sie auch desto mehr Festigkeit und Wach- samkeit in der Erfüllung aller Ihrer Pflichten entwickeln müssen. Unter den Gesetzen, deren Obhut Ihnen anvertraut ist, sind die heiligsten diejenigen, welche, auf Grundsätzen beruhend, die über allen politischen Verfassungen stehen, die Sittlichkeit, den Glauben, das Eigenthum und die wesentlichen Grundlagen irder civilifirten Gesellschaft beschützen. Gerade diese sind täglich der Gegenstand der Angriffe einer Presse, deren grobe Schmä- Hungen alle Grenzen übersteigen. Sie werden diese Presse durch nachdrückliche Ahnvung zur Achtung vor sich selbst und vor ihren Lesern anhalten und damit nur der öffentlichen Entrüstung eine Genugthuung geben. Noch einige andere Punkte verdienen in dieser Periode leiden- schastlicher Diskussionen Ihre ganz besondere Aufmerksamkeit. Man hat in der letzten Zeit mehr als einmal in mehr oder weniger verhüllter Weise, sei es die Verherrlichung oder die Be- Kön.gung des traurigen Bürgerkriegs unternommen, welcher Paris im Jahre 1871 heimgesucht hat. Einige Blätter haben zu diesem Behuf sogar, den positiven Vorschriften des Gesetzes zuwider, die Mitarbeiterschaf! von Individuen in Anspruch ge- uommen, welche wegen dieser gehässigen Borgänge verurtheilt und verbannt find. Sie dürfen keinen Versuch dieser Art ge- stalten. Es ist für die öffentliche Moral von Wichtigkeit, daß oer heillose Abscheu, welchen diese unselige Zeit in dem Andenken per Bevölkerungen zurückgelassen hat, durch nichts abgeschwächt werde. Jede Beleidigung des Staatsoberhauptes müssen Sie wir pünktlich hinterbringen und durch Ihre Organe verfolgen mssen................... 1«« �5 von den Parteien mehr als je beobachtete Taktik, die vssentliche Meinung durch falsche Nachrichten zu beunruhigen, muß v t uicht geringerer Wachsamkeit bekämpft werden. Niemals ist Meter Kunstgriff mit mehr Keckheit und Erbitterung gebraucht worden, als jetzt................ ©;hj!?axn muJ* diese verleumderische Verschwörung, die sich ein icbwuna k-s bie Geschäfte lahm zu legen und den Auf- Gekabr bin°�""-chen Wohlstandes zu hemmen, selbst auf die ti Uebel, mit dem sie droht, durch eigenes Zu- � um jeden Preis entlarven... Ä£0!ine Artikel 13 des Dekrets vom 17. Febr. die«Äni ftLi? e]itun9 falscher Nachrichten mit Strafen, Glauben f��nnnen ift9 xten.' wenn das Vergehen in bösem Jiur-t t degangen ist und die Störung der öffentlichen Ruhe llrtiMa9* t x x'r daben für die Durchführung dieses Artikels zu sorgen und dürfen dabei nicht vergessen lassen, daß nicht nur die durch die Presse verbreitete falsche Nachricht dem Gesetze verfällt, sondern die Lüge auch in jeder andern Form, sobald sie öffentlich auftritt, bestraft werden kann.".... Soweit das schamlose Aktenstück des Herzogs von Broglie. Die Geschichte Europas in den letzten fünfzig Jahren hat die Männer, die den Sinn für Wahrheit und Recht besaßen, wahrlich nicht verwöhnt. Wir haben in diesen Jahren manchen Eid von Gewaltigen brechen, manche beschworene Verfassung vernichten, manchmal die Freiheit unterdrücken und die Schande triümphiren sehen, aber es ist uns selten ein Attenstück vor die Augen gekommen, das dem vorstehenden an die Seite zu stellen wäre. Man kann sagen: jeder Satz desselben ist ein Widerspruch in sich und gegen den vorhergehenden, jede Zeile enthält eine Lüge, jedes Wort ist ein Dolch, der Wahrheit und dem Recht in den Rücken gestoßen. Eine eingehende Beurtheilung des ministeriellen Machwerkes würde uns zu weit führen, wir glauben aber, daß jeder denkende Leser unser vorstehendes Urtheil nicht zu schroff finden wird. Wir wollen nun noch die Frage aufwerfen: Wie war es möglich, daß es in Frankreich, dem Lande der Helden, der ersten Revolutton, dem Lande der Julikämpfer und der Februarrevo- lution, wiederum so weit kommen konnte, daß alle Mächte der Finsterniß triumphirend das Haupt erheben? Und darauf giebt es nur eine Antwoet. Es ist die unge- heurc Erbärmlichkeit, die unsägliche Feigheit der Bourgeoisie einzig und allein, die dergleichen möglich macht. Der Beweis ist sehr leicht zu führen. So lange die Bourgeoisie für ihre Freiheit, für die Frei- heit des Kapitals, für ihre Gleichberechtigung mit der Herr- schenken Klasse kämpfte, war sie scheinbar begeistert für Freiheit und Recht, denn das Proletariat hatte sich noch nicht so entwickelt, noch viel weniger so organisirt, wie heute. Als aber dann die unterdrückte Klasse, das Proletariat, auf den Plan trat und von der Bourgeoisie, die inzwischen in der ersten ftanzösischen Revolution zum Sieg gelangt war, dasselbe verlangte, was diese ihrerzeit von der Aristokratte gefordert hatte, da bemächttgte sich eine blasse Furcht der ganzen Gesellschaft, und man zögerte nicht, dem Proletariat alles zu versagen, was ma« für sich setber,-für die Bourgeotsir, als mcchr in Anspruch genommen hatte. Oder ist etwa die Eigenthumsumwälzung, welche die Bourgeoisie gegenüber dem Feudalismus des Mittelalters zu Stande ge- bracht hat, nicht ähnlich einschneidend gewesen in alle Verhält- nisse, wie diejenige Aenderung der Eigenthumsverhältnisse, die heute der Sozialismus erstrebt? In ihrer namenlosen Furcht vor dem Proletariat und dessen Ansprüchen warf sich dann die Bourgeoisie in Frankreich jeder Reaktion in die Arme, von der sie nur Aufrechthaltung aller bestehenden Verhältnisse hoffen konnte. Sie hat dadurch natur- gemäß alle Achtung vor sich selbst und vor Anderen verloren, sie kriecht nicht nur gezwungen, sondern freiwillig, wenn nur ihr Gott, der Geldsack, geschützt wird. Da ist es denn natür- lich, daß keine Regierung vor einer solchen Gesellschaft Respett hat, sondern daß sie sich ihr gegenüber jede Vergewaltigung erlaubt. Und daß es in Frankreich nicht schon viel weiter gekommen ist, daran trägt nicht etwa die republikanisch gesinnte Bourgeoisie die Schuld, sondern nur die dreifache Spaltung im reaftionären Lager selbst. Leider ist die Aussicht, daß es in Frankreich bald anders und besser— denn schlechter werden kann es nicht mehr— werden sollte, eine sehr geringe. Ja, wenn die edelsten Söhne des Vaterlandes, die Kämpfer von 1848 und 1849, die Hunderttausend Gemordeten und Ver- bannten von 1871 noch lebten, keine Regierung in Frankreich würde es wagen, dem Volke dergleichen zu bieten, wie die Aber die Bourgeoisie, weit entfernt das einzusehen, hat den Mördern dieser Helden nicht nur zugejubelt, sondern hat sie sogar in der Person von Monsieur Thier? und Mac Mahon an die Spitze des Staates gestellt. Jetzt erntet sie die Früchte ihrer Dummheit und Kurzsichtig- keit. Es geschieht ihr recht. Daß die Mörder des Proletariats einander in den Haaren liegen, darüber haben wir keine Ursache uns zu grämen. Zur Militärfrage. Bon einem Soldaten. Aufhebung des stehenden Heeres und Einführung der Volks- wehr an Stelle desselben, verlangt die Sozialdemokratie inner- halb des heuttgen Staates. Selbstverstänolich kann dies nicht auf einmal eingeführt, sondern muß Schritt für Schritt erobert werden. Es wäre jedenfalls eine lohnende Aufgabe für unsere Reichs- tagsabgeordneten, vorläufig einen Antrag auf Einführung«in» jähriger Militärdienstzeit zu stellen.*) Ich werde sogleich be- weisen, daß die einjährige Dienstzeit vollständig genügend ist, um den Soldaten auszubilden und kriegstüchtig zu machen. Bis jetzt ist die Dienstzeit des Soldaten drei Jahre, doch wird ein Drittel der Mannschaft jedes Regiments nach Verlauf zweier Dienstjahre zur Disposition entlassen und meist nur das dritte Jahr auf einige Wochen zum Herbstmanöver eingezogen. Gewöhnlich wird gesagt, daß diejenigen, welche sich zwei Jahre *) Aus dem letzten Sozialistencongreß gab dieser Compromißvor- schlag, über den wir uns hier jeden Urtheils enthalten, bekanntlich Anlaß zu lebhaften Debatten. Red. d.„B." gut geführt haben, wenig bestraft sind und auch im Schießen die erste Klasse erreicht haben, zur Disposition entlassen würden, doch kann der Feldwebel sehr viel thun, und Denjenigen, welche gut bei ihm stehen und die Mittel haben, hin und wieder„ge- fällig" zu sein, wird er sich auch wieder„gefällig" zeigen! Bei mehreren Compagnien gingen, wie mir bekannt wurde, voriges Jahr, vielbestrafte, dumme, miserabel schießende, schlechte Exer- zirer, aber reicherer Leute Söhne zur Dispositton, während mehrere noch ganz unbestrafte, stramme Excrzirer und mit der Schießauszeichnung belohnte Soldaten, aber arme Soldaten! das dritte Jahr„abschrauben" mußten.— Daraus ist am Besten zu ersehen, daß das dritte Jahr ganz unnütz und schon zum THette fallen gelassen ist. Doch auch das zweite Jahr kann fallen!— Wenu der Rekrut eintrifft, wird er ein Vierteljahr, oder auch länger,„ausgebildet". Nach der Rekrutenvorstellung wird er zur Compagnie gestellt und mit der alten Mannschaft einen Monat(oder länger) exerzirt; dann geht das Bataillons- hernach das Regimentsexerzieren los, während dessen geschossen wird. Nach dem Regimentsexcrziren beginnt das Brigade-, dann zum Herbstmanöver das Divistons-, oder je nachdem das Armeekorps- Exerziren. Bettachten wir vorstehende Eintheilung genauer.— Erstens, was wird dem Rekruten in Zeit des ersten Viertel- jahres gelehrt? Wenig, um nicht zu sagen nichts, was er als Soldat nöthig hat. Oder ist es vielleicht im Kriege nöthig, daß der Soldat so stramm stille steht? Wird der Feind leichter ge- schlagen, wenn die Griffe„Gewehr auf",„Achtung, präsentirt's Gewehr" u. s. w. recht peinlich exact ausgeführt werden? Oder werden im Kriege Parademärsche geübt und steht der Feind am Flügel und besichtigt die Glieder, ob sie ja schnurgerade sind? Nein, gewiß nicht! Und doch wird die meiste Zeit zu diesen Paradeübungen und Excrzierkünsten verwandt, und dabei der eigentliche Zweck des Soldaten hintangesetzt. Würde die Zeit nur angewendet, dem Rekruten Haltung und Tritt beizu- bringen und alle unnöthigen Manupalationen mit dem Gewehr und Richten beiseite gelassen, so würde die Rettutenausbildung statt vier Monate, vier Wochen dauern und der Mann nicht zur Maschine werden. Es vleivt noch sehr viel über die Rettutenzeit zu sagen, doch wird das Angeführte genügen. Gehen wir weiter! Bei dem Compagnieexerziren wird auch noch viel zu viel auf die unnützen Griffe und Paraderichtungen u. s. w. gelegt, doch wird schon hin und wieder ein Uebungsmarsch veranstaltet, auch die Char- girungen, Schwenkungen u. s. w. geübt, im Zielschießen geht es vorwärts. Bei dem Bataillons- sowie Regiments- Exerziren ist am hauptsächlichsten der Felddienst, Feldmarsch, Schießen, Fechten und Turnen vorherrschend. Bei der Brigade werden die Be- wegungen in größeren Truppenkolonnen und der Felddicnst in kleinerem Maßstabe als in der Division geübt. Das Manöver ist allbekannt ein kleiner Krieg ohne Biassenschlächterei, darüber will ich nichtZfprechen. Wenn der Soldat vom Tage seines Eintteffens bis zum Manöver dient, ist es voll auf genug; das zweite Jahr kann er nichts Neues mehr lernen, im Gegentheil, das Militärleben wird ihm immer widerwärtiger, er wird ganz gleichgiltig und vergißt das Gelernte noch, besonders wenn bei verminderter Mannschaft die Wachen sich mehren, und, wie es oft kommt, der Mann im Winter alle drei Tage auf Wache kommt. Ueber den Wegfall des dritten Jahres noch ein Wort zu verlieren wäre Raumver- schwendung, denn dasselbe hat sich in der Praxis schon lange als unnöthig gezeigt und ist eigentlich nur eine Strafe. Aber für den Wegfall des zweiten Jahres kann noch Manches angeführt werden. Wenn der Soldat als Soldat und nicht als Automat und lebendes Spielzeug abgerichtet wird, so kann ein Drittheil des Jahres erspart und für weitere nützlichere Ausbildung im Turnen, Felddienst u. s. w. benützt werden. Ebenfalls könne» die jetzt bestehenden drei Schießklassen iu eine größere komplizirtere, welche denselben Dienst wie drei thut, zusammen gezogen werden, um in einem Jahre die Scheiben- Schießübungen zu Ende zu führen. Als weiterer Grund ist das Einjährig-Freiwilligen- System hervor zu heben. Unwillkürlich fragt man sich, wie es kommt, daß die Bourgeoissöhnchen allein das Recht gepachtet haben, daß sie bloS ein Jahr zu dienen haben und dann meist mit der Aussicht auf lohnendes Avancement entlassen werden? Haben dieselben, weil sie eine jhöhere Schule besucht, wirklich soviel Auffassungsgabe, daß sie den praktischen Dienst sogleich verstehen? Nein! Die Herren Freiwilligen mögen aus Büchern noch so gelehrt sein, in der Praxis sind sie, mit wenig Aus- nahmen, ziemlich ungeschickt!*) Was für Reserveoffiziere aus den Freiwilligen werden, kann man sich denken. Frage ich nun: Wenn die Freiwilligen mit einem Jahre Dienstzeit genügend ausgebildet werden können, ist dasselbe nicht auch oei den andern Mannschaften möglich? Gewiß! Es ist thatsächlich jetzt schon so, daß der Mann in einem Jahre vollständig auslernt! Es ist nichts so schwer für den Soldaten, als die Ungleich- heit und Ungerechttgkeit, auf welche er bei jedem Schritte stößt! Dadurch, daß jeder Mann blos ein Jahr zu dienen hätte, würde sich so eine bedeutende Masse stehendes Militär nicht mehr als nöthig, nicht mehr als möglich erweisen. Demnach blieben mehr bedürfnißhabende und werthschaffende frische Kräfte *) Es stand ein stärkerer Ausdruck da, den wir aber, weil entschieden ungerecht, abzumildern für nöthig hielten. Es liegt in der Natur der Dinge, daß die Proletarier- Soldaten den privilegirten Bourgeois- Soldaten nicht sehr„grün" sind. Red. d.„V." im Lande. Der jetzige Anshebungsmodus müßte dann jedenfalls abgeändert werden, doch das ist Nebensache. Ich weiß wohl, daß das dreijährige Militärsystcm eines der besten Agitations- mittel der Sozialdemokratie ist, doch ist nicht zu befürchten, daß dasselbe durch obigen Vorschlag geschwächt würde, im Gegentheil, durch den einjährigen Dienst wird dem Soldaten schon so viel Ab- neigung vor dem Militär eingeflößt, daß es für's ganze Leben genügend ist; die späteren Jahre verrohen den Menschen nur und machen ihn nur zu oft untauglich, eine großartige Idee zu ver- stehen. Ferner ist die Ungerechtigkeit, welche gleichsam das leitende Prinzip des Militärstaates ist, ganz besonders geeignet, das Gerechtigkeitsgefühl der jungen Männer zu beleidigen und ihnen die Augen zu öffnen. Denn die Unterordnung oft sehr Gebildeter unter den Willen irgend eines Ungebildeten mit gelber Tresse gibt zu Unzufriedenheit Anlaß, und das ist der Weg, der zum Sozialismus führt. Ich hoffe mit Obigem die Forderung einjähriger Militär- dienstzeit hinlänglich begründet zu haben und halte es für selbst- verständlich, daß Arm und Reich ohne Unterschied gleich lange Zeit zu dienen verpflichtet wären. Mögen meine Ausführungen nicht ungehört und unverstanden verhallen, denn es ist nach jeder Seite nur von Nutzen und ganz besonders für uns Soldaten. Sozialpolitische Uebersicht. — Der letzte Cogreß der deutschen Sozialisten hat unseren Gegnern wieder einmal Gelegenheit gegeben, ihre Rath- losigkeit, Ignoranz und— Anständigkeit an die große Glocke zu hängen. Anfangs waren sie verdutzt und faßten katzenjämmerlich gute Vorsätze. Nur„mit geistigen Waffen" sei der Sozilismus zu bekämpfen, und der„geistige Kampf" müsse nun ernsthaft ge- führt werden. So schrieb z. B. der„Hamburgische Correspon- dent" ganz zerknirscht(Nummer vom 31. Mai): „Die Ausführlichkeit, mit welcher wir uns bei früherer Ge- legenheit über den Einfluß der sozialistischen Presse und über die Zahl ihrer direkten und indirekten Abonnenten und Leser aus- gelassen haben, läßt Betrachtungen über diesen Gegenstand ebenso entbehrlich erscheinen, wie Auseinandersetzungen darüber, daß eine Partei, die einen so großen Preß-Apparat in Bewegung setzt, in der Zunahme begriffen sein muß. Daß die in Preußen unternommenen Versuche, der sozialistischen Agitation und Ver- gesellschaftung durch gerichtliche Urtheile und Coalitionsverbote zu Leibe zu gehen, vollständig unwirksam geblieben sind, ist überdies seit den letzten Wahlen eine allgemein anerkannte, von dem Abg. Wehrenpfennig von der Tribüne des Reichstages un- umwunden eingestandene Thatsache, für welche es der Erklärung natürlich nicht bedarf. Für ebenso ausgemacht kann angesehen werden, daß die von derselben Seite gegen die gewerksgenossen- schaftlichen Vereine ergriffenen Maßregeln die erwartete Wirkung nicht gehabt, sondern im Gegentheil dazu beigetragen haben, diese zum Theil neutralen Verbindungen in das sozialdemokratische Lager hinüber zu drängen und der von den Führern verkündeten Lehre,„daß praktische Versuche zur Besserung der gegebenen Zustände noch nicht an der Zeit seien und bis zur großen Uni- Versal-Umwälzung vertagt werden müßten", Eingang zu ver- schaffen. Die von dem Berichterstatter Auer abgegebene Ver- sicherung,„daß die Organisation trotz der von der Vit. Criminal- Deputation des Berliner Stadtgerichts ausgesprochenen Anflösung für Preußen noch auf dem vorjährigen Staudpunkte stehe", ist darum nicht als Uebertreibung anzusehen und wenigstens der Hauptsache nach(!) auf Wahrheit gegründet.— Der Versuche, welche hie und da gemacht gemacht werden, um der Sozial- demokratie durch eigens dazu geschaffene Vereine entgegen zu treten, geschieht in dem Jahresbericht der Partei keine Erwäh- nung, vielleicht weil diese Vereinigungen zu jung sind, als daß sie sich zu größerer Bemerkbarkeit hätten bringen können(!). Ansdrücklich wird dagegen anerkannt, daß in den katholischen Rheinlanden und in Westfalen die sozialistische Agitation „des Culturkampfes und der örtlichen Verhältnisse wegen" keine Fortschritte gemacht habe. Auf das„Warum"? ist Herr Auer nicht näher eingegangen und brauchen auch wir nicht einzugehen: die Herrschaft der Kirche läßt in jenen Gegenden die Herrschaft anderer Richtungen nicht zu. Es bestätigt das nur den alten Satz, daß geistige Bewegungen allein mit geistigen Waffen bekämpft werden können und daß unter diesen Waffen diejenigen des religiösen Glaubens die stärksten und schärfsten sind. Erhebend kann das von Herrn Auer gemachte Zugeständniß für uns Protestanten nicht genannt werden, von Wichtigkeit ist dasselbe aber für Alle» welche seine Zeugen sind. Daran, daß der Sozialismus nicht mit anderen als geisttgen und sittlichen Waffen zu überwinden ist, kann nicht oft und nicht nachdrücklich genug erinnert werden,— einerlei ob wir diese Waffen schon gegenwärtig zur Hand haben oder nicht. Mindestens erspart diese Einficht vergebliche Versuche, auf an- derem Wege zum Ziel zu kommen. Das ist auch ein Gewinn, wenn zunächst auch nur ein bescheidener!" Allerdings ein sehr bescheidener. Und der Gewinn schrumpft sogar auf Null zusammen, wenn der„Hamburgische Correspon- dent" an dem Trugschlüsse festhält, daß„die geisttgen Waffen des religiösen Glaubens die stärksten und schärfsten" seien. Sobald der Culturkampf eingestellt ist, wird sich zeigen, daß die „geistigen Waffen" des katholischen Glaubens ebenso unwirk- sam gegen den Sozialismus sind, wie die des protestantischen Glaubens. In ähnlicher Weise sprechen sich andere liberale Blätter aus, indeß die vernünftige Stimmung hielt nicht lang vor, und jetzt giebt die gegnerische Presse sich alle erdenkliche Mühe, ihren Lesern einzureden, daß die sozialisttsche Bewegung in Deutschland lange nicht so bedeutend sei, als man im ersten Schrecken sich einge- bildet; daß sie jeder ernsthaften Grundlage entbehre, an einem permanenten Defizit leide und von den unfähigen„Führern" blos noch künstlich aufrecht erhalten werde, bis es denselben ge- lungen, sich eine bessere Existenz zu verschaffen. Uebrigens seien die„Führer", denen es ja nur auf die„Arbeitergroschen" an- komme, bei Bertheilung der Beute einander bereits in die Haare gerathen, und wird dabei auf den Meinungsaustausch der„beiden Reichstagsabgeordneten Hasselmann und Liebknecht" hingewiesen, und auf den„erbitterten Kämpf"(!), der zwischen„Vorwärts" und „Rothe Fahne" geführt werde; kurz die Spaltung und der Bankerott sei schon da; man brauche nur ein Bischen zu warten, so werde das ganze Gebäude in sich selbst zusammenfallen. Wartet nur, Ihr Herren! Einen größeren Gefallen könnt Ihr uns nicht thun. Der geistreiche Geschäftspolitiker und streber- hafte Waschzettelfabrikant Richter, welcher in diesem wüsten Chorus den Vorsänger spielt, lernt vielleicht mit der Zeit, daß die öffentliche Erledigung von Differenzen bei Parteien ein Zeichen der Einheit und Stärke ist, wie umgekehrt das Ver tuschen ein Zeichen der Zerfahrenheit und Schwäche, und daß es für einen Parteiführer,— der ja Herr Richter sein will— keinen größeren Fehler giebt, als den Gegner zu unterschätzen und sich und Andere über ihn anzulügen. Im Interesse der Fortschrittspartei und in seinem eigenen persönlichen Interesse lebt er doch von der Fortschrittspartei— sollte Herr Richter diese sehr einfache Wahrheit begreifen und beherzigen. Sobald der fortschrittlich- liberal-reakttonäre Schlammvulkan zur Ruhe gekommen ist, oder eine Pause macht, werden wir zur Ergötzung unserer Leser eine Sammlung Richter'scher und sonstiger, den Congreß betreffender Kraftphrasen veröffent- lichen. Man wird dort die beste Gelegenheit haben', sich ein Urtheil über das Verhältniß eines Beamten zur Presse und zu seinen Untergebenen zu bilden, nämlich des derzeitigen Generalpost- meister, Ehrendoctor von Halle, Schriftstellers und Sprachrei- Nigers Heinrich Stephan, Ritter hoher Orden, Excellenz aus Stolp in Hinterpommern, sodann wird man vermuthlich gleich- zeitig den Geheimen Oberpostrath, außerordentlichen Professor der Berliner Universität und Dr. jur. Dambach bewundern können; wenigstens sungirte dieser in derselben Sache wider Klinck als öffentlicher Ankläger bei dem Disciplinargerichtshof in Kiel, wo Klinck freigesprochen wurde. Die Verhandlungen der Disciplinarkammer sind öffentlich, also am 30. Juni, Vor» mittags 10 Uhr; alle Mann an Bord!— g." — O welche Lust, Soldat zu sein! Zu diesem tief- ernsten Kapitel wird der„Neuen Badischen Landeszeitung" aus Mannheim unterm S.Juni geschrieben:„Wir brachten gestern die Mittheilung, daß ein Unteroffizier der 10. Compagnie des hiesigen Infanterieregiments seinem Leben durch Erschießen ein Ende gemacht habe. Aus den von uns inzwischen über diesen traurigen Fall eingezogenen Erkundigungen ergiebt sich zur Evidenz, daß der unselige Entschluß des betreffenden Unteroffi- ziers— Starek ist der Name deffelben— hervorgerufen ist durch die unwürdige Behandlung, welche derselbe von seinem Compagniechef, Hauptmann Meyer, zu erfahren hatte. Starek hatte„ckn jour" gehabt und von seinem Feldwebel eine Stunde Urlaub erhalten. Als er, in die Kaserne zurückgekehrt, dem Hauptmann Meyer dies meldete, wurde er von demselben thät- lich mißhandelt. Kurze Zeit nachher war er eine Leiche, mit seinem Dienstgewehr hatte er sich den Tod gegeben. In einem Briefe, welchen er noch vor der That an seine Kameraden ge- richtet hatte, ist die ihm vom Hauptmann angethane Behandlung als das Motiv bezeichnet, welches ihn zum Selbstmorde getrie- ben habe. Das Bedauern und die Entrüstung, welches schon ein solcher einzelner Fall allenthalben hervorrufen muß, muß sich zum Entsetzen steigern, wenn man vernimmt, daß dieser Fall innerhalb eines Jahres der dritte Selbstmord bei derselben. Compagnie ist."— Daß die militärischen Selbstmordtragödien' erst mit der Beseitigung des Militarismus ihr Ende erreichen können, braucht kaum gesagt zu werden. — Stephan contra Klinck. In dieser Sache, die wir vor einiger Zeit besprachen, schreibt man uns:„Am 30. Juni, Vormittags 10 Uhr findet in der famosen DiSciplinarunter- suchungssache Stephan contra Klinck,(deffen Ehefrau— post- widrig— Schriftstellerin, aber keineswegs Post-Federbandit ist, wie es ein hoher Verwaltungsbeamter beispielsweise seit Jahren ge- wesen, sogar schon als Assistent in Köln war) vor der Leip- ziger Disciplinarkammer statt. Die Verhandlung verspricht hochinteressant zu werden; deswegen machen wir jeden vorur- theilsfreien, rechtlich denkenden Leipziger darauf aufmerksam. — Das schweizerische Fabrikgesetz, gegen welches die Fabrikanten Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um es durch eine Urabstimmung zu Falle zu bringen, hat an dem National- rath Klein einen warmen Fürsprecher gefunden. Klein, der selbst Mitglied der Fabrikgesetzkommission war, erschien nämlich am 25. vorigen Monats in einer Versammlung des Gewerbevereins zu Basel und ließ sich nach der„Frkf. Ztg." folgendermaßen vernehmen:„Die Herren Fabrikanten suchen sich bei ihrer Agi- tation gegen das Fabrikgesetz neuerdings hinter den Einwand zu stecken, daß die ganze Angelegenheit von vornherein aus einen falschen Boden gestellt worden sei, insofern die Industriellen nur durch einen Vertreter in der Kommission repräsentirt gewesen. Dies war allerdings in der ersten Frbrik- Kommission der Fall, in der zweiten aber haben vier Industrielle gesessen und sämmt- lich erklärten sie, es werde unsere nationale Industrie auch nach Annahme des Fabrikgesetzes wohl fortbestehen können. Existirt doch die elfstündige und noch eine reduzirtere Arbeitszeit schon in manchen Fabrikstädten des benachbarten Elsaß, ohne daß die dortigen Fabrikanten im Mindesten über schlimme Folgen zu klagen hätten. Gegentheils sprechen sich dieselben offen dahin aus, daß nicht der ins Prokrustesbett gespannte Arbeitstag, sondern nnr die gute Behandlung der Arbeiter und der durch dieselbe ermöglichte Besitz von guten Arbeitern es sei, was die nationale Industrie konkur, enzfähig erhalte.—„Die Vorstudien seien zu ungenügend", lautet ein anderer Vorwurf der Fabrikanten, die deshalb eine gründliche Enquete verlangen. Die Fabrik-Kom- misnon hat aber, nicht gerade in Basel, aber häufig genug anderswo die Erfahrung gemacht, daß sich bei ihrer Ankunft Fabrikanten und deren Agenten von Morgens früh bis Abends spät in ihren Kreis drängten, um zu vernehmen, welches ihre Marschroute sei und dgl., daß einmal in einer Fabrik sämmtliche dort angestellte Kinder, sechszig an der Zahl, vor Ankunft der Kommission nach Hause geschickt wurden, so daß nur ein noch als unentbehrlich zurückbleibender Heizerjunge das verdächtige Ge- heimniß ausplaudern konnte! Das ist der Werth jenes Enquete- Berlangens.� Wenn im Ferneren gesagt wird, es werde die An- nähme des Fabrikgesetzes die Auswanderung mancher Industrien zur Folge haben, so kann Redner auch diese Eventualität unter Umständen nur begrüßen, falls nämlich das Exil solche Industrien trifft, die mit dem größten und unveräußerlichsten Gute, das wir — Zum Briefstil der Könige.„Vorder-Riß, 8. November 1859. Herrn H. Christ. Andersen! An einem sehr schönen Abend jüngst am Wallersee spazieren gehend, habe Ich Mich an Ihre prächtigen Mährchen und Dichtungen erinnert und den Entschluß gefaßt, die Bedenken, welche bisher erhoben'wurden, weil Sie nicht ein Deutscher von Geburt, zu beseitigen und Mir das wahrhafte Vergnügen zu machen, Ihnen Meinen Maxi- milians-Orden zu verleihen, da Sie so sehr im deutschen Sinne gedichtet und Ihre Märchen in Deutschland so populär sind. Noch im Mondlicht habe Ich Mir den Entschluß in die Schreib- tafel notirt. Wollen Sie die Verleihung dieses Ordens als ein Zeichen bettachten, wie sehr Ich Sie schätze und mit welchem Vergnügen Ich Mich an Mein Zusammensein mit Ihnen zurück- erinnere, der Ich mit wohlwollenden Gesinnungen bin Ihr wohl- geneigter Max." Ein gewisser Jonas, wir bemerken ausdrücklich, daß es nicht derjenige ist, welcher seiner Zeit von einem Wallfisch verschluckt wurde, fühlt den unverdaulichen Beruf in sich, Briese, die an den verstorbenen Märchenschreiber Andersen gerichtet sind, zu veröffentlichen. Wir erlaubten uns den Abdruck eines dieser Briefe aus zwei Gründen, einmal um den„Unterthanen" zu zeigen, welch geistreiche Briefe von Königen geschrieben werden — das„spazieren gehend" erinnert nebenbei sehr lebhaft an den„Dichterkönig" Ludwig— und dann weil aus diesem Briefe ersichtlich, daß es Andersen auf dem Wege der Menschwerdung nur bis zum Kriecher gebracht hat. Unter den veröffentlichten Briefen befindet sich auch einer vom König Frederik VIl. von Dänemark; der König bedankt sich in demselben bei Andersen dafür, daß er ihm seine Märchen vorgelesen. Der Triumph der Ordnung. Man schreibt uns aus London: Seit einiger Zeit ist in der Kunstgallerie der Regent Street ein Gemälde ausgestellt, welches große Sensation hervorgerufen hat und über welches eine Mittheilung namentlich Ihre Leser interessiren dürfte. Das Bild, eine Leinwand von nicht weniger als drei Metern Länge und zwei Metern Höhe, ist betitelt:„Der Triumph der Ordnung" und stellt eine der grauenvollsten Szenen des Bürgerkrieges von 1871 dar. Der Schauplatz der Scene ist die nördliche Mauer des Kirchhofs„?ere Lachaise", früher die„Mauer von Charonne", seit den blutigen Maitagcn die„Mauer der Communards" genannt. Zur Zeit der Kommune ging noch jene Mauer entlang ein tiefer, breiter Graben, ein Hohlweg, der für die Fuhrwerke der Steinmetze, sowie zum Ab- fahren von Erde diente. Heute befinden sich an seiner Stelle breite Reihen wvhlgepflegter Grabhügel, deren Kreuze sämmtlich erst aus den letzten vier bis fünf Jahren datirt sind. Der Künstler führt uns nun zurück an den Rand jenes jetzt zuge- schütteten Hohlwegs, zurück in die Maiwoche, und zeigt uns, was dort geschah. Im Vordergrunde, im Graben, ein Gewühl von Männern, Frauen und Kindern in wirrem blutigem Haufen theils todt, theils sterbend, gefallen unter den Salven einer Mitrailleuse, die rechts von Soldaten unter dem Kommando zweier, gleichmüthig ihre Cigarette rauchenden Offiziere bedient Wird. Einer der letzteren giebt einem Verwundeten, der herauf- zuklettern versucht, den„Gnadenschuß" mit seinem Revolver. Auf der Seite der unversöhnlichen Sieger befindet sich ein Grab kreuz mit der Inschrift:„Liebet einander!" Links aber, auf der Böschung jenseits des Grabens, die Mauer entlang, steht wieder eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern, die eben das Todesloos erdulden, theils mit wilden, von der Leidenschaft des Kampfes verzerrten Zügen, theils in edler, selbstbewußter, erhadener Haltung, mit Mienen, die eher Mitleid mit den Siegern als Haß gegen dieselben auszudrücken scheinen. Einer hat mit seinem Blut an die Kirchhofmauer geschrieben:„Vive rhumanitö!"*) *) Es lebe die Menschheit! Und: es lebe die Menschlichkeit. Weiterhin rechts gewahrt man noch zahlreiche Gruppen, die zu- sammengeschossen werden und durcheinander in die große Grube stürzen. Im Hintergrund, jenseits des Kirchhofs, Paris in bläu- lichen Dampf gehüllt. Der Eindruck, den dieses Bild auf den Beschauer macht, ist ein großartiger, unbeschreiblicher, auch für Solche, die, sei es aus Ünkenntniß der Thatsachen, sei es aus Interesse, Gegner Ider Communards find. Alle Londoner Blätter, von dem radikalen „Reynold" und den fortschrittlichen„Daily News" bis zu dem conservativen„Standard" und der offiziösen„Post", haben mit der größten Anerkennung von dem künstlerischen Werth dieses in Compofition, Zeichnung und Farbengebung gleich vortrefflichen Werkes gesprochen und dem Meister, der dasselbe geschaffen, hohes Lob gespendet. Dieser Meister heißt Ernst Pichio und ist derselbe, der während des Kaiserreichs den Muth hatte, den Tod Baudin's zu malen, jenes Mannes, der 1851, am Tage nach dem Staats- streich, dem Volke zeigte,„wie ein Volksvertreter für seine fünf- undzwanzig Franken stirbt." Natürlich muß ein Maler, um sich auf derartige Kunstvorwürfe zu verlegen, Republikaner und Sozialist sein, was um so höher anzuschlagen ist, als die Existenz der meisten Künstler in der heutigen Gesellschaft von der Gunst der reichen Leute abhängt. Pichio lebt und arbeitet in Paris und ist von den seit 1871 auf einander gefolgten Regierungen ohne Unterlaß den härtesten Verfolgungen ausgesetzt worden. Man suchte sogar seine Bilder zu vernichten. Glücklicherweise reichen die Arme der Bersailler Polizei nicht bis nach England. Es märe zu wünschen, daß auch dem deutschen kunstliebenden Publikum und insbesondere den Arbeitern Deutschlands der Genuß dieses bedeutenden Kunst- Werkes auf die eine oder andere Art, sei es durch Ausstellung des Original- Bildes, sei es durch Vervielfältigung desselben auf dem Wege der Photographie oder des Holzschnittes, zugänglich gemacht würde. Das Wort lmmaaitö hat beide Bedeutungen. mit diesem Ruf auf der Zunge. Bekanntlich starb Millicre R. d. V. Die„liberale" Gründerpresse. (Ein offener Brief des Herrn G lag au.) In Folge der von mir im Laufe des Jahres 1875 in der „Gartenlaube" veröffentlichten Artikel:„Der Börsen- und Grün- dungsschwindel in Berlin", welche dann zu Anfang 1876 als Buch erschienen, begann in Deuffchland das öffentliche Gewissen zu erwachen, begann sich der Unwille zu regen gegen die Gründer und Gründergenossen, welche das ganze Volk so schamlos aus- geplündert, dem Nationalwohlstand so schwere Wunden geschlagen haben. Diese meine Veröffentlichungen, in denen ich an der Hand aktenmäßigen Materials die Attentäter, so ohne Ansehen der Person und ohne Rücksicht auf die politische Parteistellung, bei Namen nannte, geschahen in dem verbreitetsten Blatte der "Welt"(?), geschahen in einem„liberalen" Familienblatte(in der Keil'schen„Gartenlaube". A. d. R.) und das erklärt die außerordent- liche Wirkung, die sie fanden. War doch, wie es sich jetzt heraus- stellte, die übergroße Mehrzahl der Gründer und Schwindler „liberal"; waren doch die illusteren Führer, die gefeiertsten Parlamentsredner der„Liberalen" an den blutigsten Gründungen betheiligt; war doch die„liberale" Presse bei dem großen Schwindel die Kupplerin, die Zutreiberin gewesen und dafür in jedem einzelnen Falle reichlich bezahlt worden. Die„liberale" Presse, nach wie vor im Solde der Börse, suchte jetzt die Be- wegung gegen das Gründerthum als eine„reaktionäre" Sttö- mung, als eine Feindseligkeit gegen„Kaiser und Reich" hinzu- stellen; die parlamentarischen Gründer benutzten die Tribüne, um ihre Ankläger einfach der„Lüge und Verleumdung" zu be- züchtigen, um sie in der gemeinsten Weise zu beschimpfen; ja sie reisten im Lande umher, und donnerten in zusammengettommelten Versammlungen gegen die„gewerbsmäßigen Denunzianten" und „Delatoren", gegen das„literarische Gründerthum." Aber auch unter der liberalen Presse fanden sich angesehene Organe, wie die„Schlefische", die„Magdeburgische", die„Augs- burger Allgemeine Zeitung" und das„Frankfurter Journal", welche es offen aussprachen: ein Gründer dürfe nicht Volksver- treter sein. Auch innerhalb der liberalen Parteien standen muthig haben, der Jugend, Schacher treiben, die sogar, wie es wirklich geschehen, Sklavenhändlern gleich, Fabrikkinder aus Italien rekru- tiren. Uebrigens sei es durchaus nicht nöthig, daß ein Fabrik- gesetz, wie das vorliegende, auf industrieller Basis beruhe, sondern daß es auf dem sanitärischen Standpunkt stehe. Und steht es einmal auf diesem, so kann man auch nicht mit dem Einwände kommen, daß es die persönliche Freiheit beschränke. Ein jedes Gesetz thue dies, und diese Beschränkung wäre nur dann eine tadelnswerthe, wenn es die individuelle Freiheit zu Gunsten Ein- zelner beschränke, nicht aber, wenn es dies zum Wohle des All- gemeinen thue. Hüte man sich, sagte der Redner zum Schlüsse, durch eine einseitige Agitation gegen ein gewiß wohlwollendes Gesetz den sozialen Frieden in Frage zu stellen, der nur erhalten werden kann durch einen sozialen Fortschritt." Zu bedauern ist dabei, daß das Gesetz nicht in allen schweize- rischen Arbeiterkreisen diejenigen Sympathien findet, die es ver- dient. So z. B. war gerade die Berlammlung, in der National- rath Klein obige Worte sprach, zumeist von Arbeitgebern besucht. Wenn die schweizerischen Arbeiter nicht insgesammt den Agita- tionen der Fabrikanten entgegenwirken, so kann es leicht dahin kommen, daß das Fabrikgesetz, welches den Arbeitern in vieler Hinsicht zu Gute kommen kann, durch die Urabstimmung ver- worfen wird. Aber dahin wird es hoffentlich nicht kommen, denn es hieße geradezu Selbstmord begehen, wenn die.schweize- rischen Arbeiter die Dinge gehen ließen, wie sie gehen. — In Frankreich bereitet Mac Mahon seinen Staats- streich vor, den die„Republikaner" durch„passiven Widerstand" abwehren wollen. Wenn die Republik auf keiner anderen Karte steht, ist sie natürlich verloren. Seitens der deutschen Reptilien- Presse wird das Hetzgeschäst gegen Frankreich mit ungeschwächten Kräften und etwas größerer Borsicht betrieben. Die von der„Norddeutschen Allgemeinen" kolportirte grause Nancy'er Mordgeschichte hat sich natürlich' als norddeutsche All-Gemeinheit herausgestellt. „Väterchen" Alexander soll jetzt kriegslustig sein, wie der jüngste Gardelieutenant. Wir trauen's dem„friedliebenden" Czar zu, zumal seit Jahren sehr bedenkliche Gerüchte— es sind eigentlich schon nicht mehr Gerüchte— über dessen Geistes- zustand umlaufen. Vom Kriegsschauplatz„nichts Neues" als— Lügen. — Die Berliner Nachwahlen zum Reichstag rücken näher und näher. Die Berliner Genossen thun zwar, was in ihren Kräften steht, um den Sieg an die Fahne des Sozialismus zu heften, nichtsdestoweniger ist es Wicht der Parteigenossen Deutsch- lands, die Berliner in ihrem gewiß nicht leichten Kampfe durch Darbringung pekuniärer Opfer zu unterstützen. Man bedenke, daß Berlin der Hauptsitz aller gegnerischen Parteien ist, und daß alle diese Parteien sich gegen die Sozialdemokratie verbündet haben. Es verlautet zwar, daß sich die Ultramontanen der Ab- stimmung enthalten wollen; aber diese Nachricht ist mit der äußersten Vorsicht aufzunehmen, da sie, abgesehen von der Unbe- rechenbarknt der ultramontanen Taktik, ebensogut ein fortschritt- lichcs Manöver sein kann, welches die Berliner Genossen in eine vorzeitige Siegesgewißheit einwiegen soll. Das wird nun zwar nicht gelingen, aber man sieht daraus, zu welchen Mitteln die Feinde der Sozialdemokratie greifen, wenn es gilt, dieselbe zu bekämpfen. Mitzutheilen wäre noch, daß sich der fortschrittliche Kandidat für den 6. Berliner Wahlkreis, Löwe, entschlossen hat, mit dem sozialistischen Kandidaten Hasenclever in eine Disputation ei». zutreten, aber nur, und das ist das Blamable für Herrn Löwe, in einer von den Fortschrittlern einberufenen Versammlung, zu welcher die Sozialisten fünf, sage fünf ganze Einladungskarten erhalten haben. Hut ab vor dem Muth dieses— Löwen! — Der Stuttgarter„Beobachter" bringt in seiner Nummer vom 3. d. folgende Erklärung der Reichstagsabgcord- neten Payer und Retter: „Der„Schwäbische Merkur", der aus sehr durchsichtigen Motiven die parlamentarische Thätigkeit der demokratischen Reichstagsabgeordneten bei jeder Gelegenheit in ein zweifel- Haftes Licht zu stelleu bemüht ist, läßt sich in seiner Nr. 127 aus Berlin schreiben: „Interessant ist eine Mittheilung, die der sozialdemo- krattsche Reichstagsabgeordnete Fritzschc auf dem Congreß gemacht: daß in der nächsten Session die sozialistischen Ab- geordneten im Bunde mit den drei Volksparteilern «Payer und Retter aus Württemberg, und Holthof aus Frankfurt) eine selbstständige Fraktion bilden." Wenn Herr Fritzsche das auf dem Sozialistencongreß er- klärt hätte, so hätte er zu dieser«Erklärung von uns keine Ermächtigung gehabt, da über Bildung einer derartigen selbst- ständigen Fraktion mit uns überhaupt keine Verhandlungen gepflogen wurden, wir auch einer solchen nicht beitreten würden, während wir nach wie vor alles mit unterstützen werden, was wir als für wirkliche Freiheit und für wirkliche Erleichterung der Lasten des Volkes dienlich erachten, möge es von sozialdemokratischer oder anderer Seite ausgehen. Nach dem ausführlichen Bericht der„Franks. Zeitung" bat aber auf dem Gothaer Congreß Herr Fritzsche nur„eine Entscheidung des Congresses darüber herbeizuführen gewünscht, ob es den sozialistischen Abgeordneten freigestellt sein solle, sich im Reichstage aus praktischen Gründen eventuell mit der bürgerlichen Demokratie zu einer Fraktion zu vereinigen." Herr Liebknecht hat dagegen betont,„daß zu einer solchen Fraktionsbildung keine Veranlassung vorliege und auch keinerlei Aussicht vorhanden sei." Unter Hinblick auf diese Erklärungen ging der Congreß zur Tagesordnung über. Wir können demnach in der Berliner Correspondenz des „Merkur" nichts finden, als eine nicht mehr ungewöhnliche Verdrehung der Wahrheit, darauf berechnet, einen Theil unserer Wähler mit Mißtrauen gegen uns zu erfüllen, den Unterschied zwischen der bürgerlichen und der Sozialdemokratie scheinbar zu verwischen und hierauf in beliebter Manier die erste für alles verantwortlich zu machen, was über die letztere gelehrt und gelogen wird. Solchen Kunststücken entgegenzutreten aber halten wir uns jetzt schon für verpflichtet, im Uebrigen werden wir über unsere Thätigkeit in nächster Zeit unseren Wählern persönlich Rechenschaft geben. Stuttgart, Ellwangen, 1. Juni 1877. F. Payer. F. Retter." Wir haben zu dieser Erklärung nichts zu bemerken; müssen aber mittheilen, was die„Frankfurter Zeitung" dazu sagt. Sie schreibt: „Wir bemerken zu dieser Erklärung, daß es sich bei der in Rede stehenden Fraktionsbildung, wie das eigentlich auf den ersten Blick klar ist, nur um Herstellung einer geschlossenen Gruppe handelte, die es kleineren Parteivereinigungen möglich machen sollte, auf Grund der Geschäftsordnung und der über dieselbe hinaus wirksamen Einrichtungen eine selbstständige, von dem guten Willen anderer Fraktionen unabhängige Thättg- keit zu üben. Namentlich war es dabei auf Betheiligung an dem Seniorenconvente und Einwirkung auf die Commissions- wählen abgesehen. Daß Keinem derjenigen, welche bei der Fraktionsbitdung in Frage kamen, die Zumuthung gestellt werden konnte, seinen besonderen politischen Standpunkt aufzugeben, ist so natürlich, daß es eigentlich keiner Erwäh- nung bedurfte. Jndeß war bei den privaten Besprechungen, die über die lediglich auf faktische Dinge abzielende Fraftions- bildung stattgefunden haben, dieser Punft zu allem Ueberfluß und zur Beruhigung ängstlicher Gemüther ausdrücklich vor- behalten worden. Offizielle Verhandlungen mit den Herren Payer und Retter haben nicht stattgefunden und nicht statt- finden können, weil sich aus den nichtoffiziellen Auslassungen derselben genau das ergab, was obige Erklärung vollauf be- stätigt, daß sie nämlich einer solchen Vereinigung nimmer bei- treten würden. Liebknecht's Darstellung ist vsllig korrekt; nur möchten wir an ihn die Frage richten: Hat das Anerbieten der Ueberlassung eines Besprechungszimmers (faktisch ist ein solches nicht gegeben worden), hat die Offerte der Bestellung eines Fraktionsdieners(ein solcher hat nicht fungirt) irgend einen Werth, wenn man diejenigen, denen man so freundlich entgegenkommt, von jeder Betheiligung am Seniorenconvent, an de» CommissionSwahlen u. s. w. absolut ausschließt und sie außerdem, soweit dies überhaupt möglich ist, verhindert, iu Worte zu kommen. Man sollte doch ein- sehen, daß das divide et impera auch bei der Reichstagstaktik der Majoritätsparteien leitender Grundsatz ist." Auf diese Frage hat Liebknecht— wie er glaubt in Ueber- einsttmmung mit allen seinen Collegen— zu antworten: Bon dem Berathungszimmer und Fraktionsdiener, die den sozialistischen Abgeordneten allerdings zur Verfügung gestellt sind, sprach er bloß nebenbei, um zu zeigen, daß unsern Abgeordneten— was früher nicht der Fall war, jetzt die Möglichkeit gegeben ist, im Reichstagsgebäude selbst regelmäßige Conferenzen abzuhalten. Die Ausschließung vom Seniorenconvent(dem„Ring", welcher die Geschäfte des„Hauses" hinter den Coulissen abmacht) und den CommissionSwahlen hat für unsere Abgeordneten unzweifel- hast Nachtheile, aber, abgesehen davon, daß sie sich niemals auf einen parlamentarischen„Kuddelmuddel" einlassen würden, sind sie vorläufig nicht in der Lage, diese Nachtheile ohne schwere Prinzipienopfer beseitigen zu können. Von dem Fraktionsprojekt braucht nicht mehr geredet werden— es ist in's Wasser gefallen. Zur Erreichung praktischen Zwecke, welche der Urheber desselben im Auge hatte, ist übrigens auch eine Fraktionsbildung gar nicht nöthig. Männer verschiedenen Strebeziels, die aber eine Strecke gemeinsamen Wegs haben, kommen viel besser mit einander aus, wenn sie die „Politik der freien Hand" befolgen, als wenn sie sich durch eine unnatürliche Allianz binden, die doch nicht gehalten wird. — Die„Neue freie deutsche Arbeiterpartei" hat mit ihrem Debüt in Kassel ein klägliches Fiasko gemacht, das geben selbst Bourgeoiszeitungen zu, die sich doch gewiß verpflichtet fühlen müßten, diese politische Mißgeburt möglichst aufzuputzen. Die„Weser Zeitung" z. B. sagt:„Die sogenannte Neue freie deutsche Arbeiterpartei hatte für den 3. und 4. Juni einen ersten Eon- greß in Kassel anberaumt, um auf diesem die Berathung der Statuten, die Feststellung der Parteiorganisation, die Grundzüge und Normen der Agitation, die Wahl eines Parteiorgans, des Vorstandes uud Vorortes sowie die Festsetzung des nächstjährigen Congreßortes zu berathen. Wider Erwarten war bei der heute stattgehabten Eröffnung des Congresses durch den Redakteur der „Dortmunder Zeitung", Hrn. Kutschbach, die Betheiligung eine so schwache— es waren kaum 30 Personen erschienen—, daß sofort ein Antrag des anwesenden Abg. Dr. Max Hirsch: den heutigen Congreß nur als eine Vorbesprechung für die eigentliche Parteigründung zu erklären, allgemeinen Anklang fand. Auch wurde eifrig dafür plaidirt, vorläufig nominell nicht eine neue „Partei", sondern nur eine„Vereinigung" anzustreben. Da die Benennung„Neue freie deutsche Arbeiterpartei" aber mehrfach vom Beitritt zurückgeschreckt habe, so wurde auch die Abänderung des Namens dieser Bereinigung und zwar in„Deutscher Arbeiter- Congreß" vorgeschlagen und acceptirt. Die Statutenberathung sollte einer Vorberathung durch fünf Commissionsmitglieder unter- worfen werden, welche heute Nachmittag stattfindet. Die Ver- Handlungen, denen übrigens in üblicher Weise auch ein Polizei- commissär anwohnte, zeichneten sich bis jetzt durch große Unklar- heit und Verworrenheit der Ansichten aus, sodaß es leider den zugegen gewesenen sozialdemokratischen Parteimitgliedern nicht an einer Handhabe fehlen wird, sich über die neuen Gegner in ihren Preßorganen lustig zu machen. Kam doch sogar in einer Rede der originelle Passus vor,„die Ausführungen des Herrn Vorredners hätten an Unklarheit manches zu wünschen übrig gelassen." Die Leitung der„Partei",„Vereinigung",„Deutscher Arbeiter- Congreß", oder wie sich sonst noch der fortschrittlich-liberale Wechselbalg nennen mag, ist in die Hände Mäxchen's und Kutsch- bach's gelegt— Namen, die kein selbstbewußter Arbeiter nennen hören kann, ohne in heiteres Lachen auszubrechen. — Zum„geistigen Kampf" gegen die Sozialdemokratie liefert unser Crimmitschauer Parteiorgan folgenden Beitrag: „Unser Redakteur Peukert ist mit einer neuen Klage beglückt, Nr. 9 der zur Zeit bei dem hiesigen kgl. Gerichtsamt anhängigen. Kläger ist der„berühmte" Professor Dr. Birnbaum in Leipzig. Er fühlt sich beleidigt durch eine in Nr. 56 des„Bgr. u. Bfrd." nthaltene Notiz aus Crimmitschau, in der der Professor„Durch- alls-Kandidat" und„gefallene Größe" genannt wird; es soll ihm in der Notiz ferner„hohe Begabung für Gründerei" vor- geworfen sein. Ferner fühlt sich der Herr Professor beleidigt durch die Frage: Warum er nicht„wage" öffentlich zu sprechen, desgleichen durch den Satz:„Er liebe es, hinter verschlossenen Thüren über die Sozialisten zu saseln". Der Herr Professor tellt deshalb durch seinen Advokaten wider den„sogenannten verantwortlichen Redakteur" Strafantrag und bittet um dessen nachdrückliche Bestrafung(wie freundlich!) wegen öffentlicher „Beleidigung"." Weiter meldet die„Dresdner Volkszeitung", daß ihr Redakteur G. Volkmar wegen zweier Majestätsbeleidigungen vor den Untersuchungsrichter beschicden worden sei. Außerdem hätte Genosse Bollmar seitens der Staatsanwaltschaft noch eine Vorladung erhalten, um wegen der Verfasser einer Anzahl Ar- tikel Auskunft zu ertheilen.— Und da wir nun einmal bei dem Prozeßthema sind, so wollen wir, um nicht falscher Be- cheidenheit geziehen zu werden, hier gleich die Mittheilung an- mgen, daß zwei Redakteure des„Vorwärts" das ansehnliche Bündel von 16 Prozessen auf dem Rücken haben. der einzelne Männer auf und erklärten sich gegen die Wiederwahl solcher Abgeordneten, welche durch Gründungen belastet waren. Als es im vorigen Herbste zu den Neuwahlen ging, wandten sich etliche dieser Männer an mich und forderten von mir Auskunft über die gründerische Thätigkeit des in ihrem Wahlkreise aus- gestellten Kandidaten. Unter Anderen that dies auch der Stadt- verordnete Peters aus Duisburg, welcher gegen die Wiederwahl des von mir in der„Gartenlaube" als Gründer der so traurigen „Deutschen Eisenbahnbaugesellschaft" genannten Dr. Friedrich tammacher agitirte. Hammacher gehört, wie ich in meiner ntwort auseinandersetzte, zu den Gründern ersten Ranges und ist bei zahlreichen Gründungen betheiligt, und diese kosten dem Publikum Verluste, welche ich zusammen auf etwa 20 Millionen Thaler veranschlagte. Ohne mein Zuthun und ohne meine Ein- willigung veröffentliche Herr Peters diesen Brief in dem(jetzt bereits eingeschlafenen— Anm. d. Red.)„Duisburger Tageblatt", worauf Herr Hammacher eine sehr matte Erwiderung folgen ließ. Thatsächlich konnte er die ihm vorgehaltenen langen Reihen von Gründungen nicht ableugnen, sondern suchte sie nur zu entschul- digen. Indessen erklärte eine Urwählerversammlung zu Mülheim an der Ruhr, daß Hammacher sich gegenüber allen„verleumde- rischen Angriffen" glänzend gerechtfenigt habe, und er erhielt denn auch wieder ein Mandat für das Abgeordnetenhaus. Als leidenschaftliche Parteigängerin des vielfachen, aber an- geblich tief gekränkten, weil ganz unschuldigen Gründers Ham- macher, trat die in Duisburg erscheinende„Rhein- und Ruhr- zettung" auf, welche von einem gewissen Wilhelm Schroers kedlgirt wird, und nun, ohne eine sachliche Diskussion auch nur zu versuchen, über Herrn Peters und mich eine Fluth der übel- sten Schmähungen ergoß. Dieser Schroers, auch als wüthiger „Kulturkampfer" bekannt, der gewissermaßen den Bedienten Ham- macher s machte, und sich überhaupt als begeisterter Anwalt der Gründer und Gründergenossen gerirt, ist, wie seine Schreibweise bekundet, ein Mensch von der untergeordnetsten Bildung, der seine Kenntnisse, je nach Bedarf, aus dem kleinen Brockhaus bezieht und sich stets in den ödesten abgedroschensten Phrasen bewegt. Er hat noch nie einen eigenen Gedanken gehabt, sondern er ernährt sich von den Einfällen und Redensarten, die ihm Ham- macher und Genossen zuwerfen. Er kaut nur wieder, was die Gründer zu ihrer Rechtfertigung und zur„Brandmarkung" der „Verleumder" schon tausendmal gesagt haben, aber in seinem Munde nimmt dieses Gewäsch eine noch ekelhaftere Gestalt an, indem er es mit den wüstesten Schimpfereien vermischt und dazu fortwährend Eimer mit Spülicht ausgießt. In dem jetzt erschienenen zweiten Theil meines Buches„Der Börsen- und Gründungsschwindel in Deuschland" habe ich auch die Mohrenwäsche der parlamentarischen Gründer, sowie die tiefe Korruption der Presse behandelt. Meine Schrift ist nur wenigen auserwählten Zeitungen zugegangen, Zeitungen der verschiedensten Parteirichtung, aber nur solchen, die von den Gründern unab- hängig sind. Die eigentlichen Gründerblätter haben mein Buch gar nicht erhalten, weil mein Verleger mit diesen sehr üble Erfahrungen gemacht hat; nicht nur, daß sie den ersten Theil der Schrift völlig todtschwiegen: sie haben ihn häufig auch noch verkauft und damit einen einträglichen Handel getrieben. Der „Rhein- und Ruhrzeitung" ist mein Buch nicht eingesandt; trotz- dem hat dieser Schroers ihm einen neuen langen Schmäh- und Schimpfartikel gewidmet. Er erzählt, wie es ihm von einem Sortimenter(wahrscheinlich nur zur Ansicht) zugeschickt; wie er es nur durchflogen(wahrscheinlich nur hineingeguckt, um es wieder zurückgeben zu können)— aber trotzdem bringt er lange Auszüge, bricht er über das ganze Buch den Stab und ver- urtheilt es zu Galgen und Rad. Er nennt es„vielleicht die blutigste Gründung", weil es„Hunderten von ehrenhaften und sehr angesehenen Männern(nämlich den Gründern und Gründer- genossen) ihre Ehre und ihren guten Namen raubt"; es ist ihm „der moralische Massenmord, die Verleumdung und Ehrabschnei- dung en xros"(weil es nämlich die meistens tragische Geschichte der einzelnen Gründungen erzählt). Er ist empört, daß der erste Theil meines Buches so viele Auflagen erlebt hat, und er findet, daß dieser zweite Theil den„moralischen Massenmord in noch erschreckenderen Dimensionen" betreibt(weil er nämlich die in der Schwindelperiode entstandenen Aktiengesellschaften ziemlich vollständig vorführt). Er sieht mit Grimm und Schrecken, daß Aus den La Plata- Staaten(Südamerika). Buenos-Ayres, den 20. April 1877. Soeben lese ich in zwei halboffiziellen hiesigen Zeitungen, daß der augenblicklich auf einer Reise nach Deutschland begriffene, bei der hiesigen Regierung das deutsche Reich vertretende Minister- Resident, Herr Holleben, beabsichtige, bei der deutschen Regierung eine Massenauswanderung deutscher Ackerbauer nach der Provinz Mendoza zu befürworten und zu empfehlen. Wenn es auch kaum wahrscheinlich klingt, daß ein deutscher Gesandter sich zu einem Auswanderungs-Agenten hergeben sollte, dieser zweite Theil auch die Hauptgründer Rheinlands und West- phalens enthält, darunter seine speziellen Freunde und Gönner, die„hochgeachteten" Verfasser und Aufsichtsräthe der famosen „Westphälischen Union"(Cours einst 112, jetzt 4 Bri f) und der noch famoseren Eisenindustrie- und Brückenbau-Gesellschaft vorm. Joh. Kaspar Harkort(Cours 0). Dies empört den biedern Schroers dermaßen, daß er sich zum Schlüsse seines Artikels noch einmal erbricht, und dann bedenklich äußert: es sei doch etwas faul im Neuen Deutschen Reiche, und der„gesellschaftliche Unter- grund"(was mag sich Schroers wohl dabei denken.) sei ein „tief kranker"., Ich wiederhole dies Alles nur, um zu zeigen, waS ein Schroers seinen Lesern bieten darf. Ich weiß sehr wohl, daß ich dem Manne.durch meine Entgegnung eine sehr unverdiente Ehre erweise, aber dieser Schroers ist der Repräsentant der„liberalen" Gründerpresse, und zugleich der Typus der„Kulturkämpfer", die ununterbrochen gegen„Pfaffen" und„Jesuiten" donnern, um dadurch die Aufmerksamkeit von den Gründern und Schwindlern und ihren verbrecherischen Unthaten abzulenken. Meine Bücher haben nichts mit dem Streite der Parteien zu thun, sie stehen über den Parteien; ich huldige nach wie vor in politischer wie in kirchlicher Hinsicht einer entschieden liberalen Richtung, aber ich verabscheue gleich sehr die Gründer wie die„Kulturkämpser" und ich habe zuerst nachgewiesen, daß beide in der Regel identisch sind. Berlin, den 16. Mai 1877. Otto Glagau. — Nicht arbeitslos. Als ich die Skizze:„Auf der Reise in's Kaffernland"(Nr. 63) schrieb, wußte ich noch gar nicht einmal, daß Herr Dannenberg wirklich ein Bruder Hamburger und dabei eine Art sozialpolitisches Kirchenlicht sei. Nun las ich neulich in der„Frank- surter Zeitung", daß Herr Dannenberg-Hamburg, Sozialpolitiker(Ka thedersozialist) am 10. Oktober dieses Jahres in Berlin, woselbst die Kathedersozialisten vom 8. bis 10. Otlober tagen werden, über das Thema„Die Reform der Gewerbeordnung, mit besonderer Ruckstwc auf die im Reichstag cingebrachlen Anträge" referiren wird. Herr Dannenberg leidet also noch nicht an„Arbeitslosigkeit, va er voraussichtlich am 10. Oktober leeres Stroh dreschen wird. vmvu Uüll it/iUyilU|lCU IHjO2 fem, als Hr. Holleben kürzlich, wenn auch nur in geschlossener Kutsche, durch die Republik gereist und auch in Mendoza gewesen ist, und daß auch in Mendoza augenblicklich ein reges Bestreben auf dem Felde der Kolonisation und Einwanderung sich bemerkbar macht. Kann nun dem Auswanderungslustigen gerade dieses von besonderen Naturgaben strotzende, von höchst günstigen Klima- Verhältnissen gesegnete Land als Ziel seiner Wanderlust nur empfohlen werden, so muß doch augenblicklich auf das Entschie- denste vor den Mcndoza-Kolonisationsprojckten gewarnt werden. Es gilt nämlich dabei einem Konsortium so gut wie total bankerotter Spekulateure in Mendoza auf die Beine zu helfen. Im Staate Mendoza traten die reichen Gutsbesitzer vor einigen Jahren zusammen, und gründeten die Banco de Mendoza, emittirtcn ungeheure Mengen Papiergeld, ließen sich, da sie selbst die Regierenden sind, von der Regierung die schänd- lichstcn und tollsten Privilegien verleihen, als da sind: Zwangs- cours auf viele Jahre, einziges Recht der Zettelausgabe, und andere Rechte, die auf die barbarischste, ungeheuerlichste Aus- Plünderung und Ausbcutelung des Volkes absahen. Indessen verlor außerhalb des Staates Mendoza die Bank allen Kredit, und die benachbarten Staaten weigern sich, die Zettel jener Bank anders als mit 95 pCt. Verlust coursiren zu lassen, d. h. die Zettel gelten gar nichts außerhalb Mendoza, während in Mendoza selbst gar kein anderes Geld gesehen wird. Jenes Bankkonsortium der Regierenden befitzt nun ungeheure Ländereien im Süden von Mendoza, die mit dem Gebiete der wilden Ranhueles-Jndianer zusammenstoßen. Dieses Gebiet ist außerordentlich geeignet zur Viehzucht, von niederem Gehölz, und herrlichem Weidegrunde besetzt,— aber gänzlich unbewohnt,— weil die Indianer eben hier Herren sind, und auf ihren Raub- zügen von hier das Vieh wegstehlen, die Männer tödten, und Frauen und Kinder in die Gefangenschaft mitnehmen. Wilde Geschichten haben hier gespielt. So find jene weiten Gebiete heute gänzlich werthlos. Die Herrn von der Mendoza-Bank und der Regierung möchten nun aber, nachdem bei ihren Landsleuten eben nichts mehr, selbst durch den stärksten Druck nicht, auszupressen ist, neue Vögel in ihren Netzen fangen,� und daseist der Grund des Kolonisations- Projektes. Die Kolonisten sollen einmal die Indianer zurückhalten, und dann namentlich den Grund und Boden durch ihre Arbeit Werth- voll machen, wofür ihnen die Mendoza-Bankzettel werden auf- gezwungen werden,— und einmal dort, ist der Kolonist eben auf Gnade und Ungnade in Händen jener Großgrundbesitzer und Regierenden. 200 Meilen Einöde trennen ihn von der östlichen Küste, und die nur während 5 Monaten auf? einzelnen Pässen schwierig zu pasfirenden ungeheuren Kordilleren machen einen Aufbruch nach der Westküste noch unmöglicher. Dazu befindet sich jetzt hier augenblicklich das Land in einer furchtbaren Handelskrisis. Man hofft, daß ein russisch-türkischcr Krieg die Landesprodukte Felle, Talg und Wolle,— im Preise steigern und dem allgemeinen Nothstande dadurch ein Ende machen wird. Parteigenossen! wandert nicht aus! Hütet' Euch namentlich vor solchen Mendoza-Kolonisationsprojekten,— jeder der Roth drüben Entfliehende möchte hier in eine weit schlimmere gerathen! Der„Vorwärts" ist ein Volksblatt im wahren Sinne des Wortes, darum wende ich mich an ihn. Laßt Euch nicht durch Auswandcreragenten verführen, vor allen Dingen verpflichtet Euch nicht zu Leistungen, die Ihr hier zu erfüllen versprecht, es möchte Euch sehr reuen. Ausbeuter gicbt es überall und hier nicht minder. Hoch die Sozialdemokratie! Correipondenzen. Göppingen, im Juni.(Situationsbericht.) Ich halte es an der Zeit einige Worte über die hiesigen Verhältnisse zu verlieren. Die Geschäfte gehen durchschnittlich flau. Die seit einigen Jahren hier bestehende Hutfabrik, welche bis vor wenigen Monaten noch am besten ging, resp. ihre Arbeiter die volle Tageszeit beschäf- tigte, fabrizirt nur noch die Hälfte. Die Eisenindustrie, welche in dem hiesigen 10,000 Einwohner zählenden Städtchen noch vor Jahresfrist zwischen 3—400 Arbeiter beschäftigte, zählt kaum mehr über 120 Arbeiter. Bei dieser Gelegenheit will ich einen Umstand erwähnen, der nicht häufig genug besprochen werden kann: es sind die Fabrik-Krankenkassen und das Jnncbebalten vom Lohne. Im Herbst vorigen Jahres liquidirte die Maschinen- fabrik von Friedrich Rapp hier. Nicht genug, daß von den ver- meintlichen Tausenden, welche in den Fabrik- Krankenkasse ent- halten sein sollten, rein nichts vorhanden war, kamen die Arbeiter auch noch um den 14tägigen Lohn und um die innebehaltene Summe, welche von den ersten 8 Tagen des Arbeitsantritts jedem dort beschäftigten Arbeiter„sorglich aufgehoben" war, wie dies vielen Fabriken hier Gebrauch ist. Es kam jeder Arbeiter WWW» durchschnittlich um 50—75 Mark dreiwöchentlichen Lohn, denn die fünfte Klasse hatte bei einer Forderung von ca. 20 Prozent an der Schuldenmasse nichts zu hoffen. Für die hiesigen Fabri- kanten in ihrer Mehrheit wäre der Absatz 2 des§ 119 des Arbeiterschutzgesetzes wohl angebracht, denn über das Jnnebehalten von Lohn könnte von hier sehr viel bericktet werden.— Die Weberei, die ver! besten geht, wir! am Lohne reduzirt WWWWWWW Zettel verlängert; anfangs wird bei neuen Arttkeln oft mittel- mäßig bezahlt, bald aber mehr Schuß auf den Zoll verlangt, und damit die Sache möglichst geräuschlos vor sich geht, wird von Samstag auf Montag der Wechsel zum Nachtheil des Arbei- ters verändert.— Seit 6— 7 Monaten laufen eme Masse von tandwerksburschen herum, dieselben erhalten hier, wenn sie keine chuhmacher sind, 20 Pfennig Stadtgeschenk und können dann sehen, wie sie mit diesem Heidengeld zurechtkommen.' Hat aber einer das Glück, Schuhmacher zu sein, so bekommt er von dem von der Schuhmachergewerkschaft gegründeten Arbeitsnachweis- bureau eine Karte, mit welcher er bei den Schuhmachermeistern umschauen darf. Darum, Arbeiter, tretet den Gewerkschaften bei oder gründet solche wo noch keine bestehen, damit das„Fechten" nicht nothwendig ist.— Die Benützung unserer„Bereinigten Arbeiter-Herbergc" bei Restaurateur Rehm, welche seit Anfang dieses Jahres besteht, hat gezeigt, daß hierdurch einem wcsent- lichen Bedürfmß abgeholfen wurde. Zu wünschen wäre nur, daß die Arbetter unserer Sache immer zahlreicher sich anschließen möchten, was mittelst Beitritt zur sozialistischen Arbeiterpartei, oder zu einer der bestehenden drei Gewerkschaften(Schuhmacher- Metallarbeiter- und Mauufakturarbeiter- Gewerkschaft) geschehen Keuchern. In Anbetracht der eoen, wie oie Behörden hierzulande über die freiwilligen Samm-' lungen in gesetzlicher Hinsicht denken. In einer am 8. Januar � d. I. hier abgehaltenen Versammlung wurde, wie das überall üblich ist, eine Tellersammlung zur Deckung der Kosten vorge-! nommen; hierin erblickte die Polizei einen Verstoß gegen das � Gesetz und wurden die Veranstalter der Tellersammlung Jeder zu 15 Mark Geldstrafe verurtheilt. Auf Antrag der Berur- theilten wurde die Angelegenheit dem Kreisgericht zu Zeitz übergeben und dieses fällte am 25. Mai das nachfolgende Urtheil: „In Erwägung, daß zwar auf Gmnd des unbedenklichen einmüthigen Zugeständnisses der beiden Angeklagten thatsächlich feststeht, daß am 8. Januar 1877 gelegentlich einer zu Teuchem in dem Jedermann zugänglichen Rathskellersaal zum Zwecke der Reichstagswahl berufenen Volksversammlung von den Theilnchmern an der Versammlung zur Deckung der Kosten der Beleuchtung und Heizung des Versammlungslokals frei- willige Geldbeiträge zu sammeln beschlossen worden ist, der Angeklagte Karl Friedrich August Otto als Vorsitzender der Versammlung in Ausführung dieses Beschlusses seinen Bruder, den Mitangeklagten Friedrich Heinrich Otto, mit der Ein- sammlung dieser Gelder beaustragt, und Letzterer in Gemäß- heit dieses Auftrags die Sammlung vorgenommen und dabei 7,25 Mark erzielt hat, ohne irgend eine obrigkeitliche Erlaub- niß zum Einsammeln gehabt zu haben, Karl Friedrich August Otto also als Veranstalter und Friedrich Heinrich Otto als Ausführer der ohne obrigkeitliche Genehmigung stattgehabten Geldsammlung zu bettachten ist � „in Erwägung, daß indcß ein derartiges Sammeln, ttotz- dem daß es an einem öffentlichen Orte geschehen, schon nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauche nicht als eine öffentliche Collekte, d. h. eine durch die öffentlichen Blätter oder durch einen Umlauf von Haus zu Haus erlassene Aufforderung zur Entrichtung freiwilliger Geldbeiträge aufzufassen ist, außerdem aber sich auch im Hinblick auf§ 4 der Verordnung Königl. Regierung zu Merseburg vom 25. Mai 1867, wonach, um Täuschungen des Publikums zu verhüten, bei Einsammlung der genehmigten Collekten aller für den Umlauf bestimmten Collektenbücher und Subscriptionslisten eine Abschrift des Ge- nehmigungserlasses, unter Genehmigung durch eine öffentliche Behörde, anzuheften ist, nicht unter den rechtlichen Begriff einer öffentlichen Collekte subsumiren läßt; „in Erwägung, daß mithin durch die Handlungen der beiden Angeklagten der Thatbcstand des ß 1 1. c., welcher Jeden, der eine öffentliche Collekte, zu welcher die gesetzliche Genehmigung des Oberpräsidenten nicht ertheilt ist, veran- staltet, vermittelt oder ausführt zc., mit einer Geldstrafe von 1— 10 Thlr. belegt, nicht erfüllt worden ist,§ 1 eit. also auf sie auch nicht zur Anwendung gelangen darf; „in Erwägung, daß die Entscheidung des Kostenpunktes sich aus§ 178 der Verordnung vom 3. Januar 1819 ergiebt, die Angeklagten Karl Friedrich August Otto und Friedrich Heinrich Otto des unbefugten Collektirens nicht schuldig, und deshalb ein Jeder von ihnen von Strafe und Kosten freizusprechen." Man sieht an diesem Falle, daß die Polizei in der Aus- legunß von Gesetzesbestimmungen nicht unfehlbar ist, und auch die Leipziger Parteigenossen werden sich das Recht der Teller- sammlung in öffentlichen Versammlungen, welches sie übrigens, wie ich weiß, schon seit langen Jahren ungestört ausgeübt haben, gewiß nicht so leicht entziehen lassen. W. Otto. Meerane, 4. Juni. Gestern fand unter großer Theilnahme der hiesigen Gesinnungsgenossen die Beerdigung unseres Ge- nossen Franz Rauschenbach statt. R. war ein treuer An- Hänger und Verfechter der sozialistischen Prinzipien. Erst 38 Jahre alt und Bater von fünf Kindern, hatte R. noch kurz vor seinem Tode ein Acrgerniß mit einem hiesigen Fabrikanten ge- habt. R. sollte nämlich für ein Stück Webewaare, an dem er 14 Tage gearbeitet hatte, den Hungerlohn von 12 Mark er- halten, er bekam aber nur 6 Mark, weil ein kleiner Fehler in dem Stück vorgefunden wurde. R. hatte sich darüber so sehr alterirt, daß ihn nach kaum 8 Tagen ein Schlaganfall auf der linken Seite traf, und erst nach fünftägigem schwerem Leiden denselben abgefeuert habe. Diese Ausrede klingt sehr uii. glaubwürdig, da der Thäter sich zuvor mit der Waffe ver sehen hat. Quittung. Von I. Hrld. Nadworna Ab. 1.60. Brbm. Gotha Ab. 13,00. Sbrt. Kassel Ab. 13,40. Knk. Frankfurt Ab. 46,00. Frnkl. ! Pest Schrst. 34,09. Hrsch. Stuttgart Ab. 10,60. Zllr. Bubach Schr. 2,55. Grß. Mühlhausen Schr. 2,80. Hrbg. Würzburg Schr. 8,40. Rh. Darmstadt Lb. 10,10. Rchtt. Haindorf Ab. 2,30, Schr. 5,35. Mr- Callnberg Schr. 4,00. Gglr. hier Ab. 7.20. Dg. hier Ab. 3,20. Kltz. Saarbrücken Ann. 1,00. Hssnr. Mainz Ab. 33,15. Arbeiterverein Burgdorf Ab. 2,60. Grlch. Frst. Ab. 6,00. Grde. Stötteritz Ann. 3,10, Ab. 13,20 u. 19,80. Grhl. Karberditz Ab. 1,00. Hch. Frankfurt Ab. 20,80. Rttmnr. München Schr. 14,30. Pngr. Bremen Schr. 6,90. Orbg. Gießen Schr. 2,80. Grütliverein Sitten Ab. 5,00. — r. direttor Rüder in Leipzig gegen das'Sammein vm�fteiwilligen Geldspenden in öffentlichen Versammlungen erlassen hat, halte ich es für angezeigt, den sächsischen Parteigenossen bekannt zu starb er. Am dritten Tage nach dem Vorfalle sandte der Herr Fabrikant die 6 Mark Abzug und auch noch ein Ueberbleibsel vom Mittagessen; wahrscheinlich glaubte der Herr Fabrikant hiermit einen Samariterdienst gethan zu haben. Auf diese und ähnliche Weise werden Tausende und Abertausende auf dem öko- nomischen Schlachtfelde geopfert. Der Fabrikant lebt ohne Sor- gen weiter und die arme Wittwe wird nicht wissen, was sie ihren Kindern zu essen geben soll. Das ist die Harmonie zwi- fchen Arbeit und Kapital! Und wie in ökonomischer, so auch in politischer Hinsicht; doch davon später. Ich meine, die Arbeiter von Meerane haben alle Ursache, sozialistisch zu sein und zu bleiben. Iriedöerg in der Wettcrau, 4. Juni. Nachdem sett einiger Zeit Hierselbst eine Mitgliedschaft der sozialisttschen Arbeiter- Partei Deutschlands entstanden und dieselbe bereits einige Schar- mützel mit ihren Gegnern siegreich bestanden hatte, rückten gestern circa 25 tüchtige Sozialisten, in ihrer Mitte den Herrn Ulrich aus Offenbach, nach dem eine gute Stunde von hier entfernten Ober-Rosbach. Eine durch Herrn Berg einberufene Versammlung tagte bei Herrn Engel und der Herr Bürgermeister präsidirte derselben. Herr Ulrich widerlegte in seiner einstündigen Red: die Angriffe der„Liberalen" und bewies unter allgemeinem Beifall der Anwesenden, daß nicht die Sozialisten, fondern deren Gegner die wirklicheil Theiler seien. Die Theil- nähme der andächtig lauschenden Bürger Ober-Rosbachs, so- wie der wiederholte.Beifall, der dem Redner gezollt wurde, berechtigen uns zu den schönsten Hoffnungen.» Duisburg, 29. Mai.(Ermordung eines Sozialisten.) Ein in der Mußfcldstraße wohnender Maurer hat gestern Abend gegen 11 Uhr feinen Zimmergenossen, einen Marmorpolirer, durch einen Pistolenschuß getödtet. Der Maurer hatte unlängst den sozialistisch gesinnten Marmorpolirer denunzirt, weil der- selbe den Fürsten Bismarck beleidigt habe. Gestern war der Angeklagte diescrhalb verhört worden und war dann(Abends kurz vor 11 Uhr nach Hause zurückgekehrt, als der Denunziant bereits im Bette lag. Gleich darauf wurde der Schuß gehört, nach welchem der Getroffene noch einige Schritte nach einem anderen Zimmer that der vorgenommenen ä � Kugel in die Brust gedrungen war. Der Denunziant Thäter, der sich alsbald nach der That, nur mit dem Hemde bekleidet, auf das Dach geflüchtet hatte, angeblich aus Furcht vor der Rache des Getroffenen, den er nicht für todt hielt, kam auf den Ruf des inzwischen erschienenen Polizeibeamten herbei und gestand, daß er den Mord begangen habe. Er sei, bereits im Bette liegend, von dem heimkehrenden, wegen der Denun- ziation höchst aufgebrachten Marmorpolirer überfallen worden und habe sich desselben nicht anders zu erwehren gewußt, als dadurch, daß er nach dem Pistol gegriffen und den Schuß gegen Berliner Wahlfonds. Von Sch. und K. hier 1,80. Bon Arbeitern d r Cigarrenfabrik von Lotterbeck und Fiedler 2,75. Fond für Gemaßregelte. Von I. B. Berlin 34,30 Dividende. Frankfurt a. M. u. Umgegend, fr Ä das Abonnements auf alle sozialistischen Zeitungen(„Vorwärts",„Neue Welt",„Rothe Fahne",„Berliner Freie Presse",„Hamburg-Altonaer Volksblatt" u. s. w.) zu jeder Tageszeit angenommen und pünktlich besorgt werden von W. Knocke, Kl. Eschenheimerstr. 45.(60 Allgemeiner deutscher Töpferverein. OjaUllUUg. Dienstag, den 12. Juni, Abends präzis Vs9 Uhr. bei Hrn. Hübner, gr. Roienstraße 37: Geschlossene Mitgliederversammlung. Tagesordnung: 1. Fahnen-Angelegenheit. 2. Besprechung über ein Sommervergnügen. Die Mitglieder werden ersucht zahlreich zu erscheinen.(90 G. KlawS. ft(& Sozialdemokratischer Arbeiterverein. jpmiv. U. Dienstag, den 12. ds. Mts., Abends 8 Uhr, Große Wallstraße 24: Geschlossene Mitglieder-Versammlung. Tagesordnung: Bereinsangelegenheiten. Verschiedenes. Mitgliedskarten müssen vorgezeigt werden._ D. B.[70 Saarbrncken-St. Johann. SÄ'jÄ Lokale des Hrn. Billig in St. Johann:(F. 180) Volksversammlung. Tagesordnung: Berichterstattung des Delegirtcn Hrn. Kaulitz über den Gothaer Congreß. 2. Die indirekten Steuern. Referent Hr. Hacken- berger. Die Einbernfer.(1,00 Von nachstehenden Schriften wurden die Preise wesentlich herab- gesetzt und empfehlen wir dieselben zur weitesten Verbreitung: Auerbach, Tagebuch aus Wien......". Mark—. 70. Bergmanns Fluch. Bericht über den Delegirtentag säch- sischer Berg- u. Hüttenarbeiter zu Zwickau 1874..—. 10. BloS, W7 Unsere Preßzustände..........—.10. Bürgerkrieg in Frankreich............—. 15. Culturkampf und Volksschule in Preußen.....—.10. Die parlamentarische Thätigkeit von 1871—74....—. 10. Die Volksschule und die Loge ihrer Lehrer in der Provinz Preußen................—, 10. Eerarius, I.®., Kampf des großen und kleinen Kapitals.—. 15. Engels, F. Zur Wohnungsfrage. 3 Hefte......—.30. -- Bakunisten an der Arbeit..........—.10. Herr v. Treitschke der Sozialistentödter und die Endziele des Liberalismus..............—.20. Hillmann, Praktische Emanzipationswinke......—.10. -— Die Organisation der Massen........—.20 Hirsch, die Parteiprefle, ihre Bedeutung und Organisation.—. 10. Liebknecht, Ueber die politssche Stellung der Sozialdemokratie—. 10. -- Wissen ist Macht— Macht ist Wissen. 2. Aufl...—.20. -- Reichstagsrede 1874............—.10. Preußischer Schnaps im deutschen Reichstage.....—.05. BolkSstaat-Kalender für 1874..........—.20. -- für 1875...............—.20. Wohnungsfrage. Eine soziale Skizze.......—.10. Aorck, Die industrielle Arbeiterftage........—.10. finden. Leipzig, den 7. Juni 1877. Die Expedition des..Vorwärts". Wir empfehlen unsere Beilage zur„Neuen Welt" Nr. 20, ent- haltend: Karten vom rilsstsch-türkischen Kriegs- schauplatze. Preis pro Stück 10 Pfg. In Partien billiger. Leipzig. D,e Expedittou der„Neuen Welt". Färberstr. 12. IL Bei der Volksbuchhandlung in Zürich ist erschienen und durch unS zu beziehen: Der Staat vom sozialdemokratischen Standpunkt aus. Eine Auseinandersetzung mit den„Anarchisten". Bon Hermann Greulich, Redakteur der„Tagwacht". 2'/, Bogen groß Oktav.— Preis 25 Pf. Die Buchhandlung de»„Vorwärts". Durch uns ist zu beziehen: Que Faire? Französischer Roman von Tchervyschewsky. 33 Bogen stark. Preis 4 Mark. Die Expedition des„Vorwärts". Wir empfehlen: ärztliche�Unttr/uchMg�n��fi��aß �ie Grundzüge der Nationalökonomie gedrungen war. Der Denunziant und B0n C. A. Schramm. 76 Seiten Oftav, Einzelpreis 25 Pf., in Partien bezogen 20 Pf. pr. Expl Die Expedition des„Vorwärts". B rantwortlicher Redakteur: R. Seifsert in Leipzig. Redaktion und E-wedttwn Färberstraße IS/N. in Leipzig. Druck und Verlag der Gtuofienschaftsbuchdruckerei in Leip