7. Pf.. 47 Erscheint in Leipzig Mittwoch, Freitag, Sonntag. Abonnementspreis für ganz Deutschland 1 M. 60 Pf. pro Duartal. Monats- Abonnements werden bei allen deutschen Bostanstalten auf den 2. und 3. Monat, und auf den 3. Monat besonders angenommen; im Königr. Sachsen und Herzogth. SachsenAltenburg auch auf den iten Monat bes Duartals à 54 Pfg. Juferate betr. Bersammlungen pr. Petitzeile 10 f., betr. Privatangelegenheiten und Feste pro Petitzeile 30 Bf. 96 48 91 Pf. T 88 Nr. 71. 85 46 83 88- 25 1 740 57 91 57, ch irz geeren 3DA De er= ern wers fte ng 210 8 ent, ng 18 tt. Bay e 10 Vorwärts Bestellungen nehmen an alle Bostanstalten handlungen des Ju u Filial Expeditivi New- Yort: Soz.- dem schaftsbuchbruderei, 15 P Philadelphia: B. va 3rd Stre J. Boll, 112 Cla Hoboken N. J.: F. A. Gorge, 215 Washington Str. Chicago: A. Lanfermain, 74 Clybourne ave. San Franzisco: F. Eng, 418 O'Farrell Str. London W.: E. Henze, 8 New Golden Square. Central- Organ der Sozialdemokratie Deutschlands. Sozialistisches Central- Wahlcomité. Mittwoch, 20. Juni. . 1877. Stimmen Zuwachs erhielt, stimmten über 3000 Männer mehr zeipräsidium Klage darüber geführt worden, daß von Truppen als am 10. Januar für den Candidaten des arbeitenden Volkes, die Bürgersteige und Promenadenwege für Fußgänger zum MarLaut Beschluß des in Gotha stattgehabten für Hafenelever, trozdem die liberale Presse immer geschrieen schiren und namentlich auch zum Reiten benutzt worden sind. Sozialisten- Congresses sind die Unterzeichneten hatte, daß bei der letzten Wahl die Sozialdemokraten schon ihre Nachdem das Gouvernement zu mehreren Malen darauf bezügsämmtlichen Truppen mobil gemacht hätten. liche Verbote erlassen und die polizeilichen Vorschriften in Erinals Central- Wahlcomité für die sozialistische Hochmuth kommt vor den Fall! Der Fortschritt mit seinen nerung gebracht hat, wird es von jezt ab gegen die ZuwiderPartei in Deutschland eingesezt und haben dieses hochmüthigen Führern Eugen und Ludwig liegt zu den Füßen handelnden die gesetzlichen Strafen eintreten lassen. Abgesehen der triumphirenden Sozialdemokratie. Berdient hat er es davon, daß die Truppen besonders verpflichtet sind, sich über Amt übernommen. sein Gebahren, das Geschimpfe des Hrn. Richter und das Eigen- polizeiliche Vorschriften nicht hinwegzusehen, ist es für das Goulob des Herrn Löwe mußte bestraft werden. Das Volt hat vernement doppelt geboten, die Beachtung dieser Vorschriften von der Garnison zu verlangen, als es gerade in lezter Zeit bei den Richterspruch gethan. verschiedenen Fällen unnachsichtliche Bestrafung von Civilpersonen beantragt hat, welche gegen militärische Anordnungen verstoßen haben. Um deshalb etwaigen Uebertretungen von Seiten der Truppen vorzubeugen, sind dieselben von Zeit zu Zeit hiernach zu instruiren." Sämmtliche für das Comité bestimmten Briefe und sonstige Sendungen sind an E. Derossi oder C. J. Auer in Hamburg, Pferdemarkt 37 zu richten; Gelder an A. Geib, Rödingsmarkt 12, Hamburg. Hamburg, im Juni 1877. Mit sozialdemokratischem Gruß W. Hartmann, H. Brasch, Vorsitzende. C. Derossi, J. Auer, Sekretäre. A. Geib, Kassirer. 3000 Stimmen mehr! Und es hat auch gerichtet über die Ungültigkeitserklärung der Wahl Hasenclever's im Reichstage, die aus formellen Gründen zwar gerechtfertigt werden konnte, aus materiellen aber nimmermehr erfolgen durfte. Das Volk von Berlin aber hat auch gerichtet über alle Verfolger der Sozialdemokratie, insbesondere über den Herrn Tessendorf, der noch wenige Tage vorher unsern bewährten Parteigenossen Bebel hatte verurtheilen lassen. Aus allen diesen Gründen gewinnt die Wiederwahl Hasenclevers am 14 Juni eine größere Bedeutung. Als am 10. Januar die Kunde von den Wahlfiegen der Aber das Wichtigste bei der Wahl bleibt- 3000 Stimmen Sozialdemokratie in der deutschen Hauptstadt die Welt durcheilte, sprachen die Berliner Philisterorgane von der Ueberrumpelung, mehr als am 10. Januar trotz der verzweifelten Anstrengungen 3000 Männer des Volks sind ber die Partei der„ Ordnung" zum Opfer gefallen sei. Als der Parteien der„ Ordnung" nun bei der engeren und bei der folgenden Nachwahl im dritten aus ihrem Traum erwacht. Berliner Wahlkreis, wie allerdings vorauszusehen war, die Fort- Möge dem glänzenden Siege im 6. Berliner Wahlkreis der schrittspartei einen winzigen Sieg über die Sozialdemokratie Sieg im 5. Berliner Wahlkreise folgen! erfocht, da jubelten die Herren Philister und fühlten sich von dem Banne, der auf ihnen bis dahin ruhte, erlöst. Man kann sich ungefähr vorstellen, zu welchen Unzuträglichfeiten es bereits gekommen sein muß, wenn derartige Befehle erlassen werden; ob damit aber Wandel geschaffen wird, ist eine andere Frage. 12,752 Stimmen gegen 11,652, die Luwig Löwe erhielt.- Die„ Neue freie deutsche Arbeiterpartei", diese Dann haben sich circa 90 Stimmen für den Polizeipräsidenten so kläglich mißglückte sozialistenfeindliche Gründung, stellt sich Madei entschieden, Borsig und Tessendorf erhielten gleichfalls jetzt als ein spezielles Machwerk der Fortschrittspartei heraus, das beweisen die nachfolgenden Zeilen der Berliner Volksein paar Stimmen. zeitung":" Der Congreß der, neuen freien deutschen Arbeiterpartei, welcher in Kassel stattfand, ist von einigen Redakteuren in Hamburg und Kaffel eingeleitet worden, welche sich um Bekämpfung der Sozialdemokraten namentlich bei den letzten Wahlen Verdienste erworben haben. Die in Kassel entworfenen Statuten bezeichnen als Hauptaufgabe die organisirte Vereinigung aller antisozialdemoknatischen Elemente zur Bekämpfung der Sozialdemokraten. Das positive Programm des Vereins in der Arbeiterfrage, wie es die Zeitungen mittheilen, entspricht durchweg den zu Ostern von der Fortschrittspartei neuformulirten Parteigrundsägen, soweit sie auf die Arbeiterfrage Bezug nehmen, insbesondere dem von der Fortschrittspartei im Reichstag zur Gewerbereform eingebrachten Antrage." Das Unterfangen der Fortschrittler, ohne Beihilfe der Nationalliberalen im Trüben fischen zu wollen, hat den beißendsten Hohn und Spott der Letzteren herausgefordert, wovon wir unseren Lesern bereits ein Bröbchen geliefert haben, und die Niederlage, welche der„ Fortschritt" am 14. Juni im sechsten Berliner Wahlkreis davongetragen hat, dürfte die Nationalliberalen in Zukunft noch weniger geneigt machen, dem„ feindlichen Bruder" beizustehen. Sozialpolitische Uebersicht. Als nun die Wahl im 6. Berliner Wahlkreis, dem Industrieviertel Berlins, für ungültig erklärt wurde, schaarten sich die Folgende Telegramme haben unsere Parteigenoffen sogenannten Reichsfreunde, Fortschrittler, Nationalliberale, Con- in Berlin in Folge des Wahlsieges am 14. Juni erhalten: servative 2c. 2c. zusammen, um den Sozialisten gerade diesen Parteigenoffen Berlins! Ihr habt Euch gestern wacker gehalten. Die Arbeiter allerorts jubeln Eurem Siege zu. Ihr, Der wichtigste Kreis in Deutschland muß für die bürgerliche die Kämpfer und Sieger vom 14. Juni, werdet Euch nicht Ordnung erhalten werden, so tönte der Ruf der vereinigten minder tapfer am Montag, den 18. Juni, im fünften Wahlkreise ,, liberalen" Parteien, die den früheren Sozialdemokraten und schlagen. Hoch die Sache des arbeitenden Volkes! jezigen Fortschrittler Ludwig Löwe auf den Schild erhoben. Kreis wieder abzugewinnen. Zur Warnung auch für die deutschen Arbeiter theilen wir nachstehendes Inserat mit, welches in Baseler Blättern dieser Tage zu lesen war:" Bosamenter und Weberinnen verlangt nach Philadelphia. Gesicherte Arbeit mit Bezahlung per Stück, Verdienst Fr. 10 bis 12 per Tag. Zeit der Abreise Ende Juli. Die Reisekosten haben die Leute selbst zu bestreiten. Näheres zu erfragen bei der Auswanderungs- Agentur von A. Zwilchenbart, Nr. 12 Centralbahnplaz." Nach allen Mittheilungen Das sozialistische Central- Wahlcomité Deutschlands. Es wurden die riesigsten Vorbereitungen getroffen, man ahmte Auer. Brasch. Derossi. Geib. Hartmann. nicht nur, nein man äffte die Organisation der Sozialdemokratie Ottensen, 15. Juni. Für den größten Sieg des Prolebis in die kleinsten Details nach, man überschwemmte den Wahl- tariats im größten Wahlkreise Deutschlands herzlichsten GlückDie Sozialisten Ottensens. freis mit Flugblättern, in welchen der Sozialismus auf das wunsch. Stöhr. Aergste geschmäht und verleumdet wurde, man ließ die fortschrittlichen Reichstags- und Landtagsabgeordneten in den Ver- Darmstadt, den 15. Juni. Den Berliner Parteigenossen Die Darmstädter Sozialisten. sammlungen auftreten, voran den edlen" Eugen Richter, die ein Hoch! dann ganze Kloaken gegen die Sozialdemokratie ausleerten; und Budapest, 15. Juni. Hoch Eurem Wahlsiege! Unsere diese Kloaken brachte man schließlich in Form von stenographi- Achtung Euch Männern Berlins! Die Arbeiter von Budapest. schen Berichten in 50,000 Exemplaren den Bürgern ins Haus. Ihrlinger. Und siegesfreudig schon vierzehn Tage vor der Wahl feierte das fortschrittlich- liberale Wahlcomité ein Siegesfest es war allerdings zuerst nur ein sogenanntes Gartenfeft, um Agitations- Der Wahlkampf im 6. Berliner Wahlkreise wurde aus Nordamerika ist die Arbeitslosigkeit dort noch sehr groß. gelder für die fortschrittlichen Agitatoren Richter, Parisius, Hirsch, in den letzten Tagen mit großer Hartnäckigkeit geführt. Hunderttausende sind noch ohne Arbeit und der anscheinend hohe Anörte und Genoffen herbeizuschaffen, doch im Laufe desselben," Am letzten Sonntag Morgen besonders hat sich, wie die Lohn wie die gesicherte Arbeit“ sind wohl nur Köder. Möglish aufgeregt durch Bier und Branntwein, tritt ein Fortschrittsherr" Berliner Freie Presse" mittheilt, die Disziplin und Opfer- ist auch, daß europäische Arbeiter gegen die amerikanischen Arauf den Tisch und verkündet, daß man eigentlich doch schon bewilligkeit der Sozialisten wieder einmal glänzend bewährt. In beitsgenossen in's Feld geführt werden sollen. Also Vorsicht! rechtigt sei, das Siegesfest zu feiern, weil ja die Sozialdemo- Massen waren die Hilfsmänner erschienen, um Wahlaufrufe 2c. - Das sächsische Ministerium des Innern veröffentfratie in Berlin jetzt schon zerschmettert zu den Füßen des Fort- in Empfang zu nehmen und die weiteren Instruktionen zum licht folgende Bekanntmachung die Reichstagswahlen betreffend: schritts liege. bauern! „ Und wie die Diener, so der Herr!" Der Candidat der schon vorher Alles gehörig geordnet, so daß die Bertheilung Fortschrittspartei, Herr Ludwig Löwe, wurde von einem sozialisti- von Drucksachen rasch von Statten ging; und die nöthigen Winke Grund des Berichtes seiner 1. Abtheilung über die bei Prüfung schen Arbeiter in der bekannten Moabiter Versammlung gefragt, waren auch bald ertheilt. Hernach ging es in Sektionen hinaus der Wahlverhandlungen wahrgenommenen Verstöße gegen das ob er das eherne ökonomische Lohngesez anerkenne und wie er in den 6. Wahlkreis; Straße für Straße und Haus um Haus Wahlreglement vom 28. Mai 1870( Bundesgesezblatt, S. 275) eventuell dasselbe beseitigen wolle. Huldvoll lächelnd meinte der wurde vorgenommen. Trotz der glühenden, verzehrenden size beschlossen, den Reichskanzler zu ersuchen, daß in geeigneter Weise große Ludewig, daß die Zeit schon zu weit vorgerückt sei, um eilten die wackeren Genossen Treppe auf, Treppe ab, von Stube auf Abstellung der bei den Verhandlungen über die Wahlen der die Frage noch zu beantworten, doch werde er nach seiner zu Stube, überall etliche Worte der Aufmunterung oder Be- Abgeordneten vorkommenden Mängel hingewirkt werde. Nach Wahl zum Reichstagsabgeordneten, für die er schon im lehrung an die Wähler richtend. Und diese befanden sich im Inhalt des gedachten Berichtes sind als häufig wiederkehrende Voraus seinen Dank ausspreche, die an ihn gestellte Frage be- Großen und Ganzen in recht guter Stimmung und empfingen Verlegungen gegen die einschlagenden Bestimmungen insbesondere antworten. Das kann nun allerdings wohl noch sehr lange die Hilfsmänner in der freundschaftlichsten Weise. Man hat sie folgende hervorgehoben: 1) Bei vielen Wählerlisten war die Begespeist und getränkt; mancher verständnißinnige Händedruck wurde scheinigung des Gemeindevorstandes darüber, daß und wie lange § 2, Absaz 3 des Man sieht aber, daß nicht allein die liberalen Parteien Alles ausgetauscht, manches brüderliche Wort gewechselt, so daß man die Auslegung geschehen, zu vermissen aufgeboten haben, den Sieg zu erringen, sondern daß sie auch wohl sagen kann, dieser Sonntag hat die sozialistische Armee Reglements. 2) Die Berichtigungen der Wählerlisten sind öfters in voller Siegeszuversicht lebten. Es standen denselben neben vollends mobilisirt und in schlagfertigen Zustand versetzt." Ehre nur durch Streichungen und Einschreibungen ohne Angabe der Gründe am Rande der Liste bewirkt worden. Einige Wählerihrer Organisation, von der sie selbst rühmten, daß sie besser den Berliner Genossen! sei als die der Sozialdemokraten, eine zahlreiche Presse und Interessant ist, wie sich die geschlagenen Gegner über ihre listen waren gar nicht abgeschlossen, bei andern war die für sie reichliche Geldmittel zu Gebote, denen die letzteren nur ein Niederlage zu trösten suchen. Die Volkszeitung" meint:„ Die bestimmte Frist nicht innegehalten, hin und wieder sogar der Blatt, die„ Berliner Freie Presse", welche allerdings in hohem liberale Wahlagitation hat unzweifelhaft ihre Schuldigkeit im Abschluß vor Beginn der Auslegung datirt. Das zweite ExemMaße ihre Schuldigkeit gethan hat, entgegensezen fonnten. vollsten Maße gethan; dasselbe kann man leider nicht von den plar entbehrte oft auch der amtlichen Bescheinigung der UeberBon einer Ueberrumpelung am 14. Juni fann also nicht die liberalen Wählern sagen. Es haben nur ungefähr 60 Prozent einstimmung mit dem Haupteremplar gewählt." Der„ Voffischen Zeitung" dagegen scheint der Schred Anfuge A. 3) Sehr häufig entbehren die Wählerlisten und die Für die Sozialisten aber fiel folgender Umstand sehr er- die Sprache geraubt zu haben, denn sie begnügt sich in ihrer Gegenliſten der Unterschriften des Wahlvorstandes, oder sie tragen schwerend ins Gewicht. Es wurde nach den zu den allgemeinen Nummer vom 15. Juni mit der einfachen Mittheilung des Wahl nur die Unterschriften der Wahlvorsteher, nicht auch die der BroWahlen gültigen Listen auch am 14. Juni gewählt; neu ein- resultats; wogegen die Nationalzeitung" herausgedüftelt hat, tokollführer und Beisiger§ 18, Absatz 3. 4) ungültig erklärte gezogene Arbeiter konnten natürlich nicht wählen, während min- daß die Niederlage wesentlich den Schwierigkeiten" zu verdanken Stimmzettel sind dem Protokolle nicht beigefügt, oder wenigstens dejtens 2000 Wahlberechtigte, meist Arbeiter, nach stattgehabten sei, die dem Candidaten einer Coalition stets und überall be- nicht mit fortlaufenden Nummern versehen worden; auch hat man Ermittelungen aus dem Kreise fortgezogen waren. Dann aber gegnen." Es sind doch köstliche Käuze, diese Herren Gegner. zuweilen unterlassen, die Gründe anzugeben, aus denen die arbeiteten gleichfalls an 2000 Maurer, Zimmerer, Tagelöhner, Daß die Sozialdemokratie nur um deswillen den Sieg davon ungültigkeitserklärung erfolgt ist§ 20, Absag 1. Auf Antrag welche in dem Wahlkreis ihren Wohnsiz haben, auf Blägen, die getragen hat, weil das Berliner Volt das heuchlerische Treiben des Herrn Reichskanzlers wird den betheiligten Behörden und über eine Stunde von ihrem Wahllokale gelegen sind, so daß der liberalen Parteien durchschaut hat, das kommt ihnen nicht dieselben gleichfalls von ihrem Wahlrecht nur in geringer Bahl in den Sinn. Gebrauch machen konnten. Die Herren Liberalen hingegen holten mit Droschten und Equipagen die Säumigen des Nachmittags Einen recht zeitgemäßen Befehl, der auch an in großer Zahl aus den Häusern. anderen Orten am Blaze wäre, hat das Gouvernement der Stadt Der Kampf war ein gewaltiger der Sieg unserer Partei Berlin an die Truppentheile der Berliner Garnison erlaffen. deshalb aber auch ein entscheidender; während die Partei der Der Befehl lautet Berliner Blättern zufolge also:„ Es ist in " Ordnung" im Vergleich zur Wahl vom 10. Januar eben 2000 letzter Zeit wiederholt von Seiten des Publikums bei dem PoliRede sein. § 4, Absatz 1 und 2, Organen im diesseitigen Staatsgebiete solches mit der Veranlaffung eröffnet, dafür Sorge zu tragen, daß bei künftighin vorkommenden Wahlhandlungen die wahrgenommenen Mängel ver mieden und die maßgebenden Bestimmungen in forrefter Weise ausgeführt werden. Dresden, 4. Juni 1877. Ministerium des Innern. v. Nostiz- Wallwig. Forwerg." — Ueber den Nothstand in Sachsen wird im„Dresdner Journal" ein amtlicher Rapport erstattet. Danach ist der Roth- stand zwar nicht in dem Maße vorhanden, wie er durch etliche Zeitungen geschildert wird, immerhin„aber doch in gewissen Geschäftszweigen, namentlich in der Branche der Eisenfabrikation, der Handweberei und des Klöppelwesens."--„Erfreulicher Weise", heißt es in dem Rapport dann weiter,„ist es jedoch bis jetzt im Wesentlichen der örtlichen Armenpflege und der Privatwohlthätigkeit— wobei insbesondere der fürsorgenden Mit- Wirkung der obererzgebirgischen und voigtländischen Frauenvereine und des Albertsvereins mit großer Anerkennung zu gedenken ist — gelungen, da, wo Mangel und Roth eingetreten waren, in geeigneter Art zu helfen.(!!!) Die Regierung hat es aber auch ihrerseits für eine ernste Pflicht gehalten, dahin Vorkehrung zu treffen, daß, um einer großen Anzahl der unbeschäftigten Ar- beiter einen lohnenden Erwerb zu verschaffen, die auf Grund der erfolgten ständischen Bewilligung auszuführenden Eisenbahn-, Straßen-, Waffer- und Hochbauten schon seit vielen Wochen leb- hast in Angriff genommen, beziehentlich fortgesetzt worden find und zum Theil nächstens in Ausführung gelangen. Dahin ge- hören außer den Reparatur- und sonstigen Bauten, deren Her- stellung bei jeder einzelnen den Betrag von 50,000 Mark nicht übersteigt. Bei diesen Bauten find viele Tausende von Arbeitern beschäftigt. Im Uebrigen ist schon seit längerer Zeit darauf Bedacht genommen worden, daß bei allen Zweigen der Staats- Verwaltung die nöthigcn Bedürfnisse fast ohne Ausnahme in sächsischen Fabriken und bei sächsischen Handwerkern bestellt und gekauft werden, und so sind z. B. allein von Seiten der Militär- Verwaltung für die seit dem l. Januar d. I. aus inländischen Bezugsquellen für die Bekleidung der Armee und für die Be- dürfnisse der Garnison- und Lazareth-Verwaltungen bezogenen Gegenstände außer den Kosten für Fourage und Heizungsmaterial 2,209,570 Mark verausgabt worden. Da nun in der jetzigen Jahreszeit auch bei der Landwirthschast Tausende von Arbeitern lohnende Beschäftigung finden, so ist zu hoffen, daß wenigstens in den nächsten Monaten und bis zum Winter ein Besorgniß erregender allgemeiner Nothstand nicht eintreten werde." Die Stellung der Sozialdemokratie zur Nothstandsfrage ist bekannt: sie verlangt nicht nur die Anerkennung des Rechtes auf Arbeit von Seiten des Staates, sie will auch, daß der Staat Maßregeln treffe, die den wirthschastlichen Kalamitäten ein für allemal ein Ende machen. Das heißt mit andern Worten: die Sozialdemokratie will nicht sowohl den Nothstand als Wir- kung der heutigen Produktionsweise, sondern auch die heutige Produktionsweise als Ursache des Nothstandes beseitigt wissen. Und zu diesem Streben verlangt die Sozialdemokratie die Mit- Wirkung des Staates, dessen Aufgabe es ist, die Wohlfahrt Aller zu wahren und zu fördern. — Parlamentarische Sitte. Wie es im deutschen Reichs- tag mitunter hergeht, wie die Stimme unliebsamer Redner durch Gelächter, Geschrei, Gebrüll übertönt wird, das ist unseren Lesern sattsam bekannt. Solches Gebahren scheint zum Parla- mentarismus zu gehören. Es ist, als ob in der Parlaments- lust etwas eigenthümlich Corrumpirendes läge, welches allen nicht besonders charakterfesten Menschen das Gefühl des einfachsten Anstandes nimmt, so daß sie im öffentlichen Leben für erlaubt halten, was sie im Privatleben für ungezogen, ja für pöbelhaft halten und mit Abscheu von sich weisen würden. Der deutsche Reichstag, obgleich ihm auf diesem Gebiete die Palme gebührt, steht mit derartigen Leistungen(offiziell heißen sie:„Heiterkeit" oder„Unruhe") nicht allein. So war z. B. das englische Unterhaus, jene„auserlesenste Gesellschaft von Gentlemen", vor einigen Tagen der Schauplatz folgender Scene. Am Mittwoch vor 8 Tagen— wir übersetzen aus englischen Blättern— erhob sich Herr Coustney, um eine Bill für Einführung des Frauen- stimmrechts(d. h. des Stimmrechts der den Censusbedingungen genügenden selbstständigen Frauen— also durchaus keine demo- kratische Maßregel. R. d. B.) zu befürworten. Kaum war er aufgestanden, so erschallte von den conservativen Bänken der Ruf: Abstimmen! Herr Coustney verzichtete jedoch nicht auf sein Recht zu sprechen, und als die Conservativen dies bemerkten, fuhren sie fort: Abstimmen! Abstimmen! zu rufen, mit solchem Nachdruck, daß auch nicht ein Satz des Redners zu verstehen war. Nach einigen Minuten wurde es Jedem klar, daß der Redner, den man nicht reden lassen wollte, mit der Zuhörer- schaft, die nicht zuhören wollte zu einer Kraftprobe entschlossen war. Um 20 Minuten nach 5 Uhr wurde Herrn Coustney ein Glas Wasser gebracht, das er mit höflicher Verbeugung an- nahm und unter betäubenden„Cheers"(ausgesprochen„Tschirs", Beifallsrufen) austrank. Wieder erfrischt, setzte er nun den Kampf mit verdoppeltem Eifer fort, allein nur dann und wann brach sich ein abgerissener Laut durch den Lärm Bahn. Wenn er sich einmal bückte, um auf seine Notizen zu blicken, so wurde statt„Abstimmen!" zur Abwechselung:„Lesen! Lesen!" gerufen. Hielt er einen Moment ein, um sich zu erholen, so schrie man ihm zu:„Weiter! Weiter!" Und wenn er seine Stimme auf's äußerste steigerte, um wenigstens einen Satz über das Chaos emporsteigen zu lassen, dann begrüßte ihn ein ironisches„Lauter! Lauter!" Um halb 6 Uhr brachte man ihm ein zweites Glas Wasser und ermunterte ihn durch erneute Cheers zu erneuten Anstrengungen. Das Ringen dauerte noch eine volle Viertel- stunde, und als um drei Viertel auf 6 Uhr der„Speaker" („Sprecher"— Präsident) sich erhob und ankündigte, daß nach den Regeln des Hauses die Debatte vertagt sei(in den Mitt- Wochssitzungen, wo— entsprechend unseren„Schwerinstagen"— Privatanträge vorkommen: an den anderen Tagen hat das Unter- haus meist Nachtsitzungen, die sich oft bis spät in den Morgen erstrecken), da brach die siegreiche Majorität in ein donnerndes Schluß-Cheeren aus, und Herr Courtney, der zuletzt die gewal- tigsten Kraftanstrengungen gemacht hatte, setzte sich erschöpft nieder. Unter den Zuschauern auf der Gallerte befand sich Midhat Pascha, welcher dem Vorgang mit vieler Aufmerksam- keit folgte. Was der fein gebildete Türke wohl von der„aus- erlesensten Gesellschaft von Gentlemen" gedacht haben mag, wie sie sich selbst zu nennen beliebt hat?— Wohl so etwas wie „untertürkisch". — Aus Frankreich. Wie weit die Frechheit der ver- einigten Bonapartisten und Jesuiten geht, das möge folgende Ansprache des„Petit Parisien", dem bonapartistischen Minister Fourtou gewidmet, zeigen: „Freunde! Eifer und Wachsamkeit. Die Republik liegt im Todeskampf: Die Probe ist gemacht; es giebt keinen aufrichtigen Patrioten, welcher dieses infame Regierungssystem nicht ver- urtheilt, das 1793 Ströme Blutes vergoß, daß unsere Milliarden und unsere Provinzen dem Feind überlieferte, das die blutigen Missethaten der Commune vollbrachte, das endlich durch seine Unbeständigkeit und seine steten Unruhen Frankreich zum Unter- gang und zur Zerstückelung führen muß. Das Kaiserreich, welches uns die Ordnung, den Ruhm, einen unerhörten Wohl- stand gegeben hat und das, wäre nicht die Opposition in ver- brecherischer Mitschuld mit Preußen gewesen, uns die Rheingrenze verschafft haben würde,— das Kaiserreich allein kann uns retten. Es steht heute wieder auf; morgen wird es von Rechts wegen bestehen. Der junge Erbe seiner Politik und seiner Tradition ist bereit, seine Rechte wieder aufzunehmen. Das dritte Kaiserreich wird die Militärdienstzeit auf drei Jahre herabsetzen; die indirekten Steuern und den Octroi abschaffen; den Preis des Lohnes erhöhen, dem heiligen Stuhl seine Unab- hängigkeit und dem Vaterland seine verlorenen Provinzen zurück- geben. Seine erste Sorge wird sein, die Irregeleiteten zu am- nestiren und das Land ein für alle Mal von den republikanischen und übrigen Agitatoren zu reinigen. Freunde! Der Tag naht heran: Mac Mahon, die Armee, die Beamten sind für uns; helfen wir ihnen. Geben wir Frankreich Frieden, Ruhm, Ord- nung und Freiheit zurück. Am 1. Juli!... Es lebe der Kaiser! Es lebe Mac Mahon!" Wie groß aber auch die Ohnmacht der Bourgeoisrepublikaner, der Mörder des Pariser Proletariats, ist, das geht gleichfalls aus solchem Schriftstück hervor. Den französischen Bourgeois- republikanern gebührt aber nichts anderes, als die Reitpeitsche des Napoleon IV., genannt Lulu. — O welches Glück— Czar zu sein. Wenn„Väterchen" Alexander in Tiefsinn verfallen ist, so hat das seine guten Gründe. So schlecht der Geschichtsunterricht gewesen sein mag, den Leute dieses Standes zu genießen pflegen, die Thatsache wird ihm sicherlich nicht verborgen geblieben sein, daß das Wort des Fran- zosen Custine:„das russische Staatssystem ist durch Meuchel- mord gemilderter Despotismus" auf striktester Wahrheit beruht. Von den Czaren, die seit 1517, wo der Titel zuerst aufkam, über das Moskowiterreich-regiert haben, sind nur die wenigsten eines natürlichen Todes gestorben— Gift und„zu enge Halsbinden" haben die meisten„vor ihrer Zeit" von der Bürde der Lebens- und der Tyrannensorgen befreit. Und zwar grassiren diese zwei Krankheiten in neuerer Zeit fast noch bedenk- licher als früher. Die drei Vörgänger des jetzigen Alexander waren: Paul, Alexanderl. und Nikolaus— wohlan Paul wurde mit seiner Halsbinde erdrosselt, während sein hoffnungsvoller Sohn und Nachfolger, der von„Frömmigkeit" und„Humanität" triefende spätere Stifter der„heiligen Allianz" in einem Neben- zimmer auf den Knieen lag und andächtig— lauschte; Alexander, der auf die eben beschriebene Manier Czar ward, starb auf einer Reise nach Südrußland an Gift, und Nikolaus, der Vater des noch nicht verflossenen Väterchens starb in Folge der Niederlagen im letzten Türkenkrieg entweder an Gift oder an zurückgetretener Galle. Woran wird Alexander II. sterben? schimmern. Es handelt sich, wie wir schon längst sagten, um nichts weniger als um die Eroberung der Türkei; inwieweit England und Oesterreich sich zur Hilfe aufraffen, bleibt dahin- gestellt, doch ist diese Hilfe noch nicht so sehr nöthig, da die augenblickliche Lage auf dem Kriegsschauplatze für die Türken günstig ist. Die aufständischen Montenegriner sind energisch zurückgeworfen worden; die russischen Torpedos haben auf der Donau ihre Wirksamkeit verloren, so daß der Donauübergang noch äußerst harte Kämpfe kosten wird, wenn er überhaupt ge- lingt: im russischen Kaukasien lodert der Aufstand hell auf und die Vormärsche der Russen scheinen vorläufig bei Kars ein Ende genommen zu haben. — Zur Arbeiterbewegung in Nordamerika. Die Sozialdemokraten im Staate Wisconsin(Hauptstadt Milwaukee) haben folgendes Wahlprogramm aufgestellt: „Die Sozialdemokraten von Wisconsin betrachten sich als einen Theil der Arbeiterpartei der Vereinigten Staaten und stellen folgendes Wahlprogramm für den Staat Wisconsin auf: 1. Alle Repräsentanten, welche sich auf eine Platform ver- pflichten, sind rückberufbar, wenn sie gegen dieselbe handeln. 2. Den Gemeinden steht das Recht zu, ihre lokalen An- gelegenheiten selbstständig zu ordnen. 3. Eine Revision der Steuergesetze ist unverzüglich in An- j griff zu nehmen. Wir verlangen eine progressive Einkommen- •(teuer und die Besteuerung alles Privateigenthums bis auf einen - Minimalsatz an beweglichem Eigenthum. 4. Schulpflicht bis zum 14. Lebensjahre. 5. Untheilbarkeit des Schulfonds. 6. Kostenfteie Lieferung confessionsloser und einheitlicher Schulbücher an die Schulkinder seitens des Staates. 7. Errichtung eines statistischen Arbeitsbureaus für den Staat Wisconsin. 8. Ein strenges Lohneintreibungsgesetz, laut welchem der Arbeiter kostenfrei zu seinem Rechte gelangt und der Arbeit- geber mit seinem ganzen Grund- und beweglichen Eigenthum für die Lohnforderung haftet. 9. Ein Verbot der Ausnutzung der Gefangenarbeit durch Privatunternehmer. 10. Fabrikgesetze zum Schutze des Lebens und der Gesund- heit der Arbeiter, vor allen Dingen ein Hastpflichtgesetz, und Auszahlung der Löhne in gangbarem Gelde." Die„Tagwacht" ftagt verwundert, und nicht mit Unrecht, warum die Parteigenossen in den Vereinigten Staaten gegenüber der bodenlosen Corruption der Bertrewngskörper sich nicht auf eine gewiß zeitgemäße Agitation zur Einführung der direkten Gesetzgebung durch das Volk werfen, ja daß diese Frage in der Arbeiterpresse Amerikas fast gar nicht besprochen wird?" — Am 15. ds. Mts. hat der Redakteur des„Vorwärts", Liebknecht, im Leipziger Bezirksgerichtsgefäpgniß eine Haft von zwei Monaten angetreten, die ihm vom Kieler Gericht wegen Beleidigung des stehenden Heeres, begangen in einer Rede, die Liebknecht in einer Versammlung in Neustadt gehalten hatte, zuerkannt worden waren. — Ein braver Parteigenosse, August Bandt, Weber in Ernsdorf bei Reichenbach in Schlesien, ist gestorben. Die „Wahrheit" enthält einen Nachruf, aus dem wir Folgendes her- vorheben: „In dem Verstorbenen verliert die Sozialdemokratie des Kreises Reichcnbach ihren wärmsten, treuesten Freund. Von dem ersten Augenblick an, als Lassalle im Jahre 1863 das Banner der Arbeiterbewegung entrollte, trat Bandt in die Reihen der Mitkämpfer und war vom Jahre 1864 an Bevollmächtigter des von ihm mitbegründeten Allg. deutschen Arbeitervereins. Seit jener Zeit hat er treu und unerschüttert zur Fahne gehalten und -hatte noch kurz vor seinem Tode die Genugthuung, daß die von ihm vertretene Partei immer mächtiger und mächtiger wurde, bis sie schließlich den Wahlkreis seines Wohnortes eroberte. An die Parteigenossen in Stettin. Auf dem zu Gotha stattgehabten Sozialisten- Congresse wurde beschlossen, daß G. Zielowsky wegen seines die Partei schä- digenden Auftretens nicht mehr als Parteigenosse zu betrachten sei, und die von ihm herausgegebene„Stettiner Freie Zeitung" nicht als Parteiunternehmen anerkannt werde. Zugleich wurde angeordnet, daß von diesem Beschlüsse im„Vorwärts" den Stettiner Genossen Kenntniß gegeben werde, um dieselben zu veranlassen, jo weit sie sich bis jetzt nicht über Zielowsky ent- scheiden konnten, gegen dessen Gebahren Stellung zu nehmen — Rußland läßt seine Pläne immer deutlicher durch- und durch einmüthiges Zusammenstehen die sozialistische Be Das Testament Peter's des Großen*). Ein russisch-deutscher Gelehrter, Namens Berkholz, müht sich seit anderthalb Jahrzehnten im Schweiße seines Angesichtes, zu beweisen, daß das vielberufene Testament Peters des Großen eine urkundliche Fälschung sei. Da es Herrn Berkholz, welcher Stadtbibliothekar in Riga ist, an Methodik und kritischem Scharf- sinne nicht gebricht, so kann es nicht fehlen, daß sein Beweis- verfahren zu überzeugenden Ergebnissen gelangt; eine andere Frage aber ist es, ob er nicht gegen Windmühlen ficht und mit allem Aufwände seiner Gelehrsamkeit gerade diejenige Seite seines Gegenstandes klarstellt, an deren Aufhellung am wenigsten gelegen ist. Denn nicht daran haftet das Interesse, ob das Dokument, welches als Memoire oder letzter Wille Peter's durch die Welt- geschichte geht, an der Newa oder Seine entstanden sei, ob es der besagte Czar eigenhändig geschrieben oder einer Vertrauens- Person diktirt oder endlich in Gegenwart berufener Würdenträger seines Reiches verkündet habe, sondern daran, daß es den Geist der Petrinischen Politik wie ein Spiegel widerstrahlt, der Petri- nischen und aller nachczarischen bis zu dem heutigen Tage. Das oströmische Phantasma Katharina's, welche namentlich um die Größe eines Enkels sorgte, der hinterher gar nicht den Czaren- thron bestieg, die Theilung Polens und der Friede von Kutschuk- Kainardschi, die heilige Allianz und der Krimkrieg— das Alles läßt sich ohne künstliche Interpretation aus jenem„Testamente" heraus-, beziehungsweise in dasselbe hineinlcsen. Es repräsentirt sozusagen die Staatsraison der Czaren. Ein Testament mnß ja nicht durchaus geschrieben und von herzugerufenen Notaren legalisirt sein; man braucht das frenide Wort blos in das gut deutsche„Vermächtniß" zu verwandeln, um sofort einen weiteren Gesichtspunkt zu gewinnen. Traditionen und Instinkte, ja Empfindungen und Gedanken können Bermächt- nisse von Jahrhunderte überdauernder Wirkung darstellen. Ein *) G. Berkholz:„Das Testament Peter's des Großen, eine Erfindung Napoleon's I." Petersburg, Schmittdorff 1877. Vermächtniß, welches Oktavian aufnahm und verwirklichte, war der Kaisertraum Julius Cäsar's; ein Vermächtniß, an dem die Hohenstaufen zu Grunde gingen, war die Jtalien-Sehnsucht der deutschen Ottonen; ein Vermächtniß endlich das„Ich hab's ge- wagt" Ulrich's von Hutten, dessen die deutsche Nation nach voll- brachter Einigung aus dreihundertjähriger Zeitenferne sich er- innerte. Und so ist auch der Pontus-Drang Peter's ein ganz mate- rielles Vermächtniß, sollte er gleich niemals sich der tobten Buch- staben bedient haben, um„gesagt und geschrieben" der Nachwelt aufbewahrt zu bleiben. Er lebte als Tradition fort, bald geräusch- voller und bald schüchterner, je nachdem die Macht Rußlands im Auf- oder Niedersteigen begriffen war, beseelte die Rathgeber der Czarin Anna und flackerte gewaltthätig in Katharina's ehr- geizigem Herzen, schlich diplomatisch durch die Gedanken des ersten Alexander und reckte sich brutal in dem Hirne des Czars Nikolaus, bis er eines Tages zu den Massen hinabglitt, die Paragraphe des panslavistischen Programms zu riesengroßen Illusionen anschwellte und, aus der Tiefe wie Odem aus frisch gefurchtem Erdreich wieder emporsteigend, das ursprünglich weiche Gemüth des zweiten Alexander berauschte, aus dem Gleichgewichte hob, verhärtete. Der exakte Historiker mag hundertmal beweisen, daß die tlr- künde, welche man das Testament Peter's des Großen heißt, ein geschicktes Falsifikat Napoleon Bonaparte's sei; wenn er nicht mit gewichtigen Gründen die Thatsache widerlegen kann, daß be- sagtes Machwerk mit dem unbestrittenen Scheine der Authenticität durch ein halbes Jahrhundert schritt, von Niemandem bezweifelt und nirgends als.eine Fälschung verdächtigt wurde, so hat er seine Arbeit vergebens gethan. Die Welt glaubte an das Tefta- mcnt, weil sein Inhalt dem Charakter des angeblichen Erblassers und seiner gekrönten Nachfahren getreulich entsprach, wie die Römer an das angebliche Testament Julius Cäsar's glaubten, das Antonius an der Leiche des Ermordeten ihnen vorlas; ob es geschrieben und bezeugt sei und wo es deponirt worden, darum kümmerten sie sich nicht, und zwar mit Recht. Im bürgerlichen Leben, vor dem Richter über Mein und Dein gilt der Buchstabe als Beweis; in der Geschichte entscheidet der Geist. Wenn Napoleon das„Testament Peter's" wirklich ersonnen und dem Attachö Lesur in seinem Auswärtigen Amte zur Ver- öffentlichung in dessen 1812 erschienenen Werke„Oes progre» äe la puissanes russe ckepuis sou origfine jusqu'au commen- cement du XLX Siecle" übergeben hat, so steht zum mindesten das Eine fest, daß er die Ueberlieferungen und den Charakter der Romanoff'schen Dynastie wie kein zweiter Sterblicher begriff. Hat Peter nicht gesprochen, was seinen Manen der Korse soufflirte, so hat er es doch sicherlich gedacht. Man geht die vierzehn Artikel der streifigen Urkunde nicht durch, ohne sich bei der Lektüre verdutzt an die Stirne zu greifen; es ist ein Seher, dessen Voraussagungen man zu vernehmen meint. Ein paar Proben mögen zur Bestätigung dienen. Art. III. ermahnt,„sich mit allen möglichen Mitteln nordwärts längs der baltischen Küste auszudehnen, wie gleicherweise südwärts längs des Schwarzen Meeres"; Art. V.,„das Haus Oesterreich dafür zu interessiren, daß es den Türken aus Europa verjage, unter dem nämlichen Vorwande ein stehendes Heer zu unterhalten, an dem Strande des Schwarzen Meeres Straßen zu errichten und in stetem Vor- rücken sich bis Konstantinopel auszudehnen"; Art. VIll. endlich „sich mit der Wahrheit zu durchdriugen, daß der indische Handel der Welthandel sei und derjenige, welcher ihn beherrscht, der i wahre Souverän Europas ist." Hundertzweiundfünfzig Jahre nach dem Tode desjenigen, der diese Maximen angeblich niederschrieb, und fünfundsechzig Jahre nach dem Momente, in welchem sie wirklich sollen erdacht worden sein, bestätigt dröhnend der Kanonendonner an der unteren DonaU und der Karawanenstraße nach Persicn, daß sie nicht Ausgeburten� einer verschwenderischen Phantasie sind, sondern ein zähes schichtliches Leben gehabt haben, vergebens in Anwendung gebracht von den Einen, furchtsam verhehlt von den Anderen, bis sie ain Ende doch zum Durchbruche gelangten, um vielleicht eine ganze Welt in Brand zu stecken. wegung in Stettin, besonders dnrch Verbreitung des dortigen Parteiblattes, zu fördern. Hamburg, 12. Juni 1877. Das Central-Wahlcomite. W. Hartmann. H. Brasch. C. Derossi. I. Auer. A. Geib. Correjpoudenzen. Aus chrokvritannien. Edinbura, �10. Juni. Die gesetz- macherische Thätigkeit des britischen Parlaments ist, wie wohl vorauszusehen war, in dieser Session der orientalischen Krisis, noch tief unter den herkömmlichen Nullpunkt gesunken und die Auserwählten der Nation sind noch immer nicht über die Grenzen des Resolutionirens und Jnterpellirens hinausgekommen. Ein wahres Glück, daß auch der Antrag auf Einführung eines offi- ziellen stenographischen Parlamentsprotokolls sich nicht die Gunst der Majorität zu erringen vermachte. Genug, daß diese Rede- Übungen der unschuldigen Nachwelt auszugsweise überliefert werden. Die Note Lord Derby's an Rußland und die Türkei bezüglich des Freihaltens des Suezkanals wird von liberaler Seite wieder einer eingehenden Kritik unterworfen werden. Es ist allerdings richtig, daß der Kanal nicht Eigenthum Englands ist und England allein den Kanal nicht wird für immer frei halten können, was ein internationales Uebereinkommen wohl vermöchte, allein der gegenwärtige Augenblick ist nicht geeignet zur Abschließung solcher Verträge, die nicht mehr werth sind als das Papier, woraus sie geschrieben stehen, so lange die darin stipulirten Rechte den herrschenden Machtverhältnissen nicht ent- sprechen. Wenn daher Lord Derby Rußland rund heraus erklärt: „Sobald du den Suezkanal blokiren willst hast du's mit mir zu thun," kann man sich wenigstens nicht über Verschrobenheit und Zweideutigkeit der diplomatischen Sprache beklagen. Zum Ver- ständniß dieser deutlichen Ausdrucksweise diene übrigens, zu wissen, daß England bis jetzt 176,000 Aktien des Kanals und 10 Stim- mcn im Direktionsrathe erworben hat. Es ist somit eminent „britisches Interesse", das auf dem Spiele steht und die Regie- rung darf dafür ins Zeug gehen ohne den Verdacht der Türken- freundlichkeit zu riskiren. Die Fabriksgesetzgebung ist nicht die erste in der Reihe auf der langen Bank des so sehr mit auswärtiger Politik be- schäftigten Parlaments. Der im vorigen Jahre erstattete Bericht der Kommission zur Untersuchung des Wirkens der Fabriksgesetze wurde bekanntlich in der letzten Session beiseite gelegt,„um der Nation Gelegenheit zum Swdium der in demselben niedergelegten Thatsachen und Vorschläge zu geben, bevor sich die Gesetzgebung mit denselben beschäftige." Heuer hätten die Gesetzverbesserungs- Vorschläge der Regierung eine der ersten Vorlagen sein sollen. Sie wurden aber bis nach den Osterfcrien vertagt. Aber auch die Whitsuntide-Frerien gingen vorüber, ohne daß die versprochene Gesetzvorlage gemacht worden wäre. Jetzt aber scheint Herr Minister Croß doch Ernst machen zu wollen, denn seine aus die Vorschläge der vorgenannten Kommission gegründete Bill ist bereits an die Parlaments- Mitglieder verheilt worden. Sie hebt circa 16 Parlamentsaktc verschiedener Natur vom 42. George's III. bis zum Fabriksgesetz von 1874 auf, erläutert und bestätigt die vorhandenen Verordnungen für Fabriken und Werkstätten und enthält mehrere Amendements. Es ist also doch Hoffnung vor- Händen, daß sie diese Session noch zur Verhandlung kommt. Der Jahresbericht der 12 Berwerksinspektoren für d. 1. 1876 ist soeben veröffentlicht worden. Nach demselben beläuft sich die Gesammtmenge der im verflossenen Jahre im vereinigten König- reiche geförderten Kohle auf 134,125,166 Tonnen. Diese Masse wurde gebrochen und an den Aufzugsort befördert von zusammen 400,000 Arbeitern(etwa 100,000 sind außerhalb der Schachte beschäftigt), so daß auf den Mann etwas über 335 Tonnen pro Jahr kommen. Das sind Durchschnittszahlen für das Gesammt- kohlengebiet. Das produktivste der Kohlenlager war das von South Durham» Westmoreland und North Iorkshire, in welchen durch 58380 Arbeiter 19,513,056 Tonnen zu Tage gefördert wurden. Das quantitativ nächstreiche Kohlenlager ist das von Äorkshire, aus welchem 15,129,506 Tonnen gefördert wurden. Jedoch erforderte diese Förderung 61,017 Arbeiter. Dann kommt Northumberland, Cumberland und North Durham mit 14,135,104 Tonnen, gehoben durch 48,754 Arbeitskräfte. Irland hat blos 125,195 Tonnen Kohlen geliefert. In Cleveland, wo ausschließlich Eisenstein gefördert wird, kommen auf den Arbeiter 667 Tonnen. In den anderen Distrikten, wo Kohle das Haupt- Produkt ist, jedoch auch alle anderen Minerale mitgerechnet werden, stellen sich die Durchschnittszahlen folgendermaßen: South Dur- ham 373 Tonnen, North Durham 298 Tonnen, North und East Lancashire 278 Tonnen, West Lancashire und North Wales 271 Tonnen, Iorkshire 255 Tonnen, Midlards 239 Tonnen, North Staffordshire 272 Tonnen, South Staffordshire 319 Ton- neu, South Wales 259 Tonnen, Eastern Scotland 321 Tonnen, Was vermag gegen solche unheimliche Realität der kleinliche Zweifel des Historikers? Herr Berkholz sagt, bis zum Jahre 1812 sei nie und nirgends von dem Testamente Peter's die Rede gewesen. Als Bonaparte sich zu dem russischen Feldzuge anschickte, habe er nach einem passenden Vorwande gesucht und sei auf den Gedanken verfallen, Rußland als den ewigen Ruhestörer im europäischen Concert, sich selbst aber als den Schirmvogt des Welttheils gegen die „asiatischen Horden" darzustellen. So sei das Werk Lesur's entstanden. Aber in letzterem habe sich doch das Gewissen des Geschichtsschreibers gegen diese Fälschung gesträubt, denn er schickte dem Resume des Testamentes, das ihm der Kaiser in die Feder diktirt hatte, die einleitende Bemerkung voraus,„man versichere, daß in dem Privat-Archive der Czaren eigenhändig geschriebene Memoiren Peter's l. vorhanden seien." Damit wäre aber nach Berkholz bewiesen, daß Lesur sich zur resu- mirenden Ankündigung eines historischen Aktenstückes hergegeben habe, welches er selbst mit seinen Augen nicht gesehen hatte. Bekanntlich wurde diese Lücke im Jahre 1836 durch den französischen Schriftsteller Gaillardet ausgefüllt. Derselbe er- zählte nämlich in den von ihm veröffentlichten„Memoiren des Chevalier d'Eon", daß der Letztere, der als junger Mann etliche Jahre der französischen Gesandtschaft in Petersburg beigegeben war durch seine intimen Beziehungen zur Czarin Elisabeth, zu welcher er täglich, als Vorleserin verkleidet, Einlaß erhielt, in den Stand gekonimen wäre, das„Testament Peter's" zu copiren und die Copie Anno 175? in die Hände des französischen MimsterS der auswärtigen Angelegenheiten niederzulegen. Die Sache kungt wie ein Roman und ist es auch. Die Kunst, aus dem Resumö Lesur's vierzehn gesonderte Artikel in anscheinend getreuem Wortlaute zu fabriziren, war nicht allzu schwer. Aber Gaillardet ließ sich einen garstigen Schnitzer unterkommen, der seine ganze Darstellung erschüttert; er berichtete nämlich, das fragliche Dokument habe sich in den„Archiven des Schlosses Peterhof bei Petersburg" befunden, während in der That zu Peterhof ein Archiv niemals vorhanden gewesen ist. Zum lieber- Western Scotland 310 Tonnen, Irland 94 Tonnen pro Arbeits- kraft und Jahr. Diese Durchschnittszahlen könnten jedoch nur dann ein gutes Bild von der Leistungsfähigkeit der betreffenden Arbeitskräfte oder der Ergiebigkeit der Kohlenlager geben, wenn man wüßte, wie viele Arbeitstage in den verschiedenen Bezirken durch Striks, Aussperrungen und elementare Hindernisse während des Jahres verloren wurden, oder noch besser, wie viel Arbeitslohn auf die Tonne entfällt; falls der offizielle Bericht eine solche Statistik enthält(die vorstehenden Daten sind dem„Scotsmann" entnommen) werde ich sie nachtragen. Während der Zutageschaffung der 150 Millionen Tonnen Kohlen ereigneten sich 839 Unglücksfälle, denen 933 Menschen- leben zum Opfer fielen. Ohne nun die eines natürlichen Todes gestorbenen Kohlengräber in Betracht zu ziehen, dividirt der „Scotsman"(die leitende liberale Zeitung Schottlands) die Zahl der Getödteten durch 500 und ruft aus:„Eine Sterblichkeit von weniger als 2 pro Tausend ist doch gewiß nicht viel!" Diese „Sterblichkeit" ist schon mehr eine Tödtlichkeit. In West Lan- cashire allein sind im verflossenen Jahre nicht weniger als elf Explosionen schlagender Wetter vorgekommen. Aus dem Berichte geht übrigens hervor— wie selbst das liberale Blatt zugestehen muß— daß die Quantität der geförderten Kohle pro Arbeiter größer ist als sie in 1875 war, daß also die Produktivkraft der Kohlengräber gestiegen ist. Die Anerkennung dieser Thatsache durch die Bourgeoisie sehen wir ausgedrückt in den Massenaussperrungen der Arbeiter, welche sich die fortwährenden Lohnreduktionen nicht gefallen lassen wollen. In Northumberland sind an 12,000 ausgesperrt und in West Lancashire werdeu am 15. d. M. aller Wahrscheinlichkeit nach 20,000 Männer die Arbeit niederlegen gegen eine Lohnreduktion von 10 zu 15 pCt. Die ausgesperrten 6000 Kohlengräber in Fife und Clarkmannan sind neuerdings mit den Arbeitgebern in Unterhandlung getreten. Um mit den großen Kohlenvorräthen etwas aufzuräumen und Lohnredukttonen vorzubeugen haben die Kohlengräber von Motherwell, Larkhall Hamilton und Wishaw (Schottland) beschlossen, jede Woche einen Tag extra zu feiern und vergangene Woche bereits den Anfang gemacht. Ueber 100 Gruben standen leer. Ein der Kohlengräber-Konferenz in Durham vorgelegter Antrag der West Aorkshire-Assoziation, in sämmtlichen Kohlengruben des Königreichs die Arbeit für einen Monat oder sechs Wochen niederzulegen, ist übrigens abgelehnt worden und dürfte einer allgemeinen Bewegung für kürzere Arbeits- zeit Platz machen. Die Aussperrung der Schiffsbauhandwerker an der Clyde ist ziemlich in demselben Stadium wie am Beginne derselben, un- geachtet der Vermittlungs- Anstrengungen, welche von Seite der in ihrem Erwerbe geschädigten Kleinkrämer gemacht werden. In Greenock(Mündung der Clyde) haben übrigens die Forderungen der Zimmerer erfüllt werden müssen, da einige angefangene Schiffe von Seiten �er Besteller dringend verlangt wurden. In einem Bauhofe an oer Clyde, wo für eine holländische Gesell- schaft ein Schiff im Baue war, sind 30 holländische Zimmerleute angelangt um das Schiff fertig zu machen. Sollten sie„gut arbeiten" so gedenken die Herren Arbeitgeber noch mehr herüber- kommen zu lassen. Dies zur Nachricht, nicht allein für die Hol- länder, sondern alle Arbeiter der in Betracht kommenden Bran- chen. Mögen sie sich nicht verlocken lassen! A. Sch. Königsberg i. t?r. Die hiesige liberale wie auch die reaktionäre Bourgeois-Prcffe ist vollständig in den Händen der Geldprotzen, denen gesinnungslose Redakteure ihre servile Feder feilbieten. Herr Bebel charakterisirte die Thätigkeit dieser Krea- turen recht treffend, indem er sie„geistige Prostitution" nannte. Zum Vortheile der sozialdemokrattschen Ideen konnte es nur gereichen, daß sowohl Bebel's als auch Most's durchschlagende Vorträge hierorts durch Auftischung der haarsträubendsten Lügen seitens der Königsberger Zeitungen vollständig entstellt wurden; den Zuhörern der genannten Herren wurden gerade bei dieser Gelegenheit die Augen geöffnet; sie mußten einsehen, zu welch unehrlichen Waffen die Gegner der Wahrheit im Gefühle ihrer ganzen Jämmerlichkeit greifen. Die Führer der fortschrittlichen, nationalliberalen und conservativen Partei sind hier nicht nur die„Macher" in der Stadtverordneten-Versammlung, sondern auch die„Gründer" der„Gesellschaft auf Aktien", welche Druck und Verlag der Zeitungen in Pacht genommen hat; daß daher nur deren Ansicht in ihren Leiborganen dem Publikum als öffentliche Meinung präsentirt wird, ist wohl selbstverständlich. Bei solchen miserabeln Preßzuständen haben namentlich die hie- sigen Volksschullehrer, als Verbreiter sogenannter oberflächlicher Aufklärung, von den Dunkelmännern aller Schattirungen viel leiden müssen; strebten dieselben nach einer bessern materiellen Stellung, so bezeichneten hervorragende Mitglieder der Fort- schrittspartei dieses als„Unverschämtheit und Unersättlichkeit"; verlangten sie Beseitigung des religiösen Ballastes aus der Schule und Einführung eines vernunftgemäßen, nach pädagogischen flusse hat auch zwei Jahrzehnte nach Gaillardet's Publikation der Geschichtsforscher Lomenie in seinem Buche über Beaumarchais der Schrift Gaillardet's alle Autorität abgesprochen, ihr Wider- spräche und Irrungen aller Art und romanhafte Willkürlichkeiten in Menge nachgewiesen. Die legitime Herkunft des Testamentes steht sonach allerdings auf schwachen Füßen, und Herr Berkholz hat, wofern es ihm nur um den Ruhm zu thun ist, als historischer Seminarist vor- trefflichsten Ranges anerkannt zu werden, seinen Zweck voll- ständig erreicht. Der Nachweis, daß Bonaparte das Testament Peter's zu dem Zwecke erfunden habe, um es bekämpfen zu können, darf als gelungen erachtet werden, sintemal auch in den Souvenirs conternporains von Villemain ähnliche Ansichten wie die in dem Testamente niedergelegten als persönliche Aenßerungen Napoleon's aufgezeichnet sind. Aber was erhellt schließlich aus alledem? Etwa, daß Peter diejenigen Wünsche und Meinungen nicht gehegt habe, welche in den vierzehn Artikeln des napoleonischen Machwerkes als fingirte Rathschläge an seine Nachkommen colportirt wurden? Oder daß die Letzteren anders gehandelt hätten, als ihr Vorfahr sie angeblich gelehrt habe? Mit nichten. Peter hat über Rußlands Zukunft allerdings gedacht, was Napoleon ihm nachträglich in den Mund legte, und seine Enkel und Urenkel handelten nach der Richtschnur seiner Absichten. Herr Berkholz hat also vor allen Dingen nichts gegen die historische Thatsache bewiesen, daß die Tradition der Romanoffs von Peter an mit allen Mitteln auf den Besitz der poutischeu und baltischen Seeküste, sowie Konstantinopels gerichtet ist. Auf dem südlichen Stadtthore von Cherson steht zur Urkund dessen die von Katharina gestiftete Inschrift:„Hier führt der Weg nach Stambul", und es ist noch keinem Czar eingefallen, dieselbe, um etwaige Mißverständnisse zu vermeiden, beseitigen zu lassen. Das Sophisma, daß ein Testament aufgeschrieben und be- urkundct sein müsse, hat Herrn Berkholz verführt. Auch Col- bert's„Memoire für seinen Sohn", wie dasjenige Vauban's über die Zukunft der französischen Ostfestungen sind angefochten Grundsätzen gearbeiteten Lehrplanes, so wurden sie„destruktiver Tendenzen" beschuldigt und in anderer Weise geradezu beschimpft. Für die Lehrer höherer Schulen(wo die Söhne behäbiger Bourgeois unterrichtet werden) wurde eine Serviszulage gewährt, weil dieselben„Freudigkeit in ihrem Berufe brauchen und der Stadt tüchtige Bürger erziehen", die Lehrer der Kinder des armen Volkes bedürfen einer solchen Freudigkeit nicht, da dieselben„schon mehr Einkommen haben als mancher Bürger."(???) Als die Volksschullehrer diese Logik in der Presse beleuchten wollten, wies sie der damalige Redakteur der fortschrittlichen Zeitung zurück, weil er von seinen„politischen Freunden(id est Gründern) manche Vorwürfe habe hören müssen," daß er Ver- theidigungen der Lehrer gegen ungerechtfertigte Angriffe im Annoncenthell gegen Bezahlung zum Abdruck gebracht habe; „übrigens schlagen die Lehrer ja stets einen polemischen Ton an, der sich für eine politische Zeitung nicht schickt." Da die Volksschule und deren Lehrer hier nur als nothwendiges, daher geduldetes Uebel angesehen werden, so ist die erste vollständig noch unter der Beaufsichtigung der Pfaffen, und jeder freiern Regung der Lehrer wird als einer„maßlosen Ueberhebung und gänzlichen Verkennung der untergeordneten Stellung"(Inhalt einer Regierungs-Verf.) entgegen getreten. Suchen sie in der liberalen Presse Schutz, so fügt ihnen auch diese noch offenbares Unrecht zu, was beispielsweise folgender Fall lehrt. Bor einigen Wochen fordert ein Geistlicher unter der Firma„Gemeinde- Kirchenrath" die ihm unterstellten Lehrer zur Mitwirkung bei einem kirchlichen Gesänge auf. Den schriftlichen Befehl sendet er während der Schulzeit durch Schulkinder au die verlangten Sänger; die letztern wundern sich darüber, daß zu rein kirch- lichen Zwecken Schüler während der Schulstunden als Lauf- burschen benutzt werden und machen auf diese pflichtwidrige Handlung ihres sogenannten Vorgesetzten in der Presse auf- merksam. Hochehrwürden halten dem Redakteur der liberalen Zeitung eine Strafpredigt, die Redaktion sagt pater peccavi und findet hierin durchaus keine„hierarchischen Uebergriffe", son- dern nur„allzugroße Empfindlichkeit" der Lehrer. Eine that- sächliche Berichtigung, welche dem Blatte von einer Seite zu- gesandt worden, ist bis heute nicht zum Abdruck gelangt. Durch solche Rechts- oder vielmehr Unrechts-Zustände werden natürlich die Lehrer nach und nach in die Sozialdemokratie hineingedrängt; einzelne derselben erschrecken zwar noch etwas vor dem Namen, weil der Herr Pfarrer gesagt hat, ein Sozialdemokrat sei nichts als der wahre„Gott-sei-bei-uns" in leibhaftiger Gestalt; aber die Vernünftigen schließen lieber mit diesem Teufel einen Pakt, als daß sie im Jenseits wie die Sterne immer und ewig leuchten sollen.— r. Hannover. Auch wir wollten vom Sozialistencongreß einen plastischen Vortheil ziehen und beriefen zu diesem Zweck eine Volks- Versammlung ein, zu welcher Herr Reichstagsabgeordneter August Kapell gelegentlich seiner Durchreise uns einen Vortrag über „Krieg und Frieden" zugesagt hatte. Die Versammlung war sehr gut besucht, und wurde Herr Kapell bei seinem Erscheinen herzlichst begrüßt. Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, daß der Vortrag Kapell's mit großem Beifall aufgenommen wurde. An der Debatte betheiligte sich Herr Direktor Nie- meyer, der sich namentlich für die allmählige Entwicklung der Dinge aussprach. Auch Herr Hörig aus Hamburg war an- wesend und sprach in gediegener Weise über die Tagesordnung. Schmidt. Dortmund, 10. Juni. Gestern Abend hatte ich die Freude, Parteigenossen Auer aus Hamburg in einer gutbesuchten Ver- sammlung zu hören. Bon meinem ursprünglichen Vorhaben, über diese Versammlung einen selbstverfaßten Bericht an den „Vorwärts" einzusenden, kann ich für diesesmal um so eher absehen, als die„Westfälische Zeitung" eine ziemlich ausführliche und objektiv gehaltene Darstellung des Auer'schen Gedanken- ganges bringt. Auch den Gegner muß man hören. Also die „Westfälische Zeitung" schreibt:„„Die Blut- und Eisen- Politik, vom sozialdemokratischen Standpunkte beurthcilt", lautete das Thema, über welches der Hauptredner des Abends, der Reichstagsabgeordnete für Reichenbach in Sachsen, Herr Auer aus Hamburg, sich in einem fast 1'/, stündigen Bortrage verbreitete. Daß diese Politik die europäische Diplomatte be- herrsche, damit begann der Redner seine Auseinandersetzungen, sei klar, weil sonst unser Contineut nicht in den letzten 20 Iah- reu 5 große Kriege hätte erleben können. Gegen diese Politik, soweit sie Deutschland betreffe, erhob Herr Auer den Borwurf: 1) daß, ihr folgend, die preußische Krone, bezw. die preußische Regierung, statt die wiederholten Anläufe zur Sammlung der nationalen Kräfte, welche aus der Initiative des Volkes hervor- gegangen, und welche insbesondere nach dem italienischen Kriege von 1859 in ganz Europa eine kräftige Neubelebung erfahren hätten, zur friedlichen Einigung Deutschlands auszunutzen, die- selben vielmehr mit Geringschätzung bei Seite geschoben und sich, um jene Einigung durch gewaltsame Mittel zu Stande zu bringen, und ihrer Authenttcität entkleidet worden— hat deshalb die Welt den Maßstab für das finanzielle Genie des Einen oder für die militärischen Ansichten des Andern in den Winkel gestellt? Und gesetzt auch, es sei wirklich nicht die Gesinnungsart Peter's, der die vierzehn Artikel des napoleonischen Psendo-Jnftrumentes entsprechen, so ist es diejenige Katharina's, der sie wie auf den Leib zugeschnitten sind, oder jene des ersten Alexander, welcher Konstantinopel den Schlüssel seines Hauses nannte. Für Europa kann es herzlich gleichgiltig sein, wann und in welchem Inhaber des Czarenthrones die Tendenz nach südlicher und südöstlicher Ausbreitung des Riesenreiches zum Vorschein gekommen sei; es ist genug, zu wissen, daß die Eroberung Konstantinopels und die Herrschaft über den indischen Handel Traditionen des Hauses Romanofi sind, vom Vater dem Sohne und von diesem dem Enkel vermacht und nicht unterbrochen durch die zahlreichen unfürstlichen Blutstropfen, welche in die Adern der Romanoff- schen Sprößlinge sich verirrten. Wie in langer Kette die Eimer zum Brunnen, so zieht die Sehnsucht der Czaren seit mehr als anderthalb Jahrhunderten zum Bosporus. Sollte aber dennoch durch Herrn Berkholz etwas bewiesen worden sein, was nicht der äußerlich pragmatischen, sondern der geistigen Auffassung der Geschichte dienlich ist, so beruht es darin, daß der wunderbare politische Instinkt Napoleon's neuer- dings über allen Zweifel erhoben wurde. Gewiß das Letzte, was darzuthun der gelehrte Stadtbibliothekar von Riga sich vor- genommen. Von allen Inhabern des Czarenscepters war der erste Alexander der schmiegsamste, perfideste und unaktivste. Und gerade ihm hatte der einstmalige Artillerie-Lieutenant aus Corfica die geheimsten Pläne der russischen Politik von den weichlich- schönen Mienen gelesen. Der Generatton von heute machen es die Lenker Rußlands leichter, die Petrinischen Ueberlieferungeu zu enträhseln. W. G.(„Wiener Freie Presse".) i>ie Ausbildung eines Militärstaats habe angelegen sein lassen. dessen riesige Entwickelung den vor dem Haß seines eigenen Volkes auf dem Thron zitternden Nachbar zuerst mit Furcht erfüllt und dann zu einer frivolen Kriegserklärung verleitet habe; 2) daß Deutschland nach der Schlacht bei Sedan. als der eigent- liche Anlaß zum Kriege in Napoleon lll., den der König von Preußen selbst als den wahren Gegner im Gegensätze zum fran- zösischen Volke bezeichnet hatte, beseitigt war, der Kampf nun doch noch gegen dieses Volk fortgesetzt, daß jetzt plötzlich der Ruf nach Elsaß- Lothringen erhoben und dieses Land dann in der That annektirt worden sei. Die Folgen hiervon seien gewesen: erstens, daß Deutschland im Herzen Europas für alle benach- barten Nationen eine beständige, wenn auch nicht wahre, so doch jedenfalls eingebildete Gefahr geworden, weil man fürchte, daß es die Gründe für die Annexion von Elsaß-Lothringen auch in Bezug auf viele andere Länder deutscher Zunge anwenden könnte; durch die Rivalität zwischen den einzelnen Staaten, welche so in Betreff ihrer Kriegstüchtigkeit hervorgerufen, sei ganz Europa in einen großen Waffenplatz verwandelt worden, dessen Unter- Haltung von den Einkünften der Staaten weitaus den größten Theil eines bloßen Gespenstes wegen der Berwerthung für Cul- turzwecke entziehe. Eine andere sehr traurige, ja vielleicht die traurigste Folge der Blut- und Eisen-Politik des Fürsten Bis- marck sei, daß durch die kaum wieder zn beseitigende tiefe Ver- feindung zwischen den ersten Culturvölkern der Gegenwart, den Franzosen und den Deutschen, auf Dezennien hinaus Rußland zum entscheidenden Faktor in allen internationalen Fragen ge- macht worden sei; der Schwerpunkt Europas sei aus der Mitte der drei großen westeuropäischen Staaten, welche die Träger und den Ursprung aller modernen Civilisation bildeten, nach Osten, an die Newa, verlegt und so die Geschicke der Welt in die Hände einer halb barbarischen Nation gelegt. Daß die Ka- binetspolitik, entgegen den Interessen der Völker, eine solche Wendung der Dinge habe �herbeiführen können, habe seine Ursache darin, daß die Gesellschaft sich auf Grund ihrer kapi- talistischen Organisation in Millionen Bedürftiger und wenige Reiche getrennt habe: ein Zustand, der nothwendig Neid und Haß auf der einen und Verachtung und Uebermuth auf der anderen Seite erzeuge. So nur hätte es geschehen können, daß ein verwegener Mensch, wie Napoleon III., die bevorzugte Klasse für seine Absichten gewann, indem er zu ihr sagte:„Ihr seid zu Viele zum Regieren. Gebt mir die Zügel in die Hand; ich will euch schalten und walten lassen, wenn Ihr mich schalten und walten laßt." Die Beseitigung der- Blut- und Eisen- Politik könne daher nur herbeigeführt werden durch die Besei- tigung des Kapitalismus, d. h. durch den Sozialismus.— Die Versammlung, die diesen Auseinandersetzungen mit sichtlicher Be- friedigung lauschte, mochte etwa 400 Köpfe zählen." Auf ein paar Köpfe mehr oder weniger scheint es der„West- fälischen Zeitung" nicht anzukommen, denn die Versammlung war von weit über 400 Menschen besucht. Doch darüber wollen wir uns weiter nicht groß den Kopf zerbrechen. Es möge ge- nügen, anzuerkennen, daß die„Westfälische Zeitung" diesmal anständig zu Werke gegangen ist. Nresta«. Das hiesige Parteiorgan„Wahrheit" bringt in seiner Nummer vom 9. Juni einen für die betheiligten Arbeiter- kreise sehr lehrreichen Beitrag zur Handhabung des Haftpflicht- gesetzes. Der ganze Vorfall beweist, daß oft schon die gering- fügigsten Zufälle hinreichen, den im Dienste des Kapitals ver- unglückten Arbeiter um allen Schadenersatz zu bringen. Doch hören wir, was die„Wahrheit" hierüber zu berichten weiß:„Der bei der Schlesischen Gebirgsbahn, welche von der Direktion der Nieder- schlesisch-Märischen Eisenbahn betrieben wird, angestellt gewesene Wagenschieber T. war im Februar 1873 beim Rangiren vvNj Eisenbahnwagen mittelst einer Lokomotive dadurch gctödtet wor- den, daß er, auf dem Trittbrette der fahrenden Lokomotive stehend, gegen die Ladebühne des Güterbodens gedrückt worden war. Die Hinterbliebenen des T., eine Wittwe und 2 Töchter, beanspruchten auf Grund des Reichshastpflichtaesetzes von der Direktion der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn Schadenersatz, der ihnen jedoch verweigert wurde, weil T. durch eignes Ver- schulden beim Rangiren verunglückt wäre. Das Stadtgericht zu Berlin erachtete diesen Einwand der verklagten Direktion für begründet und wies demzufolge die Klage der Wittwe T. ab. Dagegen verurtheilte das Kammergericht zu Berlin die Direktion zum Schadenersatz. Auf die Revisionsbeschwerde der Eisenbahn- direktion stellte das Reichsoberhandelsgericht, 1. Senat, durch Erkcnntniß vom 13. März das Erkcnntniß des Stadtgerichts wieder her, indem es in seinem Erkcnntniß folgende allgemein interessirende Sätze aussprach: 1) Das Rangiren der Eisenbahn- wagen gehört zu den Vorbereitungs- bez. Ausführungshand- lungen des Betriebes, und ein dabei sich ereignender Unfall ist in Beziehung auf die Schadenersatzansprüche des Verunglückten oder seiner Angehörigen nach den Bestimmungen des Reichs- Haftpflichtgesetzes zu behandeln. 2) Die regelmäßige, unter Duldung eines Aufsichtsbeamten geschehene Uebertretung eines Verbots, welches die Eisenbahndirektion zur Sicherheit der Bahn- beamten erlassen, seitens der Bahnarbeiter entschuldigt Letztere nicht, falls sie dabei sich verletzt haben oder verunglückt sind. „Jedenfalls", bemerkt schließlich das Erkcnntniß des Reichsober- Handelsgerichts,„muß ein grobes Verschulden des T. darin ge- runden werden, daß er den Tritt der Lokomotive bestieg und oarauf stehen blieb, als diese in der Nähe des Güterbodens sich befand und im Begriffe war, der Ladebühne entlang zu fahren, während er sich nicht verschweigen konnte, daß er an dieser Stelle an die Gütcrbodenbühne angedrückt werden mußte. Zweifellos waren ihm dadurch seine längere Beschäftigung, zumal er früher gerade im Rangirdienst verwendet worden war, die örtlichen Verhältnisse des Bahnhofes und der geringe Raum zwischen der Ladebühne und dem Tritte einer vorbeifahrenden Lokomotive genau bekannt. Ob die diese besondere Gefährlichkeit jener Stelle bedingenden Lokalverhältnisse normale oder außergewöhnliche waren, ist für die Verschuldungsfrage unerheblich. Nur darauf kommt es an, ob— wie hier bei Lage der conkreten Umstände anzunehmen— diese Verhältnisse augenfällig waren, also wie allen Bahnarbeitcrn, so auch dem:c. T. bekannt sein mußten. Den bekannten, ihn umgebenden Gefahren muß jeder verstän- digc Mensch bei seinen Handlungen Rechnung tragen. Hiernach kann es nicht einmal von Einfluß sein, ob bei der Anlage der Ladebühne beziehentlich des vorbeiführenden Schienenstranges das gesetzliche Normalprofil eingehalten war." crj. m wegen" also ist die Verwaltung der Schle- njchen Gebirgsbahn von jeder Verbindlichkeit gegen die Hinter- bnebenen deS iu Diensten der Bahn getödtetens Arbeiters ent- lastet, ob damit aber auch die moralische Verbindlichkeit in Weg- fall kommt, das freilich ist eine Frage, die einem simplen Ar- heiter gegenüber nicht in Betracht kommt. Iorfl(N.-L.). Parteigenossen! Das kräftige Eniporblühcn der sozialdemokratischen Partei hat in letzter Zeit alle unsere l vereinigten Gegner aus dem Häuschen gelockt. Die gegnerische Presse leistet in maßlosen Angriffen und Verleumdungen das Menschenmöglichste und trachtet uns in den Augen des gesamm- ten Volkes herabzuwürdigen und unsere erhabene Idee in den! zu zerren. Es ist daher die heiligste Pflicht eines jeden Parteigenossen, bei dem bevorstehenden Quartalswcchsel mit aller Entschiedenheit für die weiteste Verbreitung unseres Central- Organs„Vorwärts" einzutreten. Nicht genug, daß Jeder sein Abonnement auf genanntes Blatt erneuert, er muß auch trachten, neue Abonnenten zu gewinnen. Parteigenossen! Rührt Euch allerorts, damit der„Vorwärts" neue Abonnenten gewinnt und das Geschrei der Gegner von unserer Unzufriedenheit gegen den„Vorwärts" in die gebühren- den Schranken zurückgewiesen wird. Wo der einzelne Genosse den Betrag von 1,60 Mark pro Quartal für den„Vorwärts" nicht aufbringen kann, da müssen sich mehrere zusammen ver- einigen, denn es gilt nicht nur allein durch die Zahl der Abon- nenten unsere Gegner zu schlagen— wir müssen auch trachten, die Ausklärung über unsere Bestrebungen in die weitesten Kreise zu verbreiten. Außer dem„Vorwärts" gilt es noch, der„Neuen Welt" einen größeren Leserkreis zu erwerben, damit sich dieselbe in den Familienkreisen eine dauernde Stätte schafft. Also auf, Parteigenossen! Nehmt die Werbetrommel zur Hand und ruhet nicht früher, bis wir einziehen in die heiligen Hallen des Sieges. Der 1. Juli muß uns zu einem Freuden- tage werden, wenn Jeder auf seinem Posten steht. Ohne Kampf kein Sieg!— Trotz Geschäftskrisis und Lohnreduktionen wollen wir treu und fest zur Fahne der Sozialdemokratie stehen und keine Opfer sollen uns zu schwer fallen. Mit der größten Be- geisterung blicken die Genossen der ganzen Welt auf unsere Fort- schritte und trachten uns nachzueifern. Es ist daher um so mehr unsere Pflicht, ununterbrochen auf der einmal betretenen Bahn vorwärts zu schreiten. Es ist nichts Neues, was ich in diesen Zeilen sage, aber trotzdem kann es nicht oft genug gesagt werden. In jeder Werk- statt, bei jedem geselligen Zusammensein, überhaupt bei jeder Gelegenheit müssen wir uns immer anspornen zu erneuter Thä- tigkeit. Hugo Schmidt. Meerane, 12. Juni. Im Nachstehenden übergeben wir der Oeffentlichkeit eine Lohnstatistik, die auch den Blödesten klar machen muß, daß ein wirklicher Nothstand selbst da vorhanden ist, wo noch fast ohne Unterbrechung gearbeitet wird. Denn mit solchen Löhnen läßt sich nicht leben, nur vegetiren. Die Sta- tistik wird zeigen, daß die Faktore als Vermittler die Löhne nicht allein schmälern, sondern daß diese schon aus erster Hand von den Fabrikanten direkt schmal genug für breite und lange Stücke ausbezahlt werden; zugleich wird sich aus der Sta- tistik die Differenz der Löhne in den einzelnen Fabriken erken- nen lassen. Rechnet man die hohe Miethe, die enormen Steuern, welche sich von Jahr zu Jahr erhöhen, und die theuren Lebensmittel, so muß man fragen: Wie können die Leute existiren mit ihren Familien, die 4, 5 Köpfe und noch mehr durchgängig zählen? Es find uns zu diesem Zwecke von der in vorletzter öffentlichen Sozialistenversammlung gewählten Commission folgende Belege eingehändigt worden: 1) Die Fabrikanten Gebrüder Schlaitz in Meerane geben an Material für 1 Stück Doppelköper, 8 Gang 4fadig, 61 Cent, oder 26 Leipz. Zoll breit, 53 Meter oder 94 Leipz. Ellen lang, 38 Schuß auf 1 Leipz. Zoll lder Schuß wird durchaus doppelirt mit 1 Fd. Zwirn und 1 Fd. West), 4 u. 4 carrirt, 174 Zahlen Schuß(104 Zahlen Weft und 70 Zahlen Zwirn), 225 Zahlen Kette, �/«»er Zwirn. Lohn 8 Mark. In Abzug kommt für Treiberlohn 0.86, Spulerlohn 1.30, Scheererlohn 0.46, Andrehcrlohn 0,25. Sa. 2.81. Bleiben für den Arbeiter 5 M. 19 Pf. Das Material in Schuß ist so gering, daß man erst den Schuß einfach ausspülen muß, um ihn dann zu doppeliren. Ein tüchtiger Arbeiter braucht 5 Tage, ein solches Stück zu fertigen, und kann man im Durchschnitt mehr als die Woche 1 Stück nicht rechnen. 2) Fabrikant Schumann zahlt für 1 Doppelstück Tartan (9 Gang 2fadig) 96 Ell. lang, a 25'/, Zoll breit, 52 Schuß pro Zoll, 14 Mark Lohn. Davon geht ab für Treiben von 244 Zahlen 1.10, für Spulen von 306 Zahlen 1,30, für Scheeren 0.60. Sa. 2.23. Bleibt Arbeitslohn 10.17. 3) Dreißel u. Milkner hier zahlen für das Doppelstück Tartan 93 Ellen 48 Schuß 13 M. 50 Pf. Lohn. Kette 210 Z. Schuß 300 Z. Treiberlohn 0.94, Spulerlohn 1.50, Scheerer- lohn 0.60, Andreherlohn 0.50. Sa. 3.54., bleibt für den Weber eigentlicher Arbeitslohn 9 Mark 96 Pf. Darüber muß der- selbe aber länger als eine Woche zubringen. Noch im März waren die Stücke 88 Ellen, jetzt aber 93 Ellen lang, 5 Ellen Waare muß ein solcher Weber seither mehr machen, ohne etwas dafür zu haben. 4) Gebrüder Schmieder.(12 Gang 2fadig), ä Stück 63 Ell. lang, 72 Schuß per Zoll,*U breit. Lohn 14 Mark. Geht ab Spulerlohn 1.35, Treibcrlohn 0.95, Scheerer- und An- dreherlohn 1.30. Sa. 3.60. Bleibt 10 M. 40 Pf. Das ist der Lohn für 1 Woche Arbeitszeit. 5) Fabrikant W. Fanghänel zahlt für ein Stück Plaids 61 Ellen lang, 9 Gang a Viertel, 46'/, Zoll breit, 9 Mark Arbeitslohn. Davon muß der Weber wieder abrechnen die Nebenausgabcn für 142 Z. Kette, 40r u. 20r Zwirn, 207'/, Z. Schuß, Weft:c. 6) Fabrikant Schumann hier zahlt für ein 96 Ellen langes Doppelstück Diagonales, 51 Zoll(ä 25'/, Zoll) breit, 240 Zahlen Kettengarn, 232 Zahlen Schußgarn, einen Lohn von 16 Mark. 7) Fabrikant F. W. Orzschi g hier»ahlt Lohn gleichfalls 16 Mark für ein Doppelstück Lama, ä Viertel 9 Gang 4fadlg eingestellt, 405 Z. Kette, 225 Z. Schuß(Weft) 2 u. 2 abgeschossen. Arbeitszeit länger als eine Woche. 8) Fabrikant Langlotz, Tastet, 12 Mark Lohn. 105 Ell. Waare(112 Ell. lang zu scheeren, 9 Ell. zum Einarbeiten), 12 Gang 2fadig auf's Viertel breit eingestellt, 328 Z. 60r Zwirn als Kcttengarn und 280 Z. ordinären Schuß als Einschußgarn (2 Spuler sind hierzu nöthig); da läßt sich ein wöchentlicher Verdienst des Webers auch nicht einmal annähernd bezeichnen. 9) Straff u. Söhne zahlen dem Hausweber für ein schmales Stück(doppelt wird diese Waare nicht gemacht) 9 Gang a Viertel 8schästig, 90 Ellen lang. 2 und 1 abgeschossen, 120 Z. Garn zur Kette, 168 Z. Garn zum Schuß, die Hälfte davon muß doppelt gespult werden: 12 Mark Arbeitslohn. Wir brauchen nichts weiter beizufügen, jedes Auge, nicht nur das des Fachmannes, wird hieraus die Hungerlöhne erkennen und die traurige Lage der Weber, zumal wenn noch Arbeits- pausen eintreten, ermessen können. Bremerhaven, 13. Juni. Resolution. Die am 11. Juni er. stattgehabte Parteiversammlung erklärt hiermit, daß sie mit dem im„Vorwärts" angeregten Projekt betreffs Gründung eines lokalen Parteiblattes für Bremerhaven und Umgegend nicht einverstanden ist und daß die ganze Kraft für thunlichste Verbreitung der„Bremer Freien Zeitung" und des„Vorwärts" eingesetzt werden soll. Das ganze Unternehmen ist bis auf spätere Zeiten vertagt. H. R. Kahte, Agent. Briefkasten. Theodor Daschner wird gebeten, Liebknecht seine Adresse mit-- mtheilen; es gilt die Abgabe einer gerichtlichen Zeugenerklärung vor dem hessischen Landgericht in Groß-Umstadt. Quittung. B. Rttmnnr München Ab. 81,00. Klfld Buda-Pestt Ab. 10 00. Arbeiterver. Hardt Ab. 7,29. Rchbrn Kallnberg An. 4,80.. Ldng Flensburg Ab. 90.00. Dr. Wgk Königsberg Ab. 10,10. Exped. der„Fackel" h er Ab. 6,00. Nemz Wien Ad. 10,00. Mss hier Ann. 2,25. Wßlr hier Ab. 0,60. Lud d. A. Gb Hamburg Ab. 100,00. L. Ugrnc Ab. 4,84. M. Frnkl Buda-Pest Schr. 32,00. Prß Breslau Schr. 1,80. Mrtn Danzig Schr. 1,50. Ch. Glls Hochfeld b. Duisburg: Div. betr. für 2 Scheine 8,48 wird Ihrem Wunsche gemäß verwendet werden. Fond für Gemaßregrlte. Von O. R. hier 3,00. Berliner Wahlfonds. D. Mngrm d. F. Gohlis 1,35. Ueberschuß v. Extrablatt d. F. hier 5,00. V. Steindruckern d. G. W. 1,65. Dr. K. M. 5,00. Anzeigen zc» ATfotm Bolksverein. Donnerstag, den 21. Juni, Abends>/,g Uhr, im Saale des Hrn. Michael, gr. Windmühlenstr. 7: Oeffentliche Sozialistenversammlung. Tagesordnung: Sozialpolitische Rundschau. Referent Wittich. 60)__ Der Agent. fttrflfpitffptlt Sonntag, den 24. Juni, in den Lokali- jgten des Hotels znm ,, Goldenen Helm": Central-Arbeiter-Fest de- 17. Wahlkreises. Wir laden hierdurch alle Freunde und Gesinnungsgenossen zu recht zahlreicher Bctheiligung fteundlichst ein.(2a)(F. 65)(2,40 Das Comits. Ein Parteigenosse— bekannter Feuilletonist— sucht Stelle als Mitarbeiter eines größeren Parteiblattes oder als Redakteur. Nähere Auskunft erlheilt die Redaktion der„Neuen Welt" auf ftankirte An- ftagen unter Ch!ffre K. 44. Geübte[2,7o Cigarren- u. Mckelmachcr sowie ein tüchtiger Sortirer oder Sortirerin, finden bei gutem Lohn dauernde Beschäftigung.(F. 213)(dl. 5347) Offerten unter B.>rr. 1383 au Rudolf Mosse in München. Das' Protokoll des diesjährigen, zu Gotha stattgehabten Sozialisten-Congresses ist heute erschienen. Preis pro Stück 25 Pfg, bei Bezug von mindestens 5 Exem- plaren 20 Pfg. Bestellungen, denen der Betrag nebst 10 Pfg Porto für je 5 Exemplare beizufügen ist, sind zu richten an C. Deroffi, Ham- bürg, Pferdemarkt 37 III. Nur gegen baar oder Postvorschuß wird rxpeditirt. Sozialist. Rundschau. Dieses Blatt, dessen Herausgabe vom Sozialisten-Congreß in Gotha beschlossen wurde, erscheint monatlich einmal unter Redaktion von H. Oldenburg in Hamburg zum Preise von 20 Pfg.; durch die Post bezogen vierteljährlich(excl. Bestellgeld) 60 Pfg. Dasselbe wird einen Ueberblick über die sozialistische Propaganda jedes verflossenen Monats, sowie Berichte über interessante, auf die sozialistische Partei bezügliche Borkommnisse bringen, und so Jedem Gelegenheit bieten, sich über die Parteiverhältnisse zu unterrichten. Die erste Nummer gelangt Ende dieses Monats zur Versendung. Bestellungen sind zu richten An den Verlag der„Sozialistischen Rundschau" Hamburg. Amelungstraße 5. Verlag von A. Erl ecke in London. Zeeds Monate in einem prenßische« Centralgefäognisse. Aus den Folgen eines modernen Justizmordes nebst einer Einleitung: Auszug aus den Prozeßakten. Bon einem Verbannte«, gr. 8. Elegant ausgestattet Preis 1 Mark 50 Pfg.(2,10 Durch alle Buchhandlungen zu beziehen. In unserem Verlage ist erschienen und durch alle Buchhandlungen, sowie durch unseren Commissionär Hrn. SiegiSmund u. Volkening in Leipzig zu beziehen: „Arbeiterkrankheiten" 1. Schädliche Gase 2. Schädliche Dämpfe als Krankheitsquellen und die von ihnen heimgesuchten Fabrikations- zweige. Von F. A. Moralt. Preis 10 Pfg. Bei Abnahme größerer Partieen bedeutender Rabatt. Augsburg, im Juni 1877.(3b) 3,90) Volksbuchhandlung von I. Endres, 0. Nr. 322. Zahlungs-Aufforderung. Folgende Annoncenreste sind ungesäumt zuzahlen: Altona, Bau- Land- und Erdarbeiter-Gewerkschast M. 0,90, Metallarbeitergewerksch- M. 0,60. Berlin, Zimmererkrankenkaffe Rest M. 1,20. Eöln, Ar- beiter-Liedertafel Rest M. 0.90, Wahlverein M. 1,80. Leipzig. Ge- werkschaftsvorstand Ludwig M. 1,00, Neukirchner M. 0,90. Mühlhcim a. Rh. Wahlverein M. 0,60. St. Gallen, Allg. Arb.-Berein M. 1,20. Zahlungen in Briefmarken erbeten. Leipzig, den 14. Juni 1877. Die Expedition de»„Vorwärts". B raMwortlicher Redakteur: R. Sciffert n Leipzig. Redakiion und Exped't on Färberstraße 12/11. in Leipzig. Druck und Verls« der A-.iwjftnschaflsbuchdnickerri>» Leipz:»