Erscheint in Leipsig Mittwoch, Freitag, Sonntag. ülbonncmentspreis iüi ganz Dcutichland i M. KV Pf. pro Quartal. Monats- Abonnements werden bei allen deutschen Postanstalten auf den L. und?. Monat, und auf den S.Monat besonders angenommen: im Wnigt. Sachsen und Herzogth. Sachsen- Zlltenburg auch aus den iten Monat des Quartals k 54 Psg. Inserate betr.«ersammlungen t>r. Petitzeile lOPf., betr. Priratangelegentieiten und Feste pro Petitzeile l>v Pf. Vorwärt Vestellunzen nehmen an alle Postanstalten und Bucht Handlungen des J>t- u. Auslandes. Filial- Expeditionen. New-Vork: SoK.-demorr. Genossen- schaftsbuchdruckeret, 154 Dlüriäjxv 8tr. Philadelphia: P. Haß, 630 RortA Zra Street. I. Voll, 1129 Charlotte Str. Hoboken N.J.: F. A. Sorge, 215 Wash- ington Str. Chicago; A. Lanfermann, 74 Clyboume ave. San Franzisco: F. Entz, 41L0 �»rrell Str. London W.: C. Henze, 8 New 3tr. Golden Square. Kentrat Grgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 77. Mittwoch, 4. Juli. 1877. Zur Beachtung. Die Genossen an allen Orten werden er- sucht, an das Central-Wahlcomits Adressen von Leuten einzusenden, an welche Sendungen in allgemeinen Parteiangelegenheiten gerichtet werden können. Zuschriften sind zu richten an I. Auer oder C. Derossi in Hamburg, Pferdemarkt 37. Das Lumpenproletariat. In der„Sozialpolitischen Uebersicht" unserer letzten Nummer habe» wir unter dem Titel:„Ein neues Schlagwort des Liberalismus", einen Artikel aus der Böhmerrschen„Sozial- Correspondenz" abgedruckt und daran unsere Betrachtungen ge- knüpft. Henrn Böhmert selbst verweisen wir gewöhnlich in unser Feuilleton und auch seine Correspondenz würden wir des unge- meinen Blödsinns halber, von welchem sie trieft, nicht weiter beachten, wenn nicht fast sämmtliche antisozialistische Zeitungen aus dieser trüben volkswirthschastlichen Quelle ihre Weisheit schöpften. Das neue Schlagwort der Liberalen lautet nach dem Herrn Böhmer!:„Proletarier und Arbeiter sind Gegensätze!" Wir haben in der vorigen Nummer für jeden vernünftigen Menschen den Beweis erbracht, daß eine derartige Behauptung purer Unsinn ist und daß Herr Böhmer! Proletarier mit Lumpen- Proletarier verwechselt hat. Um der„Sozial-Correspondenz" und den derselben nach- betenden liberalen Zeitungen nun Gelegenheit zu geben, ihr Wissen in Bezug auf das Lumpenproletariat zu erweitern, wollen wir denselben über dasselbe hier eine kurze Vorlesung halten: Unter dem Lumpenproletariat versteht man schlechtweg hi die uvtdrste Schicht der menschlichen Gesellschaft. Sie schließt alle Per- sonen in sich, die gleich den Lohnarbeitern, den Proletariern, nichts auf Erden ihr eigen nennen und weil sie nicht, wie diese, vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben, von der Menschheit nehmen und nichts zurückgeben. Von jeher waren diese Menschen gleichsam die Schmarotzerwürmer der Gesellschaft, und wie aus einem Sumpfe fortwährend giftige Dünste aufsteigen und die Luft verpesten, so bildet diese Klasse fortwährend Verbrecher jeder Branche aus, liefert den größten Theil der Zuchthausbewohner und ist die Quelle des professionellen Bettlerwesens. Die öffent- lichen Wohlthätigkeitsanstalteu find von den Besitzenden nur zu dem Zwecke errichtet, um auf Kosten der produzirenden Klasse ihre professionellen Bettler zu füttern. Die Lumpenproletarier rekrutiren sich im Verhältniß zum weitaus größten Theile aus der sogenannten höheren Gesellschaft, wie ja Herr Böhmer! selbst zugiebt. Die arbeitende Klasse allein ist es, welche das ganze Lumpen- Proletariat, diesen Schweif an dem Dunstkörper der Bourgeoisie, erhalten muß, indem sie, welche vorzugsweise alle Lasten in Form von indirekten Steuern wagen muß, auch die Mittel her- giebt, die Bersorgungsanstalten, wie Zuchthäuser zc., zu errichten und zu unterhalten. Giebt ein Reicher zu irgend einem wohlthättgen Zwecke, wie man sagt, eine Summe her, so weiß er sie sicher aus der Arbeitskraft doppelt wieder herauszupressen. Kommt aber der Arbeiter durch irgend einen Unfall in Roth, wird er arbeits- unfähig, so kümmert sich Niemand um ihn; dafür sorgt schon das so mangelhafte Haftpflichtgesetz. Dem Arbeitgeber fällt es aber gar nicht ein, ihm aus freiem Willen eine Unterstützung zu geben. Er kann ihn nicht mehr brauchen und so ist das Ver- hältniß abgebrochen. Die Existenz des Lumpenproletariats hängt mit der Existenz der herrschenden Klasse eng zusammen. Weil es selbst arbeits- scheu oder auch arbeitsunfähig ist, so liegt die Ausbeutung der Arbeit in seinem Interesse. Daraus ist es auch zu erklären, weßhalb es sich von der herrschenden Klasse immer gebrauchen ließ, die Arbeiter unterthänig zu halten. Es folgt derselben, wie ein Hund seinem Herrn, aber nur so lange, als es von ihr gefüttert wird. Jede ftühere gesellschaftliche Ordnung hatte ihr Lumpen- Proletariat aufzuweisen, aber nicht in der Stärke, wie die jetzige. Keine aber war auch so wie sie geneigt, dasselbe zu erzeugen. Nicht nur, daß die kapitalistische Produktionsweise, weil sie fort- während und progressiv menschliche Arbeitskraft überflüssig macht, also derselben die Möglichkeit der Existenz nimmt, sondern auch die freie Konkurrenz wirft täglich immer größere Massen aus dem Lager der Besitzenden, der Fabrikanten und Handel- -reibenden in dasselbe hinab. Weil es sich aus allen Schichten der Gesellschaft rekrutirt, tritt es in seinen verschiedenen Ge- staltungen auch verschiedenartig auf. In seiner Haupteintheilung zerfallt es in die professionelle Bettler-, in die sogenannte � � a*' un�'n die polititische Bummler-Welt. Das Lumpenproletariat ist einer der größten Krebsschäden presse, überhaupt der vernachlässigten und verkehrten Erziehung des Volkes ist die Hauptschuld anzurechnen, daß die ausrangirten Arbeiter, sowie Alle, die verschuldet oder unverschuldet durch die heuttgen Zustände in diese unterste Schicht hinabstürzen, darin moralisch zu Grunde gehen. Anstatt das Volk über die EntWickelung der gesellschaftlichen Zustände und deren Folgen zu belehren, ihm Selbstgefühl und Manneswürde beizubringen, hat man es geistig entnervt, ihm weiß gemacht, daß alles, was in der Welt vor sich geht, durch die ewige Ordnung bedingt und deshalb nichts dagegen zu machen sei. Diejenigen, welche das Gegentheil behaupten, welche ver- suchen, das Volk vor der Versumpfung zu bewahren, werden als Volksverführer und hirnverbrannte Demagogen verschrieen. Auch die„Sozial-Correspondenz" thut das Ihrige, um die Leser geistig zu entnerven und zu versumpfen, sie thut das Ihrige, die Ideen und die Männer, welche dem entgegen- treten, in den Koth zu ziehen. So geht's denn auf der abschüssigen Bahn fort, bis die herrschende Klasse ihre Lumpenproletaricr nicht mehr zuftieden- stellen kann. Dieser Zeitpunkt liegt allen Aussichten gemäß nicht mehr sern. Sozialpolitische Uebersicht. — Nachwehen aus der Fünfmilliardenperiode. Köln schreibt man:„Wie es in Köln aussieht, davon gibt wohl am besten Auskunft unser Handelsgericht. Dasselbe hat statt der früheren zwei, jetzt vier Sitzungen in der Woche. Dabei sind wöchentlich über 500 Handelssachen, sage und schreibe 500, angemeldet, während früher ungefähr 50 Fälle jede Woche vor- kamen; die meisten sind Zahlungseinstellungen. Bis Mitte Mai dieses Jahres sind schon 3S Jallisscmente erklärt worden, wäh- rend früher im ganzen Jahre nur 18—20 Fallissementc vorkamen." Zahlen und Thatsachen beweisen. Entweder sind nun die- jeuigen, welche Zahlungseinstellung anmelden Leute, die im be- betrügerischer Absicht Solches thun, weil sie ihr Schäfchen in's Trockne gebracht haben und durch einen Bankerott sich allen Verpflichtungen entziehen wollen, oder aber es sind Leute, denen es bei der grassircndcn Geschäftskalamität eine Unmöglichkeit ist, sich länger zu halten. Im ersteren Falle sind jene Betrüger Leute, die bei den Herren Gründern in die Schule gegangen sind, in letzterem Falle sind die Betreffenden durch die infolge des Gründerschwindcls eingerissenen wirthschaftlichen Mißver- Hältnisse ruinirt worden. In beiden Fällen aber dient die er- wähnte Thatsache als Illustration zu der Phrase von der„beut- schen Reichsherrlichkeit"; wir ersehen aus derselben,„wie Herr- lich weit wir es gebracht" haben. — Der Altkatholizismus— ein widerliches Gemisch von Fleisch und Fisch— blamirt sich überall, selbst in Bezug auf Rechtlichkeits- und Schicklichkeitsbegriffe. Wir lassen hier den einfachen Brief eines Gastwirths folgen, der dies beweist: „Ich weiß nicht, ob in jener Zeit ein Comit� bestanden, um jenes Fest in die Hand zu nehmen, soviel aber ist sicher, daß 1) Herr Alb. Müller, 2) Herr I. Christ, 3) Justizrath Schulz, 4) die Herren Grafen Bochholz bei mir erschienen sind, daß die Herren das Festessen, die Dekoration, die Bekränzung u. f. w. bestellten und sich für die Bezahlung stark machten. Ob die Herren nun als Mitglieder des Comitss oder als einfache Ehren- männer bezahlen wollen, ist mir ganz glcichgiltig, mir ist das Geld von dem Einen so lieb, wie von dem Andern, nur würde ich es im Interesse des p. Müller sehr bedauern, wenn ich ihm vor Gericht durch meinen derzeitigen Kellner beweisen müßte, daß es so ist, wie ich sage, mit anderen Worten: daß Herr Müller mit seiner Erklärung in grober und frecher Weise die Unwahrheit gesagt hat. Was Herrn Christ betrifft, so will ich zu seinen Gunsten bemerken, daß er zwar mit bestellte, dem Feste selbst aber nicht mit beiwohnte. Die gemachte Zeche be- trägt: 1) 20 Diners, u. A. für Bischof Reinkens, Prof. Knodt, Ritter v. Schulte zc.. M. 126— Pf. 2) 6 vorhergegangene Diners für die Besteller„ 15—„ 3) Weine............. 25—„ 4) Diverse für Professor Knodt...... 12 46„ 5) Für den Saal.......... 45—„ 6) Angerichteter Schaden durch entstan- denen Tumult.......... 15—„ 7) Für die Rednerbühne.......„ 42—„ 8) Für Bekränzung.......... 45—„ 9j Diners für die Musik........ 45—„ 10) Equipage für Bifchof Reinkens.. ,. 6—„ summa Hierauf bezahlt l. 376 46 Pf. , 47 46.. Saldo M. 32g— Pf. Nachträglich sei noch bemerkt, daß Herr Anwalt Kindermann sein Couoert(welches unter den obigen 20 enthalten ist) be- zahlt hatte, daß ich aber auf Veranlassung des Herrn Müller wieder aufnehmen mußte, weil Herr Kindermann mit zu den am Volksleben. Mit dieser Armee hat es die herrschende Klasse.sComitv- Mitgliedern gehörte und alles zusammen bezahlt werden oft genug fertig gebracht, daß der Volkswille nicht zum Ausdruck 1'sollte. Ich überlasse es daher getrost dem Urtheile vorurtheils- kommen konnte, daß das Machen der Gesetze ihr Monopol und � reier Leser, was davon zu halten ist, daß man Feste veran- somit das ganze politische Leben corrumpirt wurde. Die Masse! stal tet und bei Präsentation der Rechnung sich zu drücken suchte; des Lumpenproletariats schwillt durch die Conzentration des � das Jsi nicht einmal russisch und türkisch. Besitzes und durch die Ueberflüssigmachung der menschlichen Ar- oeitskraft durch die Maschinen immer mehr an. Der Bourgeois- Deutz, den 20. Juni 1877. H. Witzen. Allerliebst! Hinzuzufügen brauchen wir wohl nichts. J — Eine Reminiscenz. Oder richtiger zwei, beide gleich interessant und lehrreich. Am 11. Januar des Jahres 1871 — wir sind im„heiligen Krieg"— finden deutsche Soldaten in einem Schloß bei Paris einen mächtigen Aktenstoß. Es ist kalt, Holz fehlt, im Kriege, auch im„heiligen", ist alles erlaubt, was nicht gegen die militärische Disciplin geht: der Aktenstoß findet rasch praktische Verwendung, das Papier ist alt, hübsch trocken, und brennt�vortrefflich. Um die Langeweile zu vertreiben, hebt einer der Soldaten eins der noch herumliegenden Hefte auf— ob er's gelesen hat, wissen wir nicht, wissen auch nicht, ob mehr aufgehoben und aufbewahrt wurde. Was wir wissen ist, daß besagtes Heft nach Deutschland ivanderte und daß es— das Heft liegt vor uns— Aktenstücke von höchster historischer Bedeutung enthält, allerdings nur in Abschrift, aber in amt- licher, archivarischer Abschrift. Es sind Verfügungen und Instruktionen des französischen Wohlfahrtsausschusses, an die Armeen der Republik, vom„11. Floröal des Jahres II."(30. April 1794) bis zum„5. Fructidor des Jahres II"(22. August 1794). Eine dieser Verfügungen fesselt zunächst unsere Auf- merksamkeit. Sie trägt das Datum des 8. Prairial Jahr ll (27. Mai 1794) ist„an die Volksvertreter(Civilcommissäre) bei der Moselarmee" gerichtet, von Carnot unterzeichnet und lautet: „Bürger-Collegen, wir richten an Euch einen Brief für den Obergeneral Jourdan. Habt die Güte, ihm denselben zu über- mittel», nachdem Ihr Kenntniß davon genommen. Fahrt fort, mit reißender Schnelligkeit dem Ziel: vollständige Vernichtung der Feinde unserer Unabhängigkeit zuzueilen. Eure ersten Er- folge verbürgen uns neue, entscheidendere. Wir sehen mit Vergnügen, daß Ihr Maßregeln getroffen habt, um die Desorganisation zu verhüten, welche stets aus der Plünderung entsteht, und uni zu verhindern, daß der Krieg gegen uns sich nalionalisirt(Volkskrieg wird). Schont überall die Gegenstände des Cultus, alles, was das Volk hochhält. Sorgt dafür, daß die Hütten, die Unglücklichen, die Frauen, die Kinder, die Greise respckttrt werden. Zieht ein als die Wohl- thäter der Völker, als die Zuchtruthe der Großen, der Reichen, der Feinde Frankreichs. Laßt auf diese das ganze Gewicht der Contribution fallen. Nehmt sie zu Geiseln. Handelt überhai pt so, daß Jedermann sieht, es ist nicht das System der Ver- Wüstung, sondern das System der Gleichheit, welches Ihr bringt. Wir dürfen aber den Krieg nicht wie gutmüthige Narren führen (faire la guene en dupes); wir müssen in Feindesland auf Kosten des Feindes leben, dem wir unsere Schätze bringen. Allein es ist nothwendig, daß die strengsten Maßregeln getroffen werden, um zu verhindern, daß die Behörden den Armen die Contribution aufwälzcn, was sie unzweifelhaft versuchen Werden, wenn Ihr nicht mit fester Hand eingreift." Ein zweites Schreiben, direkt an Jourdan, den Obcrfeldherr der Moselarmce gerichtet, vom Datum des 1. Messidor Jahr II (3. Juli 1794), und unterzeichnet:„Für die Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses: Carnot." drückt sich noch deutlicher aus. Es heißt darin: Z>ie Kontributionen muffen ausschkieklich anf die Hicichen fallen; die Armen müssen sich unserer An- kunft freuen; alle Gebräuche sind zu respektiren."--- Diese Sprache des Revolutiousconvents, und das am II. Januar 1871 verbrannte Archiv: nicht wahr, ganz hübscher Stoff zu— Culturstudien. — Die Kriegsfurie im Frieden. Durch die liberalen Blätter geht folgende Notiz:„Bei der Eröffnung der Schwur- gerichtsperiode zu Königsberg am 25. Juni nahm der Präsi- dent, Gerichtsdirektor Göbel, Gelegenheit, den Geschworenen an der Hand der Statistik mitzutheilen, daß in den fünf Jahren nach dem Kriege von 1871— 1875 die Anklagen wegen Mor- des und Todtschlags beinahe um das Doppelte gegen die Vorjahre gestiegen sind." Nach dem Kriege— dieser Ausdruck ist zu beachten; danach scheint der Gerichtspräsident selbst anzunehmen, daß die Ver- brechen des Todtschlags und Mordes vielfach Folgen der Kriege seien. Der Präsident hat unserer Meinung nach ganz recht! Wir wollen bemerken, daß in diesem verwilderten Schwurgerichts- distrikte die Sozialdemokratie noch keinen festen Fuß gefaßt hat — hätte sie es, so würden die Verbrechen geringer sein. — Saulus unter den Propheten. Das„Leipziger Tageblatt" bringt(von 23 d.) einen längeren Artikel über die gegenwärtige Geschäftskrisis der mit folgendem Satz schließt: Vor allem wird es darauf ankommen, daß die Militärstaaten entwaffnen, und die Uebervortheilung des Publikums Seitens des Produzenten der Lebensmittel mit aller Macht entgegengetreten und diesem allgemein und lebhaft gefühlten Uebel endlich gesteuert werde." Obstupu! steternntguv co- rnae— wirj sind starr vor Erstaunen. Ist das denn wirk- lich das„Leipziger Tageblatt"? Kein Zweifel— da stehn ja, dicht bei, die poetischen Ankündigungen der„Schweinsknöchel mit Klößen". Also um aus der jetzigen Krise, die(wie das„Tage- blatt"sehr richtig bemerkt) keine vorübcrgehendeist, herauszukommen, müssen wir den Alp des Militarismus abschütteln und dieProduk- tion(daß das„Tageblatt" bloß die Produktion der„Lebensmittel" erwähnt, ist dem s ch wein sknö che l- Organ zu Gute zu halten) ehrlich machen, in gerechter, vernünftiger und gcmeinnützlicher Weise organisiren—'das ist ja der reine Sozialismus. Etwvs Anderes wollen wir auch nicht. Und es soll uns nicht wundern, wenn nächstens Herr Hüttner zu uns kommt, und sich zum Ein- tritt in die Partei damit erklärt. O Hüttner! Was wird dein Rüder zu diesem lichten Augenblick sagen? Da wir gerade von„lichten Augenblicken" sprechen, sei hier auch gleich die Berliner„Bolkszeitung" erwähnt, der das näm- liche Pech passirt ist. In einem Artikel über den Jndifferentis- mus bei den Wahlen entschlüpfte ihr dieser Tage die Bemer- kung: ein großer Theil des Volkes lege den Wahlen deshalb nur wenig Gewicht bei, weil sie kein praktisches Resultat hätten, und weil die Volksvertretung bloß eine„machtlose Rede- Gesellschaft" sei. Ein wahres WortZ, liebe Dunckerin! Und um so anerkennenswerther, als es gerade Deine Partei am Härtesten trifft, deren parlamentarischen Eunuchenthum es ganz wesentlich zu verdanken, daß der preußische Landtag und deutsche Reichstag das geworden sind, was sie sind.— — Den Spieß umgekehrt. In Folge der Gräuelthaten, welche die russischen Militärbehörden im Kaukasus auch gegen die Civilbevölkerung verüben lassen, hat die türkische Regierung an ihre Vertreter im Ausland ein Circular gerichtet, welches die wahrhaft haarsträubenden Grausamkeiten der Kämpfer für„Hu- manität" und„Civilisation" schildert, und dessen Schluß also lautet: „Wir unterbreiten dem Unwillen und der Verurtheilung der gesammten Europas die Verbrechen, welche mit kaltem Vlute und Ueberlegung von den Agenten der Regierung befohlen sind, die sich für die Vertheidigerin der Prinzipien der Civi- lisation ausgiebt und noch bei den in Bulgarien gegen den kaiserlichen Willen von der verzweifelten Bevölkerung verübten Repressalien die öffentliche Meinung gegen uns zu erregen und uns im Lichte von Barbaren erscheinen zu lassen suchte. Nie- mals werden sich die kaiserliche Regierung und ihre loyalen Ar- meen mit solchen Verbrechen beschmutzen. Unsere Be- völkerungen werden die Prinzipien der Humanität und die Gesetze des Krieges, die in so rücksichtsloser Weise vom Feinde des Landes verletzt sind, strenge respektiren." Das ist eine bittere Pille für den„friedliebenden",„milden" Czar und seine Rathgeber und Werkzeuge. Und wenn das in den letzten Sätzen des Circulars liegende Versprechen gehalten wird, dann ist die moralische Niederlage der scheinheiligen Czaren-Regierung allerdings vollkommen. — Ein Compliment. Der außerordentliche Gesandte Eng- lands in Constantinopel, Herr Layard, nahm vor kurzem Ge- legenheit, sein Urtheil über den türkischen Reichstag auszuspre- chen.„Man hat Unrecht", äußerte er sich,„daß man das otto- manische Parlament in Europa nicht ernsthaft nimmt. All diese Deputirten, welche aus den mindest entwickelten Provinzen des Reiches kommen, haben eine so richtige Empfindung der Dinge und so praktische Anschauungen in Regieunzs-Angelegenheiten, wie ich sie sicherlich nicht bei ihnen zu finden erwartete. Heute kann ich, oyne Furcht vor Täuschung, sagen, daß das ottoma- nische Parlament binnen Kurzem es jedem beliebigen europäischen Parlament zuvorthun wird." Dazu gehört freilich nicht viel. Und die Worte des Hrn. Layard sind die beste Satyre auf den europäischen Parlamentarismus, die uns noch je vorgekommen. — Die radikalen Senatoren in Frankreich machen es den radikalen Deputirten nach und wollen für Thiers und Gambetta die Kastanien ans dem Feuer holen— im Uebrigen sollen die edlen Herren der Linken sich schon entschlossen haben, selbst bei einem Wahlsiege„vorläufig" Mac Mahon am Ruder zu lassen. Nette Helden! Die Senatsren der vereinigten Linken erlassen folgendes Manifest:„Die unterzeichneten Senatoren, Ver- treter der drei Gruppen der Linken des Senats sprechen die Ansicht aus, daß die Wiederwahl der 363 Deputirten, welche die Tagesordnung des 19. Juni gegen das unter dem Vorsitze des Herzogs de Broglie stehende Eabinet angenommeu haben, eine Bürgerpflicht sei und vom Lande, eben so wie im Jahre 1830 die Wiederwahl der 221, als eine Ehrensache anerkannt werden müsse. Diese Wiederwahl wird der feierlichste Ausdruck des nationalen Entschlusses sein, die republikanischen Einrich- tungen aufrecht zu erhalten. Den Patriotismus anrufend, rech- neu die Unterzeichneten darauf, daß der Candidatur der 363 Deputirten, welche für die Tagesordnung gestimmt, keine andere republikanische Candidatur entgegengestellt werde."(Folgen die Namen.) Unter denselben befindet sich auch derjenige von Victor Hugo. Armes Frankreich! Verrathenes Volk von Paris! — Der Sozialismus unter den Negern. Im Proto- kollauszug über die Sitzung des Ausschusses der Arbeiterpartei Volkswirthe und Gründer im Parlament. Von Otto Glagau. (Schluß.) Die Liste, sagt Glagau, erhebt keinen Anspruch auf Vollstän- digkeit. Wahrscheinlich fehlt noch mancher Name; wahrscheinlich sind nicht wenige der Genannten auch noch bei anderen Gesell- schasten betheiligt. Viele Gründer resp.„Erste Zeichner" waren von vornherein so vorsichtig, hinter den Coulissen zu bleiben; viele Aufsichtsräthe sind nie publizirt worden, und bei vielen anderen hat noch nicht festgestellt werden können, ob sie nicht auch zugleich Gründer resp.„Erste Zeichner" sind, weshalb eine Vervollständigung vorbehalten bleibt. Aber auch schon so wie es ist, macht dieses Verzeichniß einen erschreckenden Eindruck. Ganz abgesehen von den Personen, die ohne Auszeichnung aufgeführt sind, und von denen die meisten auch wohl kein besonderer Vorwurf trifft, so bleibt noch immer eine Unzahl eigentlicher Gründer und Gründergenossen, und unter ihnen ist die Blüthe der Aristokratie, sind Würdenträger� des Staates, die gefeiertsten Parlaments-Redner vertreten. Herzog von Ratibor, der zeitige Präsident des Herrenhauses, und Herr von Bennigsen, der gegenwärtige Präsident des Abgeordneten- Hauses, sind beide Gründer und beide Genossen von Baruch Hirsch Strausberg; und als Mitgründer resp. Aufsichtsräthe bei den Unternehmungen dieses unseligen Menschen figuriren außerdem noch folgende Parlamentarier: Adickes, Ämbronn, Heise, Richt steig, Herzog von Ujest, Graf Lehndorff, Fürst zu Putbus, Graf zu Solms-Baruth, Graf zu Solms-Sonnenwalde, Graf Eberhard zu Stolberg-Wernigerode, v. Seydewitz, v. Wurmb, v. Unruh- Bombst 2c. Staatsminister a. D. v. Bernuth und Oberbürger- meister Hasselmann, die Vicepräsidenten des Herrenhauses sind beide mehrfache Aufsichtsräthe. Als Alterspräsident des Deutschen Reiches waltet frisch und frei der große Gründer, Staatsminister; a. D. Georg v. Bonin; und Herr Miguel, der noch größere Gründer, der Genosse der Diskonto-Gesellschast, war ein hervor- ragender Redner der General-Synode, präsidirte der Commission für die Reichs-Justiz-Gesetze, und ist, wie Zeitungen meldeten, neuerdings von Herrn Achenbach, dem Handclsminister, als Vertrauensmann zur Berathung über die schwebenden Hand- wcrker- und Arbeiterftagen eingeladen. Auch im Preußischen Herrenhause sitzen gegenwärtig noch 57 Gründer resp. Aufstchts- räthe. Kein Wunder, daß über die Petition der Herren von Jena II. und Genossen, welche eine gehörige Prüfung des der Vereinigten Staaten vom 13. Mai finden wir die Be- merkung, daß sich von Jefferson(Staat Indiana) eine Sek- tion Farbiger(Neger) zur Aufirahme in die Partei ange- meldet hat, und vom Ausschuß angewiesen wurde, fich der eng- lisch sprechenden Sektion dieser Stadt anzuschließen. — An der Donau sind die Russen jetzt ganz entschieden im Vortheil; der Uebergang ist auch an der oberen Donau forcirt worden, so daß Bulgarien nunmehr den russischen Freunden offen steht.„Väterchen" hat deshalb auch schon eine revolutionäre Proklamation an die Bulgaren, zu der. n„Befreiung"(zu deutsch: Annexion) er das Schwert gezogen habe, erlassen. Wir werden nunmehr heftige Festungskämpfe erleben und dann abwarten müssen, ob noch in diesem Sommer es den Russen gelingt, den Balkan zu übersteigen.— Die europäischen Mächte schlafen sämmtlich; das trauliche Brummen des russiischen Bären hat sie eingelullt.— In Asien erhalten die Russen entschiedene Schläge, die auch nicht mehr von den rubilisirten Blattern abgeleugnet werden können. Daß die Russen fich aus dem Völkerrecht nichts machen, das geht daraus hervor, daß sie im Schwarzen Meere drei Handelsfahrzeuge mit Torpedos in die Luft sprengten. Bisher haben nur Piraten es gewagt, die Matrosen von Handels- schiffen zu morden, zu ihnen gesellen sich die culturfreundlichen Russen. Eine Schande für die Civilisation, daß man diese Bar- baren mit solcher Bestialität ruhig hausen läßt. Correspondenzen. Hamöurg, 27. Juni.(Die 10,000 auf dem Rückzüge.) Wenns auch keine tapferen Griechen sind, so sind es doch gemüth- liche reichstreue Hamburger, die sich flott auf dem Rückzüge be- finden. Der„Hamburgische Correspondent", der sich zuerst sehr für den„liberalen 10,000köpfigen Reichstagswahlverein" interessirte, bringt in Nr. 149 folgende Abwiegelungsnotiz: „Die von den Zeitungen gebrachte Mittheilung über die am letzten Freitag Abend stattgefundene„Constituirung" des libe- ralen Reichstags-Wahlvereins hat ohne Zweifel viele Mitglieder dieses Vereins ebenso überrascht, als den Schreiber dieses, der als einer der Ersten dem Rufe des provisorischen Comitö's gefolgt war. Unterzeichneter hat im Einvernehmen mit zahlreichen Bekannten und Freunden, die er dem Vereine zugeführt, geglaubt, die Konftituirung des Vereins sei Sache der Mitglieder, namentlich aber würde die Wahl des Vorstandes von den Mitgliedern, event. von den Vertretern der zu errich- tenden Bezirksvereine zu geschehen haben. Wegen Errichtung der Bezirksvereine ist aber bis jetzt, obgleich angeblich über 10,000 Mitglieder bereits durch Namensunterschrift dem Bereine beigetreten sein sollen, noch nicht das Mindeste geschehen. überhaupt hat die Thätigkeit des provisorischen Comito's seit zwei Monaten sich auf den Erlaß einiger Zeitungs- Annoncen beschränkt und irgend welche Beweise, daß die Leitung der ganzen Sache bei dem provisorischen Comitä in den rechten Händen ruhe, denen ein günstiger Fortgang der Bewc- gung zuzutrauen sei, haben wir bisher nicht erhalten. Nun aber konstituiren sich dieselben Herren, welche als Provisorisches Comite den ersten Aufruf erlassen, ohne irgend ein Mandat der Mitglieder auf eigene Autorität hin als definitiver Bor- stand, vertheilen die Aemter unter sich und machen somit die Mitglieder auf Jahre hinaus mundtodt. So aber haben die Mitglieder, meiner festen Ueberzeugung nach, die Sache nicht angesehen. Das provisorische Comitö hätte nach allgemeiner Auffassung die weitere Organisation, namentlich die bisher ganz vernachlässigte der Bezirksvereine ferner leiten, dann sich aber, sobald der Verein konstituirt worden, von dessen Mitgliedern neu wählen, resp. bestätigen lassen sollen. Unziveifelhaft wäre der größte Theil der Comitsmitglieder auch in den definitiven Vor- stand gekommen, einige Mitglieder vielleicht aber auch nicht, und namentlich wäre bei einer freien Wahl Gelegenheit gewesen, dem Vorstande noch einige Männer hinzuzufügen, die man im pro- visorischcn Comitö ungern vermißt. Der jetzt unternommene unbedachte Schritt wird dem Berein unzweifelhaft schaden und den Gegnern desselben das Spiel wesentlich erleichtern. Namentlich scheint vergessen zu sein, daß bei der Verwendung erheblicher Geldmittel diejenigen, welche sie aufbringen, gefragt werden sollten." So der„Hamburgische Correspondent". Man sieht, in welche terroristischen Bahnen der liberale Verein einlenkt, er wird bald Gründerwesens und eine Revision des Gewerbe- und Aktiengesetzes oerlangte, von der„liberalen" Majorität des Herrenhauses, auf Antrag des Oberbürgermeisters Gobbin, zur Tagesordnung über- gegangen wurde! Besonders charakteristisch ist die Thatsache, daß die politischen Märtyrer von 1848 und aus der Reaktions- zeit, die gefeierten Volksmänner, sich hinterher als sehr praktische Leute bewiesen haben und fast sämmtlich unter die Gründer ge- ganzen sind, und zum großen Theil als Gehülfen der eigentlichen Gründerbanken wirkten. Dahin gehören: Bamberger, Braun- Wiesbaden, Miguel, Kapp, Hammacher, Hagen, Ludolf Parisius, Phillips, Schulze-Delitzsch, W. Straßmann, Faucher, Jngermann; und im Uebrigen sind noch zu nennen: v. Unruh, v. Bennigsen, Frühauf, Löwe-Calbe zc. Man kann berechnen, daß die „Schöpfungen" jedes Einzelnen dieser„Muster-Patrioten" dem deutschen Volke verschiedene Millionen kosten. Die großen Eisenbahngesellschaften, wie die großen Bank- Institute hatten jede im Parlament ihre Vertreter, die hier für sie wirkten, und die als Aufsichtsräthe von ihnen in der Schwindel- Periode riesige Tantiemen bezogen. Mit den Namen der parla- mentarischcn Aufsichtsräthe schmückten die betreffenden Gesellschaf- ten ihre Geschäftsberichte und Prospekte, trieben sie ihre Aktten bis zu einer unsinnigen Höhe, emittirten sie mit unverschämtem Agio wiederholt junge Aktien, setzten sie die faulsten Gründungen in die Welt, fingen sie das vertrauensselige Publikum ein. Auf den Prospekten und Geschäftsberichten bezeichneten sich die parla- mentarischcn Mitgründer und Aufsichtsräthe ausdrücklich als Mit- glied des deutschen Reichstages, des preußischen Abgeordneten- Hauses, der zweiten sächsischen Kammer k. Und dieselben Personen höhnen und schmähen jetzt das betrogene Publikum, schelten es ob seiner Spielwuth, seiner blinden Gier, seiner unverant- wortlichen Thorhcit und Einfalt. Fürwahr diese Frechheit ist empörend! Zu den Parlamentarien, mit welchen sich die Gründer ver- stärkten, traten, als Mitgründer und Aufsichtsräthe, noch Adel. Beamte und Militärs, bis zu den höchsten Spitzen und zum Theil aus der nächsten Umgebung der Monarchen(z. B. Graf Lehndorff, Fürst Ratibor, Herzog von Ujest), Richter und aller- Hand Notabilitäten aus Kunst und Wissenschaft. Nur hin und wieder wurde ein Beamter von seiner vorgesetzten Behörde korri- girt. So wies der Präsident des Berliner Stadtgerichts einen seiner Räthe, der den Prospekt der Berliner Bauvereinsbank mitunterzeichnet hatte, an, seinen Namen zurückzuziehen. So nöthigte General von Stosch etliche Räthe des Kriegsministeriums zu Grunde gehen. Je größer die Leiche, desto größer der Sarg und der Gestank, den sie ausströmt. Auf den Angriff im„Hamburgischen Correspondenten" aus den eigenen Reihen antwortet in der folgenden Nummer ein Vorstandsmitglied der 10,000„auf dem Papier" sich befindlichen Helden, die sich auf dem Rückzüge befinden, mit folgender An- klage:„Man sollte aber vor Allem den Vorstand, der opferwillig die Arbeit auf sich genommen hat, aufmuntern in seiner Thätigkeit. anstatt ihn, wenn er noch so correct handelt, anzugreifen. Er würde sonst bald in der Lage sein, zu sagen:„Mit den So- zialisten werden wir schon fertig, aber Gott schütze uns vor un- leren Freunden!"— Daraus geht hervor, daß der Vorstand des liberalen Wahlvereins die 10,000 Getreuen als eine Hammel- Heerde betrachtet, die blökend des Schäfers Stecken folgen soll. Wir glauben aber, daß manches Schäfchen in diesen drei Jahren noch verloren geht und unter die sozialistischen Böcke gerathen wird, so daß allerdings die Angst des hochedlen Vorstandes vor „seinen Freunden" gerecht erscheint. Weukrekih, 25. Juni. Endlich! Vier Jahre fast nach jener „berühmten" Lasker'schen Rede, in welcher der kleine Herr gegen die fürstlichen Gründer der Berliner Nordbahn„losdonnerte", wird letztere am 1. Juli feierlichst eröffnet werden. Vier Jahre nach jener Rede, welche so vielversprechend schien, daß man all- gemein zu hoffen wagte, unsere„Bolks"vertreter würden endlich einmal sich zu einem mannhaften Schntte aufraffen, welche aber leider nur leidiges Strohfeuer der Herren„Liberalen" entflammt hatte, dessen anfangs scheinbar günstige Wirkung in Folge der unüberwindlichen Mattherzigkeit und Selbstinteressirtheit unserer Parlamentarier nur allzubald in alle vier Winde zerstreut wurde.— Was die Norvbahn betrifft, so übernahm sie zwar später die preußische Regierung, aber auch diese scheint nicht besonders eifrig hinterher gewesen zu sein, was theils aus der langen Dauer des Bahnbaues geschlossen werden kann, theils aus den Klagen über Lässigkeiten aller Art, welche während desselben einliefen. Nun, jetzt ist's vorbei und die Zukunft wird lehren, ob der Bahn wenigstens eine reelle und auf den Bor- theil des Publikums bedachte Betriebsverwaltung beschieden ist. Hoffen wir es! Unseren lieben Strelitzern steht in kurzer Zeit ein„hohes" langersehntes„Glück" bevor: ihr„gnädiger" Erbgroßherzog wird am 2. Juli hier feierlichst seinen Einzug mit Frau Ge- mahlin halten. Was wird das wieder für Katzbuckel, für Kratz- füße, für Schcrwenzeleien geben! Ehrenpforte, dito Jungfrauen, Fackelzug(wobei Primaner mit Rappieren. Natürlich! Wie kann auch deutsche Jugend ohne ein Sinnbild der Rauflust fertig werden) und all das übrige unvermeidliche Zubehör dürfen na- türlich nicht fehlen. Ein wahrer Widerwillen muß jeden ver- nünftigen Menschen ergreifen, wenn er solch unwürdiges Treiben mit ansieht. Leider ist wenig Aussicht vorhanden, daß es bald besser werde, wenigstens hier in Neustrclitz, wo fast die Hälfte der Einwohner aus großherzoglichen Beamten oder Hofliefe- ranten besteht und alles sich durch die Anwesenheit des„Hofes" hochgeehrt fühlt. Daher hat auch leider die Sozialdemokratie hier in der Stadt wenig Boden gefunden, und meiner unmaß- geblichen Meinung nach kann eine tiefere Bewegung hier nur von der niederen Landbevölkerung ausgehen. Wie es an anderen Orten sich verhält, ist mir freilich unbekannt. Eine kurze charakteristische Mittheilung gestatten Sie mir noch. Es ist bekanntlich hier bei Geldstrafe untersagt, am Sonntag öffentlich zu arbeiten; natürlich nur deswegen, weil I ja Arbeiten am Sonntag„gottlos" wäre. Anders verhält sich aber die Sache, wenn es sich um Arbeit für die„Fürstlichen" handelt, denn ganz ungestört arbeiteten gestern(Sonntag) Zim- merleute an der„Ehrenpforte". Daß wir den Arbeitern die geringe Mehreinnahme gönnen, liegt auf der Hand; aber zeigt diese Thatsache nicht wieder die bekannte Consequenz hoher Herr- � schasten in religiösen Dingen! HZerlin, 26. Juni. Die am Schlüsse meiner letzten Corre- spondenz ausgesprochene Hoffnung, daß die Neuwahl im fünften Wahlkreise eine Stärkezunahme unserer Partei dokumentiren würde, hat sich, wie die Leser bereits wissen, glänzend erfüllt. Wir haben gegen den 10. Januar einen Stimmenzuwachs von nicht weniger als 55 Prozent zu verzeichnen. Die liberalen Zeitungen suchen diesen Erfolg durch mehr oder minder unge- schickte Zahlcnkunststückchen zu vertuschen und reden sich sogar ein, die Scharte vom 14. Juni sei ausgewetzt. Inzwischen feiern die Fortschrittler ihre Niederlage unverdrossen mit großen Festlichkeiten. Vor einigen Tagen erhielt Herr Löwe von den wie der Admiralität, die sich an Gründungen betheiligt, ihren Abschied zu nehmen. Nicht wenige Beamte fungirten als Auf- sichtsräthc von Gesellschaften, deren Zweck mit ihrem Amte geradezu kollidirte. Viele Beamte nahmen erst ihren Rückzug, als das endlich beschlossene Gesetz sie dazu nöthigte; die meisten blieben bis zum letzten Augenblicke, und verschiedene schwankten noch, ob sie nicht lieber auf ihr Amt verzichten sollten, denn das Gehalt stand in keinem Verhältniß zu den Tantiemen, welche sie bisher als Aufsichtsräthe bezogen hatten. Der Prozentsatz von Beamten, welche sich in der Schwindelperiode als Mitgründer und Aufsichtsräthe betheiligt haben, ist kein unbedeutender. Dennoch wäre es übertrieben, deswegen auf unfern Beamtenstand als solchen einen Makel werfen zu wollen, und derselbe bedurfte wahrlich nicht der Vertheidigung eines Lasker und Strousberg! Die wenigen Blätter und die wenigen Schriftsteller, welche es wagten, gegen die parlamentarischen Gründer aufzutreten, wurden im Parlament in der unerhörtesten Weise beschimpft. Bamberger, Lasker und Eugen Richter schimpften, geschützt durch das Privileg der Tribüne, wie Fischweiber. Bamberger, der Nickelmünzmeister, nannte seine Gegner„Kerls, Kanaille, Re- volverpreßleute". Lasker schrie:„wie man Bravi in Italien dingen kann, so kann man bei uns schriftstellerische Verleumder dingen!" Eugen Richter sprach von„Buchmachern",„literarischen Beutelschneidern",„Bauernfängern"! So schimpfen diese Leute, die selber Journalisten sind, und die nur mit Hülfe der„liberalen" Presse in's Parlament gelangten. So schimpfte Eugen Richter, der sich von acht- bis zwölffach durchgeschriebenen Correspon- denzen ernährt, also die untergeordnetste Art von Schriftstellerei betreibt, und dem die„Staatsbürgerztg." vorwarf, daß er mit seiner Feder nach- und nebeneinander Blätter der verschiedensten Richtungen bediene. Wann haben die Konservativen und die Klerikalen, obgleich sie von der gesammten liberalen Presse tag- täglich gelästert, in allen jüdischen Witzblättern verhöhnt werden, je zu solchen Repressalien gegriffen? Und heißt dieses wüste und feige Schimpfen liberaler und fortschrittlicher Gründerseelen, nicht die Tribüne entweihen und beschmutzen? Jene Leute hatten nicht den Muth, das, was sie aussprachen(oder was sie in anonymen Correspondenzen in die Welt schrieben), auch wie Männer von Ehre zu vertreten. Bamberger, wie Richter, lehnten beide die Herausforderung, welche ihnen zuging, ab; Bamberger, wie Richter wurden darauf von ihren Gegnern für satisfaktions- unfähig erklärt, jener vor besetztem Gericht, dieser in öffentlichen Ansprachen. Müssen solche Borgänge nicht zum Faustrecht führen? vereinigten liberalen Wahlvorsländen eine Ergebenheitsadresse, gestern hatten dieselben Wahlvorstände im Etablissement„Eis- keller" ein großes Festesien arrangirt, Alles zur höheren Ehre des Durchgefallenen. Der Vorsitzende Herr Kalischer, Herr Stadtverordnetenvorsteher Straßmann und noch einige andere Leuchten der Fortschrittspartei priesen in allen Tonarten die selbstlose Opferwilligkeit des Herrn Löwe, der die so großen Lasten der Candidatur aus sich genommen habe u. s. w. u. s. w. — Müßte man nicht annehmen, dieses Gebahren der Liberalen sei Galgenhumor, so könnte man wirklich darauf neugierig wer- den, was diese Herren, die sich jetzt schon vor Freuden kaum zu lassen wissen, erst im Fall eines Sieges aufgestellt haben würden. Doch lassen wir diese Gesellschaft bei ihrer harmlosen Selbst- belügung und sehen uns heute einmal einige Persönlichkeiten an, die in letzter Zeit sich besonders die Aufgabe gestellt zu haben scheinen, die Sozialdemokratie„geistig zu vernichten". Da ist zunächst der Cheftedakteur der„Tribüne", einer hier ziemlich verbreiteten Lokalzeitung. Dieser Herr druckt mit großer Vorliebe die Böhmert'schen„sozialistischen" Schimpfereien ab, die er zu allem Ueberfluß noch mit seinen eigenen geistreichen Apercus versieht. Da aber diese Kost auf die Länge der Zeit selbst dem ärgsten Philister nicht munden würde, so wird in den Spalten der„Tribüne" auch hin und wieder einmal in aller- getreuester Oppositton gemacht, die dann naturgemäß über das „könnte, möchte, dürfte" nicht hinauskommt. Diese auffällige Liebe für die heilige Ordnung erklärt sich um Vieles leichter, wenn man weiß, daß Herr Dr. L. eine sehr reptilienhafte Ver- gangenheit hat. Nachdem besagter Herr den 1870er Feldzug als Kricgscorrespondent der entschlafenen Spener'schen Zeitung mitgemacht und sich hierbei einen königlichen Kronenorden äußerster Klasse erworben hatte, übernahm er mit noch einem Freunde die Redaktion und Herausgabe der in drei Sprachen erscheinenden autographirten„Deutschen Nachrichten". Allein diese Nachrichten fanden wenig Glauben, gingen vielmehr trotz der großen Zuschüsse aus Preßfonds ein, da sie eben zu unanständig „offiziös" waren— unabhängig, würde die„Norddeutsche Allg. Zeitung" sagen. Daß einem so namhaften Politiker— so drücken sich die Abonnements-Einladungen der„Tribüne" aus— wie Herrn L. die Ausübung seiner publizistischen Leistungen nicht schwer hält, davon mag das nachstehende Rezept einen kleinen Beweis geben:„Weser-Zcitnng",„Magdeburger Zeitung",„Kölnische Zeitung", allenfalls„Neue Freie Presse", Blaustift, Scheere, Klebegummi— und der Leitarttkel ist fertig. .M 2 macht sich hier der schon oben erwähnte Herr Kalischer ungemein breit. Er ist Vorstand des Wahlvereins, Vorsitzender eines Bezirksvereins, Lohnredner, der Jedem, welcher es hören wollte, mittheilte, die sozialistische Vertretung Berlins sei eine Schmach, von der er und sein Freund Max Hirsch die Residenz befreien würden; kurzum, Herr K. ist ein Heros der Fort- schrittspartei. Das war aber nicht immer so. Vielmehr giebt es Leute, die sehr genau wissen wollen, daß besagter Herr vor noch nicht gar zu langer Zeit die allermerkwürdigsten Finanz- operationen vollführt hat, die ihn bald in die Lage brachten, seinen Freunden das Nachsehen lassen zu können. Herr K. be- mühte sich nämlich, zu dem hier üblichen Sprichwort„Sieben Häuser und keine Schlafstelle" eine passende Illustration zu liefern, oder, wie die amtlichen Berichte jener Tage es ungleich treffender ausdrücken: er latitirte. Und trotz dessen ist der Mann heute noch Agitator der Fortschrittspartei? Nicht trotz dessen, sondern gerade deswegen. Das wären so„zwei ordentliche Leut'". Sollte sich m späterer Zeit Anlaß dazu bieten, so werden wir nicht anstehen, die heute begonnenen Biographien berühmter Zeitgenossen fortzusetzen.— Es ist sonst nicht unsere Art, hier Persönlichkeiten zum Äustrag zu bringen, aber wir halten es anderseits nicht für uninteressant, den Lesern an einigen Beispielen zu zeigen, in welchen Reihen gemeinhin Diejenigen zu finden sind, die nicht genug sittliche Entrüstung über unser„wüstes Treiben" an den Mann bringen können. � Kagen, 26. Juni. In der Volksversammlung, welche am 23. Juni im P. Bettermann'schen Lokale tagte, wurde nach- stehende Beschwerde an das Handelsministerium beschlossen: „Beschwerde gegen die Bergisch-Märkische Eisenbahndirettion. Der im Winter dieses Jahres herrschende Nothstand unter der Arbciterbevölkernng ließ es als eine Pflicht der Humanität er- scheinen, daß sich jeder Bürger ohne Parteistellung darum be- mühe, Mittel und Wege zu finden, um den brod- und arbeits- losen Arbeitern Beschäftigung zu verschaffen, damit dieselben Was bleibt dem Beleidigten, wenn er weder vor Gericht noch mit den Waffen in der Hand Genugthunng finden kann, anders übrig, als zum Stock zu greifen! Wenngleich im Parlament die liberale Partei die weitaus größte Anzahl von Gründern und Gründergenossen besitzt, so giebt es doch auch unter ihr noch Männer, die sich dieser Kol- legen von Herzen schämen und sie zum Henker wünschen. Als es aber zu den Neuwahlen ging, hatte man nicht den Muth, die räudigen Schafe auszuscheiden, obwohl einige Parteiblätter dazu dringend mahnten. Und es war in der That auch nicht leicht, weil an dem Schwindel gerade die Koryphäen der Libe- ralen betheiligt sind. Von den räudigen Schafen wollte keins freiwillig zurücktreten; gerade die räudigsten bewarben sich am eifrigsten wieder um ein Mandat, das sie in den Augen des Volks reinigen und gegen die„Verleumdung" rechtfertigen sollte. So geschah es, daß die Liberalen wieder ihre Gründer aufstellten, darunter Leute, gegen die der Staatsanwalt vorgegangen. Als Kandidat der Nationalliberalen trat sogar der Gründer auf, der auf öffentlicher Straße, am Eingang zum Abgeordnetenhaus geohrfeigt worden ist(!), und er wurde auch wirklich wieder ge- wählt. An verschiedenen Orten wurden große Massen zusammen- getrommelt, Tausende von Leuten gegen Bier und Schnaps an- geworben, und mit den„verleumdeten" Gründern eine feierliche Wäsche veranstaltet! Die alten Gründer und Gründergenossen sind wieder gewählt, und es sind noch verschiedene neu hinzugekommen. Noch befinden ich die liberalen Massen in den Händen einer feilen, corrum- arten Presse, die sich bevormundet und gängelt. Aber die fort- chreitende Krisis, die sich immer schärfer gestaltet, wird das Volk chon aufklären und emancipiren. Es wird allmählich begreifen, daß den großen Schwindel und den gegenwärtigen schweren Nothstand die wirthschastliche Gesetzgebung der letzten zehn Jahre verschuldet, daß zu den Volksvertretern und Gesetzgebern nicht Doktrinärs und Börsenverwandte, nicht Gründer und Verwal- tungsräthe taugen, sondern daß dazu erforderlich sind Männer, welche die Bedürfnisse des Volks aus eigener Erfahrung kennen, und welche für das Volk ein Herz haben, Männer in unabhängiger Stellung, und vor Allem Männer mit reinen Händen!! — Auf einem Festmahl der Fortschrittspartei zu Berlin, das dem durchgefallenen Herrn Ludwig Löwe zu Ehren im„Eiskeller" zu Berlin den 25. Juni gegeben wurde, spielten sich heitere Szenen ab. nicht dem entsittlichenden Bettel und dem Gefängniß oder sogar dem Zuchthaus in die Arme zu fallen brauchten. Als ein solches Mittel für beschäfttgungslose Arbeiter war hier in Hagen die jetzt schon seit vier Jahren von der Bergisch- Märkischen Eisenbahn-Gesellschaft geplante und von der könig- lichen Regierung genehmigte und befohlene Ueberbrückung der Chaussee nach Eckesey— wodurch bestimmt hundert Arbeiter Be- jchäftigung erhalten hätten, sei es in der Dammaufrichtung oder den sonstigen Arbeiten— allseitig erkannt worden. Die Bewohner Hagens— mit wenig Ausnahmen— sprachen sich entschieden für Schaffung von Arbeit für die arbeitslosen Arbeiter aus; und fand die Errichtung sogenannter Volksküchen deshalb wenig Anklang. Auf Grund dieser öffentlichen Kundgebungen beraumte der Unterzeichnete eine Volksversammlung an, welche am 19. März cr. in Hagen im Peter Bettermann'schen Lokale tagte und eine Ein- gäbe an die königliche Regierung zu Arnsberg beschloß, nach welcher dieselbe ersucht wurde, die Bergisch-Märkische Eisenbahn- Direktion anzutreiben, den seit vier Jahren projektirten Ueber- brückungsbau der Chaussee nach Eckesey endlich zur Ausführung zu bringen. Die königliche Regierung ertheilte hierauf bereits unterm 25. März Antwort, die auch den Lesern des„Vorwärts" seinerzeit bekannt gegeben worden ist. Trotzdem die Regierung zu Arnsberg die Nothwendigkeit der gedachten Arbeit anerkannte und die schleunige Inangriffnahme derselben verhieß, ist bis zur heutigen Stunde auch nicht das Geringste gethan worden. Wenn wir heute auch nicht einen solchen Nothstand zu ver- zeichnen haben, wie er sich im Laufe des Winters geltend machte, so darf man doch heute schon mit ziemlicher Sicherheit voraus- setzen, daß es im nächsten Winter noch trauriger mit der Ar- beiterlage aussehen wird. Andererseits muß aber auch Rücksicht auf die Beschädigung des Bürgerstandes genommen werden, welche kolossale Steuern für Staat und Gemeinde entrichten müssen und in ihrem Gewerbebetriebe durch die Unterlassung der erwähuten Ueberbrückung behindert werden. Wenn die Fuhrunternehmer und Landleute, welche täglich nach Hazen fahren, ihre Berechnung aufstellen, so kommen sie zu dem untröstlichen Facit, daß sie täglich an Fuhrlohn eine ganze, sogar ein und eine halbe Fuhre verlieren, ein Verhältniß, welches in heutiger Zeit Niemand leiden kann. Im Interesse der beschädigten Bürger ersucht dieserhalb die heutige Volksversammlung ein hohes Handels-Ministerium, dahin zu wirken, daß die Bergisch-Merkische Eisenbahn endlich Ernst mit ihren nothwendig erkannten Ausführungen mache. Hagen, den 23. Juni 1877. Carl Klein. An das königliche Handels- Ministerium zu Berlin." Stuttgart, 20. Juni. In dem hier erscheinenden Mucker- blatt, genannt„Evangelisches Sonntagsblatt", finde ich folgende spaßige Notiz:„Etwas für Arbeiter und Arbeitgeber. Vor Kurzem kam mir ein Brief zu Gesicht, den ich den Lesern des „Sonntagsblattes" nicht vorenthalten möchte. Er lautet wärt- lich:„„An die Herren Gebrüder E... S____ Geehrte Herren! Nachdem ich mit meinen Mitarbeitern über die jetzige drückende Lage der Fabrikbesitzer, wovon auch unsere geehrten Herren, nicht verschont geblieben sind, gesprochen habe, so sind wir zu dem Beschlüsse gelangt, unseren geehrten Herren, welche uns zu jeder Zeit wie durch Rath so auch durch That in unserer Roth behilflich sind, auch in der jetzigen so drücken- den Zeit, welche auf Ihnen lastet, ein kleines Scherflein, wenn auch nicht zur Minderung, so doch cincm noch größeren Druck vorzubeugen, beizutragen. Und stellen behufs dessen einen Ab- zug der Löhne zu Ihrer Verfügung. In Vertretung der Ar- beiter: A. K."" Hierzu bemerkt das„Evangelische Sonntags- blatt":„Ein solcher Brief muß in den Tagen der immer mehr um sich greifenden Sozialdemokratie den wohlthuendsten Ein- druck machen. Haben heute viele Arbeiter ihre Sparpfennige nur für Agitationen gegen die Arbeitgeber und besitzenden Klassen übrig, so beweist obiger Brief, daß es auch noch solche giebt, die für die Roth der Fabrikherren ein offenes Auge und Herz haben, und daß noch nicht allenthalben eine Kluft befestigt ist zwischen Arbeitern und Kapital. Nur wo die Liebe erkaltet ist, öffnet sich weiter und weiter diese Kluft." Und nun, deutsche Arbeiter,„gehet hin nud thut desgleichen", dann ist den armen nothleidcnden Fabrikbesitzern mit einemmale geholfen, und„all' Fehd' hat dann ein Ende". Aber den Vogel erkennt man bekanntlich am Gefieder, und daß der obige Brief Dcr große Löwe nannte die Sozialdemokratie circa 5c>mal Demagogie; er hat den Rath, den Hascnclever ihm in Moabit gegeben, daß man nicht allzuoft solch' Schimpfwort gebrauchen dürfe, da man sonst in den zweifelhaften Geruch käme, ein allzugelehriger Schüler der her- untergekommenen„Bolkszeitung" zu sein, also doch in den Wind ge- schlagen, der Undankbare— das hat er nun davon, daß man ihm so- gar seines Schimpfens halber ein Fest giebt.— Dann sagte der Stadt- oerordnetenvorsteher Straßmann, daß die jetzige Niederlage der Fort- schrittspartei zum Heile gedeihen möge. Wie die schmachvolle Bedrückung des ersten Napoleon dem deutschen Volke den ungestümen Freiheits- und Einheitsdrang einimpfte, so werde auch die h.esige Niederlage die Fortschrittspartei in ganz Deutschland aufrütteln und ihrer großen Aufgabe wieder zuführen. Der Vergleich ist nicht übel— Napoleon und die Sozialdemokratie; und Freiheitsdrang und Fortschrittspartei. Wer lacht da?— Endlich brachte Herr Kalischer noch dem Abgeord- neten Eugen Richter ein Hoch für die berühmte und bedeutende Rede gegen die Sozialdemokratie, mit welcher die Wahlagitation er- öffnet wurde. Wir empfehlen die Richter'jche Rede allen Wahlkreisen, wo man bewirken will, daß ein Fortschrittler durchfällt. Uebrigens ist Eugen Richter klüger, als seine Anhänger, er ist ja Geschäftspolitiker — in seinem Wahlkreise läßt er seine berühmte Rede nicht vertheilen. — Bezeichnend und doch von einem Funken von Verstand zeugend, ist übrigens der Umstand, daß die bei der Hundstagshitze Niederlagen feiernde Forsschrittspartei dies wenigstens im„Eiskeller" that. — Schandärmliches. Die„Mayener Bolkszeitung" schreibt: „Der Redakteur der„Mayener Bolkszeitung" wurde vorgestern(am 20. v. Mts.) auf Veranlassung des Herrn Oberprokurators verhört, wie er dazu komme, das französische Wort„Gensdarm" in seiner Zeitung so zu schreiben, wie man es gewöhnlich spricht, nämlich Schandarm. Strafantrag hatte Herr Gendarm Petrowsky von hier gestellt." Der „Gensdarm" Petrowski verdient ein Denkmal in der Geschichte der deutschen Justiz. So weit hat es noch Niemand mit seinen Nerven gebracht. — Beitrag zur Unfall-Statistik. Bei der Magdeburger All- gemeinen Bersicherungs- Aktien-Gesellschaft— Abtheilung für Unfall- Versicherung— kamen im Monat Mai 1877 zur Anzeige: 10 Unfälle, welche den Tod dcr Betroffenen zur Folge gehabt haben, 4 Unfälle, in Folge deren die Beschädigten noch in Lebensgefahr schweben, 35 Un- fälle, welche für die Verletzten voraussichtlich lebenslängliche, theils to- tale, theils partielle Invalidität zur Folge haben werden, 339 Unfälle, mit voraussichtlich nur vorübergehender Erwerbsunfähigkeit; Sa. 388 Unfälle. Von den 10 Todesfällen treffen 4 auf Baugewerke, je einer aus den mit einem Steinbruch in Verbindung stehenden Transportbetrieb, eine Stab- und Fa�on-Eisenfabrik, Eisengießerei, Torfgräberei, Kunst- fteinfabrik, Brauerei mit Landwirthschaftsbettieb; von den 4 lebens- ein ebenso albernes als lügnerisches Machwerk ist. erkennt man daran, daß die Namen des Briefschreibers und des Fabrikbesitzers, dem der fromme Arbeiter mit einem„Scherflein" in Gestalt einer freiwillig dargebotenen Lohnreduktion unter die Arme greifen will, nicht genannt werden; zum Ueberfluß wird auch noch der Ort verschwiegen, der diese Musterarbeiter zu seinen Mitbewohnern zu zählen die Ehre hat. Vorläufig also sind gerechte Zweifel an der Echtheit des Briefes am Platze. Sollte es aber wirklich Arbeiter geben, denen, wie oben, die„christliche Liebe" den letzten Rest von Verstand geraubt hat, so wäre nur zu wünschen, daß die„nothleidenden" Fabrikanten mit beiden Händen Zugriffen und den betr. Arbeitern auch noch das Hemd vom Leibe zögen.„Wer dumm ist muß geprügelt werden!" Neucl, 13. Juni. Arbeiterfeindliche Blätter berichten über einen Diebstahl, der in dem Comptoir der rheinischen Jute- spinnerei und-Weberei begangen sein soll, der aber durch die ihn begleitenden Nebenumstände jedem Unparteiischen etwas sehr verdächtig vorkommen muß. Die Direktion der Fabrik hat näm- lich nach Bekanntwerden des„Diebstahls" folgende Bekannt- machung an die Arbeiter erlassen:„In der verflossenen Nacht ist die zur Löhnung bereitliegende kleinere Münze(12—1500 Mark) mit der Cassa unter den bekannten schwierigen Umständen gestohlen worden. Zur Deckung des unerträglichen Schadens werden vorläufig, da es wahrscheinlich unter Beihilfe einiger Arbeiter(!?) geschehen ist, 5 pCt. vom Lohne eingehalten." Demjenigen, welcher Angaben über den Thäter machen kann, werden mindestens 300 Mk. Belohnung versprochen.— Da den Arbeitern schon zu wiederholten Malen 10 pCt. Lohn'entzogen sind, ja es sogar Solche giebt, denen der Lohn um 40 pCt. ge- kürzt ist, haben die Weber gestern um 4 Uhr die Arbeit nieder- gelegt. Die Arbeiter verlangen selbstverständlich den verdienten Lohn; die Herren Direktoren suchten dieselben zu beruhigen, was aber nicht gelang. Da die Portierloge geschlossen war, mußten sämmtliche Arbeiter auf dem Hofe bleiben. Eine halbe Stunde vor der gewöhnlichen Arbeitsschlußzeit wurde das Thor geöffnet. Heute Morgen gab die Dampfpfeife wieder das Sig- nal zum Beginn der Arbeit. Die Leute und Kinder waren sämmtlich erschienen, jedoch nicht um zu arbeiten. Nach vielem Hin- und Hergehen, verbunden mit fruchtlosen Ermahnungen zur Arbeit, sah sich die Direktion veranlaßt, den letzten Abzug wieder aufzuheben. Es soll am Montag 5-'/« Uhr begonnen werden. Bon schottischen Arbeitern, die contractlich fest sind, erhalten Männer noch 4—5 Mark, Mädchen 2—3 Mark, die hiesigen dagegen 1,30— 1,80 Mark bei anerkannt egalen Leistungen! Geben solche Vorkommnisse nicht zu denken! K»tka, den 20. Juni. In Nr. 72 des„Vorwärts" finde ich eine Correspondenz aus Leisnig, welche, insoweit sie das zu errichtende Grabdenkmal für Ludwig Würkert betrifft, einer Be- richtigung bedarf. Die Sache selbst wurde von einigen Lesern der„Freien Glocken" gleich nach Würkert's Tode angeregt. Da ich jedoch der Wittwe Würkert vorerst freie Hand lassen wollte, so zögerte ich mit der Abfassung und Veröffenllichung eines Aufrufs. Später hatte ich keinen Grund mehr hierzu, und ich forderte den Vorsitzenden des„Freireligiösen Vereins" in Leis- nig, der mir persönlich bekannt war, auf, ein Comitä zu bilden. Dies geschah und Richter theilte mir mit, daß Herr Rechts- anwalt Ficker, ein Freund Würkert's, den ich ebenfalls persön- lich kenne, bereit sei, die eingehenden Beiträge für das Grab- denkinal zu sammeln. Der Aufruf wurde nun von mir verfaßt und in meinen Blättern„Freie Glocken" und„Sonntagsblatt" veröffentlicht. Ich hatte in Folge dessen viel Schreibereien zu besorgen. Die Beiträge gingen ein und wurden, lvie die von Herrn Rechtsanwalt Flcker und von mir geführte Liste ausweist, von Angehörigen der liberalen, bürgerlich-demokratischen und sozialdemokratischen Parteien geleistet: sämmtlich Leser der „Freien Glocken" und des„Sonntagsblattes", denen ich also in erster Linie verantwortlich bin. Als Richter starb, faßte der Leisniger„Verein für geistigen Fortschritt", ohne Kenntniß der eigentlichen Sachlage, den Beschluß, die Sache in seine Hand zu nehmen. Dazu war jedoch gar keine Veranlassung vorhanden, und ich schrieb einem Vorstandsmitgliede, daß ich ein solches Vorgehen nicht billigen könne und daß die polittsche Partei- stellung, welche der Beweggrund jenes Beschlusses war, mit der Errichtung eines Grabdenkmals für Würkert Nichts zu thun habe, weil letzteres lediglich ein Akt der Pietät sei. Herr Rechtsanwalt Ficker sandte mir die eingegangenen Beiträge und legte sein Mandat in dieser Sache nieder. Was ihn bestimmte, die Gelder an mich zu senden, weiß ich nicht. Ich hatte an- gefährlichen Beschädigungen 2 auf Steinbrüche, je einer auf eine Zucker- fabrik und eine Knochen- und Lohmühle; von den 35 JnvaliditätSfällen 5 auf Schneidemühlen, je 4 auf Bierbrauereien und Baugewerke, 3 auf Landwirthfchaftsbctriebe, je 2 auf Oelmlflflen und Papierfabriken und je einer auf einen Steinbruch, combinirten Mahl- und Schneidemühlen- betrieb, eine Zündhütchenfabrik, Knochen- und Gypsmühle, Holzwaaren- fabrik, Lohmühle, Tuchfabrik, mechanische Weberei, Klempnerei, Färberei, Mahlmühle, Seifensiederei, Gewehrfabrik, Ziegelei und ein Speditions- geschäft mit Güterbeförderung. — Zur Verfälschung der Lebensmittel. Ein Braun- schweiger Conditor hatte einem Kaufmann eine größere Quantität Bon- bons von verschiedenen Farben verkauft. In einigen Sorten wurde sodann eine nicht unbeträchtliche Menge Schwerspath entdeckt und man setzte den Verkäufer in Anklagestand wegen Betruges event. Fälschung von Eßwaaren. Als nun jüngst diese Sache vor dem Kreisgericht zu Braunschweig verhandelt wurde, wollte sich der Angeklagte damit aus- reden, den Schwerspath, dessen Unschädlichkeit er kenne, nur deshalb gebraucht zu haben, um die Bonbons möglichst wohlfeil verkaufen zu können. Ein als Sachverständiger zugezogener Arzt sprach sich dahin aus, daß Schwerspath allerdings unter Umständen nach dem Genuß Beschwerden herbeiführen könne. Das Gericht schloß sich den Ausfüh- rungen der Staatsanwaltschaft, welche die Anklage auf Betrug aufrecht erhielt, an, weil der Verkäufer den Käufer hätte auf den Inhalt von Schwerspath aufmerksam machen müssen, da dieser doch ein Stoff sei, den Niemand in Bonbons vermuthen könne. Der Conditor ward zu 14 Tagen Gefängniß und 10» Mk. Geldstrafe verurtheilt. Ein solcher einzelner Fall über Verfälschung mit Schwerspath wird bekannt und bestraft, tausend ander« bleiben unbemerkt und folglich auch ungeahndet. In Betteff der Ausdehnung der Verfälschung mit Schwerspath fällt uns ein Geschichtchen ein, das neulich die„Fliegenden Blätter" brachten: Realienlehrer: Wer von Euch weiß, wo man den Schwerspath finden kann?— (Unisono.) Müllerssohn: Im Mehl! Papiermüllerssohn: Im Papier! Fleischerssohn: In den Leberwürsten! Weberssohn: In der Leinwand! Conditorssohn: In der Chocolade! Krämerssohn: Im Pfeffer! Schweizerssohn: Im Käs! Zuckerfabrilantenssohn: Im Zucker! Lehrer: Brav, brav!— sangs die Absicht, dieselben dem Verein für geistigen Fortschritt' in Leisnig zu übermitteln, da jedoch die Sammlung noch nicht abgeschlossen und da mir die Vorstandsmitglieder auch nicht be- kannt sind, habe ich sie bis heute in Verwahrung behalten. Dies wird man mir nicht verargen können wenn man in Erwägung zieht, daß ich den Lesern der„Freien Glocken", welche das Denkmal setzen lassen, verantwortlich bin, nicht aber dem Verein für geistigen Fortschritt in Leisnig. Da auf viele Beiträge nicht mehr zu hoffen ist, habe ich ein Mitglied des Vereins ersucht, der Verein möge sich mit einem dortigen Bildhauer oder Maurermeister behufs Herstellung des Denkmals ins Einver- nehmen setzen. Sowie das Denkmal beendigt sei, werde es be- zahlt werden. Ter Verein scheint jedoch meinem Ersuchen nicht willfahren zu wollen; da ich bis heute noch keine Nachricht er- halten habe. Wenn er dies wirklich nicht thun will, so werde ich aber gcnöthigt sein, allein zu handeln. Das ist die wirkliche Sachlage. Was die Behauptung be- trifft, ich hätte den Verein wegen seiner„sozialistischen Ten weil das Denkmal von dem Gelde solcher Leute errichtet werde, die verschiedenen Parteien angehörten oder deren Bestrebungen huldigten. Auch habe ich gesagt, daß Würkert selbst kein Sozial- demokrat gewesen sei, worin mir z. B. Herr Liebknecht sicher- lich beistimmen wird. Zu verwundern ist wirklich die Dreistig- keit, mit welcher der Herr Correspondent behauptet, ich selbst wäre im vorigen Jahre Sozialdemokrat gewesen und lediglich aus Opportunitätsgründen zurückgetreten. Ich bin niemals Mitglied der sozialdemokratischrn Partei gewesen, habe aber das Gute ihrer Bestrebungen anerkannt und thue das heute noch. Ich bekenne mich überhaupt zu keiner der politischen Parteien, weil ich auf keine Parteischablone schwören kann und will. Daß auch ich ein Herz für den unierdrückten Arbeiter habe und, wo es galt, für die freisinnigen Bestrebungen nach Kräften einge- treten bin, werden mir alle Diejenigen bezeugen, die mich und meine Schriften kennen. A. Specht. Würnvcrg.(Geldsackspatriotismus.) Im„Nürnberger Anzeiger" finden wir folgende, für das Bestreben unserer Bour- geois, die Arbeiter zu„beglücken", sehr bezeichnende Annonce: „Bei Unterzeichnetem finden 50 tüchtige Maurer und 20 der- Sleichen Handlanger im Taglohn oder Akkord gegen angemessene Zezahlung sogleich dauernde Beschäftigung. Italiener und Böhmen werden bevorzugt. Simon Eckart, Baumeister in Ansbach."—„Italiener und Böhmen werden bevorzugt"— darin ist die ganze Gesinnungslosigkeit, resp. Ausbeutungssucht unseres christlich- germanischen Protzenthums ausgedrückt. Diese Fremden sind in Folge ihrer Hilflosigkeit gezwungen, sich mehr gefallen zu lassen als die Einheimischen, arbeiten auch um ein par Nickel billiger, weil sie von Jugend auf zur Bedürsniß- losigkeit gleich den Kulis verdammt sind, und es ist daher nur „selbstverständlich", daß man aus so„gewichtigen" Gründen kalt und gleichgiltig zusieht, wenn einheimische brave Arbeiter mit Frau und Kindern darben müssen.— Aber auch vom„Nürnb. Anzeiger" hätten wir erwartet, daß er eine solch' elende Aus- beuteranzeige zurückweisen würde. Wenn es sich auch nur um den Jnseratentyeil handelt, so hätte man doch bedenken müssen, daß man durch Verbreitung dieser Bekanntmachung den unter dem Nothstand ohnehin genugsam leidenden inländischen Arbei- tern direkt und indirekt schweren Schaden zufügt. („Nürnberg-Fürther Sozialdemokrat.") München. In unserem„Rechtsstaat Bayern ist die So- zialdemokratie bekanntlich nicht auf Rosen gebettet, und schon manche Gewaltthat ist gegen dieselbe verübt worden— trotz Gesetz und Recht. Alles aber, was je Gewaltthätiges gegen die Sozialdemokratie geleistet worden ist, dürfte wohl überboten werden durch das Vorgehen der bayerischen Regierung gegen einen einzelnen Sozialdemokraten— unfern Genossen Vollmar, derzeit Redakteur der„Dresdener Volkszeitung". Kaum daß Vollmar seine publizistische Thätigkeit in Dresden begonnen hatte, ging durch die ganze Bourgeoispresse ein— wahrschein- lich von polizeilicher Seite herrührender— Waschzettel, der sich als eine Art Steckbrief mit Vollmar's Personalien eingehend beschäftigte. Es ist nicht zu verwundern, daß der Waschzettel auch einen Ablagerungsplatz in dem„Miesbacher Anzeiger" fand (Vollmar ist in Miesbach geboren), der es sich dann nicht neh- men ließ, das Seinige an Verleumdungen und Denunziationen gegen Vollmar beizutragen. So fragt der„Micsbacher Anzeiger u. A. auch:„Noch Eins. Ritter von Vollmar zeichnet als Redafteur schlechtweg Georg Vollmar. Es wäre interessant zu wissen, ob Herr R. v. V. mit seinem Adel auch auf die vom Staate bezogene, nicht unbedeutende Pension(Vollmar war Lieu- tenant in der bayerischen Armee und sind ihm in dem„heiligen" Kriege beideBeine zerschossen worden) Verzicht geleistet hat. Denn was müßte man von dem Charakter eines Mannes halten, der sich von einem Staate Unterstützungen reichen läßt, gegen dessen Bestand er wühlt, den er zerstören will."—„Unterstützung!" in diesem Falle ein ganz lächerlicher Ausdruck. Die Pension ver- wundeter Soldaten ist doch nicht eine allerhöchste Gnade, sondern ein garanttrtes Recht. Der Artikel hat nicht nur unter den Spießbürgern großes Aufsehen und böses Bsut gemacht, sondern die Denunziation hat auch gewirkt, indem auf Befehl der Re- gierung von Obcrbayern(vcrmuthlich in Folge Berichts des Miesbachcr Bezirksamtmanns) die Kreiskasse das Rentamt Mies- bach anwies, vom 1. Juli an die Pension für den Ritter von Vollmar nicht mehr auszuzahlen. Dieses Vorgehen ist, ab- gesehen von allem Üebrigen, vollständig ungesetzlich; denn nach dem Reichs-Militär-Pensionsgesetz kann die Pension— und zwar Fällen Roth und Elend die Schuld an solchen äußersten, ver-i zweifelten Handlungen tragen. Dieselben fallen dann natürlich auf die heuttge Gesellschaft zurück, deren Todesurtheil sie laut und vernehmlich aussprechen. Aber selbst dann, wenn eine solche i That im Zustande der Geistesstörung ausgeführt wird, muß doch eine schwere Last von physischem und moralischem Elend aus den Verstand der Unglücklichen eingewirkt haben, ehe der entsetz- liche Entschluß in ihr aufsteigen konnte. Und auch dann trägt die„Gesellschaft" die Schuld an der grauenvollen That. Lcd. Lichtenßein. Sonntag, den 2-1. Juni, begingen wir hier ein großes Centralarbeiterfest, das von gegen 6000 Per- sonen aus vielen Städten und Ortschaften des 17. sächsischen Wahl-! kreises und den angrenzenden Bezirken besucht war. Aus Glauchau kam mit Musik und fliegenden Fahnen ein Zug von mehreren Hundert Sozialdemokraten, desgleichen aus Meerane. Auch die weiter entfernten Orte, wie Chemnitz, Crimmitschau, Zwickau:c. waren zahlreich vertreten. Ein eigentlicher Festzug mit Musik war vom Lichtensteiner Bürgermeister verboten worden. Ohne solche— vorsichtige Maßregeln geht's einmal nicht ab. Dagegen konnte die hohe Obrigkeit nicht verhindern, daß die langen Züge der auswärttgen Sozialisten mit klingendem Spiele in die Stadt einrückten und gewissermaßen von ihr Besitz nahmen; auf allen Straßen und Promenaden der Stradt traf man zahl- reiche Trupps von Leuten, die sich durch die rothe Festkarte am Hut oder an der Brust als Sozialisten, resp. als Sozialistinnen legitimirten.— Die Festrede, von unserem Genossen Joh. Most auf der Höhe eines Berges gehalten, während die Massen der Zuhörer Kopf an Kopf bis in die Ebene hinab dicht gedrängt standen, bildete einen feurigen Mahnruf an die Sozialisten zum unablässigen Kampfe für den Zukunftsstaat, welcher Jedem ein menschenwürdiges Dasein biete und, wie der Redner speziell nachwies, auch die wahre Wissenschaft und Kunst nicht beeinträch- tigen, sondern aus ihren Fesseln befreien und auf ein höheres Niveau erheben werde. Musik und Gesang belebten dann noch das muntere Treiben auf dem Festplatze. Am Abend war Ball in den zwei Sälen des„goldenen Helm" und im Garten wurde ein brillantes Feuerwerk abgebrannt. Die brüderliche Sttmmung der sämmtlichen Festtheilnehmer, das Fehlen jeder Disharmonie, während viele Hundert Arbeiter auf einem Platze konzentrirt waren, zeichnete das Fest von den sogenannten Volksfesten, wie Kirmeß, Vogelschießen ze., vortheilhaft aus, und bewies, wie einig das Volk ist, wenn es von den Ideen des Sozialismus durch- drungen ist. Kiel, 21. Juni.(Abrechnung lür den 7. schleswig-hol- steinischen Wahlkreis.) Ausgaben: An Agitatoren M. 1307,99, Drucksachen 763,80, Verbreitung derselben 1184,08, Centralwahlcomits 150,00, engere Wahl Altona 150,00; Sa. 3555,87. Einnahmen: Auf Sammelbogen M. 1410,00, Versammlungen 688,58, eingesandt vom Altonacr Wahlcomit» 150,00, Vergnügen 131,45, von der Genossenschaft nebst Zinsen 156,85, Inhalt einer Wahlkasse 266,15; Sa. 2803,03. Ausgaben M. 3555,87 Einnahmen- 2803,03 bleibt zu decken M. 752,84 � Montag, den 16. Juli, im„Schützcnhof" in Großes Sommerfest bestehend in Concert und Ball nebst Kindervergnügen, unter ge- fälliger Mitwirkung mehrerer Liedertafeln, arrangirt von den Sozia- listen Ottensens. Kassenöffnung Nachmittags 3 Uhr. Anfang 4 Uhr. Karte für 1 Herrn nebst Dame im Voraus 40 Pf., an der Kasse- 50 Pf., Damenkarten 15 Pf. Kinder in Beglestung Erwachsener sind frei. Karten sind in den Wirthschasten Ottensens und bei Max Stöhr zu haben. Das Comits.(3,60 Ottensens. BnrÄS'SÄn?- a6enb* 9 S ozialisten-Versammlung. Nachtrag zum Blä'.tervcrzcichniß in Nr. 75. „Volksfrcund" für den 15. sächsischen Wahlkreis. Erscheint in Chemnitz wöchentlich Imal. Preis pro Quartal 60 Ps. Wir wollen bei dieser Gelegenheit gleich erwähnen, daß wir für die Vollständigkeit des Blätterverzeichnisses nur dann ver- antwortlich gemacht werden können, wenn uns die Parteiblätter, namentlich die ncuentstandenen, regelmäßig zugesandt werden, was vielfach nicht der Fall ist. Expedition des„Vorwärts". Tagesordnung: 1. Berichterstattung des Delegirten von der Eon- ferenz in Neumünster. 2. Wie verhalt- n sich die Ottenser Sozialisten zu dem Conferenzbeschluß. s90 Die Parteigenossen werden ersucht zahlreich zu erscheinen. F. Heerhold. Die Rundschan. Organ für sozialistische Propaganda. m. i ist soeben erschienen und durch die Expedition Hamburq, Amelungstraße 5 zum Preise von L0 Pf- zu beziehen. Durch die Post bezogen kostet das Blatt vierteljährlich 60 Pf. excl. Bringerlohn und nehmen alle Postanstalten Bestellungen an. Verlag der„Rundschau" Hamburg, Amclungstraße 5. Das Protokoll des diesjährigen, zu Gotha stattgehabten Sozialisten-Congreffes ist erschienen. Preis pro Stück 2o Pfg, bei Bezug von mindestens 5 Exein- plaren 20 Pfg. Bestellungen, denen der Betrag nebst 10 Pfg Porto für je 5 Exemplare beizufügen ist, sind zu richten an C.Dcrossi, Hamburg, Pferdemarkt 37 III. Nur gegen baar oder Postvorschuß wird expcditirt. nur diese selbst, nicht aber die Zulagen— nur durch Richter- spruch aberkannt werden; vorläufige Sistirung ist ausgeschlossen. Natürlich wird sich Vollmar das nicht gefallen lassen und den Rechtsweg betreten. Vorläufig hat Vollmar an die Kreiskasse in Miesbach ein bestimmtes Schreiben gerichtet, das vielleicht in der dortigen Bureaukratie eine bessere Einsicht herbeiführt. Aon«, 25. Juni. Der liberalen„Bonner Zeitung" ent- nehmen wir Folgendes aus Münster:„Eine jedenfalls im Zu- stände der Geistesstörung vollführte That wird hier soeben be- kannt. Kurz vor Mittag wurde die Leiche einer Frau und ihrer drei Kinder aus dem Wasser der Aa gezogen. Das eine Kind hielt die Frau fest in den Armen, das zweite hatte sie an ihren Körper festgebunden und das dritte wird sie mit Gewalt in die Fluth gezogen haben, da dessen Leiche getrennt von den anderen aufgefunden worden ist. Die verschiedensten Gerüchte cirkulircn; das Glaubwürdigste ist aber sicher das, welches die schreckliche That einer Geistesstörung zuschreibt. Die Ertrunkenen wurden seit ein paar Tagen vermißt."— Für ein liberales Blatt ist es natürlich selbstverständlich, daß eine That wie die gemeldete „im Zustande der Geistesstörung" verübt worden ist. Für uns Sozialisten, die wir nicht Alles glauben, was in liberalen Zeitungen geschrieben steht, ist es nun aber noch nicht so aus- gemacht, daß jene That im Zustande der Geistesstörung vollführt worden ist. Wissen wir doch nur allzugut, daß in den meisten Briefkaste« der Redaktion. W. A. in Magdeburg: Die„Magdeburger Freie Presse" erhallen wir regelmäßig, daß Sie dagegen den„Vorwärts" nicht erhalten, liegt nicht an uns, sondern an der Post, bei der Sie vorstellig werden wollen.— Was hat I. Br.„verbrochen", daß er zu 3 Monaten verurtheilt wurde?— Ein Parteigenosse in Spandau: Prinzipiell wäre der„abgeblitzte" Kläger allerdings verpflichtet, Ihnen Schadenersatz zu leisten; ob Sie aber den Kläger gerichtlich dazu an- halten können, sind wir bei der ganz allgemein gehaltenen Fragestellung außer Stande zu beurlheilen. Ein dortiger Rechtsanwalt muß Ihnen Auskunft geben können.— I. Barber in Mainz: Die Adresse von C. Hirsch, von dem Sie alles weitere erfahren können, ist: Lue Ounkergue 6, Laris.— Oskar Anger hier: Danken für den wohlgemeinten„Rüffel" — werden ihn beherzigen, obgleich die Sache nicht so schlimm ist, wie Sie dieselbe in Ihrem vier Seiten langen Briefe darzustellen sich be- mühen.— H. Meyer in Oldenburg: Sie sind in des Wortes„wirk- lichem Sinne" von aller Religion frei, wenn Sie aus der Landeskirche ausscheiden, ohne in eine andere überzutreten.— L.'s Privatadresse ist: Braustraße 11, an H. adressiren Sie: Redotteur des„Vorwärts", Färberstr. 12/11. der Expedition. R. Walther, Crimmitschau: Die Aenderung der Annonce kam zu spät. Agitationsberichte. Mehrere Berichte von Agitatoren konnten in der„Sozialistischen Rundschau" keine Verwendung mehr finden, und sind deshalb an die Redaktion des„Vorwärts" gegangen. Quittung. Rdlf Hannover An. 0.80. Krtzschmr Dortmund Schr. 2,40. Gglr hier Ab. 7,40. I. Stts Wien Schr. 5,01. Knk Frank- surt Ab. 52,00. Schld Straßburg Ab. 13,90. Schrmr Lübeck Schr. 6,00. Gr Osnabrück Ab. 10,30. Schmdt Hannover Ab. 220,20. Rw Altona Ab. 41,90. Jnk Sorau Ab. 4,20. Wchtlr Bludenz Ab. 5,00. Vll Philadelphia Ab. 100,00. Hbr Constantinopcl Ab. 4,00. Mhlhrn Crimmitschau Ab. 74,12, Schr. 266.64. Bst Mainz Ab. 71,20. Prßr Lindenau Ann. 1,20. Glgn hier Ab. 1,80. Fr. Engl Reudnitz Ab. 22,80. In unserem Berlage ist erschienen und durch alle Buchhandlungen, sowie durch unseren Commissionär Hrn. Siegismund«. Bolkenino in Leipzig zu beziehen: „Arbeiterkrankheiten" 1. Schädliche Gase 2. Schädliche Dämpfe als Krankheitsquellen und die von thnen heimgesuchten FabrikationS» zweige. Von F. A. Moralt. Preis 10 Pfg. Bei Abnahme größerer Partieen bedeutender Rabatt. Augsburg, im Juni 1877. 3,90] Lolksbuchhandlung von I. Endres, ,9 Uhr, im Saale des Hrn. Michael, gr. Windmühlenstt. 7: Oeffentliche Sozialistenversammlung. Tagesordnung: Die direkte Gesetzgebung durch das Volk. Refe- rent F. Nauert. Der Agent.(60 Äbonnements-Einladung pro 3. Quartal 1877. Die Neue Welt. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt. Wöchentlich l'/e Bogen. Preis vierteljährlich Mk. 1,!ZG- In Heften 5 60 Pfg. II. Jahrgang. Auflage ca. 40,000. Jede Auchhandkung«nd �ostanstatt nimmt Westelnngen an. Bei Postabonnements wolle man sich auf die Zeitungspreisliste 1875,. Seite 64, Nr. 2577 berufen.— Heftlieferungen können durch die Post nicht bezogen werden.— Für Kreuzbandsendungen innerhalb des deutsch-österreichischen Postgebietes berechnen wir incl. Porto per Quartal 1 M. 60 Pf. Für Hefte oder Einzelnummern bitten wir bei Bestellung den Betrag in Briefmarken beizulegen. Laut diesjährigem Eongreßbefchluß schließt mit Ende Sep tember der II. Jahrgang. Es beginnt demnach mit 1. Oktober d. I. der III. Jahrgang, der mit Ende September 1878 schließt. Die Leser unserer Parteiblätter machen wir darauf aufmerksam, daß zur Einführung der„Neuen Welt" Jllustrirte Prospekte gratis versandt werden. Die Berbreituna der Prospekte in Versammlungen, Vereinen, Werkstätten, Wirthschasten und Familien wird den Gesinnungsgenossen als bestes Agitationsmittel dringend an's Herz gelegt. Bei Bestellung ist die Zahl des Bedarfs und genaue Adresse anzugeben. Plakate zum Aushängen in öffentlichen Lokalen und Sammellisten stehen zu Diensten. Die Genofsenschastsbuchdruckerei. Leipzig. Färberstraße 12/IL_ Wer Manuskript an die Redaktion des„Borwärts� und der„Renen Welt" schickt und, im Fall der Richtanf nähme, Rücksendung verlangt, muß den Portobetrag ein- legen, der, wenn er nicht zur Rücksendung gebraucht, für die Partei verwandt wird. Verantwortlicher Rtdaktenr: R. Seiffert tn Leipzig. Redaktton und Expeditton Färberllraßi 12/11. in Leipzig. Druck und Veriaq der G nofsinschaftsbuchdruckerei in Leipzig,