Erscheint in Leipiig Mittwoch, Freitag, Sonntag. Abonncmcntspreis sür ganz Dentschland t M. K» Ps. pro Quartal. Monats. Abonnements werden bot allen dcutichen Poftanstalteo aui den 2. und Monat, und aus den ll. Monal besonders angenommen: im ttönigr. Sachsen und Herzoglh. Sachsen- Altenburg auch aus den llcn Monat des Quartals i. 54 Psg. Inserate betr. Bersammlungen pr. P elitzeile 10 Ps-, betr. Prioatangelegendcuen und Feste pro Petitzeile 30 Ps. Veftellungen nehmen an alle Postanstalten und Buch-. Handlungen des In- u. Auslandes. Filial- Expeditione«. New-'Zorl: Soz.-demokr. Kcnostcn- schastsbuchdruckcrei, 154 Eldrielxe Str. Philadelphia: P. Hast, 630 Korth 3ld Street. I. Voll, 112u Charlotte Str. Hobolen N.J.: F. A. Sorg-, 215•Washington Str. Chicago: A. Lansermaon, 74 Clyhourne Can FranziSco: F. Entz, 4:»0 l'arreII Str. London w.: C. Henze, s Nev lltr. Kolsten Scjuare. Gentrat Grgan der Sozialdemokratie Deutschtands. Nr. 90. Freitag, 3. August. 1877. Abonnements aus den„Vorwärts" sür Monat August u. Septbr. zu 1,10 werden bei allen deutschen Postanstalten, für Leipzig pro Monat zu 60 Pf. bei der Expedition, Färberstr. 12 11, unserm Colporteur Moritz Ulrich, Südstr. 12, in den Filialen: Cigarrenladen des Hrn. Peter Krebs, Ulrichsg. 60, und Sattlerwerkst, am Königs- platz 7; für die Umgegend von Leipzig bei den Filialexpeditionen: für Iskkmarsdorf, Steudnitz, Zleuschönefetd ic. bei Frau Engel, Reudnitz, Täubchenweg 29, 2 Tr., für Hsnnewitz ic. bei Hack er t, Kurze Str. 10 part., für Kleinzschocher u. Umgegend bei Trost, Hauptstr. 10/1, für Thonberg bei B ö s ch, Hospitalstr. 39/11, Leipzig, Nenreudnitz bei Zschau, 15 1, für'Nlaqivitz-Lindenau bei Frau Grafen sie in, Aurelienstr. 3, für Gohlis:c. bei A. Hermsdorf, Lindenthaler Str. 7, für Stötteritz bei Grude, An der Papiermühle, angenommen. Für Werlin wird auf den„Vorwärts" monatlich für 75 Pf., frei in's Hans abonnirt, bei der Expedition der„Berliner Freien Presse", Kaiser-Franz-Grenadier-Platz 8», und bei Rubenow, Brunnenstr. 34, im Laden. Znr gefälligen Beachtung für unsere Postabonncntcn! Um sämmtlichen Abonnenten des„Vorwärts" das Blatt am Er- scheinungstage(also Sonntag, Mittwoch und Freitag) mit Bestimmt- heit und regelmäßig aushändigen zu können, verlangt die hiesige Hauptzeitungsstelle, daß wir ihr den„Vorwärts" Montag, Mittwoch und Freitag bis Nachmittags 5 Uhr liefern, was uns deshalb nicht mög- lich ist, weil an diesen Tagen erst kurz vor Mittag mit dem Druck be- gönnen werden kann. Um nun übersehen zu können, ob gewissen Post- abonnenten das Blatt regelmäßig verspätet zugeht— in welchem Falle wohl Abhülfe geschaffen werden könnte-, ersuchen wir Diejenigen, bei denen das der Fall ist, um sofortige Meldung. Diejenigen, welchen dos Blatt nur dann und wann verspätet zugeht, wollen bedenken, daß hierfür nicht die Post verantwortlich zu machen ist, sondern daß dies lediglich an der Eisenbahnbesörderung liegt und an den mannig'achen Zufälligkeiten, die sich hieran knüpfen. Wir ersuchen unsere geehrten Abonnenten, dies zu berücksichtigen, und im Falle verspäteten Empfangs ihrer Blätter nicht gleich Pflicht- versäumniß Seitens der Postbeamien oder gar bösen Willen voraus- setzen, was mannigfach geschieht. Die hiesige Hauptz-itungsstelle befördert den„Vorwärts" ebenso regelmäßig weiter, wie sie denselben von uns empfängt, und kann nicht verantwortlich gemacht werden, wenn durch Zugverspätung auf irgend einer Strecke der Anschluß versäumt und damit die rechtzeitige Lieferung deS Blattes unmöglich wird. Leipzig, 2«. Juli 1877. Dir Expedition des„Vorwärts". Zur Komödie in Frankreich. In unserem Nachbarlande gewöhnt man sich immer mehr an den Gedanken, daß Mac Mahon seine Staatsstreichpolitik auch in dem Falle fortsetzt, wenn die neue Kammermajorität eine„republikanische" sein wird. Dem„alten Soldaten" impo- nirt der passive Widerstand der Bourgeoisrepublikaner nicht im Geringsten, er scheint das alte deutsche Sprüchwort zu kennen: „Viel Geschrei und wenig Wolle." Uns kommen die Herren Bourgeoisrepublikaner gerade so vor, wie die Fortschrittsleute in den Jahren 1862 und 1863 in Preußen. Sie verweigerten das Militärbudget, sie wurden von Bismarck zu Hause geschickt, sie kamen in größerer Zahl wieder, hielten Gambetta'sche Reden, feierten Abgeordnetenfcste, Schulze- Delitzsch wollte Preußen den Großmachtkitzel— Rede in der damaligen Republik Frankfurt— austreiben, doch Bismarck regierte ohne Budget weiter und zwang nach und nach durch die Politik des Erfolges die früheren Fortschrittler zum Fußfall der Indemnität. Lassalle machte sich wiederholt über ihren passiven Wider- stand, über ihre Parole der„Wiederwahl" der„363" lustig, er bekämpfte die Partei, welche für sich die Freiheit, für das ar- beitende Volk die weitere Abhängigkeit verlangte. In demselben Sinne bekämpfen wir den schwächlichen Repu- blikanismus in Frankreich. Wenn die 363 nur das eine Wort Amnestie auf ihre Fahne geschrieben hätten, dann wollten wir vorläufig von allen anderen Forderungen abstehen, dann hätten wir der Vereinigung der Jntransingentcn mit der Linken zugestimmt, weil wenigstens ein Bortheil für das arbeitende Volk, für die Freiheit aus jener Vereinigung entsprungen wäre, weil die Jntransigenten durch diese eine Forderung ihre Selbständigkeit gewahrt hätten. Jetzt aber befinden sich die Radikalen im Schlepptau Thiers und Gambetta's, welche die Amnestie nicht wollen. Im günstigsten Falle erhalten die Jntransigenten die gleiche Zahl ihrer Sitze tvieder, welche sie bisher hatten. Was verlieren sie aber? Sie können mit ihrem eigenen Programm bei den nächsten Wahlen nicht auftreten, sie sind durch die Parole:„Wiederwahl der 363" gebunden, sie dürfen nicht einmal die Amnestie empfehlen, weil das Volk sie fragen würde, weshalb es denn Gegner der Amnestie wählen solle. So gerathen die Herren bei ihrer Wahlagitation von Widerspruch zu Widerspruch, sie werden von Compromiß zu Compromiß sinken. Und verloren denn die„Republikaner" überhaupt an Sitzen, wenn sie nicht sofort bei der ersten Wahl geschlossen austraten? Rein, sie brauchten nur den Beschluß zu fassen, bei engeren Wahlen auf den am meistbestimmten„Republikaner", aus den am melstbestlmmten 363 er ihre Stimmen zu vereinigen. Dabei hatten aber die �ntransigcnteil ihre Selbstständigkeit nicht verloren, dann konnten sie für ein freiheitliches Programm und für die Amnestie agltiren. Thun sie dies aber jetzt, nachdem sie sich selbst die Hände gebunden haben, so muß sie jeder vernünftige Mensch auslachen. Die Agitation des Sozialrepublikaners Buffenoir in Paris geht auch von solchem Gedanken aus, wenn er sagt: „Angesichts der monarchistisch-bonapartistisch-klerikalen Coa- lition des 16. Mai muß die gesammte republikanische Partei dem Feind einen unüberwindlichen Widerstand entgegensetzen und ihre Anstrengungen vereinigen. Aber in diesem Widerstand dürfen die radikalen Republikaner ihr Wesen und ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben. Es darf nicht sein, daß sie ihre Fahne, ihr Programm bei Seite legen; der überzeugungs- treue Mann darf die Wahrheit nie mit einer täuschenden Maske bedecken und mit dem Jrrthum der Unvernunft Com- promisse eingehen." Buffenoir spricht also nur von einer Vereinigung der repu- blikanischen Parteien, insofern die Radikalen ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben, und da kann sich dieser Ausspruch nur auf ein gemeinsames radikales Programm, oder auf einzelne radi- kale Forderungen, oder aber auf die engeren Wahlen be- ziehen. Um so merkwürdiger ist es, daß einige liberale Blätter und auch ein sozialistisches deutsches Blatt den obigen Satz so auf- fassen, als wenn in demselben eine Billigung des Compromisses, eine Billigung des Verhaltens der Radikalen zu suchen sei. Ja, dies ist um so merkwürdiger, als Buffenoir ein Programm aufstellt, auf welches sich jeder wahrhaft republikanische Candidat bei den bevorstehenden Wahlen zu verpflichten hat. Und in diesem Programm lautet der zweite Satz: „Unbedingte, vollständige und sofortige Amnestie für alle Verurtheilungen, welche im Zusammenhang mit den politischen Ereignissen sich seit dem 4. September(1870) auf französischem Gebiet vollzogen haben, ausgesprochen worden sind; Gewährung der nöthigen Existenzmittel au die Amnestirten." Zum Schlüsse seiner Rede aber sagt Buffenoir: „Es gilt, uns endlich dieser Bourgeois-Republikaner zu cnt- ledigen, welche Frankreich entehren und zu Grunde richten." Und die Versammlung, die aus circa 150 Pariser Sozialisten bestand— es war eine Privatversammlung, da öffentliche Volks- ! Versammlungen nicht erlaubt werden— rief dem Redner don- ncrnden Beifall zu. Ob nun Herr Buffenoir bei den französischen Radikalen als eine Autorität gilt oder nicht(ein sozialistisches Blatt meint, er gelte bei den französischen Radikalen nicht als Autorität), das kann sich ganz gleich bleiben, wenn er nur vernünftige Dinge geredet uud ein vernünftiges Programm aufgestellt hat. Für uns wäre es, offen gestanden, gar keine Empfehlung gewesen, wenn Herr Buffenoir bei den französischen Radikalen als Au- torität gelten würde, er hätte ja dann den jämmerlichen Streich derselben gutheißen müssen. Die conservativen Elemente in Frankreich sind bedeutend selbst- ständiger, als die liberalen. Sie werden sich erst bei den engeren Wahlen vereinigen; im ersten Wahlgange aber werden die Bona- partisten für Bonapartisten, die Orleanisten für Orleanisten, die Royalisten für Royalisten und die reinen Mac Mahonisten (Regierungsmänner) für Mac Mahonisten stimmen— so agitirt sich jedenfalls viel besser, man behält wenigstens sein Partei- Programm bei. Bei den Nachwahlen stimmt die Reaktionsgesell- schaft natürlich vereint. Doch, wie wir schon zu Anfang des Artikels sagten, es wird sich bei den nächsten Wahlen nichts entscheiden— Mac Mahon bleibt Präsident bis 1880 und läßt bis zu jenem Jahre eifrig für Lulu weiter wühlen— der conservative Senat ist seine Stütze und öftere Kammerauflösungen können die Bourgeois- republikaner nicht vertragen. Kaiserthum und Bourgeoisrepublik richten in gleichem Maße Frankreich zu Grunde— das erste offen, die zweite hinterlistig. so daß das Volk es nicht so leicht merkt. Beide taugen nichts, beide müssen bekämpft werden und gerade besonders energisch diejenige Gesellschaft, welche dem Volk Sand in die Augen streut und ihm den Blick zu trüben sucht, damit es nicht zur sozialisti- schen Republik hinstreben soll. Der Arbeiterausstand in Nordamerika. Wir wollen hier zunächst die Anschauungen anderer Zeitungen über die Ursache des Aufstandes hören. Die„Times" wittert, wenigstens in einzelnen Distrikten, wie in Chicago, St. Louis:c. zc., communistische Umtriebe und be- fürchtet deshalb auch, daß der Aufstand nicht so leicht gedämpft werde. Das große Weltblatt sagt ferner, daß die Eisenbahn- gescllschaften in Europa sich eines sehr schlechten Rufs erfreuten (Wie bei uns! R. d.„V.") und daß sie deshalb zur Zielscheibe des Zorns der arbeitenden Klassen besonders dienten, die durch die plötzliche Lohnherabsetzung so gewaltig zum Ausbruch gekommen sei. Die Eisenbahnarbeiter seien aber auch von dem !„losen Geschwätz politischer Abenteurer" aufgewiegelt worden; man sagte ihnen, sie seien die„Sklaven des Kapitals", der Kapitalist sauge ihnen das Blut aus, die Eisenbahngesell- Lchaftcn würden von verworfenen Abenteurern regiert, „worin halbe Wahrheit mit boshafter Lüge sich mische". So die„Times"! Wenn das auch nur die halbe Wahr- heit ist, so ist jener Arbeiteraufstand mehr als gerechtfertigt— ! wer dies nicht eingesteht, der ist entweder ein Heuchler oder selbst ein Ausbeuter. In der„National-Zeitung" bemerkt ein dcutsch-amerikanischer Schriftsteller, welcher sich zum Besuch in Deutschland aufhält, daß der gegenwärtige Aufstand von sehr großer Wichtigkeit sei, weil er„von einer Arbeiterklasse ausgeht, die nicht nur die durchschnittliche Bevölkerung des Landes genau repräsentirt und allgemeine Sympathien unter derselben hat, sondern die sich � auch durch anerkannte Energie, Intelligenz und offenen Muth vortheilhaft auszeichnet". Dann heißt es weiter, daß die ganze Eisenbahnvcrwaltung sich in Händen von einem halben Dutzend „Eisenbahnkönigen" befinde und fast willkürlich geführt werde, und daß dieselben ihre Macht auf die schonungsloseste Weise ausbeuteten. Unter den hohen Frachtpreisen haben die Bauern des Westens lange Jahre gelitten, bis die Regierung im Interesse des Landes in diesem Frühjahr zu Gunsten derselben einschritt und bestimmte, niedrigere Frachtpreise nominirte. Hierfür nun mußten die Eisenbahnbediensteten büßen. Der Artikel fährt nun fort:„Die allgemeine Arbeitslosigkeit, die seit vier Jahren besteht, macht es den Eisenbahngesellschaften um so leichter, jede Stelle unter dem Grundsatze der„freien Conkurrenz" billig zu besetzen, als in Amerika bekanntlich dem Grundsatze der„allgemeinen Gleichheit aller Menschen" zu- folge Jedermann alles versteht, und der hungernde Tagelöhner und bummelnde Eckensteher von heute nur angestellt zu werden braucht, um morgen Bremser, Heizer, Lokomotivführer und Bahncondukteur zu sein. Kann man mit solchen Sachverstän- digen auch auf die Länge der Zeit eine Bahn nicht vortheilhaft verwalten, so kann man sich doch, wenn man nur einige wirklich Sachverständige zur Aushilfe behält, mit ihnen so lange be- helfen, bis die entlassenen Sachverständigen hungrig und kirre geworden und für denselben Lohn, den die Nichtsach verständigen annahmen, zu Kreuze zu kriechen willens sind. Nach diesem Grundsatz wurde nun seit vier Jahren eine Reduktion der Löhne nach der anderen in Scene gesetzt, so daß dieselben vielfach schon niedriger geworden, als sie es in Deutschland sind. Das Ende dieser Reduktionen ist aber nach demselben Prinzipe erst dann zu gewärtigen, wenn die Löhne einen Punkt erreicht haben, den selbst Hungrige und Landstreicher nicht mehr temporär annehmbar finden. „Einer solchen Herabsetzung widersetzten sich natürlich die Eisenbahnangestellten auf das äußerste. Der vereinzelte Wider- stand erwies sich als nutzlos, und auch ganz allgemeines Zu- sammenhalten, welches im Falle eines Confliktes nicht einen ein- zigen Sachverständigen zur Verfügung der Gesellschaften übrig ließ, erschien nicht durchzusetzen. Bei mehreren Arbeitseinstel- lungcn der letzten Jahre suchten deshalb die Eisenbahnangestellten ihren Zweck dadurch zu erreichen, daß sie, ohne vorher von ihrem Plane etwas verlauten zu lassen, in einem bestimmten Momente(Mitternachts) auf der ganzen Linie der betreffenden Bahn die Arbeit einstellten, d. h. sämmtliche Züge, wo sie sich gerade befanden, stehen ließen. Hierauf aber antworteten im letzten Winter mehrere Gesetzgebungen, die des Staates New Jersey voran, mit einem Gesetze, welches das Prinzip der un- beschränkten Freiheit des Individuums insofern über Bord warf, als es Eisenbahnangcstellten für ein Verlassen eines Zuges, ehe derselbe an seinem Bestimmungsorte angekommen, Krimi- nalstrafe auferlegte. „Das vorläufige Resultat der sich hierdurch ergebenden Zuspitzung des Kampfes liegt in dem gegenwärtigen Aufrühre und der Zerstörung, die er bewerkstelligt, vor. Daß aber ein solcher Aufstand in wenigen Tagen, ja Stunden solche Dimen- sionen annehmen konnte, ist nur dadurch ermöglicht, daß Tau- sende und Zehntausende bis zur Desperation herabge- kommener rüstiger Männer sogar in der besten Jahres- zeit ohne Beschäftigung alle großen Städte füllen und das Land durchstreifen." So steht es wörtlich in Per„National-Zeitung" und ist von einem Deutsch- Amerikaner geschrieben! Eine furchtbare Anklage gegen die Bourgeoiswirthschaft überhaupt, eine furcht- ' bare Anklage insbesondere gegen die amerikanische» Eisenbahn- gescllschaften, die furchtbarste Anklage aber gegen die voreiligen Verdanimungsurtheile der europäischen Zeitungen, welche von der äußersten Rechten bis zur äußersten Bourgeois-Linken die „Ausrührer" mit allen Schimpfworten, die sich nur auftreiben ließen, traktirt haben. Die ausführlichsten, bis jetzt vorliegenden Berichte bringt das Londoner Welt-Bourgeoisblatt die„Times". Natürlich wird da nur von„Pöbel" gesprochen, der sich wesentlich aus„Deutschen und Jrländern" zusammensetze(in Deutschland würde es heißen: „Ausländer, Polen und Russen); indessen erhellt doch aus diesen den Aus- oder Aufständischen möglichst feindseligen Berichten, daß eigentliche Exzesse von den Arbeitern nicht begangen worden sind, daß aber, wie sich von selbst versteht, allerhand Gesindel sich die Gelegenheit zu Nutz gemacht hat. Ferner er- hellt daraus, daß die Arbetter sich strikte auf der Defensive hielten, daß, wo es zum Blutvergießen kam, sie der angegriffene Theil waren, und endlich, daß die Forderungen(auf Rücknahme der Lohnreduktion u. s. w.), deren Verwerfung ja seitens der Eisenbahndircktionen das Signal zum Strike gab, von dem ame- ! rikanischen Publikum im Allgemeinen für durchaus berechtigt gehalten werden, wie sie denn auch von mehreren, wo nicht den meisten Eisenbahndirektionen seitdem bewilligt worden sind— allerdings vorläufig zu spät. In Pittsburg, � wo die blutigsten Auftritte statthatten, herrscht > jetzt vollständige Ruhe— wie es scheint, haben die Behörden ein Abkommen mit den„Rebellen" getroffen, was jedenfalls sehr vernünftig war. Uebcr das„Plündern" dort wurden bekannt- lich haarsträubende Einzelheiten erzählt. Nun finden wir in der„Times" selbst die Angabe:„Der Pöbel wurde schließlich des Plünderns müde." Wir hatten seither gedacht, mit dem Plündern wäre es wie mit dem Essen— die Plünderlust wachse mit dem Plündern. Das psychologische Räthsel wird sich un- zweifelhaft in höchst einfacher Weise so erklären, daß überhaupt ■ nur in vereinzelten Fällen geplündert worden, und daß es den Behörden, unterstützt von den unbetheiligten Bürgern und den „aufständischen" Arbeitern, die ein Interesse dabei hatten, bald gelungen ist, dem raublustigen Gesindel das Handwerk zu legen. Auch in der„Times" nicht die leiseste Andeutung, daß es Arbeiter waren, welche sich am Privateigenthum ver- griffen. Der Strike— oder sagen wir besser die Arbeiterbewegung, denn überall treten auch andere als Eisenbahnarbeiter handelnd auf— hat sich weiter ausgedehnt, und zwar besonders nach Westen zu, und hat sogar am Stillen Ozean, in St. Franziska, Widerhall gefunden. Namentlich in und für Chicago giebl sich die Bourgeoisie großen Besorgnissen hin, weil man die Bethei- ligung der sozialistischen Elemente fürchtet, welche in dieser Stadt stark vertreten sind. Die gewaltsamen Conflikte werden schon seltener, so daß es fast aussieht, als habe die Bewegung ihren Höhepunkt erreicht, wo nicht überschritten, und als werde von beiden Seiten eingelenkt. Sollte sich das bestätigen— und wir hoffen es— so wäre dieses günstige Resultat ausschließlich der von unseren Chau- vinisten so verspotteten„Machtlosigkeit" der amerikanischen Re- gierung zu verdanken, die in Ermangelung eines stehenden Heeres die europäische„Flinte schießt, Säbel haut"-Staatsweisheit nicht in Anwendung bringen konnte und nothgedrungen dem Strom der öffentlichen Meinung, der Meinung der Volksmajorität folgen mußte. In sämmtlichen uns vorliegenden Berichten, die den Arbeitern feindlichsten mit einbegriffen, finden sich aber Andeutungen dafür, daß die öffentliche Meinung den„Strikenden", nachdem das Publikum sich vom ersten Schrecken erholt hatte, sich immer mehr zugeneigt hat. Und der fromme Wunsch des fortschrittlichen Philisterblattes, der„Tante Boß", daß„das unerbittliche Kriegsgesetz leider(!) wieder seinen Lauf haben müßte", dürfte sonach, zur Ehre der amerikanischen Union und zur Beschämung der europäischen Gesellschaftsdoktoren vom Dr. Eisenbart-Schlag, nicht in Erfüllung gehen. Sozialpolitische Uebersicht. — Eine gewichtige Stimme aus einer Bourgeois- rcpublik. Unser schweizerisches Parteiorgan, die„Tagwacht" schreibt: „Der„Vorwärts" hat in der letzten Zeit mit der bürgerlich- demokratischen„Frankfurter Zeitung" eine Polemik geführt über die gegenwärtige Situation in Frankreich. Es ist wohl unnöthig zu bemerken, daß wir in dieser Sache durchaus den Stand- punkt des„Vorwärts" einnehmen, haben wir doch in einem Leitartikel gleich nach dem Staatsstreich Mac Mahon's erklärt, es wäre schade um jeden Tropfen Proletarierblut, der im Dienste der reaktionären Phrasenhelden Thiers, Gambetta und Cie. fließen sollte, die„Republik" dieser Herren ist aller- dings auch keinen Tropfen Proletarierblut Werth. Damit sollte genug gesagt sein. „Bei der erwähnten Polemik ist auch ein Passus aus dem Programm der sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands zur Erörterung gekommen, der besagt, daß alle andern Parteien ? gegenüber der sozialdemokratischen nur eine„reaktionäre Masse" eien. In ihrer Replik sagt nun die„Frankfurter Zeitung", daß die Schweizer Sozialisten auf ihrem letzten Congreß „mit mitleidigem Lächeln" über besagten Passus hinweg- gegangen seien. „Diese Bemerkung ist durchaus unrichtig. Der be- sagte Passus kam in einer Resolution vor, welche Genosse Wilhelm(Genf) in der Programmdebatte stellte und zwar in der Meinung, daß die mit der Ausarbeitung des Programms beauf- tragte Commisfion klar und ungeschminkt die sozialdemokratischen Grundsätze aussprechen sollte. Diese Resolution wurde allerdings verworfen, aber von einem„mitleidigen Lächeln" war auch nicht die Spur. Die durch die„Tagwacht", den„Grütlianer" und den„Präcurseur" repräsentirten Sozialisten der Schweiz haben seit Jahren genugsam bewiesen, daß sie zur deutschen Sozial- demokratie im Verhältniß der vollsten Solidarität stehen. An diesem Verhältniß wird natürlich nicht im Min- besten gerüttelt, auch wenn Einzelne unter uns der Meinung sind, es dürfte der mehrerwähnte Passus vielleicht einen besseren Ausdruck finden." In Bezug auf das von dem Pariser Sozialrepublikaner Demagogisches. (Schluß.) Bernstein fährt fort: „Was die Demagogen eigentlich von der französischen National- Versammlung wollten, das ist vollkommen gleichgiltig. Auch wenn wir annehmen wollten, daß die Nationalversammlung sehr dumm und die Herren von der Straßenversammlung äußerst gescheit waren, auch dann war es Pflicht, mit aller Energie die Demagogie abzuweisen und. da es sein mußte, mit voller Gewalt niederzuwerfen. In diesem Vorgang haben wir recht deutlich ein Bild des Kampfes zwischen Demokratie und Demagogie." Prächtig. Also der„Demokratie" des Rabbi Bernstein ist „es vollkommen gleichgültig", was Diejenigen wollen, welche mit der Regierung unzufrieden sind. Die Forderungen der Krakehler sind„mit aller Energie abzuweisen", und, wenn es sein muß, „mit voller Gewalt uiederzuwerfen!" Ei. wie sich Bismarck über dieses Geständniß der schönen fortschrittlichen Bernstein- Seele amüsiren wird. In der Confliktszeit war und hieß Rabbi Bernstein ein„Demagog"— Junker Bismarck hat das Bernstein'sche Rezept suiticipanäo(vorgreifend) vortrefflich benutzt. Freilich— die„Demagogen" hatten damals die Majorität im Landtag. Allerdings; aber der Landtag ist nicht das Ergebniß des„allgemeinen Wahlrechts", für das Rabbi Bernstein ja als demokratische Basis platonisch schwärmt, und daß das allge- meine Stimmrecht nicht im Sinne der„Demagogen" von da- mals gesprochen, ihnen also nach Bernsteins eigener Argumen- tation(»it venia verba) das Brandmal der Demagogie(ohne Bernstein'sche Gänsefüßchen) aufgedrückt hat, das sollte Herrn Bernstein doch nicht so ganz unbekannt sein. Weiter: „Alles, was Aehnliches in anderen Staaten spielte, war auch blos ein ärmliches, aber dennoch gleiches Nachbild des Herganges in Paris. Demagogische Zusammenrottungen fanden in Berlin und Wien ebenfalls gegen die auf der Basis des allgemeinen gleichen Wahlrechts gewählten Vertretungen statt. In Frank- furt am Main erhob sich im September 1848 die Demagogie mit ganz gleichem Anspruch über das auf Grund des gleichen Wahlrechts einberufene National-Parlament, das eine Main- festation der Demokratie war. Auch diese Straßen- Vertreter mußten mit Gewalt abgewiesen werden, wenngleich sie eine an sich gerechtfertigte Forderung zu ihrer Fahne ge- macht hatten. Der Grund, worauf diese Abweisung als eine vollauf gerechtfertigte basirt, heißt mit kurzen Worten ausgedrückt: Buffenoir aufgestellte Wahlprogramm äußert die„Tagwacht" sich folgendermaßen: „Dieses Programm, das mit großem Beifall begrüßt wurde, enthält freilich verschiedene Schwächen und Lücken, immerhin ist es erfreulich, zu vernehmen, daß die entschiedensten Elemente auf Grund dieses Programms in die Wahl treten und sich durch den Compromiß der allgemeinen„republikanischen" Coalition nicht von der Entfaltung des radikalen sozialrepublikanischen Banners abhalten lassen." Wir haben genau so geurtheilt. — Nicht allein die Arbeitskraft, auch die Gedanken der Arbeiter sollen den„Arbeitgebern" unterthan sein, so will es die Königl. Preuß. Bergwerksdirektion in Saarbrücken, die vor Kurzem folgende Verfügung erließ: „Bergleute der königlichen Saarbrücker Gruben! Sozial- demokratische Agitatoren versuchen es in neuester Zeit wiederum, ihre Lehren im hiesigen Bezirke zu verbreiten. Unter dem Vorgeben, für Eure Rechte zu kämpfen und Eure Wohl- fahrt zu fördern, suchen sie mit prahlerischen Worten und uner- füllbaren Versprechen trügerische Hoffnungen in Euch zu erwecken, Euch in ihre Netze zu ziehen und die Herrschaft über Euch zu gewinnen. Um ihr Spiel, den gewaltsamen Umsturz der be- stehenden Ordnung zu erreichen, scheuen sie sich nicht, mit Wort und Schrift die bewährtesten Grundlagen unseres Staatslebens zu untergraben, die segensreichsten, zu Eurem Wohle in hiesiger Gegend getroffenen Einrichtungen zu verhöhnen. Wir wissen wohl, daß die weitaus größere Mehrzahl von Euch sich von solchen Täuschungen nicht verblenden läßt, die statt der ver- meintlichen Besserung Eurer Verhältnisse nur zu Eurem Unglück führen können. Gleichwohl halten wir es für unsere Pflicht, aufs eindringlichste vor der Betheiligung an den sozialistischen Versammlungen, vor dem Lesen der sozialisttschen Blätter, vor dem Besuch derjenigen Wirthshäuser, wo solchen verwerflichen Bestrebungen Vorschub geleistet wird, zu warnen. Mit unnach- sichtlicher Strenge werden wir gegen Diejenigen einschreiten, die unsere Warnung nicht hören. Wer sich an den verderblichen Bestrebnngen betheiligt, ist nicht würdig, ferner unserer Beleg- schaft anzugehören!" Diese Verfügung bringen fast alle„liberalen" Blätter, voran die„National-Zeitung", ohne ein Wort des Tadels hinzu- zufügen, als ob eine solche Verordnung den liberalen Grund- sätzen völlig entspräche. Man sieht, die Achtung vor dem freien Wort ist den Liberalen ebenso abhanden gekommen, als der Königl. Bergwerksdirektton zu Saarbrücken, an welche wir hier- bei die nebensächliche Frage uns erlauben, wer denn eigentlich der Verfasser des schwülsttgen, unklaren, nichtssagenden Aufrufs ist, da wir der Betriebsdirektion, wenn sie wieder einmal eine Verfügung erlassen will, aus unserem gesammelten, schätzbaren Material eine viel bessere zuweisen wollen. Also bei Bedarf wende man sich an uns! — Auch in Oesterreich sind am 26. Juli bei St. Pölten auf dem Marsche eine Anzahl Soldaten durch Ueberanstrengung und Sonnenstich verunglückt. Drei Mann blieben sofort todt, drei Mann starben in der nächsten Nacht und 17 liegen im Spital schwer erkrankt. An 100 blieben auf der Landstraße vor Ermattung zurück. Das österreichische Abgeordnetenhaus will bei seinem Zusammenttitt über den Fall energisch inter- pclliren.— In Preußen-Deutschland kommt so etwas öfters vor; so soll nach der„Frankfurter Zeitung" gleichfalls am 26. Juli eine Abtheilung Soldaten auf dem Rückmärsche von der Felddienstübung bei Potsdam„große Verluste" erlitten haben. 30 Mann sind vom Hitzschlag betroffen, einer todt, wäh- rend mehrere noch in Lebensgefahr schweben. Auch ein Offizier soll bei der Rückkehr in die Kaserne bewußtlos niedergefallen sein. Der deutsche Reichstag kümmert sich um solche Lap- palien nicht— der hat mehr zu thun, er hat für den Mili- tarismus Geld zu bewilligen und schreit sozialistische Abgeord- nete, wenn sie einmal, wie Hasselmann, über die manchmal un- würdige Behandlung, vnljjo Soldatenschinderei im Reichstag reden wollen, energisch nieder. — Das schweizerische Fabrikgesetz kommt vor die Volksabstimmung! Die Fabrikanten, denen das Gesetz zu ar- beiterfreundlich ist, haben 56,000 Stimmen gesammelt, die über- genügend sind, um die Volksabstimmung herbeizuführen. Es handelt sich jetzt darum, daß das Volk selbst durch rege Agita- Allenthalben, wo ein Wahlgesetz existirt, welches dem ganzen Volke das Recht der Vertretung gewährt, da darf keine Partei im Namen des Volkes Demonstrationen gegen die Haltung der gesetzlichen Vertretung in's Leben rufen!" Ei! Herrjeses! Nicht einmal„Demonstrationen" gegen eine aus allgemeinem Wahlrecht hervorgegangene Volksvertretung, wie z. B. den Reichstag? Das geht ja über den Bismarck und Tessendorf! Daß sie zu„Demagogen" von Bernstein's Gnaden avanciren würden, das hätten sich diese zwei Ehren- männer sicherlich nicht träumen lassen. Da ich keine Zeit habe, Herrn Bernstein ein Colleg in neue- rer Geschichte zu lesen, so will ich ihm blos, sein Gedächtniß auffrischend, kurz andeuten, daß die„demagogischen Zusammen- rottungen" in Berlin und Wien, von denen er redet, zum ein- zi gen Zweck hatten, die Demokratie zu vertheidigen, welcher Herr Bernstein selbst zu jener Zeit huldigte und welche er gerade so feig vcrrathen hat wie seine Collegen von der Fortschritts- Partei. Der wahre Unterschied zwischen Demokrat und Demagog, müssen wir ans dieser Deduktion schlußfolgern, ist: ein Demo- krat ist, wer das Wort Demokratie im Munde führt, und ein Demagog, wer für die Demokratie nicht blos Worte hat, son- dern auch Thaten. Und der Frankfurter Aufstand! Weiß Herr Bernstein nicht, daß dieser Aufstand— ähnlich wie der Junikampf— von oben her Provozirt wurde, provozirt durch den schmachvollen Malmöer Waffenstillstand, welcher den Verrath an der März- revolution, an der Demokratie bloßlegte? Und Rabbi Bernstein hat eine„Geschichte der Märzrevolution" geschrieben! Doch weiter: „Der Unterschied zwischen Demokratie und Demagogie trat auch seit jener Zeit immer deutlicher und deutlicher hervor. Frankreich hat diese Probe öfter durchgemacht, bis sich in der Wirthschaft der Commune und ihrem blutigen Ende nochmals zeigte, wie unversöhnlich die Demokratie und die Demagogie zu einander stehen. Ja, es zeigt sich, daß es gar kein anderes Mittel giebt, die Demagogie zu entwaffnen, als eben die Demo- kratie, wie denn auch in der That die strenge Gesetzesliebe die sicherste Schutzwehr ist wider die durch Leidenschaften aufgereizten zusammenlaufenden Volksmassen. „Von so bitteren Erfahrungen, wie sie Frankreich hierin durchgemacht hat, find wir glücklicherweise noch verschont(je- blieben. Aber darum werden auch bei uns junge Leute viel tion in die Schranken tritt und seinen Willen bekundet. Unser Schweizer Parteiorgan, die„Tagwacht" bemerkt zu dieser Ange- legenheit: „Das Herrenthum, im Besitze aller Mittel und einer Presse, die bis in die entlegenste Hütte dem Volke Sand in die Augen streut, wird natürlich diese Mittel anwenden, um das Volk zur Verwerfung anzuspornen. Alte Vorurtheile wird man benützen, an Lügen und Entstellungen wird man es nicht fehlen lassen, um den staatlichen Schutz für die ausgebeutete, unterdrückte Arbeiterklasse zum Falle zu bringen. Ein großer Theil des Volkes hat über die Nothwendizkeit des Fabrikgesetzes und über seine Wichtigkeit für die Hebung der Lage des arbeitenden Volkes noch kein selbständiges Urtheil, er muß erst darüber aufgeklärt werden. Auf der andern Seite aber wird das Votum des Schweizervolkes über das Fabrikgesetz von einer Wichtigkeit sein, die weit über die Grenzen des Schweizerlandes hinausgeht. Fällt die Abstimmung zu Ungunsten des Gesetzes aus, dann wird das Herren- thum nicht allein bei uns mit um so größerem Hochmuth die Volksausbeutung betreiben, sondern das Herrenthum aller Länder wird mit Schadenfreude darauf hinweisen, um die Forderungen unserer Brüder in andern Ländern zu unterdrücken. Und das wird seine üblen Folgen auch wieder für uns fühlbar machen. Wird aber das Gesetz angenommen, dann ist es ein bahnbre- chendes Werk. In jedem Falle ist das Votum des Schweizer- Volkes von der größten Bedeutung für den sozialen Befreiungs- kämpf dieser Tage." In einem kräftigen Aufrufe werden dann die schweizerischen Arbeiter zu energischer Thätigkeit aufgefordert.— Auch wir hegen den Wunsch und haben aber auch die Ueberzeugung, daß das Schweizer Volk, vor allem aber die Sozialdemokratie in der Schweiz ihre Schuldigkeit thun werden. — Dem Genfer Großen Rath ist von Forestier, einem der mit Hilfe der Sozialisten gewählten Mitgliede, der Entwurf eines Haftpflichtgesetzes vorgelegt worden. Der erste und Haupt-Paragraph lautet:„Die Eigenthümer jedes industriellen und commerciellen Etablissements, jeder Fabrik oder Werkstatt, die Unternehmer jedes Baues sind den von ihnen Beschäftigten und Dritten gegenüber für alle Unfälle verantwortlich, die wäh- rend und gelegentlich des Bettiebes vorkommen und Verletzungen, Krankheiten oder den Tod zur Folge haben; vorausgesetzt, baß nicht der Nachweis geliefert werden kann, daß der Unfall durch die Unvorsichtigkeit des Bettoffenen oder eine nicht controllir- bare Gewalt(toree majeure) verursacht worden ist." Wenn der Entwurf, dem eine etwas präzisere Fassung zu wünschen wäre (Fabriken und.Werkstätten sind doch unzweifelhaft industrielle Etablissements, wozu also noch besonders aufzählen?) zur Ver- Handlung gelangt, werden wir auf den Gegenstand zurück- kommen.— — Tod und Begräbniß eines Communemitglieds. Aus New-Aork schreibt man uns unterm 8. Juli: Gestern be- gruben wir Fran?ois Parisel, Mitglied der Pariser Com- mune. Nachdem er während der Belagerung von Paris und später auf seinem Posten in der Commune seine Schuldigkeit gethan, entkam er glücklich den Bersailler Blut- und Spürhunden und gründete sich hier eine Existenz als praktischer Arzt. Tüchtig in seinem Fach, von peinlichster Rechtschaffenheit, errang er sich die Achtung aller Derer, mit denen er verkehrte, und als er voriges Jahr von einer Schwindlerin unter einer ehrenrührige» Anklage vor Gericht gestellt wurde, zweifelte Niemand, daß Parisel Recht hatte und das Ganze nur ein mißglückter Er- pressungsvcrsuch war. Der Beweis hierfür wurde auch so über- zeugend geführt, daß die Jury ein(in Amerika immer ein- stimmiges) fteisprechendes Verdikt abgab. Jndeß die Wir- kungen, welche die infame Anklage auf den sensitiven, feinfühligen Mann hervorgebracht hatte, wurde durch den Wahrspruch der Geschwornen nicht aufgehoben. Er kränkelte von jener Zeit an, sein Befinden verschlechterte sich mehr und mehr und vor vier Tagen starb er in der Blüthe der Jahre, erst 36 Jahre alt. Natürlich wurde er ohne kirchlichen Firlefanz, den er sich aus- drücklich verbeten hatte, begraben. Die französische Flüchtlings- colonie, etwa 200 Mann, darunter ein College Parisel's, das Communemitglied Pottier, Elic May, Adjutant von Eudes zc. nebst einer Anzahl deutscher und amerikanischer Sozialisten gaben dem Todten das letzte Geleite. Am Grab wurden kurze An- � sprachen gehalten und unter dem Gelöbniß, nicht zu ruhen und zu rasten bis das Ziel erreicht, nach welchem der todte Com- leichter in das Netz der Demagogie hineingelockt und, wie wir � jüngst erlebt haben, lassen sich auch durch höhere Vorbildung zu einem besseren Beruf bestimmte junge Leute von wilden Welt- verbesserern verleiten, an der Jagd nach demagogischen Idealen Theil zu nehmen. Es merkt die Jugend noch nicht den wahren Gegensatz zwischen Demottatie und Demagogie und wähnt auf der Bahn der Freiheit zu wandeln, wo sie bereits in der Schlinge einer Partei steckt, welche die einzige Bürgschaft der Freiheit, die gesetzliche Nattonalverttetung, hervorgegangen aus dem aller- demokratischsten Wahlrechte, durch demagogische Umtriebe unter- gräbt. „Nur durch die richtige Unterscheidung zwischen Demokratte und Demagogie sind wir im Stande, unsere Jugend vor dem Fallstrick der Verführung und unsere Zustände vor dem bluttgen Zusammenstoß zu wahren, den die Demagogie heraufbeschwört." � Ei! Ei! Denunziant? Herr Bernstein. Bah, sintemalen Sie auch Bismarck und Tessendorf zu„Demagogen" gestempelt i haben, wollen wir's Ihnen verzeihen. Und der langen Rede kurzer Sinn, der Kern, herausgeschält; aus den Phrasen? „Wer Demokratte redet und Reaktion handelt, ist De- „mokrat. Wer Demottatte redet und Demokratie handelt, „ist Demagog. Wer sich Mätressen hält, außereheliche Leit- „artikel schreibt, seine Arbeiter schindet, das Eigenthum Änderer „annektirt— wie gewisse Leute— der ist ein Demokrat. Und „wer den Mättessenhaltern, Verfassern außerehelicher Leitartikel, „Arbeiterschindern, Annektirern fremden Eigenthums, Geschichts- „und sonsttgen Fälschern auf die Finger klopft, und alle diese „„Geschwüre der Demokratie ausschneiden und ausscheiden" will, „ist ein Demagog." i�noä erat denionstraodnni. Was zu beweisen war. Und wenn die Berliner Studenten jetzt noch dem Buchbindergesellen Most und dem biedern Cigarrenmacher Fritzsche in's Garn gehen, dann ist ihnen nicht zu helfen. — Wie viel Flaschen Gose im Magen, und die Dünste von wie viel Flaschen Gose da wo bei Andern das Hirn zu sein pflegt, mutz wohl ein gewisser Jemand gehabt haben, als er unter die fast verschämte Notiz eines bekannten Leipziger LokalblattS, daß in einem gewissen, stark mit sozialistischem Gift getränkten Ort bei Leipzig der Heilige Sedan zu einer mordspatriotischen und mordsmäßigen Kneipere» benutzt werden solle, die wuthschnaubenden Worte(in Klammern) schrieb: „So wird es sich auch für einen Tag gehören, auf den das deutsche munard gestrebt, wurde der Sarg in die Erde gesenkt. Man trennte sich mit dem Ruf: Es lebe die Commune! Es lebe die sozialdemokratische Republik! — Besonders wichtige Nachrichten vom Kriegsschau- Platze können wir unfern Lesern nicht mittheilen, dafür aber andere politische Ereignisse, die sich auf die orientalische Frage beziehen. In Pest fand eine großartige Volksversammlung zu Gunsten der Türkei statt, in welcher Klapka sprach und die sich in scharfer Weise gegen die russischen Greuelthaten und über- Haupt gegen das russische Vorgehen aussprach.— Die weiner- lichen Humanitätsphrasen der Herren Gladstone und Bright in England thun ihre Wirkung nicht mehr— das englische Volk wendet mehr und mehr seine Sympathien der Türkei zu, so daß die türkenfreundliche Regierung freie Hand erhält.— In Wien sagt man, daß Deutschland eine dauernde Besetzung Constan- tinopels durch die Russen nicht zulasse; in Petersburg ruft man:„Arm in Arm mit dir mein Deutschland fordere ich das Weltall in die Schranken!" Wer sagt die Wahrheit?— Midhat Pascha ist in Wien vom Reichskanzler Andrassy empfangen worden; er soll geäußert haben, daß an einen Separatfrieden der Türkei mit Rußland nicht zu denken sei. Es ist noch nicht gewiß, ob Midhat nach Constantinopel geht, um das Großvezier- amt zu übernehmen, oder ob er als außerordentlicher Botschafter in Wien und London thätig sein wird.— Der österreichische General Mallinori, welcher sehr slaven- und russenfreundlich ist, hat seinen Abschied genommen; ein Zeichen, daß Oesterreich der Aktion nicht mehr so fern steht.— Noch wollen wir be- merken, daß es den russischen Generalen ebenso geht wie den türkischen; Abdul Kerim wird vor ein Kriegsgericht gestellt, aber auch die Herren Krüderer, Sieger von Nicopolis, und Schilder-Schuldner, Geschlagener von Plewna. Es ver- lautet, daß der Verlust der Russen dort 4500 Mann stark ge- Wesen sei.— Der Sohn des berühmten Tscherkessenhäuptlings Schamyl, bei dessen Namen schon die Moskowiter zitterten, der in russischen Diensten stand, ist mit 1000 Mann zu den Türken übergegangen. Die Desertionen lichten die russische Armee in Asien— der Aufstand im Kaukasus lodert hell aus. — Wir erhalten folgende Zuschrift. Aus einem Artikel der „Times"*) sende ich Ihnen folgenden Passus: „Die Angriffe auf die Eisenbahnen entsprangen nicht aus der tollen Wuth eines Hungeraufstandes, noch aus dem Versuche einer communistischen Bewegung. Sie waren die Frucht böser Lehren, die sich dem Geiste unwissender Menschen einprägten. Die große Masse der Eisenbahn-Insurgenten besteht, wie die „Molly Maguires", auf den pennsilvanischen Kohlenfeldern, deren Schreckensherrschaft soeben erst ein Ende gemacht wurde, aus ungebildeten irischen und deutschen Einwanderern, welche die letzte Lohnherabsetzung als ein ihnen zugefügtes persönliches Un- recht ansehen. Sie haben sich seit lange gewöhnt, dem losen Geschwätz politischer Abenteurer zu lauschen. Man sagte ihnen, sie seien„die Sclaven des Kapitals", der Kapitalist sauge ihnen das Blut aus, die Eisenbahngesellschaften werden von verworfenen Ausbeutern regiert und dergleichen mehr, worin halbe Wahr- heit mit boshafter Lüge sich mischte. Was Wunder, daß sie die unbehaglichen Wirkungen der Krisis fühlten, die das amerikanische Geschäft drückt, und dachten, es sei leicht und gerecht, das erlittene Unrecht durch Beraubung derer gut zu machen, die sie als glückliche Räuber ansahen? Die mißleiteten Handlungen dieser Leute sammeln um sie die Verbrecherklassen, die Müßiggänger und die Lumpen, die nach Raub und Beute hungern. Der böse Ruf, den die Eisenbahngesellschaften auf sich geladen haben, macht sie zur besten Zielscheibe für den Zorn der arbeitenden Klassen, aber andere Kapitalisten würden nicht lange verschont bleiben, wenn dieser Angriff unbestraft gelassen und der offene Bruch von Gesetz und Ordnung durch die Ge- Währung der Forderungen der Äufrührer belohnt würde. Die Haltung der Regierung ist fest unb kühn, aber viele Eisenbahn- gesellschaften find geneigt, sich schrecken zu lassen und sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Wir nehmen den tiefsten An- theil an dem Erfolge der energischen Maßregeln, welche die Regierung von Washington zur Unterdrückung dieser schmählichen Unordnungen ergriffen hat. Nicht nur ist ein großer Betrag von englischem Kapital in amerikanischen Eisenbahnen angelegt, sondern bie Fortdauer dieses Kampfes, die Beschädigung der *) Siehe Leitartikel in der heutigen Nummer. R. d. B. Heer mit Stol, zurückblickt, dem(dem Stolz?) das deutsche Volk seine Auferstehung zu neuer Größe und Ehre verdankt. Vorwärts für Kaiser und Reich! Nieder mit der Sozialdemokratie, die unser theueres Vaterland mit Füßen zu treten wagt!"? Wie viel Gosenflaschen? Was aber den gegen uns geschleuderten entsetzlichen Borwurf betrifft, so müssen wir uns leider schuldig bekennen. Ja, wir «treten unser theueres Vaterland mit Füßen" und nicht mck den Fersen oder gar einem zum Treten noch ungeeigneteren Körpertheil, wie ge- wisse Leute, denen es mitunter passirt, strampelnd in der Gosse ge- funden zu werden. — Unser Stephan, der neben seinen zahlreichen sonstigen Ta- lenten auch das der genialen Ueberraschungen besitzt,„bewilderte", um Ida Hahn Hahnisch zu sprechen, am 23. v. M. den ehrsamen Leipziger Rath durch folgendes Telegramm: «Vom Bord des Kabelschiffes bei Mainz sende ich auf der eben vollendeten unterirdischen Telegraphen'inie Leipzig-Frankfurt-Mainz der im Herzen Deutschlands gelegenen Metropole des Verkehrs Grüße und Segenswunsch. Generalpostmeister Stephan." Die Wirkung dieses Telegramms war eine eigenthümlichc Die er- staunten Empfänger glaubten anfänglich an eine Mystifikation. Die zwei haarsträubenden Fremdwörter;„Telegraphenlniie" und„Metropole" flößten schon starken Verdacht ein, aber nun gar erst der Segens» Wunsch. Bekanntlich hat blos der Papst die Gewohnheit,„Segens- wünsche" zu ertheilen. Stephan war doch nicht über Nacht Papst ge- worden? Der Papst lag zwar an jenem Tage zum hundertundzwölften Mal im Sterben, und gleich anderen hervorragenden„Culturkämpfern" hat Stephan unzweifelhaft beim Cardinalscollegium einen Stein im Brett— ähnlich wie Tessendorff, Rüder u. s. w. bei den Sozialdemo- kraten— indeß in solchen Dingen pflegt man in Rom doch keine Scherze zu machen. Die Annahme, daß Stephan über Nacht Papst ge- worden sei, mußte also fallen gelassen werden. Blieben nur noch zwei andere Annahmen übrig: Entweder: es ist eine Mystifikation; oder— doch die dritte Annahme möge in vorstehendem Gedankenstrich begraben bleiben, aus dem der Leser sie ja leicht wird ausgraben können. Was wllte der Leipziger Rath thun? Man war in Verzweiflung. Hier, die Pflichten der Höflichkeit, der gute Ruf des künftigen Reichsgerichtssitzes, der aber an sein künftiges Glück noch nicht recht glaubt und darum doppelt— aufmerksam ist gegen alle Bismarcke, den„Postbismarck" natürlich emgeschlosfen— dort, die Furcht, von irgend einem rothen oder schwarzen Reichsfeind— und in Mainz wimmelt's ja von Reichs- feinden beider Sorten— gefoppt zu werden, und sich sammt der großen «Seestadt unsterblich zu blamiren. Das war freilich ein kritischer Casus. Doch wenn der Rath Rath hält, giebt's zuletzt immer Rath. Ein Schlaukopf, der zufällig im Stadtrath sitzt— das Telegramm war gerade während einer regelmäßigen Rathssitzung eingelaufen— machte oen Vorschlag, man solle den Mainzer Polizeidirektor(der dortige Bürgermeister ist neulich gestorben) telegraphisch um Auskunft bitten, sgroßen Bahnlinien, welche den atlantischen Ocean mit dem Mississippi verbinden, und der schließliche Erfolg des Aufstandes würden die Zufuhren an Rohstoffen für unsere Hauptindustrie- zweige und an Nahrungsmitteln für unser Volk bedrohen." Dieser Artikel, der von deutschen Bourgeoisblättern begierig abgedruckt wird, ist ein Musterstückchen von Bourgeoisjesuitismus. Die„Times"— das liest sich deutlich zwischen den Zeilen— kennt den Sachverhalt so gut als es jetzt nur möglich ist, sie glaubt nicht an das rothe Gespenst, sie glaubt nicht an das alberne Mährchen von den irischen und deutschen Einwanderern, obgleich sie es selbst auftischt, sie giebt zu, daß die Eisenbahn- gesellschaften corrupt sind, sie erklärt die Anklagen der Arbeiter gegen die Kapitalisten wenigstens für„halbe Wahrheit", was ; ein enormes Zugeständniß ist— die„boshafte Lüge" wollen wir ihr schenken—, und dennoch, statt zur Versöhnung zu rathen, hetzt sie die amerikanischen Behörden, hetzt sie die amerikanische und englische Bourgeoisie auf die Arbeiter. Warum? Wenn anerkannt werden müßte, daß die Arbeiter den spitzbübischen Eisenbahndirettoren ! gegenüber im Recht sind, dann würde sich bald herausstellen, daß die Arbeiter mit dem nämlichen Recht gegen„andere Kapitalisten" vorgehn könnten. Kurz, sämmtliche Kapitalisten kämen in Gefahr, und das englische Kapital, das in den ameri- kanischen Eisenbahnen und den englischen Baumwollenfabriken steckt, würde möglicherweise weniger Prozentchen einbringen. Lieber 100,000 Arbeiter zu Schanden geschossen, als V« Proz. weniger in die Kapitalistentasche. — Ueber den Arbeiteraufstand in Nordamerika bringen die deutschen Bourgeoiszeitungen, ob sie conservativ oder bürgerlich-demokratisch sind, nach der„Times" ihre Berichte, sie reden von Emeute, Pöbel, Ruhestörer:c.:c., sagen, daß der Mob die Polizei verhöhnt und mit Steinwürfen empfangen| habe und daß dann die arme Polizei oder die Miliztruppeu erst. von ihren Feuerwaffen Gebrauch machten— so lauten die Be-' richte aus allen Städten Nordamerika's gleichmäßig, so daß man wohl in Versuchung kommt, sämmtliche derartige telegraphischen! Berichte der„Times" für gefälscht zu erklären. In Chicago haben natürlich die Commu nisten die Ruhestörer angeführt, dann waren die meisten der Getödteten und Verwundeten Böh-! men und Polen. Das Alles bringt auch die„Frankfurter Zei- tung", ohne eine Bemerkung, ohne nur ein Fragezeichen an den betreffenden Stellen zu machen. Weshalb nicht auch noch die Juden zu den Haupthetzern, wie dies früher geschah, gemacht werden, das kann die„Frankfurter Zeitung" wohl selbst beant- Worten.— Im Osten der Vereinigten Staaten hat der Auf- stand nachgelassen, dagegen lodert er im Westen und Südwesten noch hochauf. Ein klares Bild über die ganze Bewegung können wir noch immer nicht machen, da müssen wir erst die direkten Berichte unserer dortigen Parteigenossen und Mitarbeiter ab- warten. — Wir erhalten folgende Zuschrift: Bern, den 28. Juli 1877. Ich erlaube mir hiermit, Ihnen von einem merkwürdigen Akte der deutschen resp. preußischen Behörden Kenntniß zu geben. Die in meinem Verlag soeben erschienene Schrift:„Das kleine Buch vom großen Bismarck", ist, ohne daß ich da- von vorher Kenntniß erhalten konnte und ohne daß vorher— wenigstens in Deutschland— Jemand hat Einsicht in die Bro- schüre nehmen können, dort plötzlich unterdrückt worden. Mein Commissionär telegraphirt mir: „Leipzig, 28. Juli, 2.40 M. Vorrath wurde confiscirt. Man fahndet auf den Ballen. Expedition unmöglich!" „Leipzig, 28. Juli, 2.20 M. Senden Sie nichts mehr. Alle Packete und Ballen werden von der Polizei geöffnet und beschlagnahmt." Unter solchen Umständen ist es begreiflicherweise keinem Ver- leger des Auslandes mehr möglich, das deutsche Reich als Ab- satzgebiet für solche Werke zu cultiviren, welche nicht vorher die Censur der Berliner Criminalpolizei passirt haben. In wie weit derartige Maßregeln in Einklang zu bringen sind mit dem Sinne der bestehenden Gesetze, der Gerechtigkeit und der politischen Würde eines Landes, muß ich allerdings der Beurtheilung des gebildeten Publikums überlassen. Mit Ergebenheit E. Magron, Verleger in Bern. — Aus St. Johann-Saarbrücken meldet man uns unterm ob die Kabellegunz wirklich vollzogen sei, und der Herr Generalpost- meister sich auf dem Kabelschiff befinde. Gesagt gethan. Man tele- graphirte und eine halbe Stunde später kam der Bescheid. Der Herr Generalpostmeister war auf dem Kabelschiff, und das Telegramm mit dem Segenswunsch keine Mystifikation. Ohne eine Sekunde zu, ver- lieren— die Berathung und das Hin- und Hertelegraphiren hatte fast anderthalb Stunden gekostet— wurde ein Antwort- Telegramm an den Herrn Generalpostmeister aufgesetzt und abgeschickt— jedoch ohne Segenswunsch. — Im Wupperthale, genannt Muckerthal, wurde zur Feier des Ivlljährigen Bestehens der evangelisch-lutherischen Gemeinde ein Fest- essen mit Toasten veranstaliet. Die„Bergische Volksstimme", welche den Gegensatz zwischen dem hungernden Arbeiter und den schwelgenden „Frommen" betont, bringt die Speise- und Weinkarte bei dem Fest- essen und den frommen Toasten: „Speise-Karte. Suppe Julienne. 1. Toast. Roastbeef mit ge- rösteien Kartoffeln und Beilage. 2. Toast. Blumenkohl mit Kartoffeln. Fricandeau von Kalb und Schinken. 3. Toast. Schwarzwild in Gelee. 4. und 5. Toast. Rehbraten mit Compot und Salat. 6. und 7. Toast. Pudding. Eistorte. Dessert. Wein-Karte. Rhein-Weine: Niersteiner, Geisenheimer, Rüdesheimer, Hattenheimer. Mosel-Weine: Graacher, Brauneberger, Schwarzhofberger 18ö8er. Roth-Weine: Ahrbleichert, Bordeaux St. Julien, Bordeaux Margaux." Wie herrlich und erhebend mögen die frommen Toaste von den frommen, fettigen und trunkenen Lippen der Pfäfflein und der Laien erklungen sein? — Europäischer Sklavenhandel. Um von Zeit zu Zeit die herrschende Gesellschaft daran zu erinnern, daß ein solcher noch wirklich existirt, bringen wir eine daraus bezügliche Annonce— so auch heute: „Schwedische Dienstboten. So eben direkt von Schweden kommend: Land- und Meiereimädchen, Landjungen, Schmiede- und Bäckerlehrlinge, welche ich sofort bestens empfehle. Auch nehme ich sofort Bestellungen aus obige Dienstboten entgegen. H. C. Schwartz, Trave 486 in Lübeck." Klingt's nicht gerade so als wenn Jemand zum Pferde-, Hammel- oder Kälberverkauf auffordert— Handel mit Menschenfleisch, euro-! päischer Sklavenhandel. Ohne denselben kann ja unsere heulige Ge- sellschgft gar nicht bestehen— weshalb also dem einzelnen Händler zürnen? i — Zum Arbeiterrisico. �lm 23. v. Ms. stürzte ein Gerüsts bei dem Baue einer chemischen Fabrik in Elberfeld zusammen. Ein, Arbeiter wurde getödtet und sechs andere zum Theil lebensgefährlich verletzt. 28. Juli, daß nunmehr schon der dritte Redakteur der erst seit kurzem dort erscheinenden„Freien Bolkssttmme" verhaftet und daß die Expedition des genannten Blattes unter Siegel gelegt wor- den sei. Englische Depeschen über russische Greuel. Am 17. Juli schreibt Lord Derby an Lord A. Loftus: Ich habe Anlaß genommen, dem Grafen Schuwalow folgende Berichte zur Kenntniß zu bringen, die Ihrer Majestät Regierung aus verschiedenen Quellen über Gewaltthätigkeiten zugegangen sind, welche durch die rnssischen Truppen oder die unter deren Schutze handelnden Christen gegen die mohamedanische Bevölke- rung der türkischen Provinzen in Asien und Europa begangen wurden. Diese Berichte wurden in der Reihenfolge gegeben, in der sie einliefen: 1) Es wird berichtet, daß nach der Einnahme von Ardahan die Einwohner der Stadt gegen die Russen sich empörten und daß 800 derselben durch die in russischen Diensten stehenden lesgischen Truppen hingeschlachtet wurden. 2) Ein Brief, welcher einem von Ihrer Majestät Biceconsuln (Biliotti in Trapezunt) aus privater Quelle(von einem englischen Wundarzte) von suchum-Kale aus zuging, meldete, daß 1500 Familien in Ardler Hungers gestorben sind, da sie gezwungen waren, vor den Kosaken, die Alles vor sich her niederbrannten und plünderten, in die Wälder zu entfliehen. 3) Wie der Statthalter von Kesantyk berichtet, ist eine Anzahl vor den Russen fliehender Muselmanen und Bulgaren in der Schlucht von Hainköi zwischen Tirnowa und Kcsanlyk kalten Blutes ermordet worden. Unter den dergestalt Erschlagenen haben sich Weiber und Kinder befunden. 4) Herr Layard meldet, es sei der Pforte am 14. d. mitae- theilt worden, daß ungefähr 200 mohamedanische Männer, Weiber und Kinder, welche auf Karren gegen Varna flohen, durch ruf- fische Reiter eingeholt wurden, welche die Männer und Kinder erschlugen, die Weiber schändeten und sie nachher in der�greulich- sten Weise ermordeten. 5) Eine Anzahl mohamedanischer Dörfer wurde, wie berichtet wird, niedergebrannt und andere zwischen Tirnowa, Drenova und Balona wegen des Benehmens der feindlichen Truppen ver- lassen. Einige Dörfer in der Schlucht von Hainköi wurden nie- dergebrannt und ihre Bewohner angeblich niedergemetzelt. Ein britischer Consular-Agent berichtete unterm 14. d., daß die muselmanischen Bewohner jenes Landestheils sich in einem be- klagenswerthen Zustande befänden, daß die Russen und auf deren Anstiften die bulgarischen Christen schreckliche Gewaltthaten gegen die Muselmanen verübten. 6) Ihrer Majestät Konsul in Rustschuk, der am 16. von Varna aus in Konstantinopel anlangte, bestätigte die Nachrichten von der Erschlagung moslemischer Weiber und Kinder. Aus der durch ihn empfangeneu Auskunft geht hervor, daß schreckliche Gewaltthaten hauptsächlich durch die bulgarischen Christen auf das Anstiften und unter dem Schutze der dabei gegenwärtigen russischen Kosaken verübt worden. Ich fügte hinzu, es werde große Furcht gehegt, daß diese Thaten zu fürchterlicher Wiedervergeltung seitens der Muselmanen an den nicht von russischen Truppen besetzten Orten führen könnten, und daß Ihrer Majestät Consularbeamten Weisungen empfangen hätten, allen Einfluß, den sie besäßen, anzuwenden, um die Muselmanen von Gewaltthätigkeiten abzuhalten. Derby. Correspondenzen. Werkin, 25. Juli. Wenn ich Ihnen heute einiges über das Verhalten der hiesigen gegnerischen Presse in den letzten Wochen mittheile, so müssen Sie nicht etwa glauben, daß ich mich aus Zuneigung mit ihr beschäftige. Nur der Umstand bewegt mich dazu, daß sich wieder einmal zur Evidenz herausgestellt hat, wie gänzlich verständnißlos besonders die liberalen Redakteure ihrer Zeit gegenüber stehen. Nun wissen wir freilich schon von Las- falle, daß die Unwissenheit das Vorrecht und besondere Kenn- zeichen eines liberalen Redakteurs ist, selbige Eigenschaft hat aber in den letzten Wochen so herrliche Blüthen getrieben, daß man ihnen wohl einige Zeit widmen darf. Bekanntlich behaupten die Gegner immer, vom Sozialismus könne man nicht leben, und auch der große Eugen ist der un- maßgeblichen Ansicht, daß der Arbeiter im sozialistischen Staate unproduktiv sein würde, die gegnerische Presse selbst hat nun schlagend die Unrichtigkeit dieser Ansicht bewiesen, indem sie eine ganze Zeit schon großen Theils vom Sozialismus gelebt hat. Die beiden Ereignisse, über welche man hier gar nicht zur Ruhe kommen kann, sind die Versammlung von Interessenten für freie Pflege der Wissenschaft vom 12. Juli und die Vorträge Most's über soziale Bewegungen und Cäsarismus im alten Rom, in denen hauptsächlich Mommsen angegriffen wird. Schon bei dem ersten Vortrage Most's, der einige Tage vor jener Versammlung gehalten wurde, waren ungefähr 200 Studenten anwesend ge- wesen und hatten— man denke!— die Hiebe, die auf Momm- sen's heiliges Haupt Hagelten, nicht nur ohne Unwillen, sondern mit Beifall angehört. Da eröffnete die„Post" den Reigen der Klageweiber und jammerte über die Verderbtheit der Zeit und der Jugend, die solche„Verläumdungen" ihres Lehrers ohne Protest angehört hatte. Zugleich erfolgte ein Leitartikel, betitelt„die Fortschritte der Sozialdemokratte", worin es offen ausgesprochen wurde, daß der Sozialismus immer mehr in die„gebildeten" Kreise Ein- gang fände und daß unter anderen mancher junge Referendar durchtränkt wäre vom Geiste des Sozialismus. Zum Schluß kaum noch eine zartverschämte Hindeutung auf die Zeit, wo der Säbel haut und die Flinte schießt. Man muß es der conservativen„Post" zugestehen, daß si? wenigstens wußte und offen zugab, daß die Sozialdemokratie immer mehr in alle- Schichten des Volkes eindringe, während das liberale und fortschrittliche Zeitungsgeschwister hiervon bis dato noch keine Ahnung gehabt zu haben scheint. Es folgte nun jene Versammlung in Sachen Dühring's, in in welcher Fritzsche als Deputirter der gleichfalls tagenden Volks- Versammlung auftrat und freudig begrüßt wurde. Jetzt war es klar, ein bedeutender Bruchtheil der Sttidentenschaft war durch- tränkt vom Geiste des Sozialismus. Entsetzlich begann es rn den patriotismusduseligen Köpfen der liberalen Redakteure zu tagen! Leitartikel folgte auf Leit- artikel, in denen die furchtbare Thatsache theils zugegeben, theils bemäntelt, theils abgeleugnet wurde. Die wenigen Blätter, die bisher noch theilweise für Dühring eingetreten waren, fielen jetzt natürlich auch ab, so besonders die„Volkszeitung", die sich von „ihrem" Bernstein jetzt einen Leitartikel gegen Dühring schreiben ließ. Wie konnte man auch einer fortschrittlichen Zeitung zu- muthen, die Sache des Rechts noch weiter zu verfechten, nach- dem die Sozialdemokraten auch offen»für dieselbe eingetreten waren. Die Augen werden der„Volkszeitung" und ähnlichen Blättern Wohl dann erst aufgehen, wenn sie dem Onkel Spcner auf dem Weg alles Fleisches nachgefolgt sind. Daß die hiesigen Witzblätter hinter den Leistungen der anderen nicht zurückbleiben durften, ist natürlich. Sie haben denn auch ihre Arbeit im Schweiße ihres Angesichts verrichtet; geradezu gemein ist dabei der„Kladderadatsch" geworden. Wer einmal die Pfade des Servilismus betritt, sinkt allerdings schnell tiefer und tiefer, doch hat es den Schreiber dieses dennoch über- rascht, daß der„Kladderadatsch" schon auf dieser Stufe ange- langt war. Man hat nun endlich nach langem Jammer einen Trost darin gefunden, daß es ja doch immerhin nur ein kleiner Theil der Studentenschaft ist, der dem Umsturz huldigt, und der gute Heinrich v. Treitschkc hat es herausgefunden, daß die studirten Kreise niemals in ihrer Majorität sozialistisch gesinnt werden würden, weil ihre aristokratische(!) Gesinnung sie immer davor schützen werde. Was Herr v. Treitschke nicht alles entdeckt! Wie ich einmal gelesen habe, soll er aus einem dalmatinischen (slavischen) Adelsgeschlecht stammen: Da löst er als großer Histo- riker vielleicht auch noch die wichtige Frage, ob es ein räudiger oder bloß ein fetter Hund war, den einst die Dalmatiner zum Hohn dem Gesandten der Ungarn übergaben, als diese Tribut fordern wollten. Und vielleicht findet er sogar noch heraus, daß jener Hund seinen direkten Vorfahren angehörte, und daß sich von ihm die Räudigkeit so vieler heutigen Hunde herschreibt. Besagtem Hunde schnitten übrigens die Dalmatiner noch über- dies Schwanz und Ohren ab.(Heinrich, Heinrich!) Von diesem räudigen Hunde bis zu Most ist es allerdings sehr weit, doch muß ich diesen Sprung machen, und vom Lächer- lichen zum Erhabenen ist es ja auch oft nur ein Schritt. Die Vorträge Most's gegen Mommsen kann man ohne Ueberhebung, um mit Platen zu reden, bezeichnen als„eine große That in Worten". Es ist unzweifelhaft nichts geringes, daß die Sozial- demokratie auch auf diesem Gebiete der heutigen Aftcrwissen- schaft und ihren Vertretern immer energischer entgegentritt, und daß man im gegnerischen Lager die Bedeutung dieser Vorträge nicht unterschätzt, beweist die blaffe Wuth und krasse Lüge, die in den Berichten zu finden ist. Was ist da nicht alles entstellt, verdreht und geradezu gelogen! So z. B. sollen nach dem zweiten Vortrage die anwesenden Studenten gelacht und gepfiffen haben. Natürlich ist das nicht wahr, aber es schadet nichts: die meisten, welche das lesen, waren nicht zugegen und glauben es doch. Das Zeitunasgeschwistcr Wie mag's sich gestalten, Als um die Philister Zum Narren zu halten. So macht man heute öffentliche Meinung. Es wurde übrigens neulich einmal die Frage aufgeworfen, wie man die öffentliche Meinung von Berlin am besten bildlich darstellen könne, und man einigte sich dahin, daß es am besten wäre, wenn sich die zwanzig und einige Capitalisten, welche Be- fitzer von Berliner Zeitungen seien, als Gruppe photographiren ließen, da diese doch die sogenannte öffentliche Meinung personi- fizirten. Der Gedanke ist jedenfalls nicht ganz übel, dem Schreiber dieses wäre es angenehm, wenn besagte Herren nebst ihren Redakteuren und Redafteurchcn außerdem noch ausgehauen würden— natürlich in Marmor.— E. K. Irankfurt a. W., 21. Juli. Der„Vorwärts" Nr. 84 bringt eine Correspondenz aus Frankfurt, welche sich eingehend über die Verhältnisse der Frankfurter Societätsdruckerei ausspricht, an deren Leitung ich seit ihrer Begründung im Jahre 1860 theilnehme. Ohne die allgemeinen Erörterungen des Ein- senders berühren zu wollen, halte ich mich doch verpflichtet, einige von demselben vorgebrachte unwahre Thatsachen richtig zu stellen. 1) Allerdings ist in der Druckerei die Einrichtung getroffen, daß jährlich einigen Setzern oder Druckern Urlaub zu einer Er- holungsrcise gegeben wird, während welcher Zeit den Betreffen- den der Lohn nach einem festgestellten Satze weiter gezahlt wird. Diese Einrichtung ist nicht, wie der Einsender behauptet, unaus- geführt geblieben. Gegenwärtig haben zwei Arbeiter, die Setzer Sp. und F. von dieser Befugniß Gebrauch gemacht. Einer der- selben gebraucht seit mehreren Wochen eine Badccur in Wies- baden, der andere hat eine Reise angetreten. Sofort nach Rückkehr der Beurlaubten werden zwei Andere an die Reihe kommen. 2) Die in der Druckerei bestehende Spar- und Hilfskasie ist niemals als ein Versuch der Gcwinnbetheiligung oder überhaupt als Lösung eines sozialen Problems bezeichnet worden. Die Kasse wurde nach der Unterdrückung des Blattes im Jahre 1866, welche einen sechsmonatlichcn Stillstand der Druckerei herbeiführte(während deren die ohne unsere Verschuldung brod- los gewordenen Arbeiter ununterbrochen ein Minimum von festem Geld weiterbczahlt erhielten), von uns in's Leben gerufen, um den Arbeitern für alle Eventualitäten einen Nothpfennig zu sichern. Jeder Arbeiter zahlt wöchentlich 2 Mark ein, am Ende eines Jahres zahlt die Societätsdruckerei einen namhaften Zu- schuß. Dieser Zuschuß wird auf Conto eines jeden Arbeiters nach Maßgabe seiner eigenen Einlagen vertheilt. Selbstvcrständ- lich ist es nicht möglich, diejenigen an dem Jahreszuschuß Parti- cipircn zu lassen, welche vor Abschluß eines Jahres die Druckerei verlassen, da überhaupt nur einmal jährlich Rechnung gestellt wird. Der Einsender sucht jedoch die Sache so darzustellen, als halte die Kasse irgendwelche Einlagen der Arbeiter, welche im Laufe eines Jahres eingezahlt werden, zurück. Dies ist nach den Statuten der Anstalt nicht möglich und auch niemals vorge- kommen. Jeder Ausscheidende erhält bei seinem Austritt seine sämmtlichen Einlagen nebst aufgelaufenen Zinsen sowie seinen Anthcil am Zuschuß der Druckerei nach dem letzten Abschlüsse baar ausgezahlt. Die Kasse hat den Zweck, zu dem sie errichtet wurde, bis jetzt vollständig erfüllt; sie hat einer großen Zahl ihrer Mitglieder bei außerordentlichen Vorkommnissen durch Darlehen unter die Arme gegriffen, sie hat es Vielen möglich gemacht, die Mittel zur Begründung eigener Geschäfte anzusam- meln. So sind bereits zwei von Arbeitern begründete Gesell- schafts-Druckereien aus der Societätsdruckerei hervorgegangen; einige Arbeiter haben andere Geschäfte angefangen; die Hinter- blicbencn von zwei Verstorbenen haben namhafte Beträge ausgezahlt erhalten. Die Anstalt wurde im Jahr 1867 in's Leben gerufen. Ob- gleich alljährlich wie in jedem industriellen Etablissement ein gewisser Mitglicderwcchscl stattfindet und einmal sogar ein Masscnaustritt vorkam, schloß die Kasse doch Ende 1876 mit einem Bestände von 19384 Mk. 89 Pfg. ab. Die seit Anfang der Kasse ange- hörenden Mitglieder hatten ein Guthaben von Mark 1576, Mk. 1485, Mk. 1573, Mk. 1576, Mk. 1482, Mk. 1482:c. Es entspricht dies einer durchschnittlichen Jahresersparniß von 148 bis 157 Mark. Neben der Spar- und Hilfskasie besteht noch eine eigene Hauskrankenkaffe, zü welcher die Societäts-Druckerei ebenfalls einen ansehnlichen Jahresbeitrag leistet. Daß die Ein- zahlung der Wochenbcträge in der Societäts-Druckerei den Ar- vettern nicht übermäßig schwer fällt, wird sich aus einem der folgenden Absätze ergeben. 3) Ueber den in der Societätsdruckerei seit deren Begrün- dung erfolgten einzigen Strike geht der Einsender kurz hinweg und führt lediglich an, die Druckerei sei wegen„Tarifverletzung" vom deutschen Buchdruckerbanö ausgeschloffen worden. Dieser Strike fand im Jahre 1873 statt, zu einer Zeit, als die Lohn- bewegung jede gesunde Basis verlassen hatte.(Aha!) Eine„Tarifver- letzung" hat übrigens niemals stattgefunden. Die Differenz be- trug 80 Pfennig für die ganze Druckerei und war daraus ent- standen, daß für ein schwer leserliches Manuscript eine Extra- Vergütung von 80 Pfennig nachträglich verlangt wurde. Der deutsche Buchdruckerverband war von Anfang an zweifelhaft über die Berechtigung dieses Strikes(ganz abgesehen von der Opportunität) und er hat sein Urtheil nachträglich darüber ab- gegeben, indem er ohne irgend einen Schritt oder eine Erklärung unserseits die Druckerei wieder für Verbands- glieder öffnete. Daß ein Setzer seiner sozialdemokratischen Gc- stnnung wegen bei uns nicht Aufnahme gefunden habe, ist rein aus der Luft gegriffen. Es wundert mich nur, daß die Redaktion des „Vorwärts" etwas derartiges druckt, da sie sich über die Un- Wahrheit derartiger Verdächtigungen leicht bei den hervorragen- den Leipziger Parteimitgliedern vergewissern konnte.*) 4) Was von der angeblichen Bevorzugung einzelner Setzer gesagt ist, beweist nur, daß es immer noch Arbeiter giebt, die ihren eigenen Arbeitsgenoffen mit Mißgunst und gehässigen An- feindungen entgegentreten, wenn dieselben in Folge größeren Fleißes oder höherer Befähigung wöchentlich einige Mark mehr verdienen. Die ganze Sache beschränkt sich darauf, daß einigen ausgezeichneten Setzern die Telegramme, Markt- und Coursbe- richte übertragen sind, was etwas mehr als anderer Satz ein- bringt. Es wurde gewünscht, daß an dieser Arbeit abwechselnd alle Setzer theilnehmcn möchten. Dies ist jedoch im Interesse des Blattes nicht möglich, da die betreffenden Nachrichten größten- theils ganz kurz vor Schluß einlaufen, so daß eine Correctur nicht mehr möglich ist. Sie können daher nur Händen anver- traut werden, welche in Folge langjähriger Uebung mit der be- treffenden Arbeit ganz vertraut find. Ein früher gemachter Ver- such, einen Turnus einzuführen, mißlang gänzlich. Es handelt sich hier einfach um qualifizirte Arbeit, für die ensprechend höhere Leistung gewährt wird. 5) Schließlich kommt der Haupttrumpf des Einsenders: Es sei den Arbeitern die durch den Tarif bedingte Entschädigung für Nachtarbeit verweigert worden. Ich will ganz davon ab- sehen, daß die Societätsdruckerei eigentlich gar keinen Anlaß hätte, einen von einem Verbände festgestellten Tarif einzuhalten, uachdem sie von diesem Verbände selbst ausgeschloffen worden war und fast nur Nichtverbandssctzer beschäftigt. Deffenunge- achtet ist aber der allgemeine Tarif von keiner Druckerei Deutsch- lands bis heute pünttlicher eingehalten worden als von der Societätsdruckerei. Es handelt sich bei uns um keine regel- mäßige Nachtarbeit. Nur während der Reichstagssession hat jeder Setzer alle vier Wochen eine Woche Nachtdienst bis gegen 1 Uhr. In dieser Woche tritt er aber seine Arbeit erst um 1 Uhr Mittags an, hat also nicht mehr Arbeitsstunden als seine nicht am Nachtdienste betheiligten Collegen. Außer der Zeit der Reichstagssitzungen trifft die Reihe den Einzelnen noch weit sel- tener. Für diese Leistung eine Extravergütung zu gewähren(!) haben wir uns um so weniger veranlaßt gesehen, als gleichzeitig mit deren Einführung in Frankfurt in fast allen Druckereien der Lokalzuschlag von 20 auf 10 pCt. herabgesetzt wurde, während die Societätsdruckerei den in der Zeit des Hochgangs der Lohn- bewegung eingeführten Zuschlag von 20 pCt. unverändert beide- hielt und allein durch ihre Weigerung eine allgemeine und offi- zielle Herabsetzung des Zuschlags verhinderte. Dies verschweigt der Einsender, obwohl es ihm sehr genau bekannt ist. Daß unsere Arbeiter überhaupt einen auskömmlichen Verdienst haben, und daß ihnen auch die Zahlung der Kasienbeiträge nicht schwer fällt, ersehen Sie aus nachstehenden Ziffern. Laut der zu Ihrer Ansicht beigefügten Löhnungsliste, der Woche vom 8.— 15. Juli erhielten die 40 Setzer und Drucker der Societätsdruckerei, welche regelmäßig in Arbeit waren, bei zehnstündiger Arbeitszeit 1597 Mk. 60 Pfg. Dies ergiebt einen Durchschnittslohn von 39 Mk. 94 Pfg. pro Mann und Woche(Die Löhnungsliste liegt uns vor und bestätigen wir hiermit die Richtigkeit der Angaben. Red. d.„Vorwärts".), wobei zu bemerken ist, daß 3—4 sehr junge Leute darunter sind, welche kaum ausgelernt haben und daher nicht viel über 20 Mark verdienten. Ich verliere kein Wort darüber, ob die Ihnen hier geschil- derten Einrichtungen der Societätsdruckerei den Namen von arbeiterfreundlichcn verdienen oder nicht. Weder der Einsender noch ich selbst dürften in dieser Beziehung competente Richter sein. Die öffentliche Meinung wird sich nach Kenntniß der Thatsachen ihr Urtheil schon selbst bilden, Leopold Sonnemann. ßhcmnih. Zu den bevorstehenden Landtagswahlcn ist an Stelle unseres Genossen Bebel, der aus geschäftlichen Rücksichten die Candidatur ablehnte, Genosse Vahlteich als Candidat auf- gestellt worden. Als Gegencandidat fungirt der bekannte national- liberale Kaufmann Rothe, der hier ungefähr dieselbe Rolle spielt, wie der Kaufmann Sparig in Leipzig; es dürfte also in dem Wahlkampfe an erheiternden Intermezzos nicht fehlen. Nkudenz, 28. Juli. Sämmtliche Arbeiter- Bildungsvereine Vorarlbergs sind wegen Statutenübertretung, die die Telegirten in Lindau durch ein Bcgrüßungs-Telegramm an den Sozialisten- Congreß in Gotha begangen haben sollen, aufgelöst worden. Srüflet. Die hiesigen deutschen Arbeiter haben sich, um ihre Interessen zn wahren, zu einem Verein zusammengeschaart.— Allen nach Brüssel reisenden Landsleutcn diene dieses zur Nach- richt, und bitten wir, sich an unterzeichnete Adresse zu wenden. N. F. Rothmayer, Uue äe I'Lwpereur 24. Mit sozialdemokratischem Gruß Der Vorstand. Alle Parteiorgane werden um Abdruck gebeten. Briefkasten der Redaktion. W. G. in Jessnitz: Wenden Sie sich an die Re» dakiion der„Chemnitzer Freien Presse". der Expedition. Töpserverein Hamburg: Das Annoncendepo- siwm ist bis auf 70 Pf. erschöpft.— A. Z. in Calbe a. S.: Senden Sie 5 Mk. per Posteinzahlung und Sie erhalten das Gewünschte frei zugesandt. Quittung. Tttmnn Dieburg Ab. 1,0(1. Wich hier Ab. 1,80. Bnich Leopoldshall Anw 1,00. Hnzl Kiel Ann. 1,20. F. find d. Gb Hamburg Ab. 100,00. Grbnstn Lindenau Ab. 32,75. Brggmr Snesen Ab. 13,00. Rw Altona Ab. 40,55. Zhtnr Darmstadt Ab. 22,72. Mcknsy Düsseldorf Ab. 4,40. F. Wß Christophsgrund Ab. 9,60. Wlprs Hannover Ann. 1,80. Zndr Brgl Ab. 7,60. Krftnr Wien Ab. 1,60. Tschlrbnd hier Ann. 0,90. Ullrch hier Ab. 50,00 u. 5,25. H. LgS Hannover Ann. 3,00, Schr. 0,60. Krankenkasse der Kürschner ec. hier Ann. 2,40. Schrmr Lübeck Ab. 10,20. W. Mllr Mannheim Ab. 40,00. H. Frbrgr d. Hgr Plauen Schr. 6,00. I. Hßnr Mainz Ab. 37,00. I. Frtz Lffenbach Ab. 29,50. I. Oßmnn Erfurt Ab. 21,00. Slbrhrn Eßlingen Ab. 11,87. Albtz das. Ab. 12,20. Expedition der„Tagw." Zürich Ab. 321,24. Volksbuchhandlung Zürich Schr. 173,76. Fonds für Gemaßregelte. V. Arbeiterverein Plagwitz d. Q. 2,05. Arbeiter-Wahlverein. XJvU/llUU Sonntag, den 5. August, Nachmittag 4 Uhr, im Lokale des Hrn. Florian, Molkplatz: Mitglieder-Verstlinmiling. Wegen wichtiger Besprechung ersucht recht zahlreich zn erscheinen 80)(F. 40) Der Vorstand. Sonntag, den 5. August, im„Parkhause" (Herrenhäuser Allee): Sommerfest der vereinigten Gewerkschaften bestehend in Concert und Ball. Anfang Besuch bittet(F 160) 4 Uhr. Um zahlreichen Das Comits.(180 CA/t-ttltriftor Sozialdemokratischer Wahlverein. «�HUUlVlAl-. Sonnabend, den 4. August, Abends 3>/, Uhr, im Vereinskokale Mittelstraße 11:(F. 163)(60 Geschlossene Versammlung. Tagesord.: Abrechnung und Verschiedenes. Der Vorstand. Am Sonntag, den 19. August, findet in dem Saale des„Parkhauses" vor Herrenhausen das Hannover. diesjährige statt, bestehend in Karten sind bei Es ist Pflicht der sorgen. .Wahlverems �oncert und Ball. Anfang Nachmittags 4 Uhr. Rudolph und in allen Versammlungen zu haben. Parteigenossen, für die möglichste Verbreitung zu (F 163)_ Die Fest Commission.[240 ♦) Wir kennen keine„hervorragenden" und überhaupt keine Partei- Mitglieder, die uns über den ftaglichen Puntt hätten Aufklärung geben können. Red. d.„V." An die Partei- und Gesinnungsgenossen Obcrschwaben» in Württemberg. Uebcrall, wo keine Agitation betrieben werden kann, scheint der Bo- den für unsere Sache verloren zu sein, was zwar bei uns nicht ganz zutrifft, aber die Verbre'tung unserer Ideen geht noch sehr langsam, und die Ansichten der Gesinnungsgenossen können nicht zur Geltung ge- langen. Um nun diesem entgegen zu wirken, werden die Partei- und Gesinnungsgenossen, wie die Leser der Partdiblätler aufgefordert, nit Unterzeichnetem in Correspondenz zu treten, um die nöthigen Schulte zur Förderung unserer gerechten Sache zu thun; möge Jeder �eine Meinung zur Geltung bringen. Schussenried(Württemberg). Mir sozialdemokratischem Gruß Mag. Kiene. Druckfehlcrberichtigung. In der Notiz über Dortmund in der sozialpolitischen Uebersicht muß es anstatt Gewerbeschutz Geoerbeschule — in der Notiz über den Arbeilerausstand in Nordamerika anstatt Monsttesitzung Ministersitzung heißen. CHpf Lusttour des Flensburger Sängerbundes mit Dampf- tlVlLl.. schiff„Holsatia" nach Kiel am Sonntag, den 5. August. Hemüthkiche Zlnterhattung und ZZalk im„Stysium". Enlree für Herren 50 Pfg., für Damen 20 Pfg. Die Flensburger Genossen legitimirt die Fahrkarte. Anfang Nachmittags 4 Uhr.(2,10 Um zahlreiche Betheiligung ersucht(F. 181) Das Comitv des Kieler Arbeiter-Sängerbund. Bund der Tischler u. verwandter Bernfsgenossen. l�Ll�kgllz. Sonnabend, den 4. August, Abends V-l) Uhr, im Saale des Hrn. Michael, Windmühlenstraße 7: Oeffentliche Mitgliederversammlung. Tagesordnung: 1) Vortrag; 2) Bundesangelegenheiten. Allseitiges Erscheinen erwartet Der Borstand.(70 Otminpr Sonntag, den 6. August, Nachmittags 4 Uhr) im �lUUllli. Lokale des Hrn. Oppenborn:(F. 210) Gähler-Versammlung. Tagesordnung: Die Neuwahl im 9. hannöverschen Wahlkreis. Refe- rent Hr. Kaiser._[60 Im Verlage der Leipziger Genossenschafts-Buchdruckerei erscheint in den nächsten Tagen und ist durch die unterzeichnete Buchhandlung zu beziehen: Der arme Conrad. Jllustrirter Kalender für das arbeitende Volk pro 1878. (Dritter Jahrgang.) Gegen die Vorjahre bedeutend vergrößert(132 Seiten stark). Znhalts-Utrftichniß. Vorwort, mit gedrängter Statistik über die letzten Reichstags- wählen.— Vollständiges Kalcndarium(protestantisches, katholisches, Sonnen- und Mondwechsel, Tages- und Nachtlängen-c.).— Umsonst geopfert. Erzählung von Robert Schweichel. Glück und lanaes Leben. Episode nach dem Leben von Carl Hillmann.— Die Er- Ziehung znr Ungleichheit nnd Unfreiheit. Bon X. I. Z.— Ludwig Börne(Biographie). Mit Portrait.— Die Wiener Arbeiter von 1848. Von Wilhelm Blos.— Weihnachtsbilder aus einem Proletarierlcben. Von F. W. Fritzsche.— Die Werththeorie. Kapitel aus der politischen Oekonomie von H. Oldenburg.— Eine Epistel zur Kindererzichung. Von Emil Roßbach.— Die Wichtig- keit der Grund- und Äodenfragc. Von Georg Vollmar.— Der Himmel. Narurw.ssenschastbche Skizze von 38. Bracke.— Saint Simon(Biographie). Mit Portrait.— Die dümmste Frau. Humoreske.— Die Menschenaffen. Mit Illustrationen.— Die Pariser Commune. Von X. X.— Gedichte:„An die Reichen" von Viktor Hugo;„Aus der Jugendzeit" und„Der alte De- mokrat" von Aug. Geib.— Anekdoten. Sinnsprüche. Räthsel. Sprüchwörtcr. Wichtige Entdeckungen und Erfindungen.— Marktverzeichnisse, nach Provinzen eingctheilt.— Ebbe- und Flnth- Tabelle. Die Illustrationen sind von bewährten Künstler« gezeichnet nnd geschnitten. Trotz der gediegenen rnd reichhaltigen Ausstattung kostet der Kalender geheftet nur 49 Psi, gebunden und mit gutem Schreibpapier durchschossen 60 Pf., gegen baar oder Postvorschuß. Den Bestellern von Einzel-Exemplarcn ist anzuempfehlen, für jedes Exemplar beochirt 59 Pf., gebunden 79 Pf., einzusenden, wofür wir es franco per Kreuzband zusenden. Die Lieferung des Kalenders erfolgt nur gegen baar oder Postnachnahme. Iirei- Kremptare werden nicht gcgcven. Auf Posten von 1 Dutzend aufwärts berechnen wir S'm i*'■ r I----- Allg. deutsche Assoziations-Buchdruckerei zu Berlin. (Eingetragene Genossenschast.) 80., Kaiser-Franz-Grenadierplatz 8a. 2 Tr. SflT* Besteller aus dem Norden wollen ihre Aufträge nach Berlin, diejenigen aus Süd- und Mitteldeutschland nach Leipzig adressiren._ Verantwortlicher Redakteur: Hermann Helßig in Reudnitz-Leipzig. -itdal'»n und Expediten Färberstraße 12/11. tu Leipzig. Druck und Verla« dr Veu»5-nschattsbuchdrucktrei in Lechzt