Erscheint in feipitg Mittwoch, Freitag, Sonntag. Adonnemenlspreis tue da!i,j Teutickland 1 M. SV Ps. pro Quartal. MonatS. Abonnements «erden bei allen deutschen Postanstalten Olli den S. und u. Monat, und aus den i. Monai besonders angeiioinmen: im stSnigr. Sachsen und Herzoglh. Sachsen- Altenburz auch aus de» Ileu Monat ded Quartals k 54 Pfg. Inserate betr. Bersammlungen pr, Petitzeile 10 Pf,, betr, Prioataugelegenheiten und Feste pro Petitzcile 30 Ps. ZZeltkllungen nehmen an alle Pollanstalten und Buch. Handlungen des In- u, Auslandes. Filial- Expeditionen. Neio-Aork: Soz,-demo!r. Aenoflcn- ichaftsbuchdruckcrci, 134 dliiirivixe 8rr, Philadelphia: P. Haß, sgv üortli ZeU Street. I. Voll, 1129 Charlotte Str. Hoboken N.J.: F. St. Sorge, 215 JVnsh- inyton Str. Chicago: A. Laufermai n, 74 Ctydcmnieavc. San FranziSco: F. Entz, 418 V'k'arreU Str. London W.: C. Henze, 8 �cw*5tr. Golden Square. Gentrai' Hrgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 102. Freitag, 31. August. 1877. Abonnements aus den„Vorwärts" str Monat September zu 55 Pfennig werden bei allen dentschen Postanstalten, für Leipzig pro Monat zu 60 Pf. bei der Expedition, Färberftr. 12 II, unserm Colporteur Moritz Ulrich, Südstr. 12, in den Filialen: Cigarrenladen des Hrn. Peter Krebs, Ulrichsg. 60, und Sattlerwerkst, am Königs- platz 7; für die Umgegend von Leipzig bei den Filialexpeditionen: für V»rkmarsdorf, Weudnitz, Aeuschönefeld:c. bei Frau Engel, Reudnitz, Täubchenweg 29, 2 Tr., für ßsnnewitz:c. bei Hackert, Kurze Str. 10 part., für Kleinzschocher u. Umgegend bei Trost, Hauptstr. 10/ l, für Thonberg bei B ö s ch, Hospitalstr. 39/11, Leipzig, Äcureudnitz bei Zschau, 15 1, für Wtagwitz» Lindenau bei Frau Gräfeustein, Aurelienstr. 3, für chohlis sc. bei A. Hermsdorf, Lindenthaler Str. 7, für Ktötterih bei Grude, An der Papiermühle, angenommen. Für Merlin wird auf den„Vorwärts" monatlich für 75 Pf., frei in's Hans abonnirt, bei der Expedition der„Berliner Freien; Presse", Kaiser-Franz-Grenadier-Platz 8s, und bei Rüben ow, Brunnenstr. 34, im Laden. Zur Todtenseier. Es ist ein alter Spruch, tief in die Herzen der Menschen eingegraben:„Die Todten soll man ehren!" Und wenn dieser Spruch schon im Allgemeinen Giltigkeit hat, so ist er um so zutreffender, wenn man diejenigen Todten vor- Msweise in's Auge faßt, welche der Menschheit Dienste, große Dienste geleistet haben. Deshalb ist es auch Pflicht des Proletariats, aller der hin- gestorbenen Vorkämpfer seiner großen Sache, aller der edlen Männer zu gedenken, welche in rastloser Mühe ihre ganze Ar- best, ihr ganzes Sein, ihr Leben selbst geopfert haben für die Idee der Erlösung der Menschheit. Deshalb ist es Pflicht aller Sozialisten, der todten Kämpfer zu gedenken, welche die Wege bahnten und erleuchteten, die zu dem Ziele der Menschenverbrüderung führen. Da sehen wir vor unseren Blicken die Leichen der in Frank- reich gesallencn Helden, die im Jahre 1848 und 1871 ihr Blut für die Freiheit und die Brüderlichkeit verspritzten; wir erblicken die glühenden Felsen und pesthauchenden sümpfe von Cayenne und Neu-Caledouien, in denen die Gebeine unserer tapferen Brüder modern, welche von ihren kaiserlichen und„rcpublika- Nischen" Schergen ihrer Liebe zur Gleichheit und zum Rechte halber langsam dahingemordet wurden. Da ragen empor vor unserm Geiste Babeuf, der erste mo- derne Sozialist, und Owen, der stille Denker, und Fourier; dann sehen wir die Heldengestalten, Delescluze und Flourens, die mit ihrem Blute ihre Treue zur Sache besiegelten. Doch wer kann sie alle zählen, die Denker und Kämpfer, die im stolzen Frankreich und in den grünen Gefilden Englands ruhen, oder deren Gebeine in der Verbannung bleichen. Robert Blum— erschossen in der Brigittenau bei Wien—, ein Kämpfer für das Recht, den zwar die Bourgeoisie für den ihrigen hält, der sich aber mit Abscheu von ihr abwenden würde, wenn er ihr schmähliches Treiben sähe. Er wirkte mit bestem Willen für das Volk, und wenn ihm auch die zu erringenden Ziele nicht völlig klar vor Augen standen, so war doch sein Streben lauter und rein und er besiegelte seine Liebe zum Volke wit dem Tode— deshalb ist auch er einer der Unseren. Der große deutsche Dichter Georg Herwegh, der alte treue Heß und der edle, selbstlose Königsberger Philosoph Johann Jacoby— sie haben wir erst kürzlich verloren und betrauert; doch auch heute wollen wir ihrer, wie aller anderen gestorbenen Borkämpfer, in hoher Liebe gedenken. Weshalb aber wählen wir zu dem allgemeinen Gedenktag den heutigen Tag, weshalb wählen wir zu solchem Zweck den 31. August? Jede Partei, die ihrer Todten gedenkt, bestimmt einen Tag �m Jahre zu solcher Feier, da sie nicht den Todestag jedes ein- Zelnen Vorkämpfers zu einem Gedenktage machen kann. Den 31. August aber haben wir Sozialisten Deutschlands zu solchem Gedenktage auserkoren, weil wir an ihm einen der größesten Kämpfer, für die deutsche Arbeiterbewegung aber den größesten verloren haben— Ferdinand Lassalle. Ihm gebührt die That, die kühne That, die rothe Fahne, Nachdem sie Jahre lang zertreten und'zerfetzt auf der Erde lag, wit fester Hand lvieder aufgerichtet zu haben, unbekümmert um die grenzenlosen Schmähungen und Anfeindungen, welche ihm darob zu Theil wurden. Wir wollen' hier kein Lebensbild des genialen Todten ent- rollen; wir wissen, daß dasselbe mit leuchtenden Buchstaben ein- geschrieben ist in den Herzen der Proletarier aller Länder. Sein Wirken, sein Schaffen steht lebensvoll und groß vor uns— es ist die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands. Die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands hat die Führer- schaft der sozialistischen Propaganda in allen Culturländern übernommen. Außer einigen Wirrköpfen, welche durch ihre anarchischen Bestrebungen die Welt auf den Kopf stellen möchten, kommen die Proletarier aller Länder immer mehr zu der Ueber- zeugung, daß sie in dem festen Zusammenschließen zu einer po- «tischen Partei das einzige Mittel haben, die Prinzipien des Sozialismus zur Wahrheit zu machen. vM Frankreich, England und Italien, in Dänemark, Belgien Und der Schweiz und neuerdings in den Vereinigten Staaten von Nordamerlka sehen wir die Arbeiter geschloffen als Partei auftreten und selbstständig in der politischen Arena, namentlich er den Wahlen, den Kampf mit großem Geschick und Opfer- wuth führen. Das ist der Lassalle'sche Gedanke, das ist der Lassalle'sche Feuerbraud, den er unter die Massen geschleudert und der jetzt hochauflodert, daß er zur Leuchte geworden allen Völkern der Erde. Ja, das Verdienst, daß die deutsche Arbeiterpartei so von den Feinden gehaßt und gefürchtet, von den Arbeitern aller Cul- turländer als nachahmenswerthes Vorbild betrachtet wird, und daß sie an der Spitze der sozialistischen Bewegung marschirt, gebührt im Wesentlichen Ferdinand Lassalle. Er war es, der von sich sagen konnte, daß er sein ganzes Leben dem Wahl- spruch:„Die Wissenschaft und die Arbeiter!" gewidmet, und der denn auch mit den in der Stille seiner Studirstube ge- schmiedeten geistigen Waffen den Arbeiterstand ausgerüstet und ihn zum Kamps gegen das herrschende Ausbeutungssystem auf- gerufen hat. Und fort und fort wirkt sein Wort, mit Begei- sterung erfüllt es die Herzen der Arbeiter und treibt sie an, allen Widerwärtigkeiten zum Trotz, muthig auszuharren und un- entwegt dem Ziele zuzustreben.--- Es war eine traurige Kunde, heute vor dreizehn Jahren, die blitzschnell durch die deutschen Gauen lief, die wenigen inhalt- schweren Worte: Lassalle ist todt. Hochauf athmcten die Feinde, die da glaubten, daß mit dem einen Manne auch die proletarische Bewegung zu Grabe ge- tragen werde— so sehr fürchteten sie den einen Mann. Das Volk aber trauerte tief und innig, es war ihm der beste Freund geraubt; doch es wußte dieser Trauer den richtigen Ausdruck zu geben. Es schwur bei dem Andenken des großen Todten, der Sache und sich selbst treu zu bleiben— und diesen Schwur hat das Volk gehalten und dadurch dem großen Vor- kämpfer, Ferdinand Lassalle, das schönste Denkmal gesetzt, ein Denkmal, welches dann noch in herrlicher Schöne leuchten wird, wenn längst die Siegessäule in des deutschen Reiches Haupt- stadt, wenn längst alle marmornen und erzenen Statuen von Schlachtenmeistern und Völkerbedrängern dem nagenden Zahne der Zeit zum Opfer geworden find. Ja, der beste Freund war dem Volke geraubt, aber sein Erblheil, das lebendige Wort in seinen Schriften und die Erinnerung an seine Thaten, ist dem Volke geblieben, und so kämpft Lassalle noch immer in der großen Volks- bewegung, er trägt die Fahne voran und freudig folgen ihm die Mannen der Arbeit. So lebt er noch immer, der Denker, so streitet er noch immer in erster Reihe, der Kämpfer. Trauern wir um den Todten, freuen wir uns aber über den Erfolg, den das deutsche Volk schon bis jetzt errungen und den es zum großen Theile Lassalle dankt. lind war sein Verlust auch ein noch so schmerzlicher, ein allzufrüher, so wollen wir an diesem Tage, am Tage der allge- meinen sozialistischen Todtenseier in Deutschland, in Bezug auf Lassalle doch das Eine nicht vergessen, daß ein früher Tod meist auch ein schöner Tod ist— damit tröstete auch unser geistvoller Parteigenosse Carl Marx die Freundin Lassalle's, in- dem er ihr kurz nach dem Tode desselben schrieb: „Er starb jung— im Triumphe— als Achilles!" Zum Hastpslichtgesetz hat das Reichs-Oberhandelsgericht folgende für die Arbeiter be- sonders wichtige Entscheidung gefällt: Die erwerbsunfähige Mutter oder sonstige erwerbsunfähige Verwandte einer beim Eisenbahnbetrieb verunglückten Person, welche beim Leben die Mutter resp. sonstige Verwandte zu unter- stützen verpflichtet war und auch wirklich entsprechend unterstützt hat, haben einen Anspruch gegen die Eisenbahn- Gesellschaft auf Gewährung jener fortlaufenden Unterstützung an Stelle des Ver- unglückten. Dieser Entscheidung liegt folgender interessanter Fall zu Grunde.— Die Wittwe O. in Berlm, eine kranke und arbeitsunfähige Person, hatte 5 Söhne und eine kleine Tochter. Von diesen ernährten sich die drei ältesten als Handwerker und unterstützten die Mutter, so weit ihre Verhältnisse dies gestat- teten. Einer dieser Söhne, ein Eisenbahuarbeiter, welcher von seinem Arbeitslohn, im Betrage von 27 Sgr. täglich, der Mutter monatlich 8 Thaler abgab, verunglückte eines Tages beim Be- triebe der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn, und der alten Frau war durch den Tod des Sohnes zum Theil die ihr bisher gewährte Unterstützung entzogen. Dieselbe beanspruchte von dem preußischen Eisenbahnfiscus die Bewilligung einer fortlaufenden Rente an Stelle des verunglückten Sohnes und machte, da ihr die Unterstützung mit dem Hinweis aus die beiden andern er- werbstüchtigen Söhne, welche die Mutter weiter zu unterstützen hätten, verweigert wurde, ihren Anspruch gerichtlich geltend. Das Kammcrgericht verurtheilte auch� den Eisenbahnfiscus zur Gewährung der beanspruchten Unterstützung und die dagegen eingelegte Revisionsbeschwerde wurde vom Reichsoberhandelsge- richt zurückgewiesen, indem dasselbe unter Hinweisung auf die ge- setzliche Verpflichtung der Kinder, ihre mittellosen Eltern zu er- nähren, betonte, daß die Eltern die Klage auf ihre Ernährung nicht gegen alle gemeinschaftlich verpflichteten Kinder richten müssen, sondern auch allein gegen eines der Kinder richten können, und somit auch im vorliegenden Falle die Mutter gegen den an Stelle des verunglückten«söhne? getretenen Eisenbahn- fiscus ihr Recht auf Alimentation geltend machen kann.„Wird erwogen", bewerft weiter das Reichsoberhandelsgericht,„daß der Unterhalt der Klägerin in Berlin zweifellos jährlich gegen 300 Thaler kostet und daß deren zweiter, jetzt als Gemeiner beim Militär stehender Sohn, sowie die beiden jüngsten Kinder, der 15jährige Lehrling Otto und das 12jöhrige Schulmädchen Anna, selbstredend zum Unterhalt ihrer Mutter nichts beitragen können, so bleiben außer dem Verklagten nur noch der älteste Sohn, der s Sattlergeselle, verheirathet und Bater zweier Kinder ist, und der ' dritte Sohn, der 19jährige Arbeiter O. übrig. Selbst wenn man annehmen wollte, daß die beiden letzteren Söhne in gleichem Maße wie der Getödtete zum Unterhalte der Klägerin beitragen - könnten, so würde Jeder von ihnen jedenfalls monatlich 8 Thlr. beitragen müssen, um die erforderlichen Unterhaltungskosten von monatlich 24 Thaler zusammen zu bringen. Diese Berechnung ist aber jedenfalls nicht einmal zutreffend; denn nach den noto- rischen Verhältnissen eines verheiratheten, mit zwei Kindern ge- segneten Sattlergesellen und eines unverheiratheten 19jährigen — selbst gesunden— einfachen Arbeiters in Berlin wird kaum anzunehmen sein, daß diese einen monallichen Beitrag von zu- sammcn 16 Thalern zum Unterhalte ihrer Mutter gewähren können... Daß der Arbeitslohn für die Arbeit, mit welcher sich der Verunglückte befaßt hatte, von 27 Sgr. auf 25 Sgr. täglich jetzt gesunken sein soll, ist ohne Gewicht. Vorerst ist der Zeitpunkt des Todes, wo der Lohn unstreitig 27 Sgr. betrug, entscheidend. Geringe Lohnschwankungen nach oben oder unten gleichen sich in der Zeit aus, verdienen also auch nicht äugen- blickliche Berücksichtigung. Erst eine dauernde Herabsetzung der Löhne, sowie eine etwa später vergrößerte Leistungsfähigkeit der lebenden Kinder der Klägerin betreffs des Unterhaltes derselben würden dem Verklagten gemäß Z 7 des Reichs-Haftpflichtgesetzes das Recht geben, eine Minderung der Rente zu fordern. Sozialpolitische Uebersicht. —„Der krankhafte Eifer, mit dem neuerdings nach allem gehascht wird, was die Sozialdemokratie in ein milderes Licht setzen oder sie als weniger gefährlich erscheinen lassen kann"— dieser krankhafte Eifer gefällt dem für Knutenhiebe schwärmenden Professor Böhmert ganz und gar nicht und er begrüßt in seiner „Sozialistcnstampfmühle" mit großer Freude, daß ein Corre- spondent der„Augsb. Allg. Ztg." vom Mittelrhein(Saarbrücken?) sich gegen solche„Krankheitserscheinung" wendet. Wir können von solchem krankhaften Eifer nichts spüren, wir sehen vielmehr einen ftankhaften Eifer, die Sozialdemokratie zu verfolgen— die jüngsten Verurtheilungen von Bebel, Vahlteich, Hackenbergcr und Kaulitz, dann die Fest- und Versammlungsverbote, die Rüpe- leicn in den liberalen und konservativen Zeitungen und auch das Böhmert'sche Schmutzblättchen selbst, geben davon reichliches Zeugniß.— Doch alle diese krankhaften Verfolger erhalten ihren Lohn. Der Chemnitzer Assessor Böhmer ist von der Nemesis erreicht; Professor Böhmert leidet an übergroßer Wissenschaft- lichkeit; Tessendorff sieht sich immer von Sozialdemokraten ver- folgt, im Wirthshause, auf der Straße und gar im Traume; der Gerichtspräsident in Saarbrücken leidet an„Humanität" und wollte Genossen Kaulitz zur Arbeitsscheu verführen, indem er be- hauptete Kaulitz sei kein Arbeiter; Dr. Rüder zu Leipzig aber leidet an Bismarckomanie— er stellt bei den geringsten Vor- kommnissen gegen den„Vorwärts" und gegen die„Fackel" Straf- antrage. So werden noch alle hervorragenden Verfolger der Sozialdemokratie an ihrem krankhaften Eifer zu Grunde gehen. Wirklich„weit gebracht", hat es nänklich von den Strebern noch Keiner— benutzt werden sie und dann zur Seite geworfen. Man liebt wohl die Strebcrei, doch niemals den Streber! — Ter fortescamotirte Nothstand. Der„berühmte" Bolkswirth Lammers zu Bremen, der Redakteur des dort er- scheinenden Handclsblattes, veröffentlicht nämlich in der„Gegen- wart" einen Artikel, der von A bis Z das Thema variirt:„der Nothstand bestehh nur in der Einbildung". Die in Ber- lin erscheinende„Deutsche Volkswirthschaftliche Correspondenz" macht dazu folgende Bemerkungen: „Herr A. Lammers aus Bremen vollbringt in der neuesten Nummer der„Gegenwart" soeben die größte Boscoleistung der manchcsterlichen lmisser-tsire-Logik. In einem langen Artikel, „Unfindbare Roth", läßt er den Nothstand verschwinden. Das ganze volkswirthschaftliche Elend ist ihm eine Einbildungskrank- heit.— Wir rathen dem Berliner Vereine gegen Verarmung, seine geleerte Kasse mit Abdrücken der Lammers'schen AbHand- lungen zu füllen und allen Hilfesuchenden ein Exemplar davon zu geben, damit der eingebildete Hunger sie verläßt. Dasselbe Ämulet sei dem Pastor Witte in der Golgatha-Gemeindc em- pfohlen; der Nothstand in der Oranienburger-Vorstadt wird nach Vertheilung dieses Artikels sofort verschwinden. Ebenso werden die überall noch stattfindenden Steuer-Exekutioncn, Wechselklagcn, Subhastationen, Concurserklärungen durch Abdrücke der Lam- mcrs'schen Abhandlung wirksam zu beschwören sein. Namentlich die Stadt Cöln, aus welcher kürzlich eine schreckliche Concurs- statistik gemeldet wurde, mag sich durch Hrn. Lammcrs belehren lassen, daß diese wirthschaftlichen Halsbrüche nur Einbildungs- krankhciteu sind; desgleichen die alte Reichsstadt Franfurt a. M. hinsichtlich ihrer überhand nehmenden Subhastationen. Wie thöricht erscheinen die Legionen Selbstmorde aus geschäftlicher Verzweiflung, welche die Zeitungen allwöchentlich melden! In welche Lebenslust und Frcudenfülle würde sich die Desparation dieser„Cinbildungskranken" verwandeln, wenn man ihnen den Lammers'schen Aufsatz noch in dem verhängnißvollcn Augenblicke nahe bringen könnte! Und wie grundlos erscheinen uns ferner- hin die Klagen sentimentaler Schwachköpfe über die reducirten Löhne, wie uns solche soeben in einem Nothstandsberichte aus dem Voigtlande entgegentreten. Mögen die Gardinenweber ihren Wochejnverdienst von circa 5 Mark doch durch einige Exemplare des Lammers'schen Bosco-Aussatzes completiren und ihrer Roth ein jubilirendes Ende machen, indem sie in den geistigen Genüssen dieser unsterblichen I-sissor-ksire Leistung aus der See- und Handelsstadt Bremen schwelgen." Die„Dresdener Correspondenz" fügt hinzu:„Wie wäre es Deutschland stark abwärts geht nach dem alten Sprichwort: „Wenn man den Bogen zu stark anspannt, bricht er." — Eitle Mühe. Wie aus der Provinz Preußen mit- getheilt wird, wollen die dortigen Kaufleute eine Massenpetition an die Reichsregierung und den Reichstag richten, welche Abhilfe gegen das Auftreten der russischen Zollbeamten und den Wegfall der Grenzsperre verlangen. Wenn das bedrängte „Väterchen" aus eigenem Antriebe eine Aenderung nicht ein- treten läßt, so wird die Grenzsperre wohl ewig bleiben— von dem„Erbfreunde" läßt man sich allerlei Drangsale schon ge- fallen. — Nette Pädagogen, die durch Rohheit die Rohheit be- mit einem Denkmal für Herrn Lammers— vielleicht auf dem Blocksberge? Wir sind damit einverstanden, doch müßte Herr Lammers noch eine sehr große Begleitung haben— für die betreffenden Besenstiele würden wir gerne Sorge tragen. — Demoralisation in der Verwaltung der deutschen Marine. Der„Westfälische Merkur" berichtet aus Kiel:„Eine Untersuchung gegen eine Anzahl Zahlmeister der kaiser- lichen Marine wegen Unterschlagung resp. strafbaren Eigen- nutzes in der Verwaltung scheint weitere Dimensionen anzu- nehmen. Es sind bis jetzt sieben Beamte dieser Kategorie in Untersuchungshast genommen, wovon fünf in strengem Gewahr- sam sich befinden, den anderen gegen Caution freiere Bewegung gestattet ist. Dem Vernehmen nach handelt es sich um große kämpfen wollen. Es wird nämlich gegenwärtig in badischen Summen, in einem Falle nämlich um etwa 180,000 Mark. Lehrerkreisen eine Agitation zur Sammlung von Unterschriften Zunächst kommen die Expeditionen der letzten fünf Jahre in Be- für eine Petition an den Reichstag betrieben, welche gegen die tracht; ob man noch weiter zurückgehen wird, steht noch in Frage. Bestimmungen des Reichsstrafgesetzbuches bezüglich der Ahndung Für die Marineverwaltung ist diese Untersuchung sehr drückend wegen körperlicher Züchtigung von Schülern gerichtet ist. und für die Collegen furchtbar peinlich. Die Sache wird so Die Lehrer glauben in der Beschränkung des Rechts der körper- offen in Kiel besprochen, daß von einem Todtschweigen absolut' lichen Züchtigung und bei Ausschreitungen in der Anwendung nicht mehr die Rede sein kann."— In jedem Militärstaate desselben durch die gerichtlichen Verfolgungen und Bestrafungen tritt früher oder später die Corruption ein. Wir sehen es an die Autorität in der Schule beschränkt und begründen damit Rußland; wir sahen es an dem Napoleonischen Frankreich, und die Zunahme der Rohheiten bei dem heranwachsenden nun will das cäi'aristische deutsche Reich, wie es scheint, auf Äeschlechte. Die Petition wünscht deshalb, daß den betreffen- solchem Culturpfade auch nicht zurückbleiben. Glückliches Deutsch- den Strafbestimmungen eine andere und mildere Faffung gegeben land!— werde.— Noch vor circa 2 Jahren sind im deutschen Reichstag die Strafbestimmungen in Bezug auf Schlägereien und Körper- — Ueber die letzten Rekrutenaushebungen entnehmen! Verletzungen im Allgemeinen verschärft worden, nun soll der wir einem Artikel der„Posener Zeitung" folgende interessante deutsche Reichstag die Strafbestimmungen in Bezug auf die Mittheilungen: „Zunächst muß die Thatsache überraschen, daß das deutsche Rekruten-Contingent abnimmt. Es wurden nämlich aus- gehoben 1874 136,975, 1875 135,091, 1876 134,111 Mann. Diese Abnahme im Ganzen ist erfolgt, obwohl das von Elsaß' Lehrerrohheiten und Körperverletzungen mildern— eine merk- würdige Forderung. Uebrigens sind wir der Meinung, daß wo der Baculus in der Schule regiert, gerade dem heranwachsenden Geschlechte die Rohheit eingeimpft wird, Wenn ein Kind in der Schule schon immerwährend Prügel erhält, wird es als Er- Lothringen gestellte Rekrpten-Contingent von 3586 auf 4337 ge- wachsener seine Nebenmenschen auch mit Prügeln züchtigen und wachsen ist. Man ersieht daraus deutlich, wie die 1874 im An- seine Kinder mit Prügeln erziehen wollen.— Es lebe die Prü- schluß an das Rcichsmilitärgesetz stattgehabte Erhöhung des that- gelei auf Erden! sächlichen Präsenzstandes der Armee von 355,000 auf 385,000 Mann nicht eine vollständigere Durchführung der allgemeinen— Richtige Selbsthülfe. Unter dieser Ueberschrist reka- Wehrpflicht durch verstärkte Aushebung und somit eine Ver- stärkung der deutschen Kriegsarmee, sondern lediglich die Ver- längerung der Dienstzeit des einzelnen Mannes bei der Fahne bezweckt hat. Die französischen Aushebungen in diesen Jahren hatten mit den deutschen gleichen Schritt, nur mit dem Unter- schied, daß von den 136,000 alljährlich in Frankreich Ausge- hobenen über 42,000 Mann nur ein halbes Jahr bei der Fahne zu dienen brauchen, während unsere Rekruten bis auf wenige Trainfahrer und Schullehrcr drei Jahre dienen müssen. Die deutsche Aushebung wird in Europa gegenwärtig nur über- holt von der russischen. Rußland hob 1875 150,000 Mann, 1876, wohl in Vorbereitung des orientalischen Krieges, 172,000 Mann aus. Die wie bemerkt geringer werdende Aushebung in Deutschland wird nicht ausgeglichen durch eine Zunahme an Freiwilligen. Freiwillige traten ein 1875 16,069, 1876 15,963. Es folgt aus der geringeren Aushebungsquote auch nicht eine Zunahme der bei der Aushebung disponibel blei- b enden Mannschaft. Im Gegentheil hat die Zahl dieser Mann- schasten von 1874—1876 wie folgt abgenommen: 28,377, 22,094, 21,009. Am Unklarsten ist der Bericht in Betreff der Eni- Ziehungen von der Militärpflicht. Mit der Abnahme der Auswanderung überhaupt hat auch die Bestrafung Militärpflich- tiger wegen unerlaubter Auswanderung abgenommen. 1875 wurden 17,451 desfallsige Urtheile, 1876 15,393 gefällt. Die Zahl der noch schwebenden Untersuchungen dieserhalb verminderte sich von 17,698 auf 14,934. Aber groß sind diese Ziffern immer noch, wenn man bedenkt, daß schon auf 9 eingestellte Rekruten ein wegen unerlaubter Auswanderung Bestrafter kommt. Da- neben erheischt der Umstand Aufklärung, daß die Zahl der bei der Gestellung vor den Ersatzcommissionen unermittelten oder unentschuldigt Ausgebliebenen erheblich wächst. Die Gesammt- ziffern von 1874— 1876 sind: 135,734, 139,383, 145,221. Es kommt freilich in Betracht, daß diese Sumnien nicht vollständig der Wehrkraft verloren gehen. Mancher im ersten Jahr in dieser Summe steckende Wehrpflichtige gelangt im 2. oder in einem späteren Concurrenzjahr zur Gestellung. Geschieht dies nicht, so wird er in der Ziffer der Unermittelten. oder Unent- schuldigten der folgenden Jahre, so lange überhaupt seine Ein- stellmig noch zulässig ist, wieder mit aufgeführt."— Man sieht aus diesen Mittheilungen, daß es mit dem Militarismus in pitulirt die„Deutsche Allgemeine Zeitung" einen Artikel der „Social-Correspondenz", welcher die roheste Barbarei empfiehlt. Es wird nämlich erzählt, daß im Jahre 1856 in einem Kreise am Riesengebirge, dem der wahre Menschenfreund Graf Eberhard von Stollberg-Wernigerode als Landrath vorgestanden habe, folgendes Geschichtchen vorgekommen sei: „Das ganze von Schmutz und Ungeziefer starrende Gesindel, circa 80 Mann stark, wurde in der Kreisstadt zusammen- getrieben, wo man den Leuten kundgab, daß sie eine freie Arbeitergenossenschaft bilden sollen, welche unter einem Ausseher täglich 10 Stunden für einen bestimmten Lohn ar- beiten wollen. Der Aufseher(welcher ein allgemein geachteter Bürger des Ortes war) sei ihr bevollmächtigter Vorstand, welcher den Lohn für sie einzunehmen habe, sie speisen, reinigen und kleiden ließ, er sei sozusagen ihr Vormund. Nachdem sich diese Genossenschaft unter Aufsicht des Grafen Stollberg in einem Walde gegenseitig gewaschen, die Haare geschnitten und überhaupt radikal gereinigt und neu bekleidet hatte, wurde sie in unmittelbarer Nähe meiner Wohnung in einem großen Hause einquartiert. Es war vorauszusehen, daß einer oder der andere dieser Burschen von der Arbeit oder aus dem gemeinschaftlichen Wohnhause fortlaufen würde. Daher wurden die einzelnen Glieder der Genoffenschaft veranlaßt, ein Protokoll zu unter- schreiben, in welchem unter anderm ein Paragraph enthalten war, welcher Strafen festsetzte, die sie gegenseitig an sich zu vollziehen hatten. Es handelte sich hier um ein Pensum von K nutenhieben, und zwar für das erste Vergehen 5, für das zweite 10 Schläge jc. Da die Sicherheitspolizei sehr gut war, so konnte ein Entlaufener schon in wenigen Tagen wieder zur Arbeit eingeliefert werden, worauf der Delinquent im Kreise der Genossenschaft von Seiten eines Mitgliedes seinen verdienten Lohn ausgezahlt erhielt. Ich füge nur noch bei, dqß von sämmtlichen Mitgliedern dieser auf nicht ganz ge- wöhnlichem Wege zusammengetretenen Genossenschaft nur sehr wenige die Arbeit verlassen haben. Ehe ein halbes Jahr ver- ging, hatten die Leute sich an Arbeit und Ordnung gewöhnt, daß der Aufseher entlassen und die beregte„Genossenschaft" auf- gelöst werden konnte." Richtige Selbsthülfe! Heiliger Schulze aus Delitzsch— was sagst Du dazu?„Zusammengetriebenes Gesindel— Am Grabe Lassalle's. In Schlesiens Hauptstadt liegt ein Grab Verborgen unter Laubgcwinden, Ein Hariverfolgter sank hinab, Vor all' den Feinden Ruh zu finden. Aus seinem Staub sproßt ungepflegt Ein Rosenbusch in süßer Wonne. Mit zarten Rosen, die er trägt Empor zum gold'nen Licht der Sonne. Ein Stein, vom Proletariat Gesetzt, gar fest in Sturm und Wettern, Bezeichnet diese Ruhestatt Mit gold'nen, inhaltreichen Lettern. Alljährlich, pilgert nun hinaus Der Mann der Arbeit zu der Stätte, Er flieht die Werkstatt, läßt das Haus, Als wenn er ernst're Pflichten hätte; So ist's! Denn heute ging sein Hort Vor Jahren ein in's Reich der Geister, Als Erbe ließ das mächt'ge Wort Den Jüngern er, ein Hauch vom Meister. Und dieser Hauch durchzog die Welt— Ein warmer Odem für die Saaten, Die er gesä't— er starb als Held, Doch nimmer starben seine Thaten.-- Lassall' ist's, den im Tod man ehrt, Er war's, der die Partei geschaffen Die dankbar pflegt, was er gelehrt, Des Volkes blitzend-scharfe Waffen. D'rum laff't der Arbeit Fahne weh'n Lass't hoch sie in den Lüften prangen: Der Müssiggang muß untergeh'n, Die Arbeit muß zum Recht gelangen! Arthur Leißring. .freie Arbeitergenossenschaft"—„Knutenhiebe"!— Die Sache hat übrigens ihre zwei Seiten— entweder ist die Sache erfunden, so muß der Graf von Stollberg, wofern er Ehre besitzt, den p. P. Böhmert wegen verleumderischer Beler digung verklagen, da die ihm angedichteten Rohheiten ihn in der Achtung aller anständigen Menschen herabzusetzen geeignet sind; ist die Geschichte aber wahr, so schützt den Grafen nur die Ver- jährung vor dem Strafrichter. Möglich auch, daß der gereiste Mann diese jugendlichen echt junkerlichen Rohheiten, welche zwei deutsche Professoren, Böhmert und Biedermann, bewundern, tief bedauert. Ein„wahrer Menschenfreund" und Knutenhiebe— das erinnert allzusehr an die russische„Humanität" in der Bulgarei. — Im heiligen Rußland gestalten sich die Dinge nicht' so rosig, wie sie von der rubilisirten deutschen Presse gemalt� werden. Der nicht rubilisirte russenfreundliche„Hamburgische Correspondent" bringt nämlich aus Petersburg über die dortige Aushebung einen Bericht, der sonst auch rosig gefärbt ist, aus dem aber folgende bezeichnende Klage ertönt:„Zu begründeten Klagen haben nur das städtische Proletariat und die Söhne der) reich gewordenen und ungebildet gebliebenen Kaufleute und In- dustriellen Veranlassung gegeben. Aus den vorwiegend von Arbeitern bewohnten Stadttheilen„Ochta",„Petersbnrger" und � „Wyborger" Seite hatte sich am Gestellungstage kaum die Hälfte! der Verflichteten gestellt, so daß vielfach zur Aushebung! von Familienvätern, einzigen Söhnen und anderen« sog. Privilegirten geschritten werden mußte."— Wir hatten schon früher mitgetheilt, daß die neue Aushebung und die Ein- berufung der Landwehr deshalb so unangenehm in Rußland be- 1 rühre, weil die Privilegirten auch davon betroffen werden, und! diese unsere Mittheilung wird durch das Hamburger Blatt be-> stätigt.— Aus Petersburg erhalten wir von einem Russen direkt folgende Mittheilungen: Die in Moskau zurückgebliebenen: Kosaken sind von der Kriegsfurie dermaßen entbrannt, daß sie den größten Unfug,„Beute machen"(Diebstahl),„russische Hu-' manität"(Nothzucht) bei ihren eigenen Landsleuten trieben, in' Folge dessen sie aus der Stadt ausquarttert und durch Gensdar- merie ersetzt wurden.— Die Familien der im Kaukasus Auf- ständischen, welche die Russen anstatt der bewaffneten Männer! muthvoll gefangen genommen haben, 6000 an der Zahl, sind nach den nördlichsten Gouvernements Nowgorod zc. ec. verbannt I worden, um sie durch das kalte ungewohnte Klima dem Tode � zu überantworten.— Die Gardeoffiziere in Petersburg waren j an dem Tage, als die Mobilmachungsordre erfolgte, sämmtlich i so besoffen(wir können uns keines gelinderen Wortes bedienen), daß sie sich die gröbsten Flegeleien und Unzüchtigkeiten gegen- die Einwohner, besonders gegen die Frauen erlaubten.— Der Ortsclub in Wladikawkos hat die Offiziere von einem öffentlichen � Aufzuge wegen allerlei Unanständigkeiten ausgeschlossen.-- i Alle diese Nachrichten bekräftigen uns in unserer Meinung, daß> wir Alles thun müssen, uns die russische Kultur und Humanität vom Leibe zu halten. — Der Schipkapaß ist von den Truppen Suleiman's er- stürmt worden: 50 Kanonen sollen ihnen in die Hände gefallen sein. Die Russen eilen ihrem düstern, wohlverdienten Geschicke i schnell entgegen.— In Asien hat Mukthar Pascha wiederum einen entscheidenden Sieg erfochten. Der russische Oberbefehls- Haber Loris Melikof ist abgesetzt und durch den Fürsten v. Mirski ersetzt worden. — Auf dem letzten Soziakiken-Eongreb in Gotha ward beschlossen, wie im„Vorwärts" bekannt gemacht und auch in' den übrigen Parteiblättern mitgetheilt wurde, ein monatlich ein- mal erscheinendes Blatt, die„Rundschau" herauszugeben. Dasselbe ist denn auch am 1. Juli unter Verlag und Redaktion« von H. Oldenburg in Hamburg erschienen und kommt Anfang> September seine dritte Nummer zur Versendung. Das Blatt ist im Interesse der sozialistischen Sache ge- gründet, und wäre es daher Pflicht jedes Parteigenossen, das- selbe zu halten und für die Weiterverbreitung zu wirken. Leider ist aber die Betheiligung bis jetzt nicht eine solche, wie sie sein sollte und könnte, wenn die Genossen der Wichtigkeit des Unternehmens angemessen, dafür eintreten würden. Wenn die„Rundschau" ihren Zweck erfüllen soll, so ist eine! regere Theilnahme für ihre Verbreitung geboten; diejenigen Leute, welche die Uebermittlung des Blattes an die Abonnenten« übernommen haben, sind nicht überall in der Lage, allein diese Was der große amerikanische Strike lehrt. Unser Chicagoer Parteiorgan der„Vorbote" bringt unter dieser Ueberschrist folgende Schlußbetrachtungen: Ganz abgesehen davon, ob der große Strike den Strikenden Nutzen gebracht hat, und ob dieser Nutzen im rechten Verhältniß zu den dabei gebrachten Opfern steht, ist daraus ein großer Gewinn für unsere Partei entstanden, daß er eine so weit- reichende Sympathie des Volkes erregt hat; daß er das ganze Volk wachgerufen hat, um sich für oder wider die Ausständigen zu erklären; daß er das Nachdenken über unsere ökonomischen Fragen mehr oder weniger bei jedem erwachsenen Einwohner des Landes in Anspruch genommen— sagen wir recht ökono- misch: daß er uns für eine oder ein paar Millionen Dollars Agitationskosten erspart hat.— Wir sind versucht zu fragen: war es eine ökonomische oder eine politische Organisation, welche diesen Ausstand, seine Folgen und besonders diese Agitation unsrer Sache auf die Tagesordnung gebracht hat?— Antwort: eine ökonomische. Weitere Frage: hätte— unter übrigens den- selben Umständen— eine rein politische Organisation denselben j Erfolg haben können? Wir müssen uns recht klar machen, was diese Frage bedeutet. Eine lokale oder selbst eine Staatswahl, welche das Programm und die Aemterbewerber unserer Partei siegreich gemacht hätte, konnte viel Aufsehen im Lande erregen, ohne deshalb gerade bei der Mehrheit der Arbeiter einen mehr als oberflächlichen Ein- druck zu machen; sie konnte unfern Gegnern einige Besorgniß gegenüber der neuaufstrebenden Partei einflößen, ohne sie des- wegen mit wirklicher Furcht zu erfüllen; sie konnte unsere Partei- genossen mit größerer Zuversicht auf weitere Siege anstecken, ohne ihnen die viel stolzere Gewißheit, die sie jetzt haben, zu verleihen, daß das arbeitende amerikanische Volk der Gesinnung und dem guten Willen nach bereits auf unserer Seite stehen; sie blieb immer blos ein Rechenexempel, welches die Frage nach der jetzigen Ausbreitung unferer Gedanken und Bestrebungen � beantwortete, ohne zugleich zu verrathen, ob das ganze arbeitende � Volk dafür empfänglich sei. ! Wäre nicht zugleich die ökonomische Organisation der Eisen- bahn-Arbeiter vorhanden gewesen und geeinigt in dem Vorsatze, ,chei erster Gelegenheit sich gegen die Höherhängung des Brod- korbes zu wehren, so wären nicht nur sie selbst durch Lohn- Herabsetzung noch wehrloser gemacht worden, sondern die Auf- regung des gesammten Volkes, welches durch diese Lohnvermin- derung mitbetroffen und durch den Stillstand des Großverkehrs an den Zusammenhang aller Volksintcressen tief erinnert worden ist, hätte eintreten können. Es hätte nicht an den Tag kommen können, daß die bewaffnete Macht einem hungernden Volke gegen- über unverwendbar ist; es wäre nicht jedem Auge klar geworden, daß der anerzogene gesetzliche Sinn der Amerikaner vor dem obersten Gesetze,„daß Roth kein Gebot kennt", schachmatt wird; es wäre nicht an's Licht getreten, daß unser Großkapital ebenso sehr des Blutdurstes und der rücksichtslosesten Herrschsucht fähig ist, als es die Pariser Bourgeoisie ist; es wäre nicht der Ein- fluß, welchen unsere Agitation immerhin schon erlangt hat, durch die hündische Presse vergrößert, und die Aufmerksamkeit der Millionen wäre nicht auf uns hingelenkt worden; die Gegner- schaft wäre nicht zu dem Versuche von Untcrdrückungsmaßregeln verlockt worden, an welchen sie jetzt zweifelsohne denken wird, und sie hätte uns dadurch nicht neuen Grund zu kräftigem Wider- stände geboten; es wäke nicht in einer Woche mehr von unsere» Bedürfnissen und von der gegnerischen Büberei gesprochen worden, als im Wege der Wahlagitation in mehreren Jahren möglich wäre. Eine politische Wahlagitation ist eben etwas hierzulande so Gewöhnliches, daß sie nur ausnahmsweise und vorübergehend einige Aufregung schafft. Der Strike, den wir eben erlebt, muß lange und tiefe Aufregung hinterlassen, hat bereits den Philister- sinn im ganzen Volke erschüttert und wird unfehlbar immer sich steigernde Folgen hervorrufen. Politische Wahlagitationen sind leider zu Schauspielen herabgewürdigt, bei welchen das Volt Zuschauer- und höchstens Statistenrollen spielt; bei einem ent- schloffenen Widerstande einer großen ökonomischen Organisation spielt jeder zunächst Betheiligte eine thätige Rolle mit, macht einen hohen Einsatz, der bis an Leben und Tod reichen kann» und setzt alle seine Kräfte in Bewegung; selbst eine ganze oder theilweise Niederlage bringt wenigstens seiner Sache Vorschub und macht ihn selbst ideell kampfeifriger; das ganze Volk aber wird am Ende mit in die Theilnahme am entschiedenen Kampfe gezogen... In allen hier erwähnten Rücksichten erweist sich die ökonomische Organisation als eine höchst politische, schnellst wirkende, ganz unerläßliche. Sie hat nur eine Schwäche: sie allein führt nicht i Arbeit besorgen zu können, und müssen deshalb die übrigen Ge- Nossen dieselben untrrstützen. Wir hoffen, daß nunmehr die Genoffen mit ganzer Kraft dafür eintreten, daß die„Rundschau" einen großen Abonnenten- stand erhalte! — Parteigenosse Baumann zu Nürnberg ist am Montag den 2V. d. M. aus dem dortigen Zellengefängnisse nach einer Haft von 21 Wochen entlasten worden. Russengreucl. Aus Adrianopel vom 18. August berichtet der Correspon- dent des„Daily Telegraph":„Ihren Instruktionen gemäße be- gab ich mich hierher, um die Lage der Tausende von türkischen Frauen und Kindern zu untersuchen, welche hier Zuflucht gesucht haben. Die Tragödien im Balkan stehen beispiellos da; noch nie war ein Krieg von solchen Schrecknissen begleitet. Vorbe- dachte, kaltblütige Grausamkeit hat hier ein Volk vom Erdboden weggefegt. Daß die Hospitäler hier von verstümmelten Männern voll sind, ist wohl keine Neuigkeit mehr; aber ein Spital voll von verwundeten Frauen, jungen Mädchen und kleinen Kindern, welche mit Schußwunden, Lanzenstichen und Säbelhieben bedeckt sind, hatte ich noch nie zu sehen Gelegenheit. All diese Greuelthaten sino das Werk der Kosaken; die Bulgaren hatten wohl auch ihren Antheil daran, aber die fürchter- lichsten müssen den russischen Soldaten zugeschrieben tyerden. Ich sah z. B. ein hübsches junges Weib— diese Unglück- lichen Geschöpfe verhüllen ihre Gesichtszüge nicht mehr—, das durch beide Arme geschossen wurde, als es sein Kind vertheidi- gen wollte, das kaum einen Monat alt war. Das Kind wurde getödtet, die Mutter von drei Kosaken geschändet. Ich habe noch einige andere Frauen über ihr Schicksal beftagt und wurde hierbei— dies zur Bekräftigung meiner Angaben— von Mr. Black, dem Leiter der Ottoman Bank, und dem britischen Consul Mr. Blunt unterstützt. Ein armes Weib, Namens Rabia, deren beide Söhne in Buk-el-Nuk verbrannt wurden, gab an: Als die Russen ankamen, wurden den Einwohnern die Waffen abge- uommen, die Männer wurden in eine Moschee, die Frauen in einen Pachthof gesperrt. Später wurden die Männer abgeholt und auf einen von großen Strohhaufen umgebenen Platz geführt. Hierauf wurde das Stroh angezündet, so daß die meisten Männer verbrannten. Die wenigen, denen es gelang, aus den Flammen zu entkommen, wurden erschossen oder erstochen. Dann machten sich llosaken und Bulgaren über die Weiber, welche nach vielen Mißhandlungen buchstäblich vor den Spitzen der Bajonnette aus dem Orte getrieben wurden. Das nächste Weib, mit dem ich sprach, hieß LÄahar aus Cisarluch. Ihr Gatte und ihre beiden Söhne wurden vor ihren Augen in Stücke gehauen. Eine in Haiderbay wohnende Wittwe, Namens Gimmi, verlor ihre beiden Söhne. Als die Kosaken und Bulgaren sich diesem Orte näherten, begann ein förmliches Gemetzel, bei welchem von 500 bis 600 Einwohnern höchstens 100 entkamen. Mehrere junge Frauen wurden öffentlich geschändet. und zwar von in der Nachbarschaft wohnenden Bul- garen. In Adrianopel selbst ist das Elend ein schreckliches. All' die Tausende Flüchtlinge find obdachlos, ohne Nahrung und Kleidung. Hier wäre der Humanität ein weites Feld geboten, aber die Humanität müßte sich beeilen, falls sie noch Wirkung zu erzielen hoffen wollte." Ein anderer Correspondent desselben Blattes schreibt aus Jeni-Saghra, 18. August:„Vorgestern begab ich mich in Be- gleitung des Kapitäns Fife, des englischen Militärattachös und zweier Spezial-Correspondenten engüscher Journale nach dem Städtchen Tanti. Dort sahen wir mehr als 120 Frauenleichen, welche schon größtentheils von Hunden angefressen waren. In einem Hause fanden wir die Leichen von zehn jungen Mädchen, von denen eines sehr hübsch gewesen sein mußte. Ihr Körper war völlig nackt; sie trug am Halse eine tiefe Säbelwunde. Nach den Mittheilungen, welche man uns hier machte, wurde dieses fürchterliche Gemetzel von Bulgaren und Kosaken ausge- führt, welche die Mädchen erst schändeten und dann förmlich ab- schlachteten. Es ist zu befürchten, daß die ganze türkische Be- völkerung hier von den Kosaken und Bulgaren ermordet worden ist. Die völlig glaubwürdigen Aussagen, welche wir hier sam- melten, lassen keinen Zweifel darüber, daß diese Unthatcn auf Anstiften der Russen begangen wurden."__ Die„Kölnische Zeitung" läßt sich von Tirnowa- Semeline einen Fall schreiben, den wir hier noch mittheilen wollen: Nicht allein die Aussagen der Flüchtlinge, das Selbstgesehene genügt, die Schandthaten der Moskowiter und ihrer würdigen Protegirten, welche Kinder und Frauen erwürgen, zu constatiren. In den Armen eines jüdischen Greises und über den Schooß einer neben ihm kauernden alten Jüdin ausgestreckt, liegt ein bildschönes jüdisches Mädchen, 16 oder 17 Jahre alt; der Kör- ver zuckt convulsivisch und der Mund ist krankhaft bewegt; die weiten türkischen Beinkleider sind über und über blutgetränkt. Ein junger Engländer mit der Binde der Stafford-House-Am- bulanz um den Arm— denn eine solche ist glücklicherweise im Lager aufgestellt— ist eben damit beschäftigt, dem unglücklichen Geschöpf eine calmirende Morphium-Injektion unter die Haut des Unterarmes zu machen; türkische Offiziere bilden eine theil- nahmsvolle Gruppe um das Mädchen, und unter ihnen befindet sich Tahir-Bey, des Sultans Adjutant.„Ecriver le ä Mr. Gladstone" ruft er mir im besten Französisch zu.„Vous l'avez vu!"„Dieses Geschöpf ist wahnsinnig, an 20 Kosaken und bul- garische Legionäre haben ihm Gewalt angethan!" Wo bleibt da die deutsche Reichsregierung, um Rußland an die Genfer Convention zu erinnern? Cörrechovcdenzen Düflekdorf. Anläßlich der bevorstehenden Anwesenheit des deutschen Kaisers ist unsere„Kunststadt" in eine nicht geringe Aufregung versetzt, und es haben die Liberalen jetzt die schönste Gelegenheit, ihren Patriotismus durch Feuerwerk, Illumination, Triumphbogen, Paraden und Hochrufen vollständig freien Lauf zu lassen. Nun, wir gönncn's den Herren, und sollte einer oder der andere derselben sich bei dem unausbleiblichen Ordensregen übergangen sehen, so wird er sich auf eine andere Gelegenheit, an denen ja kein Mangel ist, trösten müssen, vielleicht gelingt es dann, durch eine schwülstige Rede-c. die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und das einsame Knopfloch durch irgend welches Bändchen zu schmücken. Unsere Ultramontanen werden freilich in den sauren Apfel beißen müssen, und illuminiren und fackeln tüchtig mit, wollen sie doch auch„getreue und gute Unterthanen" sein. Die hiesige Künstlerschaft, speziell der Berein„Malkasten", wird dem„hohen Gaste" historische Aufzüge und Elfentänze aufführen; dann hat die Stadt, außer den vom Provinzial- landtag zum Feste bewilligten 15,000 Mark, auch ihren„milden Beutel" aufgcthan und 5000 Mark bewilligt, kurzum die Sache verspricht glänzend zu werden, und der Kaiser wird, wie auch das hiesige ultramontane„Düsseldorfer Volksblatt" bemerkt, wieder eine große Anzahl befrackter, hochrufender, festessender und trinkender Unterthanen zu sehen bekommen. Besehen wir uns hingegen einmal den Revers der Medaille und lassen einige Stellen aus dem eben veröffentlichten Bericht der Düsseldorfer Handelskammer, betr. Ermittelungen über Gang der Geschäfte und Arbeiterentlassungen folgen: „Das Ergebuiß war, daß sich in der Zeit vom 1. Januar bis 1. Oktober 1876 die Zahl der Arbeiter, sowie die Arbeits- zeit in Arbeitern ausgedrückt, wie folgt vermindert haben: In der Eisenindustrie 27'b Prozent „„ Seidenindustrie 54�»>„ „„ Kammgarnspinnerei 32(z„ „„ Baumwollindustrie 27'/,„ „„ Bleiweißindustcie 172/iU„ „„ Industrie feuerfester Produkte 20„ „„ Brauerindustrie 15„" Das sind beredte Zahlen, und seit dem 1. Oktober 1876 ist's wahrhaftig nicht besser geworden. Ferner enthält derselbe Bericht: „Die Concurse und Subhastationen, eine Folge des gesunkenen Wohlstandes, mehren sich immer mehr und mehr. Während hier- durch die Steuerkraft des Bezirks geschwächt worden, sind leider die Ansprüche an dieselbe gestiegen. So hat die finanzielle Lage der Stadt einen Communalzuschlag von 215 Proz. zur Klassen- und klassifizirten Einkommensteuer und von 100 Proz. zur Grund- und Gebäudesteuer nothwendig gemacht." Es ist eine traurige Thatsache, daß es hier nicht mehr außer- gewöhnlich ist, wenn in einer Woche 20—25 gerichtliche Zwangs- Verkäufe stattfinden; die gänzliche Verarmung des Mittelstandes und kleineren Handwerkerthums macht reißende Fortschritte und es beginnt auch in diesen Kreisen, obschon dieselben leider noch viel zu sehr ultramontanerseits aufs„bessere Jenseits" sich ver- trösten lassen, das Gefühl der Interessengemeinschaft mit den zum Ziel und weist nicht die wissenschaftlich erprobten Wcgk dazu; dazu bedarf sie der Ergänzung durch eine politische Or� ganisation, welche gründlich belehrt, die getrennten ökonomischen Organisationen verbindet und zur gemeinsamen Berathung und Beschließung aller zur Emanzipation führenden Schritte fähig macht. Gewaltanwendung, blutige Kämpfe, Putsche, blinde Ausbrüche der Volkswuth sind nicht das Mittel, das arbeitende Volk auf dem Wege der Emanzipation an's Ziel zu bringen.„Wo rohe Kräfte sinnlos walten, da kann sich kein Gebild gestalten." Sie führen viel eher zu zeitweiligen Rückschritten, und aus diesem Grunde werden sie von unserer Partei verschmäht. Und es ist unleugbar, daß ökonomische Organisationen mehr Hang zur Gewaltanwendung haben als politische, so daß wir aus diesem Grunde beiderlei Organisationen eng verbunden wünschen müssen. Es gilt aber bei dieser Befürwortung der politischen Thätig- keit sehr scharf zu unterscheiden. Wahlagitation ist nicht die einzige, ist selbst nicht einmal die beste Art politischer Thätigkeit. Man kann, wie allbekannt, sehr wirksam politisch agitiren durch Massenversammlungen, zumal wenn für getreuen Bsricht über die dabei gefallenen Reden gesorgt ist; man kann es nicht minder wirksam durch allerlei großartige Demonstrationen, wie z. B. Auszüge, Volksfeste, Tragen von Abzeichen, welche eine bekannte Bedeutung haben, Geldsammlungen für unglückliche Parteigenossen, Masscnbittschriften an Legislaturen(?) und Behörden; man kann es endlich am allerbesten durch die Parteiprcsse und Flugschriften, sowie durch Congresse der Abgeordneten der Partei und weiteste Veröffentlichung ihrer Beschlüsse. Und alle diese Agitationsmittel kosten weniger Geld als eine Wahlagitation, während sie weiter reichen. Ist nun die Organisation einer dergestalt zusammen- gebrachten Partei zweckmäßig und kräftig: sind also alle Partei- Mitglieder auf Listen eingetragen, hat jede Abtheilung der Partei rhre regelmäßigen und interessanten Versammlungen, thätige Beamte und Gesammtbehörden, so ist die politische Thätigkeit in hohem Grade dankbar, selbst ohne alle Wahlbctheiligung. Hat sie Völlens eine große Zahl Redner und Schreiber, welche die Organisation rasch ausbreiten und überall ökonomische und politische Auftlärrng reifen, so heißt das im höchsten Grade politisch handeln, auch ohne daß man vorläufig an einer öffent- lichen Wahl als Partei sich betheiligt. Sobald die Betheiligung räthlich sein soll, muß man gewiß voraussehen können, daß ein großer, schlagender, eindrucksvoller Erfolg erreicht werden wird; andernfalls ist es am besten, damit zu warten. So wenigstens in Amerika. In Deutschland, Frankreich und Belgien steht es damit ganz anders. Dort sind alle von uns angegebenen politischen Massen- Versammlungen, Demonstrationen und die strenge Parteiorgani- sation gesetzlich erschwert und theilweise verboten; die Presse und das öffentliche Wort sind in ihrer Wirksamkeit beschränkt; die Wahlagitation bleibt somit das Hauptmittel der Agitation und der Organisation überhaupt, und für diese müssen deshalb alle denkbaren Opfer gebracht werden. Wenn der„Milw. Sozialist" in diesem Sinne seine Behauptung, daß die Lokalagitation mög- lichst freigelassen werden müsse, verstanden wissen will, nämlich daß sie in Amerika anders ausfallen müsse als in Deutschland zc. so können wir ihm beistimmen. Aber wir können ihm darin nicht beistimmen, daß sie in Ohio und Wisconsin anders soll betrieben werden dürfen, als in New-Aork oder Massachusetts, und daß die Partei des ganzen Landes dahinein nicht zu reden haben soll. Denn die politischen und ökonomischen Verhältnisse sind innerhalb der Vereinigten Staaten nicht entfernt so ver- schieden nach Oertlichkeiten, daß die ganze Partei die Bedürfnisse der örtlichen Organisation nicht sollte verstehen und würdigen können. Wir hoffen hiermit klar gemacht zu haben, was die streng am Parteiprogramm haltende Fraktion unserer Partei von poli- tischer Thätigkeit hält, daß sie derselben durchaus nicht abgeneigt ist, sie der raschen Ausdehnung der politischen Organisation sogar sehr zugeneigt ist und eine solche voraussetzt, bevor sie irgendwo zu Wahlbetrieb zu schreiten anrathen möchte, kurz, daß man aufhören sollte, ihre Absichten mißzuvcrstehen. Wenn die Partei einig ist, so wird sie sich seit dem Strike in zehnfach schnellerer Weise verbreiten und viel erfolgreicher wirken, als der Kühnste unter uns noch vor Kurzem zu hoffen gewagt hätte. Es kann alsdann sein, daß sehr bald die ganze Partei einstimmig eine allgemeine Wahlbewegung für nöthig findet. Wenn aber die Einigkeit fehlt, wenn die Parteidisziplin nicht das oberste Gesetz für jedes Mitglied ist, so wird kein— auch noch so großer— lokaler Parteierfolg den unberechenbaren Schaden wieder gutmachen können, welche die Uneinigkeit an- richtet. Denn wer soll genügendes Vertrauen zu einer neuen Partei gewinnen, um sich ihr mit Leib und Seele anzuschließen, Lohnarbeitern sich immer mehr Bahn zu brechen. Beweis hier- für liefert uns das letzte vom sozialdemokratischen Wahloerein arrangirte Volksfest; dasselbe war von circa 4—500 Personen besucht, die zu einem verhältnißmäßig großen Theil diesen Kreisen angehörten, und wurde die von echt sozialistischem Geiste durch- wehte Festrede Strumpen's mit stürmischem Beifall aufgenommen. Bis spät in die Nacht hielt das durch keine Dissonanz gestörte Fest die Theilnehmer in gemüthlicher Unterhaltung vereinigt, und können speziell die Düsseldorfer Genossen mit dem Erfolg auch in agitatorischer Hinsicht zufrieden sein.— tt. Hleichenöach(Schlesien). Unser Parteigenosse, Reichstags- abgeordneter August Kapell, schreibt an die Gesinnungsge- sinnungsgenossen im Wahlkreise Reichenbach-Neurode Folgendes: Da ich mich in weiter Entfernung von eurer Heimath be- finde, ist es mir leider nicht vergönnt, mich des Oeftern über die sozialen und politischen Verhältnisse eurer Gegend zu unter- richten, wie ich es so gerne möchte. Obgleich ich im steten Ver- kehr mit euch bekannten Personen stehe, von welchen ich die nothwendigsten Nachrichten über eure Lage erhalte, ist es gerade die Böhmert'sche„Sozial- Correspondenz"— ein Mädchen für Alles— in welcher ich recht nette Enthüllungen über die Ver- Hältnisse der mir so lieb gewordenen treuen Arbeiter und Hand- werker von Reichenbach- Neurode und Waldenburg finde. Die „Sozial- Correspondenz" schreibt nämlich: „In Schlesien liegen die Arbeiterverhältnisse zur Zeit noch sehr ungünstig. Die Hauptzweige unserer heimischen Industrie, die Kohlen- und Eisenproduktion(Oberschlesien und Waldenburg) und die Weberei(Mittel- und Niederschlesien) liegen fast ganz darnieder. Zum Glück sind die Ernteaussichten in den meisten ackerbautreibenden letztgenannten Bezirken sehr günstig, thell- weise, z. B. in der Grafschaft Glatz, sogar vorzügliche. In den Arbeitslöhnen steht aber die Grafschaft Glatz weit hinter den anderen Gegenden Schlesiens zurück. Die meist Weberei trei- bende Bevölkerung darbt und hungert. Für ein Stück Lein- wand, das für Langenbielau gearbeitet wird, gab es in regu- lären Zeiten 6 Mark und darüber Lohn, heute erhalten die Weber, die oft 3— 4 Meilen zur Ablieferungsstelle wandern müssen, 2— 2'/s Mark pro Stück, und dabei wird ihnen noch eine Ablieferungsfrist vorgeschrieben, so daß sie jetzt nur 2 Stück per Woche liefern dürfen gegen 3 bis 4 Stück in früherer Zeit. Eine größere Fabrik bei Neurode, die 200 Handwebe- und eine Anzahl Maschinenwebstühle enthält, hat längst den Betrieb auf V.o reduzirt und beabsichtigt, im August ganz aufzuhören. Die Fabrikation von Berliner Double's ist in der Grafschaft mangels genügenden Absatzes fast ganz eingestellt worden, die Preise sind sehr gesunken und der Verdienst deshalb sehr gering. Auch die Glasfabrikation und die Glasschleiferei, die in der Gegend von Schlegel und Reinerz Tausende ernährte, stockt, letztere besonders wegen der durch den Krieg verhinderten Ausfuhr nach Rußland. Dagegen beginnt ein neuer Industriezweig, die Fabrikation von Heiligenbildern, in Neurode zu blühen; die dortige Fabrik be- schäftigt bereits circa 200 Personen und exportirt vorzugsweise nach Belgien, Frankreich und Rumänien.— Großer Geldmangel macht sich überall fühlbar und zwingt fortwährend Geschäfte, die ihre Gelder augenblicklich nicht flüssig machen können, die Zah- lungen einzustellen.— Aus Waldenburg schreibt man uns: Die Porzellan-Industrie liegt hier immer noch darnieder und der Betrieb der beiden Fabriken ist auf ein Drittheil beschränkt. Der Kohlenversandt ist lebhafter, die Halden sind theilweise versendet, doch zu Preisen, daß entschieden an der Förderung eher zugesetzt, als verdient wird."(?? College Fürst von Pleß, ist das wahr?) Hier wird also das schlesische Elend in grellen Farben von einer Correspondenz geschildert, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, der Sozialdemokratie auf„wissenschaftlichem Wege" den Garaus zu machen. Und welche Vorschläge macht denn das Central- Reptilienblatt zur Abwendung dieser bittern Roth? Keine! Sie tröstet euch mit der Aussicht auf eine„gute Ernte", wovon aber die arbeitslosen Handwerker und Arbeiter auch nicht satt werden können. Die Bauern und Gutsbesitzer werden be- stimmt, nicht eine Metze Korn zur Abhilfe der Roth von der „guten Ernte" abzugeben, wenn diese nicht in klingender Münze bezahlt werden kann. Ein Mittel freilich ist es, welches die„Sozial-Correspon- denz" als Linderungspflaster vorschlägt, nämlich: Umkehr von dem zum Verderben führenden Wege der Sozialdemokratie und Anschluß an die Partei der„Reichsfreunde.— Wer also wieder ein rechtschaffener Patriot geworden ist und dreimal des Tages singt:„Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben'?" oder: „Deutschland, Deutschland über Alles"— oder gar:„Wenn die wenn er dieselbe innerlich zwiespältig erblickt? Ein ungeheures Saat- und Erntefeld ist uns plötzlich eröffnet worden— wehe Denen, welche zwischen den Ackerbauern Streit erregen und er- halten, wo einige Thätigkeit Wunder thun könnte! — Warnung. Am 3. September sollen die Kriegervereine von Düsseldorf und Umgegend eine Paradcaufstellung vor dem deutschen Kaiser nehmen. In Hinblick auf den Potsdamer Borsall, wo die Kriegervereine wegen übergroßer Animirtheit die Parade vor dem Kaiser nicht ableisten konnten, werden die Düsseldorfer Wirthe gewarnt, den Kriegern Bier und Branntwein vorher zu verabreichen, damit die cultur- historische Mission dieser Vereine, nämlich die Sozialdemokratie zu be- kämpfen, auch richtig und in Ordnung von Stalten gehen kann. — Cholera. Vom 22. August wird gemeldet: Auf dem franzö- fischen Kriegsschiffe„Correze" brach aus der Fahrt von Saigun nach Suez, nachdem Aden passirt war, die Cholera aus. Von der Mann- schaft sind fünfzig gestorben und befinden sich 136 Kranke an Bord. — Fälschers Tagewerk. Unter dieser Ueberschrist bringt der Berliner„Ulk" folgende niedliche Verse: Wenn früh die blauen Wölkchen ziehn, Färb' ich die Weine mit Fuchsin. Lacht Mittags hell der Sonnenschein, Thu' Schwerspath ich in's Mehl hinein. Wenn dann das Abendroth erglimmt, Schütt' Ziegelstaub ich in den Zimmt. So leb' ich, jeder Sorge fern, Und preise brünstig Gott den Herrn! — Nächstenliebe eines Geistlichen. In einer bekannten Stadt, so wird der„Hessischen Landeszeitung" in Darmstadt berichtet, legte ein unglücklicher Mensch Hand an sein Leben; die arme Wittwe be- durste eines Nachweises, auf Grund dessen ihr und ihren Kindern von der Armen- Commission eine Unterstützung werden sollte. Der Geistliche, den sie zu diesem Zwecke um eine Urkunde bat, nahm nur eine Mark und sicherte ihr zu, daß sie zu jeder Zeit(!) von ihm einen geistlichen Rath erhalten solle, so oft sie sich an ihn wende. Die Armen-Com Mission war humaner als der geistliche Trostspender, sie gewährt: der Frau, welche keine 16 Zimmer bewohnt, eine Spende zur Erziehung ihrer Kinder und erstattete ihr obendrein die Mark für den Pfaffen zurück. Kanone blitzt und kracht, das Herz im Leibe lacht"— der wird �wahrhaft kläglich und unbegreiflich bleibt es, daß keines der nach, daß er den Polizeibeamten beruhigte und davon überzeugte. selig werden— in den Armen des Hungertyphus 11 la 1844. größeren, angeblich unabhängigen Blätter des Landes es wagt,'—' m......----- 0~• Welche Weisheit gehört nun nach der„Sozial- Correspondenz" angesichts des orientalischen Krieges eine andere Haltung anzu- dazu, um den Sozialdemokraten den Garaus zu machen? Der nehmen, als welche bei Hofe gefällt, ja, daß die meisten Blätter Artikel, welchen ich hier wiedergebe, ist gewiß nicht dazu ange than, euch über die Bestrebungen der Sozialdemokratie ein un günstiges Urtheil einzuflüstern und den Sieg bei der letzten ......«leg Reichstagswahl zu Nichte zu machen; im Gegentheil befestigt er ihn erst recht und zeigt deutlich, wie nöthig es war, daß die Arbeiter ihrerseits energisch für ihre Interessen eintraten. Ar- beitet weiter so fort auf dem bisher betretenen Wege. Ihr seht aus dem Artikel der„Sozial- Correspondenz", daß alle Versuche, die gemacht worden sind, um eure Lage in einem günstigeren Licht erscheinen zu lassen, angesichts der wahren Verhältnisse selbst aufgegeben werden. Euer Anspruch auf eine Besserung der Verhältnisse, auf Herbeiführung menschenwürdiger Zustände ist so vollberechtigt, daß selbst die erbittertsten Gegner der So- zialdemokratie wider Willen durch Anerkennung der Berechtigung unseres Tadels unserer Partei in die Hände arbeiten. Daß ihr von der„Sozial-Correspondenz" und ihren Freun- den keine Hilfe zu erwarten habt, muß euch allen klar geworden sein. Die Zukunft liegt in eurer Hand und gestaltet sich um so besser, je mehr ihr die Bestrebungen der wahren Volksfreunde unterstützt. Sora«, 19. August. Am 16. d. M. tagte in der Geißler'schen Schankwirthschaft eine zahlreich besuchte Volksversammlung, in der Genosse Klute über„Unsere Schulen im Dienste gegen die Freiheit" sprach. Die Versammlung folgte dem Redner mit der größten Aufmerksamkeit und bekundete ihre Uebereinstimmung mit dem Gehörten durch allgemeinen Beifall. Das„Sorauer Wochenblatt", das in seiner Nr. 97 über die Versammlung be- richtet, meint,„daß gerade die Ausführungen des Referenten in Bezug auf Religion den lauten Beifall eines Theiles der Ver- sammlung ernteten, einen Beifall, welcher, wenn derselbe mit so augenscheinlicher Lust von jungen Burschen, fast möchte man sagen Knaben, die in ernster Lebenslage sich erst noch zu be- währen haben, gespendet wird, mit Widerwillen erfüllt."— Mir erscheint der„Widerwille" des„Sorauer Wochenblattes" unver- ständlich. Ich meine, daß die„jungen Burschen", welche durch ihren Beifall bekundeten, wie wenig sie von der Religion halten, sich erst recht in„ernster Lebenslage" bewähren werden.— Neben dem„Sorauer Wochenblatt" hat auch ein Pastor oder sonst irgend ein Thor seine Stimme in Nr. 99 desselben Blattes erhoben, um sein Wehe über die verrottete Welt zu schreien. „Seit 7 Jshren", jammert die fromme Seele,„geht der Geist der Sozialdemokratie in deutschen Landen mehr denn zuvor auf Jagd— mnnchmal steht er nur auf dem Anstände, manchmal hält er aber auch Treibjagden ab— wer will behaupten, daß die Versammlung vom 16. August in Sora» nicht den Erfolg einer Treibjagd gehabt habe? Seit 7 Jahren reisen die Führer der sozialdemokratischen Partei in Norddeutschland mehr denn zuvor umher,— für diese Partei sind es sicher schon 7 fette Jahre gewesen; gebe Gott der Herr, daß für unser Land und unseren Kreis nicht jetzt auch schon die 7 dürren Jahre folgen! Wer sich aber einbildet, daß dieser Geist, der sich so unmerklich in unserer Mitte einen so festen Platz geschaffen hat, ohne Kampf wieder von selbst abziehen werde, der irrt gewaltig. Hier heißt es die Waffen in die Hand nehmen und kämpfen, bis daß er besiegt und todt zu Boden gesunken ist; und daß diese Waffen nicht länger unbenutzt liegen bleiben möchten, das ist die eigent- liche Absicht dieses HopKata(b. i. thue dich auf!), das zwar stark, aber in der guten Hoffnung auf Einlaß an alle Thüren der Stadt Sorau pochen möchte."— Nun, die„Thüren der Stadt Sorau" haben sich aufgethan, und der Sozialismus hat seinen Einzug in dieselbe gehalten. Und daß der Sozialismus eine bleibende Stätte in unserer Stadt finde, dafür wird ge- sorgt werden. Mannheim, 15. August. Gestern Abend fand im„Grünen Haus" dahier eine öffentliche Versammlung statt mit der Tages- ordnung:„Die französische Revolution von 1789— 93 mit be- sonderer Berücksichtigung der sogenannten Schreckensherrschaft." Referent war Herr Oppenheimer, Kaufmann von hier. Trotz blos einmaliger Annoncirung der Versammlung war der Saal vollständig überfüllt. Besonders hatte sich eine nicht geringe Zahl Bourgeois eingefunden. Um den Raum des„Vorwärts" nicht groß in Anspruch zu nehmen, will ich auf den Vortrag nicht näher eingehen und nur erwähnen, daß sich Herr Oppen- heimer seines über V/t Stunden andauernden Vortrags in ge- diegenster Weise entledigte, welcher von der großen Majorität der Versammlung mit nicht enden wollendem Beifall aufge- nommen wurde. Gegner meldeten sich trotz der Aufforderung nicht zum Wort.— Genosse Mai charakterisirte noch in kurzen Worten die heutige Presse und forderte alle Arbeiter auf, für unser neues Blatt, welches am 1. Oktober erscheinen soll, kräftig zu agitiren.— Sonntag den 29. Juli hielten wir im Käfer- thäler Wald unser Waldfest ab, welches sich, trotz der geringen Aussicht auf gute Witterung, einer sehr starken Betheiligung er- freute. Das Fest verlief in schönster und fröhlichster Weise. — Zum Schluß will ich noch bemerken, daß Genosse Erhart am 14. d. M. nach London abgereist ist, und sagt derselbe allen Freunden und Bekannten ein herzliches Lebewohl. Briefe be- treffs des Preßfonds wolle man an Fillip Mai. T 5. 4, richten. Friedr. Ottenthal. Weerane, 22. August. Die Arbeiterentlassungen in den mechanischen Webereien mehren sich täglich. Ganze Fabriken stehen bereits still. Aber wenn die massenweise feiernden Ar- bciter also gezwungen ihre Bündel schnüren und auf Ferien gehen, werden sie wiederum von der liberalen Presse verhöhnt und als Landstreicher verschrieen. Da haben es die Herren Beamten doch etwas besser, wenn sich dieselben auf Ferienreisen begeben.— Am 18. d. M. wurde hier nach langer Pause wie- der eine große Volksversammlung im„Bairischen Hof" abge- halten, die von circa 1000 Personen besucht war. Genosse Vahlteich referirte über den Sozialismus im Allgemeinen, legte die gesellschaftlichen Zustände, die sklavcreiähnlichen Arbeits- Verhältnisse und die Mißwirthschaft der herrschenden Parteien im derzeitigen Klassenstaate blos, beleuchtete klar und verständlich die Ziele der Sozialdemokratie und erntete von der aufmerksamen Versammlung allgemeinen lebhaften Beifall. Aus Württemberg, 21. August, schreibt man der„Vossischcn Zeitung": Wenn unsere offiziellen und offiziösen Kreise seit Beginn des orientalischen Krieges einen gewaltigen Türkenhaß in ihrer allerunterthänigsten Dienstcrgebenheit die Freundschaft für die Russen bei Hofe ihrerseits durch einen plötzlich ange- nommenen Russen-Enthusiasmus noch überbieten zu sollen glau- den. Ganz besonders widerlich ist in dieser Hinsicht das Ge- bahren des„Schwäbischen Merkur". Für ihn sind Diejenigen, welche nicht für Rußland schwärmen, nichts als Besitzer von Türkenloosen, für ihn ist bei den Deutschen Türkenfreundschast gleichbedeutend mit Vaterlandslosigkeit. Kopenfiagen, 24. August. Auch hier macht sich die Arbeits- losigkeit immer fühlbarer, und vor allem im Baufach finden Viele diesen Sommer keine Beschäftigung, wie sie im Winter gehofft hatten, wo sie schon feiern mußten. In den Fabriken größtentheils Stillstand, in den Handwerken keine bedeutenden Aufträge, im Kleinhandel massenhafte Ausverkäufe und Fallite und im Großhandel und der Schifffahrt kein Leben. So ist mit kurzen Worten die gegenwärtige Lage zu schildern. Nur eine Ausnahme findet statt und das sind die königlichen Marine- Werkstätten, wo Tag und Nacht und Sonntags bis 4 Uhr gear- beitet wird, um die neuen Panzerschiffe fertig zu stellen. Diese Zustände äußern sich auch auf die soziale Bewegung, aber in negativer Weise, da bisher die Betheiligung von Vielen als ein Vergnügen angesehen wurde, welche nun vor dem Ernste der Sache und ihren Forderungen zurückschrecken. Der Kern der Partei steht fest zur Fahne und bewundernswerth ist es, wie er strebt die schweren Schläge wieder weit zu machen, die die ehemaligen„Führer" der Partei der Sache des arbeitenden Volks zugefügt haben. Am 1., 2., 3. und 4. Juli fand hier der zweite Congreß der sozialdemokratischen Arbeiterpartei statt. Das Resultat war Spaltung. Zunächst trennten sich die Jütländer, welche sich von den Kopenhagenern nicht mehr majorisiren lassen wollten, und verweigerten die Zahlung der Beiträge zur Centralkasse. Die gegenwärtigen Leiter der Bewegung sind der Bewegung in keiner Weise gewachsen, und so schied hier am Orte abermals ein Thcil aus, so daß nun drei Fraktionen bestehen. So unerfreulich nun auch diese Thatsachen sind, so bin ich doch jetzt in der Lage, von neuem der Hoffnung Raum zu geben, daß trotz allem Mißgeschick und Ungeschick die ganze Be- wegung in die rechte Bahn einlenkt und auch Dänemarks Ar- beiter klar und bewußt dem großen Ziele zustreben werden. In den letzten Tagen hielt Herr Förster, welcher früher hier gearbeitet hatte, zwei Vorträge in öffentlichen Versamm- lungen, bei welcher Gelegenheit einige jüngere Parteimitglieder den Wunsch aussprachen, daß sich die dänischen Arbeiter die Organisation und Agitation der deutschen Arbeiter zum Vorbilde nehmen möchten. Der Vorschlag fand Zustimmung. In der Hoffnung, später über einen günstigen Fortgang des eingetretenen Umschwungs berichten zu können, muß ich noch hinzufügen, daß die„Fachvereinigung der Bautischler" den Strike beschlossen und in einigen Werkstellen schon zur Ausführung ge- bracht hat. Im Interesse der Solidarität aller Arbeiter möge Jeder bestrebt sein, Zuzug fern zu halten. Auch hier fordert der Militarismus seine Opfer, so bescheiden er auch auftreten muß, ob groß oder klein dieser moderne Mo- loch ist, er muß Menschenleben haben. Zwei Drittheile der Rekruten werden nach ihrer Ausbildung beurlaubt, was nach 6 Monaten geschieht, während das andere Drittheil den Winter hindurch die Wachen bezieht. Mitte Juni treffen die Beurlaub- ten wieder ein und beziehen dann die alten Mannschaften, da die neuen schon ausexerzirt sind, das Uebungslager in Jütland, wo die Manöver stattfinden. Auf dem Wege dahin sind nun Einige bei der großen Hitze todtmarschirt worden, und Einer gar nach deutschem Muster, denn es wurde angenommen, er iimulire seine Schwäche nur, weshalb zwei Mann ihm unter die Arme greifen und ihn nachschleppen mußten, bis es unmöglich wurde, worauf er starb.— Heute las ich einen Brief aus dem Lager, worin es hieß, daß die Soldaten der Kälte wegen die Mäntel brauchen. Da kann man sich denken, daß dieselben des Nachts in ihren Leinwandzelten nicht schwitzen. Vor einigen Tagen ereilte das Schicksal auch einen„Volks- mann", den Schuhmachermeister, Folkethingsmann und Bankier I. A. Hansen. Sein Haus, ein„Folketak" oder Volksdank ii la Schultze-Delitzsch im Werthe von ungefähr 30,000 Thlrn., war überschuldet und in der Brandkasie ein Defizit von 200,000 Kronen. Im Theater trifft ihn ein Schlaganfall, so daß er krank nach Hause gebracht wird, dadurch kommt die Unordnung in den Geschäftsbüchern und die Leere in den Kassen zur Kennt- niß der Behörden, die nun eingreifen, und die dadurch verur- sachte Aufregung beschleunigte seinen Tod. Er war stets' das„allgemeine Beste" thätig und im ganzen Lande bekannt, weshalb sein Fall großes Aufsehen hervorrief. Am empfind- lichsten traf es aber seine politischen Freunde, die„Venstermünden", auf deutsch die Linke, die denn auch bestrebt waren, den Schaden! daß er ein friedlicher Badegast sei und Nichts mit dem Sozia- lismus zu thun habe, am allerwenigsten aber bei den Unruhen in Asch. Indessen erhielten beide Brüder doch die Weisung, bei ihrer Abreise von Karlsbad den Weg nicht über Asch zu nehmen. Jörgen Gaardmand. Briefkasten der Redaktion. R. in Husum: Weitere Berichte erwünscht.— T. Th. in Meißen: Wenn Sie den Brief meinen, der die Verhaftung eines Russen mittheilte, so ist derselbe allerdings in unsere'Hände ge- langt; Gebrauch konnten wir von der Mittheilung aber um deswillen nicht machen, da keinerlei Details angegeben waren.— K. K. in W.: Nichlsachsen sind zu der betreffenden Wahl nicht berechtigt. Um säch- sischer Unterthan werden zu können, haben Sie bei der Amtshaupt- Mannschaft diesbezüglichen mündlichen Antrag zu stellen. Militär- und sonstige Legitimationspapiere sind hierzu erforderlich. Quittung. Hlwg Flensburg Ann. 4,80. Zswk Forste Ann. 0,70. Festcomitö Groitzsch Ann. 5,40, Schr. 0,50. G. Bßlr Stuttgart Ab. 75,15. H. Krtzschmr Dortmund Ab. 3,00, Schr. 3,25. F. Krftmr Wien Ab. 4,80. R. Wllck hier Ab. 3,20. N. Wßmr Anina Ab. 11,84. ff. Hlzngr Wien Ab. 1,35. G. Gr Osnabrück Ab. 8,90. A. Schmdt Hannover Ab. 100,00. Mllr Mannheim Ab. 25,00. R. Grmm Solo- lhurn Ab. 1,85. A. Gnthr Hannover Schr. 10,00. Lckrt Heilbronir Schr. 27,00. Ullrch Görlitz Schr. 6,60. Gtlschng Bernburg Schr. 12,90. Ihn Görlitz Schr. 1,00. Lchwbrg Solingen Schr. 1,00. Prsrr Sonderburg Schr. 1,60. Bck Ulm Schr. 0,50. Grbg Zdl bei Penzig Schr. 9,75. Pschk Zweibrücken Schr. 4,40. Fonds für Gemaßrcgelte. Vom Zwenkauer Arbeiterverein ges. am Centralarbeiterfest d. Riu dolph 1,30. Für die ausgeschlossenen Cigarrenarbeiter in Ohlau. In der öffentlichen Schneider-Versammlung im„Eldorado" ges. 4,80. Krebs. Anzeigen 2C<, Annoncen für die Mittwo tag BormittagS 9 Uhr; für die is-Nummer müssen bis Mon« freitags- Nummer bis Mitt- '-Nummer bis Frei- (F 122) woch-Bormittags 9 Uhr; für die Sonntags-Nu tag Bormittags 9 Uhr hier sein, wenn solche noch bestimmt Aufnahme finden sollen. Annoncen, denen der Betrag nicht beiliegt, oder für welche der Einsender kein Depot bei unS hat, können eine Aufnahme nicht finden. Die Expedition des„Vorwärts". Ctliwsh t Q Sonnabend, den 1. September, Abds. 8 Uhr, l. � Lokale des Herrn Th. Barth: Große Volksversammlung. Tagesordnung: Das Leben und Wirken Ferd. Lassalle's. Referent: F. Klute. Um die weiteste Verbreiwng ersucht. A. Zisowsky.[70 fA/trmrmov Sozialdemokratischer Wahlverein. tyW.iUlVvvt-. Sonnabend, 1. September, Abends 8>/, Uhr, im Vereinslokole, Mittelstraße Nr. 11:[70 Geschlossene Versammlung. Tagesordnung: Abrechnung und Verschiedenes. Der Vorstand. Den Freunden und Parteigenossen empfehle ich »3�mUUWv.t-. mich auf den diesjährigen Markt mit guten recht zahlreich be« Münz.[1,20 peifen und Getränken und bitte freundlich mich suchen zu wollen. Mittwoch, den 5. September, Abends 8 Uhr, in �UpZlg. der„Tonhalle": Volksversammlung. Tagesordnung: Die Thätigkeit des Reichstages und die Sozial- demokratie. Referent August Bebel 90) Der Einberufer. Ooimi/r GewerkschaftSkrankcnkasse der Metallarbeiter für �apzlg. Leipzig und Umgegend. Sonnabend, den 1. September, Abends 8 Uhr, bei Menzel, Kurzestraße: Versammlung. Tagesordnung: Vortrag. Aufnahme neuer Mitglieder. [70 Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands. lll-llll« Das Versammlungslokal befindet sich IL I„., von jetzt an bei Herrn Restaurateur Winter, Ecke der Nikolaistr., vis-ä-vU der Kath.- für Kirche. Die Versammlungen finden wie bisher Donnerstags statt. D. C.[50 WWWWWMWWWWWWProviiizialvcrsammlniig. wieder gut zu machen, und zwar auf sehr Pfiffige Art. Sie Am 9. September d. I. findet in Königsberg eine Versamm- Und nun»nch NN- in di-s-r I.-U,ig-N z,i,»US �'■ mltCinWM" Karlsbad, welche den lächerlichen iÄfer der österreichischen Gemeindegarten, Magisterstraße 55. Polizei gegen den Sozialismus bis nach Franz-Josefsland am Nordpol trägt. In den hiesigen Blättern liest man Folgendes: „Ein dänischer Fabrikant im Ausland als Demagog verdächtig. Ein dänischer Fabrikant, welcher vor einiger Zeit aus Karlsbad zurückkehrte, wo er sich 5 Wochen zur Wiederher- 1 stellung seiner Gesundheit aufhielt, sah sich dem Verdacht aus- gesetzt, ein Demagog und Rädelsführer zu sein. Er hatte vor seiner Abreise von hier einem Kreise von Freunden und Be- kannten versprochen, ihnen ein Fäßchen von dem bekannten Pil-- sener Bier zu senden; doch da dieses Bier, wie er in Böhmen erfuhr, eine so weite Versendung nicht verträgt, so löste er sein; Versprechen auf eine andere Art ein. Bei einer Zusammenkunft, � welche seine Bekannten aus diesem Anlaß hatten, wurde ihm ein � Danktelegramm gesandt, welches dänisch und in Versen ge- schrieben war. Unter den Händen der deutschen Telegraphisten erhielt dasselbe indessen eine sehr verunstaltete Form und na- mentlich das Wort„Ol" wurde verändert in„Oel". Da nun Tags zuvor Arbeiternnruhen in Asch an der bayerischen Grenze stattgefunden hatten, bei welcher Gelegenheit auf einige aufrüh- rifche Arbeiter scharf geschossen worden war, theilte die Tele- I_________ U........ 9______ 0... I___________________, geschossen_____.... und eine entsprechende Russenfreundlichkeit zur Schau trugen, graphenstation augenblicklich der Ortspolizci mit, daß ein ver- so konnte das Niemanden Wunder nehmen, denn der Stolz, dächtiges Telegramm an einen Badegast eingelaufen sei, in eine russische Fürstin zur Königin zu haben, ist groß und der welchem die Rede von Petroleum wäre. Kurz darauf kam Einfluß dieser bekanntlich auch politisirenden Königin reicht weit, ein Polizeibeamtcr zu dem Betreffenden, welcher ihn aufforderte,. Wird ein Fest gefeiert im Schwabenland, so dürfen auch russische sich sofort beim Bezirksrichter einzufinden. Dieser, welcher be- Fahnen niemals fehlen, wie jüngst noch in Tübingen, wo da- reits eine Abschrist des Telegramms erhalten hatte, stellte ein gegen das ehedem hoffähige Schwarzrothgold verpönt war; und Verhör mit ihm an; er fand es noch verdächtiger, daß den- handelt es sich darum, den Verwundeten im Orient Beihilfe zu selben Tag ein Bruder des Fabrikanten mit dem Eilzuge von zzerantwortlicher Redakteur: Hermann Helßig in Reudnitz-Leipzig. spenden, so ist von den Türken niemals die Rede. Das wäre, Berlin angekommen war. Glücklicherweise hatte sich der Fabri-«efok»» unk Sxpebit�n Färb-rstraß- 12/11. in Leipzig. wie gesagt, noch zu ertragen, wäre nicht zu verwundern; allein kant mit einem Passe versehen und erreichte damit dem Anschein Zteuö und B ri.s»» S':n»?'...uscha>«sbuchdrmkrn-» Le pz-g, Diejenigen Gesinnungsgenossen aus der Provinz, welche dieser Ver- sammlung beiwohnen, werden ersucht dies bis zum 8. September a« I. Kräckcr, Unterrollberg 17. zu berichten. Für Frei-Quartier wird gesorgt werden. Zahlreiches Erscheinen Ehrensache.[1,40 Königsberg in Preußen.(2b) I. Kräcker. Durch uns ist zu beziehen: Zur Grund- und Bodenfrage von Wilhelm Liebknecht. 2. vervollständigte Auflage. Preis per Exemplar 0,75 Mark. Que Faire? Französischer Roman von Tchernyschewsky. 33 Bogen stark. Preis 4 Mark. Erinnerung an Börne. Einzelpreis 20 Pfg. Die Expedition des„Vorwärts"�