Erscheint in Leipzig MittwoS. Freitag, Sonntag. Abonnementspreis i-r Teutschland t M.«0 Ps. pro Quartal. Monats- Abonnement? werten bei allen deutschen Postanstalten aus den 2. und s. Monat, und aus den b. Monat besonders angenommen: im teönizr. Sachieu und Herzogth. Sachsen- Altenburg auch aus den lteu Monat de- Quartals A 54 Psg. Inserate betr. Beriammlungen pr. Petitzeile tv Pf., betr. Privatangelegenheiten und Feste pro Petitjeile 30 Ps. ZZtsttüllngen nehmen an alle Postanstalten und Buch. Handlungen des In- n. Auslandes. Filial> Expeditionen. New-Pork: Soz.-demolr. Wenosten- schastsbuchdruckem, 154 Eldriü�c Str. Philadelphia: P. Haß, 03» Xorth grd Street. I. Boll, 112» Charlotte Str. Hobolen N.J.: F. A. Sorge, 215 JVnsh- in�ton Str. Chicago: St. Lanscrmaun, 74 Clyhonrneavo. San FrauziSco: F. EnN, 4;8 0Tarrell Str. London W.; E. Henze, 8 Nerv lltr Gulden Square. Gentrat Grgan der SoziatdemoKratie Deutschtands. Nr. 104. Mittwoch, 5. September. 1877. Bema Der Neichskatzenjammer. Leipzig, den 3. September. Tie Schlacht ist geschlagen; Ruhe herrscht überall auf dem weiten Leichenfelde. Tie Sänger des Feldes und des Waldes find von dem grausigen Gefilde hinweggeflohen— der Donner der Schlacht und nachher der Blutgcruch haben sie erschreckt; nur die gierigen Raben fliegen halb ängstlich, halb lüstern kräch- zend über dasselbe hin und her.--- Ter Festesjubel ist vorüber— der Mordspatriotismus hat ausgetollt; Leichcnfeldern gleichen die Stätten, wo gestern noch eitle Beschränktheit und kindischer Uebermuth ihre Orgien feierten. Katzenjammer, überall Katzenjammer! Aber gut war's, daß sich der Katzenjammer bei einer großen Anzahl von„Reichsfreunden" schon vor dem Feste eingestellt hatte; die„reichsfreundlichen" Stadtverordnetenversammlungen und Gemcilideräthe an vielen Orten haben jegliche Beisteuer zu dem Sedanfeste aus Gemeindemitteln rundweg verweigert. Woher aber ist der Katzenjammer schon vor dem Feste ge- kommen?� Die Steuern im glorreichen deutschen Reich steigen täglich, so daß dem bravsten Reichsphilister angst und bange wird; die Behandlung der Söhne unserer Reichsphilister, welche den bunten Rock tragen, ist eine derartige, daß der Begeisterungs- rausch wahrlich schnell schwinden muß---- so erzählen uns jetzt fchon wieder die Zeitungen folgendes Stückchen soldatischer Rohheit aus Amberg in Baiern: „Der Seconde-Lieutenant Hersch hatte im Juni dieses Jahres die Turnübungen einer Compagnie zu leiten, bei welchem sich � ein Einjährig-Freiwilliger Namens Kleber(wohlhabender Bräuers- söhn vom Strahlfeld) befand. Da Letzterer beim Weitspringen das gewünschte Ziel des die Turnübungen leitenden Lieutenants Hersch trotz äußerster Anstrengungen nicht zu erreichen vermochte, so mußte Kleber zur Strafe, wahrscheinlich um dessen Körper- theile gelenkiger zu machen, den Dauerlauf außerhalb um den Kasernenhof so lange vollführen, bis er nicht mehr konnte. Der Umfang außerhalb des Kasernenhofes, um welchen Kleber seinen Dauerlauf ausführen mußte, beträgt eine gute Viertel- stunde. Diese Strecke-soll der Einjährig-Freiwillige sieben Mal umlaufen haben, bis er bewußtlos zu Boden fiel und vom Platze getragen werden mußte. Während dieser Zeit hat Lieu- tenant Hersch auch einen„Dauerlauf" ausgeführt, aber nicht um den Kasernenhof, wohl aber in die Kasernen-Restauration, um sich für seine„Strapazen" weidlich zu laben, unbekümmert darum, ob sich Kleber, der seinen Befehl zu vollziehen hatte, zu todt laufe oder nicht. Die Folgen dieses ungeheuerlichen Befehls ließen nicht lange auf sich warten; denn Kleber lag bis jetzt irrsinnnig im Btilitär-Lazarelh und wurde gestern(23. August) in die Irrenanstalt Kart Haus bei Regensburg verbracht." Wäre der arme Einjährig-Freiwillige nicht irrsinnig geworden, so hätte er ganz gewiß den Reich Skatzeujammer bekommen, der Vater desselben, der Brauer Kleber hat ihn aber erhalten und sich vor dem Sedansrausche bestens bedankt. Ob man den Lieute- nant Hersch nun auch„springen" lernen ließ, ist nicht bekannt, er wird wohl mit etwas„sitzen" davon kommen.— An 170 Millionen Mark Anleihe für Kascrnenbau, um das Reichsgebäude mehr noch auszubauen und zu„verschönern"— auch diese Nachricht mag schon vor dem Sedansfeste ernüchternd auf die praktisch angelegten Naturen eingewirkt und dieselben in eine katzenjämmerliche Stimmung versetzt haben.— Und wenn wir nun den Militäretat für das deutsche Reich überhaupt einmal betrachten. Derselbe belief sich pro 1876 auf 352,000,000 Mark, macht auf den Kopf der Bevölkerung die Summe von 8 Mrk. 30 Pf.! Nur übertroffen wird das deutsche Reich von Frankreich, wo gegen 11 Mark Militärsteuer auf den Kopf kommen. In Rußland beträgt der Aufwand für das Militär 6 Mrk. 50 Pf., in Oesterreich 6 Mrk. 20 Pf. und in Italien 6 Mrk. 10 Pf. auf den Kopf der Bevölkerung. Frankreich aber ist ein reiches Land— dort kann die Be- völkerung leichter 15 Mark per Kopf tragen, als in unserm ärmeren Deutschland 8 Mark. Der Militarismus aber wird immer gewaltiger und mäch- tiger, er verschlingt immer größere Summen— Scdan trägt daran eine große Mitschuld. Der Militäraufwand in Teutschland, Frankreich, Rußland, Italien, Oesterreich und England zusammen betrug pro 1876 die bescheidene Summe von 1,952,300,000 Mark; nehmen wir nun noch die Mittel- und Kleinstaaten hinzu, so haben wir eine jährliche Ausgabe für Militärzwecke in Europa von über 3,000,000,000— drei Milliarden Mark. Wer an diese Summen nur denkt, bekommt schon den Katzen- jamnier.--- Und nun erst nach dem Sedanfeste! Da bleibt es nicht bei dem moralischen Reichskatzenjammer, da kommt hinzu der leib- liche, der richtige, der die Haare zu Berge sträubt— und er packt sie alle, die Leipziger Gosenbrüder und die Berliner Weiß- bierphilister, die Hamburger 10,000 Groggesellen und die Wein- und Chanipagnernasen des ganzen heiligen deutschen Reichs, welche sedanfeierlich hineinfunkeltcn in die Nacht vom 2. zum 3'®*ft£m6er und die tolle Lust noch vermehrten.--- ytber der allgemeine Reichskatzenjammer hat auch noch andere, gewichtigere Personen gepackt. Das Plewna der Russen ist ihnen m die Knochen gefahren und dürfte wohl eine Mahnung sein, daß allem Kriegsruhm und aller Prahlerei oft genug ein tehr schnelles Ende, ein Ende mit Schrecken— ein Plewna bereitet wird. Heilsam ist solcher Katzenjammer ohne Zweifel, heilsam des- halb, weil man nach und nach vor erneutem Kriegs- und Sieges- rausch sich furchten und des lächerlichen Festesjubels über„eine Prügelei" in großem Maßstabe sich enthalten wird. Weder— Noch! „Weder für Mac Mahon, noch für Gambetta— sie, taugen alle Beide nichts": das ist der Grundton eines Ar- tikels, den das frühere Communemitglied, unser Partei- genösse Leo Frankel, für die„Arbeiter- Wochen- Ehronik" zu Buda-Pest vom 26. August geschrieben hat und den wir hier vollständig folgen lassen: Einige in Chicago in Nordamerika lebende Franzosen scheinen ein dringendes Bedürfniß gefühlt zu haben, sich auch in Europa— zu blamiren. Aus diesem Grunde haben sie eine in einer Versammlung in Chicago mit„Einstimmigkeit" gefaßte Resolution an unser Genfer Parteiorgan, den„Pi-äcurseur" („Vorbote") mit dem Ersuchen zugestellt, dieselbe zu veröffent- lichen. Die Resolution lautet: „In Anbetracht, daß der Staatsstreich vom 16. Mai, durch. welchen der Präsident der Republik, ein Mißverständniß zwischen; der Nation und sich vorschützend, ein Ministerium aus der Kam- merminorität genommen hat, was gegen alle Gesetze und par- lamentarischen Gebräuche ist; „In Anbetracht, daß der Präsident der Republik, indem er die Auflösung der Kammer durch den Senat verlangte, einen von dem Geiste der Partei des 24. Mai(Tag, an welchem Thiers gestürzt wurde. Red. d. A.-W.-Chr.) diktirten und den Versprechungen, die er gemacht hatte, sich den Anordnungen der Majorität zu fügen, entgegengesetzten Entschluß gefaßt halte; „In Anbetracht, daß die Manifeste der 363 Deputirten und 130 Senatoren, welche gegen die Auflösung gestimmt, auf den antiparlamentarischen Akt geantwortet haben, indem sie sich an die Nation wandten: „Erklären wir den republikanischen Deputirten und Senatoren, daß ihre Landsleute von Illinois und Chicago vollständig ein- oerstanden sind mit den in ihren Manifesten und ihrer Tages- ordnung ausgedrückten Ideen und laden alle Wähler ein, für die 363 republikanischen Deputirten zu stimmen." Dieses Schriftstück trägt folgende Unterschriften: E. S. Cre- mieux, E. Chaumette, A. Leblanc, I. Michel, I. Henry. Wäre dasselbe von sogenannten conservativen oder sonstigen Bourgeois- Republikanern ausgegangen, hätten wir nichts da- gegen einzuwenden gehabt, weil wir es begreifen, daß diese es vorziehen, als„Republikaner" zu herrschen, denn als Monarchisten beherrscht zu werden. Dieses Schriftstück ist aber von Leuten unterzeichnet, die, wenn wir uns nicht irren, zum großen Theil Communeflnchtlinge sind, oder sich min- bestens zu den Sozialdemokraten zählen; sonst hätten sie sich sicherlich nicht an den„Preenrsenr" gewandt. Nun fragen wir, ob es etwas Infameres geben kann, als wenn Communards oder Sozialdemokraten ibre Hand dazu bieten, um die Mörder der Commune und Verfolger der„Internationale" in den Re- gicrungssattel zu.heben. Sollen die Verfasser obiger Resolution vergessen haben, daß die Ermordung und Einkerkerung taufender und abertausender für Freiheit und Gerechtigkeit erglühender Männer geschah, als noch Thiers Präsident der Republik war? vergessen haben, daß unter seiner Präsidentschaft ein Gesetz geschaffen wurde, das jedes Mitglied der„Internationale" zu einem Verbrecher ftem- pelte? vergessen haben, daß Jules Favre es war, der ein Rund- schreiben an alle Mächte erließ, um sie aufzufordern, die Käm- pfer der Commune als gemeine„Verbrecher" auszuliefern und gegen die Mitglieder der„Internationale" eigene Strafgesetze ergehen zu lassen? vergessen haben, daß Gambetta es war, der all' seine Redekunst anwandte, um den Senat als eine republi- kanische Einrichtung hinzustellen und zu unterstützen? vergessen haben, daß fast sämmtliche 363 Deputirte gegen die Amnestie stimmten? Sollten dies die Herren Crämieux, Chaumette et Compagnie vergessen haben, oder gar nicht gewußt haben, dann sind sie Einfaltspinsel, die besser thäten, sich nicht um die Politik ihres Landes zu kümmern. Waren ihnen aber obige Thatsachen be- kannt, so sind sie Verräther an der Sache, die sie früher ver- theidigt, Verräther an den Prinzipien, die sie früher angenom- men hatten. Es giebt zwar auch Leute in der sozialdemokratischen Partei, die da glauben, daß sie sich durchaus nichts vergeben, wenn sie den 363 Deputirten das Wort reden; die da sagen, daß es besser sei, selbst die jetzige Republik auftecht zu erhalten, als den Bonapartisten den Weg zum Throne zu bahnen. Wenn nun die Sozialisten keine andere Wahl hätten, als zwischen dem Kaiserreich und der Republik in ihrer jetzigen Gestalt, d. i. der sogenannten conservativen Republik, dann ließe sich noch über diese Meinung diskutiren. Auch wir sind nicht der Ansicht, daß uns ein Kaiserreich eher zur sozialen Republik bringen würde, als eine Bourgeoisrepublik, da wir aus Erfahrung wissen, daß unter einer solchen Regierung die republikanischen Schönredner bei allen freidenkenden Leuten wieder„Hahn im Korbe" werden. Wir wissen aber auch, daß unter den 363 Deputirten 99 Pro- zent mit unseren Bestrebungen durchaus nicht einverstanden sind und daß 95 Prozent von denselben uns, im gegebenen Falle, Standpunkt, auf welchen wir uns stellen und auf welchen sich alle Sozialdemokraten stellen müssen, welche dem, auf der Lon- doner Conferenz(1871) und auf dem Haager Congreß der„In- ternationalen Arbeiter-Assoziation"(1872) aufgestellten und an- genommenen Prinzip huldigen: daß das Proletariat in seinem Kampfe gegen die Collektivmacht der besitzen- den Klassen nur dann als Klasse wirken kann, wenn c�s sich, abgesondert von allen anderen ans den be- sitzenden Klassen gebildeten Parteien, selbst als poli- tische Partei constituirt. Eine solche politische Partei ist auch unumgänglich nothwendig, um den Triumph der sozialen Republik und ihres erhabenen Zieles: die Beseitigung der Klassenherrschaft, zu sichern. Die Aufgabe und Pflicht der Sozialdemokraten Frankreichs muß es demnach sein, bei den nächsten Wahlen eigene Can- didaten aufzustellen, d. i. als selbststäudige Partei auf- zutreten und vorzugehen, nicht aber, wie ihnen dies von den Verfassern obiger Resolution zugemuthet wird, als Stimm- vieh für die conservativ- republikanische Partei, den Schwanz der liberalen Bourgeoisie zu bilden. Warum soll gerade den Sozial- dcmokraten die Alternative(die Wahl zwischen zwei unerwünschten Dingen) zwischen Bonapartisten und Bourgeois-Republikanern gestellt fem, und nicht umgekehrt es_ den Letzteren überlassen werden, zwischen Bonapartisten und Sozialdemokraten zu wäh- len? Sollen die Arbeiter stets blos der Spielball in den Händen der einen oder andern besitzenden Klasse, der einen oder andern durch ihren Besitz herrschenden Partei sein? Sollen sich die Arbeiter niemals so weit emanzipiren, um ihre Sache selbst in die Hände zu nehmen, um ihre eigenen Anwälte zu sein? Werden die Arbeiter es niemals ernstlich einsehen, daß nur Der- jenige anl besten weiß, wo ihn der Schuh drückt, der ihn selbst trägt, und daß daher die Emanzipation der Arbeiter- klaffe nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein kann?— Nur bei Stichwahlen zwischen Monarchisten und Bourgeois- Republikanern mag die Taktik der Sozialisten geändert werden; da können sie, ja sollen sie für die Candidaten der zunächst stehenden Partei, d. i. für die Bourgeois-Rcpublikaner stiuimen, aber dann auch nur in dem Falle, als diese sich verpflichten, bei Stichwahlen zwischen Monarchisten und Sozialdemokraten den Letzteren ihre Stimmen zu geben. Im entgegengesetzten Falle hat die sozialdemokratische Partei sich der Abstimmung zu ent- halten und die beiden Gegner selbst den Kampf ausfechten zu lassen. Sollte bei den nächsten Wahlen, durch den Druck von oben, durch Versprechungen, Bestechungen oder sonstige illoyale(unge- setzmäßige) Machinationen, der Sieg der monarchisch- pfäffischen Partei zufallen und diese einen Kaiser oder König als Herrscher über Frankreich ausrufen wollen, sollte es dieserhalb zum Straßen- kämpf, zum Bürgerkrieg kommen, haben die Arbeiter die Waffen nicht zur Vertheidigung eines Thiers, Gambetta, Jules Favre und Compagnie zu ergreifen, nicht für die Aufrechterhaltung der conservativen, sondern für die Herstellung der sozialen Re- publik zu kämpfen. Mit dem Wahlzettel oder der Flinte, überall hat die Sozial- demokratie nur für ihre Interessen zu kämpfen, weil ihre In- tcresscn zugleich die Interessen der Menschheit sind, weil ihr Sieg die Beseitigung der Klassenherrschaft bedeutet, während der Sieg aller übrigen Parteien nur eine Verände- rung der Parteiherrschaft bedeutet, aber nicht die Klas- senhcrrschaft, nicht die Klassengegensätze aufhebt. Zurück daher mit allen Jenen, die das französisch.' Volk be- stimmen wollen, für die Jules Favre's und Consorten zu stim- men! Zurück mit all' Jenen, die die Arbeiter in das Schlepp- tau der Bourgeoisie ziehen wollen! Zurück daher, ihr Verfasser der mit„Einstimmigkeit" angenommenen Resolution, denn ihr seid entweder Dummköpfe, oder Verräther an der Arbeitersache, in beiden Fällen unserer Partei unwürdig! Sozialpolwsche Uebersicht. wenn nicht ärger als die Monarchisten, so doch ebenso arg be-. handeln würden. Die Frage: ob Kaiserreich oder Republik?! ist eine falsch gestellte, nur danach angethan, unsere nicht sattcl festen Parteigenossen zu verwirren und zu Falle zu bringen.; Man hat sich nicht zwischen Kaiserreich und Republik, sondern zwischen sozialer und conservativer Republik zu ent- scheiden. Es ist falsch, anzunehmen, daß Der, die nicht für die 363 Deputirten eintritt, das Kaiserreich hergestellt wissen will, da es außer conservativ- republikanischen und bonapartistischen Candi- baten auch noch sozialdemokratische giebt, und dies ist der — Lodderei bei der preußischen Polizciverwaltung Der Oberstaatsanwalt in Kiel hat folgende Circularverfügung an die Polizeibehörden der Provinz erlassen, in der es heißt: „Es ist mehrfach zu meiner Kenntniß gelangt, daß die Bor- schriften der Straf-Prozeßordnung, wonach die ohne vorgängige Requisition der Staatsanwaltschaft seitens der Polizeibehörden er- folgten vorläufigen Festnahmen von Personen nicht innerhalb der vorgeschriebenen 24stündigcn Frist den zuständigen Beamten der Staatsanwaltschaft zur Anzeige gebracht werden und daß ebenso die für die verantwortliche Vernehmung, Freilassung oder Ablieferung des vorläufig Festgenommenen in das Untersuchungs- gefängniß vorgeschriebenen Fristen öfters auch nicht annähernd inne gehalten werden. In einigen Fällen haben die polizeilich Festgenommenen mehrere Tage, vereinzelt 6— 6 Tage über die gesetzliche Frist hinaus, ohne richterliche Vernehmung und ohne Entscheidung über die Fortdauer der Haft in den Polizeigefängnissen zubringen müssen. Die betr. Behörden wer- den hiernach aufgefordert, die vorgenannten gesetzlichen Vor- schriftcn strenger als bisher zu beachten."— Es ist ja ganz in der Ordnung, daß der Kieler Oberstaatsanwalt obige Verfügung erlassen hat, aber nicht in der Ordnung ist es, daß er eine solche Verfügung erlassen mußte. Der Oberstaatsanwalt hat ganz ge- wiß nicht übertrieben— daß Personen von der Polizei gegen die gesetzlichen Vorschriften 5—6 Tage ihrer Freiheit beraubt werden, dies ist ein so bezeichnende Thatsache polizeilicher Ueber- griffe und Vergewaltigungen, die auf das ganze preußische Po- lizeisystem ein höchst eigenthümliches, sagen wir„erbfreundliches" Licht wirft. Die polizeilichen Uebergriffe entstehen aber meist dadurch, weil sie in den seltensten Fällen mit Strase belegt wer- den, und wenn einmal, dann kann der nicht Vertraute die Strafe kaum von einer Belobigung unterscheiden. — Die Flinte schießt. Herr Eulenburg hat Leute, die ihn trefflich verstehen. Das zeigte sich vor einigen Tagen in Schlesien. Aus Reichenbach i. Schl. berichten Bourgeoisblätter unterm 27. August(uns ist noch kein direkter Bericht zugegangen): ,.Die Sozialdemokraten verschiedener Orte beabsichtigten einen Ausflug nach den„sieben Kurfürsten" zu machen, um dort ein Volksfest zu feiern. Der Amtsvorsteher Eggers in Wüstewalters- dorf erließ ein Verbot(!) gegen das Fest, trotzdem hatten sich gestern gegen 400 Personen an den„sieben Kurfürsten" einge- funden. Der Landrath des Kreises Waldenburg, sowie genannter Amtsvorsteher und außerdem mehrere Gensdarmen waren auch auf jener Stelle erschienen und wurden bald seitens eines der erstgenannten Beamten die Versammelten aufgefordert, sich zu entfernen. Da auch die dritte Aufforderung resultatlos blieb, luden die Gensdarmen ihre Schußwaffen, um davon Ge- brauch zu machen. Dem Anblick dieser gefährlichen Manipula- tionen, sowie dem Zureden des anwesenden sozialdemokratischen Agitators Kühn aus Langenbielau gelang es, die in sehr gc reiztcr Stimmung befindliche Menschenmaffe zum Verlassen des Projektirten Festortes zu bringen. Die Sozialdemokraten des Reichcnbacher Kreises begaben sich nach Schmiedegrund, wo es ihnen auch gelang, körperliche Erfrischungen zu erlangen; dem Wirth zu den„sieben Kurfürsten" soll die Verabreichung solcher verboten worden sein. Gensdarmerie war auch dorthin gefolgt." Das sind sa herrliche Zustände! Ob es in Rußland schlimmer sein kann? Wir möchten es bezweifeln. Thatsache ist: nur den Sozialdemokraten ist es zu verdanken, daß eine Metzelei verhütet wurde; und es hat sich wieder einmal recht deutlich ge� zeigt, welche die wirklichen„Ordnungsfreunde" sind: die ver- schricncn„Umstürzler" oder Diejenigen, welche sich für die Stützen der Ordnung ausgeben. — Ueber das Begräbniß der fünfzehn bei Marten verunglückten Bergleute bringt die„Westfälische Zeitung" einen Bericht vom 26. August, dem wir folgendes entnehmen: „Gestern Nachmittag 3 Uhr sollten die ungücklichen Opfer der letzten traurigen Katastrophe auf Zeche„Borussia" der Mutter „Erde" wieder zurückgegeben werden. In hellen Haufen zogen von nah und fern die Freunde und Kameraden jener 15 Ver- unglückten heran; ernst und feierlich gruppirten sich dieselben uni die in voller Zahl erschienenen Beamten der benachbarten Zechen, während die Knappen- und Kriegervereine sich um ihre Banner schaarten. Herzergreifend war die Scene, als die Witt- wen und Waisen an den mit Blumen geschmückten Särgen er schienen, um Abschied von ihrem Liebsten auf der Welt zu neh- mcn, und bei Vielen der Versammelten sah man die Thränen über die wetterharten, gebräunten Wangen tropfen. Unter An- führung der in Uniform erschienenen Martener Feuerwehr setzte der Trauerzug sich nach Lütgendortmund in Bewegung. Tann folgten auf sechs Wagen zwölf der Opfer, welchen sich der unabsehbare Leichenzug anschloß. Wohl 1600—2000 Leidtragende erwiesen den Verunglückten die letzte Ehre. In Lütgendortmund theilte sich der Zug, indem vier der Tobten auf den katholischen Kirchhof, von den übrigen acht fünf und drei auf den evange lischen gebettet wurden. Pastor Nöllc empfing den Trauerzug zum evangelischen Kirchhof und führte denselben zur letzten Ruhestätte der Verunglückten. Mit warmen, tief empfundenen Worten, die ins innerste Herz der Trauernden und Leidtragen- den dringen mußten, suchte der Pfarrer die so unendlich be- trübten Hinterbliebenen mit den Worten und Tröstungen der heiligen Schrift aufzurichten. In herzergreifender Weise schil- derte er treffend die letzten Augenblicke der Entschlafenen, wie wir sie uns erklären können, und sprach, daß nicht blos Die, toelche des Königs Rock trügen, Krieger seien, sondern auch Jene im schwarzen Kittel, welche unten im tiefen Schacht mit den finsteren Gewalten kämpfen müssen, um der Erde ihre Schätze abzuringen.(Für wen, Herr Pfarrer?) Eine dreimalige Salve des Oespeler Landwehr- und Kriegerbereins über die Grabstätte ihres Kameraden Wahl, eine Hand voll Erde auf ihre Ruhe- stätte und dann schloß sich das Grab über acht tapfere, muthige Herzen. In gleicher feierlicher Weise fand die Beerdigung der vier Opfer auf dem katholischen Kirchhof und der beiden auf dem Stockumer Kirchhof statt, letzter- wieder durch Pastor Nöllc, während der letzte der Fünfzehn, der Bergmann Weinrich, auf dem Kirchhof zu Eichlinghofen, geleitet vom dortigen Knappen- verei.. seine Ruhestätte fand. Abweichend von den übrigen Das Verbrecherthnm in der Tagespresse. Der nachfolgende Artikel ist dem in Berlin erscheinenden „Zeitungs- Kurier" entnommen, welcher von dem literarischen Centralbureau als ,,Vermittelungs-Organ für Zeitungsverleger, Redaktionen, Verlagsbuchhändler, Bühnenvorständc, Schriftsteller und dramatische Autoren" herausgegeben wird: „Die Ueberschrift könnte leicht zu dem Glauben verführen, daß in den folgenden Zeilen von denjenigen Zeitungsschreibern die Rede sein soll, welche unter dem Namen der„Revolver- Journalisten" bekannt sind, sich selbst mitunter ein hübsches Vermögen, ihren Standesgenossen aber viel Aerger eingebracht haben. Dieser Glaube wäre irrig; auch halte ich es für über- flüssig, die Lumpen unter den Journalisten der Auszeichnung zu würdigen, welche darin liegt, daß man sie einen besonderen Stand im Stande ausmachen läßt. Es hat unter den römischen Kaisern neben der großen Menge der Wütheriche auch einige anständige Leute gegeben, warum sollen neben der Menge(?) anständiger Journalisten nicht auch eiu paar Dutzend Lumpen nebenher laufen? Aber nicht allein die Berfaffer der Zeitungen kommen per- sönlich hier und da mit Verbrecher- Existenzen in Berührung, nein, auch die Zeitung selbst hat mit dem Verbrecher zu thun und diese nicht etwa ausnahmsweise, sondern regelmäßig, täglich. Die Zeitungsleser wollen ja nicht nur erfahren, wie die Völker „hinten weit in der Türkei" aufeinanderschlagcn, wie viel Musel männer heute von den Russen, und wie viel Russen gestern ge- tödtet worden sind, die Zeitungsleser suchen in ihrem Blatte mit noch weit größerer Neugier die Berichte über Greuelsceneu, welche sich auf den Straßen oder in den Häusern ihrer eigenen Stadt ereignet haben. Bei den kleinen Dieben und Verbrechern folgt auf die That mit Hilfe der Polizei gewöhnlich die Moral und eine Gerichtsverhandlung über die Strafe, welche den Schuldigen treffen soll. Darum hat auch die Tagespresse mit dem Verbrecherthum zweimal zu thun: in ihrem Lokal Anzeiger, wenn sie Nachrichten über vorgekommene Unthaten bringt, und in ihren Berichten über die öffentlichen Gerichtsverhandlungen. Die Art und Weise nun, in welcher das Verbrecherthum von der Tagespresse gewöhnlich behandelt wird, widerspricht so derb den einfachsten Geboten des gesellschaftlichen Anstandes und noch derber den Forderungen der Erziehungslehre, daß man sich zum Rednern, welche sich nur an das überaus unselige Ereigniß hielten, fühlte sich Pastor Niemeyer veranlaßt, hier an dieser offenen Gruft seine Ansichten über die Sozialdemokratie auszu- sprechen, und zwar weil der Verunglückte ein eifriger Anhänger derselben gewesen. Ein großer Theil der Leidtragenden verließ deshalb den Kirchhof während der Predigt."— Wir wollen uns nicht weiter darüber auf- halten, daß der priesterliche Trost mit Hinweis auf die Bibel für die Hinterbliebenen ein recht magerer war; besserer Trost wäre es sicherlich, wenn die Familien der Verunglückten durch das Haftpflichtgesetz geschützt und so durch das Gesetz vor Hunger und Noth bewahrt würden.— Dem Pastor Niemeyer können wir nur unfern Dank sagen, daß er so offen die„christliche Liebe" vcrläugnete, die ja doch nur eine Phrase ist. Daß die Arbeiter sich von dem fanatischen Priester nicht weitere Belei- digungen an den Kopf werfen lassen wollten und deshalb lieber den Kirchhof verließen, war natürlich und vernünftig. Die An- sichten über die Sozialdemokratie, welche der Pfarrer zum Besten gab, sollen übrigens, wie uns mitgetheilt wird, fortwäh- rend dicht an Unvernunft und Blödsinn gestreift haben. — Wir theilten vor einigen Tagen eine Zuschrift aus Straßburg mit, in welcher erzählt wurde, daß wegen wieder- Holter Mißhandlung seiner'Soldaten ein Hauptmann zu zwei- monatlicher Festungshaft verurtheilt worden sei; die Anzeige ivar durch einen Lieutenant der eigenen Compagnie erfolgt. Während der Hauptmann seine Strafe verbüßte, ward der Lieute- nant von seinen„Kameraden" des so ehrenhaften Schrittes halber über die Achseln angesehen und moralisch aus den Ossi- zierkrcisen entfernt. Diese unsere Nachricht druckten verschiedene Zeitungen unter großer Reserve nach. Jetzt aber ist die„Frank- furter Zeitung" in der Lage, den Vorfall' zu bestätigen und auch die Namen der betreffenden Offiziere zu nennen. Der Haupt- mann heißt Wahlkampf, der brave Premierlieutenant Klüber. — Die Oberschlesische Eisenbahngesellschaft, welche 7 Bahnen im Betriebe hat, hat für das verflossene Geschäfts- jähr nach einem Bericht der Direktion das nette Sümmchen von 18,700,000 Mark als Einnahme zu verzeichnen. Der Bericht äußert sich über dies finanzielle Ergebniß wie folgt:„Obwohl der Gesammtvcrkehr durch die noch andauernde Stockung auf allen wirthschaftlichen Gebieten beeinträchtigt wurde, so führte doch die, insbesondere d'urch ermäßigte Arbeitslöhne und Materialpreise veranlaßte Verminderung der Betriebsausgaben dahin, daß die Dividende nur unerheblich hinter dem vorjährigen finanziellen Ergebniß zurückblieb. Die Dividende betrug näm- lich für 1376 9*/, pCt., während 1875 IO'/s pCt. gezahlt wurde." So sind es immer und immer wieder die Arbeiter, die mit ihren knappen Löhnen für den Unternehmer- besser Ausbeuter- gewinn einzutreten haben., — Der allgemeine österreichische Arbeiterverein hatte kürzlich eine Resolution an das österreichische Ministerium beschlossen, welche in einer Volksversammlung hatte zur Vorlage kommen sollen. Der Inhalt dieser Resolution- bezieht sich auf die Abänderung der in Oesterreich geltenden Gewerbeordnung, doch konnte die Petition nicht beratheu werden, da die Volks- Versammlung verboten wurde. Der Inhalt der Resolution ent- hält nebst einer kurzgefaßten Biotivirung folgende Punkte: 1. Den Entwurf einer neuen Gelverbeordnung mit thun- lichster Beschleunigung dem österreichischen Abgeordnetenhause zue Berathung und Beschlußfassung vorzulegen; 2. in denselben die von dem arbeitenden Volke Oesterreichs in zahlreichen Volks- und Vereinsversammluugcn zu Wien und anderen Industrie- orten des Reiches ausgesprochenen Wünsche zu berücksichtigen, und zwar: a) Vollständige Aufhebung der gewerblichen Zwangs- genoffcnschaften, Zuweisung der KrankenfoNds derselben an jene Hilfskassen, welchen die Arbeitnehmer des betreffenden GeWerkes beitreten werden, Aufhebung jedes Beitrittszwanges auch zu den neuen Hilfskasscn, Gewährung voller Verbands- und Aktions- freiheit für ulle wirthschaftlichen und Unterstützungsvcreine, Unter- stellung der Knappschaftskassen unter das dergestalt revidirte Vereinsgcsctz und Nothwendigkeit eines richterlichen Erkenntnisses zur Auflösung von Vereinen; b) Präzisirung der Entschädigungs- Pflicht der industriellen Unternehmer in der Weise, daß sie, in- sofern sie nicht nachzuweisen vermögen, daß die Beschädigung des Arbeiters selbstverschuldet geschah, in solcher Weise haftbar seien, daß sie eine dem Durchschnittslohne des Verletzten gleiche Ent- schädigung zu leisten verpflichtet sind, ohne Rücksicht darauf, ob Angriff genöthigt fühlt gegen einen unbedachten Schlendrian, welcher die betreffenden Spalten der Tagespresse zu Organen der Unanständigkeit und der Rohheit zu machen geneigt wäre. Das sind harte Worte, und darum müssen sie bewiesen werden. Es sind in jedem Strafgesetzbuche gewisse Verbrechen hervor- gehoben, deren Voraussetzungen einen so unsaubern oder gar widernatürlichen Charakter tragen, daß sie sich jeder Besprechung in guter Gesellschaft(sachliche Erörterungen unter Fachgenossen ausgenommen) entziehen, ja daß die gebildete Schriftsprache oft in Verlegenheit wäre, das Verbrechen mit einem deutschen Worte zu bezeichen. Kein Hausvater würde es� sich jemals beikommen lassen, vor seinem heranwachsenden Sohne oder vor seiner liebenswürdigen Tochter solche Dinge auch nur andeutungsweise zu berühren, ja der feinfühlende Mann wird auch seine Frau wo möglich in der Unkenntniß von Thatsachen zu erhalten suchen, deren Schmutz in einer gesunden Seele nur Ekel zu erregen vermag. Und diese skandalösen Thatsachen werden in Ihrem Blatte, Herr Redakteur X., mit faunischem Behagen mitgetheilt, und Ihr dreizehnjähriger Sohn erfährt von dem Verbrechen gegen die Sittlichkeit Paragraph so und so, und Ihre heiraths- fähige Tochter, Herr Redakteur P., liest einen detaillirten Bericht über irgend eine Art des Kindesmordes, und Ihre brave Frau Gemahlin, Herr Redakteur Z., frägt� Sie nach der Bedeutung dieses und jenes Fremdwortes, daß Sie erröthen müssen, Ihrer Frau Gemahlin die Bedeutung eines Wortes nicht erklären zu dürfen, welches in Ihrem Blatte steht. Ja meine Herren, Sie sind alle miteinander achtbare Männer, gewissenhafte Väter, aber in Ihren Zeitungen dulden Sie Erzählungen über Dinge, bei deren ausführlicher Mittheilnng sich die Kellnerin in einer Diebesherberge die Ohren zuhalten würde. Vollkommen kraftlos uns heuchlerisch überdies wäre die Aus- rede, daß man bei solchen Gegenständen häufig einen dünnen Schleier scheinbar harmloser Worte über die Sache breite und sie dadurch für Uneingeweihte verberge. Im Gcgcntheil! Ganz abgesehen davon, daß durch den erwähnten durchsichtigen Schleier zu der offenen Gemeinheit noch die heimliche Frivolität hinzu- tritt, wird die Aufmerksamkeit der heranreifenden Jugend gerade durch die lüsterne Halbverschleierung noch mehr gereizt und über dem Fragen und Rathen nach den aufgegebenen Räthseln geht im Verkehr der Schulkameraden die Jugend verloren. Die derselbe Beihilfe aus einer Unterstützungskasse bezieht oder nicht. Bei erfolgter Tödtung eines Arbeiters soll die Obsorge des Unternehmers sich auch auf diejenigen Personen erstrecken, welche der Unglückliche zu erhalten oder zu unterstützen ver- pflichtet war,� c) die gesetzliche Bestimmung eines Normalarbeits- tagcs von zehn Stunden täglich für alle erwachsenen männlichen Arbeiter achtstündige Arbeitszeit für Frauen und Minderjährige von 14 bis 18 Jahren, Verbot der Kinderarbeit vor vollendetem 14. Lebensjahre. In Werken mit ununterbrochenem Betriebe oder in Fabriken, welche giftartige Artikel erzeugen, darf die Ar- beitszeit für alle daselbst Beschäftigten täglich 8 Stunden nicht übersteigen; ferner Regelung des Lehrlingswesens durch Fest- stellung einer Normal-Lehrzeit. Wenn es in Oesterreich nicht mehr gestattet ist, diese äußerst gemäßigten Forderungen— Forderungen, die in anderen Län- dern zumeist schon zu den überwundenen Standpuntten gehören, u diskutiren, so weiß man kaum, was man dazu sagen soll. lber trotz dieser an Wahnwitz grenzenden Maßregeln wird auch in Oesterreich die soziale Frage nicht uuerörtert bleiben können, denn der Hunger und das Elend lassen sich aus der Welt nicht wegdekretiren. — Der Heldengreis Thiers wird von der französischen Bourgeoisie gehätschelt. Sie ist ihm dankbar für die Abschlach- tung der Commune. Kürzlich empfahl er auf dem Schlosse Störs den Bourgeois-Republikaner Senard als Candidaten für die Wahl und sagte dabei: „Ich glaube heute, gleich Herrn Senard, daß die Republik allein möglich ist, und ich habe ihn hier so wieder gefunden, wie er immer war, nämlich als gemäßigten Republikaner. Ich bin alt; an Ihnen, die fast alle einem jüngeren Geschlecht angehören, ist es, die Sache zu unterstützen, die für uns eine gemeinschaftliche ist." Heute ist für diesen Menschen die Republik„allein möglich"! so das„Hamburg-Altonaer Volksblatt". Wie oft magrer seine polittsche Meinung schon gewechselt haben! Die Bourgeoisweiber bekränzten ihn. Sie haben Ursache dazu; Thiers hat die Prostt- tutton und die Spitzbüberei in Frankreich erhalten, welche die Commune abschaffen wollte; dafür sind ihm die Vampyre des Volkes Dank schuldig. Daher das große Geschrei, wenn der alte Heuchler einige Worte schwätzt. Zugleich wurde ein Polizei- präfett von ihm zum Candidaten empfohlen. Das lassen wir uns gefallen; da paßt wenigstens Einer zum Andern! Gegen Thiers schleudern die Regierungsblätter wegen seiner jüngsten Rede in Saint- Germain cn-Laye die heftigsten Angriffe. „DerMarschall", bemerktdasrepublckanische„Journal des Dedats", „weiß wohl gar nichts davon, wie die offiziellen Schreiber den Mann behandeln, dem er selbst die größte Ehre seines Lebens verdankt, jene, wenige Monate nach Sedan an die! Spitze der Armee gestellt zu werden, welche die Commune! besiegte und Frankreich endlich den Frieden zurückgab."— Hier erklärt offen und frei ein republikanisches Blatt, daß Thiers! der Henker der Commune, Mac Mahon aber nur der Henkers-- knecht gewesen sei. Verliert also die traurige französische' „Republik" den Henkersknecht als Oberhaupt, dann erhält sie � dafür den Oberhenker in höchst eigner Person. Die französische Regierung hat wieder einen Eselsstreich ge-! macht, indem sie Gambetta wegen seiner einfältigen Rede, die er � zu Lille gehalten hat, vor die Gerichte bringt. Die Dummheit und die Frechheit Mac Mahons wachsen mit jedem Tage. — Wie es heißt wird nun auch Serbien, von Rußland gedrängt, in den Krieg eintreten, um sich zu den im vorigen! Jahre empfangenen Schlägen eine neue Tracht Prügel zu holen, i Da auf diese Weise den Türken Gelegenheit geboten wird, die in Wien und Pest unbequemen serbischen Großmachtsgelüste mit> einem Strahl kalten Wassers zu begießen, so sieht man in öfter- reichischen Regierungskreisen das Vorgehen des Bübchens Milan I mit unoerkennbarer Schadenfreude. Daß„Serbien marschirt" (vorläufig i st es noch nicht marschirt, und es könnten leicht Er- eigniffe eintreten, die dem„Marschiren" einen Riegel vorschieben), wird in der„Vossischen Zeitung" als der„letzte Trumpf" Ruß- i lands bezeichnet.„Die stolze Ablehnung", schreibt das genannte Blatt sehr treffend,„welche den Allmnz- Anträgen des Fürsten Milan im kaiserlichen Hauptquartier zu Bukarest seiner Zeit zu Theil wurde, ist längst vergessen. Der Nimbus, welcher den Kaiser aller Reußen im April umgab, ist verflogen und heute sehen wir das große Zarenreich im Bunde mit den zu offener Rebellion aufgestachelten Vasallen der Pforte. Rußland spielt den letzten Trumpf aus. Nachdem es Montenegro vom Friedens- Klage:„Es giebt keine Kinder mehr!" ist nicht ohne Berech- tiguug; wenn man aber den Klippen nachspüren wollte, an s welchen die Kindheit der jungen Generation am sichersten Schiff- i bruch leidet, so würden sich in den häufigsten Fällen achtlose Notizen unserer besten(!) Zeitungen*) als die gefährlichsten Gegner der Jugend herausstellen. Ich habe die Wirkung der Unanständigkeit auf kindliche Ge- müther besonders hervorgehoben, weil sie sich da deutlicher äußert, als bei den ohnehin in der Werkstatt des Lebens abgehärteten Erwachsenen. Auch diese bleiben jedoch von dem Einfluß einer systematisch betriebenen Vergiftung nicht ganz frei und die' kleinsten Dosen summiren sich allmählig zu einer verderblichen Wirkung. Der üblichqn Behandlung des Verbrecherthums durch die Tagespresse ist noch ein zweiter Vorwurf, der der Rohheit gc- macht ivorden. Die Rohheit aber ist jedem Alter gleich gefährlich. Ich glaube nicht, daß der betreffende Reporter etwas� Böses dabei denkt, wenn er in einem Berichte über eine stattgefundene i „Keilerei" die ausgetheilten Schläge mit beinahe dichterischer! Anschaulichkeit schilocrt, oder wenn er gar(wie dies namentlich, in Berliner Blättern nicht selten vorkommt) mit ungeheuchelter> Bewunderung und Genugthuung von den Prügeln spricht, welche � einem ertappten Einbrecher vom uubctheiligten Publikum in bos- hafter Lynchjustiz zugemessen worden sind.— In solchen Notizen! wird die Rohhcit ungebildeter Menschen nicht allein durch die Veröffentlichung geehrt, sondern häufig die ebenbürtige Rohheit der freiwilligen Richter als nachahmenswerthes Beispiel hin- gestellt. Man bedenke nun, daß die Leser der Zeitungen sich aus allen Kreisen rekrutiren, daß der äffische Nachahmungstrieb im Men- schen noch in ursprünglicher Kraft fortlebt, daß also jeder Bericht über eine ausgeübte Brutalität eine neue Brutalität zu erzeugen � vermag, und man wird zugeben müssen, daß die Pflege, welche dem Verbrecherthnm in unserer Tagespresse zu Theil wird, einer künstlichen Züchtung beinahe gleichkommt. Das häßlichste Gesicht zeigt die Zeitung in ihrer dem Ver- brecherthum gewidmeten Abtheilung dann, wenn irgend eine entsetzliche Greuelthat verübt worden ist. Die natürlichen Re- ') In sozialdemokratischen Zeitunzen befinden sich solche Notizen nicht. D. R. d. V. schlusse Ende vorigen Jahres abgehalten, Rumänien in den Krieg hineingezogen und die Bulgaren zum blutigen Aufruhr aufgehetzt hatte, fleht es jetzt beim kleinen Milan um werkthätige Unter- stützung. Heute ist der russischen Politik kein Mittel mehr zu schlecht. Der Schmach der Niederlagen im Felde folgt die Schande in der Politik. Das Reich, welches mit anderthalb Millionen Soldaten, mit 3000 Feldgeschützen und mit seinen „unerschöpflichen Reichthümern" geprunkt hat, sieht sich in der unerquicklichen Lage, ein Schutz- und Trutzbündniß mit den hascnfüßigen Rumänen, mit den elenden Milizen eines Milan, mit den Räubcrhorden eines Nikita, mit der bulgarischen Revo- lution eingehen zu müssen, um sich vor dem Schimpfe eines Rückzuges über die Donau zu erretten! Das ist kläglich und zeugt von der inneren Fäulniß und von gänzlicher Unfähigkeit des nordischen Kolosses. Da? Hauptquartier ist die personisizirte Unfähigkeit und theilt mit der Heeres- Administeration die Schuld an den verlorenen Schlachten; die militärische Kraftanstrengung wird nur durch 500,000 Mann repräsentirt, während die weitere Million nur auf dem Papiere zu finden, also reiner Humbug war; die„unerschöpflichen" Hilfsquellen waren bald versiegt, und heute kann man weder die Lieferanten noch die Eisenbahnen bezahlen. Daß ist das große Rußland, vor welchem gewisse Politiker in Westeuropa in Demuth und Ehrfurcht ersterben. Herrn von Jgnaticff, dem Spiritus familiaris des russischen Hauptquartiers in Gornji Studen, ist der Ehrenpnnkt heule Nebensache; das Gefühl politischer Schamhaftigkeit ist Angesichts der Niederlage erloschen; man will erobern und nimmt jedes Bündniß an; man verspricht Concessionen, was Zeug hält, und tröstet sich mit dem Gedanken, daß zwischen versprechen und halten ein großer Unterschied ist. Die Schande des Rückzugs ist größer, als die Schande solcher Bundesgenossenschaften; es kommt nicht auf die Art der Eroberung Bulgariens an, sondern nur darauf, ob man wirklich in den Besitz gelangt. Das mili- tärische und politische Ansehen vor Europa ist ohnedies schon vernichtet, was liegt nun daran, ob Kaiser Alexander der Kriegs- kamerad eines Milan wird. Immer tiefer hinunter! Das Alles thut nichts, wenn nur Beute winkt.--" So weit die„Vossische Zeitung". Mit der winkenden „Beute" dürfte es indeß auch noch gute Wege haben. Bis jetzt sieht es nicht darnach aus. Und sollte selbst— was übrigens bei der militärischen Untüchtigkeit der Serben kaum zu erwarten— das Escheinen einer serbischen Truppcnmacht im Rücken der Türken diesen Verlegenheiten bereiten, so wäre den Russen wenig gedient, weil dann Oesterreich zur Einmischung genöthigt wäre.— — Auf dem bulgarischen Kriegsschauplatz haben die Türken am 30. August einen conccntrischen Angriff auf die zwischen Balkan und Donau in dünner Linie eingekeilten Russen begonnen und, soweit die vorliegenden Nachrichten reichen, sieg- reich durchgeführt. Der Hauptkampf fand am Lom statt, wo der rechte Flügel der Türken— das Gros ihrer Armee— unter Mehemcd Ali Paschas Commando ani 30. und 31. das Centrum und Gros der russischen Armee unter dem Tommando des Großfürsten-Throiifolgers in zweitägiger mörderischer Schlacht auf's Haupt schlug und ihnen furchtbare Verluste beibrachte. Gleichzeitig machte der linke türkische Flügel unter Osmän Pascha von Plewna aus einen Vorstoß gegen den rechten russischen Flügel, und bemächtigte Suleiman Pascha sich Gabrowas, wodurch die noch im Schipkapaß stehenden Russen von ihrer Hauptarmee abgeschnitten sind. Die in der vorletzten Nummer von uns— auf Grund englischer Zeitungstelegramme— gebrachte Nachricht, daß der Schipkapaß von den Türken erstürmt worden sei, war insofern ungenau, als die Türken nur einige russische Stellungen erstürmt und Vorthcile errungen hatten, die von entscheidender Wirkung zu sein versprachen. Jetzt ist der Schipkapaß um gangen und muß, so weit er nicht schon von den Türken besetzt rst, binnen Kurzem in deren Hände fallen. Im Augenblick, wo wir schreiben— Sonntag Nachmittag— ist die Aktion noch nicht zu End�, und ein Urtheil über die Re sultate noch nicht abzugeben. Soviel steht fest: wenn das Ende dem Ansang entspricht, ist die russische Militärmacht gebrochen und, selbst wenn die russische Armee einer Katastrophe im Stil von Metz oder Sedan entgehen sollte, die Wiederaufnahme der Campagne seitens der Russen in diesem Jahre unmöglich. Auch aus Asien lauten die Nachrichten fortwährend den Türken günstig. In der letzten Schlacht— bei Aedikler—, der bedeutendsten, die bis heute in Armenien geschlagen worden, haben die Russen allein vier Generale verloren; darnach kann man die Größe ihrer Verluste ermessen. gungen: Mitleid mit dem Opfer, Zorn gegen den Thäter und Trauer über die Möglichkeit solcher Ereignisse, Gefühle, mit denen ein wahrhaft gesitteter Mensch gegen außerordentliche Ruch- losigkeiten reagirt, kommen kaum zur Geltung. Die Zeitung dient nur dem einzigen rohen Gefühle der Neugier, und der Reporter ist glücklich, wenn er bei ihrer Befriedigung seinem Collegen um eine Pferdelänge vorauseilen kann. Wie hat die Ermordete ausgesehen? Was hat sie am Tage des Mordes mit der Waschfrau gesprochen? Was mit dem Bäcker- jungen? Ist das Dienstmädchen, welches bei der Tante von dem Herrn dient, welcher den gesehen hat, welcher die gehört hat, die da erzählt hat, daß sie einen Mann gesehen hat, welcher am Hause der Ermordeten vorüberging— ist dieses Dienstmädchen hübsch oder häßlich?— Und solche Lappalien werden dem tausendköpfigen Lese-Publikum tagtäglich unter aufregenden Schlagworten vorgesetzt, der Mord wird in derselben Weise be- handelt wie das Auftauchen des Kri-Kri oder einer neuen Sän- gerin und am Ende gewöhnt die Zeitung ihr Publikum so sehr an die pikante Nahrung, daß eine Schreckensthat nicht mehr als solche gefühlt, sondern vom Reporter nicht minder als vom Lese- Publikum als erwünschtes Schauspiel begrüßt wird. Ist unter solchen Umständen der Ausdruck„Rohheit" wirklich zu hart ge- Wesen? Die Naturgeschichte der Fehler, welche die Tagespresse gegen- über dem Verbrecherthum zu begehen pflegt, wäre nicht er- schöpfend, wenn das Äerbrecherthuni„unter dem Strich", die Kriminalnovelle ganz unerwähnt bliebe; um so weniger, als das Referat über' eine spannende Gerichtsverhandlung durch die Feder eines guten Berichterstatters ohnehin beinahe den Charakter einer Kriminalnovelle annimmt. Doch spielt dieses Thema schon in die literarische Kritik hinüber und muß dann an die Tages- orduung kommen, wenn einmal unter den Uebeln aufgeräumt werden wird, welche die jüngst vergangene Romantik*) in unserer Literatur zurückgelassen hat. Ich habe meine Finger in eine häßliche Wunde unserer Presse gelegt. Ich hätte es nicht gethan ohne die feste Ueberzeugung,- *) Hal wahrlich nicht die Hauptschuld; unsere heutige Gesellschaft selbst, die da zuläßt, daß der Geldsack neben der Presse noch Kunst und Literatur beherrscht, trägt die hauptsächlichste Schuld an den angedeuteten„Uebeln". D. R. d. B. Natürlich wird unter solchen Verhältnissen der„Ausmarsch" der Serben noch einige Zeit auf sich warten lassen. — lieber das Testament Lingenau's veröffentlicht ein ainerikanischcs Blatt,„Der Anzeiger des Westens", zu dessen Redaktion der Verstorbene in freundlichen Privatbeziehungen stand, folgende Einzelheiten: „Herr Lingenau hat sein ganzes Vermögen, bestehend in etwa 14,000 Dollars baar, Büchern, Manuskripten, einem Tage- buche„von der Wiege bis zur Bahre", Kleidungsstücken und anderen persönlichen Effekten den Sozialdemokraten der ganzen Erde vermacht, damit, wie der Testator zu Anfang seiner letzt- willigen Verfügungen sagt,— Damit es endlich besser werde Auf dieser schönen Erde..... Nach Aufzählung der einzelnen Stücke des Nachlasses heißt es ferner in dem Testament:„Ich nehme die feste Ueberzeugung mit ins Leichentuch, daß meine Universalerben von meinem geistigen wie materiellen Nachlasse eine gerechte Vertheilung be- werkstelligen und dafür Sorge tragen werden, daß meine Ab- ficht erfüllt wird." Jetzt folgen nahezu drei tngbeschriebene Briefbogenseiten, enthaltend die Namen der Präsidenten und Leiter der sozialdemokratischen Vereine in vieleu Städten in Europa und in den Vereinigten Staaten. Die Hälfte des Ver- mögens ist für(die Sozialdemokratie) Deutschland bestimmt, 1 Sechstel für die Bereinigten Staaten, 1 Sechstel für die Schweiz, Frankreich, Italien und Spanien, und das letzte Sechstel für Oesterreich-Ungarn, Dänemark, Schweden, Norwegen, Polen, Rußland und England. Die Schlußworte des Testamentes lauten aber:„Zum Schlüsse spreche ich noch den aus vollem Herzen kommenden Wunsch aus, daß mein— zu denk bereits im Ausbau begriffenen, so selten schönen, der ganzen Menschheit gehörenden Prachtgebäude, in welchem Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit für iinmer thronen sollen— gebrachtes Sandkörnchen recht bald zahlreiche Gesellschaft bekomme, um dadurch zu bethätigen, daß es dem wahren Menschenfreunde mit der Parole „Einer für Alle, Alle für Einen" Ernst, und seine einzige Re- ligion Gutes thun. die ganze Menschheit seine Famile und die ganze Erde sein Vaterland sei. Lebt wohl, ihr Männer der Arbeit, und gedenkt zuweilen Eures Bruders Johann Karl Ferdinand Lingenau. Genf, 18. März 1876." Die Testamentsvollstrecker, deren Namen im„Vorwärts" noch nicht veröffentlicht wurden, sind: 1) Joh. Phil. Becker in Genf. 2) August Bebel in Leipzig. 3) Wm. Liebknecht- in Leipzig. 4) W. Bracke jun. in Brannschweig. 5) August Geib in Hamburg. 6) Karl Marx in London. Der„Anzeiger des Westens" meint, die Vollstreckung des Testaments werde auf Schwierigkeiten stoßen, weil„die Sozial- dcmokratie" keine„juristische Person" und folglich auch nicht erbfähig sei. So viel uns bekannt, sind über bestimmte Per- sonen, Körperschaften und Geschäfte in dem Testament namhaft gemacht, und somit die Bemerkungen des„Anzeigers des Westens" gegenstandslos. — Eine treffliche Illustration des Hasses mancher Bourgeois gegen die Sozialdemokraten bringt die„Chemnitzer Freie Presse". Dieselbe meldet:„Letzten Sonnabend, als Ge- nosse Kleinich aus Dresden sich nach Röhrsdorf begab, um seine Candidatenrede daselbst zu halten, wurde ihm unterwegs durch einen liberalen Fabrikbesitzer mit seinem Knechte aufgelauert und derselbe mit den ärgsten Thätlichkeiten. ja mit dem Erivürgen bedroht. Nur der größten Ruhe und Mäßigung hat es Klemich zu verdanken, daß er mit heiler' Haut davon kann." — Das Central-Wahlcomitä der sozialistischen Arbeiter- Partei Deutschlands hat uns die Antwort der„Frankfurter Zeitung" auf die jüngste Veröffentlichung des bekannten Brief- Wechsels mit betreff nden Noten zur Veröffentlichung zugesandt. Wir werden dieselbe in der nächsten Nummer bringen. Sozialistischer Welt-Congrest. An die Parteigenossen Deutschlands. Werths Genossen! Hierdurch bringen wir einige bezüglich des Congresses ge- troffene Anordnungen zu Eurer Kenntniß. 1) Alle Sitzungen finden in dem großen Saale„Parnassus", Iloutlei((Ziai aux ßois) in Gent statt. daß diese Wunde heilbar ist, und daß sie nur durch den festen Willen des Patienten selbst geheilt werden kann. Die Leitung einer Zeitung ist kein bloßes Geschäft, sie ist ein ernstes civili- satorischcs Amt, ein Beruf, welcher schwere Pflichten auferlegt; mögen die voranstehenden Zeilen durch ein lautes Wort an diese Pflichten erinnert haben."— Dieser Ausschrei des„Zeitungscourier" verhallt selbstver- ständlich unbeachtet an deu� Ohren auch der„anständigen" Literaten der herrschenden Presse— doch ist es gut, daß solches Thema auch von einem Nichtsozialdemokratcn einmal berührt wird. — Zum Sedanfeste. Es werden immer zum Sedansfeste allerlei schöne Büchlein empfohlen; auch der„Bildunqsverein", das Central- blatt für das freie Forlbiidungswesen, thut dies— das Blatt wird herausgegeben von der„Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung", dessen Vorsitzender Herr Schulze aus Delitzsch ist Wir finden da in dem Inhaltsverzeichnisse eines solchen gepriesenen Sedansbüchlein folgende Ueberschrift:„Die Kaiserjagd bei Sedan"— — uns kanns recht sein, wenn man hier einen Kaiser als wilde Bestie hinstellt, auf weiche Jagd gemacht wird. Aber die Kapitelüberschrift in einem andern von der„Gesellschaft für Verbreitung von Volksbil- dung" empfohlene Sedansbüchlein lautet folgendermaß-n:„Das Kessel- treiben von Sedan"— Pfui Teufel, wie bestialisch das klingt. Menschen werden wie die wilden Thi re des Waldes angesehen und der ganze Krieg als ein Sport— auch das kann uns recht sein. Aber welche Fülle von Bildung, welche Anregung des Volkes zur Bildung liegt in den beiden Ueberschriften— Sie sind doch gewiß auch solcher Meinung, Herr Oberbildungsrath Schulze aus Delitzsch? Und mit „bestialischen" Vergleichen belieben Sie ja selbst gern um sich zu werfen. — E ne Revolte hat vor Kurzem auf dem nahe bei Elbin g be- legenen Rittergut Stagnitten stattgefunden. Dem Besitzer des Gutes waren zu den Erntearbeiien 12 Strafgefangene aus Elbing über- wiesen, die während der Nacht in einem für diesen Zweck besonders her- gerichteten Gebäude untergebracht wurden. Hier brach in einer Nacht unter den Gefangenen eine Meuterei aus. Nach einem Bericht, welchen darüber die„Elb. Ztg." bringt, hatten einige Gefangene sich betrunken, und diese widersetzten sich der Einsperrung, wobei einer von ihnen sich mit einem Messer und einem Hammer bewaffnete und mit diesen Waffen dem Aufseher zu Leibe ging. Er öffnete dann das improoisirte Ge- fängniß, befreite seine Mitgefangenen und bewaffnete dieselben mit ! Sensen. Nachdem die Rotte mehrere Fenster demolirt und verschiedene Gutsleute arg bedroht, auch alle Beruhigungsversuche mit Gewaltthätig- 2) Am Sonntag, 9. September, 9—11 Uhr Morgens, Empfang der Delegirten am Bahnhof„La�s de Waas". 3) Um 12 Uhr Bewillkommnung im„Parnassus". 4) Nachmittags 3 Uhr Prüfung der Mandate. 5) Abends 7 Uhr Concert, Bortrag, Ball zc. 6) Montag, 10. September, 8 Uhr Morgens Eröffnung des Congresses. Wir ersuchen die Delegirten, so früh als möglich hier zu sein und uns im Voraus ihre Ankunft anzuzeigen. In der Hoffnung, daß Deutschland gut vertreten sein wird, senden wir Euch unseren Brudergruß. Im Namen der Initiativ-Commission Edmond Van Beveren, Rne courte du Bateau, 5. Gent(Belgien). NB. Alle Parteiblätter werden um Abdruck ersucht. Correjpondenzen. Linz a. WH., 25. August.(St. Sedan und kein Ende.) Soeben lese ich in einer„liberalen" Zeitung folgende Notiz, die ich den Lesern des„Vorwärts" zu ihrer Erheiterung mit- theilen will: „Bei den Porzellan-Fabrikanten Wirz und Riffart in Nippes bei Cöln sind von dem Borstande einer Gemeinde-Verwaltung an der Ruhr 1500 Tassen bestellt. Dieselben tragen in einer entsprechenden Verzierung die Aufschrift:„2. September 1877." Jedes an der Sedanfeier theilnehmende Schulkind erhält eine solche Tasse zur Erinnerung."-- Wahrhaftig, werden die Leser des„Vorwärts" mit mir ausrufen, man muß es ihnen lassen, unfern Herrn„Patrioten", sie wissen zur Anregung des „Patriotismus" die geeigneten Mittel zu wählen. In Zukunft werden also die Schulkinder der gedachten Gemeinde die Milch der patriotischen Denkungsart aus St. Sedan-Tassen trinken. Da aber Milch für erwachsene Patrioten doch ein etwas fades Getränk sein dürfte, machen wir hiermit den unmaßgeblichen Vorschlag, für die au derbere Kost gewöhnten reichsfreundlichen Mägen St. Sedan- Schnapsgläser herstellen zu lassen. Erst dann, wenn der preußische Schnaps aus solchen, einem hochpatriotischen Zwecke dienenden Gläsern getrunken wird, erst dann dürfte wohl der richtige Grad patriotischen Dusels erreicht werden. Man probire es nur einmal, und man wird sehen, daß sich das Mittel bewährt. Da ich nun doch einmal am heiligen St. Sedan bin, wolle mau es mir nicht verargen, wenn ich in der Geschichte dieses „Natioualfesttags" etwas zurückgreife und an der Hand der Ge- schichte nachweise, wie man auch schon früher sich der hohen Be- deutung dieses Tages vollständig bewußt war. Bei der vorjährigen St. Sedanfeier wurden in Fulda mitten aus dem fackelschwingenden und johlenden Haufen auf das Haus eines Bürgers drei Schüsse abgefeuert. Mehrere Fensterscheiben wurden hierbei zertrümmert, und eine offenbar aus einem Re- volver abgeschossene Kugel wurde vorgefunden.— In Rheine gerbte man sich am Schluß eines Festessens zu Ehren St. Sedans die Köpfe mit Regenschirmen, Todtschlägern und Flaschen.— In Münster sind in der Nacht auf den St. Sedanstag an mehr als einem Hause Fenster zertrümmert worden, wofür die Schaden- ersatz- Rechnungen von einem der Betheiligten dem Festcomitä eingereicht wurden. Der Gedanke, die St. Sedanfeier zu einem Kinderfest um- zugestalten, ist auch nicht mehr neu. Da sich das Volk dieser ihm aufoktroyirten Feier gegenüber in seiner Mehrheit ganz kühl verhielt, verfiel man hier und da aus den äußerst spitzfindigen Gedanken, das Fest zu einem Schulkinderfest zurechtzustutzen, um dadurch auch die Herzen der Eltern und Kiudcrfreunde in die sedanfrohe Stimmung zu versetzen. Wie nun ein solches Schulkinderfest am Sedantage sich gestalten kann, hat sich im vorigen Jahre zu Düsseldorf gezeigt. Dort kam eine Sedan- Schulfeier richtig zu Staude. Die Kinderschaar kam zur Ton- Halle, woselbst Erfrischungen verabreicht wurden. Ueber dieses Schulkinderfest äußerte sich s. Z. dem Einsender dieses gegenüber ein Düsseldorfer Augenzeuge folgendermaßen:„Die Kinder waren rein aus Rand und Band und geberdeten sich nicht nur äußerst roh, sondern auch Akte der Unsittlichkeit kamen zwischen den betrunkenen Knaben und Mädchen vor." Ueber den hohen Werth solcher St. Sedan- Kinderfeste von erzieherischem Standpunkt aus brauchen also keine weiteren Worte verloren zu werden. Sch. Sffenöach, 28. August. Trotz des höchst ungünstigen Wet- ters�war das Wahlfest am Sonntag zahlreich besucht. Noch leiten ziirückgewieien hatte, sah der Besitzer des Gutes sich genöthigt, sein gesammtes Personal zu bewaffnen und nun einen förmlichen Feld- zug gegen die Meuterer zu eröffnen. Nach mehr als fünfstündigem nächtlichem Kampfe gelang es endlich, dieselben zu überwältigen und unschädlich zu machen. Einer der Gefangenen war dabei durch eine« Flintenschuß an der Hand verwundet, mehrere andere Gefangene, so« wie einige Gutsleute erhielten leichtere Verletzungen.— Wir wollen gewiß nicht die revoltirendeu Sträflnige, vorausgesetzt daß der obige Bericht auf Wahrheit beruht, in Schutz nehmen— doch können wir nicht unterlassen, auszurufen:„Das kommt davon, wenn Ihr den freien Arbeitern Concurrenz mit Strafgefangenen macht! Ihr also seid die Mitschuldigen!" -Ein Richter Vahlteich's. Unser Chemnitzer Parteiorgan 'schreibt: Appellationsrath Dr. Schilling in Mittweida, Vorsitzender des Schöffengerichts, welches Bahlteich zu 1�/2 Jahren Gefängniß ver» urtheilte, scheint in seinem Wirkungskreis nicht gut angeschrieben zu sein und es wird sein Verdienst, welches er sich als Soztalistenversolger bei obiger Berurtheilung mit erworben, gar nicht nach Gebühr gewürdigt. Statt dem Retter der Ehre des Königs bei der Reise des Letzteren durch Mittweida eine rühmliche Ovation darzubringen, bringt ihm die hoffnungsvolle studirende Jugend, 300 Mann stark, eine abscheulich klingende Katzenmusik und giebt ihn so der Bewunderung der friedlichen Bürger preis. Aber damit noch nicht genug, sämmtliche Studirende des Technikums stellen den Bürgern sogar die Alternative:„Entweder unser Be eidiger, Dr. Schilling(er verwies ihnen bei dem Schützenfestmahl das commentmäßige Trinken), verläßt die Stadt oder wir." Und die guten Bürger, hauptsächlich Geschäftsleute,- welchen die aus aller Herren Länder zusammenströmenden Siudirenden immer etwas zu verdienen geben, sie ziehen sich die jungen Herren Techniker vor und haben eS infolge dessen gewagt, in öffentlichen Lokalen eine Petition auszulegen, Inhalts deren sie ein hohes Justizministerium bitten, Herrn Dr. Schilling einen anderen Wirkungskreis anzuweisen, weil genannter Herr durch seine Handlungsweise gegen die Schüler des Technikums die Existenz dieser Anstalt für Mittweida gefährde. Das ist deutlich genug, und wir können nur der Regierung empfehlen, wenn sie dem Gesuch entspricht, den Mann nach Chemnitz zu versetzen, wo durch den bürger- lichen Tod des Assessor Böhmer, dessen Versetzung nach Waldheim be- kanntuch eine ausgemachte Sache ist, eine Stelle offen geworden. — Cabet's Wittwe ist am 27. August zu Paris in der Borstadt Saint-Mandä im Alter von 86 Jahren gestorben. kurz vor 3 Uhr, der Zeit der Aufstellung des Festzuges, war das Comitv im Zweifel, ob das Fest abgehalten werden sollte oder nicht, und erst als man erwogen, daß die Kosten nun so wie so vorhanden und gedeckt werden mußten, entschloß man sich, das Fest abzuhalten. Kurz nach 3 Uhr bewegte sich der Zug, die rothe Fahne voran, der doch 7—800 Personen zählte, dem Festplatze zu. Musik- und Gesangsvorträge wechselten mit einigen gut arrangirten Spielen ab und war die Stimmung trotz des bösen Wetters eine sehr gehobene. Die Gesangvereine„Heiter- feit" und„Humoria" aus Bieber trugen einige sehr schöne Lieder vor und belebten das Fest in dankenswerther Weise. Ein Glückwunschtelegramm der Genossen von Langen, welche durch die Wahlagitation für die Gemeinderathswahl vom Besuch des Festes abgehalten worden waren, wurde enthusiastisch auf- genommen. Auch mehrere Studenten von Münster hatten ein Glückwunschschreiben gesandt, welches wörtlich verlesen wurde und lautet: An das sozialdemokratische Comitö des Wahlfestes für den Kreis Offenbach-Dieburg. Theure Freunde und Parteigenossen! Ein kleiner, aber gewiß der beste Theil der Studenten Münsters wünscht im Geiste Euer Fest mitzufeiern und ruft Euch seinen herzlichen Gruß und Glückwunsch zu. Die Welt, bisher ein stilles, ödes Krankenzimmer, nur dann und wann von einem frischen Luftzug durchweht, öffnet sich endlich aller Orten dem flammenden Morgenstrahl, der eine menschenwürdige Zukunft und volles, warmes Leben verheißt. Nur das Alter verschließt sich zitternd dem liebevollen Mahnen— die Jugend ist Euer und mit der Jugend die Zukunft. Nicht nur die Arbeit der Hände, auch Wissenschaft und Kunst müssen frei werden, müssen, vom Dienste des goldenen Kalbes erlöst, ihren wahren Beruf erkennen, Lehrerinnen des Bolkes zu sein. Die heutige Gesellschaft, welche ihre Lehrer verhungern läßt, Theater und Cirkus unter einen Gesetzesparagraphen bringt, welche das Mysterium der Religion verspottet und sich vor dem Mysterium der Monarchie auf den Bauch wirft, welche den Helden des Säbels Monumente erbaut— die Gesellschaft hat kein Recht, sich die gebildete zu nennen. Ihr Wissen scheut die volle Wahrheit, ihre Bildung ist halb, ihre Kunst die Mätresse des Goldes, ihre Ethik der Egoismus, ihre Culturwaffe der Hinterlader. Nur eine neue Gesellschaft, nur der sozialistisch aufgebaute Staat ermöglicht eine neue(und noch schönere) Perikleische Aera. Daß er bald erstehe, laßt uns alle schaffen, Arbeiter der Hände und Arbeiter des Kopfes. Wir rufen Euch— ohne Zweifel im Namen von Tausenden von Studenten— ein donnerndes„Vivat, floreat, crescat(es lebe, blühe, wachse) die Sozialdemokratie Deutschlands" zu. Mit brüderlichem Gruß und Handschlag Münster, Wesff., Freitag, 24./8. 77. Mehrere Studenten. Nachdem der stürmische Beifall, mit welchem dieses Schreiben begrüßt wurde, sich gelegt hatte, begann Herr Wilh. Liebknecht die Festrede. Er hob die hohe Bedeutung unserer Feste hervor, bezeichnete das Wahlfest als ein Siegesfest, weil bei der letzten Stichwahl im Offenbacher Kreis die Sozialdemokratie einen Slänzenden Sieg, wenn auch noch nicht den Erfolg errungen at. Das nächste Mal müsse auch der Erfolg unser sein. Die Stadt Offenbach ist erobert, der Wahlbezirk Offenbach muß jetzt erobert werden, so daß er im Januar 1880 der Sozial- demokratie gehört. Redner mahnte, durch lauten Beifall unter- krochen, in kräftigen Worten zu energischer Agitation und festem Zusammenhalten. Abends, als die Sonne am Horizont ver- schwunden war, ging es unter Begleitung der Musik, die bis vor die Stadt spielte, nach Haus. Obwohl wir den ausgegebenen Festkarten nach die gesammten Theilnehmer am Fest auf 1800— 2000 schätzen dürfen, können wir doch nicht umhin, unser Bedauern darüber auszusprechen, daß die Orte des Kreises zu schwach vertreten waren; wir mei- nen, das trübe Wetter hätte die Genossen nicht vom Besuch des Festes abhalten sollen. Daß, da wir unter der bezeichneten Un- gunst des Wetters litten, der Besuch unseres Festes doch noch ebenso stark war, wie der Besuch des vom besten Wetter be- günstigten Festes unserer Gegner, kann uns nicht beruhigen, wir müssen gestehen, die Genossen, einzelne ausgenommen— haben ihre Schuldigkeit nicht gethan. Es ist dies bedauerlich und wollen wir deshalb hier an dieser Stelle nicht unterlassen, die Aengstlichkeit vor etwas Regen zu rügen, indem wir hoffen, daß dies genügend sein wird, die Genoffen allerorts an ihre heilige Pflicht zu mahnen, denn es sagt ein altes Dichterwort: Nur Der verdient die Freiheit und das Leben, der täglich sie er- kämpfen muß. Meumarkt in Schlesien, 22. August.(Maßregelung.) Daß die Sozialdemokraten den Fabrikanten ein Dorn im Auge sind, ist eine allgemein bekannte Thatsache, es erfolgt denn auch deren Entlassung aus der Arbeit, wo es nur angänglich ist. So erging es auch mir. Ein Arbeiter in der Hünsch'schen Cigarren- sabrik, in der auch ich beschäftigt war, hinterbrachte der Ge- schäftsleitung aus Rache gegen mich, daß ich auf der Fabrik Agitation treibe und die Arbeiter zwinge, Blätter(die„Rund- schau") zu lesen, die sie gar nicht wollten. Die Folge war meine Kündigung. Es hieß einfach:„Sie hören in 14 Tagen auf zu arbeiten, Ihre Agitation habe ich satt, ich leide diesen Kram auf der Fabrik nicht." Ich lieferte den Beweis, daß das weder die Fabrikordnung noch die Arbeiter störe, da ich ja selbst zu den fleißigsten Arbeitern auf der Fabrik gehöre. Das hindert indessen nicht, bei meiner Entlassung zu beharren. Meine Kün- digungszeit war erst Dienstag den 21. d. M. Nachmittags 4 Uhr zu Ende, ich erhielt aber schon Sonnabend den 18. d. M. den Entlassungsschein. Am Montag haben Wickelmacher sowie Ci- garreuarbeiter Abzug erlitten, und zwar Cigarrenarbeiter bei einer Sorte Cigarren 1 Mk.; 12 Arbeiter haben die Arbeit sofort niedergelegt und sind abgereist. Da ich verheirathet bin, kann ich unmöglich gleich in die Welt gehen, da Berhältnisse mich binden, die in einer Woche nicht geregelt werden können. Das Organ der Schuhmacher,„Der Wecker", sowie die Zeitung „Die Rundschau", welche ich in jüngster Zeit eingeführt, bedürfen meiner Person. Ich bitte daher alle Arbeiter, mich nicht im Stich zu lassen. Unterstützt mich! Ich habe es auch an Anderen gethan. Laßt die Leute nicht Recht haben, die da sagen:„Nun wollen wir sehen, ob Dir die Leute werden zu essen geben,' für welche Du gewirkt hast." Helft mir! In 14 Tagen hoffe ich mir eine selbstständige Existenz zu schaffen. In gleicher Lage wie ich befindet sich auch C. Fries. Der- selbe ist ebenfalls verheirathet und wurde am 25. August aus der Arbeit entlassen. Herrmann Tilgner, Cigarrenarbeiter. E. Grde Stötteritz Ann. 4,311, Ab. 8,40. Gtz Oels- Schfr Gohlis Ab. 13,50. Rw Altona Ab. 33,85. Zhtnr Darmstadt Schr. 24 49. Hssnr Mamz Ab. 6,70. Ltz Würzburg Schr. 2,53. Much Zittau Schr. 150,00. Krbs hier Ann. 1,80. Hhn Bockenheim Ab. 7.00. Glglr hier Ab. 13,65. F. A. Srg Hoboken Ab. u. Schr. 609,00. Wllt hier Ann. 0,70. Angrmnn hier Ab. 0,60. Krzl Oimütz Schr. 3,30. Hfmnn Wien Schr. 6,40. Knzlmnn Reut- lingen Schr. 1,80. Klmr Kirchheimbolanden Schr. 6,00. Prhl Hildes- heim Schr. 6,50. Ehrcht Zeitz Schr. 3,50. Dk Danzig Schr. 0,95� Ztz St. Goar Schr. 0,70. St. in Saarbrücken. Ist der eingeschriebene Brief an Sie und das Packet an die Expedition angekommen? Bis jetzt keine Nachricht erhalten. D. Von Q.5,30. Fonds für Gemaßregelte. Hfmann Wien 2,15. Vom Arbeiterverein Plagwitz durch Auf zur Wahl! Alle Genossen von Limmer, Linden und Hannover, welche zur Verbreitung von Flugschriften und Stimmzettel beitragen und be- hilflich sein wollen, werden ersucht, sich Freitag, den 7. September, Abends im Hengümann'schen Lokale einzustellen. Alle Listen und Gelder müssen dort abgeliefert werden. Beihülfe thut Roth. Ueb.r 100 Orte haben wir mit Stimmzetteln zu besorgen. Genossen von Hannover und Linden, thut Eure Schuldigkeit. Wir sind nicht im Stande alles allein. zu besorgen. Also auf zum Kampfe! Mit sozialdemokratischem Gruß: Das Arbeiter-Wahlcomitö. Kiel. und 1 in Eichlinghofen beerdigt. Die Betheiligung an dem! Quittung Leichenzuge war eine enorme, und hatten sich namentlich die 4,00. Knappenvereine und Arbeitscollegen der Unglücklichen zahlreich eingefunden, um ihren Kameraden die letzte Ehre zu erweisen. Herzzerreißend war das Jammern der Angehörigen der Berun- glückten, die ja alle in ihnen ihre Ernährer in das weite, offene Grab senken sahen. Hinter dem ersten Leichenwagen befand sich eine noch junge Frau mit sechs unmündigen Kindern, die dem heftigen Schmerze fast erlag und nur mit Mühe sich aufrecht er- halten konnte. Ein Greis mit spärlichem Silberhaar mußte fast mit Gewalt von dem Sarge seines einzigen Sohnes, der ihn im Leben mit kindlicher Liebe unterstützt hatte, gezogen werden. Wir wollen von einer genaueren Beschreibung dieses Trauer- aktes absehen; die Feder ist zu schwach, um all das Elend, das Jammern und Wehklagen wiederzugeben, welches sich an den offenen Gräbern zusammenfand.(Siehe unter sozial-politische Uebersicht. D. R. d.„V.") Schkoßchemnitz, 29. August. Heute fand die Beerdigung unseres Genossen Jäkel statt. Seit Beginn der sozialistischen Bewegung stand er in unseren Reihen, war 5 �sahre hindurch Vertreter der hiefigen Arbeiterschaft im Gemeinderath und hat in dieser seiner Eigenschaft bewiesen, daß er ein fester Charakter ivar(wie sie dem jetzigen Gemeinderath recht sehr zu wünschen find). Den einmal gehuldigten Grundsätzen und Prinzipien blieb er treu und wußte das Vertrauen seiner Wähler voll und ganz zu würdigen. Jäkel, welcher im Alter von 63 Jahren starb, hat den Leidenskelch dieser Erde voll und ganz leeren müssen. Arm und körperlich schwach, war er- öfter Krankheiten, seit vier Jahren aber ganz dem Siechthum verfallen. Trotzdem sah man vor einem Jahre noch den kleinen alten Mann in gebückter Stellung und keuchend zur Arbeit schreiten; seine Armuth trieb ihn dazu. Wann endlich wird die Zeit kommen, in der nicht wie jetzt altersschwache Leute, da sie sich nicht der Pflege hin- geben können, vorzeitig zum Tode gebracht werden? chroihsch, 28. August. Das am 26. d. hier stattgefundene Arbciterfest erfreute sich eines recht zahlreichen Besuchs. Es war unter Anderen der Zeitzer Arbeiter-Gesangverein vollzählig erschienen, ebenso waren eine Anzahl Genossen von Zwenkau und Leipzig anwesend. Bei dem Nachmittag stattfindenden Fest- zuge durch die Stadt, welcher von fünf Gensdarmen eskortirt wurde, durfte auf Befehl derselben die prächtige rothe Fahne der Zeitzer Genossen nur verhüllt dem Zuge vorangetragen werden; auch im Garten des Festlokals wurde ihre Entfaltung nicht gestattet, damit nicht etwa irgend welches zwei- oder vier- beinige Viehzeug, welches die rothe Farbe nicht vertragen kann, bei ihrem Anblicke scheu werden möchte; erst im Saale fand das Banner der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit einen Ruhe- Punkt zur ungestörten Entfaltung. Den Glanzpunkt des Festes, dessen Programm im Uebrigen aus Jnstrumentalconcert und Gesangsvorträgen des Zeitzer und Groitzscher Vereins bestand, bildete die vom Genossen Geiser aus Leipzig gehaltene Festrede, deren kernige zum Herzen dringende Worte ihren Wiederhall in dem begeisterten Beifall der Anwesenden fanden. Wie sehr oft bei Festen der Arbeiter, so konnte auch hier die so zahlreich vertretene Polizei die Gelegenheit zu einer kleinlichen Störung der Feststimmung nicht vorübergehen lassen. Als nämlich nach der Festrede Genosse Oehme aus Leipzig zur weiteren Illustration des von Geiser Gesagten ein schon oft anstandslos vorgetragenes Gedicht zu Gehör bringen wollte, wurde demselben schon nach der zweiten Strophe das Weitersprechen von einem Gensdarmen mit der weisen Begründung untersagt: daß dies nicht auf dem Programm stehe. Mit der Bemerkung, daß durch dieses Verbot die Freiheit, welcher wir uns im herlichen neuen deutschen Reiche erfreuen, am Besten illustrirt werde, verließ Oehme unter all- gemeinem Beifall die Tribüne, benutzte jedoch einige Stunden später in einer Tanzpause die Gelegenheit, um durch Vortrag eines andern längeren Gedichts den Anwesenden noch einige geistige Anregung zu geben, was ihm denn wunderbarer Weise auch ohne weitere Unterbrechung gelang, wenn man ihm auch! nachträglich drohte, ihn für diese Ueberschreitung des Festpro- gramms verantwortlich zu machen. Ein gemüthliches Tänzchen, bei welchem sich auch das schöne Geschlecht sehr zahlreich be- 1 theiligte, hielt dann die Festtheilnehmer noch einige Stunden fröhlich beisammen, und wird auch dieses Fest wieder dazu bei- getragen haben, das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der evffitffrtrfpr Knlondor für daÄ nrftpitpnho sZnsk tirn 1 R7R Gemeinsamkeit der Interessen in den Herzen und Köpfen der �klllfiniier Jtultnoet sllt Ouö uioeuenoc 45011 pro io/o, Arbeiter auf's Neue zu erwecken und zu kräftigen und sie zu(Dritter Jahrgang.) stählen im unvermeidlichen Kampfe ums Dasein! Arbeitcr-Sängerbund. (Vorläufige Anzeige.) Montag, den 24. September, im„Englischen Garten":(F. 181) Abendnnterhaltung und Ball. Alles nähere wird noch bekannt gemacht.(1,60 Agitationscomitö. •*-1 Mittwoch, den 5. September, Abends>/z9 Uhr: Sitzung im Lokale des Arbeiterbildungsvereins.(40 Der Borstand. Arbeiter-Verein. Donnerstag, den 6. September, Abends 8V2 Uhr, in Burmeister's Salon: Oeffentliche Versammlung. Tagesordnung: 1. Ist innerhalb der sozialistischen Gesellschaft freie Concurrenz möglich? Referent Hr. Lindemann. 2. Antrag Kösters: Erhöhung des Beitrags. Da dieser Antrag eine Statutenänderung vollführt, so ersuche ich sämmtliche Mitglieder zu erscheinen.(1,10 F. Hcerhold. Ein solider Parteigenosse stellt sich den Redaktions-Bureaus unserer Parteiblätter als Expedient oder dergleichen zur Verfügung. Offerten sind unter F. N. zu richten an die Expedition des„Vorwärts".(90 Provinzialversammlung. Am 9. September d. I. findet in Königsberg eine Versamm- lung der Gesinnungsgenossen der Provinz Preußen statt. Zweck der- selben ist: Berathung über die wirksame Verbreitung der am 1. Oktober erscheinenden„Königsbcrger Freie Presse". Beginn der Versammlung Nachmittags 4 Uhr im Kneiphöf'schen Gemcindegarlen, Magistcrstraßc 55. Diejenigen Gesinnungsgenossen aus der Provinz, welche dieser Ver- sammlung beiwohnen, werden ersucht, dies bis zum 8. September an I. Kräcker, Unterrollberg 17, zu berichten. Für Frei-Quartier wird gesorgt werden. Zahlreiches Erscheinen Ehrensache. Königsberg in Preußen. Hermann Arnoldt. Max Herbig. Carl Kallmann. F. W. Pinnen. F. W. Rekitzki. John Reitenbach. I. Kräcker aus Breslau. �180 ~7.* i Im Verlage der Leipzgcr Genossenschafts-Buchdruckerei ist erschienen Ein gemüthliches Tanzchen, und durch die Unterzeichneten zu beziehen: Der arme Conrad. Altona.(Gewerkschaft der Sattlet und Berufsgenossen.) Hierdurch machen wir bekannt, daß die Arbe.tgebec des Meisterbundes der Sattler von Hamburg-Altona beschlossen haben, die Arbeitszeit um eine Stunde zu verlängern, resp. den Lohn zu verringern, und solches schon thcilweise in mehreren Werkstätten eingeführt worden ist. Wir finden, daß sich die Herren bei dem Vorgehen sehr rücksichtslos gezeigt haben, indeni vorher in keiner Werkstatt etwas bekannt gemacht, sondern den Arbeitern plötzlich die Alternative gestellt wurde, die von den Meistern gestellten Bedingungen anzunehmen oder die Arbeit einzustellen. Es wurde sogar, wenn eine Erw.dcrung�stattfand, entgegnet:„Sie haben weiter nichts als„Ja" zu sagen". So wie man jetzt in Altona vorgegangen ist, wird man wohl auch in nächster Zeit in Hamburg vor- gehen, da die Arbeitgeber mit einander in Verbindung stehen. Wir bedauern nur, daß wir nicht geeinigt dastehen und vorgehen können, da uns unsere Mitgliedschaft seit deni 2. März 1876 geschlossen wurde und noch nicht wieder freigegeben ist. Wir glauben jedoch, daß uns dieses Vorgehen nur einen momentanen Schaden zufügen kann, indem aus diesem Kamps ein neuer hervorgehen und dadurch die beste Ägi Gegen die Vorjahre bedeutend vergrößert(132 Seiten stark). Änlfalts-Uerzeichniß. Vorwort, mit gedrängter Statistik über die letzten Reichst« gS wählen.— Vollständiges Kalendarium(protestantisches, katholisches, Sonnen- und Mondwechsel, Tages- und Nachtlängen:c.).— Umsonst geopfert. Erzählung von Robert Schweichel.- Glück und langes Leben. Episode nach dem Leben von Carl Hillmann.— Die Erziehung zur Ungleichheit und Unfreiheit. Von X. I. Z.— Lud- wig Börne(Biographie). Mit Portrait.— Die Wiener Arbeiter von 1848. Von Wilhelm Blos.— WeihnachtSbilder aus einem flroletarierleben. Von F. W. Fritzsche.— Die Werththeorie. apitel aus der politischen Oekonomie von H. Oldenburg.— Eine Epistel zur Kindererziehung. Von Emil Roßbach.— Die Wichtig- keit der Grund- und Bodenfragc. Von Georg Bollmar.— Der Himmel. Naturwissenschaftliche Stizze von W. Bracke.— Saint Simon(Biographie). Mit Portrait.— Die dümmste Frau. Humoreske.— Die Menschenaffen. Mit Illustrationen.— Die ! Pariser Commune. Bon X. 3£.— Gedichte:„An die Reichen" von Viktor Hugo;„Ans der Jugendzeit" und„Der alte De- Imokrat" von Aug. Geib.— Anekdoten. Sinnsprüche. Räthsel. d. I. bei mir eingegangenen Gelder.) Einnahme: Bloßfeld Bg. 5 M. 6,45; Oberhäuser Bg.11, 50;©Ochmann Bg. 7 5,25; Reinthal zeichnet und geschnitten. Bg. 6 14,50; Rmdel Bg. 7 2,00; Hosbeck Bg. 9 9.05; Meyer Bg. 7'' � a'' 1,00; Wolf Bg. 8 1,30; Oberhäuser" 0,50; N. N. 1,00; Renftle � ratenweis gezahlt 39,00. Bestand: 6,05, Die Herren Capser und Gröger haben trotz der an Sie im„Vor wärts" ergangenen Aufforderung ihre Bogen bisher nicht eingel.efert. Die Illustrationen sind von bewährten Künstlern bnÄer�Bg.� 1?,00� N' n'l09� N V Trotz der gediegenen und reichhaltigen Ausstattung kostet der Kalender 0�50. Sa: 45,05. Äusg�be- An L�r! 8°�™r �O Pf.. gebunden und.mt gutem Schre.bpapi-r Beitand' 605 durchschossen 60 Pf., gegen baar oder Postvorschnß. Den Bestellern von Einzel-Exemplaren ist anzuempfehlen, für jedes Exemplar brochirt 50 Pf., gebunden 70 Pf., einzusenden, wofür wir es franco per Kreuzband zusenden. Die Lieferung des Kalenders erfolgt nur gegen baar oder Postnachnahme. Ire!- ßFemplare werden nicht gegeben. Auf Posten von 1 Dubend auswärts berechnen wir ZÄ- 40 � � I»««• Expedition des Vorwärts, Leipzig, Färberstr. 12/11. AUg. deutsche Assoziations-Bichdruckcrei zu Berlin. 80., Kaiser-Franz-Grenadierplatz 8a, L Dr. JUT' Besteller aus dem Norden wollen ihre Aufträge nach Berlin, diejenigen ans Süd- und Mitteldeutschland nach Briefkasten der Redaktion. N. D. in Halberstadt: Wenn blos der Ange- j klagte appellirt, kann in der zweiten Instanz keine höhere Strafe er- olgen; wenn aber der Staatsanwalt appellirt, dann kann es ge- � chehn, und geschieht sehr häufig; in Frankfurt a M. sogar ziemlich regelmäßig.— Hrn. Stud. G. W. in München: Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts und speziell des Jahres 1848 giebt es nicht. Das Gervinus'jche Werk wird Ihnen bekannt sein. Vielleicht finden Sie in Gögg's„Anfjchtüsse über die Badische Revolution von 1849" die ge- wünjchle Information.—„Ein Arbeiter" in Ronsdorf: Was Sie, namentlich im Herbst„sternschnuppenartig aus der Lust" niederfallen oß of, nj(u 4.- gesehen haben wollen, ist entweder etwas„Sternschnuppenartiges" ge- L e i v! i a' adreiürcn Marte«, �>. Slugust. Gtstern Nachmittag fand die Beer dl- roejen oder der Ausdruck„sternschnuppenartig" ist unrichtig; jedenfalls-------------- Mg der 15 auf Zeche„Borussia" verunglückten Bergleute statt. e'ä kein„Plasma",„Protoplasma" u w. Zon den Leichen wurden 8 auf den evangelischen und 4 auf der Expedition. Abonnent in Pöhlau: Schriften an St. abge- dem katholischen Kirchhofe zu Lütgendortmund, 2 in Stockum sandt. Abgabe bei Hoffm. Verantwortlicher Redakteur: Hermann Helßig in Reudnitz-Leipzig.. »edak wt ttiii Kxpedtt en Körberstri 12/11, ir. LeipxP. »Ntck«•»»sch»ftsb»chdmck«tt n Le'pz-g,