Erscheint in Leipzig Mittwoch, Freitag, Sonntag. AbonnemcntsPreis lur ganz Deutschland 1 M, 60 Pf. fto Quartal. Monats• Sit onuemenls werden bei allen deutschen Postanstalten aus den 2. und 3. Monat, und aus dm »! Monat besonders angmonnum: im «önigr. Sachsen und Herzogth. Sachsen- Mtmburg auch aus den lim Monat ded Quartals k 54 Psg. Inserate betr. Versammlungen pr. Petitzeile 10 Ps., derr. Prioatangelegmheitm und Feste pro Petitzeile 30 Pf. Vorwärts Vestkllungen nehmen an alle Postanstaltm und Buch. Handlungen des In- u. Auslandes. Filial> Expeditionen. New-Uorl: Soz.-demokr. Gmossm- schastsouchdrutlerei, 154 Eldridge Str. Philadelphia: P. Haß, 630 Rvrti» 3ra Slroot. I. Boll, 11ZS EKarlotte Str. Hoboten R..l.: F. A. Sorge, 215 IVusst- inKtvn Ltr. Chicago: A. Lanfermann, 74 San Franzisco: F. Entz, 41 S V'Eurrell Str. London W.; C. Henze, 8!Zsv Str. Golden Square. Kentrat Hrgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 110. Mittwoch, Ist. September. 1877. s Zur Komödie in Frankreich. Das Gejammer und Gezeter über die Verurtheilung Gambe tta's in allen französischen und deutschen Bourgeois- zeiwngen ist sehr, sehr groß. Wenn französische Communards ihres politischen Kampfes halber erschossen oder zu lebenslang- licher Deportation verurtheilt wurden; wenn deutsche Sozialisten, wie Vahlteich, Bebel, Kaulitz und Hackenberger zu mehrjähriger Gefängnißhast unter der strengsten Anwendung und der eigen- thümlichsten Auslegung der bestehenden Gesetze verurtheilt wur- den, dann haben die Zeitungen, welche vorgeben, für die Freiheit und das Recht zu kämpfen, nur ein gleichgiltiges Achselzucken gehabt,— nun aber hat man einen der ihren einmal gepackt und zu 3 Monaten— sage und schreibe zu ganzen drei Mo- naten— verurtheilt, deshalb ein Getobe, Geschimpfe und Ge- jammer, als sollte die Welt darüber untergehen. Es ist aber auch Gambctta, der größte aller Redner und Volkstribunen, und was ausschlaggebend ist: durch die Verurthei- hing verliert er auf fünf Jahre die Wählbarkeit! Wer ist denn daran Schuld? fragen wir. Antwort: die jammernden„Republikaner" selbst! Weshalb haben sie nicht, während der„große" Thiers Prä- sident war, derlei traurige Gesetze, welche unter der bonapar- tiftischen Reactionszcit(1852) entstanden sind, aufgehoben? Ant- wort: Weil man dieselben gegen wirklich Radicale und Commu- nisten beibehalten wollte! Nun hat sich der Spieß umgekehrt; jetzt wird der heimtückische Paragraph von der Reaction gegen die Bourgeoisie angewandt. Uns fällt hierbei immer das Gebahren der deutschen Liberalen bei der Gesetzesmacherei im Reichstage ein. Alle Strafpara- graphen und sonstige Zwangsmaßregeln werden so verfaßt, daß sie sich lediglich gegen die Opposition und zwar jetzt gegen die Clericalen und Sozialisten richten; dabei fällt den kurzsichtigen Herren gar nicht ein, daß einmal auch in Preußen Deutschland ein� pictistisch-clerical-reactionäre Regierung kommen kann, welche dann alle vom Liberalismus geschaffenen oder belassenen Knebe- lungsgefetze gegen den Liberalismus selbst anwenden wird. Dann aber wird man ein Geheul und Gezeter hören in Deutschlands Gauen, dann wird diese liberale Gesellschaft nicht begreifen wollen, daß sie selbst sich die Ruthe gebunden hat, mit welcher sie gezüchtigt wird. So geht es auch den jetzigen„Republikanern" in Frankreich. Wo sind die Männer, welche allein im Stande wären, den Mac-Mahonistischen Staatsstreich zu verhindern? Ihre Gebeine bleichen auf der Ebene von Satory, hingemordet durch den ver- storbenen„republikanischen" Führer Thiers. In Neu-Caledonien schmachten sie in elendester Gefangenschaft, deportirt durch eben denselben Thiers. Ja, wenn nur die Herren„Republikaner" während der Herr- schaft des„Republikaners" Thiers die Amnestie erlassen, und wenn sie nur, während sie die Herrschaft besaßen, die reactio- nären Gesetze über Bord geworfen und fteisinnige Gesetze ge- schaffen hätten! Nein, sie thaten es nicht, sie hatten Angst vor den wahrhaft freisinnigen Franzosen, vor den communistischen Arbeitern. Sie haben sich selbst die Ruthe gebunden, mit welcher sie jetzt gezüchtigt werden. Doch kommen wir auf das Gezeter der Zeitungen über Gam- betta's Verurtheilung zurück. Wir halten dieselbe gleichfalls für das Resultat eines schnöden Tendenzprocesses, aber schreiben dasselbe hauptsächlich, wie oben nachgewiesen ist, den Unterlaffungssünden der„Republikaner" zu,— diese also sollten über sich selbst jammern und zetern und— sich bessern, dann hätte der Proceß des Herrn Gam- betta doch etwas Gutes verrichtet! Waren denn sämmtliche Vcrurtheilungen von Communards nicht auch das Resultat der elendesten Tendenzprozesse? War die Verurtheilung der Parteigenossen Bebel und Liebknecht im Jahre 1872 nicht gleichfalls die Frucht eines Tendenzprozesses? Ist nicht außerdem unserem Genossen Bebel auch das Reichstags- Mandat gerichtlich aberkannt worden? Und wir halten Bebel in jeder Beziehung für besser und tüchtiger als den Schönschwätzer Gam betta, der eine derartige Rechtsschwenkung schon vollzogen hat, daß ihn selbst die conser- vativen Zeitungen in Deutschland schon zu loben anfangen. Das Gezeter und Gejammer der Liberalen diesseits und jen- seits der Mosel hat für uns nur die Bedeutung des wenn auch nur unfreiirilligen Eingeständnisses der eigenen Schuld und der eigenen Schwäche.— Die Pariser Arbeiter aber stehen, wie bei dem Tode des Herrn Thiers, auch bei der Verurtheilung des Herrn Gambetta völlig gleichmüthig da— sie rühren keine Hand, um die Mör- der der Commune emporzuziehen, sie werden sich freuen, wenn ihre schlimmsten Gegner sich gegenseitig zerfleischen; sie werden aber bei den Wahlen das trügerische Bündniß der Radicalen mit dem linken Centrum zerreißen und wie der„Peuble", ein Pariser Blatt, andeutet, selbständig vorgehen. Der„Peuble" schreibt nämlich in Bezug auf den Tod des Herrn Thiers: „Die Tobten sind todt! beschäftigen wir uns jetzt mit den Lebenden... Was soll denn das heißen, daß wir mit o' Sutrum des Senats Manifeste unterzeich- uen? Haben wir nichts Besseres zu sagen und zu thun? Sind die 4.0ms Blanc, die Victor Hugo plötzlich verstummt?.... Ter Augenblick ist gekommen, da die Republik sich in dem gan- Umfang ihres Prinzips behaupten muß. Mit Thiers Ist die Politik der Compromisie zu Grabe getragen worden. Der Opportunismus ist getödtet. Jetzt handelt es sich darum, aus- �chtig zu jem und den Zweideutigkeiten ein Ende zu machen". Daß der Redacteur des„Peuble" dieserhalb von dem„Frank- furter Beobachter" mit deutlichem Hinweis auch auf die Redac- tion des„Vorwärts" eine weiße Blouse genannt wird, das verschlägt nichts, wenn nur der radicalen, der sozialistischen Sache gedient wird— wir sind an Schimpfworte seitens unserer con- servativen, liberalen und„demokratischen" Gegner gewöhnt. Wie weit aber die„Republikaner" schon zu Mac Mahon herabgesunken sind, wie wenig dieser Letztere der„weißen Blou- sen" bedürftig ist, geht aus folgender Aeußerung eines bürg er- lich demokratischen Blattes hervor, die wir dem heißspornigen „Frankfurter Beobachter" zur gefälligen Beachtung mittheilen: „Wenn irgend jemals ist dem Marschall jetzt die Umkehr leicht gemacht. Die Republikaner fühlen sich unsicher, sie fürch- ten, daß ihnen der Tod Thiers' einen Theil der ängstlichen Bourgeoisie entfremdet hat. Mac Mahon brauchte nur die Hand auszustrecken, und die Liberalen würden sie mit Vergnügen er- greifen. Es scheint denn auch, daß man im Elisöe an etwas Aehnliches denkt".— Thiers ist todt; Gambetta wird ins Gefängniß geworfen; die Wahlen fallen trotzdem„republikanisch" aus; Mac Mahon macht einige unbedeutende Concessionen und wird zum Lohne hierfür als lebenslänglicher Präsident der Republik proclamirt, das Volk ist wiederum einmal betrogen, und— die Komödie ist bis auf Weiteres zu Ende. Sozialistischer Weltcongrch. i. Wir theilten schon in voriger Nummer mit, daß der Kongreß von 45 Delegirten aus allen Ländern Europas und aus Amerika besucht war; es befanden sich darunter etwa IV Bakunisten, die unmittelbar vorher einen Sondercongreß in Verviers abgehalten hatten. Führer der Bakunisten war Herr Guillaume. Als Vorsitzende fungirten bekanntlich Leo Frankel, van Beveren und Rodriguez. Lewaschoff und Steins waren Schrift- führer. Eine Commission zur Prüfung der Mandate und eine zweite Commission zur Erledigung der einlaufenden Schreiben jc. wurden ernannt. Die Montag-Nachmittagssitzung wurde mit Verlesung einer sich über die verschiedenen Punkte der Tagesordnung verbreitenden Denkschrift französischer Flüchtlinge, mit definitiver Feststellung der Tagesordnung und sonstigen Formalien ausgefüllt. Mit Bezug auf die Tagesordnung wurde festgesetzt, daß der theo- retische Punkt:„über die Tendenzen der modernen Produktion in Bezug auf das Eigenthum" zuerst diskutirt werden solle. Abends fand ein Meeting statt, welches sehr zahlreich be- sucht war und von dem vorzüglichen Geist, der die Arbeiter Gents beseelt, Kunde gab. Es sprachen der Redakteur des „Werker" van Coenen, van Beveren, Greulich u. A. Die deutschen und französischen Reden wurden von van Beveren in's Vlämische übersetzt, die Sprache, welche allein das Volk dort versteht. Französisch ist die Sprache der Bourgeoisie, so daß die zwei Klassen schon durch die Sprache unterschieden sind— was gewiß zur Bildung des Klassenbewußtseins beigetragen hat. Zum Schluß des Meetings wurde angekündigt, daß am Mittwoch Liebknecht, der als Vertreter der deutschen Arbeiterbewegung die sympathischste Aufnahme fand, in öffentlicher Volksversamm- lung reden werde. Dienstag, den IV. September, Vormittags 9 Uhr, trat der Congreß in seine eigentliche Thätigkeit ein. Nach einer kleinen Plänkelei zwischen italienischen Anarchisten und Sozialisten be- gann die Diskussion über den ersten Punkt der Tagesordnung. Nachdem Gerambon eine etwas unklar gefaßte Resolution ein- gebracht und kurz motivirt hatte, ergriff Greulich das Wort und entwickelte, daß die von den Bakunisten geforderte Ueber- tragung der Arbeitsinstrumente an Arbeitergruppen(Gewerk- schaften) die Uebel der heutigen Gesellschaft nicht beseitigen werde; das Eigenthumsmonopol werde beibehalten, ebenso die Concur- renz, und die alten Zunftgegeusätze würden wieder herauf- beschworen. Guillaume entgegnete matt, verwirrt, und machte selbst auf seine paar Anhänger einen höchst deprimirenden Eindruck. Was er gesagt?— damit seien die Leser verschont. Genug:„Revo- lution",„Anarchie",„individuelle Freiheit", der Wauwau„Staat", der die Arbeiter auffrißt.— das waren die bekannten Brocken, aus denen sich dieser nichts weniger als pikante Salat zusammen- setzte. De Paepe unternahm es, die Ausführungen des Herrn Guillaume in längerer Rede ebenso schlagend als ruhig zu wider- legen. Er zeigte, daß auch in den„Gruppen" das Individuum sich vernünftigen Beschränkungen der individuellen Freiheit unter- werfen müßte; daß auch in den Gruppen eine Administration nöthig sei, daß die verschiedenen Gruppen durch irgend eine Be- Hörde(Verwaltung, oder wie man es nun nennen wolle) ver- Kunden sein müßten, kurz, daß auch die Herren Anarchisten nicht um das herumkommen könnten, was man in gewöhnlicher Sprache „Staat" zu nennen pflege. Das„Revolutions"-Gepolter wurde gebührend aü»bsuräum geführt und der Nachweis geliefert, daß die anarchistische Geseklschaftsweisheit eitel Confusion und Phrasendrescherei ist. Es ist nicht nöthig, in die Einzelheiten einzugehen, da die deutschen Arbeiter von der„anarchistischen" Kinderkrankheit verschont geblieben sind und für die Weisheit der Herren Guillaume und seiner Genossen kein Verstäneniß haben. Der Engländer Barry wies aus dem Beispiel Englands nach, wie schädlich die Gruppenorganisation wirkt, wie sie bei den Arbeitern die schlechtesten Eigenschaften erzeugt, sie zu Bourgeois macht mit allen Lastern der Bourgeois ohne deren Tugenden. Er brachte eine Resolution ein, lautend: „Da die Erfahrung bewiesen hat, daß die sectionelle(gruppen- weise, corporative) Produktion nicht geeignet ist, die Lage des Proletariats zu heben, so erklärt sich der Congreß für die Besitznahme der Arbeitsinstrumente durch die Allgemeinheit." Brousse, Redakteur der sauberen deutschen„Arbeiterzeitung" in Bern— der Mann kann kein Wort deutsch, was man dem Blättchen auch anmerkt— suchte seinem Freunde und Führer Guillaume zu Hülfe zu kommen; es gelang ihm aber blos, diese Niederlage noch vollständiger zu machen, indem De Paepe und Greulich zu neuer und schärferer Kritik veranlaßt wurden. Herr Guillaume sparte sich die Antwort auf die Nachmittagssitzung auf.— Die Nachmittagssitzung begann mit der Rede Guillaume's, die an Phrascnhaftigkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Neu waren uns nur folgende Gedanken:„Der Communismus ist Gemeinschaft und Regierung, und der Anarchismus ist Gemein- schaft und Anarchie." Die„Gruppe" bezahlt keine Löhne, well sie Eigenthümerin ist." Daß dasselbe vom Staat gilt, wenn er. Eigenthümer geworden, scheint Herr Guillaume nicht zu wissen. In demselben Sinne sprachen Gerambon und Chalain. Bei Letzterem, einem französischen Communard, kam die bekannte Angst einiger Franzosen vor dem Staat zum Ausdruck; der centralisirte Bourgeoisstaat, an dem sie sich den Schädel ein- gerannt, ist ihnen der Staat überhaupt. Anseele, Frankel und Greulich unterzogen sich der un- dankbaren Aufgabe, die„anarchischen" Ausführungen ernsthaft zu widerlegen und auf die Folgen der Gruppenproduktion auf- merksam zu machen. Proben südländischer Beredtsamkeit gaben die„Anarchisten" Costa(Italiener) und Mendoza(Spanier). Costa machte u. A. die Entdeckung, der Staat sei für die„autoritären" Sozia- listen, was der Gott in der Natur. Man habe Gott abgeschafft und in der Natur gehe Alles seinen Gang; wenn man den Staat abschaffe, werde auch Alles seinen Gang— von selbst gehen. Herr Costa hat offenbar vergessen, daß zwischen Staat und Gott denn doch ein kleiner Unterschied ist, und der„Staat" ihm und seinen Freunden bei dem jüngsten famosen„Spaziergang mit Flinten" all hominem dcmonstrirt hat, daß er sich nicht von selbst abschaffen läßt. Eine weitere Entdeckung des Herrn Costa bestand darin, daß die„Revolutionäre" bei einer Revolution(die ' sich„von selbst" macht) das Volk nicht„leiten", sondern blos „beeinflussen". Also statt einer Regierung werden die Herren eine„Beeinflussung" haben. Mendoza hatte mindestens das Verdienst der Kühnheit, er schämte sich nicht, von den traurigen Vorgängen in Alcoy und an anderen Orten zu reden, wo der Anarchismus sein unver- gleichliches Talent bewährt hat, Revolutionen zu verderben.— Nach einer kurzen Pause wurde die Sitzung Abends 8 Uhr wie- der aufgenommen. Nach Verlesung eines Briefes aus Amster- dam, in welchem die bevorstehende Gründung eines sozialistischen Blattes angezeigt wird, trat man wieder in die Tagesordnung ein. Die Bakunisten stellten folgenden Antrag: „In Erwägung, daß der gegenwärtige Zustand der Produk- tion zur Concentration des gesellschaftlichen Reichthums in den Händen Weniger führt, und in Folge dessen alle gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten verursacht, sind wir der Ansicht, daß die Arbeiter sich dieses gesellschaftlichen Reichthums bemächtigen müssen, um ihn in Collectiveigenthum föderirter Arbeitergruppen zu verwandeln." Für den Antrag traten ein der Spanier Rodriguez, ferner zwei„Deutsche" Werner und Rinke, die zusammen 10 oder 11(in Buchstaben zehn oder elf) Stimmen aus Deutschland — obendrein zum Theil falsche Namen— repräsentirten und folglich das„Volk" hinter sich haben. Hales entgegnete in scharfer Rede, daß die Herren Anarchisten von der modernen Großindustrie gar keinen Begriff haben, daß die ökonomische Zersplitterung, die sie erstreben, eine kleinbürgerliche Utopie ist und daß die Herren Anarchisten keine Sozialisten sind, sondern Individualisten, die das Spiel der Herren Bourgeois spielen. Nach kurzem Hin- und Herreden wurde zur Abstimmung ge- schritten. Es lagen drei Resolutionen vor. Zuerst kani eine Resolu- tion von Hales, zu deren Gunsten Barry seinen Antrag zurück- gezogen hatte und in die ein die Commune-Organisation be- treffender Passus auf Wunsch de Paepe's eingefügt worden war, zur Abstimmung. Für diese(unseren Lesern bereits bekannte) Resolution stimm- ten 16 Delegirte, 13 dagegen, einer enthielt sich der Abstim- mung, Für die oben mitgetheilte Resolution der Bakunisten stimmten 11, dagegen 18. Für eine dritte, im letzten Moment noch von Steins einge- brachte Resolution, welche den Streitpunkt unentschieden ließ, stimmten nur 2. Schluß der Sitzung 11'/« Uhr Abends. Die 11 Bakunisten, die für die Gruppenproduktion stimmten, vertraten außer sich selbst nur ein Paar unbedeutende Gruppen, während hinter der Majorität wirkliche Organisation und die Arbeiterklasse der ökonomisch weitest entwickelten Länder steht. Mittwoch, den 12. September, trat der Congreß in die De- batte des 2. Punktes der Tagesordnung:„Ueber die Haltung des Proletariats gegenüber den verschiedenen polittschen Par- teien" ein. Die Italiener Costa(Anarchist) und Zanardelli (früher Anarchist jetzt Sozialist) kamen ziemlich hart aneinander. Anlaß war der famose Spaziergang Cafiera's und andere Re- voluttonsspielereien der Anarchisten, die Zanardelli sehr treffend kritisirte. Zanardelli unterbreitete eine Resolution, die sich für politische Attion und gegen das Conspiriren und Putschen erklärt. Costa und seine Mitanarchisten Montels und Chalain dcmonstrirten, daß die Politik Bourgeoissache, jeder Politik treibende Sozialist also ein Bourgeois sei, er war aber großmüthig genug, die sozialistischen Ketzer und Bour- geois seiner„Achtung" zu versichern. De Paepe fertigte die Herren vortrefflich ab, und überführte sie der krassesten Un- wissenheit. Staat und Gesellschaft, führte er aus, seien untrenn- bar; die politischen Vorgänge und Gestaltungen seien bloß der Ausdruck ökonomischer Zustände und Veränderungen. Die Po- litik sei ein Gespenst, das die Herren Anarchisten sich selbst an die Wand gemalt haben, ihr„Volk" ein Idol, das sie fich selbst zurecht gemacht, das aber mit dem wirklichen Volke nichts zu thun habe. Das wirkliche Volk sei in Folge der langen Unter- drückung vielfach unwissend, roh und müsse aufgeklärt, erst eman- cipationsfähig gemacht werden. Um 12 Uhr Schluß der Vormittagssitzung. Sozialpolitische Uedersicht. — 1047 Personen wurden im Monat August in das Leip- ziger Polizeigewahrsam geführt, so meldet der amtliche Polizei- bereicht. In einem Monat in einer Stadt 1047 Menschen verhaftet; welche Summe von Elend, welche entsetzliche Anklage gegen die heutigen Zustände!— Von diesen traf 221 Personen dies Loos wegen Herbergslosigkeit, wegen Bettelns 154, wegen Landktreichens 84, wegen Einschleichens in fremde Häuser um zu Uebernachten 17, wegen verbotswidriger Rückkehr in die Stadt 30, wegen heimlichen Aufenthalts daselbst 11 und wegen allerlei Diebstähle 63— also über die Hälfte der überhaupt verhafteten Personen ist diesem Schicksal lediglich aus Arbeitslosigkeit und Roth verfallen. Sage man nicht mit dem bekannten Hochmuth, diese Vagabonden wollen nicht arbeiten. Mag sein, daß einigen das Bummeln und das in den Gefängnissen sich Umhertreibcn lieber ist, als das Arbeiten, aber man vergesse nicht, daß auch heutzutage der feste Vorsatz zu arbeiten zu nichte wird an der herrschenden Arbeitslosigkeit, man vergesse nicht, daß die heutigen Institutionen es Jedem, der irgend einen Fehltritt gethan und keinen Besitz hat, so unendlich schwer machen, sich zu rehabilittren, sie verurtheilen ihn eben einfach zu immerwähren- der Vagabondage.— Wer aber Geld und Besitz hat, der darf an der Menschheit freveln so viel er will, immer nimmt ihn die Gesellschaft wieder mit offenen Armen seines Geldes wegen auf — und das nennen die Liberalen: Gesellschaftliche Ordnung! — Der Sedanskatzenjammer hält dieses Jahr länger an, als in den früheren Jahren; der Rausch war zwar kein all- gemeiner, doch scheint er bei den Betreffenden ein um so inten- siverer gewesen zu sein. So schreibt die„Essener Bolkszeitung" über den„heiligen" Tag: „Wir haben des Sedantages dieses Mal mit Absicht kaum Erwähnung gethan, weil wir voraussetzten, daß nunmehr die Bedeutung des Tages überall bekannt ist, und weil ein Jeder fich den Verlauf der Feier im Voraus denken konnte: wo ein „Deutscher Verein" existirt, nimmt dieser die Sache in die Hand und feiert wie üblich; das Hauptcontingent aber stellt überall die Schuljugend. Wie diese hie und da den„Festtag" beschlossen hat, dafür zur Warnung für die Zukunft hier ein Beispiel. Man schreibt uns nämlich aus Steele:----- Der weibliche Theil der Schuljugend wurde mit Milch, die Knaben hingegen mit Bier regalirt. Letzteres verfehlte denn auch seine Wirkung nicht, so daß bei Zeiten eine Anzahl Knaben, deren Lustigkeit und kriegerische Laune die Grenzen zu überschreiten begann, vom Schuplatz entfernt werden mußte." Die Festveranstalter scheinen zu wissen, daß die Soldaten am muthigsten in's Gefecht ziehen, wenn sie erst einen herzhaften Schluck gethau haben, so sind die kleinen Knaben betrunken ge- macht worden, damit sie auch in eine höchst kriegerische Stimmung kommen sollten; daß dabei nun die erlaubten Grenzen so auffallend überschritten wurden, das ist eben nur ein Malheur.— Die„Duisburger Freie Zeitung" schreibt über ähnliche, aber noch schlimmere Vorfälle folgendes: „Unerhört ist es, daß man die Schulkinder auf Gemeinde- kosten nicht nur allein mit Reichsbrezeln füttert, sondern daß man sich soweit vergißt, den schwachen Kindern in solchem Maße geistige Getränke zu verabreichen, daß dieselben dutzendweise total betrunken und bewußtlos auf der Straße und in den Gräben lagen, so daß sogar ein so bewußtlos daliegendes Kind überfahren wurde. Am 3. September Vormittags kam ein Mann zu uns. der die ganze Nacht hin- durch sein Kind vergebens gesucht hatte und endlich auf dem Polizeibureau dahin bejchieden wurde, daß sich dasselbe im hie- sigen Krankenhause befinde; man hatte das Kind gleichfalls Aus Leben und Tod. Unter obiger Uebcrschrift hat die„Frankfurter Zeitung", die man wirklich nicht allzugroßer Sympathien für die Türkei auch in diesem so ungerechter Weise von Rußland hervorgerufenen Kriege zeihen kann, eine Zuschrift ihres Spezialcorrespondenten aus Schumla veröffentlicht, die das Bild, welches in Bulgarien aufgerollt wird, in den düstersten, grauenvollsten Farben uns zeigt: Daß die russischen Grausamkeiten, welche sich in erschreckender Regelmäßigkeit täglich und ganz in der gleichen schauderhaften Weise bald da und bald dort wiederholen, endlich die Rache der Türken herausfordern mußten, ist klar, und darauf war es ja abgesehen. Rußland will den Kampf auf Leben und Tod nicht mit den türkischen Soldaten, sondern mit den Türken, aber es wollte das Odium dafür nicht übernehmen, sondern auf den Feind werfen und ihn deshalb zu den gleichen Greueln heraus- fordern, zu denen es ihm ein so berüchtigtes Beispiel gab. Dabei hat sich Rußland allerdings in der eigenen Schlinge gefangen, denn man weiß nun allgemein und sehr gut, wer mit einer in der civilisirten Welt ohne Beispiel dastehenden Brutalität in der Kriegführung begann und in ihr bis auf den heutigen Tag ver- harrte. Wenn diesem Verhalten der Russen gegenüber hier und da auch auf türkischer Seite grausam Rache genommen wird, so darf man sich darüber wahrlich nicht wundern. Aber constatirt soll werden, daß sich niemals reguläres Militär an solchen rohen Ausschreitungen betheiligt und daß ihnen die türkischen Behörden mit aller Energie entgegentreten. Die Russen hatten bei ihrem raschen und militärisch zweck- losen Vordringen nicht allein die Absicht, für Kriegstheater- Reklame zu sorgen, sie wollten durch die Massacres, welche sie bei dieser Gelegenheit überall arrangirten, auch die Türken zu jener Kampfesart, die den Angreifern zusagte, herausfordern. Diese wollen den Ausrottungskampf, die Türken sollten ihnen rasch auf dieses Gebiet folgen und dann den Fluch für die Schrecken tragen, welche bevorstehen. Rußland hat sich in der Langmuth der Türkei getäuscht, es blieb allein mit Mord, Brand und Schande, die es täglich erneuert, und die Welt weiß nun ganz genau, wer von den Kriegführenden zuerst die Bande aller Menschlichkeit brutal gebrochen und Grausamkeiten verübt hat und verübt, wie sich solche, zur Ehre der Menschheit sei es ge- sagt, nicht oft wiederholen. l total betrunken aufgefunden, und da man dessen Eltern und Wohnhort nicht ausfindig machen konnte, sich genöthigt gesehen, dasselbe per Wagen nach dem Krankenhause zu schaffen, wo der Vater es denn auch im elendesten Zustande vorfand." Und solche Schweinerei nennt man Sedanfeier! Pfui Teufel, Ihr„Reichstreuen", da kommt zu uns Sozialdemokraten und seht zu wie man Feste feiert. — Zum„karor militans� bringen die„Dresdener Nachrichten" folgenden Beitrag: „Am Dienstag hatten auf dem Manöver zwei„feindliche" Infanterie-Abtheilungen aufeinander zu stoßen und standen sich auf Schußweite nahe. Diejenige Abtheilung, welche die andere aus ihrer Position zu verdrängen hatte, rückte unter fortwähren- dem Schnellfeuer heran bis auf 10 Schritt Entfernung. Als die Gegenabtheilung auch dann nicht wich, wurden die Soldaten förmlich wüthend, drehten— ohne daß etwa zum Sturm com- mandirt wäre— die Gewehre herum, und es wäre unfehlbar zu einem wirklichen blutigen Handgemenge gekommen, wenn nicht die Offiziere die Mannschaften noch rechtzeitig mit blanker Waffe zurückgetrieben hätten." Selbst das Soldatenspiel verroht die Gemüther schon in solch bedenklicher Weise, daß die Menschen wie die wilden Thiere auf- einander springen wollen, um fich zu zerfleischen— so wenigstens theilt ein liberales Blatt mit. Wir aber sind weit davon ent- fernt, an eine solche Bestialität zu glauben— die Soldaten waren etwas übermüthig und bedrohten sich gegenseitig scherz- weise, das war Alles. Daß der Berichterstatter der„Dresdener Nachrichten" und vielleicht noch eine Anzahl gleichfalls blasirter Zuschauer eine recht aufregende Keilerei gewünscht haben mögen, das und nur das geht aus obiger Notiz hervor. — Ueber die verschiedenen Parteien in Deutsch- land stellt der„Hamburgische Correspondent" eine längere Be- trachtung an; nach ihm schlafen sie gegenwärtig alle den Sommerschlaf, ausgenommen die Sozialdemokratie. Bon ihr sagt das Blatt folgendes:„Unveränderte Aggressionskraft und Aggressionslust zeigt allein die Sozialdemokratie, deren Agita- tionsapparat trotz der auf den arbeitenden Klaffen mit verdop- Pelter Schwere drückenden Zeitverhältnisien mit der Regelmäßig- keit eines Uhrwerks weiter arbeitet, und gerade seiner Eintönig- keit weijen langsam aber stetig vorschreitet. Allwöchentliche Ca- nonisationen zum Gefängnißmartyrium verurtheilter Worthalter und polemische Auseinandersetzungen mit geschickt ausge- wählten, des sozialistischen ABC unkundigen liberalen Blättern(Ist jedenfalls auch die„Sozial-Correspondenz" des Hrn. Böhmert gemeint. D. R. d.„V.") zweiten und dritten Ranges, halten die Theilnahme der Massen lebendig, Feste und Vereinigungen zu allen denkbaren und undenkbaren Zwecken sorgen für die gehörige Unterhaltung und wenn den Herren ein- mal der Stoff ausgeht, greisen sie zu s. g.„prinzipiellen Erörte- rungen", d. h. zu Auseinandersetzungen, welche dem Leser ihrer Unverständlichieit wegen imponircn. Was etwa noch fehlen sollte wird durch ungeschickte oder übereifrige Gegner leidlich besorgt und im Uebrigen auf die innere Auflösung und Zersetzung jener„vorgeschrittenen demokratischen Parteien gerech- net", welche bisher das Monopol der Massenherrschaft im pro- testantischen Deutschland besaßen."— Es ist mindestens anzu- erkennen, daß ein liberales Blatt so offen die Dummheit un- serer Gegner eingesteht— nur eins wollen wir dem„Hambur- zischen Corrcspondenten" noch anvertrauen: Wir brauchen unsere Gegner nicht erst auszuwählen— mit geschlossenen Augen nur zugepackt und immer bleibt ein„Ungeschickter" und des sozialisttschen ABC Unkundiger uns zwischen den Fingern hängen. — Der Altie von Caprera. der sich mit seiner ganzen Kraft gegen die projektirte Befestigung Roms stemmt, hat folgen- den interessanten Brief geschrieben: Caprera, 4. September. Lieber Bobclli! Ich bitte Sie, die nachstehenden Zeilen zu veröffentlichen: Zuerst vier, dann zwölf Millionen für die Fortificationen! Gestehen wir, daß dies in unseren modernen Zeiten, in denen Kanonen zu hundert Tonnen gebaut werden, ein Projekt sein wird, um Einen lachen zu machen; denn ich weiß nicht, was zum Teufel der Monte Argentaeo vertheidigen sollte. In Civitavecchia genügt eine Kanone auf dem Meer oder eine auf dem Lande, um aus demselben einen Schutthaufen zu machen. Wir haben bereits von Rom gesprochen, woselbst eine In Kawarna waren es Tscherkessen, welche den bekannten Contributionsexzeß verübten und im blutigen Kampf mit der Bevölkerung ebenso gut Verwundete und Todte auf dem Platze ließen wie die letztere. Ich konnte Ihnen über den Fall nicht berichten, da ich j'eit mehreren Wochen nicht in Varna war und folglich erst lange, nachdem die Thatsache sich ereignet hatte, von ihr Kenntniß erhielt. Und was ich dann erfahren konnte, stammte aus türkischen Quellen, welche ich in dieser Sache doch nicht für völlig zuverlässig halten konnte. Gleichwohl muß ich jetzt nachträglich anerkennen, daß die Daten richtig waren, welche man gab, und daß der Wahrheit mit an erkennenswerther Offenheit das Recht gegeben wurde. Ich habe oft von der Wildheit der Tscherkessen gesprochen, der Feind that nicht gut daran, die Fesseln zu sprengen, in welche sie geschlagen waren. Das mußten die Bewohner von Kawarna schaudernd erleben, aber man kann zuletzt doch noch Gründe der Entschul- digung für halbwilde Bursche finden, die seit Wochen vom Feinde nichts hören, als daß er das feindliche Volk massakrirt und sein Eigenthuin zerstört oder stiehlt, wenn sie an eine Repressalie denken und dabei noch einen Kampf und nicht blos zu morden suchen. Gleichwohl hat die türkische Regierung, wie gesagt, die strengsten Maßregeln ergriffen, um die Schuldigen zu bestrafen und weiteren Ausschreitungen vorzubeugen. Das Letztere kann und wird ihr nicht gelingen. Die Rache, die noch einzeln nur— nur da und dort schüchtern aufblitzt, sie wird von den Russen so blutig aufgestachelt, daß ihr zuletzt keine Autorität im Lande wird widerstehen können, das weiß Europa, das muß es wissen und deshalb wird Europa die Verantwortung für die Schreckenstage zu tragen haben, die den Christen in der Türkei nach menschlicher Berechnung nicht erspart bleiben können, weil Europa dem Türkenmorden nickt Einhalt thut, dem ein Christen- morden naturgemäß folgen muß. Ich habe auch vor einigen Tagen Kenntniß von einem Christen-Massenmord erhalten, der ebenfalls von Tscherkessen in einem Bulgarendorfe in der Nähe von Slivno verübt wurde. Oberst Lennox, der englische Militärbevollmächtigte, der eben von einer größeren Tour in den Balkan zurückkehrte, erzählte davon. Er hatte sich einer ansehnlichen Tscherkessentruppe an- geschlossen, mit welcher er erst ein Türkendorf passirte, das völlig in Asche gelegt war und in welchem eine Anzahl verstümmelter Türkenleichen sich vorfand. Bald darauf passirte die Abtheilung einen Bulgarenort, bei welchem sich Oberst Lennox von den Umwallung von Forts, wie diejenige von Paris, im Umkreise von 123 Kilometern nicht den Bertheidigungszustand unserer Hauptstadt erhöhen würde. Ich rede gar nicht von den Meer- engen von Messina und Piombino, die natürlich in das allge- meine Bertheidigungs-System einbezogen werden müßten, welches niemals zu Ende geführt werden könnte und welches hundert- mal die Finanzen Italiens erschöpfen würde. Kommen wir zum Schlüsse: Wäre es nicht besser, das Bertheidigungs- Comite in ein Wohlthätigkeits-Comitö umzuwandeln und dieses in jene unsere unglücklichen Gegenden zu entsenden, in welchen der Hagel, die Ungewitter und die Trockenheit Kummer und Trost- losigkeit verbreitet haben? Immer Ihr G. Garibaldi. Man sieht, daß unser alter Demokrat sich immer treu bleibt; er, der mit den Waffen sein Vaterland befreit hat, er, der glor- reiche General bekämpft den aussaugenden Militarismus. — Deutsche Arbeiter. In Nordamerika hat man sich vielfach daran gewöhnt, die irischen und deutschen Arbeiter in den gemeinsamen Topf der Dummheit und Rohheit zu werfen. Die„San Franzisco Abendpost" bringt nun folgenden Bericht über eine Versammlung deutscher Arbeiter, worin sie sagt: „Wer dieser Versammlung beigewohnt hat, muß mehr als je zu der Ucberzeugung gelangen, daß der ehrenwerthe Theil un- seres Arbciterstandes den Unruhen der verflossenen Woche voll- ständig fernsteht, und nicht nur die Zwecklosigkeit solcher Unruhen einsieht, sondern dieselben auch vom moralischen Standpunkt für durchaus verdammenswerth hält. Die Verhandlungen der Ver- sammlung zeichneten sich durch einen ganz vortrefflichen Geist der Ordnung und Vernunft aus. Die Redner mahnten zur Ruhe, und ein kriegslustiges Individuum, welches den Antrag stellte, Waffen anzukaufen, wurde prompt für außer Ordnung erklärt. Es wäre in der That zu wünschen, daß alle unsere Arbeitervereine eine ebenso ruhige und verständige Haltung be- wahrten, wie unsere Landsleute.— Unser Mayor hat in einer Proklamation erklärt, daß er„alle öffentlichen Bersamm- lungen zerstreuen lassen werde", und hat damit eins der Grundrechte amerikanischer Freiheit-angegriffen. Wenn er dieser Versammlung beigewohnt hätte, würde er die Ueberzeugung ge- winncn, daß der öffentlichen Ruhe solche Meetings, in denen die Sachlage ruhig besprochen wird, eher förderlich als nachtheilig sind." Daß die ruhige Agitation, welche bezweckt, Ueber- zeugung zu schaffen, um dann auf Grund solcher Ueberzeugung die bestehenden Verhältnisse zu ändern, auch von unseren ameri- kanischen Gesinnungsgenossen jetzt überall getrieben wird, ist be- kannt und wird nur durch obigen Bericht bestättgt; daß aber in einer„Republik", welche unter der Klassenherrschaft steht, die Freiheit und das Recht ebenso vogelfrei find, als in einer Monarchie— das zeigt die Proklamation des republikanischen Bürgermeisters. — Der Genter Congreß hat im Ganzen einen recht günstigen Verlauf genommen; in der Gewerkschaftsfrage wurde Einstimmigkeit erzielt; und wenn dies auch auf politischem Gebiet noch nicht möglich war, so ivurde doch durch die Ab- schließung eines Solidaritätspakts zwischen den(nicht„anar- chistischen"). Sozialisten, und durch Errichtung eines Bundes- bureaus(für die„solidarisirten" Sozialisten) in Gent die Grundlage einer neuen und zwar lebensfähigen internationalen Organisation geschaffen. Ferner wurde für sämmtliche Sozia- listen ein Centralbureau für Correspondenz und Arbeiter- statistik gegründet, dessen Sitz in Verviers fein wird.— In der Freitagssitzung entschied fich der Congreß mit 22 gegen 9 („anarchisttsche") Stimmen für Betheiligung an politischer Thätigkeit.— Am 14. wurde Leo Frankel als ehemaliges Mitglied der Commune aus Belgien ausgewiesen und hatte Gent fofort zu verlassen. Auch anderen Delegirten, u. A. Liebknecht, der aber schon am 13. wieder abgereiset war, hatte die belgische Polizei, die ihres alten Rufs würdig bleiben will, Scheerereien gemacht. — Vom bulgarischen Kriegsschauplatz seit 8 Tagen Nachrichten von wahrhaft beispiellosem Gemetzel. Der Sturm der Russen auf Plewna hat nach den neuesten Depeschen zu keinem Erfolge geführt, obgleich zu Ehren des„milden Väterchens", das von einer eigens errichteten Bühne herab dem interessanten Schauspiel zusah, über 25,000 Russen und Rumänen in diesen Kämpfen getödtet oder verwundet wurden. Wie es scheint, hat Tscherkessen trennte und seine Reise nach Slivno fortsetzte. Aus dem Rückwege fand er einige Tage später den Bulgarenort nie- dergcbrannt und 162 Bulgarenleichen. Einige Tscherkessenleichen, die er ebenfalls sah, verriethen, daß die Bulgaren sich zur Wehr gesetzt, aber auch, daß die Tscherkessen, welchen er sich ange- schloffen hatte, Rache genommen hatten. �Oberst Lennox consta- tirte die Thatsache und erstattete beim Truppenkommando dir Anzeige. Der Vorfall lehrt, auf welche Art Christenmorde her- beigeführt werden. Die naturwilden Bursche waren durch de» Anblick, der sich ihnen im Türkendorfe dargeboten hatte, zur Rache aufgestachelt worden und hatten diese auch wirklich verübt- Das mag noch da und dort geschehen, ohne daß wir hier Kennt- niß davon erhalten, vielleicht ohne daß man es überhaupt er- fährt. Noch immer sind diese Fälle aber vereinzelt, während sie vom Feinde wie gesagt prinzipiell und überall verübt werden und sich deshalb auch täglich erneuern. Auch niuß noch einmal constatirt werden, daß erst vier Wochen nachdem man von> Feinde mit den Massacres begonnen hat, der erste Racheakt von Tscherkessen verübt wurde. Blutigroth droht das Gespenst„Christenmord sieht denn in Europa Niemand sein Drohen? Noch hängt die EntscheidunZ an'der Spitze des Schwertes, fällt sie ungünstig aus für dfl Türken, dann ist es nicht mehr das Laud, dann ist es der hei lige Islam, der Schutz suchen muß unter der grünen Fahne del Propheten, und dann haben wir den heiligen Krieg, Dor_ welchen1 Europa zittern möge im Namen der Tivilisation und für seine Glaubensgenossen im Orient. Dann werde die Wildheit dc� Volkes, alle seine Leidenschaften entfesselt und die Rache, zu de< es so brutal herausgefordert wurde, wird furchtbar Hausen. Dann giebt es ein Blutbad, das in der Weltgeschichte ohne Beispiel dasteht, und das ist's, was Rußland im Namen der CivilisatioN anstrebt und was ihr berufener Hüter Europas geschehen läffl Das blutige Drama entwickelt sich ganz kunstgerecht. Da voN Europa keine Rettung zu erwarten ist, so kann sie einzig unl allein von Mehemed Ali Pascha und von seinem Soldatenzln» kommen... Ich schrieb letzthin,„in seinem Lager sei die Türkei", ia muß heute beifügen:„in seinem Lager sind auch die Christ� des Orients." Mehemed Ali Pascha sagt frei und offen:„Z? werde alle Revanchegelüste der Türken zurückzuhalten suchen, werde jeder Ausschreitung auf das Strengste begegnen, ob i� aber im Stande sein werde, die Greuel an den Chr' nun Osman Pascha seinerseits die Offensive mit Glück ergriffen und dringen von Süden Suleiman und von Osten Mehemed Ali unaufhaltsam gegen die russische Linie vor. Bestätigt sich dies und wendet sich nicht noch in letzter Stunde das Kriegsglück zu Gunsten der Ruffen, so dürfte über die russische Armee eine Katastrophe hereinbrechen, die in der Kriegsgeschichte wohl Zaum ihres Gleichen hätte. — Aus Nordamerika. In St. Louis— so berichtet der „Arbeiter von Ohio"— sind unsere Parteigenoffen aus dem Ge- sängniß entlasten und vollständig freigesprochen worden. Die- selben hatten die Gesetze des Landes nicht verletzt, und konnten daher nicht verurtheilt werden. Wenn man bedenkt, welch un- geheuren Lärm die Bourgeoisblätter über die Vorgänge in St. Louis geschlagen hatten, so muß die Freilassung unserer verhaf- teten Genossen zu einer ebenso ungeheuren Blamage für die Bourgeoisie werben. Wo bleiben nun die sozialistischen„Mörder" und„Brandstifter", von denen alle Phillsterblätter so viel zu erzählen wußten? Wo bleibt das„revolutionäre Comitd" von St. Louis, das schon einen„vollständigen Umsturzplan" ausgearbeitet haben sollte? Alles liberale Lüge und Berleum- dung.—'-"_ — Der„Nürnberg-Fürther Sozial-Demokrat" wird vom 1. Oktober an täglich erscheinen. Die seitherige Haltung des Blattes bürgt uns dafür, daß es auch fernerhin seine Auf- gäbe voll und ganz und— mit Glück erfüllen wird. — Das Appellationsgericht in Saarbrücken bestätigte am 13. d. M. das bei der ersten Instanz gegen unseren Genossen Hackenberger gefällte Urtheil von 2'/, Jahren Gefängniß. Hackenberger gedenkt sich nun noch an das Obertribunal zu wenden, mit welchem Erfolg, ist unschwer vorauszusehen. — Es gehen uns mehrere Erklärungen zur Veröffent- lichung zu: 1)»Die„Frankfurter Zeitung" hat in ihrer an das Central- Wahlcomits der sozialdemokratischen Arbeiterpartei gerichteten Antwort auch die„Kölner Freie Presse" als eine derjenigen Zeitungen genannt, welche von der demokrattschen Partei Geld- beitrage erhielten. Mit diesen Geldbeittägen hat es, was speziell die„K. Fr. Pr." betrifft, folgende Bewandtniß. Bei Gründung des hiesigen Blattes wurde einem Parteigenossen zweimal durch Korrespondenzkarte und einem Genossen mündlich mitgetheilt, daß man von Seiten hiesiger Demokraten bereit sei, an dem Zustandekommen der„K. Fr. Pr." mitzuwirken. Der letztere Genosse ging darauf zu den betreffenden Herren und erhielt von zweien je 25 und einem andern 30 Mark. Von dem letzteren Herrn wurden mir später noch einmal 20 Mark für die„K. Fr. Pr." eingehändigt. Dies macht also zusammen 120 Mark, welche uns von dieser Seite ohne allen Vorbehalt zuflössen. Wir haben den hiesigen Demokraten also Nichts abverlangt, sondern erst nach wiederholter Aufforderung von ihrem Anerbieten Gebrauch gemacht. Köln, 8. September. Georg Schumacher, Redakteur der„Kölner Freien Presse". 2)„Die Erklärung der„Frankfurter Zeitung" vom 30. August, abgedruckt in der Nr. 115 des„Vorwärts" veranlaßt mich als Mitglied der sozialistischen Partei und gleichzeitig Sekretär der jetzt nicht im Betrieb befindlichen Mainzer Genossenschafts- Buchdruckerei, Folgendes bekannt zu geben: Da mir bekannt ist, daß die„Mainzer Volksstimme" niemals von irgend einem Demokraten unterstützt worden ist, so nehme ich an, daß die fünf von einem Frankfurter Demokraten von der Mainzer Genossen- schaff gekauften Antheilscheine jetzt zu einer„Unterstützung" für uns gemacht werden sollen. Bei Gründung der besagten Genossenschaft wurden nämlich einem Frankfurter Demokraten eine Anzahl Antheilscheine zugeschickt, mit dem Ersuchen, dieselben bei seinen Freunden zu verwerthen, wenn er sie nicht selbst alle behalten wolle. Es waren circa 20 bis 25 Stück. Der be- treffende Herr behielt fünf Scheine a 5 Gulden und sandte die übrigen zurück, mit dem Bemerken, daß er sie nicht habe ver- werthen können. Die betreffende Genossenschaft, welche jedes Jahr ihre ordentliche Generalversammlung abhält, ist übrigens ein geschäftliches Unternehmen, welches den bestehenden Ge- setzen unterworfen ist und in keiner Beziehung zu irgendwelcher Partei steht. Ob sonst noch ein Demokrat oder ein Liberaler sten zu verhindern, wenn die Russen mit ihren Grau- samkeiten nicht innehalten, das weiß ich nicht!"— Me- hemed Ali Pascha ist der Mann, der zu halten pflegt, was er verspricht, und der deshalb auch klug nicht verspricht, was er nicht halten kann.— Noch vereinigt er die Zügel der Macht in fester Faust und er wird sie darin halten bis zur Entscheidungs- schlacht, die sich vorbereitet. Geht diese verloren und das Schlach- tenglück ist rund, wie jedes andere, dann muß sich die Türkei ganz jenen Massen in die Arme werfen, die von Haus und Hof verjagt, im Theuersten, das sie hatten, schwer getroffen und zum Aeußersten berechtigt und getrieben, durch die grüne Fahne des Propheten vernichten werden, was in ihrem Sinne nicht gläubig ist. wie der Feind vernichtet hat, was es in seinem Sinne nicht war. Dann, darüber möge sich nicht Freund noch Feind der Türkei täuschen, dann, wenn es dem Islam einmal so hart an die Existenz geht, wird in Konstantinopel kein Abmahnen vor der Entfaltung der grünen Fahne mehr nützen. Man kann auf den Rath von Freunden hören, so lange man glaubt eventuell auf ihre Hilfe rechnen zu können, wenn man sich aber in dieser Boraussetzung betrogen sieht, dann wird man sich gewiß nicht um seinen Berather kümmern, sondern das thun, worin man seine Rettung erblickt. Auch wird man neugierig sein, zu er- fahren, im Namen welcher Humanität und welcher Cioilisation verlangt werden könnte, zu diesem letzten verzweifelten Rettungs- mittel nicht zu schreiten. Vielleicht für diejenige Humanität und Cioilisation, in deren heiligem Namen der Krieg begonnen und in deren edlem Geist er geführt wird? — Aus der Reichshauptstadt. Es ist eine unleugbare That- sache, daß es in«erlin Hunderte von Leuten gicbt, welche ein großes Haus fuhren, elegame Wohnungen inne haben ,c., deren Existenzen je- doch in's stärkste Dunkel gehüllt sind. Wir meinen nicht Diejenigen, welche das Licht des Tages scheuen und erst des Nachts auf Raub aus- gehen, sagt die„Berliner Fr. Presse", sondern die Klasse von Menschen, die ungestört und vor den Augen der Gesetzvollstrecker am hellen Tage ihr Gewerbe betreiben und durch die Ausnutzung leichtsinniger und armer junger Geschöpfe ein luxuriöses Leben führen. Selten dringt hiervon ein Schrei in die Ocfscnllichkeit, und daher ist es auch selten der Fall, daß die Nemesis ihre Arme dorthin ausstreckt, um dem Ver- brecher seinen Lohn geben zu können. Aber auch dann, wenn es ge- lungen ist, einen solchen Vampyr zu entlarven, so bieten sich demselben oder Klerikaler einen Antheilschein an sich gebracht hat, weiß ich nicht. Mainz, 7. September. F. Jöst." 3) In derselben Angelegenheit hat die„Chemnitzer Freie i Presse" erklärt, daß die Chemnitzer Genossenschaftsdruckerei von Herrn Sonnemann 150 Mark geliehen habe, die sie regelrecht verzinse. 4) Der„Frankfurter Volksfreund" aber erklärt Folgendes: „Es wurde seitens eines unserer Parteigenossen hier in � Frankfurt zur Unterstützung der engeren Wahl in Hanau ein Darlehen von 200 Mark aufgenommen und dem Hanauer Wahl- comite übermittelt. Wenn der Darleiher später erklärte, diese Summe schenken zu wollen, so kümmert das unserer Ueberzeugung nach die„Franks. Ztg." nicht im Geringsten. Von ihr kommt das Geld nicht! Wir sind bis heute noch der Meinung, daß es von einem Freunde unserer Sache kommt. Was will übri- gens die Summe von 200 Mark bedeuten gegenüber den Opfern, welche Männer unserer Partei, Arbeiter, bei der engeren Wahl zwischen Holthof und Varrentrapp der demokratischen Partei gebracht haben? Wir können Dutzende nennen, die tagelang ihre Arbeitszeit, und demnach auch wohl ihr Geld, willig dran-! gegeben haben, um Frankfurt das„Glück" zu ersparen, von einem liberalen Abgeordneten im Reichstage vertreten zu sein." Somit wäre auch wohl für sämmtliche unserer Parteigenossen diese Angelegenheit endgiltig erledigt. Zum Kapitel der Haussuchungen. In neuerer Zeit mehren sich die Haussuchungen bei unseren Parteigenossen wieder in auffallender Weise. Wir haben nun schon wiederholt darauf hingewiesen, wie nothwendig es sei, daß unsere Genossen jede Correspondenz, welche sich auf Parteiange- legenheiten irgendwelcher Art bezieht, sofort nachdem sie Ein- ficht davon genommen, vernichten. Die Genossen sollen nicht glauben, diese oder jene unschuldige Notiz, so z. B. die Mittheilung eines Genossen, der Redner ist, daß er an diesem oder jenem Tage bereit sei, eine Versammlung abzuhalten, sei nicht hinreichend, um auf Grund derselben einen Prozeß einzuleiten und eine Verurtheilung herbeizuführen. In den Händen unserer Staatsanwälte genügt jeder Fetzen beschriebenen Papiers, der von der Hand eines Sozialdemokraten geschrieben, in die Hand eines anderen Sozialdemokraten über- geht, um auf Grund desselben eine verbotene Verbindung zweier politischen Vereine zu beweisen(!) und bei der Stimmung unserer Richter gegen die Sozialdemokratie weiß man, was es zu be- deuten hat, wenn nur erst einmal die Anklage fabrizirt ist. Man glaube nicht, daß wir übertreiben: erst vor Kurzem wurden unsere Genossen in Nordhausen und Ellerich wegen Ver- gehen gegen die 8§ 2 und 8 des preußischen Vereinsgesetzes be- straff, weil ein Nordhausener Genosse auf einem Zettel die Mit- thcilung nach Ellerich gelangen ließ, daß er dort eine Versamm- lung abhalten wolle, und der Zettel bei einer Haussuchung dem Staatsanwalt in die Hände fiel. Solche Fälle lassen sich zu Dutzenden anführen und deshalb ist es heilige Pflicht jedes Genossen, dafür zu sorgen, daß keine geschriebene Zeile länger aufbewahrt wird, als es unbedingt nothwendig. Wir halten es für vollständig gerechtfertigt, wenn in Zukunft kein Genosse, welcher verurtheilt wird auf Grund bei ihm vor- gefundener Correspondenz, eine Unterstützung von Parteiwegen erhält, denn es ist Pflicht eines jeden Genossen, polizeilichen Ueberraschungen vorzubeugen und so sich selbst und die Partei vor Unannehmlichkeiten zu wahren. Wir betonen es ausdrücklich, nicht was geschrieben ist, ist es, was zur Vorsicht zwingt, denn wir haben keine Geheimnisse, sondern daß überhaupt etwas Geschriebenes vorhanden, genügt in den meisten Fällen, um eine Anklage mit obligater Verur- theilung herbeizuführen, zumal wenn Schreiber oder Empfänger Vorsitzender oder Leiter irgend eines Vereins sind. Also, auf- gepaßt! Etwas Psäsftsches. Aus Hessen, den 13. September. Auf einer jüngst stattgehabten Zusammenkunst der hessischen Geistlichen von der evangelischen Mittelpartei, der sog. Fried- berger Confcrenz, stellte ein Herr Pfarrer Hager folgende Thesen auf, die denn auch als„im Allgemeinen richtig" den Beifall eines Herrn Consistorialrath Linst und einer„hohen" Versammlung erhielten. Hinterthürcn, aus denen er sich bequem der Bestrafung entziehen kann- Wir meinen, was der Leser schon erraihcn hat, die Kuppelei. Derartige Institute werden nicht allein von wohlhabenden Privaten, sondern vor- zugsweise von höheren distinguirten Persönlichkeiten protegirt, und hierin liegt der Grund, weshab derartige Umtriebe nicht öffentlich an oen Pranger gestellt werden, um dann nach Recht gegeißelt zu werden. Ist man einer solchen Unternehmerin, die sich gewöhnlich für die Wittwe eines höheren Militärs ausgiebl, habhaft geworden, so zieht sie sich mit der Drohung aus dem Garne, daß sie die Namen ihrer Protegüs publiciren wird. Hiermit st Alles gesagt, und die Kupplerin wird mit i einer Verwarnung oder kleinen Geldstrafe entlassen. Gegenwärtig ist � die Criminalpolizei w-ederum hinter die Schliche eines solches Instituts gekommen, bei dem nicht unb. deutende Namen im Spiele sind. Auch hier gilt es däs Thun und Treiben einer„verwiltweten Oberst-Lieutc- nant" H., deren Säle sich einer sehr starken Frequenz erfreuen, weil sie stets mit„jungem Gemüse" aufzuwarten weiß. Wir sind neugierig, wie diesmal der Skandal enden wird. — Wir erhalten folgenden Brief, den wir mit Abkürzung der Eigen- namen vollständig zum Abdruck bringen: den 21. August. Die Thesen lauten: 1) Der Sozialismus sucht unter Berufung auf angeb- liche Gleichheit aller Menschen(Netter Satz, das! Woher der Herr Pfarrer das deutsch wohl hat? Keinensalls aus sozialisti- scheu Schriften) eine völlig(ein Wort ist kein Wort!) gleich- mäßige(der Sozialist sagt gerechte) Vertheilung aller Güter und Lebensgenüsse herbeizuführen, und strebt zu diesem Zwecke einen Umsturz(der Herr Pfarrer und Csnsorten können natürlich nicht begreifen, daß die Entwicklung von der Blüthe zur Frucht dann auch Umsturz wäre) aller nicht damit im Einklang stehen- den politischen und sozialen Verhältnisse an(Umsturz von Ver- Hältnissen! Recht nett gesagt. Ich dächte man kehrte höchstens ein Verhältniß um). 2) In der richttgen Erkenntniß, daß eine sehr gewaltsam durchgeführte(Woher hat der Herr Pastor wieder das? Hat er überhaupt sozialifsische Schriften und Zeitungen gelesen?) Gleichmachung und Umwälzung aller(!) bestehenden Einrich- tungen dem Geist des Chriftenthums wiederspreche(viele Sozia- listen sind der Meinung, daß der Sozialismus gerade den „Geist" des Christenthums erst recht verwirkliche) und auch nicht durchzuführen sei. so lange die Mehrheit des Volkes auf dem Boden des Evangeliums stehe, sieht die Sozialdemo- kratie in dem(Pfaffen- und Dogmen-) Christenthum ihren größten Feind und sucht denselben zu vernichten. 3) Der Sozialismus ist, da er auf falschen Voraussetzungen beruht, zunächst eine intellektuelle, bez. wirthschaftliche(intellek- tuell— Genus, wirthschaftlich— Species— schöne Zusammen- stellung) Berirrung.(Vom Standpunkt des Fuchses ist das Zu- sperren des Hühnerstalls eine intellektuelle Berirrung des Bauern!) aber im höheren Grade noch, weil er unlauteren Beweggründen — Genußsucht, Habsucht, Neid, Klassenhaß— entspringt, eine moralische Berirrung.(Wenn der Herr Pfarrer so etwas vor einer großen Anzahl von Männern behauptet, müßte er es doch sehr genau wissen. An die Ehre greift man doch nicht so leicht hin. Hat der Herr Pfarrer nicht an sein Bibelwort gedacht: Ein Dieb ist ein schändlich Ding, aber ein Verläumdcr...) 4) Daraus folgt, daß er weniger(aber doch etwas?) durch Gewalt, als durch moralische Mittel erfolgreich bekämpft werden kann. Damit ist der Kirche ihre Stellung und ihre Aufgabe gegenüber der Sozialdemokratie deutlich vorgezeichnet.(Und wenn Gedanken fehlen, da stellt zu rechter Zeit sich die Phrase ein!) 5) Die Kirche kann sich der sozialen Bewegung nicht feind- selig gegenüberstellen;(man kann blos ü la Treitschke über Neid, Klassenhaß, Habsucht, Genußsucht recht freundlich losdonnern) sie sieht in den Sozialdemokraten nicht Feinde(die Redaktion der evangelischen Blätter macht ein? dazu! sondern Verführte— der Referent bemerkt: Verführer— Verirrte; sie tritt ihnen deshalb allzeit mit dem Geist christlicher Liebe und Milde (Spicgelberg, ich kenne Dich!)— Referent bemerkt: Nicht auch mit Ernst?(Da liegt der Hase im Pfeffer)— entgegen und sucht sie durch Belehrung von ihrem Jrrthum zurückzubringen. (Wie naiv das klingt! Wenn aber diese Starrköpfe von Sozia- listen gar nicht einsehen wollen, daß sie im Jrrthum sind, und trotz ihrer Liebe und Milde immer mehrere in diesen Jrrthum verfallen?) Die Thesen befinden sich mit noch einigen anderen in den „Evangelischen Blättern", Organ der Friedberger Conferenz. Wenn es die Zeit erlaubt,*) werde ich den Herrn Pfarrer noch ein wenig naher mit der Laterne beleuchten. Ins Tageslicht wird er mir wohl nicht folgen. F. R. Correspoitdenzen. Crimmitschau. 12. September. In der vorletzten Nummer des „Vorwärts" ist bereits darüber berichtet worden, daß unsere Communeverwaltung zum Aerger unserer Spießer und reaktiv- nären Kampfhähne ein ausgesprochen sozialistisches Ansehen zu gewinnen beginnt. Und wenn es so, wie es begonnen, fortgeht. dann werden wir allerdings bald Anspruch machen können auf den ehrenvollen Namen die„rothe Commune". Wie das ge- kommen, will ich kurz schildern. Seit Jahren waren die hiesigen Sozialisten gewohnt, in Commune-Angelegenheiten nicht selbst- ständig aufzutreten, sondern Compromisse abzuschließen mit Leuten, die theils sich den Anschein zu geben bemüht waren, als hielten sie zu uns, theils aber mit solchen, deren„Farbe" nicht zu er- kennen war, die es liebten, über ihre„Gesinnungen" ein ge- *) Die Zeit wird sich wohl finden, ersuchen also um Zusendung. D. R. d.„V." Verehrt. Redaktion des„Vorwärts". Da man im„Vorwärts" nur Klagen gegen die Arbeitgeber liest, ■ nie aber auf eine Beleuchtung der Mängel stößt, welche den Arbeitern von heute anhaften, will ich es doch versuchen, Sie um Aufnahme fol- � gender kleinen Notiz zu bitten. G. F. M., Steindrucker, kam am Dienstag, den 7. d. Mts., zu mir, mich dringend um Stellung zu bitten, Und wenn es nur auf einige Wochen sc:. D r ich momentan Arbeil hatte, stellte ich M ein und gab, was er verlangte, 16 Mark Wochenlohn, auch, da er gänzlich ohne Mittel war, sofort einen Vorschuß. Am Samstag, den 18 d., also 11 Tage darauf, wußte er mich durch Schönrednerei um ein Gutheißen für einen Anzug zu beschwindeln, den er sofort versetzte und sich dann flüchtig machte. Man bedenke dabei: M. hatte einen Gehalt(16 M. pro Woche), mit dem er in B. ganz gut auskommen konnte. Obgleich nur zur Aushilfe auf einige Wochen eingestellt, gab ich ihm doch am Samstage, an dem Tage seiner schlechten That, die Versicherung, daß er beständige Stellung bei mir habe und daß ich ihm, sowie die Ge- schäfte besser gehen, mehr zahle, als er verlangt habe. Nun er- kläre man mir: Was veranlaßte diesen Menschen, der schon 40 Jahre alt, ein tüchtiger und anscheinend fleißiger Arbeiter ist, s«ine gut? Stel- lung zu verlassen, in welcher ihm d:e humanste Behandlung wurde, was meine übrigen Arbeiter, die theilweise jahrelang bei mir sind, gern be- zeugen werden? Muß man nicht mit bitteren Gefühlen an die Ein- stellunz eines Arbeiters denken, wenn man solch traurige Erfahrungen an einem solchen Subjekte macht. Diesen M. kannte ich schon vor 14 Jahren persönlich, weil ich 1 Jahr neben ihm arbeitete und kann mich seiner als eines ruhigen und fleißigen Arbeiters erinnern. Gerade deshalb schenkte ich ihm alles Vertrauen und die Täuschung von Seiten dieses Mannes ist eine um so schändlichere. Ich hoffe, ge- chrter Herr Redakteur, Sie werden diesen Zeilen in Ihrem Blatte Raum geben, da dieselben nur eine Thatsache eonstatiren. Obwohl ich für den Arbeiterbildungsverein hier, dessen Vorstand ich bin, auf den„Vorwärts" abonnirt bin, ohne mit allen in diesem Blatte ausge sprochenen Ansichten einig zu sein, komme ich doch nicht regelmäßig in den Besitz der betreffenden Nummer und Mite Sie deshalb höflichst, mir event. eine Belegnummer meiner Einsendung zukommen zu lassen. Mit aller Achtung ergebenst W. W." Hatte der Einsender g glaubt, wir würden Orts- und Personen- namen in diesem Falle nennen, so hat er sich getäuscht, da unser Blatt solchen„Steckbriefen" die Aufnahme versagt. Was nun aber der ganze Vorfall besagt, ist wohl von sehr untergeordneter Bedeutung— war der Arbeiter ein fleißiger und guter, so ist allerdings seine Handlungs weise unerklärlich, war er im Laufe von 14 Jahren verbummelt, so ist das sehr erklärlich: das Umhertreiben auf der Landstraße, die öftere Arbeitslosigkeit, der quälende Gedanke, niemals eine sichere Existenz erwerben zu können, hat schon die besten Charaktere vernichtet. Daß aber dieses Beispiel keinerlei Trumpf ist, den man gegen den Ar- beiter stand ausspielen kann, beweiset schon der Umstand, daß der Einsender seinen anderen Arbeitern, die schon längere Jahre bei ihm arbeiten(mit denen er also zuffieden ist) sein Vertrauen schenkt und sie als Zeugen aufruft. — Borsicht mit Pilzen! Am vergangenen Mittwoch sind zwei in der Antonstadt in Dresden zusammenwohnende erwachsene Mädchen, welche dem Vernehmen nach erst vor Kurzem, nachdem ihnen die Eltern gestorben waren, aus der Provinz hierher gezogen sind, in den Prießnitz- wald gegangen und haben Pilze gesammelt, welche Abends von den beiden Schwestern gebraten und gegessen wurden. Unmittelbar nach dem Genuß derselben wurven die Mädchen so krank, daß man nach i einem Arzt schicken mußte, der jedoch trotz der sorgfältigsten Behandlung nur die eine Schwester zu retten vermochte, welche von den Giftpilzen. nur die geringste Quantität gegessen hatte. Das andere Mädchen starb nach schweren Leiden wisse» Tuntel herrschen zu lassen. Diese zweifelhaften Existenzen muthet, aus folgenden Gründen: Der Herr Pastor, welcher beim spielten uns bereits bei der letzten Stadtverordnetenwahl einen schlimmen Streich, wodurch es den Nationalliberalen gelang, zwei der ihrigen in das Collegium einzuschmuggeln. Die Eon- sequenzen dieses Streichs zeigten sich bei der vor etwa einem Vierteljahre vorgenommenen Wahl eines Stadtraths an Stelle des durch den Tod aus dem Rathscollegium ausgeschiedenen Stadtraths Fischer. Anstatt den Vorschlag zu acceptiren, einen Mann zum Stadtrath zu wählen, der den nationallibcralen Stadträthen energisch Opposition zu machen im Stande war, schlössen die Oberländer und Consorten einen Compromiß mit ihren bisherigen erbitterten Gegnern, den Nationalliberalen. Da die gesinnungstreuen fortgeschrittenen Elemente im Stadt- verordneten-Collegium einen solchen Coup nicht vorgesehen hatten, ?;elang es denn auch der.ationalliberal-reaktionär-partikularistisch- ortschrittlichen Coalition, den bisherigen„farblosen" Stadtver- ordneten-Vorsteher zum Stadtrath zu machen. Doch sollte den Herren dieser Streich nicht gelingen, vielmehr war damit eine vorthcilhafte Klärung der Parteiverhältnisse eingetreten, und in die Grube, die die� Herren„Oberländer u. Comp." Anderen gegraben, sollten sie selbst hineinfallen. Die gesinnungstreue Ma- jorität vereinigte sich und die buntscheckige Coalition traf nun Schlag auf Schlag. Erst wurde unser Genosse L. Mehlhorn zum Vorsitzenden des Stadtvcrordneten-Collegiums gewählt, dann Genosse Lässig(der sich hauptsächlich als Mitglied der Steuer- abschätzungs-Commission den Haß der großen Fabrikanten zuge- zogen) zum Stadtrath und am Dienstage Genosse Schlegel eben falls zum Stadtrath. Den Spießern flimmert es schon ganz roth vor den Augen. Gelingt es uns, bei der bevorstehenden Stadtverordnetenwahl zu siegen, so werden wir bald mit der reaktionären Sippe aufgeräumt haben, und wahrlich, die Com mune Crimmitschau kann dabei nur gewinnen. Die hiesigen Steuerzahler haben noch heute die Kosten zu zahlen für die Experimente der Herren vom„Gcmeindewohl". Einmal mußte mit den bösen Elementen tabula rasa gemacht werden. Und mit dem Teufel müßte es zugehen, sollten wir nicht zum Ziele gc langen. Stollbcrg, 1. September. Endlich ist gekommen, was kommen mußte! Da ist denn wieder einmal das Schulze-Delitzsch-Prinzip von der Selbsthülfe durch Consum-, Spar-, Creditvereine rc in die Brüche gegangen und die Hohlheit desselben mit zum un freiwilligen Agitator für uns geworden! Der hiesige Credit- verein präsentirt nämlich für heuer seinen Mitgliedern nicht Dividende, sondern ein Verlustconto von 85,(XX) Mark(nach dem„Stollberger Anzeiger"). Das ist freilich ein gewaltiger Scblag für eine große Zahl der Mitglieder, die thatsächlich arme Arbeiter sind, die aber durch besondere Verhältnisse es zu einem kleinen Kapital gebracht haben, welches sie als Stammantheil in den Creditverein Zinsen dafür haben damit sie die vermeintlichen hohen könnten. Diese verblendeten Arbeitsgenossen bemitleiden wir gewiß Einen wie den Andern, aber der Schaden bleibt ihnen. Die Leute sind zum Theil ob diesem Verluste außer sich und laufen hin und her, sich Rath zu suchen. Vorige Woche waren zwei auch bei mir. Sie gehören im wahren Sinne des Wortes unter die Darber, haben aber Jeder 300 Mark Stammantheil beim Creditverein und verlieren bei 50 Prozent Verlust»150 Mark. Von diesen Beiden erfuhr ich denn auch, daß gerade die reicheren Mitglieder und Geschäftsleute, denen der Verein hin und wieder dienstbar war, nur 36 Mk. Stamm antheil(mindester Satz) eingezahlt haben und daher jetzt nur 18 Mk. verlieren. An sich ist es nun zwar nichts ausfälliges, daß bei eintretenden Krisen dergleichen Geldvercine von der- selben nach Lage unserer wirthschaftlichen Verhältnisse in Mit' lcidenschaft gezogen werden, wenn nur nicht ganz besondere Um- stände dabei etwas näher in's Auge zu fassen wären, die zu Ungunsten der Schulze-Theorie bleischwer in die Waagschale fallen. Da ist es der Stadtrath Voigt, einer von den 48er Volksführern und Auchdemokraten, die die„Königsgnade" nicht annahmen, sondern prinzipientreu und charakterfest lieber ein zweijähriges Märtyrerthum auf sich nahmen. Voigt war um jene Zeit und lange darnach ein reicher aber auch populärer Bürger Stollbergs. Allmälig ist mit dem„Märtyrer" von 48 aber eine Umwandlung vorgegangen. Voigt ist jetzt Stadtrath, Hauptmann bei den Bürgerschützen, Hauptmann bei der Rettungs- schaar l. Abth., Direktor beim Creditverein mit 2400 M.Gehalt nebst Tantieme,— alles dieses ist Voigt und außerdem auch noch Ersolgsanbeter geworden. Voigt hatte nebst dem Cassirer Sadtrath Kaufmann Kircheisen für diesen Verein alle Geschäfte abzuschließen; er beobachtete dabei die Taktik, bei kleinen Borgern eine doppelte und dreifache Sicherheit für den Verein in Am spruch zu nehmen, während er bei großen Posten diese Sichci- heitsnahme für unnöthig hielt. Das wird ihm nun freilich übel gedeutet, denn dieser Unvorsichtigkeit sind diese Verluste zuzu tckreiben. Inzwischen hat Voigt sein Amt als Direktor des Creditvereins niedergelegt.— Neben dem Vorstand hat dieser Verein auch einen Ausschuß von 14 Personen: das soll so eine Art Controle sein! und obendrein wird jede Versammlung noch von einem unparteiischen königlichen Beamten controlirt.— Bor- fitzender vom Ausschuß war der intime Freund Voigt's, der wenigstens dem Namen nach bekannte„Ehrenmann" Baumeister Uhlmann. Das Sprüchwort sagt:„Eine Hand wäscht die andere" und„Zwei Krähen hacken einander die Augen nicht aus".—— Dieser Ausschuß ist natürlich an dem Verlust „rein unschuldig". Er hat die Buchung nach Einnahme und Ausgabe geprüft und da stimmte alles ganz genau. Uhlmann als Wortführer in den drei aufeinanderfolgenden außerordentlichen Generalversammlungen hat denn auch, wie mir gesagt worden ist, die„Umsicht" des Herrn Direktor Voigt, der nur das Interesse des Vereins resp. der Mitglieder im Auge tehabt hat, nicht genug rühmen können, was indeß die anwesenden Mitglieder des Vereins nicht verhindert hat, bei der dritten Generalversammlung den Herrn Voigt nebst seinem Freunde Uhlmann weder in den Borstand noch in den Ausschuß zu wählen. Diese beiden Helden sind also von der Bildfläche ver- schwunden. Aber zu allen guten Dingen gehören drei! Da fällt mir auch gleich noch der Dritte ein! Bei der vorletzten Wahl war es der Direktor der Woller'schen Fabrik, der nach der Wahl mehrere unserer Genossen, die sich bei derselben etwas hervorgcthan hatten, maßregelte. Heute ist der Mann, der 1200 Thaler Gehalt hatte, mit sammt seinem Herrn Sohn, der Vicedirektor war und 600 Thaler Gehalt bezog, auf's Pflaster geworfen.— Heinrich Tränkner ist sein Name, früher Lehrer und Demokrat, jetzt reichstreu zum anspucken. Man kann sich jetzt denken, daß die Reichsfreundlichkeit, welche in unserer Stadt nie so recht Platz greifen wollte, ob dieser Vorfälle erst recht in die Brüche gegangen ist. Freuen wir uns dessen. Stötteritz.(Nachträgliches vom Arbeiterfest.) Wie das Ge- rücht hier im Dorfe geht, sollen der Herr Pastor, Herr Schul- Arbeiterfest zugegen war, soll sich da— man staune und höre— am Festpolizeitisch mit niedergelassen haben. Der Herr Schul- dircktor soll zur Verantwortung gezogen worden sein, weil er es geduldet, daß der Schulhausmann Grimmer zum Arbeiter- fest in seiner Unschuld eine„grün-weiße" Fahne herausgesteckt hat. Die beiden Lehrer endlich, sollen durch Dirigiren der beiden Lieder, welche zum Feste gesungen wurden, den Staat in Gefahr gebracht haben. Kalle a. S., 12. September.„Die Sozialisten wollen die Sittlichkeit untergraben! sie wollen die freie Liebe einführen w." Diese und ähnliche Absurdidäten kann man fast täglich in der reichstreuen Philisterpresse zum so und so vielten Male abge- klatscht finden. Ich schenke sonst diesem Gekläff keine Beachtung, allein ein Besuch auf dem diesjährigen hiesigen„Viehmarkt" zwingt mich, diesem Preßbanditenthum und der ganzen auf sie schwörenden Reichsmeute einen Spiegel vorzuhalten, um ihnen zu zeigen, wer denn überhaupt die Sittlichkeit untergrübt und zeglichem Anstandsgefühl mit einer Frechheit ohne Gleichen in's Gesicht schlägt. Da stehe ich plötzlich vor einer Bude, welche in großen Lettern die Firma„Orpheum" führt; ein dickes Frauenzimmer und ein junger Mann mit verlebter Physiognomie machen vor derselben Reklame für die„Schönheiten", für das„Gefühlvolle", welches nur Herren in derselben für nur 50 Psennig geboten wird. Da nun sogleich kein„Herr" anbeißt, so cultiviren sie etwas„Anbeißerei", wie man sie analog auf dem Mühlendamm in Berlin beobachten kann. Endlich beißen einige Bourgeois- söhnchen an—, und mit dem Kompliment:„Kommen Sie'rein in die gute Stube" werden sie eingeführt in's— Orpheunr— Ich wandte mich mit Ekel ab. Wenige Schritte weiter, und ich befinde mich wieder vor einer zweiten„guten Stube", mit der Firma:„Etwas ganz Neues!" Hier warfen zwei Damen ihren Köder aus. Noch einige Schritte— die dritte„gute Stube", mit der Aufschrift:„Salon pl»ss»iitris— les dames virantes." Zwei Mädchen in halb adamitischem Kostüm preisen hier in allen Tonarten die„Gemüthlichkeit", welche bei ihnen für 50 Pfennig zu haben ist, an. Dicht nebenan die vierte„gute Stube". Firma:„Kopenhagener Tivoli". Zwei Mädchen und ein Herr machen hier dem„Herrenpublikum" plausibel, daß es bei ihnen keine Wachsfiguren, sondern die reine, wahre Natur schauen könne.— Die Geheimnisse Bornums aus Amerika. Keine Concurrenz in Deutschland! Zum ersten Male hier! „Naxoitigue et pas cherd" lautet die Aufschrift einer fünften Bude. Modernes orbis pictus Carvannas! Nur für Erwachsene! die einer sechsten„guten Stube". Die Besitzerin derselben macht sich laut Zettel anheischig, die„moderne Herrenwelt" 10 Minuten träumend in den Feentempel des Olymps zu versetzen, sowie ihnen„Rosabella im Bade",„Donna Paula im eigenen Kabinet" und eine schlafende Quadrone, von spanischen Damen umgeben, vorzuführen.— Solcher Buden zählte ich nicht weniger denn zehn! Tie moderne Herrenwelt, natürlich die eitlen Gecken mit dem Klemmer auf der Nase und dem unverkennbaren Typus der„besseren" Ge- sellschaft, sie frequeutirtcu diese„Stuben" mit allerlei obscönen Bemerkungen, sodaß jeder vorübergehenden Arbeiterin die Scham- röthe in die Wangen stieg und sie eilenden Schrittes aus dem Bereich dieser Pesthöhlcn zu kommen suchte. Ich sah Kinder von 8—12 Jahren, welche über diese Buden, und die Damen darinnen, ihre unsittlichen Bemerkungen machten und sich auch schon für klug genug hielten, solche Buden zu besuchen. Ich hörte von vielen Arbeitern und deren Frauen diese Ge- meinheiten auf's schärfste verurtheilen und die naive Frage aus werfen: Weshalb wird denn so etwas nur geduldet? Ja, wes- halb duldet man behördlicherseits solche Schamlosigkeiten? Weil sie das getreue Konterfei der heutigen Bourgeoisgesellschaft und die Behörden doch nur die Vollstrecker der Gesetze und Herzens- wünsche dieser„besseren Gesellschaft" sind. Die Sozialdemokratie ist an der Arbeit, diesen moralischen Sumpf trocken zu legen, damit endlich die wahre Sittlichkeit und Moral triumphire! Auf den Schützenfesten, Jahrmärkten u. s. w. werden solche „noblen Passionen" im Kleinen, in den Salons und in den Palästen im Großen cultivirt. Und das nennt sich„Wächter der Sittlichkeit und der mora- lischen Ordnung?" Nette Gesellschaft! Nun, wie gefällt Euch„Sittlichkeits- Nachtwächtern" dieser Spiegel? Nicht gut? A, bitte, nur ordentlich hineingeblickt, und Ihr seht Euer leibhaftiges Bild! Der hiesige„Verein für Volkswohl" feierte am Sonntag, den 2. September, sein Sedansduselfest, dabei durfte natürlich auch das Schießen nicht fehlen. Die„Volkswohler" schössen scharf nach der Scheibe. Eine Kugel jedoch bahnte sich den Weg in die Wade eines 16jährigen Burschen, wo sie stecken blieb; erst den Bemühungen des Arztes gelang es, sie herauszuschneiden. Der Schütze, ein Dr. R., war darob in großer Verlegenheit; allein bald nach Entfernung der Kugel entlastete man sein Ge- wissen mit der Versicherung, daß dieser„Fall" gar nicht so schlimm sei, und daß ja der junge Mensch nun gleich einen Vorgeschmack von einer Schlacht habe! Solche Kleinigkeiten könnten nur unsere Jugend für künftige Kriege vorbereiten und sie genügend abhärten. W. R...th...l. b) Unterstützungsfonds. Hamburg von Auer 1,80; von Beamten d. H. Burmester 2,30p do. von der Todtenfeier d. Nagel 109,05; do. von einer Hochzeit d. C. Trautvetter 3,77; do. von Richter 2,00; do. von A. B. C. 1,00; Leipzig von diversen d. Hadlich 67,21; Offenbach a. M. d. G. Fritz 0,30; Lübeck von der Todtenfeier d. F. Steffen 18,65; Flensburg vom Arbeitersängerbund bei Fuhr 3,00; do. von der Todtenfeier bei Klinkmann 6,45; Frohburg v. Gesinnungsgenossen d. R. D. 1,10; Hanau Sammlung d. M. Daßbach 4,11; do. gesammelt am Todtestage Lassalle's 11,63; Pforzheim durch A. Ficker(?); Bremerhaven d. H. R. Kaht 7,20; Hildesheim d. F. Prahl 2,54. e) Wahlfonds. Hamburg von Wrieth's Cigarrenfabrik d. Petersen 15,00; do. von Justus' Cigarrenfabrik Zollvereinsniederlage 20,79; Ein- siedel Liste 2713 d. F. Müller 6,42. Parteigenossen! Die Zahl unserer inhaftirtcn und sonstwie polittsch gemäß- regelten Freunde hat sich in letzter Zeit wieder vermehrt und damit sind die Anfordeuugen an den Unterstützungsfonds ge- wachsen. Indem ich Euch von dieser Thatsache unterrichte, hoffe ich, daß Ihr bei jeder passenden Gelegenheit, bei fami- liären und festlichen Zusammenkünften für Sammlungen zu Gunsten des Unterstützungsfonds eintreten werdet. Die Ehre der Partei erfordert es, für die politisch Gemaßregelten stets auf dem Posten zu sein! Hamburg, 14. September 1877. August Geib, Rödingsmarkt 12. der Redaktion. Briefkaften H. W. in Kiel: Selbstverständlich. Da ich auf 3—4 Wochen verreise, bin ich genöthigt, die Beant- wortung etwa eingehender Briefe bis nach meiner Rückkehr zu ver- schieben. Leipzig, den 14. Sept. A. Bebel. Meine jetzige Adresse ist: A. Glebe, Buchbinder, Preetz in Holstein. Dies zur Antwort auf die Anfragen. Quittung. Hckr hier Ab. 2,00. F. R. Worms Schr. 5,00. Knk Frankfurt Ab. 46,00. Nmz Wien Ab. 5,00. Frtzsch Dahme Ab. 5,75. Mhrs Hanau Ab. 29,00. Lud Hamburg Ab. 100,00. Mttg Altona Ab. 20,00. Grsm hier Ab. 4,30. Lhmnn hier Ab. 16,30. Schwlb Zeitz Schr. 0,50. Amnn Worms Schr. 0,70. Ullrch hier Schr. 3,67. Mllr Groitzsch Schr. 0,30. Von X. X. 1,00. Fonds für Gemaßregclte. Ausruf an die Parteigenossen und Leser des„Vorwärts" in Oderbaden! Ueberall im deutschen Lande ertönt der Ruf nach wahrer Freiheit und Gerechtigkeit; um aber beides zu erlangen, heißt es zu wirken 'ür unsere Ideen. Um nun die Agitation planmäßig betreiben zu können, so beruft das unterzeichnete Agitations-Comitö eine allgemeine Arbeiterconserenz nach Lörrach ein aus Sonntag, den 7. Oktober, und werden die Genossen ersucht, ihre Wünsche und Ansichten baldigst an Unterzeichneten gelangen zu lassen. Die Tagesordnung ist folgende: 1. Regelung der Agitatton in Oberbadcn; 2, die Verbreitung der Arbeiterpresse und 3. einlaufende Anträge und Verschiedenes. Es wird später bekannt gemacht werden wann und wo die Conferenz stattfindet. Arbeiter und Kleinbürger in Oberbaden, zeigt, daß Ihr gewillt seid, ür Eure Rechte voll und ganz einzutreten. Also auf zur Conferenz nach Lörrach! Durch Agitation zum Sieg! Freiburg i. Br., den 12. September 1377. Das Agitalion-Comitö. I. A.: I. Haug, Löwenstraße 6. Donnerstag, den 20. Septbr., Abends»/,S Uhr, im Saale des Hrn. Michael, gr. Windmühlcnstr. 7: Sozialistenversammlung. Tagesordnung: Sozialpolitische Rundschau. Referent Thaute. Parteikarten sind vorzuzeigen.(70 Der Agent. Agitationscomite. . T 0 Mittwoch, den 19. September, Abends 3 Uhr, Sitzung im Lokal des Arbeiterbildungsvereins.[40 Der Vorstand. Dienstag, den 18. September, Abends 3 Uhr, im Restaurant„Bellcvue", Kreuzstraße: Wählerversammlung. Tagesordnung: Die Landtagswahl und die Sozialdemokratie. Refe- reut Julius Motteler.[30 Zahlreichen Besuch erwarten Die Einbernfcr. .CMs-Pffspit Arbeiterverein. �IlvUlvU. Donnerstag, 20. September, Abends 8', Uhr. in Bnrmeister's Salon: Oeffentliche Versammlung. Tagesordnung: Abrechnung Fragekasten und verschiedene Ange- legenheitcn. F. Heerhold.[70 Außerordentliche Generalversammlung der Genossenschaftsbuchdruckerei zu Kiel am Sonntag, den 30. September d. I., Bormittags 11 Uhr, im Lokale des Hrn Müller in Itzehoe. Tagesordnung: Formelle Aenderung des§ 1 und der das Rech- nungswesen betreffenden ZZ des Statuts.[3,60 Kiel, den 5. September 1877. Der Borstand: St. Heinzel. H. Dickma«. H. Walther. Versandt roher Tabacke nach allen Gegenden! Wir offeriren unser Lagrr in allen Sorten Roh-Tabacken zu den bekannt billigsten Preisen. Auswärtige Aufträge werden per Nach- nähme prompt ausgeführt und mit En-gros-Preisen berechnet.[180 Gebr. Frenke!, Neust. Fuhlentwiete 96, Hamburg. Oeffentliche Quittung. Bei dem Unterzeichneten gingen seit dem 1. September ein: a) Agitationsfonds. Marne durch H. Walther 3,00; Hemme do. 3,25; Eddelack do. 1,20; Brunsbüttel do. 2,25; Eckernförde d. E. Brückmann 4,00; Flensburg do. 3,50; Tündern do. 1,50; Gardina do. 6,00; Tönning do. 1,50; Lunden do. 4,00; Neumünster d. St. Heinzel 1,55; Elmshorn do. 6,00; Glückstadt do. 5,00; Eutin do. 2,62; direktor Eisner und die Herren Lehrer Altner und Schäfer Neustadt i. H. do. 3,00; Uelzen d. A. Meyer 10,00; Rendsburg in letzter Woche Vorladung zur Amtshauptmannschaft, beziehent- d. Loßmann 20,00; Itzehoe d. I. Hüls 12,00; Basel von Mit lich zur Schulinspektion gehabt haben und zwar, wie man ver- gliedern des deutschen Arb.-Ver. d. Dreesbach 4,54. „Rundschau" Nr. 3 ist erschienen und an diejenigen Orte zur Versendung gelangt, deren Filial-Expedienten über.Nr. 2 abgerechnet haben. Für Lokal- u. Gewerkschafts-Vereine jeder Art passend sind praktisch eingerichtete Casscnconto- LMitgliederbeitragg- Lücher zum Selbstkostenpreis ä 50 Pfg. zu beziehen. Porto für das Paar 10 Pfg. Bestellungen sind zu machen bei A. Geib in Hamburg, Rödingsmarkt 12. Sozialistisches Central-Vahl-Comito. Die Sitzungen des Comitös finden jeden Dienstag und Freitag Bormittag statt. Briefe für dasselbe sind zu adressiren an die Sekre- täre I. Auer oder C. Derossi, Pferdemartt 37 III. in Hamburg. Geldsendungen sind zu richten an August Geib, Rödingsmarkt 12' in Hamburg. Verantwortlicher Redatteur: Hermann Helßig in Reudnitz-Leipzig. .-lebaktton und?xped,n Färberfiraß 12/11. in Leipzig. Druck unb Anckr« b« P-nofi nk sasts bu tbruckerei n Le'pz-»