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Die vorliegende Nummer ist die letzte in diesem Quartal. Wir fordern alle Parteigenossen auf, für recht zahlreiches Abonnement auf das„Centralorgan der Sozialdemokratie Deutsch- lands" eifrig zu agitiren. Nicht genug, daß die Parteigenossen den„Vorwärts" für sich lesen, sie müssen ihn auch in die weitesten Kreise einzuführen suchen, damit überall die sozialistische Erkenntniß sich Bahn bricht. Wir bitten auf nachstehende Abonne- ments-Einladung zu achten. Die Redaktion des„Vorwärts". Abonnements- Einladung. Mit dem 1. Oktober 1877 beginnt ein neues Quartal, und fordern wir deshalb zu zahlreichem Abonnement auf das wöchent- lich dreimal erscheinende Parteiorgan auf. Ter Preis beträgt 1 Mark Vt) pro Quartal, 54'3?f. pro Monat für ganz Deutschland. Alle Postanstalten und Buchhandlungen nehmen Abonnements entgegen. 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Peter Krebs, Ulrichsg. 60, und Sattlerwerkstatt am Königsplatz 7; für die Umgegend von Leipzig bei den Filialexpeditionen:'DolK- marsdorf, Reudnitz, Reuschonefekd;jc. w. bei Frau Engel, Reudnitz, Täubchenweg 29, 2 Tr.; für ßonnewitz k. Hackert, Kurze Str. 10 part.; für KteinzschocSer und Umgegend bei F. T r o st Haupsstr. 10 l; für Thonberg bei B ö s ch, Hospitalstr. 39/11 dahier; für Meureudnitz bei Zschau, 15 1; für chohtis zc bei A. Hermsdorf, Lindcnthalerstr. 7; für Stötteritz bei E. Grude, An der Papiermühle; für Rtagwitz-Lindenau bei Frau Grebenstein, Aurelienstraße 3. Für Rertin wird auf den„Vorwärts" monatlich für 75 Pf. (frei in's Haus) abonnirt, bei der Expedition der„Berliner Freien Presse", Kaiser-Franz-Grcnadier-Platz 8a und Rubenow, Bnmnenstr. 34, im Laden. Die Leipziger Abonnenten werden noch besonders darauf «mfmerksam gemacht, daß bei allen Stadtpost-Filialcn Quartals abonnementS angenommen werde«. An die Leser des„Vorwärts"! Das Kaiserliche General-Postamt zu Berlin hat verfügt, daß die bisher bestandene Ausnahmebestimmung, wonach gewisse Zeitungen auch auf einen Monat nur, innerhalb Sachsens durch die Post bezogen werden konnten, von jetzt an aufgehoben werde. Es werden daher vom 4. Vierteljahre ab in Gemäßheit der Allgemeinen Bestimmungen außer den Vierteljahrsbestellungen nur Zeitungsbestellungen auf den 2. und 3. Monat zusammen, sowie auf den 3. Monat jeden Vierteljahres besonders, an genommen, bezw. aufgegeben werden. Die Expedition des„Vorwärts". Aus Frankreich. L. Paris, 25. September. Der todte Thiers gegen den lebendigen Mac Mahon! Die Zeit der Wunder ist wiedergekehrt: ER, nämlich der todte Thiers hat„von jenseits des Grabes" gesprochen, und, wer an Wunder glaubt, der glaubt auch, daß der 16. Mai durch die Grabes- stimme des„größten französischen Staatsmannes" wird nieder- geschmettert werden, wie weiland die Mauern von Jericho durch die lebenskräftigen Stimmen der Kriegsvölker und Posaunen Josua's. Bis dato macht Mac Mahon noch keine Miene, dem Bei- spiel der Mauern von Jericho zu folgen, obgleich die Lust-Er- schütterung keine viel geringere ist. Der Sieger von Jericho hatte blos 7 Posaunen nebst dem dazu gehörigen„schreienden" Kriegs- volk; und dem Besiegten von Wcißenburg und Sedan werden 10,000 Worte entgegenblasen, lange und kurze, aber mehr lange als kurze, denn Herr Thiers liebte die sesguipodalia verba, die vielsilbigen, schwerwiegenden Worte. Zehntausend Worte oder Wörter! Zwei enggedruckte Seiten unserer„großen Journale"! Entsetzlich. Mac Mahon wäre auch unfehlbar verloren gewesen, allein er hat eine unüberwindliche Abneigung gegen das Lesen, und so saust ihm die Phrasenwindsbraut über den Kopf weg und die Wortsündfluth schwemmt ihn nicht fort. Zehntausend Worte!„SEIN politisches Testament."„Un- mittelbar vor seinem Tod geschrieben."„Als er damit beschäf- tigt war, den letzten Theil noch zu revidiren, schlug ihn die Hand des Todes." Kurz eine Reliquie. Wo ist das Weihwasser? Ja, eine Reliquie. Und zwar allen Ernstes. Es sollte mich nicht wundern, wenn Thiers in optima forma zum Heiligen creirt würde. Verdient hat er's, so gut wie tausend andere, die nicht besser und nicht schlechter waren. Verdient— ich meine es ohne Ironie— verdient um die Pfaffen und die alleinseligmachende Kirche. Man lese nur folgenden Passus des „patriotischen Vermächtnisses" des„patriotifchsten Franzofen": „Was die kirchlichen Angelegenheiten angeht, so wurde(von der aufgelösten Kammer) der Cultus-Etat durch ein merkwürdiges Zusammentreffen von Umständen gerade in demselben Augenblicke berathen, wo die öffentliche Meinung durch die Erlasse einiger Prälaten auf das höckiste bewegt war. Nun wohl, dieser Etat ging um mehrere Hunderttau- sende Francs erhöht aus unseren Händen hervor; kein das Concordat bedrohender Antrag ist angenommen wor- den und jene von allen einsichtigen Katholiken beklagten Er- lasse haben nur den sehr milden Tadel erlitten, daß die Kam- wer über sie zur Tagesordnung gegangen ist." Man sieht, Herr Thiers, der alte Voltairiancr, der unnach- ahmliche„Patriot" und„Republikaner" ist ordentlich stolz dar- auf, das Concordat nicht angetastet, und für den Cultusetat, d. h. für die Pfaffen mehr Geld bewilligt zu haben, als der Pfaffenknecht Mac Mahon für fie gefordert hatte. Fürwahr, die Pfaffen wären sehr unklug, und sehr undankbar, wenn sie der „Republik Thiers" etwas am Zeug flicken wollten. Sie würden sich selbst in die Finger schneiden. Genau in der gleichen Lage sind die übrigen reaktionären Parteien,— für sie alle ist die„Republik Thiers" die beste aller möglichen Staatsformen", die Verwirklichung des Ideals von der möglichst besten aller möglichen Welten. Das sagt uns der französische Heldengreis in seinen 10,000 Worten„von jen- seits des Grabes"— das sagt, und das beweist er uns. Der Geschichtsschreiber der Revolution, des Consulats und des Kaiser- reichs steht sonst in dem Ruf, mit der Wahrheit auf ziemlich ge- spanntcm Fuß zu stehen; hier ist es ihm, wohl zum erstenmal in seinem Leben, pasfirt, daß er der Wahrheit die Ehre gibt. Beim Nahen des Todes Pflegen die Menschen sich seltsam zu ändern, die Natur stülpt sich um— Thiers,„groß" wie er ist oder war, konnte sich den allgemeinen Naturgesetzen nicht entziehen. Genug: er sagt die Wahrheit über sich, über„die Republik Thiers" und über die Majorität der aufge- lösten Kammer. Hört, wie er das Lob der„wahren Republik" und der „wahren Republikaner" singt: „Von der Majorität ist der Culws-Etat nicht vermin- dert, sondern erhöht worden; das Concordat ist unan- gegriffen geblieben und jede unangenehme, hierauf be- zügliche Besprechung ist vermieden oder abgekürzt worden. „Was die auswärtigen Angelegenheiten betrifft, so widerhallten alle Tribünen Europas davon zu gleicher Zeit. In Berlin, in Wien, in Rom, in London, in Belgrad, in Bukarest und in Athen gab es unendliche Berathungen über die orientalische Frage. Jedermann hat gesprochen, selbst die Diplomaten, welche gewohnt sind, zu schweigen, haben die Ufer des Bosporus gewählt, um ihre Stimme hören zu lassen. Europa hat bcurtheilen können, ob es zum Nutzen des Friedens sei! Paris allein hat geschwiegen, und in unserer Deputirtenkammer, welche noch jung, hätte neugierig sein können, gab es nur Eine Meinung: schweigen; nicht, daß man die Geschicklichkeit unserer Diplo- matie gerade fehr bewundert hätte, aber um zu der allge- meinen Bewegung nicht noch durch neue Aufregungen beizu- tragen." Auf religiösem Gebiet pfäffischer als die Pfaffen; auf dem Gebiet der auswärtigen Politik:„Schweigen", Enthaltung, Skopzenthum. Mein Liebchen, was willst Tu noch mehr? Oh, der gute Thiers präscntirt noch viel mehr, viel, viel mehr. „In Bezug auf das Heer hatte man vorgeschlagen, die Dienstzeit von fünf auf drei Jahre zu ermäßigen, und diese Kammer, der man vorgeworfen hatte, sie strebe nach Auflösung der stehenden Heere, hat einen Ausschuß niederge- setzt, der diesen kaum erhobenen Borschlag zurückgewi esen hat." Muß da nicht der ledernste Gamaschenknopf in Thränen zerfließen? Ferner: ,.Die Majorität hat die Einkommensteuer verworfen." Kann man dem Geldsack sich zärtlicher zeigen? „Fassen wir die Thatsachen zusammen: die Einkommen- steucr ist verworfen worden, die Dauer des Kriegsdienstes ist beibehalten; die Dotation der Kirche ist vermehrt; das Concordat ist nicht angegriffen; eine einfache Tagesordnung ist den gefährlichsten Hirtenbriefen entgegengesetzt worden; ganz- liches Stillschweigen über die auswärtige Politik; endlich, was die Beziehungen der großen Staatskörver zu einander betrifft, größte Nachgiebigkeit der gewählten Kammer gegen den Senat, dessen sehr bestreitbare finanzielle Ansprüche ohne Widerspruch angenommen wurden." Kurz, der Reaktionär muß ein ganz vernagelter Kopf sein, der an der„Republik Thiers", an der„Republik der 363" etwas auszusetzen hat. Doch wir sind mit den„Segnungen" noch nicht zu Ende. „Wie kann man sich den feindlichen Ausfall gegen diese Kämmer erklären? Man sagt, sie sei radikal gewesen. Radikal! Was will dieses, wenigstens in Frankreich, neue Wort, welches dieses Mal erst in unsere politische Sprache eingeführt worden ist, sagen? Man spricht nicht mehr von Sozialismus, und man thut gut daran. Man konnte und mußte vom Sozialismus sprechen, als man in Frankreich alle Tage über das Recht des Eigenthums, das Recht auf Arbeit, die Pro- gresstvsteuer, die Gleichheit der Besoldungen, den zinslosen und unbeschränkten Credit diskutirte. Diese Worte sind jetzt bei uns vergessen, aber man spricht sie anderer Orten aus. Die moralischen Epidemien, wie die physischen, dauern eine Zeit lang, und wenn sie in einem Lande ge- herrscht haben, gehen sie in ein anderes über. Der Sozialis- mus ist in benachbarte mächtige und ruhmreiche Länder über- getreten, wo man sich damit beschäftigt, ohne jedoch einen Gegenstand des Schreckens daraus zu machen, weil man wohl weiß, daß die wirkliche oder angenommene Furcht die Epidemie nur gefährlicher macht, und begreift, daß gegen moralische Epidemien kein anderes Mittel wirksam ist als die Zeit, die Vernunft und die Freiheit. Auf diese Weise sind wir des Sozialismus ledig geworden und wird man desselben in allen Ländern, die davon ergriffen sind, ledig werden." „Wir sind den Sozialismus los geworden." Wunderthätiger Thiers! Und wodurch? Durch„die Zeit, Vernunft und Frei- heil."„Zeit": 21-28. Mai 1871,„Vernunft": Chassepot und Mitrailleuse,„Freiheit": Thiers'scher Belagerungszustand. Man sieht, Herr Thiers hat einen kleinen Rückfall in seine geschichts- schreibcrischen Gewohnheiten. Die deutschen Sozialistentödter werden es doppelt bedauern, daß Herr Thiers todt ist— sie hätten sich ihn als Arzt gegen die„moralische Epidemie", welche aus Frankreich in das„benachbarte, mächtige und ruhmreiche" Deutschland„übergegangen" ist, verschreiben können. Er hätte die Kur gerade so erfolgreich bewirkt, wie in Frankreich, wi lches, nach der Versicherung des glücklichen Doktors,„des Sozialismus ledig geworden ist"— leider jedoch nicht der Sozialisten. ER wiederholt über und über: „Eine Kämmer, welche nicht einmal über die Einkommen- steucr eine Diskussion erhebt, welche die Dauer des Kriegs- dienstes unberührt läßt, welche die Kosten aller vom Staat anerkannten Culte bewilligt und die Dotation des katholischen Cultus erheblich vermehrt, welche angesichts verwerflicher Hand- lungen gewisser. Bischöfe sich auf einen einfachen Tadel be- schränkt, während alle anderen Staatsbürger für gleiche Hand- lungen schweren Strafen verfallen würden, welche, fern davon, sich eine indiskrete Eimischung in die Staatspolitik zu erlauben, sich weigert, den Minister des Auswärtigen zu interpelliren, welche, weit entfernt, die Grenzen der Gewalten zu verkennen, dem Senat Rechte zuerkannte, welche England dem Hause der Lords nicht zuerkennt, und eine hohe Kammer sorgfältig schont, von der sie selbst nicht geschont worden, eine solche Kämmer radikal nennen— nein, meine Herren Minister, das können Sie sagen, aber Sie denken es nicht." Sie denken es in der That nicht— aber es gibt Leute, die es denken, und für diese muß es gesagt werden. Es sind das die Leute, auf welche die politischen und sonstigen Charta- tanen spekuliren, von denen sie leben, und die, nach dem Sprüchwort,„nie alle werden", weder jenseits noch diesseits des Rheins. Weiter: Wenn„man" von„diesen Prinzipienfragen", in denen „man" opserfteudig die Prinzipien geopfert hat, zu„gewissen gelegentlichen Fragen übergeht", so stellt sich heraus, daß„man" eine nicht minder brünstige Opferfteudigkeit im Preisgeben von Prinzipien an den Tag gelegt hat.„Amnestie"— wurde dem Mac Mahon überlassen;„katholische Lehranstalten" — bewilligt; u. f. w. u. f. w. „Im Jahre 1873, als man die Verwaltung, die Armee, die Finanzen wieder in Ordnung, das Land vom Feinde ge- räumt sah, erhob sich ein Ruf aus allen Parteien: die Zeit des Provisoriums, hieß es, ist vorbei; die Zeit ist gekommen, daß constiwirt, d. h. jeder des Wartens müden Partei die Regierung ihrer Wahl gegeben werde. Aber es gab drei monarchische Parteien und nur einen Thron. Man mußte also verzichten, sie zu befriedigen. Was mich betrifft, so war meine Meinung die: angesichts dieser drei Machtbe- werber war die Monarchie unmöglich. Die Republik war ohne Zweifel schwierig, aber mit Klugheit und Weisheit doch möglich." Gewiß war sie„möglich", und ist sie möglich, die„Republik Thiers", möglich mit der„Klugheit und Weisheit", welche darin besteht, den Monarchisten der drei Fraktionen allen Willen zu thun und monarchischer zu sein, als die Monarchisten. „Die Monarchie ist nach den drei Revolutionen, welche sie gestürzt haben, nichts anderes als der sofortige Bürger- krieg, sowohl wenn man sie heute schafft, als wenn man sie in zwei oder drei Jahren von heute an wieder einführt. „Die Republik vertheilt unter alle Kinder Frank- reichs gleichmäßig die Regierung ihres Landes im Ber- hältniß zu ihren Kräften, ihrer Bedeutung und ihren Verdiensten; diese Theilung ist möglich, ausführbar, schließt keinen Anderen aus, als nur die, welche verkünden, daß sie Frankreich nur durch die Revolution regieren wollen." Prächtig ausgedrückt! Die„Republik Thiers", welche die Regierung wie Butterbrote„unter alle Kinder Frankreichs der- theilt"— welch rührendes, idyllisches Bild! Wie gerührt werden namentlich die Kinder und Wittwen der Communards sein, die in der„blutigen Maiwoche" die Mutterliebe der„Republik Thiers" empfanden, als sie bei der„Vertheilung" ihren Antheil beanspruchte�, und vor lauter Liebe zwar nicht„aufgefressen" aber in Stücke gehauen, todtgeschossen, auf die trockene Guillo- tine geschickt wurden? ' Oh, es lebe„die ehrenwerthe, weise, conservative Repu- blik, die Republik, welche monarchischer ist als die Monarchisten, pfäffischer als die Pfaffen, die Republik, welche den Militaris- mus pflegt, den Geldsack kajolirt und den Sozialismus„sum- mansch exekutirt", an den Pfahl von Satory stellt, in das Land schickt, wo der Pfeffer wächst! Es lebe die„Republik Thiers"! Und Mac Mahon? Er wird sie leben lassen. Und die„Republik Thiers" ihn. Nachschrift. Die„Antwort" der„363" auf das„Kriegs- Manifest" ist noch nicht fertig; die Böcke scheiden sich von den Schafen, werden indeß auch nicht stoßen. Und das Volk? die Arbeiter? Sie kennen Thiers und die„Republik Thiers"— das sagt Alles. Von besonderem Interesse für Sie wird es sein, daß sich ein republikanisch-sozialistisches Wahlcomitö gebildet und sich in einem soeben veröffentlichten Manifest gleichmäßig gegen die Regierung wie gegen die„Republikaner" in Gänsefüßchen aus- gesprochen und Forderungen im Sinne des Buffenoir'schen Pro- gramms(Amnestie, Volksbewaffnung, Abschaffung der stehen- den Heere, progressive Einkommensteuer u. s. w.) aufge- stellt hat. In meinem nächsten Briefe mehr!— Ueber die Freiheit der Wissenschaft im modernen StaatSleben hat Professor Virchow in der 50. Versammlung deutscher Na- turforscher in München eine Rede gehalten, über welche wir uns einige Bemerkungen erlauben wollen. Dieser Rede gingen eine Rede Häckel's und eine Nägeli's voraus, von welcher wir namentlich die erstere über„die heutige Entwicklungslehre im Verhältniß zur Gesammtwissenschaft" angelegentlichst als Lektüre empfehlen; gleichfalls verdient die andere über„die Grenzen des Natur- erkennens" alle Anerkennung, in welcher ein Mann im Alter Nägeli's auf's Entschiedenste das„berüchtigte"„ijjuorabimuz", d. h. wir werden es niemals wissen, des Berliner Philosophen Du Bois-Rcymond bekämpft und seine Rede mit den Worten schließt:„Wir wissen und wir werden wissen." Der„Geheimerath" Virchow wies in seiner Rede darauf hin, daß eine größere Freiheit der Wissenschaft nicht denkbar sei, als sie in der Thatsache liege, daß vor einer unter dem Vorsitz eines Herzogs tagenden Versammlung von über 2000 Natur- forschern Reden wie die beiden obenerwähnten ohne Anstand gehalten werden dürften. Vor 50 Jahren hätten sich auf den Ruf des genialen Lorenz Oken etwa 20 Naturforscher zu Leipzig in der Stille versammelt, erst im Jahre 1861 aber konnten die Namen der Mitglieder aus Oesterreich, welche damals Thcil ge- uommen hatten," veröffentlicht werden; und Oken selbst starb in der Verbannung! Jetzt sei alles das anders, unter den Augen . der ganzen Welt tagten die Naturforscher und besprächen Dinge, deren bloßes Denken vor Zeiten genügte, auf den Scheiterhaufen oder in die Verbannung zu führen.— Ja, Herr Virchow, Sie haben Recht, wir sind fortgeschritten, nian kann heute Manches sagen und thun, was vor 20 Jahren noch nicht gesprochen werden durste, aber wir sind trotzdem nicht zum Ziele gelangt; es giebt immer mehr zu erstreben, es eröffnen sich mit jedem erreichten Punkte neue Aussichten und neue Ziele, die wir erkämpfen müssen, und es ergeht heute noch Jedem, der in diesen Kampf eintritt, gerade so wie den früheren Kämpfern der Wahrheit, er wird vertrieben, verleumdet, chikanirt, eingesperrt, bis er im Kampf unterliegt. Virchow wandte sich dann speziell gegen Höckel. Letzterer hatte verlangt, man solle Kosmogenie, d. h. Entwicklungsgeschichte des Weltalls, Geologie, Entwicklungsgeschichte der Pflanzen, der Thierc und des Menschen in die schulen einführen. Welch' besseres Verständniß werden wir z. B. von unserm eigenen Or- ganismus erlangen, wenn wir denselben nicht mehr im trüben Zauberspiegel der Mythologie, als das fingirte Ebenbild eines anthr-'pomorphen Schöpfers, sondern im klaren Tageslichte der Phy. irenie, als die höchst entwickelte Form des Thierreichs er- kenne.., als einen Organismus, welcher im Laufe vieler Mil- " I-■! Andre Zeiten— andre Verse. „Wilde Rosen", so lautet der Titel einer kleinen Samm- lung lyrischer Gedichte, welche in Leipzig, in der Arnoldi- schen Buchhandlung 1851 erschienen sind. Wir begegnen darin neben den klangvollen Namen eines Heine, Lenau, Prutz, Sollet und Anderer auch dem Namen eines Mannes, dessen dichterischer Entwickclungsgang uns Interesse genug bietet, um es lohnend zu erachten, ihm eine kurze Betrachtung zu widmen. Die liberale Presse und ihre schöngeistigen Zubringer setzen neuerdings Alles daran zu beweisen, daß unsere poetenarme Zeit trotz aller gegentheiligen Behauptungen, Großes auf dem Gebiete der Dichtkunst hervorzubringen vermöge und mit nicht geringem Lärm präsentirt sie uns in der Person des neuerdings bei lebendigem Leibe erblich baronisirten Hofrathes Rudolf (von) Gottschall in Leipzig ein Beweisstück, auf dessen Stich- haltigkeit sie sich nicht wenig zu Gute hält. Das„Leipziger Tageblatt" salvirt sein schöngeistiges Ge- wissen mit einer spaltenlangen Ruhmestafel des Neugeadelten und weiß nicht genug zu erzählen von dem poetisch dramatischen Genie, dessen Stern neuerdings in Gestalt eines preußischen Or- dens aufgegangen ist m seinem sonst so freudcleeren Knopfloch und wir halten deshalb ein Wort über den Werth oder die Werthlosigkeit Gottschall'scher Arbeiten auch in diesem Blatte am Platze. Was wir von einem Dichter erwarten, dessen Name schon in den 50er Jahren neben den besten Lyrikern genannt wurde, dss ist Originalität der Erfindung, Schönheit der Form, lyrischer Schwung, Schärfe und Klarheit des Gedankens, Frische der Bilder und Farben und kraftvolle Handlung. Alles Eigen- schaften, die wir nicht blos an den neuesten Produkten des ge- zähmten Versrebellen total vermissen, die wir vielmehr selbst seinen„Barrikadenliedern", die ihm der Feuergenius seiner Dichterjugend diktirt haben soll und den meisten seiner älteren Leistungen vergebens andichten müßten. Auch die nichtsozia- listische unabhängige Kritik hat Herrn Gottschall dies langehin nachgewiesen. Er hat viel gelesen und eine Literaturgeschichte nebst einigen Dramen geschrieben, aber welch sonderbaren Ver- dauungsprozeß das Gelesene bei ihm durchgemacht hat, das spricht aus jedem Gedanken, jeder Zeile seiner älteren wie neue- ren Anfertigungen. lionen Jahre sich allmälig aus der Ahnenreihe der Wirbelthiere hervorgebildet und alle seine Verwandten im Kampfe um's Dasein weit überflügelt hat! Diese Forderung Häckel's, welche ja auch eine Forderung der Sozialdemokratie ist, suchte Virchow lächerlich zu machen dadurch, daß er eine geistreiche Hypothese Häckel's zur Erklärung der organisirten Materie, welche im Wesentlichen mit Spinoza's Ge- danken übereinstimmt, daß alle Materie, resp. jedes einzelne Atom beseelt sei und welche Virchow nicht einmal recht zu kennen oder verstanden zu haben scheint— citirte, und die Aeußerung Häckel's nun so darzulegen suchte, als verlange dieser, man solle die Kinder in der Schule mit der Atomseele bekannt machen. Wir wollen diese Entstellung nicht weiter verfolgen, sondern untersuchen, wie es kommt, daß ein so gelehrter Mann wie Virchow gegen Einführung des modern- naturwissenschaftlichen Unterrichts in den Schulen sich ausspricht. Er sagte: Ich gebe zu, daß die Descendenztheorie alle Wahrscheinlichkeit für fich hat, es wird wenige Naturforscher geben, welche nicht überzeugt sind, daß der Mensch vom Affen oder einem ähnlichen Wirbelthiere abstammt; ebenso muß ein consequent und logisch denkender Natursorforscher eine sssnerutio ueguivoc», d. h. eine freiwillige Entstehung des Lebens aus unorganischer Materie annehmen, wenn er nicht an eine Schöpfung, an ein Wunder glauben will. Virchow selbst glaubt natürlich nicht an Wunder, aber er hält es für gefährlich, die Descendenztheorie in die Schulen einzu- führen, so lange dieselbe noch nicht vollständig bewiesen sei.— Weil also diese Lehre zwar die größte Wahrscheinlichkeit für sich hat, aber eben doch noch einige Lücken darbietet, soll sie dem Volke noch vorenthalten bleiben und dasselbe vorderhand noch mit dem christlichen Mythus und dem kirchlichen Dogma abge- speist werden!„Die Wissenschaft für die Führer— für die Geführten der Glaube!" nicht wahr, Herr Virchow? Derselbe Virchow sagte vor 6 Jahren in seiner Rede:„Die Aufgabe der Naturwissenschaften in dem neuen nationalen Leben Deutschlands" auf der Naturforscherversammlung zu Rostock: „Wenn unsere weitere Arbeit noch eine nationale Beziehung behalten soll, wenn die Wissenschaft noch etwas leisten soll speziell für das innere Leben unserer Nation, so muß sie den Versuch machen, das Volk mit gemeinsamem Wissen zu durchdringen, ihm in demselben eine allgemein anerkannte Grundlage des Denkens zu geben. Die erste Consequenz ist, daß man verlangt, es müsse Jedem ein solches Maß des Wissens, eine solche Reihe positiver Kenntnisse über die Natur und die natürlichen Dinge zugänglich gemacht werden, daß so absurde Differenzen zwischen Wissenden und Nichtwissenden nicht länger fortbestehen können, wie sie gegen- wärtig in den meisten Culturnationen vorhanden sind." Herr Virchow weiß besser als wir, daß das von ihm ver- langte Maß des Wissens auf dem Boden des Darwinismus dem Volke beigebracht werden kann, warum redet er nun nach sechs Jahren so ganz anders? Er sagt es uns selbst, indem er der vielen Berührungspunkte zwischen Darwinismus und Sozialismus gedenkt. Da sitzt der Haken! Es darf nicht riskirt werden, daß unsere Kinder in der Schule schon für das sozialistische Gift empfänglich gemacht werden; sie dürfen nicht lernen, daß der menschliche Geist, wie der Körper, langsam und stufenweise sich entwickelt, eine gewisse Höhe erreicht und ebenso langsam und allmälig von dieser Höhe wieder herabsinkt und der endlichen Auflösung entgegengeht, denn sonst könnten die Menschen ja aufhören, den Worten und Thaten berühmter Man- ner andächtig zu lauschen und sie hinzunehmen wie unumstöß- liche Wahrheiten; sie könnten sich dessen bewußt werden, daß auch ein Virchow, dessen große Verdienste um die Wissenschaft wir gerne anerkennen, eben doch nur ein Mensch ist, der die Höhe seiner geistigen Entwicklung überschritten hat und dessen Worte heute nicht mehr diejenige Bedeutung haben, wie vielleicht vor 20 Jahren. Leider wissen und beachten die gedankenlosen Menschen diesen Umstand gar nicht; in ihren Augen ist ein Virchow heute noch derselbe von damals, sie können den ver- verblichen Einfluß des Alters nicht beurtheilen, wie sie es ja auch ganz in der Ordnung finden, daß die meisten Völker von greisen Herrschern und Staatsmännern regiert werden. Wir dagegen, die wir uns dessen vollständig bewußt sind und wissen, daß die Menschheit im Ganzen unaufhaltsam fort- schreitet, wenn auch in einer Zickzacklinie, die manchmal rück- läufige Bewegungen macht, wie eine solche gegenwärtig von der Berliner Hochschule ausgeht, wir legen Virchow's Rede nicht die Bedeutung bei, welche ihr ohne Zweifel alle im Dienste der Reaktion und der herrschenden Gesellschaft stehenden Zeitungen beilegen werden. E. F. Wir beeilen uns, dies an einer Arbeit nachzuweisen, welche man neben Heine, Lenau, Sallet:c. als lyrische Schönheit Platz nehmen ließ, und welche rastlose Ebbe und Fluth träumerisch- wogenden Dichterbewußtseins als Geburtswehen dem Werde-Akt vorausgegangen sein mögen, das mag der Leser selber nachem- pfinden. „Am Strand" heißt das Poem, das wir nebst einigen Be- trachtungen seines dichterischen Gehaltes hier folgen lassen und wir wollen gerne zugeben, daß wir es noch lange nicht für die inhaltsloseste Arbeit des Verfassers halten können, der vom Strande seiner damaligen Dichterwehen bis heute aufgestiegen ist zum versekundigen„Kritiker", zum„Meister- und Richter- sitz!" Also hören wir Herrn Gottschall von 1851 oder früher: „Im Osten tagt der Morgen, leise dämmernd Die weite See umlispelt süßer Friede. Des Busens Nachtgedanken, ewig hämmernd, Sie rasten, wie Cyklopen in der Schmiede." Sicherlich wird man uns nicht der Trivialität beschuldigen, wenn wir uns nach dieser kurzen Episode schon fragen, ob der „Dichter" in der Schlußzeile dieses Bildes, seine„ewig häm- mernden Nachtgedanken" in dem„süß-lispelnden Frieden der weiten See" zur„Rast" gebracht, also von„rasten und ruhen" gesprochen haben will— ein Umstand der freilich dem„ewigen hämmern" entgegenstände— oder ob er uns darzuthun bestrebt ist, wie„rasend seines Busens Nachtgedanken gehämmert" haben. — Gleichviel aber, ob„ewig hämmernd" bis zum„Rasen", oder„ewig hämmernd" und nun„rastend", das Bild des vor- aufgegangenen„leise dämmernden, im Osten tagenden Mor- gens, an der weiten See, umlispelt von süßem Frieden"— zeigt uns ein so liebes und längst bekanntes Gesicht, daß uns die ganze Almanach- und Pfennigmagazinliteratur das Gedächtniß streift, um uns zuzurufen: Die Sozialisten haben Recht, auch die Poesie ist Collectivarbeit!— Gerne indeß gönnen wir un- serem Dichter- Cyklop die„Nachtgedankcnrast" als Originalgenuß, vorausgesetzt, daß er uns Recht gibt, wenn wir auch als poetisch naturgemäß voraussetzen, daß er dem„Rasen" das„Rasten" folgen lassen wollte. Giebt er doch diesen Gefühlen so frohen Ausdruck in den Worten der zweiten Strophe: Sozialpolitische Uebersicht. — Nothstand in Schleswig-Holstein und Nieder- gang des Kleingewerbes. Die„Jtzehoer Nachrichten" lassen sich folgenden beherzigenswerthen Bericht aus Meldorf vom 19. September schreiben:„Die Ernte ist zum größten Theil be- schafft. In den vorigen Jahren machte dem Landmann die Be- schaffung der erforderlichen Arbeitskräfte zur Einbringung des Erntesegens oft einige Sorge; der Sorge ist er jetzt überhoben, ja es überstieg gar das Angebot von Arbeit die Nach- frage, und mancher Arbeiter, der von der fernen Geest in die Marsch pilgerte, um seine Dienste anzubieten, mußte aussichtslos wieder in die Heimath zurückkehren oder für geringen Lohn arbeiten. Das ist für den Arbeitgeber fast etwas Ungewohntes, und vor einigen Jahren würde man noch Denjenigen, der eine solche Wendung auf dem Arbeitsmarkte vorher gesagt hätte, für einen Schwarz- scher gehalten haben. Und dieser Ueberfluß an Arbeits- kräften wird für den Winter aller Wahrscheinlichkeit nach noch zunehmen. Leider sind unsere Arbeiter in der Stadt und auf dem Lande zu einseitig für ein eng begränztes Arbeitsfeld aus- gebildet. Sowie auf dem einmal erwähnten Arbeitsfelde die Quellen versiegen, steht der Arbeiter verdienstlos und rathlos da, und freilich ist auch unsere Zeit danach angethan, daß die s. g. häusliche Industrie, die in früheren Zeiten manchen Arbeiter beschäftigte und nothdürftig ernährte, ganz zu verlöschen droht. Wir erinnern unter Anderem an den Flachs- und Hanf- bau, der damals viele Hände beschäftigte, jetzt aber von der Großindustrie fast ganz verdrängt ist. Selten trifft man jetzt ein Ackerstück mit Flachs, und der Hanf ist gar hier in Dithmarschen schon zu einer unbekannten Pflanze geworden."— Und angesichts solcher Mittheilungen eines objektiven Bericht- erstatters in einem reichstreuen und liberalen Blatte wagen immer noch die Gegner von den Uebertreibungen der Sozialisten zu reden, wenn wir behaupten, daß das Kleinhandwerk im Eon- kurrenzkampfe mit dem Großkapital schon auf den Knien liege, um bald vollständig erdrosselt zu werden. — Das Pfaffenthum hat in Aachen vorläufig noch über die katholischen Arbeiter gesiegt. Die dortigen christlich-sozialen Arbeiter schon durchweht vom Hauche des wahren Soziaüsmus hatten einen Arbeiterverein gegründet und auch ein Blatt, den „Paulus", unter Leitung des tüchtigen Kaplans Kronenberg herausgegeben, der dasselbe in trefflicher Weise, gestützt auf die sozialistische Erkenntniß, leitete. Bei den letzten Reichstagswahlen setzten die Klerikalen diesem christlich-sozialen Kaplan einen schwarzen Freiherrn als Kandidaten.entgegen und es kam zur engeren Wahl, in welcher der Pfaffenkandidat endlich siegte. Doch die Pfaffen trugen es dem wackeren Kaplan und den Aachener Arbeitern nach, daß sie sich auf eigene Füße stellen wollten; sie sprengten deshalb den Verein, dessen eine radikale Hälfte den Präses Kronenberg beibehalten hat, die von den Pfaffen beherrschten Arbeiter aber den devoten Kaplan TeuS zum Präses erwählte. Wir wünschen dem Kaplan Kronenberg in seinem Kampfe Glück und den Arbeitern Vernunft. — Zur Polizeiaufsicht. Schon oftmals ist von Seiten der Sozialdemokratie die Stellung eines Menschen nach ver- büßter Zuchthausstrafe unter Polizeiaufsicht als eine Straf- Verschärfung resp. als eine Anordnung erklärt worden, die den Betreffenden sein ganzes Leben lang verfolge und ihn für immer aus der menschlichen Gesellschaft und somit von der Besserung ausschlösse. Ein französischer Jurist fällt sein Urtheil in folgen- der Weise:„Das Verbrechen erzeugt die Polizeiaufsicht, diese die Unmöglichkeit der Arbeit, die Unmöglichkeit der Arbeit das Verbrechen. Dies der Kreis, in welchem man sich herumbewegt." — Das ist klar und einfach; aber die heutige Gesellschaft, welche die Verbrechen erzeugt, stößt die Verbrecher, ihre natürlichen Kinder zurück und vergiftet deren ganzes Leben. Und das nennt man eine Gesellschaft der Ordnung! — Der nationalliberalen Partei wird nachgesagt, einen Antrag vorbereiten zu wollen, um jedesmal gleich auf zwei Jahre das Budget festzustellen, damit die parlamentarische Eon- trole noch überflüssiger gemacht werde, wie sie es jetzt schon durch die laxe Behandlung derselben in den meisten gesetzgebenden Körperschaften ist. Wir hören nun, daß einige parlamentarische nationalliberale Heißsporne dies im preußischen Abgeord- netenhause beantragen wollten; doch sind sie von ihrem Vor- haben schon zurückgekommen, da selbst die Regierung die jähr- liche Controle beibehalten will, um wenigstens den Schein des Parlamentarismus zu wahren. „Ein freundlich Mahnen aus der Kindheit Tagen, Ein Harfenlied aus zauberischer Ferne Ein Heimwehsehnen, ein verhülltes Klagen Ein Schmerz, so blaß, wie die erblich'nen Sterne." „Fern sei von uns des blaßen Neides Tadel"— aber wir können nicht finden, daß in diesen Worten, etwas Anderes ge- geben wäre, als der bekannte Klingklang eines gemüthlichen Ge- danken-Arrangements, welches vom„freundlichen Mahnen" bis zum„blassen, erblich'nen Sternen ähnlichen Schmerz" aus dem lyrischen Museum, deutscher und wälscher Berskunst erübrigt scheint.� Worte nicht blos, sondern Gedanken, Gedanken nicht blos, sondern Bilder, welche Herr Gottschall, natürlich ahnungs- los von dem Material, das er so reicher Maßen zusammenge- lesen unverdaut von sich giebt und cyklopenhaft zusammen- hämmert: „Das pocht mit Macht an meines Herzens Pforten, Das weht des Meeres Odem mir entgegen, Und angehaucht von längst verklung'nen Worten Muß sich die Brust in alten Träumen regen."— Wir wollen thun, als wären wir über den physikalischen Vorgang dieser verdichteten Gedanken ganz im Reinen und uns von den längst verklung'nen Worten auch anhauchen lassen, um zu dem Bekenntniß zu erweichen, daß die antike Lyra, deren sich Herr Gottschall schon frühzeitig bemächtigt hat, minder reich be- saitet, also etwas ärmer an Akkorden gewesen sein mag. Wir wollen sogar dem Dichter noch den Gedanken unterstellen, daß er es war, dessen Brust sich in alten Träumen regte, als er von den längst verklungenen Worten angehaucht ward. Aber ver- schweigen dürfen wir unserem Schöngeist nicht, daß es uns sehr überraschte, von ihm das„freundliche Mahnen",„das Harfen- lied",„das Heimwehsehnen" und„den Schmerz" seiner zweiten Strophe,„pochend" und„wehend" in der dritten Strophe ein- führen zu sehen. Ein„pochendes Harfenlied" und ein„wehen- der Schmerz" sind denn doch Bilder, denen wir an Neuheit der Komik und Burleske nichts Zlveites und Besseres entgegenzu- stellen wüßten, als— eine träumerische Schlummer-Arie, mil Baßbegleitung, für 24 Trommeln arrangirt. Die Etiquette, unter der uns diese Gottschall'sche Arbeit servirt wird, zwingt uns, die präzisesten Formen und logischen Wort- und Gedankenguß zu verlangen und wir finden, daß selbst — Ueber die Wahl Liebknecht's,„des Soldaten der Revolution", in den sächsischen Landtag pöbelt die Berliner «Volkszeitung" in folgender Weise:„Liebknecht wird seinen Ein- zug halten, um auch da die Ordnung des heutigen Staatswesens zu verlachen. Dieser Sieg wird die moralische Kraft der So- zialdcmokratie bedeutend stärken und in fanatischer Verblendung wird sie weiter kämpfen und eine Arbeit verrichten, die einer bessern Sache würdig wäre. Dort draußen im sächsischen Erz- gebirge, wo die Kartoffel die einzige Ernährerin ist, wo noch jetzt gräßlicher Nothstand wüthet, erwartet man Nichts von der Regierung, Alles von der Sozialdemokratie. Die blendenden Phrasen ihrer Führer mußten dort natürlich den üppigsten Boden finden. Der Ausfall der Wahlen giebt viel zu denken. Die durch die sozialistische Phrase bethörte Masse wird nicht sobald desinfizirt werden, als sie infizirt worden ist."— So flegelt und pöbelt ein Blatt gegen das Volk, welches sich„Volkszeitung" nennt. Liebknecht würde die Ord- nung des heutigen Staates nicht verlachen, schon weil solche Ordnung nicht vorhanden ist; er würde die Unordnung in Staat und Gesellschaft im sächsischen Landtage wie überall be- kämpfen und dabei allerdings verschiedenen Literaten eins auf das ungewaschene Maul geben.— Was sollen denn die Roth- leidenden, die Hungernden von den Regierungen erwarten, die von den auch von der Berliner„Volkszeitung" vertretenen Bourgeoisparteien abhängig sind? Größeres Elend, größere Roth? Was hat denn bis jetzt die Regierung, was haben die herrschenden Parteien— also diejenigen, welche die Macht haben, bis jetzt gethan, um das Elend, den Nothstand zu heben? Leider können die Sozialdemokraten vorläufig nichts anderes, als die Wege ebenen, um für die Zukunft, aber auch für die Dauer, den Nothstand zu verbannen; hätten sie gegenwärtig die Macht, wie Regierung und Bourgeoisie, so würde der Nothstand sofort beseitigt, und auch die Kloake,„Bolkszeitung", würde dann „desinfizirt" und so der Tummelplatz für literarische Schweine zerstört werden. — Schulpflicht und freie Schule, so erstrebenswerth allüberall Beides ist, sind doch nur dann von wirklicher Bedeu- tung für die gesammte Volkserziehung, wenn auch die materielle Lage der arbeitenden Klassen eine solche ist, um vollständigen Gebrauch von der Schule machen zu können. Diese Ansicht wird bestätigt durch einen Bericht des Bezirksschulraths über das Wiener Schulwesen für das Jahr 1876/77, in welchem es heißt:„Das soziale Elend führt eben auch stets das moralische mit sich; na- mentlich sei Erwähnung gethan der unglückseligen Ver- Hältnisse im zehnten Bezirke(Favoriten), wo die zahlreiche, meist sehr arme Arbeiterbevölkerung der Schulpflicht aus nahestehenden Ursachen feindlich gegenübersteht. Die Kinder haben ent- weder keine Kleider, oder sie müssen zeitlich anfangen, ihr Brod selbst zu verdienen. In den gegen die Donau zu gelegenen Theilen des neunten Bezirkes(Alsergrund) und in Erdberg, sowie im Erdbergermais treten dieselben traurigen Er- scheinungen zu Tage."— Wie oft schreien unsere Bourgeois über die Unbildung der Arbeiter, über die Liederlichkeit der Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule schickten u. s. w., und doch stemmen sie sich gegen das Aufhören der Kinderarbeit, doch sind sie es, die den Lohn möglichst niederdrücken, sie sind es, die oft genug verhindern, daß die Kinder Kleider für den Schul- besuch haben— ja, die Bourgeois sind es, nicht der Einzelne, sondern die Klasse, welche die Arbeitskraft ausbeuten und somit das Verbrechen der Unterdrückung auf sich bürden, durch welche die Bildung der Massen, der Schulbesuch, Sitte und Moral untergraben wird. Und heuchlerisch schiebt die heutige Gesellschaft die Ursache all' dieser Verruchtheit, all' dieses Elends den Sozialdemokraten in die Schuhe. — Die Wahl Liebknecht's in den sächsischen Landtag— die beiläufig mit größerer Stimmenzahl erfolgt ist. als anfäng- lich gemeldet ward: mit 606 von 1313— wird bestritten werden, weil Liebknecht, ein geborner Hesse, noch keine drei Jahre sächsischer Staatsangehöriger ist. Das sächsische Wahlgesetz redet allerdings von dreijähriger Staatsangehörigkeit als einer Be- dingung der Wählbarkeit zum sächsischen Landtag, allein dieser Bestimmung steht der Art. 3 der Reichsverfassung entgegen, welcher lautet: „Für ganz Deutschland besteht ein gemeinsames Jndigenat mit der Wirkung, daß der Angehörige(Unterthan, Staats- bürger) eines jeden Bundesstaates in jedem anderen Bundesstaate als Inländer zu behandeln und demgemäß zum festen Wohnsitz, zum Gewerbebetriebe, zu öffentlichen ohnedies, der„Dichter" Gottschall in seinen Lizenzen mit dem Logiker und Dialektiker in einem mustergiltigen„Styrum" her- umknetet und wenn er dann fortfährt: „Und wie im Meer der Morgenstern sich spiegelt, So spiegelt sich in mir der Kindheit Eden. Von der Natur Unendlichkeit beflügelt,. Vergißt der Geist des Lebens herbe Fehden" so wollen wir dem Herrn Dichter das kindliche Vergnügen, solche Verse anzufertigen gern gönnen, aber über den harten Holper der dritten Zeile hinweg dürfen wir den„vergessenden Geist" nicht unbewundert lassen, der sich gewiß beim Niederschreiben dieser Worte auch des Refrains in dem bekannten Liebe erinnert hat:„O selig, o selig ein Kind noch zu sein!"— Wie viel liegt nicht in diesen wenigen melodischen Worten und wie schade darum, daß der Lyriker„am Strande" sich das Wort- und Zeitopfer auferlegen mußte, das in seiner fünften Strophe aus- zusvrechen in lyrisch-wollüstigem Eiertanz. Oder ist es etwas Anderes wenn Herr Gottschall sagt: „Nur einen Augenblick will ich mich schaukeln In süßem träumerischen Selbstversinken; Ein Schmetterling um Blüthen thatlos gaukeln,' Und ihres Nektars Wollust selig trinken." Und wozu nun dieses fünf Strophen umfassende Auspressen des lyrischen Empfindungsschwammes? Alles, um nur zum Schluß mit einem schöngeistig montirten politisch-lyrischen Feuer- Werk sich als Träger und Priester herrlich großer Prinzipien auszupuffen, wie sie einen Herwegh, Freiligrath, Heine, als Quellen ächter Lyrik in Fleisch und Blut der Nation über- geführt und unsterblich gemacht haben. Fünf Strophen lyrisches Allerlei mit logischen Querhölzern umgerührt: „Doch dann den Fehdehandschuh aufgehoben! Jn's tiefste Meer versenk ich meinen Frieden. Der bunte Schwärm der Träume ist zerstoben, Uns ist der Kampf und nicht die Ruh' beschieden." Wir sind auch der Meinung des Herrn Hofrath, und deshalb wissen wir, daß der deutschen Kritik vor Allem dann der Kampf geziemt, wenn es gilt, in den Reihen unserer„Schöngeister" die Säuberung vorzunehmen, die zu Ehren deutscher Dichtkunst un- erläßlich geworden ist. Aemtern, zur Erwerbung von Grundstücken, zur Erlangung des Staatsbürgerrechtes und zum Genüsse aller sonstigen bürger- lichen Rechte unter denselben Voraussetzungen wie der Einheimische zuzulassen, auch in Betreff der Rechtsver- folgung und des Rechtsschutzes demselben gleich zu behandeln ist. „Kein Deutscher darf in der Ausübung dieser Befugniß durch die Obrigkeit seiner Heimath, oder durch die Obrigkeit eines anderen Bundesstaates beschränkt werden. „Diejenigen Bestimmungen, welche die Armenversorgung und die Aufnahme in den lokalen Gemeindeverband betreffen, werden durch den im ersten Absatz ausgesprochenen Grundsatz nicht be- rührt. „Ebenso bleiben bis auf Weiteres die Verträge in Kraft, welche zwischen den einzelnen Bundesstaaten in Beziehung auf die Uebernahme von Auszuweisenden, die Verpflegung erkrankter und die Beerdigung verstorbener Staatsangehörigen bestehen. „Hinsichtlich der Erfüllung der Militärpflicht im Verhältniß zu dem Heimathslande wird im Wege der Reichsgesetzgebung das Nöthige geordnet werden. „Dem Auslande gegenüber haben alle Deutschen gleichmäßig Anspruch auf den Schutz des Reichs." Kraft dieses Artikels ist also„der Angehörige jedes Bundes- staats in jedem anderen Bundesstaat—— zu öffentlichen Aemtern unter denselben Voraussetzungen wie der Einheimische zuzulassen. Nach Sinn des Wortes und nach Sprachgebrauch ist aber die Ausübung der gesetzgeberischen Funktion ebenso gut ein„Amt" und zwar ein„öffentliches Amt" wie die Ausübung der beiden übrigen Staatsgewalten: der richterlichen und aus- übenden(verwaltenden) Funktion. Nach der Reichsverfassung ist die Wahl Liebknecht's also unzweifelhaft gültig. Es besteht demnach ein„Conflikt" zwischen Reichsoerfaffung und dem säch- fischen Wahlgesetz. Wie auch immer dieser Conflikt auslaufen möge: die Thatsache, daß die Sozialdemokratie in den Census- wall, welcher den sächsischen Landtag umgibt, Bresche geschossen hat,läßtsichnichtausderWeltschaffen. UndsolltederWille des souve- ränen Volks einer reaktionären Gesetzesbestimmung geopfert wer- den, so wäre damit nur ein neuer schlagender Beweis für die Unvolksthümlichkeits und Vernunftwidrigkeit des herrschenden Systems geliefert. Zu erwähnen ist noch, daß Liebknecht, der bereits seit 12 Jahren in Leipzig ansässig ist, schon im Jahr 1870, um sich gegen Ausweisung zu sichern, den Antrag auf Er- theilung des sächsischen Bürgerrechts gestellt hatte, aber abge- wiesen worden war. Erst nach seiner Rückkehr von Hubertus- bürg konnte er mit seinem Antrag durchdringen. — Vom sozialistischen Weltcongreß. Der von den Delegirten(mit Ausschluß der„Anarchisten") angenommene So- lidaritäts- Pakt zwischen den Sozialisten der verschiedenen Länder lautet folgendermaßen: „In Erwägung, daß die soziale Emanzipation von der poli- tischen untrennbar ist; „in Erwägung serner, daß das Proletariat als selbstständige, mit allen von den besitzenden Klassen gebildeten Parteien in Op- Position stehende Partei organisirt, jedes politische Mittel er- greifen muß, welches zur Befreiung aller seiner Glieder füh- ren kann; „in Erwägung, daß der Kampf gegen jede Klassenherrschaft weder lokal, noch national, sondern universell ist, und daß der Erfolg von der Verständigung und dem Zusammenwirken der Organisation der verschiedenen Länder abhängt; „haben die Delegirten des zu Gent tagenden Allgemeinen Sozialisten- Congresses beschlossen, daß sich die von ihnen ver- tretenen Organisationen in allen ihren ökonomischen und politi- schcn Bestrebungen gegenseitig moralisch und materiell zu unter- stützen haben. „Zu diesem Zwecke wird ein Bundesbureau gebildet, welches bis zum nächsten Congreß seinen Sitz in Gent hat, dem auch die Aufgabe überlassen wird, den nächsten Congreß einzuberufen und zu demselben die bezüglichen Vorarbeiten zu machen." Obigem Pakte wurde in einer folgenden Sitzung noch ein Anhang beigefügt, der folgendermaßen lautet: „Die neue Organisation nimmt den Namen„Allgemeiner Bund der sozialistischen Partei" an. „Das Bundesbureau wird aus dem Comitä der sozialdemo- kratischen Partei Gents gebildet, mit Hinzufllgung zweier Delegirten der übrigen Städte Belgiens, deren Arbeiterorganisationen dem Pakte ihre Zustimmung gegeben haben. Das Bundesbureau wird die Aufgabe haben: 1) Den Ar- beiter-Organisationen aller Länder die Bildung des Paktes zur Kenntniß zu bringen und sie zum Anschluß einzuladen. 2) Alle an dasselbe gerichteten Erkundigungen zu beantworten. 3) Den Hat die Kritik der S0er Jahre ein Auge zugedrückt gegen- über dem Gefühlsbrei eines poetisirenden Kraftgenies, so that sie es wohl nur um der Gewaltphrasen Willen, mit denen Herr Gottschall weiland sein Poöm an die jetzt von ihm und seiner Richtung so hart verurtheilten politischen Leidenschaften adressirt hat, als er schloß: „Rausch auf im Sturm, du meines Geistes Brandung! Stürzt hin zum Kampfe ihr Gedankenwellen! Wehrt den Despotenflotten jede Landung! In Schiffbruch mögt ihr höhnend sie zerschellen; Bis daß der Bau der Tyrannei zerschlagen, Bis daß das letzte Sklavenschiff gestrandet, Bis daß die Länder keine Fesseln tragen, Frei wie das Meer, das um die Küste brandet." Von wie viel Dichterblüthen der Herr Verfasser dieses Lie- des, bevor es„gehämmert" war, genippt hat, wollen wir hier nicht weiter untersuchen. 21 Zeilen Wörter- Mosaik, ein Dutzend Empfindungsflathen versmatisch zusammengeschoben, wie im Do- mino, das ist die Mache einer Arbeit, welcher der Herr Ver- fertiger die achtzeilige Schluß-Sturmhaube der revolutionären Idee aufgestülpt hat um dem deutschen Volke Kunde von seinem lyrischen Dasein zu geben. Es ist ihm gelungen, sich auf den Richterstuhl der Literatur zu singen, umtanzt von Allen, die wie er, dichten, um Verse zu machen und Verse machen um„Dichter" zu sein. Seinen Ruhm verkündet das„Leipziger Tageblatt". Ein Schicksal, das dem„Dichters der„preisgekrönten Bismarck- Hymne" ebensowenig erspart bleiben konnte, als ein Titel und Adelsdiplom. Und wenn er in lichten Momenten dem unsterblichen Friedr. von Sallet zu Ehren ausrief: „Tobt immerhin ihr frömmelnden Leviten Mir eurem Monopol der Göttlichkeit. Den heil'gen Tempel wird ein Andrer hüten: Der neue Geist, der freie Geist der Zeit!" so getrösten auch wir uns des Gedankens, daß dieser neue, freie Geist der Zeit kommen und Heerschau halten wird über jene, die sein schönstes Diadem, die Lyrik im platten politischen Mummenschanz zerfledert haben. Und unter diesen, laut Tagblatt, ist Rudolf Gottschall auch, Er hat sich hineingesungen in Deutschlands dicksten Bauch. Ort festzustellen, wo der künftige Congreß abzuhalten ist, und die Tagesordnung dem Verlangen der beigetretenen Gruppe gemäß festzustellen. 4) Einen finanziellen und administrativen Bericht der Begutachtung des Congresses zu unterbreiten." Bezüglich der politischen Haltung des Proletariats wurden die beiden ersten Erwägungen des Solidaritäts-Paktes als Resolution unter folgender Umschreibung von der Majorität des Congresses angenommen: „In Erwägung, daß die soziale Emanzipation von der poli- tischen untrennbar ist; „erklärt der Congreß, daß das Proletariat als selbstständige, mit allen von den befitzenden Klassen gebildeten Parteien in Opposition stehende Partei organisirt, jedes politische Mittel ergreifen muß, welches zur Befreiung aller seiner Glieder führen kann." In Bezug auf die Gewerkschaften wurden folgende beiden Resolutionen angenommen: „In Anbetracht, daß die Gewerkschaften in ihrem ökonomi- schen Kampfe gegen die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen einer der wichtigsten Hebel der Emanzipation der Arbeiter ist; „fordert der Congreß alle noch nicht organisirten Kategorien von Arbeitern auf, sich in Gewerkschaften zu constiwiren, obzwar er anerkennt, daß das Ziel aller Arbeiter- Organisationen die vollständige Beseitigung der Lohnarbeit sein muß." „Der Congreß erklärt, daß es nothwendig ist, daß man in dem ökonomischen Kampfe gegen die besitzenden Klassen die Ge- werkschaften auf internationale Weise verbündet, und for- dert alle Mitglieder auf, sich alle Mühe in dieser Beziehung zu geben." Diese letzte Erklärung wurde auch dem in Leicester tagenden Congreß der Trades-Unionisten mit folgender Resolution an's Herz gelegt: „Der zu Gent tagende Allgemeine Sozialisten- Congreß sendet dem Congresse der englischen Arbeiter, welcher am 17. d. in Leicester abgehalten wird, seine brüderlichen Grüße und empfiehlt die von dem Congresse votirte Resolution, bezüglich der inter- nationalen Berbündung der Gewerkschaften, einer wohtwollenden Erwägung." — Unser Parteiorgan, die„Tagwacht" in Zürich, erläßt folgende Warnung: „Zu unserm größten Erstaunen finden wir in fast allen Parteiblättern Deutschlands Inserate von der sogenannten „Liidruirle Internationale" Zürich, worin dieselbe sich anbietet, einen Katalog von Schriften, welche die soziale Frage, die Lage der arbeitenden Klassen, die Abschaffung der Religion und Einführung der sogenannten freien Liebe ec. pro und contra behandeln", zu versenden. Abgesehen davon, daß Herr Erlecke, der„Chef" dieser„Librairie Internationale", schwerlich die Jnseratenkosten zahlen wird, müssen wir schon aus einem andern Grunde vor diesem Hausirer in der Sozialde- mokratie warnen. Der Mann ist, wie wir schon einmal be- merkt haben, ohne Zweifel verrückt und versucht unter sozial- demokratischer Maske bei den Parteigenossen den Schund, den er verlegt und noch zu verlegen vorgiebt, anzubringen. Möge sich kein Genosse durch sensationelle Titel re. zur Abnahme dieses Schundes verleiten lassen." Obige Warnung ist um so mehr am Platze, als das„Geo- graphische Institut"(Fr. Daum) in Weimar sich nicht entblödet, in einem Cirkular:„Zur Beherzigung", den„Chef" der„Librairie Internationale" als Sozialisten auszugeben. Erlecke war früher Buchhändler in Halle und sucht jetzt von der Schweiz aus, wohin er sich nach Berbüßung einer sechsmonatlichen Haft „zurückgezogen" hat, seine buchhändlerischen„Krebse", die oben- drein eine fette Lockspeise für die Staatsanwälte sind, unter sozia- listischer Firma an den Mann zu bringen. — Wegen Hoch- und Landesverrath ist der verant- wortliche Redakteur unseres Dortmunder Parteiorgans, der „Westfälischen Freien Presse", wegen eines in Nr. 38 des Blattes befindlichen Leitartikels:„Personen und Zustände" unter An- klage gestellt worden. Die Redaktion der„Westfälischen freien Presse" meint, daß sie beim besten Willen keinerlei Indizien in jenem Artikel finden könnte, so daß wohl der Staatsanwalt mit seiner Anklage kein besonderes Glück haben würde. Uns ist die betreffende Stummer nicht mehr zur Hand, so daß wir mit unserm Urtheile zurückhalten. — Erklärung. Angesichts der Verleumdungen und Ver- dächtigungen, welche von Seiten der gegnerischen Presse betreff» Auch trägt er jetzt einen Orden und ward baronisirt, Sogar zum erblichen Adel hat er sich durchskandirt.— Und sang er einst von Despoten und von Tyrannen gern So singt er jetzt um so lieber ein Lied dem gnäd'gen Herrn. Und singt er auch schlechte Verse, so sind sie doch laut und keck S'ist wegen des„Selbstversinkens"— sonst hat es keinen Zweck!— . p. — Der Chefredakteur des„Leipziger Tageblattes", Herr Hüttner, ein in der Wolle gefärbter Reichstreuer, der oft genug vom deutschen Gölte und von deutscher Ehre gefaselt hat, weigerte sich bei einer geringen Preßangelegenheit vor Gericht einen Eid zu schwö- ren, weil er doch die betreffende Aussage nicht genau mehr wisse, fein Ehrenwort aber wolle er verpfänden, daß es so und so sei.— Herr Hütlner ist demnach ein Ehrenmann der allerbesten Sorte. — Unter den vielen betrügerischen Manipulationen, welche in neuerer Zeit auf dem Gebiete der Tuchfabrikation sich eingebürgert haben, ist das Lerfahren, Scheerhaare an Stoffe zu walken, am meisten zu verurtheilen. Diese beim Scheeren den Wollenwaaren, namentlich den Tuchen und BuckskinS entfallenden, äußerst feinen staub- artigen Wollfasern werden von vielen unreellen Fabrikanten benutzt, um ihre eigene leichte Waare durch Anwälten auf der unteren Seite des Stoffes schwerer und dicker zu machen. Es klingt fast unglaublich, wenn eine Fachzeitung„Deutsches Wollengewerbe" berichtet, daß einige Firmen es verstehen, aus einem dünnen Stück Sommerwaarc eme Wmterqua- lität zu erzielen, so daß man glauben möchte, darin selbst in Sibirien nicht/zu erfrieren." Der Käufer solcher Waare verspürt seinen Schaden schon, wenn er das daraus gefertigte Kleidungsstück erst einige Tage getragen hat, scheut aber späterhin meistens die Weitläufigkeiten einer Klage; sein Schneider ist selber getäuscht. Achtungswerth- Firmen w Forst i. L. und anderwärts suchen solchem Treiben dadurch entgegen- zuwirken, daß sie ihren Fakturen einen rochen Zettel beigeben mit der Erklärung:„Ich zahle Jedem 1600 Mark, der mir nachweisen kann, daß ich zu meinem Fabrikat Scheerhaare verwende." Die„Deutsche Schneiderzeitung" wird die Namen der Fabrikanten und Grossisten von scheerhaarigcr Maaren zur Warnung der Fachgenossen unnachsichtlich bekannt machen und ist erbötig. Bekleidungsstoffe aller Art zur unent- geltlichen Prüfung und Begutachtung durch Sachverständige Beuty- straße 10, 2 Tr., in Berlin, im Comptoir von Jedermann entgegenzu- nehmen. der Altonaer Wahlabrechnung verbreitet wurden, geben wir als Generalrevisoren, gewählt in einer öffentlichen Volksversammlung, die Erklärung ab, daß wir die Wahlabrechnung eingehend ge- prüft haben. Wir geben demgemäß die Erklärung ab, daß die 31,000 Mk., welcke die sechs Wahlgänge im achten und neunten Schleswig- Holsteinischen und ersten oldenburgischen Bezirke gekostet, vollständig im Sinne der Arbeiterpartei erwandt und keine Veruntreuungen vorgekommen sind. Altona, den 24. September 1877. Die Generalrevisoren: F. Kirsch. C. Meins. Im Interesse der Partei werden alle Parteiorgane ersucht, diese Erklärung abzudrucken. Correspondenzeu. Wien, 22. September. In Deutschland besteht ein Musiker- verband, der nach eingezogenen Erkundigungen in ungefähr 90 Lokalvereinen 7000 Mitglieder vereinigt. Dieser Verband hält alljährlich eine Delegirtenversammlung ab, deren letzte in der zweiten Hälfte des August d. I. in München stattfand. Auf dieser Delegirtenversammlung müffen schreckliche Dinge vorgefallen sein, denn einem in der„Deutschen Musikerzeitung-, dem Organ des Verbandes, enthaltenen Bericht über die Verhandlungen in München ist zu entnehmen, daß in den Musiker-Schafftall, in dem man allem Anschein nach bisher ein äußerst idyllisches Leben Seführt und in dem der Leithammel das blindeste Vertrauen und en unbedingtesten Gehorsam der ganzen Heerde genossen, ein sozialdemokratischer Wolf eingedrungen war. Daß es heiße Kämpfe geben werde, heißt es in der„Deutschen Musikerzeitung-, war sich Jeder wohl bewußt,„denn dafür bürgten mancherlei Anzeichen und anwesende Persönlichkeiten, die seit Jahren es sich zur speziellen Aufgabe gemacht haben, die Leiter des Verbandes anzufeinden und zu verdächtigen, und ihnen Schwierigkeiten in den Weg zu legen, freilich unter der steten Versicherung— nur Pas Interesse des Verbandes fördern zu wollen. Naive Ver- sicherung, als wenn 7000 Mitglieder stockblind und nur Einer sehend. De facto beruht die systematische Opposition gegen das Präsidium nur i n einer Person und zwar in der des Sozialist Herrn Scheu in Wien, der es verstanden hat, einige Unzufriedene in Berlin, die theils aus triftigen Gründen abgethan werden mußten, theils aus persönlichem Egoismus oder über- spanntem Ehrgeiz sich der Opposition zuwendeten, ins's Schlepp- tau zu nehmen, um mit diesen zu versuchen, einen Keil in das Herz des deutschen Musikerverbandes zu treiben, wie der Sozial- dcmokrat Laffalle mit den Arbeitern es fertig gebracht hat „Hollah! Herr Scheu, fährt die„Deutsche Musikerzeitung" mit erhöhter Stimme fort, dazu sind die deutschen Musiker nicht blind genug, um dies fertig zu bringen.(Wollen es denn die Musiker fertig bringen?) Musiker find keine Arbeiter, die sich als Stimmvieh an die Urne treiben lassen, um für einen„Volks beglücker" auf Commando zu stimmen.— Die deutschen Musiker haben Sinn für Gesetz und Ordnung und lieben ihren Kaiser. Und damit basta, Herr Scheu!" Dieses„basta" bedeutet wahrscheinlich:„Dem haben wir's nun aber tüchtig gesagt!" Es ist zwar in diesen Zeilen nicht ausdrücklich ausgesprochen, aber aus den Worten:„die deutschen Akusiker lieben ihren Kaiser" ist es deutlich zu entnehmen, daß der Sozialdemokrat auf der Musiker- Versammlung zum mindesten die Errichtung einer sozialdemo- kratischen Republik in Deutschland beantragt hat, mrt seinem Antrag aber schmählich durchgefallen ist. Das von der„Deutschen Musikerzeitung" versprochene stenographische Protokoll wird die Sache wohl aufklären und die Ruchlosigkeit des Friedensstörers im rechten Lichte erscheinen lassen. Doch warten wir die Ent- hüllungen ab, die das Protokoll bringen soll.— n. — a. Kamvurg, 19. September.(Die Halbbildung und der Sozialismus.) Wenn Nr. 106 dieser Zeitung die„Halb- bildung" als eine„ungenügende, einseitige, unharmonische Bil- bring" bezeichnet, so ist das wohl eine richtige, aber doch keine „genügende" Erklärung. Um aber eine genügende Erklärung des Worts zu finden, kommt es zunächst darauf an, uns klar zu machen, was wir unter„Bildung" zu verstehen haben. Ein Arbeiter, der sein Handwerk aus dem Grunde versteht, der so viel Lebenserfahrung innerlich aufgenommen und verdaut, d. h. zu seinem geistigen Eigenthum gemacht hat, um die sozialen und politischen Verhältnisse, in denen er steht, richtig auffassen und für seinen Privatgebrauch verwerthen zu können; der im Umgang mit seinen Nebenmenschen genug vom menschlichen Wesen erkannt hat, um seine Kinder annähernd correkt zu erziehen; der ist, wenn er auch kein Wort von Latein und Griechisch, von Französisch oder Englisch versteht, wenn er auch nicht weiß, was Chemie und Physik ist, und obgleich er von der sogenannten „gebildeten" Gesellschaft ausgeschlossen ist, dennoch ein„gebil- deter" Mann. Der Universitätsprofessor dagegen, welcher die Welt durch seine gelehrten Untersuchungen in Erstaunen versetzt, ist, wenn er über Politik nach Maßgabe unserer heutigen Zeitungsliteratur urtheilt, wenn er seine Kinder zu gelehrten Gimpeln ohne alle Tiefe der sozialen Anschauung erzieht, ein entschieden„halbge- bildeter" oder durchaus verbildeter Mann. Der Erstere, der Arbeiter, ist„harmonisch" entwickelt; der Letztere, der Professor, ist trotz aller Gelehrsamkeit„unharmo- nisch" entwickelt, in ihm ist nicht allein nicht der ganze Mensch, sondern noch nicht einmal die Intelligenz gleichmäßig ausgebildet; er kann über nichts weiter als sein Spezialfach logisch denken: er hat eine ganz ungenügende Halbbildung. Es ist also nicht allein die Schule, welche wahre Bildung schafft, und ebenso wenig verursacht der Mangel der Schulbil- dung die Halbbildung. Gebildet ist aber der, welcher eine Sache ganz und gründlich durchdringt und beherrscht und hin- längliche Einsicht in die Verzweigungen derselben mit anderen Dingen erworben hat, um ihre Zusammenhänge mit den anderen Arten des menschlichen Wissens und Thuns wenigstens so weit beurtheilen zu können, um zu wissen, was er versteht und was nicht, d. h. über welche Fragen er zu urthcilen vermag, über welche nicht. Diese Bildung giebt eine ebenso große Sicherheit in dem eigenen wie Bescheidenheit in jedem fremden Fache. Wahre Bildung setzt nichts weiter als gründliche Bildung in einer Sache voraus, sie kann also insofern einseitige Bildung sein; von ollgemeiner Bildung aber erheischt sie nur soviel, wie zur Begründung des obigen Sichbescheidens in solchen Dingen nöthig ist, die man nicht gründlich beherrscht. Das Wesen der Halbbildung aber bedingt vor allem eine ungeheure Selbstüberschätzung. Der Halbgebildete versteht selten irgend eine Sache gründlich; thut er es ja, so fehlt ihm die Einsicht in die Verzweigungen seiner Wissenschaft. Er weiß nicht, was er versteht und wo sein Verständniß aufhört. Er glaubt daher, er verstände Alles, und urtheilt mit der erstaun- lichsten Frechheit über Alles ab, was sich nicht wehrt. So ver- räth ein sonst gebildet erscheinender Mann sehr oft durch ein einziges verkehrtes, aber mit zuversichtlichem Selbstvertrauen ab- gegebenes Urtheil, daß sein Geist nicht harmonisch entwickelt, daß er nur„halbgebildet" ist. Es sagte mir z. B. vor einiger Zeit ein englischer Schul- mann, der in seinem Fach eine ungewöhnlich geachtete Stellung einnimmt, die ganze Weltgeschichte sei„abgedroschenes Zeug", während doch nur aus der Kenntniß unserer geschichtlichen Ver- gangenheit eine klare Einsicht in die politischen und sozialen Verhältnisse der Gegenwart hervorgehen kann. Derselbe hatte auf der Universität hohe Ehren errungen; er hatte Kant in's Englische übertragen, und— dennoch war er ein„halbgcbil- deter" Mann. Eine Menge Schulmänner meiner Bekanntschaft könnte ich nennen, welche das ganze Gebiet der Schulwissenschaften auf's gründlichste kennen, auch die Pädagogik selbst, und die dennoch in allen praktischen Schul- und Erziehungsftagen stets das Ver- kehrte thun, weil ihnen die Kenntniß des Lebens und der Menschen abgeht: sie sind Alle„halbgebildete" Männer. Neulich sagte mir einer der ersten Aerzte unserer Stadt, er habe Besuch von einem englischen Arzt gehabt, welcher die unverdaulichsten Ideen über Kinderpflege ausgesprochen und damit einen Beweis von der ganz mangelhaften Vorbildung der„englischen Aerzte überhaupt" geliefert habe, während es doch Thatsache ist, daß dieselben gerade in dieser Beziehung im Allgemeinen sehr hoch stehen. Dieser Arzt weiß also nichts von dem bekannten wissenschaftlichen und Lebensgrundsatz, daß eine persönliche Er- fahrung gegen die Gesammt- Erfahrung der Menschheit nichts verschlägt. Er ist ein„halbgebildeter" Mann. Ich könnte diese Beispiele bis zur Ermüdung der Leser ver- mehren, aber das Angegebene mag genügen. Ich ziehe daraus den Schluß, daß das allein wahre und ganze Bildung ist, was den Mann zur richtigen Beurtheilung seiner Lebensbeziehungen, der Welt und der Menschen befähigt, ihn in den Stand setzt, im gegebenen Moment das Richtige zu thun, und ihn vor Ueber- Hebung zu schützen. Eine Bildung, welche diese Reife der Urtheilskraft nicht ge- währt, ist dagegen„Halbbildung" zu nennen. Nun habe ich Hunderte von Arbeitern und auch Geschäfts- leuten kennen gelernt, welche, mit sehr geringfügiger Schulbildung ausgestattet, doch sehr wohl im Stande waren, das Leben richtig zu beurtheilen und in ihren Lebenskreisen das Richtige zu thun. Diese Leute zeigen z. B. in England, wo das öffentliche Leben täglich mit neuen Anforderungen an sie heran tritt, das gesundeste Urtheil, besonders in ihren eigenen Commuualangelegenheiten. Woher kommt das? Daher allein, daß sie, obgleich mit ge- ringer Schulbildung ausgestattet, doch mitten im Kampfe um's Dasein stehen und in demselben den ganzen Menschen einsetzen und im Kampfe gegen Lüge und Unterdrückung behaupten müssen, indem sie, ihrer eigenthümlichen Stellung wegen, ihr Wesen vor der den Geist vergiftenden und umnachtenden Heuchelei des Bourgeoislebens bewahren lernen. Ich folgere: die beste Schule der wahren Bildung ist das Leben selbst und zwar dasjenige Leben, welches von der Un- Wahrheit des Treibens der herrschenden Klassen der Gesellschaft verschont bleibt. Und ferner folgere ich: die Idee der Sozialdemokratie, wie sie ein Marx wissenschaftlich begründet und ein Lassalle praktisch gelehrt und populär gemacht hat, ist das beste Mittel, die Menschen über ihre eigenen Verhältnisse aufzuklären, ihren Geist wahr- hastig zu entwickeln und dadurch harmonisch und ganz zu bilden. Staßsurt. Dienstag, den 20. September, sprach hier in einer gut besuchten Versammlung Genosse Zwiebler aus Buckau über„Die Macht der Idee". Des Redners Vortrag wurde sehr beifällig aufgenommen. Nach Zwiebler sprach Genosse Große, der folgende Resolution einbrachte: „Die Versammlung erklärt sich mit den Ausführungen des Herrn Zwiebler vollständig einverstanden, und verspricht mit allen ihr zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln für die Ver- breitung des Sozialismus einzutreten." Cottbus. Freitag, den 21. September, hat Parteigenosse Robert Tender eine Iwöchentliche Hast angetreten und ersuche ich die hiesigen Gesinnungsgenossen, denselben resp seine Frau während seiner Haft thatkräftig zu unterstützen. H. Teichert, Schuhmacher, Kl. Klosterstr. 22. XL. Gleichzeitig werden die Abonnenten des„Vorwärts" ersucht, das Abonnement zu erneuern, auch bin ich bereit, dasselbe zu besorgen! Bekanntmachung. Der verantwortliche Redakteur der Zeitschrift„Vorwärts", Herr Wilhelm Liebknecht hier, ist anläßlich der Veröffent- lichung eines mit den Worten:„Mannheim.(Eine Literaten- perle der herrschenden Klassen)" beginnenden Artikels in Nr. 26 der gedachten Zeitschrift vom 2. März 1877 wegen Beleidigung der Mitglieder des Großherzoglichen Kreis- und Hofgerichts Mannheim auf den Antrag des Großherzoglich Ladischcn Justiz- Ministeriums nach§Z 185, 186, 196 und 73 des Reichsstrafgesetzbuchs in Verbindung mit§ 20 des Reichspreßgesetzes zu Drei Wochen Gefängniß rechtskräftig verurthcilt worden. Gemäß§ 200, Abs. 2 des gedachten Gesetzbuchs wird Solches hiermit öffentlich bekannt gemacht. Leipzig, am 19. September 1877. Königliches Gerichtsamt im Bezirksgericht, Abtheilung für Strafsachen. Bieler. Ortmann. Gewcrkschafts Krankenkasse der Metallarbeiter für 'Vt-t-s.gtsf. Leipzig und Umgegend.(Emgetr. Genossenschaft.) Sonnabend, den 29. September, Abends halb 9 Uhr, bei Hrn. Träger, Thiem'sche Brauerei, Tauchaerstraße Nr. 12: Versammlung. Zahlreiches Erscheinen nothwendig. Ausnahme neuer Mitglieder. R. Ludwig, Vorsteher.[60 ßetp�tg. Die Unterzeichneten laden hiermit alle Gewerkschafts- Vorstände ein Montag, den 1. Oktober, Abends 8 Uhr. im„Thüringer Hof", Burgstraße Nr. 20 zu erscheinen. Tagesordnung: Besprechung über die Abhaltung eines allgemei e.i Gewerkschafts-Kränzchcns.[2,70 C. Stammer. H. Pfuhner. Oftlt welcher in kaufmännischen Arb�'en iL Ul bewandert ist und in seine ... seiner äugen- blicklichen Stellung selbständig arbeitet, sucht am 1. Dezember c. auf irgend einem Bureau Stellung, wo ihm Gelegenheit geboten ist, sich soweit agitatorisch auszubilden, um später in seiner Heimath die Jnter- essen der Arbeiterpartei vertreten zu können.[2,10 Näheres unter Nr. 100 durch die Exped. des„Vorwärts". Durlehnsgesuch. Ein seit länger als 10 Jahren in der Bewegung stehender verhei- ratheter Parteigenosse sucht gegen genügende Sicherheit und die übliche Verzinsung 700 Mark zu leihen. Die Rückzahlung kann in jährlichen Raten von 150- 200 Mark erfolgen. Parteigenossen, oder überhaupt alle Diejenigen, welche im Stande und Willens sind, dem Suchenden in der angegebenen Weise beizustehen, wollen sich wegen näherer Auskunft gefälligst an die Unterzeichnete wenden, welcher derselbe als bewährter und durchaus zuverlässiger Partei« genösse bekannt ist. Expedition des„Vorwärts". Msters Fachschule der Residenzstadt Sondershausen für Vorbereitung zum Einj.-Freivr.-Examen. Bo- llaschinentechniker*inn de8 S�ters am 10. October. Pre- gramm gratis und franco durch(4c)[2,10 unti den Oberbürgermeister, i den Direktor Bautecliniker. Rath Laue 01 er Kathke. vriestasteu der Redaktion. M. O. in Leipzig: Anonyme Zuschriften werden in keiner Weise beachtet; es würde sich sonst mancher Bourgeois freuen und derartige flegelhafte Correspondenzkarten schreiben. Quittung. Thrbch hier Ab. 1,25. Lgs Hannover Ann. 0,80. Rdlph das. Ann. 1,90. K. Nnvc Smederewo Ab. 3 40. Schld Sttaß- bürg Ab. 9,70. Lnz Passau Ab. 4,00. L. Kwr Geldern Ab. 3,80. Krbch Wien Ab. 4,80. Sthr B. Aicha Ab. 4,80. Wchlr Bludenz Ab. 4,01. Schn Göppingen Schr. 25,00. Sbrt Cassel Ab. 12,40. Schft Gohlis Ab. 13,50. Glsl Königsberg Ab. 3,20. Mtzgr Oggersheim Schr. 7,05. Grbnstn Lindenau Schr. 3,00. Fonds für Gemaßregelte. B. S. i. A. 10,40. Arbeiterverein Plagwitz 1,00. Rchtr hier 0,70- Allgemeiner deutscher Töpferverein. opUlUiUlit}. Dienstag, den 2. Oktober, Abends 8>/z Uhr, bei Hrn. Hübner, gr. Rosenstraße 37: Geschlossene Mitglieder-Bersammlung. Tagesordnung: Wichtige innere Organisationsfragen. Es ersucht alle Mitglieder pünktlich und zahlreich zu erscheinen. G. Klaws.[80 Soeben erschien bei C. Grillenberger in Nürnberg: Zohannes Huß von Gg. Lommel. 'ätT Sechste Auflage.'Ää Preis 40 Pfg. Bei Partien-Abnahme hohen Rabatt. Zu haben durch alle Buch« Handlungen und die Expeditionen sämmtlicher Parteiblätter.[3,00 Eine Zeitung für nur 5V Pfg. pro Quartal! Mit Monat Oktober d. I. erscheint in unserem Berlage: Der Beobachter der sozialen Literatur Bibliographischer Spezialbericht und kritische Revue aller Lite ratur-Erscheinuugen auf den Gebieten der Sozialwissen- schaften sowie der Propaganda pro und contra Sozialismus. Redaktion: Aranz und Cark HLoor. Dieses Blatt erscheint zunächst monnatlich, und zwar jeden Monat l—l'/i Bogen gr.-««, auf schönem, satinirten Papier, elegant gedruckt. Preise: In einer Buchhandlung je. bestellt 50 Pfg. per Quartal. Per Post bestellt circa 60 Pfg.(30 kr. ö. W.) per Quartal. Dieses Blatt bietet also fast umsonst 1. Einen genauen bibliographischen Monatsbericht von den Titeln, Bezugsquellen und Preisen aller neuen Literatur-Erscheinungen auf den Gebieten der Sozialwissenschaften und der Propaganda pro und contra Sozialismus. 2. Eine kritisch gehaltene, literarische MonatS-Revue und hiermit verbunden eine kurzgedrängte, stets nur auf authentischen: Quellen beruhende Uebersicht über den Stand der sozialen Bewegung. 3. Verschiedenes; Separat-Recensionen; interessante Notizen ein schlägiger Art. Zweck des Rlattcs ist: die im Allgemeinen noch so gering? Verbreitung der Kenntniß von der sozialen Literatur zu heben, durch sichtende Besprechungen stets das Wichtigere gebührend in's Licht zu stellen und die zerstreuten Glieder dieser Literatur weit zu einem lebendigen sprechenden Gesammtbild zu vereinigen. Damit aber soll unser Blatt die Spczial-Aufgabe haben, für da? Studium der sozialen krage— derjenigen Frage, die täglich mehr das höchste Interesse aller wahrhaft Gebildeten in Anspruch nimmt- einmal das wichtigste Material zu ordnen und allgemein zugänglich z» machen. Jede Buchhandlung und jede Postanstalt nimmt Bestellungen an. Zürich, 20. September 1377. I. Aranz