Erscheint in Leipzig «ittwüch, Freitag. Sonntag. AbonnemeutspreiS ftr ganz Teutichland i M. K0«f. pr, Quartal. Monats-Abonnement? werden bei allen deutschen Postanstalten ans den i. und s. Monat, und auf den » Monat besonders angenommene im «inigr. Sachsen und Herzogth. Sachsen- «ltenburg auch aus den lien Monat dK Quartals ä 54 Psg. Inserate betr. Bersammlungen pr, Petitzeile 10 Ps,, betr. Privatangelegenheiten»nd Feste pro Petitzeile 30 Ps. TfiT gttt nehmen an alle Postanstalten und Buch. Handlunge» des In- u. Auslandes. Filial- Expeditionen. New-Porli Soz.-demotr Slenosten- schastsbuchdruckerei, 154 kllitrill�s 8ir, Philadelphia: P. Hast, KS0 Hortd 3ea Stroot, I. Boll, 113» Charlotte Str. tzobolen N.J.: F. A. Sorge, 215 �Vash- in?ton Str. Chicago: A. Lansermarn, 74 Cij-hourne»-«. Ca» FranziSco: F. EnK, 41« 0 1 arrell Str. London VV.: C. Hcnzc,« Nev Itr. Ciolllen Square. GentraL Hrgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 120. Freitag, 12. Oktober. 1877. Das Prchwesen in Deutschland. Was Lassalle in seiner Broschüre:„Die Feste, die Presie und der Frankfurter Abgeordnetentag" über die Presse gesagt hat, das gilt auch heute noch voll und ganz. Die Erkenntniß solcher Wahrheiten bricht sich in den betheiligten Kreisen wohl niemals und in den nahestehenden nur selten Bahn; um so er- freulicher ist es, daß in Baiern einzelne Stimmen sich erheben, die nicht zur Sozialdemokratie gehören, welche die Ansicht des großen verstorbenen Agitators unterstützen. So läßt sich das„Vaterland" in Bezug auf die katho- lisch e Presse folgendermaßen vernehmen: „Die meisten unserer katholischen Blätter sind Handels- blätter, Buchhändlerspekulationen, Melkkühe für den Berleger und Eigenthümer, der daraus möglichst viel Geld und Profit zu ziehen sucht und dies als seinen einzigen Zweck be- trachtet. So bilden diese Blätter eine Coalition des katholischen Geldsackes gegen die katholische Sache, gegen die Sache des ka- tholischen Volkes. Die Rede ist hart, aber wahr; wcr's anders oder besser kann, der sage und beweise es." Ein anderes Blatt, ein, wie es scheint demokratisches Blatt, die„Wochenschrift des Volksvereins in Baiern" knüpft nun an obigen Ausspruch folgende interessante Betrachtungen: „Wir sind die Letzten, welche die Wahrheit dieser Behauptung bestreiten; nur hätten wir gewünscht, daß fie sich nicht auf die„katholische" Presse beschränke. Denn was hier gesagt ist, Silt nahezu von unserer gesammten Presse jeder Parteifarbe, wo- ei nur einzelne Zeitungen demokratischer Richtung und vor Allem die sozialistischen auszunehmen sind. Dieser Mißbrauch der Presse, die, richtig geleitet, doch gewiß eins von den wirksamsten Mitteln für allgemeine Volksbildung wäre, zur Buchhändlerspekulation und Einzelbereicherung erklärt aber auch am besten die Zerfahrenheit unserer hergebrachten Parteianschau- ungen, die politische Indolenz der Mehrzahl unserer Kleinbürger und Lohnarbeiter und den so sehr großen Mangel an Ge- meinsliin, der in den meisten Kreisen der Gesellschaft in Be- zug aus die Unterstützung einer gesinnungs verwandten Presse als solcher sich bemerkbar macht. Denn woher soll insbesondere der Letztere kommen, wenn jeder Zeitungslejer weiß, daß das Blatt, woraus er seinen Bedarf an Tagesneuigkeiten nimmt, nur dazu da ist, einem Verleger Geld zu gewinnen, und daß es, oft bei dem besten Willen des Redakteurs, jeden selbständigen Gedanken abweisen muß, weil sich befürchten läßt, er möchte etwa irgendwo anstoßen und hiedurch die Abonnenten- oder gar die Jnseratenzahl verringern? Nützlich für einen größeren, den Entwickelungsgang des öffentlichen Lebens aus bestimmten Ge- sichtspunkten verfolgenden Zweck wirkt die Presse nur dann, wenn der Gelderwerb dabei Nebensache und die Gewinnung von Anhängern für eine als gut erklärte Idee die Hauptsache ist." „Ein Beispiel giebt uns hier die sozialistische Presse in Deutschland, und dieses Beispiel sollten Älle, die mit dem So- zialismus, wie er zur Zeit in Form der sozialdemokrati- schen Parteipropaganda sich geltend macht, nicht durchweg einverstanden sind, im eigensten Interesse ihrer Sache gar sehr beherzigen. Der ungemeine Fortschritt, welchen die Sozial- demokratie in vielen deutschen Ländern während der letzten Jahre zu verzeichnen hat, ist hauptsächlich auf die Organi- sation der Parteipresse zurückzusühren, wobei die Einzel- be reicherung, vor allem das Jnseratenwesen, soweit es mit dem politischen und gesellschaftlichen Standpunkte einer Zeitung nicht übereinstimmt, unbedingt ausgeschlossen, die Ver- breitung der Parteigrundsätze allem Anderen voran- gestellt und die Existenz jeder Zeitung durch kräftige Beihilfe der Parteileitung geficherl, dafür aber auch jedem Parteigenossen zur Pflicht und Ehrensache gemacht ist, auf eine Zeitung seiner Partei zu abonniren." Das ist wenigstens einmal ein ehrliches Wort in Bezug auf die sozialistische Agitation gegenüber dem wüsten Geschrei der anderen Zeitungen über das„Schlemmen der Agitatoren von den Arbeiterpfennigen" und über die„selbstsüchtigen Zwecke" derselben. Aber das„Wochenblatt" erklärt fich noch offener, indem es schreibt: „Bei den Sozialdemokraten weiß Jeder, daß die Zeiwng, die er hält und bezahlt ein allen gemeinsames Ziel ver- folgt, und er hat auch verstehen gelernt, daß es Leute geben kann und in der That giebt, die ohne die Absicht. Einzelngewinn aus einem Unternehmen zu ziehen, mit dem Lohn für ihre Arbeit zufrieden sind, und daß daher jeder Gewinn aus Zeitungen, wofür der Einzelne dem Ganzen 'st Liebe sein Schärflein beiträgt, wiederum zu gemeinsamen wecken verwendet wird." Und zum Schlüsse hält das Blatt, noch der Bourgeoisie in ihrer Presse folgendes Spiegelbild vor: „Dagegen gilt anderwärts in unserer heutigen Gesellschaft die Regel, daß kein Mensch etwas thut, ohne dabei für sich Profit herauszuschlagen, und was der Mensch selbst denkt, das setzt er natürlich auch von Anderen voraus, und dabei irrt er bekanntermaßen selten, bei der Presse so selten wie sonst. Das„Prinzip", die„Farbe", die ein Blatt sich giebt, läßt daher unseren Bourgeois- Philister meist sehr kalt. Er weiß, was er davon zu halten hat, denn er weiß, wie er selbst damit es hielte, wenn er Zeitungsverleger wäre. Daher fällt ihm aber auch nicht ein, eine Zeitung durch Abonnement zu unter- stützen, wenn er nicht für's Geschäft und für den Bedarf an Neuigkeiten sie brauchen kann, und unter dieser Voraussetzung hält er jede Zeitung, auch wenn sie sonst seiner politischen Ueber- zeugung, wofern er überhaupt eine solche hat, ganz entgegen wäre." Schärfer hätten wir die Geißel über die verrottete, liberale, conservattve und clericckle Presse nicht schwingen können; ein treff lichcres Lob aber auch hätten wir der Sozialdemokratie und ihrer Presse nicht ertheilen können, als es bier geschehen ist— des- halb wollen wir auch keine weiteren Bemerkungen hinzufügen. Verfügung in der Untersuchungssache wider den Schriftsteller Liebknecht. L. No. 33 de 1876 VII. Der Angeklagte Liebknecht erhält Abschrift unseres Beschlusses vom 12. Juni er., des Beschlusses des königlichen Kammerge- richts vom 26. Juni er. und des Beschlusses des königlichen Obertribunals vom 7. v. Mts. zur Nachricht. Berlin, den 1. Oktober 1877. Königliches Stadtgericht, Abtheilung für Untersuchungssachen, Deputation VI! für Vergehen. Beglaubigt Loebel. An den Schriftsteller Herrn Liebknecht. VII. 12609. Abschrift. Im Namen des Königs! In der Untersuchungssache wider den Schriftsteller Wilhelm Philipp Martin Christian Ludwig Liebknecht zu Leipzig wegen mittelst der Presse in Nr. 10 der Wochenschrift:„Die neue Welt" de 1876 durch das dann enthaltene Gedicht: „Die Flinte schießt, der Säbel haut", insbesondere dessen vor- letzten Vers begangener Majestätsbeleidigung gegen§ 93 des Strafgesetzbuches, Litt. L. No. 33 de 1876 VII hat das königliche Stadtgericht, Abtheilung für Untersuchnngs- fachen, Deputation VII, in der öffentlichen Sitzung vom 12. Juni 1877, an welcher Thetl genommen: Reich, Stadtgerichts-Direkior, v. Makomaski,) Stadtgerichts-Räthe, als Richter, Tessendorf, erster Staatsanwalt am Stadtgericht, Kursawe. Swdtgerichts-Sekretär, als Gerichtsschreiber, auf mündliche Verhandlung hinsichtlich des von dem jetzt An- geklagten a) bei seiner ersten verantwortlichen Vernehmung in der Vor- Untersuchung am 24. März 1876 tot. 9, b) vor dem erst angesetzt gewesenen Audienztermine in der Vorst llung vom 28. August 1876 fol. 30, c) in dem Audienztcrmine am 12. Juni 1877, vor Beginn des Beweisverfahrens, ja vor Eintr tt in die Verhandlung über den Gegenstand der Anklage selbst erhobenen Einwandes der Jncompetenz des hiesigen Gerichts, beschlossen, daß, in Erwägung, daß nach dem die örtliche Competenz regelnden Artikel 2 des Gesetzes vom 3. Mai 1852 der Gerichtsstand aus- schließlich begründet ist 1) bei dem Gericht des Sprengels, in welchem die strafbare Handlung begangen ist(in foro delicti commissi), 2) bei dem Gerichte des Sprengels, in welchem der Beschul- digte wohnt sin foro domicilii) oder gewöhnlich sich aufhält, 3) bei dem Gerichte des Sprengels, in welchem der Beschul- digte ergriffen wird(in foro deprehensionis); in Erwägung, daß von einer Ergreifung des Beschuldigten keine Rede ist und der Wohnsitz, auch gewöhnliche Aufenthalt des Beschuldigten, p. Liebknecht, unbestritten zu Leipzig sich be- findet, die Nummern 2 und 3 des citirten Artikels 3 des Ge- setzes vom 3. Mai 1852 für die Competenz des hiesigen Gerichts unzweifelhaft also nicht angerufen werden können; in Erwägung, daß nur die von der königlichen Staatsan- waltschaft im bejahenden Sinne beantwortete Frage aufgeworfen werden konnte und aufgeworfen ist. ob nicht Berlin als der Ort der That anzusehen sein möchte, Nr. 1 a. a. O.; in Erwägung, daß für Preßerzeugnisse nach dem im Reichs- Preßgesetze vom 7. Mai 1874 zwar nicht ausdrücklich ausge- sprochcnen, aber für die Reichsgesetzgebung bereits in§ 21, alinea 2 des Reichshilfsgesetzes vom 21. Juni 1869 übernom- menen Grundsätze der 8Z 32 und 33 des preußischen Preßgesetzes vom 12. Mai 1851 als Ort der That, der Ort ihres Er- scheinens anzusehen ist; in Erwägung, daß nun zwar nach den diesfälligen zur Vor- lesung gebrachten Ankündigungen in der hier erscheinenden Zei- tung:„Berliner Freie Presse", nach dem Zugeständnisse des Angeklagten und nach den Aussagen der vernommenen vier Zeugen Hadlich, Auer, Geib, Rackow, feststeht: daß die Wochenschrift„Die Neue Welt" als Gratisbeilage mit den Sonntagsnummern der„Berliner Freien Presse" ausge- geben und in deren Leserkreis verbreitet wird, daß ein Gleiches auch mit der incriminirten Nummer 10 der genannten Wochen- schrift der Fall war, daß aber nach denselben Beweismitteln und nach der hiermit, sowie mit dem Vermerken auf dem Blatte selbst übereinstimmen- den amtlichen Auskunft des Polizeiamts der Stadt Leipzig vom 4. April 1876 die„Neue Welt" in Leipzig gedruckt und oerlegt wird, und die hier erst am 5. März 1876 ausgegebene Nummer 10 in Rede stehender Zeitschrift zu Leipzig schon am 4. März 1876 ausgegeben respective hinterlegt worden ist; in Erwägung, daß nach den vorhin angezogenen Zeugenaus- sagen die Berlegerin der„Neuen Welt" die Genossenschaftsbuch- druckerei zu Leipzig und die Verlegen» der„Berliner Freien Presse" die hiesige— davon verschiedene— Allgemeine deutsche Assoziationsbuchdruckerei ist, die hiesige Genossenschast zum Zwecke der Benutzung als Sonntags-Gratisbeilage ihres Blattes die „Neue Welt" von der Leipziger Genossenschaft, welche das Blatt von Leipzig aus auch anderweit versendete, effektiv kauft und durch deren vorbezeichnete Benutzung allerdings verbreitet und wohl auch in hervorragender Weise verbreitet, daß solche Ver- breitung aber kein Erscheinen des Blattes ist, vielmehr das vor- aufgegangene Erscheinen zur Voraussetzung und Bedingung hat; in Erwägung, daß die Thätigkeit der hiesigen Assoziation, der Thätigkeit der verlegenden Assoziation gegenüber, als die Thätigkeit des Sortimentsbuchhändlers sich qualifizir, nicht als die Thätigkeit eines blos im Namen und Austrage des Verlegers handelnden Expedienten; in Erwägung, daß nach allem Diesem Leipzig als der Er- scheinungsort des incriminirten Blattes und sonach als Art der Fhat anzusehen ist, Art. 5 Absatz 2 Gesetz vom 3. Mai 1852; der von dem Angeklagten erhobene Einwand der Jnconipetenz des Gerichtshofes für begründet zu erachten und demgemäß dann das weitere Verfahren diesseits einzustellen. Gez.: Reich, n. Ossowski. v. Makomaski. Im Namen des Königs! Auf die in der Untersuchungssache wider den Schriftsteller Liebknecht zu Leipzig von det königlichen Staatsanwaltschaft ein- gelegte Beschwerde hat die II. Abtheilung des Criminal Senats des königlichen Kämmergerichts in der Sitzung vom 26. Juni 1877, an welcher Theil genommen haben: Steinhausen, Kämmergerichtsrath, Vorsitzender, Blümel, 1 Berner�' f Kammergerichts- Räthe, Mertens,) in Erwägung, daß nach der unbedenklichen und unangefoch- tenen Feststellung des ersten Richters die unter der verantwort- wortlichen Redaktion des Angeklagten in Leipzig herausgegebene Wochenschrift„Die Neue Welt" in Leipzig von der dortigen Genoffenschaftsbuchdruckerei gedruckt und verlegt und daß von dieser Genossenschaft außer den von Leipzig aus auch ander- weit versendeten Exemplaren der genannten Schrift eine: icht unbedeutende Anzahl von Exemplaren an die von jener Ge- nossenschaft verschiedene Allgemeine deutsche Assoziativns-Buch- druckerei in Berlin der Druckerei und Verlegerin der in Berlin erscheinenden„Freien Presse" verkauft und von dieser als Gra- tisbeilage zu den Sonntagsnummern der„Freien Presse" benutzt und in deren Leserkreis verbreitet wird, dies auch bezüglich der incriminirten. in Leipzig am 4. März 1876 ausgegebenen und hinterlegten Nr. 10 der„Neuen Welt" der Fall war; daß der erste Richter in dieser Art der Weiterverbreitung der Leipziger„Neuen Welt" als Gratis-Sonntagsbeilage der„Ber- liner Freien Presse" kein Erscheinen der ersten Druckschrift in Berlin erblickt, sondern annimmt, daß diese Verbreitung das Erscheinen des Blattes in Leipzig zur Voraussetzung und Be- dingung hat, und daher auch Leipzig, nicht Berlin, als Ort der verübten That und folgeweise als forum delicti commissi des in Leipzig wohnenden Angeklagten erachtet; daß dem Richter hierin auch beigestimmt werden muß und dem Staatsanwalt darin nicht beigetreten werden kann, als wäre die„Neue Welt" durch die bloße Beilage zur„Freien Presse" ein integrirender Bestandtheil der letzteren und der An- geklagte als Redakteur der Ersteren, Mitredakteur der„Freien Presse" im Sinne des Z 7 des Preßgesetzes vom 7. Mai 1874 geworden, daß vielmehr das letztgenannte Gesetz von der Be- nennung mehrerer Redakteure für verschiedene Theile ein und derselben Druckschrist spricht und die Gemeinsamkeit der Theile bezüglich des Drucks, Verlags und ihres Erscheinens im Auge hat, während im vorliegenden Falle von zwei von vornherein durchaus verschiedenen Druckschriften, verschiedenen Verlegern und Erscheinungsorten die Rede, von der„Freien Presse" der Ange- klagte auch niemals als ihr Mitredakteur bezeichnet ist; daß die „Neue Welt" durch ihre Beilage zur„Freien Presse" vielmehr in eine rein äußerliche Beziehung zu dieser getreten ist, welche ihr Erscheinen in Berlin, als dem Erscheinungsorte der„Freien Presse", keineswegs bedingt, daß die A-ußerlichkeit dieser Be- ziehung auch durch die gemeinschaftliche Abonnements-Einladung auf beide Blätter in der„Freien Presse" nicht geändert wird; daß endlich die Bezugnahme der Staatsanwaltschaft auf das Urtel des königlichen Obertribunals vom 16. September 1875 in der Untersuchungssache wider den Redakteur Stein nicht zu- treffend ist, weil der dort zur Entscheidung gekommene Fall auf anderen thatsächlichen Voraussetzungen beruhte, damals nament- lich von dem in Arnsberg gedruckten Blatte ein Theil'seiner Exemplare, ohne in Arnsberg veröffentlicht zu sein, an einen anderen Berlagsort, Werl, und an den dort in der Person des Bruders des Angeklagten bestellten Expedienten zur Veröffent- lichung gesendet wurde, und von einer solchen Expedition zur Veröffentlichung der„Neuen Welt" im vorliegenden Falle keine Rede ist, daß demnach Leipzig als ausschließlicher Erscheinungs- ort auch für den dort herausgegebenen verkauften und demnächst als Gratis- Sonntagsbeilage der„Freien Presse" in Berlin weiter verbreiteten Theil der„Neuen Welt" anzusehen, das Stadtgericht in Berlin aber als forum delicti commissi bezüg- lich der in Numgrer 16 des letzten Blattes begangenen Straf- that nicht anzusehen ist, beschlossen, daß die Beschwerde der königlichen Staatsanwaltschaft vom 17. Juni 1877 gegen den Beschluß des königlichen Stadtgerichts zu Berlin vom 12. Juni 1877 als unbegründet zurückzuweisen sei. � Urkundlich unter des königlichen Kammergerichts größerem Siegel und der verordneten Unterschrift ausgefertigt. Berlin, den 26. Juni 1877. (I-- L.) gez. Steinhaufen. 0. 673/7. • r-J8/ nl"' ten(7- �ptember 1877. Liebknecht wurde am 12. Juni nicht eigentlich„freigesprochen«; Ich habe Ihnen heute nicht viel zu erzählen, doch will ick Königliches Ober-Tribunal. es wurde die Jncompetenz des Berliner Gerichts ausge- hier einige Neuigkeiten registriren, die Sie theilw�ise wohl schon c» 11 t e � � l B-„ 0., sprochen. Red. d.„V." in den Zeitungen gefunden haben werden. Zunächst sei erwähnt. In der Untersuchung wider den Schriftsteller Liebknecht kann---- daß für die bevorstehende Nachwahl zum preußischen Abge- �sschwerde vom 12. �uü diese- wahres über den Beschluß! ordnetenhause im ersten Berliner Wahlkreise Herr Ludwig des königlichen Kammergerichts vom 26. Zum dieses Jahres üUUHMt Löwe, der bekannte Gegencandidat Hasenclever's und bestrafte Nicht für begründet erachtet werden.- Das Denunciantenwesen steht in Deutschland in böch- Prahlhans, candidirt. In einer Bersammluna selbstständiaer Nach der thatsächlichen Annahme der Instanz� Richter ist die ster Blüthe- ein Zeichen von der sittlichen Verkommenheit im Handwerker und Fabrikanten bat man aber beschlossen lieber Nummer 10 der Zeitschrift„Die Neue Welt«, welche m Leipzig Volke. Wegen Majestätsbeleidigung, sowie wegen Belei-„jeden Andern« als Ludwig Löwe zu wählen trond?m derselbe unter der Redaktion des Angeklagten Liebknecht er>cheint, bereits digung des Fürsten Bismarck hatte sich nämlich in Cassel'' M �~% am 4. März 1876 in Leipzig veröffentlicht und hinterlegt am 5. Oktober der 27jährige verheiratete Schncidergeselle F. worden. Böttner aus dem Dorfe Nesselröden bei Eschwege vor dem Kreis- Dieselbe Nummer des genannten Blattes ist demnächst am gerichte zu verantworten. Gegenstand der Anklage war eine von ö. März 1876 in einer sehr großen Anzahl(mehreren Tau- Böttner beim„Vesperschnapse" wider den Kaiser und den senden) von Exemplaren auch als Beilage zu der unter anderer Reichskanzler ausgestoßene herabwürdigende Aeußerung, die von Redaktion in Berlin erscheinenden Zeitschrift:„Berliner Freie einem Nebengesellen dcnuncirt worden war. Fürst Bismarck Presse« veröffentlicht und verbreitet worden. hatte am 4. September d. I. von Gastein aus Strafantrag ge- Zugleich ist angenommen, daß die letztere Zeitschrift eine stellt. Das Urtheil lautete auf 2'/, Monat Gefängniß.— Daß durchaus selbstständige und daß der Angeklagte Liebknecht ander sich Herr von Bismarck selbst beim„Vesperschnapse" von einem Schneidergesellen beleidigen läßt, das darf Niemanden in Erstaunen setzen, der weiß, daß er sich auch von einer Nätherin beleidigen ließ und Strafantrag stellte; daß aber der Staats- anwalt die Denünciation des„Nebengesellen« überhaupt annahm, kommt uns etwas verwunderlich vor, da ja von einer öffent Herausgabe derselben weder als Mitredakteur, noch anderweitig betheiligt sei, vielmehr nur auf Grund eines bestehenden Ver- tragsverhältniffes die der„Berliner Freien Presse« beizulegenden Exemplare der„Neuen Welt« geliefert habe. Bei diesen thatsächlichen Voraussitzungen kann die Ausfüh rung des angefochtenen Beschlusses, daß bezüglich der wegen lichen Beleidigung gar nicht die Rede sein konnte. Hierbei � 1 ja auch Fabrikant ist. Er'nnrd also wohl wieder einmal ab blitzen.— Unser lieber Tessendorff hat jetzt auch seine Nerven bekommen. Bis jetzt hat er sich etwas vorgesehen, Strafanträge zu unterzeichnen, da er an einem erhabenen Beispiel sieht, daß diese Beschäftigung zu einer Manie werden kann bei welcher> man alles Andere, aber keine Lorbeeren erntet. Die„Kölnische! Volkszeitung«(klerikal) ist nämlich wegen Beleidigung„unseres«! Tessendoff zu 500 Mark Geldbuße verurtheilt worden.— Bei sämmtlichen Garde-Regimentern der hiesigen Garnison haben sich am 1. d- M. außerordentlich viele Rekruten freiwillig zum Eintritt gemeldet und in den meisten Fällen wegen Brod- losigkeit dringend um Einstellung gebeten. So z. B. haben sich beim 2. Garde-Ulaneir Regiment mehr als 100, bei einer Eskadron allein 34 Mann gestellt, von denen nur 2 Mann, als zum Militärdienst nicht tauglich, zurückgewiesen wurden. Die Roth muß sthr groß im Volke sein, wenn es freiwillig, um des strafbaren Inhalts der Nummer 10 der„Neuen Welt« nur wollen wir bemerken, daß die Verfolgung wegen Majestätsbelei- etwas zu essen zu bekommen, in den bunten Rock sich hinein gegen den Schriftsteller Liebknecht erhobenen Anklage der Ge- diguug ohne den Antrag des Beleidigten erfolgen muß- in wünscht. Mit der Roth aber scheint auch die Sozialdemo- richtsstand des Ortes der That m Berlin nicht begründet sei, dieser Hinsicht hat jeder Privatmann eine bessere Stellung als Tratte in den hiesigen Gardereaimentern ihren Eimua zuhalten W S>fttfor mpif or firfi......„S � nicht für rechtsirrthümlich erachtet werden. D. r Umstand, daß die Anklage nicht gegen die Redakteure der Kaiser, weil er sich einfach nicht beleidigt zu fühlen und einen Strafantrag zu stellen braucht— Auf den Denuncianteu, der„Berliner Freien Presse« gerichtet worden ist, entzog den auf den Nebengesellen des Verurtheilten kann übrigens die Jnstanzrichtern die Prüfung, ob diese Redakteure dadurch, daß reichstreue Partei mit Stolz als auf einen der ihren blicken. sie ihrem Blatte eine Beilage hinzugefügt haben, welche nichts ihre Namen als die der verantworllichen Redakteure trägt, sich Immer langsam voran! Während der verflossenen gegen die Ordnung der Presse vergangen haben(§§ 7 und 18 Reichstagssession haben sämmtliche Parteien größere Entwürfe Nr. 2 des Preßgesetzes vom 7. Mai 1874), oder ob sie durch Zur Revision der Gewerbeordnung ausgearbeitet; eine selbstständige Veröffentlichung einer Druckschrift strafbaren In- mehrtägige Redeschlacht hat dieserhalb in den Mauern des Reichs- Halts sich einer selbstständigen Strafthat schuldig gemacht haben, tuges getoset; eine Commission hat über den Entwürfen eine Zeitlang sowie die fernere Prüfung, ob der Angeklagte Liebknecht wegen gebrütet und dann das angebrütete Ei der Reichsregierung zum •-s->>»«-• �'-- SlTJ 3 1 fo vf-l Vi f Y* /* v« V* 4 S*« � I..u � � jC./'*...•• J- f.___ Beihilfe zu diesem Vergehen hinlänglich belastet und aus diesem Grunde ein Gerichtsstand in Berlin gegen ihn begründet sei. Gegenstands der Entscheidung der Jnstanzrichter war viel- mehr ausschließlich die Frage: ob der Angeklagte Liebknecht die inkriminirte Nummer 10 der„Neuen Welt« nicht nur in Leipzig, sondern auch in Berlin veröffentlicht habe, und ob hiernach sowohl in Leipzig als auch in Berlin ein lbrmn delicti commissi begründet sei. Nach der getroffenen thatsächlichen Feststellung kann in der Verneinung dieser Frage ein Rechtsirrthum nicht gefunden werden. Die Jnstanzrichter haben nicht grundsätzlich angenommen, daß der Redakteur niemals durch eine neue selbstständige Ver- breitung eines schon früher veröffentlichten Preßerzeugnisses ein und dasselbe Delikt nochmals(in Realconkurrenz) begehen könne. Sie haben vielmehr nach den Ermittelungen des conketen Falles angenommen, daß seitens des Angeklagten Liebknecht durch die in Leipzig gleichzeitig erfolgie Ausgabe und Versendung der für Leipzig und für Berlin bestimmten Exemplare nur eine Handlung vorgenommen worden sei, also auch nur ein Delikt, und zwar in Leipzig, von ihm verübt sein könne. Der Umstand, daß die für die weitere Vertheilunst in Berlin gesandten Exemplare in sehr großer Zahl gesandt worden sind, führt nicht mit rechtlicher Nothwendigkeit dahin, daß diese Ver- theilung als eine von dem Angeklagten Liebknecht vorgenommene selbstständige Veröffentlichung angesehen werden müßte, daher zwei Delikte an zwei verschiedenen Orten verübt seien. Das in der Beschwerde in Bezug genommene Erkenntniß des königlichen Obertribunals vom 16. September 1875(Goltdam- mer's Archiv, Band 23, Seite 516) beruht auf anderen that- sächlichen Voraussetzungen, als sie vorliegend gegeben find. Hiernach mußte die Beschwerde, deren Anlagen beifolgen, zurückgewiesen werden. gez. v. Jngerslebeu. An den königlichen Herrn Ober-Staatsanwalt bei dem Kaminergericht hier. Ko. 1678 Cr. I. Wir werden in einer der nächsten Nummern die Tragweite dieses Prozesses kurz besprechen. In der vorigen Nummer war die ms den Prozeß bezügliche Notiz nicht präzis genug gefaßt. Weiterbrüten gesandt, die das junge Küchlein'in nächster Session den staunenden Reichsboten vorstellen sollte. Wie man nun aber hört, ist das Ei faul geworden. Die beabsichtigte Re- Vision soll sistirt werden; eine Vorlage erhält der nächste Reichs- tag nicht, da der Haupthahn des deutschen Reichs Einspruch ein- gelegt hat. Zur Selbstmordstatistik. Nach Angaben, welche in dem ersten Heft des Jahrgangs 1877 der„Statistischen Zeit- schrift des Königlich Preußischen statistischen Bureaus« enthalten find,- hat die Zahl der Selbstmorde in Frankreich in folgender Progression zugenommen: Auf je 100,000 Einwohner kamen Selbstmörder im Jahre 1827..... 4,8 „„ 1840..... 8.1 „„ 1874,.... 15,4. Von je 1000 Verstorbenen haben hiernach im Jahre 1874. in Frankreich 7,2 den Tod selbst gesucht. In Preußen war die Zahl der Selbstmörder auf je 100,000 Bewohner im Jahre 1874..... 12,1 „„ 1875..... 12,8 Verhältnißzahlen, welche die französische Statistik während der Zeit von 1861— 1865 aufwies. Die Gesammtzahl der Selbst- Mörder in Preußen im Jahre 1875 betrug 3278. Was die Beweggründe des Selbstmordes betrifft, so ist es sehr bemerkenswert, daß nach der französischen Statistik für die Jahre 1872—1874 hauptsächlich Geisteszerrüttung, Mangel und körperliche Leiden als Ursachen erscheinen, während innere Eon- flikte nur in der Minderzahl Fälle das treibende Motiv bilden. Frankreich ist ein höher entwickeltes Land als Preußen, und außerdem kommt auch das heißere Blut in Betracht bei obigem Vergleiche. Im Allgemeinen aber ist die Zahl der Selbstmorde in den Culwrstaaten nach obigen Angaben eine derartig große, wie sie in der Geschichte nur annähernd gleich groß im alten Rom in der späteren Kaiserperiode, also zur Zeit des Verfalles des römischen Reichs vorkam.— Ist es da nicht an der Zeit, daß der Sozialismus verjüngend in die faulenden Zustände ein- greift? — Aus Berlin erhalten wir vom 7. Oktober nachstehenden Bericht, den wir an dieser Stelle veröffentlichen wollen: So hört man nämlich von zuverlässiger Seite, daß Nachfov schnngen nach sozialdemokratischen Schriften und Zei- tungen auf höheren Befehl im Laufe der vergangenen Woche bei allen Truppentheilen des Gardecorps seitens der Truppen- kommandeure in der Art vorgenommen worden sind, daß in allen Kasernenstuben die Wandschränke der Soldaten reoidirt und die vorgefundenen Schriften einer genauen Besichtigung unterworfen wurden. Die Revision ergab, daß bei verschiedenen Soldaten sozialistische Zeitungen gefunden wurden und diese meistens nur als Makulatur in die Hände der Leute gelangt waren. Die- jenigen Soldaten aber, welche überführt wurden, Leser derartiger Blätter zu sein, oder sich über die Erlangung der in ihrem Besitz gewesenen Schriften nicht gehörig zu reinigen vermochten, sollen mit Arrest bestraft worden sein. Wird nicht viel helfen. Das sozialistische„Gift« ist süß, es ist berauschend, es nimmt Geist und Herz gesangen, und kein Dunkelarrest bringt es wieder heraus aus vem Körper. Uns thun die armen Soldaten leid, die ein Opfer ihrer Unvorsichtigkeit geworden sind. Weshalb haben nicht auch sie die sozialistischen Zeitungen als Makulatur erhalten?— Noch will ich mittheilen, daß die Berliner Polizei jetzt endlich gegen die Fälscher von Nahrungsmitteln mit Energie vorgeht. So hat man jüngst die Entdeckung gemacht, daß die meisten Fruchtbonbons gesundheitsgefährliche Stoffe ent- halten und daß der sogenannte Ziegelkäse(Limburger, Backstein- käse) vielfach eine Unmasse Kalk enthält. Verschiedene Händler haben schon Anklage erhalten. Diese Energie der Polizei ist jedenfalls lobender und lohnender, als die Hetzjagden auf die Sozialdemokraten. — Herr Gambetta macht wieder von sich reden. Er hat ein„Glaui'ensbekenntniß« an seine Wähler gerichtet und soll dieserhalb wiederum vor Gericht gestellt werden. Der„Soldat« Mac Mahon muß entweder nicht lesen können oder ein überaus komischer Kautz sein; in dem Glaubensbekenntniß klingt es näm- lich von„unserer tapferen und edlen Armee, welche ge- genwärtig die Blüthe der Nation und die höchste Hoff- nung des Vaterlandes ist«— ist mit solchem Lobe Mac Mahon, der oberste Vertreter der Armee noch nicht zufrieden? Dieserhalb könnte er Gambetta wahrlich all' die andern kleinen Nadelstiche wohl verzeihen.— Gambetta wollte übrigens auch am 9. d. M. eine Rede in seinem Wahlkreise halten, doch hat er dies Vorhaben aufgegeben, weil eine Verhaftung dann wohl erfolgen könnte. Welchem hohen Muth zeigt dieser„Repnbli- kaner«! — Der Strike der Baumwollenspinner in Bolton, England, dauert fort;, er ist bereits in die sechste Woche ge- treten, ohne daß Aussicht auf fein Ende wäre. Die Fabrikanten, welche durch ihre Habsucht den Strike herbeigeführt— Lohn- reduktion—, haben den Borschlag der Arbeiter auf Niederietzung eines Schiedsgerichts abgelehnt, ohne Zweifel um die„Harmonie der Interessen« zu beweisen. Obgleich die Arbeiter organisirt Ein Stück Geschichte. Defension(Vertheidigungsschrift) in der Untersuchungssache wider Wander. Vom Just'zrath Robe(ä. ä. 9. Seplember 1845). (Fortsetzung.) Mit ihm theilte diese mehr subjektiv als objektiv begründete Austckt jedoch nur der später als Zeuge vernommene Käufmann Frei, zu Schmiedeberg, sonst keiner, sage keiner der Anwesen den Auch Frey, dem man eine umsichtige Gewandtheit seiner Ansichten nicht absprechen kann, war zum erstenmal in der Ver- sammlung. ohne zu kennen, was früher darin vorgekommen Die Vorgänge, nachdem sie schon vor einer Vernehmung durch eine Denünciation ihre Auslegung erhalten hatten, konnten al,o auch für ihn wohl etwas Befremdliches haben. Daß aber ein so befangenes Vorurtheil wie das des Crusius für ein reines, unparteiisches nicht gelten kann, bedarf keiner Ausführung. Demnach hatte die Sache ihre Folge. Crusius hielt in seiner Empörung über den Verein eine Besprechung über die von ihm in dessen Haltung bemerkten Mißstände mit den betrestenden Mitgliedern oder mit den B-reinsoorständen oder mit dem ihm amtlich und persönlich so nahen Polizeidirigenten zu ihrer Ab- stellung nicht für ausreichend. Er wandte sich vielmehr jchon zwei Tage später, nachdem seine Ansichten über den Verein m einer öffentlichen Gesellschaft, in der Gallerie zu Warmbrunn, einen etwas scharfen Widerspruch gesunden hatten, unterm 3. März c. mit einer Anzeige von der Gefährlichkeit des Vereins und der Vorträge Schiöffel's und Wander's mit lieber- gehung der Ortspolizei-Behörde unmittelbar an die k. Regie- rung zu Liegnitz. Der Inhalt dieser Anzeige muß sehr dringend erschienen sein; denn nach dem gewöhnlichen Postenlauf konnte ein am 3. Vormittags auf die Post gegebener Brief erst am 4. früh in Liegnitz ausgegeben werden. Schon am 5. aber langten, in Folge der Anzeige, der Regierungspräsident Hr. v. Witzleben ,il selbst eigner Person und in Assistenz eines mitgebrachten Re- gierungsraths hier an, und am 6. begab sich derselbe ohne vor- hergehende Ankündigung in selbst eigener Person mit dem assistirendeil Regi.rungsrath und unter Begleitung des Syndikus Crusius in die Wohnung Wander's, forderte diesen, der zu seinen Reden im Berein schriftliche Unterlagen genommen hatte, zur Vorlegung der Concepte auf, und da dieser dieses Anver- langen vielleicht nicht für gesetzlich ansah und sich deshalb, oder weil er wirklich die Concepte nicht gleich bei der Hand hatte, ihrer Vorlegung auswich, nahm er dessen gesammte Papiere in Beschlag. Wander war ein armer abhängiger Schullehrer, Schlöffe! ein unabhängiger, nicht leicht zu verschüchternder Fabrikbesitzer; gegen ihn geschah nichts. Ich glaube nicht, daß das Verfahren der k. Regierung in irgend einem unserer Ge setze Ermächtigung findet. Doch dies beiläufig. An demselben Tage wurden auch noch niehrcre andere in der siebenten Vereinsversammlung gegenwärtig gewesenen Personen über Wandeps und Schlöffel's Vorträge vernommen, und der Präsident fand sich darauf vernnlaßt„da dem Verein die gesetz- liche Bestätigung gebräche, dem Magistrat aufzutragen, fernere Versammlungen des Vereins unter keiner Bedingung zu ge- statten, vielmehr jedes dazu benutzte oder zu benutzende Lokal nöthigenfalls polizeilich zu schließen.« Die Schließung des Vereins geschah, wie man aus den Regierungsakten sehen kann, deshalb,„weil er von den dem früheren Gewerbeverein ertheilten Befugnissen abweichende und unzulässige Tendenzen verfolgt hätte«. Dies Urtheil, ohne alle Begründung, blieb unwider- sprochen, weil es keinem der Betheiligten bekannt wurde. Doch bitte ich zu bemerken, daß darin nur von unzulässigen, nicht aber schon von verbrecherischen Tendenzen die Rede ist. Diese Regierungsmaßnahmen gegen Wander, und nur gegen Wander sind nur dann zu erklären, wenn man sie mit früheren Vorfällen in richtiger Folgeordnung betrachtet. Es war ihm vor einigen Jahren auf Befehl des Cultusministers verboten worden, seine Meinung, daß die Volksschule nur dann eine bessere' Gestaltung bekommen könnte, wenn sie von dem den Geistlichen ohne Unterschied anvertrauten Aufsicht- recht befreit würde, fernerhin in Druckschristen geltend zu machen. Wie dieses Verbot gesetzlich begründet werden kann, weiß ich nicht. Aber als später Wander wieder einige Bogen zur Vertheidigung > Diesterweg's gegen die Angriffe einer theologischen Partei schrieb, so schien dem Minister die Schrlftstellcrei Wander's überhaupt mißliebig und unzulässig, und auf Grund des früheren Verbots einiger Stellen Wandcr'scher Schriften, aus welchen Widersetz- lichkcit gegen die Befehle der Vorgesetzten, Aufregung des Schul- lehrerstandes zur Unzufriedenheit mit ihrer Lage und Unchrfft- lichk.it hervorgehen sollte, wurde die Disciplinaruntersuchung gegen ihn eingeleitet. Man sprach lange schon gerüchtweise im Voraus davon, daß es die Absicht sei, den Lehrer Wander aus seinem hiesigen Schulamt zu entfernen, und prophetisch genug; denn die k. Regierung zu Lugnitz erkannte wirklich auf Strafversetzung. Bei diesem Bescheid beruhigte sich Wander jedoch nicht, und bereits vier Wochen vor der eben er- wähnten präsidialen Haussuchung kam ein Resolut des Ober- Präsidiums bei der k. Regierung an, welches Wander wesent- lich freisprach und ihn nur in eine Ordnungsstrafe nahm. Dieser Bescheid blieb, weshalb ist unbekannt, länger als vier Wochen bei der k. Regierung zu Liegnitz unpublicirt liegen. Als er doch endlich publicirt werden mußte, folgte ihr die Haus- suchung auf dem Fuß. Sie scheint die Reden in dem denun- cirten Gewerbeverein zu einer neuen Disciplinaruntersuchung haben nehmen zu wollen. Die polizeilichen Untersuchungsakteu bestätigen diese Ansicht. Alle diese Vorgänge lagen vor Stieber bereits abgeschlossen da, als er sich in seiner Annahme, daß Wander mit Schlöffet und Wurm zum Umsturz der Staateverfassung conspirirt habe, getäuscht fand, aber doch die darauf bin Unternommene uugesetz- liche Haussuchung und Verhaftung Wander's nicht mehr unge- schehen machen konnte. Er machte sie also zur Grundlage seiner Denünciation und suchte sie zur Verdächtigung Wander's so viel wie möglich auszubeuten., Diese Vorgänge lassen aber nun zwar wohl erkennen, daß Wunder dem Cultusminister mißliebig geworden, aber dariu liegt doch noch kein Judicium für ein Verbrechen. Wander will die Wissenschaft von der Ausficht der Kirche emancipirt, d.r Mi' nister will alle Wissenschaft unter der Kirche beschränkt haben- Wie viele redliche Männer, deren Ansichten und Gesinnungen von ihren Amtsvorgesetzten nicht gebilligt und nur ungern ge» sehen werden, würden wenn dies dazu genug märe, für Ver- brecher gelten müssen, stieber will aus der Mißliebigkeit Wander's darthun, daß er schon lange eine verwerfliche Richtung ver- folge, als ob jede ministerielle Ansicht die absolut und allein richtige wäre und jede davon abweichende sich schon allein da- durch als verbrecherisch von selber darstelle! Damit er aber füf die Verwerflichkeit der Wander'schen Richtung scheinbar doch etwas anführe, führt er die Ergebnisse der Disciplinarunter suchung falsch und aktenwidrig an. Obwohl die Akten ihm vor- gelegen haben, obwohl er daraus ersehen mußte, daß Wandel ■finb, und bisher regelmäßig Unterstützung bezogen, so herrscht doch, wie man sich denken kann, großes Elend, was jedoch der Entschlossenheit der Strikenden keinen Abbruch thut. — Unser Breslauer Parteiorgan, die„Wahrheit", hatte die Ehre, am 29. September von der Polizei confiscirt zu werden, und gelang es der letztern, ca. 3500 Exemplare mit Beschlag be- legen zu können; aber wie das mitunter zu geschehen pstegt— die Confiscation wurde vom Gericht wieder aufgehoben. Und wer tragt nun den sich auf eine nicht geringe Summe belaufen- den Schaden für den Geniestreich der Polizei?— nach unsern heutigen Rechtsgrundsätzen natürlich die„Wahrheit". — Logik des Staatsanwalt Rümpel in Chemnitz' „Ich halte Sie für einen Mitarbeiter der„Chemnitzer Freien Presse" und für ihren regelmäßigen Correspondenten(wenn es auch nicht zutrifft, und wenn ich es auch nicht beweisen kann), daher müssen Sie der Verfasser dieses oder jenes Artikels sein! Ferner müssen Sie der Verfasser sein, weil er unter einem Zei- chen erschienen ist, welches auch Sie für Ihre Artikel bereits denützt haben! Dann aber sind Sie mir als Atheist bekannt, und weil jener Artikel die Heuchler und gewerbmaßige Frömmig keit angreift— was bei mir„Religionslosigkeit" der Sozial- demokratie bedeutet— so müssen Sie der Verfasser sein! End- lich haben Sie in einer andern Anklage meines Collegen Man- goldt gegen Sie Beschwerde gegen den Gerichtsstand Chemnitz erhoben, weil die Richter politisch befangen seien, das heißt für mich, Sie haben den Richtern Parteilichkeit vorgeworfen, des- halb müssen Sie auch der Autor des incriminirten Artikels sein!" So spricht, dem Sinne nach, der genannte Staatsanwalt in Chemnitz zu unserm Genossen Klemich in Dresden, den er sich als Verfasser eines angeklagten Artikels iin„Nußknacker" zu Chemnitz auserkoren hat. In dem betr. Artikel werden Mac Mahon, Cassagnac, französische Präsekten, Richter, Maires, kurz die feilen Creaturen des französischen Staatsstreichlers wegen ihrer Parteilichkeit im Amte angegriffen und die lieben Chem- nitzer beziehen die Geschichte wieder einmal auf sich. — In Erfurt stand am 4. Oktober der Vorstand des Deutschen Tabakarbeiter-Vereins unter der Anklage, gegen Z 8 »I. a gesündigt zu haben. Die Anklage stützte sich auf folgende angebliche Beweise: 1) Eine Rede des Dr. Dulk, gehalten zu Eßlingen, 2) eine Rede, gehalten von dem Cigarrenmacher Landrock zu Potsdam im Zahre 1873, 3) eine Rede, gehalten von dem Cigarrenarbeitcr Jahncke auf einem Stiftungsfest des Deutschen Tabakarbeiter-Vereins zu Wandsbeck, 4) auf die Aeußerung des Delegirten der Generalversammlung dieses Ver- eins zu Bremen, L. Lingner:„Die Wahl im Berein nach Kreisen sei ihm nicht sozialdemokratisch genug", und 5) darauf, daß nach Ansicht des Staatsanwalts der„Botschafter" das Organ des Vereins sei. Der Staatsanwalt beantragte: für jedes der drei Vorstandsmitglieder 15 Mark, eventuell 3 Tage Haft, und außerdem Schließung des Vereins zu Erfurt und Schließung des Vereins in ganz Preußen(!) Der Gerichtshof er- kannte auf 30 Mark Strafe cvent. entsprechende Haft für jedes der drei Vorstandsmitglieder. Die Schließung lehnte der- selbe ab. Aus Heuchelland. Stille Beobachtungen eines Berliners in London, II. (Fortsetzung.) Ihr sagt, dieser Uebergang vom Feudalismus in modern- bürgerliche Zustände könne ebenso gut auch vom Türken selbst ausg-ssührt werden, der durchaus nicht so culturunfähig sei, als seine bösen Verleumder ihn hinstellen wollen und der sich zum Beweise ja sogar schon eine„Volksvertretung", mit Respekt zu melden, zugelegt habe. Ihr irrt mit jener Behauptung. Warum? Auch dieses Argument wird Euch nicht neu sein,— es ist gleichfalls aus unserer eigenen Rüstkammer geholt: Weil Revo- lutionen niemals von den Herrschenden, stets nur von den Be- herrschten ausgehen können! Der Türke, der sich bei der be- stehenden„Ordnung" in seinem Staate so wohl besindet, er soll diese Ordnung freiwillig, ohne Zwang, abschaffen, den verachteten leibeigenen„Giaur" freigeben, ihn mit sich selbst auf die gleiche Stufe stellen, ihm Rechte einräumen, die seine„Rechte" kürzen, ja vernichten? Ich dächte, dazu kennen wir die Herrschenden zu gut!__ Und wir sehen es ja auch. Schon vor 40 Jahren und noch eimnal vor 20, wurde eine„Verfassung" erlassen, beidemal er- wies sie sich als der reine„Utz". Neuerlich verlangte das ge- sammte Europa wieder ernstliche'") Reformen vom Türken. Und was that er? Er wagte lieber, Europa zum Hohn und Ruß- land und seinen Spießgesellen zur Freude(?), einen verzweifelten Kampf"), bei dem es sich für ihn um Sein oder Nichtsein hau- delt, als daß er sich zu jenen Reformen verstand. Und was der„kranke Mann" nicht zugeben wollte, das soll der siegreiche Türke freiwillig gewähren? Das glaubt Ihr selber nicht. Ihr sollt es sehen— der siegreiche Türke wird gar frech und heraus- fordernd werden und Europa noch viel zu schaffen machen. Aber selbst wenn der Türke jetzt wirklich an ernste Reformen ginge,— wie er es nicht thun wird— so wären sie ja auch nur eben der von Euch so sehr verdammten Revolution der Rajah zu ver- danken, welche die stinkende Pfütze endlich aufrührte! Und nun dieser angerühmte Culturdrang des Türken! Beim Barte des Propheten!— ich gebe nicht viel dafür. Von ihrem ersten Austreten in Europa an hat diese wilde fanatische Asiaten- Horde nur von Krieg und Raub und Mord gelebt.'�) Jahrhundertelang hat sie Europa in permanentem Kriegszustand er- halten, unsäglichen Jammer über den Osten des Erdtheils ge- bracht, seine herrlichsten Landschaften, wohl die schönsten und naturreichsten Europas, verwüstet und verödet, sie aus dem cultivirtesten zum zurückgebliebensten Theile Europas gemacht.'�) Wir haben im Türken eben den letzten jener wilden Völker- stämme zu sehen, die, wie die Hunnen und Mongolen— während des Mittelalters aus dem Innern Asiens hervorströmten, es mit Blut und Grauen bedeckend. Und selbst jetzt noch, wo er, wie alle Eroberer, an seiner eigenen Fäulniß und Entartung zum „kranken Mann" geworden ist(und das ist er trotz seines neuer- lichen Kriegsglücks, das mir nur von Neuem zu beweisen scheint, wie wenig die„Cultur" und„Sittlichkeit" und der„Schulmeister" dabei zu thun haben und wie wenig ein Volk Ursache hat, sich auf derlei etwas zu Gute zu halten), auch jetzt noch existirt er nur von der Plünderung und Erpressung an jenen unglücklichen Völkern, die sich seiner fluchwürdigen Herrschaft noch nicht zu entringen vermochten. Der rechte Türke verachtet die Arbeit, er lebt vom Raube an seinen„Rajah", seiner„Viehheerde"— ich dächte, das allein genügt, um der Partei der Arbeit zu zeigen, w o ihr Platz ist in diesem Kampfe. Und was die unterjochten Völker haben luden müssen unter der Herrschaft des wtlden Asiaten, das lehrt uns der Rückblick auf eine lange, lange Vergangenheit. Ihr, die Ihr die jetzigen Vorgänge so gerne mit den„russischen Hetzereien" abthut, Ihr übersehet neben vielem Andern auch noch eine Kleinigkeit: die Geschichte. Erinnert Euch doch nur der Geschichte jener uu- glücklichen Länder. In all den Jahrhunderten, seitdem der Türke darin haust, von der Schlacht am Kossowopolje, und das ist jetzt seine 500 Jährchen her, bis heute, also lange, lange bevor von russischen Hetzereien auch nur die Rede sein konnte, hat ja der verzweifelte Kampf gegen den verhaßten„Turcsin" gar nie- mals aufgehört,") ist ja die Revolution förmlich in Per- manenz gewesen in jenen Ländern— bald schwach fortglimmend, bald hell auflodernd, immer und immer wieder in Strömen Blutes und entsetzensvollen Unthaten erstickt und doch immer und immer wieder von Neuem emporflammend. Daß Europa jahrhundertelang all den Leiden der unter- jochten Völker ruhig zusah und noch heute wieder über den lastigen Störenfried rasonnirt, der sich erkühnt, wegen seiner lumpigen Person, blos weil er auch gerne Mensch werden möchte, unsere Ruhe zu stören und uns so viel unnützes Kopfzerbrechen zu verursachen— darin sehe ich eine schwere, schwere Ver- schuldung, die sich vielleicht nur zu bald an uns rächen wird. Es hängt dieses feindselige Verhalten, meiner Ansicht nach, wenn auch des jetzigen Geschlechtes vielleicht gar nicht mehr bewußt, mit jener verächtlichen, auf langer Unterjochung bassirten Gering- fchätzung zusammen, welche der Westeuropäer, vorzüglich der Germane, von jeher gegen den Slaven hegte und die sich so drastisch in der Thatsache kundgiebt, daß der Westeuropäer für den Ausdruck des niedrigsten Grades der Knechtschaft keine bessere Bezeichnung fand als die— des Slaven!(Das Wort Sklave, frauzös. Esclave, engl. Slave, italien. Schiavo, stammt be- kanntlich von dem Völkernamen Slave.) So sehr sind wir von Alters her daran gewöhnt, daß der Slave Sklave ist!'") Da wir gerade von der Geschichte sprechen: Ihr nennt die Grcuelthaten der Türken an den besiegten Insurgenten russische Verleumdungen, ja ich las sogar einmal die Meinung, dergleichen sei den Türken gar nicht zuzutrauen. Nun, über jene Vorgänge ist vor dem Geschrei der Parteien das Unheil der Geschichte noch nicht gesprochen; es läßt sich deshalb darüber vielleicht noch hin und her streiten, obwohl sie von einem so unverdächtigen Zeugen wie die vertürkte englische Regierung bestätigt und an- erkannt sind. Aber blickt doch zurück in die Vergangenheit und ermesset danach, ob der Türke jener Thaten fähig war. Ich erinnere hier nur, um in unserm Jahrhundert zu bleiben, an jene grausenvollen Griechenmassacres im Anfang der Zwanziger Jahre, bei welchen an 30,000 friedliche, schuldlose Menschen ermordet wurden, die einen einzigen Schrei der Entrüstung durch ganz Europa, vorzüglich, gerade wie jetzt auch, bei der braven Britennation wachriefen und schließlich, unter dem enthusiastischen Beifall der Völker(nicht der Regierungen), zur Befreiung Griechenlands führten.'") Das Alles gerade wie leutel") Werden wir uns wirklich so viel mattherziger erweisen, als unsre Eltern?'") Und— um in der Werthschätzung des türkischen Cülturdrangs fortzufahren— wir sehen es ja auch thatsächlich, daß moderne Entwicklung und moderne Verhältnisse überall erst dann ihren Einzug hielten, nachdem der Türke zur Pforte hinausgeworfen war, daß letzteres sich überall als die unerläßliche Vorbedingung des erstem erwies. Ich habe damit jene kleinen Staatswesen im Auge, die im Laufe unseres Jahrhunderts das türkische Jvch abzuschütteln vermocht haben und in denen sich, wenn auch, ivie selbstoerständlich, noch wirr und unklar, doch ein sehr kräftiges politisches Leben kundgiebt. Ja aus einem derselben haben wir an dieser Stelle schon oft recht lebendige Berichte zu lesen be- kommen, wie� das Volk dort sogar schon zu unserem demo- kratischen Sozialismus durchzudringen beginne und welch u kräftigen Wiederhall unser Ruf nach einer neuen, bessern Ord- nung der Dinge dort finde. Ich meine natürlich Serbien. Habt Ihr hingegen schon etwas vom Sozialismus unten den Türken gehört?'") Ich nicht. Versucht es doch einmal und kommt dem Türken mit Eurer materialistischen Weltanschauung, mit Eurer Leugnung eines vorherbestimmenden Fatums, mit Eurer Leugnung Allah's und seines Propheten, des Paradieses und der 725 Huri's, die für jeden Rechtgläubigen dort zu feinem Zeitvertreib abcommandirt werden, mit Eurem rastlosen streben nach Neuerung, mit Euren Ideen von der Gleichheit aller Menschen, ob Gläubiger oder Giaur, von der Pflicht eines Jeden zu nütz- licher Arbeit u. s. w., u. s. w.— bei Allah!— er wird Euch schön auf den Trab bringen!"") Anmerkungen. 10) Die reaktionären Regierungen Europas sollen„ernstliche Reformen" gefordert haben! Das wäre ja ein Wunder. R. d.„V." 11) Notabene, nachdem er eine Verfassung gegeben, die alle geforderten Reformen enthielt— aber für alle Bewohner der Türkei, nicht blos(wie die europäischen Reaktionsmächte ge- fordert hatten) für einen Theil, der dadurch zu einem, die Türken sprengenden Keil geworden wäre. R. d.„B." 12) Die Türken sind doch„auch" Menschen, so gut wie die Südslaven; dieses Verwerfen einer ganzen Raffe scheint uns nicht recht international-sozialistisch. Bei den Türken muß man unterscheide» zwischen Volk und herrschenden Klassen. Ersteres ist durch und durch brav, letztere— wie überall. R. d.„B," 13) Die Türken sind nicht am Zerfall des byzantinischen Reichs schuld; im Gegentheil, durch diesen Zerfall wurde die Türkenherrschaft erst ermöglicht. R. d. ,,B." 14) Richtiger gesagt: die„Aufstände", welche wir in diesem Jahrhundert erlebt, sind blos die Nachzuckungen jener alten Raffenkämpfe, konnten aber, weil der Rassenhaß nachgerade ziem- lich erloschen ist, in neuerer Zeit, trotz aller Anstrengungen der russischen Agenten, nicht mehr zu allgemeinen Volkserhebungen gemacht werden. R. d.„V." 15) Weil die Deutschen hauptsächlich mit Slaven Krieg führten, und ihre Kriegsgefangenen zu Sklaven machten, wurde das Wort Slave allmählich zur Bezeichnung eines Sklaven. Skiave und Slave ist ein Wort; darin hat unftr geehrter Correspondent Recht. Unrecht aber hat er, wenn er die Ab- neigung gegen die russische Politik auf Abneigung gegen die slavische Rasse zurückführen will. Wir legen an den Slaven genau denselben Maaßstab an, wie an unserer eigenes, wie an jedes andere Volk. Wir bekämpfen in Rußland dieselbe Politik die wir auch in Deutschland bekämpfen. Jedenfalls sind wir frei von Rassenhaß. Ob unser geehrter Correspondent es ist, das wird durch seine Aeußerungen über die Türken zum Mindesten nicht bewiesen. R. d.„B." 16) Hat sich nachher zum größten Theil als russische Lüge herausgestellt. Siehe di- frühere Note. R. d.„V." 17) Ja! Ja! R. d.„V." 18) Hoffentlich etwas klüger! Und nicht zum zweiten Mal auf den russischen Leim gehen. R. d.„B." 19) Wird schon kommen! Wer hatte bis vor Kurzem im xo abeaä-Land, dem Land des stürmischen Vorwärtsdrängens in den Bereinigten Staaten etwas von Sozialismus gehört außer aus dem Munde von Deutschen? R. d.„V." 20) Unser geehrter Correspondent nimmt sich vielleicht einmal die Muße, den Brief Midhat Pascha's an die französischen Positivisten zu lesen. Und—„Nathan der Weise" wurde vor gerade 100 Jahren geschrieben. R. d.„V." (Fortsetzung folgt.) Correspondenzem Dortmund. Der hiesigen„Dortm. Ztg." schreibt ein Corre- spondent„vom Rhein" folgendes:„Die Thierschutzvereine werden in rheinischen Zeitungen auf eine Thierquälerei aufmerksam ge- macht, die in Bezug auf gemeine Rohheit nur ein Gleichniß in den spanischen Thiergefechten findet, das sogenannte„Hahnen- köpfen" nämlich. Auf den allerchristlichsten rechtsrheinischen Dörfern— in Vingst, Ostheim, Gehöft Höhenburg zc. k.— steht dieses scheußliche Spiel in großer Blüthe. Ein lebendiger Hahn wird in die Erde vergraben, derart, daß nur Hals und Kopf des ärmsten Thiers noch hervorragen, und dann gehen die besoffenen Bauernlümmel wie echte Kannibalen hin und suchen den Kopf mit Knitteln abzuschlagen. Wer ihn sortfegt, hat den Hahn gewonnen. Eine größere Scheußlichkeit, wie bei diesem angeblichen„Spiel" zu Tage tritt, ist kaum denkbar. Der Hahn sucht sich mit aller Gewalt zu befreien und arbeitet mit seinem Kopfe hin und her, und je mehr er sich in seiner fürchterlichen Todesangst anstrengt, um loszukommen, desto schneller werden die Bewegungen des Kopfes und desto größer der wahrhaft widerliche Jubel des rohen Volkes."- Niemand kann etwas dagegen haben, wenn die„rheinischen Zeitungen" auf ein Verbot dieses rohen Spiels hinwirken— aber wenn schon, denn si-on. Außer den„versoffenen Bauernlümmeln" gibt es noch eine Sorte Menschen, di.- man sonst zu der„gebildeten" Gesellschaft rechnet, die aber iu pnueto der Rohheit den„versoffenen Äauernlümmeln" in nichts nackgiebt— es sind die Herren Barone, Grafen und blos in eine Ordnungsstrafe genommen worden war, hält er sich dennoch nur an das erste, nicht rechtskräftige Erkenntniß, in welchem auf Strafversetzung erkannt war Man muß daher diese falsche Anfuhrung als absichtlich an- �en"(Fortsetzung folgt.) — lieber die russischen und rumäncschen Feldlaza- rethe und den Transport der Verwundeten berichtet ein mili- tärischer General-Inspektor des amerikanischen Sanitätswesens folgendermaßen:„Was die rumänischen Feldlazaretbe in der Nähe von Plewna betrifft, so laboriren sie alle an Unzuläng- lichkeit der Bedienungsmannschaften, der Mangel an Uebung und praktischer Erfahrung in den ersteii Grundsätzen der Feldhygieine macht diese Leute halb unbrauchbar, und es ist eine sträfliche Nachlässigkeit des Gouvernements, keine eigentliche reguläre Sa- nitätstruppe herangebildet zu haben. Schmutz, Unordnung und Consusion herrscht daher überall. Die Folge ist, daß die Leiden der Verwundeten in horribler Weise vermehrt werden. Das ein- zige Mittel, um die Blessirten von den Feldlazarethen auf die Heerstraße und von dort zur Eisenbahn zu schaffen, besteht in großen Wagen ohne Federn, welche von Büffelvchsen gezogen werden. Noch nicht 10 Prozent der Verwundeten können sofor- tige Hilfe und Verband erhalten, eine Sache, die von der ge- wöhnlichsten Menschenfreundlichkeit gefordert wird. 24 stunden und länger verbleiben die armen Verwundeten ohne vorlaustgeu Verband und sie möchten fürwahr vorziehen, sofort getödtet zu werden, als solche Tortur zu erleiden. Die russischen Garrnsonlaza- reihe haben wenigstens den Vorzug, daß sie hinreichend mit Be- dienungsmannschaft versehen sind, aber bei den Feldlazarethen selbst fehlt es an Trägern und solchen Personen, die den Ver- wundeten aus dein Feuer in Sicherheit bringen, was allein aus Grund einer militärischen Organisation befriedigend geschehen kann. Ohne Ordnung und Prinzip werden die Blessirten in den Zelten aufgestapelt, ohne daß vorher etwaige Vorkehrung für Comivrt und ausreichende Hilfe getroffen war. Entweder liegen die Ver- wundeten auf alten Feldbetten und Transportstühlen, oder sie werden einfach ohne diese vom Schlachtfelde fortgeschleppt und auf schmutziges und schlechtes Stroh gebettet, mit welchem die Krankenzelte angefüllt sind. Es ist ferner beklageuswerth, daß man nicht dafür gesorgt hat, die nothwendige Nahrung für jene armen Burschen in Bereitschaft zu halten, welche vom Schlachtfeld weggebracht worden sind; daß man zuläßt, wie diese Leute im Todeskampfe röchelnd und heulend während der ganzen Nacht sich selbst überlassen werden, wo doch eine Spende Wasser oder eine kleine Morphium-Jnjeftion ihre unsagbaren Leiden mildern könnte. Die Behandlung der russischen Verwun- beten vom Schlachtfelde bis zur Gorni- Stuben ist eine Schande für ein civilisirtes Volk, eine Sache, für die es durchaus keine Entschuldigung giebt. Wenige überleben die Schrecken dieser Tage und dieser schauervollen Nächte."— Wir haben weiter nichts hinzuzufügen, als daß die Russen sich damit entschuldigen werden, daß sie eben kein civilisirtes Volk sind. — Wie man Soldaten zum Todcsmuth begeistert. Vom General Gorschkow erzählt die„Peterb. Ztg." Folgendes: Eine Granate fiel direkt vor der Schnauze seines Pferdes nieder, welches darnach schnupperte.„Ew. Excellenz! eine Granate!" schrien die Soldaten und machten Halt.—„Was geht's Euch an?" sagte Gorschkow.„Marsch vorwärts! Ich habe emige Tausend Rubel jähr.icher Einkünfte und ein Haus in Petersburg, folglich habe ich etwas, um das es mw lew sein könnte, und doch fliehe ich nicht vor dem Feinde. Aber was habt Ihr! Außer Flöhen habt Ihr gar nichts. Marsch vorwärts!" Die deutsche Rubelpresse druckt diese Ansprache mit großem Behagen nach. — Ein Börsenbericbt über die am 2. Oktober in Chemnitz stattge- fnndene Generalversammlung der Chemnitzer Werkzeug-Masch inen- Fabrik vorm. Zimmermann erzählt Folgendes:„Es waren 6 Aklio- näre, die 341 Stimmen vertraten, sowie 2 Aufsichtsraths-M'tglieder und 1 D.rektor mit 363 Stimmen anwesend. Die Gleichgilligkeit der Aktionäre hat sich bei dieser Generalversammlung wieder einmal in hohem Grade gezeigt. Der Verlauf der Generalversammlung war selbstverständlich ein glatter und wenig interessanter." Zur Charak. lerisirung der Versaminlung mag folgendes Kuriosum mitgethcilt wer den. Nach Ertheilung der Decharge wurde der famose Antrag auf Re- muneration des Aussichtsralhes für das zurückgelegte Geschäftsjahr ge- nehmigt, was indeß N'cht etwa durch die anwesenden sechs Aktionäre, sondern einzig und allein durch die Stimmen des Direk.ois und der beiden Aussichtscathsmitglieder geschah! Fürsten und deren grausamer Sport, das sogenannte„Tauben- schießen" gemeint. Dutzenden von Tauben die Augen auszu- stechen, um sie, nackidem man sie hat fliegen lassen, aus der Luft herab zu schießen— zu diesem„Vergnügen" gehört ein nicht minder hoher Grad sittlicher Verrohung, wie er au den „versoffenen Bauernlümmeln" gerügt wird. Die Thierschutz- vereine, welche sich ausschließlich aus den Reihen der„gebildeten" Gesellschaft rekrutiren. würden daher sehr gut thun, nicht nur vor fremder Leute Thüren, sondern auch vor den eigenen zu kehren. Mfletdorf, 27. September. Die am 23. d. M. hier stattgehabte Volksversammlung war nur von einigen Hundert Per- sonen besucht. Der Grund dieses selbst für Düsseldorf unge- wöhnlich schwachen Besuches ist darin zu finden, daß die löbl. Polizeibehörde es für gut befunden hatte, die Anmeldungs- bescheinigung mit der Bemerkung zu versehen, daß die Eröffnung der Volke Versammlung vor halb 12 Uhr nicht stattfinden dürfe. Viele zogen es daber vor, sich wieder zu entfernen, was ihnen fteilich nicht zur Ehre gereicht. Die Versammlung hörte dem höchst interessanten Vortrage des Herrn Rittinghausen, der über„die Lage des Handwerker- und Kleinbürgerstandes" referirte, mit der größten Aufmerksamkeit zu und gsb am Scklusse der Rede ihre Zustimmung zu den Ausführungen des Referenten durch den lebhaftesten Beifall kund. An Stelle des Herrn Lange, der leider trotz gegebener Zusage nicht erschienen war, trat Herr Strumpen aus Duisburg. Derselbe sprach über die Lage des arbeitenden Volkes und unterwarf dann das Verhalten der gegnerischen Presse einer scharfen Kritik. Zum Schlüsse forderte derselbe die Anwesenden auf, die Parteipresse thatkräftig zu unterstützen. Auch diesem Redner zollte die Versammlung ihren ungetheilten Beifall und wurde dieselbe sodann vom Vorsitzenden geschlossen.— Gleich nach Eröffnung der Versammlung hatte ein alter Parteigenosse, Herr K., es für nöthig gehalten, seinem Unwillen über den ungewohnt schwachen Bejuch Worte zu leihen, und hieran anknüpfend, bringen unsere Lokalblätter, die sich sonst „wie die Kesielflicker" zanken, mit rührender Uebereinstimmung beinahe wörtlich gleichlautende hämische Notizen, jedenfalls dem Gehirn eines und desselben zeilenhungrigen Reporters ent- sprossen. Es sind dies die zwischen Leben und Tod sich hin- schleppende„Rheinisch-Westphälische",„Anzeiger", die„Düffel dorfer Zeitung", das Organ des großen Sozialistcnfreffers Dr. K. und das schwarze„Volksblatt". Das letztere Blatt meint ganz besonders, daß hier der Boden für sozialistische Bestrebungen zu unfruchtbar sei, und in der That, wenn man die salbungs triefenden Berichte über den Marzinger und. Dietrichwalder Schwindel in den Spalten des„Volksblatt" liest, kann man nicht umhin, in der Volksverdummungsconcurrenz der schwarzen Schaar unbedingt die Palme zuzuerkennen. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch dem„Anzeiger" noch meinen Dank abzustatten für einige Minuten, die derselbe mich köstlich amüsirt hat, und zwar dura eine seiner Leistungen auf national- ökonomischem Gebiete. Derselbe führte nämlich aus, zür Vermeidung von Arbeitslosigkeit bei Krisen:c. rc. sei es jedem dringend anzurathen, statt eines Gewerbes, deren zwei zu erlernen,*) damit, wenn das eine nicht ginge, man sofort das andere betreiben könne.— Recht nett das, nicht wahr? Hat der betreffende Herr, der seinen Lesern das bietet, auch schon an sich gedacht? Wie wär's mit dem Schuhputzcrmetier? Aber nicht ausplaudern! Sonst gmfen, wenn die Gedankenfabrikation in dem bisherigen Styl nicht mehr gehen sollte, zu viele dieser Fabrikanten zum Schuh- Putzergewerbe und verderben es durch ihr Angebot. Doch genug davon. Das Zeitungs- Geschwister, Wie mag sich's gestalten Als um die Philister Zum Narren zu halten! -t. Klöing(Westpreußen). Am 22. September er. hielten wir hier die erste Volksversammlung ab. Dieselbe war gut besucht, und Wik erhielten auch das Bürcau. Herr A. Kräder aus Breslau referirte in ausgezeichneter Weise, oft von Beifall unterbrochen, über die Stellung der Kleinbürger und Arbeiter in der heuttgen Gesellschaft. Auf den Vortrag näher einzugehen würde zu weit führen, nur will ich bemerken, daß der Referent alle uns ange- dichteten Ammenmärchen von» Theilen, freier Liebe u. f. w. zu dem machte, was sie sind, zu Märchen. Als Gegner traten die Führer der Gewerkvereinler, aber sehr befangen, auf, sie wurden aber ohne Mühe vom Redner zurückgewiesen. Einer dieser Herren, dem der Muth zu guterletzt gekommen war, erftechte sich, den Sozialdemokraten Unehrlichkeit vorzuwerfen. Der gute Mann kam aber schlecht weg. Er schien nämlich gar nicht zu wissen, welch' kolossale Betrügereien in den verschiedensten Vereinen der Schulze Delitzsch'schen Richtung verübt worden sind. Daß die Versammlung von diesen Spitzbübereien Kenntniß erhielt, dafür sorgte Kräcker in gebührender Weise. Diese Versammlung hat uns gezeigt, daß der Boden hier ein guter ist und daß er nur der Bearbeitung bedarf. Würde Herr Kräcker in Königsberg, wo er gegenwärtig weilt, verbleiben, so könnte er hier öfter in Versammlungen sprechen, es würde Elbing dann bald den Städten des Westens nicht nachstehen, überhaupt würden Ost- und West- Preußen aufhören, eine Domaine der Gegner zu sein. Was die hiesige Presse anbelangt, so brachte das Organ der Conserva- tiven einen N'chts weniger als anständigen Bericht über die Ver- sammlung, sie wagte aber den Vortrag des Herrn Kräcker nicht anzugreifcil. Die fortschrittliche Zeitung brachte einen zwar nicht vollständigen, aber wahrheitsgetreuen Bericht; ihren Schooß- lindern ertheilte sie darin eine Rüge, weil sie es schlecht gemacht halten. Das Organ der Nationalliberalen schwieg sich aus. Er- wähnt sei noch, daß am Schlüsse der Versammlung eine Anzahl Anwesende sich als Abonnenten der„Königsberger Freien Presse" anmeldeten. Und so ist denn auch im äußersten Nordosten Deutschlands Aussicht vorhanden, daß Klarheit in die Köpfe kommt. Jorst, 3. Oktober. Von einer merkwürdigen Anklage sind die Genossen Fahrenkamm, Schulz, Göbler, Fritz und der Restaurateur Hammel zu Erfurt, sowie der Unterzeichnete, betroffen. Die Anklage findet die Bestimmungen der§§ 1 und 12 des preußischen Versammlungsgesetzes übertreten. Am 15. Juli d. I. fand in dem Hammel'schcn Etablissement ein Volksfest statt, wo ich die Festrede hielt. Dieses Fest soll eine öffentliche Versammlung gewesen sein, in der ich öffentliche Angelegenheiten erörter hätte. Der dieserhalb am 28. September stattgehabte Termin endete mit Freisprechung der Angeklagten bis auf Fritz, der zu 15 Mark Geldstrafe vcrurthcilt wurde. Für mich wird ein neuer Termin angesetzt. Es ist mir eine derartige Auslegung der� betreffenden Gesetzbc;iimmung unerklärlich.§ 1 genannten Gesetzes besagt im ersten Theile:„Von allen Versammlungen, in welchen öffentliche Angelegenheiten erörtert und berathen werden, sollen" u. s. w. Das heißt also die Willensvoraussetzung; der Zweck einer Versammlung muß der sein, öffentliche An- gelegenheiten, anläßlich einer Zusammenkunft mehrer Personen,; zu erörtern. Ist dieses Voi haben ausgeschlossen, dann findet § 1 des erwähnten Gesetzes keine Anwendung, denn sonst müßte es heißen:„Von allen Versammlungen, in welchen öffentliche Angelegenheiten erörtert und berathen werden", das Wort„sollen" müßte dann in Wegfall kommen.— Daß ein Fest aber nicht den Charakter einer öffentlichen Versammlung tragen kann, ist für den, der unsere Volksfeste kennt, sehr wohl begreiflich. Ab- gesehen davon, daß ich auf dem erwähnten Feste öffentliche An- gelegenheiten nicht erörtert habe, ist auch dann noch das Requisit zur Strafbarkeit ausgeschlossen, wenn ein Festredner seinerseits öffentliche Angelegenheiten erörtert, indem selbst dann noch der Wille der Veranstalter eines solchen Festes dazu fehlt; selbst- verständlich ist auch der Redner straflos.— Fritz in Erfurt wird gegen das Erkenntniß appelliren; desgleichen werde ich es thun, falls ich verurtheilt werde. Wenn die Berufungsinstanz die erste Sentenz bestätigt, was nicht anzunehmen ist, dann macht sich die Nothwendigkeit geltend, die dritte Instanz(Ober- ttibunal) anzurufen. Diese hat, vor einigen Jahren, analog entschieden, wie ich oben deducirte. F. H. Klute. An die Vorstände der deutschen Gewerkschaften! In der letzten Zeit gingen durch die Spalten des„Vorwärts" einige- Artikel betreffend die Cemralisation der Gewerkschaften. Das Für und Wider, welches darin angeregt worden ist, kann keineswegs auf diese Weise weiter veriolgt werden, sondern es muß der Gegenstand einer gemeinschaftlichen Conferenz der Vorstandsmitglieder der Gewerkschaften sein. Der Unterzeichnete erlaubt sich deshalb die Sache praktisch in die Hand zu nehmen und folgende Vorschläge zu machen: 1) Sonntag, den 11. November, findet eine Gewerkschafts- Conferenz statt, zu welcher jede Gewerkschaft zwei Delegirte, möglichst Vorstandsmitglieder entsendet. Die Conferenz findet in Gotha statt. 2) Aus die Tagesordnung der Conferenz würden folgende Punkte zu stellen sein: a) Ist die Einrichtung eines Centralorgans für sämmtliche Gewerkschafen zweckmäßig, oder empfiehlt es sich, daß nur die verwandten oder an Zahl kleineren Verufsgenossen sich mit einem solchen verbind>n? d) Ist eine Gemeinschastlichkeit im Auszahlen der Reise- Unterstützung zu ermöglichen? v) Empfiehlt es sich, an den einzelnen Orlen gemeinschaftliche Verkehrslokale verbunden mit Arbeitsnachweis für alle Geweiksgenossen einzuführen? ä) Ist eine gemeinsame Unterstützung bei größeren Arbeits- einstellungen oder Arbeit-ausschlüssen zu ermöglichen, oder nicht? e) Ist es zweckentsprechend, bei Ausbreitung der Gewerkschaften durch Agitation dieselbe gemeinschaftlich beireiben zu lassen? f) Wann und wo soll zur Erledigung über die geeinigten Punkte ein allgemeiner Gewerkschafts-Congreß stattfinden. Es braucht wohl nicht erst erwähnt zu werden, daß es Jedem frei- steht, Zusätze zur Erledigung auf die Tagesordnung zu setzen. Die Gcwerksgenossen und speziell d e Vorstandsmitglieder mögen mir d esen Schr-tt nicht etwa als eine zu„eigenmächtige Handlung" auslegen, sondern die Versicherung hinnehmen, das es nur zum allge- meinem Besten von mir betrieben w rv. Eine„Verschmelzung" der Gewerkschaften, wie man sich oftmals irrlhüm>ich ausgedrückt, soll und kann keineswegs stattfinden, sondern es müssen die Separatverwaltungen und Organisationen der einzelnen Gewerke bestehen bleiben. Daß aber in den oben angeführten Punkten eine Reform wünschenswerth, ja nöthig ist, kann ich mir nach achtjähriger Thätigkeit im Gewerksschafts leben nicht mehr abstreiten lassen. Wollen pir deshalb thätig sein für die Sache des enterbten Volkes, dann reichen wir uns die Bruderhand, soweit es zweckmäßig ist, damit nicht mehr der Hilferuf von verhältniß- mäßig wenig Ausgeschlossenen von einer Corporation wochenlang bei anderen Corporationen ertönt, damit nicht ein Agitator für die Ge- werkschafteu Ade und der andere guten Tag zu derselben Minute sagt; damit nicht ein hungeriger Gewerksgenosse ohne Wanderunterstützung aus einem Ort wieder fortgehen muß, weil nun gerade seine Corps- ration daselbst keine Verbindung hat, wohl aber eine gefüllte Hauplkasse der dortigen Gesammtgewcrke; und damit endlich unseren reisenden Kameraden ein anständiges Heim bereitet wird, durch die vereinigte Kraft Aller und den bis heute noch bestehenden arbeiterfeindlichen„Her- bergen" der Rücke-i gekehrt werden kann. Dieses mein Vorschlag. Ich ersuche die Gewerkschastsvorstände, mir ihre Ansichten betreffs der Conferenz mitzutheilen, um d„s Erforderliche im„Vorwärts" so- dann bekannt zu machen. Mit svzialdemokrajischem Gruß August Kapell. Hamburg, St. Pauli. 2. Erichstraße 7. HL. Bitte alle Parteiblätter um Abdru-k des Obigen. *1 Wir müssen bedauern, den Lorbeerkranz für diesen kostbaren Rath der Redaktion des„Düsseldorfer Anzeigers" wieder vom Hauple reißen zu müssen, er gebührt unserm Vilwr, unserm Böhmert, dem der„An- zciger" nur nachgeplaudert hat. D. R. d.«" Verloosung. Veranstaltet in London zu Gunsten der politische» Berurtheilten in Nen-Calcdonicn. Bürger! Wir haben Euch aufgefordert, Euch unserm Streben an- zuschließen und uns Gaben für unsere Verloosung zu senden. Ihr seid unserm Appell weit über unsere Erwartungen hinaus nachgekommen. Aus Frankreich, England, Deutschland, der Schweiz, Belgien haben w r freundliche Gaben und sympathische Zustimmung erhalten. Maler, Bildhauer, Zeichner, Goldschmiede, Uhrmacher zc. tc. haben für uns ge- arbeitet. Dichter, berühmte Schriftsteller haben uns ihre Werke ge- widmet. Wir danken ihnen im Namen Derer, welche für eine Revo- lution leiden, deren Berechtigung die gegenwärtigen Ereignisse bestätig-n und welcher die Zukunft rühmend gedenken wird. Aber unsere Bestrebungen sind noch nicht beendet, wir haben Gaben gesammelt und es gckt nun die Loose unterzubringen. Wir glauben, daß Niemand davon abstehen wird, uns seinen Beistand auch ferner angedcihen zu lassen, um unfern Erfolg sichern zu helfen.' Arbeitsgenoffen! Die Revolution des 18. März gehört Euch. Ihr alle seid für sie verantwortlich, sie verleugnen, wäre Verrath! Ihr seid solidarisch mi- Denen, welche für das Verbrechen dulden, besiegt worden zu sein. Ihr müßt gemeinschrsUich an unserm Werke mitarbeiten. Wir rechnen um so mehr auf Euch, Denker, Männer des Fortschritts und Berlheidiger des Rechts, als wir wissen, daß Ihr keine Geselljchaits- ordnung gelten lassen könnt, welche zu ihrer Erhaltung der periodischen Niedermetzelungen, Einkerkerungen, der Verbannung und Bertreibung von Millionen ihrer Bürger bedarf. Die Zahl der mehr als 1200 Gewinnste repräsentirt einen Werth von 25,b00 Francs. Unter den Gewinnen figuriren: Kunstwerke. Gemälde von Courbe t, Bazin,Montbars, Dupuis, Laucha rd, Moormans rc. Bildhauer- Arbeiten von Chapu(ein Basrelief),. Ottin, Brisson zc. Stahlstiche von Daubigny. Charbonel, Malet, Pon, Flameng, Montbars zc. Ceramikum, Bronze, Steingut, Gypsarbeiten, Aquarelle, Lichtbilder. Photographien: Ein Prachtalbum(Ansichten von Jersey); ein Por- traft von Delescluze, drei dergleichen von Garibaldi, 24 Ve- lasquez'S, 4 Fragonard's zc. (Schmuckgegenstände: Armbänder, Ringe, Nadeln zc. im Werthe von 2000 Francs. Uhrenwaaren: Goldene und silberne Uhren im Werthe von 1200 Francs. Schriftsteller-Arbeiten: Widmungsgruß der Autoren; Werke von Viktor Hugo, Karl Marx, Odysse Barot, Leon Cladet, Aves Guyot, Sigismond Lacrvix, C. H. Bradlaugh, A. Besant, P. Taylor(Mit- glied des Parlaments). Eine Collection des Journals„Droits de l'Homme" mit den Autographien sämmtlicher Redakteure, sowie eine große Anzahl Schriften von berühmten Autoren. Verschiedenes. Eine ausgezeichnete Sammlung von Meermoosen, Stickereien, Linnenzeug(Wäsche), Confections- und Tapisserie- Gegenstände, künstliche Blumen, Fächer, Papeterie- Gegenstände, Necessaire, Reisekassetten, Handtaschen zc. Alle Loosinhaber, auf deren Nummern keiner der vorerwähnten Gewinne fällt, haben Anspruch auf eine Zeichnung, welche zum An- denken an diese Verloosung von einem unserer bedeutendsten Künstler extra angefertigt wurde. Die Zahl der Loose ist auf 60,000 Nummern festgestellt. Preis 1 Francs(80 Pfennig). Ort und Zeit der Ziehung werden durch die Presse bekannt gegeben. Die Commisfion: H. Andreß, 29, Windmill Street, Tottenham Court Road, W. A. Combault(Secretaire corrcspondant), 24, Broad Street, Golden Square, IV. F. Kaufmann, 19, St. John Square, Clerkenwell E. Kleinmann, 21, Upper Charles Street, Northampton Squa_ Clerkenwell. E. Landrin, 31, Howland Street, Fitzroy Square, Vi F. Lassa sie, 37, Charlotte Street, Fitzroy Square, W. A. Leduc, 2, Mincing Lane, E. C. E. Poutrel, 45, Drummond Crescent, Euston Square. F. Prive, 31, Wells Street, Oxford Street, VV. V.Richard (Tr(sorier), 67, Charlotte Street, Fitzroy Square, W. E. Sevin, 218, Vauxhall Bridge Road, Prm ico. A. Theiß,(Leoretaire corre- spondant), 36, Charlotte Street, Fitzroy Square, W., in London. Loose sind zu beziehen durch alle Mitglieder der Commisfion. Briefkasten der Redaktion. Chr. O. in Braunschweig: 1) Suchen Sie sich in einer Maschinenfabrik als Schlosser Stellung zu verschaffen. 2) Meyers kleines Lexikon.— D. in Elberfeld und S. in Braunschweig: Im Hin- blick auf den in heutiger Nummer befindlichen Aufruf von A. Kapell halten wir es für das Beste, wenn die weitere Behandlung der Central- blattftage der Conferenz überlassen wird. Lediglich aus diesem Grunde haben wir Ihre Einsendung zurückgelegt. der Expeditron. W. Grhld Hßlch: Der Betteffende schuldet seit 5. August d. I. 13,60 M. Wollen Sie für Zahlung zc. sorgen. Quitiung. Wahlverein Limmer Ann. 0,90. Kppf Graz Ab. 6,80. Slbrg Wien Ab. 16,40. Rtubrn Dortmund Ab. 1,00. Slbrhrn Eßlingen Ab. 12,60, Schr. 6,50. Ottrbch Stuttgart Ab 3,20. Mllr Szigetvar Ab. 2,42. Tt b er Ann. 0,50 Sptmnn Rendsburg Ab. 8,00. Gy hrec Ab. 3,20. I. Mrc Gosporini Ab. 1,70. Untr Jassy Ab. 2,00. Tbnr Neusatz Ab. 3,11. Frnz Jägerndorf Ab. 4,00 u. 8,95. Grd Stötteritz Ab. 15,05. Gglr hier Ab. 3,90. Hckrt Connewitz Ab. 33,15, Schr. 6,45. Wtl hier Ann. 1,20. Tbr hier Ab. 1,25. Brtrm hier Ab. 11,90. Arbeiterbild.-Berein Leoben Ab. 8,61. Mllr Mann heim Ab. 40,00. Mcknsy Düsseldorf Ab. 6,40. Lgs Hannover Sch''. 13,60. Schfr Gohlis Ab. 11,70. Trst Kl.-Zschocher Ab. 5,85. Krfwr Wien Ab. 1,72. Arns hier Ab. 1,80. Sozialdemokratischer Wahlverein. e�tUUlvUtt. Sonnabend, den 13. Oktober, Abend? halb 9 Uhr, im Vereinslokal, Mittelstraße Nr. 11:(F. 164) Oeffentliche Versammlung. Tagesordnung: Vorlesung. I7L. Alle Diejenigen, welche sich zum Probe-Borlesen gemeldet haben, müssen pünktlich erscheinen. Der Borstand.(80 0,80 haben gefehlt. H. Sounabend, den 13. Oktober. Abends 8 Uhr, im T O O* Lokale des Hrn. Träger(Thicme'sche Brauerei), Tau- chaerstrage Nr. 12: Generalversammlung der Krankenkasse des Gewerkvereins der Metallarbeiter für Leipzig und Umgegend(Eing. Genvsseusch.) Tagesordnung: 1. Rechenlchaftsbericht. 2. Abänderung der§Z 3, 10, 16 und 26 der Statuten. 3. Wahl zweier Borstandsmitglieoer. 4. Innere Angelegenheiten nnd Anträge. Jedes nichtanwesende Mitglied zahlt nach§ 26 25 Pfennig Strafe. 1,30)- R. Ludwig, Borsteher. O ot U 1 1 /t Central-Gewerkschafts-Krankenkasse Leipzig. Metallarbeiter. Sonnabend, den 13. Oktober, Abends halb 9 Uhr, bei Herrn Hunse, Roßstragö Nr. 4k: Versammlung. Aufnahme neuer Mitglieder.— Zahlreiches Erscheinen erwünscht. dlL. Die Versammlungen finden von jetzt an regelmäßig Sonn- abend bei H. Hunse statt, woselbst auch der Fremtenverkehr der Metallarbeiter ist. I. A.: R. T.(1,00 Für Lokal- n. Gewerkschafts-Vereine jeder Art passend sind praktisch eingerichtete Cassrncoltto-KMitgliederbtitrags- Süchcr zum Selbstkostenpreis ä 50 Pfg. zu beziehen. Porto bei 1— 2 Paar 20 Pfg.; 3 Paar 30 Pf.; darüber 50 Pf. Bestellungen sind zu machen bei A. Geib in Hamburg, Rödingsmarkt 12. Soeben erschien in neuer Auflage und ist durch uns zu beziehen: Die bürgerliche Gesellschaft. Ein Bortrag gehalten vor freireligiösen Arbeitern des Wupperthals i« Elberfeld-Barmen von Joseph Pietzgen. Preis 10 Pf. Die Expedition des„Vorwärts". Prachtvoll und solid gearbeitete Einbanddecken (Goldpressung) für die „Neue Welt" Jahrganz 1876 u. 77 sind a Stück M. 1,20 gegen baar oder Nachnahme durch die Buch- binderet von H. Jansen, Leipzig, llmversitätSstraße 16 zu be- ziehen. Colporteure und Filialexpcditionen erhalten bei Partiebezug entsprechenden Rabatt. Porto zu Lasten der Empfänger. NL. Bestellungen hieraus werden entgegengenommen und effettuirt von der Expedition drr„Neuen Welt", Leipzig, Färberstr. 12 st- Verantwortlicher Redakteur: H ermann Helßig in Reudnitz-Leipzig Redaktion und Expedition Färbersttaße 12/11. in Leipzig. Druck und Verlag der Genosscnjchastsbuchdruckerei in Leipzig