Erscheint in Leipiig Mittwoch, Freitag, Zonatag. Abonnementspreis iür ganz Teutschland t M, 69 Ps. pro Quartal. Monats- Abonnements worden bei allen deutschen Postanstaltm aus den 2. und Z. Monat, und auf den : Aonal besonders angenommen: im »iftgt. Sachsen und Herzogth. Sachsen- «ltmburg auch aus den tten Monat dfs Quartals k 54 Psg. Inserate betr. Versammlungen pr. Petitzeile 10 Pf., betr. Priralangelegenheite» und Feste Pro Petitzeile 3v Ps. Vorm ärts ZZestellungen nehmen an alle Postanstalten und Buch- Handlungen des In- u. Auslandes. Filial- Expeditione». Re«-Nork: Soz.-demolr. Senosten- schastsbuchdruckcrei, 154 Eldridge Str. Philadelphia: P. Haß, SZ0 Isortl» Zrs Steoot. I. Boll, 1129 Charlotte Str. Hoboken N.J.: F. A. Sorge, 215 Wash» Ingston Str. Chicago: A. Lansermaiin, 74 Ciybourne Eon FranziSco: F. Entz, 4'l Z OTairdl Str. London W.: C. Hcnze, 8 New Otr. Golden Square. Gentrat Grgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Rr. 128. Mittwoch, 3l. Oktober. 1877. Monnements aus den„Vorwärts" für die Monate November u. Dezember zu 1,10 M. werden bei allen deutschen Postanstalten, für Leipzig pr. Monat zu 60 Pf. bei der Expedition, Färberstr. 12 U, unserm Colporteur M. U l r i ch, Hohe Str. 23, Hof Part., in den Filialen: Cigarrenladen des Hrn. PeterKrebs, Ulrichsg. 60, und Sattlerwerkst. amKönigs- platz?; für die Umgegend von Leipzig bei den Filialexpeditionen: für Vskkmarsdorf, Keudnitz, Neuschönefeld ic. bei Frau Engel, Reudnitz, Täubchcnweg 29, 2 Tr., für Eannewitz ic. bei H ackert, Kurze Str. 10 Part., für Kleinzschocher u. Umgegend bei Trost, Hauptstr. 10/1, für Thonberg bei B ö s ch, Hospitalstr. 39/11, Leipzig, Neureudnitz bei Zschau, 151, für Nlagwitz-Lindenau bei Frau Bräfenstein, Aurelienstr. 3, für Hohlis ic. bei A. Herms- dorf, Lindenthaler Str. 7, für Stötteritz bei Grude, An der Papiermühle, angenommen. Für Aertin wird auf den„Vorwärts" monatlich für 75 Pf., frei in's Hans abonnirt, bei der Expedition der„Berliner Freien Presse", Kaiser-Franz-Grenadier-Platz 8a, und bei Rubenow, Brunnenstr. 34, i , im Laden. Herr Professor Dr. Schässle replizirt in der dritten Auflage seiner Schrift:„Die Quintessenz des Sozialismus" auf meine Bemerkungen über seine Auffassung der Marx'schen Werththeorie und wird es zu weiterer Verstän- digung nothwendig, hier nochmals auf den streitigen Punkt zu- rückzukommen. Zuerst muß ich auf eine kleine, aber bedeutungsvolle Ab- änderung aufmerksam machen, welche in der qu. dritten Auflage stattgefunden hat. In den früheren Auflagen schloß Herr Pro- fessor Dr. Schaffte das 6. Kapitel mit den Worten:„Der So- zialismus muß diesen von seinen Theoretikern arg mißachteten Punkt am ehesten zu berichtigen suchen; vorher läßt sich mit ihm doch kaum eine Diskussion von praktischer Bedeu- tung anknüpfen. In der neuesten Auflage sind die vor- stehend gesperrt gedruckten Worte fortgelassen, und dürfte daraus zu folgern sein, daß mein Herr Gegner einerseits die behauptete Mißachtung des fraglichen Punftes nicht mehr für so„arg" hält und daß er andererseits nicht mehr gewillt ist, einer Dis- cussion jede praktische Bedeutung abzusprechen. Das ist meines Erachtens ein bedeutender Schritt zu weiterer Verständigung, den ich mit Vergnügen hier acceptire. Als Anmerkung zu dem vorstehend citirten und gegen früher corrigirten Satz, in welchem also eine Correctur der Werth- theorie verlangt wird, schreibt Herr Dr. Schäffle: „Dies thut Herr Schramm im„Vorwärts" 1877 Nr. 61 und 62 in einer sachlich gehaltenen Polemik gegen die Quint- essenz deS Sozialismus. Er giebt nämlich dem Marx'schen Be- griff der„gesellschaftlich nothwendigen Arbeitszeit" eine Deutung, welche in dem Begriff des„gesellschaftlich nothwendigen" das unterbringt, was ich den Gebrauchswerth nenne. An und für fich habe ich gegen diese Auslegung Nichts einzuwenden, da sie die von mir betonte nothwendige Mitbestimmung des Tausch- werthes durch wechselnden Bedarf wenigstens prinzipiell zur Geltung kommen läßt. Doch muß ich zwei Gegenbemerkungen mir erlanben. Einmal, daß ich meine Auffassung des Marx- scheu Begriffs der„gesellschaftlich nothwendigen Arbeitszeit" im- wer noch nicht für unrichtig halten kann, denn Marx erklärt Güter, welche gleich große Arbeitsquanta enthalten, oder in der- selben Arbeitszeit hergestellt werden können, tauschwerthgleich. Sodann habe ich zu bemerken, daß, wenn Herr Marx die Schramm'sche Auslegung billigen würde, die gesellschaftlich noth- wendige Arbeitszeit als praktischer Anhaltspunkt der Taxbe- stimmung unbrauchbar werden würde und zwar durch die Hinein- zwängung des ganz selbständigen zweiten Moments der Tausch- Verthbestimmung, des sozialen Geörauchswerthes nämlich, in die gesellschaftliche Arbeitskostengröße. Ich möchte daher zweifeln, ob Marx die seiner Werththcorie gegebene Auslegung aner- kennen wird und bleibe für mich selbst dabei, daß gesellschaftliche Arbeitskosten und gesellschaftlicher Bedarf beide selbständig und ohne vermengende Jneinanderschiebung zur Tauschwerthbestim- mung in jeder Epoche der Bolkswirthschaft herangezogen werden müssen." Herr Dr. Schäffle meint also, daß meine Auffassung der dem Sinne dieser Theorie nicht entspreche, daß man aber gegen die Marx'sche Theorie in dieser Auffassung Einwendungen durch- schlagender Art nicht wohl erheben könne. Ich acceptire dies Zugeständniß mit Freuden, muß aber darauf hinweisen, daß die- selbe Auffassung der Marx'schen Wcrththeorie, welche ich gegen Hrn. Dr. Schäffle zur Geltung gebracht habe, schon in den von mir im Jahre 1874 geschriebenen, im„Volksstaat" veröffent- lichten Aufsätzen enthalten ist. Eine Correctur meiner Ansichten hat also nicht stattgefunden, war auch vollständig unnöthig, da ich noch heute der Meinung bin, daß ich Marx� richtig verstau- den habe. Ich gestehe aber gern zu, daß die exclusive Art und Weise, in welcher Marx den Tauschwerth immer nur an beliebig ver- mehrbarcn Gütern demonstrirt, zu der irrthümlichen Auffassung Veranlassung gegeben hat, welche nicht nur Herr Dr. Schäffle, sondern sogar verschiedene Parteigenossen von der Marx'schen Theorie haben. Behauptet doch sogar die sozialistische„Zu- kunft pag. 94, daß die von mir vertretene Auslegung eine der av) o!'�e0rie fremde sei! Diesen Änffflauungen gegenüber muß ich immer wieder be-' tonen, daß es Marx in dem vorliegenden Theile seines Wertes! m der Hauptsache darum zu thun war, die Entstehung des Mehrwerthes klar zu legen und daß es aus diesem Grunde ge- boten erschien, alle die Entstehung des Mehrwerthes verdunkeln- den Nebenumstände vorläufig unbeachtet zu lassen. Wer Marx ' eingehend studirt, wird die Ueberzeugung gewinnen, daß meine Auffassung in dieser Hinsicht richtig ist. In der 1859 bei Duncker erschienenen Schrift:„Zur Kritik ' der politischen Oekonomie" entwickelt Marx den Plan zu seinem ! Werke und verspricht dabei die Lösung folgender Probleme: ; Erstens: Wenn die Arbeitszeit das Maaß des Tauschwerthes , ist, wie läßt sich auf dieser Grundlage die Höhe des Arbeits- � lohnes entwickeln? Zweitens: Wie führt Produktion auf der Basis des durch bloße Arbeitszeit bestimmten Tauschwerthes zu dem Resultat, daß der Tauschwerth der Arbeit kleiner ist, als der Tauschwerth ihres Produktes? Diese beiden Probleme haben in dem vorliegenden ersten Bande des Kapitals ihre Lösung erhalten; man wird einsehen, daß hierzu ein weiteres Eingehen auf Nebenumstände bei Defi- nitifion oes Tauschwerthes nicht nothwendig war. Drittens: Der Marktpreis fällt unter oder steigt über den Tauschwerth mit dem wachsenden Verhältniß von Angebot und Nachfrage. Wie kann auf Grundlage des Tauschwerthes ein von ihm verschiedener Marktpreis entstehen?— Die Lösung dieses Problems liegt in der— von Marx noch nicht entwickelten Lehre von der Concurrenz. Viertens: Wenn der Tauschwerth nichts ist, als die in � einer Waare enthaltene Arbeitszeit, wie können Waaren, die keine Arbeit enthalten, Tauschwerth befitzen, oder in anderen Worten: Woher der Tauschwerth bloßer Naturkräste? Dieses Problem soll bei der Lehre von der Grundrente gelöst werden. Aus diesem Plan geht mir zweifelsohne hervor, daß Marx die durch den gesellschaftlichen Bedarf an Gütern— bei deren Erzeugung der Naturfattor eine besondere Rolle spielt— ent- stehende Werthsteigerung entweder nur als eine durch Concur« renz-Berhältnisse entstehende Preissteigerung ansehen und er- klären oder aber auch hier ein abgeleitetes Werthverhältniß nach- weisen wird, wie er es bei dem Werth von Grund und Boden angedeutet, bei dem Werth der zur Waare gewordenen Arbeits- kraft bereits nachgewiesen hat. In beiden Fällen kann und wird dem von Hrn. Di. Schäffle geforderten„gesellschaftlichen Be- darf" vollauf Rechnung getragen werden, da ja bei der Lösung der letzten beiden Probleme der Einfluß der Nachfrage ebenso wie die Wirksamkeit des Naturfaktors zur Besprechung und Er- läuterung kommen muß. Die Auslegung, welche ich der„gesellschaftlich nothwendigen Arbeit" gegeben habe, basirt aber nicht nur auf den vorstehen- den Erwägungen, sondern auf einer Stelle in der oben citirten Marx'schen Schrift, in welcher Marx selbst diese Defini- rung hervorhebt. Er schreibt dort pax. 39: „In direkter Polemik mit Ricardo betonte Sismondi sowohl den spezifisch gesellschaftlichen Charakter der Tauschwerth setzen- den Arbeit, wie er es als„Charakter unseres ökonomi- schen Fortschritts" bezeichnet, die Werthgröße auf nothwen- dige Arbeitszeit zu reduziren, auf„das Verhältniß zwi- schen dem Bedürfniß der ganzen Gesellschaft und der Quantität Arbeit, die hinreicht, das Bedürfniß zu be- friedigen". Da Marx diesen Satz in einem Kapitel citirt, welches er „Historisches zur Analyse der Waare" betitelt, da dies Citat ge- bracht wird, nachdem unmittelbar vorher die Werththeorie ent- wickelt und dabei der Ausdruck„notywendige Arbeitszeit" ge- braucht worden ist, glaube ich annehmen zu dürfen, daß Marx mit dem Wort„nothwendig" denselben Sinn verbindet, den er im Einverständniß mit Sismondi als einen ökönomischen Fort- schritt bezeichnet. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß Herr Dr. Schäffle nach Kenntnißnahme von dieser Stelle meine Auffassung als berech- tigt anerkennen und zugestehen wird, daß die Marx'sche Werth- theorie Genüge leistet. Herr Dr. Schäffle begnügt sich aber nicht mit der Richtig- keit der Theorie, er verlangt vielmehr, daß dieselbe„als prak- tischer Anhaltspunkt für die Taxbestimmung brauchbar" sein solle, er verlangt mit anderen Worten, daß sich aus der Werththeorie dasjenige entwickeln solle, was er in seinem„Gesellschaftlichen System der menschlichen Wirthschaft" den natürlichen Tausch- Werth nennt und was ich den Durchschnittspreis nennen möchte. Herr Dr. Schäffle hängt also noch immer an der Meinung, daß Marx mit seiner Werththeorie einen„Vertheilungsplan" habe ausarbeiten wollen, und dokumentirt damit— mit Verlaub— eine durchaus falsche Vorstellung von den Motiven, die Marx bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten geleitet haben. Es dreht sich Hrn. Marx nicht darum, Zukunftspläne auszuarbeiten, er will nur durch rückhaltslose Kritik des Bestehenden Erkennt- niß der Fehler und Mängel unserer gesellschaftlichen Zustände verbreiten. Das war schon sein Wunsch und Wille bei Begrün- dung der deutsch-ftanzösischen Jahrbücher und es ist mir un- denkbar, daß ein so zäher und unbeugsamer Charakter wie Marx von dem einmal für nothwendig und zweckmäßig Er- kannten abgegangen sein solle. Was Marx will, sagt er offen in der Einleitung zu den oben genannten Jahrbüchern in seinem Briefe vom September 1843: „Ich bin nicht dafür, daß wir eine dogmatische Fahne auf- pflanzen, im Gegentheil! Wir müssen den Dogmatikern nachzu- helfen suchen, daß sie ihre Sätze sich klar machen. So ist na- mentlich auch der Communismus eine dogmattsche Abstraktion, wobei ich aber nicht irgend einen eingebildeten und möglichen, sondern den wirklich cxisttrenden Communismus, wie ihn Cabet, Dezamy, Weilling:c. lehren, im Sinne habe. Dieser Commu- nismus ist selbst nur eine aparte, von seinem Gegensatz, dem Privat- Eigenthum infizirte Erscheinung des humanistischen Prin- zips. Aufhebung des Privat-Eigenthums und Communismus sind daher keineswegs identisch und der Communismus hat an- dere sozialistische Lehren, wie die von Fourier, Proudhon ic. nicht zufällig, sondern nothwendig sich gegenüber entstehen sehen, weil er selbst nur eine besondere, einheitliche Verwirklichung des sozialistischen Prinzips ist." „Und das ganze sozialistische Prinzip ist wieder nur die eine Seite, welche die Realität des wahren, menschlichen Wesens betrifft. Wir haben uns ebensogut um die andere Seite, um die theoretische Existenz des Menschen zu kümmern, also Reli- gion, Wissenschaft ic. zum Gegenstand unserer Kritik zu machen. „Wir treten nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip ent- gegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir entwickeln nur der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien. Wir sagen ihr nicht: Laff' ab von Deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen Dir die wahre Parole des Kampfes zuschreien! Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft und das Bewußtsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muß, wenn sie auch nicht will." Vergleicht man die in diesen Zeilen ausgesprochene Ansicht mit der Vorrede zu dem„Kapital", so findet man in beiden Schriftstücken nur das Bestreben, Kritik zu üben, wie sich denn auch die beiden Werke von Marx schon in dem Titel als Kritik vorstellen. Ich kann Hrn. Dr. Schäffle gegenüber also nur wiederholen und glaube dies im Einverständniß mit allen Partei- genossen zu thun, daß der Sozialismus in der Marx'schen Äerththeorie keinen Vertheilungsmaßstab sucht oder erblickt. Für mich persönlich möchte ich hier bemerken, daß ich mit Hrn. Dr. Schäffle's Ansicht vollständig übereinstimme, wo er von der für die Vertheilung des Arbeitsertrages nothwendigen „Tauschwerthbestimmung" spricht; die von ihm in dem„Gesell- schaftlichen System" in dem Kapitel über„Die Feststellung des Tauschwerthes" entwickelte Ansicht von dem natürlichen Tauschwerth scheint mir— wenn ich statt Werth—„Preis" setze— durchaus zutreffend zu sein und würde sich meines Er- achtens auch als zweckentsprechender Vertheilungsmodus gebrau- chen lassen, wenn der Communismus in ausgedehntem Mtße eingeführt und die produktive Arbeit föderalistisch-genossensc!.st» lich organisirt wäre. C. A. Schramm. Die Motive des Sozialismus. Ein Wort wider„christliche" Beschuldigungen" von F. R. (Schluß.) Ernsthast denkende Männer muß dies doch stutzen machen. Es muß Entsetzen erregen, wenn wir sehen, daß die Organisation unserer Gesellschaft nur besteht auf Kosten der materiellen Skia- verei der ungeheuren Mehrzahl, um den Preis der Prostitution einer furchtbaren Masse sittlicher Persönlichkeit? Das ist's, Herr Pfarrer, was uns Sozialisten bewegt; hier entspringen unsre „unlautern Motive". Habsucht, Neid, Klassenhaß, Genußsucht. Fühlen Sie nicht einen leisen Hauch von Nöthe in ihrem Antlitz, wenn Sie diese Wahrheit und Ihren Vorwurf vergleichen? Denn auch Sie sehen ein, daß nicht alles richtig steht in der gegenwärtigen Welt. Auf allen geistlichen Conferenzen steht jetzt die soziale Frage auf der Tagesordnung; oft wird der Herr- schende Nothstand anerkannt; vielfach beklagt man die Ansamm- lung von horrenden Kapitalien in wenigen Händen, während die Menge darbt, und ziemlich allgemein ist in Ihren Kreisen das Bewußtsein, daß„ein Theil" der Schuld auf Seiten der Reichen liege. Sogar Schuster*), dessen Schrift sich in Ihren Kreisen so sehr verbreitet findet, den Sie gewiß nicht des Lieb- äugelns mit uns beschuldigen werden, erkennt dies an. Wenn man aber ftagt: Wie soll denn nun geholfen werden, da weiß Keiner, wo aus und wo ein und mit luftigen Segeln schwimmt man ins weite Meer der Phrase. Nennen Sie mir, Herr Pfarrer, die Versammlung von Geistlichen, auf der ein wirklich positiver Borschlag, das soziale U.bel zu heben, durch- drang. Weckung christlichen Geistes, Förderung der Menschen- liebe, so lauten meist die in Borschlag gebrachten Mittelchen; aber der Mund verstummt, wenn man fragt, wie es angefangen werden müsse, diese wohlgemeinten Redensarten ins praftische Leben zu übersetzen. Ein paar Flickmittelchen, wie Armenpflege, Volksbibliotheken, Beihülfe zum Unterricht Verwahrloster u. a. in. dienen dazu, bequem über die brennende Prinzipienftage hinweg- zukommen und sich selbst das wohlfeile Bewußtsein zu verschaffen, daß man es mit dem Volke wohl meint. Ueber die Flickmittelchen an sich will ich nicht schelten. Sie können immer Linderungsmittel sein; und wenn Sie auch nur oberflächlich unser Thun verfolgt haben, wird Ihnen nicht ent- gangen sein, daß unsre Reichstagsabgeordneten für mancherlei Linderungsmittel(Fabrikgesetz) Plaidiren. Nur dann erklären wir uns gegen diese Mittel, wenn sie, wie es oft geschieht, als Bestechungsmittel angewandt werden; als Köder für oder gegen ein bestimmtes Partei- oder Privatinteresse, wie ich es oben an dem Beispiel des menschenfreundlichen Fabrikherrn in seiner mildesten Form gekennzeichnet habe. Doch die Erkenntniß, daß solche Mittel lindern können, kann unfern Blick nicht verschleiern und bewirken, daß wir in ihnen Heilmittel sehn. An den äußeren Symptomen läßt sich die Krankheit erkennen, heilen läßt sie sich nur, wenn es gelingt, ihre Ursachen zu entfernen. Die Ursache der Krankheit unsrer ') Herr Pfarrer Schuster hat aus einzelnen Stellen sozialistischer Schriften, die ihm gerade in den Kram paßten fein System des So- zialisnms zusammengestellt. Glauben Sie nicht, Herr Pfarrer, daß man es fertig bringen könnte, aus einzelnen Stellen der Bibel eine recht häßliche Fratze deS Christenthums zusammenzustellen? Ueberiegen Sie das einmal, vergegenwärtigen Sie sich die sittliche Entrüstung, die dies m Ihnen hervorrufen würde— und dann urtheilcn Sie über die sittliche Qualität solcher Bücher wie das von Schuster. Zeit ist aber nach unsrer Ueberzeugung die durch materielle Mittel hervorgebrachte Sklaverei der Massen. Also fragen wir, wie lassen sich die materiellen Mittel so in den Dienst der Menschheit stellen, daß die Möglichkeit, daß der Mensch den Menschen durch fie unterjoche, prinzipiell ausgeschlossen ist? Die Antwort darauf kann nur eine sein: Nur dann ist jede Unterjochung des Einzelnen prinzipiell ausgeschlossen, wenn die Mittel, durch welche jene Unterjochung bewirkt werden kann, und das sind die Erwerbs- oder Produktionsmittel, aus dem Eigentbum der Einzelnen in das Eigenthum der Gesammtheit übergehen. Dieser Uebergang ist möglich, denn„die Natur produzirt nicht auf der einen Seite Geld- oder Waarenbesitzer, und auf der andern Seite bloße Besitzer der eignen Arbeitskräfte. Dies Verhältniß ist kein naturgeschichtliches und ebensowenig ein ge- sellschaftliches, das allen Geschichtsperioden gemein wäre. Es ist offenbar selbst das Resultat einer vorhergegangenen histori- scheu Entwicklung, das Produkt vieler ökonomischer Umwälzungen, des Untergangs einer ganzen Reihe älterer Formationen der gesellschaftlichen Produktton."(Marx, das Kapital, 2. Aufl., S. 154.) Und alles was entsteht ist werth, daß es zu Grunde geht. So muß auch diese Formation einer höheren und besseren weichen, wenn nur einmal die Einsicht, daß sie verbesserungs- bedürftig und verbefferungsfähig sei, Einfluß im Staatsorganismus gewonnen hat. Damit das Bolk aber Einfluß üben kann, ist nöthig, daß alle, deren Interessen mit dem Staatsleben verknüpft sind, und das ist das ganze Volk, an der Regierung des Staats Antheil nehmen, daß das Volk sich selbst regiere; denn„alle Gesetze, zu allen Zeiten, bei allen Völkern folgen dem Grundsatz, daß sie das möglichst große Glück der Gesetzgeber zum Ziele haben."(Wiener, Grundzüge der Weltordnung S. 440.— Kein Sozialist, Herr Pfarrer.) Sollen daher Gesetze zum Wohl des ganzen Volks gegeben werden, so muß auch das ganze Bolk sie geben. Deshalb sind wir Demokraten; aber wir wollen diese Demokratie auf allmähligem gesetzlichem Weg realisiren. Damit dieses möglich sei, muß Einsicht und Bildung verbreitet werden; „die Erlangung und Bewahrung der Freiheit ist an eine bessere Erziehung der Kinder geknüpft"(Thünen, der isolirte Staat II, 2, S. 7.— Conservattver Gutsbesitzer, kein Sozialdemokrat Herr Pastor!) Und auch die Erwachsenen müssen wir lehren, wie „das Interesse des Einzelnen an das des Ganzen geknüpft" ist, daß„der Einzelne mttleidet, wenn andre unrichtig handeln, und es somit in fernem Interesse liegt, sie zur richtigen Einsicht und zum Rechthkndeln führen."(Thünen ebenda.) Deshalb ver- langen wir verbesserten Schulunterricht, deshalb treiben wir unsere Agitation. Aber auch dann, wenn wir es mit allen sittlichen Anstren- gungen dahin gebracht haben, daß die Mehrheit des Volks auf unsrer Seite steht; auch dann, wenn die volle Macht, unsre Ideale zu verwirklichen, in unfern Händen liegt, auch dann— halten Sie uns im Ernst für so roh und brutal, daß wir dann die Waffen, die uns soweit zum Siege geführt haben, die Waffen der Einsicht und der Menschenliebe hinwerfen sollten, um zu der finstren Wehr des Mittelalters, der Gewalt zurückzugreifen. Weniger als irgend einer, ist das unser Standpunkt. Wir, die wir auch die Entwicklung der Gesellschaft als einen ge- waltigen Naturprozeß auffassen, wissen wohl, daß sie diese „naturgemäßen Entwicklungsphasen weder überspringen noch weg- dekretiren kann. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern."(Marx, Kapital, Einl.) Sie kann gesetzliche Hcmm- niffe wegschaffen, sie kann nach und nach die Produktionsmittel auf dem Weg berechtigten Kaufs mit den gesetzlichen Mitteln der Gegenwart in ihre Hand bringen und so auf gleichem, ruhigem Entwicklungspfad die ungeheure Umwälzung zu Stande bringen. Uns, die wir in den letzten Jahrzehnten ungeheure Umwälzungen und Entwicklungen durch die materiellen Kräfte des Dampfs und der Elektrizität auf friedlichem Wege vor sich gehn sahen, kann dieser Ausblick keine Utopie sein. Wenn sie Ihnen als solche erscheint, Herr Pfarrer, mögen Sie uns immerhin intellektueller Jrrthümer beschuldigen. Kommen Sie nur in die Arena des geistigen Kampfs mit den Waffen der Wissenschaft! Wir sind uicht unbelehrbar, und auch vom Gegner lernen wir gern. Aber den moralischen Makel müssen wir von uns abwehren. Wohl mögen Sie recht haben, wenn Sie sagen, daß auch in unsere Reihen sich schlechte Menschen aus unlautern Beweggründen ein- drängen. Im Allgemeinen können Sie aus der Kirchengeschichte wissen, daß verfolgte Parteien an solchen nicht so reich sind, als verfolgende. Und wenn sich doch Einzelne finden sollten, so darf Sie das nicht wundern, der Sie lehren, daß unter den Jüngern v,. Jesus sich ein Judas befand; aber Sie dürften auch am w. zsten solchen Vorwurf einer großen Partei entgegenschleudern. Nrcyt uns schändet dieser Vorwurf, sondern Sie; und wenn Sie als ein Mann von Ehre betrachtet werden wollen, so werden Ein Stück Geschichte. Defension(Vertheidigungsschrift) in der Untersuchungssache wider Wand er. Bom Justizrath Robe(4. d. 9. September 1845). (Fortsetzung.) Wander sagt: in Hirschberg, also unter preußischer Regie- rung, sei keine Revolution je vorgekommen und werde schwerlich eine vorgekommen. Wenn also der Satz: die Revolutionen wer- den durch die schlechten Regierungen gemacht, richtig ist, in Hirschberg aber keine Revolution weder vorgekommen ist, noch schwerlich vorkommen wird, so ist damit gesagt, daß hier die er- wirkende Ursache fehle, mithin, daß die preußische Regierung keine schlechte sei; eine gute Regierung hat aber ihre Bürger nicht zu fürchten. Das iveiß sie und wird deshalb auch keine geheimen Späher zur Belauschung des Treibens der Bürger ab- � In seiner Verdrehungssucht aber, bestärkt durch die Roth- wendigkeit, seine gegen Wander unternommenen Ungesetzlichkeiten doch wenigstens einigermaßen zu rechtfertigen, behauptet Stieber: Wander habe die preußische Regierung als eine schlechte, und somit als die Ursache der ungesetzlichen, gegen sie ankämpfenden Bestrebungen der preußischen Unterthanen dargestellt. Wander ist nicht verpflichtet, die„mancherlei verbrecherischen Bestrebungen, welche in neuerer Zeit hervorgetreten sind", von Amtswegen zu kennen; daher wäre es wohl nöthig gewesen, daß Stteber diejenigen verbrecherischen Bestrebungen, welche er im Sinne hat, und den Laien in der Geschichte der Verbrechen des Tages vorenthält, ein wenig entschleiert hätte. Er geheimnißt zu viel, und, weil der Richter dem Denunzianten unmöglich gleich auf's Wort glauben kann, so bleibt es vor allen Dingen unerkannt, ob die Thatsachen, welche Stteber im Sinne behalten hat, zuerst als wirklich vorhanden, und demnächst auch zweifellos als Verbrechen dargethan werden; dann erst könnte man beur- theilen, ob es ein Verbrechen ist, der Regierung die Schuld dieser Thatsachen aufzubürden. Außerdem müßte k. Stteber dann immer noch erst nachweisen, daß Wander diese Thatsachen ge- kannt habe; sonst kann auch nicht angenommen werden, daß Sie diesen Vorwurf ohne Vorbehalt widerrufen. Dem von Ihnen angezogenen Geist„christlicher Liebe und Milde" würde dies jedenfalls nicht widersprechen. Ein Wort im Vertrauen, Herr Pastor! War es wirklich uneingeschränkt der Geist des Christenthums, der Geist christlicher Liebe und Milde, der Sie bcwog, so gegen uns aufzutreten? Oder hat sich nicht vielleicht der Gedanke an gewisse Dogmen und Ihnen lieb gewordene Anschauungen, die Ihnen unvermerkt zum„Wesen des Ehristenthums" geworden find, in Ihre Seele hereingedrängt und da den Ausschlag gegen uns gegeben? Schwerlich haben Sie sich so ganz unbefangen gefragt, warum Christus überhaupt als Lehrer öffentlich aufgetreten sei. Läge nicht vielleicht die entfernte Möglichkeit vor, Herr Pfarrer, daß alle Dogmen, daß die biblische Weltanschauung nichts als die wandelbare äußere Hülle, der aus den Zeitanschauungen und dem jeweiligen Erkenntnißstand beruhende und danach zu modi- fizirende historische Ballast sei; daß aber der Kern des Christen- thums dem Motiv nach in reiner Menschenliebe, dem Zweck nach in Beglückung der Menschheit gefunden werden müsse? Und sehen Sie, Herr Pfarrer, grade dieses ist der Geist, den Sie den Geist der Genußsucht, der Habsucht, des Neides, des Klassenhasses nennen,— grade dieser Geist, Sie Diener der Religion der Menschenliebe, ist der Geist des Sozialismus. „Hütet Euch vor den Pharisäern und Schriftgelehrten!" Sie wissen, Herr Pfarrer, über welche Menschenklasse diese Worte gesprochen sind: Ueber die in den Formeln der Ueberlieferung, in den Gebräuchen des Mosaismus eingerosteten Gelehrten, denen das Gespinnst eines dogmatischen Systems als Binde vor den Augen lag, denen das Geröll von Jahrhunderten den Quell rein menschlichen Fühlens im Herzen verschüttet hatte. Sie kreuzigten die Liebe, aber die Geschichte schritt gewaltig über sie fort, und nur ihr Fluch haftet an ihren Fersen. Hütet Euch vor den Pharisäern und Schriftgelehrten! So erschallt auch heute der Ruf. An Ihnen liegt es, Herr Pfarrer, ob dieser Ruf auch für Sie gelten, ob jener Fluch sich auch an Ihre Fersen heften soll. Das völlig voraussetzungslose Streben nach Erkenntniß und Wahrheit, das völlig uninteressirte Trachten nach Beglückung der Menschheit— das sind unsre Dogmen, die Dogmen, die ob allem Wandel der Erkenntniß thronen werden, so lange Menschen sind. Zu diesen mögen auch Sie schwören; sie find wahres Christenthum. Und bekennen Sie, Herr Pfarrer, bekennen Sie ganz stille in ihrem Herzen— Sie sagen zwar in einer sechsten(von mir nicht mit veröffentlichten) These, eine eingehende Beschäftigung mit der einschlägigen Literatur sei unerläßlich und Pflicht jedes Geistlichen—, aber gestehen Sie im Vertrauen zu, Sie haben bis jetzt wenig, ganz verzweifelt wenig den Sozialismus studirt. Ueber„Schuster", die Berichte einiger uns feindlicher Blätter, und vielleicht einer abgerissenen Lektüre einiger sozialistischer Zeitungsnummern und Broschüren ist Ihr Studium sicher nicht hinausgekommen. Ihre Beschuldigungen�— nehmen Sie es mir nicht übel Herr Pfarrer— entsprechen so sehr den landläufigen Jrrthümern des Philisters über Sozialismus, daß es im Wesent- lichen unmöglich anders sein kann. In die grundlegenden Schriften von Marx und Lassalle sind Sie nicht eingedrungen; die erläuternden, das Wesen des Sozialismus berührenden von Schäffle und Lange haben Sie achtlos bei Seite liegen lassen und in dem, was Sie wirklich gelesen, was Sie wirklich studirt haben, da haben Sie— Herr Pfarrer, es kann gar nicht anders sein— es gemacht wie—„Schuster". Nicht nach dem Grund- satz: Prüfet Alles und das Beste behaltet! sind Sie an den Sozialismus herangetreten, sondern mir dem Vorurtheil, Sie würden Häßliches, Abscheuliches, Unchristliches in ihm finden. Und da— auch wir sind Menschen, Herr Pfarrer, und manches Wort mag auch unsrerseits gesprochen worden sein, was nicht dem Geist des Sozialismus entspricht und besser unterblieben wäre— da natürlich mußten Sie finden, was Sie wollten. Sagt doch selbst von der Bibel der alte Spruch eines Kirchen- vaters, daß es ein Buch sei, in dem jeder seine„Dogmen" suchen und finden könne. Die Beurtheilung aber, Herr Pfarrer, ob ein solches Verfahren, den Geist einer Lehre zu finden, sittlich ist— diese Beurtheilung überlasse ich Ihnen selbst. Ist es Ihnen aber im Ernst darum zu thun, den Geist des Sozialismus zu begreifen, so studiren Sie ernst, gründlich und anhaltend; bannen Sie jedes Vorurtheil, suchen Sie Zufälliges von Wesentlichem genau zu scheiden, kritisiren Sie nicht eher, als bis Sie ganz verstanden haben, und vor Allem vergessen Sie nicht„den Geist christlicher Milde und Liebe". So, Herr Pfarrer, aber auch nur so mag es Ihnen gelingen, sich über das Niveau, auf welchem die plappernde Urtheilslosig- keit schwimmt, zu erheben. Dann darf ich hoffen, es werde, wenn wir uns wieder begegnen, jedenfalls dem Gegner Achtung und Anerkennung zu Theil werden— vielleicht hat aber dann Wander die Schuld dieser ihm unbekannten verbrecherischen Be- strebungen, die also in seinem Bewußtsein gar nicht vorhanden sind, der Regierung habe aufbürden wollen. Die Wurm'sche phantasmagorische Tollheit mit zwei von K. Stieber zum Eide veranlaßten Verschworenen, die, weil sie den Eide nur zu Gunsten der Entdeckung geleistet haben, als Verschwörer gar nicht zu betrachten sind, kann nicht hierher ge- rechnet werden, weil, als Wander seine Rede hielt, die welt- geschichtliche Entdeckung derselben noch gar nicht gemacht war. Stteber spricht indeß allerdings nicht schon von fertig ge- machten Revolutionen, sondern nur von„Bestrebungen", die, wenn Stieber's Rede Sinn haben soll, nur Bestrebungen sein können, welche auf Herbeiführung einer Verfassungsänderung abzielen. Man erkennt aber leicht, daß von diesen eben Alles gelten wird, was von dem Wissen und dem Beweis vollendeter Thatsachen zur Inkrimination Wandetts als erforderlich nachge- wiesen wurde. Man ficht aber sehr leicht, daß nicht alle dahin zielenden Bestrebungen„verbrecherische" sein müssen. Bitten und land- ständische Anträge auf Erweiterung der landständischen Ver- fassung, da gegen das Bitten bis jetzt noch kein Strasgesetz er- lassen ist, sind kein Verbrechen. Wenn das Volk seine Meinung dahin kundgiebt, daß diese von den Landständen gestellten Bitten seinen Ansichten entsprechen, so ist auch darin kein Verbrechen zu finden, weil die Landstände eben nur die Wünsche des Volks vor den Thron bringen sollen, und das Bolk damit nur darlegt, daß die Bitten der Landstände wirklich seine eigenen sind. Wenn Stieber diese meint, so ist seine Bezeichnung derselben als ver- brecherischer ungebührlich. Noch ist das Gesetz nicht aufgehoben, welches jedem Unter- thanen ohne Ausnahme fteistellt,„seine Zweifel, Einwendungen und Bedenklichkeiten gegen Gesetze und andere Anordnungen im Staat, sowie seine Bemerkungen und Borschläge über Mängel und Verbesserungen dem Oberhaupt des Staats und den Behörden anzuzeigen". Das Streben eines Ueberzeugten, seine Ueberzeugung in gesetzlicher Weise auch auf den Monarchen zu übertragen, einen entsprechenden freien Entschluß des Monarchen herbeizuführen, ist an sich selbst also nicht verbrecherisch. Ver- ' auch„christliche Milde und Liebe" einen Gegner zu einem Freund und Mitarbeiter am Werk der Erlösung der Menschheit ge- wandelt. Aus Frankreich. Paris, 22. Oktober. Bürger Redakteur! Es wird Sie und Ihre Freunde wohl interessiren, die An- sichten eines Ihrer sozialistischen Genossen über die letzten Wahlen in Frankreich kennen zu lernen und etwas über die Haltung des französischen Proletariats im Allgemeinen und des Volks von Paris ins Besondere am 14. Oktober, dem Tage der Wahlen zu erfahren. Sie wissen, unter welchen Umständen das französische Volk am 14. Oktober zu den Wahlurnen gerufen wurde. Die Wahlen des 20. Februar 1876 hatten in die Deputirtenkammer zu Ver- sailles eine achtunggebietende Majorität geschickt, welche den Namen„republikanische Majorität annahm. Diese Majorität hatte eine unermeßliche Macht hinter sich, die Macht des ein- zigen Souveräns: des Volks. Die alte Versammlung von Bordeaux war an der Langeweile und Verachtung gestorben, die sie Jedermann einflößte. Das Volk, des bisherigen Spiels müde, war bereit, neue energische Vertreter zu unterstützen, welche' mit Ernst für die Republik einstanden und mit Ernst, wenn nicht sofort an die Lösung, doch an das Studium der in unserm Frankreich, trotz allem Gerede vom Gegentheil, so lebendigen sozialen Fragen zu gehn. Der Schwung(slan), die Begeisterung: des Volks waren bewundernswerth am 20. Februar 1876. Wer die Probleme der Politik zu analysiren versteht, der kann nicht in Abrede stellen, daß das französische Bolk am 20. Februar 1876 einen mächtigen Schritt zur Freiheit gemacht hat. Unglücklicherweise begriff die sogenannte republikanische Ma- jorität der Deputirtenkammer nicht das Wesen und die Trag- weite des 20. Februar. Sie tagte in Versailles, that aber ab- solut nichts im Interesse und zum Wohle des Volks. Sie ent- sprach in keiner Weise den Hoffnungen, welche das Volk in fie gesetzt hatte. Man muß es sagen, offen heraussagen: sie litt an einer schweren Krankheit; sie trug den Todcskeim in sich: das Gift des Opportunismus(der Rechnungsträgerei). Mit der moralischen Kraft der Nation hinter sich konnte sie dem Präsi-; denten der Republik und dem Senat mit Leichttgkeit den Willen Frankreichs diktiren, denn der Senat und der Präsident der Republik hatten damals Furcht. Der Opportunismus, das heißt die Polittk der Zugeständ- s nisse, der Schwachen, des Abwartens ohne Organisation, richtete i sofort ihre Verwüstungen an. Die Aninestie wurde bei Seite geschoben. Die mit solcher Ungeduld erwarteten Reformen im Heerwesen, in der Staatsverwaltung, in Schule und Kirche wurden auf die Griechischen Kalender(„St. Nimmerleinstag") vertagt. Wer ist für die Nichtigkeit(le nöant) der sogenannten republikanischen Majorität vom 20. Februar- verantwortlich? i Die Wahrheit zwingt uns zu erklären,„ohne Phrase" zu er- klären: Herr Gambetta und seine Freunde tragen die ganze Verantwortlichkeit! Doch weiter. Als die pfäffische, royalisttsche und bonapartistische Reaktion, mit einem Wort:„die moralische Ordnung", sah, daß die Ver- sailler Versammlung unthätig blieb, faßte sie Muth, organisirte, ergänzte sie sich. Das war sehr natürlich. Da die Republikaner nicht vorgingen, vergaß die Reaktion ihre anfängliche Angst. Sie vergaß sie so gründlich, sie entwickelte eine solche Thätigkeit, daß der Tag kam, wo sie den Feind zur Thüre hinauswerfen. konnte. Der Vatikan lieh seinen geheimen und verbrecherischen Einfluß. Der Jesuitismus legte seine schmählichen Schlingen. Der 16. Mai hatte statt: die Versammlung wurde erst vertagt, dann aufgelöst. So verschwinden die Männer ohne Thatkraft: fie fallen wie abgestorbene Blätter. Das Volk täuschte sich nicht. Es begriff sehr wohl, daß der Opportunismus alles verdorben hatte. Indeß die Gefahr für � die Republik war groß. Die sogenannte republikanische Majorttät, welche den Lauspaß erhalten hatte, proteftirte;„363" Kammer- Mitglieder unterzeichneten den Protest. Das war Etwas, aber sehr wenig. Sie hätten besser gethan, diese 363, ein Programm, ein klares bestimmtes Programm zu unterzeichnen und furchtlos auf dessen Verwirklichung zu drängen. Am 14. Oktober an die Wahlurne berufen, hat das Bolk von Neuem diesen„363", mit einigen Ausnahmen, seine Stimme gegeben. Das Volk wollte gegen den Gewaltstreich des 16. Mai protesttren. Die Wahl des 14. Oktober ist eine einfache Protestwahl(sleotious de protestation pure et simple). brecherisch ist nur die Anwendung strafbarer Mittel zur Herbei-' führung eines solchen Entschlusses. Die Bitten durch die Land- tage sind nicht ungesetzlich. i Wenn also Stieber nicht nachgewiesen hat und nicht nach- weisen kann, daß Wander von Anwendung ungesetzlicher Mittel Kenntuiß gehabt hat, so konnte Wander eine nicht vorhandene oder nicht bekannte Anwendung ungesetzlicher Mittel auch nicht als Schuld irgendwem zur Last legen. Die ganze Anklage fällt also in ein Nichts zurück. Endlich sagt Stteber— Wander's obige Rede„besitze"(sie!)! durch ein„Wortspiel auf das Wort Constitution und durch eine Hinweisung auf das Jahr 1815 eine überaus freche und hämische Anspielung darauf, daß die preußische Staatsverfassung keine constitutionelle sei." Die beiden von dem Denunzianten so oft gebrauchten Worte „frech" und„hämisch" scheinen ihm ihrer wahren Bedeutung nach noch uicht bekannt zu sein. Hämisch, eigentlich hemisch, stammverwandt mit Hemmen, Hemmling, Hammel und Hemm- schuh, bedeutet— zurückhaltend, rückhalttg, hinterhältig. Frech, vom gothischen frika, dagegen heißt gierig, begehrlich, vordring- lich, bildlich: übergreifend, vor Anderen sich etwas heraus-; nehmend. Hinterhaltig und vordringlich sind Widersprüche gegen; einander. Die Stelle, welche Stieber mit diesen Widersprüchen zur Gährung ansäuert, ist diejenige, in welcher Wander gejagt hat: es sei schwer, in den vor der Versammlung zu haltenden Reden jederzeit den der Versammlung genehmen Ton zu treffen, und ebenso schwer, wenn auch ohne alle Absicht und unwillkür- lich, nicht einmal auch auf Dmge zu kommen, welche die Ver- sammlung unberührt gelassen wissen wolle. Indeß solle man eine solche Berührung nicht zu streng verpönen; denn genau ge- nommen helle man Schmerzen keineswegs schon dadurch, da4 man nicht davon spreche.„Wenn das preußische Bolk wirklich eine Braut von guter Constitution hätte, und es wäre bereits 1815 mit ihr verlobt, würde es dann dieselbe deshalb vergessen, wenn man ihm verböte, von ihr zu reden?" Der Bräutigam wurde bei Betrachtung des Verlobungsringes, bei Erinnerung an das vergossene Verlobungsblut, doch immer an die Braut erinnert werden. In Paris wie in den Departements ging das Volk zu den Urnen: ruhig, ohne Illusionen, kalten Blicks, im vollen Bewußt- sein, daß diese neue Abgeordnetenkammer nichts für es thun wird. Die Handwerker, dw Proletarier, die Bürger, welche von ihrer Arbeit leben, erwarten von den Erwählten des 14. Oktober nur negative Resultate. Der Grund liegt auf der Hand. Die Wahlen sind ohne politisches, ohne soziales Pro- gramm vollzogen worden. H. Buffenoir. (Schluß kolgt.) Sozialpolitische Ueberstcht» — Urtheile über die französische„Krisis". Der „Frankfurter Beobachter", der ganz rabiat ist für die„363" und gegen Mac Mahon, und dem der Himmel voll„republika- nischer" Baßgeigen hängt, druckt nachstehenden Pariser Brief ab, „dessen sanguinische Gewißheit cr freilich nicht in allen Punkten schon jetzt(!) zu theilen vermag: „Die ehrlichen Leute mögen sich beruhigen: Die Republikaner werden den äußersten Forderungen mit den äußersten Ansprüchen antworten. Sie werden„die Consequenzen ihres Wahlsieges bis auf's Aeußerste ausbeuten wollen", und ich füge hinzu: sie werden es können. Die republikanische Partei ist heute einig; es giebt keine Spaltungen und keine Meinungsverschiedenheiten. Lesen Sie die freifinnigen Blätter; vom„Journal des Debats" angefangen bis zum„Reveil" und zur„Lanterne" erheben alle dieselbe Forderung. Von den Akademikern John Lemoinne und Cuvillier-Fleury bis zum Communard Henri Rochefort, stimmen alle in denselben Ruf ein:„Keine Schwäche! Keine Halbheit! Kein Zögern! Kein Verzeihen!" Die Komödie des Vergessens und Vergebens wird diesmal nicht gespielt werden, kein Mensch hat Lust, in derselben eine Rolle zu übernehmen. Die Geschla- genen des 14. Oktober, die besser als das Ausland wissen, was dieser Tag für sie zu bedeuten habe, versuchen es, das alte Lied von der Mäßigung wieder anzustimmen. Sie verlangen einen unmöglichen Frieden und einen undenkbaren Ausgleich. Sie, die seit fünf Monaten mit ruchlosem Muthwillen Frankreich am Ar- besten und Erwerben verhindern, finden plötzlich, daß Frankreich die Aufregung satt habe und Ruhe wolle. Gewiß,..Frankreich hat die Aufregung satt und will die Ruhe. Aber es weiß, daß es die Ruhe erst dann finden kann, wenn man dem Raubthier des Bonapartismus, welches das Land bedroht, die Zähne ausge- krochen und die Klauen abgehackt haben wird. Der Prozeß des 16. Mai wird ohne Rücksicht und ohne Erbarmen gemacht werden. Man sammelt seit lange Beweise und Zeugenaussagen. Die Anklageschrift ist fertig, die Berurtheilung ist eine Frage weniger Wochen.... Der Marschall selbst wird seinem Fatum nicht ent- rinnen. Trotz aller Fanfaronnaden ist seine Situation eine un- mögliche(Ein Staatsstreich, führt der Correspondent aus, würde ihm seinen Kopf kosten, ein Ausgleich wird von der Linken zurückgewiesen, eine bedingungslose Unterwerfung wäre Selbst- mord, eine abermalige Kammerauflösung ist bei der Haltung zahlreicher Senatoren der Rechten undenkbar.) Von Gambetta famosem Worte:„os BoumetU'c ou se demettre" ist nur mehr die Hälfte möglich. Der Marschall hat heute nicht mehr die Wahl; soumettre genügt nicht mehr. Er kann nur mehr dömetlre und er wird es. Augenblicklich trägt er allerdings die Nase noch hoch und das Kabmet steht noch aufrecht. Er will noch die am 4. November staltfindenden Generalrathswahlen „machen", denn aus den Generalräthen gehen im nächsten Jahre 75 Senatoren hervor. Allein das Land hat für die letzten Krampfeszuckungen einer agonisirenden Verwaltung nur mehr Hohn und Verachtung. Die Drohungen der Präfekten haben nach dem 14. Oktober kein Gewicht mehr. Der Gendarm mag noch so finster die Augenbrauen runzeln, man lacht ihm in's Gesicht und stimmt wie man will, das heißt republikanisch. Die Wahl am 14. Oktober war wirklich thatsächlich der letzte Kampf, den die Republik in Frankreich gegen ihre Todfeinde zu bestehen hatte, und die kleinen Scharmützel, die noch bevorstehen, ver- dienen keine besondere Aufmerksamkeit. Der am 14. Oktober erfochtene Sieg wird alle Früchte tragen, die Europa von ihm zu erwarten berechtigt ist, und kein fauler Friede, kein nichts- nutziges Compromiß, keine Schwachmüthigkeit und kurzsichtige Genügsamkeit wird das Land diesmal um den Preis seiner un- geheuren Anstrengungen betrügen!" Dies der Jubelhymnus des gambetta-seligen Correspondenten. Das Einzige, was der„Frankfurter Beobachter" daran auszu- setzen hat, ist die allzu hoffnungsvolle Auffassung des zu erwar- tenden„Finale"; dasselbe werde wohl schwerlich„so harmlos" ausfallen. Im Uebrigen stimmt er dem Correspondenten bei und glaubt felsenfest an die Einigkeit und Entschlossenheit der„363". Halten wir hierneben das Urtheil des Sanguinischsten der Zur Erklärung dieser Rede muß angeführt werden, daß in einer der früheren Versammlungen nicht Wander, sondern ein anderer Sprecher das Wort: Constitution ausgesprochen und damit Tadel auf sich gezogen hatte. Wander wollte diesen Redner entschuldigen. Man möge den Gebrauch dieses Wortes nicht so streng nehmen, meint er, denn wenn wirklich eine Sehn- sucht nach Constitution vorhanden wäre, so höre sie wenigstens nicht dadurch auf, daß man nicht davon spräche. Die geschicht- lichen Momente, welche daran erinnern müßten, wie der Be- freiungskrieg und das Gesetz vom 22. März 1815, würden doch immer stehen bleiben. Das ist, enthülset von allen bildlichen Verkleisterungen, der wahre Inhalt dieser Rede. Gerade aber an dem Kleister ist Stieber kleben geblieben.(Forts, f.) — Der kaukasische Aufstand erklärt sich nicht allein durch musel- männischen Fanatismus, sondern auch durch die höchst mangelhaften ökonomischen und administrativen Verhältnisse, welche unter der Bevöl kerung Unzufriedenheit mit ihrer Lage hervorgerufen und mit den Ab- sichten und Maßnahmen der Regierung in striktem Widerspruche stehen. So wird der„Vossischen Zeitung" aus Petersburg geschrieben; und weiter heißt es: Vor dem Kriege hieß es stets, es sei Alles dort in schönster Ordnung, jetzt laufen allmählich Nachrichten ein, welche Aus- klärung darüber geben, warum die mit so vieljährigen Anstrengungen erstrebte und um einen so hohen Preis erkaufte Pacifirung des Kauka- sus sich schon bei der ersten Verwickelung nach Außen � als so wenig dauerhast erwiesen hat. Eine Illustration hierzu giebt unter Anderem auch eine Correspondenz des„Golos" aus Sigeach. Durchgängig, schreibt der Correspondent, kann man z. B. auf derartige Thatjachen stoßen, daß ein Bauer, welcher von einem Händler 10 Rubel geborgt hat, ihm in Wein und anderen Produkten ca. 300 Rubel zurückzahlt und ,hm doch noch immer 50 Rubel schuldig bleibe. Diese Thatsachen sind empörend genug und doch wird nichts dagegen gelhan. In Ka- chetien ist es Gebrauch geworden, daß eine Administrativperjvn, welche sich in's Dorf begiebt, um Recht und Gerechtigkeit zu üben, wochenlang auf Rechnung des Bauern lebt und ihn um den Rest seines geringen Elgenthums bringt. Hat er dann hier seine Mission erfüllt, so begiebt er sich wiederum in„Geschästsana leaenheiten" in das benachbarte Dorf und wehe dem Bauer, der es umerlasien hat, während des Aufenthalts des Chefs im Dorfe ihm die qehöriae Aufmerksamkeit und Gastfreund- schaft zu erweisen!* Sanguinischen, des begeistertsten der begeisterten Lyriker der Re- publik der„363", des zornigsten der zornigen Strafprediger gegen den„Vorwärts", weil dieser die Todsünde begangen, die Schwärmerei für die Republik der„363" weder republikanisch noch sozialdemokratisch zu finden— mit Einem Wort, des Ver- fassers jener sittlich entrüsteten Artikel der„Frankfurter Zeitung", in welchen die Schale republikanischen Zorns über das:„Nieder mit der Republik!" des„Vorwärts" ausgegossen ward, obgleich es besagtem Heißsporn sehr wohl bekannt sein mußte, daß man im Redaktionslokal des„Vorwärts" mindestens so republikanisch ist als im Redaktionslokal der„Frankfurter Zeitung", und daß ein„Nieder mit der Republik"— der Communemördcr möglicherweise als taktischer Fehler, nimmermehr aber als eine Verleugnung republikanischer Grundsätze betrachtet werden kann. Wohlan, besagter„republikanischer" Saulus ist gen Da- maskus- Paris gezogen, und siehe da, er ist ein republikani- scher(ohne Gänsefüßchen) Paulus geworden; oder wenigstens auf dem besten Weg, einer zu werden. Man höre nur, was er nach den Wahlen geschrieben: „Die Kraft der revolutionären Partei hat 1871, wenn nicht sich erschöpft, doch eine bedeutende Lähmung erfahren. Wohl glaube ich, daß, wenn die Republik in Gefahr wäre, wenn ein Staatsstreich käme, Paris und die großen Städte Frankreichs aufständen, denn ihre Liebe zu der republikanischen Idee ist mit einem Opfermuth ohne Gleichen gepaart,— aber dann frage man sich Eines: Würden die gemäßigten Republikaner der Er- Hebung sich angeschlossen haben, würde der Kampf für die Re- publik allgemein geworden und, wie allgemein, so auch einträchtig gewesen sein? Die Republikaner von gestern kann man kaum geneigt halten, zu einer Revolution Hand zu bieten, weil sie fürchten, dadurch Kräfte zu entfesseln, welche sie sich nachher zu bannen nicht im Stande glauben. Die Revolution würde ausschließlich von den Radikalen gemacht, würde, siegreich, viel mehr bringen, als die jetzige Constitution bietet, besiegt aber der Reaktion nur breitere Bahnen hinter- lassen, neben welchen Bäche frischen Blutes flöffen. Spinnt man dergestalt die Vermuthungen aus, so entbehrt die Annahme, daß der glänzendste Sieg der Republikaner, falls der Marschall sich auf den Degenknauf stützte und nicht freiwillig gehen wollte, die Ernennung Grövy's zum Präsidenten und den Ausschluß jeglicher Vermittelungspolitik keineswegs durchaus nach sich ge- habt hätte, gewiß nicht der Berechtigung. Schon in meinem dritten Briefe konnte ich es nicht verbergen, daß mir bei aller Entschiedenheit der Republikauer eine spätere Trans- aktion nicht undenkbar geworden zusein scheine. Ein langes Verweilen bei diesem Gedanken wäre damals schlecht angebracht gewesen." Wir können so ziemlich Alles unterschreiben, was hier gesagt ist. Unser ganzes Verbrechen war, daß wir keine Bedenken trugen, im Gegentheil es für unsere Pflicht hielten, unsere„Ge- danken" schon„damals" auszusprechen und die nöthigen Eon- klusionen anzufügen. Die„spätere Transaktion" nennen wir Compromiß, Verrath der Republik(ohne Gänsefüßchen). Und weiter: „Die Polemik, die Agitation, die Taktik der Republikaner bis zum Wahltage war vortrefflich, man konnte sie nur loben. Die sonst Gemäßigten haben mit Feuereifer gegen die Coalition gestritten, sie haben Vieles, sehr Vieles für den Sieg gethan, welcher der republikanischen Idee geworden. Vergessen wir jedoch nach dem Siegestage nicht, daß die gelegentliche Haltung einer politischen Schule nicht für ihre Zukunft absolut sichere Schlüsse ziehen läßt. Befeindung und Wiederversöhnung benachbarter Gruppen hat man oft gesehen. Freundschaft und Feindschaft wechselt im politischen Leben. Diejenigen, die in einem großen Gedanken einig sind, find es oft nicht mit Bezug auf eine Durchführung; Detailftagen bringen mitunter die zu- sammen, welche in allgemeinen Fragen gegen einander kämpfen. Zur Stunde hält das linke Centrum zum Gros der republika- nischen Partei, seine Federn schreiben kräftig gegen die Regierung. Immerhin finde ich die Sprache des„Journal des Debats", das hur vor Allem consultirt werden muß, nicht kategorisch genug, ich meine im Wesen, nicht im Ausdruck. Das Elysee kann über die Nothwendigkeit eines Ministerwechsels im Un- klaren sein. Die Jntransigeuten sagen, daß die Regierung Dufaure, welcher alle jene Gesetze gemacht hat, deren sich die Coalition gegen die Republikaner bediente, in Bereitschaft halte. Die Jntransigeuten wollen nach so vieler Resignation nicht um jeglichen SiegeSpreis, sei derselbe auch noch so gering, betrogen sein; sie wollen mit ihren heftigen Angriffen auf Du- faure zeigen, daß ein Kabinet, welches diesen Nameü trägt, er- bärmlich wenig wäre. Aber ihre Worte können leicht mehr als Kampfweise, sie können Wahrheit sein. Man(Mac Mahon) wird dem linken Centrum sagen: Ich gebe Dir die Hälfte der Portefeuilles, die andere Hälfte soll den Conservativen bleiben,— ich gebe Dir eins mehr, zwei mehr als die Hälfte. Der Kriegsminister Berthaut ist der gemäßigten Linken nicht unangenehm--- Das linke Centrum kann der Republik große Dienste leisten, wenn es sich vor dem Radikalismus nicht bange machen läßt!" Ja, wenn! O Jerum! — Erwerb ohne Arbeit. Durch das Steigen des Preises des Grund und Bodens in einer Großstadt sind schon manche Personen aus mittelmäßig-wohlhabenden ungemein reiche Leute geworden. So finden wir in den Berliner Zeitungen folgende Notiz: „Das Haus, in welchem das neue Wiener Cafö Unter den Linden sich befindet, besaß in den zwanziger und dreißiger Jahren im Parterre einen von. einem Antiquar u»d Buchhändler gemietheten Laden und eine mit der Rückseite nach der Straße stehende Remise, in welcher jener Antiquar seine Büchervorräthe untergebracht hatte. Für Laden und Remise, also für das ganze Parterre des Hauses zahlte jener Antiquar 300 Thaler jährliche Miethe. In den sechziger Jahren schon bezog der Nach- besitzer des Hauses aus denselben, inzwischen zu mehreren Läden ausgebauten Parterreräumen jährlich 10,000 Thaler Miethe, und jetzt soll der Pächter jenes Cafös für seine, das halbe Par- terre und die Belleetage einnehmenden Räume 54,000 Mark (18,000 Thaler) jährliche Miethe bezahlen, also das Sechzig- fache. Der erwähnte Antiquar hat das Haus in den dreißiger Jahren für 38,000 Thaler erworben und sein Schwiegersohn, der bekannte Manchestermann Prince-Smith dasselbe vor einigen Jahren an den jetzigen Besitzer, Herrn Münk für 450,000 Thlr. verkauft." Nun soll uns erst ein Anhänger der liberalen Schule einen Schulzeaner nachweisen, daß der Antiquar oder der Herr Prince- Smith jene Summe von 450,000 Thaler durch ihre Arbeit er- worben haben, oder daß diese Summe den Lohn ihrer Ent- behrungen bildet. — Unfern Culturkämpfern in's Stammbuch. Bruno Bauer's neuestes Werk:„Christus und die Cäsaren", welches nachzuweisen sucht, daß das Christenthum seinen Ursprung nicht im Judenthum, sondern im antiken Heidenthum habe, enthält zum Schluß folgenden Passus:„Das Schwert des Glaubens, mit welchem die Apostelfürsten ihrer Gemeinde durch die Kaiser- zeit Roms den Weg bahnten und gegen die Ansätze des Mittel- alters zur Militärdictawr beistanden, haben sie, wie die vorlie- genden Blätter nachweisen, von den Stoikern geerbt, welche mit der Kraft des Gewissens und der Ueberzeugung sich den militä- rischen Triumphen der Macedonier und der Römer entgegen- warfen. Dasselbe Schwert wird in der Hand der Nachfolger der Stola blitzen, so lange und so oft eine politische Gewalt im Zusammensturz einer veralteten Weltordnu'�z nur den Freibrief ihres Vorrechts und nicht das Werk einer allgemeinen Freiheit erblickt."— Wir haben zu wiederholten Malen die im letzten Satze befindliche Ansicht in ähnlicher Weise ausgesprochen. Der Culturkampf, welcher die conservativ-libe- rale Staatsgewalt an Stelle der„veralteten katholischen Weltord- nung" setzen will, wird von dem Bismarckischen„Liberalismus" nicht siegreich zu Ende geführt werden, weil die Clericalen ihnen „das Schwert des Glaubens" entgegenblitzen lassen— das Schwert der Bildung und der Freiheit allein aber kann das Schwert des Glaubens zerschmettern. — Tief heruntergekommen ist Rabbi Bernstein: nachdem er in seinem Windmühlenkampf gegen die„Sozialdema- gogie" längst allen Verstand und Anstand verloren hatte, hat er nun auch das letzte Jeigenblättchcri der Scham abgelegt und zetert in der„Volkszeitung" offen nach Strafgesetzpara- graphen zur Unterdrückung unserer Partei. Das Machwerk ist so skandalös, daß die Redaktion der„Volkszeitung"— man denke, der„Volkszeitung"!— es für nöthig hält, ihren„lang- jährigen verehrten Mitarbeiter" zu desavouiren. Wir werden das saubere Produkt in nächster Nummer auszugsweise mit- theilen, und beschränken uns heute darauf, an Herrn Bernstein die Frage zu richten: ob er nicht Lust hat, einen Strafgesetz- Paragraphen gegen gewisse Sozialdemagogen(ohne Gänsefüßchen) zu richten, die aus übergroßer Begeisterung für die Heiligkeit der Familie sich nicht mit einer Familie begnügen, sondern sich gleich zwei und mehrere reguläre, wenn auch nicht legitime Familien auf einmal zulegen? — Die Folgen des Krieges der Russen. Die„Poli- tische Correspondenz" erhält aus Dede-Agatsch vom8.d. einen Bericht, dem wir Folgendes entnehmen:„Viele Tausende bulgarischer Frauen und Kinder— Männer befinden sich wenig darunter— sind in den verschiedenen Ortschaften unter- gebracht und kampiren ohne jedes Bett- oder sonstiges Gerät!, im Freien und leiden alle Entbehrungen. Die Armen haben auf ihrer Flucht nichts mitnehmen können, haben keine Wäsche, keine Kleider, nichts zu essen und da die Menge der zu Unter- stützenden zu groß und die bulgarischen Familien hier überhaupt nicht sehr bemittelt sind, so sterben sehr viele wegen höchst mangel- hafter Ernährung am Hungertyphus. Der Wahrheit gemäß muß ich constatireu, daß sich auch eine nach Tausenden zählende Menge türkischer Familien in der Umgebung Adrianopels in ähnlicher trauriger Lage befinden. Dieselben werden aber nach und nach in vom Kriege weniger heimgesuchte Orte gesendet; außerdem langen für dieselben van verschiedenen Seiten Spenden an, sie werden von ihren Glaubens- uud Stammesgenossen und durch die Behörden unterstützt, so gut es eben möglich ist. Be: den Bulgaren ist das nun leider anders; und weil ein Theil ihrer Angehörigen sich an der Revolution betheiligt, leiden so viele Tausende schuldlos. Selbst wenn die türkischen Behörden sie mit Lebensmitteln und anderen Lebenserfordernissen unter stützen wollten, so wären sie augenblicklich kaum im Stande dies zu thun, weil die unterstützungsbedürftigen Türken alle ihre Mittel erschöpfen, um ihren Glaubensgenossen an die Hand zu gehen. Den Bulgaren giebt Niemand etwas, Jedermann, selbst der Humanste, zieht sich vor ihnen zurück und meidet jede Be- rührung mit denselben, vielleicht aus Angst, bei der Behörde in Verdacht zu gcrathen. Europäische Menschenfreunde würden eine echte Christenpflicht erfüllen, wenn sie im Wege der betreffenden Consulate für die unglücklichen Opfer dieses unheilvollen Krieges ihr Scherflein zur Linderung des größten Elends beitragen wollten."— Soweit der Bericht der sehr ruffenfreundlichen „Provinzial- Correspondenz". Auch wir bedauern gewiß die armen Bulgaren. Wer aber hat ihre Roth verschuldet? Niemand anders als der Kaiser von Rußland, der„milde" Czar, der diesen grauenvollen Krieg aus reiner Eroberungslust unter den heuchlerischsten Vorwänden angestiftet hat. Möge derselbe in die Nacht des Wahnsinns geschleudert, an dem Blute der gemordeten Nebenmenschen, seiner„Unterthancn" und seiner„Feinde" er- sticken, mögen ihn bei seinem Tode die Gestalten der hohläugigen verhungernden bulgarischen Weiber und Kinder umtanzen, möge es allen Tyrannen und Mördern also geschehen! — Auf dem bulgarischen Kriegsschauplatz beginnt es lebendig zu werden. Die Russen arbeiten jetzt mit Aufgebot aller ihrer Kräfte daran, sich durch Bezwingung Plewna's und der türkischen Armee unter Suleimann Pascha Luft zu verschaffen. Letzterem gegenüber ist der erste Versuch vollständig mißlungen: der russische Angriff wurde auf allen Punkten mit großen Ver lusten zurückgewiesen. Glücklicher waren die Russen im Süden von Plewna: nach einem zehnstündigen„verzweiseltm Kampf" hoben sie ein türkisches Corps auf, welches die Straße zwischen Sofia und Plewna, also die Rückzugslinie Osman Pascha's zu vertyeidigen hatte. Der Plan der Russen ist offenbar, Plewna u cerniren, es mit einem Gürtel von Erdwerken zu umgeben, ie Zufuhren und Verstärkungen abzuschneiden, und so„Osman Pascha ein Metz zu bereiten." Ob dieser so gut sein wird, zum Schluß seiner Laufbahn noch den türkischen Bazaine zu spielen, dürfte bezweifelt werden; so viel steht freilich fest, daß seine Lage eine kritische wird, wenn es ihm oder dem in Sofia statio- nirten Chefket Pascha nicht gelingt, die Verbindungen zwischen Plewna und Sofia wieder herzustellen. In Asien hat Moukthar Pascha seine Vereinigung mit der Armee— oder wenigstens Theilen der Armee Ismail Pascha's vollzogen und einen Angriff der russischen Vorhut zurückgeschlagen. Die Situation der Türken hat sich nach den letzten Berichten ganz wesentlich gebessert. — Heute. Montag, erhalten wir die Nachricht, daß am Sonnabend Vormittag die Genossen Most und Baumann vor der 7. Deputation des Berliner Kriminalgerichts sich zu ver- antworten hatten. Ersterer ist angeklagt als Redakteur der„B:r lmer Freien Presse", Letzterer als solcher des„Märkischen Volks- freund", welcher ebenfalls in Berlin gedruckt wird. Bei beiden Angeklagten handelte es sich um den Abdruck französischer Pro letarierlieder aus der Strodtmann'schen Sammlung und bei der ersteren des Herrn Most noch um drei andere Fälle aus den Leitartikeln:„Gewalt und Gciejj"' und„Die Festtage des Prole- tariats". Herr Tesscndorf fungirte als öffentlicher Ankläger, die Angeklagten vertheidigten sich selbst. Gegen Most wurden aus ßß 130 und 131 2 Jahre, gegen Baumann aus K 130 6 Monate Gefängniß beantragt. Die Verkündigung des Urtheils ersolgt morgen, Dienstag, und werden wir dasselbe in der nächsten Nummer unfern Lesern mittheilen. — Genosse Bebel wurde am 26. Oktober in zweiter Instanz von dem Berliner Kammergericht wegen dreifacher Bismarckbe- leidigung zu 6 Monaten Gefängniß vcrurtheilt. Die Anklage erfolgte auf Grund der Broschüre:„Die parlamentarische Thä- tigkeit des Reichstags k.", welche in Berlin herausgegeben wurde und Bebel zum Verfasser hatte. Unter Anderem hau- delte es sich dabei auch um die nach der„Reichsglocke" gebrachte Mittheilung über den Fürsten Bismarck und seine angebliche Be- theiligung bei der Discontobank, und um ein Vergehen gegen § 131, von welchem Bebel in der zweiten Instanz freigesprochen wurde. Hieraus erklärt sich die Herabsetzung des ersten Strafe maßes von 9 Monaten auf 6. — Parteigenosse Heinzel in Kiel ist wegen einer Rede, in welcher er die Stellung der Lehrer den Geistlicken gegenüber kritisirte, und wegen einiger Aeußerungen über den Müitaris- mus, die nach der Anklage gegen das Gesetz verstoßen haben sollen, durch alle Instanzen hindurch zu 2 Monaten Gefängniß verurtheilt worden. — Die neueste Nummer 3 der„Zukunft", sozialistische Re- vue, enthält: 1) Nur im Communismus ist größtmögliche Frei- heit. Von Dr. A. Douai. 2) Zum Reichseisenbahn-Projekt. Bon— s. 3) Der 18. März in der Provinz. Von Jules Guesde. 4) Zur Gewerbe-Hygiene. Von Dr. med.— 1—, (Forts.) 5) Rccefionen.— Notizen. — Die deutsch-amerikanische Parteipresse ist in stetigem Wachsthum begriffen. Es bestehen jetzt als tägliche Organe der Milwauker„Sozialist", die„Volksstimme des Westens" in St. Louis, die„Neue Zeit" in Louisville, die„Arbeiter- zcitung" und der„Vorwärts" in Newark erscheinen dreimal wöchentlich; einmal wöchentlich erscheinen die„Arbeiterstimme" New-Pork), der„Vorbote"(Chicago), der„Arbeiter von Ohio" und die„Tribüne" von Buffalo. Gewiß sehr erfreuliche Resul- rate für die kurze Zeit, wo von einer planmäßigen Arbeiter- bewegung in Nordamerika die Rede sein kann. An die Parteigenossen! Seit dem letzten Sozialisten-Congreß ist nun ein halbes Jahr vergangen. Die sozialistische Bewegung hat während dessen gute Fortschritte gemacht und manche Erfolge errungen. Nur in einem Punkte will es nicht so voran gehen, wie es Wohl im Interesse der Sache läge; es ist dies das Abonnement auf die „Rundschau", deren Herausgabe auf dem Congresse beschlossen und von dem damit beauftragten Genossen Oldenburg ausgeführt wurde. Die Betheiligung an diesem Unternehmen, welches durch und für die Gesammtpartei geschaffen ist, war von vornhereine keine derartige, wie sie von den Delcgirten des Congreffes erwartet wurde. Sie mußte größer sein, um das Blatt zu einem solchen zu machen, damit es seine Aufgabe voll und ganz erfülle. Und nicht einmal die erste schwache Auflage blieb; im Laufe der wenigen Monate ist eine ganze Reihe von Orten aus der Abonnementsliste verschwunden, und dort, wo das Blatt noch gehalten wird, sank die Zahl der Abonnenten vielfach auf die Hälfte, ja den dritten Theil des anfänglichen Be- standes.— Der Orte, welche der Wichtigkeit des Unternehmens angemessen für dasselbe eintteten, sind nur sehr wenige! Das muß anders werden! Wird die Betheiligung keine bessere, macht es sich nicht jeder Genosse zur Pflicht, für das Partei- unternehmen einzutreten, so erfüllt es seinen propagandistischen Zweck nicht, und es ist dann allerdings besser, dasselbe fallen zu lassen. Daß Letzteres aber für die sozialistische Bewegung von unbe- rechenbarcm Nachtheil sein würde, muß sich jeder Genosse selbst sagen. Bis jetzt hat die deutsche Sozialdemokratte noch Alles, was sie ins Leben gerufen, durchzusetzen gewußt— es wäre dies der erste gegentheilige Fall! Parteigenossen! laßt es deshalb Eure Pflicht sein, der „Rundschau" eine der Bedeutung der Partei entsprechende Verbreitung zu geben; sorgt dafür, daß dort, wo sich kein Filial- Expedient des Blattes befindet, ein solcher aus Euern weisen bei dem Verlag der„Rundschau" in Hamburg, Amelungstr. 5, angemeldet wird. Bethätigt das Interesse für die Gesammtpartei durch Euere Theilnahme und es wird auch dies vom allgemeinen Sozialisten- Congresse geschaffene Unternehmen seine Aufgabe erfüllen! Das Central-Wahl-Comits der Sozialisten Deutschlands. I. A.: C. Derossi. I. Auer. KranKturt, 19. Oktober. Der letzten Versammlung des soziall demokratischen Wahlvereins wohnte auch der Reichstagsabgeord nete Bebel bei, welcher sich zur Regelung von Privatangelegeu i heiten kurze Zeit hier aufhielt. Nach dem Borttage Frohme's über„die Wissenschaft der politischen Oekonomie" nahm Bebel, von der zahlreichen Versammlung laut und freudig begrüßt, das Wort, um über den Ausfall der Wahlen in Frankreich zu sprechen. Die conservattve Strömung, welche daselbst sich geltend mache zu ' Ungunsten der Bourgeois- Republikaner, könne Denjenigen nicht , überraschen, welcher wisse, daß der Gegensatz zwischen Reaktion ' und Revolution immer vollkommener werde. Die Bourgeoisie werde mit der Zeit ganz auf Seiten der Reaktion gedrängt Wie in Frankreich, so bemerke man das auch in Deutschland. auch hier vollziehe der Scheidungsprozeß sich sehr schnell. Es sei thöricht, in dem außerordentlichen Aufwände, welchen die Re aktton dann und wann mache, ein Zeugniß für deren innere Festigkeit zu sehey; im Gegentheil, je auffallender die Reaktion sich geberde, je sicherer dürfen wir sein, daß die Revolution Fort schritte macht. Redner schloß seine Ausführungen unter allge meinem Beifall mit der Aufforderung an die Sozialisten, sie mögen, unbekümmert um das Gebahren der Reaktton, ihre Pflicht thun; der Sozialdemokratte gehöre die Zukunft! Kalle. Kürzlich feierte unsere Liedertafel„Lassallea" ihr zweites Stiftungsfest, welches durch seinen großartigen Verlam sich zu einem wahren Volksfeste gestaltete. Die große Zahl der Besucher füllte die weiten Räume von„Freiberg's Garten" bis auf den letzten Platz. Herr Redatteur Geiser aus Leipzig hielt die Festrede, welcher die Anwesenden und besonders die Frauen mit gespanntester Aufmerksamkeit folgten und am Schluß mit reichem Beifall belohnten. Die Herren Kanzelberg und Stüler erheiterten die Anwesenden durch wohlgelungene Deklamationen, während die Liedertafel und die Kapelle unter Leitung ihres gemeinsamen Dirigenten Herrn Schüßler ihre Leistungen mit großer Präzision vortrugen. Das schöne Fest endete ein Ball, welcher die zahlreich Theilnehmenden bis zum frühen Morgen in ungestörtester Eintracht beisammenhielt. Alle verließen hoch- befriedigt den Festort, wo Hunderten ein neuer Sporn zum treuen Zusammenhalten gegeben worden ist. Daß die hiesigen Sozial- demokraten bei dieser Gelegenheit ihren jederzeit mit Hohn und Spott bereiten Gegnern wieder Respekt abgerungen haben, be- weisen die pöbelhaften Bemerkungen der„Saale-Zeitung", die über den glänzenden Verlauf des Festes sich wohlweislich aus- schweigt. R. Leipzig, den 26. Ottober. Folgende Zusammenstellung des Stimmenverhältnisses bei den jüngsten Landtagswahlen wird uns mitgetheilt. Was die Antheilnahme an den Wahlen betrifft, so ließ sich nur aus 20 von den 29 Wahlkreisen Sachsens Gewisses darüber beibringen. In diesen 20 Wahlkreisen haben von 90,673 Stimmberechtigten nur 26,498 wirklich gestimmt; das ist 29,2 Proz. oder noch lange nicht ein Drittel. Von den ab- gegebenen Stimmen(in allen 29 Wahltteisen) fielen auf con- servattve Candidaten 15,891, liberale 8623, fortschrittliche 6763, sozialistische 4736 Stimmen.— Der Zuwachs an Stimmen, die Freytag bei der Nachwahl im 36. ländl. Wahlkreise erhalten hat, ist nicht mit eingerechnet. Zu bemerken ist, daß nur in sechs Kreisen sozialistische Candidaten ausgestellt und in drei Wahltteisen unsere Partei Anstrengungen gemacht hat, ihre Can- didaten durchzusetzen. Hschah. Am 22. Ottober hatten wir eine Volksversammlung, deren guter Besuch deutlich zeigte, daß auch hier die Sozial- demottatie immer mehr und mehr an Boden gewinnt. Als Re ferent war Genosse Nauert aus Leipzig erschienen, welcher über die Tagesordnung:„Der deutsche Reichstag und die Sozialdemo- ttatte" einen gediegenen Vortrag hielt, der allseitigen Beifall fand. Redner ging zunächst auf die Schilderung der Stellung der verschiedenen gegnerischen Parteien ein und kritisirte dieselben in scharfer Weise und wies nach, daß die Gegner ihren Wählern wohl allerlei Versprechungen machen, aber nach den Wahlen nicht halten; das sehe man deutlich daran, daß die Gesetzentwürfe, welche von den sozialdemottattschen Abgeordneten eingebracht wer- den und welche die Förderung des Gemeinwohls im Äuge haben, kaum die genügende Unterstützung erlangen können. Durch das feindselige Verhalten der gegnerischen Parteien lasse sich die So- zialdemottatie aber nicht abhalten in ihren Besttebungen für das Beste des arbeitenden Volkes unbeirrt fortzufahren. Zum Schlüsse seines Vorttages forderte der Redner noch auf, die Arbeiter- blätter und namentlich den„Vorwärts" zu lesen. Nachdem der Borsitzende, Genosse Krohn, etwaige Gegner zur Gegenrede herausgefordert hatte, die Herausforderung aber wirkungslos blieb, wurde die Versammlung, welche für unsere Sache von großem Nutzen war, geschlossen. A. St. Correspondenze«« Ättona, 26. Oktober. Eine von circa 2000 Personen besuchte Versammlnng von Steuerzahlern, welche am letzten Dienstag in Koppelmann's Salon abgehalten wurde behufs Be- sprechung wegen einer an die städtischen Collegien zu richtenden Petition, betreffend Erweiterung des communalen Wahlrechts, resp. Erlangung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechts, hat eine Resolution gefaßt, dahingehend, daß an die städtischen Collegien eine Petition zu richten, in welcher darum gebeten wird, daß das kommunale Wahlrecht in Altona nicht ferner von der Enttichtung eines jährlichen Klassensteuer- 1 satzes von 6 Mk. abhängig gemacht werde. Osterode a. Kar;, 26. Oktober. Sonntag den 21. d. M. hatten wir einen herben Verlust zu bettagen, indem der Cigarren- arbeiter Ernst Klingenberger uns durch den Tod enttissen ward. Nicht allein die Genossen von Osterode verlieren in ihm ein tüchtige» Glied in der Arbeiterbewegung, auch über Osterode hinaus, ja fast über den ganzen Harz erstreckte sich seine uner- müdliche Thättgkeit. Bei einer Agitationsreise nach Andreasberg während der Braunschweiger Cigarrenarbeiteraussperre zog er sich eine Erkältung zu und hat am Sonntag nach 47 wöchigem Krankenlager sein Leben beschlossen. Am Dienstag den 23. d. gaben ihm die Genossen das letzte Geleit unter Boranttagen der rothen Fahne und unter Musikbegleitung. Sein Andenken ist uns unvergeßlich und wollen wir uns befleißigen, den Samen, den er ausgestreut, zu pflegen, daß aus ihm ein schöner Blüthcn- »weia am Baume der Arbeiterbewegung werde. T. Berger. Hamburg. Am Montag, den 22. d. Mls., hat eine Conferenz der hiesigen Gewerkschoftsbevollmächtiglen stattgefunden, in welcher be- schlössen wurde, die resp. Vororisverwaltungen der Gewerkschaften auf- zuforden, die von Herrn A. Kapell nach Gotha einberufene Conferenz zu beschicken. Dieselbe soll jedoch 4 Wochen später, als ausgeschrieben, statifindcn. Die Bevollmächtigten ter Gewerkschaften allerorts werden aufgefordert, sich diesem Vorgehen anzuschließen. I. A.: E. Deisinger. Bremerhafeu, 29. Oktober. Anläßlich der von den hiesigen Schiffs- zimmermeistern angekündigten Lohnreduktion zum 1. November von 1 Mark pro Tag, fand vorgestern Abend, einberufen vom Borstand deS SchiffszimmerervereinS, eine Versammlung im Lokale des Herrn Büsing, am Martt, statt. Dieselbe war sehr gut besucht. Zunächst ergriff der Schiffszimmerer Herr Aug. Kaht das Wort und emwarf ein Bild von der vage der Schiffszimmerer, welche durch ihre genossenschaftliche Bereinigung in kurzer Zeit bereits große Erfolge aufzuweisen hätten. Sodann ging Redner zur Lohnftage über und unterwarf das Vorgehen der Meister einer scharfen, aber gerechten Kritik. Vor Jahresfrist, beim Herannahen des Winters, boten die Meister ihren Arbeitern eine Lohn- reduklion von 75 Pfennig an, ohne jedoch der Einmüthigkeit der Schiffs- zimmcrer gegenüber einen Erfolg zu erzielen. Heute sind dieselben noch dreister geworden und wollen ihren Arbeitern statt 4 nur 3 Mark täg- lich Lohn zahlen. Die Erfahrung, sagt der Redner, hat es uns ge- lehrt, daß Rücksichtnahme von Seiten der Meister gegen ihre Arbeiter nicht mehr Mode ist— wir müssen noch ganz anders auftreten und es gerade so machen, wie die Meister! Redner beantragt, gerade so wie im vorigen Winter die Sache zu behandeln, d. h. in Bezug auf die Höhe des Lohnes, während der Winterzeit vom 1. November bis 15. Februar auf die möglichst niedrigste Reduktion von 25— 59 Pfg. einzugehen. Hieraus stellte Herr Specht den Antrag, bei der Unter- Handlung mit den Meistern nur auf eine Lohnreduklion von 59 Pfg. pro Tag einzugehen.— Ueber die beiden gestellten Anträge von Ä. Kaht und Specht wurde verhandelt und schließlich der des Herrn Specht einstimmig angenommen. Bei der Debatte trat ein altes Mitglied des SchiffszimmerervereinS, Rohlfs, auf, welches die Angelegenheit nach beiden Seiten hin beleuchtete und auch den Schiffszimmerern bittre aber gerechte Vorwürfe ob ihrer Lauheit dem Verband gegenüber machte. Würden die Schiffszimmerer ohne Ausnahme ihren Verpflichtungen zum Verein nachg« kommen sein, so hätten die Meister eS nicht gewagt, ein solch' unverschämtes Anerbieten zu stillen. Die Versammlung, welche sehr gut besucht war, nahm den besten Verlauf. Der Vorstand deS hiesigen Vereins, resp. die Mitglieder desselben werden den Herren Meistern den Beschluß der Versammlung unterbreiten, zur rechten Zeit in einer zweiten allgemeinen öffentlichen Versammlung Bericht erstatteir und wenn keine Einigung zu erzielen ist, den Strike, welcher �schon or- ganisirt ist, proklamiren. Die Herren Meister werden sich darob sehr verwundern, weil ihnen jedenfalls die günstigen Kassenverhältnisse des Vereins unbekannt sind. Aber trotz einzelner berechtigter Wünsche der strebsamsten Mitglieder des Vereins wäre es sehr am Platze, daß alle Arbeiter an dessen Einigkeit und Organisation ein Beispiel sich nehmen möchten.— l. Briefkasten der Redaktion. D. in H.: Die Veröffentlichung Ihrer Corre- spondenz würde uns nicht einen, sondern mehrere Prozesse eintragen. der Expedition. H. Fbg Lieguitz: Brief nebft Marken er- halten, im Laufe dieser Woche erhalten Sie das Gewünschte. Wir er- warten stündlich d. Bchtr. der f. Ltr. Quittung. Schneiderverein hier Ann. 1,59. Mhlhrn Crimmitschau Ab. 199,73. H. Schltr Dresden Schr. 25,99. Whdr Steinach Ann. 2,19, Schr. 9,99. Schn Calbe Schr. 3,99. Fonds für Gemaßregelte. Bon B. hier durch I. K. 9,59. Anuvncen für die Mittwoch s-Nummer müssen bis Mon- tag Bormittags 9 Nhr; für die Freitag S-Nummer bis Mitt» woch-Bormittags 9 Uhr; für die SonntagS-Nummer bis Frei- tag Bormittags 9 Uhr hier sei», wenn solche noch bestimmt Aufnahme finden sollen. Annoncen, denen der Bettag nicht beiliegt, oder für welche der Einsender kein Depot bei«uS hat» können eine Aufnahme nicht finden. Donnerstag, den 1. November, Abends'/,S Uhr, im Saale des Hrn. Michael, gr. Windmühlenstr. 7: Sozialistenversammlung. Tagesordnung: Vorttag von B. Geiser. 60) Der Agent. In einigen Tagen erscheint und ist durch alle Buchhandlungen und Colporteure zu beziehen: Der Kampf wider die Sozialdemokratie und die deutsche Fortschrittspartei. Ein ketzerisches Votum. Von I. G. Findel. ca. 2 Bogen broch. Preis 9,59 Pf. Die Schrift wendet sich gegen die Heulmeierei der sog.„OrdnungS- Partei" und vertritt die Ansicht, daß die deutsche Fottschrittspattei und die Sozialdemokratie gegenüber der andringenden Reaktion auf einander angewiesen sinv. Ferner erscheint demnächst:(5,70 8plr, A., Woralität und Religion. 2. vermehrte und ver- besserte Auflage, broch. Mk. 2,50. Betr. der Bedeutung des Philosophen Spir verweise ich auf dir Citate in Schäffle's„Bau des sozialen Körpers" ic. Leipzig. I. G. Findel. Für Lokal- u. Gewerkschafts-Vereine jeder Art passend sind praktisch eingerichtete CassciicaiitoäcMitgliederbeitrags- Äilcher zum Selbstkostenpreis ß, 50 Pfg. zu beziehen. Porto bei 1— 2 Paar 20 Psg.; 3 Paar 30 Pf.; darüber 50 Pf. Bestellungen sind zu machen bei A. Geib in Hamburg, Rödingsmarkt 12. Soeben erschien in neuer Auflage und ist durch uns zu beziehe«: Die bürgerliche Gesellschaft. Ein Vortrag gehalten vor freireligiösen Arbeitern des Wupperthals i« Elberfeld-Barmen von Joseph Iietz en. Preis 10 Pf. Die Expedition deS„Vorwärts". „Der arme Conrad." Jllustrirter Kalender für das arbeitende Volk pro 1878. (Dritter Jahrgang.) Gegen die Vorjahre bedeutend vergrößert(132 Seiten stark). Trotz der gediegenen und reichhaltigen Ausstattung kostet der Kalender geheftet nur 40 Pfg-, gebunden und mit gutem Schreib» papier durchschossen 60 Pfg., gegen baar oder Postvorschuß. Den Bestellern von Einzel- Exemplaren ist anzuempfehlen, für jedes Exemplar brochirt 50 Pf., gebunden 70 Pf., einzusenden, wofür wir es franco per Krenzband zusenden. Die Lieferung des Kalenders erfolgt nur gegen baar oder Postnachnahme. Krei-Kjtemplare werden nicht abgegeben. Auf Posten von 1 Dutzend aufwärts berechnen wir brochirt 25 Pf. pro Stück I___, gebunden 40„„„ j netto gegen baar. KFpedition des„vorwärts", Leipzig, Färberstraße 1241. H»pediti»n der„Jackel", Leipzig, Kleine Fleischergasse 15. Sozialistisches Central-Wahl-Comite. Die Sitzungen deS ComiteS finden jeden Dienstag und Freitag Bor- mittag statt. Briefe für dasselbe sind zu adressiren an die Sekretäre I. Auer oder C. Derossi. Pferdemartt 37 III. in Hamburg. Geldsendungen sind zu richten an August Geib', RSdingSmarkt 12 in Hamburgs Neue Wclt Heft 2 Jahrgang Hl.(mit dem 1. Oktober». o. beginnend) ist versandtfertig und wird nur auf ausdrückliche Bestellung geliefert. Wir bitten also, rechtzeitig Nachricht hierher zu geben. Leipzig, den 27. Oktober 1377. Dte Expeditto« der„Nene« Welt". Färberstr. 12. n. Verantwortlicher Redakteur: Hermann Helßig in Reudnitz-Leipzig- Redaktion und Expedition Färberstraße 12/11. in Leipzig. Druck und Verlag der Genossenschasisbuchdruckerei in Leipzig.