krscheint in 5eipiig Mittwoch, Freitag, Sonntag. Abonnc«cntsPre!S für ganz Teutlchland 1 W. KS Ps. pro Quartal. Monats- Abonnements werben bei allen deutschen Vostonstalten uns den 2. und 3. Monat, und aus den ».Monat besonders angenommen: im Anigr. Sachsen und Herzogth. Eachsen- Ältenburg auch aus den tten Monat des Quartals!t M Psg. Inserate betr. Versammlungen pr. Petitzeile 10 Ps., betr Privatangelegenheiten und Feste xra Petitzeile 30 Ps. Vestelluiigen nehmen an alle Postanstalten und Buch» Handlungen des In- u. Auslandes. Filial- Expeditionen. New-Dork: Soz.-demolr. Wenossen-- schastsbuchdruckerei, 154 ElOridge Str. Philadelphia: P. Haß, 630 Korth gra Street. I. Boll, 1129 Charlotte Str. Hobolen N.J.: F. A. Sorge, 215 Washington Str. Chicago: A. Lansermann, 74 Ctyhoume»v«. San FranziSco: F. Entz,«S v�arrell 8tr. London W.: C. Henze, 8 Ztov �tr. Golden Square. Gentrat Grgan der Sozialdemokratie Deutschtands. Nr. 129. Freitag, 2. November. 1877. Wegen des sächsischen Reformationsfestes (Mittwoch, den 31. Oktober) konnte ein Theil der Auflage nicht zur pünktlichen Versendung gelangen. Zlarasmus senilis d. h. Erlahmen aller Kräfte, vollständige, hoffnungslose Hin- fälligkeit, intellektueller und moralischer Bankrout— das ist die einzige passende Bezeichnung für unseren bürgerlichen Liberalis- nws. Auf allen Gebieten: mnrssmus senilis. In der Politik: ein Scheinparlamcntarismus, der nachgerade Kinderspott ge- worden ist, impotente Oppositionsgelüste, die stets Gelüste bleiben, feige Rechnungsträgerei, absolute Unfähigkeit organischen Schaffens; in der Wissenschaft: ängstliche Scheu vor den letzten Consequenzen des Denkens, dieselbe feige Rechnungsträgerei, wie in der Politik— auf allen Gebieten fanatischer Haß gegen das Neue und die Neuerer, welche den alten Plunder, das morsche Ge- rumpel bedrohen. Da wird gezetert und nach der Polizei ge- schrien: sie soll dem kranken Liberalismus auf die Beine helfen, ihn gegen seine Feinde beschützen. Es liegt dieser Krankheit, diesem Berfaulungsprozeß ein allgemeines Naturgesetz zu Grunde, das sich bis jetzt mit unerbittlicher Logik an allen herrschenden Rassen und Klaffen vollzogen hat. Der Besitz und Mißbrauch der Macht führt naturgemäß stets zur intellektuellen und moralischen— wo nicht besondere Umstände es verhindern, auch zur physischen Degeneration(Entartung). Die Welt- geschichte lehrt dies durch Hunderte von Beispielen; Ausnahmen bietet sie nicht. Diese Degeneration ist immer der Anfang des Endes.(Juem Dens perdere vult, dernentat. Wen die Götter verderben wollen, dem rauben sie den Verstand. Der Satz gilt nicht bloß von Individuen; er gilt auch von Klassen. An der modernen Bour- geoisie erfüllt er sich jetzt, wie er sich weiland am Feudaladel, an den herrschenden Klassen in Griechenland und Rom erfüllt hat. Wenn ein Virchow in den Stahl'schen Reaktionsruf: die Wissenschaft muß umkehren! einstimmt, dann haben wir wahrlich ein Recht zu sagen: der Liberalismus hat sich selbst aufgegeben, er hat seinen Concurs angezeigt. Fast noch drastischer, als die berüchtigte Rede des„Fortschrittlers" Virchow, verkündet ein Zeitungsartikel des„Fortschrittlers" Bernstein den sittlichen und geistigen Bankrout des Liberalismus. Ehrendoktor Bern- stein drückt überhaupt diesen Bankrout mit ganz besonderer Deutlich- keit in seiner Person aus: Einst Materialist, verdienstvoller Popularisirer der Naturwissenschaften, ist er in seinen alten Tagen zu der Erkenntniß gelangt, daß das Volk Religion braucht. Einst demokratischer Journalist, entschiedener Bekämpfer der Willkür, Feind jeder Reaktion— ist er, nun wir werden sehn was er geworden ist. Unter dem Titel:„Politischer Parteieifer im sogenannten(!) sozialen Kampf" hat er soeben eine Reihe von Leitartikeln ver- öffentlicht, deren letzter wie folgt schließt: „Wir wissen sehr wohl die Gefahr zu würdigen, welche in der Existenz beliebter Kautschuk-Paragraphen gegen die Presse und gegen das Vereinsrecht liegt und sind durchaus nicht ge- sonnen, zu Gunsten dieser Polizei-Licbhabereien die Grundsätze des strengen R-'chts aufzugeben. Wir müssen auch an dieser Stelle einmal ausdrücklich sagen, daß es ein ganz jammervolles Bild unserer Zustände abgiebt, wenn man fast Tag vor Tag von Preßprozeffen wegen Beleidigung des Reichskanzlers liest. Wir ersehen jedenfalls daraus, daß auch das gemilderte Straf- gesetzbuch sehr reiche Handhaben zu Preßprozessen bietet, wenn man recht fleißig dahinter ist, mit nervöser Empfindlichkeit jeden Verstoß zu einem Prozeß aufbauschen zu lassen. Um so mehr müssen wir aber hervorheben, daß die Kunst, die Leidenschaften der Besitzlosen aufzuwiegeln gegen alle Besitzenden, sich einer merkwürdigen Straflosigkeit zu erfreuen hat, obwohl hierin der Kernpunkt des ganzen demagogischen Treibens liegt. „Es erscheinen jetzt demagogische Zeitungen, die gar keine andere Tendenz haben, als diese Aufreizung bis zu dem Grade zu betreiben, wo sie einmal auf Commando zur Verwirklichung der demagogischen Ideale führt. Zwar versichern uns die Herren Demagogen, daß sie es gar nicht abgesehen haben auf eine ge- waltsame Sozial-Revolution, sondern nur wohlwollend auf Ge- fahren hinweisen, welche eintreten könnten, wenn man nicht ftiedlich auf solche Reformen der Gesellschafts-Zustände eingehen wollte. Aber hinter dieser Logik aller Straßenräuber, die auch immer am liebsten ohne Anwendung von Gewalt die Börse und die Uhr in Empfang nehmen und blos als liebevolle Mahnung ?egen Gefahren auf ihr Messer und ihren Knüppel hinweisen, eckt doch nichts anderes als die Aufwiegelung, welche das charakteristischste Merkmal des Demagogenwescns ist, und diese ist um so entschiedener verbrecherischer Natur, je freier das demokratische Wahlrecht allen Staatsbürgern ohne Ausnahme das Recht zuspricht, sowohl ihre politischen wie sozialen An- sichten und Wünsche auf gesetzlich geordnetem Wege zur Aus- spräche zu bringen. „Wenn wir sagen, daß unsere Strafgesetze lückenhaft sind in Bezug auf ein Verbrechen, das gegenwärtig mit wahrer Virtuo- fität ausgeübt wird, so sprechen wir nur aus, was jeder Den- kende empfindet, wenn man sieht, wie man immer mehr und mehr die wirkliche Volksrepräscntation wie eine zusammen- gelaufene Gesellschaft von kapitalistischen Müßiggängern behandelt und als Ausdruck des Volkswillens Dasjenige dargestellt wird, was eine Handvoll Demagogen vor einer zusammengetrommelten Straßengesellschaft von Magcnfragern als Volksheil verkündet. „Die Kunst der Aufwiegelung weiß fich diese Lücken zu Nutze zu machen. Unter dem Schein einer wissenschaftlichen Erörterung der Reform der Gesellschaftszustände, die ganz sicherlich nicht strafbar ist und sein darf, wird systematisch die strafbare Auf- wiegelung betrieben. Auch die Gerichtshöfe find zuweilen nicht im Stande, die Grenzlinie zu bestimmen, wo ein Artikel aufhört freie Wissenschaft zu sein und anfängt strafbare Aufwiegelung zu werden. Eine genauere Fassung unserer Strafgesetze, welche diese Grenze strenge bezeichnet und wissenschaftliche Erörterung ganz genau von wühlerischer Demagogie unterscheidet, ist in unserer Zeit ein wohlberechtigtes Verlangen. Ein solches Be- dürfniß anerkennen und einer Verbesserung des Strafgesetzes in dieser Beziehung zustimmen, ist eine berechtigte Forderung unserer Zeit. Hierin eine Partei Orthodoxie bewahren und vor jeder Schärfung der Strafgesetze prinzipiell zurückschrecken ist eine Schwäche, nicht eine Stärke des Prinzips. „Freilich wissen wir, daß mit einem Straf-Paragraphen noch nicht viel gethan ist. Es kommt am den Ernst seiner Anwen- dung an, die nicht immer gleichmäßig gehandhabt wird. Wir erleben gar zu oft von oben her Winke zur Anwendung von Gesetzen, die uns deutlich genug zeigen, wie auch Gesetzes-Para- graphen in den Schlummer der scheintodten gerathen und zeit- weise aufgerüttelt erst wieder Leben erhalten. An der jetzt sehr regen Einschreitung wegen Verfälschung der Lebensmittel haben wir ein schlagendes Beispiel, wie lange cxistirende Paragraphen im Gesetzbuch stehen können, ohne im Leben wirksam zu werden. Mit einem Gesetzes-Paragraphen gegen die Demagogie könnte es leicht auch so sein. Daher meinen wir auch, daß man einer solchen Verschärfung der Gesetze nur zustimmen könnte, wenn mau zugleich den Urtheilsspruch einem aus dem Volke selbst entspringenden Geschworenen-Gericht anheimgiebt. Der Dema- goge, welcher sich vor einem Gerichtshof noch so haben kann, als ob er ein großer Volksanwalt sei, der das Märtyrerthum aus der Hand eines Richter-Collegiums auf sich nimmt, das nicht aus der Initiative des Volkes hervorgeht, der wird von einem volksthümlichen Geschwornengericht all des Scheins der Volksvertreterei gründlich entkleidet. Er wird hinter den Schranken des Gerichts eben so nackt von allem moralischen Recht,„Volksstimme" zu sein, dastehen, wie die Handvoll De- magogen, welche Sitz und Stimme im Parlament haben, das in seiner überwiegenden Mehrheit jedenfalls vollberechtigt ist, als Stimme des Volkes angesehen zu werden. „Brächte man solch ein Gesetz gegen das eigentliche Wesen der Demagogie ein, so würden die freisinnigen Parteien nicht aus Partei-Orthodoxie dem entgegen sein dürfen. A. Bernstein." Zu bemerken haben wir dazu nichts. Wir danken dem Ver- fasier für seine Offenheit und stellen ihn einfach an den Pranger, mit einem Zettel vor der Brust, auf welchem das einzige Wort geschrieben steht: Bourgeoisliberalismus. Aus den Vereinigten Staaten. New-York, 12. Oktober 1877. Die Ueberraschungen infolge unserer Herbstwahlen, welche wir in Aussicht stellten, haben begonnen. Am 9. d. M. fanden die Congreß- und Staatswahlen in den Staaten Maine, Iowa und Ohio statt. Da diese drei Staaten, als Vorläufer der übrigen, anzuzeigen pflegen, wie in den letzteren gewählt werden wird, so kann schon jetzt als ziemlich sicher betrachtet werden, daß die große Mehrheit der nördlichen Stimmgeber die Politik des Präsidente Hayes verurtheilt und zu Schanden zu machen strebt. In Maine und Iowa, zwei echten Kleinbürgerstaaten ohne nennenswerthe EntWickelung des Proletariats, siegten die Republikaner mit stark verminderter Mehrheit, siegten aber nur, weil die Partei ausdrücklich die Hayes'sche Administration ver- dämmt hatte. In Ohio, welches den Republikanern stets sicher war, sobald die Partei einig und gut vertreten austrat, unter- lagen sie durch die neue Arbeiterpartei, welche über 20,000 Stimmen warf, die früher den Republikanern angehört hatten, weil diese die Hayes'sche Politik gebilligt hatten. Außerdem hatte unmittelbar vorher die Arbeiterpartei von St. Louis in sechs von den zwanzig Wards der Stadt ihre Kandidaten durchgebracht, und in Newark, N. A., warfen am 9. Oktober die Arbeiter fast 1700 Stimmen, trotz den argen Wahlbeeinflussungen, welche in dieser Fabrikstadt so erleichtert sind. In vier Wochen wird nian bei den Wahlen in New-Iork, Pennsylvanien, Maryland, Indiana und Illinois die Zahl der Arbeiterstinimen verhältnißmäßig stärker gewachsen, und die Hayes'sche Politik noch nachdrücklicher ver- urtheilt sehen. Diese Politik bezweckt eine Versöhnung des südlichen Flügels der Demokratie, welche durch das Interesse des Niederhaltens des politischen Einflusses der Neger geeinigt ist und fünfzehn Staaten beherrscht, mit dem großkapitalistischen nördlichen Flügel der Republikaner, also Vereinigung der Großkapitalisten des Südens und Nordens gegen die weißen und schwarzen Arbeiter. Sie bezweckt einen Krieg mit Mexiko, um die nördlichen Staaten dieser Republik an die Union anzuschließen, eine starke Vermehrung des stehenden Heeres, Herrschaft der Geldkönige mittels der Bankvorrechte, der Eisenbahn-Ausbeutung und der Bestechung der Häupter der beiden alten Parteien, welche im Markte sind. Es ist erfreulich zu sehen, daß die Absichten dieser Politik in so großer Ausdehnung von den Stimmgebern durch- schaut sind und verdammt werden. Da unsere Partei noch viel zu neu und zu wenig geeinigt ist, um an der Wahlurne schon jetzt mehr als Warnungen für die herrschenden Mächte ergehen zu lassen, so ist es immerhin wünschenswerth, daß die Stimme des Volkes sich nachdrücklich gegen die Kapitalherrschaft und ihre Absichten erklätt, und das ist gleichsehr von den unzuftiednen Republikanern, den Demokraten, den Greenbacklern und der Arbeiterpartei geschehen. Das Stimmenverhältniß im Congreß wird sich gänzlich umgestalten, und da die Machtvertheilung von der Zahl der unbestechlichen Gegner der neue« Politik abhängt, so läßt sich über dieselbe gar nichts voraussagen. Die Herren Unions- Gesetzgeber des Nordens haben jedoch soviel von ihren Austraggebern, dem Volke, gesagt erhalten, daß man ihnen auf die Finger sehen wird. Sollte diese Verwarnung bei einer Mehrzahl nichts helfen, so kann man versichert sein, daß die neue Kapitalistenpartei ungeirrt ihre Absichten ausführen wird. Doch hierüber Ausführlicheres erst, wann die Nove.nberwahlen vorüber sein werden. Wenn sie lesen sollten, daß die Arbeiter- Partei in Ohio 25,000 oder mehr Stimmen abgegeben habe, so ist dabei zu berücksichtigen, daß dort(und in New-Aork, Penn- sylvanien und Massachussetts) zwei Parteien sich diesen Namen beilegen, nämlich außer unserer eignen noch die Greenbackpartei, welche sich überwiegend aus Nichtdeutschen, wie jene aus Deutschen zusammensetzt, welche deshalb auch schwächer an Zahl ist. Die Greenbäckler sind für ein mit Gold gleichwerthigrs, lediglich von der Union, nicht von Banken auszugebendes Papiergeld, haben ein halbes Dutzend der Arbeiterforderungen unseres Programms in das ihrige aufgenommen, wollen aber vom achtstündigen Nor- malarbeitstage meist nichts wissen. Ihre Organisation ist stärker, weil älter und aus allen Arbeits-Reformern und Weltverbesserern ohne gründliche Sachkenntniß, aber mit Schönrednerei wohl aus- gestattet, zusammengesetzt. Sie arbeiten unserer Partei vor, ohne es zu wollen, verzögern aber eben darum deren sofortiges Wachsthum. Vom Unternehmungsgeist unserer großen Tagespresse, aber auch von der Wichtigkeit, welche fie der Arbeiterbewegung bei- mißt, zeugt die Thatsache, daß sie beim internationalen Kongresse in Gent einen Berichterstatter gehabt hat, der allerdings die Be- deutung der dortigen Verhandlungen nicht sonderlich zu beurtheilen im Stande war, und daher mehr über eine Zuschrift der Execu- tive der Arbeiterpartei der Vereinigten Staaten in Chicago sich spöttelnd ergeht, deren in den Berichten des„Vorwärts" gar nicht gedacht worden ist, und von der der Berichterstatter behauptet, sie sei in Gent stillschweigend zu den Akten genommen worden, da sie nicht umstürzlerisch genug gehalten iväre. Von der gro en Stimmenzahl, welche Cincinnati, St. Louis und anderwärts oon unserer Partei abgegeben worden ist, wird in unserer Tages- presse mit Achtung gesprochen. Ein schlagendes Beispiel der ökonomischen Verwüstung, welche die schrankenlose Kapitalherrschast anrichtet, liefert die pennsyl- vanische Kohlen-Jndustrie, deren Geheimnisse zwar längst kein Geheimniß für uns mehr waren, jetzt aber schonungslos aufge- deckt worden sind. Die Anthracit-Kohle, welche fast nur in Pennsylvanien gefördert wird, versorgt alle nordöstlichen Gebiete der Vereinigten Staaten mit dem einzigen passenden Brenn- materiale. Ihr Absatzgebiet läßt sich ganz genau berechnen und hat in den günstigsten Jahren nie mehr als 20—22 Millionen Tonnen aufgebraucht. Die Förderungsanlagen aber sind für 30 bis 32 Millionen Tonnen berechnet. Bei voller Arbeitszeit wird also ein Drittel zuviel produzirt; ein Drittel des in dieser Industrie angelegten Kapitals liegt müssig; ein Drittel der Arbeiter muß müssig gehen, d. h. hungern. Damit ist aber der angerichtete Schaden noch nicht erschöpst. Wenn die Gruben- besitzcr— wie gewöhnliq— sich Mitbewerb machen— so ist es das Interesse jedes Einzelnen, den übrigen im Markte zuvor- zukommen. Sie müssen also die Flötze anbrechen, welche am leichtesten auszubeuten sind, ohne Rücksicht aus die Sicherheit der Bauten und der Menschenleben. Sie müssen Beförderungs- anstalten(Eisenbahnen und Küstenschiffe) zu stets bereiter Ver- fügung für eine weit größere Kohlenmenge bereit halten, als nöthig wäre, mit andern Worten, fie müssen diese Eisenbahnen und Küstenfahrzeuge entweder eigenthümlich oder auf lange Pacht- fristen besitzen. Die Eigenthümer der Kohlenländereien, welche den Betrieb verpachtet haben, müssen im Pachtvertrag es zur Bedingung machen, daß jährlich nicht weniger als eine Mindest- zahl von Tonnen gefördert werden. Dadurch müssen alle Unter- nehmer zu Grunde gerichtet werden, welche ihre Arbeiter nicht aufs Aeußerste ausbeuten, ihre Föderungan lagen nicht billigst und leichtsinnig herstellen. Dadurch entstehen Unfälle über Unfälle in den Gruben und auf den Bahnen, welche— abgesehen von den Menschenleben, die nichts kosten, große Kapitalien verschlingen. Machen sich aber die Unternehmer möglichst wenig Konkurrenz — und das war von 1870—1876 der Fall— vertragen sie sich dahin, die Kohlenpreise hoch zu halten, indem jede Kompagnie blos die wirklich nöthigen zwei Drittel fördert, so zahlt das Kohlen kaufende Publikum diese unentbehrliche Waare weit theurer, als nöthig wäre, und dergestalt ist dieses Publikum in den ge- nannten sieben Jahren um 75 Millionen Dollars jährlich gesetzlich bestohlen worden. Jetzt erhalten freilich die Unternehmer und Landeigner. Eisenbahngesellschaften und Schiffsbesitzer ihre schönen Zinsen auf allgemeine Kosten, während die Kohlenarbeiter, Eisen- bahnarbeiter und Matrosen ein Drittel des Jahres darben; denn in den zwei Dritteln Beschäftigungszeit wird ihnen nicht eine verhältnißmäßige Lohnerhöhung zugestanden. Allein die nicht thätigen Kapitalanlagen kosten immerfort große Summen, ver- fallen nutzlos. Die lange faule Zeit verdirbt auch die Arbeiter und die gesammte von diesen lebende Bevölkerung. Die Woh- nungen, die Straßen, die Felder(wo es deren gicbt), die öffent- lichen Anstalten— Alles ist lüderlich, verfallen, schmutzig, un- freundlich, ungesund. Auch das deckt den ganzen Schaden noch nicht. Die eben genannte Verschwörung wäre gar nicht durch- zuführen ohne Monopol. Theils kauf-, theils pachtweise wurden drei große Eisenbahngesellschaften Herren fast aller Kohlenlände � reien und Förderungsanstalten. Sie gaben für den Kauf oder Pacht bis zu 350 Millionen Dollars Aktien aus, kauften und pachteten weit über dem wahren Werthe. Die Zinsenlast dieser Aktien, deren Werth künstlich durch ungeheure Dividenden hinauf- getrieben wurde, verschlang auch in den besten Zeiten, d. h. als die Kohlen fast unerschwinglich theuer waren, ziemlich den ganzen Reinertrag; und als nun mit dem großen Krach die Nachfrage nach Kohle weit unter den Durchschnittsbedarf herabging, da erhielt sich die Monopolisten-Bande noch zwei Jahre lang, indem sie die Dividenden mit betrügerisch vermehrten Aktien fortbe- zahlte. Aber endlich mußten die Kohlenpreis« weichen, mußten so stark weichen, daß die Verschwörung nicht länger besteh» konnte. Mehr als die Hälfte des Aktienkapitals— vielleicht drei Viertel — waren werthlos geworden. Zahllose Wittwen und Waisen, wohlthätige Anstalten, Sparkassen, Angestellte zc., welche ihr Vermögen in diesen Aktien angelegt hatten, waren völlig zu Grunde gerichtet. Die eigentlichen Urheber der Verschwörung aber,'welche ihre Aktien längst verkaust hatten, besonders die Eisenbahnkönige, waren sehr reich geworden. Jetzt waren die armen Kohlen- arbeiter erst recht elend daran; denn woher sollte bei niedrigen Kohlenpreisen und fast nur halber Arbeitszeit ein genügender Lohn kommen? Es ist klar, daß bei dieser Industrie, wenn sie genau auf den Bedarf eingeschränkt würde, ein Drittel Arbeiter anderswo unter- zukommen suchen müßte, und zwei Drittel des Anlagekapitals erspart werden könnten. Das Publikum würde dann mittel- mäßige und feste Kohlenpreise, die noch übrigen Arbeiter ge- nügend Hohr Löhne und ein menschliches Dasein, das Anlage- kapital genügende Zmsen(vorausgesetzt sie wären auch dann noch gestattet) haben. So will es der gesunde Menschenverstand. Aber was kümmert sich der Kapitalismus um diesen in dieser „besten aller Welten"?— Die Berichterstatter unserer großen Zeitungen, denen wir Obiges entnehmen, gestehen zu, daß es kein Mittel giebt, um das richtige Heilmittel dem Patienten den Hals hinab zu bringen. Der Patient ist natürlich die kapitalistisch rüinirte Gesellschaft. Diese — diesmal ungewöhnlich intelligenten Berichterstatter dürfen natürlich nicht sagen, daß es ein solches Mittel giebt, welches die Sozialdemokratie von den Dächern predigt— Aneignung gemeinwichtiger und gemeinschädlicher Arbeitsmittel durch die Gesammtheit. Aber der verzweifelte Ton ihrer Schlußfolgerun- gen verräth den gänzlichen Geistes-Bankrott der bestehenden Gesellschaft. Aus Frankreich. (Schluß.) Diese neuen Deputirten werden ohne Zweifel für ein Tadels- Votum gegen die Reaktionäre des 16. Mai stimmen; sie werden einige bonapartisttsche Wahlen für ungiltig erklären, aber sie werden in große Verlegenheit gerathen, wenn es sich darum handeln wird, Reformen durchzuführen, ungerechte, unzeitge- mäße, gemeinschädliche Gesetze, die zum Theil noch vom Empire (Kaiserreich) herstammen, zu revidiren oder aufzuheben; dem Volk das Vereins- und Versammlungsrecht, die Preßsreiheit zu gewähren und sicherzustellen. In einigen Gegenden, namentlich in den mittleren Departe- ments, hat die revolutionäre Energie sich am 14. Oktober durch Gesänge, republikanische Rufe, Ansammlungen in den Straßen Luft gemacht, aber ohne die geringste„Unordnung". Man wollte kundthun, daß, wenn die Volksvertreter die glorreichen Ueber- lieferungen von 1789 und 1793 vergaßen, das Volk selbst sie nicht vergessen hat. Wie unter solchen Verhältnissen nicht anders möglich, sind die Arbeiter nichts weniger als freudig erregt; aber wenn ihnen auch die nächste Zukunft keine Hoffnungen einflößt, so blecken sie doch fest und in Gewißheit des endlichen Siegs den nahenden Ereignissen entgegen. Sie warten. Sie haben gestimmt— das wiederhole ich— um gegen die Tyrannei des 16. Mai zu pro- testiren, aber sie erwarten von Neuem, und vielleicht bald, an die Wahlurne gerufen zu werden, um ihr Votum in die Wag- schale der Demokratie zu werfen, für die Forderungen des unter- drückten Volks einzutreten. Nach dem Gesagten habe ich zum Schluß über die Haltung und Sprache der französischen Arbeiter im gegenwärtigen Augen- blick nur noch wenig zu bemerken: Die Wahlen sind gemacht. Die Candidaten des Elysöe(Mac Mahon's) sind in großer Minderheit. Die Reaktionäre der „moralischen Ordnung" zittern. Gut. Aber wir müssen auch die Zukunft beftagen, dürfen uns nicht mit tönenden Worten, mit hohlen Phrasen, mit blauem Hoffnungs- Dunst abspeisen lassen. Was werden die neuen Abgeordneten thun? Das ist die Frage, welche ein jeder Wähler sich vorlegt. Die Elemente der A: wort haben wir vor Augen. Vom 20. Februar, dem Tag tfr. ersten Erwählung an, bis zum 16. Mai, dem Tag ihrer Ein Stück Geschichte. Defension(Vertheidigungsschrift) in der Untersuchungssache wider Wander. (Vom Justizrath Robe(ck. ck. 9. September 1845.) (Fortsetzung.) In diesem Theil der Rede sagt Wander keineswegs, daß eine constitutionelle Verfassung der Gegenstand seiner oder der Sehnsucht des preußischen Volkes wirklich sei, sondern er sagt blos hypothetisch: wenn sie es wäre, so würde das bloße Ver- schweigen der Sehnsucht sie doch nicht vertilgen. Am wenigsten aber spricht er seine Unzufriedenheit mit der jetzt bestehenden preußischen Verfassung aus, und noch weniger sucht er Unzu- friedenheit bei andern dagegen zu erregen. Er preist eine con- stitutionelle Verfassung nicht einmal an, er sagt eben nichts und gar nichts als: man solle den Redner der vorigen Versammlung nicht gleich verdammen, wenn er von Constitution gesprochen habe. Die Argumente für diese Entschuldigung sind eben nichts als Begütigungsgründe zu Gunsten des früheren angefochtenen Red- ners, und weder hinterhaltig noch vordringlich. Damit enden die Beweisstellen, welche Streber aus Wander's Vorträgen zur Rechtferttgung seiner Anklage herausgezogen hat. Man ersieht ohne Mühe, daß keine dieser Stellen an und für sich etwas Ver- fängliches hat. Die ganze Vertheidigung besteht daher noth- wendig hauptsächlich in der Abwehr dieses Falfirens. Wenn die Vertheidigung nicht geschwächt werden sollte, konnte Stieber's Verfahrungsweise nicht geschont werden. Zur Charakterisirung derselben sei noch einmal darauf aufmerksam gemacht, wie Stie- bcr an der Kraft seiner Beweise selber zweifelt. Er sagt in der Denunciation: es scheine ein Criminalverfahren gegen Wander begründet und hält sich somit weislich eine Hinterthür offen. Dessenungeachtet stellt er aber doch alle seine incriminirenden Behauptungen mit apodiktischer Sicherheit auf, welches nur aus der Absicht erklärt werden kann, den Richter irre leiten zu wollen. Derselben Unsicherheit und derselben Absicht ist das Ha- schen nach äußeren Stützen entsprungen, welche den inneren kartenblättrigen Bau der Denunciation die ihm fehlende Festig- keit geben sollen. Ich rechne dahin die Hinweisung auf Wan- Zersprengung, haben die„363" nichts, absolut nichts im Sinn und in der Richtung der sozialdemokratischen Republik gethan. Jetzt sind sie wieder in Versailles. Es ist uns einfach un möglich, das Mißtrauen zurückzudrängen. Von diesen Volte Vertretern, die im vorigen Jahre ihre Aufgabe so schnöde ver- nachlässigt haben, müssen wir neue Schwachheiten, neue Rech- nungstr'ägereien, neue Verletzungen des Prinzips befürchten. Wir leugnen eS nicht: wir urtheilen streng. Wir wissen nur zu gut, daß krankhafte Empfindlichkeit(sensiblerik), daß Zaghaftigkeit die Vorläuferin des Verfalls einer Idee ist. Wir wissen auch, daß ein unentschlossener, schlaffer Charakter nicht von heute auf morgen mannhaft, unbeugsam wird. Wir wissen, daß der seit Jahren fast- und blattlose Baum sich nicht über Nacht mit Früchten bedeckt. Wir wissen, daß das Standbild der wahren Freiheit, der großen Republik nicht von schlechtem Metall her- gestellt werden kann. Wir wissen, daß die Bourgeoisie keine Lust hat, die Arbeiter sich emanzipiren zu lassen. Wir wissen, daß die„363", wenn sie auch Max Mahon vielleicht Furcht ein- flößen, doch selber Furcht haben— und welche Furcht!— vor den logischen Vertretern des Sozialismus! Das Alles wissen wir, und darum sind wir von Mißtrauen erfüllt. Sollte die Zukunft uns Lügen strafen, um so besser. Aber wir haben bisher so wenig Ursache gehabt, uns der Folgen der sogenannten Volkstriumpbe zu freuen, daß wir überzeugt sind: auch diesmal ist unser Mißtrauen, sind unsere Besorgnisse wohlbegründet, und der begeisterten, hoffnungsseligen Masse harrt bittere Enttäuschung. Eine Wahl tröstet uns: die Bonnet-Duverdier's in Lyon. Dieser Bürger ist der Einzige in der ganzen Bersamm- lung, der ein festes demokratisches Programm hat. Indem Lyon diesen Mann wählte, ihn aus dem Kerker herausholte und den Gewalthabern Stirn an Stirn gegenüberstellte, hat es sich um Frankreich, um die Weltrepublik verdient gemacht. Der Name Bonnet-Duverdier's hat eine ernsthafte Bedeu- tung, die Niemand entgeht. Was Bonnet-Duverdier sagt, das thut er. Wir wollen glauben, daß die äußerste Linke, von diesem Bürger angestachelt, endlich aus ihrer langen Erstarrung(tor- peur) heraustreten und eine revolutionäre Haltung annehmen wird. Möge die äußerste Linke das Programm der Sozialisten be- fürworten! Sie hat das Recht und die Pflicht. Möge sie auf- hören, Conzessionen zu machen! Die Zeit der Conzessionen hat zu lange gedauert. Möge sie offen ihr Banner entfalten— die militante(streitende, ringende, thatkräftige) Demokratte ist sozia- listisch. Die denk- und urtheilsfähigen Proletarier wissen genau, was sie wollen. Darin liegt ihre Kraft, das ist es, was sie von der opportunistischen(nattonalliberalen) Bourgeoisie unter- scheidet, die kein Programm hat, die in ihrem Beutel nur Wünsche, Ehrsucht und Verleumdungen hat. Wir glauben nicht, daß die neue Kammer ein langes Leben haben wird. Darum bereiten wir uns, ohne einen Tag zu verlieren, darauf vor, den Sieg des sozialistischen Radikalismus zu sichern. Das, Bürger Redakteur, sind die Gedanken und Ansichten der gebildetsten, der politisch geschulten Arbeiter. Diejenigen, welche das Tagewerk vollständig in Anspruch nimmt, welche kaum die Zeit haben, eine Zeitung zu lesen, welche Tag und Nacht schanzen müssen, um Weib und Kind zu ernähren,— sie rufen uns zu: Ihr habt Recht! Hoffen wir das Beste, und versäumen wir nichts, Bürger Redakteur, um unsere Brüder der Ausbeutung und dem Elend zu entreißen. Wir wissen, daß wir durch unser sozialistisches Vorgehen die Berechnungen der gemeinen Ehrgeizigen und der Schönredner durchkreuzen; allein wir werden stets unseren Feinden in's Ge- ficht die Wahrheit sagen. Wir wissen, daß dies das beste Mittel ist, um unsere Kampf- und Leidensgenossen zu befreien. Ganz der Ihrige in der gerechten Sache Hippolyte Buffenoir. Sozialpolitische Uedersicht. — Die Minister Camphausen und Friedenthal, die Stellvertreter Bismarck's und Eulenburg's, beglückwünschen sich nach der Debatte— dies war das Resultat der zweitägigen Redeschlacht, die in Berlin im preußischen Abgcordnetenhause über constttutionelle Regierung und Ministerkrifis am 26. und 27. Oktober toste. Virchow warf bei der Gelegenheit dem Ab- geordneten v. Sybel den Konitzer an den Hals, dieser suchte den säubern Patron von sich abzuschütteln und ihn sogar den Klerikalen in die Schuhe zu schieben; Schorlemer aber versprach der's Mißverhältniß zu den ihm vorgegesetzten Behörden, die Verdächtigung des Charakters und der literarischen Thätigkeit des Angeschuldigten, ja selbst die Verdächtigung des Gewerbe- Vereins überhaupt und in allen seinen Zuhörern, und somit Man- der's, der in diesem an und für sich verdächtigen Verein eine Hauptrolle gespielt haben soll. Der Richter wird sich jedoch nicht irre leiten lassen. Meine Vertheidigung ist sehr lang und ich muß den Richter um Geduld bitten. Aber ihre Länge liegt in der Natur der Sache. Eine Denunciatton ist wie ein Büchsenschuß. Ein Druck und die Kugel sitzt; aber die Heilung erfordert viele Mühe des Arztes und viele Geduld des Verwundeten. Wenn bisher gezeigt worden, daß die incriminirten Stellen den ihnen von Stieber untergelegten Sinn nicht haben, so bleibt noch darzuthun übrig, daß Wander damit auch keinem Strafge- setz entgegen gehandelt hat. Das Gesetz, welches der Denunciant verletzt glaubt, ist in tz 151") Kr.-R. enthalten, und lautet:„Wer durch frechen, un- ehrerbietigen Tadel oder Verspottung der Landesgesetze und An- Ordnungen im Staate, Mißvergnügen und Unzufriedenheit der Bürger gegen die Regierung veranlaßt", hat Strafe verwirkt. Es dürfte zuförderst in Frage zu stellen sein, ob dies Gesetz auch für mündlichen und nicht vielmehr blos und allein für schriftlichen und zwar durch Buchdruck vervielfältigten Tadel ge- geben sei. So sehr das Wort des Gesetzes dem zu widersprechen scheint, so dürfte dennoch mein Zweifel sehr viel für sich haben. Die Gründe für meine Ansicht, daß das Gesetz nur vom gedruckten Tadel rede, sind theils innere aus dem Gesetz selbst, theils äußere aus den Rechtsansichten der Zeit hergenommene, in welcher das Landrecht abgefaßt ist. Bewachtet man nämlich das Gesetz in seinem Zusammenhange mit den ihm folgenden Vorschriften; so folgt unmittelbar hinter ihm§ 153 die Strafe für den Verkauf und für die Verbreitung„solcher Schand- schriften". Der Ausdruck ist auffallend. Demnächst aber folgen Maßnahmen gegen Drucker und Verleger, Abschreiber und Ver- breiter. Ueber die in dem Ausdruck„solcher Schandschriften" *) Es ist natürlich das preußische Landrech t, auf das hier und im Folgenden Bezug genommen wird. !'ihn noch fester an den Herrn Sybel zu binden, wenn die Ge- legenheit dazu käme. Die fortschrittlichen Redner suchten wieder den Bären zu waschen, ohne ihm den Pelz naßzumachen— die Rede von Eugen Richter war geradezu stümperhaft. Der frei- conservative Bethusy-Huc stimmte eine Hymne an:„Was Bis- marck thut, ist wohlgethan", Lasker trug, wie immer, auf beiden Schultern und meinte, daß es eigentlich nicht hübsch sei, wen« der große Mann das einsame Varzin dem schönen Berlin vor- ziehe— aber Camphausen sei ja auch ein guter Mann, ebenso Friedenthal, der den Eulenburg ganz gut ersetzen könne. Den Ministern war es nun sehr leicht, ihren„constitutionelle»" Standpunkt zu v erth eidigen; Camphausen ließ sich gar zu der unter solchen Umständen äußerst billigen Redensart hinreißen, daß er sofort seinen Posten quittiren würde, wenn die Majorität des Hauses sich mit ihm nicht zufrieden erkläre. Nur der Abg. Windthorst sandte mit gewohnter sicherer Hand seine Pfeile. Er sagte unter Anderm, daß Bismarck wohl eine außerordentliche Thätigkeit entfalte, aber eine außerordentliche Capazität sei er nicht. Er besitze jedenfalls mehr Kunst im Zer- stören;, als im Aufbauen(Widerspruch— Zustimmung), und er selbst werde es am besten wissen, wie sich die ungelösten Pro- bleme vor ihm aufhäufen. Das Durchführen großer Kriege und Bölkermetzeleien(große Unruhe), wenn nichts weiter darauf folgt,' namentlich wenn keine neue Culwrepoche daraus hervorgeht, sei nicht genug für die Bedürfnisse einer großen Nation.(Unruhe.) Der gegenwärtige Zustand sei ein unleidlicher. Fürst Bismarck habe sich beurlauben lassen und dennoch fahre er, wenn es ihm gerade passe, oft genug zwischen die Ministerberathungen in Ber- tin und zerstöre die Ansichten der Fachminister, die doch eigent- lich nur seine Commis seien. Ebenso könne auch der beurlaubte Eulenburg mal aus der Ferne dem stellvertretenden Herrn Frie- denthal zurufen:„Nee, Männeken, det geht nicht!" Die Mi- nister nannte er zum Schlüsse noch recht brave Leute, aber, wie Camphausen selbst ergänzte, wollte er damit sagen, daß sie schlechte Musikanten seien.— Trotz alledem erhielten die Minister von der Majorität des Hauses— 217 gegen 132 Stimmen— ein Vertrauensvotum und— Camphausen und Friedenthal beglückwünschten sich durch Händeschütteln. —„Es giebt noch Richter in Berlin"— aber was für welche. Bezüglich unserer Besprechung des Frankfurter Falles, bei welchem der Staatsanwalt Kunitz bei Majestätsbe- leidigung die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte bean- tragt hatte, erhalten wir aus Berlin folgende Zuschrift, die einen weiteren Beitrag liefert, wie schwach die Kenntnisse der Herren Richter in Bezug auf das Strafgesetzbuch sind, beson ders in Fällen, wo ein Sozialdemokrat zur Verurtheilunz kommt: „In der Nr. 125 der„Sozialpolitischen Uebersicht" bespra- chen Sie einen Artikel, wonach der Staatsanwalt Kunitz in Frankfurt a. M. wegen Majestätsbeleidigung die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte beantragt hat. Gestatten Sie mir, Ihnen einen ähnlichen Fall aus Berlin mitzutheilen, da Sie dem Herrn Tessendorff das Zeugniß nicht versagten, daß ihm mitunter auch eigenthümliche Sachen passirt seien. Unser Partei- genösse Lieftänder war angeklagt, in einer öffentlichen Versamm- lung den deutschen Kaiser beleidigt zu haben. Er wurde in Untersuchungshaft genommen und in öffentlicher Sitzung am 23. August vorigen Jahres zu 6 Monaten Gefängniß und Ver- tust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von einem Jahr verurtheilt. Liesländer hatte gegen das Erkenntniß nicht appellirt; es war ihm unbekannt, daß die Richter nicht berechtigt ge- wesen waren, ihm die Ehrenrechte abzuerkennen, anderseits wollte er nicht unnützerweise im Gefängniß zubringen, da er glaubte, daß eine Appellation doch nicht zu seinen Gunsten aus- fallen dürste. Liefländer saß am Plötzensee und mußte, da ihm die Ehrenrechte aberkannt waren, die Gefängnißkleider an- legen, wurde geschoren zc. zc. Nachdem er aus Plötzensee ent- lassen worden war, sah er sich das Strafgesetzbuch näher an und bemerkte, daß er zu einer Strafe verurtheilt worden, wozu die Richter nicht berechtigt waren. Er beantragte hierauf bei dem Kammergericht die eventuelle Bestrafung der Richter, die Aner- kennung der Ehrenrechte zc. Obwohl das Erkenntniß rechts- kräftig war, stützte er sich leK�uch darauf, daß die Richter sich eine direkte Verletzung ves Gesetzes haben zu schulden kommen lassen.— Die Angelegenheit schwebt noch, das Weitere muß abgewartet werden. Sie sehen also, daß Berliner Richter nicht einmal das Strafgesetzbuch kennen, und da verlangt man von Arbeitern, daß sie jedwede polizelliche Verordnung von Ju- das' Zeiten noch kennen sollen." Soweit der Brief. Man sieht, wie wohl unsere Parteige- enthaltenen Rückbeziehung des§ 153 auf§ 151 kann gar kein Bedenken sein. In diesem unverkennbaren Zusammenhange des Z 151 mit dem§ 153 und 154 erklärt sich nach meiner Auffassung§ 151 als gegen den Verfasser,§ 153 als gegen den Verbreiter,§ 154 als gegen Abschreiber, Drucker und Verleger solcher Schand- schriften gerichtet. Genug, ich sehe in diesen ZZ 151 bis 156 die ursprünglichen Censurgesetze des Landrechts. Wollte man sagen: K 151 spreche von mündlichen und schriftlichen Aeuße- rungen msgemein, und§ 153 und 154 von schriftlichen und ge- druckten insbesondere, so würde man der Sprache Gewalt an- thun müssen. Um einen solchen Sinn herauszubringen, müßte man in§ 153 den Ton gewaltsam auf„Schandschriften" legen, blos um nur einen Gegensatz gegen mündliche Aeuße- rung wenigstens dem Ohr fühlbar zu machen, während er jetzt offenbar auf„Verkauf und Verbreitung" liegt. Eine so täuschende Stütze als das Urthcil des Ohrs kann aber der Gesetzgeber zur Erklärung seiner Meinung unmöglich als genügend angenommen haben. Und dabei müßte man immer noch unter„solche Schandschriften" Aeußerungen verstehen, welche nach§ 151 strafbaren Inhalts, aber nicht wie dort, blos mündlich gemacht sondern in Schriften niedergelegt sind. Durch das Demonstralivum„solche" in der gewählten Verbindung wir« jedoch eine anzunehmende nolhwendige Unterabtheilung der Aeußerungen, nämlich in Schriften enthaltene, also ein Gegen- satz zu mündlichen Aeußerungen zu richtigem Deutsch nicht aus- gedrückt. Daß aber der Gesetzgeber das Deutsche nicht habr richtig sprechen und schreiben können, darf nicht angenommen werden, wenn nicht die größte Unsicherheit üver seinen Wille« und seine Meinung entstehen soll. Das Demonstratioum„solche ist zusammengesetzt aus so, welches die alte Modalform vo« der. ist, und aus lih oder lich!, englisch like, was ,.gleich"thelstft mithin ist„solche" gleichbedeutend mit„dergleichen". Unzwcl- deutig geht deshalb aus§ 153 hervor, daß er ohne eine Unter� abtheilung oder einen Gegensatz anzudeuten von vergleiche« Schandschristen spricht, welche schon m§ 151 besprochen wo' den. Und daraus wieder, weil§ 153 das, was in§ 151 sprachen worden, als Schandschriften bezeichnet, gelst yc_ vor, daß in K 151 von mündlichen Aeußerungen nicht m Rede sein kann. Und in Wahrheit, bei Abfassung des Lano- Nossen daran thun, erst jedesmal ein Urtheil, welches gegen sie gefällt wird, auf seine Zulässigkeit-u prüfen, da nicht allein die Richter irren können, sondern sich gerade bei politischen Prozessen vielfach zu Ungunsten der Angeklagten irren und das Gesetz verletzen. — Die österreichische Regierung hat sich mit der ersten Ver- nehmung Leo Frankels noch nicht beruhigt. Das Pester Be- zirksgericht hat, nach der„Arbeiter-Wochen> Chronik", unfern Genossen noch einmal vernommen, um von ihm die Unterzeichner seines Mandats für den Genter Kongreß zu erfahren. Vielleicht glaubte man, aus mehreren Personen eher etwas herauszubringen, als aus einer. Jedoch diese Absicht scheiterte an dem schlechten Namensgedächtniß des der Pester Behörde gewiß sehr unlieb- samen Agitators. Ob sich wohl dieselbe jetzt zufrieden geben wird?— „Neuen Welt" all diesen gesetzlichen Bestimmungen nicht genügt' sagen wir ganz einfach:* � a�uyi. „Confisziren Sie, Herr Tessendorff!" — Unsere Berliner Parteigenossen haben beim preußi- schen Abgeordnetenhause eine Beschwerde über das Berliner Po- lizeipräfidium, die Staatsanwaltschaft des Stadtgerichts, sowie über den Minister des Innern, Graf zu Eulenburg, eingebracht, weil sich die genannten Behörden bei der Handhabung des Ver- eins- und Versammlungsrechts in Berlin einer Verletzung des- selben und der preußischen Verfassung schuldig gemacht hätten. Es handelt sich speziell um die Schließung verschiedener sozia- listischer Gewerkschaften, sowie um die Weigerung der Behörden, die sofortige Bescheinigung von angemeldeten Versammlungen zu ertheilen. — Unserem Hamburger Parteiorgan geht die Mittheilung aus London zu, daß unter den dort an Stelle der strikenden Stein- Hauer Arbeitenden nur 28 mißleitete deutsche Steinhauer sich befinden, welche am 19. Oktober angekommen sind. Die übrigen waren 30 Italiener. Am 24. Ottober langten 58 Steinhauer aus New-Iork an, welche sich sämmtlich dem Strike der Lon- doner Genossen angeschlossen haben. — Die am 28. Ottober in Frankreich vorgenommenen 15 Stichwahlen find nunmehr vollständig bekannt, es sind 11 Konservative und 4 Republikaner gewählt. Die neue Kammer besteht demzufolge aus 320„Republikanern" und 210 Konser- vativen. — � Die einzige erwähnenswerthe Nachricht vom Kriegsschauplatz ist eine alte Nachricht: nämlich die nun in authenttscher Form bestätigte Vereinigung Moukhtar Pa- schas mit Ismail Pascha. Durch russische Lügentelegramme war dieses Ereigniß wieder in Zweifel gestellt worden.— Ans Bulgarien absolut nichts Neues, das zugleich glaubwürdig wäre. Daß bei Plewna in nächster Zeit ein entscheidender Schlag fallen muß, wenn er nicht schon gefallen ist, scheint gewiß. — Er hat den Wink des Obertribunals verstanden. „Herr Tessendorff", schreibt die„Berliner Freie Presse" vom 23. Oktober,„ist bekanntlich der treueste Freund unseres Blattes; seine liebende Aufmerksamkeit in jeder Beziehung be- weist das. Die neueste Probe davon hat er uns gestern gegeben, indem unser Verleger auf's Revier-Polizeibüreau geladen und ihm ein Protokoll zur Kenntnißnahme vorgelegt wurde, nach welchem Herr Tessendorff fortan unsere Sonntags-Gratisbeilage, die„Neue Welt", confisziren lassen würde, falls dieselbe nicht von einem unserer Redakteur� verantwortlich ge- zeichnet werde. Er stützt sich dabei auf die§§ 7, 18 und 23 oes Reichspreßgesetzes vom 7. Mai 1874.— Die 18 und 23 handeln von der Bestrafung und Beschlagnahme; der§ 7 aber, den wir, um unseren Lesern ein selbstständiges Urtheil zu ermöglichen, hier wiedergeben, bat folgenden Wortlaut: „§ 7. Zeitungen und Zeitschriften, welche in monatlichen oder kürzeren, wenn auch unregelmäßigen Fristen erscheinen(pe- riodische Druckschriften im Sinne dieses Gesetzes), müssen außer- dem auf jeder Nummer, jedem Stücke oder Hefte den Namen und Wohnort des verantwortlichen Redakteurs enthalten. „Die Benennung mehrerer Personen als verantwortliche Re- dakteure ist nur dann zulässig, wenn aus Form und Inhalt der Benennung mit Bestimmtheit zu ersehen ist, für welchen Thcil der Druckschrist jede der benannten Personen die Redaktion besorgt. „Zu weiterem Verständniß lassen wir auch die Z§ 8 und 9 folgen: „§ 8. Verantwortliche Redakteure periodischer Druckschriften dürfen nur Personen sein, welche verfügungsfähig, im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte sind und im deutschen Reiche ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt haben. „8 9. Von jeder Nummer(Heft, Stück) einer periodischen Druckschrist muß der Verleger, sobald die Austheilung oder Ver- sendung beginnt, ein Exemplar gegen eine ihm sofort zu erthei- lende Bescheinigung an die Polizeibehörde des Ausgabeorts un- entgeltlich abliefern. „Diese Vorschrift findet keine Anwendung auf Druckschriften, welche ausschließlich den Zwecken der Wissenschaft, der Kunst, des Gewerbes oder der Industrie dienen." „Und indem wir nun Zdie Frage aufwerfen: Ist in der rechts, bei Abfassung des§ 151 ward an die Strafbarkeit eines in mündlicher Rede ausgesprochenen Tadels der Gesetze nicht ge- dacht. Wir wissen aus Tacitus(Tiber I. 72), daß bis zu Tibe- rius das gesprochene Wort durchaus straflos gewesen, ja, daß selbst das schriftliche Sch achwort noch unter der ärgsten Despotie der römischen Kaiser ungestraft blieb, wenn das darin verkündete Schmachvolle nur als wahr erwiesen wer- den konnte.(Forts, folgt.) — Herr Bujarsky, der Gewerkvercinsapostel, auf der Reise. In der kehlen Nummer des„Gewerkvercins" erzählt dieser „tapfere" Agitator folgende Geschichte:„Zwei Tage später hatte ich leicht einen Denkzettel bekommen können für meine Keckheit, den Soz-al- demokraten energisch gegenüberzutreten. Das war nämlich so: In Striegau besteht seit Kurzem ein Ortsverein der Fabrik- und Hand- arbeiter aus jungen, aber recht intelligenten Mitgliedern, darun'er ein- zelne frühere Mitglieder aus anderen Orten. Mit Freuden halte» die- selben eine VolkSvcrsammlung einberufen, aber der Vorsicht halber auch noch eine Ortsvcrsammlung angemeldet. In der Umgegend von Striegau giebt es viele Steinbrüche, mit einem Arbeiterschlage, besten großer Theil an Rohheit und Unbildung seines Gleichen sucht. Diese Leute, die sich alle zur Sozialdemokratie bekennen, bildeten die Majorität der Versammlung. Der Gewerbeveretn, dem Beispiele der Schweidnitzer folgend, hatte seine Mitglieder durch Circulair aufgefordert, anwesend zu sein, um den Sozialisten entgegenzuwirken, aber nur ein Theil der- selben hatte der Aufforderung Folge geleistet. Die Versammlung war v»n 500 Personen besucht, vavon waren wohl 300 Arbeiter der Steinbrüche. Wie nicht anders zu erwarten, wurde das Bureau aus Sozialdemokralen zusammengesetzt, ich aber stellte wie ge- wohnlich einen Geschäftsordnungsantrag auf Beschränkung der Redezeit und da dieser abgelehnt wurde, so schloß ich die Volks- und eröffnete die Ortsversammiung mit dem Bemerken, daß die Redezeit für jeden H l'er Discussioit auf 10 Minmen beschränkt sei. Auffällig m-n iKAi/r nur' daß der anwesende Schumacher aus Breslau mit sei- . diesmal das Lokal nicht verließ, er mochte wohl von ? dorren in Breslau einen Wink erhalten haben, nicht immer da- mpin Väi rn..""ch auffälliger aber war die ungeschickte Taktik, die w!f. 1 entwickelte. Es wäre ihm doch ein Kleines gewesen, et"äI8en Wink seine Freunde zu bestimmen, meinen Ge- aebabt d1e°An?»�Z°�michmen. dann hätte ich keinen Vorwand mehr wäre in M, Volksversammlung zu schließen und die Leitung derselben r in die Hände meiner Gegner übergegangen, statt dessen lehnte Duken?�M"s Mi,09 o6' lrotzdem Herr Schumacher schon ein halb Dutzend Mal erfahren hatte, daß nun der Schluß der Bolksversamm- Thiers, ein„Ehrenmann" durch und durch. Dem Communehenker Adolph Thiers,„dem Präsidenten der Versailler Republik", widmet Adolph Clömence, Mitglied der Pariser Commune, in dem von I. PH. Becker redigirten „Präcurseur" einen Nachruf, den wir hier in möglichst treuer Uebersetzung wiedergeben wollen: Der unheimliche Greis— Thiers— ist nicht mehr! Diese bluttriefende Persönlichkeit ist vor Kurzem ungestraft und bei- nahe triumphirend von dem Schauplatz ihres Wirkens abge treten... Kaum ist dieser Mann gestorben, so sind auch schon die Mit- schuldigen desselben, seine heutigen Nachfolger, bemüht, sich seines Andenkens zu bemächtigen. Sie versuchen es, zu seinen Gunsten die Handlungen zu fälschen, welche die Geschichte schon ver- zeichnet hat, und sie gehen darauf aus, seinen Opfern Schweigen aufzuerlegen; sie winden ihre Kränze, in deren Schatten sie ihre eigene Unfähigkeit, ihre politische Gesinnungslosigkeit und Feigheit verbergen zu können hoffen. Sie wagen es, diese schamlosen Lobredner, welche der Ge- schichte Gewalt anthun wollen, sie wagen es, öffentlich zu er- klären, die lange Carriere dieses nichtswürdigen Menschen, welchen sie so auffallend beweihräuchern,„sei der Vertheidigung der Ideen und Prinzipien unserer großen Revolution geweiht gewesen, deren Sache er niemals verlassen und die in ihnen einen ebenso treuen als ergebenen Vertheidiger gefunden habe".'") Solche Redensarten fordern einen dazu heraus, daß man sie energisch Lügen strafe, sie verlangen entrüstete Proteste, denn niemals hat es ein Schreibknecht gewagt, unverschämtere Lügen nieder zu schreiben, niemals erschien die Gelegenheitspolitik in abgestandenerem Lichte. Wir Sozialisten und Verbannten, für welche das Wort Ge- wissen gleichbedeutend ist mit Pflicht, nicht mit niederer Selbst- sucht, uns liegt mehr als jedem Andern die gebieterische Pflicht ob, diese Bastard-Republikaner und Renegaten(politische Fahnen- flüchtige) zu entlarven und den Schleier herunterzureißen, mit welchem heuchlerische Reaktionäre die Schandthaten eines der größten Verbrecher unserer Zeit verhüllen wollen. Uebrigens gehört dieser Mann unserer Rache, denn er hat die Unsrigen zu sehr beschimpft und gequält, als daß die Aus- drücke unserer Entrüstung jemals der Größe der von ihm ver- übten Schandthaten entsprechen könnten. Mehr als diejenigen, die ihm nur seine niederträchtige Hand- lungsweise gegen einen der Ihren, welchen er in seiner Gewalt hatte""), vorzuwerfen haben; mehr als diejenigen, die ihn nur eines Berraths an einer Dynastie beschuldigen können, welche ihn mit Wohlthaten überhäuft hatte,— mehr als alle diese sind wir berechtigt, uns zu seinen Richtern auszuwerfen und keine Schonung ihm gegenüber zu üben, wir, die wir diejenigen von unseren Freunden nicht einmal alle zählen können, die ihm zum Opfer gefallen sind, wir, die wir auch nicht vergessen können, daß er fast ein halbes Jahrhundert hindurch Thränen hat fließen machen, die bis jetzt noch nicht getrocknet sind. Ihr offiziellen Lügner, Schmeichler der Henker, anticham- *) So hieß es in der betr. Nummer der„Republique franxaise" (des Gambetta'schen Organs), welche den Tod Thiers' mittheilte. **) Die Herzogin von Berry, Mutter des Grafen von Chambord, die gegen Löuis Philippe conspirirte, um ihrem Sohne zu seinem „rechtmäßigen Erbe" zu verhelfen. Als sie 11 Jahre nach ihres Gatten (Erbe Karl's X.) Tode sich wieder schwanger jühite, erkaufte sich Thiers den früheren Liebhaber der Herzogin, versicherte sich mit seiner Hilfe ihrer Person, und als sie einen Monat nachher das Geständniß ihrer Schwangerschaft machen mußte, ordnete er an, daß eine ganze Ver- sammlung von Generalen, Beamten zc. bei ihrer Entbindung zugegen sein solle. Anm. d. Heberst lung eintreten und in der Ortsversammlung ein noch strengeres Regi- ment geführt werden würde. Nun gleichviel, Herr Schumacher blieb und mit ihm seine Truppen. Während meines Bortrages wurde ich wiederholt unterbrochen. Es bedurfte meiner ganzen Energie, die Ord- nung auftecht zu erhalten, die Leute waren so unruhig, daß sie selbst Hrn. Schumacher nicht parirten, nur meine Drohung mit dem Haus- recht half noch einigermaßen. Als ich in mttnem Bortrag erwähnte, daß die Sozialdemokraten die Revolution wollen, da rief eine Stimme (ich wette, daß es Schumacher war):„Ja, wir wollen die Revolution!" und sofort schrie die ganze Meute:„Ja, wir wollen die Revolution!" Schade nur, daß es nicht gleich losgehen konnte. Als ich geendet, er- griff Hr. Schumacher das Wort, er machte einen ganz guten Ansatz, kam aber nicht weit, die Leute konnten nicht Ruhe halten, und als end- lich gar ein Fabrikant rief, die Redezeit sei um, da gab es einen Höllen- lärm. 300 und vielleicht noch einige mehr, brüllten ohne Unterlaß „Ruhe", und das will was heißen. Nachdem dies einige Zeit gegangen, schloß der Polizeicommissar die Versammlung und forderte zlim Ver- lassen des Saales auf, aber kein Mensch rührte sich, erst als die Polizei Verstärkung herangezogen, fing sich der Saal ganz langsam an zu leeren. Mittlerweile wollte man zum Zeitvertreib einen Fabrikanten über die Brüstung der Gallerte in den Saal werfen, da indessen ein Polizist dazwischen kam, begnügte man sich damit, daß man dem Fabrikanten die Kleider zerriß und das Gesicht blutig schlug. Ich selbst wurde von mehreren Personen gebeten, um Gotteswillen nicht den Saal zu ver- lasten, man hätte mir draußen dasselbe Schicksal zugedacht, mir dauerte aber der Spaß doch zu lange. Ich verbarg Brille und Uhr, knöpfte den Rock zu, drückte den Hut in die Stirn und so gelang es mir, unter dem Schutze der schlechten Beleuchtung durch den dicksten Knäuel die Treppe hinab in's Freie zu gelangen. In einem anderen Lokal fanden wir uns alle mit heiler Haut wieder zusammen. Unsere Striegauer College» stimmten mit mir vollkommen überein, daß dort noch ein gutes Feld für uns iü. Kein anständiger Arbeiter kann un» wird dort Sozialdemokrat werden, weil sich jeder schämen müßte, mit jenen Horden aus den Steinbrüchen gemeinschaftliche Sache zu machen."— Soweit Bujarsky. Kann sich, fragen wir, ein sogenannter Arbeiterapostel mit größerem Geschick selbst an den Schandpfahl nageln, wie es hier der Schreiber dieses Agitations- berichtS thut? — Zum Kapitel der Staatshilfe. Der Oberpräsident von Pommern, Freiherr von Münchhausen, der Bankvireklor Sigel und die beiden Curatoren der Bank, Commerzienrath Quistorp und C. F. W. Walter haben in Berlin bei dem Reichsbankdirektorium eine Unter- stützung für die gekrachte Ritterschaftliche Privatbank und die Disco». tirung der Portefeuille-Wechiel nachgesucht. brirende Geschichtsschreiber"), gedungene Soldschreiber, entsinnet ihr euch dessen nicht mehr, wie euer„berühmter Patriot" die Arbeiter von Lyon, die sich gegen das Elend und den Hunger auflehnten, hinmetzeln ließ? Entsinnet ihr euch dessen nicht mehr, daß euer„großer Bürger" der Lieferant aller politischen Gefängnisse Frankreichs war, und daß die Metzelei von Trans- nonain sein Werk ist? Entsinnet ihr euch nicht mehr, daß euer „Gesetzgeber" der Urheber der September- Gesetze ist? Denkt ihr nicht mehr daran, daß euer„hervorragender Stratege" Paris in eine Bastille verwandelte"") und daß er der Urheber der Be- festigungen ist, die eher zu seinem Bombardement als zu seiner Vertheidigung dienten? Habt ihr wohl vergessen, daß eurem „nationalen Geschichtsschreiber" die napoleonische Familienl.g'nde, die Frankreich die Invasion und die Zerstückelung eingetragen hat, ihre Entstehung verdankt? Ist es euch denn nicht mehr erinnerlich, daß euer„Begründer der Republik" schon einmal eine Republik umgestürzt hatte, gegen welche er in der Rue de Poitiers Verschwörungen anzettelte? Daß er die Stütze Ca- vaignac's, daß er der Juni-Henker, daß er der Dezember-Bandit Napoleon's war? Wisset ihr nicht, daß euer„freisinniger Bürger"(bourFSois) der Beherrscher und Ausbeuter der Berg- werke von Anzin und anderer Orte war? Daß euer„gewandter Staatsmann", der Complice der Lente des 4. September, gegen die Republik, in welcher er keine Rolle spielen konnte, um den Beistand und die Unterstützung aller Monarchien bettelte, welchen er dafür Paris in die Hände spielen wollte— das wißt ihr wohl auch nicht mehr? Daß euer„Präsident der Republik" (ohne Republikaner) noch grausamer war als selbst ein Fcrdi- nand von Neapel, dem seine Zeitgenossen den Beinamen„König Bomba" gaben,— auch das ist euch nicht mehr erinner- lich?-- Das, ihr schamlosen Weihrauchstreuer, ihr entmannten Se- natoren der Linken, das sind einige Seiten aus der Lebensbe- schreibung eures Helden, und wir sind fest überzeugt, daß ihr keinen der ihm von uns gemachten Borwürfe Lügen strafen könnt! Hier könnt ihr sehen, wie er sein ganzes Leben das Prinzip der„nationalen Selbstständigkeit"(Souveränetät) ver- theidigt hat, das sind die Lehren, die er praktisch befolgt hat während der ganzen Zeit, daß er im Besitze der Macht war. Hier könnt ihr sehen, was das war, das ihr„seine lange und ruhmreiche Carriere" nennt!... Und angesichts solcher Thatsachen wagt ihr noch zu sagen, daß eine solche Existenz den„Dank der Nation, die Achtung des Auslandes und die Bewunderung der Nachwelt verdiene"?!""") Will euch denn nicht bcdünken, daß eines Tages ein Suetonf) die Lebensgeschichte dieses Tiberius schreiben wird? Diesen Menschen wollt ihr vergöttern? Ihm weiht ihr ein Denkmal!? Nun gut! Aber seid versichert, daß ein Tag kommen wird, wo man dieses Denkmal ebenso auf einen Düngerhaufen werfen wird, wie— Bis das geschieht, fluchen wir seinem Andenken! Wir fluchen seinem Andenken im Namen Derer, die den Streichen seiner Gurgelabschncider zum Opfer gefallen sind, im Namen der Wittwen und Waisen, die ihr Leben in Trauer und Kümmcrniß zubringen! Wir fluchen seinem Andenken im Namen der Tausende von Bürgern, welche er hat in's Gefängniß werfen und deportiren lassen, im Namen ihrer Familien, welche um sie weinen und sie vergebens erwarten! Im Namen der Verbannten, die er zur Verzweiflung getrieben hat, fluchen wir ihm! Im Namen der Unterdrückten und Besiegten weihen wir seinen Namen den Verwünschungen Derer, die ein Herz haben und die Gerechtigkeit wollen. In ihrem Namen Protestiren wir gegen das Leichenbegäng- niß(Thiers'), welches man der Stadt auferlegt hat, die er mit Blut und Trümmern, mit Thränen und Verzweiflung er- füllt hat. Paris! Paris, welches ihm zum Opfer fiel und zwei Monate lang seinen Zusammenschnürungsversuchen(ötreintes) Wider stand leistete, Paris hat die Schande des Triumphzuges dieser Leiche über sich ergehen lassen müssen, und es wird seinen grau samsten und unversöhnlichsten Feind(die Bourgeoisrepublikaner) an seinen Busen aufnehmen müssen. Möge diese neue Verhöhnung zurückprallen auf deine Mit- schuldigen, unheimlicher, blutbefleckter Mann! Mögen sie ihren Antheil erhalten von dem Fluch, dem wir deinen Namen und dein Andenken weihen... O, möge doch bald der Tag kommen, den wir so sehnsüchtig herbeiwünschen, möge er kommen, der Tag, an welchem alle Arbeiter, ivelche an das zukünftige Gelingen ihrer guten Sache glauben, endlich Rache nehmen können an der wahrhaft„ge- meinen Menge", welche den kothbedeckten Leichnam ihres Ideals verherrlicht.— Könnten sie endlich diesen fluchwürdigen Ueber resten die Gerechtigkeit widerfahren lassen, welche sie einzig und allein verdienen, die entehrendste Schande des Hochgerichts! Adolph Clömence, Mitglied der Pariser Commune. Lausanne, 3. September 1877. Correspondenzen» Ktet. Vor einer gut besuchten Volksversammlung im„Engli- schen Garten" Hierselbst hielt am 16. Oktober Abends Genosse Blos aus Hamburg einen mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Bnrtrag über das Thema:„Der alte und der neue Sozialismus". Redner entwickelte an der Hand der Geschichte die verschiedenen sozialistischen Systeme und bezeichnete die Meinung unserer Gegner, daß die Idee des Sozialismus neu sei, als einen Jrrthum. Schon im Alterthum fanden sich eine Menge ähnlicher Erscheinungen, und wenn man die damaligen Vorgänge mit einem anderen Namen bezeichnet habe, so liege das an der gefälschten Geschichtsschreibung, die dem Volke den wahren Grund der geschichtlichen Ereignisse zu verbergen suche. Die soziale Frage sei auch nicht lediglich als eine Magmfrage zu betrachten, sondern umfasse die ganzen gesellschaftlichen Einrichtungen, deren Umgestaltung von Grund aus die heuttgen Sozialisten erstreben. Redner verbreitete sich über die Begriffe„Sozialismus" und „Communismus" des Näheren und erläuterte namentlich den Begriff des letzteren Wortes, indem er gleichzeitig darauf verwies, daß es eine Verleumdung der Gegner sei, wenn ste be- *) Geschichtsschreiber, die, um sich die Gunst eines Mächtigen zu erwerben, stundenlang im Antichambre(Vorzimmer) schweifwedeln, bis sie vorgelassen werden. Ann,, d. Uebers. "*) Durch Befürwortung des Fortsbaues. Anm. d. Uebers. """) Bezeichnungen, die in dem Manifeste der Linken des Senats vorkamen; das Manifest war unterzeichnet von B. Peyrat, V. Hugo(!), Crvmieux, Scheurer-Kestner zc. Anm. d. Ueber'. t) Cajus Suetonius Tranquillus, römischer Geschichtschreiber (70—121 n. Chr.), schrieb eine Kaisergeschichte, in der Kaiser Tibe- rius Claudius Nero, das bekannte römische Kaiierscheusal, nicht gut wegkam. Anm. d. Uebers. haupten, daß wir das Eigenthum theilen wollen. Heber den Sozialismus von früher und jetzt äußerte sich der Redner unge- fähr folgendermaßen: Ter heutige Sozialismus unterscheidet sich von dem früheren, besonders einiger französischer Sozialisten, wie Babeuf, Fourier, Cabet:c., die in ihren Systemen sich den sozialistischen Staat bis in die kleinsten Einzelheiten ausmalten, dadurch, daß wir nicht daran dächten, ein derartig detaillirtes Bild des Zukunstsstaates zu geben, daß es vielmehr Aufgabe des späteren Geschlechts sei, die von uns vorbereiteten staatlichen Einrichtungen weiter zu bilden, und daß es daher abermals eine Verleumdung unserer Gegner sei, die uns überhaupt nicht anders beizukommen wüßten, wenn sie behaupteten, wir trügen den Zukunftsstaat bereits fertig in der Tasche mit uns herum.— Nach einer kurzen Pause sprach Bios noch über die heutigen Preßverhältnisse. Die Presse sei die beste geistige Waffe. Dies hätten unsere Gegner schon frühzeitig erkannt und sich dieselbe zu Nutze gemacht, um auf die öffentliche Meinung einzuwirken, aber die heutige gegnerische Presse sei vollständig corrumpirt, sie diene lediglich den Interessen des Kapitals und werde nicht zur Belehrung des Volkes, sondern zur niedrigsten Geschäfts- spckulation benutzt. Aufgabe der sozialistischen Presse sei es, dieser allgemeinen Corruption mit Energie entgegenzutreten. Darum werden die Sozialisten aber auch verleumdet und jedes- mal, wenn ein neues Preßuntcrnehmen von ihnen begründet wird, stellt man sie als Ausbeuter hin, die dem Arbeiter das Geld aus der Tasche locken wollten; wogegen man es ganz natürlich finde, wenn der Arbeiter sein gutes Geld für ein libe- rales Blatt ausgebe, in welchem ihm weiter nichts geboten werde, als Klatsch und im Interesse des Gcldsacks gefälschte Wissenschaft. Trotz aller uns entgegenstehenden Schwierigkeiten würden wir uns aber nicht abhalten lassen, die Verkehrtheiten unserer Zeit zu rügen, für unsere Anschauungen mit Wort und Schrift ein- zutreten, denn die Presse sei eines der Hauptmittel, unsere An- schauungen zum Durchbruch zu bringen. Darum sei es aber auch Pflicht jedes Anhängers der Sozialdemokratie, uns in diesem Streben thatkrästig zur Seite zu stehen, auf die sozialistischen Zeitungen zu abonniren und auch für das neue Unternehmen yier, die„Schleswig-Holsteinische Volkszeitung", einzutreten. Auch diese Ausführungen des Redners wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Nachdem dann noch mehrere Anwesende sich in ähnlichem Sinne geäußert hatten, trennte sich die Ber- sammlung mit dem Gefühl äußerster Befriedigung. Attona. Die Nothwendigkeit einer Reform der Gewerkschasts- bewegung hat sich geltend gemacht und Vorschläge aller Art treten darüber zu Tage. In Bezug auf die Gewerkschaftspresse sind schon viele Stimmen laut geworden. Im Anschluß hieran er- folgte der Vorschlag A. Kapell's, eine Konferenz, und zwar am 11. November in Gotha abzuhalten. Auch wir haben die schwe- benden Fragen geprüft und glauben durch Veröffentlichung des von uns Erwogenen zur allgemeinen Klärung beilragen zu können. Am 20. Oktober fand eine Zusammenkunft von Vertretern ver- schiedener Gewerkschaften statt, und hatten gesandt: die Schuh- machcr: Weißbach und Paschberg, die Erdarbeiter: Schmidle und Moll, die Schneider: Haas, die Schiffszimmerer: Jürgens, der Bund der Tischler: Somann und die Cigarrenarbciter: Brück- mann. Der Vorsitz wurde Brückmann zuerkannt. Die Debatte drehte sich um die Frage: Ist es zweckmäßig ein gewerkschaftliches Central-Organ zu gründen? Herr Haas erklärt, daß er schon auf dem Kongreß der Schneider im Vorjahre dafür eingetreten sei, nur könne er sich nicht für die Konferenz erklären, da selbige viele Kosten verursachen würde, welche gespart werden könnten, wenn man auf den Klerx'schen Vorschlag einginge, da eine Kon- ferenz nicht den erwarteten Erfolg haben würde. Herr Somann ist entschieden für ein Central-Organ. Es wäre sehr gut, wenn die Leiter der Gewerkschaften zuvor zusammen kämen, um so eine Vorlage auszuarbeiten, welche dann den Mitgliedschaften zur Be- raihung vorgelegt werden könnte. Jürgens erklärt, daß von Seiten des Vorstandes der Schiffszimmerer beschlossen sei, die Konferenz zu beschicken, daß er aber nicht für ein Ccntralblatt sein könnte, weil bei den Schiffszimmerern dafür keine Sym- pathic herrsche, er sei dafür, daß die verwandten Berufsgenossen zunächst ein gemeinsames Organ haben möchten, dies sei der erste und sicherste Schritt zu einem Central-Organ im radikalen Sinne. Wcisbach ist für ein Central-Organ und schlägt vor, eine gemeinsame Versammlung abzuhalten, um dort die Sache zu besprechen, die Kosten einer Konferenz seien nicht so groß und sei er für eine solche. Somann ist gegen eine Konferenz. da sehr viele Kosten entstehen, und nur wenig gutes geschaffen werde. Eine gemeinsame Versammlung werde ebensowenig nützen. Brückmann wirft die Frage auf, wie man sich zu den gemachten Vorschlägen stellen wolle und ob über die Verhandlungen im „Vorwärts" berichtet werden solle. Er sei der Ansicht, daß ein Centralblatt für die verwandten Berufsgenossen möglich— daß der Klerx'sche Vorschlag angenommen werden könne. Im Prinzip müsse man sich für ein Centralblatt für alle Gewerke erklären, doch so weit seien wir noch nicht, wären wir so weit, dann könne man ruhig die Gewerkschaft zu einer Organisation verschmelzen; der Versuch dazu ,ei schon gemacht und habe sich als verftüht erwiesen. Die Geschichte der Arbeiterbewegung beweise, daß schrittweise vorgegangen werden müsse. Der anwesende Genosse Hochheim erklärt sich für ein Centralblatt und suchte seine An- sichten zu begründen. Moll und Schmidt sind dafür, daß die Berathung im„Vorwärts" veröffentlicht werde, um so als Unter- läge zu ferneren Berathungen d enen zu können.— Aus Obigem geht hervor, daß die Ansicht der Mehrheit der hiesigen Leiter der Gewerkschaften dahin geht, daß eine Centralisation der Presse angestrebt werden muß. Wenn solche Besprechungen allerorts stattfinden und dann das Resultat derselben veröffentlicht werden würde, dann könnte durch Urabstimmung ermittelt werden, ob ein allgemeines Centralblatt oder nur ein Centralblatt für ver- wandte Genossen gewünscht wird. Folge man also allerorts unserem Beispiel, es wird dadurch so und so viel Geld gespart, welches der Bewegung zu gute kommt. Eine fernere Sitzung, in welcher die weiteren Borschläge Kapell's besprochen werden sollen, ist beschlossen. I. A.: E. Brückmann. IranKfurt a. M., 26. Oktober. Die„Kaisertage" find vorüber— die Stadt sieht wieder eben so nüchtern wie früher aus—, auch die verschiedenen Orden sind in den Knopflöchern ihrer glücklichen Besitzer angelangt— nur unsere Blätter können sich noch immer nicht zufrieden geben und haben noch dies und jestes, selbstverständlich höchst Wichtiges nachzutragen. Was in Poesie geleistet wurde, kann und will ich nicht näher anführen. Doch selbst auf die Gefahr hin, Ben Akiba mit seinem:„Alles schon dagewesen" Lügen zu strafen, muß ich Ihnen mittheilen, daß an den Plakatsäulen ein„Festgruß an unseren Kaiser Wilhelm" von einem Herrn Dr. Müller prangte. Dem Manne müßte denn doch geholfen werden! Im Jesingen„Intelligenz- Blatt" duftet noch, gefolgt von angepriftenen fetten Hammeln, Ichellfischen, Häringen ic., eine Blüthe a..s dem deutschen Dichter- walde, die denn doch mehr Werth ist, als nur innerhalb dem Dunstkreise Frankfurts zu ergötzen. Möge sie deshalb auch die Spalten des„Vorwärts" schmücken und möge kein verehrlicher Leser an der Unterschrift„I. E." irgend wie Anstoß nehmen! Also: Holder Friede, süße Eintracht weilet, weilet Freundlich über dieser Stadt! Schiller's Glocke. Vorüber ist der Festes-Jubel das Gedränge, Doch lange noch wird's in den Herzen tönen Besänftigend wie höhere Feierklänge. Es war so schön dies herzliche Versöhnen Der Friedensstadt mit Jhr'm erhab'nen Kaiser, Ter es versteht, die Herzen zu gewinnen Wie Keiner mehr, als Held und auch als Weiser. Vertrauen wir sei'm weiteren Beginnen Es wird zum Wohl der Vaterstadt auch sein. Noch lange lenke seine starke Hand Mit seinem großen Kanzler im Berein Das fernere Geschick von unserm Vaterland. Frankfurt a. M., am 23. Oktober 1877. I. E. Erwähnt sei noch, daß einem alten Manne im Gedränge beim Fackelzuge zwei Rippen eingedrückt wurden, und daß ein „Eingesandt'- im vorgestrigen„General- Anzeiger" es als„uner- freulich und niederschlagend" bezeichnet, daß der hiesige Schützen- verein sich nicht am Fackelzuge betheiligte. Nach der Meinung des Einsenders ist derselbe„wohl kaum durch pekuniäre Rück- sichten von der Theilnahme am Fackelzug abgehalten worden.- Was übrigens den„sehr gut geordneten Fackelzug" betrifft, von dem auch im heutigen„Vorwärts" berichtet wird, so dürfte doch die Bemerkung am Platze sein, daß demselben wohl 2000 Schul kinder eingereiht waren und Vereine von umliegenden Dörfern (Oberrad, Niederrad) mitwirken.— Noch muß ich die„unendlich traurige Thatsache" constatiren, daß der hiesige„Volksfreund" sich„kühl bis ans Herz hinan" benahm, allerlei boshafte An- spielungen machte und so gut wie nichts vom Feste berichtete, da er Gescheidteres zu thun habe. Da hört denn doch Ver- schiedenes auf! diese— ich wäre beinahe unparlamentarisch ge- worden— Sozialdemokraten!-- Heute bringt dieser selbe „Volksfteund" als„noch eine Illustration zur Kaiserfeier" Fol- gendes:„Im Laufe derselben Woche, als Frankfurt im Fest- kleide prangte, wurden nicht weniger als 88 Wechsel mit Mark 122,376.52 protestirt. Davon entfallen auf hiesige Firmen 59 mit Mark 65,936.62."— Da aller guten Dinge bekanntlich drei sind, so nehme ich das„Jntelligenz-Blatt" zur Hand und füge aus demselben noch zwei weitere Illustrationen an, nämlich erstens: „Bei einer in der Sonntag-Nacht seitens der Bockenheimer Polizei abermals vorgenommenen Razzia nach Obdachlosen wurden in einem Strohhaufen auf der Ginnheimer Landstraße nicht weniger als 14 Männer ausgehoben, welche sich daselbst ganz wohnlich eingerichtet hatten. Fünf der Verhafteten wurden wieder entlassen, während die übrigen 9 Mann, die theils schon mit dem Strafgesetzbuche in ConfliK gerathen waren, vor Gericht gestellt werden." Jedenfalls haben wir es hier mit den Folgen allzugroßen Wohlergehens zu thun!— Zweitens: „Bitte. Eine hiesige Bürgersfrau, welche schon Jahre lang an Rücken- markskrämpfe erkrankt ist und in Folge dessen nicht mehr gehen kann, bittet dringend um einige Unterstützung. Nach Ausspruch der Aerzte könnte nur eine gesündere Woh- nung und kräftigere Nahrung Linderung bringen; sollten sich daher einige edle Menschenfreunde finden, welche geneigt wären, ein Scherflein dazu beizutragen, um dieser armen, kranken Frau ihr Leiden erträglicher zu machen, so werden sie gütigst gebeten, ihre werthen Adressen 264 W auf der Expedition des Jnt.-Bl. niederzulegen." Endlich finde ich noch in der„D. R.-P." aus dem nahen Vogclsberge berichtet:„Im Uebrigen ist die Geschäftslosigkeit auch hier sehr fühlbar. Der Durchzug bettelnder Stromer aus Reußen und Preußen scheint von Neuem stärker zu werden. Wann wird diese wahre Landplage enden?"— Das sind Bilder, denen man keine Worte hinzuzufügen braucht, die aber jedem denkenden Menschen die Wege zeigen müssen, die er allein zu wandeln hat, sollen an Stelle der heutigen Zustände die fünf herrlichen Worte thronen:„Wohlstand und Bildung für Alle." Dann, aber nur dann, liebe„Reichs-Post" mit deinem vom wahren Christenthum so sehr erfüllten Herzen, wird es keine„bettelnden Stromer" mehr geben und dann„wird diese wahre Landplage enden." Das lasse dir gesagt sein! Schwarzenserg, 22. Oktober. Gestern fand in dem nahen Rauschau die erste Volksversammlung statt. Genosse Temmler aus Geyer hatte das Referat über„die Grundsätze der Sozial- demokratie" übernommen. Der Redner hatte etwa eine Stunde gesprochen, als die Versammlung von dem Obergensdarm Kleebeck aufgelöst wurde— und warum? Temmler kam auf das Mili- tärsystem zu sprechen und sagte:„Der vernünftige Zweck des Militärs sei doch, das Vaterland zu vertheidigen bei etwaigen räuberischen Ueberfällen." Der Redner wollte jedenfalls noch ausführen, daß die Vertheidigung in Folge dessen auch von Allen zu übernehmen sei und nicht blos von einem Bruchtheil, und daß das stehende Heer überflüssig sei— doch, wie gesagt, er kam dazu nicht. Ob der Herr Obergensdarm gern nach Schwarzen- bcrg zur Kirmeß zurückgewollt, oder ob er nun einmal zeigen wollte, welche Macht er besitze, oder ob er einsah, daß die Ver- sammlung für Rauschau zu schwach besucht war und daß es hier gette, die Trommel tüchtig zu rühren, um die Menschen aus ihrer Lethargie zu reißen? wer kann das wissen. Aber das wissen wir, daß das Vorgehen des Obergenßdarmen dem Gesetze nicht entsprach; indessen gegen die Sozialdemokratie kann man sich schon etwas erlauben.— Daß die Versammlungsauflösung für uns von Nutzen sein wird, da- wird die nächste Versamm- lung beweisen, die wir baldigst einzuberufen gedenken. E. Goldbach. Kecktingen(b. Staßwrt), 20. Oktober. Am 15. d. M. fand hier im Gasthof zum„Goldenen Adler" eine Versammlung statt — die erste seit 1874. Damals wurde der Referent förmlich aus Heesingen hinausgesteinigt, und jetzt? Das Lokal war zu kein, um die Menschenmenge zu fassen. Der Referent, Ge- nosse Zwiebler, sprach über:„Was wollen die Dozialdemo- kraten?" und war der Beifall, den der Redner erntete, ein großer. Welche Wandlung in den Anschauungen!— Bei dieser Gelegenheit will ich die Genossen in den Kreisen Calbe und Aschersleben nochmals ersuchen, für eine Regelung der Agitatton Sorge tragen zu wollen. Die verschiedenen diesbezüglichen Auf- rufe im„Vorwärts" haben nur sehr wenig Beachtung gefunden. Das muß im Interesse der Partei anders werden. Auf die Agi- tatoren allein dürfen wir uns nicht verlassen; wenn Jeder in seiner Weise ein Agitator ist, nur dann können wir vorwärts kommen. Jedwede Auskunst über die Agitation wird ertheilt durch den Genossen Bönsch in Leopoldshall bei Staßfurt, Karls- straße Nr. 2. Rudlos. Mainz-Hartensekd. Sonntag den 21. d. M. feierte die sozialistische Partei in Gartenfeld ihr Stiftungsfest. Es wurde zu diesem Feste Musik des 118. Infanterieregiments von hier engagirt, und war dieselbe schon am Dienstag vorher fest ange- nommen; aber am Sonntag Morgen wurde uns plötzlich abgesagt. Die Veranlassung dazu gab ein anonymes Schreiben� von„mehreren Bürgern" an oen Regiments- Commandeur, worin es hieß, daß die Musik den Sozialisten aufspielen sollte. Nun war der Staat in Gefahr! Es wurde Regimentsbefehl ausgegeben, daß die Musik nicht spielen dürfe. Dem Denun- zianten, den wir sehr gut kennen, wurde aber die Freude ver-- Horben, denn— Abends spielte trotz alledem die Militärmusik. Das Fest war sehr zahlreich besucht und verlief in schönster Weise. Parteigenosse F. krittsirte in seiner Festrede den obigen Vorfall in scharfer Weise, lenkte aber hauptsächlich die Aufmerk- samkeit auf die Bedeutung des Festes.— Bei dieser Gelegenheit will ich gleich noch Einiges berichten. In Hechtsheim, einem Dorfe unweit Mainz, hat die Partei Boden gefaßt und verspricht sich recht kräftig zu entwickeln.— Im benachbarten Gonsenheim ist eine Gewerkschaft der Schuhmacher und ver- wandter Berufsgenossen nebst Krankenkasse entstanden, und auch diese verspricht recht gut zu werden trotz der christlich-sozialen Elemente, die in diesem Orte vorherrschen. Iriedrichsschwerz 5. W. Am hiesigen Ort ist die Sozial- demokratie leider noch nicht in dem Maße vertteten, wie sie es sein sollte. Der Boden ist zwar empfänglich, aber es fehlt an Denjenigen, welche das„Ackern" gelernt haben. Wenn ich die Behauptung aufstelle, daß unser größter Feind hierorts der In- differentismus ist, so will ich damit nicht gesagt haben, daß wir hier nicht noch andre Feinde hätten, die bei jeoer Gelegenheit gegen die Sozialdemokratte losziehen. Ein Haupthahn in dieser Richtung ist ein gewisser B., alles, was aus Dummheit und Gemeinheit der Sozialdemokratie bereits nachgesagt ist, das käut der Herr B. getteulich wieder, ja er ist dreist genug, auch gegen Personeu seinen Geifer zu spritzen. Auf Einzelnheiten will ich mich hier nicht weiter einlassen, vielleicht kommt ja doch wohl noch die Zeit, wo es unsren Gegnern verstattet sein wird, von Angesicht zu Angesicht gegen einen der bestgehaßten Sozial- demokraten anzukämpfen, d. h. wenn sie den Muth dazu haben, was freilich in den seltensten Fällen zugegeben werden kann. Lübeck, 28. Oktober.(Metallarbeiter-Gewerkschaft.) Eine große Anzahl hiesiger Former ist auf die Straße gesetzt; bitten den Zuzug streng fern zu halten, näherer Bericht folgt. Die Arbeiterblätter werden um Abdruck gebeten. Rud. Schröder, Bevollm., Lederstraße 146». Briefkasten Quittung. C. Hrsch Paris Ab. 29,00. Gbrdr Frnkl Hamburg Ann. 1,80. H Prß Meidling Ab. 8,58. Hhn Bockenheim Ab. 7,00. Klmmr Eisleben Ab. 1,40. Dtn Verden Ab. 7,10. Kk Frankfurt Ab. 80,00. Prof. Knpp Straßburg Ab. 3,00. Frnk Weida Schr. 1,50. Ldng Flensburg Schr. 11,08. Frb Stadt-Jlm Schr. 10,00. H. Pwlck Worms Schr. 10,00. Mtznr Aue Schr. 6,25.®th Haan Schr. 2,50. Dtlmnn Dieburg Schr. 2,10. Pitz Süderau Schr. 3,50. Fschr Jser- lohn Schr. 0,70. Anzeigen tc* Ootuit/t Krankenkasse der Metallarbeiter für Leipzig und Umgegend(E. Gen.). Jeden Sonnabend, Abends halb 9 Uhr, in der Thieme'schen Brauerei, Tauchaerstraße Nr. 12(70 Versammlung und Aufnahme«euer Mitglieder. R. Ludwig, Vorsteher. Winterthnr(Schweiz). ÄZÄ'» Berufs- und Parteigenossen wie überhaupt Jedermann vor Franz Jltzig, Glaser, angeblich aus Freiberg(Sachsen) weil derselbe unseren Lere.n beschwindelt und mit einem bedeutenden Betrag das Weite ge- sucht hat.(2a)(70 Der Borstand. Für Lokal- u. Gelverkschafts-Vereine jeder Art passend sind praktisch eingerichtete Cajsknconto&Mitgliederbeitrags- öucher zum Selbstkostenpreis a 50 Pfg. zu beziehen. Porto bei 1— 2 Paar 20 Pfg.; 3 Paar 30 Pf.; darüber 50 Pf. Bestellungen sind zn machen bei A. Geib in Hamburg, Rödingsmarkt 12. Soeben erschien in neuer Auflage und ist durch uns zu beziehen: Die bürgerliche Gesellschaft. Ein Vortrag gehalten vor freireligiösen Arbeitern des Wupperthals i« Elberfeld-Barmen von Zoteph Vietze n. Preis 10 Pf. Die Expedition des„Vorwärts". „Der arme Conrad." Jllustrirter Kalender für das arbeitende Volk pro 1878.. (Dritter Jahrgang.) Gegen die Borjahre bedeutend vergrößert(132 Seiten stark). Trotz der gediegenen und reichhaltigen Ausstattung kostet der Kalender geheftet nur 40 Pfg., gebunden und mit gutem Schreib. papier durchschossen 60 Pfg., gegen baar oder Postvorschuß. Den Bestellern von Einzel- Exemplaren ist anzuempfehlen, für jedeS Exemplar brochirt 50 Pf., gebunden 70 Pf., einzusenden, wofür wir es franco per Kreuzband zusenden. Die Lieferung des Kalenders erfolgt nur gegen baar oder Postnachnahme. Arei-SKemptare werden nicht abgegeben. Aus Posten von 1 Dutzend aufwärts berechnen wir brochirt 25 Pf. pro Stück| nttt0 baar. gebunden 40„„*> 0 a HFpeditian des„vorwärts". Leipzig, Färbersttaße 12/11. K»peditian der„Iiackek", Leipzig, Kleine Fleischergasse 15. «erantwortlicher Redatteur: Hermann He lß ig m Reudnitz- Leipzig. Redaktion und Expedition Färberstraße 12/IL in Leipzig. Druck und Verlag der Genossenschaf-sbuchdruckerei in Leipzig.