»r Lrs-Heint in �eipjiZ Mittwoch, Freitag, Soantag. AbonncmentSPreiZ v.ti Teutschland 1 9M. 6« Ps, Ort Quartal. MouatS-ÄbonncmentZ -»erben Sri allen deutschen Postanstalte» aus den U. und Z. Monat, und aus den ».Monat besonders angenommen: im «Snigr. Sachsen und Herzoglh. Sachsen- «stenburg auch aus den Iten Monat des Quartals k 54 Pfg. Inserate drtr. Bersammlungen pr. Petitzeile 10 Ps., derr. Privatangelegenbeiten nud Feste or» Petitzeile 30 Ps. Vestellungen nehmen an alle Postanstalttn und Buch» Handlungen des In» u. Auslandes. Filial» Expeditionen. New-Nort: Soz.-dcmokr. Kenoslen» schastSouchdruckerel, 154 Eldrldxo Str. Philadelphia: P. Hab,«30 diarlst 3-4 Stroet. I. Boll, 1133 Charlotte Str. Hobolen K.J.: F. A. Sorge, Z15 IVaed- Inülton Str. Chicago: A. Lansermaun, 74 Clz'dourne Ean FranziSco: F.EnK, 44SV'l'arre1I Str. London W.: C. Henze, s Ilsv Str. lZuldun Squur«. ßentrat Hrgan der Sozialdemokraiie Deullchlands. Nr. 130. Sonntag, 4. November. 1877. Kullmann und Konitzer. denz" schreibt z. B.: ,... Nicht blos in sozialdemokratischen Kreisen, sondern auch in sonst nüchtern denkenden bürgerlichen Was mar das für ein wüstes Geschrei im Lager der Ratio- j Kreisen ist ein geradezu gefährlicher Drang eingerisien, dem nalliberaleralen als der fanatisirte Handwerksgeselle Kull-. Staat, d. h. der Staatsregierung, und der staatlichen Polizei mann ein Pistol auf den Abgott der Liberalen, den Herrn lauf allen möglichen Gebieten Pflichten über Pflichten aufzuev von Bismarck abfeuerte. Diese ruchlose That mußte um jeden Preis den Elericalen aufgehalset werden. Im Reichstage, im preußischen Landtage, in Parteiversamm- lungen und in der Presse, überall wurde die ultramontane Partei für den Bubenstreich eines Halbwahnfinnigen verantwort- lich gemacht und das geflügelte Wort:„Der Kullmann wird den Elericalen immer an den Rockschößen hängen" giebt deutlich Kunde von dem widerwärtigen fanatischen Parteihaß, den gerade die Liberalen allen ihren Gegnern entgegenbringen. Dieser�Haß ist allerdings sehr leicht erklärlich, er entsteht aus der Schwäche und der sittlichen Verkommenheit der libe- ralen Partei. Wie weit nun der Ultramontanismus Schuld an dem Mord- anfall gegen den Herr v. Bismarck hat, wollen wir nicht untersuchen — die Erziehung zum religiösen Fanatismus ist auf alle Fälle verwerflich. Aber ist der fanatische Ultramontanismus, selbst wenn er die Kullmannaffaire völlig verschuldet hätte, nicht noch ein Engel an Reinheit gegen den heuchlerischen Liberalismus, welcher zwar keine Kullmänner, aber Konitzer erzieht? Kullmann wollte einen Mann tödten. den er für verderblich gegenüber seiner Religion hielt; er war sogar unbefangen genug dabei nicht zu bedenken, daß, wenn Bismarck auch fiel, die Bis- marcke doch geblieben wären— man hat also einfach die un- finnige That eines unerfahrenen, ungebildeten, fanatisirten und sogar zugegeben durch den Ultramontanismus fanatisirten Men- scheu zu beurtheilen. Aber keinem Mitgliede der elericalen Partei, keinem Priester, keinem ultramontanen Parlamentarier konnte man irgendwie nachweisen, ja man wagte auch kaum eine Andeutung, daß er auf jene blutige That irgendwie eingewirkt habe. Anders liegt es aber mit dem Falle des Doctor Konitzer. Dieser„gebildete" Mann mit einschmeichelnden Geberden wurde von dem Vorstande eines großen liberalen Vereins, der sich m der ganzen liberalen Partei der größten Achtung erfreut, zu den ultramontanen Gegnern in das eigene Haus geschickt, um dort auszuhorchen, indem er vertraulich mit den harmlosen Opfern plauderte, was denselben irgendwie zum Schaden gereichen konnte. Solche freventliche Verletzung des Gastrechts, welches selbst den ungebildetsten Völkern heilig ist, betrieb der liberale Berein. Ist es nun vom Standpunkt der Moral aus verwerflicher, wenn ein ungebildeter sanatisirter Handwerksgeselle den ver- meintlichen Unterdrucker seiner Religion, des Liebsten, was er sein eigen nennt, zu erschießen sucht, oder wenn hochgebildete Professoren einen gebildeten Doktor beauftragen, in friedliche Familien sich einzuschleichen, dort unter dem Schutze des Gast- rechts Spionage zu treiben, um dann durch Denunciation Men- schen- und Familienwohl zu zerstören? Um die Antwort wird kern ehrlicher Mensch verlegen sein. Die Triebfeder solcher Spionage aber war nicht religiöser Fanatismus, sondern Ehrgeiz und vielfach persönliche Gekränkt- hcit, persönlicher Haß, weil der Vorstand des liberalen Vereins in den politischen Kämpfen schon manche Schlappe von seinen ultramontanen Gegnern erlitten hatte. Im Uebrigen bleiben wir dabei, daß der Fall Konitzer uns gar nicht überrascht hat— er mußte sich aus dem perfiden Treiben der liberalen Partei mit Nothwendigkeit entwickeln. Auch passiren derartige Streiche fortwährend, nur kommen sie nicht immer an's Tageslicht. In unserem herrlichen Deutsch- land wimmelt es eben von liberalen Spionen und Denuncianten. Ob man mit Recht oder mit Unrecht den Kullmann an die Rockschöße der elericalen Partei hängt, kann uns wenig küm- mern, wir gönnen derselben den Kullmann auf alle Fälle herz- lich; der Konitzer aber wird immerdar an den Rockschößen derer von Sybel und Genossen hängen bleiben. Würden wir vor die Alternative gestellt, wen wir wählen müßten, den Kullmann oder den Konitzer, so würden wir den Kullmann wählen. Gut aber ist es, daß uns keiner von Beiden bescheert worden ist und bescheert werden kann; die Reinheit unserer Bestrebungen schützt uns vor solchen Patronen. Zur Lebensmittelsrage. Berlin, den 29. Oktober. Gestatten Sie mir zu dem der„Wage" entnommenen Auf- satze des Herrn Dr. Mühlberger über die Lebensmittelfrage einige Bemerkungen. Herr Dr. M. hat in seinem Aufsatze sehr ireffend dargethan, daß unsere Bourgeoisie— wie sie das ja in anderen Dingen JJpch gethan— gegenwärtig wohl einen gewaltigen Lärm über t Verfälschungen der Lebensmittel angeschlagen hat, daß die- ?lbe aber weder willens, noch fähig ist, sich zu einer diesbezüg- aufzuraffen, und daß sie sich bald wieder über diese> Angelegenheit beruhigen wird, wenn, mit Ausnahme von einigen> «k�r/ nden Maßregeln, Alles beim Alten bleibt. Ac? That schon sehr zweifelhaft, ob der vielfach ickiun�n daß das Strafmaß für Lebensmittelverfäl- 5ruSlS'?5Ätoerbe'""d daß die Namen aller rechtskräftig den Kreisen �-7 b['n Amtswegen veröffentlicht werden, in wird Sie feL�enden Klassen allgemeine Zustimmung finden £ tu bLfc" ihnen dann auch im Uebrigen zu bereit-- alm.fS" �guckt werde. Die Leiter suchen deshalb abzuwiegeln. D,e„Berliner fortschrittliche Correspon- legen und damit auch Rechte über Rechte zuzugestehen." Zu welchen Uebertreibungen diese Strömung führt, davon geben die Verhandlungen des„Deutschen Vereins für öffentliche Gesund- heitspflege" in Nürnberg über die Verfälschung des Bieres einen Äeweisjib. Der Berliner Apotheker, welcher in Nürnberg in jedem Seidel Bier Gift der gefährlichsten Art wittert, kennzeichnete sich hinreichend durch das Verlangen, das sSpritzen des Bieres absolut zu verbieten. Es giebt viele deutsche Städte mit reichem Bicrconsum— sogar Universitätsstädte—, wo jahrelang kaum ein Seidel ungespritztcs Bier getrunken ist, und es giebt Tausende und Abertausende von Consumenten, die ungespritztcs Bier nicht mögen,— auch wenn sie von besagtem Apotheker er- fahren, daß alles Schaumspritzen„durchaus gesundheitsgefährlich" sei. Freilich hat der Verein auf ein Reichsverbot der Bier- spritze nicht rcsolvirt, aber wenn durch das Reichsgesundheitsamt sämmtliche deutsche Regierungen, von Preußen und Bayern bis Lippe- Schaumburg und Reuß. Greiz-Lobenstein herab, veranlaßt werden sollen, genau vorzuschreiben, welche Stoffe zum Bier- brauen und Äierverbessern genommen werden dürfen, ferner genaue Instruktionen zur Couservirung der Biere zu erlassen und keinen Bierschank ohne Eiskeller zu conzessioniren, und An- stalten zur Heranbildung von Sachverständigen zur Bierunter- suchung zu errichten und Progranime über den Gang solcher Untersuchungen zu verfassen,— so geht das denn doch entschieden zu weit." Wenn nun Herr Dr. Mühlberger den zu gründenden„Ver- einen gegen Verfälschung von Lebensmitteln"— wohl einsehend, daß die Kontrole und Untersuchung der Lebensmittel allein keinen genügenden Schutz(jegen Verfälschungen derselben bietet— vor- schlägt, daß von Seiten der Gemeinden Produktivgenossen- schaften zur Versorgung mit guten Lebensmitteln in's Leben ge- rufen werden und damit Hand in Hand eine Statistik und Kon- trole der Gemeindebedürfnisse durchgeführt werde,„welche alle Dunkelheit, alles Vertuschen, alles Heimlichhalten aus diesen Untersuchungen verbannt", so ist ja dieser Vorschlag so übel nicht. Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß, ivenn derselbe ver- wirklicht wird, damit allmählich allen Verfälschungen und Be- trügereien der Boden entzogen wird. Der Vorschlag hat blos die Schwäche, daß er unter den heutigen Machthabern in Staat und Gemeinde noch ganz andern Widerspruch finden würde, als die obenerwähnten Nürnberger Beschlüsse; daß er überhaupt gar keine Aussicht auf Durchfüh- rung im neuen deutschen Reiche hat. Unsere leitenden Bour- geoiskreise wissen viel zu gut, daß mit der Durchführung solcher Vorschläge sie sich selbst den Lebensfaden abschneiden würden. Sie wissen, es würde nicht ausbleiben, daß mit dem Fallen der einen Ausbeutungsform auch die anderen Formen unsicher würden. Sie ziehen es daher vor, lieber einige unschuloige Phrasen und Sophistereien zum Besten zu geben und dann Alles beim Alten zu lassen. Sind wir Sozialiften aber einmal an's Ruder gelangt— was meiner Meinung nach allerdings erst nach einem längeren Kampfe geschehen wird— so werden wir uns mit solchen bescheidenen und sanften Maßregeln nicht erst aufhalten. Wir werden z. B. gleich diejenigen Nahrungsmittel in's Auge fassen, deren Verfälschungen der Menschheit zehn Mal mehr schaden, als alle Bier- und Weinpanscher zusammen, nämlich Luft und Wasser. Um nämlich die Beschaffung wirklich gesunder Wohnungen für Alle zu ermöglichen, werden wir, abgesehen von anderen Gründen, den ganzen Grund und Boden zu Gesammteigen- thum machen, eine Maßregel, die auf dem allmählich vorwärtsschreitenden Wege des Hrn. Dr. M. eben nicht Aussicht hat durch- geführt zu werden. Daß wir dann auf dem mit einem Schlage geschaffenen ge- meinsamen Grund und Boden mit Leichtigkeit auch Gemeindemolkereien, Gemeindebäckereien ic. errichten können und werden, versteht sich von selbst. Ebenso ist klar, daß, wenn auch die Verkehrsmittel in Gemeinbesitz übergegangen sind, dann eine wirklich zuverlässige Statistik der Gemeindebedürfnisse aufgestellt werden kann, und kein Heimlichhalten und Vertuschen in Bezug auf den Umfang derselben mehr möglich ist. Es verhält sich mit dem Vorschlag des Herrn Dr. M. ähnlich wie mit dem der Staatsapotbeken. Dieselben würden gewiß vor den heutigen Privatapotheken mehrere entschiedene Borzüge haben. Sie haben nur unter den heutigen Machthabern keine Aussicht auf Einführung. Wenn wir Sozialisten aber erst zur Mackit gelangt sein werden, werden wir dafür sorgen, daß die Menschen kein Bedürfniß mehr nach den Pflastcrkasten haben, daß sie sich ihre Gesundheit durch vernünftige Einrichtungen er- halten und nicht die zweifelhafte und trügerische Hilfe der Apotheke brauchen. Auch die Wohnungsmisere wäre, wenn die Bor- schlüge dieser Art Aussicht und Möglichkeit auf Durchführung im heutigen Staat hätten, längst beseitigt; denn an der Güte der diesbezüglichen Vorschläge hat es nicht gefehlt. Ich meine deshalb, es ist besser, wir tragen uns nicht erst mit Plänen, die bei dem Charakter unserer heutigen leitenden Kreise doch gar keine Aussicht auf Durchführung haben, an deren Stelle aber der zur Herrschaft gelangte Sozialismus weit wirk- samere und sicherere Maßregeln zur Ausführung bnngcn wird. Geschieht schon heute etwas zur Verhütung der Nahrungsmittel- Verfälschung, so soll es uns lieb sein; wir selbst werden die Fal- schungen, wo wir können, aufdecken, denselben entgegentreten undj sie zu verhüten suchen, ebenso wie wir schon heut auf den Schutz der Arbeiter in Fabriken K. bedacht sind. Wir wollen uns aber nicht einreden, daß die heutige Ge- meinde und der heutige Staat der Boden sei, aus dem ein ge- sunder Zustand unserer Lebensverhältnisse allmählich entsprießen könne. Denn die heutige Gemeinde und der heutige Staat sind und bleiben im Großen und Ganzen in Bourgeoishänden, und diese werden gegen jede ernstliche Bedrohung ihrer Monopole entschieden Front machen. Der allein sichere, wenn auch vielleicht mühsamere Weg zur Besserung bleibt die sozialistische Agitation. H. Bogel. Aus Großbritannien. Edinburgh, 26. Ottober 1877. Soeben durchfliegt der erschütternde Bericht eines gräßlichen Grubenunglücks die Stadt: In eiltem der Kohlenschachte in High Blantyre(südlich von Glasgow) sind durch Feuerdampf 220 Ar- beiter getödtet worden. Man hatte die Leute in dem Schachte (der sehr gut ventilirt gewesen sein soll), mit offenen Lichtern arbeiten lassen. Nun hatten sich aber in den anstoßenden, längst ausgebeuteten und verlassenen Abzweigungen Gase gesammelt, welche durch das plötzliche Sinken der Decke eines derselben (man hatte die Stützpfeiler bei Verlassen der Schachte wegge- nommen) gleichsam wie durch das Zusammendrücken eines Blase- balges in den Schacht getrieben wurden, wo die Leute mit un- beschützten Lichtern Kohle schürften. Von allen in dem Schachte Anwesenden konnten bis jetzt blos 14 gerettet werden. Alle üb- rigen, zu deren Leichen man bis jetzt noch nicht vordringen konnte, werden als getödtet angenominen. Man wird, wie ge- wöhnlich, eine Nationalsubscription einleiten, um den unalück- lichen Müttern und Kindern den Verlust ihrer Gatten und Väter verwinden zu helfen. Den Anstoß zu einer gründlicheren Ueber- wachung und Grubengesetzgebung dürfte es kaum geben, da das Publikum hier schon an dergleichen Gräßlichkeiten gewöhnt ist und das Parlament aus seiner Lethargie nur aufgerüttelt nvx- den könnte, wenn sich wieder einer fände, der die dort ver> u- melten Herren als Schufte titulirte, wie es Plimmsoll für oce vernachlässigten Seeleute gethan.„Ein Plimmsoll für die Kohlengräber wird gesucht!"— Herr Macdonald, der jetzige Vertreter derselben, ist seiner Aufgabe nicht gewachsen.-- Der 10. Jahrescongreß der englischen GeWerk- schaften hat verflossenen Monat in Leicester stattgefunden. Anwesend waren 121 Delegirte, welche 98 Tradcs-Unions mit zusammen 471,967 Mitgliedern vertraten. Die Verhandlungen boten keine neue, bemerkenswerthe Erscheinung und waren nach dem Urtheile der„Times"(welches der„Jndustrial Review" mit sichtlicher Genugthuung in Jtalics nachdruckt)„im Allge- meinen gemäßigt im Ton und durchaus frei von Bitterkeit gegen die Arbeitgeber und Jnvektiven gegen die Gesellschaft." Haupt- gegenständ der Verhandlungen bildete die„Haftpflicht der Ar- beitgeber für Verletzungen chrer Bediensteten", über welches Thema Herr Macdonald ltf. P.*) einen Vortrag hielt. Herr Macdonald scheint mit der Zahl der gegenwärtig in Bergwerken Getödteten ziemlich zufrieden zu sein, denn er erzählt uns, daß im Jahre 18S0, wo nur halb so viele Arbeiter wie heute in den Gruben Englands beschäftigt waren, die Zahl der Ver- brannten und Erschlagenen nicht weniger als 1000 betrug. Er versprach, diesmal ohne Rücksicht auf die Regierungsvorlage seinen Gesetzentwurf über diesen Gegenstand sofort nach Zu- sammentritt des Parlaments vor das Haus und zur Abstimmung zu bringen und sollten ihn auch nicht mehr als ü Mitglieder dabei unterstützen. Wir wollen's abwarten.— Auf Antrag G. Potter's(des Herausgebers des„Jndustrial Review") wurde sodann eine Resolution angenommen, welche confuser Weise in einem Athcmzuge den im Parlamente ge- iiiachten Fortschritt in der Haftpflichtfrage gutheißt«, und den Bericht der von derselben Körperschaft ernannten Untersuchungs- commission als„durchaus unzureichend zur Würdigung der Frage" bezeichnet. Eine Resolution, die den von der Regierung zum Schlüsse der letzten Session im Parlamente eingebrachten Gesetzentwurf zur Anwendung der Fabriksgesetze gutheißt und die Regierung auffordert, bei den in besagter Bill niedergelegten Grundsätzen auszuharren, rief eine längere Discussion hervor, in welcher die anwesenden weiblichen Delegirten wie gewöhnlich sich gegen jede zwangsweise Einschränkung der Frauenarbeit verwahrten. Die Resolution wurde icdoch schließlich angenommen. Ferner beauftragte der Eongreß das parlamentarische Coniitv, sofort nach Durchdringung des amendirten Fabriksgesetzcs die Regierung auf die unzureichende Anzahl der Fabriksinspektoren aufmerksam zu machen und auf deren Vermehrung durch tüchtige Unterinspektoren zu dringen. Wenn das parlamentarische Comitö in dieser Frage Erfolg haben will, muß es schon sehr stark auf die Regierung pressen, denn es geht das vielfach beglaubigte Gerücht, daß der Minister des Innern, Herr Croß, die Absicht habe, die Stelle des eben zurücktretenden Sub-Jnspektors Braker nicht neu zu besetzen, sondern vorläufig die Arbeit, die für ein halbes Dutzend tüch- tiger Leute zu viel wäre, durch Hrn. Readrave(Ober-Fabrik- inspektor) allein besorgen zu lassen. Möglich, daß das eben stattgefundene Grubenunglück in High Blantyre den Trades- Unionisten auch in dieser Frage(wie in der der Haftpflicht) zu Hilfe kommt und Herr Croß durch geschickte Benutzung der Thatsacheu veranlaßt' werden kann, nicht nur die leer werdende Unterinspektorsstelle auszufüllen, sondern noch eine beträchtliche Verstärkungsmannschast anzustellen. M. P. Abkürzung im Englischen für SU-rnder of Parliarnent (Parlamentsmitglied). Von Herrn Dr. Travis, dem alten treuen Anhänger der Owen'schen Schule, wurden dem Congreß 150 Exemplare seiner Broschüre:„Uannal of Social Science" zur Vertheilung an die Delegirten und Reporter zugesendet. In diesem kleinen Hand- buch gibt Dr. Travis eine kurze und klare Darstellung sder Grundsätze Robert Owen's und sucht den Trades Unionisten klar zu machen, daß nur durch eine radikale Umgestaltung der Ge- sellschaft auf Grundlage des Prinzipes, daß der Mensch das Produkt seiner Verhältnisse ist und daher nur durch all- gemeinen geistigen und materiellen Wohlstand allgemeine Glück- seligkeit und allgemeiner Fortschritt hervorgerufen werden kann, eine Beseitigung des Massenelends und der Massenunwissenheit zu erwarten ist. Wie das an den vorjährigen Congreß gesen- dete Buch:„Etfectual Reform"(„Wirksame Reform") des Dr. Travis wurde auch die oben bezeichnete Broschüre mit Dank an- genonimen. Praktischen Erfolg haben diese Schriften bisher lei- der nicht gehabt, da die Gewerkschaftler den Lehren des Sozia- lismus in jeder Form aus dem Wege gehen, wie dem Scharlach- ficber. In einer gelegentlich des Congresses in Leicester unter dem Vorsitze des Bürgermeisters stattgefundenen Massenversammlung der Gewerkschaftler wurde eine Resolution angenommen des Inhalts, daß die Anwesenden, überzeugt von der Macht der Trades Unions,„den Arbeitern einen gerechten Antheil an dem Produkte ihrer Erzeugungs-Thätigkeit zu verschaffen"(„a fair share in the product of their labour") dahin trachten wollen, ihre gewerkschaftlichen Organisationen zu verstärken. Wie letztes Jahr wurden auch Heuer Resolutionen gefaßt zu Gunsten der Ausdehnung der Embloyer and Workmen Acte („Arbeitgeber- und Arbeiter-Akte") auf die Seeleute in britischen Gewässern; der Amendirung der Patent-Gesetze; der Abschaffung des Schuldgefängnisses für kleinere Beträge(unter 50 Pfd. St. = 1000 Mark); der staatlichen Prüfung von Maschinenheizern; der Abschaffung des Sweating-Systems bei Kleidermachern und Schuhmachern(durch Einbeziehung aller Wohnungen, in denen industrielle Arbeit verrichtet wird, in die Controle der Fabriks- inspektoren) und zu Gunsten freundschaftlicher Beziehungen mit den cooperativen Genossenschaften des Königreichs. Dem parlamentarischen Ebmitö wurde ausgetragen, dahin zu wirken, daß die industrielle Arbeit in öffentlichen Besserungs- anstalten besser controllirt werde zur Verhütung der Concur- renz, welch durch diese wohlfeile Produktion den freien Arbeitern bereitet wird. In Bezug auf die Vertretung der Arbeiter im Gesetzgeben- den Körper ist ein Fortschritt unter den Gewerkschaftlern zu ver- zeichnen. Sie haben nämlich Heuer einer Resolution zugestimmt, welche ausspricht, daß das Prinzip des„moucbood suffrage" (Stimm- und Wahlberechtigung jedes Bürgers mit eintretender Mannbarkeit) als Grundlage der Volksvertretung wünschens- und erstrebenswerth erscheine. Die Frage der„Coontry franebise"(Assimilation des Stimmrechts der Land- zu dem der Stadtbezirke) scheint übrigens ins Rollen zu kommen. Vielleicht wird, da in den jüngsten Tagen selbst Herr Gladstone für diese Maßregel eingestanden ist, aus bloßer Animosität gegen die Liberalen die Sache von dem con- servativen Ministerium aufgenommen und behandelt. Jedenfalls dürfte Herr Jrevelyan nächste Session bei Einbringung seines diesbezüglichen Antrages kaum auf ernstliche Opposition stoßen. Zwei Zuschriften vom Auslande, die eine vom Sozialisten- Congreß in Gent, betreffend die universelle Organisation der Gewerkschaften und die zweite von dem Centralrathe der Hirsch- Duncker'schen Gewerkvereine in Berlin in den schmeicheln- sten Ausdrücken eine gegenseitige Beschickung der deutschen und englischen Eongresse durch Delegirte ansuchend, werden auf An- trag Turner's(Sheffield)— ins Protokoll eingetragen. Und noch dazu nebeneinander. Wenn die Herren Briten übrigens „never, never, never Slaves"(„niemals, niemals, niemals Sklaven") zu sein die lobenswerthe Absicht haben, so dürften ihnen die Ereignisse auf ihrem Arbeitsmarkt bald begreiflich machen, daß sie auch mit den Arbeitern anderer Länder Fühlung und Einvernehmen zu halten haben. Der Zimmererstrike in Manchester und der Steinmetzausstand in London geben in dieser Beziehung bereits die ersten Lektionen. An beiden Orten hat man deutsche, italienische und amerikanische„Hände" importirt. Wenn alle diese Leute thäten wie die erste Einfuhr Deutscher, welche wieder umkehrte und heimging— all rigbt!— Allein es könnte auch der Fall sein, daß die nächsten Hundert bleiben, wenn nicht in London, so anderswo. In dunkler Voraussicht Ein Stück Geschichte. Dcienston(Vertheidigungsschrift) in der Untersuchungssache wider Wander. Vom Justizrath Robe(ä. ä. 9. September 1845). (Fortsetzung.) In Deutschland war es nicht anders; Karl's des Fünften peinliche Gerichtsordnung kennt keine Strafen gegen tadelnde Rede, sondern nur im Artikel EX Strafen gegen schriftliche Schmähungen. „Verrätherei" Artikel CXXIV und„Aufruhr" CXXVII können zwar durch Anfeuerung des Volkes in öffentlichen Reden herbeigeführt werden, aber nicht die Rede selbst, sondern die böse Abficht und der böse Erfolg waren strafbar. Auch in dem aus dem römischen gebildeten Gemeinen Recht ist die Rede in keiner Weise durch Strafen beschränkt, wie aus Weber's Schrift über Injurien und Welker's„Neuer Beitrag zur Lehre von den Injurien und der Preßfreiheit" hinlänglich ersehen werden kann, wenn nicht ein besonderes verpöntes Verbrechen, als Injurie und Majestätsbeleidizung, damit begangen wird. Auch in Preußen gab es vor dem Landrecht keine Gesetze gegen tadelnde Rede, wenn sie nicht etwa in die Kathegorie der Injurie und Majestätsbeleidigung gehörte. Noch heute lebt im Volk ein. Spruch, angeblich als Spruch des großen Königs: „Redet was ihr wollt, nur gebt, was ihr sollt!" Alle früheren verhindernden Maßregeln und Stcafbestimmungen waren nur gegen Druckschriften gerichtet. So in den Eensur- edikten vom 11. Mai 1749, 28. September 1751 und 1. Juni 1772. Auch das spätere Eensuredikt vom 19. Dezember 1788 mit seinen Nachträgen geht nur gegen Druckschriften. So war es übrigens auch in ganz Deutschland. Joseph's des II. Eensuredikt von 1781 erlaubte Kritiken sogar, namentlich gegen den Landesfürsten, und wollte sie nur dann verhindert wissen, wenn sie ihn und den Staat„gar zu anstößig behandeln sollten." Was nun in Schriften erlaubt war, war noch mehr der von Mund zu Ohr beschränkten Rede erlaubt. Ich will hiermit blos auf die Ansichten der Zeit hindeuten, in welcher das Landrecht abgefaßt wurde. Wenn also die vorlandrechtliche Zeit in Deutschland, wie besonders in Preußen, Strafen gegen mündlichen Tadel der Regierung und ihrer Anordnungen im Allgemeinen gar nicht kannte, sondern nur gegen einige der dadurch hervorgebrachten solcher Möglichkeit ruft der Leitartikler des„Jndustrial Review" vom 13. d.:......„Aber, wenn derselbe Kniff angewendet werden sollte von allen Arbeitgebern das Land hindurch und in allen Geschäftszweigen, wenn je die Arbeiter es wagen sollten, einer auf sie geübten Pression Widerstand zu leisten, dann wird es für die englischen Arbeiter nothwendig sein, offen zu den Arbeitern von ganz Europa zu sprechen und sie zu fragen, ob sie den englischen Kapitalisten helfen wollen, englische Arbeiter niederzutreten, indem sie ihre respektiven Heimathstätten verlassen und über das Wasser kommen, um das Brod aus dem Munde der Engländer, ihrer Weiber und Kinder zu nehmen!" Wenn der Schreiber meint, daß in Folge eines solchen englischen Appells, und sei er noch so pathetisch, sich die Be- wegung des europäischen oder besser Weltarbeitsmarkts zum zum Stillstand bringen ließe, so irrt er allerdings gewaltig. Dazu gehört einmüthige Organisationsarbeit und so- zialistische Propaganda unter den„Händen" aller Länder und Nationen, allerdings mit dem Hauptziele, dem„Händehandel" durch Gemeinbesitz der Produktionsinstrumente ein Ende zu be- reiten. Diese Wahrheit den englischen Arbeitern zu demonstriren vermag vorläufig keine theoretische Abhandlung; das müssen wir der mächtigeren Logik der Thaffachen überlassen. Der Congreß wurde auch durch zwei Borträge von Herrn Thomas Brassey, M. P. beehrt. Herr Brassey sprach über „Work and Wages" und„Labour at bouse and abroad."— („Arbeit und Lohn" und„Arbeit daheim und im Auslande."—) Er suchte in sehr„arbeiterfreundlicher" Weise die Vorwürfe, die man den Trades-Unionisten macht in Bezug auf die angebliche Verminderung der Produktion zu entkräften. Die Löhne seien in England höher als anderswo, dafür aber sei auch die Arbeit eines englischen Handwerkers ausgiebiger u. s. f. Herr Brassey ist eben einer von denjenigen Bourgeois, welche begreifen, was der englische„Trades-Unionism" der modernen Gesellschaft für Dienste leistet, indem er ihr den Arbeitsmarkt reguliren hilft; durch Aufrechterhaltung eines gewissen Lohnminimums die Ar- bester als Klasse conservativ macht gegen das„Lumpenproletariat", welches„gar nichts hat" und sich trotzdem nicht gerne be- graben lassen, sondern lieber revoltiren möchte; durch Versorgung von Arbeitslosen und Invaliden, die sonst den ganzen Ge- meinden zur Last fallen würden u. s. w.— Herr Brassey erntete reichlichen Beifall von den Delegirten, den er auch von solchen Männern verdiente. Der nächste Congreß wird im September 1878 in Bristol abgehalten werden. A. Sch. SszmlpolitischL Uebersicht- — Bekenntnisse eines Fortschrittlers. Am29.Oktober hielt Professor Virchow, der in der letzten Zeit viel von sich reden machte seiner Reaktionsgelüste auf dem Gebiete der Wissenschaft wegen, in der Generalversammlung des fortschrittlichen sechsten Berliner Reichstagswahlkreises einen Vortrag, der eine Anzahl interessanter Geständnisse in sich barg. Gleich zu Anfang seiner Rede meinte Virchow:„Die Aufgabe des Vereins ist vorzugsweise die, Verständigung, Belehrung, Ueberzeugung in Bezug auf unsere Partei und deren Ziele her- beizuführen und zu verbreiten. Das ist heutzutage eine schwierige Aufgabe, weil ohne unsere Schuld die Ver- hälwiffe sich immer mehr verwirren und unsere Aussichten immer schwankender werden."— Man sieht, der brave Fortschrittler macht es sich sehr leicht, wenn er alle Schuld von der Fort- schrittspartei abladet— wir hingegen sind nicht so freundlich, diese Reinigung gelten zu lassen. Gerade die Fortschrittspartei hat durch ihr ewiges Paktiren und Compromittiren, dann durch ihren giftigen Haß gegen die weiter links stehende Sozialde- mokratie das Freiheitsgesühl und das Rechtsbewußtsein des Volks derart erschüttert, daß unsere, die sozialistische Partei große Mühe hat, dem Fasse den ausgeschlagenen Boden wieder einzu- setzen. Das mochte Professor Virchow auch wohl fühlen, als er der Sozialdemokratie gedachte; er sah die Verworrenheit seiner eigenen Partei, er wurde wärmer und auch etwas gerechter gegen uns; loslösen von der Fortschrittspartei konnte und mochte der Professor sich nicht, aber er deutete, wenn auch widerstrebend, an, daß nicht ihr, sondern der Sozialdemokratie die Zukunft gehöre, indem er folgende Ausführungen machte: „Das persönliche Eigenthum, die Familie, die Jeder als die seinige haben solle, erkennen wir an; ja, die hierin sich ver- wirklichende individuelle Freiheit gilt uns als das höchste an sich schon strafbaren Wirkungen, als: Widerstand gegen die Obrigkeit, Aufruhr oder Beleidigungen des Landesherrn und seiner Familie, so sehen wir im Landrecht ganz dasselbe. Dazu kommt, daß es in Z 39 bis 44Krim.-Rechtja auch denConat(Versuch) bestraft, mithin auch Conat zum Aufruhr, wenn er durch münd- liche Reden unternommen wird. Es bestrast in§ 199 und 200 boshafte und die Ehrfurcht verletzende mündliche und schriftliche Aeußerungen über die Handlungen des Landesherrn, womit, da unter den Handlungen des Landesherrn auch jene gesetzgeberischen sind, nicht minder der mündliche Tadel der Gesetzgebung betroffen wird. Diese Strafbestimmungen sind zur Verhinderung straf- baren mündlichen Tadels gegen die Gesetze und Anordnungen des Staats auch völlig ausreichend, weshalb die Gesetze Z 149 ff. zu anderen Behufen gegeben sein müssen. Sie find gegeben zur Aufrechthalwng der inneren Ruhe und Sicherheit des Staats; und von diesem Gesichtspunkte aus kann§ 151 nur gegen den durch die Presse vervielfältigten geschriebenen Tadel gerichtet sein. Es liegt in der Natur der mündlichen Mittheilung, in der Begrenzung der menschlichen Stimme und des Hörvermögens, daß sie gletchzeitig immer nur an Wenige gemacht werden kann. Mündlicher Tadel der Gesetze kann also immer nur bei Wenigen Mißvergnügen erzeugen, was für die innere Sicherheit und Ruhe des Staats in Wahrheit ungefährlich ist. Der Uebergang des Mißvergnügens in Handlungen als in Aufruhr, Tumult und Widersetzlichkeit ist aber genugsam verpönt. In Schriften da- gegen, m binnen kurzer Zeit zu 50 Tausenden von Abdrücken zu vervielfältigenden, und binnen verhältnißmäßig ebenso kurzer Zeit über den ganzen Staat zu verbreitenden Schriften, ist der Angriff auf die gesetzliche Ordnung des Staats allerdings ge- fährlich; denn es kann dadurch in Wahrheit ein Mißvergnügen der Staatsbürger aller Orten zugleich und in Masse gegen die Regierung erzeugt werden. Ein dadurch erzeugter, wenn auch noch verborgener Zwiespalt zwischen Bürger und Regierung kann sogar nicht blos der innern Ruhe des Staats, sondern selbst seiner äußeren Sicherheit gefährlich werden. Nur ein solches Mißvergnügen der Bürger in Masse und nichts Geringeres kann in§ 151 gemeint sein. Um einzelne Mißvergnügte kann sich der Staat nicht bekümmern, sonst würde er allen Anträgen von Gemeinden, Ständen, Zünften, Religions- Parteien, jederzeit willfahren müssen. Aber sie sind für die innere Ruhe und Sicherheit des Staats ungefährlich, weil sie in Rücksicht auf die übrige zufriedene Masse der Staatsbürger nicht in Betracht kommen und gleichsam verschwinden. Sie sind : Gut insbesondere des deutschen Volkes. Auch in den religiösen Kämpfen ist dies unser Ziel gewesen, die individuelle Freiheit innerhalb der im Interesse des Gesammtwohls nöthigen Schran- ken zu fördern und zu sichern. Es ist stark ausgedrückt, aber nicht unwahr, wenn wir behaupten: diesen echt deutschen Cha- rakter will die sozialdemokratische Bewegung vernichten. In- ternational müssen wir werden, sagt man; darum müssen wir die jetzige soziale national- egoistische Welt umwerfen. Aber— trotzdem haben die Sozialdemokraten Anspruch darauf, ange- hört und beachtet zu werden. Ja, wir müssen ihnen zu- .geben, daß im Laufe der Zeit die Schranken zwischen den Völkern sich mildern, in mancher Beziehung wohl auch sjch winden, daß die Völker durch Verträge ihrem National- willen Schranken gesetzt, daß sie ein internationales Recht an- erkannt haben. Und es ist wohl möglich, daß in dieser Richtung noch Vieles möglich werden wird, was wir heute noch für unwahrscheinlich halten. In früherer Zeit würde ein vor- nehmer Herr es gewiß für unverträglich mit seiner soziale« Stellnng gehalten haben, in Gesellschaft von ihm ganz unbe- kannten Menschen in Einem Wagen, wie das heutzutage auf der Eisenbahn geschieht, eine Reise nach Paris zu machen. Wir finve« ' heute kein Bedenken mehr, unsere Kinder in die öffentlichen Schulen zu schicken, unbekümmert darum, welcher Leute Kinder noch neben ihnen auf Einer Bank sitzen. Wer weiß, was dieser Gang der Dinge noch weiter mit sich bringen, inwiewest er Gemeinschaft herbeiführen, wo solche jetzt noch nicht da ist, welche Formen des gesellschaftlichen Lebens er noch gestalten wird! Diesem in der Entwicklung der Menschheit unverkenn- baren kommunistischen Zuge werden wir nicht entgegen- arbeiten wollen; aber ebenso wenig werden wir das mit Ge- walt herbeiführen wollen, was der Gang der Entwicklung natur- gemäß und allmählich durch sich selbst herbeiführt. Wir wollen — Reform und erwarten nur von ihr Gutes; die Sozialde- mokraten wollen— Revolution und meinen, daß nur sie das Gute herbeiführen kann. Die Sozialdemokratie will nicht warten; sie will sofort genießen. Wer von uns hätte nicht auch Wünsche, deren Verwirklichung viel zu seinem Lebensglück beitragen würde!-Aber wir beneiden und hassen Die- jenigen nicht, die durch die Verhältnisse besser situirt sind als wir. Wir streben aber darnach, daß Alle theilhaftig werden der Mittel, ohne welche keiner zu dem wahren menschlichen Le- bensglück gelangen kann."— Daß Virchow uns die gewaltsame Revolutton um jeden Preis in die Schuhe schieben will, ist recht ungezogen von ihm, da er als wissenschaftlicher Mann die Ursachen der gewaltsamen Revo- lutionen gewiß ganz wo anders gefunden haben wird, als in einer voransttebenden Partei; daß wir diejenigen weder beneiden noch hassen, deren Verhältnisse besser sind als die unserigen, haben wir oft betont— wir bekämpfen nicht den einzelnen Menschen, wie es die wirthschaftlichen Verhältnisse der Jetztzest eigentlich als selbstverständlich erachten und es demgemäß auch von den Anhängern solcher Verhältnisse im bittern Conkurrenz- kämpf bis auf's Hemdausziehen geschieht, wir bekämpfen nur die Systeme der Ausbeutung und der Ungleichheit. Daß wir nicht„warten wollen"— dies ist ein hohes Lob, wir haben eben die Nachtmütze und den Schlafrock längst abge- setzt und ausgezogen, was einem deutschen Professor allerdings recht sonderbar vorkommen mag. Im Uebrigen aber athmet der von uns angeführte Virchow'sche Redeerguß soviel Naivetät und dabei so großes Entgegenkommen gegen die Sozialdemokratie, daß wir die wenigen absprechenden Urtheile gern mit in den Kauf nehmen können. Die fortschrittliche Wählerschaft wird dem Herrn Virchow für seinen halb sozialistischen Vortrag gewiß nicht dank- bar sein. In dem Schlußsatze seiner Rede aber erklärt Virchow aus- drücklich den Bankerott seiner Partei, indem er sagt: „Aus unserem Streben und Wirken wird sich weder für unser Staatswesen noch für andere Völker eine Schädigung ergeben." Das glauben wir— aber auch kein Nutzen! Keine Schädigung— kein Nutzen, also höchst überflüssig, das hat Virchow auch wohl gemeint, der die todte Fortschritts- Partei in sarkastischer Laune sezirt hat. Er wird nun auch wohl für ein anständiges Begräbniß sorgen. — Aus Berlin erhalten wir folgende interessante Zuschrift. Sie brachten jüngsthin bereits eine kurze Mittheilung übex aber zu bändigen, und es kommt nur darauf an, zu verhindern, daß ihr Mißvergnügen in ungesetzliche Thatcn übergeht. Das Mißvergnügen der Bürger in Masse kann nun wohl durch Schriften rasch und gleichzeitig, niemals aber durch mündliche Rede über den ganzen Staat verbreitet werden. Die Verbrei- tung einer der Ruhe und Sicherheit des Staats gefährlichen Unzufriedenheit durch bloße Rede ist bei der Ausdehnung des Staats und bei der Zeit, welche zur Herbeiführung eines wirklich gefährlichen, d. i. weit ausgebreiteten Mißvergnügens erforderlich sein würde, kaum denkbar. Mindestens stehen der Tadel der Gesetze durch mündliche Rede und das Mißvergnügen der Staats- bürger in Masse so unabsehbar fern von einander, wie ein Eisenerzlager unter der Erde von einem mordenden Schwert. In diesem ungeheuren Zwischenraum liegen noch so viele zur Erzeugung der vom Gesetz erforderten Wirkung nothwendige, von dem Zufall wie von der Uebereinstimmung des bösen Willens Vieler abhängige Erfordernisse, daß der Gesetzgeber niemals daran gedacht haben kann, den ersten Anfang zu bestrafen. Voraussichtiger kann kein Gesetzgeber sein als Gott. Wenn er nach dieser Theorie gehandelt hätte, so würde er die Menschen stumm geschaffen haben, damit nie eine Blasphemie aus ihrem Munde gehen könnte. Genug, es ist nicht wahrscheinlich, daß das Gesetz in§ 151 mündliche Aeußerungen hat verpönen wollen. Jndeß der Wort- laut ist gegen mich und ich werde auf das Gesetz näher ein- gehen müssen. Das Gesetz fordert zur Anwendung einer Strafe zweierlei, nämlich erstens eine die Grenzen des Gesetzes überschreitende absichtliche Handlung, zweitens eine die innere Ruhe und Sicherheit des Staats gefährdende Wirkung. Wirkung und Mittel müssen beide zur Strafanwendung zugleich vorhanden sein. Die Anwendung des Mittels allein, wie die ohne dies Mittel hervorgebrachte Wirkung allein, find, einzeln und jede für sich, nicht strafbar. Ich weiß sehr wohl, daß man aus dem Eensuredikt vom 8. Oktober 1819 Artikel XVI No. 2, die Straf- barkeit schon der bloßen Aeußerung, auch wenn sie ohne alle Wirkung geblieben ist, herleiten will. Jndeß ist diese Ansicht nicht begründet. Man darf erstens nur beachten, daß dieses Censurgesetz selbst den in s 151 gebrauchten Ausdruck„veran- lassen" ganz so auffaßt, wie er sprachgemäß gefaßt werden muß, nämlich als den Beginn einer Wirksamkeit bezeichnend. Heißt nun im eigenen Sinn des Gesetzgebers„veranlassen" den Be- ginn einer bestimmten Wirkung hervorbringen, so bemerke man die hochsensationelle Scandal-Afsaire der Frau Marie Tu- gendreich Hoffmann zu Berlin, in deren Hause halbreife, ?um allergrößten Theil bis dahin unbescholtene und anständigen, oll wohl heißen vermögenden, Familien angehörige junge Mäd- ten einigen Schurken von reichen Wüstlingen, unter welchen churken sich notorisch sehr hochgestellte Personen befanden, preisgegeben wurden. Frau Tugendreich drohte anfangs, wie die Blätter berich- teten, sich an Se. Excellenz den Hrn. Minister Grafen von Eulenburg, offenbar in seiner Eigenschaft als oberster Chef der Polizei, zu wenden, der sie vor den Verfolgungen der letzteren beschützen sollte. Zum Unglück der würdigen Matrone wollte es aber ein äußerst merkwürdiges Zufallsspiel, daß gerade zur selben Zeit in Folge hochpolitischer Constellationen— Se. Excellenz soll nämlich plötzlich ein gar zu heftiger Vorwärtsstürmer ge- worden sein— die Zurückziehung Sr. Excellenz von der Lei- tung des Ministeriums des Innern erfolgte, welche jetzt in dem von Sr. Majestät dem König allergnädigst ertheilten sechs- monatlichen Urlaub ihren formellen Ausdruck gefunden hat. Die bekannten„sonst gut unterrichteten" Blätter versichern allerdings, dieser Urlaub stehe mit der Politik in gar keiner Be- ziehung, sondern sei nur aus Gesundheitsrücksichten erfolgt. Se. Excellenz habe sich in.letzter Zeit gar zu sehr ange- strengt. Na, die müssen's ja wissen. Aber wie dem auch sei— unserer Frau Tugendreich blieb unter solchen Umstanden schließlich offenbar nichts anderes übrig, als auch ihrerseits Urlaub zu nehmen, den sie bekanntlich zu einem längeren Ausflug nach England benutzt hat. Die könig- liche Staatsanwaltschaft, deren erster Beamter der unseren Le- fern nicht ganz unbekannt gebliebene Herr Tessendorff ist, kam mit ihren Bemühungen, die liebenswürdige Dame in un- serer Mitte zurückzubehalten, leider erst nach der Abreise.— Man kann sich leicht vorstellen, wie angenehm es Sr. Exc. sein wird— wenn er nach seiner Rückkehr in's Ministerium, an welcher wir keineswegs zweifeln, etwa davon vernehmen sollte — mit der unsauberen Affaire nicht behelligt worden zu sein. Denn bekanntermaßen ist Sr. Excellenz nichts verhaßter, wie die Unmoralität und deshalb dürfte der Behauptung: Excellenz ist unter jenen wollüstigen Schurken jeder Einzelne ein Gegenstand des tiefsten Abscheues, schwerlich Jemand zu widersprechen wagen, noch viel weniger aber sie widerlegen können. Ist es ja auch gerade die Unmoralität ihrer Grundsätze, welche, wie das Se. Excellenz in der berühmten Reichstagsrede vom 26. Januar 1876 näher auszuführen beliebten, Se. Exc. zu einem so entschiedenen Gegner der Sozialdemokratie gemacht hat, zu deren Bekämpfung Se. Excelleuz jelbst vor Flinte und Säbel nicht zurückscheuen würden. Recht so! Schonungslosen Kampf gegen jene elenden Wichte, die stets von sittlicher Ent- rüstung überfließen, sich vor der Welt sittliche Missionen zu- schreiben, in Wahrheit aber nur den abscheulichsten Lastern und Verbrechen huldigen! Das Brandmal der Niedertracht auf ihre freche Stirn! So soll es sein! Das Traurige ist nur, daß wenn einer dieser Ehrenmänner abgethan wird, nur andere dafür wiederkommen. Halten wir aber fest an der Hoffnung, daß es dereinst anders wird— trotz alledem! — Der bekannte Sancho des edlen Max von La Mancha, Herr Polle aus Berlin, hatte auf dem Geraer Congreß zur Aufbauschung der geringen Vertretung von Arbeitern auf dem- selben auch den Beitritt des St. Johann- Saarbrückcr Knapp- schaftsverbandes ins Feld geführt. Nach einer Erklärung des Knappschafts-Direktors, Bergrath Barthold aus Saarbrücken in der„St. Johanner Zeitung" ist diese Mittheilung des Herrn Polle„durchaus unrichtig".— Durch solche Erklärung wird die Geraer Hanswurstiade noch unbedeutender. Wir haben den „Congreß" in unserem Leitartikel:„Anti-sozialistische Komödie" also richtig gewürdigt. — Ueber Frankreich. In voriger Nummer haben wir das Resultat der Stichwahlen berichtet. Charakteristisch ist, daß in Chateau Chinon, wo Gambetta eine fulminante Rede für den republikanischen Candidaten Gudin hielt, der Bonapartist Graf Espeuilles mit 8256 gegen 7180 Stimmen gesiegt hat.— Grevy ist noch nicht nach Paris zurückgekehrt. Man glaubt, daß er für Paris die Wahl annehmen werde. Wenn er die Präsident- schaft der Kammer nicht annimmt, so wird die Linke Herrn zweitens, daß das Censuredikt nur eine Druckschriftcensur an- ordnet, also nur von gedrucktem Tadel der Gesetze spricht, und als solches nur von diesem sprechen kann, daß mithin nur bei gedrucktem Tadel, trotz der Abwesenheit des wirklichen Beginns der Wirkung, schon die bloße Aeußerung zur Anwendung der Strafe des§ 151 genügen soll, im Uebrigen aber das Gesetz (K 151) ungeändert bleibt. Von mündlichen Aeußerungen spricht das Censuredikt nicht und kann nicht davon sprechen. Für mündliche Aeußerungen bleibt daher das Gesetz(§ 151) wie es ist, und erfordert zur Strafe nicht blos die Anwendung des Mittels, sondern auch den Beginn der Wirkung. (Fortsetzung folgt.) — Ein Schwindler. Aus Neapel wird geschrieben: In Florenz schwebt jetzt ein Betrugsprozeß gegen den Exvcrleger Joh. Wilh. Krüger aus Querfurt, der 187b aus Leipzig entwich, nachdem er viele Schriftsteller, Restaurateure, Schneider, sowie auch den eigenen Compagnon auf das Schmählichste betrogen. In Italien verschaffte er sich unter dem Borgeben, er sei Expräsident des Leipziger Schriftsteller- Vereins, Cheftedakteur des Pierer'jchen Lexicons, Mitverfasser des Wultke'schcn Zeitfchriftenbuchs, Referendar a. D. ,c., durch den Einfluß eines bekannten deutschen Schriftstellers einen Posten als Inseraten- agent m t 5000 Lire jährlich und seiner Frau(geb. Seydel) einen solchen mit 1200 Lire als Verkäuferin. Er behauptet unter Anderem, ein intimer Freund Bcbcl's, Liebknecht's zc. und„Sozialisten- führer" zu sein, giebt sich als Magister de» Freien Deutschen Hochstifis aus und ist dabei nicht im Stande, orthographisch zu schreiben. Jetzt, nachdem sich das Schwindelhaste in seinen Angaben herausgestellt, nach- dem er auf seinen früheren Wohlthäter ein mörderisches Attentat der- sucht und festgestellt ist, daß er sich in Leipzig großartiger Unterschleife schuldig gemacht, hat die italienische Staatsanwaltschaft gegen ihn die Anklage erhoben. Seine Aburtheilung steht nahe bevor. Wie die Akten beweisen, betrog er seine Opfer(zu denen Verleger Spaarmann-Ober- Hausen, Schriftsteller Dr. Normann- Schumann, Dr. G. Rasch jc. gehören) um ca. 100,000 Mark. Vielleicht benutzen einige der Geschä- digten die Gelegenheit, ihre Ansprüche vor den italienischen Behörden geltend zu machen. Etwaige Anzeigen sind in deutscher Sprache an die Regia Rrocnra in Neapel und Florenz zu richten. Ueber denselben gefährlichen Verbrecher haben„Neue Freie Presse",„Literar. Verkehr", „Literar. Correspondenz",„Berliner Union" und viele andere Zeit- schristen bereits des Längeren berichtet.— Selbstverständlich ist Alles, was von Beziehungen des Krüger zu Sozialdemokraten und Sozial- demokratie gesagt ist, ganz aus der Luft gegriffen. Krüger ist ein gemeiner Betrüger, der auch Sozialisten zu beftügen suchte, und von Sozialisten in Leipzig zuerst entlarvt ward. Lepere, einen Gesinnungsgenossen und Vertrauensmann Gam- betta's, als Candidaten für dieselbe aufstellen. Noch kennt aber Niemand die Dispositionen des Herrn Grevy, sicherlich des Pas- ssivsten Parteiführers, den es noch je gegeben hat.— An diese Passivität des„großen" Nachfolgers des„großen" Thiers, des Mannes den Gambetta empfohlen, schließt sich die sehr glaub- würdige und sehr bezeichnende Nachricht, daß Mac Mahon sein reaktionäres Ministerium entlassen und ein neues Ministerium aus den Mitgliedern des linken und rechten Centrum bilden wolle. Armes Frankreich! Es ist ganz dasselbe, als ob in Deutschland an Eulenburg's Stelle Bennigsen, an Bismarck's Stelle Forckenbeck träte. Armes Deutschland! — Ein großer Cigarrenarbeiterstrike, an welchem 10,000 Mann betheiligt find, ist in New-Aork ausgebrochen. Es ist selbstredend, daß es die dorttgen Fabrikanten an Ver- suchen nicht fehlen lassen werden, Cigarrenarbeiter aus Deutsch- land nach New-Iork zu locken. Die deutschen Cigarrenarbeiter seien daher gewarnt, auf etwaige Engagementsanerbietungen nach Nordamerika einzugehen. — Unser verantwortlicher Redakteur Helßig ist abermals unter Anklage gestellt. Die Anklage ist erhoben wegen der in Nr. 108 und Iii enthaltenen Correspondenzen aus Rumänien und ist der Kläger kein andrer als der preußische Kriegsminister Kam ecke. Derselbe klagt merkwürdigerweise wegen Berleum- dung des preußischen Kriegsministeriums. Nun ist aber in den betr. Correspondenzen nicht mit einem Wörtchen vom preußischen Kriegsministerium und von Preußischen Soldaten die Rede gewesen, sondern von deutschen Reichstruppen und ditto Reichsregierung. Da es ein deutsches Kriegsministerium aber nicht giebt, so war telßig wohl oder übel gezwungen, dem Herrn Kriegsminister amecke das Recht abzustreiten, als Kläger aufzutreten. Wir sind begierig, wie das Gericht in der gestellten Competenzfrage entscheiden wird. — Dienstag den 20. Oktober fand in dem von uns schon erwähnten Prozeß wider die Genossen Most und Baumann vor der 7. Deputation des Berliner Stadtgerichts die Urtheilsverkündi- gung statt. In der am Sonnabend den 27. Oktober stattgefundeuen Verhandlung hatte Herr Tessendorff gegen Most bekanntlich 2 Jahre, gegen Baumann 6 Monate Gefängniß beanftagt. Das publizirte Urtheil lautete gegen Most auf drei Monate, gegen Baumann auf Freisprechung. Für Most ist nur die eine An- klage auf§ 131 aus dem Artikel„Gewalt und Gesetz" aufrecht erhalten, die übrigen Punkte aber freigegeben worden.— Most wird die Appellation anmelden. Ueber die Prozeßverhandlungen werden wir in nächster Nummer berichten. — Unser Breslauer Parteiorgan,„Die Wahrheit", ist jetzt in den Besitz einer eignen Druckerei gelangt, und befindet sich die erste Nummer(262) dieses wackern Blattes, welche in der Arbeiterdruckerei hergestellt worden ist, bereits in unsren Händen. Den schlesischen Genossen unsere Gratulation zu der neuen Errungenschast. Correspondenzen� Aertin, 29. Ostober.(Zum Prozeß Bebel.) Wir haben seiner Zeit das Urtheil erster Instanz in dem bekannten Berliner Prozeß gegen Bebel im Wortlaut zum Abdruck gebracht und ebenso bereits gemeldet, daß das Erkenntniß der ersten Instanz vom Kammcrgericht um 3 Monate reduzirt, Bebel also zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt worden sei. Ueber die Verhandlung in zweiter Instanz haben wir Folgen- des zu berichten. Die Sitzung begann Freitag, den 26. Oktober, kurz nach 12 Uhr. Nachdem auf Grund der Asten die Anklage und der bisherige Verlauf des Prozesses vorgetragen worden, erhielt der Angeklagte, der keine Appellationsschrift eingereicht hatte, sofort das Wort zur Vertheidigung.(Es sei bemerkt, daß der Rechts- anwalt vr. Quenstädt, welcher die juristische Führung des Pro- zesses übernommen hatte, weil er die Vertretung in anderen Terminen vorzog, nicht erchienen war.) Bebel verlheidigte sich in ungefähr einstündigcr Rede, indem er das Urtheil der ersten Instanz Punkt für Punkt zu widerlegen versuchte. Er bestritt, daß der Fürst Bismarck durch die inkri- minirten Stellen beleidigt sei. Es sei weder seine Absicht gewesen zu beleidigen, noch könne der Wortlaut der Stellen auf S. 8 und 9 und 78 seiner Broschüre als Beleidigung aufgefaßt werden. Es habe sich für ihn darum gehandelt, das feige und charakterlose Gebahren der Liberalen dem Reichskanzler gegenüber zu brand- marken. Für Letzteren liege insofern eine Anerkennung in diesen Stellen, als dargethan würde, wie er es zu Stande gebracht, die einstmals ihm gegnerisch Gesinnten zu gefügigen Werkzeugen umzuwandeln. Wie die Liberalen selbst diese Rolle empfänden, gehe aus dem von ihm citirten Wort des Abg. Bamberger her- vor: Hunde sind wir ja doch. Was die inkriminirten Stellen betreffe, welche sich auf die Rede des Fürsten Bismarck bezögen, die derselbe am 9. Februar 1876 bezüglich des§ 130 gehalten, so müsse er zunächst darthun, wie er zu dieser Polemik, die eigent- lich nicht in den Rahmen der Broschüre paßte, gekommen sei. Redner führt nun aus, wie an jenem Tage Fürst Bismarck sich in den heftigsten Anklagen und Beleidigungen gegen die sozial- demokrattsche Partei ergangen, wie dann der Reichstag ihm, dem Redner, das Wort abgeschnitten und so jede Entgegnung und Vertheidigung unmöglich gemacht habe. Die Rede Bismarck's sei von der gegnerischen Presse weidlich ausgebeutet worden und habe die weiteste Verlfteitung gefunden, und so habe er die Verthei- digung in der Broschüre für eine persönliche und eine Partei- Pflicht gehalten. Es sei nun allerdings ein eigenthümliches Ver- fahren, daß er für Worte, die er in berechtigter Vertheidigung gebraucht und die nicht entfernt so stark seien, wie jene, deren Fürst Bismarck sich bedient, von letzterem verstagt werde, nachdem man ihm die Rechtfertigung und Zurückweisung im Reichstag unmög- lich gemacht. Ließen die von ihm gebrauchten Ausdrücke die Deu- tung zu, daß er dem Reichskanzler den Vorwurf der Heuchelei machen wolle, so müsse er daran erinnern, daß Fürst Bismarck im Mai 1872 im Reichstage selbst zugestanden habe, daß er sich zur Erreichung seiner Zwecke zeitweilig der„politischen Heuchelei" bediene. Noch weniger könne eine Beleidigung ge- funden werden in der nur referirenden Wiedergabc der Beschul- digungen, welche Herr n. Diest-Daber gegen den Reichskanzler in Umlauf gesetzt. Redner habe sich hier jedes llrtheils ent- halten, er habe auch fest an die Wahrheit des Gesagten geglaubt, da es von einem Manne ausgegangen, der Jahre lang intime Beziehungen zu dem Reichskanzler gehabt. Au« den Prozeß- Verhandlungen gegen Herrn v. Diest-Daber und einigen andern Aktenstücken beweist der Angeklagte, wie diese Beschuldigungen schon seit etlichen Jahren in Cours gesetzt worden seien, ohne daß der Reichskanzler dagegen eingeschritten sei. Den Schluß der Rede bildete eine scharfe Polemik gegen die Verurtheilung auf § 131, Verbreitung unwahrer Thatsachen wider besseres Wissen zur Verächtlichmachung von Staatseinrichtungen. Die inkrimi- nirten Stellen enthielten nur Urthcile, nicht Thatsachen. Die angeführten Thatsachen seien aber nicht bestritten worden; seien die Raisonnements, die er daran geknüpft, auch noch so ver- letzenden Charakters, so könnten sie dennoch nicht durch den § 131 getroffen werden. Er erwarte Freisprechung. Nunmehr ergriff der Staatsanwalt Groschuff das Wort, um als Vertreter der Oberstaatsanwaltschaft für Aufrechterhal- tung des Urtheils der ersten Instanz zu plaidiren, trotzdcm er sich genöthigt sah, zuzugeben, daß nicht alle Sätze, auf welche der§ 131 angewandt worden sei, Thatsachen enthielten. Er be- hauptete dies aber um so entschiedener von dem Satz, wo es heißt: daß das Dogma von der physischen Gewalt, der jede menschliche Rücksicht weichen müsse, gepredigt werde. Auch sucht er die Einwendungen des Angeklagten gegen die Bismarckbelei- digungen zu widerlegen und hält namentlich die Verbreitung der Diest- Daber'schen Beschuldigungen gegen den Reichskanzler für strafbar, und beantragt darum einfache Bestätigung des erstinstanz- tichen Urtheils. Der Gerichtshof beschließt eine neue Beweisaufnahme bezüg- lich der durch§ 131 betroffenen Stellen und läßt zu diesem Zwecke sieben Seiten der Broschüre wörtlich vorlesen. Darauf nimmt der Angeklagte abermals das Wort, um sich gegen verschiedene staatsanwaltliche Auslassungen zu wenden und namentlich auch gegen die Auffassung des Urtheils erster Instanz, daß er im Falle seiner Verurtheilung schon in Rücksicht auf seine Vorbestrafungen härter zu bestrafen sei. Eine solche Praxis möge einem gemeinen Verbrecher gegenüber am Platze sein, aus dessen Verhalten man auf steigende Demoralisation schließen könne, und der darum auch in höherem Grade der öffentlichen Verachtung verfalle, nicht aber bei einem sogenannten poli- tischen Verbrecher, der nur für die Verfechtung seiner Ueber- zeugung leide und gerade deshalb selbst auf die Achtung seiner grimmigsten Gegner rechnen dürfe. Nach einigen Wortgefechten zwischen dem Staatsanwalt und dem Angeklagten wird das Verhör kurz vor 2 Uhr geschlossen, und als nach ungefähr viertelstündiger Bcrathung der Gerichts- Hof zurückkehrt, verkündigt er, daß der Angeklagte von der An- klage wider§ 131 freizusprechen, dagegen in allen anderen Fällen der Beleidigung des Reichskanzlers für schuldig zu er- achten und demgemäß mit 6 Monaten Gefängniß zu bestrafen sei. Bebel wird die Haft im Laufe des November antreten. Kamvurg, 28. Oktober. In verflossener Woche haben wir hier einen Akt kleinstaatlicher Wahlbewegung erlebt, an dem auch die Sozialdemokraten betheiligt waren. Die halbschichtige Er- Neuerung unserer„Bürgerschaft" gab dazu den Anlaß. Daß wir, die Sozmldemokraten, bei diesen Wahlen nicht siegen würden, war Jedermann klar, denn ein beschränktes Wahlrecht, eine wunderliche Wahlkreis-Geometrie und die Neuheit der darauf basirten Agitation stellten uns unüberwindliche Hindernisse in den Weg, In sieben Bezirken von 24 bctheiligten wir uns an der Agitation und erreichten im Ganzen 553 Stimmen, etwa den fünften Theil der in den sieben Bezirken abgegebenen. Ab- gesehen davon, daß wir die Gegner aus ihrer Vorrechts-Idylle aufschreckten, haben wir durch diese Wahlbetheiligung auch unsere eigenen Genossen auf die Wichtigkeit der kleinstaatlich- commu- nalen Angelegenheiten hingewiesen, haben wir den Stein„Wahl- reform im Sinne des allgemeinen gleichen Wahlrechts" ins Rollen gebracht. In Altona, Ottensen und Kiel findet diese Taktik Nachahmung. Die Altonaer und Ottenser Genossen aai- tiren jetzt unter dem Rufe„Erweiterung des communalen Wahlrechts" und die Kieler fassen den Stier„communales Wahlrecht", so wie er ist, morgen bei den Hörnern, indem sie direkt in den Wahlkampf eintreten. Saarbrücken, 20. Oktouer. Von hier ist über etwas zu be- richten, was wohl wo anders noch nicht vorgekommen ist. Hier lesen wir fastjede Woche in denZeitungen eine„Erklärung" gegen uns, entweder von einem Geschäftsmann, Gastwirth oder Arbeiter aus gehend. Dem Stil nach zu urtheilen werden diese„Erklärungen" alle von einer Hand angefertigt. Der Inhalt ist immer der- selbe:„Ich gehörte früher der sozialdemokratischen Partei an, habe aber jetzt eingesehen, daß die Pläne derselben zum Umsturz aller göttlichen und menschlichen Ordnung führen, trete zurück und warne alle Arbeiter, an den Bestrebungen der Verführer theilzunehmen." Folgt der Name. Diese„Abtrünnigen" haben ver Partei aber niemals angehört, wenigstens niemals einen Nickel für unsere Zwecke geopfert. Aber wie werden diese„Er- klärungen" gemacht? Da entläßt man z.B. einen Arbeiter, von seinem Arbeitsertrag konnte derselbe natürlich nicht so viel er sparen, das er jetzt als Rentier leben kann. Im Gegentheil, der Arbeiter, wenn er keine Arbeit hat, und nicht betteln und stehlen will, muß sehen, wie er sich durch die Welt schleppt. Der Ar- bester sucht also Arbeit, findet aber keine; jede Thür ist ihm verschlossen; da kommt aber so ein kaltblütiger Jesuit, legt ihm einen Zettel vor und— entweder oder. Er unterschreibt und die„Erklärung" ist fertig. In der Volksversammlung kann man die Leute zur Gegenrede auffordern soviel man will, keiner von ihnen rührt sich zur Widerlegung unserer Redner. In den Bahnhofswerkstätten hat man auf einem Plakat sechs Wirthe be- zeichnet, bei denen die 300 Bahnhofsarbeiter bei Strafe der Entlassung nicht verkehren dürfen. In Omerscheid, einem Dorf hier in der Nähe, hat man einem Wirth die Concession ent- zogen, weil er die Sozialisten bewirthet hat.— Auf mich hat die Polizei jetzt besonders ihr Augenmerk gerichtet. Sie kann aber gegen mich nichts machen, da ich als Colporteur meinen Gewerbe- schein in der Tasche habe. Manchmal erlauben sich die Herren aber gegen mich Artigkeiten, die alles andere verdienen, nur kein Lob. Kehr ich da neulich in Bohrbach in eine Wirthschaft ein, um zu logiren. Die Wirthiu sagte mir Abends, �die Polizei wäre dagewesen und hätte gesagt, es wäre besser für ihre Wirth- schaft, wenn sie mich fortschickte.— Noch einige Worte über die Ultramontanen. Man sagt uns nach, daß wir die beste Orga- nisation hätten. Von den Ultramontanen können wir aber doch noch lernen. Ich habe schon in der Nähe Braunschweigs, wo mehrere Dörfer von Katholiken bewohnt werden, mich gewun- dert, wie jeder, auch der ärmste Mann seine Zeitung las; auch hier liest ein jeder Katholik seine Zeitung. Vereine oder der- gleichen haben die Schwarzen nicht, aber zahlreiche Abonnenten. Wenn die Pfaffen Geld brauchen, gehen sie herum bei ihren Abonnenten, dort bekommen sie es mit vollen Händen. Obrig- keitliche Erlaubniß brauchen die Leute dazu nicht, denn darum kümmert sich Niemand. Zudem sind die Zeitungen ungemein billig. Die Kirchen hier sind Sonntag immer sehr gefüllt. Und nach der Kirche da unterhalten sich.die jungen lebenslustigen Kirchenbesucher statt über ihre traurige Lage wie die Arbeiter anderswo, über die Predigt des Pfaffen, der ihnen gesagt hat, wie die katholische Kirche verfolgt wird, und das alle berufen sind, dieselbe zu beschützen. Wir Sozialisten müssen es in diese Beziehung den Ultramontanen nachmachen. Kein Arbeiter, we- nigsiens kein sozialistischer, darf ohne Zeitung sein. Jedoch bin ich der Ansicht, daß es nicht gut ist, wenn immer neue Blätter gegründet werden. H. Matthies. St. Johann, 28. Oktober. Die hiesige„Volkszeitung" ent- hält in ihrer Nummer vom 21: Oktober folgende Notiz:„Gestern wurde dahier bei dem Colporteur Franz Heinrich Matthies aus Büddenstedt, der im Verdacht stand, mit Flugschriften straf- würdigen Inhalts hausirt zu haben, eine Haussuchung vorge- nommen, und hat sich dieser Verdacht in vollem Maße bestätigt. Matthies ward in Folge dessen festgenommen. Dabei bemeikte er dem die Verhaftung vornehmenden Herrn Polizeikommissar Wirtz, daß in einer der letzten Nummern des sozialdemokrati- schen„Vorwärts" ein netter Artikel über sein Vorleben enthalten sei. Herr Wirtz ließ sich die betreffende Nummer des Blattes, das ein hiesiger Cafetier(der, nebenbei bemerkt, sich aber nicht zu der Partei bekennt) hält, von diesem vorlegen und fand einen von Verleumdungen und Beleidigungen strotzenden, von Kettwig datirtcn, mit dem Namen Pauly unterschriebenen Artikel. Dieser fauly wollte, was absolut unwahr, in früheren Jahren mit errn W. im nämlichen Regiment gedient haben und daher mit den Privatverhältnissen desselben genau vertraut sein. Entweder liegt hier eine leichtfertige Personenverwechselung vor oder eine absichtliche Bosheit und Niederträchtigkeit. Herr Wirtz hat be- reits die Klage erhoben." Mit der Verhaftung unseres Genossen Matthies werden die Herren Sozialistentödter wohl k�in Glück haben, denn soviel steht f'st, daß Matthies nur solche Schriften vertrieben hat, welche schon seit langer Zeit im Buchhandel unbeanstandet verkauft wurden. Wenn Matthies also auch über kurz oder lang wird freigelassen werden müssen, so haben die Gegner doch den Vertrieb sozialistischer Schriften für den Augenblick ver- hindert, und darum wird es ihnen wohl auch nur zu thun gewesen sein. Nützt ihnen aber alles nichts, der Sozialismus hat hier einmal festen Fuß gefaßt, und er wird sein und bleiben und wenn die Gegner vor Wuth auch bersteten.— Ueber unfern „tugendhaften" Polizeikommissar Wirtz will ich vorläufig schweigen Hat er wirklich geklagt, was ich noch bezweifle, so wird sich ja durch den Prozeß herausstellen, ob die gegen ihn erhobenen Be- schuldigungcn über sein Vorleben auf Wahrheit beruhen oder nicht. Leipzig. Dienstag den 30. Oktober tagte in Jacobi's Saal Hierselbst eine stark besuchte allgemeine Gewerkschastsversamm- lung, welche sich mit der Centralblattfrage beschäftigte. Nach einer lebhaften Debatte, die durch ein Referat des Herrn Wilke eingeleitet wurde, nahm die Versammlung folgende von Wilke und Taute eingebrachte Resolution an:„In Anbetracht der hohen Bedeutung der Centralorgaw Frage beschließt die am heu- tigen Abend tagende allgemeine Gewerkschaftsversammlung von einer einzuberufenden Conferenz abzusehen, will aber die Vor- schlüge von A. Kapell als Grundlage zu einem nächstes Jahr abzuhaltenden Gewerkschafts-Congrcß benutzt wissen und fordert die Vororts-Verwaltungen auf, diese Vorschläge in den GeWerk- schaftsvcrsammlungkn diskutiren zu lassen und zur Urabstimmung zu bringen." Carl Stamm er. i�B. Alle Arbeiterblätter werden ersucht, im Interesse der Sache Obenstehendes in ihre Spalten aufzunehmen. Korst, 27. Oktober.(Liberale Ausreden.) Gestern Abend fand hier eine öffentliche Versammlung, berufen vom hiesigen Kaufmännischen und Gcwerbeverein, statt, in welcher Herr Bank direftor Hermes aus Guben einen Vortrag hielt über den Ver- fall unserer Industrie. Nach seinen Anschauungen sind die Sozialdemokraten vorzugsweise an den Geschäftsstockungcn schuld. Als ich den Herrn Direktor fragte, womit er denn diese lächer- liche Behauptung begründen wollte, antwortete er, Hasenclever habe vor drei Jahren in Guben einen Vortrag gehalten und u. A. wörtlich gesagt:„Durch die Arbeit der Arbeiter würden die Gewinne erzielt, daher wäre es recht, wenn der Arbeiter an dem erzielten Gewinn partizipirte, das erstrebte die Sozial- demokratie."*) Hierdurch, meint Redner, könnte Unzufriedenheit erregt werden, denn die Arbeitgeber kämen diesen Forderungen nicht nach. Trotzdem ich dem Herrn Bankdirektor nachwies, daß Hasen clever derartiges nicht hätte sagen können, blieb der Redner doch bei seiner Behauptung. Den Mitgliedern des Kaufmänni- scheu Vereins behagte es nicht, Sozialisten in ihrer Mitte zu haben, weshalb sie, unter dem Vorwand, ich hätte den Bank- direktor, weil ich an der Wahrheit seines Ausspruches über Hasenclever zweifelte,„beleidigt", mich nicht weiter reden ließen. Die Versammlung wurde wider den Willen der Mitglieder des Gewerbevereins geschlossen. Klute. Gkbing. Petroleure seid Ihr! schreien die Gegner den Soz'aldcmokraten entgegen und weisen auf den Commune-Auf- stand von Paris mit allen seinen„Schrecken", aber die Bater- landsfeinde können antworten: Paris ist weit und die Presse hat ein großes Gewissen. Doch Scherz bei Seite. Es ist ein trübes Bild, welches ich hier vorführen will. Hier in Elbing, einer ehemaligen Handelsstadt, ist, wie in vielen andern, eine Speicherinsel, die Speicher aber standen und stehen zum größten Theil leer und find in Folge dessen werthlos, werihlos um so mehr, als dieselben zu Wohnhäusern nicht umzubauen sind; der Handel, welcher sich fortgezogen, wird aller Voraussicht nach nicht wiederkehren, also ist auch jede Ausficht auf Besserung für die Zukunft benommen. Es war Ende September oder Anfang Oktober 1871, in dem Jahre der Pariser Commune, als in einem Speicher Feuer ausbrach, welches jedoch schnell unterdrückt wurde; dieses war zwar nicht verdächtig, obgleich seit langer Zeit kein Brand auf der Spcicherinsel gewesen, wohl aber wurde ein Verdacht rege, als wenige Tage nachher wieder ein Brand unterdrückt werden mußte. Volle Gewißheit, daß ein Verbrechen vorlag, erlangte man, als in einer Nacht zweimal die Lösch- Mannschaften auf die Insel gerufen wurden. Die Behörde schritt ein, eine Belohnung von 100 Thlr. wurde für den Nachweis der Thäter ausgesetzt. In einem Falle, als zwei Speicher ab- brannten, glaubte man auch den Verbrecher erwischt zu haben, doch man hatte sich getäuscht, denn in dem einen von den beiden niedergebrannten Speichern hatte ein obdachloser Mensch logirt, welcher durch Unvorsichtigkeit denselben ansteckte, er bekam auch nur 3 Monate Gefängniß. Die Brandstiftungsversuche wurden von Neuem wiederholt, und konnte mancher, wenn auch schnell entdeckte Brand nur mit Mühe unterdrückt werden. Nach einiger Zeit trat Ruhe ein, die Verbrecher schienen ermüdet und muthlos gemacht von ihren vergeblichen Versuchen. Da, es war eine schöne Sommernacht(Juni 1872), wurde die Stadt wieder von dem Feuerschein eines brennenden Speichers erleuchtet; die schlecht organisirte Bürgerfeuerwehr, welche ziemlich spät in Thätigkeit trat, konnte die umliegenden Speicher nicht retten, einer nach dem *) Der Herr Bankdircktor irrt. Hasenclever hat gesagt, daß diese Forderung von einigen bumanen Sozialdoctoren gestellt werde, daß aber, wie der Bankoirektor dies ja auch bestätigt, nicht einmal eine iolche Forderung Anklang fände bei den Arbeitgebern, wie viel weniger die sozialistische, daß die Arbeiterklasse den vollen Ertrag der Arbeit erhalten sollte. R. d. B. andern wurde von den Flammen ergriffen, die Bestürzung war eine große. Am Morgen waren 11 gzoße und mehrere kleinere Speicher, sowie viele Schuppen, Zäune und Bäume niedergebrannt. Es war dieses die 11. oder 12. Brandstiftung in einem Zeiträume von 9 Monaten! Die Behörde machte die größten Anstren- gungen, die Thäter zu ermitteln, eine Belohnung von 500 Thlr., zu der noch eine von 200 Thlr., welche die Kaufmannschaft aus- setzte, hinzukam, sollte Jeden zur Nachforschung anspornen. Doch Alles vergeblich! Die Kaufleute, welche noch Waaren in den Speichern hatten, mußten erhöhte Versicherungsprämien zahlen, da die Gesellschaften sich weigerten, weiter zu versichern. Wieder 10 Wochen später, es war des Morgens, als eben die zahlreichen Wachmannschaften ihre Posten verlassen hatten, brach auf der Insel Feuer aus, 4 große Speicher, Schuppen u. s. w. wurden ein Raub der Flammen. Alle Nachforschungen waren vergeblich; man suchte sich nun durch eine große Wachsamkeit zu schützen; es bildete sich ein Nachtwächter-Controlverein, bestehend aus den vielen Bürgern der Stadt, und diese Maßnahme schien Er- folg zu haben; wir hatten Ruhe. Im April 1874 begannen die Verbrecher ihre Thätigkeit von neuem; ein oder zwei Ver- suche schlugen fehl, dafür gelang ein anderer um so besser: in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai wurden 7 oder 8 der größten und mehrere kleinere Speicher sowie Schuppen in einen Schutthaufen verwandelt. Jetzt war Lust, die übrigen Speicher lagen weiter von einander entfernt, konnten also nicht im großen, sondern mußten mehr einzeln in Rauch aufgelöst werden. Das Volkswort:„Die Speicher müssen herunter, eher haben Die keine Ruhe", war beinahe in Erfüllung gegangen. Der Stadttheil am Elbingfluß hatte ein ganz anderes Aussehen bekommen, die Zeugen des früheren blühenden Handels, die Speicher, waren zum größten Theil verschwunden, Kohlenhöfe, Wohnhäuser nehmen die leeren Stellen ein. Daß die Thäter nicht entdeckt, ist kaum nöthig zu sagen. Nach 2'/, Jahren(1876) wurde das verbrecherische Handwerk von den Unbekannten von neuem betrieben, ein Speicher wurde in einen Schutthaufen ver- wandelt, ein anderer so sehr beschädigt, daß er jetzt abgebrochen ist; der angestrengtesten Thätigkeit einer mittlerweile eingerich- teten kleinen Feuerwehr gelang es, weiteres Unglück zu verhüten, welches um so größer geworden wäre, da in der Nähe ein großes Holz- und Kohlenlager, sowie noch einige große Speicher sich befanden. Noch hinzufügen will ich, daß in der Stadt, um die Zeit, als auf der Speicherinsel so lustig gebrannt wurde, auch Versuche zu Brandstiftungen gemacht wurden. Fassen wir das Ganze zusammen: es sind auf der Speicher- insel allein 16—18 Brände angelegt, dadurch ungefähr 25 große und kleine Speicher, sowie viele Schuppen niedergebrannt, we- nige sind stehen geblieben, auf wie lange? wird die Zukunft lehren. Eine ganze lange Kette von Verbrechen liegt hier vor, eines schließt sich an das andere und raffinirte, sehr geschickte Schurken müssen es sein, die dieses ausgeführt haben. Petro- teure sind es in der vollsten Bedeutung des Wortes, und wer sind die Petroleure? Communisten, Sozialisten sind es, werden die Gegner den Lesern des„Vorwärts" zurufen. Mögen meine Gesinnungsgenossen ihnen sagen, 1872, wo die„Petroleure" so lustig in Elbing brannten, waren daselbst noch keine Sozialdemo- traten, selbst Schreiber Dieses war damals, obgleich er sich durch die Mordgeschichten der Commune von Paris nicht gruselig ma- chen ließ, dennoch radikal aber kein Sozialist, er kannte unsere Partei noch nicht. Auch als später sich welche fanden, hatte Niemand an uns zu denken gewagt. Es waren also in Wirk- lichkeit Petroleure, welche in Elbing hausten, und vielleicht noch weiter hausen werden, aber man hat sie zu suchen in jenem Lager, in welchem der Egoismus, der Eigennutz die einzigen Triebfedern aller Handlungen sind. Die Speicher mußten fort, weil sie werthlos geworden waren, und sie sind fort. Hamburg, 27. Oktober. In der Generalversammlung des Korb- macher-Bundes von Hamburg, Altona, Ottensen wurde in Betreff der Gewerkichasts- Organisation folgende Resolution einstimmig angenommen: „Der Korbmacherbund von Hamburg, Altona, Ottensen erklärt sich mit der Einberufung einer Gewerkschafts- Conferenz einverstanden, ist aber nicht im Stande, die Conferenz zu beschicken; er erklärt fich auch bereit, die Pflichten zu erfüllen, welche durch die späteren Statuten von ihm gefordert werben, d. h. wenn es ihm seine Mittel erlauben; auch ge- denkt er der Organisation beizutreten. I. A.: C. Hermann. Briefkasten. der Redaktion. W. St. in®.; Ja.— W. H. in R.: Sie haben dem Ortsgeistlichen mündlich anzuzeigen, daß Sie aus der Landeskirche ausscheiden wollen; nach Bcrfluß von 4 Wochen haben Sie diese Absicht noch einmal und zwar schriftlich zur Kcnntniß desselben Geist lichen zu bringen, worauf dann das Weitere gerichtlich besorgt wird.— A. D. in Magdeburg: Sie erhalten brieflich in einigen Tagen Antwort; wir müssen in der betreffenden Frage noch einige Information haben. — G. S. in A.: Wir halten es für viel richtiger, wenn wir die beiden dortigen„christlichen" Schattirungen sich streiten lassen— haben wir zu diesem Streite mit beigetragen durch unsere Notiz, so ist das sehr gut. Die Parteigenossen Müller und Pommer werden ersucht, ihre Adressen möglichst bald zu senden an Osw. Mahnert, Buchbinder, Amsterdam, Kerkstraat 212. In einigen Tagen erscheint und ist durch alle Buchhandlungen und Colporteure zu beziehen: Der Kampf wider die Sozialdemokratie und die deutsche Fortschrittspartei. Ein ketzerisches Votum. Bon I. G. Findel. ca. 2 Bogen brach. Preis 0,50 Pf. Die Schrift wendet sich gegen die Heulmeierei der sog.„Ordnungs- Partei" und vertritt die Ansicht, daß die deutsche Fortschrittspartei und die Sozialdemokratie gegenüber der andringenden Reaktion auf einander angewiesen sinv. Ferner erscheint demnächst: Spir, A., Moralität und Hlckigion. 2. vermehrte und ver- besserte Auflage, brach. Mk. 2,50. Betr. der Bedeutung des Philosophen Spir verweise ich auf die Citate in Schäffle's„Bau des sozialen Körpers" k. Leipzig.(26) I. G. Findel. !? Quittung. Bsmnn Duisburg Ab. 3,70. Gglr hier Ab. 3,15« Expedition der„Tagwacht" Zürich Ab. 150,00. Grd Stötteritz Ab- 10,80. Brg Zeitz Ab. 4,30. Grbnstn Lindenau Ab. 42,85. Exped. der„Bremer Freien Zeitung" Bremen Ab. 77,00. Rw Altona Ab. 38,45. Hß Sonneberg Schr. 17,00. Metallarbestergewerkschaft hier Ann. 4,70. Lgs Hannover An. 1,00, Schr. 1,40. I. Bst Mainz Ab. 47,15, Schr. 4,31. Wnk Niemes Ab. 3,43. I. Schmidt Paris Ab. 16,80. Sämmtl. Gewerkschaften hier Ann. 1,80. Rchlr Haindorf Ab. 17)l4. Ebnhtz Temesvar Ab. 3,09. Kbtzsch Dresden Ab. 99,0. Schmdt hier Ab. 0,55. Schfr Gohlis Ab. 11,25. Schrck Itzehoe Schr. 1,75. Krchnr Bredstedt Schr. 8,75. Anzeigen Sozialdemokratischer Wahlverein. JpUUilüvvC. Sonnabend, den 3. November, Abends halb 9 Uhr, im Vereinslokal, Mittelstraße Nr. 11:(F. 164) Geschloss ene Mitglieder-Versammlung. Tagesordnung: Abrechnung. Verschiedenes. Der Borstand. s70 Hannover. Sonntag, den 4. November, Abends: Zitter-Conccrt im Loges'schen Keller. (F. 164) Jhmrbrückstraße. (90 Winterthur(Schweiz). Berufs- und Parteigenossen wie überhaupt Jedermann vor Franz Jltzig, Glaser, angeblich aus Freiberg(Sachsen) weil derselbe unseren Vcre.n beschwindelt und mit einem bedeutenden Betrag das Weite ge- sucht hat. � m(26)[70 Der Borstand. Für Männer-Chöre. Im Verlag von Emil Sauerteig in Gotha ist erschienen: Liedersammlung des Allgemeinen Arbeiter-Sänger-Bundes. Erste Lieferung. Inhalt: Nr. 1. Im Wald. Gedicht von Geib. Comp, von Scholz.— Nr. 2. Arbeitcrmarsch. Comp, von C. Arendt. Preis für jede Lieferung: Partitur mit 4 Stimmen M. 1,60. 4 Stimmen ohne Part. M. 1,20. Die bisher in demselben Verlag erschienenen 9 Arbeiter-Lieder sind im besonderen Heft oder auch einzeln zu beziehen. Geb. Partitur mit 4 Stimmen M. 8,50, 4 Stimmen M. 6,50.(2b)[160 Im Verlage der Volksbuchhandlung(früher Rottmanner& Tie) in München ist erschienen und durch uns zu bezichen: Dr. M. Lehn's Zuristischcs TlifcheiilexiKon. Ei« Vademecum für Studircnde und Nicht-Juristen zur Orien- tirung auf dem Gcsammtgebiete der Jurisprudenz. Preis pro Exemplar 1 Mark. Die Expedition des„Vorwärts". Die Rundschau. Orzau für sozialistische Propaganda erscheint vom November an auf vielseitigem Wunsch für 15 Pf. pro Nummer. Bestellungen sind zu machen beim Verlag der Rundschau, Ame- lungstraße vir. 5, Hamburg. Rundschau ist erschienen und au diejenigen Filial-Expeditionen zur Versendung gelangt, welche über Nr. 4 abgerechnet haben. Prachtvoll und solid gearbeitete Einbanddecken (Goldpressuugl für die „Neue Welt" Jahrgang 1876 u. 77 ind in Schwarz ä Stück M. 1,20, in Roth M. 1,50 gegen baar oder Nachnahme durch die Buidbinderei von H. Jansen, Leipzig, UniversitätSstraße 16 zu beziehen. Colporteure und Filialexpeditionen erhalten bei Particbezug entsprechenden Rabatt. Porto zu Lasten der Empfänger. KL. Bestellungen hierauf werden entgegengenommen und effekwirt von der Expedition der„Neuen Welt", Leipzig, Färberstr. 12 II. Soeben erschienen und durch uns zu beziehen: Waldverwüstung und Ueberschwemumug. Ein Kapitel der Grund- und Bodcnfrage. Bon Heorg Wollmar. Preis pro Exemplar>5 Pfennig. Di« Buchhandlung des„Vorwärts". Für Lokal- u. 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Auf Posten von 1 Dutzend aufwärts berechnen wir brochirt 25 Pf. pro Stück[ ,, f gebunden 40.,„„ l g-ge« baar. Kzpedition des„'vorwärts", Leipzig, Färberstraße 12/Il. (Irpedition der„Zacket", Leipzig, Kleine Fleischergasse 15. Verantwortlicher Redakteur: Hermann Helßig in Reudnitz-Leipzig. Redaktton und Expedition Färberstraße 12/11. in Leipzig. Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei in Leipzig. Hierzu eine Beilage. Beilage des„Vorwärts". Sonntag, 4. November 1877. Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der politischen Oekonomie. Bon Friedrichs Engels. VI. Einen ganz groben ökonomischen Quartanerschnitzer, der zu- gleich eine gemeingefährliche sozialistische Ketzereien sich schließt, hat Herr Dühring bei Marx entdeckt. Die Marx'sche Werththeorie ist„nichts weiter als die gewöhnliche... Lehre, daß die Arbeit Ursache aller Werthe und die Arbeitszeit das Maß derselben sei. In völliger Unklarheit verbleibt hierbei die Vorstellung von der Art, wie man den unterschiedlichen Werth der s. g. qualifilirten Arbeit denken solle. Allerdings kann auch nach unsrer Theorie nur die verwendete Arbeitszeit die natürlichen Selbstkosten und mithin den absoluten Werth der wirthschaftlichen Dinge messen; aber hierbei wird die Arbeitszeit eines Jeden von vornherein völlig gleich zu achten sein, und man wird nur zuzusehn haben, wo bei qualifizirteren Leistungen zu der individuellen Arbeitszeit des Einzelnen noch diejenige andrer Personen... etwa in dem tebrauchten Werkzeug, mitwirkt. Es ist also nicht, wie sich Herr Karx nebelhaft vorstellt, die Arbeitszeit Jemandes an sich mehr werth als die einer andern Person, weil darin mehr durchschnitt- liche Arbeitszeit gleichsam verdichtet wäre, sondern alle Arbeits- zeit ist ausnahmslos und prinzipiell, also ohne daß man erst einen Durchschnitt zu nehmen hätte, vollkommen gleichwerthig und man bat nur bei den Leistungen einer Person, ebenso wie bei jedem fertigen Erzeugniß zuzusehen, wie viel Arbeitszeit andrer Personen in der Aufwendung scheinbar blos eigner Arbeitszeit verdeckt sein möge. Ob es ein Produktionswerkzeug der Hand oder die Hand, ja der Kopf selbst ist, was nicht ohne andrer Leute Arbeitszeit die besondre Eigenschaft und Leistungsfähigkeit erhalten konnte, darauf kommt für die strenge Gültigkeit der Theorie nicht das Mindeste an. Herr Marx wird aber in seinen Auslassungen über den Werth das im Hintergrunde spukende Gespenst einer qualifizirten Arbeitszeit nicht los. In dieser Richtung durchzugreifen, hat ihn die überkommene Denkweise der gelehrten Klassen gehindert, der es als eine Ungeheuerlichkeit erscheinen muß. die Arbeitszeit des Karrenschiebers und diejenige des Arckitetten an sich als ökonomisch völlig gleichwerthig an- zuerkennen.� Die Stelle bei Marx, die diesen„gewaltigeren Zorn" des Herrn Dühring veranlaßt, ist sehr kurz. Marx untersucht, wodurch der Werth der Waareu bestimmt wird, und antwortet: Durch die in ihnen enthaltene menschliche Arbeit. Diese, fährt er fort,„ist Verausgabung einfacher Arbeitskraft, die im Durchschnitt jeder gewöhnliche Mensch ohne besondere Entwicklung in seinem leib- lichen Organismus besitzt... Komplizirtere Arbeit gilt nur als potenzirte oder vielmehr multiplizitte einfache Arbeit, sodaß ein kleineres Quantum komplizirter Arbeit gleich eineni größeren Quan- tum einfacher Arbeit. Daß diese Reduktion beständig vorgeht, zeigt die Erfahrung. Eine Waare mag das Produkt der kom- plizirtesten Arbeit sein, ihr Werth setzt sie dem Produkt einfacher Arbeit gleich und stellt daher selbst nur ein bestimmtes Quantum einfacher Arbeit dar. Die verschiedenen Proportionen, worin verschiedne Arbeitsarten auf einfache Arbeit als ihre Maßeinheit reduzirt sind, werden durch einen gesellschaftlichen Prozeß hinter dem Rücken der Produzenten festgesetzt, und scheinen ihnen daher durch das Herkommen gegeben." ES handelt sich hier bei Marx zunächst nur um die Bestim- mung.dcs Werths von Waaren, also von Gegenständen, die innerhalb einer aus Privatproduzenten bestehenden Gesellschaft, von diesen Privatproduzenten für Privatrechnung produzirt und gegen einander ausgetauscht werden. Es handelt sich hier also keineswegs um den„absoluten Werth," wo dieser auch immer sein Wesen treiben möge, sondern um den Werth, der in einer bestimmten Gesellschaftsform Geltung hat. Dieser Werth, in dieser bestimmten geschichtlichen Fassung, erweist sich als geschaffen und gemessen durch die in den einzelnen Waaren verkörperte menschliche Arbeit, und diese menschliche Arbeit erweist sich weiter- , bin als Verausgabung einfacher Arbeitskraft. Nun ist aber nicht jede Arbeit eine bloße Verausgabung von einfacher menschlicber Arbeitskraft; sehr viele Gattungen von Arbeit schließen die An- Wendung von, mit mehr oder iveniger Mühe, Zeit- und Geldaufwand erworbenen Geschicklichkeiten oder Kenntnissen in fich ein. Erzeugen diese Arten von zusammengesetzter Arbeit in gleichen Zeiträumen denselben Waarenwerth wie die einfache Arbeit, die Verausgabung von bloßer einfacher Arbeitskraft? Augenscheinlich nein. Das Produkt der Stunde zusammen- gesetzter Arbeit ist eine Waare von höherem, doppeltem oder dreifachem Werth, verglichen mit dem Produtt der Stunde ein- facher Arbeit. Der Werth der Erzeugnisse der zusammengesetzten Arbeit wird durch diese Vergleichung ausgedrückt in bestimmten Mengen einfacher Arbeit; aber diese Reduktion der zusammen- gesetzten Arbeit auf einfache Arbeit vollzieht sich durch einen gesellschaftlichen Prozeß, hinter dem Rücken der Produzenten, durch einen Vorgang, der hier, bei der Entwicklung der Werth- theorie, nur festzustellen, aber noch nicht zu erklären ist. Diese einfache, in der heutigen kapitalistischen Gesellschaft sich täglich vor unfern Augen vollziehende Thalsacke ist es, die Marx hier konstatirt. Diese Thatsache ist so unbestreitbar, daß selbst Herr Dühring sie weder in seinem Kursus noch in seiner Geschichte der Oekonomie zu bestreiten wagt; und die Marx'sche Darstellung ist so einfach und durchsichtig, daß sicher Niemand„in völliger Unklarheit hierbei verbleibt" außer Herrn Dühring. Vermittelst dieser seiner völligen Unklarheit versieht er den Waarenwerth, mit dessen Untersuchung sich Marx zunächst allein beschäftigt, für „die natürlichen Selbstkosten", die die Unttarheit nur noch völliger machen, und gar für den„absoluten Werth", der bisher in der Oekonomie unsres Wissens nirgendwo Kurs hatte. Was aber Herr Dühring auch unter den natürlichen Selbstkosten verstehn, und welche seiner fünf Arten Werth auch die Ehre haben möge, den absoluten W.-rth vorzustellen, soviel ist sicher, daß von allen diesen Dingen bei Marx nicht die Rede ist, sondern nur vom Waarenwerth; und daß in dem ganzen Abschnitt des„Kapital" über den Werth auch nicht die geringste Andeutung darüber vorkommt, ob, oder in welcher Ausdehnung, Marx diese Theorie des Waarenwerths auch auf andre Gesellschaftsformen anwend- bar hält. Es ist also nicht, fährt Herr Dühring fort,„es ist also nicht, wie sich Herr Marx nebelhaft vorstellt, die Arbeitszeit Jemandes an fich mehr Werth als die einer andern Person, weil darin geschickte Lohnarbeiter höher gelohnt. In der sozialistisch organi- sirten Gesellschaft bestreitet die Gesellschaft diese Kosten, ihr ge- hören daher auch die Früchte, die erzeugten größern Wertüe der zusammengesetzten Arbeit. Der Arbeiter selbst hat keinen Mehr- anspruch. Woraus nebenbei noch die Nutzanwendung folgt, daß es mit dem beliebten Anspruch des Arbeiters auf„den vollen Zur Kulturgeschichte der Deutschen. ii. mehr durchschnittliche Arbeit gleicksam verdichtet wäre, sondern alle Arbeitszeit ist ausnahmslos und prinzipiell, also ohne daß man erst einen Durchschnitt zu nehmen hätte, vollkommen gleich- werthig."— Es ist ein Glück für Herrn Dühring, daß ihn das Schicksal nicht zum Fabrikanten gemacht und ihn so davor be- wahrt hat, den Werth seiner Waaren nach dieser neuen Regel an-! Arbeitsertrag" doch auch manchmal seinen Haken hat. zusetzen, und damit dem Bankerott unfehlbar in die Arme zu laufen. Doch wie! Befinden wir uns hier denn noch in der Gesellschaft der Fabrikanten? Keineswegs. Mit den natürlichen Selbstkosten und dem absoluten Werth hat uns Herr Dühring einen Sprung machen lassen, einen wahren Salto mortale aus....._,. der gegenwärtigen schlechten Welt der Ausbeuter in seine eigne.®lt. bedürfen auch einer naturwissenichaftlichen Eeklarung, Wirthschaftskommune der Zukunft, tu die reine Himmelslust der kommt, daß die Slawen und Littauer, welche den Ger- Gleichheit und Gerechtigkeit, und wir müssen uns also diese P'™? s™ nachiten verwandt und die ersten Jahrhunderte nach neue Welt, wenn auch vorzeitig, hier schon ein wenig ansehn. der Auswanderung aus der Urhennath deren Schicksalsgenossen Allerdings kann, nach Herrn Dührings Theorie, auch in der � c � j0- �schledenen Volkern entimd 1t haben. Der Wirthschafskommune nur die verwendete Arbeitszeit den Werth sch£r brei stamme m der Sprache kann ursprünglich der wirthschaftlichen Dinge messen, aber hierbei wird die Arbeits- Jem', bedeuiend als der zeit eines Jeden von vornherein völlig gleich zu achten sein, alle zwischen Hochdeutsch und Plattdeutsch— soviel lägt die Arbeitszeit ist ausnahmslos und prinzipiell vollkommen gleich- lillb t jetzt noch erkennen. Sie verehrten ansangs werthig, und zwar ohne daß man erst einen Durchschnitt zu?°,.•{,' 9ar der Name des Göttervaters Odin nehmen hätte. Und nun halte man gegen diesen radikalen! llemecn. sie zeigten fich alle drei lange � Gleichheitssozialismus die nebelhafte Vorstellung von Marx, als 3�'.� prode gegen s.ammcsvereinigung und Staatenbildung; sei die Arbeitszeit Jemandes an sich mehr werth als die einer � � �° � �'�chu'��ung zu einem Volke andern Person, weil darin mehr durchschnittliche Arbeitszeit ver S f außen. Wie kommt dichtet sei, eine Vorstellung, in der ihn die überkommene Denk- j. � s>ch)o weit verschiedm fortentwickelt haben, ia. weise der gelehrten Klassen befangen hält, der es als eine Un- � der älteste Name, mit welchen ulle Slawen und Littauer die geheuerlichkeit erscheinen muß, die Arbeitszeit des Kärrenschiebers und die des Architetten als ökonomisch völlig gleichwerthig an- � Ä< l o'! b!e iircrttrmpn'„Sprechenden"(Slawane, Llttwi) nennen?— Die Erklärung hiersur ist nicht so einfach als die vorige. Wenn man annimmt, daß bei der ersten Auswanderung die Littauer den Vortrab, die Slawen die Mitte, die Germanen den Nachtrab bildeten, und daß die letzteren der vorwärts treibende, weil immer selbst von den Mongolen, und später den Medo Persern getriebene Stamm waren, und des Steppenbodens wegen Jahrhunddrte lang nicht stark zusammengedrängt leben, nicht weithin mit einander verkehren konnten, so begreift man, daß die kleinen ursprünglichen Unterschiede des Bolksthums sich rasch ver- mehren mußten. Zuerst fanden die Littauer ihre dauernden Wohnsitze, als sft die Ostsee erreicht hatten und sich nickt ent- war bei diesem zuerkennen iWjWWWWWWWWWWWWW�IWWWW Leider macht Marx zu der oben angeführten Stelle cm „Kapital" die kleine Anmerkung:„Der Leser muß aufmerken, daß hier nicht vom Lohn oder W:rth die Rede ist, den der Arbeiter etwa für einen Arbeitstag erhält, sondern vomWaaren- werth, worin sich ein Arbeitstag vergegenständlicht." Marx, der hier seinen Dühring vorher geahnt zu haben scheint, ver- wahrt sich also selbst dagegen, daß man seine obigen Sätze auch nur auf den in der heutigen Gesellschaft für zusammengesetzte Arbeit etwa zu zahlenden Lohn anwende. Und wenn Herr Dühring, nicht zufrieden damit, dies dennoch zu thun, jene Sätze für die Grundsätze ausgibt, nach denen Marx die Vertheilung Tlr l t f 1- l)"tc" T der Lebensmittel in der sozialistisch organisirten Gesellschaft ge- ich�ß�n konnten, Seefahrer zu werden. Viellelcht regelt wissen wolle, so ist das eine Schamlosigkeit der Unter schiebung, die nur in der Revolverliteratur ihres Gleichen findet. Doch besehen wir uns die Gleichwerthigkeitslehre etwas näher. Alle Arbeitszeit ist vollkommen gleichwerthig, die des Karren- schiebers und die des Architekten. Also hat die Arbeitszeit, und damit die Arbeit selbst, einen Werth. Die Arbeit aber ist die Erzeugerin aller Werthe. Sie allein ist es, die den vorgesundnen Naturprodukten einen Werth im ökonomischen Sinne gibt. Der Werth selbst ist nichts anderes, als der Ausdruck der in einem Ding vergegenständlichten, gesellschaftlich nothwendigen mensch- lichen Arbeit. Die Arbeit kann also keinen Werth haben. Eben- tapferen Volke der Widerwille gegen Unternehmungen zur See, welcher sie bis heute kennzeichnet, dadurch verursacht, daß die Ostsee dazumal noch mit dem Eismeere zusammenhing, stürmisch und im Sommer voll Eisberge war. H:er fand schon 450 Jahre v. Chr. Geb. der Grieche Pythias von Marseille die Grenzen zwischen den Littauern und Finnen, wie wir sie heute noch finden, wie Kohl(Reise in den Ostseeprovinzen) nachgewiesen hat— der Waldai oder nordrussische Landrücken trennte sie; sie hatten also die mongolischen Ureinwohner zuerst weit zurückgedrängt j nach Norden. Von den Slawen im Ofien und Süden umschlossen, mit denen sie stets in Frieden lebten, und durch die Ostsee au? cchen Arbeit. Die Arbe.t kann also kemen Werth haben Eben- � r er Linie beschützt, hatten sie nur einen schmal n Gnnz treifen sogut wie von ecnem Werth der Arbett sprechen und ihn bestimmen' die Monaolen ru»ertbeidiaen(im hZin., wollen, ebensogut könnte man vom Werth des Werths sprechen oder das Gewicht, nicht eines schweren Körpers, sondern der Schwere selbst beftlinmen wollen. Herr Dühring sertigt Leute wie Omen, Saint Simon und Fourier ab mit dem Titel: soziale Alchymisten. Indem er über den Werth der Arbeitszeit d. h. der Arbeit spintlsirt, beweist er, daß er noch tief unter den wirk lichen Alchymisten steht. Und nun ermesse inan die Kühnheit, mit der Herr Dührmg Marx die Behauptung in die Schuhe schiebt, als sei die Arbeitszeit Jemandes an sich mehr werth, als die einer andern Person, als habe die Arbeitszeit, also die Arbeit, einen Werth— Marx, der zuerst entwickelt hat, daß und warum die Arbeit keinen Werth haben kann! Für den Sozialismus, der die menschliche Arbeitskraft von ihrer Stellung als Waare emancipiren will, ist die Einsicht von hoher Wichtigkeit, daß die Arbeit keinen Werth hat, keinen haben kann. Mit chr fallen alle Versuche, die sich aus dem natur- wüchsigen Arbeitersozialismus auf Herrn Dühring vererbt haben, die künsttge Vertheilung der Existenzmittel als eine Art höhern Arbeitslohns zu reguliren. Aus ihr folgt die weitere Einsicht, daß die Vertheilung, soweit sie durch rein ökonomische Rückiichten beherrscht wird, sich regeln wird durch das Interesse der Pro duktion, und die Produttion wird gefördert am meisten durch eine Vertheilungsweise, die allen Gesellschaftsgltedern erlaubt, ihre Fähigkeiten möglichst allseitig auszubilden, zu erhalten und auszuüben. Der dem Herrn Dühring überkommenen Denkweise der gelehrten Klassen muß es allerdings als eine Ungeheuerlich- keit erscheinen, daß es einmal keine Karrenschieber und keine Architekten von Profession mehr geben soll, und daß der Mann, der eine halbe Stunde lang als Architekt Anweisungen gegeben hat, auch eine Zeitlang die Karre schiebt, bis seine Thätizkeit als Architekt wieder in Anspruch genommen wird. Ein schöner Sozialismus, der die Karrenschieber von Profession verewigt! Soll die Gleichwerthigkeit der Arbeitszeit den Sinn haben, daß jeder Arbeiter in gleichen Zeiträumen gleiche Werthe produ- zirt, ohne daß man erst einen Durchschnitt zu nehmen hätte, so ist das augenscheinlich falsch. Bei zwei Arbeitern, auch desselben Geschäftszweigs, wird sich das Werthprodukt der Arbeitsstunde immer nach Intensität der Arbeit und Geschicklichkeit verschieden stellen; diesem Uebelstand, der indeß nur für Leute ü 1» Dühring einer ist, kann nun einmal keine Wirthschaftskommune, wenigstens nicht auf unsrem Weltkörper, abhelfen. Was bleibt also von der ganzen Gleichwerthigkeit aller und jeder Arbeit? Nichts als die pure renommistische Phrase, die keine andre ökonomische Unterlage gegen die Mongolen zu vertheidigen(im heutigen Livland) und obwohl ihnen diese im langen Verlaufe der Zeit genug Weiber und Kinder geraubt haben müssen, weil sie sich seitdem zu einem völlig weißen Volke, den Finnen(einschließlich der Liven, Esthen, Karelcn, Jngrier) umgebildet haben, so hörte doch der Grenz kämpf wohl bald auf, weil wir davon nur noch schwache Denk- mäler übrig haben. Dieses Volk also, mit einer ganz offenen Grenze, verdankte es seiner Friedensliebe, daß es wohl zwei Jahrtausende ein fast ungestörtes Leben führte, und diese Friedens- hebe verdankte es seiner Einkapselung und Genügsamkeit auf einem blas mäßig ergiebigen Boden, sowie dem Mangel an Reiz zu einem Räuberteben, wo so wenig einladende Länder angrenz- ten. Zur Bildung eines Staats- und Volksganzen, welches sich rasch eigenthümlich fortentwickelte, schritten sie aber erst bald nach 1200 n. Chr. Geb., als die Deutschordens- und die Schwert- ritter ihnen in Preußen, in Liv- und Kurland große Bolkstheile und Landsttecken raubten, machten ihnen den Sieg sehr schwer und suchten später Schutz gegen die mächtigeren Nachbarn durch Anschluß an Polen. Ganz anders mit den Slawen. Sie hatten kaum den dichten Hochwald des mittleren Rußland etwas gelichtet, als sie von Norden und Osten her— später nach dem Wegzug der Deut- scheu aus Südrußland(zwischen etwa 300 vor und 375 nach Chr. Geb.) auch von Süden her auf überall ganz� offner Grenze furchtbar bedrängt wurden. Diese bei allen Slawenstämmen mindestens ein Jahrtausend, bei den russischen wohl zwei Jahr- tausende anhaltende B-drüngniß nahm eine zweifache Gestalt an. Einerseits war sie ein unablässiger Grenzkrieg, indem die ver- drängten Mongolenstämme jährlich bald hier, bald dort über- raschende Einfälle machten, die waffenfähigen Männer mordeten, Weiber und Kinder behufs Veredlung der eigenen Rasse mit- nahmen und vor den Verfolgern mit ihren Heerde» leicht ent- wichen, um wie die Fliegen immer wiederzukehren. Gegen dieses Raubwesen schützte man sich zwar durch Grenzwachen, aber auf einer so ausgedehnten Grenze nur unvollkommen. Diese stete Kriegsbereitschaft bekommt zuletzt auch das tapferste Volk satt. Die Grenzstämme zogen also davon; es suchten und fanden die Bulgaren(Anwohner der Wolga, und bereits ganz slawisirt) um 600 nach Chr. Geb. neue Wohnsitze im griechischen Kaiserreiche zwischen Donau und Balkan; die Serben zum Theil zwischen der Donau und dem adriatischen Meere, zum Theile in der Lausitz, die Czechen in Böhmen und Mähreu, die Slowaken im Norden Ungarns, die Wenden zum Theil in Steiermark, zum THett zwischen Saale und Oder, die Obotriten in Mecklenburg, hat, als die Unfähigkeit des Herrn Dühring, zu unterscheiden die Pomoren in Pommern, die Masuren in Westpreußen u. s. w. zwischen Bestimmung des Werths durch die Arbeit und Bestim- während die übrigen Slawenstämme sich weiter nach Westen zu- mung des Werths durch den Arbeitslohn— nichts als der Ukas, sammendrängten und Polen füllten und so eine leere Strecke das Grundgesetz der neuen Wirthsckaftskommune: Der Arbeits- zwischen sich und den Mongolen ließen— alles um 600 n. Chr. lohn für gleiche Arbeitszeit soll gleich sein! Da hatten die alten Bald aber war durch beiderseitigen Volkszuwachs der trennende französischen Arbeiterkommunisten und Weitling doch weit bessere teere Raum wieder ausgefüllt, und der ewige Grenzkrieg begann Gründe für ihre Lohngleichheit. wieder und wuchs im 9 Jahrhunderte bis zur Unertr'äglichkeit. Wie löst sich nun die ganze wichtige Frage von der höheren Andererseits eroberten die Mongolen zweimal fast ganz das Löhnung der zusammengesetzten Arbeit? In der Gesellschaft von slawische Gebiet. Privatproduzenten bestreiten die Privatleute oder ihre Familien Die erste dieser Eroberungen war die der Hunnen/ welche, die Kosten der Ausbildung des gelernten Arbeiters; den Pri- wohl eine Million berittener wilder mongolischer Räuber stark, vaten fällt daher auch zunächst der höhere Preis der gelernten! nach 375 n. Chr. die letzten deutschen Stämme aus Südrußland Arbeitskraft zu: der geschickte SNave wird theurer verkauft, der- vertrieben, bis in die nach ihnen benannte ungarische Stepp vordrangen und unter der„Gottesgeißel" Attila siebzig Völker, meist slawischen und deutschen Stammes, in ein Eroberer-Reich vereinigten(um 450). Für die Süd- und West-Slawen wieder- holte sich diese furchtbare Ausbeuterwirthschast, als um 900 ein Tartarensiamm, die Magyaren, in Ungarn einbrach und mit Hülfe der dortigen Hunnen ein Reich, auf die Knechtschaft und Kriegsfolge vieler Slawenstämme gegründet, errichtete, und als die Türken bald nach 1200 in der heutigen europäischen Türkei festen Fuß faßten und die dortigen Slawen theils unterjochten, theils zu steter Kriegsbereitschaft zwangen. Die entsetzlichste Staupe aber kam 1227 über die Russen, als die Mongolen- schaaren des Bot» und Oktai das Land gänzlich eroberten und 250 Jahre lang auf das Unglaublichste aussaugten. Es bleibt zu erklären, wie dies möglich war. Um 862 nach Chr.— so erzählt uns der alte Mönch Nestor— kamen die russischen Slawen überein, sich die Hülfe der Normannen(Wa- räger, Wäringer, auch Russen genannt) gegen ihre unerträglichen Grenznachbarn, die Mongolen, zu erbitten, angeblich auf den Grund hin, daß sie nicht einig zu sein und sich selbst zu regieren verstünden. Aus der mönchischen Höflingssprache Nestor's in die Wahrheit übersetzt, heißt dies soviel, daß die Slawen aus alt- germanischem Unabhängigkeitstrieb keine staatenbildende Kraft erwerben konnten. Die Normannen, welche seit lange einen ge- winnreichen Handel zwischen Ostsee und Schwarzem Meere auf dem Wasserwege über die Düna und den Dniepr betrieben hatten, zeitweilig auch mit Seeraub verbunden, hatten sich seit tausend Jahren in Skandinavien zum verwegensten aller Eroberervölker ausgebildet. Sie ließen sich nicht zweimal einladen, setzten sich als Kriegerkaste unter den östlichen Slawen fest, denen sie den eignen Namen„Russen"(Rvthköpfe) beilegten und vereinigten sie zu einem Reiche, welches seine Grenzen bald auf Kosten der Mongolen ausbreitete und Frieden im Inneren erhielt. Ganz allmählich entwaffneten sie das Volk, welches ohnehin des be- waffneten Friedens müde war, nahmen ihm nach und nach die eine Hälfte alles Landes, das Gemeindeland, zur Erhaltung ihres Lehnsadels hinweg, nöthigten das Volk zum griechischen Christen- thume und mit Hülfe der christlichen Berdummung zum Frohn- dienfte auf dem Lande des Adels und verhinderten die Bildung von Städten, einer Bürgerschaft und der Künste und Wissen- schaften. Handwerke, Handel und Künste durften blos von ge- duldeten Fremdlingen(Tartaren, Armeniern, Griechen, Zigeu- nern:c.) betrieben werden, und die einzigen Festungen außer Moskau waren die Burgen des Lehnsadels, während die Dörfer nie in dichten Gruppen, sondern in langen Linien von Gehöften angelegt werden mußten. Wir finden genau dieselbe Politik bei den Herrschern aller Slawenstämme wieder, so daß es dahin- gestellt bleiben muß, von wem die Erfindung ausgegangen ist. In Polen soll nach Wuttke's Forschungen ein medischer Lehns- adel sich dem Volke aufgehalst und die Juden aus den Rhein- gegenden(welche ebendamals, um 1280, durch grausame Ver- folgungen von dort vertrieben wurden) ins Land eingeladen haben, um das Entstehen eines Städtewesens und Bürgerstandes zu verhüten. In Ostdeutschland thaten dasselbe die deutschen Eroberer, bevor die Kaiser die Städtegründung zur Stütze ihrer eignen Macht gegenüber dem Adel betrieben. In Ungarn thaten dasselbe die herrschenden Magyaren, in der Türkei die Türken. Als nun der große Mongolenschwarm(1227) über Rußland hereinbrach, war das Landvolk bereits ganz entmannt, die Nieder- läge der Großfürsten(fie hatten obendrein das Land unter sich getheilt) vollständig; die dritthalbhundcrtjährige Ausbeutung durch den Mongolen-Tribut und die vielköpfige Großsürsten-Erpressung vollendete die Leibeigenschaft der Bauern und die Erniedrigung des Volksgeistes, und die Erlösung vom Landesfeinde konnte lediglich dadurch zu Stande kommen, daß die Großfürsten einander metzelten und beraubten, bis ein einziger ganz unbeschränkter, sklavisch anzubetender Gewaltherrscher übrig blieb. Da die Deutschen im Mittelalter ganz ebensosehr die Leib- eigenschaft und das Faustrecht nnter sich einreißen ließen, so haben sie den Slawen, welche weit schlimmer daran waren, in dieser Hinsicht nichts vorzuwerfen, und sie verdanken es noch zu erklä- rcnden Ursachen, daß sie die Gräuelwirthschaft des Mittelalters viel früher abschüttelten, welche in den ostslawischen Ländern bei steter Andauer der Ursachen bis heute das Landvolk in unwür- digen Fesseln und im Elend erhält. Es steht fest, daß die Sla- wen noch gerade genug germanischen Jreiheitsgeist im Blute ererben, um allen Kulturvölkern nachzueilen. Es bedarf nur eines genügenden Anstoßes, um den vielhundertjährigen Alpdruck der Entmuthigung und Verdummung abzuwerfen und jenen ent- setzlichen Fanatismus der Rache zu entfesseln, durch welchen die Kosaken(die„Freien", geflüchtete russische und polnische Leib- eigene der südrussischen Steppe) und die Czechen in den Hussiten- kriegen, sowie am Ende des vorigen Jahrhunderts die Serben der Türkei, und ganz neuerdings Monteneginer und Bulgaren sich furchtbar für ihre Unterdrücker gemacht haben, von zahlreichen kleineren Erweisen ähnlicher Art gar nicht zu redeu. Wir wissen genau, was wir sagen, wenn wir eine Wiederauferstehung des Freiheitsgeistes und darauf folgende Kulturblüthe unter allen Slawen als ganz nahe bevorstehend verkünden. Und Europa wird sie so wenig zu fürchten haben, daß vielmehr für es ein neuer Völkerftühling davon zu erwarten ist. Wettstreit und Gleichheit. Die neu erschienene Monatsschrift:„Die neue Gesellschaft" enthält einen Artikel aus der Feder von Dr. A. Schaffte über die natürliche Zuchtwahl in der menschlichen Gesellschaft, in dem ausgeführt ist,„daß es ein hoffnungsloses Unterfangen wäre, den Streit aus dem Spiel der sozialen Wechselwirkungen völlig auszuschließen, die Aufgabe der zukünftigen Gesellschaft wäre nur, diesen Streit moralisch zu machen." Ein solcher Gedanke hat auf den ersten Blick viel Bestechendes. Wissen wir doch, daß dem Wettstreit der Völker und der einzel- nen Individuen die schnelle Entwicklung der Industrie zu danken ist, und wissen wir doch, daß die Kulturentwicklung von der rohen Bethätigung des Faustrechts bis zur„fteien Konkurrenz" die Tci.denz zeigt, den Kämpf der Menschen moralischer zu ge- stalten, und so kommt man leicht in den Gedankengang des Hrn. Dr. Schaffte: Statt der unter der freien Konkurrenz sich fühlbar machenden Kapital-Aristokratie:„die�Aristokratie der persönlichen Tüchtigkeit anzuerkennen" und den Satz:„Wer der Gesellschaft mehr leistet, soll mehr von ihr empfangen, mehr geehrt werden, soll herrschen" zu unterschreiben. Und doch kann die Sozialdemokratie sich mit diesem Ziele durchaus nicht befriedigt erklären. Was den Gedanken so ver- lockend erscheinen läßt, ist eben der Umstand, daß in der That ein Fortschritt gegen die bestehenden Verhältnisse darin nicht zu verkennen ist; aber wir, die wir die völlige Befreiung und Gleichheit aller Menschen auf unsere Fahne geschrieben haben, wir müssen wohl prüfen, ob i ir durch sorgloses Anerkennen der Aristokratie der persönlichen Tüchtigkeit nicht eine neue Ungerech- tigkeit sanktioniren. Solche Ungerechtigkeiten schleichen sich stets als eine ersire- benswerth erscheinende Errungenschaft ein; der Uebergang vom Tödten der Kriegsgefangenen zur Benutzung derselben als Sklaven wurde von diesen nicht minder ftoh begrüßt, als der Uebergang von der Leibeigenschaft zur„freien" Arbeit von den„freien" Arbeitern, welche sich willig den Kapital- Aristokraten, ihren Brot- ebern, unterordneten; heute haben wir die bittere Erfahrung inter uns, bis zu welchem Druck eine ursprünglich als Fort- schritt begrüßte mildere Suprematie empfunden werden kann.— Auch giebt Schäffle selbst zu, daß mit der neuen Gesellschaft unter der Aristokratie der persönlichen Tüchtigkeit nur eine neue Etappe in der Entwicklung gewonnen sein würde, und, wenn das der Fall ist, nun so liegt die Frage nahe, wozu mit offnen Augen in einen neuen Kampf gehen, den wir vermeiden können, warum nicht das Glück aller Menschen direkt und sofort anstreben? Ist es also, fragen wir, wirklich ein hoffnungsloses Unter- fangen,„den Streit aus dem Spiele der sozialen Wechselwirkun- gen auszuschließen"? Und, nein können wir, nein müssen wir antworten, wenn wir die Frage in ökonomischer Hinsicht vom radikal- sozialdemokra- tischen Standpunkte beantworten wollen.— Nicht der ökonomische Anreiz der persönlichen Tüchtigkeit, „mehr von der Gesellschaft zu empfangen", als Andere, soll die Basis der neuen Gesellschaft sein, sondern einzig und allein der Ehrgeiz des Pflichtbewußtseins!, ihr mit aller Kraft nütz- lich zu sein und die Freude, ihr viel genutzt zu haben, ohne dafür mehr zu empfangen. Die persönliche Tüchtigkeit wollen wir gern ehren, aber sie zu einer neuen ökonomischen Aristokratie zu machen, das sei ferne von uns, das ist nicht nöthig!— Sehen wir uns das Streben eines jungen Mannes an, der in den bürgerlichen Beruf tritt, so werden wir nur eine Ten- denz in seinem Handeln sehen, die des Ehrgeizes, des Pflicht- bewußtscins. Bon Allen, die ihn kennen, als„tüchtiger Mensch" gekannt zu werden, ist sein nächstes Ziel und obgleich er sieht, wie heutzutage Zufall und Unglück oft die tüchtigsten Kräfte im Kampfe unterliegen lassen; obgleich er durchschaut, daß durch- aus nicht das Pflichtbewußtsein es ist, das ihm eine Gewähr für ! seine Zukunft geben kann, so strebt er doch, diese Eigenschaften zu erringen, damit man von ihm sage, er sei„ein tüchtiger pflichtbewußter Mensch."— Wenn nun gar diese Eigenschaften die Basis der neuen Ge- sellschaft sind, so wird die seiner Zeit herrschende Moral eben den ehren, der den Ehrgeiz hat, pflichtbewußt und ohne Selbst- � sucht— zu sein und die Erkenntniß, daß dieses Streben das Glück der Welt begründet, wird es dem Einzelnen zu größter Herzensfreude machen, im Sinne dieser Moral zu leben.— Das war auch der Grundgedanke, der durch das reine selbst- lose, empfindungsselige Christenthum hindurchklingt: das Streben nach Selbstzufriedenheit ist das höchste Glück, höher als der ganze Bettel, selbst einer Milliarde von Dotation! Es ist eben keine zum Nachtheile für die Gesammtheit wer- dende Vergewaltigung des Starken, wenn ihm ökonomisch die Gelegenheit genommen wird, aus seiner Tüchtigkeit Kapital zu schlagen: dieselbe moralische Erkennwiß, welche die rohe Gewalt als Faktor aus dem Streit ausschließt, rechtfertigt auch den Aus- schluß der Suprematie der persönlichen Tüchtigkeit, und die Aengst- lichkeit, mit der wir uns vor einer neuen Aristokratie schützen, wird uns von dem höchsten Gebot, von dem der Gleichheit vor- geschrieben und von der Selbsterhaltungsrücksicht des angestrebten Staats geradezu diktirt. Wenn rein demokratische Verfassungen die Wiederwahl selbst des tüchtigsten Präsidenten verbieten, so liegt unter Umständen darin sogar eine Schädigung der Gesammtheit, wenn ein minder Befähigter auf den Präsidentenstuhl berufen werden muß. Aber doch ist das Gesetz gut, um den Uebergang zu despotischen Ueber- griffen zu verhindern. Ist doch, wie Cicero sagt, jedes Gesetz so lange gut, bis es in schlechte Hände kommt. So würden wir, — selbst den bestrittenen Nachlheft für die Staaisleitung aus der ungelohnten größeren persönlichen Tüchtigkeit zugegeben— uns im höheren Interesse lieber diesen kleinen Nachtheilen fügen, als einen neuen aristokratischen Keim zu schaffen, der schlechten d. h. zu egoistffchen Händen den Dolch tn die Hand geben könnte, den hohen Gleichheitsgedanken— wenn einst durchgedrungen— wieder zu meucheln. 8. I-. Vermischtes. — Die nordamerikanischen Schuhfabriken. Die nord amerikanische Schuhindustrie, deren hohe Entwicklung die Auf- merksamkeit aller Fachkreise seit Jahren auf sich zieht, ist der Gegenstand einer ausführlichen, beachtenswerthen Darstellung in einem Buche von H. A. Schneider, betitelt:„Die Schuhmacherei auf der Weltausstellung in Philadelphia 1876"(Weimar be: B. F. Voigt), dem wir folgende Mittheilung von allgemeinerem Interesse entnehmen. Der nordamerikanische Gewerbefleiß hat sich seit Jahren, ge- zwungen von dem hohen Preise menschlicher Arbeit und unter- stützt durch ein treffliches Patentgesetz, die Erzeugung neuer Maschinen zur Erleichterung der Schuhfabrikation, und zwar mit bestem Erfolge, angelegen sein lassen. In Folge davon sind die Hausindustrie und der Kleinbetrieb in der Schuhmacherei in den Vereinigten Staaten schon längst durch den Großbetrieb ver- drängt, der zahlreiche Maschinen und Motoren beschäftigt. Die amerikanische Schuhindustrie stützt sich vorwiegend auf das Kapital, erst in zweiter Linie auf die Arbeit,(?) und liefert mit den mächtigen Mitteln, die ihr zu Gebote stehen, auch in technischer Hinsicht das Vollendetste. Der Umfang dieses Industriezweiges ist sehr beträchtlich. Nach den Angaben des Census vom Jahre 1850 wurden in den Bereinigten Staaten 11,300 Betriebe für Fertigung von Schuhen und Stiefeln gezählt; darin waren 72,305 männliche und 32,498 weibliche Personen, zusammen 104,803 Personen beschäftigt. Bis 1860 hatte die Zahl der Betriebe nicht erheblich zugenommen; sie war nur bis auf 12,500 gestiegen; dagegen hatte eine ansehn- liche Erweiterung der bestehenden Etablissements stattgefunden, und waren die inzwischen neugegründeten meist im großartigsten Stile angelegt. Der in den scchsziger Jahren tobende Bürger- krieg, der manchen andern Industriezweig schwer heimsuchte, hatte die Schuhindustrie nicht nur nicht geschädigt, sondern sogar in wirksamer Weise gefördert. So wurden denn bei dem Census vom Jahre 1870, dem letzten allgemeinen, 26,977 Betriebe für Schuh- und Stiefelwaren(einschl. der für Schuhmacher-Wcrkzcuge) gezählt, worin im Ganzen 231,552 Personen(186,218 männ- liche, 38,875 weibliche, 6459 Kinder) beschäftigt wurden. Im Jahre 1870 wurden über 80 Millionen Paar Schuhe und Stiefel erzeugt, die fast sämmtlich im Jnnlande verbraucht wurden, da die Ausfuhr sehr unbedeutend ist. Die Neu-England-Staaten, mit Massachusetts an der Spitze, sind die Hauptsitze der Schuhindustrie. Massachusetts allein pro- duzirt etwa zwei Dritthcile aller in den Vereinigten Staaten verbrauchten Schuhwaren. Die Stadt Boston hat, neben starker eigener Produktion, fast das gesammte Commissions- und Handels- geschäft der Branche in der Hand. Von dort aus wurden nach Plätzen außerhalb der Neu-England-Staaten 1870 1,250,000, 1873 1,336,000 und 1876 1,521,000 Kisten mit Schuhwerk ver- sandt, von denen jede entweder 2 Dutzend Paar Herrenstiefel oder 5 bezw. 12 Dutzend Paar Damen- bezw. Kinderstiefel faßt. Diese Zahlen deuten auf eine sehr große Produktion, die aber außerdem noch den eigenen Verbrauch, der bei 3'/- Millionen Einwohnern nicht unbedeutend sein kann, befriedigt. Hauptplätze der Fabrikation find neben Boston die Orte Lynn, Haverhill, Wuster, Danvers, Brocton u. a. m. Bei den immer weiter gehenden Anstrengungen, die Leistungs- fähigkeit der Fabriken zu vergrößern, ist gegenwärtig die Mög- lichkeit hergestellt, dem Bedarfe in jeder Höhe zu genügen. Dem gegenüber ist jedoch die Nachfrage auf dem heimischen Markte nicht gestiegen, sondern herabgegangen, so daß für die amerika- nische Schuhfabrckation der auswärtige, überseeische Absatz eine wichtige Frage wird. Bis jetzt hat sich gezeigt, daß die nord- amerikanische Schuhindustrie wohl auf ihrem eigenen Markte lebensfähig ist und hier jeder Concurrenz die Stirne zu bieten vermag, daß sie aber z. Z. noch nicht exportiren kann. Wie gering thatsächlich die Ausfuhr ist, geht daraus hervor, daß aus dem Hafen von New-Jork, der für den Export von Schuh- waren fast ausschließlich in Betracht kommt, im Jahre 1875 nur 2721 Kisten mit Schuhen und Stieseln im Werthe von 188,058 Dollars und im Jahre 1876 sogar nur 2585 Kisten im Werthe von 129,654 Dollars nach auswärtigen Hafenplätzen versandt wurden; dieser geringe Export erreicht nicht annährend den Import englischer und französischer Waaren, wovon allein zwei Händler in Boston, nach deren eigenen Angaben, jährlich für 95-— 110,000 Dollars verkaufen.— Aus obigen Angaben kann man aber ersehen, wie auch in den Zweigen der Industrie, die bislang mehr noch in den Händen des Kleinbetriebs sich be- fanden ein fortwährendes Ringen sich kundgibt, dieselben voll- ständig der Großindustrie zu unterwerfen. — Die Londoner Polizei. Aus dem Bericht des Chefs der Londoner Polizei, des Obersten Henderson, an den Minister des Innern pro 1876 geht hervor, daß die Gesammtstärke der zum Schutze der öffentlicben Sicherheit eingesetzten Macht 10,268 Mann betrug, eine wunderbar kleine Zahl für eine Einwohner- fchast, die jene des ganzen Königreiche Sachsen noch überragt. Von diesen 10,268 waren 674 in den Docks und Militär-Sta- tionen beschäftigt, 562 in verschiedenen öffentlichen Verwaltungs- zweigen, Eisenbahnen und Instituten und 9032 in der eigent- lichen Hauptstadt. Die Polizeigewalt der Metropole entfiel in 21 Oberbeamte, 224 Inspektoren, 907 Sergeanten und 7859 Konstabler. Das Gebiet wird in 21 Distrikte getheilt, mit Ein- schluß der Themse von Walton bis Enth. Verhastet wurden in dem Jahre 76,214 Personen. Die Zahl der Verhafteten zeigt gegen das Vorjahr eine Zunahme von 3608, und zwar fast durchweg im Gebiete der Betrunkenheit, denn im Jahre 1875 gab es 36,539, im Jahre 1876 aber 38,748 wegen Trunkenheit und Ordnungsstörung Verhaftete. Alle anderen Anklagen zu- sammen zeigten eine Zunahme von 1623, bei einer reißend zu- nehmenden Bevölkerung; die Anklagen schwererer Statur, wie z. B. Raubversuche, zeigen sogar eine Abnahme gegen das Jahr 1875, welches sich unter zehn Jahren durch die geringe Anzahl ernst- licher Verbrechen auszeichnete. Der Bericht konstatirt ferner, daß während der letzten 10 Jahre in den Straßen Londons 1135 Personen durch Ueberfahren getödtet und 21,827 verwundet wur- den; daß die Polizei während des Jahres 18,881 herrenlose Hunde aufgriff, daß 11,805 Personen, darunter 8531 Kinder im Alter unter 10 Jahren, der Polizei als verloren oder vermißt gemeldet wurden. Von den Vermißten wurden 5129 Kinder und 779 Erwachsene von der Polizei gefunden und ihren Angehöri- gen wiedergegeben. 103 Erwachsene verübten Selbstmord, und 8 Kinder und 140 Erwachsene verschwanden spurlos; die Uebri- gen wurden entweder von ihren Angehörigen gesunden oder kehr- ten aus freien Stücken nach ihrer Behausung zurück. — Die Einnahmen an Zöllen und gemeinschaft- lichen Verbrauchssteuern haben im deutschen Reiche für die Zeit vom 1. April 1877 bis zum Schlüsse des Monats Septem- ber 1877(im Vergleich mit der Einnahme in demselben Zeit- räume des Vorjahres) betragen: Zölle 52,510,410 Mark(— 7.650,957 M.), Rübenzuckerstcuer 3,734,976 M.(ft- 1,216.304 M.), Salzsteuer 15,679,145 M.(-s- 1.000.603 M.), Tabaks- steuer 346,395 M.(— 13,269 M.), Branntweinsteuer 9,548,552 M.(— 961,058 M.), Uebergangsabgaben von.Branntwein 47,069 M.(— 9824 M.), Bransteuer 7,588,352 M.(— 175,459 M.), Uebergangsabgaben von Bier 416,901 M.(-ft 1571 M.): Summa 82,401,848 M.(— 6,592,089 M.) — Die„Nadel der Kleopatra". Der unter diesem Na- men bekannte, seiner Zeit von Mehemed Ali der englischen Re- gierung geschenkte Obelisk, war bekanntlich vor einigen Wochen, nachdem er Jahrhunderte lang in einiger Entfernung von der Küste halb versunken im Erdreich gelegen, von englischen In- genieuren gehoben und zum Transport nach England zu Wasser gebracht. Man hatte zu diesem Zwecke um den Obelisken herum, während er noch auf dem Lande lag, einen großen hohlen, nach beiden Enden spitz zulaufenden eisernen Cylinder gebaut, dessen Größe so berechnet war, daß er den steinernen Koloß im Wasser zu tragen vermochte und noch weit genug aus dem Wasser her- vorragte, um auf einem im oberen Theile des Cylinders ange- brachten kleinen Deck einigen mit dem Manövriren dieses neu- artigen Fahrzeuges beauftragten Leuten einen einigermaßen sicheren Aufenthalt zu gewähren. Nachdem der Cylinder unter mehrfacheil Schwierigkeiten glücklich zu Wasser gebracht, hatte man ihn im Dock zu Alexandria an beiden Seiten mit einer Art falschen Kiels versehen, um der voraussichtlichen Neigung desselben, im Seegange zu rollen, thunlichst entgegenzuwirken, und war dann das ganze Ungethüm Mitte vorigen Monats im Schlepptau des Liverpooler Dampfers„Olga" von Alexandrien nach England in See gegangen. Nach einer zwar langsamen, aber bis dahin glücklichen Reise wurde die„Olga" in der Nacht von Sonntag auf Montag unweit Cap Finisterre von einem schweren Sturme aus SW. überfallen, infolge dessen die am Bord des Cylinders befindlichen Leute sich gezwungen sahen, um Hilfe zu signalisiren. Die„Olga" setzte ein Boot mit ihrem zweiten Offizier und 5 Mann aus, um die gedachten Leute aufzunehmen, doch kenterte das Boot, und die darin Befindlichen fanden ihren Tod in den Wellen. Am folgenden Morgen machte ein anderes Boot der „Olga" einen zweiten Versuch zur Bergung der auf dem Cylin- der befindlichen Mannschaften, der glücklicherweise gelang, worauf die„Olga" bei fortwährend zunehmendem Sturm den Obeliskeu in 44° 53' n. Br., 7° 52' w. L. loswerfen mußte. Die Befürch- tungen, daß der Obelisk damit auf Nimmerwiedersehen verloren sei, scheint sich jedoch nicht zu bewahrheiten, denn wie ein bei Lloyds eingegangenes Telegramm aus Ferro! meldet, ist der- selbe von dem englischen Dampfer„Fitzmaurice" 90 Mellen nördlich von Ferrol angetroffen und ins Schlepptau genommen worden. Druck und Verlag der Gcnossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.