Erscheint in Leipzig Mittwoch, Freitag, Sonntag. Abonnementspreis für ganz Deutschland 1 M. 60 Pf. pro Duartal. Monats Abonnements werden bei allen deutschen Postanstalten auf den 2. und 3. Monat, und auf den 8. Monat besonders angenommen; im Königr. Sachsen und Herzogth. SachsenWtenburg auch auf den iten Monat des Quartals à 54 Pfg. Inserate Beir. Bersammlungen pr. Betitzeile 10 Bf., betr. Privatangelegenheiten und Feste pro Betitzeile 30 Bf. Vorwärts Bestellungen nehmen an alle Postanstalten und Buch handlungen des Ju- u. Auslandes. Filial Expeditionen. New- York: Soz.- demokr. Genossenschaftsbuchdruckerei, 154 Eldridge Str. Philadelphia: P. Haß, 630 North 3rd Street. J. Boll, 1129 Charlotte Str. Hoboken N. J.: F. A. Sorge, 215 Washington Str. Chicago: A. Lanfermann, 74 Clybourne ave. San Franzisco: F. Eng, 418 O'Farrell Str. London W.: C. Henze, 8 New 3tr. Golden Square. Central Organ der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 133. Demokratie und Sozialdemokratie. Sonntag, 11. November. 1877. die Anständigkeit. Durch die ,, Anfeindung" der Sozialdemokratie gieb, welche verächtlich genug sind, ihr Wort zu brechen, so ist darf die Fortschrittspartei die fortschrittlichen„ Positionen", nament- das fein Grund, jeden Gedanken der Arbeitervertretung zu ver" Jeder ehrliche und einsichtige Demokrat ist Sozialdemokrat lich das allgememeine Wahlrecht nicht aufgeben, und muß unter werfen; oder man würde bekennen, daß unsere Klasse aus poli-es giebt nur eine wahre Demokratie: die Sozialdemokratie." Bekämpfung solcher Ideen, welche gefahrdrohend für die Kultur tischen Lumpen besteht, die darauf ausgehen, um ihres persönDas haben wir wiederholt ausgesprochen und ausgeführt. Und und die friedliche Entwicklung auftreten, wie die sozialistische lichen Vortheils oder Ehrgeizes willen zu Verbrechern( feloos) die Erfahrung bestätigt die Richtigkeit des Sazes. Jeder De Forderung auf Auslieferung der sogenannten(!) Arbeitsmittel" zu werden. Und welche ,, sozialen Wünsche und Forderungen" erscheinen der ,, Volkszeitung" geeignet"? mokrat, der voll und ganz für das demokratische Programm ein- alle diejenigen sozialen Wünsche und Forderungen fördern, Wir können nicht glauben, daß unsere Klasse so verderbt sei, steht, ist in den letzten Jahren entweder offen der Sozialdemo- deren Verwirklichung geeignet erscheint, auf friedlichem Wege und wir verharren dabei, Arbeiterkandidaturen zu empfehlen, fratie beigetreten, oder er hat wenigstens die prinzipielle Be- zum Heile des Ganzen eine Erleichterung des Alpdrucks herbei- weil die Anwesenheit von Arbeitervertretern im Parlament gleichrechtigung den Sozialdemokraten zugegeben. Wir kennen keine zuführen, der auf etnem großen Theil unseres Volkes lastet." bedeutend ist mit der Stellung der sozialen Frage, und weil, Recht hübsch, und recht Ausnahme. Die Herren der" Fortschrittspartei" kommen hier confus. Wer von ,, sogenannten" von diesem Tage an, die Bourgeoisie gezwungen sein wird, mit natürlich nicht in Betracht, denn sie haben als Partei das Arbeitsmitteln redet, hat erst das ABC der sozialen Frage und uns zu rechnen. demokratische Programm mitsammt dem Wort„ Demokratie" auf der Nationalökonomie zu lernen. Man darf die Candidaturen, so wie wir sie auffassen, nicht dem Altar feiger Rechnungsträgerei schnöde geopfert, und wenn mit denjenigen verwechseln, welche 1871 an's Licht getreten sind. sie auch jetzt wieder sich in die demokratische Löwenhaut zu hüllen Damals fehlte das Pflichtmandat, und die Candidaten hätten suchen, so täuschen sie mit der Vermummung doch Niemand Alle, die sich mit der Interessenpolitik der Duncker( der für nach Belieben mit den Abgeordneten der Bourgeoisie gemeinOhren und Stimme sind zu verrätherisch. Daß diese Partei der seine Partei noch nicht todt ist), Pichter, Bernstein, Hirsch und schaftliche Sache machen und unnüz im Parlament ſizen können. politischen Heuchelei der Sozialdemokratie nicht grün ist, kann Consorten vertragen. Unsere Candidaten dagegen werden das bestimmte Mandat uns nicht wundern. Sozialdemokratie ist konsequente DemoDie sich nicht damit vertragen, werden verworfen, denunzirt; haben, sich ausschließlich mit der Lage unserer Klasse zu be= fratie, und daß abtrünnige Demokraten die konsequenten und die fie befürwortenden Sozialdemokraten in bekannter Richter- schäftigen, unsere Beschwerden und Forderungen von der Tribüne Demokraten hassen, liegt in der Natur der Sache. Der Haß Hirsch Bernstein'scher Manier geschimpft, verdächtigt ,,, bekämpft", der Nationalvertretung herab vorzubringen und sich zurückzudes Apostaten gegen seine ehemaligen Partei- und Glaubens- mit Hilfe der reaktionärsten Elemente" bekämpft, gleichviel ob ziehen, sobald ihre Mission erfüllt ist, denn wir sind nicht so genossen ist sprichwörtlich, und der Haß steigert sich zur blinden die fortschrittlichen Positionen" dabei flöten gehn oder nicht. naiv, zu glauben, daß unsere Feinde die Weichherzigkeit haben Wuth, wenn die geheime Ueberzeugung damit verbunden ist, daß Der fortschrittliche Eiertänzer mag sich wenden und drehen werden, sich zu Bundesgenossen unserer Vertreter zu machen. die Gehaßten Recht haben. Das böse Gewissen, das durchbohrende wie er will, dem Dilemma entrinnt er nicht: Das wäre ja die verkehrte Welt. Gefühl der eigenen Erbärmlichkeit nähren den Haß. Dem ab- Entweder ehrlicher Demokrat und dann Sozialdemokrat. trünnigen Demokraten muß jeder konsequente Demokrat als An- Oder Gegner der Sozialdemokratie und dann politifläger erscheinen, bei dessen Anblick ihm das Blut in's Gesicht scher Heuchler und Reaktionär. schießen muß, dessen bloße Existenz ihm seine Charakterlosigkeit zum nagenden Vorwurf macht. Es flingt paradox, aber es ist wahr-die Apostaten, welche noch einen Rest von Scham haben, sind darum die gemeinsten der berüchtigte fortschrittliche Thersytes findet hierin vielleicht ein Compliment. Leute darunter Aus Frankreich. B. Paris, 5. November 1877. ( Schluß.) Nach unserer Meinung können wir, ohne politisch abzudanken, gar nicht anders handeln, wann und wo die Umstände es erlauben; versäumten wir es, so würden wir die Anklage verdienen, nicht mehr vom Geist der Gerechtigkeit beseelt zu sein. Was den zweiten Fall anbelangt, so hat man uns gesagt, der weiße Zettel zähle nicht. Das ist falsch, namentlich für die erste Abstimmung. Der weiße Zettel kann eine zweite Wahl veranlassen( das französische Wahlgesetz stimmt in diesem Punkt nicht mit dem deutschen überein. R. d.„ V.") Bei der zweiten Wahl entscheidet allerdings die relative Majorität( in Frankreich findet in solchen Fällen keine engere Wahl zwischen den b Candidaten statt, welche bei der erstern Wahl die meisten Sum men erhalten haben, sondern es kann auch bei der zweiten Wahl ieder beliebige Candidat aufgestellt werden; mur gilt dann die relative Stimmenmehrheit, nicht, wie bei der ersten, die abso= lute. R. d."."); aber der Gewählte wird durch die Stadas Gängelband jeder Bevormundung durchschneiden, tistik, durch die Zahl der abgegebenen weißen Bettel verurtheilt. furz: als selbstständige politische Partei auf eigenen Der weiße Bettel fagt ihm: Du bist zwar gefeßlich gewählt, Füßen stehen und marschiren können. aber in Wahrheit vertrittst Du nur einen Bruchtheil der Wähler, und am Tage, wo die unabhängige Minorität den Schutz des Gesezes findet, werden wir die Majorität sein. unserer Würde so auffaßt, wie wir sie auffassen, werdet Ihr unsere Handlungsweise billigen, unserem Rath folgen und mit uns der Bourgeoisie zurufen: Es fann uns nicht einfallen, in Bausch und Bogen sämmt- Dank unserer Verblendung, Dank unserer Leichtgläubigkeit liche Mitglieder der Fortschrittspartei zu verurtheilen; es sind haben wir stets Verachtung und Beschimpfung geerntet. Sezen wenn auch sehr dünn gesäet-, welche die wir uns solchen Unbilden nicht länger aus! Bleiben wir für wieder Mode gewordenen demokratischen Phrasen ernst nehmen uns! Gründen wir unsere eigene Republik! Handeln wir wie und ernst genommen wissen wollen. Dies muß sie selbstver- unsere Interessen es erheischen! ständlich in Conflikt mit ihrer Partei bringen, wie das einem Darum, Genossen, bitten wir Euch, in Gemeinschaft mit uns Leipziger Mitgliede der Fortschrittspartei, dem Buchhändler die Mittel und Wege zu berathen, wie wir uns dem EinFindel, soeben passirt ist. Herr Findel befürwortete vor kurzem fluß der bisherigen politischen Coterien entziehen, in einer Parteiversammlung eventuelles Zusammengehen mit der Sozialdemokratie; dies zog ihm allerlei Angriffe zu, und er hat fich jezt veranlagt gesehen, seinen Standpunkt in einer kleinen Broschüre(„ Der Kampf wider die Sozialdemokratie. Ein kezerisches Votum.") zu vertreten und den Nachweis zu liefern, daß ein Demokrat, welcher die Sozialdemokratie bekämpft, den Brinzipien der Demokratie in's Gesicht schlägt. Durch harte Erfahrungen gewißigt, haben wir uns gefragt, welche Taftit wir anzuwenden haben, um unsere Feinde zu befiegen. Nach reiflicher Ueberlegung haben wir für die jetzige Gelegenheit nur zwei Wege gefunden. Die Findel'sche Broschüre verursacht nun der Berliner„ Volks- Der eine besteht darin, die Thore der gesetzgebenden Verzeitung" arge Stopfschmerzen. In einem Artikel:" Demokratie sammlungen der Bourgeoisie zu sprengen und unseren Delegirten und Sozialdemokratie" exekutirt das„ Organ für Jedermann Eingang zu verschaffen, damit sie unseren Forderungen Ausdruck aus dem Volke" einen köstlichen Eiertanz zwischen den von geben, und damit unseren Leidensgenossen in der ganzen civiliFindel zum Ausdruck gebrachten Forderungen des gesunden Men- sirten Welt der Beweis geliefert werde, daß das französische schenverstandes und der einfachsten politischen Ehrlichkeit einer Proletariat die Hoffnung nicht verloren hat, die Revolution zur seits, und den von Eugenius Richter und Consorten zum Aus- Geltung zu bringen. brud gebrachten Forderungen des liberalen Bourgeois- Jesuitismus mit der gemeinsten politischen Heuchelei andererseits. Sie will gerecht sein: " Bei Beurtheilung der sozialdemokratischen Bewegung ist es durchaus geboten, zwischen den Ursachen zu unterscheiden, aus denen sie hervorgegangen, den Zielen, denen sie zustrebt, und den Mitteln, deren sie sich zu ihrer Erreichung bedient. Was zur Pflicht? Nach Logik und gesundem Menschenverstand muß folgen: Hand in Hand mit der Sozialdemokratie zu gehen, die Sozialdemokratie zu unterstützen, Sozialdemokrat zu werden. Bürger! Wenn Ihr die Bedeutung unserer Rechte und Wir nehmen keine Allianz mit Euch an; wir wollen weder die Demagogie Robespiere's, noch die Cäsar's; die Demagogie Philipp Egalité's( Orleanisten) so wenig, als die des Gottbegnadeten( Legitimisten). Wir haben kein Vertrauen, außer in uns selbst, außer in In die Revolution, deren ewiges Prinzip es ist, das Eigenthum, die Familie, die Religion umzugestalten, indem sie das Eigenthum vom Monopol befreit, die Familie vom Elend, die Religion vom Uebersinnlichen, so daß sie zum Cultus des Menschenthums wird. Kameraden! Wenn Ihr unsere Anschauungen theilt, dann bekundet es uns durch Eure Haltung. Wahren wir unsere Interessen und unsere Ehre und zeigen wir den Feinden, daß wir da sind. Gruß und Solidarität! Es lebe die wahre Republik! Eine Gruppe autonomistischer Sozialisten. Paris, den 9. Oktober 1877. Der andere Weg ist: daß wir allen Denen, die arbeiten die Revolution. müssen um zu leben, den Rath ertheilen, einen weißen Bettel in die Wahlurne zu werfen, um unseren unverbesserlichen Beschimpfern zu zeigen, daß wir ihrem Wort nicht mehr glauben, aber trotzdem nicht auf unser Wahlrecht verzichten wollen, obgleich wir mit der jezigen Organisation des allgemeinen Stimmrechts durchaus nicht einverstanden sind, weil dieselbe den MeiAls Ursache der Bewegung tritt die erschreckende That- nungsausdruck des Individuums, das nicht das Glück hat zur sache entgegen, daß immer noch circa 80 Prozent unseres Bolts Majorität zu gehören, erschwert und vielfach ganz unterdrückt. in Dürftigkeit leben, fast wehrlos den einschneidenden Folgen Welchen dieser zwei Wege sollen wir wählen? ausgesetzt, welche Ebbe und Fluth der Conjunktur für alle Die Ehe wir antworten, muß scharf und klar ausgesprochen werim Gefolge hat, die aus der Hand in den Mund leben. Diese den, daß die Politik der Arbeiterklasse auf einer von allem Quelle der sozialen Bewegung macht es jedem humanen Pfaffentram und übersinnlichen Blendwerk gereinigten Moral und liberalen Manne zur Pflicht--" beruht, daß unser Ziel die volle Gerechtigkeit ist, und daß sich nur auf Grund gleicher Rechte und gleicher Pflichten die Ich enthalte mich jedes Commentars. Die kleinen Mängel des gesellschaftliche Harmonie" herstellen läßt. Schriftstücks liegen zu Tage Hiervon durchdrungen, glauben wir, daß es überall, wo wir selben, ohne daß ich sie ihnen zu zeigen brauche. Diese Mängel meine Leser erkennen dieeinen Mann finden, der diese Ideen vollkommen begriffen hat, thun aber der hohen Bedeutung der Kundgebung keinen Abbruch. Das entspräche aber schlecht dem liberalen Bourgeoisjesui- unsere Pflicht ist, ihn als Candidaten aufzustellen, und Alles Es ist wahr: die Zahl der weißen Bettel war am 14. Oktober tismus, ergo schießt der Volkszeitungs"-Herenmeister plötzlich aufzubieten, um seinen Sieg zu sichern, obgleich uns die Bour- nicht so groß, daß das Wahlresultat dadurch alterirt werden um die Ecke, tobt über die derzeitigen Führer", deren, dema- geois Verfassung das Pflicht- Mandat( mandat impératif, konnte allein der Anfang ist gemacht. Das französische gogisches Geschrei" u. s. w. welches den Gewählten zu einem bestimmten Programm ver- Proletariat tritt als selbstständige Partei auf die Bühne; Trozdem der Eiertanz will es so ist das verdunckerte pflichtet, durch dessen Verletzung die Wahl aufgehoben wird) und bald wird den„ politischen Hanswursten und Gauklern" ein Blatt gnädig bereit, für jeden verständigen Vorschlag einzu- vorenthält. treten, der auf eine Besserung der obwaltenden Uebelstände ab- Da wir überzeugt sind, daß es uns außerhalb der arbei- kräftiges: Platz gemacht! in die Ohren dringen: Platz für die zielt, gleichviel ob er einem demokratischen, einem sozialdemo- tenden Klasse nicht gelingen wird, einen Candidaten zu finden, kratischen, oder dem Hirn eines Kathedersozialisten seinen Ursprung der voll und ganz unseren Anforderungen genügt, so erklären verdankt." wir bestimmt, feinen aufstellen zu wollen, der nicht entweder der Ein interessantes Urtheil. Wie nobel! Die Noblesse hält aber nicht lange vor; neues Arbeiterklasse oder der Klasse des Kleinbürgerthums angehört, Geschimpfe auf die sozialdemokratischen Führer", die ihre Ziele und dessen Leben nicht ein fortwährendes Vorbild und Opfer Während der letzten Reichstagswahlbewegung wurde Genosse verschoben haben, die verwerflichsten Mittel zur Anwendung für die Sache unserer Befreiung ist. Motteler von einem gewissen Freitag in heftiger, und nach bringen", wie z. B. unablässige Schürung des Klassenhasses, Wenn wir keinen Genossen finden, der all diese Bedingungen gewöhnlichen Begriffen beleidigender und ehrenrühriger Weise rücksichtslose Verdächtigung und gehässige Berleumdung u. s. w. erfüllen kann, so gebietet unser Interesse uns, einen weißen angegriffen; da auch die Verhältnisse der Crimmitschauer GeUnser Eiertänzer entdeckt auch das offenbare Ziel" der Sozial- Bettel in die Urne zu legen, was uns zwar anscheinend keine posi- noffenschaft in die Sache hineingezogen waren, erachtete Motteler, demokratie; es ist( aufgepaßt Herr Tessendorf!): eine große tiven Errungenschaften bringt, aber den sehr bedeutenden Vortheil der sonst dem Angriff fühle Verachtung entgegengesetzt hätte, es Kluft im Bolte zu schaffen, welche beide Theile vor das tate- hat, daß wir unser Gewissen beruhigen und uns nicht den Vor- für seine Pflicht, eine Klage anzustrengen. In erster Instanz gorische Entweder oder stellt." wurf zu machen brauchen, politischen Hanswursten und Gauklern, wurde Freitag auch schuldig erkannt und zu einer Geldbuße Nun wissen wir's. Wir sind es, welche die große Kluft denen mehr an ihrem eigenen Nußen als an dem Gemeinwohl verurtheilt. Er appellirte, und in zweiter Instanz wurde das schaffen"-die Herren Bourgeois, die den modernen Klassen- liegt, unsere Stimmen gegeben zu haben. Urtheil umgestoßen. Wir lassen das betreffende Erkenntniß, staat ins Leben gerufen, sind unschuldig wie nengeborne Kinder Im ersteren Fall könnte man uns wohl einwenden, daß sowie den Einspruch gegen dasselbe und die endgültige Entscheian der gähnenden Kluft zwischen Arm und Reich; der Arzt, unsere Candidaten, wenn einmal gewählt, uns ebenso gut täuschen dung des obersten Gerichtshofs hier folgen: welcher die Krankheit auffindet und darlegt, ist der Urheber und nasführen könnten, wie die Bourgeois- Candidaten; darauf der Krankheit fort mit ihm ins Gefängniß! haben wir zu antworten: " Den Schluß des ergöglichen Eiertanzes bildet ein Rückfall in Wenn es in unseren Reihen Wesen gegeben hat und noch Sozialdemokratie! In der bei dem Königlichen Gerichtsamte Crimmitschau auf Privatanklage Julius Motteler's wider Carl Wilhelm Freitag geführter Untersuchung erkennt auf die von beiden Parteien nach Blatt 95 und 97 erhobenen Einsprüche auf Grund der heute abgehaltenen offentlich-mündlichen Verhandlung das Königl. Bezirksgericht Zwickau für Recht: Daß es bei dem angefochtenen Bescheide, durch welchen Privat- angeklagter Freitag wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe von 20 Mark, Bezahlung von Untersuchungskosten und Leistung von Privatgenugthuyng verurtheilt worden, auf den von dem Privat- angeklagten erhobenen Einspruch nicht zu lasten, es ist der Privat- angeklagte vielmehr als wodurch sich der Einspruch des Privat- anklägers und die Nichtigkeitsbeschwerde Privatangeklagtens er- ledigt, des ihm Beigemessenen halber straffrei zu sprechen und Privatankläger die Untersuchungskosten erster Instanz abzustatten schuldig. Die durch den Einspruch des Privatankläzers entstandenen Kosten ist dieser zu bezahlen schuldig, während die durch den Einspruch des Privatangeklagten entstandenen gerichtlichen Kosten als eine Last der Gerichtsbarkeit auf die Staatskasse überwiesen werden. Von Rechts Wegen! Zwickau, den 20. Juni 1877. Das Königliche Bezirksgericht U. S. von Wolf zugleich für Hoffmann. Plechsig. Entscheidungsgründe in Denunciationssachen des Kaufmann Julius Motteler wider den Tuchmacher Carl Wilhelm Freitag. Durch die geführte Untersuchung ist erwiesen, daß Privat- angeklagter Carl Wilhelm Freitag als Verfaster des Aufsatzes Blatt 4 die Blatt 2 b gerügten Aeußerungen über den Privat- ankläger Julius Motteler gethan hat. Bei Beurtheilung des vorliegenden Falles ist nun davon auszugehen, daß es bei Gelegenheit einer Wahl den Wählern gestattet sein muß, die Würdigkeit eines aufgestellten Candidaten unter Hervorhebung spezieller Thatsachen öffentlich zu erörtern, und daß bei solcher Gelegenheit gethane Aeußerungen als zur Wahrnehmung berechtigter Interessen gemacht, nach§ 193 des Reichsstrafgesetzbuchs nur insofern strafbar sind, als das Vor- handenscin einer Beleidigung aus der Form der Aeußerungen oder aus den Umständen, unter welchen sie geschehen, hervorgeht, vergl. Oppenhoff's Commentar zu S. 193 des Reichs- strafgesetzbuchs 4. Auszug. S. 353 Note 19 und von Schwarze, Commentar Seite 459. Auch der Privatangeklagte wurde wie er Blatt 12 b versichert hat, und ihm nicht zu widerlegen gewesen, bei Auffassung und Veröffentlichung des hier in Frage kommenden Aufsatzes von dem Gedanken geleitet, als Wähler des 18. sächsischen Wahlkreises seine Mitwähler bei Gelegenheit der bevorstehenden Reichstags- Wahl auf die nach seiner Ansicht vorliegenden Nachtheile einer Wahl des Privatanklägers als Reichstagsabgeordneten aufmerksam zu machen und wollte nur die nach seiner Ansicht unvortheilhafte Wahl des Privatanklägers verhindern, er handelte sonach in Wahrnehmung eines berechtigten Interesses. Unter diesen Um- ständen hatte er sich nur zu fragen, ob aus der Form der ge- rügten Aeußerungen oder aus den Umständen, unter denen sie gethan, das Vorhandensein einer Beleidigung hervorgeht. Allein diese Frage war zu verneinen. Weder die Aeußerung„Schauspieler", noch der Vorwurf, daß Privatankläger„aufhetzende" Reden geführt, noch die übrigen gerügten Worte gehen über das Mag emer erlaubten Kritik der politischen Thäligkeit des Privatanklägers hinaus, und soviel die gerügten Worte in dem fraglichen Aussatze über den Privat. ankläger behaupteten Thatsachen anlangt, ist nirgend ein Anhalt dafür, daß Privatangeklagter die betreffenden Behauptungen wider besseres Wissen aufgestellt, in welchem Falle man allerdings auf eine beleidigende Absicht hätte schließen können. Es ist viel- mehr, zumal nach den Aussagen August Fischer's Blatt 81b, Carl Heinrich Breitengroß Bl. 82 b, Heinrich Eduard Müller's Bl. 83, Gottlieb Lamprecht's Bl. 83b, anzunehmen, daß Privat- angeklagter dasjenige, was er in Bezug auf den Privatankläger behauptet, für wahr gehalten habe. Hiernach allenthalben war dem Privatangeklagten die belei- digende Absicht und somit eine strafbare Beleidigung nicht nach- nachzuweisen; es war daher auf Straffreisprechung des Privat- angeklagten zu erkennen und als Folge davon Privatankläger zu Bezahlung der gerichtlichen Kosten erster Instanz, sowie der Bundesgesetz betreffend die Arbeit in den Fabriken. (Vom 23. März 1877.) Die Bundesversammlung der schweizerischen Eid- genossenschaft, mit Hinsicht auf Art. 34 der Bundesverfassung; nach Einsicht einer Botschaft des Bundesrathes vom 6. Christ- monat 1875, beschließt: I. Allgemeine Bestimmungen. Art. 1. Als Fabrik, auf welche gegenwärtiges Gesetz An- Wendung findet, ist jede industrielle Anstalt zu betrachten, in welcher gleichzeitig und regelmäßig eine Mehrzahl von Arbei- kern außerhalb ihrer Wohnungen in geschlossenen Räumen be- schäftigt wird. Wenn Zweifel waltet, ob eine industrielle Anstalt als Fabrik zu betrachten sei, so steht darüber nach Einholung eines Berichts der Kantonsregierung, der endgültige Entscheid dem Bundes- rathe zu. Art. 2. In jeder Fabrik sind die Arbeitsräume, Maschinen und Werkgerälhschaften so herzustellen und zu unterhalten, daß dadurch Gesundheit und Leben der Arbeiter bestmöglich gesichert werden. Es ist namentlich dafür zu sorgen, daß die Arbeitsräume während der ganzen Arbeitszeit gut beleuchtet, die Lust von Staub möglichst befreit und die Luftveränderung immer eine der Zahl der Arbeiter und der Beleuchtungsapparate, sowie der Ent- Wickelung schädlicher Stoffe entsprechende sei. Diejenigen Maschinentheile und Treibriemen welche eine Ge- fährdung der Arbeiter bilden, sind sorgfältig einzufriedigen. Zum Schutze der Gesundheit unv zur Sicherheit gegen Ber- letzungen sollen überhaupt alle erfahrungsgemäß und durch den jeweiligen Stand der Technik, sowie durch die gegebenen Ver- hältnisse ermöglichten Schutzmittel angewendet werden. Art. 3. Wer eine Fabrik zu errichten und zu betreiben beabsichtigt, oder eine schon bestehende Fabrik umgestalten will, hat der Regierung des Kantons von dieser Absicht, von der Art des beabsichtigten Betriebes Kenntniß zu geben und durch Vor- läge des Planes über Bau und innere Einrichtung den Nachweis zu leisten, daß die Fabrikanlage den gesetzlichen Anforderungen in allen Theilen Genüge leiste. Die Eröffnung der Fabrik, beziehungsweise des neuen Be- durch seinen ungerechtfertigten Einspruch erwachsenen zu ver- urtheilen, während die durch das Rechtsmittel des Privatange- klagten entstandenen gerichtlichen Kosten, da dasselbe Erfolg ge- habt, als Last der Gerichtsbarkeit auf die Staatskasse zu über- weisen waren. An das Königl. Bezirksgericht Zwickau. In Privatanklagesachen Julius Motteler's wider Freitag wende ich gegen das zweitinstanzliche Erkennwiß des Bezirks- gerichts Zwickau im Auftrage Motteler's hiermit Nichtigkeitsbeschwerde ein. So sehr ich und der Privatankläger mit den in den Ent- scheidungsgründen ausgesprochenen Ansichten harmonire, so giebt es doch keine Garantie dafür, daß dieselben Grundsätze auch in anderen Prozessen in Sachsen angewendet werden, so lange nicht der oberste Gerichtshof dieselben theilt. Es könnte sehr leicht vorkommen, daß z. B. in Glauchau, wo der hinlänglich bekannte Professor Birnbaum wegen jeder Bemerkung über seine notorische Betheiligung an verunglückten Gründungen Anklagen erhebt, auch die Angeklagten fernerhin wegen der geringsten an- geblichen Beleidigung mit harten Gefängni'ßstrafen belegt werden, während im 18. Wahlkreise, wo die wahrheitswidrigsten Be- schimpfungen des Reichstagscandidaten, wie in keinem anderen Kreise, das Maß überschritten haben, Straffreisprechung der Beleidiger erfolgt. Ich greife deshalb das Erkenntniß an, 1) weil auf den vorliegenden Fall der Art. 193 des R.-Str.- G.-B. angewendet und ausgesprochen worden ist, daß Aeußerungen, die bei einer Wahl von Wählern ausgesprochen werden, als zur Wahrnehmung berechtigter Interessen gemacht anzusehen seien, 2) weil ausgesprochen worden ist, daß die Aeußerung„Schau- spieler", noch der Borwurf, daß der Privatankläger„aufhetzende" Reden geführt, noch die übrigen gerügten Worte über das Maß einer erlaubten Kritik der politischen Thätigkeit des Privat- anklägers hinausgehen und weil 3) unter Anwendnng dieser Grundsätze der Privatangeklagte freigesprochen worden ist. Hochachtungsvoll und ergebenst Leipzig, 6. Juli 1877. Rechtsanwalt Freytag. In Sachen Julius Motteler's, Privatanklägers, wider Carl Wilhelm Freitag, Privatangeklagter, erkennt auf die von ersterem gegen das Bl. 125 flg. der vor dem Königl. Gerichtsamte Crim- mitschau ergangenen Atten unter Rep. IIa. Lit. Nr. 19 er- sichtliche Erkenntniß nach Blatt 130 eingewendete Nichtigkeits- beschwerde das Königlich Sächsische Oberappellationsgericht unter Theilnahme folgender Mitglieder Otto, Edelmann, Neidthardt, Groß, Trummlen, und nach Gehör des Staats- anwaltes für Recht: Daß diese Nichtigkeitsbeschwerde zu verwerfen, Privatankläger auch die durch dieselbe erwachsenen Kosten abzustatten verbunden. Von Rechts Wegen! Dresden, den 23. Juni 1877. Königl. Sächs. Oberappellationsgericht. I. 8. Otto. Peglow. Entscheidungsgründe in Privatanklagesachen 2. Carl Wilhelm Freitag gegen 1. Julius Motteler. Die vorliegende Nichtigkeitsbeschwerde, welche auf der Be- hauptung beruht, daß der in zweiter Instanz erfolgten Straf- freisprechung des Privatangeklagten eine unrichtige Anwendung des§ 193 des Reichsstrafgesetzbuchs unterliege, hat nicht für begründet erachtet werden können. Es ist nämlich einestheils in dem Erkenntnisse thatsächlich festgestellt, daß der Angeklagte bei Abfassung und Veröffentlichung des den Gegenstand der Anklage bildenden Zeitungsaufsatzes in Wahrnehmung eines berechtigten Interesses gehandelt habe; Bl. 12 d, und anderntheils kann die dieser Feststellung zu Grunde liegende Rechtsansicht, daß ein Wähler, welcher bei Gelegenheit einer bevorstehenden Wahl die Würdigkeit eines aufgestellten Candidaten unter Hervorhebung spezieller Thatsachen öffentlich erörtert, um seine Mitwähler auf die nach seiner Ansicht vor- liegenden Nachtheile einer Wahl dieses Candidaten aufmerksam triebes, darf erst auf ausdrückliche Ermächtigung der Regierung hin stattfinden, welche bei Fabrikanlagen, deren Betrieb ihrer Natnr nach mit besonderen Gefahren für Gesundheit und Leben der Arbeiter und der Bevölkerung der Umgebung verbunden ist, die Bewilligung an angemessene Vorbehalte zu knüpfen hat. Erzeigen sich beim Betriebe Uebelstände, welche die Gesund- heit und das Leben der Arbeiter und der umgebenden Bevölke- rung gefährden, so soll die Behörde unter Ansehung einer perem- torischen Frist, oder je nach Umständen unter Suspendirung der Betriebsbewilligung, die Abstellung der Uebelstände verfügen. Ueber Anstände zwischen der Kantonsregierung und Fabrik- inhabern entscheidet der Bundesrath. Der Bundesrath erläßt die zur einheitlichen Ausführung dieses Artikels erforderlichen allgemeinen Vorschriften und Spe- zialreglemente. In Bezug auf die Baupolizei bleiben, immer- hin unter Beobachtung obiger gesetzlicher Borschriften, die kanto- nalen Gesetze in Kraft. Art. 4. Der Fabrikbesitzer ist verpflichtet, von jeder in seiner Fabrik vorgekommenen erheblichen Körperverletzung oder Tödtung sofort der competenten Lokatbehörde Anzeige zu machen. Diese hat über die Ursachen und Folgen des Unfalles eine amtliche Untersuchung einzuleiten und der Kantonsregierung davon Kennt- niß zu geben. Art. 5. Ueber die Haftpflicht aus Fabrikbetrieb wird ein Bundesgesetz das Erforderliche verfügen. In der Zwischenzeit gelten immerhin für den urtheilenden Richter nachfolgende Grundsätze: a. Der Fabrikant haftet für den entstandenen Schaden, wenn ein Mandatar, Repräsentant, Leiter oder Aufscher der Fabrik durch ein Verschulden in Ausübung der Dienstver- richtung Verletzung oder Tod eines Angestellten oder Ar beiters herbeiführt. b. Der Fabrikant haftet gleichfalls, wenn, auch ohne ein solches spezielles Verschulden, durch den Betrieb der Fabrik Körperverletzung oder Tod eines Arbeiters oder Angestellten herbeigeführt wird, sobald er nicht beweist, daß der Unfall durch höhere Gewalt oder eigenes Verschulden des Ver- letzten oder Getödteten erfolgt ist. Fällt dem Verletzten oder Getödteten eine Mitschuld zur Last, so wird dadurch die Ersatzpflicht des Fabrikanten angemessen reduzirt. o. Obige Ersatzansprüche verjähren in zwei Jahren von dem Tage an, an welchem die Verletzung oder Tödtung statt- gefunden hat. ä. Der Bundesrath wird übrigens diejenigen Industrien be- zu machen und die vermeintlich unvortheilhafte Wahl desselben zu verhindern, in Wahrnehmung berechtigter Interessen handelt und demnach etwaige hierbei über den Gegencandidaten gethane tadelnde Aeußerungen an sich nach Z 193 des Reichsstrafgesetzbuchs straflos seien, nicht für eine irrthümliche angesehen werden. Soweit Privatankläger auch die Richtigkeit des Ausspruches des Erkenntnisses, daß die in dem inkriminirten Zeitungsaufsatze über ihn gethanen Aeußerungen über das Maß einer erlaubten Kritik seiner polittschen Thätigkeit nicht hinausgingen, Blatt 127 angegriffen hat und hiernach behaupten zu wollen scheint, daß diese Aeußerungen schon ihrer Form nach beleidigend seien und daher uus denselben das Vorhandensein einer Beleidigung sich ergeben, so ist diese Behauptung zweifellos unbegründet, da unter Aeußerungen dieser Art nur solche zu verstehen sind, welche in einer absolut injuriösen Form ausgesprochen werden, und der fragliche Aufsatz Aeußerungen dieser Art offenbar nicht enthält. Es war deshalb die eingewendete Nichtigkeitsbeschwerde als unbegründet zu verwerfen und demzufolge Privatankläger auch zu Bezahlung der durch sie veranlaßten Kosten zu verurtheilen. Sozialpolitische Ueberstcht. — Der deutsche Reichstag soll erst Mitte Februar näch- sten Jahres zusammentreten, um sein Buagetpensum, welches den 1. April geliefert sein muß, recht rasch abzuhaspeln. Prä- sident Forckenbcck ist ja dazu der Mann, und kann er's nicht allein fertig bringen, so hilft ihm der Valentin.(Nach Redak- tionsschluß finden wir ein offiziöses Dementt.) — Eugen Richter, der schon bei dem Reichsbankgesetze eine besondere Stellung in der Fortschrittspartei einnahm, näm- lich die, daß er den Privatbanken größtmögliche Vortheile einräumen wollte, und der die Nützlichkeit solcher Auffassung für gute Bezahlung auch in der der Fortschrittspartei gegne- rischen„Nationalzeitung" in längeren Artikeln darzuthun ver- suchte, hat in der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 2. November wieder zu Gunsten der Prioatunterneh- mer gegen die Staatseisenbahnen plaidirt, daß man wohl in die Ver>uchung kommen kann, an einen intimeren Verkehr des Abgeordneten mit Privatbanq uiers und Privatunter- nchmern zu glauben. Selbst die dem Abgeordneten Richter so sehr befreundete„Bolkszeitung" kann nicht umhin, dem hoch- edlen Kämpfer für den Privatkapitalismus und die Pri- vatausbeutung folgende Lection zu ertheilen: „Wenn der Abgeordnete Richter es nicht unterlassen konnte, gemäß seiner von ihm allerdings stets consequent festgehaltenen staatsw:rthschaftlichen Ansicht, eigentlich fast jede positive Förde- rung der Landeswohlfahrt, namentlich durch Eisenbahnbauten u. s. w., als verwerfliche Vermehrung der von ihm bekämpften Staatsindustrie hinzustellen, so setzt er sich damit, wie ihm dies der Handelsminister auch mit Glück entgegenhielt nicht nur mit dem gegentheiligen Verhalten vieler seiner Parteigenossen aus den letzten Jahren, sondern auch mit den Traditionen der Partei aus den Conflictsjahren in Widerspruch. Wir erinnern an die damals so einschneidend wirkenden schriftlichen Berichte der Budgetcommisfion, welche gerade das Verhalten der dama- ligen Regierung, die gegenüber den Militärausgaben all« und jede produktive Anlage der Staatsgelder aus dem Budget ent- fernt hatte, einer vernichtenden Kritik unterzogen. Unmöglich kann sich daher heute die Fortschrittspartei solchen Aufgaben gegenüber, schon ihrer eigenen Vergangenheit gemäß, rein nega- tiv verhalten. Aber auch im Hinblick einer richtigen Würdigung unserer geschichtlichen Entwicklung und der gegenwärtigen poli- tischen Lage muß sie sich vor einem so verhängnißvollen Fehler hüten. Grade der Absolutismus hat in Preußen durch positive Einwirkung der Staatsgewalt auf die wirthschaftliche Entwick- lung und die Förderung der allgemeinen Wohlfahrt unendlich viel gethan— dem Verfassungsstaat hier alle und jede Wirk- samkeit versagen oder für ihn doch die allgemeinen Wohlfahrts- zwecke auf ein Minimum reduziren wollen, hieße geradezu das Volksgemüth ihm völlig entfremden und dasselbe den Ausbeute- künsten der Conseroativen auf der einen und der Sozialdemo- dcmokraten auf der anderen Seite überliefern." Diese Rathschläge werden der„Volkszeitung" nichts helfen; sie wird den Herrn Richter nicht von dem betretenen Pfade ab- bringen, wenn sie ihm nicht den„intimen" Umgang mit ver- schiedenen Privatkapitalisten untersagen oder eine gut dotirte Stellung im Handels- oder Finanzministerium verschaffen kaen. zeichnen, die erwiesenermaßen und ausschließlich bestimmte gefährliche Krankheiten erzeugen, auf welche die Haftpflicht auszudehnen ist. Im Uebrigen urtheilt, bis nach Erlaß des eingangserwähn- ten Gesetzes, der competente Richter über die Schadenersatzfrage, unter Würdigung aller Verhältnisse, nach freiem Ermessen. Art 6. Die Fabrikbesitzer haben über die in ihren Anstalten beschäftigten Arbeiter ein Verzeichniß nach einem vom Bundes- rath aufzustellenden Formular zu führen. Art. 7. Der Fabrikbesitzer ist verpflichtet, über die gesammte Arbeitsordnung, die Fabrikpolizei, die Bedingungen des Ein- und Austritts und die Ausbezahlung des Lohnes eine Fabrik- ordnung zu erlassen. Wenn in einer Fabrikordnung Bußen angedroht werden, so dürfen dieselben die Hälfte des Taglohnes des Gebüßten nicht übersteigen. Die verhängten Büsten find im Interesse der Arbeiter, na- mmtlich für Unterstützungskassen, zu verwenden. Lohnabzüge für mangelhafte Arbeit oder verdorbene Stoffe fallen nicht unter den Begriff„Bußen". Die Fabrikbesitzer sollen im Weiteren auch wachen über die guten Sitten und den öffentlichen Anstand unter den Arbeitern und Arbeiterinnen in der Anstalt. Art. 8. Die Fabrikordnungen, sowie deren Abänderungen sind der Genehmigung der Regierung des betreffenden Kantons zu unterstellen. Diese wird die Genehmigung nur ertheilen, wenn dieselben nichts enthalten, was gegen die gesetzlichen Bestim- mungen verstößt. Bevor die Genehmigung crtheilt wird, soll den Arbeitern Gelegenheit gegeben worden sein, sich über die sie betreffende Verordnung auszusprechen. Die genehmigte Fabr.kordnung ist für den Fabrikbesitzer und die Arbeiter verbindlich. Zuwiderhandlungen seitens des Ersteren fallen unter Art. 19 des Gesetzes. Wenn sich bei der Anwendung der Fabrikordnung Uebelstände herausstellen, so kann die Kantonsregierung die Revision der- selben anordnen. Die Fabrikordnung ist, mit der Genehmigung der Kantons- regierung versehen, in großem Druck und an ausfälliger Stelle in der Fabrik anzuschlagen und jedem Arbester bei seinem Dienst- antritt besonders zu behändigen. Art. 9. Wo nicht durch schriftliche Uebereinkunft etwas An- deres bestimmt wird, kann das Verhältniß zwischen dem Fabrik- besitzer und Arbeiter durch eine, jedem Theile freistehende, min- . — Die konitzer- Affaire wird noch ein interessantes Nachspiel haben. Das Gericht, welches Konitzer verurtheilt hat, will gegen den Vorstand des„Deutschen Vereins"(Professoren Endemann und Held) zu Bonn eine Verleumdungsklage an- strengen. — DieFeindederArbeit habt Ihr am 21. Okt. besiegt, jetzt siegt über Euch selbst!— so möchten wir den schweizerischen Ar- b eitern angesichts ihrer organisatorischen Bestrebungen zurufen. Das in der Urabstimmung angenommene Fabrikgcsetz ist eine Errungenschaft, auf welche die schweizerischen Arbeiter stolz sein können; soll diese Errungenschaft aber auf die Dauer den Ar- beitern zu Gute kommen, soll das Fabrikgesetz kein todtes Mach- Werk bleiben, so tritt an die Arbeiter der Schweiz die Aufgabe heran, mit ganzer Kraft für die strenge Befolgung der Bestim- mungen dieses Gesetzes zu wirken. Aber wie kann das geschehen? Ohne Zweifel nur durch eine gute und geschlossene Organisation. Wohlan! was hindert die in der Schweiz nebeneinander be- stehenden und in der Hauptsache die gleichen Ziel? erstrebenden Organisationen des Grütlivereins und des Arbeiterbnndes sich die Hand zu reichen? Sind auf der einen oder der anderen Seite wirklich Bedenken gegen eine Verschmelzung der beiden Organisationen vorhanden � gegenüber dem, was auf dem Spiele steht, wenn die schweizerischen Arbeiter schlecht organisirt für ihre Interessen kämpfen, müssen diese Bedenken schwinden. Und datirt denn die Frage der Vereinigung des Grütlivereins und des Arbeiterbundes etwa von heute? Hat nicht schon der Eon- greß in Neuenburg beschlossen, daß eine von beiden Organi- sationen niedergesetzte Commission ein Programm ausarbeiten soll unter Benutzung der ihr überwiesenen Vorlagen? Wenn also der Wille da ist, warum sollte die That nicht folgen können? Die Kriegstaktik.-„Getrennt marschiren, vereint schlagen", paßt nicht für die Arbeiter. Unsre Stärke liegt in der Vereinigung; sie allein verbürgt den Erfolg! Also organisirt Euch, vereinigt Euch! — Die Bestialität, welche die Russen in dem gegen- wältigen Krieg an den Tag legen, wird durch tausendfältiges Zeugniß festgestellt. Bisher pflegte man aber stets beschönigend zu sagen, nicht die regulären russischen Truppen hätten diese Greuel verübt, sondern die Kosaken oder Bulgaren. Nun— in zahlreichen Fällen ist der Beweis geliefert worden, daß es wirk- lich russische Soldaten waren— was indeß ziemlich gleichgiltig, da das„milde Väterchen" für seine Kosaken und die von ihm aufgehetzten Bulgaren ebenso verantwortlich ist, wie für seine regulären Soldaten. Jetzt liegt nun ein neues Zeugniß vor, das die reguläre russische Armee, und zwar deren Elite, die Garde, auf das schwerste belastet. Der Kriegs- Correspondent der„Augsburger Allgemeinen Zeitung", ein Mann von aner- kannter Wahrhaftigkeit(wenn wir nicht irren, ein deutscher Of- fizier), welcher dem Kampfe bei Gorni Dubnik beiwohnte, schreibt als Augenzeuge in seinem Bericht über jenes blutige Treffen: „Türkische Cavallerie-Vorposten wurden-- zurückgedrängt und ließen mehre Verwundete auf dem Platze., Diese waren für mich ein Gegenstand sehr ernster Wahrnehmungen, denn es fiel mir vor Allem auf, daß fast alle in derselben Lage, mit dem Gesicht nach oben und mit ausgestreckten Extremitäten, am Boden lagen. Ich untersuchte die beraubten und thcilweise entkleideten Leichen näher, und fand sie sämmtlich leicht vcr wundet Dafür war aber an jedem Cadavcr auf der entblößten Brust in der Herzgegend ein blau unterlaufener Fleck zu sehen, durch de» die Kngcl eindrang, welche die Wehrlosen gctödtct hatte. Ich bitte von diesem Akt Notiz zu nehmen; er liefert einen abermaligen Beweis für die Art und Weise, wie dieser Vernichtungskampf geführt wird." Die feigen Mörder können nur russische Gardesoldaten ge Wesen sein. Daß die, blos etwa 8000 Mann starken Türken sich wie die Löwen schlugen und den in mehr als dreifacher Ueber- zahl angreifenden Russen einen Verlust von mindestens[öOOO Mann beibrachten, entschuldigt diese Bestialität nicht, sondern läßt sie nur um so niederträchtiger erscheinen. Der brave Soldat achtet den tapferen Feind, achtet ihn um so mehr, je tapferer er ist! Ob Fürst Bismarck nun eine Humanitätsnote in's russische Hauptquartier schicken wird? Der Vorgang, der ihn zu der famosen Humanitätsnote an türkische Adresse bestimmte, war bei weitem nicht so scheußlich und bei weitem nicht so klar. bestens vierzehn Tage vorher erklärte Kündigung aufgelöst wer- den, und zwar jeweilen am Zahltag oder am Samstag. Wenn nicht besondere Schwierigkeiten entgegenstehen, soll bei Stücklohn jedenfalls die angefangene Arbeit vollendet werden. Innerhalb obiger Frist darf einseitig das Verhältniß von dem Fabrikbesitzer nur dann aufgelöst werden, wenn sich der Arbeiter einer ange- fangenen Arbeit unfähig erweist, oder wenn er sich einer bedeu- tenden Verletzung der Fabrikordnung schuldig gemacht hat, und der Arbeiter ist nur dann zu einseitigem sofortigem Austritt be- fugt, wenn der Fabrikbesitzer die bedungene Verpflichtung nicht erfüllt oder eine ungesetzliche oder vertragswidrige Behandlung des Arbeiters verschuldet oder zugelassen hat. Streitigkeiten über die gegenseitige Kündigung und alle übrigen Vertragsoerhältnisse entscheidet der zuständige Richter. Art. 10. Die Fabrikbesitzer sind verpflichtet, die Arbeiter spätestens alle zwei Wochen in Baar, in gesetzlichen Münzsorten und in der Fabrik selbst auszuzahlen. Durch besondere Verständigung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, oder durch die Fabrikordnung, kann auch monatliche Auszahlung festgesetzt werden. Am Zahltage darf nicht mehr als der letzte Wochenlohn aus- stehen bleiben. Bei Arbeiten auf Stück werden die Zahlungs- Verhältnisse zwischen den Bcthciligten bis zur Beendigung des Stückes ihrer gegenseitigen Vereinbarung überlassen. Ohne gegenseitiges Einverständniß dürfen keine Lohnbetreff- nisse zu Spezialzwecken zurückbehalten werden. Art. 11. Die Dauer der regelmäßigen Arbeit eines Tages darf nicht mehr als 11 Stunden, an den Vorabenden von Sonn- und Festtagen nicht mehr als 10 Stunden betragen und muß in die Zeit zwischen 6 Uhr, beziehungsweise in den Sommermonaten Juni, Juli und August 5 Uhr Morgens und 8 Uhr Abends verlegt werden. Die Arbeitsstunden sind nach der öffentlichen Uhr zu richten und der OrtSbchörde anzuzeigen. Bei gesundheitsschädlichen und auch bei andern Gewerben, bei denen durch bestehende Einrichtungen oder vorkommendes Verfahren Gesundheit und Leben der Arbeiter durch eine täg- liche elfstündige Arbeitszeit gefährdet find, wird der Bundesrath dieselbe nach Bedürfniß reduziren, immerhin nur bis die Besei- tigung der vorhandenen Gesundheitsgefährde nachgewiesen ist. Zu einer ausnahmsweisen oder vorübergehenden Verlänge- rung der Arbeitszeit, welche von Fabriken oder Industrien ver- langt wird, ist, sosern das Verlangen die Zeitdauer von zwei Wochen nicht übersteigt, von den zuständigen Bezirksbehörden, — Auf dem europäischen Kriegsschaupatz keine Er- eignisse von Belang; die Operationen der Türken zum„Entsatz" von Plewna werden natürlich möglichst geheim gehalten. Die Russen„sollen" sich„zuverlässigen Mittheilungen zufolge" mit dem Plan eines zweiten Zugs über den Balkan tragen. Nun— die Russen werden ihre Pläne den Herrn Zeitungsschreibern � wohl schwerlich auf die Nase binden; und was speziell den an- ; geblich beabsichtigten Zug über den Balkan betrifft, so ist der erste ihnen so schlecht bekommen, daß sie sich so leicht nicht zu einem zweiten entschließen werden. Der Winter ist ein Faktor, mit dem jetzt wohl oder übel gerechnet werden muß; das „Väterchen" soll zwar neulich beim Champagner auf den besten Bundesgenossen der Russen, den Winter getoastet haben, allein wir können dem genannten Herrn, auch wenn wir den Cham- pagner in Rechnung bringen, eine solche an Blödsinn grenzende Dummheit nicht zutrauen, und halten die Anekdote für die Er- findung eines hungrigen Reporters. Die Russen, welche in ihrer Heimath den Winter hindurch in backofenartig geheizten Stuben leben, sind notorisch gegen die Kälte empfindlicher als die Süd- länder. wie sich sogar in dem Feldzug von 1811/12 gezeigt hat. Der Vortheil der Russen war damals, daß sie im eigenen Land waren und Mittel hatten, sich gegen die Kälte zu schützen, wäh- rend die Franzosen weder Obdach noch Winterkleider hatten.— In Asien hat Mukthar Pascha in der Nähe von Erzerum eine abermalige Schlappe erlitten, deren Tragweite sich noch nicht abschätzen läßt. Da die russischen Berichte nichts von Gefangenen melden, so scheinen die Türken ihren Rückzug in guter Ordnung bewerkstelligt zu haben. — Die Redaktion der„Egalitö" in Paris veröffentlicht folgenden Prospektus, der offenbar von Guesde geschrieben, wie wir aus dem, unseren Anschauungen nicht entsprechenden Passus über die republikanische Staatsform schließen: „Die„Egalitö"(Gleichheit), republikanisch- sozialistisches Journal, wird vom 10. November an alle Sonnabende unter der Chefrcdaktion von Jules Guesde erscheinen. Die Haupt- sächlichsten Mitarbeiter an demselben werden sein: in Frankreich: G. Deville, P. Gerbier, E. Massard, E. Oudin, ehemalige Re- dakteure der„Droits de l'homme", A. Montbel u. A.; in Deusch- land: Bebel und Liebknecht; in Belgien: Dr. Cesar de Paepe; in Italien: Gnocchi-Viani, Redakteur des„Plebe" und Tito Zanardelli, ehemaliger Leiter des„Agitators". „Die„Egalitä" wird republikanisch sein, weil die Republik das letzte Wort der rein politischen oder gouvernementalen Ent- Wickelung ist, und nur noch einer ökonomischen oder sozialen Umgestaltung Raum läßt, welche die nominelle Rechtsgleichheit durch die wirkliche Gleichheit der Dinge ersetzt. „Aber die„Egalitö" wird vor allen Dingen sozialistisch sein; denn die ökonomische Umgestaltung ist ihr einziger Zweck. „Sie wird zeigen, daß die Ergebnisse der Wissenschaft in Uebereinstimmung mit der Gerechtigkeit verlangen, daß der Grund und Boden und die anderen Produktionsmittel der Gesammtheit zu- fallen, derart, daß Alle verbunden sein sollen, zu arbeiten, dafür aber auch den vollen Ertrag ihrer Arbeit zugesichert erhalten (natürlich innerhalb des Rahmens der sozialistischen Produktion. R. d. V.)— sie wird dies zeigen, um auf diese Weise die Bil- dung einer großen Partei vorzubereiten, welche, wenn der Augen- blick gekommen, ihr Recht zu erkämpfen wissen wird. „Das ist die doppelte Aufgabe, welche sich die Leiter des Blattes gesetzt haben und die sie bis ans Ende erfüllen wer- den, ohne Prahlerei und ohne Schwäche. Die„Egalitö" wird regelmäßig jede Woche in einer Nummer von 8 Zeiten erscheinen und gesammelt jedes Jahr einen hübschen Quart Band bilden. „Jede Nummer wird eine Anzahl Artikel über Sozialökonomie enthalten, Correspondenzen über die Arbeiterbewegung in Deutsch- land, Belgien, Italien, England und Amerika, eine politische Uebersicht, welche kurz die Ereignisse der Woche darstellt, historische und biographische Aufsätze über die Vertreter des Sozialismus und die sozialistische Sache, eine kritische Würdigung aller fran- zösischen oder auswärtigen Werke, welche die Leser interessiren können u. s. w. „Mit einem Worte, die„Egalits" wird sich bemühen, der Sozialdemokratie in Frankreich ein gleichzeitig wissenschaftliches und agitatorisches Organ abzugeben, das ihr bis heute ge- fehlt hat." oder wo solche nicht bestehen, von den Ortsbehörden, sonst aber von der Kantonsregierung die Bewilligung einzuholen. Für das Mittagessen ist um die Mitte der Arbeitszeit we- nigstens eine Stunde frei zu geben. Arbeitern, welche ihr Mit- tagsmahl mitbringen, oder dasselbe sich bringen lassen, sollen außerhalb der gewohnten Arbeitsräume angemessene, im Winter geheizte Lokalitäten zur Verfügung gestellt werden. Art. 12. Die Bestimmungen des Artikels 11 finden keine Anwendung auf Arbeiten, welche der eigentlichen Fabrikation als Hilfsarbciten vor oder nachgehen müssen und die von männlichen Arbeitern oder unverheiratheten Frauenspersonen über 18 Iah- ren verrichtet werden. (Schluß folgt.) — Bekanntlich ist Fürst Bismarck in seiner Heimath Schön- hausen nicht allzu beliebt; man hat ihn schon mehrere Male bei den Wahlen zum Kreistage durchfallen lassen und spricht auch ziemlich un- verblümt aus, daß die fortwährenden Reklamationen des Fürsten bei der Steuerabschätzung gerade nicht bei der Mehrzahl der Bewohner be- sonderes Wohlgefallen erregen. Der Prophet im eigenen Lande wird nicht immer anerkannt— mit diesem Spruche wird sich Bismarck trösten.— Aber auch in Barzin scheint der Herr von Bismarck per- sön liche Feinde zu haben, denn sonst würde ihm sein berühmter „Sultan" nichi lürzl-.ch dort erschlagen worden sein. Die national- liberalen Zeitungen allerdings versuchen den Glauben zu erwecken, daß ein Kullmaun gedungen worden sei, um den treuen„Reichshund" zu tödten. Seien wir vernünftiger, und betrachten die That als einen ganz gewöhnlichen Racheakt gegen den Bewohner von Barzin,— Nun hören wir aber auch noch, daß es in der dritten Bismarck'schen Besitzung, in Lauenburg, ganz bedenklich spukt. Die lauenburgische Ritter- und Landschaft ist nämlich mit dem Fürsten Bismarck in Streit und verhandelte dieser Tage darüber in Ratzeburg. Der Conflikt ist wegen der Ansprüche de? Landes-Communal-Berbandes an den vom Fürsten Bismarck in Besitz genommenen Werder im Viert entstanden. Zur Vorberathung dieses Gegenstandes war eine Commission ernannt worden, deren Referent, Abg. Oberamtsrichter Sachau, u. A. mittheilte, daß Dr. jur. Crome in Lübeck, dessen Gutachten der Commission vorge- legen hat, sich auf Seiten des Landschasts-Collegium» stelle und daß es sich jetzt frage, ob auf Grund dieses Materials Rckter- und Landschaft gegen den Fürsten in den Prozeß treten soll. Nach eingehender, theil- weise für den Fürsten nicht sehr schmeichelhafter Debatte ward beschlossen, mit demselben Bergleichsverhandiunzen anzuknüpfen.— Daß es auch manchmal in der Wilhetmsstraße zu Berlin, in dem vierten Heim des Fürsten, recht stürmisch zugeht, ist ja auch allgemein bekannt. — Herr Tessendorf hat in jüngster Zeit entschiedenes Pech. Am Mittwoch wurde der Verlagshandlung der„Berliner Freien Presse" die polizeiliche Mittheilung, daß die neueste Eon- fiskation der„Neuen Welt" gerichtlicherseits aufgehoben worden ist. — Die Ungiltigkeitserklärung der Wahl Brätter's ist auf so erbärmliche Gründe hin erfolgt, daß jeder anständige Mann, von welcher Partei er auch sei, mit Entrüstung erfüllt sein muß. An der Identität Brätter's— und darauf allein kommt es an— konnte kein Zweifel sein; Brätter hat seit frühester Jugend seinen eigentlichen Familiennamen Goßler nicht geführt; er ist nur unter dem Namen Brätter bekannt; er gehört nur als Brätter der Oeffentlichkeit an, hat unbean- standet als Brätter bei der Feuerwehr gedient, die Redaktion einer Zeitung geführt u. s. w. Kurz, Jedermann wußte, wer der für die Landtagswahl als Candioat aufgestellte Brätter war, und die acht Ehrenmärner, welche die Wahl kassirten, wußten es so gut wie jeder Andere. Und jeder anständige Mann weiß, was er von diesen acht Ehrenmännern zu halten hat. Wie wir aus dem„Geraer Tageblatt" ersehen, mißbilligt die Fortschrittspartei in Gera das Vorgehen gegenBrätter; sie hat vie Absicht, keinen Candidaten aufzustellen, und wird eine dahin lautende Erklärung erlassen. Das ist ehrenhaft ge- handelt und beweist, daß es in Deutschland noch Männer giebt, welche die Anwendung der Privatmoral auf das politische Leben nicht für einen„überwundenen Standpunkt" halten. So viel steht fest, wer bei der bevorstehenden Neuwahl sich als Candidat gegen Brätter aufstellen läßt und gegen ihn stimmt, weiß nicht, was Ehre und Anstand ist. — An die Parteigenossen! Unser Stuttgarter Partei- organ macht Folgendes bekannt:„Den Parteigenossen die Nach- richt, daß sich Redakteur Holzwarth durch Flucht seiner Strafe entzogen hat. Das Landesagitations-Comitö."— Wir wollen hierzu nur bemerken, daß Herr Holzwarth ganze sechs Monate Gefängniß abzusitzen hatte. Wegen solcher Lappalie die Flucht �n ergreifen, ist geradezu erbärmlich. Außerdem ist für den Herrn Holzwarth, der wahrscheinlich in Wien bei Muttern steckt, und dessen Vater sehr wohlhabend sein soll, von der Partei eine Caution von 2000 Mark gestellt worden. Diese Caution wird die Partei verlieren, wenn Herr Holzwarth sich bei den Würtembergischen Gerichten nicht wieder meldet. Correspondenzen» Aerkin, 4. November.(Wenn Jemand eine Reise thut, so kann er was erzählen.) Auf einer, allerdings nicht von Stange's Reisebureau improvisirten, vierwöchigen Rundreise hatte ich, theils aus freier Entschließung, theils mit Hartnäckigkeit dazu gepreßt, Gelegenheit, in mehreren Volks-, Arbeiter- und sozia- listischen Vereinsversammlungen zu sprechen. Zunächst sprach ich in Offenbach, dann in Hanau, Frankfurt a. M., Mannheim, Speyer, Heidelberg, Lahr, Basel, Bern, Genf, Zug und Stutt- gart. Aus den mannigfachen Erlebnissen, welche das wechselvolle Leben eines Agitators bei solchen Anlässen bietet, und die auch mir im reichsten Maße bescheert wurden, will ich für diesmal zu Nutz und Frommen all' Derer, die da milzsüchtig sind, nur die heiteren mittheilen. In Heidelberg, der reizendsten Perle des NeckarthaleS, fand eine Volksversammlung im„Gasthof zum Faulpelz" statt. Fast war ich versucht, die Wahl gerade dieses Lokals für einen freund- schaftlichen Rippenstoß zu erachten, aber man versicherte mich (oder mir? Hier liegen ja wohl Accusativ und Dativ auch bei gelehrten Herren im Streite), ein anderes Lokal sei nicht aufzu- treiben gewesen und es habe schon mancher unserer flinksten und unermüdlichsten Heißsporne in demselben ein Brillantfeuer illüstrer Reden abgebrannt, ich könne also mein hausbackenes Sprühten- felchen getrost anzünden und brauche durchaus nicht zu denken: „Komm Spitz, sie sticheln." Das gab mir meine Seelenruhe wieder und so haspelte ich denn mein Gespinnst ab, als könne selbst eine Windsbraut die linden Wellen meines Gemüths nicht kräuseln machen. Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten! Mein Geschick ereilte mich hier in Gestalt eines Privatdocenten an der Alma mater Heidelbergensis. Nach dem derselbe eine nicht mißzuverstehende Denunziation, wie das ja derzeit so Sitte in der besseren Gesellschaft ist, an die Adresse der anwesenden Sicherheitswächter gerichtet hatte, be- dauerte er, der Doktor Scheerer, daß er mich nicht unge- scharen lassen könne, da er als guter Patriot wünschen müsse, wir Sozialisten möchten uns zum Teufel scheeren, damit die nationalliberal-conservative Schweifwedelpartei ihr Schäfchen im Trocknen scheeren könne, und trieb seine Scheererei so weit, an der Fabrikation der Gußstahl-Scheeren den Niedergang der deutschen Industrie zu deduciren. Als aber trotz alledem die verstockten Zuhörer säumten, seiner Weisheit Beifall zu spenden, that er verzweiflungsvoll noch einen mächtigen Griff in seinen Scheerbeutel und gab ungefähr Folgendes zum Besten:„M. H.! Lassen Sie sich von den sozialistischen Agitatoren nur keine Flau- sen vormachen, die Staatshilfe taugt absolut nichts,„Ich", als Lehrer der Staatswissenschaften muß das wissen! Als solcher aber will ich Ihnen ein unfehlbares Mittel vorschlagen, das ich bisher vor aller Welt geheim gehalten: In China besteht ein Gesetz, wonach alle Privatunternehmungen, sobald sie einen derartigen Umfang annehmen, daß hundert und mehr Personen darin thätig sind, von Gesetzeswcgen Cooperativ-Assoziationen werden müssen.*) Ein solch' Gesetz des Reichs der Mitte probatum est für's Reich der Sitte!" Mir summte es bei dieser Charlatanerie in den Ohren wie: Wenn das nicht gut für die W..... ist, dann weiß ich nicht, was besser ist. und nachdem ich mir erlaubt hatte, des Doktors angebliche Kritik meiner Rede einer wirklichen Kritik zu unter- ziehen, nahm ich auch sein Arcanum(Geheimmittel) in den Destilirkolben einer logischen Kritik, was den gelehrten Doktor der Staatswissenschaften in einen gelinden Fieberschauer versetzte, wobei sich seine vorher so lustig plappernde Sprechspalte zu einem stereotypen Lächeln verzerrte und er mit dem Kopfe wackelte, wie eine indische Pagode. Am Schluß meiner Ausein- andersetzungen sagte ich ungefähr folgendes:„Die von mir dem Hrn. Doctor der Staatswissenschaften nachgewiesenen Jrrthümer dürfen Sie, meine Herren, demselben nicht allzuhoch anrechnen, er hat es eben gemacht, wie der größte Theil seiner.Herren Confratres, die in Medicin machen, er hat sich an das Siech- beit unserer kranken Zeit gesetzt, ihr an den Puls gefühlt um die Diagnose ihres Gebrestes(Erkenntniß der Krankheit an ihren Merkmalen) festzustellen und dabei die Symptome(Merkmale, Erscheinungen) für die Ursache genommen. Darauf räuspert er sich: hm! hm! legt die Stirn in krause gelehrte Falten und ver- *) Dieser gesperrt gedruckte Satz ist fast wörtlich wieder wieder- gegeben. ichreibt der' Patientin einige Gramm Lxtr. eort. chin. in einen Braubottig sgn. äest.(Chinarinde in Wasser). Das ist so ein Stückchen Kathedersoziatismus des Herrn Doctors in homöopa- thisch-liberal-conservativ-christlich-germanischer VerWässerung mit besonderer Berücksichtigung seiner eigenen sozialen Lage." Ob solcher Kennzeichnung gcbehrdete sich derselbe als habe er den St. Veitstanz, sein Paroxismus drohte in Raserei aus- zubrechen. Der Vorsitzende, A. Dresbach aus Mannheim, ergriff hier- auf das Wort und erklärte, der Herr Doctor scheine ihm denn doch etwas zu sehr Anhänger des Confucius zu sein. In einer der früheren Versammlungen habe der Staatskünstler behauptet, nur ein Aderlaß en müsse durch einen„frisch, froh, frommen" Krieg könne die Krise, in der sich Jungfrau Germania befinde, überwinden und heute sei er auf den Zopf der Chinesen ge- kommen. Die chinesischen Kulis mit ihrer Bedürfnißlosigkeit, ihren Rattencottelets, Mäusesricasee mit Engerlingsauce, Fliegen- kuchen, Spinnentorte:c. seien keine idealen Vorbilder für deutsche Arbeiter:c. Das war zu viel für den Mann mit einem Herzen für die leidenden Arbeiter und einem zweiten Herzen für oie leidende Bourgeoisie, ein Schrei der Entrüstung über die frechen Anmaßungen der„dummen Arbeiter" entrang sich seinem Busen. Grenzenlos deuchte ihm die Frechheit, einen Mann lächereich zu machen, der außer den angestrengtesten Pauk- und Bierstudien auch noch nebenbei einige Semester hindurch Logik geochst. Auf sprang er und— Johanna geht und nimmer kehrt sie wieder! Eine Niederlage, die ich in Lahr, gemeinsam mit dem Ge- nossen Weidemann, Geschäftsführer der Holzarbeitergewerkschaft, dem„Lahrer Hinkenden" bereitet, will ich übergehen. Es ist ja kein besonderer Ruhm, einem nationalmiserablen Invaliden eine Tracht moralischer Hiebe zu verabfolgen, die er sich reich- lich als Bänkelsänger des Byzantinismus verdient hat. Solch' Individuum spielt ja doch auf seinem Lelerkasten bis es auf dem letzten Loche pfeift die deutsche Michel- Marseillaise:„Freund, ich bin zufrieden, geh es wie es will!"— Auch mein Enträe in der Schweiz war ohne sonderliche Bedeutung. Heute geht es dort- selbst gar nicht mehr so„luschtikch" zu wie wohl sonst, denn es fehlt ihr an jenen Don Quixotes, welche den Sozialismus— wissenschaftlich— bekämpfen wollen. Seit Doctor Böhmert seine Rosinante gesattelt, um der Prinzeß Saxonia seine gold- hungrigen Gefühle in statistischen Zahlen zu Füßen zu legen, ist aller Humor aus der schweizerischen Propaganda entschwunden. Doch nein, manchmal flackert daselbst der Humor noch recht lustig auf, wie folgendes Beispiel lehrt. Am Vorabende der Volksabstimmung über das schweizerische Fabriksgesetz kam ich gegen 8 Uhr in Bern an, und da um diese Zeit eine Volksversammlung im Biergarten der Aarberger- straße stattfinden sollte, so begab ich mich dorthin, setzte mich in einen Winkel und lauerte der Dinge, die da kommen sollten. Karl Moor(welchem Bourgeois gruselts nicht bei Nennung dieses Namens?) sprach für das Fabrikgesetz. Es war mir so neu in der etwas unbeholfenen aber markigen Mundart des Schweizer- volles eine längere Rede zu hören, und darum war ich denn auch ganz Ohr. Der Redner endete unter großem Beifall, worauf�der Vorsitzende„etwa anwesende Gegner" herausforderte, ibren Standpunkt nun auch zu vertreten; seine Blicke richteten sich dabei unverwandt auf mich und bald war ich Aemster die Zielscheibe aller Augen der zahlreich Versammelten. Stumm und unbeweglich blieb ich sitzen. Da ergriff der Vorsitzende abermals das Wort und erklärte es für Feigheit, wen» ein „etwa anwesender Gegner" seine Meinung zurückhielt. Wahrlich, dieser Fehdehandschuh galt mir, es war kein Zweifel, warum aber auch, zum Teufel, muß ich ein so bourgeoismäßiges Aussehen haben? Was half's? Ich verlangte endlich doch das Wort und erhielt es auch, ohne meinen Namen nennen zu hrau- chen. Schon nachdem ich nur einige Sätze gesprochen, entpuppte sich aus dem vermeintlichen Bourgeois ein in der Wolle gefärbter Sozialdemokrat, und als ich geendet und man meinen Namen erfahren, da drückte man mir in Freundschaft die Hand und hieß mich von Herzen willkommen in der Schweiz. Daß ich von Bern nicht fortkam, ohne ein Referat in einer schien- nigst einberufenen Versammlung gehalten zu haben, versteht sich selbst. In der zu diesem Zweck einberufenen Versammlung war Kopf an Kopf gedrängt, so dnß eine wahrhaft tropische Hitze im Saale entstand. Da öffnete man ein Fenster des Glasdaches und dankbar erhob ich, während ich weitersprach, meine Blicke empor zu jener Lücke, aus der ein wohlthätiger Strom frischer Luft gleich einem Katarakt auf mich herniederstürzte. Ha! ist das Täuschung? Da oben über dem Glasdach, schwebt da nicht eine dunkle Gestalt? und ihre Augen! sie überfunkeln die spär- lichen Gasflammen, welche sich vergeblich abmühen, die mit allem Möglichen geschwängerte Athmosphäre des Lokals zu erhellen. Eine stattliche Gänsehaut überläuft meinen armen Adam. Es ist kein Zweifel, jenes Schemen, es ist der Geist des in seinen Sünden dahingefahrenen Stieber's. St. Petrus, dieser Rebell, der einem Polizeiknccht in frevlem Uebermuthe ein Ohr abge- hauen, meinte wahrscheinlich, die Himmelspolizei bedürfe keiner Spionage, schlug ihm die Himmelspforte vor der Nase zu und nun muß der alte Luchs, ohne eine fröhliche Urstätte finden zu können, wie der ewige Jude einherwandeln und die Freiheits- redner alpdrücken gehen. Das Dings machte mich ganz un- wirsch, ich hatte Mühe, nicht aus dem Concept zukommen, dar- um eilte ich mit Riesenschritten dem Ende meines Sermons zu. Es ist vollbracht! rief ich in meinem Innern, als ein nicht enden wollender Sturm des Beifalls durch die weiten Hallen brauste.�) Die Menge hatte sich verlaufen und nur noch einige von der alten Garde hielten Stand bei einem Liter Sauser(neue Wein), und wahrlich, es gehört die ganze Todesverachtung eines alt- napoleonischen Gardisten dazu, den Heurigen zu vertilgen. Nach Verarbeitung unterschiedlicher Thematas kam das Gespräch auf die stattgehabte Versammlung zurück und einer der Genossen sagte dabei zu mir:„Du hast heute einen ganz absonderlichen Zuhörer gehabt."! „Wie, hast Du ihn auch gesehen?" fragte ich. „Ganz zufällig." „Es war aber doch recht cigenthümlich." „Freilich, bei Euch wär so was nicht vorgekommen." Der Sauser rumorte so in meinem Innern, daß ich alle Rücksicht auf das deutsche Rcichsstrafgesetz aus den Augen ver- lor und patzig fragte:„Was, bei uns,'wo der Reptilienfonds die Stieber großgepäppelt hat, daß schon ein Lehrstuhl der Spio- nage im Sybel'schen Hochstift errichtet werden konnte. Ein Ka- theder, an dem Doctoren und allerhand andere Pfaffen im Luchsen, Fuchsen, Drucksen, gegen das Mucksen ausgebildet wer- den? O du grundgütiger Tessendorff, so achtet man unsere hei- ligen Errungenschaften, daß man nicht einmal an den heiligen Geist Stieber's glaubt, o über dies Sodom und Gomorha! Die durch diesen Orkan aufgewühlten Aetherwellen hatten das Phantom hinweggespült. *) So muß man über sich selbst reportern,„'S fluscht besser", sagt die preußische Landwehr, und die muß eS doch verstehen.— f„Beruhige Dich nur, alter Bursche, diesen Glauben haben wir noch nicht verloren, aber das ist auch wahr: bei Euch wäre so etwas nicht möglich." Nun so erkläre mir, o Oerinder. „Halt ein! Spiele nicht mit Schießgewehr, die Sache ist einfach so: Unser Polizeipräsident—" Mit Respekt zu vermelden, unterbrach ich ihn als guter � preußisch-deutscher Unterthon, „Dummheit", murmelte mein Gegenpart. Dann fuhr er fort: Also unser Polizeipräsident kam etwas spät und fand den Saal schon überfüllt, deshalb machte er rechtsumkchrt und war eben im Begriff, das Haus zu verlassen, als er der Wirthin in den Wurf kam, die ihn fragte, warum er schon wieder fort wolle. Er antwortete, daß er keinen Platz mehr bekommen könne, was ihm sehr unlieb sei, da er den Redner recht gern hören möchte. Ei dazu kann schon Rath werden, bitte kommen Sie mit. So sprach die Wirthin und führte ihn hinauf auf das Dach, dessen , Fenster sie öffnete, und der Herr Polizeipräsident hatte so das Vergnügen. Heiliges Obertribunal! rief ich, das sollte Madai (mit Respekt zu vermelden) passiren, der wüßte seine polizeiliche Amtswürde besser zu wahren. Die hierauf erfolgenden Bemerkungen eines der 350 Militär- � Pflichtigen, welche allein in der Stadt Bern die Aussicht auf die Alpen der Perspektive auf deutsche Festungen vorziehen, übergehe ich mit Stillschweigen, weil sie gar leicht zu einem casus belli für die Schweiz werden könnten. Schließen will ich, mag es genug sein des grausamen Spiels, das ich mit der Geduld der Leser getrieben. Doch halt, noch Eins: Viele tausend Grüße soll ich Euch von den lieben Kampf- genossen aus der Schweiz, vor allem von meinem alten Freund und frühern Arbeitgeber Joh. PH. Becker zurufen und Euch sagen, daß sie ihre Freude an dem erfolgreichen Kampfe haben, den die deutsche Sozialdemokratie mit so seltener Ausdauer führt. Seid gegrüßt! F. W. Fritzsche. Striegan, 5. November. Die Nr. 129 des„Vorwärts" be- spricht einen Bericht des Büreaudieners Bujarsky, welchen der- selbe im„Gewerkverein" über eine hier abgehaltene Versamm- lung losgelassen hat. Dieser Bericht strotzt von Lügen und Verleumdungen, die wir Steinarbeiter, gegen die dieselben ge- richtet sind, nicht ruhig hinnehmen können. Doch zur Sache. Herr B. hatte allerdings nicht vermuthet, nachdem er seine An- Hängerschaft zusammengetrommelt hatte, daß das Büreau den „rohen" Stemarbeitern in die Hände fallen würde(erster Vor- sitzender war übrigens Drechslermeister Richter), noch viel we-> niger konnten sich diese vier Einberufer eine Geschäftsordnung aufoktroyiren lassen, nachdem von der Versammlung das Bureaii gewählt war. Die Schließung der Volksversammlung vermuthe- ten wir bereits vor Eröffnung derselben, denn Herr B. weiß sich stets auf die frechste Art und Weise zu helfe n, wenn er das Bureau nicht erhält. Einmal stellt er unannehmbare Geschäfts-! oadnungen auf, ein andermal wieder hat er die Bescheinigung der Versammlung vergessen, trotzdem hier vom überwachenden Beamten keine verlangt wird. Ucbrigens wäre dem Subjekt, auch wenn Schuhmacher nicht anwesend gewesen wäre, wohl vom Genossen Richter gründlich heimgeleuchtet worden und wäre ihm eine ebensolche moralische Niederlage bereitet worden, wie vor IV- Jahren seinem werthen Collegen Polle in Königszelt. Betreffs der Revolutionsaffaire, in welche Bujarsky gemein- denunziatorisch unfern Genossen Schuhmacher verwickeln wollte, so möchten wir doch darauf aufmerksam machen, daß Schuhmacher dicht neben B. stand; Letzterer hätte also ganz bestimmt hören müssen(und braucht nicht erst zu wetten), ob Schuhmacher aus- gerufen hat:„Wir wollen die Revolution." Aber das Denun- ziren gehört zum Handwerk aller verkommenen Menschen. Doch erscheinen Sie, Herr B., nur recht bald wieder in Striegau, wir werden Ihnen dann klar machen, was eine„Meute", wie Sie uns Steinhauer zu tituliren beliebten, ist. Hinsichtlich des Skandals, der die Auflösung der Versammlung zur Folge hatte, sei nur erwähnt, daß sich darin besonders der Fabrikant Vitt- mann auszeichnete. Er belegte die Arbeiter mit Namen, die wir uns schämen wiederzugeben. Zur Ruhe aufgefordert, spuckte der „gebildete" Herr von der Gallerie herab auf die Arbeiter, was allerdings den Zorn aller Anwesenden(wie es aber scheint, mit Ausnahme der Gewerkvereinler) erregte. Die gebührende Zu- rcchtweisung wurde dem sauberen Patron später in der Hausflur zu Theil. Herr Bujarsky meint zwar— was aber wiederum erlogen ist— den Fabrikant Bittmann wollte man von der Gal- lerie herabstürzen; Niemand dachte daran. Nach der Auflösung der Versammlung sollte der Saal binnen 5 Minuten geräumt werden, die liberalen Herren blieben aber auf der Gallerie sitzen, bis sie von einem Polizisten nochmals aufgefordert resp. herabgeholt wurden, und nun entleerte sich erst der Saal. Und nun Herr B., wo haben Sie ihre Doppelbrille und Uhr verborgen, da Sie bereits zu diesem Zeitpunkt den Saal durch die Seitenthür verlassen und unbehelligt in die untere Gaststube gelangt waren? Noch eins Herr B.: Wie viel an- ständige Arbeiter sich schämen werden, mit uns„rohen Horden aus den Steinbrüchen" gemeinschaftliche Sache zu machen, wird Ihnen die nächste Reichstagswahl zeigen. Nun leben Sie wohl Herr B. und besuchen Sie uns recht bald wieder. In den nächsten Tagen findet Hierselbst eine Volksversammlung statt, wo wir Ihnen Gelegenheit geben, Ihr Talent im Lügen weiter zu entfalten. Die Steinarbeiter von Striegau und Umgegend. Antwort auf die Offene Anfrage(Nr. 127 d. Bl.) des Herrn Carl Voinhagcn in Cöln. Sie fragen, ob der derzeitige Polizei-Commissar Wirtz in St. Jo- Hann identisch sei mit dem ehemaligen Sergeant Wtlh. Wirtz der 1. Com- pagnie des Rhein. Jäger-Bataillons Nr. 8. Der von mir in Nr. 124 des„Vorwärts" erwähnte Oberjäger Wirtz diente im Jahre 1864 und 65 mit mir bei der 4. Compagnie genannten Bataillons. Ob sich der- selbe später zur I. Compagnie hat versetzen lassen, kann ich nicht sagen, wäre aber möglich. Nach der Nr. 130 des„Vorwärts" vom 4. d. Mts. erklärt laut der „St. Johanner Volkszeitung" der Polizei-Commissar Wirtz, daß es„ab- solut unwahr", daß ein gewisser Pauly mit ihm bei demselben„Regi- ment" gedient habe zc. Dies ist auch von mir durchaus nicht behauptet worden. Es ist von einem Oberjäger Wirtz und dem Jägerbataillon Nr. 8 die Rede. Wenn also der derzeitige Polizei-Commissar Wirtz in; St. Johann nicht bei dem Rhein. Jägerbataillon zu genannter Zeit ge- standen hat, dann kennen wir unS eben nicht, und kann er sich auch nicht von den in erwähntem Corrcspondenzartikel behaupteten Thal- fachen beleidigt fühlen. ES ist mir von befteundeter Seile versichert worden, daß der frühere Oberjäger Wirtz, welcher mit mir gedient hat, jetzt Polizei-Commissar in St. Johann sei und die beleidigende Aeußerung mit Bezug auf die Sozialdemokratie der betreffenden Wirthin in St. Johann gegenüber gcthan hat. Sollte dieser Commissar Wirtz in der Thal nicht der frühere Oberjäger W rtz des Rhein. JägerbataillonS Nr. 8 sein, dann bin ich unrecht berichtet worden, und würde die gemachte Aburtheilung, insoweit sie aus den jetzigen Polizei-Commissar Wirtz in St. Johann Bezug haben kann, zurücknehmen. Borläufig glaube ich jedoch noch, daß er der rechte Wirtz ist. Dieser Wirtz war ein geborener Krcuznacher, in! welchem Ort sein Bater im Steuer-, Post-, Polizei-:c. Dienst eine Stelle bekleidete. Kettwig. P. I. Pauly. Berichtigung. In dem Aufsatze:„Die Motive des Sozialismus" befinden sich mehrere sinnstörende Fehler, die der geneigte Leser sich corrigiren wolle: Nr. 123, Seite 1, Spalte 2, Zeile 9 von Ans. d. Aufl. muß es heißen: sittliche Berirrung.— Sp. 3, Z. 39 v. oben muß nach„unter den Menschen" ein Fragezeichen stehen.— Z. 17 v. unten müssen bei „völlige" die Anführungszeichen wegfallen.— Nr. 125, Sp. 2, Z. 4 v. unten muß nach„werden darf" eingeschaltet werden: Sie wollen ein- bloße Reform. Wir zc.— Nr. 126, Z. 8 v. Ans. d. Aufs, muß es heißen: des Frohndienstes Anderer.— Nr. 127, S. 1, Sp. 3, Z. 26 v. oben: mobilisirt statt modernisirt.— S. 2, Sp. 2, Z. 2 v. oben: gravcren statt graderen.— Z. 10 v. oben: gelassen statt geschaffen. Briefkasten der Redaktion. K. in Ernstthal: Wie Sie aus letzter Nummer ersehen, kommen Sie mit Ihrem Gedicht zu spät.—„Braunschweig": Ihr Correspondenz enthält Hinweise auf Personen und Zustände, die gleicht zu Mißdeutungen Anlaß geben könnten.— Fr. in Gera: Ihr Bericht über den Congreß kommt zu spät. der Expedition. Krowiarz, Osnabrück: Ihr Depositum für Aw noncen ist um M. 2,90 überschritten.— Schwartz, Hamburg: Das An> noncendepot für den Korbmacherbund ist bis auf 10 Pfg. erschöpft. Ich ersuche diejenigen Parteigenossen, welche von dem jetzigem Aufenthaltsorte meines Bruders, August Milius, Kellner, gebürtig aus Alzendorf, wissen, mir deffen Adresse zukommen zu lassen. Brüssel. Milius, Ruc de Blais No. 3. Die Arbciterblätter bitte ich um gefälligen Abdruck des Obigen. Quittung. Sbrt Cassel Ab. 10,80. Ptmnn Duisburg Ab. 10,00: Sbch Annweiler Schr. 4,15. Jrms Philadelphia Schr. 35,00. Schrnr Lübeck Ab. 6,50. Gr Osnabrück Ab. 4,00. Hssnr Mainz Ab. 15,00. Lgs Hannover Ann. 1,20, Schr. 12,70. Grnr Mannheim Schr. 8,15. Zhtnr Darmstadt Schr. 14,30. Arbeiterbild.-Ber. Leipzig Ann. 7,80, Arbeiterpartei das. Ann. 7,10. Agilmionscomite das. 1,70. Hrld Rad- worna Ab. 1,70. Krtzschmr Meuro Ab. 1,40. Lstnbrgr Bern Ab. 5,00. Pbst St. Johann-Saarbrücken Ab. 12,55. F. Lbsch Aussig Ab. 5,14. F. R. in W. Schr, 12,00. Schllhrdt hier Ab. 4,00. Grd Stötteritz, Schr, 7,30. Nmr Nürnberg Schr. 1,70. Anzeigen tt< fv-rmstmvr Allgemeiner deutscher Töpfervcrein. Dienstag, den 13. November, Abends 8'/, Uhr, bei Herrn Hübner, gr, Roscnstraße 37: Geschlossene Mitglieder-Versammlung. Tagesordnung: Unsere Arbeitsverhältnisse. Es ist dringend noth- wendig, daß alle Mitglieder erscheinen. G. Klaws.(70 Triumph of Order gemalt von K. �ichio. Darstellend: Die Erschießung von Communisten durch die Bersaillcr Truppen(Mai 1871) im Kirchhofe Pöre la Chaise zu Paris. Eines der größten und denkwürdigsten Kunstwerke der Neuzeit. Das- selbe ist gegenwärtig hier im Alexander Palace auf kurze Zeit ausge- stellt und wird gegen besonderes Eintrittsgeld gezeigt. In Paris war die Ausstellung verboten.— Es ist mir gelungen, Original-Photographien anfertigen lassen und empfehle dieselben den deutschen Parteigenossen zu folgenden Preisen: Größere(60 Elm. breit, 40 Ctm. hoch) im Dtzd. das Stück M. 3,50, einzeln 5,00; kleinere(40 Ctm. breit, 25 Ctm. hoch) im Dtzd. das Stück 1,80, einzeln 2,30. Bei Bestellungen über 6 Dutzend die g ößercn ä Dtzd. M, 36,00, die kleineren ä Dtzd. 20,00 und werden dieselben gegen Einsendung des Betrags portoftei überall hingesandt. Baldige Bestellungen entgegensehend, zeichnet mit Gruß WilH. Hoffmann.(750 London Vf., 37 A, Prirceß Street, Lcicester squ. Für Deutschland haben wir den Vertrieb übernommen und liefer» zu obigen Preisen gegen baar oder Postvorschuß D.e Expedition des„Vorwärts". Neue Welt Heft 2 Jahrgang HI.(mit dem 1. Oktober g,. e.. beginnend) ist versandtfertig und wird nur ans ausdrückliche Bestellung geliefert. Wir bitten also, rechtzeitig Nachricht hierher zu geben. Leipzig, den 27. Oktober 1877. Die Expedition der„Neuen Welt". Färberstr. 12. II. Prachtvoll und solid gearbeitete Einbanddecken (Goldprcssung) für die „Neue Welt" Jahrgang 1876 u. 77 sind in Schwarz 4 Stück M. 1,20, in Roth M. 1,50 gegen baar oder Nachnahme durch die Buchbinderei von H. Jansen, Leipzig, Ilniversitätöstraße 16 zu beziehen. Colporteure und Filialexpeditionen erhalten bei Partiebezug entsprechenden Rabatt. Porto zu Lasten der Empfänger. HL. Bestellungen hierauf werden entgegengenommen und effektuirt von der Expedition der„Neuen Welt", Leipzig, Färberstr. 12 II. Sozialistisches Central-Waht-Comitö. Die Sitzungen des Comitös finden jeden Dienstag und Freitag Bor» mittag statt. Briefe für dasselbe sind zu adressiren an die Sekretäre I. Auer oder C. Derossi, Pferdemartt 37 III. in Hamburg. Geldsendungen sind zu richten an August Geib, Rödingsmarkt 12 in Hamburg._ Annoncenrestanten. Folgende Vereine, Gewerkschaften und Personen werden aufgefor- dert, ungesäumt ihre Annoncenschulden an uns zu bezahlen: Altona: Metallarbeiter-Gewerkschaft für November 1876 0,60. M. Cöln: Wahlverein 1,80. Hamburg: K. Schneidt s. September 1877 2,10. Mülheim a. Rh.: Wahlverein f. December 1876 0,60. Thon» berg b. Leipzig: Wahlfest- Comit«: f. Febr. 1877 1.10. Leipzig, den 8. November 1877. Die Expedition deS„Borwärt«". Verantwortlicher Redakteur: Hermann H-lßia in Reudnitz-Leipzig,. Redaktton und Expedition Färberstraße 12/11. in Leipzig. Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei in Leipzig.