Erscheint i« feipitS M>tt»°ch, Fr-it-g, Sonntaj. ZibounemenIsPreiS fir gas} Teutschland l M. 69 Pf. xn> Quartal. Monats» Abonnements »erden bei allen deutschen Postanstalte» «Is de» 2. und 3. Monat, und auf den ». Mona! besonders angenommen: im Abnigr. Sachsen uich Herzogtb. Sachsen- Altenburg auch aus den Neu Monat des Quartals a 54 Psg. Inserate betr.»crsammlungen br. Petitzeile 10 PI, Vtr. Privatangelegenbeiten und Feste»r, Perilzeile 36 Ps. kesiellungt» nehmen an alle Postanstalten und Buch- Handlungen des In- u. Auslandes. Filial-Erveditionen. Nem-Dort: Soz.- demokr. Wenosim- schastsbuchdruckcrei, 154 LlllridA« Str. Philadelxhia: P. Haß, 630 KortK 3-4 Street. I. Boll, 112» Charlotte Str. Hoboken K.J.: F. A. Sorge, 215 sVnsh- Inzton Str. Chicago: A. Lanfermann, 74 Civhourne ave. Can Franzisco: F. Entz. 448 O'Farrell Str. London W.: C. Henze, 8 Kew Itr. Golden Square. Kentral Grgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 136. Sonntag, 18. Nodember. 1877. Die englischen Trades Unions. ii. Seit unser, in voriger Nummer veröffentlichter Artikel ge- schrieben worden— es sind jetzt so ziemlich 5 Jahre her*)— ist die englische Gewerkschaftsbewegung durch die Logik der That- fachen mehr und mehr auf das sozialpolitische Gebiet gedrängt worden. Die allgemeine Handels- und Geschäftskrisis, welche vor etwa 4 Jahren ihren verderblichen Rundgang begann und bald auch England erfaßte, lieferte den Arbeitgebern mächtige Waffen gegen die Arbeiter. Die Waffen wurden ohne Scho- nung gebraucht— Herabsetzung der Löhne: das war das Lied, welches die Arbeitgeber in allen Tonarten zu singen anfingen. Herabsetzung der Löhne und— trotz des verminderten Absatzes, trotz der verminderten Produktion— vermehrte Arbeitszeit, wo immer sie sich einführen ließ. Vergebens machten die Arbeiter geltend, daß letztere Forderung ja geradezu widersinnig sei: die Herren Kapitalisten, die den Verstand der Herrschaft haben, sie wußten es besser— sie warfen die„überschüssigen Arbeiter" auf's Pflaster, schufen den in der Arbeit befindlichen„Händen" herrsche!)-Maxime pirt und konnte ihn folglich nicht copiren, selbst wenn er gewollt hätte. Was nicht der Fall war und nicht der Fall sein konnte. Als Sozialdemagog im Dienste der Bourgeoisie hatte Max Hirsch die Aufgabe, Arbeiter- Organisationen zu schaffen, welche sich im Dienste der Bourgeoisie verwenden ließen, also gegen die Ar- beiter. Falsche Arbeiwr-Organisationen gegen die ächten Ar- beiter-Organisationen— das war der Zweck und diesem Zweck haben die Mittel entsprochen. Es ist wahr, die Hirsch'schcn Ge- werkvereine find nicht immer ganz innerhalb des Hirsch'schen Programms geblieben— Arbeiter sind eben Arbeiter, und bei den zahmsten kommt mitunter, in Ermangelung des Klassen-Be- wußtseins, der Klassen-Jnstinkt zum Durchbruch—; und es ist gewiß, daß die Hirsch'schen Gewerkvereine allmählich in den Sozialismus hineinwachsen, daß sie mehr und mehr zu Pflanz- schulen der Sozialdemokratie werden; ähnlich wie 1848 in Paris die Nationalwerkstätten, die ebenfalls gegen die Arbeiter gegründet waren, und der Bourgeoisie eine willfährige Proletarierarmee gegen das revolutionäre Proletariat liefern sollten. Das Pro- letariat durch das Proletariat im Zaum und nieder zu halten, ist ja die neueste Bethätigung der cliviäe et impera(Theile und eine Armee hungernder Concurrenten und tyrannisirten die arbeitenden Arbeiter mit Hilfe der nichtarbeitenden. „Was, ihr wollt bloß 9, bloß 8 Swnden arb eiten? Seid ihr so naiv und so unwissend, zu glauben, wir ließen euch zu Liebe und euch zu Nutz arbeilen? Glaubt ihr an das stupide Märchen von der „Harmonie zwischen Kapital und Arbeit", das von dcmagogi- scheu Charlatanen erfunden worden ist, um Dummköpfe zu nas- führen? Die„gute Zeit" ist jetzt vorbei; unsere Profite sind ge- fallen; wir haben aber keine Lust, einen Pfennig zu verlieren, und da halten wir uns denn an euch— weniger Lohn! Das ist selbstverständlich, und längere Arbeitszeit! Das ist ebenfalls selbstverständlich. Oder bildet ihr euch ein, wir hätten euch die 9-, die 8-stündige Arbeitszeit in verschiedenen Geschäftszweigen auS sentimentaler Menschenfreundlichkeit bewilligt? Bah! das „Ganz anders die englischen Trades Unions. Es sind ächte wirkliche Arbeiter-Orgamsationen, nicht nachgemachte Waare; Natur-, nicht Kunstprodukt; organisch aus der englischen Ar- beiterbewegung hervorgegangen, nicht mechanisch auf Bestellung angefertigt. „Kein Zweifel, sie sind noch nicht sozialdemokratisch, allein ebenso wenig sind sie Anhängsel und Werkzeuge der Bourgeoisie. Wir werden das gelegentlich näher ausführen. Für heute nur so viel: Die englischen Trades Unions vertreten die Interessen des Proletariats; nicht angesteckt von dem Harmonieschwindel, haben sie den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit begriffen und führen bewußt den Klassenkampf. Ihr Fehler ist, daß sie den Klassenkampf auf dem Boden der heutigen Gesellschaft zu einem für die Arbeiter siegreichen Ende zu führen hoffen. In- Geschäft ging flott, wir brauchten euch, mußten euch in un- deß von diesem Wahn werden sie durch die allgewaltige Logik serem Interesse einige Concessionen machen, allein das ist der Thatsachen geheilt werden, obgleich eine Anzahl der Führer nun vorbei; wir drehen den Spieß um: ihr braucht uns. notorisch im Solde der Bourgeoisie ist und das Möglichstethut, Wenn ihr eure Nase in die Nationalökonomie gesteckt habt, dann um zu verhindern, daß die Arbeiter vom Baum der sozialen müßt ihr wissen, daß es unser Vortheil ist, euch möglichst Erkcuntniß essen. Ucbrigens selbst diese corrupten Führer der lang arbeiten zu lassen. Wer keine Lust dazu hat, der mag Trades Unions blicken mit souveräner Verachtung aus die Hirsch- gehen, für Jeden, der geht, bieten sich zehn andere an."— schen Versuche in Sozialdemagogie herab, und wenn neulich ein So Pfiffen die Herren Kapitalisten, und die Arbeiter mußten Sympathie- Schreiben der englischen Trades Unions an die nach der Kapitalistenpfeife tanzen. j Hirsch'schen Gewerkoereine einlief, so war dies in der That„an Aber die Gewerkschaften, die colossale Organisation der Tra- die falsche Adresse" gekommen, denn der Dank der Trades des Unions? Unions galt den sozialistischen Gewerkschaften, die ihnen in dem Sie nahmen tapfer den Handschuh auf. Besonders in dem jetzigen Maurer- und Zimmerer-Strike Hilfe geleistet, und ward Kohlen- und Eisengewerke folgte ein Strike dem andern. Was durch einen„falschen Bruder", der einst Sozialist und Jnter- half aller Heldenmuth? Was half die bewundernswürdige Or- nationaler war, aus Haß gegen die deutsche Sozialdemokratie � absichtlich„an die falsche Adresse" befördert. „Welch' himmelweiter Unterschied zwischen den englischen Trades Unions und den Hirsch'schen Gewerkvereinen ist, zeigt Sanisation der Trades Unions? Schritt um Schritt wurdew die lrbeiter zurückgedrängt, und obgleich der Kampf fortdauert— an einem Punkte erstickt, bricht die Flamme des Klassenkampfes an einem anderen hervor—; so gibt es doch heute in England recht deutlich eine Notiz in der letzten„Jndustrial Review'"— ..ijü' dem Central-Organ der Trades Umons— eine Notiz, die durch direkt an uns gelangte Privatmittheilung bestätigt und ergänzt wird. In Nord Staffordshire(England) wurde den Gruben- arbeitern am Sonnabend vor 8 Tagen von den Arbeitgebern eine Lohnreduktion von 10 Procent angekündigt. Sofort ver- ließen 5000 Kohlenarbeiter die Arbeit und im Laufe der Woche weitere 2—3000, wodurch im Ganzen, die Familien eingerechnet, 22,000 Menschen brodlos und an 100,000 Menschen in Mit- leidenschaft gezogen find. Die strikenden Arbeiter gehören einer der großen Grubenarbeiter-Gcwerkschaften an; wie wir nun aus der„Jndustrial Review" ersehen, haben die beiden von den keinen denkfähigen Arbeiter, der nicht ini Laufe dieser Krisis be- griffen Hätte, daß die bestmögliche Gewerkschaftsorganisation nicht im Stande ist, den Arbeiter von der Sklavenkette des Kapitalis- mus zu befteien und dem Elend der arbeitenden Klassen ab- zuhelfen. Des Weiteren haben die englischen Kapitalisten in jüngster Zeit durch die„Einfuhr" ausländischer Arbeiter dafür gesorgt, daß auch dem vernageltsten englischen Gewerkschaftler die Roth- wendigkeit einer internationalen Organisation der Ar- beiterklasse klar werden muß. Unter solchen Verhältnissen scheint uns der Augenblick für die Wiederaufnahme sozialpolitischer Agitation in England englischen Kohlenarbeitern ins Parlament geschickten„Arbeiter"- sehr gut gewählt(S. unsere heutige Mittheilung aus England). Vertreter, Burt und Mac Donald, sich auf einer Versammlung Wir werden die ferneren Schritte in dieser Richtung genau ver- die äußerste Mühe gegeben, die Arbeiter für eine schiedsrichter- folgen und registriren. Langsam geht es allerdings— die feste liche Lösung zu gewinnen. Aber umsonst bliesen sie unter dem Organisation und ungeheure Ausdehnung der englischen Gewerk- Brifall des anwesenden Vertreters der Grubenbesitzer die Frie- schaften verhindern eine rasche Neugeburt von innen her- denspfeife: die Arbeiter erklärten, unter keiner Bedingung auf aus. Von innen heraus aber muß der Umschwung kommen ein Schiedsgericht eingehen zu wollen, das doch blos zu einem — das möge man ja nicht vergessen, und darum den Trades Scheinfrieden führen könne; es sei besser, nach ehrenvollem Unions gegenüber Alles vermeiden, was Mißtrauen oder Wider- Kampfe besiegt zu werden, als vor der Schlacht einem Feind willen erregen könnte. die Hand zur Versöhnung zu reichen, mit dem man schließlich Unserer festen Ueberzeugung nach ist jede Arbeiterbewegung doch die Schlacht auf Leben und Tod schlagen muß. Mit großer in England, welche die Trades Unions außer Berechnung läßt, Majorität wurde denn der Strike beschlossen. ein todtgeborenes Kind.„Es ist dies kein vereinzelter Vorgang— die Symptome Die englischen Trades Unions müssen von der Sozial- häufen sich, welche darauf hindeuten, daß die englischen Trades demokratie„moralisch erobert" werden. Und da die Verhalt- Unions die Thorheit ihrer bisherigen Taktik zu erkennen be- niffe so kräftig für uns arbeiten, scheint uns, bei geschicktem ginnen und allmälig in eine neue Bahn gedrängt werden." Vorgehn, die Aufgabe nicht allzuschwer.---__ ÖtTato*<°°m»6 Ä'SiÄXM breitet. Man stellt die Trades Unions auf gleiche Linie mit bedeutet daher das scheitern der" 9 Vlniu t-n«ch-r»?ck--D.°» und»-wt. d°i st- m ll«-n„i, Beibehallung M Ä0Ä. l&ssssS-- ist weiland aus ein paar Wochen nach England gefahren, um die englischen Gewerkoereine zu„studiren", allein es erging ihm j dabei, wie dem Wachtmeister in Wallenstein's Lager: Wie sie sich räuspern und spucken, das thät er ihnen glücklich abgucken, ober den Geist hat der unglückliche Harmonie-Doktor nicht ca- *) Der Artikel, an dem nur wenige Ausdrucke verändert wurden, gelangte zuerst in Nr. 98 des„Bolksstaat" vom 7. Dezember 1872 zum Abdruck. Aus Nordamerika. Newyork, 20. Oktober.(Die New-Aorker Kapitalisten- Presse und die Sozialdemokraten.) Die Wogen der Ar- beiterbewegung gehen hier jetzt hoch und die Herren vom Geld- sack sehen sich endlich gezwungen, von den bisher nur mit Achsel- zucken erwähnten Sozialdemokraten Notiz zu nehmen. Die hiesige„Staats-Zeitung", die größte deutsche Zeitung Amerikas, wenn nicht der ganzen Welt(sie hat 50,000 Abonnenten und im Format 56 Spalten a 2'/« Zoll Breite und 19 Zoll Länge, wovon die Hälfte, also 1197 Quadratzoll oder über 8 Quadrat- fuß Lesestoff, und ebensoviel gutbezahlte Anzeigen sind, von denen die Zeile 20-50 Cents, d. h. 80 Pf. bis 2 Mark kostet). Der Besitzer der„Staats-Zeitung", Oswald Ottendorfer, ein 1843 in die Wiener Revolution verwickelt gewesener Stu' ent ist ein Philister im vollsten Sinne des Wortes und, wie sich dies von selbst versteht, ein entschiedener Gegner der Arbeiterbewegung. Die„Staats-Zeitung" wird nun aber täglich von 20—30,000 Arbeitern gelesen, folglich kann Herr Ottendorfer nicht umhin, dann und wann die„brennende" Arbeiterfrage in Leitartikeln und Correspondenzen behandeln zu lassen. Als der große Eisen- bahnstrike kürzlich im Gange war, konnte man täglich ellenlange Abhandlungen in der„Staats-Zeitung" lesen, die darauf berechnet waren, abzuwiegeln und die Arbeiter gute, brave Kinder zu nennen, die sich ja nicht von den bösen Buben verlocken und verleiten lassen dürfen. Auch jetzt noch erscheinen dann und wann derartige Sachen in der„Staats-Zeitung", und um den Lesern des„Vorwärts" eine interessante Probe davon zu geben, möge hier ein Theil einer deutschen Correspondenz mitgetheilt werden, die heute in Herrn Ottendorfer's Blatt erschien: „Hamburg, 30. September. Dafür, daß wir in Deutschland die Sozialdemokratie nicht aus dem Äuge verlieren, ist in solchem Maße gesorgt, daß in der That bei dem größeren Maße von Achtsamkeit, welches man ihr in neuester Zeit widmet, gar kein Verdienst mehr ist. Während sichtlich die Spannkrast aller an- deren Parteien(allenfalls mit Ausnahme>der Neuconswvativen) nachläßt, derart, daß in Sachsen die liberalen Parteien schwere Einbußen gegen die Conservativen erleiden, daß mit Anstrengung gegründete und mit großen Opfern lange aufrecht erhaltene jour- nalistische Unternehmungen jetzt eingehen müssen— so die„Mstin- Zeitung" in Darmstadt und der„Fortschritt" in Pforzheim— und daß von angesehenen Parteiführern die Frage erörtert wird, ob man nicht etwas zu schnell vorgegangen sei: währen�d-"- nimmt die sozialdemokratische Propaganda ihren unausge Fortgang, gründet neue Blätter— so in jüngster Zeit in mei, Bielefeld, Köln, Mannheim— zieht neue Bezirke, so jetzt den Saarbrückener, in das Bereich ihrer Agitation, ruft neben dem „wissenschaftlichen Blatte" das„Vorwärts" noch eine förmliche, zu Berlin erscheinende Wochen-Revue unter dem Namen„Zu- kunft" ins Leben, und entfaltet überhaupt nach allen Richtungen hin jene Thätigkeit, welche jungen, in der Entwickelung begriffenen Richtungen eigen zu sein pflegt. Wohl wird es ihr nicht mehr so leicht gemacht wie ehedem. Man liest jetzt die sozialdemokratischen Blätter zwar immer noch nicht genug, um ein vollständiges Urtheil über ,hre Bestrebungen zu haben, aber doch hinlänglich, uni die Redaktionen zu etwas größerer Vorsicht zu nöthigen. Auch die Agitatoren müssen sich mehr zusammennehmen. In Saarbrücken sind kürzlich zwei dieser Leute zu 2'/, Jahren Gefängniß verurtheilt worden, und ähn- liche Urtheilssprüche haben in verschiedenen anderen Städten stattgefunden. Mit Recht hat kürzlich der„Hamburger Corr." darauf aufmerksam gemacht, dasjenige Merkmal, welches die sozialdemokratische Agitation am schärfsten von derjenigen aller anderen Parteien unterscheide, sei, daß sie den ganzen Menschen, nicht nur den Partei-Angehörigen, und zwar fortwährend, nicht nur zur Zeit der verschiedenen Wahlen, in ihr Bereich ziehe. In der That ist heute schon der sozialdemokratische Arbeiter wie durch eine chinesische Mauer von seinen andersgestimmten Mitbürgern abgeschlossen. Sein Umgang, seine Wirthshäuser, seine Lektüre(nicht nur Zeitungen, sondern auch Kalender, Bro- schüren, Unterhaltungsblätter), seine Versammlungen, seine Hülfs- tassen, seine Feste— Alles ist sozialdemokratisch; es fehlt nur noch, daß auch Volksschulen entstünden, in denen die sozial- demokratische Jugend in gleichem Geiste herangebildet würde. Darüber, daß die häusliche Erziehung heute schon in Tausenden von Familien eine sozialdemokratische ist, indem auch unzählige Frauen und Mädchen schon begeisterte oder doch ergebene Pro- selytinnen dieser Richtung geworden sind, kann kein Zweifel ob- walten. Sind doch auch dem weiblichen Geschlechte besondere Formen des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens dargeboten worden, so daß es gar nicht zu verwundern ist, wenn die Sozialdemokratie vielen Arbeiterfamilien als das Einzige erscheint, was Hebung, Verschönerung und Hoffnung in ihr vielleicht nicht elendes, aber farbloses und trübseliges Dasein gebracht hat!" Dieses kurze Stilpröbchen nur aus der bedeutendsten deutsch- amerikanischen Zeitung. Aber auch die englisch- amerikanische Presse, welche sich noch weniger als die deutschen Zeitungen um die Arbeiter bekümmerte, beginnt jetzt ebenfalls, Berichten über die Bewegung in ihren Spalten Raum zu geben. So beschäftigt sich z. B. die New- Z) orker„Sun", ein Sensationsblatt, das einen' täglichen Umsatz von 150,000 Exemplaren hat, mit dem seit mehreren Tagen ausgebrochenen Cigarrenmacher- Strike, der übrigens Aussicht auf Erfolg hat. Denn erstens hat sich das Geschäft etwas gehoben, dann aber, und das ist nicht minder wichtig, stehen auch die kleinen Fabrikanten auf Seite der Striker. Die Organisation der Cigarrenmacher New-Aorks schreitet rüstig vorwärts, und sind dieser Organisation bereits 10,000 Cigarren- macher beigetreten. Alles wird nach einem gutangelegten Plane dirigirt. Keine Fabrik darf irgend etwas ohne die Zustimmung der Gcsammt- Organisation unternehmen. Die Mehrzahl der Striker besteht aus Frauen und Mädchen. Einer der Strikenden theilte mir gestern mit,� daß der Ausstand wohl noch 6 Wochen dauern könnte, da an ein Nachgeben von keiner Seite vorläufig zu denken sei. Sozialpolitische UeSetfichi* — Die Berliner„Volkszeitung" beschäftigt sich in ihrer Mittwochsnummer nrit unserer Antwort auf ihren neulichen Leitartikel:„Demokratie und Sozialdemokratie." Sie meint, wir hätten Unrecht, zu verlangen, daß, wer das heutige soziale Elend erkannt habe und gewillt sei, ihm zu steuern,„mit der Sozialdemokratie Hand in Hand gehen, die Sozialdemokratie unterstützen, Sozialdemokrat werden" müsse. Wer eine Krank- heit, die er erkannt habe, ehrlich zu heilen beabsichtige, werde, wenn er verständig sei, nicht das Rezept irgend eines Quack- salbers, ob es sich auch mit Prunkhafter Reklame als Universal- mittel anpreist, als das einzig rettende Heilmittel anerkennen. Ganz richtig, aber was geht das die Sozialdemokratie an? Haben wir denn ein„Universalmittel" angepriesen? Wir glauben nicht, daß dies jemals geschehen ist, und wir wissen, daß in zahlreichen schriftlichen und mündlich-.n Aeuße- rungen der Gedanke, daß wir das fertige Rezept für die Hei- lung aller gesellschaftlichen Schäden in der Tasche hätten, als unwissenschaftlich und unsinnig zurückgewiesen worden ist. Die Sozialdemokratie studirt die Vorgänge und Erscheinungen auf gesellschaftlichem Gebiet, sie weiß— und das ist nicht ihre Entdeckung, sondern eine allgemein anerkannte wissen- schaftliche Thatsache— daß die heut herrschenden Beziehun- gen zwischen Arbeit und Kapital die Quelle der gesellschaftlichen Mißstände sind, und sie erstrebt, um diese Mißstände zu besei- tigen, eine vernunftgemäße und gerechte Regelung der Be- Ziehungen zwischen Kapital und Arbeit. Wir mischten die„Volkszeitung" fragen, ob sie hiergegen etwas einzuwenden hat? Wenn ja, dann verläßt sie den Boden der Wissenschaft und Humanität. Wenn nein, dann steht sie auf unserer Seite. Ein„unfehlbares Papstthum" haben wir nicht und würden wir nie dulden. Wer ehrlich an der Verbesserung der ökono- mischen Lage des Volks arbeitet, wird stets auf unsere ehrliche Mitwirkung rechnen können. Zum Schluß noch ein Wort. Die„Volkszeitung" beschwert sich über den Ton unserer Erwiderung. Wir möchten die„Volks- zeitung" fragen, ob sie die Sprache billigt, welche von ihren (der„Volkszeitung") Parteigenossen Richter, Hirsch, Bern- stein u. s. w. bei jeder Gelegenheit gegen die Sozialdemokratie geführt wird? Und ob Dem, was die genannten Herren!n puncto der Beschimpfung, Verleumdung und Denunzi- rung politischer Gegner geleistet haben, in der gesammten sozialistischen Presse Aehnliches an die Seite zu setzen ist? Will die „Volkszeitung" gerecht sein— und seit Kurzem befleißigt sie sich eines anständigeren Tones gegen uns, was wir gern bescheinigen — so wird sie des Weiteren nicht in Abrede stellen können, daß die Art und Weise, in welcher sie selbst uns bisher„bekämpft" hat(z. B. in den Bernstein'schen Artikeln), nicht geeignet war, uns die Sprache ceremonieller Höflichkeit zu inspiriren. Die„Volkszeitung" betitelt ihren neuen Artikel:„Demo- kratie, nicht Sozialdemokratie" und versteigt sich in dem Feuer ihrer Ausführungen zu dem Ruf:„Wir sind keine Sozialdemokraten, weil wir ehrliche Demokraten sind." Wenn es der „Bolkszeitung" gelingt, uns den Nachweis zu liefern, daß irgend eine Forderung der Sozialdemokratie undemokratisch ist, dann wollen wir ihr Recht geben. So lange dieser Beweis aber nicht erbracht ist, gilt unser Satz: Ein ehrlicher Demokrat muß Sozialdemokrat sein. — Aus zuverlässiger Quelle erfährt die„S. D. C.", daß Dr. Max Hirsch den Antrag gestellt hat, ihm in seiner Eigen- schaft als Anwalt der Gewerkvereine ein Jahresgehalt von 3000 Mrk. zu gewähren. Der Antrag wird voraussichtlich heftige Opposition in Gewerkvereinskreisen finden. Nach einer Mit- theilung der Berliner„Post" soll Herr Dr. Max Hirsch all sein Eigen verkauft haben, aber nicht ganz freiwillig. Wenn sich dies bewahrheitet, dann dürfte unsere obige Mittheilung sofort eine passende Erklärung gefunden haben. — Wir erhalten folgende Zuschrift: „Die Berichtigung aus Pforzheim in Nr. 131 Ihres Blattes bedarf einer Richtigstellung meinerseits, als des direkt Angegriffenen und zunächst Betheiligten und zweifle ich nicht, daß Sie im Interesse der Wahrheit auch' mir das Wort an ge- eigneter Stelle einräumen werden und ersuche ich Sie um Auf- nähme folgender Zeilen: Meine Ehefrau offerirte mir durch Ihren Anwalt am 20. und:3. Juni d. I.(wie Sie aus den beigeschlossenen zwei Ori- lieber die Zustände des modernen Theaters. Bon S.-G. Wenn sich eine Gesellschaft in ihrer Auflösung befindet, so kann sich naturgemäßer Weise dieser Auklösungsprozeß nicht nur auf einzelne Theile dieser Gesellschaft beschränken, sondern er muß mit der Zeit den ganzen Körper ergreifen. Sehen wir nun aber den Fäulnißprozeß der modernen Gesellschaft in wirth- schaftlicher Beziehung in progressiver Steigerung sich täglich voll- ziehen, sehen ivir die Macht und mit dieser alle die Schatten- feiten der Kapitalherrschaft vor unserem Auge stetig wachsen, so kann dem aufmerksamen Beobachter nicht entgehen, daß auch einer der besten Theile dieses Körpers: die Kunst, bereits vom Kapital- Moloch ergriffen und damit in den Fäulnißprozeß hineingezogen worden ist. Und in Hinsicht der Kunst ist es die darstellende Kunst, das Theater, dem wir heute einige Beachtung schenken wollen. Die moralische Bildungsanstalt, als welche Aristoteles, Schiller und hundert Andere das Theater betrachteten,— sst das Theater heute am wenigsten, dagegen nur zu oft ein Spekulationsge- schüft und fast vorwiegend ein Institut zur Verherrlichung unse- rer heutigen faulen Zustände. Zwingt schon heute die Kapital- Herrschaft das moderne Theater einerseits, nach außen hin— ein Repertoir aufzustellen, dessen Inhalt nicht die Aufdeckung der modernen faulen Zustände oder die Verdorbenheit der„beste- ren" Gesellschaftsklassen, wohl aber die Fröhnung des sinn- lichen Genusses, der Kitzelung der abgestumpften Sinne der Bour- goisie,— zum Zwecke hat, und zeigt sich uns somit das mo- deine Theater nach außen als ein Zubehör der Kapitalherrschaft; so bildet solches andererseits in seinem Innern nicht mehr und nicht weniger eine Brutstätte des unersättlichen, ausbeutenden Kapitalismus. Gleichwie jedes industrielle Etablissement sein constantes und variables Kapital besitzt, gleichwie ein solches den Ruf seiner Leistungen nur soweit zu erhöhen bemüht ist, als es sich mit seinen finanziellen Interessen vereinbart, also ist's mit dem modernen Theater. Heute müssen beim Theater einige Virtuosen die Anforderungen wahrer künstlerischer Leistungen ersetzen, wäh- rend die Gesammtzahl der Darsteller sich nicht über das Niveau der Mittelmäßigkeit erhebt, nicht zu erheben vermag, da die finanziellen Interessen der modernen Theaterinstitute deren Leiter vermögen, ihre„Kräfte"(in der Industrie heißt es„ihre Hände") ginalbriefen ersehen) Tausend Gulden baar, wenn ich auf meinen Sohn Verzicht leistete, welches Ansinnen ich natürlich zurückwies. Das Urtheil der höchsten Instanz(welches zu Ihrer Ueber- euguug auch im Original beiliegt) ist erst vom 5. Juli d. I. atirt, es geht daraus klar hervor, daß es mir um mein Kind zu thun war, welches seine Mutter für Geld verkäuflich dachte. Meine Forderung von 6000 Mark ist richtig, für diesen Preis wollte ich in die Scheidung willigen, nicht als ob ich meine Ehefrau so viel Werth hielte, sondern weil sie nach derselben wieder Heirathen kann, wodurch sich das meinem Kinde bis jetzt allein zufallende Vermögen, noch m unzählige Theile zersplittern könnte. Um diesen Nachtheil zu verhüten, suchte ich obige Summe demselben sicher zu stellen. Wie besorgt Mutter und Großeltern um das Wohl des Kindes sind, mag daraus hervorgehen, daß mir es diese Leute mit zerrissenen Schuhen und nur mit den allernothwendigsten Kleidungsstücken zusandten; mir ein Beweis, daß Humanität und Bildung nicht überall zu finden sind. Ad. Krafft, Schlosser." — Die sozialistische Bewegung in Vlämisch-Belgien macht seit dem Genter Congreß erfreuliche Fortschritte. Seit den wenigen Monaten, daß die vlämischen Sozialisten und Ar- beitervereinigungen ihre besondere Organisation haben, ist die Bewegung in großartiger Weise gewachsen. Durch die Zurück- ziehung von der anarchistischen Richtung ist ein ganz neues Le- den in die Arbeiterbewegung gekommen, daß den Sozialisten immer neue Anhänger zugeführt hat, die sich der sozialsstischen Idee gegenüber indifferent verhielten, weil die Sozialisten bis- her von allen politischen Agitation Abstand nahmen. Die vlä- mische sozialistische Arbeiterbewegung steht nun vollkommen auf dem deutschen Standpunkt, und liegt ihr fast dasselbe Pro- gramm, wie das der deutschen Sozialisten zu Grunde. Die Agitation für das allgemeine Wahlrecht ist nun in vollem Fluß. Am ersten Sonntag im November fand in Löwen ein General- congreß statt, auf welchem alle Arbeitervereinigungen und sozia- listischen Gruppen der vlämischen Provinzen vertreten waren. Neue Zweigvereine sind vor Kurzem gegründet worden in Me- cheln, Löwen, Kortryk, Vilvorde, Ledeberg. Das Parteiblatt „De Werker"(der Arbeiter) nimmt an Lesern immer mehr zu. Der Parteikalender„De Vlaamsche Lantaarn"(die vlämische Laterne) ist in 3000 Exemplaren gedruckt, und bereits ver- griffen. Mitten in den ultramontanen Heerd hinein bricht sich also die sozialistische Idee Bahn und zeigt den bethörten Arbei- tern den Anbruch einer neuen Morgenröthe der Gerechtigkeit und Gleichheit. — Von englischer Seite schreibt man uns aus London unterm 10. d.: In Folge des öffentlichen Meetings von Eng- ländern und Ausländer, das vorigen Sonntag aus Veranlassung des Maurerstrikes in Newmanstreet statthatte, wurde am vorigen Mittwoch in Nr. 21 Grafton Street, Fitzroy square ein ueues Meeting abgehalten, um den Grund zu einer internationalen Organisation der Arbeiter zu legen. Herr Maltmann Barry, Delegirter(des deutschen Vereins, der jetzt die strikenden Maurer unterstützt) auf dem Genter Congreß, führte den Vorsitz; er erklärte, daß ihm seitens des Genter Congresses und seines eigenen Vereins der Austrag geworden sei, für eine internationale Verbindung der englischen Arbeiter mit den Arbeitern des Eon- tinents auf internationaler Grundlage einzutreten; zu diesem Zweck sei nun die gegenwärtige Versammlung berufen worden. Der Moment sei sehr günstig. Erstens habe der Genter Congreß gezeigt, daß die Arbeiter aller Länder von dem lebhaften Wunsch beseelt seien, sich für gewerkschaftliche Zwecke zu verbinden und in Bezug auf politische Aktion eine einheitliche Auffassung zu erzielen; der Congreß habe zu diesem Zweck bestimmte Mittel und Wege angegeben. Zweitens seien die gegenwärtigen Kämpfe der englischen Ar- beiter mit den Kapitalisten, namentlich die Einfuhr fremder Arbeitskräfte trefflich geeignet, den englischen Arbeitern die Augen zu öffnen und auch dem Verstocktesten die Nothwendig- keit einer internationalen Organisation der Arbeiter klar zu machen. Und drittens könne man jetzt den Rath und die Beihülfe der Häupter der alten internationalen Arbeiterassoziation erlangen, welche sich einige Jahre lang zurückgehalten haben und ohne deren Mitwirkung kein nennenswerthes Resultat zu erwarten sei. Herr Barry meinte, als erster Schritt empfehle sich Wohl die nach Möglichkeit anzustrengen, bis auf's äußerste auszubeuten und die weitere künstlerische Ausbildung links liegen zn lassen. Wie in der Industrie die Fabrik mit ihren Maschinen:c. das constante und die Arbeitskraft der Arbeiter das variable Kapital repräsentirt, so bilden in dem modernen Theater dessen Hallen, Coulissen und Maschinenapparat das rein geschäftliche„constante" und die Kraft der„Künstler" nichts weiter als das„variable" Kapital der Unternehmer. Mit wenigen Ausnahmen ist das „variable" Kapital der Kunst nicht viel besser, wohl aber nach mancher Richtung schlechter daran, als das der Industrie; gleich dem der letzteren sinkt es mit zunehmendem Alter in seinem Werthe, gleich ihm wird es, wenn alt und abgenutzt, vom Unter- nehmer auf die Straße geworfen. Die Abhängigkeit der Künstler von der Kapitalmacht ist eine noch theilweis größere, als die der industriellen Arbeiter, inso- fern der„Künstler" nicht allein durch das Kapitalverhältniß an sich, an die Kapitalmacht gebunden ist, sondern diese Abhängig- keit noch erhöht wird durch sogenannte Contrakte, welche nur zu oft eine Musterkarte von Pflichten ohne Rechte auf Seiten der Künstler und von Rechten ohne Pflichten auf Seiten der Unternehmer sind, diese Abhängigkeit aber gekrönt wird durch ein Agentensystem, das sich an alle Künstler gleich einem Vampyr geheftet, und das in seiner verwerflichen Existenz nur in einer faulen und versumpften Gesellschaft wie jdie heutige zu entstehen und zu bestehen vermag. Gegen vorstehende Ausführungen des modernen Theaters könnten Manche einzuwenden versuchen, daß damit nur die so- genannten Privat-Bühnen, deren Tendenz ausschließlich„Ge- schüft" und„Verdienen" ist— gemeint seien, daß dagegen die Staatsbühnen, sogenannte„Hofbühnen", die Kritik nicht treffe, insofern unter staatlicher Leitung die Kunstinstitute unmöglich zum reinen Profitgeschäft herabsinken könnten. Zur Jllustrirung unserer Ansicht können wir es uns nicht versagen, gerade der Regie einer vielgefeierten und hochgepriesenen„Hofbühne" die heuchlerische Maske abzureißen und ihre elende Ausbeuterlarve den Lesern vorzuführen. Wer kennt nicht die vielgerühmte Mei- ninger Theatertruppe, welche jahraus jahrein auf Kunstreisen (soll heißen: Geldoerdienen) geht und der staunenden Welt die sogenannten„Klassiker" in prächtigster Ausstattung und künstle- rischstem Ensemble zum Besten giebt? Wer hätte noch nicht von deren Primas, dem„kunstliebenden" Meininger Herzog, Bildung eines provisorischen Ausschusses, der sich mit dem in Gent constituirten Bureau in Verbindung zu setzen, und die Aufgabe zu verfolgen habe: englische Sektionen zu gründen und den Beitritt(afütiation) bestehender gewerkschaftlicher und politi- scher Arbeitervereinigungen zu erwirken. Thatsächlich würde der Ausschuß die Funktionen eines brittischen Föderalraths verrichten, allein ehe die Föderation selbst zur Wahrheit geworden sei, könne der Ausschuß diesen Namen nicht annehmen. Nach längerer Diskussion fand dieser Borschlag allseitige Billigung und schließlich wurde der Ausschuß gebildet unter dem Namen „Provisorischer Bundesausschuß der Arbeiteroereinigungen von Großbrittanien und Irland, im Anschluß an das internationale Büreau von Gent.(Provisional federal Cornrnittee of Working- rnen's societies in Great Britain and Ircland, affiliated with the international Bureau at Ghent.)" Der Kern des Ausschusses wurde auf 12 Mitglieder festgesetzt; jede beitretende Sektion oder Arbeitervereinigung hat das Recht, in den Ausschuß zwei Delegirte zu schicken. Die folgenden Herren wurden sofort gewählt: Maltmann-Barry, Busche, Kitz, Mandel, New, Plante, Townshend und Watson. Plante wurde zum Kassirer, Kitz zum Schriftführer, M. Barry zum correspondirenden Sekretär ernannt. Der Ausschuß beschloß, jeden Mittwoch Abend eine Sitzung zu halten: in nächster Woche werden die Statuten:c. ausgearbeitet werden. — Ein französischer Arbeitercongreß soll in Bälde in Lyon tagen. Ueber den politischen Charakter dieses Eon- gresses sind wir einigermaßen im Unklaren, da das Organisa- tionscomitö in einem Aufruf, den es an die republikanische Presse zur Veröffentlichung gesandt hat, sich an„alle französische Staatsbürger" mit dem Ersuchen wendet, durch Betheiligung an einer Subscription das Zustandekommen des Congresses zu ermöglichen. Es heißt in dem Aufruf: „Ein einziger Umstand hält die Ausführung unseres Vorbe- reitungswerkes auf, es ist die Geldfrage. In dieser wichtigen Frage thut uns vor Allem der Beistand der demokratischen Presse Roth, an die wir vertrauensvoll die Bitte richten, zu Gunsten des zweiten Congresses Subscriptionen zu eröffnen. Sie helfe uns den Arbeitern verständlich zu machen, daß unser soziales Werk die Opfer Aller bedarf, und mögen alle französischen Staatsbürger gemeinschaftliche Sache machen und nach ihren Mitteln zeichnen, damit unsere Nation die civilis«- rische Aufgabe erfülle, die der erste französische Congreß der sozialen Aera eröffnet hat. Möge jedes republikanische Organ eine Subscriptton eröffnen, möge jeder Staatsbürger daran Theil nehmen, und wir werden den zweiten Congreß, für den Fortschritt und die Verbesserung unserer Lage um einen Schritt weiter rücken sehen. Wir ersuchen Sie, auch den Aufruf und das Programm der Congreßsachen zu veröffentlichen." Unterzeichnet ist der Aufruf: Für das Comitö Bonjour. Deschamps. Labouret.— Wie gesagt, wir wissen nicht recht, was wir aus diesem projektirten Arbeitercongreß machen sollen, der„alle französischen Staatsbürger" zur Theilnahme an seinen Bestrebungen einladet. Sollte er vielleicht, nach dem Vorbilde von Mäxchen's„Arbeiterkongreß", der mehr und mehr in's sozialistische Fahrwasser einlenkenden Arbeiterbewegung in Frankreich entgegenarbeiten wollen? Wäre schon möglich! — Angesichts der unverschämten Renommistereien der Rubelpresse ist es nöthig, an folgende Thatsachen zu er- innern: Die Niederlagen der Russen vor Plewna allein find von weit größerer Bedeutung als alle türkischen Niederlagen und Schlappen zusammengenommen. Das Fiasko der russischen Mo- bilisation kann nicht aus der Welt geschafft werden. Mit Aus- nähme der jüngsten Operationen im Rücken von Plewna war die russische Militärleitung miserabel. Wenn die türkische Ober- leitung nicht Ende Juli und anfangs August durch die Absetzung Abdul Kerims desorganisirt gewesen wäre, hätte die russische Armee über die Donau zurückflüchten müffen. Die türkischen Soldaten haben sich durchweg den russischen überlegen gezeigt: der eifrigste Lobredner der Russen und Feind der Türken, Archi- bald Fordes, Correspondent der„Daily News"(der beiläufig aus Ekel vor der russischen Wirthschaft das Hauptquartier des Großfürsten verlassen hat), schildert den russischen Soldaten als j tapfer aber dumm, den türkischen als ebenso tapfer und intelli- gent; während ersterer rein maschinenmäßig kämpfe und, sobald ihm das Commando fehle, verdutzt und hülflos dastehe, wisse gehört, der aus Liebe zur— Kunst sogar die schweren Regie- rungsgeschäfte zeitweilig bei Seite legt? Ist es nicht die Mei- ninger Truppe, welche von dem literarischen Lumpenpack der Bourgeoispresse mit„Hosianna" angesungen wird! Und dennoch ist es diese Meininger„Hofbühne", welche so sehr als irgend ein industrielles Fabriketablissement ein Stück Kapitalismus bildet; dieselbe Bühne, deren Ruf in der sogenannten„guten" Gesell- schaft ein äußerst rühmlicher ist, dieselbe Bühne ist in ihrem Innersten ein„spekulatives Geschäft". Nur nebenbei wollen wir der Reklamenpolitik gedenken, welche die Regie derselben dadurch ausübt, daß sie die Reporter mit „Orden" u. s. w. abfüttert und dadurch einmal der fachlichen Kritik die Spitze abbricht, und das anderemal die Lästerzungen, welche über interne Verhältnisse etwa zu plaudern geneigt wären, zum Schweigen bringt, und wollm uns zu dem wenden, was die Leser am meisten interessiren muß: zur Ausbeutung der dramatischen Kunst. Gleichwie die moderne Industrie sich in ihrer Produktion be- Hufs größerer Leistungsfähigkeit bei verminderter Regie auf Spezialitäten legt, so die Meininger Direktion bei ihren Pro- duktionen, indem sie eine geringe Anzahl klassischer Stücke derart zu ihrer Spezialität macht, daß sie innerhalb 5 Jahren nur 9 12 verschiedene Stücke vorführte und so für sich, respektive für deren Besitzer, alle Bortheile der Großindustrie in Spezia- litäten zog, während ihre künstlerischen Kräfte natürlich ebenso sehr alle Nachtheile derselben empfanden, wovon der wichtigste in künstlerischer Beziehung eine virtuose Abrichtung, aber keine vielseitige künstlerische Ausbildung der Individuen war und noch ist..... Nach innen verräth sich nicht minder der kapitalistische Pferde- fuß, insofern der„Kapitalist der rentirenden Kunst" den wesent- lichen Unterschied von constantem und variablem Kapital zu machen versteht, denn während er dem ersteren(der Ausstattung, Garderobe zc.— bei welchem es aus mehrere tausend Gulden einmal nicht ankommt) alle Fürsorge angedeihen läßt, vernach- lässigt er die materielle Hebung seiner Arbeitskräste(des variablen Kapitals) fast über die Maßen, da ihm gleich jedem anderen Großindustriellen die Beschaffung von billigen Arbeitskräften— dank der Conkurrenz der Arbeitskräfte unter sich— keine Kopf- schmerzen verursacht und dieselben Manöver, welche der Bourgeois seineu Arbeitern gegenüber zur Herabdrückung der Löhne an- "Oer Türke sich in allen Situationen zu helfen. Wo die Russen nicht mindestens mit doppelter Zahl auftraten, sind sie bisher regelmäßig geschlagen worden. Und ob es ihnen gelingen wird, die Türken durch Uebermacht zu erdrücken, ist noch sehr die Frage. Jedenfalls ist das Prestige Rußlands unwiderbringlich hin und kein Bismarck mehr im Stande, den alten Glauben an die großmächtigste der Großmächte wiederherzustellen. Haben die Russen keine Ursache, auf ihre militärischen Leistungen zu pochen, so haben sie noch weniger Ursache, mit ihrer„Bildung" und„Humanität" zu prahlen. Der Krieg hat auf russischer Seite das gerade Gegentheil von Bildung und Humanität gezeigt: eine wahrhaft bestialische R�hheit. Hat doch neuerdings das russische Hauptquartier die Stirne gehabt, zwei offizielle Depeschen zu veröffentlichen, in denen kaltblütig mitgetheilt wird, daß bei Wegnahme von türkischen Redouten die überraschten Vertheidiger„niedergemacht" wurden. So han- deln und so schreiben Barbaren, aber keine civilisirten Wen- schen. Also etwas Bescheidenheit ist der Rubelpresse sehr drin- gend zu empfehlen. Im Hinblick auf die Rolle, welche Rußland in diesem Kriege gespielt hat und noch spielt, haben die Söldner des„milden Czaren" nicht den geringsten Grund zu renommiren, wohl aber tausend Gründe, sich auf eigne Rechnung und auf Rechnung ihrer Brodgeber recht herzlich zu schämen. — Vom bulgarischen Kriegsschauplatz sind die Nach- richten so verworren und widerspruchsvoll, daß es unmöglich ist, in denselben feste Anhaltspunkte zu finden. Auf die Hoffnung, Plewna werde wie eine gebratene Taube in„Väterchens" Schooß fallen, scheint man im russischen Hauptquartier verzichtet zu haben — wenigstens wird jetzt mitgetheilr, Osman Pascha besitze noch Vor- räthe für 30—40 Tage. Nun— vielleicht macht man gelegentlich noch andere Entdeckungen.— In Asien ist die russische Macht zum Stehen gekommen; die Schlappe, welche General Heimann vor Erzerum erlitten, muß sehr empfindlich gewesen sein, wie das aus der amtlichen Depesche der Russen erhellt. Komischer- weise spuken wieder Friedensgerüchte; und eine„ganz zuverlässige Autorität" hat sogar irgend einen diplomatischen Floh husten hören, die Pforte habe den deutschen Gesandten in Consta»- tinopel um die Vermittlung— Bismarcks gebeten. Gut für den„Kladderadatsch". In Constantinopel kennt man den Fürsten Bismarck sehr gut; dafür haben schon die Engländer gesorgt, die, nebenbei gesagt, neuerdings auf den Herrn Reichskanzler gar schlecht zu sprechen sind und kein Blatt vor den Mund nehmen. So erklärte z. B. beim letzten Lordmayorsfest in London der Lord Ober-Richter des vornehmsten Gerichtshofs: Fürst Bis- marck habe mit Rußland eine Allianz zur Theilung der Türkei abgeschlossen.— Bei derselben Gelegenheit hielt der englische Ministerpräsident seine bekannte Rede, in der es eben- falls nicht an ziemlich gereizten Anspielungen auf die Bismarck'sche Politik fehlte. Wie's mit den Friedensaussichten in Wirklichkeit bestellt ist, das erhellt aus folgender Notiz des„Nürnberg-Fürther Sozial- Demokrat" vom 15. d. M.:„Vorgestern Mittag erfolgte vom Würzburger Generalcommando aus nachstehende telegraphische Anfrage bei dem hiesigen quiesc. Generalarzt Dr. Wigand, von deren Wortlaut wir durch einen Zufall Kenntniß erhalten haben: „Würzburg 12. 11. 77., 1 U. 30 M. Nachm.,(in Nürnberg expedirt 2 U. 20 M., Nr. des Telegr. 3374) Herrn Generalarzt Wigand Nürnberg. Ersuche umgehend mitzutheilen, ob Sie pro 1877/78 zur Verwendung im Mobilmachungs- falle als stellvertretender Generalarzt bereit sind? Dr. Müller, Generalarzt."— Herr Dr. Wigand hat zwar wegen vorgerücktem Alter abgelehnt, allein die Thatsache bleibt bestehen, daß man sich auch in Bayern bereit hält, irgendwohin(vielleicht dem russischen„Väterchen" zu Hilfe?) Heerfolge zu leisten.„Das Kaiserreich ist der Friede"!" — Die„Berliner Freie Presse" erfreut sich unausgesetzt der ganz besonderen Aufmerksamkeit„unseres" Tessendorff. So hatte sich am 13. November der seit Mai d. I. in Haft befindliche rühere Redakteur der„Berl. Fr. Presse", Genosse Dolinski, egen mehrere noch schwebende Anklagen zu verantworten.— '*In demselben Tage wurde der gegenwärttge verantwortliche Re- dakteur, Genosse Finke, wegen einer Anzahl gegen ihn schwe- bender Anklagen in Untersuchungshaft genommen.— Ferner \ hat Redakteur Lossau wegen einer angeblichen Beleidigung der Trierer Regierung eine Vorladung auf den 15. Dezember, und einer der Disponenten des Verlagsgeschäfts der„Berl. Freien Presse", Genosse Rackow, eine solche wegen einer Verlags- wendet, dieselben Manöver muß der„Menschendarsteller" von seinem„Pascha der rentirenden Kunst" zum Schaden seines Geldbeutels erleiden._(Schluß f.) — Ein Jubiläum. Dieser Tage war das viertelhundertjährige Jubiläum de? Cölner Communistenprozejses. Verschiedene libe- rale Blätter benutzen die Gelegenheit zu einen, kurzen tendenziösen Rück- blick. Die bc.den überlebenden der damals Berurtheilten:„der rothe Becker", heut reichstreuer Oberbürgermeister von Cöln und Ex-Herren- Häusler, Bürgers, wohlbestallter Fortschrittler und Reichstagsabgeord- ' neter. Von der anderen Seite: Zeuge Hentze, Kassendieb und Selbst« Mörder, Zeuge Mermuth ditto Selbstmörder, der schwörende Stieber mit dem Zipperlein behaftet, aber noch am Leben, in Macht, Reichthum > und Ehren(er ist persönlicher Freund der allerhöchsten Personen). I Man sieht, Herr Stieber ist der einzige dieser Gesellschaft, der bis dato ( kein schlechtes Ende genommen hat. Den braven Daniels, der auf t der„trockenen Guillotine" eines preußischen Mustergefängnisses sein ' Leben lassen mußte, und den unqlücklichcn Nothjung, der Jahrzehnte . lang herumgehetzt ward, bis ihn der Tod zu einem stillen Mann machte, f erwähnt keines der liberalen Blätter in seiner Jubiläumsnotiz. Mir s danken ihnen für diesen Beweis von Schamgefühl. — Die Strafe folgt auf dem Fuße nach. Birchow's Rede in der Naturforscher-Bersammlung in München hat jetzt auch die Anerken- nung des in Zürich erscheinenden„Evangelischen Kirchenblattes" gesunden« — Der„berühmte" Nathan Schlesinger, der intime Freund des Herrn Max Hirsch und Hugo Polke, der bekannte Sozialistenfresser und Gewerkvereinler, derselbe, welcher als Führer der Gewerkvereine in Berlin durch seine Denunziation unsere Parteigenossen Euks und Schmitz zu einem resp. D/z Jahren Gefängniß verhals, ist jetzt ein Führer der conservativ-reaktionä�en Partei in Charlottenburg, wie seine , frühere Freundin, die„Berliner Bolk-zeitung" selbst meldet/ Und was sind wir, wenn wir den braven Nathan als einen unzuverlässigen Pa- tron bezeichneten, von der„Bolkszeitung" und dem„Gewertvereiu" seiner Zeit mit Koth beworfen worden! Und was sind die Festreden, welche Nathan bei den Ortsvcreinssestlichkeiten hielt, von der„Volks- Leitung" und dem„Gewerkverein" bege stert gelobt worden! Und was ist von denselben Organen die Thätigkeit des edlen Nathan, die er gegen die Sozialdemokratie entw ckelt, gelobhudelt worden! Wir wun- verten uns deshalb, daß er nicht mit ül Gera auf dem Antisozialisten- Kongreß war— sollte ihm gar, ihm, dem edlen Nathan, die Gesell- schaft des Hirsch und Consorten nicht gut genug gewesen sein? — Ein Ps-udo- Communard. Im April 1872 ließ sich ein lunger Mann, der sich schon mehrere Tage in der Gegend hatte sehen lassen, vor den Generalpcoknraior von Montauban führen und erklärte, an dem Commune-Aufstand thätigen Antheil genommen zu häbcn. ; angelegenheit gleichfalls auf den 15. Dezember zugeschickt er halten. — Die Strafkammer des Stadtgerichts in Frankfurt a. M verurtheilte am 10. November den früheren verantwortlichen Redakteur des„Frankf. Volksfr.", H. Schäfer und Herrn Kalb- fleisch von Bornheim wegen Beleidigung des Hauptlehrers Anckel zu 2 bezw. 3 Wochen Gefängniß. — Der„Nürnberg-Führter Sozialdemokrat" ist wegen acht Strom er beleidigungen— der Bürgermeister von Nürnberg führt bekanntlich den romantischen Namen Stromer— vor das mittelfränkische Schwurgericht verwiesen worden. — Die am 15. November ausgegebene Nr. 4 der„Zukunft" enthält: Joh. Most. Die Stellung der Gelehrten zur Sozial- demokratte. C. Schramm. Die Werthvorstellung des isolirten Menschen. Zur Gewerbehygiene. Notizen. —„Die Neue Gesellschaft", Monatsschrift für Sozialwissen- schaft. Herausgegeben von Dr. F. Wiede. Das zweite Heft enthält: Die Strömung in der Gesellschaft wider den Sozialis- mus von Dr. A- Dulk(Schluß von II.)— Ueber die natür- liche Zuchtwahl in der menschlichen Gesellschaft von Dr. A. Schäffle.(Scyluß.)— Die medizinische Wissenschaft und die Sozialreform von Dr. Aug. Theod. Stamm.(Fortsetzung und Schluß.)— Plato's Staat von C. Lübeck.(I.)— Von der Ueberproduktion von Dr. F. Wiede.(l.)— Rezensionen und Besprechungen neuer Schriften. Die Freiheit der Wissenschast. Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht Herr Eduard Bertz, früher ein begeisterter Anhänger des Hrn. Dr. Dühring, der- selbe, der das in Nr. 78 des„Vorwärts" abgedruckte Gedicht an Dr. Dühring verfaßt hat, in der„Berliner Freien Presse" folgenden Artikel., den wir hier ohne weitere Bemerkungen zur Kenntniß unserer Leser bringen: So lange über die Wahrheit noch nicht in letzter Instanz entschieden ist, so lange gebietet es die Gerechtigkeit, zur Wür- digung eines Forschers vor Allem seine unverkennbare Gesin- nung maßgeblich sein zu lassen. Man wird dem ehrlichen Schriftsteller, selbst wenn man ihm in mancher Beziehung wioer- sprechen muß, sogar eine gewisse Ausschließlichkeit, einen tyran- nischen Zug nicht verübeln, weil diese mit vermeintlicher Herr- schaft über eine„besitz-untheilbare, absolute uud souveräne Wahrheit" stets in natürlicher Verbindung sind. Aber man wird zweifeln, ob ein solcher Monarch in der Wissenschaft Bürgschaft für freie Pflege derselben gewähren kann; denn ihre Freiheit besteht in der Möglichkeit, für jeden wissenschaftlichen Satz mit den schon vorhandenen in freie, öffentliche Concurrenz zu treten; die Probleme müssen unter sich kämpfen; nicht ein Dogma darf sich die Entscheidung anmaßen. Gegen diese Forderungen hat sich Virchow aufgelehnt, wie- wohl er wissen sollte, daß nicht Einzelne, sondern nur die Menschheit Probleme höchster Art lösen kann, weil der Einzelne zu jeder Zeit einseitig ist. Er hat damit die Bestrebungen seiner Käste bezeichnet, zu deren Domäne er das Forschungsgebiet wie- der machen möchte; aus engherziger Scheu vor dem wahren Fortschritt, welchen der Sozialismus repräsenttrt, hat er das Signal zum Rückschritt gegeben. Sticht aus dem nämlichen Grunde, nicht einmal wissentlich, aber doch thatsächlich tritt nun auch Dühring einer wahren Frei- heit der Wissenschaft entgegen. In den betheiligten Kreisen ist es bekannt, wie ich mich zu seinem hohen, edlen Idealismus ge- stellt, wie ich im Kampf um das Prinzip der Freiheit für ihn gezeugt habe. Aber seine Stellung zu diesem Prinzip hat jetzt andere Formen angenommen, und obwohl ich heute, wie immer, seine überzeugungstreue Gesinnung ehre, muß ich mich für die Freiheit jetzt gegen ihn wenden. Ich habe ihm das schon im persönlichen Gespräche gesagt und denke, daß er dem ehrlichen Gegner verzeihen wird, was dieser für seine Pflicht hält. Dühring's geplanter Verein sollte die Tendenz haben, für Frei- heit der Wiffenschaft zu kämpfen; das war meine Auffassung, als Dühring selbst mich brieflich zur Theilnahme einlud; ich er- wartete von ihm jene siegesgewisse Toleranz, welche einen freien Wettstteit der Geister nicht fürchtet, weil sie auf die Macht der Vernunft vertraut. Da eröffnete mir Dühring:„Wenn Sie mich kennen, so kennen Sie auch den Verein; meine Persön- Er gab vor, Louis Thomas zu heißen, in Lille von unbekannten Eltern geboren und durch eine Reihe von Schicksalen in den Kirchenstaat ver- schlagen worden zu sein. Im Frühjahr 1871 nach Frankreich zurück- gekehrt, um Arbeit zu suchen, hatte er sich wider Willen in den Com- mune-Aufstand verwickelt gesehen, Anfang Mai aber aus Paris glücklich entkommen können, von wo er sich nach Genua begab, hier von Ka meraden bestohlen und so zum Bagabondiren gezwungen wurde. Vor dem Kriegsgericht in Versailles wiederholte das Individuum dieselben Angaben und da in der That ein Louis Thomas auf der Liste der Commune Kämpfer stand, denen nachgespürt wurde, verhängte das Ge- richt trotz einiger nicht unerheblicher Widersprüche zwischen seinen Aus- sagen und den über den Louis Thomas bekannten Einzelheiten die ein- fache Deportation über ihn. Im Mai 1873 ging er an Bord der „Orne" mit anderen Sträflingen nach Neu-Caledonien und verhielt sich da zwei Jahre lang ganz ruhig, dann aber richtete der vermeintliche Louis Thomas an den Marineminister ein Schreiben, in dem er aus- führte, daß sein wahrer Name Jean Joseph Elvi Bizor, daß er von Cahors gebürtig, Sohn eines rechtschaffenen Schulmeisters sei, zwei Jahre als päpstlicher Zuave und dann im deutsch- französischen Kriege als Freiwilliger im 8. Jägerbataillon gedient habe, mit welchem er am 4. Dezember in deutsche Gefangenschaft gerieth. So viel aus seinen Geständnissen hervorgeht, war er nach wie vor ein unruhiger Kopf, der es nirgends lange aushielt. Er war der Reserve zugetheilt worden; als er aber Anfang 1872 einberufen wurde, kümmerte er sich nicht um sein Corps und trieb sich in Pars herum, bis er verhastet und von Brigade zu Brigade nach Cahors geschafft wurde, wo eine einmonat- liche Gefängnißstrafe seiner harrte. Kaum angelangt, riß er wieder aus, allein die Furcht vor den Folgen seines Schrittes ängstigte ihn der- maßen, daß er sich entschloß, den bisherigen Menschen abzustreifen und lieber als Insurgent denn als Deserteur vor einem Kriegs» gerichte zu erscheinen. Vielleicht malte ihm auch sein abenteuerlicher Sinn das Leben in Neu- Caledonien in verlockenden Farben aus und bewoz ihn, das Märchen, das er erfunden, auch dann noch aufrecht zu eihaiien, als die Richter Miene machten, ihn für die Sünden cims LouiS Thomas, von dessen Dasein er keine Ahnung gehabt, büßen zu lassen. So ließ er sich verurtheilen und deportiren; aber das Leben in der Strafcolonie behagte«hm so wenig, daß er schließlich mit der Wahrheil herausrückte. Nachdem die angestellten Untersuchungen die Richtigkeit seiner Angaben darqethan hatten, wurde Bizor nach Frank- reich zurückgebracht und am 7. November erschien er vor dem 3. Pariser Kriegsgericht. Seine Mutter, Schwester und ein Oheim waren von Cahors herbeschieden worden und erkannten ihn sogleich als den seil fünf Jahren Verschollenen, worauf das Gericht seine Identität mit Jean Joseph Elvi Bizor feststellte. Auf freien Fuß konnte er noch nicht ge- setzt werden, da zuerst das irrthümliche Erkenntniß der Revision unter- zogen werden muß. - lichkeit wird die Signatur desselben sein; meinen Standpunkt zu vertreten, ist seine Bestimmung, Anarchie dulde ich nicht." Und so kam ich zu der Ueberzeugung, daß hier nun und nimmer die unabhängige Wissenschaft gepflegt, sondern viel- mehr eine Schule von gläubigen Dühringianern erzogen werden soll, die bestimmt sind, den Ruhm ihres Meisters zu verbreiten. Und dieser Absolutismus wurde mir noch klarer an dem Haupt- Paragraphen der Statuten, daß„zünftige" Elemente, also Pro- fessoren und Docenten, ausgeschlossen sein sollen. Bekämpft man universitäre Mißstände, so bekämpft man die staatliche Bevor- mundung der Wissenschaft; nimmt man aber Männern, die durch ihren Beitritt zu dem Verein ihren Unabhängigkeitssinn beweisen würden, die Möglichkeit dieser Bethätigung einer tüchtigen Ge- sinnung, so streitet man gegen Personen, anstatt gegen ein Prin- . zip und macht sich dadurch der Ungerechtigkeit schuldig. Die Sozialdemokratie soll sich dessen bewußt sein: daß ihr Kampf vor Allem gegen das Prinzip geistiger Unterdrückung, welches die Systeme der Regierung leitet, gerichtet werden muß. Diesen Kampf schlägt sie mit Hilfe der Wissenschaft und die Wissenschast steht in ihrem Dienste; denn die Sozialdemokratie ist Sache der Menschheit und die Wissenschaft hat den Beruf, das Leben der Menschheit zu veredeln. Geistige und soziale Freiheit fördern sich gegenseitig: keine kann von der andern un- abhängig sein. — Herr Dr. Dühring veröffentlicht in gegnerischen Blättern folgende Erklärung. Im Publikum und in mehreren Zeitungen sind in diesen Tagen unrichtige Mittheilungen ungefähr des Inhalts verbreitet worden, daß ich mich von der Sozialdemokratie losgesagt hätte. Dies kann einfach schon deswegen nicht der Fall sein, weil ich noch nie einer politischen oder wirthschaftlichen Partei und daher auch nicht der sozialdemokratischen angehört habe. Wie ich meine übrige Unabhängigkeit, also die von Kirche, Staat und Gelehrtenzunft, stets gewahrt und sie mit schweren Opfern durch mein ganzes wissenschaftliches Leben hindurch bis zu diesem Augenblick behauptet habe, so ist es mir auch nie:n den Sinn gekommen, mein selbstständiges Forschen und Denken von den Rücksichten auf eine Partei abhängig werden zu lassen. Schon seit Jahren sind es grade die Professoren gewesen, die mich mit Vorliebe für einen sozialdemokratischen Agitator aus- gaben und ausgeben ließen, weil sie hierin das auf der Unioer- sität zugkräftigste Mittel zu finden glaubten, mir die Zuhörer abspenstig zu machen. In früherer Zeit hatten sie mit der Parole, ich wäre als Lehrer unpraktisch und für die Studenten zu hoch, auszukommen versucht. Als dies aber durch die That dementirt war, malten sie die Sozialdemokratie an die Wand. Bei Gelegenheit meiner Vertreibung von der Universität kam das an die Wand Gemalte nun wirklich. Die Studentenbewegung war freilich ohnedies entstanden und im Gange; aber eben deswegen griff ein Theil der Sozial- Demokratie zu, um die Angelegenheit nach ihrer Auf- fassung und nicht etwa nach der meinigen, weniger für die Freiheit der Wissenschaft, als für die politischen Agitationszwecke der Partei zu benutzen. Ueberdies war der Augenblick für die Sozialdemokratie und noch mehr für die zu ihr gehörige Halbwelt von Personen günstig, die bei dieser Gelegenheit sich wichtig zu machen und zum Theilt auch zu profitiren gedachten. Es hatte nämlich ein Reicher oder gar Millionär bedeutende Summen der Sozialdemokratie zur Verfügung gestellt und zwar zunächst für eine Zeitschrift, dann aber auch das zur Gründung einer sogenannten freien Univer- sität Erforderliche angeboten. Aus diesem Topfe dachtm auch schon Manche zu schöpfen, die gar nicht offen zur Partei, ja nicht einmal zu ihren zuverlässigen Hülfselementen gehören. Indessen fehlte bei Alledem zu dem Millionär des Geldes der Kapitalist des Geistes. Auf meine Sache und meinen Namen sollte das Geschäft in Gang ge- bracht werden. Ich habe aber von vornherein jede Bethei- ligunz, sei es mit Zeitschriftsartikeln oder mit Vorträgen, ab- gelehnt. Ich mußte dies thun, sowohl um die Freiheit meiner ivisscnschaftlichen Ansichten zu wahren, als auch, weil ich wußte, daß bei den in Frage kommenden Personen und auch bei einzelnen Hauptinhabern der Leitung der Sozial- demokratie nicht die geringste Theilnahme für mein wissenschaftliches Streben vorhanden war. Alles war sichtlich darauf angelegt, mich blos auszunutzen. Dazu kam noch, daß grade die Professoren selbst darauf hingearbeitet und in dem Sinne geschürt hatten, daß meine Sache sozialdemokratische Parteiangelegenheit werden sollte. So nämlich gedachten sie vor ihrem Publikum gegen mich einen Scheingrund mehr zur Ber- fügung zu haben. Wie aber die Sozialdemokratie oder vielmehr einzelne ihrer Führer und einzelne zu ihrer Halbw elt ge- hörige Personen, die mir alle jene Anträge gemacht hatten, in Wahrheit gegen mich gesonnen gewesen sind, hat sich nunmehr auch handgreiflich für das Publikum erwiesen. Anstatt mich ineinen eigenen Weg gehen zu lassen, sind diese Leute bei der Bildung meiner wissenschaftlichen Bereinigung, zu der ich nur die Freunde meiner Bestrebungen öffentlich eingeladen hatte, feindlich und zwar mit falschen Unterstellungen gegen mich in der Absicht aufgetreten, die Unternehmung womöglich zu hinter- treiben. Sie haben mir despotische Ansprüche insinuirt, während ich das grade Gegentheil vertrete, uämlich die Freiheit der Wissenschast in jeder Beziehung, also auch diejenige von den Zumuthungen jeglicher Partei und von den zugehörigen advoka- torischen Fälschungen. Gleichzeitig mit den Sozialdemokraten hatten sich auch Leiter schutzzöllnerischer Organe gemeldet, um mich für ihren Parteidienst zu gewinnen. Ich habe beides ab- gelehnt. Wenn ich nun in sozialdemokratischen und in schütz- zöllnerischen Organen beschimpft werde, so ist dies nur eben so ein Zeugniß für meine Unabhängigkeit wie mein sonstiges Ein- treten für die Verbesserung der Wissenschast und Bildung. Berlin, 13. November 1377. C. Dühring. Wir haben zu diesem Schriftstück, das uns nicht überrascht hat und das wahrhaftig keines Commentars bedarf, nur eine klarstellende Bemerkung zu machen. Herr Dr. Dühring spricht von einem„Geschäft", das aus dem„Topfe" eines„Millionärs des Geldes" begründet werden sollte, und zu dem man ihn(Dr. Düh- ring) als„Kapitalist des Geistes" habe gebrauchen wollen. „Auf meine Sache und meinen Namen sollte das Geschäft in Gang gebracht werden." Falls Herr Dühring, in dessen Kopf Menschen und Dinge sich gar wundersam abspiegeln, unter ftag- lichem„Geschäft" etwa die„Zukunft" verstanden haben sollte, 10 hätten wir dem gegenüber zu erklären, daß die Befürchtungen des Herrn Dr. Dühring durchaus unbegründete waren, was bei- läufig Herr Dr. Dühring sich selbst hätte sagen können, da ja „bei den in Frage kommenden Personen und auch bei einzelnen Hauptinhabern der Leitung der Sozialdemokratie nicht die geringste Theilnahme" für sein(Dr. Dührings)„wissenschaftliches Streben vorhanden" war. Wir können versichern, daß niemals irgend eine der„in Frage kommenden Personen" daran gedacht hat, Herrn Dr. Dühring die Leitung der„Zukunft" oder irgend eines anderen Parteiunternehmens direkt oder indirekt zu über- tragen. Warum nickt, das ist in den Engels'schcn Artikeln mit genügender Deutlichkeit gesagt. Und damit märe dieses Jnzi- denz für uns erledigt. Correspondenzen. Aerkin, 11. November. Unser hiesiges Parteiorgan schreibt: Aus der in Folge des Dühring'schen Conflictes mit der Ber- liner Universität von einer Anzahl Studirender und anderer Betheiligten projeftirten„Freien wissenschaftlichen Vereinigung" hat sich nach dem Ergcbniß der Versammlung vom Freitag Abend eine„Akademie Dühring" entpuppt. In einem einleitenden kurzen Vortrage sprach Herr Dr. Dühring über die Nothwendigkeit der Fernhaltung des Einflusses der po- litischen Parteien in der Wissenschaft. Er führte aus, daß die politischen Parteien nur Theil- und Gruppen- Ansichten vertreten und ihre Einsichten oft durch die Absichten getrübt werden. Die Verhältnisie der Parteien bedingten eben so oft, sogar zur ab- sichtlichen Entstellung und Fälschung zu greifen. Die Wissen- schaft aber müsse über den Parteien stehen, und dürfe sich am allerwenigsten unter die Taktik der Partei stellen. Die Verbin- dung der Wissenschaftsvertreter mit der Partei sei eine der schlimmsten Kreuzungen und führe meist dahin, daß sich unbe- deutende Menschen einen Ruf zu verschaffen und zu erhalten wüßten, der ihnen nicht gebühre. Die Wissenschaft bedarf keiner künstlichen Mittel, um zur Geltung zu gelangen, wohl aber Lickt und Luft und Verbreitungsmöglichkeit. Und in diesem Sinne solle die heute zu gründende„Gesellschaftliche Vereini- gung zur Befreiung der Wissenschaft und Modernisirung der Bildung" ihre Wirksamkeit entfalten.— Das hierauf zur Ver- lesung gelangende Statut enthält 12 Paragraphen, von denen wir die bezeichnendsten mittheilen. Vorerst sollen aus der Ver- einigung alle sich an zünftlerischen Universitäten befindlichen Do- cmten und Professoren ausgeschlossen bleiben. Alle acht Tage würden zunächst Vorträge mit Discussion und Frage-Beantwor tu»g, vor Allem über natur- und culturgeschichtliche Thematas stattfinden, in welchen Rahmen auch die Politik als Wissenschaft gehöre. Die Bildung einer besonderen Frauen-Sektion ist vor- läufig unterlassen worden, weil Herr Dühring für diesen Win- ter auch noch anderwärts beschäftigt ist. Der Jahresbeitrag be- trägt 8 Mk., für Unbemittelte 5 M., Freunde der Vereinigung können als Gäste gegen ein Extra-Entree zu den Vorträgen zu- gelassen werden.— Für Swdirende beträgt der Jahresbeitrag nur 6 Mk., und werden dieselben nicht in die Listen der Ber- einigung eingetragen, haben aber den Bestimmungen der letzteren nachzukommen. Die Vereinigung als Ganzes hat das Recht, Mitglieder, welche gegen das Statut handeln oder wegen Aus- schreitung in der Diskussion auszuschließen. Für die Aufrecht- erhaltung der Statuten sind die Begründer(Herr Dühring und Herr Studiosus Döll) verantwortlich, jedes Mitglied verpflichtet sich, darüber mit ihnen zu wachen. Die Vereinigung als Ganzes ist zugleich Comitö, Vorstand, sie ist ein Vertrag zwischen den Begründern und den Mitgliedern. Alljährlich findet der Ge- sammtvereinigung gegenüber Rechnungslegung statt.— Aus der sich an diese Mittheiluug anknüpfenden kurzen Debatte ist ein persönlicher Zwischenfall von besonderem Interesse. Ein ftü- herer Verehrer des Hrn. Dühring trat gegen denselben auf, in- dem er die von dem letzteren ihm gegenüber kürzlich gemachten Zlcußerungen anführte, wonach diese Bereinigung nur seinen Ses Dr. Dühring) Charakter und Stempel tragen und er keine narckie in dem Verein dulden werde. In der hierauf folgen- den hämischen und beleidigenden Antwort äußerte Hr. Dühring ganz unverholen:„Ich will lieber gar keine Vereinigung, als bei einer solchen mein Prinzip aufgeben."— Nach noch einigen anderen Bemerkungen über einzelne Punkte des Statuts erklärte Hr. Tühring die Vereinigung als gegründet und forderte zur Einz-ichnung in die Listen hier oder bei Hrn. Döll auf.— An- wescnd waren in der Versammlung ca. 120 Personen, worunter 10 bis 12 Frauen. Die Einzeichnungen waren nur sehr geringe, die gute Meinung eines großen Theiles der Anwesenden für die neue Unternehmung hatte offenbar eine arge Enttäuschung erfahren. Die Lebensfähigkeit derselben bleibt demnach erst ab- zuwarten. Kamöurg. In Bezug auf die auch in der Nummer 133 des„Vorwärts" von uns gebrachte Correspondenz hat Herr Julius Schulze an die Redaktion des„Hamburg-Altonaer Volks- blattes" folgende Zuschrift gerichtet: „Mit Gegenwärtigem richte ich die Bitte an Sie, von Nach- stehendem in Ihrem Blatte Notiz nehmen zu wollen. Es ist wahr, daß voriges Frühjahr, gelegentlich eines in Meerane von mir gehaltenen Bortrages, das dortige sozialdemo- kratische Blatt die Meldung brachte, ich hätte mich als„Atheist" kundgegeben. Ebenso richtig ist es aber, daß dasselbe Blatt in seiner nächsten Nummer der Wahrheit gemäß anerkannte, ich hätte umgekehrt den Atheeismus, als das eigentliche unterschei- dende Kennzeichen der Sozialdemokratie, auf's Lebhafteste be- kämpft. In der That ist das von jeher mein Standpunkt ge- Wesen, da kann es mir daher nicht gleichgültig sein, mir gerade dasjenige angedichtet zu sehen, was ich als den Ausgangspunkt der von mir bekämpften Richtung stets angesehen habe und heute noch ansehe. Indem ich darauf rechne, daß Sie auch ohne Zwang auf dieses mein einfaches Ersuchen hin der Wahrheit die Ehre geben werden, zeichne ich mit geziemender Achtung Jul. Schulze." Unier Hamburger Parteiorgan bemerkt dazu:„Gewiß; wir wollen Herrn Schulze dazu verhelfen, sich den Ruf der„Frömmig- keit" wieder zu veroienen. Wir wünschen ihm auch die„ewige Seligkeit", wenn er uns verspricht, uns„drüben" mit seinen langweiligen Kulturpauken zu verschonen." Aüllekdors. Am 5. November tagte im Kaisersaal unserer Tonhalle eine stark besuchte Versammlung von Katholiken aus Rheinland und Westfalen. Zweck derselben war die Ab- sendung einer Adresse an den Kaiser sowie einer Petition an das Abgeordnetenhaus um Aufhebung der Maigesetze. Neues brachten die zungenfertigen Kämpfer für„Wahr- swB»u verbessern' Die Börsenspekulanten, welche doch gerade be!m heit, Freiheit und Recht" Nicht vor. Ein Dr. Urfey aus Cre- Bergbau mit ihrem Aklienschwindel das Feit von der Suppe schöpfen, seid, der die Schulfrage behandelte, konnte es nicht unterlassen, sind stets einig gewesen und fragten nicht darnach, ob Christen oder seine Zuhörer mit dem rothen Gespenst, das man durch confes Juden, Liberale, Reaktionäre oder Fre-maurer die Ausbeutung besorgten. Üonssose Schulen heraufbeschwöre, gruseln zu machen und suchte Aber das arbeitende Volk möchten sie in steter Zwietracht sehen, damit ferner zu beweisen, daß auch das Rechnen confessionell gelehrt-s nie mächtig werde- Nun wohl, wir verfolgen einen durchaus ge. werden könne, denn wenn ein Lehrer seinen Kindern vordemon- rechten Zweck: dak°cinc cbrcnbattr SÄ vSAiiSüfa? b- Lfar"?-» iää niogltch sei, daß drei Personen blos einen Gott bildeten, so rege nieder s:eig?n— und das geschieht jetzt— die heruntergedrückten Ar- dies die Kinder zum Denken an und dies passe ihm durchaus beitslöhne entsprechend gesteigert werden. Damit erstreben wir Nicht nicht.— Diesem Redner folgte ein Herr Klein, Domkapitular nur unserer Familie Wohl, sondern auch ein sittliches Ziel, denn nur aus Paderborn, der sich bitter beklagte, daß sein Vorredner be- dann, wenn das Volk menschenwürdig existirt, kann dem Verbrechen reits Alles gesagt habe, was er habe sagen wollen; er giebt jedoch als Ersatz einige Kalauer zum Besten und schließt mit der Ermahnung,' man möge seine Kinder für das„Himmelreiche erziehen.— Dr. Diel(Kaiserswerth) beschreibt die traurige Lage der katholischen Kircke in Preußen in Folge des Kulturkampfes und ermahnt zum Ausharren im Kampfe. Derselbe führte auch unter Anderm aus, daß trotz des„Brodkorbgesetzes" noch kein Geistlicher verhungert sei noch verhungern werde. Uebrigens sei die Religion die beste Schutzwehr gegen die Verwilderung und Entsittlichung Nachdem noch einige Redner über die Frage, ob eine Pett- tion überhaupt von Nutzen sei, da sie doch voraussichtlich in den Papierkorb wandere, gesprochen hatten, erhielt das Wort zum Schluß Herr Kaplan Schmitz(Düsseldorf). Sein Vortrag athmete nur Liebe. Man solle den Liberalen beweisen, daß die Maigesetze nicht geeignet seien, Vaterlandsliebe zu erzeugen dann würden sie gerne nach Canossa gehen. Der Staat dürfe nicht eifersüchtig sein auf die Liebe des Volks zur Kirche. Wolle der Staat Vaterlandsliebe erzeugen, so möge er aus dem un- endlichen Quell der christlichen Liebe schöpfen, und dieser Quell sei allein die Kirche. Virchow habe diese Liebe der Kirche neulich in einem Vortrage über das Hospital San Spirito in Rom anerkannt, er möge nur weitere Studien machen, und wenn er nicht nach dem Canossa der Buße gehen wolle, so möge er nach dem San Spiritu der Liebe gehen und sagen: ich habe mich geirrt, ich hielt dich, Kirche, ftir eine Feindin des Staats und du bist die Königin der Liebe.— Virchow mag also nur kommen, die liebevolle Umarmung der Schwarzen ist ihm gewiß. Die Versammlung nahm noch zwei Resolutionen betreffs der Petttion an, telegraphirte an den Papst und ward dann ge- schloffen, worauf sich das Publikum entfernte. Aber am Aus- gang stand der böse Feind und säete Unkraut unter den Waizen. Ein„unbekannter Mensch" vertheilte nämlich emsig an die sich Entfernenden ein Gedicht, das auch von mir unbesehen einge- steckt wurde und bei späterer Besichtigung sich als— Anti- Syllabus auswies. Ob dieser Frevelthat bricht.unser„Volks- blatt" nun in folgendes Wuthgeheul aus: „Als am Montag Abend das Publikum, welches der impo- santen Katholiken-Versammlung beigewohnt hatte, die Tonhalle verließ, vertheilte am Ausgang ein unbekannter Mensch eine versificirte Sudelei, die den Titel:„Anti-Syllabus" trägt. Das traurige Machwerk zieht nicht etwa blos den Katholicismus, sondern das gesammte Christenthum in den Koth, schimpft in gemeinster Weise gegen Thron und Altar und hetzt mit cymschem Wohlbehagen gegen die sogenannten besitzenden Klassen. Wenn wir des säubern Elaborats hier gedenken, so geschieht es nicht etwa, um die Katholiken vor dieser Ausgeburt sozialdemo- kratischer Rohheit zu warnen; einer solchen Warnung würden unsere Parteigenossen gar nicht bedürfen, da sie in religiöser, sozialer und politischer Beziehung viel zu gut unterrichtet sind, als daß derartige Sottisen irgendwelchen Eindruck auf sie machen könnten. Wir bezwecken vielmehr mit dieser Notiz nur einen kleinen Beitrag zur Charakteristik unserer deutschen Sozialdemo- kratie zu liefern, die, wie aus dem vorliegenden Falle wieder deutlich hervorgeht, sich in literarischen Leistungen gefällt, welche ganz den Thaten ihrer Pariser Brüder entsprechen, jener so- zialdemokrattschen Canaille, die während ihrer kurzen Herrschaft im Frühjahr 1871 wehrlose Geistliche und friedliche Bürger er- mordete, die selbst die Sittlichkeit unreifer Kinder nicht schonte und nach Herzenslust stahl und zerstörte." Ja, ja, die bösen Sozialdemokraten! Dem edlen Verfasser dieses Sudelbreies von Schimpfwörtern und Lügen wollen dem Vernehmen nach die Parteigenossen hier in einer demnächst abzuhaltenden Versammlung, zu der das wackere Pfäfflein eingeladen werden soll, Gelegenheit geben, sein Talent im Schimpfen und Lügen nochmals zu bethätigen, wenn er den Muth dazu haben sollte. chera, 11. November. Gestern tagte hier im„Kaisersaale eine von circa 2000 Personen besuchte Volksversammlung, in welcher der Reichstagsobgeordnete Hasenclever über die Neuwahl zum Landtage, welche bekanntlich am 19. November statt- findet, unter großer Aufmerksamkeit und allgemeiner Anerkennung referirte. Es waren zahlreiche Fortschrittsleute und National- liberale anwesend. Trotzdem dieselben wiederholt aufgefordert wurden, gegen Hasenclever das Wort zu ergreifen, hüllten sie sich in tiefes Schweigen. Dies Verhalten war um so merkwür- diger, als einige Wochen vorher auf dem„antisozialistischen Cow gresse" zu Gera der stolze Beschluß gefaßt worden ist, in jede bedeutenoe Volksversammlung, welche von den Sozialdemokraten einberufen werde, schlagfertige Redner zu senden, um die„hohlen Phrasen" der sozialdemokratischen Agitatoren zurückzuweisen. Diese Volksversammlung war nun die erste große Versamm- lung, die nach dem„Congresse" in Gera, in der Brutstätte der Antisozialisten, stattfand; schlagfertige Redner: Redakteur War- tenburg, dann der zweite Vorsitzende des Congresses, Lehrer Förster, waren zur Stelle, und dennoch— tiefes Schweigen. Man sieht, daß auf den Antisozialisten- Congreß der Spruch trefflich paßt:„Biel Geschrei und wenig Wolle." An die Bergleute von Rheinland und Westphalen. Kameraden! Es ist an der Zeit, daß wir unsere Zersplitterung und Uneinigkeit fahren lassen und mit Ernst gemeinsam eine Verbesserung unserer Lage anstreben; es darf in Zukunft von uns nicht mehr das Wort gelten: wenn drei Deutsche zusammen sind, streiten sich zwei von ihnen, sondern wir müssen unser und unserer Familie Wohl fest im Auge halten und demgemäß handeln. Als der Gründer- und Börsen- schwinde! blühte, da hat man nicht darnach gefragt, ob die Bergleute, weiche doch die werthvollsten Schätze unter Lebensgefahr und mit Müh- sal aus der Erde holen, ein menschenwürdiges Dasein hätten, aber als die Geschäftsstockung eintrat, da hieß es sogleich, die Arbeitslöhne müssen herabgesetzt werden, damit die Dividende nicht geschmälert zu werden brauche. In letzter Zeit hat sich das Geschäft bedeutend gebessert, die KohUnpreye sind in stetem Steigen, aber Niemand will den Bergleuten zugestehen, daß sie nun berechtigt seien, einen Theil der Lohnabzüge durch Verbesserung ihres Einkommens wieder einzubringen; solches Ver- langen nennt man vielmehr„übermäßige Forderungen". Ebenso wird jever von Euch Kameraden wissen, wie noth eS thut, die Kuappschafts- lassen zu regeln, damit wir Bergleute unsere Kranken und Invaliden mit unseren sauer verdienten Groschen so unterhalten, wie wir es für gerecht erachten und keiner Bevormundung unterliegen. AlleS dieses sind Zustände, welche uns gebieterisch zurufen, daß wir jetzt allen Zwist und Streit fahren lassen müssen, um gemeinsam einen großen Bund zu schließen und auf friedlichem und durchaus gesetzlichem Wege unsere und Verderben, welches die Roth mit sich bringt, kräftig entgegen- gearbeitet werden. Kameraden! Es ergeht der Ruf an Euch: Bereinigt Euch! Unser Bund soll nur die oben vorgesteckten Ziele verfolgen. Alle politischen und religiösen Fragen sollen von ihm gänzlich ausgeschlossen sein, denn nur dann, wenn wir Alle einig sind, können wir etwas er- zielen. Der Katholik, sowie der Protestant haben die gleiche Pflicht, dafür zu sorgen, daß ihre Familien Brod haben und ein sittliches Leben führen können. Es sind in letzter Zeit allerdings schon vielfach ver- einzelte Versuche von den Belegschaften einzelner Zechen gemacht wor- den, ihre Lage zu verbessern. Aber dies kann nie auf die Dauer nützen, denn gerade die vereinzelten Versuche bewirken, daß die Direftionen'eine Arbeitseinstellung herbeiführen und die alte Belegschaft durch fremde Arbeiter zu ersetzen suchen. Nur dann, wenn wir einen großen Bund der Bergleute schaffen und gutverwaltete Kassen haben, dann bilden wir eine Macht, welche mit gerechten Forderungen auch durchdringen wird. Niemand sage, daß die Arbeit zu schwer sei; wenn wir nur redlich wollen, daß es besser werde, dann kann das große Werk der Einigung nicht fehlschlagen. Die vielen Hunderttausende von Bergleuten in Deutsch» land bilden aber vereint eine solche Macht, daß sie alsdann durch ihren Einfluß auch ohne Arbeitseinstellung Bielles erringen können. Käme- raden! Um dieses Ziel zu erreichen, findet Sonntag, den 18. No vember, Hierselbst im„Städtischen Garten" eine Versammlung statt, wozu wir die Bergleute von Rheinland und Westphalen zur zahlreichen Betheiligung einladen. Glückauf Kameraden! Essen, im November 1877. Mehrere Bergleute. Briefkasten der Redaktion. A. S. in Bromberg: Die Sette der„LammelS- brüder" ist uns gänzlich unbekannt. Betreffs Beantwortung der drei anderen Fragen w-nden Sie sich an die Redaktion der„Berliner Fr. Presse", Kaiser-Franz-Grenadier-Platz 8a.— F. R. in Hof: Die Adr. des Colporteurs lautet: M. Kuchenreiter, Fabrikzeile 733. Quittung. Ullrch hier Ab. 5,40. Trst Klein-Zschocher Ab. 5,40. Kfmnn Bludenz Ab. 4,80. Dvque Bieberich Sehr. 5,00. Schfr Gohlis Ab. 6,40. Stmmr hier Ann. 2,70. Brgmr Seesen Ab. 2,00. Bllr Ueberlingen Ab. 2,30. Kls Magdeburg Ab. 12,00. Schrdr Plagwitz Ab. 3,00. Strbl Zwickau 134,90. Mhrs Hanau Ab. 21,60. Mllr Reichenbch Ab. 20,00. Arbeiterverein Meran Schr. 9,61. Jnchn Brims Ab. 4,35. A. Wgg Linz Ab. 8,50. Grd Stötteritz Ab. 8,00. Mrkvc Pancsowa Ab. 7,20. Exped. der„Tagwacht" Zürich Ab. 150,00. Wß Goldlauter Schr. 12,00. Hß Sonneberg Schr. 10,00. Rdlf Han-- nover Ab. 200,00. Fonds für Gemaßregelte. Bon E. Sch. Werdau 1,05. Anzeigen tc* Annoncen für die Mittwoch S-N«mmer müssen bis Mon- tag Vormittags 9 Uhr; für die Freitag S-Nnmmer bis Mitt- woch-Bormittags 9 Uhr; für die SonntagS-Nommer bis Frei- " Uljr hier sei«, wenn so" tag Bormittags 9 Uljr hier sein, wenn solche«och bestimmt Aufnahme fi« jbeliegt, oder, tonnen eine Aufnahme nicht finden. Aufnahme finden sollen. Annoncen, denen der Betrag nicht jbeliegt, oder für welche der Einsender kein Depot bei unS hat, 3. Hamburger Wahlkreis. Sonntag, den 18. ds. Ms., Vormittags 11 Uhr Mg. Mitglieder-Äerfammlimg. im„Englischen Tivoli", St. Georg. 90) E. B reu et. Arbeiterbildungsverein. Sonntag, den 18. November, in der„Moritz- bnrg" in Gohlis: Abendunterhaltung der Sänger. Einlaß 4 Uhr. Anfang 5 Uhr. Die Mitglieder und Freunde des Vereins ladet freundlichst ein 2,40] Ter Borstand. Wichtig für jeden Geschäftsmann»nd Gcwerbsgehilfen! Bei Sturm u. Koppe in Leipzig erschien und ist durch die Expe dition des vorwärts" zu beziehen: Rathgeber für Gewerbtreibende. U�/ehr?."'?5m Selbststudium für diejenigen, welche in der Rechtschreibung nicht fest sind. 2) Briefsteller, welcher über 400 Briefmuster für die Gewerb- treibenden und außerdem alle nur ocnkbaren Verträge, Dokumente, Ge- schäftsaussätze, Klagschriftcn:c. enthält, die bei dem Gewerbstande vor- kommen. Es ist dadurch Jedem leicht gemacht, seine schriftlichen Ar- beitcn nach diesen Mustern anzufertigen. 3) Buchhaltung. 4) Fremd- wörterbnch. 5) Samml. v. Gelegenheitsgedichten. 6) Die für Gewerbtreibende wissensnöthigstcn Reichsgesctzc. 7) Notizen über Gold-, Silber-«. Papiergeld, mit Werthanqabe des Geldes aller Staaten. 8) DaS neue Maaß- u. Gewichtssystem v. Deutschland und allen Staaten der Erde. 9) Brief-, Packet- u. Depeschen- Portotarif. 10) Statist. Nebersicht aller Länder der Erde. 11) Ortsbeschreibung der vorzügl. Städte von Deutschland, Oester- reich, der Schweiz?c. 12) Reiserouten durch Deutschland, Oesterreich, die Schweiz-c. 131 Der Schnellrechner beim Ein- u. Verkauf. 14) Das Reichsstrafgesebbuch. 3 verb. Aufl. Pr. broch. 4 M.. geb. 4>/, M.(600 Alle Gewerbtreibenden machen wir auf dieses nützliche Werk ganz besonders aufmerksam, und dürfte sich dasselbe wegen seines dauernden Werthcs als Festgeschenk eignen. Neue Welt Heft 2 Jahrgang HL(mit dem 1. Oktober a. e. beginnend) ist versandtfertig und wird nur auf ausdrückliche Bestellung geliefert. Wir bitten also, rechtzeitig Nachricht hierher zu geben. Leipzig, den 27. Ottober 1877. Die Expedition der„Neuen Weltt'. Färberstr. 12. ll. Prachtvoll und solid gearbeitete Einbanddecken 1876 U. 77 (Goldpressung) für die „Neue Welt" � sind in Schwarz a Stück M. 1,20, in Roth M. 1,50 gegen baar oder Nachnahme durch die Buchbinderei von H. Jansen, Leipzig, UniverfitätS,traße 16 zu beziehen. Colporteure und Filialexpeditionen erhalten bei Partiebezug entsprechenden Rabatt. Porto zu Lasten der Empfänger. NR. 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