Erscheint in Leipziz mtto»«, Jieitog, Sonntag. tibouaement-Preis Sät«„i'j TtnNch:°nd 1 M. S« W. pro Quartal. Monais- Abonnements »erden bei allen deutschen Postanstalten den 2. und 3. Monat, und auf den r Mona! besonders angenommen: im srttiigr. Sachsen und Hcrzoglh. Sachsen- Altenburg auch aus den iten Monat des Quartals k 54 Psg. Inserate betr. Bersammlat'?n»r, Petitzeile lvPs,, »en Priratang n heilen und Feste pro Peti:, iO Ps. Vorw ärts ZlesieUungen ' nehmen an alle Postanstalten und Buch. Handlungen des In- u. Auslandes, Filial- Expeditionen. New-Porl: Soz.-deinolr, Genostcn- schaftsbuchdruckerei, 154 Qillrillgs Str, Philadelphia: P. Hab, SSV diortlr Z-a Slooet, I. Voll, 112» Qdarlotts Str. Hoboken N.J.; F. A. Sorge, 215 Wash- ington Str. Chicago: A. Lanfermann, 74 Oi�ourve»ve. San Franzisco: F. Entz,«s 0'?arroII Str. London W.: E. Henze, 2 Nov fc Golden Square. Hentrat Hrgan der Soziatdemokratie Deutschtands. Nr. 138. Freitag, 23. November. 1877. Des heutigen sächsischen Feiertages(Büß- tages) halber fäbl die nächste Nummer des „Vorwärts" aus. Als Ersatz werden wir den Lesern an: nächsten Mittwoch eine Doppelbeilage geben. Die Grund- und Bodensrage (Schluß.) Daß bei Gartenbau, bei Weinbau u. s. w. der Acker Land im Kleinbetrieb mehr Ertrag liefert als bei gewöhnlicher Land- wirthschaft der Acker Land im Großbetrieb, das ist allerdings eine„bekannte Thatsache", aus der indeß nur ein— Birnbaum den allgemeinen Schluß ziehen kann, der Großgrundbesitz sei weniger erträglich, als der Kleingrundbesitz. Uebrigens wird der Garten- und Weinbau mehr und mehr von dem Großkapital annektirt— man ftage blos unsere Handelsgärtner und Wein- dauern. Wir wollen auch nicht bestreiten, daß ein Kleinbauer, wenn er seine paar Morgen Land mit Aufbietung aller Kräfte bewirthschaftet, auf den Morgen mehr ernten kann, als der Durch- schnittsertrag eines Morgens Land bei Großbetrieb ausmacht, aber dieses Resultat kann er nur auf Kosten seines eigenen Selbst erlangen: der Mann wird dem Land geopfert, er arbeitet sich und seine Familie bankrout, mager und todt, um seine Aeckerchen fett zu arbeiten. Durch übermenschliche Anstrengungen verniag das eine oder andere Individuum momentan, für einige Zeit, die ökonomischen Gesetze, die Folgen der Concurrenz scheinbar aufzuheben, allein eben auch nur scheinbar. Im Großen und Ganzen machen sich dieselben mit unwiderstehlicher Kraft geltend— die Ausnahmen rächen sich und beweisen nur die Regel. Der Abgeordnete von Ludwig(Centrum) hat dies eingesehen und liest seinem Collegen Sombart den Text. Er ist zwar„mit dem Abgeordneten Sombart darin einverstande«, daß man den sogenannten kleinen Grundbesitz erhalten und eventuell erweitern müsse, soweit die erforderlichen Materialien vorhanden seien. Einzelne Behauptungen derselben erklärt er jedoch für unrichtig. So sei es durchaus falsch, daß der Großgrundbesitz nicht im Stande sei, eben so billig zu wirthschaften wie der Bauer. Das sei schon a priori unrichtig. Denn der Arbeiter arbeitet für den Bauer nicht billiger als für den Groß- gruudbesitzer. Es seien aber gewichtige Momente vorhanden, welche dafiir sprechen, daß der Großgrundbesitz im Gegentheil billiger produzirt, als der kleine Grundbesitz. Bei der Industrie sei es eine anerkannte Thatsache, daß die große Fabrikation und die großen Etabliffements billiger arbeiten. Warum sollte es bei der Landwirthschaft anders sein?' Es liege auf der Hand, daß man alle Vortheile bester ausnutzen und namentlich viele Detailarbeit sparen könne, wenn man ein großes Ganzes zu dirigiren habe. Sodann glaubt Redner auch der Behauptung widersprechen zu müssen, daß es unökonomisch sei, große Acker- ? trecken Jahre lang unbepflanzt liegen zu lassen. Solche Strecken eien durchaus nicht als todt zu betrachten, da sie als Weide für Schafe und Rindvieh einen ganz erheblichen Nutzen bieten. Was die Parzellirung anbetreffe, so möge man dieselbe in solchen Gegenden vornehmen, wo es viele Menschen gebe. In den Ge- genden, wo dies nicht der Fall sei, möge man den Großgrund- besitz ungeschmälert lassen." Die letztere Bemerkung des Herrn von Ludwig ist durchaus unstichhaltig: sie schlägt den Thatsachen geradezu ins Geficht: England ist das dichtstbevölkerte Land in Europa, und in England herrscht ausschließlich der Großgrundbesitz. Das Gegentheil des von Herrn v. Luvwig Gesagten ist wahr: da der Großbetrieb größeren Ertrag liefert, also mehr Lebens- mittel erzeugt als der Kleinbetrieb, so ist folglich ein Land mit Großbetrieb auch im Stande, eine größere Einwohnerzahl zu ernähren als ein Land mit Kleinbetrieb— natürlich gleiche Rationalität des Betriebs vorausgesitzt. Wenn die Bevölkerung?- zahl eine gewisse Höhe erreicht hat, wird aus diesem Grunde der Kleinbetrieb sogar einfach unmöglich, und der Großbetrieb zur absoluten Nothwendigkeit. Nach v. Ludwig sprach Miquel. Das ehemalige Mitglied des Communistenbunds, welches ioter pocnla(beim Glase) prinzipiell" seinen Jugendanschauungcn treu geblieben zu sein be- hauptet, konnte die communistische Vergangenheit nicht völlig verleugnen und trat ebenfalls dem Herrn Sombart entgegen: „Ich glaube nicht, daß der Abgeordnete Sombart hat behaupten wollen, der Kleinbesitzer arbeite unter allen Umständen billiger als der Großgrundbesitzer. Noch weniger aber halte ich das Entgegengesetzte für richtig. Die ganze Frage ist eine reine Lokalfrage. Allerdings giebt es Gegenden, wo günstige Verkehrs- Verhältnisse dem Großgrundbesitz bessere Chancen bieten. Auch ist der letztere viel eher im Stande, die Vortheile der neuen landwirthschaftlichen Maschinen auszunutzen. Vor 20 bis 30 Jahren hat man sehr viel in der Theorie gestritten, ob der mittlere bäuerliche Grundbesitz überhaupt noch eine Zukunft habe, oder ob er in Folge der Fortschritte der Naturwissenschaften eben so wie das Kleingewerbe mit der Zeit zu Grunde gehen müsse. Heute aber hat man sich jn Theorie und Praxis überzeugt, daß dies lediglich eine Lokalftage ist. In der Nähe von Städten, wo der Arbeitslohn theurer ist, wird es dem Kleinbesitz aller- dings nicht leicht möglich sein, mit dem Großgrundbesitz zu con- curriren. Ganz anders aber liegen die Verhältnisse da, wo die Kleingrundbefitzer Intelligenz genug befitzen, sich durch Asso- ziationen alle diejenigen Vortheile, z. B. die Ma- schinen u. s. w., zu verschaffen, die sonst nur dem Groß- grundbesitz zur Verfügung stehen. Es läßt sich aber nicht verkennen, daß viele Umstände von vorn herein dem kleinen Grundbesitzer zu Gute kommen. Wenn der Bauer selbst mit- arbeitet, so ist das etwas ganz anderes, als wenn man mit lauter gedungenen Arbeitern wirthschaftet. Auch bin ich der Anficht, daß das Gebäudekapital viel schwerer auf den großen Grundbesitz drückt, als auf den kleinen. Ich wiederhole, es han- delt sich hier um eine Lokalfrage. Das haben wir nie verlangt, daß mit der Parzellirung der Domänen ohne Rücksicht auf die lokalen Verhältnisse vorgegangen werden soll." Ein kurioses Gemisch von Jrrthum, Dichtung und Wahrheit. Der Communist Miquel liegt sich mit dem„Theiler" und Spe- kulant Miquel in den Haaren. Dem Communist Miquel, der den Großbetrieb befürwortet und für den genossenschaftlichen Betrieb des Ackerbaus eine Lanze bricht, können wir nur unsere Zustimmnng ausdrücken. Dem„Theiler" Miquel, der die Aus- schlachtung der Domänen wünscht, und den Fortbestand des Kleingrundbesitzes— fürsorglich sagt er:„mittlerer bäuer- lichcr Grundbesitz"— als„Lokalftage" bezeichnet, haben wir blos zu bemerken: er möge beim Communist Miquel auf ein Bieitelstündchen in die Schule gehn. Mit der Miquel'schen Rede war die Debatte zu Ende— denn was Herr von Meyer noch auf dem Herzen hatte, wäre besser auf seinem Herzen geblieben. Ergebniß der anderthalbstündigen Redcübung: null. Der Etat der Domänenverwaltung wurde ohne Abstimmung genehmigt. Man hatte' wieder einmal„geredet, um zu reden". Zur Lage in Frankreich. Unsere bismarckischen und nichtbismarckischen Bewunderer der französischen„Republikaner" fangen an zur Vernunft zu kom- men. Daß die„Nationalzeitung" die letzte„Redeschlacht" in Versailles eine„Donquixoterei" nennt, haben wir bereits mit- getheilt. Einen anderen Artikel schließt das Organ des tapferen Dernburg mit den elegisch-mysteriösen Worten: „Die republikanische Majorität kann sich in ihr- hwtt«n und ruhig hinschlachten lassen; sie kann mit der-„ Pathos der Leidenschaft untergehen. Sie wählt das Letztere wer kann's ihr verdenken? Aber auch der Tag der Wiedervergeltung wird kommen; er ist in Frankreich noch nie ausgeblieben." Er bleibt nirgends aus, auch in Deutschland nicht. In Frankreich ist er sogar schon gekommen, und gerade das Fiasko der„Republikaner" ist„Wiedervergeltung"— für 1871. Auch Mac Mahon(der nach dem obigen Gleichniß, das die„Repn- blikaner" mit Cäsar vergleicht, die Rolle des Brutus spielt) wird seinen„Tag der Vergeltung" haben, aber die Schützlinge des Herrn Dernburg werden daran unschuldig sein. Jn einem anderen Artikel sagt die„Nationalzeitung" nach einigen ftitischen Bemerkungen über den Antrag Grevy: „Was uns aber die stärksten Zweifel an der Klugheit der von den Republikanern eingebrachten Maßregel(!) einflößt, ist die Unausführbarkeit derselben gegenüber dem Widerstand der Regierung; wir halten es für gefährlich, gerade einem Volk wie den Franzosen gegenüber, das vom Erfolg so stark beein- flußt wird, die Schwäche der Position so offen aufzudecken." Die„Kölnische Zeitung", die ebenfalls früher den franzö- fischen Himmel voller nationalliberal-„republikanischer" Baß- geigen hängen sah, ließ am Freitag folgenden Warnruf er- tönen: „Die republikanische Partei wird aber wohlthun, die Rechts- ftage nicht zu einer Frage der Macht zuzuspitzen. Denn wer hat die Macht in Frankreich? Man hat nicht mit Unrecht ge- sagt, daß seit einem Jahrhundert in Frankreich immer Der ge- herrscht hat, der die Armee befehligt, und das ist für jetzt der Herzog von Magenta. Wenn die Republikaner den moralischen Sieg, den sie durch die Wahlen erfochten haben, festhalten wollen, so müssen sie ebenso viel Mäßigung als Festigkeit be- weisen." Das heißt, sie müssen Mac Mahon wirthschaften lassen und sich mit ihrem„moralischen Sieg" begnügen, wenn sie nicht materiell besiegt sein wollen. Nun— der„moralische Sieg" ist inzwischen schon zur„moralischen" Niederlage geworden, was beiläufig der richtigere Name für jeden„moralischen Sieg" ist. Einen recht vernünftigen Artikel über„die Lage in Frankreich" bringt der„Hamburgische Correspondent". Er adoptirt die sozialistische Auffassung, daß die bürgerlichen„Republikaner" sich nicht schlagen und, falls es zum Aeußersten kommen sollte, einen Staatsstreich weniger fürchten als eine Revolution. „Dem nüchternen, von Sympathien und Anttpathien unbe- rührten Zuschauer", schreibt der„Hamb. Correspondent",„drängt sich zunächst die Frage auf, auf welche Elemente republikanischer Seits für den Fall eines Entscheidungskampfes gerechnet wird. Die Regierung hat die Armee, das Beamtenthum, die Geistlich- leit und einen immerhin bedeutenden Theil der Bevölkerung für sich; mit ihr gehen all' die Aengstlichen, welche von einer Er- schütterung der bestehenden Ordnung Gefährdung der materiellen Jnti reffen fürchten. Mit wem rechnen die Republikaner? Bei den gewaltsamen Revolutionen, welche bisher auf dem Pariser Pflaster ausgekämpft worden, stand das Proletariat regelmäßig auf der Seite der Erhebung und gab der Wille des sogenannten Pariser Volks den Ausschlag. „Seit der Straßenschlacht vomJuni1848 hat dieses Verhältniß sich zu ändern begonnen, seit dem Com- muneaufstand vom Mai 1871 ist dasselbe vollständig in sein Gegentheil umgeschlagen. Hinter den bürgerlichen Republikanern, welche sich dem Staatsstreich vom zweiten De- zember zu widersetzen versuchten, stand nur noch ein Bruchtheil der Revolutionsarmee vom Februar 1848 und Juli 1830, die Oppofitionsmänner von heute werden von den Epigonen dieser Armee noch grimmiger gehaßt, als von ihren monarchischen und klerikalen Gegnern. Ihr Hinterland bildet eine Schicht der Be- völkerung, welche es vor der Wahlurne und auf der Redner- tribüne nicht an sich fehlen läßt, auf der Barrikade aber niemals heimisch gewesen ist und im Fall eines Barrikad"siegcs noch sehr viel übler daran wäre(alberner Weise zu se.n sich ein- bildet. R. d.„V."), als wenn die Jntriguanten der Curie oder des zweiten Kaiscrthums Recht behielten. An die Stelle der Partei- und Meinungsgegensätze von ehemals sind Interessen- und Klassenunterschiede so durchschlagender und gefährlicher Natur getreten, daß die befitzenden Republikaner und besitzenden Monarchisten sehr viel mehr gemein haben, als Radikale der bürgerlichen und der sozialistischen Richtung. Soll der gegen- wärtig entbrannte Kampf zu einem Ergebniß führen, der die Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung unerschüttcrt läßt, so muß er innerhalb des Bürgerthums, innerhalb der Klasse der Besitzenden ausgetragen werden. Hier aber steht eine organisirte, auf wohlgeordnete, zum Kampf auf Machtmittel gestützte Regie- rung einer Parlamentsmehrheit gegenüber, die nur über sich selbst und über eine Anhängerschaft zu verfügen hat, die weder kämpf- lustig noch zum Kampf organisirt ist. Und noch mehr! Zu einer parlamentarischen Mehrheit haben die Republikaner es überhaupt nur gebracht, weil sie sich mit ehemaligen Monarchisten gemäßig- ter Schattirung, mit Leuten verbunden haben, welche von der Republik festere Garantien für Ruhe und Ordnung erwarten, als von einer erzwungenen Monarchie. „Jn die Bahnen, welche sie unter Thiers' Führung gewandelt, können die Republikaner nicht mehr zurück, der Weg zu einer Aussöhnung mit dem Präsidenten ist ungangbar geworden. Da- mit haben sie von ihrer bisherigen Anhängerschaft so viel ver- loren, daß sie auf diese nicht mehr rekurriren können, daß sie in der That nur ihrem Vortheil nachgehen, wenn sie Kammer- auflösung und Neuwahl mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zu verhindern suchen. Das eigentliche Gew'cht gehl damit an Gambetta und dessen Freunde Von diesen wll das französische Bürgcrthum aber Richts wissen— der vierte Stand aber bildet eine Partei für sich und hat wiederholt ge- sagt, daß er bei einem Reaktionsrcgiment bessere Rechnung zu finden glaubt, als bei der Herrschaft seiner Feinde vom Mai 1871." Letzterer Satz enthält eine grobe Unrichtigkeit. Es ist unseres Wissens niemals von sozialistischer Seite erklärt worden(weder mit Bezug auf die jetzige französische, noch auf irgend eine andere politische Krise), daß„der vierte Stand", soll correkt heißen: die Arbeiterklasse,„bei einem Reaktionsregiment bessere Rechnung zu finden glaubt, als bei der Herrschaft ihrer Feinde" d. h. des liberalen Bürgerthums. Was die Sozialisten mit Bezug auf den Conflitt zwischen Mac Mahon und den „Republikanern" erklärt haben, ist, daß sie keine Lust haben, für die Feinde des Proletariats die Kastanien aus dem Feuer zu holen, und daß sie von den Mördern der Com- mune durch einen breiten Blutstrom getrennt sind, der gemein- sames Handeln unmöglich macht. Das Verkennen dieser einfachen Thatsache hat die zahlreichen Jrrthümer und Illusionen erzeugt, welche sich während der letzten Monate in die Beurtheilung der französischen Zustände einge- schlichen haben. Wie wir früher schon ausführten, ernten die„Republikaner" nur, was sie gesäet haben. Die gegenwärtige Situation ist da? nothwendige Resultat der von ihnen befolgten Politik. Durch die Niederwerfung der Commune, welche die Erhaltung und Be- festigung der Republik zum obersten Zweck hatte— durch den beispiellosen Vertilgungsftieg gegen das sozialistische Proletariat, die einzige zuverlässige Stütze der Republik, haben sie den Fein- den der Republik den Weg geebnet, und wenn sie jetzt darüber zetern, daß Mac Mahon diesen Weg geht, so ist das einfach kindisch. Und man hat nicht bloß den Weg geebnet, man hat auch gleich die Wegweiser angebracht, damit die Feinde der Republik sich nicht verirren können— Wegweiser in Gestalt von be- quemen Verfassungsparagraphen. Wer hat den S e n a t geschaffen, wer die verschiedenen anderen Bestimmungen dekrctirt, mit deren Hilfe Mac Mahon den„constitutionellen Kampf" durchaus constitutionell, d. h. ohne Verletzung eines Buchstabens jenes Machwerks, genannt französische Verfassung führen kann? Wer anders als die Herren„Republikaner"? Nach den letzten Berichten haben die„Republikaner" einge- sehen, daß donnernde Reden und„kräftige" Anträge sie nicht zum Ziel führen, und sich wieder auf die beliebte schiefe Ebene der Concessionen begeben. Verschiedene, durch nachweisbare Be- amtenübergriffe zu Stande gebrachte Wahlen von Regierungs- candidaten wurden in den letzten Sitzungen für gültig erklärt, und, nicht zufrieden mit diesem Liebesdienst, hat das linke Cen- trum beschlossen, den Antrag auf Freilassung des radikalen De- puttrten Bonnet-Duverdier, der bekanntlich wegen Beleidi- � gung Mac Mahons im Gefängniß sitzt, nicht zu unterstützen, während es nichts dagegen einzuwenden hat, daß der bonapar- tisttsche Schreihals Gramer(aus dem Dorf„Cassagnac", nach welchem sein Vater sich eigenmächtig„adelte"), der ebenfalls zu Gefängniß verurtheilt, auf freien Füßen ist und die S.tzungen der Nationalversammlung durch seine Ungezogenheiten stört. Natürlich ist die äußerste Linke über diesen Entschluß des linken Centrums sehr ärgerlich, was dem linken Centrum sehr gleichgültig sein wird. Wenn die wirklich ehrlichen Republi- kaner sich je eingebildet haben, die aus Opportunitätsrücksichten momentan unter republikanischer Flagge segelnden Bourgeois meinten es mit der Republik ernst und seien wirkliche Demo- J traten, so war das eine arge Selbsttäuschung, die von großer Naivität zeugt. Der Lohn für das Entgegenkommen der„Republikaner" ist nicht lange ausgeblieben: Das Ministerium hat seine Eni- lastung eingereicht und Mae Mahon läßt ein„Geschäftsmi- nisteriuiu" gründen. Das ist der Anfang des Compromisses. Zvzmlzs oliüsche Ue bersicht. — Bei der Etatsberathung der Justizverwaltung, Titel: Staatsanwälte, im preußischen Abgeordnetenhause wendet sich der klerikale Abg. v. Ludwig gegen die großen Ueber- schüsse der Justizverwaltung im vorigen Jahre, die aus den vielen Preß- und politischen Prozessen gegen die Klerikalen und Ultramontanen entstanden seien. Viel besser sei es, wenn die Staatsanwaltschaft sich mit größerer Kraft gegen die Schwindler und Gründer wende. Die Prozesse, die man gegen dieselben eingeleitet habe, seien geradezu zum Gespött geworden; man hätte entweder den Gründern nichts anhaben können, oder die Untersuchungen fallen lassen. Mau bedürfe also nicht nur eines energischen Vorgehens der Staatsanwälte, sondern auch einer Reform des Aktiengesetzes. Diese scheine jedoch der Regierung und dem Bnndesrathe nicht sehr am Herzen zu liegen. Immer noch würden, den Behauptungen der liberalen Börsenpresse ent- gegen, neue Gründungen geschaffen. Allerdings habe sich Herr Lasker das große Verdienst erworben, 1373 den Herrn Justiz- minister aufzufordern, den Staatsanwälten mehr Aufmerksamkeit auf jene Gründungen zu empfehlen. Im Volke sei jedoch der Glaube verbreitet, daß der Herr Justizminister im Gegeutheil seine Beamten von allzuscharfen Maßregeln abgehalten habe, da Mitglieder hoher Kreise eompromittirt werden könnten. Material finde sich aber nicht nur in der Presse, sondern auch in der Schrift Otto Glagau's massenhaft angehäuft; besonders diese letztere empfehle er dringend dem Herrn Minister, den er be- dauere nicht anwesend zu finden, oder seinem Stellvertreter, falls man sie noch nicht kenne.(Heiterkeit.) Dieses Material müsse der Staatsanwalt pflichtgemäß betrachten und klar stellen. Die berühmte Gründerrede(Heiterkeit) des Herrn Lasker sei mit großer Freude begrüßt worden, weil er betont habe, die Dinge müßten aufgeklärt und jeder Winkel mit der Fackel beleuchtet werden, damit das Volk beruhigt werde. Das sei jedoch nicht geschehen. Nach der„Magdeburgischen Zeitung" sei Herr Lasker auf ein Pentagramma gestoßen, das ihm das weitere Vor- gehen verbiete; nach Redners Meinung ist dies Hinderniß in der Fraktion des Herrn Lasker zu finden.(Aha! Unruhe links.) Otto Glagau habe auch diesen Punkt genau bearbeitet und den Staatsanwälten sowie den Unternehmungen des Herrn Lasker die Wege geebnet, so daß noch in letzter Stunde das gethan werden könne, was das Volk zu verlangen habe.(Die Aeuße- rung des Redners, er komme zum Schluß, wird mit Bravo! begrüßt.) Mit erhobener Stimme fordert er den Herrn Justiz- minister auf, die Staatsanwälte mit Anweisungen zu versehen, daß sie das aktenmäßige Material soviel als möglich benutzten; es sei die höchste Zeit dazu, damit nicht die Gründungen von 1872 ebenso verjährten wie die von 1870 und 1871. Abgeord- neter Lasker wird an sein feierlich vor dem Volke gegebenes Versprechen erinnert und aufgefordert, dasselbe einzulösen, damit das Volk wisse, was es zu erwarten habe. Bon Glagau seien 266 theils gewesene, theils jetzige Parlamentarier genannt wor- den; selbstverständlich seien jedoch viele Ehrenmanner darunter, die segensreiche Gründungen geschaffen hätten.(Bravo! im fikonfr«»»)._„ Daß die liberale Majorität die Aeußerung des Redners, daß er zum Schlüsse komme, mit Bravo begrüßt, ist sehr bezeichnend — mancher liberale Gründer hatte auch Ursache dazu, den Schluß der Rede zu wünschen. Abg. Lasker weiß dem Herrn v. Ludwig nichts entgegen- zusetzen, als das Wort:„grobe Verleumdung", und als Ber- teumder nennt er die Herren v. Tieft- Daber, Glagau und die „Magdeburgische Zeitung", die sich bei dem kleinen Schwätzer bedanken mögen. Lasker suchte darauf die früher eingesetzte parlamentarische Untersuchungskommisfion zu vertheidigeu, die sehr eingehend und objektiv gearbeitet und dem Lande große Dienste geleistet habe.(Wer kennt die Dienste?) Nachdem noch mehrere Staatsanwälte und Regierungseom- missarieu dem Abg. Lasker zu Hilfe geeilt waren, wird das betreffende Kapitel genehmigt und— die Gründer können getrost auch fernerhin das Volk beschwindeln und aussaugen. —"in ehrlicher Gegner. Am 17. ds. Mts. hatte die Ein armer reisender Handwerksbursche. Unter dieser Ueberschrift bringt die„Tagwacht" aus der Feder des Parteigenossen Meyri folgenden Artikel, der nicht nur auf die republikanische Schweiz paßt, sondern auch auf alle Kulturstaaten, sie mögen eine republikanische oder monarchische Verfassung haben. In Bezug auf die soziale Frage sind die heutigen Staaten sämmtüch reaktionär. Der Artikel lautet: „Gar Mancher, der diese Zeilen liest, ist wohl selbst draußen gewesen in der Fremde und weiß, wie es so einem armen Teufel zu Muthe ist, der bald in glühender Sonnenhitze, bald in eisiger Winterkälte, im Regen und Schnee, mit wunden Füßen und ohne Geld seine Straße dahin zieht. „So ein junger Geselle hat nun irgendwo gearbeitet, ein paar Monate lang, oder auch ein Jahr, da naht der Winter oder das Geschäft geht flau und er wird entlassen. Daß er sich nicht zu viel sparen konnte, dafür sorgt schon der ohnehin nie- drige Lohn. Er will nicht gern abreisen und sucht nun am gleichen Orte wieder Arbeit- vergeblich! Bei dem nutzlosen Warten schwinden die paar Fränkli zusammen und es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sein Bündel zu schnüren und den Weg unter die Füße zu nehmen.. „Findet er nicht in den ersten paar Tagen Arbeit,>o ist er gezwungen, zu fechten, der knurrende Magen läßt sich eben nicht mtt schönen Phrasen beschwichtigen. Roth kennt kein Gebot und so wandert er dahin in Hunger und Elend.— Hat er nun gar noch das Unglück, von einem Polizeier erwischt zu werden, wenn er von Hunger gequält sich irgendwo ein Stück Brod erbittet, so ist sein Schicksal besiegelt, wenn er einem jener Richter in die Hände kommt, die in jedem Handwerksburschen nur einen unnützen Vagabunden sehen. Sein Einwand, er wolle herzlich gerne arbeiten, wenn man ihm nur Arbeit gebe, bleibt unbeachtet. Das ominöse„Inhaber dieses wurde beim Betteln ertappt, des- halb bestraft und über die Grenze gewiesen" wird in sein Wan- verbuch geschrieben und der arme Bursche so mit Gewalt zum Vagabunden gestempelt, dem jeder Meister mißtrauisch entgegen- kommt und dem er nur im äußersten Nothfalle Arbeit giebt, denn er ist ja notorisch ein Stromer, ein Vagabund! Und dies Alles nur darum, weil er, statt hinter einem Zaune den Hunger- tod zu erwarten, da es ja für ihn nirgends Arbeit gab, volkswirthschaftliche Gesellschaft zu Berlin eine zahl- reich besuchte Sitzung, in welcher„Unser Braun" Bericht über die stattgehabte Jahresversammlung des„Vereins für Sozial- Politik" erstattete. Derselbe meinte, daß die Grundanschauungen des„Vereins für Sozial-Politik" und des„Volkswirthschaftlichen Eongresses" gar nicht so sehr verschieden seien, auch verdamme der„Volkswirthschaftliche Congreß" gar nicht die Staatsinter- vention, er wolle nur stets den vorliegenden Fall untersuchen und sei der Meinung, daß zunächst die Selbsthülfe angewandt werden müsse; es sei also nicht wahr, wenn behauptet werde, der„Volkswirthschaftliche Congreß" verfolge das Prinzip des absoluten Gehenlassens.— Nun erklärte Professor Dr. Adolf Wagner: Er sei aus dem„Verein für Sozialpolitik" wegen der Bundesgenossenschaft desselben mit dem„Volkswirthschaftlichen Congresse" ausgeschieden, den« er halte die Grundanschauungen dieser beiden Richtungen doch für io sehr verschieden, daß ein gedeihliches Zusammenwirken derselben ihm unmöglich erscheine. Der„Berein für Sozialpolitik" verfolge das Prinzip, die Sozial- demokratie wissenschaftlich zu bekämpfen, zu untersuchen, welche Wahrheit in derselben enthalten sei und solche als- dann zum eigenen Postulat zu machen. Der„Bolkswirth- schastliche Congreß" hingegen, dessen oberster Grundsatz die freie Concurrenz sei, habe sich bis jetzt darauf beschränkt, die sozialdemokratischen Führer mit Jnveetiven zu überhäufen.— Das war ein braves Wort, welches dem Professor Wagner zur Ehre gereicht.— Herr Berliner Blau, vuIav Oppenheim suchte den„Volkswirthschaftlichen Congreß" zu retten, indem er sich au der Marx'schen Werththeorie festbiß und be- hauptete, das Theoretische der sozialdemokratischen Prinzipien sei längst widerlegt, deshalb lasse sich mit der Sozialdemokratie kein wissenschaftlicher Kampf führen. Daß Herr Oppenheim einen solchen Kampf nicht führen kann, das brauchte er wahrlich uns nicht erst zu sagen, das wußten wir längst.— Jedenfalls das bedeutendste Ereigniß in der Versammlung war das gerade Wort des Professor Wagner's, an dem die Schulze's, die Brauu's, die Bamberger's, die Unruh's und die Oppenheim's noch lange zu kauen haben werden. — Der„Gewerk- Verein" des Dr. Max Hirsch, der wöchentlich einmal erscheint, hat oft mit seiner großen Abon- nentenzahl geprahlt. In seiner letzten Nummer giebt er selbst zu, daß er nur 6000 Mark Quartal-Einuahme an Abonnentengeldern hat— oas wären, da das vierteljährliche Abonnement gerade 1 Mark kostet, 6000 Abonnenten. Nun aber macht der „Gewerkverein" darauf aufmerksam, daß das Abonnement für die Gewerkvereine obligatorisch sei, und dann aber nur für die Mitglieder die Herstellungskosten des Blattes, und zwar 35 Pf. Abonnementsgeld, betrage. Ganz abgesehen davon, daß es eine ungemeine Beutel schneideret ist, von den Abon- nenten, die Nichtmitglieder find, das Dreifache der Herstellungs- kosten, 1 Mark, zu nehmen(der„Vorwärts" erscheint in gleichem Format dreimal wöchentlich und kostet nur 1,60 M.), ganz abgesehen davon, stellt sich die Sache dann so heraus: Nehmen wir von den 6000 M. 1000 M. für Abonnementsgelder der Nichtmitglieder, dann bleiben noch 5000 M.— ä 35 Pf. für obligatorischen Abonnementsbeitrag— circa 15,000 Mitglieder. Nun wollen wir gerne zugestehen, daß nach solcher Rechnung, die ja der„Gewerkoerein" uns selbst in die Feder gelegt hat, das Abonnement des Blattes circa 16,000 beträgt, daß dann aber nicht mehr als 15,000 Gewerksvereinsmitglieder in ganz Deutschland existiren, von denen weit über die Hälfte nur des- halb bei den Ortsvereinen bleiben, weil sie Jahre lang zu der Kasse derselben beiaeH-agen f.aBen und nun nicht plötzlich die Ansprüche v"ilf die Kasse verlieren wollen. Diese Leute halten meist ein s�. ialdemokratisches Blatt und lesen den für sie mit an den Ortsvereinsvorstand eingesandten obligatorischen„Ge- werkoerein" gar nicht, wie die Ballen bei den Lorständen lagernder, mcht abgeholter oder ausgetragener Exemplare be weisen. Beliebt es nun aber dem„Gewerkverein", unser Rechen- exempel für unrichtig zu erklären, dann hat er— die Einnahme von nur 6000 M. quartaliter ist eingestanden— nur 6000 Abonnenten, giebt er die Richtigkeit zu, dann haben die deutschen Gcwerkvereine noch nicht 15,000 Mitglieder— entweder, oder! — Auf alle Fälle eine winzige Partei, welche Dr. Max Hirsch gegen die Sozialdemokratie zusammengetrommelt hat. — Aus Rußland wird berichtet, daß von den in dem be- kannten Monstreprozeß verwickelten 193 Angeklagten bis jetzt in Folge der Untersuchungshaft nicht weniger als zwölf gestorben sind. Die Behandlungsart der Untersuchungsgefangenen und die Räumlichkeiten, in denen sie untergebracht werden, sprechen so sein Leben sonst zu ftisten suchte, ohne ein Verbrecher zu werden. „Der Staat in seinem jetzigen Zustand zwingt die Arbeiter zum Steuerzahlen, er zwingt ihn in die Uniform, er schreibt ihm von der ersten Stunde an vor, wie und in welchen Schranken er sich zu bewegen hat und verbietet ihm das und jenes, aber daß er ihm das aus allen diesen Bestimmungen consequenter- maßen erfolgende Recht auf Arbeit zugesteht, das ist nicht der Fall!— Arbeit giebt es nicht für dich, Geld hast du keins, Kredit gewährt man dir nicht, Stehlen wird mit Zuchthaus be- straft, also bleibt dir, ganz genau nach dem Buchstaben ge- nommen, nichts anderes übrig, als zu verhungern, da selbst das Betteln strafbar ist. „So, Arbeiter, da hast du ein Stück unserer jetzigen Gesetz- gebung, merk es dir! Das ist die Gerechtigkeit, die auch in unserer freien Republik dem Armen zu Theil wird! Wir wollen nicht das Recht, betteln zu dürfen, sondern wir fordern und verlangen vom Staate das Recht auf Arbeit und werden dasselbe auch erhalten." Soweit Genosse Meyri.— Wir wollen nur hinzufügen, daß wir das Recht auf Arbeit von jeglichem Staate, auch vom Heu- tigen fordern, daß aber das Recht der Arbeit nur die sozialistische Gesellschaft gewährleisten kann. — Ein sonderbarer Gradmesser des allgemeinen Wohlstandes. Der„National-Zeitung" entnehmen wir folgende statistische Notiz:„Obwohl die oberen Zehntausend allein ohne Gewissensbisse(!) über Verschwendung(!) sich je nach Be- lieben ihre Austern und ein Glas Sekt gönnen können, so läßt doch die Stattstik den Consum an Champagner in gewisser Beziehung als einen Gradmesser des allgemeinen Wohl- standes erscheinen. Wir wissen, daß seit dem Krach von 1873 die Einfuhr an Champagner überall erheblich nachgelassen hat; wir haben die Klagen gehört, daß seit Beginn des russisch- tür- tischen Krieges der Absatz des köstlichen Produkts der Champagne in dem weiten Czarenreich auf ein Minimum gesunken ist. Am merkwürdigsten aber erscheint die Scala der Champagner-Einsuhr in Nordamerika. In die Häfen der Union wurden 1867 90,750 Körbe ä 12 Flaschen— 1,186,840 Flaschen eingeführt. entsetzlich beredt von der russischen„Cultur" und„Humanität", daß wir für diese erst gar nicht des Beweises einer bekannten nachbarlichen„Erbfreundschaft" bedürfen. — Die Erstürmung von Kars, welche amtlich gemeldet wird, ist der bedeutendste militärische Erfolg, den die Russen in diesem Krieg errungen haben. Wie es möglich war, daß die so starke, mit genügender Besatzung und Munitton versehene Festung im Sturm genommen werden konnte) das ist ein Räthsel, dessen Lösung sich vielleicht in der Schublade des russischen Finanz- Ministers finden wird. Jndeß, gleichviel auf welche Weise, die Russen haben Kars und damit den Schlüssel zu Armenien. Für die englische Regierung, die Rußland in Asien weit mehr fürchtet als in Europa, ist dieses Ereigniß jedenfalls eine sehr unangenehme Ueberraschung, und dürste auf die JnterventionS- frage nicht ohne Einfluß bleiben. Auf dem europäischen Kriegs- schauplatz noch keine Entscheidung. — Aus Gera erhalten wir folgende Siegesnachricht: Wahl- resultat der Landtagswahl in Gera. Gosler gen. Brätter(soz.) 207 Stimmen, Ringfabrikant Schneider(liberal) 44 Stimmen. Ob Gosler oder Brätter ist egal— der Sozialdemokrat ist gewählt. — Die„Egalitö", das Organ der französischen Sozialdemo- kratie, ist am 18. November in Paris zum ersten Male aus- gegeben worden. Die Herausgeber hatten früher beabsichtigt, das Blatt erst nach Beendigung der Krise erscheinen zu lassen. Sie hielten es jedoch für prattischer, jetzt nicht länger zu warten. Die Vorwürfe der republikanischen Bourgeoisie, daß der Moment schlecht gewählt sei, wird sie wenig kümmern können; wird Diesen jemals ein Augenblick günstig erscheinen, um Bresche in die ökonomischen Privilegien legen zu lassen?—„Die Ar- beiterklafse aber hat ein zu klares Bewußtsein von ihren In- teressen, als daß sie nicht begriffe, daß es gerade am Vorabend des Kampfes von Wichtigkeit ist, der liberalen Bourgeoisie keinen Zweifel über die Bedingungen zu lassen, unter denen wir ent- schlössen find, ihr gegen den gemeinsamen Feind bis aufs Aeußerfte beizustehen, und laut zu verkünden, daß es sich für das Proletariat nicht darum handelt, noch einmal für die ge- werbsmäßigen Politiker die Kastanien aus dem Feuer zu holen, sondern das Terrain frei zu machen, auf dem allein es würdig und mit Nutzen seine Forderungen geltend machen kann: das der republikanischen Republik." (Die„Egalitö" erscheint wöchentlich einmal und beträgt das Abonnement für Deutschland pro Vierteljahr 3 Fr., pro Halb- jähr 5 Fr., pro Jahr 10 Fr. excl. Porto. Man abonnirt auf das Blatt bei Mr. Eugene Oudin, Admmistrateur-Görant, 16, Rue St. Etienne, Meaux und Mr. Jules Guesde, 33, Rue Greuze, Paris-Passy.) Aus Ungarn. Budapest, den 16. November. Die Redakcwn des„Vorwärts" hatte ganz Recht, als sie unter einem„Sternchen" an dem Reichstagsungewitter, welches zufolge des berüchtigten kaiserlichen Toastes ausbrechen sollte, zweifelte. So lang das allgemeine unbeschränkte Wahlrecht nicht eingeführt wird, ist an eine Aenderung und Besserung der parlamentarischen Zustände nicht zu denken. Die Herren Mi- nister sichern sich durch eine leicht ausführbare Wählercorruption eine unter allen Umständen dienstbare Majorität, welche ihnen durch Dick und Dünn folgt. Dies haben wir auch in Ungarn erlebt; die Debatten über eine von der Wiener unabhängige un- garische Natioualbank hat dies sonnenklar bewiesen. Es war eine beispiellose Schändlichkeit, ein Verbrechen wider die Moral, ein au dem Säckel der Nation verübter Raub. Die Details darüber werden Sie wohl aus den österreichischen Blättern kennen, deshalb enthalte ich mich darüber etwas Weiteres zu be- richten. Durch diese und die zunächst zu erwartende Debatte über die Zolltariffrage, welche ein Gegenstück zur Banksrage ist, bildet sich hier eine finanzielle Bartolomäusnacht, welche sogar in das Fleisch der Spießbürger einen Schnitt machen wird, an dem diese feige, servile Kaste wohl verbluten könnte. Die Ent- rüstung ist demnach eine allgemeine. Doch brauchten diese Leute ebenfalls Leithämmel, um dieser Entrüstung Worte einzudictiren. Die Motion zu einer Monstre-Volksversammlung wurde von sieben Notabilitäten der Volkspartei gemacht, unter welchen sich auch die Parteigenossen Leo Frankl uud Hr. Csillag befanden. Die letzteren zogen sich dann, als die Bewegung größere Di- mensionen annahm, in ihrer Eigenschaft als Redner zurück, das Im Jahre 1872 aber, wo Handel und Wandel dort, wie in Deutschland einen ungeahnten Aufschwung nahm, wurden in Newyork, Boston, Philadelphia u. s. w. 215,522 Körbe— 2,586,284 Flaschen eingeführt. In dem folgenden Jahre ver- minderte sich die Einfuhr bedeutend und betrug nach Ausweis von Bonfort's„Wine and Liquor Circular' im Jahre 1876, dem Jubiläumsjahr der Republik, nur noch 139,313 Körbe oder 1,671,756 Flaschen; 76,209 Körbe weniger als 1872 und 18,357 Körbe weniger 1875. Jnsgesammt sind während der letzten 10 Jahre eingeführt 1,540,765 Körbe oder ca. 18'/- Millionen Flaschen Champagner. Interessant ist auch die Stärke der Co- lonneu, mir denen die einzelnen Champagnerfirmen jenseits des Oceans erschienen. Während in Deutschland die berühmte Wittwe (Bve. Cliquot, Ponsardin), Roederer, Heidsieck, Moet et Chandon u. s. w. die Tete bilden, führt in den Vereinigten Staaten seit 1874 das filberbehelmte Flaschenheer der Champagne G. H. Mumm u. Co. in Rheims, ihm zunächst kommen Piper-Heidsieck, L. Röderer; Moet et Chandon erscheint erst in dreizehnter, Bve. Cliquot sogar erst in fünfzehnter Reihe. 1874 erschien nach Bonfort's Circular Mumm mit 36,663 Körben auf dem Platze, Heidsieck mit 35,600, die Wittwe nur mit 2725. Im nächsten Jahre zählte Mumm 33,312 Körbe. Heidsieck 27,318, Bve. Cliquot aber nur 1825. 1876 trat Mumm immer noch mit 34 815 Kör- ben oder 417,680 Flaschen auf, während Pipcr-Heidfieck schon auf 20,202 Körbe zurückgegangen, die Wittwe aber wieder auf 2590 Körbe gestiegen war. Im Ganzen wurden 1876 an dreißig ver- schiedene Sorten Campagner in Amerika eingeführt."—Zunächst wollen wir bemerken, daß, seitdem der rusfisch-türkische Krieg ent- brannt ist, die Champagner-Einsuhr im Czarenreich allerdings gesunken ist, daß aber der in Rumänien sich verzehnfacht hat— vor Plewna in den kaiserlichen und großfürstlichen Hauptquartieren wird jeder Kanonenschuß von einem Champagnerstöpselknall be- gleitet. Daß in den Gründerjahrcn mehr Champagner getrunken wurde, weiß man längst, aber daß damals mehr allgemeiner Wohlstand geherrscht habe, möchte billig zu bezweifeln sein; von einem Wohlstande in Bezug auf die arbeitende Klasse konnte auch damals bei den etwas höheren Löhnen nicht die Rede sein, während der Wohlstand in den mittleren Klassen vom Gründerthum geradezu aufgesogen wurde. Die„Phrase" der„Natioual-Zei- tung" ist deshalb geradezu lächerlich— das Eingeständniß aber, Terrain pro forma dem Spießbürgerthum überlassend, jedoch bilden sie bei dem Hauptcoup— ein auszusprechendes Miß- trauensvotum, welches der ministeriellen Partei am nächsten Sonntag den 18. November gebracht werden soll— ein Haupt- corps, welches den Ausschlag geben wird. Auf diese Männer darf man mit Sicherheit rechnen. Das Traurige bei dieser Sache ist aber das, daß es sich nur darum handelt, das gegen- wärtige Ministerium zu stürzen; die servile Reichstagsmajorität, aus welcher ein anderes Ministerium, auch nicht besser als Tisza und Consorten, gebildet wird, bleibt, und dann heißt es:„los mismos perros con otros colares-(dieselben Hunde mit an- deren Halsbändern). Die hiesige Sozialdemokratie, etwa 9—10 Tausend Mann stark, so wie auch jene in der Provinz, weniger zahlreich als zu Budapest, verschwindet noch immer im Meere der bloß Nationalliberalen— nicht zu verwechseln mit jenen Deutschlands, da die ungarischen Nationalliberalen den Kern des Radikalismus bildet. Uebrigens sängt man sich auch hier in den Abgeordneten- kreisen langsam und langsam mit dem Prinzip des Sozialismus zu befreunden an, so daß ich selber unter drei Abgeordneten zwei gefunden habe, die fich für die Sozialdemokratie erklärt hatten. Wenn Ihr Blatt im Club der Unabhängigkeitspartei gelesen wird, was ganz gewiß geschehen wird, sobald Sie es mir zuschicken, so wie ich auch durch meine Artikel im„EgY-tsrtSs" und„Näpzüszlöja"(Volksbanner) das Meinige beitragen werde und schon beigetragen habe, der Sozialdemokratie Jünger zu werben, dann zweifle ich nicht, daß es rascher gehen wird, als bis jetzt, zumal wenn sich diesem Prinzipe populäre Namen ge- Winnen lassen. Die Verbreitung unserer Lehren muß in zwei- facher Weise in Angriff genommen werden, in jener Weise, wie es in Deutschland geschieht, durch Arbeitervereine, deren es hier bereits einige giebt. Leo Frankl und Dr. Csillag haben hier schon wahrhaft Wunder gewirkt und das an Zahl ziemlich starke Proletariat aus der Lethargie geweckt. Zweitens durch die Aus- dehnung der Vereine in der Provinz, auf die in Ungarn zahlreichste Kaste, die Landbewohner, ehemals Bauern. Dies wird jetzt in Angriff genommen, der ungarische— nicht bloß magyarische— Bauer ist zwar nicht ganz Proletarier, sondern ein Zwitterge- schöpf zwischen Besitzer und Arbeiter. Ebenso werden sich die sozialistischen Lehren auch unter dem ungarischen Militär leicht verbreiten lassen. In einem am 12. ds. Mts. unter dem Borsitz des Königs abgehaltenen Kriegsrath, an welchem der Erzherzog Albrecht, der österreichische Kriegsminister Bylandt, der Generalstabschef Frei- Herr v. Schönfeld und der gemeinschaftliche Minister des Aeußeren Graf Andrassy, Theil genommen, wurde die Mobilisirung dreier Armeecorps, nach Siebenbürgen, nach Slavonien und nach Dal- matten, decretirt und ist bereits auch ein Regiment Infanterie von hier nach Zara in Dalmatien am 13. abgerückt. Wahr- scheinlich ist dies eine Demonstration gegen den Szekler- Putsch, ein zu Gunsten Rußlands unternommener Raubzug gegen den türkischen Löwen, um Bosnien zu erhalten, als Schadlos- Haltung für die verlorenen italienischen Länder. D. K. Nachschrift. Die Plakate, welche am 18. ds. eine große Volksversammlung ankündigen, wurden über Nacht von den Werkzeugen der Reaktion abgerissen. Jetzt klebt man sie höher an. Die Gährung ist im Zunehmen. Am Abend des 16. ds. Mts. ist eingeschrieben folgendes Schreiben an Hrn. Dr. Dühring abgegangen: „Herrn Dr. Dühring. In einer den verschiedensten Zeitungen zugesandten„Erklä- rung" behaupteten Sie:„es hätten zur Halbwelt der Sozial- demokratie gehörige Personen die Gelegenheit Ihrer Vertreibung von der hiesigen Universität benutzt, sich wichtig zu machen, oder aber zum Theil davon zu profitiren." Dieser gewundene, völlig unbestimmte Vorwurf ist also gegen diejenigen Elemente ge- richtet, die getrennt von der Sozialdemokratie für Sie einge- treten sind, kann daher auch auf uns bezogen werden und hat diese Deutung im Publikum, speziell in der Studentenschaft, auch thatsächlich erfahren. Wir sehen uns demnach veranlaßt, Sie hiermit um eine unzweideutige Erklärung zu bitten, ob Sie mit jenen Vorwurf das unterzeichnete seiner Zeit für Sie thätig ge- wesene Comitö beziehungsweise welche Mitglieder desselben haben treffen wollen. Wir erwarten eine umgehende Antwort zu Hän- den des mitunterzeichneten Herrn Adam. Berlin, den 16. November 1877." (Folgen zehn Unterschriften der Mitglieder des behufs Leitung einer Agitation zu Gunsten Dühring's im Sommer d. I. thätig gewesenen Eomitös.) Da bis jetzt keine Antwort eingegangen ist. fordere ich hier- mit Herrn Dr. Dühring öffentlich auf, die allerseits erforder- liche Aufklärung durch namentliche Bezeichnung der von ihm ge- meinten Personen zu geben. Die verehrlichen Redaktionen derjenigen Blätter, welche die „Erklärung" des Hrn. Dr. Dühring aufgenommen haben, er- suche ich höflichst, dieser Aufforderung ihre Spalten zu öffnen. Berlin 8D., den 19. November 1877. Fr. Adam, Dresdnerstraße 32 lV. daß sich ein reicher Verschwender und Schlemmer keinerlei Ge- wissensbiffe zu machen brauche, ist sehr bezeichnend für den Standpunkt der Redaktion der„National-Zeitung". Zwei Sonette. Sozialis mus. Gemeinschaft wollen weise wir erstreben, Die noch im allgemeinen Kampfe ringen, Fast alle Kräfte schändlich oft verdingen, Für kargen Lohn erhalten kaum das Leben. Gesunde Bildung soll uns einst erheben, Daß wir hinauf zur Menschenwürde dringen; Die volle Macht gesetzlich bald erzwingen, In manch« schöne Schöpfung reich verweben. Gesunde Bildung schmiedet uns die Waffen,! Womit wir überall den Sieg erstreiten, Und nach dem heißen Kampfe nicht erschlaffen. Gesunde Bildung mag uns würdig leiten, Daß gleiche Rechte wir für Alle schaffen, Für Alle reiches Lebensglück bereiten. Wahlfrüchte. (10. Januar 1877.) Die jüngsten Wahlen scheinen mir ein Zeichen, Daß nun die Glückberaubten auch erwachen; Worüber nur verstockte Thoren lachen, Doch aufgeschreckte Feinde schon erbleichen. Die blinde Wuth entflammt schon manchen Reichen, Der Durst nach Rache wider alle Schwachen; Die nun vermeintlich bald, wie junge Drachen, Das Glück und Leben überall umschleichen. Die Todesangst erdröhnt in wilden Klagen, Daß bald Gesellschaslsretter auch erscheinen, Die Strafen wider Volksverführer wagen. Gesunde Bildung muß das Volk vereinen, Daß alle Volksverderber bald verzagen, Den Machtverlust vergebens einst beweinen. Düsseldorf. Kustav Adolf Köttgen. Correspondenzen. Aus dem Kaag, 16. November. Haben Sie die„lludilse LinAers" schon gesehen und gehört? fragte mich im vorigen Winter ein hier anwesender Amerikaner, mit dem ich längere Zeit in Newysrk befreundet war. Hier noch nicht, lautete die Antwort, doch ich habe die Gesellschaft oft genug auf Euren Eisenbahnen und Sttaßen-Cars zu erdulden gehabt. Danke schön! Nun, nun, so schlimm ist es nicht; die Leute, die Unter- nehmer, sind klug. Schlau, wie Alles, was den Namen Fisk trägt. Sie wählen den Winter, wo man weniger ausdünstet. Die amerikanischen Broadway-Omnibusse haben sich das Recht reservirt, keine Neger transportiren zu müssen. Und hier reißt sich die Hauto-volöe um die Ehre, ihnen die Hand zu drücken! Eure freien Sclavenhalter auf Java, ich meine die, welche hier wohnen und den Kaffee und Zucker verkaufen, den die armen Teufel pflanzen, ernten und für den europäischen Markt im Herrendienst bereiten müssen, haben ein Comitö gebildet, dadurch erhält der Schwindel Klang und Ansehen. Was doch die christ- liche Liebe nicht alles vermag. Ein Jammer nur, daß man so viel eigene christliche Brüder im Elend umkommen und in Un- wissenheit versumpfen läßt! So'n„Yankee doodle!" Sänge das Volk noch in einer Bierkneipe, wo es ohnedies stinkt, könnte man sich die Sache wohl gefallen lassen— doch: de Auatitms non est disputandum sagt der Lateiner. Fisk und Christenthum, Fisk und Negerbekehrung, ha, ha, ha! Is>our business a hum- bug? das war stets seine erste Frage. dlo, 8lr. No hum- bug, then I have not any use of it, lautete die Antwort, Xo humbug, no use of it! Fisk.— Die hiesigen Matadore, die dem armen Javanesen das Blut aussaugen, ihn unter das Thier herabwürdigen und sich von seinem Schweiße mästen, zogen mit diesen Negern in den Kirchen herum und gaben Concerte; in feinen Restaurants wurden ihnen Dejeuners bereitet. Die Frauen und Töchter jener„Herren" stricken Strümpfe für Neger- kinder. Was die christliche Liebe nicht vermag? Zuerst wurden nur die vornehmsten Städte und Kirchen mit den Neger-Con- certen gegen hohes Entree abgedroschen, dann suchten sie die kleineren Ortschaften heim gegen geringeres Entröe und ohne die Protektion des Comits des proprietaires des esclaves Javanois. Es gefiel den„dubilee Singers" so wohl in Holland, daß es schien, als wollten sie das Land nimmer wieder verlassen und es wurde den Neger bekehrenden Herren bange— ich weiß es aus deren eigenem Munde— nicht zu sehr vor der allzu langen christlichen Singerei, als vielmehr und hauptsächlich, weil sie bei der bekannten Liederlichkeit der Neger— in einen ganz anderen als Negerduftenden christlich-Fisk-Schwindel-Humbug- Geruch der gottseligen Frömmigkeit kommen konnten.— Glücklich für Holland— und für jene Herren sind sie abgereist. Werden sie wieder- kommen? Ohne allen Zweifel! Beinahe hätte ich vergessen zu sagen, daß das Amstol-Hotel in Amsterdam„anständig" oder rücksichtslos genug war, der Gesellschaft Logis zu verweigern, Er wolle den Gestank nicht im Hause haben, soll der Manager gesagt haben— un.d sähe auch nicht ein, weshalb diese Leute nicht in ein Hotel zweiten oder noch besser dritten Ranges gingen. Aber Humbug, Fisk, Negerbekehrung muß ersten Ranges logiren! Jetzt ist die Gesellschaft in Deutschland und ich lese über den glänzenden Empfang, der ihnen dort zu Tyeil wurde. Nun ja, warum sollte Deutschlaud nicht auch in der Negerbekehrung „machen";„macht" es doch in so vielen andern christlichen und und un christlichen Dingen. Warum sollte es sich nicht b ehum- bugen lassen durch Nashville Fisk-Neger. Is your thing a humbug? No, Sir, then I have not any use of it, Fisk. Ich bin fest überzeugt, daß von dem ganzen zusammengebettelten und zusammengehambugten Gelde kein Pfennig für die Neger- bekehrung verwendet wird. Und wer Amerika und den dortigen Schwindel kennt, wird mir darin Recht geben. Und das ist denn auch wahrlich kein Unglück, das Nichtbekehren nämlich. Dem denkenden und fühlenden Manne blutet indessen das Herz beim Anschauen solch eines frechen Schwindels, wenn er an das Elend der tausende und aber tausende der eigenen Landeskinder — Der Zweck heiligt das Mittel. Die Rubelpresse veröffent- licht jetzt ein angebliches„Kriegsgebet", das der türkische Schelk nl Islam(oberster muselmännischer Kirchenbeamte) angeordnet habe, und das von fanatischen Hetzereien gegen die Christen handelt. Unglücklicher- weise ist dieses Machwerk schon vor vielen Jahren gedruckt, und sofort auch als Fälschung erwiesen worden, während es umgekehrt feststeht, daß der neue Scheck ul Islam im Sommer d. I. ein Gebet veröffentlichte, welches die Muhamedaner ermahnt, in den Christen ihre Brüder zu erblicken. Den Russen, deren famoses, die reinste Bestialität ausdrücken- des Kriegslied leider von unbestreitbarer Aechtheit ist, paßt es natürlich nicht, daß sie, die Apostel der„Humanität", von den„barbarischen" Türken in dieser Weise beschämt werden, und suchen ihnen deshalb die eigene—„Civilifation" anzulegen. — Ein neuer Westerwelle. Am 17. November ist in Berlin ein 23 Jahre alter Pole, Namens Lujewski, der im Hotel du Nord absteigen wollte, verhaftet worden. Derselbe sollte verdächtig sein, ein Attentat auf den Kaiser beabsichtigt zu haben; ein Revolver sei bei ihm vorgefunden. Nach den neueren Nachrichten ist Lujewski ein großer Schwindler und der Attentatsplan eitel Flunkerei. — Etwas verspätet. Wir erhielten vor einigen Tagen einen Zeitungsausschnitt zugesandt, den wir als das Rückblatt der in Thüringen viel gelesenen in Hildburghausen erscheinenden„Dorfzeitung" erkannten. Folgende Annonce war angestrichen und wir verfehlen nicht, zunächst dem Einsender zu Gefallen, dann aber auch um unsere Leser auf den Lehrer und den Kriegerverein zu Reichsmannsdorf aufmerksam zu machen, das Inserat hiermit wörtlich zum Abdruck zu bringen: „Dank dem Herrn Lehrer Hanfs hier, welcher uns gestern bei unseren Sedanfest die ausgezeichnete mit allen Kräften bearbeitete Rede gethan hat. Möge dieser edle Herr in seinem Geiste der Erfahrung und Wissenschaft dem Volke noch recht viel Mal derartige Freude be- reiten. Dieser Tag bleibt ewig ein Tag der Erinnerung. Reichmannsdors, den 3. September 1377. Der Borstand des Kriegervereins." Wenn der Herr Lehrer in„seinem Geiste der Wissenschaft" die Rede in ähnlicher Weise„bearbeitet" hat, als der löbliche Vorstand des Kriegervereins die deutsche Sprache, dann bedauern wir nicht nur die Wissenschast, sondern auch„seinen Geist". denkt, die körperlich und geistig im Elende verkommen. Der Winter steht vor der Thür, der Verdienst des Arbeiters ist schon jetzt karg, wird wo möglich ganz stocken, da heißt es denn den langen Winter frieren, trockenes Brod und dies noch zu wenig, Kartoffeln mit Salz essen, darben, entbehren, Hunger leiden. Hurrah, christliche Nächstenliebe! Hnrrah, Fisk-Humbug, christ- liche Negerbekehrungs-Singerei! Dolphin. Aorst, 15. November. Am 10. d. M. verhandelte der Appell- Kriminal-Senat zu Naumburg a. S. in der Untersuchunzssache wider mich wegen„Beleidigung" des Landrath Frhr. v. Müfflinz zu Erfurt. Die Verhandlung endigte mit Bestätigung der ersten Sentenz(3 Monat Gefängniß). Ueber den Ursprung der Au- klage und des richterlichen Versahrens mag folgendes von all- gemeinem Interesse sein. Am 10. Dezember v. I. sollte auf Veranlassung des Arbeiter-Wahlcomites zu Erfurt in Dittelstedt eine Versammlung stattfinden, mit deren Arrangements Genosse Osmann in Erfurt betraut wurde. Zwei Tage vor der Ver- sammlung berief der Landrath den Wirth Süßenguth in D. nach seinem Büreau. S. erklärte darauf durch eine Annonce im „E. Anz."(NB. am Tage der Unterredung mit dem Landrath), daß die projettirte Versammlung in seinem Lokale nicht statt- finden könnte. Auf Befragen Osmann's erklärte s., der Land- rath habe ihm die Versammlung bei Strafe verboten. Zufolge dieser Kenntnißnahme besprach ich dies in einer Wählerversamm- lung am 10. Januar, worauf kurz nach der That Untersuchung gegen Osmann und mich wegen„übler Nachrede" eingeleitet wurde. Im Audienztermin(16. Juni) schwört der Landrath, dem Süßenguth die Versammlung nicht verboten zu haben, auch hätte er nicht mit Strafe gedroht.(Bei der Unterredung zwischen dem Landrath und S. soll kein Dritter zugegen gewesen sein.) Süßenguth beschwört zu meinem Erstaunen, den incriminirten Ausspruch gegen Osmann nicht gethan zu haben. Von den von mir geladenen Zeugen, Genosse Kühn, Bauchspies und Eggert war letzterer erschienen, welcher eidlich bekundete, Süßenguth habe ihm dasselbe wie dem Genossen Osmann über den Landrath gesagt. Der Staatsanwalt Jesse erklärte: die Möglichkeit sei durchaus nicht ausgeschlossen, daß Süßenguth das in Rede stehende dem Osmann gesagt habe. Der Gerichtshof lehnte meinen Antrag, die Zeugen Kühn und Bauchspies zu vernehmen, ab. Osmann wurde zu einer Woche, ich zu drei Monaten Ge- fängniß verurtheilt. In meiner Appellationsrechtfertigung ver- langte ich Beweisaufnahme eventuell Strafermäßigung. Der Ober-Staatsanwalt plaidirte gegen meine Anträge, auch sei das Strafmaß nicht zu hoch, indem der Richter ja nach§ 186 des R.-Str.-G.-B. auf zwei Jahre erkennen könnte(!); der Kriminal- Senat schloß sich diesen Anschauungen an und erkannte wie oben angedeutet.— Soviel über die Gerichtsverhandlungen büder Instanzen, womit ich aber noch nicht meinen Bericht schließe, ohne auf Folgendes aufmerksam zu machen. 1) Landrath v. Müff- ling war Candidat der conservativen Partei. 2) Was veranlaßte den Landrath, Süßenguth über die betreffende Versammlung zur Rede zu stellen? Man könnte erwidern: den S, mit den Be- stimmungen der 1 und 12 des Pr. Vereins- und Versamm- lungs-Äesetzes bekannt zu machen, aber wenn die Behörden alle „Unterthanen" sorgsam vor Gesetzübertretungen schützen wollten, und zwar durch derlei Maßnahmen, so wäre ihre Arbeit eine kaum zu bewältigende. 3) Wie kam es, daß Süßenguth direkt nach der Unterredung von seinem gegebenen Versprechen, uns seinen Saal zur Versammlung zu geben, zurücktrat? Es war ihm bekannt, daß die Versammlung angemeldet war. 4) Staats- anwalt Jesse und Landrath v. Müssling waren im Audienz- termine zugegen, als Eggert eidlich bekundete, Süßenguth habe ihm in Gegenwart Kühn's und Bauchspies' gesagt, der Landrath habe die Versammlung bei Strafe verboten. Weshalb sucht der Landrath nicht die Bestrafung des Süßenguth zu erwirken? Eine Verjährung war in diesem Falle nicht eingetreten, vielmehr trat hier§ 69 des R.-Str.-G.-B. in sein Recht. S. hatte sich, wenn der Landrath das ihm zur Last gelegte nicht gesagt, der ..öffentlichen üblen Nachrede" schuldig gemacht, denn nach einem Erkenntnisse des Pr. Ober-Tribunal ist eine Schankstube als öffentlicher Ort im Sinne des Gesetzes anzusehen. S. wird weder vom Landrath, noch von der königl. Regierung zu Erfurt — denn auch dieser steht das Recht zu— bestrafantragt. Wes- halb nicht? Dies Räthsel wird wohl ewig ungelöst bleiben. 5) Es steht mit unserem mündlichen Verfahren im Widerspruch, Entlastungsmotive umrwägt zu lassen. Alle vom Angeklagten aufgestellten Zeugen sind, sofern sie Sachdienliches bekunden können, zu vernehmen. 6) Vorherbestrafungen wegen politischer Bergehen sollen ein Strafoerschärferungsgrund nicht sein, weil unedle Eigenschaften die Triebfeder zur That nicht waren; eben- sowohl soll, wo so viele Gründe die Annahme rechtfertigen, daß der Angeklagte im guten Glauben gehandelt hat, der erkennende Richter bei Abmessung der Strafe nicht über das Minimum hinausgehen.— Doch wozu weitere Erwägungen. Klute. Magdevurg.(Ein Denkzettel für Herrn von Sybel.) Eine am 15. November vom hiesigen Bürgerverein berufene und von über 600 Personen besuchte Versammlung hat folgende Resolution angenommen: „In Erwägung, daß der Eindruck eines moralischen Zu- sammenhangs zwischen der Affaire Konitzer, dem Deutschen Verein am Rhein und dessen Ehrenpräsidenten, Abgeordneten der Stadt Magdeburg Hrn. Dr. v. Sybel, weder durch die Er- klärungen des genannten Vereins, noch durch die des Hrn. von Sybel aufgehoben ist; in Erwägung, daß dies auch nicht durch die letztlich in der „Magdeburger Zeitung" gegebene, ebenso gewundene, wie des Verhältnisses zwischen dem Hrn. v. Sybel und den Wählern der Stadt Magdeburg unwürdige Antwort des genannten Herrn be- wirkt ist, erklärt die heute tagende Versammlung von Magdeburger Ur- Wählern, daß es eine Ehre für die Stadt Magdeburg nicht ist, eines ihrer Mandate zum Abgeordnetenhause in den Händen des Hrn. v. Sybel zu wissen." Defla«, 18. November. Wie im„Vorwärts" bereits mit- getheilt worden ist, hat Genosse Pollinger am 13. d.M. eine Gefängnißhaft von 6 Monaten angetreten, und zwar wegen einer durch eine Rede begangenen Gotteslästerung. Es war am 3. Mai 1876, daß wir hier eine Volksversammlung abhielten, in welche. Genosse Wiemer als Referent auftrat. Nach Wiemer ergriff Pollinger das Wort, um sich über das Thema:„Religion und Gott" zu äußern. Pollinger bestritt die Existenz Gottes und soll bei dieser Gelegenheit sich eines Gott lästernden Ausdrucks bedient haben, so wenigstens behaupteten die beiden in der Ver- sammlung anwesend gewesenen Gensdarmen, ja ein Feldjäger will sich den Ausdruck sogar sofort in sein Notizbuch eingetragen haben, als er aber das Notizbuch dem Gericht vorlegen sollte, hatte er es leider verloren. Pollinger hatte fünf Entlastung� zeugen gestellt. Vier von den von der Anklage citirten Be- lastungszeugen sagten aus, daß sie die von den Denunziant�.. angegebenen Worte nicht gehört hätten. Aber trotz dieser Aussagen und trotz der„verlorenen Nottzen" sprachen die Gerichte in allen Instanzen das Schuldig aus. Hera, den 14. Nrv. Tos Zkoblcomits der hiesigen Fort- H'hiradekphia, 1. November.(Die Herbstwahlen in schrittspartei veröffentlicht die Erklärung, daß es beschlossen Pennsylvanien und Obio.) Die Arbeiterpartei im Staate hat, bei der Neuwahl im 2. Wablkreis keinen Kandidaten auf-! Pennsylvanien sieht mit anscheinendem Vertrauen der am 6. No- zustellen. Für dasselbe war, wie es wörtlich heißt, vor Allem vember stattfindenden Wahl(siehe Notiz in der„Sozialpoliti- folgendes Motiv maßgebend:„Die Fortschrittspartei ist, wie ihre schen Heberficht" Nr. 187) entgegen. Es handelt sich um die Abgeordneten der Meinung, daß bei der Wahl am 16. Oktober Erwählung neuer Staats-, Gerichts- und County- Beamten, welche die Wähler über die Person des zu Wählenden nicht im Zweifel die alten an der öffentlichen Krippe ablösen wollen, weshalb es waren. Nach ß 19 des Gesetzes sind nur solche Stimmzettel denn auch gerade nicht zu verwundern, wenn überall sog„Ar- nicht gültig, aus welchen die Person des zu Wählenden nicht beitcrfrcunde", aller Schattirungen an die Oeffentlichkeit treten unzweifelhaft zu erkennen ist. Daß aber Alle, welche den Re- dakteur und Schuhmacher Herrn Karl Brätter wählten, sich über die Person klar waren, darüber kann wohl in Gera keine Mei- nungsverschiedenheit sein. So haben denn auch alle Geraer Ab- geordnete die Wahl für gültig erklärt. Wir bestreiten nicht, daß der Beschluß der Landtagsmajorität vom rein formellen Stand- punkte aus seine Berechtigung hat. Aber andererseits ist auch nicht zu verkennen, daß der Wille der Wählerschaft, der sich am 16. Oktober kundgegeben hat, von Seiten einer freifinnigen Partei geachtet werden muß und daß es einer Partei, die sich als Trägerin des deutschen Freiheitsgedankens betrachtet, nicht wohl an- stehen würde, einen formalen Grund gegenüber einer so unzwei- deutigen Willenskundgebung einer Wählerschaft zu benutzen. Die Fortschrittspartei ist sich der vollen Gegensätzlichkeit gegenüber der Sozialdemokratie bewußt. Sie wird dieselbe nach wie vor in ihren unberechtigten Forderungen bekämpfen. Aber sie findet es mit den von ihr vertretenen Grundsätzen nicht vereinbar, unter den vorliegenden Umständen einen Kandidaten selbflständig oder im Verein mit anderen Parteien aufzustellen. Das ist in erster Linie das Motiv für den Beschluß der Fortschrittspartei, der gewiß bei allen unbefangen und gerecht Urtheilenden Billigung finden wird, und schon dieses Motiv allein ist hinreichend, ihn zu rechtfertigen."— Das ist ehrenhaft. Htaucha«, 19.� November. Am vergangenen Sonnabend tagte hier im Theaterlokal eine Volksversammlung, in welcher unser Reichstags abgeordneter Bracke über die erste Session des Reichstags Bericht erstattete. Sehr erfreuliches hatte der Redner nicht zu melden, da die famose Geschäftsordnung und der noch samosere Valentin dafür sorgten, daß die Sozialdemokraten nur in Ausnahmefällen zum Reden zugelassen würden. Ein solcher Ausnahmefall trete immer dann ein, wenn die sozialistischen Ab- geordneten entweder mit selbstständigen Anträgen vorgingen oder eigene Gesetzesentwürfe einbrächten. Das Arbeiterschutzgefctz sei ein solcher Entwurf. Redner verweilte in seinen Ausführungen längere Zeit bei dem Arbeiterschutzgesetz und constatirte, daß selbst gegnerische Abgeordnete, ja sogar ein Minister, den Gesetz- entwurf für diskutabel erklärt hätten. Nachdem Herr Bracke unter allgemeinem Beifall geendet und weder Gegner sich mel- deten, noch sonst ein Anwesender das Wort begehrte, wurde durch den Vorsitzenden noch nachstehende Resolution zur Abstimmung gebracht und einstimmig angenommen: „Die Versammlung erklärt ihr vollkommenes Einverständniß mit dem Vorgehen der sozialistischen Abgeordneten, insbesondere ihres Verrtreters, Herrn W. Bracke, in der verflossenen ersten Session des Reichstages, ganz besonders auch mit dessen Aus- führungcn über die ökonomischen Verhältnisse der Gegenwart und verspricht auch fernerhin ihren Vertretern treu zur Seite zu stehen." Chemnitz, 16. November. Ueber die Lage der hiesigen Ar- beiter läßt sich unser hiesiges Parteiorgan, die„Chemnitzer Freie Presse", in folgender, der Wirklickkeit ganz entsprechender Weise aus:„Von der Größe des Notfcstandes in Chemnitz hat Nie- mand eine Ahnung, der nicht selbst Gelegenheit hat, einen Blick in das Elend der Proletarierfamilien zu werfen. Bereits ist der zuerst in England aufgetretene Zustand, daß die Frau in der Fabrik arbeitet, und der arbeitslose Mann zu Hause die Wirth schaft versorgt, auch hier schon vielfach eingetreten, denn die Fw brikanten suchen vor Allem billige Arbeitskräfte, und da trotz der allgemeinen Herabdrückung der Löhne die Frauenarbeit noch billiger ist, als die männliche Arbeitskraft, so finden viele Frauen leichter Beschäftigung als ihre Männer und werden die Erhalter der Familie; in wie ungenügender Weise diese Erhaltung nur durchgeführt werden kann, das freilich begreift man wohl, wenn man bedenkt, daß eine Frau bei Fabrikarbeit kaum sechs Mark wöchentlich selbst in günstigen Fällen zu verdienen vermag. Nun kommt es aber in neuester Zeit vor, daß die Fabrikanten auch beim Angebot der weiblichen Arbeitskräfte wählerisch sind und mit Vorliebe junge Mädchen engagiren, verheirathete Frauen aber zurückweisen. Dies geschieht, wie uns mitgetheilt wird, namentlich in Cartonnaaenfabriken, und es ist uns ein Fall be- kannt, wonach in einer solchen Fabrik 5— 6 Arbeiterinnen gesucht wurden, und eine Frau, als sie die Frage, ob sie verhcirathet sei, mit Ja beantwortete, ausdrücklich deswegen nicht ange- nommen wurde. Diese Frau hatte bisher fast allein den Unter- halt ihrer Familie nothdürftig bestritten, da ihr Mann seit längerer Zeit arbeitslos ist, und die Kinder hatte sie den Tag über in einer hiesigen Kinderbewahranstalt untergebracht, wo ihnen für wenige Groschen eine freilich auch sehr dürftige Kost verabreicht wurde. Jetzt kann sie auch diese Groschen nicht mehr bezahlen, die Kinder müssen deshalb aus der Anstalt wegbleiben, und die ganze Familie fällt dem Schicksal anHeim, gemeinschaft- lich zu hungern. Wir meinen das Wort hungern hier nicht in dem weiteren Sinne, wonach es ungenügende Ernährung be- deutet, denn in diesem Sinne hungert das gesammte Proletariat in Chemnitz, sondern wir meinen es im buchstäblichen Sinne. — Dies ist ein Fall, welcher keineswegs vereinzelt dasteht in unserer Stadt der Industrie, deren„bessere" Gesellschaft fort- fortfährt, zu jubeln, wenn die Vertheidiger der Armen, die sozialdemokratischen„Führer", eingesperrt werden, und die der Welt vorlügt, der Nothfiand sei nur eine sozialdemokratische Erfindung." "Nausa i. �oigtt. Die Lage der hiesigen Arbeiter— zum größten Theil Handweber— ist eine geradezu verzweifelte. Viel Arbeit giebt es nicht und dazu ist der Lohn ein so geringer (Mrk. 3,50 bis 4,00 die Woche), daß es einem Familienvater absolut unmöglich ist zu cxistircn, selbst wenn Weib und Kind »ur Arbeit herangezogen werden. Freilich giebt es noch immer Leute, welche da meinen, der Handweber könne immer noch aus- kommen, er müsse es nur verstehen, sich einzurichten— als ob sie das nicht verständen. Ich glaube, wen» Kartoffeln und Hering die Hauptnahrungszweige bilden, wenn sogar Brod ein rarer Artikel ist, dann ist das Menschenmöglichste in der Ein- richtung geleistet. Dabei soll der Arbeiter seine Steuern immer noch pünktlich entrichten, was freilich zu den Unmöglichkeiten gehört. Es ist daher auch gar nicht zu verwundern, wenn in unsrcr Stadt, die 4000 Einwohner zählt, 400 Steuerrestanten vorhanden sind, die mit den Steuern 1, 2, 3 und 4 Jahre im Rückstände sind. Der Steuerexekutor hat denn auch vollauf zu Frankfurt o. M., 18. November.(Gewerkschaftliches.) Am 15. d. M. fand Hierselbst eine Zusammenkunft der Lokalbeamten sämmt- licher Gewerkschaften statt, um über die Centralisationsftage zu disku- tiren. Bon der Nothwendigkeit eines Cenlrat-GewerkschaftSorqans war man allgemein überzeugt. Jedoch fanden die von Herrn Kapell ge. machten BorschlSge in Betreff der abzuhaltenden Conferenz nicht die genügende Unterstützung. Ueber die übrigen Punkte war die Meinung ibnn'"' So war ick erst I n IVtUmr Reit" Re ua c" wie Einern WeW vorherrschend, daß dieselben bis zur Regelung des HerbergSwesenS, was w SV �*1 ja auch ichon angebahnt sei. zu vertagen seien. Schtießiich wurde fol- (�amillinvater) der Web) hl gepfändet wurde. Alks Jammern gender Antrag einst mmig angenommen:„Die Frankfurter Lokalbeamten von Frau und Kindern half nichts— dem„Recht muß ja mit der Schaffung eines Central-Gewerkichaftsblattes vollständig Genüge geschehen, selbst wenn mne Familienexistenz dabei ruinirt einverstanden. Entgegen den von Herrn Kapell gemachten Borschlägen wird. schlagen dieselben folgendes Verfahren vor: Von der Abhaltung einer — von denen man nie vorher gehört—, natürlich mit dem auf richtigsten Wunsche, nur dem Arbeiterinteresse zu dienen.— Und weshalb auch nicht. Hat es denn bisher noch an der nöthigen Unterstützung gemangelt, sich den Arbeitern aufzu- drängen, trotz des gerechten Mißtrauens, das auf Seiten der „denkenden Arbeiter" obwaltet, an denen die traurigen Ersah- rungen eben nicht spurlos vorübergegangen sind. Der Arbeiterausstand des letzten Sommers hat eine thatsäch- liche Umwälzung innerhalb der Arbeiterklasse hervorgerufen. Nicht aus Muthwillen wurden solche große Strikes in Scene gesetzt, die furchtbaren Wirkungen einer planlosen Produktions- weise und die daraus unmittelbar entspringenden Folgen für das arbeitende Volk hatten zu sehr ihr Erscheinen geltend gemacht, als daß ganz darüber hinweggegangen werden könnte. Da man aber die Hauptforderung der Unzufriedenen— also eine For- derung, die den Ausstand allgemein machte— nämlich den Beschäftigungslosen Arbeit zu geben, nicht weil man keine „künstliche Prosperität" zu schaffen vermochte, und nicht wollte, weil das individuelle Kapital dadurch Nachtheil erleiden würde, — so war eine Opposition gegen die beiden herrschenden Par- teien sozusagen„gelegentliche Erholung", und zwar einfach des- halb, weil die in Rede stehende Opposition keine gefährliche Opposition ist und nur die bequemste Vermittlerin zwischen Har- moniebestrebungen abgiebt. Eine solche„Oppositionspartei" ist im Staate Pennsylvanien die„Uoiteä Liabor Party", eine Partei, die aus verschiedenen Arbeiterverbindungen besteht, eine sehr mangelhafte Organisation hat und vermuthlich bald nach der Wahl zu Grabe geleitet wird. Tie einzige Möglichkeit, dieselbe noch zeitweilig am Leben zu erhalten, wäre allenfalls denkbar durch ihre Verbindung mit der Grcenbackpartei— mit der sie auch ursprünglich verwandt ist—, die sie wieder erneuert hat, obgleich auf der Harrisburgh Con- vention eine Art„unabhängiges Ticket" aufgestellt wurde, in der Abficht, Arbeiterstimmen zu fangen, genau wie die beiden anderen Parteien) von denen sie sich auch wenig oder gar nicht unter- scheidet. Der Umstand, daß etliche Punkte des sozialdemokra- tischen Programms in Harrisburgh angenommen wurden, ver- schaffte dieser Partei auch die Hilfe der Philadelphiaer Mit- glieder der„Arbeiterpartei der Vereinigten Staaten", wobei Letztere für die Verbreitung ihrer Ideen Propaganda zu machen hofften. War es schon höchst bedenklich, der„Ilniteä Labor Party" von Seiten der„Arbeiterpartei der Vereinigten Staaten" ein indirektes Zugeständniß zu machen, um die Candidaten der erstern Partei zu unterstützen, welche sämmtlich, mit vielleicht einer Ausnahme, keine blasse Ahnung vom Sozialismus haben, einer der Cand-daten sogar ein erklärter Republikaner ist, und wie er selbst offen eingesteht, daß er im Falle seiner Erwählung seiner Partei— also der republikanischen— treu bleiben würde,— so war es anderseits auch inconsequent, indem man den Com- promißversuchen nicht widerstand in einem Falle, wo der prin- zipulle Standpunkt unbedingt hätte eingenommen werden müssen. Immerhin kam die Partei noch zu der Einsicht(freilich etwas spät), daß ein Zusammengehen mit der„Ilniteä Labor Party" unter den bc wandten Umständen eine Unmöglichkeit ist und faßte den Beschluß kurz vor der Wahl, nicht an der jetzigen Wahl theilzunehmen, da die„Ilniteä Labor Party", statt für die reine Arbeitersache einzutreten, ihre Aehnlichkeit mit den bestehenden reaktionären Parteien immer mehr dokumentirt. Wenngleich dieser so gefaßte Beschluß nicht die beabsichtigte Wirkung auf das Resultat der Wahl ausüben wird, so wird doch hierdurch Klarheit in der Situation geschaffen. Und das ist von Wichtigkeit. So gewiß bis dato das Ergebniß der Wahl noch zweifelhaft ist, so genau kann man behaupten, daß die' „Ilniteä Labor Party" eine Niederlage erleidet. Ihre ganze � Agitatton ist nur Effekthascherei und absolute Verständnißlosigkctt. für die Sache. Ihre Candidaten bieten gar keine Gewähr, daß sie der Arbeitersache dienen werden, und gehören zu jener Kategorie, die beim Herannahen der Wahlen plötzlich zu erscheinen pflegt. Solche Leute unterstützen, darf und kann die Sozial demokratie nicht. Lieber gar nicht wählen, als Leute, welche auch nicht die mindeste Garantte leisten, dem Verlangen der Wähler nachzukommen, ja die bei ihren eigenen Anhängern stark im Geruch der Selbstsucht stehen. Das Resultat der Wahl in Ohio wird den Lesern des„Vor- 1 wärts" bekannt sein, ebenso der thätige Antheil, den die Sozial-( demokratie an derselben nahm. Ueber 12,000 Stimmen sielen auf ihre Candidaten, nachdem sie zum ersten Mal aktiv in die Wahl eingegriffen, jedenfalls ein bedeutender Erfolg, der doppelt hoch anzuschlagen ist, da der Wahlkampf rein prinzipiell' geführt wurde, und nur der Mangel an Ägitationskräften außer- halb von Cincinnatt, Toledo und Cleveland denselben nicht! größer sein ließ. In Baltimore(Maryland) hatten die Arbeiter auch ein eigenes Ticket aufgestellt. Da die Republikaner kein besonderes Ticket aufstellten, so kandidirte nur der Demokrat gegen die! Arbeiter. Ter Demokrat Kane siegte, trotzdem brachte es der Arbeiterkandidat Thompson auf 17,000 Stimmen. Letzterer, Husschmidt, ein persönlich ehrenhafter Mann, hatte die Schwäche zu erklären, er huldige nicht den sozialistisch-communistischen Tendenzen, obgleich, nach gethanen Aeußerungen, er dieselben kaum kennen dürfte. Für uns Sozialisten hat natürlich der so- eben beendete Wahlkampf in Ohio am meisten Bedeutung, weil doch ein vollständig„sozialistisches Ticket" im Felde stand, den Wählern aber auch das Zurückberufungsrecht garantirt war.— Dennoch kann es nicht oft genug wiederholt werden: soll die sozialistische Bewegung auch hier eine Zukunft haben, so muß sie sich streng au das Programm lehnen. Nur die Arbeiterklasse als solche kann für einen Erfolg bürgen. Tie prinzipielle Agi- tation geht mit der Aufklärung die gleichen Wege, ohne diese nimmermehr!" R. I. Conferenz ist abzusehen, hingegen ist die Frage in der Arbeiterpresse | sowie in den Geweikschastsversammlungen genügend zu besprechen. Als- dann ist die Frage aus den nächsten Generalversammlungen zur Sprache zu bringen. Diejenigen Gewerkschaften, welche sich hiermit einverstanden erklärten, würden zur Feststellung aller näheren Bestimmungen emige � Delegirten(welche aus den Generalversammlungen zu wählen seien) zu einer etwa auf Pfingsten einzuberufenden Conferenz zu senden haben, wo die Sache alsdann definitiv zu regeln sei." Da man sich in den verschiedenen Gewerkschaftsversammlungen in demse ben Sinne ausge- iprochen, so werden die Mitgliedschaften ersucht. Vorstehendes zu berück- ! sichtigen. I. A.: R. Jahn. H. Hiller. Ch. Neu. Oeffentliche Quittung. Für die Gemaßregelten(Unterstützungsfonds) habe ich seit dem 2. Novbr. erhalten: Limmer bei einer Kindtaufe durch G. Wilke M. 3,00; Offen- bach a. M. d. G. Fritz 20,00; Achim d. C. Engelmann 5,00; Groitzsch d. G. Reichelt 14,21; Groß-Auheim d. A. Kronen- berger 20,00; Hamburg von Förster 2,40 und für Agitation 4,80; do. von Mehreren d. Garve 6,39; do. von Le Furieux 20,00; Lechhausen d. A. Lichtcnsteiger 0,50; Coburg von Carl Krämer 1,00; Zittau d. F. Renke 1,00; Langenbielau d. A. Kühn 1,80; Braunschweig vom Abschiedsfest eines zum Militär Einbe- rufenen d. L. Homann 3,20; do. d. L. Bosse 10,00; Duisburg gesammelt in Beek d. A. Buschmann 1,70; Harburg von der Todtenfeier d. F. Seitz 12,00; Frankfurt a. M. d. Leonh. Hunger vom Schuhmacherfest 7,00; Gotha von B. Straube 1,00; Gera vom Arbeiterfest d. H. Prell 20,22; Forst von verschiede- nen Parteigenossen 5,00; Neviges d. C. Schmidt von Partei- genossen 26,00; Linden d. W. Quatfasel v. Lims Geburtstag 1,30; Kesselfiadt bei Hanau v. Arbeiterfest d. Ph. Haberl 6,66; Ottensen vom Stiftungsfest der„Lassallea" d. Kirsch 9,50; Hamburg Ueberschuß von einem Accord d. Lampe 2,40; Lübeck d. Baier v. Klos' Schneiderwerkstätte 5,00. Hamburg, 19. November 1877. August Geib, Rödingsmarkt 12. Achtung! Allen auswärtigen Genossen diene hiermit zur gefälligen Notiz, daß die vereiniften Gewerkschaften Kassels mit heutigem Tage ein gemein- schaftlicheS Verkehrslokal errichtet haben. Dasselbe befindet sich beim Gaßwirih Saake, Schäsergasse Nr. 20 und wird derselbe bemüht sein, daß ihm von den Gewerkschaften geschenkte Vertrauen durch Verab- reichung von billigen und guten Speijen und Getränken, sowie durch Reinlichkeit und fteundliche Bedienung zu rechtfertigen. Damit nun aber auch dieses Verkehrslokal seiner Ausgabe gerecht werden, das heißt, den Herbergen„Zur Heimat" rc. rc. einen kräftigen Damm entgegen letzen, das Klassenbewußisein und den Zusammenge- Hörigkeitssinn der Arbeiter mächtig fördern kann, so ist es Pflicht eines jeden hier zureisenden Genossen, nur in obigem Lokal zu verkehren. Der„Vorwärts", eine Anzahl GewerkschastS- sowie einige andere Pmteiblätler liegen auS. Kassel, den 13. November 1877. Die Commission. diu. Alle Partei- und Gewerkschaftsblätter werden freundlichst um Abdruck gebeten. Briefkasten. der Redaktion. G. Sp. in Aachen: Der„Vorwärts" nimmt natürlich Ihre Einsendungen auf. In dem bestimmten Fallt hielte» wir die Aufnahme nicht für rathsam. Quittung. I. Kllnr Saalfeld Ab. 10,00 d. L. hier. Wahlverei» tarburg Ann. 0,80. Bschmnn Duisburg Ann. 0,S0. Sndmnn Dessa» chr. 3,00. Flr Schwäb.-Gmünd Ab. 10,00. Fllrmnn Bremerhast» Ab. 12,00. Kchnrthr Hos Ab. 9,8S. Uftt Apolda S-tir. 5,00. Uhtmno Crimmitschau Ann. 0,80. Jcb St. Johann Ab. 5,00, Schr 10,00. Englmnn Achim Ab. 8,10. Sbl Dortmund Ab. 45,00. Lvsctff Lon don Ab. 5,10. Krzgr Rittersfeld Ab. 2,38. Cznzk Böhm.-Leipa Ab. 1,21. Gnß Moritzburg Schr. 1,00. Rhnsld Haibau Schr. 0,50. Fonds für Gemaßregelte. Bon G. Rglr Hof 1,10. Arbeiterverein Plagwitz 1,00. Sozialdemokratischer Wahlverei«. �aimvver. Sonntag Abend, den 25. November: Mendiiilttrhliltimg bei Wietgrefe, Mittelstraße Nr. 11. Dazu ladet fteundlichst ein Der Vorstand. s2,40 Bund der Tischler u. vcrw Brrufsgenossen. »�IllUUDl. II.. Sonntag, 25. November, findet im Rarten- swen Gesellschaftssaale(Eingang am Graßweg> eine Abendunterhaltung und Tanzkränzchen statt. Anfang 5 Uhr.(2,40 College» und Freunde unserer Sache ladet hierzu höflichst ein DaS Comitö. Arbeiterbildungsverei». Nächsten Sonntag, Nachmittag« von 3 Uhr an, wird im Vereinslokale, Querstraße 24. eme Ausstellung künstlicher Glasgegenstände stattfinden. Der Zuiritt ist Jedermann umirtgeltuch gestattet. Abends halb 8 Uhr: Vortrag über Glasspinnerei mit Experimenten.(80 Der Borstand. Arbeiter-Wahlverein. �„nlUvlUU. Montag, den 26. November, Abends 3'/, Uhr, im Saale des Hrn. Hillebrand, Aitemünze 2l: Mitglieder-Versammlung. Tagesordnung: Vorstandswahl. Verschiedenes. Um recht zahlreiches Erscheinen ersucht(80 Der Borstand. 5)1 sei SUpdftffpitr sucht ein Parteigenosse, der zugleich agi- L/lXvVll-lVU-l. tatorisch wirken kann, Stellung an einem sozialistischen Blatte. Offerten sud. X. 13 an die Exped. d. Bl. Bekanntmachung. Die Genossenschaslsbuchdrnckerei Augsburg(Eingetragene Ge- nossenschaft) befindet sich in L>quidatton. Alle Diejenigen, welche For- derungen an die Genossenschaft zu mach-n haben, werden aufgefordert, diese sofort bei der Liquidationscommission anzumelden.(2,10 Die Liquidations-Commission. Durch verzögerte Zusendung Seitens der Allgemeine» deutschen Associations-Buchdruckerei in Berlin sind wir vor- läufig nicht im Stande, die Bestellungen auf Kalender zu effectuircn. Die Expedition des„Vorwärts". Verantwortlicher Redakteur: Hermann Helßia in Reudnitz-LeipM- Redaktion und Expeditton Färbersttaßc 12/11. in Leipzig. Druck und Verlag der Genoffenschaftsbuckdruckerei in Leipzig.