Erscheint in Leipziz M'itwoch, Freilag, Sonntag. AbonneincntsprciS roi TeuN'chland 1 M. KS Pf. pro Quartal. Monais- Abonnements «rder bei allen tev.richen Postanstaltrn den i. und 3. Monat, und aus den e Mona! besonders angcnominen� im v?nizr. Sachsen und Herzoglh. Sachsen- ialtenburg auch aus den lten Aonat des Quartals ä 54 Psg, Inserate aett. Versammlungen pr, Petitzeile 10 St., »eft Brioaiangelegenheiten und Feste pro Petitzeile 30 Ps. Gentrat Hrgan der Nr. 147. Sonntag, 16. Dezember. 1877. OBTifi Verläumder. Seit Fürst Bismarck in seiner, den Mann charakterisirenden Reichstagsrede gegen die Sozialdemokratie(zu„Z 130") so patriotisch war, die deutschen Arbeiter gegenüber den ausländischen Arbeitern herabzusetzen, ist es bei unseren Herren Bourgeois Mode geworden, ihren„Patriotismus" durch Verleumdung der deutschen Arbeiter, die doch wahrhaftig auch zu dem„Vaterland" gehören, zu be- thätigen. Die Untüchtigkett, Faulheit, Unpünktlichkeit der deut- schcn Arbeiter tragen die Schuld der gegenwärtigen Krise, des Niedergangs unserer Industrie, unseres internationalen Fiaskos in Philadelphia— das und ähnliches kann man ftden Moment aus Bourgeoismund hören, in Bvurgeoiszeitungen lesen. Es ist ja eine alte Geschichte: die Großen„geben es weiter" an die Kleinen, und was die Herren Bourgeois versündigt, das müssen die Arbeiter ausbadcn. Ein zwar der Form nach ziemlich maß- volles, aber um so boshafteres Pasquill auf die deutschen Ar- beiter ist dieser Tage uns zugesandt worden; es wurde ursprünglich von einem Pfaffen- und Muckerblatt, dem„Braunschweigischen Bolksblatt"— natürlich„aus christlicher Liebe"— veröffentlicht und macht jetzt die Runde durch die Bourgeoispresse. Es lautet: „Die Behauptung, daß der Amerikaner, was Ernst, Tüchtig- keit und Gewissenhaftigkeit anlangt, mit denen er sich seiner Arbeit widmet, den deutschen Arbeiter in der Regel übertrifft, dürste von allen Sachkundigen bestätigt werden. Insbesondere berufen wir uns auf das Urtheil der in Amerika arbeitenden deutschen Ingenieure, welche beide Arbeiterwelten kennen lernten. Recht bezeichnend versichert der deutsche Kapitain einer großen deutschen Dampferlinie, deren Schiffe englische und amerikanische Häfen berühren, daß er, wenn irgend möglich, Sch ffsaus- besserungen in Southampton oder Baltimore ausführen zu lassen Pflege und nur im Ztothfalle an deutsche Arbeiter vergebe.„Der amerikanische oder englische Handwerker," sagt derselbe,„kommt pünktlich zur festgesetzten Stunde, verschafft sich einen Ucberblick über die begehrte Leistung und giebt mir genau die dazu er- forderliche Zeit und Kosten an. Schlage ich zu, so kann ich auch darauf bauen, die Bestellung am verabredeten Tage solid ausgeführt zu sehen. Der deutsche Handwerker dagegen schüttelt den Kopf, zuckt die Achseln und versucht in der Regel nicht einmal, jene Berechnung anzustellen. Bestehe ich auf dem An- schlag, so schätzt er meistens flüchtig und unrichtig ab. Ten einen oder andern Arbeitstag läßt er ausfallen und hat, ist er endlich fertig, seine Sache gar oft nicht einmal zu meiner Zu- friedenheit gemacht." „Die größere Gewandtheit des nordamerikanischen Arbeiters ist zum Theil wohlbegründet. Der Mangel an Arbeitskräften zwang von jeher den Einzelnen, sich auf verschiedenen Feldern zu versuchen. Tie überaus mannigfaltigen Schicksale, die der in Amerika ausschließlich auf seine Arbeit Angewiesene zu erleiden pflegt, werden daher durch die besonderen Verhältnisse des amerikanischen Lebens leicht erklärt.„Hans Dampf in allen Gassen" ist nicht nothwendigeriveise ein Taugenichts. Ist er fleißig, so wird er an Gewandtheit Denen überlegen sein, welche sich ihr Lebenlang einem eng begrenzten Felde widmen. Denn tägliche Uebung derselben Handgriffe steigert das Geschick durch- aus nicht ins Unendliche, dagegen sind zcitersparende Vortheile aus einem Handwerk in ein anderes leicht herübergenommen. „Ferner hat der Mangel an Arbeitskräften in Amerika eine beispiellose Entwickelung der Maschinen bewirkt. Die Segnungen dieser bestehen darin, daß sie den Schweiß des Arbeiters ver- mindern und seine Nerventhätigkeit, die Anspannung der feineren Organe, befördern. Was er an roher Kraft weniger zu leift u hat, muf r durch reichlichere Benutzung des Gesicht-, Gehör- und Tastsinue-, iw durch Anwendung gewählterer Handgriffe ersetzen. Außere lenkt der verr hrte Umgang mit Maschinen schon an sich die Aufmerksamkeit darauf, in erhöhtem Grade an Arbeit zu sparen. „Ferner sei in der beregten Richtung angeführt, daß auch die größere Vollkommenheit amerikanischer Werkzeuge zur Aus- bildung der Amerikaner nicht wenig bergetrageu it. Ter höhere Stand der dortigen Werkzeugmache rei beruht u. Ä. darauf, daß, während in Europa in den Fabriken die Werkzeuge in der Regel dem Arbeitgeber gehören, dieselben drüben gewöhnlich Eigeu- thum des Arbeitnehmers sind. Dieser besitzt in ihnen oft ein kleines� Kapital. In Europa ist daher der Arberter gezwungen, seine Hand den Werkzeugen anzupassen, während er jenseits des Oeeans dieselben nach eigenen Bedürfnissen auswählt. .«\ln aJen diesen Punkten liegt die Ueberlegenheit des ameri- kanischen Arbeiters über den deutschen in der Natur der Dinge, wofür letzterer nicht verantwortlich ist. Keine Entschuldigung giebt es aber dafür, daft unsere Arbeiter in der Regel nicht mit der nämlichen Willensanstrengung ihren Aufgaben obliegen, wie die Amerikaner. Thatsache ist, daß in den Vereinigten Staaten in manchen Beruf-zweigen die Arbeitszeit viel ausgedehnter ist als in Europa, und daß es der Mann trotzdem mit seiner Pflicht strenger nimmt, als bei uns. Rauchen und Schwatzen bei der Arbeit, das bei uns so allgemein eingerissen ist, kennt man dort nicht. Ja, manche deutsche Arbeiter wandern aus den Vereinigten Skaaten nur deshalb wieder nach Deutschland zurück, weil sie ihre Kräfte nicht so anspannen mögen, wie es von ihnen verlangt wird. Zahlreiche Briefe deutscher Auswanderer sprechen stch übereinstimmend dahin gw», daß in der neuen Welt un- Zweifelhaft größere Anstrengungen vom Arbeiter gefordert werden, als im Baterlande. „Endlich muß zugestanden werden, daß der deutsche Arbeiter, namentlich der Handwerker, in Pünktlichkeit entschieden vom englischen und amerikanischen übertroffen wird. Einer großen Anzahl unserer Handwerker scheint leider das Gefühl gänzlich abhanden gekommen zu sein, daß Jnnehaltung der Zeit, in welcher eine gewisse Arbeit fertig sein soll, zu den wesentlichsten Punkten jedes Vertrages gehört. Ist es doch bei uns schon so I weit gekommen, daß in vielen Orten Nichterfüllung des dem .Kunden gegebenen Handwerkerwortes die Regel bildet. Welcher �Mangel an Selbstvertrauen, welche Kleinheit der Gesinnung drückt sich aus, daß so viele deutsche Handwerker— selbst wenn sie wohl wissen, daß sie das verpfändete Wort brechen müssen — sich keine Bestellung entgehen lassen wollen!" Das der Artikel. Die Lüge ist bekanntlich die schlimmste, welche mit etwas Wahrheit vermischt ist: durch die Wahrheit erhält sie gewisser- maßen Flügel, ohne welche sie bleischwer am Boden zu liegen hätte. So findet sich auch in dem obigen Machwerk manches Wabre. Wahr ist, daß unsere Handwerker durchschnittlich nicht so pünktlich, unsere Arbeiter in der Arbeitszeit vielfach nicht so intensiv thätig sind, wie die englischen und amerikanischen Handwerker und Arbeiter. Wer längere Zeit in England und den Vereinigten Staaten gelebt und sich mit den einschlägigen Verhältnissen be- schäftigt hat, kann über diese Thatsache nicht im Zweifel sein. Aber daß dem so ist, dafür können wir doch nicht die deut- scheu Handwerker und Arbeiter verantwortlich machen: es ist dies ein nothwendiges Resultat unserer relativ geringeren industriellen Entwicklung, des noch in vielen Arbeitszweigen in Deutschland herrschenden Kleinbetriebs; vor allem der organisch hiermit zusammenhängenden langen Arbeitszeit bei relativ schlechten Löhnen.(Was der Verfasser des obigen Artikels von längerer Arbeitszeit in Amerika redet, ist einfach aus der Luft gegriffen.) Der große englische Unternehmer Brassey hat in seinem Buch über Arbeit und Löhne den Nachweis ge- führt, daß der bestbezahlte Arbeiter der intensivst arbeitende ist, und daß man die industrielle Entwicklung eines Volks genau nach der Lohnhöhe bemessen kann: je höher die Löhne, desto höher die industrielle Entwicklungsstufe. Und Brassey hat weiter berechnet, daß lange Arbeitsstunden ebenso wie niedrige Arbeitslöhne im Allgemeinen für die Pro- duktion der Waaren ungünstiger sind als kurze Arbeitszeit und hoher Arbeitslohn. Der deutsche Arbeiter, der nur selten frisches nahrhaftes Fleisch genießt und 12, 14, 16 Stiindeii täglich arbeiten muß, kann in der Stunde selbstverständlich nicht so viel„vor sich bringen", als der englische oder amerikanische Arbeiter, der— von Krisen abgeschn— regelmäßig sehr kräftige Nahrung zu sich nimmt, und blos 9—10 Stunden täglich arbeitet. Jetzt kommen wir zu den Unrichtigkeiten, zu den ver- leumderischen Unrichtigkeiten. Es ist nicht wahr, daß der deutsche Arbeiter an sich dem ausländischen Arbeiter nachsteht. In England, Amerika, Frankreich genießen— das wissen wir aus persönlicher Erfahrung— die deutschen Arbeiter der höchsten Achtung. Was Fleiß, Geschicklichkeit, Leistungsfähigkeit betrifft, so werden sie den einheimischen Arbeitern durchschnittlich gleich (in manchen Branchen über, in andern freilich auch unter sie) gestellt. Wenn bei einem Wettrennen das eine Pferd wohl genährt, wohl gepflegt, leicht gesattelt, das andere aber schlecht genährt, schlecht gepflegt, überarbeitet, überbürdet ist, dann muß mit mathematischer Sicherheit das letztere zurückbleiben. Allein Nie- wanden wird es einfallen, dies ein ehrliches Wettrennen zu nennen und das zurückgebliebene Pferd für das untüchtigere zu erklären. Ein derartiges Wettrennen ist die Coneurrenz des deutschen Arbeiters mit dem Arbeiter der drei übrigen Kultur- länder. Schlecht genährt, überarbeitet, mit schlechtem Ar- beitsmaterial und schlechtem Werkzeug, muß er zurück- bleiben. Wird er aber von der erdrückenden Last befreit, kann er unter gleichen Bedingungen, sei es in der Heimath oder im Ausland: in London, Paris, New-York u. st w. in die Eon- currenz eintreten, dann zeigt er sich seinem ausländischen Bruder rillkom.i"- ebenbürtig. Kurz, wenn und wo der deutsche Arbeiter dem ausländischen Arbeiter hintansi-ht, da tragen unsere unentwickelten ökonomischen Verhältnisse, die schlechten Löhne, lange Arbeitsstunden u. st w. die Schuld. Und wo diese Bedingungen wegfallen und„die Waffen gftich" sind, da hält der deutsche Arbeiter den besten ausländischen Arbeitern die Stange. Jedenfalls haben die Herren Bourgeois und Pfaffen am wenigsten ein Recht, den kutschen Arbeitern Mangel an Fleiß und Geschicklichkeit vorzuwerfen, knn unsere Herren Bourgeois sind wesentlich an den Zuständen sch'ld, aus welchen che relativ geringere Leistungsfähigkeit der deutschen Arbeit entspringt, und was die Herren Pfaffen angeht, so haben sie, wo von produktiver, gesellschaftlich nützlicher Arbeit die Rede ist, überhaupt nicht mit- zusprechen. Beiläufig find die deutschen Arbeiter Nicht die einzigen, die von ihren Bourgeois- Landsleutcn verlästert werkü. Man kann keine Nummer des englischen Centralgewerkschaftsorgans„In- dustrial-Review" öffnen, ohne auf Citate von mündlichen und schriftlichen Bourgeoisäußerungen über die Faulheit und Lcr- schlechterung der englischen Arbeiter zustoßen. Die Bourgeoisie ist eben überall dieselbe: sie bat keinen anderen Maßstab de, Beurtheilung als ihr eigenes Interesse. Was diesem Interesse dient, ist gut, was nicht, ist schlecht.„Ein guter Arbeiter" im Sinne der Bourgeoisie ist der Arbeiter, welcher sich zum willen- losen Sklaven des Kapitals dcgradiren läßt, sich stumpfsinnig den Interessen der Bourgeoisie opfert. Ein„schlechter Arbeiter" ist, wer seine Klassenlage begriffen hat und Mensch zu werden strebt. Die deutschen Arbeiter können sich glückwünschen, daß sie auf- gehört haben,„gute Arbeiter" zu sein.*) *) Wenn deutsche Arbeiter sich dazu hergeben, dem Kapital Knecktsdienstc zu leisten, und wären es die infamsten, dann können sie auf Lob rech- AuS Berlin. 12. Dezember. Heute kann ich Ihnen mittheilen, daß die ganze Luft voller Gerüchte schwirrt. Bismarck zieht sich völlig von den Staats- geschäften zurück— Bismarck bleibt lediglich erster Berather der Krone mit dem Titel: Reichskanzler und dem üblichen Gehalte— Bismarck kommt doch nach Berlin, weil der Fall von Plewna seine Anwesenheit in dem großen diplomatischen Eoncert, welches jetzt in Scene gesetzt werden soll, als ersten Violinspielers noth- wendig macht— und so drängt und verdrängt eine Version die andere. Die Reporter umlagern die Landtags abgeordneten, um Neuig- leiten zu erfahren, die Abgeordneten aber wissen selbst nichts; um sich jedoch den Schein des Wissens zu geben, deshalb wird von ihnen irgend eine bezeichnende Andeutung gemacht, die dann brühwarm zur Presse gebracht wird. Mancher biedere Abge- ordnete aber auch, dem die Comödie im Landtage bald zu ein- förmig wird, macht sich den Spaß und bindet dem Reporter irgend einen Bären auf, der dann brummend geduldig durch alle Zeitungen wandert. Daß Bismarck's Stellung auf das Aeußerste erschüttert ist, das geht am deutlichsten aus den langen bestürzten Gesichtern der Nationalliberalen hervor; Lasker schleicht schon mehrere Tage einem Schatten gleich einher und trauert um den Gewaltigen, dessen Sturz zugleich auch den Sturz der nationalliberalen Partei bedeutet. Die Btätter dieser Partei trösten sich noch damit, daß sie ab und zu die bevorstehende Ernennung eines ihrer Partei- Häupter wider besseres Wissen signalisiren; überzeugt sind sie nämlich, daß ein conservatioes Ministerium die größte Aussicht hat, das jetzige Fachmänner-Ministerium, welches ohne Direktion aus Barzin zu sein scheint, abzulösen. Der Abg. Windthorst hat dies schon angedeutet und der Mann ist trotz seiner Oppo- sition oder vielleicht wegen derselben, die er dem Herrn v. Bis- marck macht, in diesen Dingen nicht so schlecht unterrichtet. Im Abgeordnetenhause ist tödtliche Etatberathungs- Langeweile eingezogen— desto besser amüsiren sich die Herren Landboten außerhalb des Hauses. Bei einem Festessen, welches man dem Abgeordneten von Bockum-Dolfs gab, der sein 2ojährigeS Ab- geordnetcnjubiläum feierte, wurde sehr viel toastirt, natürlich auch in längerer Rede der Thätigkeit des Gefeierten gedacht. Um aber nicht den geringsten Mißton in die sehr gemischte Ge- sellschaft zu bringen, verschwieg man die einzige energische That des Herrn von Bockum-Dolfs, der in der Confliktszeit, als der Kriegsminister v. Roon sich der Disziplinargewalt des Präsidenten nicht fugen wollte und beshalb Tumult entstand, als fungirender Vicepräfident des Hauses sich mit dem Hute bedeckte, zum Zeichen, daß �die Sitzung verlagt sei. Dagegen hörte man einem Toaste des Herrn von Windthorst unter unbändigster Heiterkeit zu, den die witzige Exellcnz auf die deutschen Frauen brachte, und bei welcher Gelegenheir er dem kleinen Lasker empfahl, sich bald zu verheirathen, er liebe ihn wie einen Sohn und würde ganz gern an dem Hochzeitstage den Brautführer abgeben. Herr Eugen Richter soll als Correspondent der„Posener Zeitung" eine Bismarckbeleidigungsklage erhalten haben— Sie sehen, daß wenn ich Ihnen solches„Ereigniß" berichte, daß dann die Zeit im Allgemeinen reast ercignißvoll ist. Dabei fällt mir noch ein, daß der tapfere Eugen sich gegenwärtig mit einem Börsenblättchcn,„Berliner Actionär", herumbalgt, wahrscheinlich um— den Löwcnantheil irgend einer in Aussicht genommenen Beute. Täglich passiren hier eine große Anzahl von Selbstmorden, Kinderaussetzungen und Raubanfällen, die der heutigen Zeit der Roth und des Elends noch die Signatur des Verbrechens ver- leihen. Die Berliner Kriminalverhandlungen bieten in dieser Beziehung ein düsteres Bild. So wurde am 10. Dezember wegen Straßenraubs aus Roth vor dem Kreisschwurgerichte ver- handelt. Der Angeklagte, der erst 19 Jahr alte Kürschner Lange, war im August d. I. aus dem Gefängnisse gekommen, wo er eine� sechsmonatliche Strafe verbüßt hatte. Arbeit hatte er nicht gefunden, und so entschloß er sich aus Hunger zu bet- nen. Bezüglich des Londoner Steinhauerftrikes lesen wir in der„Kol..' Zeitung" vom vorigen Dienstag ganz am Schluß unter London: „Den Londoner Bauhandwerkern dürste es doch nunmehr klar werden, daß ihr Strike ein Fehlgriff war. Leute giebt es glück- licheiweise noch genug in der Welt, auch brauchbare Arbeiter, und wenn es den Engländern so gut geht, daß sie sich aus das Eis der Strikes begeben zu müssen glauben, dann werden sie sich auch da!? Schicks«! des Thiere« in dem angedeuteten Sprüchwort gefallen lassen müssen. Was sie verschmähen, das kommt den deutschen Arbeitern gerade gelegen, und sie lassen sich auch nicht zweimal bitten. Ein Transport Maurer nach dem andern langt hier an: die Leute reisen schon zum Theil aus eigene Kosten; einer ist von Düsseldorf bis Rotterdam zu Fuße gegangen, um sich dort einzu- schiffen. Die Arbeitgeber sprechen schon Mitunter die Befürchtui-g aus, es könne der Andrang zu groß werden. Die Engländer harren indessen in ihrem Widerstande aus. Sie leiden nicht ein- mal, dai. Maurer aus der Provinz die Arbeit annehmen. Die llnion und G.'Werksvereine fügen jetzt alles so eng miteinander zu- samwen, daß die gesammle Arbeiterschaft wenig mehr ist als eine große Maschine, deren Tbeile iämmtlich unter der Leitung einiger weniger �brer stehen. Die Deutschen sind noch nicht lange hier, und doch haben sie bereits ihre eigene Hilfskasse gegründet und eine Singschule eingf'chter, was ihnen hoch angerechnet wird. Die London� heißt es, Würden das dazu verwandte Geld verzecht und als Folge davon ihre Frauen mißhandelt haben." Wie man da den deutsche!' Arbeitern den Honig um den Mund schmiert und die englischen Arbeiter beschimpft! Sind die englischen Arbefter glücklich niedergeworfen, dann wird's auch mit dem Lob der deutschen Arbeiter aufgören— der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen. An den Fußtritten, die das Gehen beschleunigen, wird'S gewiß nicht fehlen. Sozialdemokratie Vestellungen nebinen an alle Poftanstalten un» Buch. Handlungen des In- u. Auslandes. Ftlial-Erv-dltianen. New-Bort: Soz.-dem»lr. Genos-cn- tchaftsbuchdruckerei, 154 EldriNx« Str. Philadelphia: P. Haß, 030 Eon!» S-a Street. I. Boll, 1129 Charlotte 8fr. Hpholen K.J.: F. A. Sorge, 215 Wnih- ington Str. Chicago: A. Lansermann, 74 Ciybonrne-«. San Franzisco: F. Entz, 418 O'Farrell Str. London W.: C. Henze, 8 New ofc; Golden Square. Deutschlands. .ln. Am hellen Nachmittag des 19. August redete er in der Nähe des Johannistisch die Ehefrau des Postschaffners Lenz, welche, ihr Kind auf dem Arm, dort promenirte, um eine kleine Gabe an. Als sie den Bettler mangels kleinen Geldes abwies, sprang derselbe auf die erschreckte Frau los, drückte sie zu Boden nieder und entriß ihr den Kindermantel. Auf der Flucht wurde er festgehalten und zur Wache gebracht. Die Geschworenen be- willigten dem geständigen Räuber mildernde Umstände, und so wurde dieser Verzweiflungsakt mit einer mehrjährigen Gefängniß- strafe geahndet.— Ein Kinderaussetzungsfall kam am selben Tage vor der Kriminal-Deputation zur Berhaudlung. Die 20- jährige Diensimagd Anna Ludwig, welche im vergangenen Jahr im Offizierskasino der hiesigen Garde-Artillerie-Kaserne im Dienst stand, hatte sich der Gunst eines Offiziers zu erfreuen, der sich, als sie im Februar d. I. einem Knaben das Leben schenkte, seiner Verpflichtung entzog. Die unglückliche Mutter mußte, da sie einen neuen Dienst antrat, ihr Kind in Pflege geben. Bald waren ihre kleinen Ersparnisse erschöpft, und die Pflegemutter des Knaben wollte denselben ohne Pflegegeld nicht länger behalten. In ihrer Roth brachte die Ludwig ihr Kind in eine Anstalt, welche sich der Erziehung solcher hilflosen Wesen unterzieht, sie wurde aber abgewiesen, und nun setzte sie in ihrer Verzweiflung in einer kalten Novembernacht den neun Monate alten Knaben dürftig bekleidet auf freiem Felde in der Nähe der nach Pankow führenden Chaussee aus. Glücklicher Weise wurde der bald verschmachtete Kleine am andern Morgen aufgefunden und dem Elisabethhospital in Pankow übergeben, wo er sich jetzt noch befindet, ohne Schaden an seiner Gesundheit genommen zu haben. Die unglückliche Mutter wurde mit dem niedrigsten Strafmaß von sechs Monaten Gefängniß belegt. Wenn das Mädchen aus dem Gefängniß kommt, erhält sie ihr Kind natürlich wieder. Ob sie es dann aber ernähren kann? Und der Offizier läuft in allen Ehren noch herum! So haben wir das schöne Berlin vor uns, nach außen glän- zend— es ist ja die Kaiserstadt, und im Innern nagt der Wurm des Elends, der Schande und des Verbrechens. i ttlMMiche Ucbeeficht. — Berliner Blätter schreiben:„Außerdem im Reichskanzler- amt bereits fertiggestellten Gesetzentwurfe, betreffend die Ge- Werbegerichte, sind noch weitere auf die Abänderung der Gewerbe- Ordnung bezügliche Entwürfe in Borbereitung; indessen scheinen dieselben von geringer Tragweite, nachdem die früheren um- fassenden Vorschläge zum Schutze der Arbeiter an dem Widerspruche des Reichskanzlers gescheitert sind."— Ei, das ist ja schön! — Der königlich preußische Landrath des Kreises Aschersleben, mit dem Namen Stielow, hat am 1. Dezember in dem dortigen Kreisblatte eine Ansprache„An alle Kreisbe- wohner" erlassen, die Werth ist, zu weiterer Kenntniß gebracht zu werden. Das landräthliche Edict lautet: „Dem zu einer wahren Landplage gewordenen Herumziehen der Bettler und Vagabonden vermögen die Behörden kaum noch zu steuern, wenn nicht das Publikum hilfreiche Hand leistet. Möge doch ein Jeder, in dessen Behausung Bettler:c. eintreten, sich nicht weiter von einer falsch verstandenen Milde oder Hu- manttät leiten lassen, und möge man diesen Leuten, die zu ge- wissenlos und zu faul sind, um eine ehrliche Arbeit zu thun, einfach die Thür weisen. Dann wird der Reiz und die An- nehmlichkeit für dieselben, auf Kosten ihrer Mitbürger und ohne Arbeit zu leben, bedeutend schwinden. Man sehe sich nur die Leute an, welche auf diese Weise das Land unsicher machen, und ihre Mitbürger brandschatzen. Fast durchweg sind es gesunde und kräftige Männer in den besten Lebensjahren. Bei der fal- schen Milde, die das Publikum diesen Menschen gegenüber übt, ist es leider so weit gekommen, daß das Betteln und Vagabon- diren ein lohnendes Gewerbe genannt werden kann. Die Nichts- thuer und Faullenzer weise man schonungslos von der Thür; das Wettere werden die Behörden besorgen. Wenn diese Maß- regel allgemein im Kreise zur Durchführung gelangt, wird der Kreis in Zukunft bald weniger von Bettlern heimgesucht werden. Diese Leute kennen ihre Straßen und Gegenden, welche lohnend für ihr Gewerbe sind, ganz genau, und bald würde es in ihrer Zunft bekannt werden: Im Kreise Afchersleben ist nichts mehr für uns zu holen. Für die Armen des Kreises wird selbstver- ständlich nach wie vor in der geregelten Weise gesorgt werden." Wir geben dem königlich preußischen Landrath in einem Falle Recht, nämlich, daß es von Seiten der Wohlhabenden„eine falsch vechandene Milde oder Humanität" ist, wenn sie Almosen Denjenigen geben, welche durch das heutige System an den Bettel- stab gebracht worden sind. Wmn man das heutige System der Ausbeutung für ein System der„Ordnung" hält, dann ist es aller- Vings sehr falsch verstandene Milde, dieser Weltordnung durch Almosen unter die Arme greifen zu wollen. „Fort mit aller Sentimentalität, der Hunger allein ist im j Stande, die Canaille zu zähmen!" Daß gerade so viele gesunde und kräftige Männer den Bettelstab ergriffen haben, das ist für den Herrn Landrath un- begreiflich. Er weiß nichts davon, daß das Kapital mehrere Jahre lang in unerhörter Ausbeutung gewüthet hat, er hat niemals von der fluchwürdigen Gründer- und Schwindlerperiode gehört, er weiß nicht, daß wir in einer langandauernden und tief einschneidenden Geschäftskrisis leben, daß Tausende und Abertausende von kräftigen Männern, die gern und freudig selbst für einen Hungerlohn arbeiten möchten, ardettslos, brotlos gewor- den sind— dieser idyllische Herr Landrath weiß das Alles nicht.— Es liegt uns jedoch fernab, mit dem Herrn Landrath rechten zu wollen; er ist ein untergeordneter Staatsbeamter und kann als solcher zur Beseitigung der herrschenden Nothlage nichts thun. Es ist ein Anderer, der in die Schranken zu citiren ist — der Staat. Dieser kann helfen, wenn er will, ja er ist ver- pflichtet zu helfen, da er zum nicht geringen Theile durch seine Passivität den Gründerorgien gegenüber mitschuldig geworden ist an de». Entwicklung der Dinge. Aber dieser„Retter in der Roth" sieht mit verschränkten Armen zu, wie die arbeitende Klasse mit Sorge und Elend ringt; und nicht nur das— er ist bereit, sich auf das darbende Volk zu stürzen, wenn es in seiner Verzweiflung ungeberdig werden sollte. In der heutigen Gesellschaft, in dem heutigen Staat ist und bleibt das Laos der Arbeiter eben immer— Arbeit und Elend. Soll es anders, soll es besser werden— die Wegweiser der Culturentwicklung deuten immer und immer auf den Sozialismus. — Die Selbstmorde in Preußen. Die von Dr. Engel herausgegebene„Statistische Correspondenz" enthält über dieses Thema eine interessante Zusammenstellung, der wir Folgendes entnehmen: Die von dem statistischen Bureau seit 1869 gesam- melten' Selbstmordfälle vertheilen sich auf die einzelnen Jahre, wie folgt: überhaupt von 100 Männer Frauen zusammen Männer Frauen 1869 2570 616 8186 80,66 19,34 1870 2334 629 2963 78,77 21,28 1871 2133 540 2723 80,17 19,82 1872 2363 587 2950 80,10 19,90 1873 2216 610 2826 78,41 21,59 1874 2527 548 3075 82,18 17.82 1875 2683 595 2278 81,85 18,15 1876 3189 728 3917 81,41 18,59 Darnach sind also im Jahre 1376 639 Selbstmorde mehr zur öffentlichen Kennwiß gelangt als 1875. Im Mittel fielen 1876 auf 100,000 Bewohner 15 Tödtungen durch eigene Hand, und damit hat die Häusigkeit derselben den gleichen Grad er- reicht, wie in Frankreich 1874 und 1875. Während dieser beiden Jahre war sie aber in Preußen erst dieselbe, wie jenseits der Vogesen in der Zeit von 1861 bis 1865, d. h. es kamen auf 100,000 Einwohner 12 bis 13 Selbstmorde. Unter den Todesarten, die von Männern gewählt werden, überwiegt regelmäßig das Erhängen alle anderen in bedeutendem Maße, während die Frauen ihren Tod fast ebenso häufig im Wasser wie durch den Strang suchen. Folgende Ueberstcht mag dies des Näheren darlegen: es tödteten sich M. W. M. W. M. W. durch 1874 1875 1876 Erhängen... 1613 259 1746 260 2047 292 Ertränken... 312 188 320 238 443 317 Erschießen... 383 6 339 6 442 4 Vergiftung... 47 39 70 47 75 53 Schnitt in den Hals 69 15 76 13 70 22 Hinsichtlich der Untersuchung der Beweggründe stellt der cittrte Bericht den Selbstmord weniger als Folge eines heroischen Entschlusses dar, der aus inneren Conflikten entsprang, sondern für die Mehrzahl der Fälle als Folge äußerer Umstände, durch die das Leven seinen Werth verlor. Folgende Zahlen mögen dies zum Schluß bestätigen; es wurden znm Selbstmord ge- trieben durch 1874 1875 1876 - Lebensüberdruß.. 331 433 426 körperliche Leiden.. 211 182 243 Geisteskrankheit.. 822 850 1039 Folge von Lastern. 331 355 431 Kummer..... 329 360 457 Reue, Scham u. s. w. 293 262 318 unbekannte Motive. 534 581 729 1 Wenn wir diese Zahlen mit denen der Verbrechen und Ver- gehen, welche in den letzten Jahren ebenfalls ganz bedeutend angewachsen sind, v.'rgleichen, so stehen wir vor einer Erscheinung unserer Zeit, durch welche die letztere in der denkbar schärfsten Weis: verurtheilt wird. — Nemesis. Der Berliner„Post" wird aus Paris tele- �graphirt:„Die Gefahr revolutionärer Erschütterungen ist drohend nahe gerückt. Die Gemüther und Leidenschaften sind auf das höchste erregt, und zwar in der Provinz noch mehr als in Paris. Der Marschall hat heute Morgen noch Niemand mpiangen als den Polizei-Präfekten Boifin und den General Gallifet. Letzterer, bekannt durch sein blutiges Wüihen gegen die Communards, dürfte unter Umständen berufen sein, eine Rolle zu spielen, wenn es zu Gewaltmaßregeln kommen sollte." Dazu bemerkt die„Soziald. Corr.":„Es wäre eine blutige, aber ge- rechte Nemesis, wenn ein Communehenker nun auch zum Henker der Bourgeois-Republikaner würde." Hübsch war's, zu hübsch, um möglich zu sein. Die Nürn- berger hängen Keinen, sie hätten ihn denn zuvor. Und die Communehenker schießen Niemand todt, sie hätten ihn denn zuvor in der Schußlinie. Und dahin bringen sie die Herren Bour- geois-Republikaner durch keine Macht der Erde. Ueberdies ken- neu wir ja das Sprüchwort: Eine Krähe hackt der anderen die Augen nicht aus. Der Communehenker Mac Mahon wird sich hüten, seinen Mit- Communchenkern, den Herren Bourgeois- Republikanern, etwas Ernstliches zu Leid zu thun— und um- gekehrt. Inzwischen wird die deutsche Presse mit Sensationsnachrichten gefüttert, so daß der gute Spießbürger wirklich glauben muß, es könne in Paris„ jeden Augenblick losgehn". Nur ruhig Blut! — Der polnische Emigranten-Berein in London� „Weißer Adler" beging am 29. November den 47. Jahrestag der Insurrektion von 1830, und zwar unter dem Vorsitze des englischen Obersten Payne-Payne. Außer Glückwunsch- Tele- grammcn aus der Schweiz und anderen Aufenthaltsorten pol- nischer Emigranten, auch aus Galizien wurde ein Telegramm des Grafen Ladislaus Plater verlesen, worin derselbe seinem B. dauern Ausdruck gibt, der Feier nicht in Person anwohnen zu können. Nach einer Rede des Vorsitzenden über die Beden- tung des Jahrestages gelangten mehrere Resolutioneu zur einstimmigen Annahme. Die erste lautet:„Daß das Unrecht und die Tyrannei, welcher das polnische Volk von Rußland unter- worfen worden, sowie die tapferen Anstrengungen, welche es machte, um seine Unabhängigkeit geltend zu machen, ihm einen Anspruch auf die aufrichttgste Sympathie des englischen Volkes geben." Eine weitere Resolution drückte die Meinung aus, daß der gegenwärtige Angriff Rußlands auf die Türkei analog den Angriffen Rußlands auf Polen sei und die thätigste Opposition aller Verehrer von Freiheit und Gerechtigkeit erheische. — Auch eine Selbsthilfe. Aus Deadwood(Darotha- Territorium) in Nordamerika berichtet der Chicagoer„Vorbote": Die in der Keels Mine beschäftigten Bergleute setzten sich am 8. November mit Gewalt in den Besitz der Mine, weil der Un- ternehmer ihnen ihre Löhne nicht bezahlen wollte. Sie leisteten dem Sheriff erfolgreichen Widerstand und weigerten sich, auf irgend einen Vergleich, ausgenommen der vollen und unver- kürzten Bezahlung ihrer Ansprüche, einzugehen. Sie haben sich bei der Mine verschanzt, sind gut bewaffnet und verproviantirt und ganz wohl im Stande, eine Belagerung, und wenn solche auch einen ganzen Monat dauern sollte, auszuhalten. Die Bür- ger von Central- City, in dessen Nachbarschaft die Mine liegt, sympathisiren mst den Bergleuten und man befürchtet, daß Blut fliegen wird, bevor die Z Listigkeiten beigelegt sind. Heute Abend (10. November) ließen die Bergleute einen gedruckten Aufruf vertheilen, m welchem sie das öffentliche Mitgefühl für ihre Sache in Anspruch nehmen und erklären, daß der Unternehmer ihnen 2500 Tollars Lohn schuldet, den er nicht bezahlen will, und daß sie die Mine für diesen Betrag mit Beschlag belegt hätten. — Der Schlußakt der Tragödie von Plewna war des„Löwen von Plewna" würdig. Osman Pascha, die einzige wahre Heldengestalt, welche in dem ruffisch-türkischen Kriege auf- getaucht ist, wurde nicht durch die Waffen der dreifach über- legencn Russen besiegt— er erlag dem Hunger: von Außen im Stich gelassen, machte er am 10. d. M. noch mit seinen kaum 35,000 Mann einen— wie die Russen selbst sagen„heroischen" — Durchbruchsversuch, der, nach Durchbrechung der ersten russi- schen Linien, schließlich an der colossalen Uebermacht und der massenhaften feindlichen Artillerie scheiterte. Die Verwundung Der Held von Plewna.*) Umschnürt von gewalt'gem Eisenring, Hier lieg' ich festgekettet; � � �. Wohin mein Blick auch spähend drmg, Kein Freund, der mich errettet; Ich aber fürchte nicht Kampf noch Tod; Bei Allah's ewiger Krone Gelob' ich Treu' bis zum letzten Brod, Bis zur letzten scharfen Patrone. Hersausen die Kugeln ohne Zahl, Es krachen die Wälle, geborsten. Verderben sendet der feurige Strahl, Von feindlichen Felsenhorsten. Wir aber singen, von Schreck umdroht, Dem tückischen Feind zum Hohne: Wir halten uns bis zum letzten Brod, Bis zur letzten scharfen Patrone! Seit Monden schau' ich vom Wall herab, Der Feinde Zahl zu schätzen; Schon werden Pulver und Schrot mir knapp, 's ist wahrlich zum Entsetzen. Und täglich größer wird die Roth Und enger die Eisenzone; Wir bleiben getreu bis zum letzten Brod, Bis zur letzten scharfen Patrone! Verdammtes Loos, da uns Allah grollt, Was hilft nun Fluchen und Beten? Warum nur wird sie nicht entrollt, Die Fahne des Propheten? Dann würde zerschmettert der Despot, Uns würde der Sieg zum Lohne. Jedoch Geduld— bis zum letzten Brod, Bis zur letzten scharfen Palrone! Biel Tausend sind schon hingerafft Als tapfrer Thaten Zeugen. Ach, mälig schwindet der Tapfern Kraft— Soll ich dem Feind mich beugen? Soll weichen ich dem Machtgebot Und führen mein Heer zur Frohne? Nein, Brüder! Treu bis zum letzten Brod, Bis zur letzten scharfen Patrone! Und fällt die Beste, dann laßt vereint Zerbrechen uns unsre Klingen! Es soll uns nicht der grimme Feind, Der Hunger nur kann uns zwingen. Einst wird von unserem Heldentod Der Vater künden dem Sohn:.' Sie waren treu bis zum letzten Brod, Bis zur letzten scharfen Patrone! *) Dieses ausgezeichnete Gedicht brachte der„Kladderadatsch" eine»»' Tag vor dem Falle Plewnas. Wie alle Nachrichten bestätigen, hat nur der Hunger die Tapfern von Plewna besiegt. R. d.„B." Literatur und Chocolade. Wir find heute wieder in der Lage, über liberale Geistes- prostitutioi» und Charakterlosigkeit zu Gericht sitzen zu müssen, nulla dies sine linea, gestern Eckstein, heute—„Gartenlaube". Es wäre für den Culturhistoriker eine lohnende Aufgabe, dem schädlichen Einflüsse nachzuspüren, den die„Gartenlaube" und Aehnliches in den Köpfen der jetzigen Generation verursacht hat, welches Unheil die Depcndenzen einer Marlitt und sie selbst verschuldet haben, und wie es kommt daß es die„ästhetischen Begriffe" des„ersten und verbreitetsten Blattes" gestatten, daß eine Rcclame der Chocoladenfabrikanten Jordan und Timaeus in der prätendirten angeblichen Bestimmung derKeil'schen„Gartenlaube" Raum finden. Nun das kömmt daher, daß Herr Keil nicht mehr nöthig hat, besonderes Gewicht auf den literarischen Werth seines Blattes zu legen, nachdem soviel effective Werthe in seinen Geldkasten geflossen find, und die Heerde der Abonnentenschäflein sich nach wie vor quartaliter zusammen- sindet, wobei doch nach dem Naturgesetz auf Propagotion zu rechnen ist; und H rr Keil weiß wohl, warum er seinen gedul- digen Gästen zur Abwechslung Chocelade präsentirt, er und sie sind des trockenen Tones schon lange satt, und recht gemüthlich läßt sich's bei dem süßen Tranke schwätzen, d. h. er muß von Jordan und Timäus' Fabrikat gebraut und nicht zu billig sein wie uns die Herren in ihrem„Gartenlauben"-Circular er- klären, denn billige Chocolade ist«ich» gut, gut ist was theuer ist, und darum immer herein meine Herren und Damen zu Jordan und Timaeus und verlangen Sie nur die theuersten Sorten, so garantiren wir für Ihr Wohlbehagen. Naiv werden die Chocoladenmännchen, wenn Sie in ihrem Circular betonen, dasselbe sei auch im Interesse ihrer Concurrenten verfaßt, eine wahrhaft rührende Naivetät, die das ganze Gesetz der freien Concurrenz und das Manchesterthum über den Haufen wirft und alle Chocoladenfabrikanten für solidarisch verbunden erklärt; ja wohl verbunden gegenüber dem Publikum. Doch wozu stören wir die Cirkel der Chocoladenfabrikanten, te ehocolat c'eat la paix, unter ihnen herrscht vollkommene Harmonie der Interessen und die„Gartenlaube" handelte im Namen der Cultur, da sie dieser Harmonie Ausdruck gab, wer's nicht glaubt wird sicher von Herrn Keil in die Reichsacht gethan. Nun wir verhängen über Keil und sein Gemäkel eine an- dere Acht und zwar im Namen des guten Geschmackes und der Würde der deutschen Literatur, die nicht benutzt werden soll zu Geschäftsreclamen und in der die Reelameposaune nicht den Ton angeben soll. Wir wissen, daß die Leute der„Gartenlaube" Scheinheilig- keit auf den Lippen, uns die Worte entgegenhalten werden: sie hätten init dem Cacaoartikel nur das Interesse des Volkes wahr- nehmen wollen, wir aber sagen ihnen, daß das Volk kein In- teresse an der theuren Chocolade der Herren Jordan und Ti- maeus hat, Chocolade für das Volk thut nicht noth, schafft ihm vor allen Dingen Brod; die theure Chocolade ist für die Upper ten ttiousand und literarischen Parvenüs, und dann sollte der Artikel vielleicht eine belehrende Tendenz haben, wozu die Unter- schrift Jordan und Timaeus und nicht$? Das fragen wir das erste Literaturblatt, welches bald das erste Reclameblatt sein wird. Osman Pascha' s zerstörte die letzten Chancen der Tücken und die Kapitulatisn mußte erfolgen. Auffallend ist die Spärlichkeit der uns zugehenden Mittheilungen. Wir sind natürlich allein auf russische Quellen angewiesen, und die Details scheinen nicht derart zu sein, daß ihre Veröffentlichung im russischen In- teresse ist. Wir lassen hier ein Urtheil der„Vossischen Zeitung" über Osman Pascha folgen: „Osman Pascha kann, insofern es sich um den ersten Ab- schn'tt dieses Feldzuges handelt, als der Retter der Türkei be- trachtet werden. Ohne sein energisches Eingreifen in die Ope- rativnen wären die Russen heute wahrscheinlich schon in Adria- nop?l. Während die eigentliche türkische Feldarmee trotz oder vielleicht wegen ihres häufigen Commandowechsels noch keine Entscheidungsschlacht wagte, brachte Osman den Russen drei niederschmetternde Niederlagen bei. Osman rettete die Waffen- ehre des ottomanischen Reiches, Osman demüthigte das stolze Rußland, Osman verschaffte den Machthabern in Stambul die Zeil und die Möglichkeit, durch verdoppelte Anstrengungen neue Heere ins Feld zu stellen. Daß diese günstige Gelegenheit in Konstantinopel ungenützt gelassen, daß ein Zeitraum von fünf Monaten vergeudet wurde, dafür kann Osman Pascha nicht ver- antwortlich gemacht werden. O- man Pascha hat die Operationen genial geleitet und ist wie ein Held gefallen, von der W:lt be- wundert, vom Feinde geehrt und geachtet. Er hat bis zum Aeußersten ausgeharrt und beugte sich erst nach einem letzten Versuche der unbezwingbaren Macht der Verhältnisse, indem er, schwer verwundet, die Kapitulation unterzeichnete." Die Friedensgerüchte, welche unmittelbar nach dem Fall von Plewna ausgeheckt wurden, sind schon wieder verstummt. Rußland will einen Theil der Türkei erobern, und die Türkei ist noch lange nicht hinlänglich geschwächt, um sich eine Amputation ruhig gefallen zu lassen. Man bedenke, wie lange Frankreich nach dem Fall vcn Metz den Krieg fortsetzen konnte, obgleich dort die letzte reguläre französische Armee verloren ging. Die Türken haben auf dem europäischen Kriegsschauplatz noch zwei reguläre Armeen— weit zahlreicher jede von beiden, als die, welche soeben kapitulirt hat— an„Menschenmaterial" fehlt es nicht und die soldatischen Eigenschaften des Türken, der mit über- raschcnder Schnelligkeit feldtüchtig zu machen ist, sind bekannt und haben neuerdings die Bewunderung sämmtlicher Kriegs- bericuterstatter erregt. Wenn in Konstantinopel nicht aufgeräumt und der Mißwirth- schaft, welche den Fall von Plewna verschuldet hat, ein Ziel gesetzt wird, dann kann freilich die Fortsetzung des Krieges für die Türkei nur neue Niederlagen bringen. — Biel Feind, viel Ehr! Ein Druckfehler in einer Be- kanntmachung des Berliner Polizeipräsidiums— anstatt„ichrift- liche Offerten",„christliche Offerten"— hat dem„Berliner Börsen- Courier" zu einer satirischen Notiz Veranlassung gegeben, welche die„Berliner Freie Presse" nachgedruckt hat. Auf den von dem Polizeipräsidium gestellten Strafantrag wurden die Re- dakteure beider Blätter wegen Beleidigung desselben unter An- � klage gestellt. Da inzwischen aber von dem Polzeipräsidium der � Strafantcag gegen den Redakteur Dr. Bruno Mertelmeyer zu- ! rückgenommen worden ist, so hatte fick am letzten Sonnabend ! der Redakteur der„Berliner Freien Presse" allein wegen des incriminirten Artikels vor der siebenten Criminaldeputation des Stadtgerichts zu verantworten. Der Angeklagte, der aus der l Haft vorgeführte Redakteur Finte, wurde auch wegen Beleidi- gung des Polizeipräsidiums, die in dem Artikel gefunden wor- den. zu 30 Mark event. 3 Tagen Haft verurtheilt, während gegen den Urheber wegen des zurückgenommenen Strafantrages das Verfahren als unstatthaft eingestellt wurde.— Also lesen wir in der„Magdeburger Zeitung". Offen gestanden, die Wahl, welche der Berliner Polizei- Präsident getroffen hat, gereicht dem „Berliner Börsen-Courier" wenig zur Ehre— er als der eigentliche Attentäter, ward verächtlich bei Seite geschoben, und die„Berliner Freie Presse", als Mitattentät-rin, allein der Ehre einer Klage gewürdigt. Das ist blamabel für den„Ber liner Börsen-Courier". Andrerserts zeigt dieser Vorfall aber auch, welche feindselige Gesinnung in den Berliner Polizeikreffeu gegen die Sozialdemokraten vorherrscht; das tangirt diese natür- lich herzlich wenig. Der feindseligen Gesinnung setzen wir das Gefühl„ungeheurer Wurstigkeit" entgegen. —„Die Zukunft"(Heft 6) vom 13. Dezember enthält: Die Proportionalvertretung von C. Lübeck.(Forts.)— Untersuchungen über die Grundprinzipien der Sozial-Oekonomie von Dr. Cäsar de Paepe.— Maximilian Robespierre, von Dr. Carl Brunnemann.(Forts.)— Ueberprodukcion.— Re- censionen. I I—————-S-S-g------------ Von der Chocolade bis zu den Weibern ist nur ein schritt, und so finden wir in derselben Chocoladennummer M. v. Humb rächt, dem wir gleichviel ob Mann, ob Weib in literarischer Be- ziehung das„femini generis" nicht erlassen können. Besagtes Weib hat sich die Gerbermühle bei Frankfurt a. M. zum Tum- melplatz seiner literarischen Verrenkungen ersehen und versucht eS, von dem Aufenthalte Marianne von Willemers(Goethe's Suleika) ein Bild zu geben. Nach einer unnützen Salbaderei über die Bedeutung solcher historischer Stätten wirft es einen Rückblick auf die zahllosen Besucher aus„allen Weltgegenden" (mit den Weltgegenden geht das Weib so um, als seien es Pfann- ruchen, in die man von Zeit zu Zeit hineinbeißt) und sagt von diesen Besuchern:„sie durchstreiften den Garten und schauten ehrfurchtsvoll zu den alten Bäumen empor, deren Zweige, wie wohl Manche sagten, schon über seine(Goethe's) erhabene Dichter- stirn dahinrauschten, und die, wie ich mich etwas einfacher aus- drücken möchte, ihm nicht allein den wohlthuenden Schatten ge- spendet, sondern auch Zeuge waren" zc. zc.; und folgen auf diese „Einfachheit" u. A. fünf Relativsätze. „Von Marianne v. Willemer sagt das weibliche Wesen: daß sieder Gerbermühle wechselnder Baumesschatten mit dem unver- weltlichen Gezweige des Lorbeers verflochten." Wie schön das klingt! O unvergleichliche Superlativs des Blödsinns, wechselnde Baumesschatten verflochten mit dem un- verweltlichen Gezweige des Lorbeers; sträubt sich nicht die Feder, derartiges niederzuschreiben? Doch hören wir, was dem zahnlosen Munde der Alten we.ter entquikt: Von der Verfasserin eines Buches über Suleika berichtet sie: „daß Erstere nicht nur mit ihr(Suleika) verwandt war, son- dern auch seit ihrer Kindheit im Verkehr„mit ihr stand" und daß dieselbe Verfasserin Frau Scharf.die 18L8 einen durchaus einfachen und sehr praktischen Eindruck machte, wenn sie von Marianne(Suleika) redete in durchaus anderer; weicherer und wärmerer Weise sprach. Der einstige Zauber, der Erschei- nung Mariannen's wirkte offenbar noch nach. Marianne er- schien uns wie aus einer anderen Welt kommend und immer habe ich selbst später gedacht, es sei so." Correspondenzen> Königsberg. 21. November. Am 17. d. M., Abends 3 Uhr, fand hier eine Oeffentliche Versammlung des Verbandes der hiesigen Gewerkoereine statt, in welcher Herr Hugo Polke, Re- dakteur des„Gewerkoerein", einen einstündigen Bortrag über Gewerkocreinskassen hielt. Als die Diskussion eröffnet wurde, erklärte der Vorsitzende, Herr Cammin, den sich Polke aus Berlin zum Präsidiren in den von ihm veranlaßten Versammlungen mitgebracht: daß fortan jeder Redner nur 15 Minuten sprechen dürfe.— Zunächst ergriff Herr Just das Wort und wies in zedrängter Kürze nach, daß nicht in den Gewerkoereine», sondern in der Sozialdemokratie das Heil der Arbeiter und des Volkes überhaupt zu suchen sei.— Hierauf betrat Herr Paul Groitkau aus Berlin die Rednertribüne und führte einen ein- gehenden Nachweis darüber, daß die Gewerkvereine politischer 'Natur seien. Dieses habe Polke in der ersten Hälfte seiner langen Rede bestritten, in der zweiten Hälfte derselben selbst nach- gewiesen Wie man es wagen könne, einen so Widerspruchs- vollen Vortrag einer Versammlung von Männern zu bieten, sei ihm unerfindlich. Sodann las Grottkau aus dem Buche von Rudolf Meyer„Die Emanzipation des vierten Standes" Stellen aus zwei dort abgedruckten Briefen vor, welche den aktenmäßigen Beweis liefern, daß die Gewerkvereine schon in ihrem Ursprung nichts anderes als von der Fortschrittspartei begründete Ber- einigungspunkte für Arbeiter zu fortschrittlichen, also politischen Parteiinteressen gewesen seien. Jetzt bereits von dem Vorsitzen- den an die vorgeschriebenen 15 Minuten gemahnt, schloß Grottkau mit einem Hinweis auf die schlechte Finanzverwaltung in den Geweckoereinen und lud Polke zu der morgenden, von So- zialdemokraten unserer Stadt einberufenen Voltsversammlung ein. Jetzig trat Polke auf und versuchte seine Bertheidigung durch Gründe, für welche uns nach parlamentarischem Brauch die Be- Zeichnung fehlt.— Polke griff erstens das aktenmäßige Citat aus Rudolf Meyer an, weil— Rudolf Meyer reaktionär sei. Und— die gebildeten Fortschrittler Königsbergs freuten sich über diese treffende Bemerkung und jubelten ihr Beifall zu!— Wie uns scheint, bleibt die Wirkung einer wissenschaftlichen Leistung stets dieselbe: sie mag von einem Reaktionär oder von einem Fortschrtttler oder einem Sozialdemokraten herrühren; überdies citirte Grottkau Briefe, deren Richtigkeit nicht ange- zweifelt werden kann.— Ferner meinte Polke, die Sozialdemo- kraten hätten die Gewerkoereine oft genug bei Tessendorf„de- nuncirt" und eine„Denunciation" sei auch heute von Grottkau ausgesprochen worden, indem er behauptet, die Gewerkoereine verfolgten eine politische Tendenz.— Die Königsberger Fort- schrittler, als Mitbürger Kant's und Jacoby's, fanden dieses nach ihrer Logik wieder sehr richtig.— Nun ist es aber faktisch un- möglich, einen größeren Konsens zu behaupten, als diesen Polke'schen. Sonst weiß Jedermann, daß das Verächtliche einer Denunciation darin besteht, daß Jemand einen Anderen aus per- sönlichem Interesse der Staatsanwaltschaft übergiebt; dagegen kann von einer„Denunciation" nie die Rede sein, wenn die Führer einer politischen Partei im öffentlichen Interesse jedes Gerechtigkeitsgefühl und Gerechtigkeitsbewußtsein empörende Miß- stünde öffentlich zur Sprache bringen. Wenn die Fortschrittler anständig wären, so hätten sie schon längst auf jene Bevorzugung der Gewerkoereine durch Herrn Staatsanwalt Tessendorf ver- zichten, dieses ihr staatsanwaltliches Privilegium mit sittlicher Entrüstung zurückweisen sollen. Die Fortschrittler mit ihrem Herrn Hugo Polke sind aber schlaue und ehrenwerthe Männer; an dieser sogenannten, weil erheuchelten Ehren- haftiqkeit und an dieser Schlauheit, die nichts anderes als Perfidität ist, geht die Fortschrittspartei in dem sittlichen Be- wußtsein des Bolkes schnell ihrem Untergang entgegen. Und dieses muß für Jeden, der noch an Wahrheit und Freiheit glaubt, eine Genugthuung sein. Schließlich erging sich Herr Pohlke in personlichen Angriffen gegen Bebel, Liebknecht, Most und Hasenclever, die so lächer- licher Natur waren, daß wir dieselben hier übergehen müssen. Während dieser 0,4 Stunden dauernden zweiten Rede Polke's zeigte sich große Unruhe sin der Versammlung, da jetzt aus dieser heraus immer von Neuem die Mahnung an die vorge- schriebenen 15 Minuten Redezeit ertönte. Der Vorsitzende erklärte aber ganz naiv: Der Referent dürfe sich an diese Be- schränkung nicht binden. Im Verlauf seiner Rede hatte Polke die Einladung Grott- kau's zur morgenden Versammlung in demselben Lokale und zu derselben Stunde abgelehnt, weil er zu dieser Zeit an einem an- deren Octe sprechen müsse. Hierauf rief Grottkau, der Kürze wegen dazwischen:„Schicken Sie Cammin dorthin." Die Folge war, daß der Borsitzende Grottkau aus dem Lokale wies und als sich dieser ungerechtfertigten Maßregel wegen in der Ber- Einfach und praktisch sind dem Weibe Gegensätze von warm und weich und daß es sich noch zu den Spiritisten bekennt und glaubt, Marianne sei aus einer andern Welt, Solches den Lesern der„Gartenlaube" aufzutischen, geht wirklich über— die Chocolade. Wir glauben, der Leser hat an obigem Nonsens zur Genüge, wir befürchten seine Geduld auf eine zu harte Probe zu stellen, wenn wir noch mehr citiren würden. Es lohnt sich übrigens, um den Hirnschwund der„Garten- laube" und ihre Corruption gründlich zu begreifen, sie mit kri- tischem Blicke in die Hand zu nehmen, sicher wird der Leser in jeder Nummer zahlreiche Beispiele für unser verdammendes Urtheil finden. Die„Gartenlaube" zählt jetzt ihre Abonnenten nach Hundert- taufenden, es wird und muß aber eine Zeit kommen, in der man kein Abonnent der„Gartenlaube" sein darf, wenn man auf den Anspruch der Bildung und des Geschmackes nicht zu- gleich verzichten will. Immerhin ist die literarische Corruption unseres Sozialkörpers ein Beweis seiner organischen Zersetzung, sonst hätten wir nicht Akt genommen von dieser—„Gurten- laube".____ c— — Neues System elektr scher Telegraphen. Der franzö- suchen physikalischen Gesellschaft machte Thomasi unlängst den Bor- schlag, für unterseeische Telegraphen-Kabei von großer Länge ein Relais von so großer Empfindlichkeit zu v:rwenden, daß blos 5 Proz. des Stromes eines einzigen Minotti-Elementes be> einem Linienwiderstande, welcher den von 25-)0 engl. Meilen des transatlaniischen Kabels gleicht, hinreichen, um es rasch arbeiten zu lassen. Dabei soll ein zweites Relais(der Unterbrecher) den Lokalbaiteriestrom nach jeder Stromgebung automatisch-unterbrechen, damit der Trennungsfunken nicht im ersten Relais überspringt und diesen seinen Apparat beschädigt, während der Funken im zweiten Relais bei dessen kräftigen Contakt unschädlich ist. Der Empfänger soll zwei Eleklromagnete mit zwei gegeneinander ge- neigte Schreibspitzen erhalten, von denen die eine rothe, die andere blaue Zeichen aus den Papierstreifen schreibt, je nach der Richtung des Li lienstromes. Der Geber kehrt nach jeder Stromsendung die Strom- riä'tung um, und alle Stromsendungen sind von gleicher Dauer. F. K. sammlung ein großer Tumult erhob, forderte Herr Cammin alle diejenigen Anwesenden, die nicht Mitglieder des Äewerk- Vereins seien, ans, das Lokal zu verlassen. Die Versammlung war als eine„öffentliche Versammlung" annoncirt. Viele thaten dieses für den Augenblick, k-hrten jedoch bald in den Saal zu- rück, da sie hörten, daß jene Aufforderung des Vorsitzenden nur für„Ruhestörer" bestimmt gewesen sei, zu denen sie nicht zu zählen waren. Inzwischen hatte sich Grottkau, der mit nachträglicher aus- drücklicher Bewilligung des Vorsitzenden im Lokale verbleiben durfte und andere Sozialdemokraten zum Worte gemeldet, um Polke zu widerlegen. Da wurde die Versammlung durch einen gefälschten Majoritätsbeschluß von Hrn. Cammin geschlossen! Dieses ist der Sachoerhalt. Die Königsberger„Hartung'sche Zeitung" lügt aber in Nr. 231 durch ihren s-Referenten frech d'rauf los und behauptet: Polke hätte„die sozialdemokratischen Redner mit Leichtigkeit widerlegt" und die hiesigen Soziald-mo- kraten hätten an jenem Abend-„eine Niederlage erlitten". Die praktische Widerlegung dieser Unwahrheit lieferte die sozial):mo- kratische Versammlung des nächsten Abends, in welcher die meisten Besucher Mitglieder der hiesigen Gewerkoereine(Hirsch- Dnncker) waren und die bedeutend gefüllter war, als die fort- schrittliche des vergangenen Abends. Araunschweig. Zu der Frage: War Herr E. Sachse in Gera oder nicht? kann ich eine Auskunft ertheilen, die vielleicht deshalb von Interesse ist, weil ich im Stande bin, eine Antwort Sachse's wiederzugeben, die derselbe auf eine ähnliche Frage am Freitag den 7. Dezember hier in Braunschweig gegeben hat. Herr Prediger Sachse hat nämlich in dem hiesigen„Freien Re- ligionsvercin" alle vier Wochen eine„Erbauung" zu halten, an welche sich am nächsten Tage Sittenunterricht für die Kinder und am Abend ein zweiter Vortrag knüpft. Es ist nun Brauch geworden, daß jedesmal nach beendigter„Erbauung" einige Mit- glieder, und zu diesen gehören auch einige Parteigenossen, Herrn Sachse das Geleit nach dem Hotel geben, und daß bei dieser Gelegenheit noch ein Glas Bier getrunken und in zwangloser Weise über interne Angelegenheiten gesprochen wird. Dies be- nutzte ein Genosse, um Herrn Sachse die Frage vorzulegen: ob es wahr sei, daß er auf dem antisozialistischen Congresse zu Gera zum Ansschußmitgliede gewählt, ob er dieses Amt ange- nommen habe und wie sich dies mit seiner Stellung vertrüge? — Herr Sachse antwortete, daß er zwar die Absicht gehabt habe, nach Gera zu reisen, allein dies hätte nur auf einen Tag und zwar am Montag geschehen können und wäre auch geschehen, wenn die Schnlfraze an demselben Tag. zur Verhandlung ge- kommen wäre, wie es ursprünglich die Absicht war. Allein da man diese Frage am Sonntag verhandelt hatte, wahrscheinlich um den Lehrern Gelegenheit zu geben, sich auszusprechen, so sei ihm dies unmöglich gemacht, weil er an diesem Tage in Magde- bürg zweimal zu thun gehabt hätte.(Wohlverstanden: von Un- Wohlsein war in Braunschweig keine Rede.) Er sei also nicht dagewesen, wie dies einzelne sozialistische Blätter behauptet hät- ten. Was nun seine Wahl zum Ausschußmitglied betreffe, so habe er davon nur durch die Zeitungsberichte erfahren, offi- ziell sei ihm davon noch Nichts mitgetheilt! Nachdem er schließlich noch erklärt, daß er in sozialer Hinsicht auf dem Boden der(Hirsch-Duncker'schen) Gewerkoereine stehe, was ihn keineswegs abhalte, auch einzelne unserer Forderungen anzuerkennen, schloß er damit, daß er sagte, er reiche Jedem gern die Hand, der, namentlich in religiöser Hinsicht, nach Wahrheit ringe und sich demzufolge den Bestrebungen der„Frei- religiösen" anschlöffe; müsse er außerhalb dieses Rahmens Ein- zelnen entgegentreten, dann hoffe er, daß dies in ehrlicher Weise geschehen werde.— Derselbe Genosse fragte weiter: Ich habe aus Ihrem eigenen Munde während der Wahlperiode gehört, daß Sie sich bei dieser Gelegenheit mehr passiv verhalten, sich aber unter keinen Umständen dazu verstehen wollten, gegen die Wahl des Herrn v. Unruh anzukämpfen. Warum? Weshalb? Hierauf replizirte Herr Sachse: Herr v. Unruh ist namentlich in den vierziger Jahren mein Mitkämpfer gewesen, und als die im Anfang der fünfziger Jahre hereinbrechende Reaktion uns Beiden das Brod nahm und uns zwang, in das geschäftliche Leben einzutreten, da war es Herr v. Unruh, der sich bedeutend schneller als ich in dieses fand(sie!) und mich in aufopfernder Weise mit Rath und That unterstützte. Es hieße also einen Akt der Pietätlostgkeit und des Undanks an meinem Freunde v. Unruh begehen, wenn ich mich dazu hergeben wollte, gegen seine Person anzukämpfen! Ich kann offen gestehen, ich wußte nicht recht, was ich zu diesen Auslassungen sagen sollte, außerdem war ich nicht Mit- glied des„Freien Religionsvereins", ich hätte also riskiren müssen, daß man mir gar nicht das Wort ertheilte, wenn ich darum gebeten hätte, oder daß es mir entzogen worden wäre, wenn ich dem Herrn Sachse etwas derb auf den Leib gerückt wäre. Ich kann es absolut nicht verstehen, daß Jemand, der einem Andern zu Dank verpflichtet ist, diesen in politischer Beziehung nicht angreifen darf, zumal wenn die Moral des Be- treffenden, wie dies z. B. bei Herrn v. Unruh der Fall ist, durch verschiedene Gründungen und durch sein Auftreten den Arbeitern gegenüber gelegentlich des bekannten Strikes winde- stens doch angezweifelt werden muß. Ich kann ferner nicht ver- stehen, wie man auf der einen Seite so ungeheuer zartfühlend sein kann, und auf der andern Seite mit einer fast an Dick- selligkeit grenzenden Nonchalance Alles vergißt, was kaum vor sechs bis acht Jahren passirt ist. Waren es nicht die Hirsch- Duncker'schen Gewerkoereine, also Arbeiter, die bei einer Reichs- tagswahl im 6. Berl. Wahlkreise Hrn. Sachse zu ihrem Candidaten auserkoren? War es nicht die bekannte Clique, die von einem der- artigen, und noch dazu so unendlich zahmen„Arbeiterkandidaten" nichts wissen wollte, und frisch, froh, frei diesen Wahlkreis dem be— kannten Dr. Banks aus Hamburg aufoktroyirte? Nicht als ob dies eine Beleidigung für Herrn Sachse allein wäre, nein, es war auch ein Schlag in das Gesicht der in den Gewerk- vereinen organisirten Arbeiter, die Herrn Sachse zu ihrem Man- datar gewählt hatten. Weiter: war es nicht die Ehrlichkeit des Herrn Sachse, ja sein in mancher Beziehung unbestrittener Ra- dikalcSmus, der ihn auf die Dauer zum Redakteur der Berliner „Voltszeitung" unmöglich machte? Und zwar unmöglich machte nach seinem eigenen Eingeständniß? Begreife wer kann, daß Herr Sachse dennoch den Willen haben konnte, sich mit einer derartigen Mischmajchpartei, wie sie auf dem Geraer Congreß vertreten war, zu idcntifiziren, und diesem überhaupt nur zutrauen, daß er irgendwelche Einwirkung auf die Schulen ausüben kann, das ist platterdings unmöglich! Seinen Zweck hat der Geraer Congreß dessenungeachtet doch er- reicht, denn meiner Ansicht nach handelte es sich unserm Muster- knaben nur darum, sich einige pekuniäre Vortheile zu verschaffen, und— die Dummen werden nicht alle! Mag nun Herr Sachse bedauern, wie er es thatsächlich ge- than, daß sich der Congreß fast ausschließlich auf negativem Boden bewegte und nicht mit einem positiven Programm aufge- treten ist, so lange er nicht erklärt, daß er mit diesem Congreß nichts zu thun haben will, so lange wird er sich gefallen lassen müssen, daß wir ihn mit„seinem Freunde" v. Unruh, Max Hirsch, Polke rc. in einen Topf werfen. Leipzig. Die Thätigkeit unsres Genossen Freytag in der sächsischen Kammer bereitet den Fortschrittlern und Liberalen nicht wenig Verlegenheiten, und namentlich war es Freytag's Antrag auf Einführung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechts sür die Wahlen zur zweiten sächsischen Kammer, der diesen politischen Heuchlern sehr ungelegen kam, denn der Antrag zwang sie, von zwei Uebeln das kleinere zu wählen: nahmen sie den Antrag an, dann wären bei den nächsten Wahlen vielleicht 10 Sozialisten in die zweite Kammer gewählt worden; verwarfen sie den Antrag, dann war es mit dem Nimbus vorbei, der die Fortschrittler und Liberalen für einen Theil des Volkes noch immer umgiebt. Die Herren hielten das letztere „Uebel" für das kleinere und lehnten den Antrag Freytag's ab. Nun, wir find's znfrieden. Die Sozialdemokratie wird auf alle Fälle das Fett von der Suppe abschöpfen, welche die fortschrittlich- liberalen Gegner da hergerichtet haben, und ist es nicht bei den Landtags-, so doch bei den Reichstagswahlen; denn das allge- meine gleicke und direkte Wahlrecht ist nun einmal ein Recht «ewordcn, dessen Besitz vom Volke als etwas ganz Selbstver- ändliches angesehen wird, und das bei den Wahlen zu den gewerblichen Schiedsgerichten sogar auch auf die Frauen aus- gedehnt ist. Bei den Verhandlungen über den Antrag merkte man den Gegnern eine arge Beklommenheit an. Als Freytag seinen Antrag eingehend begründete, malte sich Verlegenheit auf allen Gesichtern; als er geendet hatte, herrschte lautlose Stille— Niemand hatte den Muth, für oder wider den Antrag zu reden. Nachträglich stellte sich heraus, daß von sämmtlichen Parteien Fraktionsbeschlüsse gefaßt worden waren, dahin zielend, den An- trag tvdtzusckiwcigen und auf diese Weise womöglich aus der Welt zu schaffen. Allein leider hatten die braven Leutchen ihre Rechnung ohne den Wirth gemacht: Freytag ließ sich nicht so leichten Kaufs abfertigen, cr setzte durch, daß der Antrag an die Commisfion(Deputation) verwiesen wurde und so war denn, nach der Landtags-Geschäftsordnung, eine Debatte nicht zu ver- meiden. Die Commisfion ernannte den Fortschrittler Bönisch zum Referenten, und den conservativen Partikularisten v. Ehren- stein zum Correferenten. Bönisch melnte, der Antrag sei den liberalen Parteien nicht unsympathisch; da Freitag diesen Antrag aber im Namen der sozialdemokratischen Partei stelle und für diese gleichsam Einlaß in den Landtag begehre, so stelle sich die Sache ganz anders. Diese Partei verfolge Ziele, die unseren(I) staatlichen und sozialen Einrichtungen schnurstracks entgegen stehen. Es sei nicht gut, daß schon, wie der Antragsteller wünscht, ganz junge Leute in das politische Leben hineingezogen werden.(Erst wohl mit 60 Jahren, wo nach Bock das Hirn wässerig werden soll?) Ebenso sei das Erforderniß der dreijährigen Staats- angehörigkeit berechtigt. Redner würde seinerzeit(am St. Nimmer- leinstag) einer durchgreifenden Reform des Landtagswahlgesetzes sehr geneigt sein, hält aber den jetzigen Zeitpunkt nicht für ge- eignet(natürlich nicht), formale Verfassungskämfe—(Erkläre uns, Graf Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur!) in die Kammer hineinzutragen. Correferent v. Ehrenstein ist der Ansicht, daß auch das all- gemeine Wahlrecht nicht die vom Antragsteller gewünschte Gleich- heit(wie heußt?„Gleichheit" des Hirns z. E. hat Jreytag sicherlich nicht„gewünscht"— jedenfalls nicht, daß das Hirn der sozialistischen Wähler dem des Herrn v. Ehrenstein und anderer Ehrenmänner dieses Schlages„gleich" sei) bringen würde. Der Census habe große Vortheile(das wußte man in Amerika schon vor 100 Jahren— nämlich den„Vortheil", daß jeder beliebige „Esel" und„Ochse" des Stimmrechts theilhastig werden kann, während ein vernünftiger und gebildeter Mensch es entbehren muß), ebenso könne die Liebe zum Vaterlande nicht über Nacht kommen, und daher hält Redner die dreijährige Staatsangehörig- keit für nöthig; der vorliegende Antrag sei kein Antrag auf Reform, sondern ein Antrag auf Beseitigung uud Zerstörung. (Hu! Hu!) Daß Freytag mit den Herren Referenten gebührend ins Gericht ging, und ihre albernen Sophismen, Borwände und Ausflüchte mit Leichtigkeit widerlegte, braucht nicht gesagt zu werden— mit welchem Erfolg aber, ist bekannt. Einen Erfolg — und zwar einen sehr bedeutenden— hat der Freytag'sche Antrag aber doch zur Folge gehabt, den nämlich, daß die so- genannten liberalen Parteien wieder einmal gezwungen waren, das wahre Wesen ihres„Liberalismus" aufzudecken und dem Volke zu zeigen, daß der Liberalismus, wie er sein muß, um im Interesse des Volkes zu wirken, nur im Sozialismus liegt. Und mit diesem Erfolg geben wir uns bis auf Weiteres zu- frieden; er wird uns in Zukunft sehr zu statten kommen. Leipzig. Es wird jetzt hierorts in öffentlichen Blättern um „melde Gaben" sür die Schutzmannschaft gebeten, nach Angabe des Leipziger Tageblattes„wie alljährlich". Auch wir wünschen der Sache einen recht ersreulichen und resultatreichen Fortgang. Daß man indessen bei dem Aufruf sich nicht entblödet, die zugegebenermaßen„so traurige Lage" den sozialen Verhält- nissen oder— wenn die Herren es doch lieber rund heraus- sagen wollten—„den bösen Sozialisten" wieder einmal in die Schuhe zu schieben, das möge doch einmal ein wenig näher bei Lichte betrachtet werden. Daß die Ausrechterhaltung der öffcnt- lichen Ordnung kein leichtes Gewerbe ist, nun das geben wir gern zu, aber es sind doch in den seltensten Fällen Sozialisten, welche Ruhestörer, Vagabonden und anderes polizeiliches Mate- rial liefern. Der amtliche Bericht gesteht es ja selbst immer in seiner stets so„humoristisch" gefärbten Weise zu, daß selbst „scheinbar(?)" den gebildeten(??) Ständen angehörige Herrchen nähere Bekanntschaft mit„Zwangsriemen",„Schmieder'S Hotel" u. dgl. Sächelchen machen müssen. Wenn ferner der Bericht im „Amtsblatt" auch keine Buchbinder, Schneider, Schuster, Bäcker u. f. w. kennt, sondern nur Kleisterfritzen, Bocksritter oder Ellen- reiter, Meister Pechdraht, Teigknctcr und wie sonst alle nicht amtsan gestellte Persönlichkeiten titulirt werden, so sind es wahr- haftig nicht immer nur die Gesellen, sondern auch so manches Meifterlein schon mußte sich derartige Ehrentitel von den amt- lichen Berichten gefallen lassen. Daß hierdurch besondere Sym- pathie erweckt werden würde, mögen die Herren mit sich selbst ausmachen. Wir haben darüber unsere eigene Ansicht. Wenn dieser humoranstrebende Amtsstyl verschwände, es wäre kein Schade für den„Ernst" der Autorität.— Ferner existirt die Einrichtung, daß dem Schutzmann für jeden zur Bestrafung ge- brachten Fall in einer Liste ein Strich der Anerkennung ertheilt wird, und nach der Anzahl dieser Striche richtet sich das Avan- cement. Wer steht sich da nun besser, der Schutzmann, welcher in humaner Weis� vermittelt und in Güte schlichtet, oder der, welcher, brüsk auf sein Recht und seinen Diensteid vertrauend, � mit strenger Härte einschreitet?— Indessen alles das versetzt den Schutzmann noch nicht in stine„traurige" Lage. Snne traurige soziale Lage liegt in der geringen Besoldung, welche ihm nur spärlichen Unterhalt gewährt. Fürwahr, uns erscheint ein Schutzmanns der unbestechlich, uncingenommcn für darge- brachte Gefälligkeit, unparteiisch und ohne Ansehung der Person seine Arbeit verrichtet, als ein Märtyrer seiner Sache, ein Held auf seinem Felde. Wir verlangen deshalb in der Hauptsache Lohn und entsprechenden Lohn für die Arbeit, und zwar für Jedermann, und so möchten auch wir dem Schutzmann lieber zum„Weihnachtsgeschenk" ein wohlverdientes ausreichendes Ge- halt seitens seiner Arbeitgeber wünschen, als„milde Gaben" von Personen, die sich ihm in öffentlichen Blättern mit ihren Geschenken als Almosenspender aufwerfen. Ein humaner Schutz- mann erspart in aussteigender Linie so manchen theuren Gehalt, freilich human, human-- wenn nur die Striche nicht auf- gebracht werden müßten.— Im Ucbrigen wünschen wir der Sammlung— und zwar von Herzen— reichlichen Erfolg. Unverdiente Roth zu lindern, unterdrücktes Recht zur Geltung zu bringen, ohne Rückficht darauf, was aus uns wird,— auch das steht auf unserem Panier! Aaden-Aaden, 9. Dezember. In Baden, der alten Bäder- stadt, bei der alten Schwarzwaldquelle, da giebt es auch Sozia- listen. Nicht möglich! wird mancher Philister ausrufen. In diesem modernen Babylon, dem Tummelplatze der Bourgeoisie, da, wo sich die„Creme" der Gesellschaft so breit macht, auch Sozialisten? Nicht möglich! Aber nicht genug damit, daß die Sozialisten da sind, sie sind auch noch so frech, in neuerer Zeit eine rege Agitation zu entfalten. So fanden in kürzester Zeit zwei Volksversammlungen hier statt, die eine am 15. Oktober, m welcher Genosse Lehmann auS Pforzheim über die Tages- ordnung:„Der Rothstand und der Krieg" referirte. Die Ver- sammlung war außerordentlich stark besucht, und wußte Herr Lehmann die Zuhörer mit seinen Ausführungen vollkommen zu befriedigen, was die öfteren Unterbrechungen durch stürmisches Bravorufen bekundeten. Besonders großen Beifall erntete der Redner durch die Widerlegung eines Artikels, welcher zwei Tage vorher im hiesigen Wochenblatt erschienen war und mehrere giftige Ausfälle gegen die Sozialdemokratie enthielt. Trotz wie- verholter Aufforderung meldete sich keiner der anwesenden Geg- ner, welche zahlreich zugegen waren, zum Wort. Zum Schluß wurde eine Resolution, dahingehend, daß die Versammelten sich mit den Ausführungen des Herrn Referenten einverstanden erklären, einstimmig angenommen.— Die zweite Versammlung zugleich die fünfte Volksversammlung in diesem Jahre), ebenfalls zahlreich besucht, in welcher Genosse Dreesbach aus Mannheim über die Tagesordnung:„Die Sozialdemokratie und die Familie" einen sehr trefflichen Vortrag hielt, wurde am 3. Dezember abgehalten. Redner wies zunächst den Vorwurf, die Sozial- demokraten wollten die Ehe und die Familie zerstören, welcher so gern von den Gegnern im Munde geführt und denselben als Schlagwort gegen die Sozialdemokratie dient, zurück, beleuchtete dann in scharfer Weise die Familienverhältnisse in der heutigen Gesellschaft und wies nach, daß es gerade in den sogenannten besseren Ständen mit der Heiligkeit der Ehe und der Familie sehr schlecht bestellt sei. Redner citirte unter Anderm aucy den bekannten famosen Brief aus dem Heirathsbüreau in Tarmstadt und behauptete, daß hingegen bei der arbeitenden Bevölkerung das Band der Ehe meiflentheils aus gegenseitiger Zuneigung geschlossen würde, daß aber deren eheliches Glück oft durch Nah- rungssorgen getrübt werde. Zum Schluß unterzog Referent die Corruption in der heutigen gegnerischen Presse einer scharfen Kritik und forderte die Anwesenden noch zum Abonnement auf das„Pfälzisch-Badische Volksblatt" auf, welches allein die In- teressen des arbeitenden Volkes im badischen Lande vertritt. Die Versammlung folgte dem Bortragenden mit großer Aufmerksam- keit und nahm den Vortrag beifällig auf. H.. l. Mannheim.(Zur Centralisationsfrage.) Mittwoch, den 14. November, tagle hier eine Conferenz, beschickt von je 4 Mann sämmilicher hier bestehenden Eiewerljchasien, mit der Tagesordnung: „Die Ceniraiisationsfraze". Der Abend wurde durch die Debatte voll- ständig in Anspruch genommen, in welcher die Vertreter der verschie- denen Gewerkschaslcn ihre Stellung resp. die ihrer Mitgliedschaft zur Centralisation klar legten. Ueber 14 Tage wurde eine zweite Conferenz beantragt und der Antrag auch angenommen mit dem Wunsch, dag bis dahin jede einzelne Mitgliedschaft diesen Punkt noch einmal durchbe- rathen solle. Mittwoch, den 28. November, lagte die Conferenz zum zweiten Male, und wurde nach einem kurzen Resume des Borsixenden über die l-tzien Vcrhandiungen der Antrag gestellt, die Generaldebatte zu schließen und über die folgenten 6 Fragen in die Spczialdiskussion einzutreten: l) Ist eine Aenderung in der Organisation der Gewerkschaften noth- wendig? Die Frage wurde einstimmig mit Ja beantwortet. 2) Ist die Ccniralisalion der Gewerkschaflspresse möglich? Diese Frage sühne zu einer sehr lebhaften Debatte, und einigte sich die Majorität schließ- lich dahin, daß ein Centralorgan möglich und nothwendig sei, nur sollen vorläufig die Fachorgane als Ciiculäre beibehalten bleiben, jedoch nur alle 14 Tage erscheinen; ebenfalls soll auch daS zu schaffende Centralorgan nur alle 14 Tage erscheinen. 3) Ist es möglich und im Jnter- esse aller Gewerkschaftsmitglieder. Bestimmungen zu treffen, daß ein Mitglied, wenn an irgend einem Orte eine Organisation der eigenen Branche nicht besteht, bei einer andern 1) mit vollen Rechten und Pflichten eintreten und 2) das Reisegeld erheben kann? Die Fragen wurden einstimniig mit Ja beantwortet. 4) Ist eine Centralisation der verschiedenen bestehenden Gewerkschaftskrankenkassen möglich? Die Frage führte zu einer längeren Debatte, bei welcher hervorgehoben wurde, wie gerade in den Krankenkassen das Agitaiionsmittel der Gewerkschaften ttege, uud wie man sie dadurch, daß man dieselben zu einer einzigen centralisire, bedeutend kräftige, und somtt einen tüchtigen Agitator für die Gewerlschaften schaffe, und noch nebenbei sehr viel Bcrwaltungs- kosten sparen. 5) Ist gemeinschaftliche Agitation möglich? Diese Frage wird ohne Debatte mit Ja beantwortet. 6) Ist die von Kapell ein- berufene Conferenz zu beschicken oder ist abzuwarten, bis die General- Versammlungen stattfinden? Diese Fragen wurden einstimmig dahin- gehend beantwortet, daß die Conferenz, wenn sie auch einberusen wird, von jeter Gewerkschaft zu beschicken sei, indem ja die Generalversamm- lungen der verschiedenen Gewerkschaften nicht alljährlich und auch nicht an einem Orte stattfinden Am Schluß der Verhandlungen wurde noch von den Vertretern zweier Gewerkschaiten die Erklärung abgegeben, daß sie bei einigen Punkten, gegen welche sie gestimmt, nicht dir persönlichen Ansicht gemäß, sondern Beschlüssen ihrer Mitgliedschaften entsprechend gestimmt haben. I. A.: Fr. Schneider, Borsitzender. Michael Mehn, Schriftführer. NB. Im Auftrage der Conferenz werden alle Gewerkschastsblätter um Ausnahme dieses Berichts ersucht. D. O. „Rundschau" Nr. 5 ist nach folgenden Orten gegangen: Altona ZOO. Achim 60. Apcnradc 30. AscherSleten 25. Atvesloe 12. Aachen 12. Ahrensburg 12. Annaberg-Buchholz 45. Augsburg 160. Barmstedt 15. Biele- seid 10. Bockenheim 30. Breslau 20. Barmen 100. Burscheid 80. Braunschweig 60. Bernburg 15. Barlt 4. Calau 16. Cassel 100. Cölbe 50. Cottbus 13. Coblenz 15. Cöthen 60. Coswig 20. Chemnitz 125. Duisburg 75. Dortmund 40. Delitzsch 60. Düsseldorf 50. Tcssou 35. Einstorf 55. Elmshorn 60. Erfurt 30. Edderitz 25. Ellrich 10. Frankfurt o. M. 150. Flensburg 100. Fulda 15. Freden 35. Forst-Berge 250. Finsterwalde 15. Frankfurt a. d. O. 4. Fürth 110. Geestendors 20. Göttingen 10. Görlitz 45. Grc ffenberg 7. Getsenkirchen 60. Goldlauier 30.' Eroßsteinheim 12. Glückstadt 35. Gablcnz 35. Hannover 100. Hanau 150. Halle 25. Hildesheim 25. Halberstadt 24. Hecklingen 15. Horburg 40. Itzehoe 65. Jütcr- bogk 7. Kalk 10. Kleinkrotzenburg 30. Kiel 180. Kellinghusen 30. Königsberg 25. Kleinsteinheim 25. Kirchhain N.-L. 10. Lunden 16, Liegnitz 50. Langenbielau 65. Leopoldshall 120. Lesum 10. Lechhausen 70. Lindenau 21. Marburg 7. München 10. Neumünster 30. Neustadt 10. Nowaweß 20. Nordhausen 20. Neviges 50. Nürn- berg 500. Ottensen 350. Oldesloe 15. Osnabrück 50. Osterode 5. Oberpeilau 10. Oederan 11. Pe'erswaldau 48. Potsdam 20. Pinne- berg 40. Plauen 20. Rendsburg 40. Rostock 30. Rixdorf 20. Ronsdorf 45. Rheda 10. Sossenheim 25. Sorau 35. Striegau 10. Schleswig 30. Steele 30. Sühlen 10. Silberbcrg 15. Schloß- Chemnitz 30. Tönning 30. Tondern 16. Uelzen 20. Verden 50. Wandsbeck 160. Wüstegiersdorf 75. Wilster 15. Wilhelmshasen 10. Wiesbaden 20. Wald 45. Waldenburg i Schl. 130 Nachbestellungen auf Nr. 1— 5 können noch ausgeführt werden. Verlag der„Rundschau". Bmelungstraße in Hamburg. Berichtigung. In der Feuilletonnotiz in Rr. 145 des„Vor- wärts":„Kamps mit geistigen Waffen" ist Z. 11 von oben zu lesen statt:„Sozialdemokratische Correspondenz"—„Sozial-Correspondenz", was natürlich ein großer Unterschied ist. Briefkasten der Redaktion. K. Sch. in?: Die Londoner Correspondenz in voriger Nr. enthält alles, was Sie zu wissen wünschen.— der Expedition. W. Hlkr in Braunschweig: Bei Bezug von 1 Dutzend Bilderbücher erhalten Sie 1 Freiexemplar und das Exemplar zu 95 Pfg. berechnet, gegen baar. Zur Beachtung. Ter Siubenmaler Anton Hirsch, geboren in Langseifersdors, Kreis Reichenbach in Schlesien, gegenwärtig ca. 49 Jahre alt, hat in Reichenbach gelernt, ist dann in die Fremde ge- gangen und hat vor 18 Jahren in Berlin gearbeitet; seit dieser Zeit fehlt jede Nachricht über seinen ferneren Verbleib. Seine mme, alte, mittlerweile verwitiwete Mutter ist nun in der höchsten Sorge um ihren Sohn und wendet sich an alle Menschenfreunde mit der Bitte, ihr, wenn möglich, Nachricht von dem gegenwärtigen Aufenthalte desselben zu geben. Etwaige Nachrichten wolle man gefälligst in unftankirtem Briefe oder per Correspondenzkarte an Wittwe Hedwig Hirsch bei dem Sattler- meister Hrn. Gellrich, Langenbielau III., Schlesien, adresfiren. Parteigenosse Keller, Strumpfwirker, gebüriig aus Pausa in Sachsen, früher in Geestendorf, wird freundlichst um seine Adresse ge- beten von I. Kreische, Korbmacher in Goslar, früher in Geestendors. Quittung. F. A. Rtr Gelen au Schr. 20,50. Wnnr Uekendorf Ab. 21,32. Sbl Dortmund Ab. 39,20. Wß Pegau Schr. 3,50. Me- tallarbeitergewerkschaft hier Ann. 1,40. Schlr Frohnau Ab. 12,00. Schmdt Neviges Schr. 7,43. Njk Ragntt Schr. 2,40. Fonds für Gemaßregelte. Vom Arbeiterverein Connewitz 2,00. Vom ArbeiterbildungSverein Leipzig 15,00. Anzeigen rn Qntmtrt Krankenkasse der Metallarbeiter für Leipzig und Umgegend(<£. Gen.). Jeden Sonnabend, Abends halb 9 Uhr, in der Thieme'schen Brauerei, Tauchaerstraßc Nr. 12[70 Versammlung Aufnahme neuer Mitglieder. R. Ludwig, Vorsteher. Am 1. Weihnachtstage, den L5. Dezember, >»�riz.NfvN. m Burmeister's Sulon: Großes Vokal- und Iiistrumeiltal-Concert sowie deklamatorische Vorträge, unter Mitwirkung mehrerer Liedertafeln. Saalöffnung 4 Uhr. Anfang 5 Uhr.— Karte für 1 Herrn nebst Dame im voraus 40 Pf., an der Kasse 50 Pf. Damenkarten 20 Pf. Karten sind an den bekannten Stellen, sowie bei den Eolporteuren zu haben. Das Comitö. NB. Zu der Lerloosung von Weihnachtsgeschenken, welche an diesem Abend stattfindet, werden fteiwilligc Gaben an folgenden Stellen ent- gegen gtnommen: Burmeister's Salon; Gastwirth Lindemann; Gastwirth Erdmann; Gastwirth Schlottmann; Gastwirthin Frau Lütjcns; Max Stöhr; F. Heerhold; Brandt, Bahrenfclder- straße 25911; Jacobs, Carlstr. 94; Stegen, Peterstr. 19 II. D. D.(600 Gewerkschaft der Manufaktur-, Fabrik- u. Handarbeiter Deutsch- landS(Sitz Crimmitschau). Den 25., 26. und 27. Dezember a. e. wird obengenannte Gewerkschaft in Gera ihre ordentliche Generalversammlung abhalten. 60s(F. 65) Für die Verwaltung: (3c) C. Uhlmann. Wir empfehlen als besonders geeignet zu Festgeschenkeu Die Neue Welt. Jahrgang 1876. PreiS: ungebunden M. 5,00 franco. In elegantem Einband M. 7,50 franco gegen baar. Jahrgang 1877. i.-ili. q». Preis ungebunden M. 4,50 franco. In elegantem Einband M. 0,30 franco gegen baar. Z>ie Kinöanddeken tragen das große Titelbild des Heft- Umschlags in Golddruck, darstellend: Die Befreiung der Menschheit. Bei Partien- Bezug entsprechender Rabatt. Kleinere Btträge in Briefmarken erbeten! Leipzig. Die Expedition der ,, Neuen Welt". Färberstr. 12. II. Rundschau Mo. 6 ist erschienen und an diejenigen Filial-Expeditionen zur Versendung ge- langt, welche über Nr. 5 abgerechnet haben. Von Nr. 5 ist noch eine Partie vvrräthig. Verantwortlicher Redakteur: Hermann Helßig in Reudnitz-Leipzig. Redaktion und Expedition Färbcrsttaße 12. II in Leipzig. Druck und Verlag der GenossenschaftSbuchdruckerei in Leipzig.