Erscheint in Leipzig Mittwoch. Freitag, Tonnt-«. AbonnemcnlsprciS tür ganz Deutichland t M. K» Pf. pro Quartal. Monats- Abonnements Werden bei allen deutichen Posta, istalter. ntfben 2. und S. Monat, und auf den ».Monat befonders angenommen: im Zlinigr. Sackfen und Herzoglh. Sachsen- Altenburg auch auf den lten Monat des Quartal» SS Pig. Inserate betr.«erfammlungen pr. Petitzeile 10 Ps. SrÄ. Prioatangelegenheiten und Feste orö PetitMe Z» Pf. ZZelicllungen nehmen an alle Postanstalten und Buch Handlunge» des I»- u. Auslandes. Filial< Expeditionen. Rew-Bort: Soi.-denwir Kenosfen» fchaslsbuchdrultcre,,>S4 kllllrillxo Str. Philadelphia: P. Hab, SM NvrtK Zra Stret-i I. Boll, 112» Charlotte Str. bobnlen N.J.:'S. A. Sorge, 215 Wash- in�ton Str. Chicago: A. Lanferinann, 74 Ciybourne»..» San Franzisco: F. Entz. 418 O'FarreU Str. London W.: C. Henze, 8 New'tr Golden Square Kentrat Grgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 3. Mittwoch, 9. Januar. 1878. 8 131 oder: Wer macht„verächtlich"? Motto: Justitia fundamt-ntum reg- norum.(Die Gerechtigkeit ist die Grundlage der Reiche.) fühlend, daß sie ins eigne Fleisch traf. Und die Angst ist noch nicht verflogen, der Haschischrausch noch in voller Kraft— das zeigen die Urtheile. die nach wie vor von französischen Gerichten gegen Mitglieder und Kämpfer der Commune gefällt werden. In ähnlicher Gemüthsoerfassung sind offenbar die Männer, welche Hackenberger und Kaulitz zu je dritthalbjähriger Gefängniß- strafe verurtheilt haben.. �, sei ferne von uns, die Motive der Männer in Zweifel Man erinnert sich der komischen Entrüstung, die unsere libe-. Es ,-i ferne von uns. die Monve der wcannrr«i s.oe ,» : und confervative Presse zur Schau zu tragen für noth- ziehen zu wollen. D'e Saarbrücker Rich er find stH�lch ehren- " fand als vor einigen Wochen in der ersten sächsischen Gerthe Leute vom Scheitel bis zur sohle, sie haben Ncheruch. fand, als vor� �blutjunker* als sie jene Strafe über zwei Mitmenschen von makellosem Privat- ausgesprochen ward, das Vertrauen in die preußische Justiz sei Charakter verhängten, dem kategorischen Imperativ ihres Gewissens rale wendig � Kammer von Seiten eines erschüttert, ihr Ruf durch gewiffe Urtheile auf's Äeußerste ae- llkhurcht..... m......„,.., schädigt. Wir verwiesen die Entrüstungsheuchler auf die Debatten waren ,.e m einer Gemuthsverfaffu.ig die ihneii eme de» preußischen� Abgeordnetenhauses während der Confllkt-ze.t, suhige Erwägung erlaubte? Kein Unbefangener, der das Urthe.l insbesondere auf die Aeußerungen. welche damals, anläßlich des �st, wird dies zu beiahen»�gen.. ��5?�"wUche, denkwiirdigenObertribunalsbeschluffes in Sachen Twesten's, aus dem der gewöhnlichen Regeln des Stils, za der Grammatik fpottende W..:ide der— in den Au aen unserer Geaner- größten juri Ausdruckswelse vcrrath die uncontrolirbare innere Aufregung. stischen und politischen Autoritäten fielen Wir verwiesen auf Denn Niemand wird glauben könneu daß preußische Richter, d.e weitere, neuere Vorgänge, welche nickt weniger als der Fall doch eineGymnasial- und Universitatsblldungdurchgemachthaben Twesten geeignet sind, das Ansehen der preußischen Justiz zu wüffen, bei normaler korper- und Gelstesbeschaffenhelt die pn- untergraben, und namentlich auf ein„UrtHeil", welches gerade untivsten Regeln der Stilistik und Grammatik zu vergessen im damals in den Spalten des„Vorwärts" veröffentlicht wurde. Stande seien. Mit diesem Dokument haben wir uns jetzt auf einige Minuten �d nun erst die Loglkl.. 0f. zu beschäftigen Wir glauben nickt ,u weit*u aeben wenn Nur ein ernstlicher Versuch wird gemacht, die Anwendung wi-«(K nSrn„EnTsÄ SÄ"7.15« 1 13« P««--I M-Iich an icCMe eine ähnliche juristische Leistung uns die unangenehme Pflicht �es Schriftslucks, die also lautet.,.,. &£***•«*• w'a',MS-- w..«..';? b-üch,.d-� fl.funben$«6en, unb ba| Wefe ffi-fotae fö- bie ofien erwähnte in Nr. 60, 61 und 62 des„Volksstaat" vom Jahre 1676 einer Intention des Hackenberger und für s»ine strafbare Anreizung verdienten Kritik, die leider in Anbetracht unserer Preßiuständ- im Sinne des Paragraphen einhundertunddreißig reden, indem gar Manches ungesagt lasset Zum Beispiel während seiner Rede Z» St. Johann am achten hinderte, baß die lebendigen Objekte unserer Kritik eine Velei- J»li, w» mehrere Eisenbahn-Beamte als Zuhörer waren digungsliage anstrengten und auch unsere Bestrafung erwirkten.------ -itZe Erfahrung kann uns natürlich nicht abhalten, unsere nach dem Zeugniffe des Nepilly in Bezug auf diese aus der Ar- beitermenge der Ruf ertönte:„Hinaus mit den Lumpen!" Pflicht zu thiin..............'.......... und daß nach Beendigung der Rede vom vierundzwanzigsten Wiederum ist Hackenberger das Opfer, und mit ihm Ge. 3»« der in dieser Versammlung anwesend gewesene� nosse Kaulitz. Möhle beim Nachhausegehen im Dunkeln hinterlistig ange- Wegen Vergehen gegen nicht weniger als neun Paragraphen fallen und derartig auf den Kopf geschlagen wurde, daß er des Strafgesetzbuchs sind Beide von den Saarbrücker Richtern> niederstürzte; daß diese Mißhandlung emes in der Nacybarichaft je zu einer Gefängnißstrafe in der Dauer von zwei und einem des Bersammlungsortes wohnenden Arbeitgebers selten, eines halben Jahre verurtheilt worden. unbekannten Thaters und ohne jegliches andere ersichtliche Und was sind die Vergehen oder Verbrechen? Wo und wie Motiv nur als Folge der agitatorischen Aufreizung an- sind sie begangen worden? Es handelt sich um die angebliche Beleidigung von Personen und um angeblich strafbare Aeußerungen über die herrschenden wi?°, UI10 Ecsellschastseinrichtungen— sämmtliche Vergehen ÄmmlÄbe?" in Zeitungsartikeln, theils in Volks- - �'sifleit, keine, nach gewöhnlichen Begriffen eine schwere, wenn überhaupt eine Strafe erheischenden Hand- lungen, sondern simple Preßvergehen und mündliche Aeuße- rung-n. von welch letzteren wir nur wiederholen können, was w,r schon oben gesagt, daß ahnliche, wo nicht dieselben Aeuße- rungen schon m Hunderten von deutschen Städten und Dörfern in Gegenwart der uberwachenden Sicherheitsorgane unbean- standet gefallen sind und täglich fallen. Und was die Preßver- gehen anbelangt, so haben wir nur zu bemerken, daß die inkri- minirten Artikel fast ausnahmslos auch in anderen sozialdemo- kratischen Blättern erschienen und unverfolgt geblieben sind. Die evrpor-a lielleti liegen ja in dem„Erkenntniß" vor, und da kann Jeder sich von ihrer absoluten Harmlosigkeit überzeugen gesehen werden kann, und zwar um so mehr, als nach der Aussage des Zeugen Faller, welcher ebenfalls in der letzten Ver- sammlung war, aus einem Haufen vor dem Lokale verwei- lenden Arbeiter der Ruf ertönte:„wir wollen nachgehen und sie mit Steinen todtschmeißen," Drohungen) die ja nur gegen die den Arbeitern als Feinde geschilderten anderweitigen Klassen der Bevölkerung gerichtet sein konnten." Also„thatfächliche Gewaltthaten", Herorgerufen durch Hacken- berger's Reden, sind 1) die während einer Rede Hackenberger's angeblich gefallene Aeußerung einiger in der Versammlung Anwesenden: Hinaus mit den Lumpen! 2) die Mißhandlung eines Fabrikanten durch einen—„unbekannten" Thäter; und endlich 3) angeblich rohe Aeußerungen von Arbeitern, die „v o r dem Lokal" verweilten, in welchem Hackenberger eine Rede hielt! Da hört nicht bloß die Logik, da hört Alles auf. Und wenn die Saacbrückener Richter bei nihigem Blut diese Argu- mentation und überhaupt das ganze Erkenntniß lesen, dann wer- den sie sich bestürzt vor den Kopf schlagen und zerknirscht zu Iber Ueberzeugung gelangen, daß sie es sind, die des höchsten Und dafür zwei Männer auf dritthalb Jahre der Freiheit Strafmaßes, welch's§ 131 vorschreibt— von anderen nicht zu lubt! neben— firfi mürdia aemackt haben. beraubt! Wem so die nackte Thatsache mitgetheilt wird, der findet es einfach geradezu unbegreiflich. Wenn man aber das„Erkenniniß" durchliest, so findet man sofort den Schlüssel des Räthsels. Er heißt: Angst vor der Sozialdemokratie. Wir find i Gegner auf der Richterbank gewöhnt, welche die Sozialde- imirre»4 hallen und verabscheuen, es für ihre Mission halten, ��wegung, so weit�das Gesetz es erlaubt, zurückzudäm aber' erdrücken. Diese Gegner bestrafen streng— 7. S>.-°I-». T-r Ha« b-r-chm.. er ver- � SUckt� io�d �r?chung. Sie ist unberechenbar�' �°uf's Äeußerste gesteigerte Furcht. M i anfae� h � die furchtbaren politischen und W'rlhschasttichen Folgen d» Nj�ermetzelung. der Ausrottung Myriaden flertzlger gesch«� Arbeiter vorausgesehn. und" um diesen Folgen auszuwelch-n, sich Mäßigung gezwungen nach erjochtenen. Steg, das blutige Schwert eingesteckt und, �ch Müde die Besiegten zu versöhnen gesucht- er wäre menschlich gewesen aus Klugheit. Die Angst kannte, kennt solche Berechnung nicht. Durch ihre wahnsinnige, an Tollheit grenzende Angst vor dem„rothen Ge- Mv die sranzösische Bourgeoisie zur wahnfinnigsten, toll- iibi� �lachwrei getrieben— sie nwrdete, mordete, blindwüthig, reden— sich würdig gemacht haben Paragraph 131 lautet: „Wer erdichtete oder entstellte Thatsachen, wissend, daß sie erdichtet oder entstellt sind, öffentlich behauptet oder verbreitet. um dadurch Staatseinrichtungen oder Anordnungen der Obrigkeit verächtlich zu machen, wird mit Geld- strafe bis zu sechshundert Mark oder mit Gefängniß bis zu zwei Jahren bestraft." Die Saarbrückener Herren Richter können zwar plaidiren, daß sie nicht wissentlich die in dem Z 131 vorgesehenen Vergehen verübt haben, allein sie werden auch wissen, daß die Jntcrpretationskunst ihrer Herren Collegen sich an dem Wörtchen „wissend" mit durchschlagendem Erfolge versucht hat. Also zwei Jahre Gefängniß! Bloß auf Grund des§ 131. Es genügt uns— und wir schenken ihnen, was sonst noch aus dem Strafgesetzbuche zusammenzuklauben wäre. Man sagt, wir Sozialdemokraten zerstörten planmäßig die Achtung des Volks vor dem Bestehenden. Wohlan— wenn dies wahr ist, haben die Saarbrückener Richter uns vortrefflich in die Hände gearbeitet und sich den Dank der Sozialdemokratie verdient. Jedenfalls ersetzt dieses Urtheil uns ein Dutzend Agitatoren. Nur fortgefahren! Und wenn der Satz noch gilt, den wir von unseren„übe- ralen" Gegnern so oft habe» citircn hören: Justitia fundamentum regnorum Die Gerechtigkeit ist die Grundlage�der Reiche und hackte wie im Haschischrausch, ohne Sinn und Vcrstand drauflos— dann werden die Reichs freunde mit den Saarbrücker Rich mcht merkend, daß sie in den Ast hackte, der sie selber trägt, nicht kern streng in's Gericht zu gehen haben. Das heutige Gesellschaftssystem wird von der Redaktion des„Staatssozialist" in der„Antwort" auf den bekannten, neulich von uns im Auszuge mitgetheilten, Brief des Professor Wagner auf's schärfste kritisirt und unbarmherzig verurtheilt. Sie nennt es einfach das Bankrouttsystem. „Das herrschende Manchesterthum," so läßt die Redaktion sich aus,„ist weder ein geoffenbartes Evangelium, noch p-angt es in den Ruhmeskränzen thats'ächlicher Beglückungen, d.e ihm die Menschheit etwa'zu verdanken hätte, und die sie zu verlieren durch eine antimanchesterliche Kritik Gefahr liefe. „Wenn sich unser Organ„Staatssozialist nannte, so wollte es dadurch zunächst seinen Gegensatz zum manchesterlichen L-aisser faire ausdrücken und eine dringende Berufung au den Staat, um Errettung aus dem Bankrouttsysteme des Hängen- und Gehenlassens richten. Das Maß der verlangten Staats- Hilfe, sowie die Angriffspunkte derselben sind sowohl unter den Mitgliedern des Reformvereins, wie auch unter den Mit- arbeitern unseres Blattes noch controvers(Streitfragen). Einige verlangen ein großes, die Anderen nur ein kleines Maß von Staaiehilfe; die Einen legen den Schwerpunkt der Sozialreform in die Akte der Gesetzgebung, die Andern in die freie Vereinsthätigkeit. Alle diese Gegensätze werden im„Staatssozialist" aufeinander platzen und nach Klarheit und Vereinigung ringen. Sämmtlich sind sie aber Widersacher des Manchesterthums, des I-aisser faire, und der daraus erzeugten Anarchie. Fast ohne Ausnahme Mitglieder der besitzenden Klaffen, haben sie gleichwohl eine größere Furcht vor den verschiedenen Enteignungen, welche das Herr- schende Bankrouttsystem bewirkt, als vor den Expropria- tionen, mit welchen der Staatsfozialismus droht. Sie erblicken in dem regellos tobenden Concurrenzkampfe von heute nichts als ein durch Eigenthumsillusionen verhülltes Expropriationssystem. Ist eine Wirthschaftsordnung, welche nach statistischen Erhebungen alle 10 Jahre die Hälfte sämmtlicher Geschäftsleute in die ökonomischen, bürgerlichen und sittlichen Abgründe des BankrcuttS wirft, kein Expropriationssystem par exeellence? Ist eine„Ordnung", welche nach Carey's neuestem Ausspruch „Deutschland mit bankrouiten Banken und ruinirten Fabriken bedeckt hat", kein Expropriatlonssystem? Wir sehen heute überall nur Expropriationen, als schreckliche und naturnoth- wendige Folgen der herrschende« Wirthschafts- Anarchie. Die ganze Nation wurde seit 5 Jahren expropriirt, aus dem Besitz geschleudert, indem sie im auswärtigen Handel 5 Milliar- den verlor. Der Fabrikant wurde expropriirt durch Betriebs- Verluste und Werthverminderungen kolossaler Art. Der Aktionär wurde expropriirt, indem er Kapital und Zinsen verlor. Der Grundbesitzer wurde expropriirt durch Wucherzinsen, Hypo- thekenkündigungen und subhastationen. Ein Abgeordneter und Rittergutsbesitzer aus Galizien brach vor versammeltem Land- tage in die leidenschaftliche Klage aus:„Wir Gutsbesitzer sind alle bankroutt!" Ist eine ökonomische„Ordnung", welche solche Früchte zeitigt, etwas anderes als ein Expropria- tionssystem, verhüllt durch Eigcnthumsillusionen? Doch beschränken sich die Enteignungen und Besitzvertreibungen dieses Systems keineswegs auf die ökonomischen Dinge. Auch die moralisch:», religiösen, politischen werden davon betroffen. Der rasende Eon- currenzkricg wirft die Menschheit aus dem Besitz aller ihrer Heiligihümer. Es giebt keine Ruhe des Geistes, keinen Frieden der Seele mehr. Ueberall Enteignung! Der Mann verliert seine Würde, das Weib seine Ehre. Die Prostitution wächst, die Zuchthäuser find überfüllt, die Kirchen leer. Die Verzweife- lu»g übermannt die Herzen, sie wenden sich vom Leben und sei- nen Hoffnungen ab,— Beweis die steigende Ziffer der Selbst- morde— sie wenden sich von den Tröstungen der Religion ab und werden Atheisten und Materialisten; sie wenden sich von dem Glauben an die Monarchie ab und werden in hellen Haufen sozialdemokratische Republikaner. Ueberall Expropriatian, Besitz- Verlust, Bankroutt!" Nicht übel. Das Meiste können wir unterschreiben. Daß die Bourgeoiswirthschaft eine großartige, systematische Expropriation ist, hat Marx in seinem„Kapual" nachge- wiesen. Er fordert darum die„Expropriation der Expropria- teure". Auf Aehnliches, soweit Sinn darin, läuft die Forderung unseres„Staatssozialist" hiimus. Werden aber, ehe sie erfüllt wird, die Kirchen nicht noch leerer, und die„hellen Haufen sozial- demokratischer Republikaner" nicht noch zahlreicher werden müssen? Wird überhaupt der„Staatssoziatist" mit Ernst an die Expro- priation gehen, wenn er entdeckt, daß seine eigenen Leute zu den Expropriateuren gehören, die expropriirt werden müssen? Aus Berlin. — 4. Januar. „Noch sind mir fern von der Zeit, da es auch uns gestattet sein mag, am Tage den Tag zu loben. Noch bedarf es des Zu- sammenfassens der ganzen Kraft, der Wachsamkeit bei Tag und Nacht, um weniger noch ehrlichen Angriffen, als heim- tückischen Unterwühlungen von Feinden zu begegnen, deren emsig gesponnene Fäden sich hin und her über die Landesgrenze kreuzen. Noch thut uns unermüdliche Geduld, zähe Ausdauer und allbereite Umsicht Noth, um zu verhindern, daß der aufge- wirbelte Staub eines fast beispiellosen staatlichen und gesellschaft- lichen Umbaues sich erstickenv und erdrückend auf Sinn und Gemüth der großen Mehrzahl Derer lade, denen es an Spann- kraft fehlt, persönliche Unbequemlichkeiten durch allgemeine Vor- theile aufzuwägen." Diese Worte redete die hiesige„National-Zeitung", das offt» zielle Organ der nationalliberalen Partei, zu der Zeit, als Herr v. Bennigsen noch in Varzin war, als man im natwnalliberalen Lager noch an ein baldiges Zustandekommen eines nationallibe- ralen Ministeriums glaubte. Das..Zusammenfassen der ganzen Kraft" sollte die Entschuldigung sein fiir das Beugen unter einen, unter des Fürsten Bismarck Willen; und die„heimtücki- scheu Unterwühlungen" sie sollten die Nothwendigkeit für ein starkes persönliches Regiment zeigen. Seitdem nun aber v. Bennigsen aus Varzin zurückgekehrt ist, haben die Nationalliberalen, die mit gehobenen Nasen und funkelnden Augen in die freiwillige Sklaverei marschiren wollten, sehr längliche Gesichter bekommen. Augenscheinlich spielt Bismarck mit den regierungslustigen Herren nur etwas Fangball und macht ihnen fernere Hoffnung, da er wohl weiß, daß die Sehnsucht nach den Ministersesseln noch unterthäniger macht, als der Besitz derselben. Auch die alte„Tante Voß" ist regierungswüthig geworden; sie hat in letzter Zeit den Kampf gegen die Nationalliberalen eingestellt und hofft auf die Brosamen, welche von dem reichen Bennigsen-Tische fallen— sie weiß nämlich, daß Bennigsen dem Reichskanzler entschieden empfohlen habe, sich auf eine liberale Mehrheit zu stützen, diese aber sei ohne die Fortschritts- Partei nicht möglich. Welchen Minister die brave Tante aus ihrer Partei in petto hat, das sagt sie nicht, doch dürfte man nicht fehl gehen, wenn man an das Finanzgenie Eugen Richter denkt, der, wenn wirklich die Möglichkeit seines Eintritts in das Ministerium vorhanden, diesem keine Unehre mähen würde, da schon seine persönliche Feigheit und seine notorische Angst vor dem Reichskanzler ihm das Rückenbeugen und Knierutschen leicht beibringen würden. Arme„Tante Boß", dieser Mann ist der einzige, den du aus deiner talentarmen Partei tu Vorichlag bringen könntest— und dabei doch so regierungslustig?! Die Frage der Reichsministerien soll auch in Varzin auf's Tapet gebracht worden sein; Bismarck hat den Gedanken, alle preußischen Minister an die stelle der betreffenden Reichsämter zu stellen, schon längst gehabt, so daß z. B. der Viz-präsident des preußischen Staatsministeriums auch Präsident des Reichskanzler- amts fem soll, der preußische Juitizminister Präsident des Reichs- justizamts und so fort. Die Präsidenten der einzelnen Reichs- ämter aber sind bekanntlich direkt vom Reichskanzler abhängig und durch diese Abhängigkeit würde Bismarck auch den even- tuellen Widerstand des betreffenden preußischen Ministers, der bei weitem unabhängiger vom Ministerpräsidenten ist, zu brechen suchen und auch wohl leicht brechen. So wäre Bismarck dann auch formell der einzige Gebieier in Preußen- Deutschland— und damit sein Wunsch erfüllt. Diesen Bismarck'schen Wunsch unterstützt auch selbst die Fortschrittspartei, indem sie von einem bekannten Correspondenten der„Posener Zeitung"(Eugen Richter) einen Waschzettel in die Welt senden läßt, der also lautet: „Insofern aus dem, was setzt in Barzin kreist, eine engere Verbindung der Reichsämter mit den bezüglichen preußischen Ministerien sich ergeben sollte, wird der Reichs fanzl r seitens der Fortschrittspartei so wenig wie seitens der Nationalliberalen Widerspruch finden, vorausgesetzt, daß den Trägern der Reichsämter(Finanzamt. Eisenbahnamt. Justizamr) eine dem Reichskanzler gegenüber selbstständigere Stellung nach Analogie der englischen Ministerialverfassung eingeräumt wird. Es ist in der That ein Widerspruch in sich/ daß die bezüglichen preußischen Minister Vorsitzende der einzelnen Bundesausschüsse für die Spezialfächer, nicht aber Träger der betreffenden Reichs- ämter sind. Wenn eine anderweitige Einrichtung unter Um ständen dazu führen würde, daß eni Nichtpreuße zugleich als Reichsmin'ster und als preußischer Ressortminister fungirte(z. B. für das Jastizwesen), so würde dies für ein Unglück auch vom spezifisch preußischen Staiidpunkt nicht zu erachten sein." Allerdings machen die Herren Fortschrittler einen Vorbehalt, doch man weiß, wie dergleichen Vorbehalte sich in der Praxis zeigen, und besonders bei einem Herrn von Bismarck— die Fortschrittler gehen auch hier in's Garn, wie die Gimpel, sie piepsen Reichseinheit und Freiheit und mährend dieses Gepiepses werden sie in den Maschen des Netzes, welches sie selbst mit- stricken, gefangen. Noch sei erwähnt, daß das Einnahmebewilligungsrecht des Reichstags dem Herrn u Varzin allzudrückend erscheint; ein für allemal hinreichende indirekte Steuern, Tabakmonopol zc.:c., dann hat der Reichsiag seine Schuldigkeit gethan. Ihm bleibt ja immer noch das Ausgabebew'lligungsrecht, welches er bei dem Militärbudget allerdings bis 1881 auch schon geopfert hat. Der deutsche Reichstag ist j-tzt schon so machtlos, daß er in Frank- reich und England zum Gespött geworden ist; nun wird ihm zugemuthet, sich vollends zu castriren, und— Sie sollen sehen, er wird auch noch diese Heldenthat verrichten. G�kl�oiuLische Ueberficht« — Die Nationalliberalen find jetzt damit beschäftigt, die Trümmer der vom Himmel herabgefallenen Baßgeigen zusammenzuleimen, und sich und die Welt glauben zu machen, daß es im Plan gelegen habe, die Baßgeigen vom Himmel auf die ! realpolitisch: Welt herunterfallen zu lassen, daß es alio durch- aus unrichtig sei, von einem„Scheitern" der Varziner Berhand- lungen zu reden. Gott habe sie selig— die Baßgeigen und die Nationalliberalen. — Ueber die diplomatischen Verhandlungen zwischen den Großmächten verlautet nichts Bestimmtes. Die Russen sollen die englische Vermittlungsnote ausweichend beantwortet haben, und gewiß ist, daß die Rubelpresse auf die sogenannte Friedens- bewegung in England sehr große Hoffnungen setzt, oder doch zu setzen vorgiebt. Diese Hoffnungen dürften sich indeß als trügerisch erweisen. Vor dem Krimkrieg war die„Friedensbewegung" in England noch weit geräuschvoller, und doch absolut ohne Ein- fluß. Ein Kanonenschuß, und die vaterlandslosen Bourgeois verschwinden im ersten besten Mausloch. Die russische Diplo- matie sch-int das zu ahnen, und hat ihren Ton bereits wesentlich herabg-'stimmt.— Erwähnenswerth ist, daß auch die franzö- fische Regierung jetzt ihr Schweigen gebrochen und ein C rkular- fchreiben an die Mächte gerichtet hat, dessen Inhalt wir nicht genau kennen, von dem wir aber das Eine wissen, daß es den deutschen und russischen Raffen nicht sonderlich gefällt.— In- zwischen ist Fürst Bismarck zur Abwechselung wieder einmal krank geworden, während sein College Eulenburg, der vor drei Monaten„aus Gesundheitsrücksichten" beurlaubt ward, sich einer ausgezeichneten Gesundheit erfreut. — Ein fortschrittliches Eingeständniß. In der Corre- spondenz der Herren R chter-Parisius befindet sich über den Be- fchluß des Herrenhauses, die Beeren und Pilze betreffend, folgende bezeichnende Notiz: „Wir bemerkten vor einigen Tagen, daß der Beschluß des Herrenhauses, das Sammeln von Beeren und Pilzen für Forst- diebstahl zu erklären, der allgemeinen Volksauffassung über diesen Punkt entschieden zuwiderlaufe. Wie vorauszusehen war, be- mächtigt die Sozialdemokratie sich des Beschlusses zu ihren Agi- tationszwecken; die„Berliner Freie Presse" bringt einen ful minanten Artikel g'gen dieses, wie das Blatt sich ausdrückt, „Attentat auf die Armuth, wie man es sich frivoler und hart- herziger kaum zu denken vermag." Das„Attentat" wird nicht zu Stande kommen, da die Regierung dem Beschlüsse widerspro- chen hat und das Abgeordnetenhaus ihm ebenfalls nicht zu- stimmen wird; aber angesichts der sozialdemokratischen Agitation follte eine Körperschaft, welche sich so wie das Herrenhaus zur Wahrung der conservativen Interessen berufen fühlt, sich doch hüten, zu dem flackernden Brande noch Holz hinzuzutragen." Wir bemerken zunächst, daß nicht nur die„Berliner Freie Presse", sond-rn d-e ganze Parteipresse der Sozialdemokratie den bezüglichen Beschluß des Herrenhauses in der schärfsten Wnse, und mit Recht, gegeißelt hat. In den liberalen und fortschritt- lichen Zeitungen aber lasen wir vorerst nicht ein Zeichen der Mißbilligung. J tzt natürlich kläfft auch Eugen Richter los, aber nur der soz aldemokratischen Prdpaganda wegen. Wäre unsere Agitation nicht gewesen, dann hätte man zu dem„At tentat auf die Armuth" auch von fortschrittlicher Seite ge- schwiegen. — Mordkultur. Nur Kurzsichtige oder Hmchler können Berwundrung ausdrücken über die rapide Zunahme aller Ber- brechen gegen die Person wie gegen das Eigenthum. Wenn in den gelesensten Blättern, ja in Familienblättern die„großen Spitzbuben" gefeiert, und der Massenmord als höchste Mensch- heitsthat angepriesen wird, muß natürlich auch das Stehlen und Morden im Kleinen gefördert werden. Daß die„Gartenlaube" des Herrn Kell für den ungehängten Stroußberg schamlos Re- klame gemacht hat, ist bekannt. Wie sie für den Mord, den feigsten niederträchtigsten Meuchelmord, allerdings unter der Aegide des privilegirten Massenmords, Reklame macht, wollen wir jetzt zeigen. Unter dem Titel:„Meine erste Schleich- Patrouille. Bon unserem Feldmaler F. W. Heine" veröffent- lichte die„Gartenlaube" S. 99 ff. des Jahrgangs 1871 eine, in dem üblichen geistlosen, roh-renommistischen etwas Münchhausenisch angehauchten Kasernenstil geschriebene Skizze, in der es u. A. (S. 102) heißt: „Uns gerade gegenüber stand ein französischer Posten(den man b> i Nacht„beschließen" hatte). Wir vernabmen es deutlich, wenn er sich räusperte; der Aermste mußte einen starke» Katarrh haben, den zu heilen man ihn gewiß nicht hier heraus in's freie Schneefeld gestellt hatte. Aus uns, die Lauschenden, aber machte es einen äußerst komischen Eindruck, wenn der geplagte Mann von dem heftigsten Hustenanfall gepackt wurde und sich dann, seiner Pflicht als Vorposten wohl bewußt, alle Mühe gab. den verrätherischen Laut zu unterdrücken und zu ersticken. Mein Nachbar konnte kaum der Begierde Herr werden, eine blaue Bohne zu dem hüstelnden Franzosen hinüber zu senden und ihn mit dieser für immer von Katarrh und Rheu- matismus zu heilen. Ein paarmal hob er schon das Gewehr zum Anschlag, er zielte, lange und lange, aber immer wieder setzte er ab. im Stillen Verbot und Disziplin verwünschend, die hier beide seinem schönsten Vorsatz so hemmend in den Weg traten." Pfui! Pfui! Alsoeinennichtsahnenden.kra nkenMitmenschenaus sicherem Versteck heraus hinterlistig, banditenartig erschießen iit „schönster Vorsatz"! Wenn dies„schönster Vorsatz", dann muß der gemeinste Meuchelmörder, der die Berbrecherbank unserer Gerichtshöfe befleckt, freigesprochen werden, denn er hat mit „schönstem Borsatz" gehandelt. Hat der Schreiber dieser In- famie, hat der„Bolksbildner" Keil, der sie in die weiteste O-ffentlichkeit gebracht— haben sie sich nicht die Wirkung auf das Gemüth der Leser vergegenwärtigt? Haben sie nicht überlegt, daß, solches Gifr in unentwickelte, namentlich kindlich: Gemüther träufeln, die abscheulichste moralische Giftmischerei ist, die man sich nur vorstellen kann? Gott behüte! Die sauberen Leutchen haben sich gar nichts dabei gedacht, als daß es so und so viel Geld einbringt, und— daß Andere es nicht besser machen. Und Letzteres ist allerdings wahr. Derartige Infamien sind seit Jahren an der Tagesordnung, an der Mode, und Herr Keil hat ein Recht, gleich dem Ritter ohne Furcht und Tadel, dem Hrn. von Ofenheim zu sagen:„Ich bin nicht schlechter als Tau- sende. Verurtheilen Sie mich, so müssen Sie Tausende ver- urthealen." Die Herren Keil und Ofenheim waschen sich damit nicht rein, sie werden nur aus individuellen zu rcpräsen- tativen Verbrechern, zu Typen, zu Vertretern unsitt- lichster, abscheulichster Zustände, die es hinnehmen müssen, daß der Haß und Widerwille gegen diese Zustände sich in der Züchtigung der Personen ihrer Vertreter äußert. — Wieder ist eine Schulze'sche Säule in den Staub gesunken. Wir lesen nämlich aus Meuselwitz(Herzogthum Altenburg), daß das zuständige Gerichtsamt l. in Altenburg den dortigen Creditoerein aufgelöst hat, ohne den Concurs zu eröffnen; dadurch w rd nach§ 52 des Genossenschafts- gesetzes d-e Aufbringung der vorhandenen Passiven durch die Genossenschafter im W.-ge des Umlageverfayrens nothwendig. Bon dem Vorstande des Creditvereins ist bereits ein Verthei- lungsplan aufgestellt worden, nach welchem jedes dem Berein noch angehörende Mitglied 334.12 M., jedes am 31. Dezember 1875 ausgeschiedene 252.67 M. und jedes am 31. Dezember 1876 aus der G meinschaft getretene 330.06 M. einzuzahlen hat. Außerdem sind zur Deckung der muthmaßlichen Geschäftsunkosten noch 30 M. pro Kopf beczufügen. Die Zahlung der Beitrags- raten, welche letztere vom 1. Januar 1878 mit 5 Prozent ver- zinst werden müssen, hat bis zum 3l. März dess. I. zu erfolgen. Nach Ablauf diefes Schlußtermins sollen die säumigen Verpflich- teten auf dem Klagewege zur Zahlungsleistung angehalten werden. — Und die meisten Mitglieder gehören dem Handwerkerstande an, der kaum noch etwas zu beißen hat; nun" sollen dieselben durch die Schulze'sche Schöpfung außer ihrem Einlagekapital noch im Durchschnitt 300 Mark verlieren! Die Aufregung ist dort groß und viele angesehene Bürger meinen:„die Sozial- demokraten stünden doch folchen Schwindeleien fern!"— Ob dem alten Herrn Schulze zu Potsdam sein 45,000 Thaler-Gewissen doch in etwas jetzt bald schlägt? — Zur Illustration der„hoben" Arbeitslöhne. Für den Wegebau durch die Thüringer Berge von Suhl nach der Schmücke wurden kürzlich Arbeiter gesucht und zwar für den Tagelohn von 1 Mark 20 Pf. für Personen über 20 Jahre, während derselbe bei Leuten unter 20 Jahren 80-100 Pf. be- tragen sollte. Trotz sslchen geringen Lohnsatzes für schwere Arbeit, wobei die Arbeitsinstrumente noch jeder Arbeiter mitbringen mußte, fanden sich sofort aus zwei Dörfern, Goldlauter und Heidersbach, 140 Perfonen zur Arbeit ein.— Und Angesichts solcher Thatsachen wagt man noch immer von der Unverschämt- h-it der Arbeiter in Bezug auf die Lohnforderungen zu sprechen, von der Fauldeit derselben, die lieber vagabonviren, als für einen angemessenen Lohn arbeiten wollen! Wenn nichts Anderes, Goethe als Sozialdemokrat in den Wander- jähren. Philologisch-sozialistischer Versuch von A. Prowe. (Fortsetzung.) Wilhelm studirt Medizin, Felix bildet sich zum Stallmeister in der Pferde nährenden Gegend der pädagogischen Provinz. Jahre vergehen. Da kommt der vollendete Heilkünsiler auf dem Heimwege in ein Schloß,.Idesscn Bewohner Handwerker sind, die einen Wauderbund gefchlossen haben. Ihr Anführer ist Le- nardo, der Vetter Hersilien's. dieser ersten Geliebten des Knaben jünglings Felix. Dem Bunde dient als Vermittler mit dem Aristokratenbündniß der Lehrjahre Jarno Montanus und neben ihm der von seiner rufsischen Reise heimgekehrte Abbö. Zu ihnen gesellt sich jener von seiner Gattin geschiedene Odoardo, der darauf hinweist, daß außer Amerika und Rußland auch Mitteleuropa noch zahlreiche fruchtbare und uncultivirte Land- strecken berge, wo sich eröffnen ließen: Räume wohl für Millionen Nicht sicher zwar doch thätig frei zu wohnen. Grün das Gefilde, fruchtbar, Mensch und Heerd: Sogleich behaglich auf der neu'sten Erde! Ja, diesem S'.nne sind wir ganz ergeben, Das ist der Weisheit letzter Schluß: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben Der täglich sie erobern muß. Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn, Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn. Zum Augenblicke dürft' ich sagen Verweile doch du bist so schön! Es kann die Spur von meinen Erdentagen Nicht in Aeonen untergehn!— Das hat im Drama der Emzelne gerufen, Faust, der dra- matische Gegenfüßler des egffchen Helden Wilhelm Meister. Im Epos aber ist nach Schlegel's Worten der ganze Olymp auf- genommen, das gewaltige Bild der göttl chen Weltweite. Wim- melnd in verwirrender, Mannigfaltigkeit, aber einheitlich doch im bunten Grsummtichauspiel, einheitlich gebunden durch denselben Geist erhabener Allln.be, sind in Goethe's Roman Figur an Figur gereiht, alle durchhaucht von demselben Enthusiasmus philan- thropisch-opserfrendiger Humanität. Was kann, nachdem der Bund in dreifachen Strahlen nach Amerika, Rußland und Binneneuropa sich belebend, allerweckend verbreitet hat, was kann noch übrig sein zum Abschluß? Eine letzte Rückkehr zum ersten Ausgang, Vater und Sohn saßen zu Anfang des Werks auf der Alpen- höhe; Vater und Sohn sehen wir zum Schluß der Dichtung bei einander am Rheinesgestade, am Ufer der europäischen L bens- oder, und zwar den Vater in Betrachtung versunken seines jngendschönen geretteten Sohnes, dem er das Leben wieder ge- schenkt, es ihm zum zweiten Mal gegeben. Wer könnte nach vollendeter ruhig stiller Lektüre, das unge- heure Werk des GesammtromanS überschauend, nicht wahrhast erhoben und wie im Anschaun raphaelischer Madonnenschönheit inn'g begeistert, innigst wohl und befriedigt sich fühlen? wer i könnte noch kritisiren und mäkeln wollen? wer müßte nicht voll hoher Bewunderung au-rufen: Ja solch ein Werk wie dieses hat die Menschheit nicht zum zweiten Male! ! So voll optimistischer Hoffiiungsseligkeit, voll dithyrambischer, zukunslsentzückrer Hoffnungstrunkenheil! Damit nun vergleichen Sie die pessimistische Seelenstinimung in Shakrspeare's letzten Tragödien, damit die düstre Weisheit in des achtzigjährigen Sophokles letztem Werke, dem Oedipus auf Colonos, dem der Chor zuruft: Nie geboren zu sein! wo ist Höherer Wunsch? Und der nächste gleich: Dir, der Leben gewann, zu gehn Wieder, von wannen Du kamst, in Eile! Todt sein; ruhn von des Daseins Qual! Ach, was foltert den Sterblichen nicht In des Lebens verworrenem Drang? Mord, Aufruhr, Gebader und Krieg, Und der Neid.— Und dann zuletzt Kommt es her, verachtet, entkräftet, Ungesellig Freundlos, freudlos ach! das Alter, wo alles Weh mit Wehe sich einet. Mit diesen, ick weiß keinen stärkeren Ausdruck, Schapen- haucrijch pessimistischen Durtönen des greisen Athenischen Dich- ters vergleiche man den Schluß des deutschen Weltromanz-' „Wilhelm griff sogleich nach der Lanzette, die Ader des Arms I zu öffnen; das Blut sprang reichlick dervor und, mit der schlän- gelnd anspielenden Welle vermischt, folgte es gekräuseltem Strome nach. Das Leben kehrte wieder...... Die wackwen Männer hatten schon ein bequemes Lager, halb sonnig halb sckattig, unter leichten Büschen und Zweigen bereitet: hier lag er nun, auf den ' väterlichen Mantel hingestreckt, der holdeste Jüngling; braune Locken, schnell getrocknet, rollten sich schon wieder auf, er lächelte beruhigt und schlief ein. Mit Gefallen sah unser Freund auf ihn herab, indem er ihn zudeckte:„Wirst Du doch immer aufs Neue hervorgebracht, herrlich Ebenbild Gottes!" rief er aus....." Mit diesem wodlthuend optimistiscken Schluß vergleiche man die oben berührte Stelle, die den Höhepunkt im Lebensgange Wilhelm's bezeichnet, die Schilderung nämlich seines endlich ab- geschlossenen Schwankens in Bezug auf eine Berufswahl und des nun endgültig erwählten Berufs der WundarzneiLnst. Ei« Jugendfreund war ertrunken und hätte durch Aderlaß gerettet werden können. Das erzählt er in unübertrefflich ergreif.nder' Schilderung seiner Braut Natalie und fügt dann binzu:„Meni Vater sah die bürgerliche Gesellschaft, welcher Staatsforin, sie auch untergeordnet wäre, als einen Naturzustand an, der sein Gutes und sein Böses habe, seine gewöhnlichen Lebensläufe, ab- wechselnd reiche nnd kümmerliche Jahre, nicht weniger zufällig und unregelmäßig Hagelschlag, Wasserfluthen und Brandschäden: das Gute sei zu ergreifen und zu nutzen, das Böse abzuwenden oder zu ertragen; Nietts aber, meinte er, sei wünschens-verther, als die Verbreitung des allgemeinen guten Willens, unabhängig von jeder anderen Bedingung. So betrieb er denn u. A.„größere Sorgfalt in den Hospitälern, menschlichere Behandlung der Ge- fangenen," auch„Wiederbelebung der für todt Gehaltenen" und „was sich ferner hieran schließen mag."-m � � Wenn dies nun der Schluß des 1. Theils der Wanderiahre ist. so zeigt sich der Nachdruck, den der Dickter auf obigen Satz legt-„Die Gemeinnützigkeit und der Gemeinsinn ist in jeder Staatsform das Lebensprinzip der bürgerlichen Gesellschaft!" An dem bedeutendsten Wendepunkt des Romans steht dieser Satz wie ein Wegweiser durch den anmuthigen Irrgarten der Er- ' �Mit dem rettungslos ertrunkenen, dem tobten Jugendfreund fo zeigt solche Lieblosigkeit gegen Nebenmenschen von der großen sittlichen Verkommenheit der herrschenden Gesellschaft. — Nemesis. Der Sozialistentödter Böhmer in Chemnitz — nicht zu verwechseln mit seinem äbnlichbenamsten und Gleiches erstrebenden Genossen Böhmert in Dresden— hat zu den zwei Jahren Zuchthaus, die er wegen Betrügerei erhalten, soeben noch drei Jahre Zuchthaus wegen Urkundenfälschung be kommen, also zusammen fünf Jahre Zuchthaus. Vivut sequens. Her mit dem Nächsten! — Der Umschwung, welcher in den englischen GeWerk- schaften vor sich geht, wird recht augenfällig durch die That- fache bezeichnet, daß das Centralorgan der Trades-Unions, die „Jndustrial Review", in dem ersten Leitartikel der letzten Num- mer des Jahres 1877 die Bildung eines Internationalen Arbeiterbundes befürwortet.„Ein großer Internationaler Arbeiterbund", so heißt es in dem Artikel, der sich über Groß- britannien und die Continente von Europa und Amerika erstreckt, muß ohne Verzug organisirt werden, wenn der Arbeiter nicht zu einer bloßen Waare Herabfinken soll." Allerdings wird hinzugefügt, es müsie dafür gesorgt werden, daß der Bund nicht in die Hände„ränkesüchtiger Politiker" komme,„jener«umpf- Pflanzen*), welche überall die Organisationen der Arbeiter zu Partei- und persönlichen Zwecken auszunutzen bestrebt sind". Aber das mindert nicht die Wichtigkeit der Thatsache. Die Ber- Hältnisse, welche das englische Gewerkjchaftsorgan zu der Er- kenntniß und dem Bekenntniß der Nothwendigkeit einer inter- nationalen Arbeiterorganisation gebracht haben, werden die eng- lischen Gewerkschaftsmitglieder auch zu der Erkenntniß bringen, daß gerade ihre jetzigen Führer, wenigstens die meisten der- selben zu jenen„ränkesüchtigen Politikern" gehören,„jenen Sumpfpflanzen, welche überall die Organisationen der Arbeiter zu Partei- und persönlichen Zwecken auszubeuten bemüht sind". — Die Lage der Kohlengrubenarbeiter in Süd-Wal s und der Black Country(Schwarzes Land in England), welche von den Grubenbesitzern durch die beständigen Lohnreduktionen von einem Strike in den andern gehetzt werden, ist in Folge der verlängerten Strikes eine sehr traurige geworden. In der Nachbarschaft von Marthyw leidet eine etwa 30,000 Seelen zählende Arbeiterbevölkerung so furchtbar, als ob eine thatsäch- liche Hungersnoth im Lande herrschte. Ganze Famckien haben in vielen Fällen für ihren Lebensunterhalt kein größeres Ein- kommen als sechs bis acht Schillinge pro Woche. Dem Schul- amte ist gemeldet worden, daß viele Kinder die Schule aus dem Grunde nicht besuchen können, weil sie sich„in einem Zustande absoluter Nacktheit" befinden. Wie übrigens verlautet, droht den Grubenarbeitern, falls sie zum Nachgeben gezwungen werden sollten, kurze Zeit nach Wiederaufnahme der Arbeit eine aber- malige Lohnreduktion. Und mit dieser Lohnkürzungstaktik werden die Grubenbesitzer wohl fortfahren, so lange die schlechten Geschäftszeiten anhalten,— denn ohne Profit, guten Profit keine Arbeit. Anders thut's die Bourgeoiswelt nicht. — Türkisch. Es ist eine bekannte Redensart der deutschen Ruflenfreunde, welche die„russische Kulturmisiion im Orient' ernst nehmen, daß in der Türkei alle Bedingungen fehlen, das türkische Volk dem herrschenden Despotismus zu entziehen. Widerspricht dem schon die Einführung des Parlamentarismus und dessen verständige Behandlung, so erhält dieses Gerede nock eine viel werthvollere Beleuchtung durch die neulich von Midhat Pascha in seinem Schriftstück über die Verhältnisie der Türkei gebrachte Aufklärung über die Wahl des Monarchen. In dem Schriftstück heißt es u. A.:„Die Thrcnbesteigung der Sultane hängt durchaus von dem Viat, d. h. von der Annahme der Nation ab. Das Gesetz verlangt, daß das Icepter dem ältesten Mitgliede der regierenden Familie übergeben werde, und daß der von der Nation erwählte im vollen Besitze seiner physischen und geistigen Kräfte sein muß. Der Monarch muß, so lange er regiert, die ihm anvertraute Mission gewissenhaft ausführen, sich dem öffentl chen Wohl widmen und vor allen Dingen Achtung vor dem Gesetz an den Tag legen. Wenn es constatirt ist, daß der Monarch das Gesetz übertritt, so muß sofort seine Absetzung im,*1'"ifl'fch pests, was sich nicht wörtlich wiedergeben bar ist 4Mt" im Deutschen nicht auf Personen anwend- Das ist das heilige Gesetz"— Das sind für das türkische Volk doch gewiß sehr werthvolle Bestimmungen, die im Laufe der parlamentarischen Entwickelung der Türkei nicht so leicht beseitigt werden dürften. Es ist das Recht der Revolution, und wenn es bisher nur von den Pallastparteien geübt worden ist, so könnte es doch für die Zukunft auch dem türkischen Volke mehr zum Bewußtsein kommen und von demselben zur Anwendung gegen unliebsame Herrscher öenutzt werden. Was würden wohl die Monarchen unserer„hochcioilisirten" Nationen zu solchem Rechte des Volkes sagen? Würde nicht Manchem Angst und Bange werden? — Vom Kriegsschauplatz ist zu melden, daß eine russische Heeresabtheilung unter dem Pechvogel Gurko den östlichen Balkan auf Schleichwegen überschritten hat, daß aber der Versuch, das türkische Corps bei Sofia abzuschneiden, mißlungen ist. Ferner, daß sämmtliche Donaubrücken der Russen durch Stürme und Eisgang zerstört worden sind, was unter Umständen die Russen in eine sehr gefährliche Lage bringen könnte, und daß der Winter mit einer mehr als sibirischen Heftigkeit auftritt. — Aus Australien. Parteigenosse Amand Goegg, der sich, wie unfern Lesern bekannt ist, auf einer Rundreise um die Welt befindet, sendet uns aus Adelaide(Züdaustralien) unterm 8. November 1877 zwei Ausschnitte aus der„Australischen Zei- tung"— der einzigen deutschen Zeitung in Australien—, welche sich kurz über zwei Versammlungen auslassen, in welchen Goegg als Redner auftrat. Wir drucken diese Ausschnitte hier ab. um zu zeigen, wie man in Australien über den Sozialismus denkt: Hahndorf, 22. Oktober 1877. Ich erlaube mir, meine Meinung über den Vortrag des Herrn Goegg in Hahndorf in einigen Worten auszusprechen, obgleich ich befürchte, imt meinen Ansichten ziemlich vereinzelt dazustehen; nun, wenigstens darin sind wohl Alle, welche Gelegenheit ihn zu hören hatten, einig, daß der Herr ein gewaltiger Redner ist, rn dem jedoch, was die gewaltigen Reden durch alle Welt bezwecken sollen, sind die Mei- nungen wohl sehr verschieden. Meine unbedeutende Meinung darüber ist die: Da Herr Goegg zu der äußersten Spitze der rothen Republik und Sozialdemokratie gehört, es auch sein Haupt- zweck sein möchte, den Samen über die Lehre seiner Partei durch die ganze Welt auszustreuen, um, wenn es der Ilmsturzpartei in Europa gelingen sollte, den glimmenden Brand der Revolution in die Völker zu schleudern, an aller Welt Enden moralische Unterstützung zu finden. Ich bedaure sehr, daß es mir an Revnertalent fehlt, sonst möchte ich dem geehrten H rrn Manches widerlegt haben. Man kann, nachdem man solche Red n gehört hat, besser begreifen, welchen großen Kampf Fürst Bismarck im Deutschen Parlament aegen diese Partei hat; man kann auch so reckt sehen, was die Macht der Rede bedeutet, wenn man sieht, daß Leute, welche entschieden gegen die Umsturzpartei sind, durch sie hingerissen werden, daß sie vem Gegentheil ihrer Grundsätze Beifall geben. Das sind meine Meinungen über die Vorträge des Herrn Goegg. Ich bitte sehr um Entschuldigung, daß ich Sie durch diese Zeilen belästigt habe. Hochachtungsvoll W. Schramm. Tanunda, 6. November 1877. Herr Amand Goegg hielt am Sonnabend v. W. seinen angekündigten Vortrag im Tanunda- Hotel. Herr Goegg wurde warm empfang n und durch Herrn A. Witt eingeführt. Der Saal war wohl besucht. H.rr Goegg sprach sehr interessant üb-r die gegenwärtigen Verhältnisse der Vereinigten Staaten von Nordamerika, der europäiscken Groß- niächte und etwas ausführlicher über die politische und soziale Lage Deutschlands— dem Inhalte nach etwa dasselbe, was Herr Goegg schon in den Adelaider Vorträgen, laut Bericht der „Australischen Zeitung", ausgesprochen hatte. Herr Goegg wollte uns einen wahrheitsgetreuen Bericht über die überseeisch m Ber- Hältnisse geben. Das hat er auch gethan, und mundete es nicht Jedem, was liegt daran? Wer aber die neuesten Ereignisse in Deutschland mit durchlebt hat, ging mit der Ueberzeugung heim, in Herrn Goegg nicht nur einen gelehrten Politiker, sondern auch einen deutschen Volksmann, der sich nicht durch des neuen deutschen Reiches Glanz und Herrlichkeit hat die Augen ver blenden lassen, gefunden zu haben. Herr Witt sprach im Namen der Anwesenden zum Schluß seinen Dank aus. — Zu der Mittheilung in voriger Nummer über Courbet's Tod haben wir pflichtschuldig� nachzutragen, daß derselbe am 31. Dezember zu Vevey in der Schweiz erfolgte. — Abermals abgeblitzt. Am 3. Januar wurde vor der 7. Deputation des Berliner Stadtgerichts gegen den Verleger schloß der 1. ��"ls mit d-r Rettung des Sohnes vom Tode des Ertrmkens schi eßt das Werk.- So kettet sich Generation an Generation rm froh lcheu Lebensdrang und immir aufs Neue wirst du hervorgebracht: herrlich Ebenbild Gottes— Menschheit! Zum Einzelnen mich wendend bemerke ich, daß die Cot>a'scken Ausgaben kern Werk Goethe's so schnöde behandelt, so arg ver stümmelt haben wie die Wanderjahre. Lange Abschnitte aus der ersten Ausgabe sind in den folgenden ausgelassen; ich habe mir in der neuesten Folioausgabe im Ganzen weit über drei Folio- seiten aus der ersten Edition hinzuschreiben müssen, um»ur einzelne, sonst völlig unverständliche Stellen zu motioiren und zu ergänzen. Das erklärt sich aus der Geschichte des Werks. Man weiß, wie sehr entzückt vor Allen von Wilhelm Meistens Lehrjahren Schiller war. Bekanntlich wünschte er ihnen nur Versmaß; nun, dafür entschädigt uns wohl(dächt' ich) der unoer- geichliche Wohllaut des prosaischen Rhytmus. Ebenso bekannt Voll».�' Ü vtir Schiller's Treiben und Drängen die endliche nach sein"� der Lehrjahre zu danken haben. Er gab auch den fübN hna"n-t i erschienenen Wanderjahrcn(nach meinem Ge- als hätte-��kteristicon im Boraus schon mit auf den Weg, an Goethe- � �rden mußten. Er schrieb nämlich niraeuds besckrSn,e � � ein ruhig ausgebreitetes Weltbild, durch die ästhetische Form- und wo -„summen hangt er mit dem Unendlichen zwei Meeren vergleich� ei,,er tö™"1 Insel zwischen ist R»«»-»» 8-»» d°- W-st». 91 Z5 vTf Ä? l0,ch zurück und gebe h-er nur rasch der Vollständigkeit halber e.mge wen.ge historische Daten. mul f u n iundzwanzglhrlger Arbeit waren die„Lehrjahre Wilhelm Meister s vollendet m, Druck erschienen; das zweite Burtchahrhundert kostete d.e Conc ption und Ausführung der „Wanderiahre". Genau e,n Decennium war verstrich m; da endlich raffte sich Goethe zum zweiten Theil seines prosaischen Lebenswerks auf, während er am zweiten Theil des Faust schon lange zuvor weiter- und weitergearbeitet hrtte.— �en Pfingsttage 1807— des Abends um'/,? Uhr, zwei Jahre nach dem unersetzlichen Verluste— begann, seines der„Berliner Freien Presse" in Sachen der der genannten Zei» tung als Beilage beigegebenen, im Berlage der Leipziger Ge- nossenschaftsbuchdruckerei erscheinenden illustrirten Zeitichnft„Die Neue Welt" oerhandelt. Nachdem das Gericht seinerzeit die Anklage gegen den früheren Redakteur der„Neuen Welt", Lieb- knecht, welcher wegen des Gedichts in dieier Zeitschrift:„Der Säbel haut, die Flinte schießt", in Berlin angeklagt war- den war, wegen Jncompetenz wieder fallen gelassen hatte, versuchte später Herr Tessendorff, den Gerichtsstand des Blattes nach Berlin zu verlegen, indem er von dem Verleger der„Berliner Freien Presse" verlangte, das Pflichtexemplar für die„Neue Welt" einzureichen und einen besonderen Red ikieur in Berlin zu bestellen. Dem wurde nicht Folge gegeben, weil nach K 7, 3 und 9 des Preßgesetzes der Redakteur eines Blattes in ganz Deutschland seinen Sitz haben kann und das Pflicht- exemplar nur am Ausgabeorte einzureichen ist. Herr Tessen- dorff. der nicht mit Unrecht ein neues Fiasko befürchten mochte, hatte die Anklagevertretung in diesem Termin nicht übernommen. Der fungirende Staatsanwalt fand den Dolus bei dem Aug- klagten von dem Tage an vorhanden, wo er aufgefordert worden war, der Einreichung des Pflichtexemplars und der Bestellung eines besonderen Redakteurs nachzukommen und beantragte dem- gemäß eine Geldstrafe von 50 Mark event. 14 Tage Gesängniß für die unterlassene Anmeldung des verantwortlichen Redakteurs und 10 Mark Geldstrafe eoent. 2 Tage Gesängniß für das Nichteinreichen des Pflichtexemplars. Der Gerichtshof erkannte aber auf Freisprechung des Angeklagten, weil es einer Zeitung unbenommen sei, irgend ein anderes sdbitständiges Blatt derselben beizulegen und die angezogenen Paragraphen nicht klar genug seien, um eine Verurtheilung daraus herleiten zu können. — Man schreibt uns: „An die Redaktion des„Vorwärts", Leipzig. Unter Bezugnahme auf die in Ihrem Blatte Nr. 152, 1877, unter„Zur CHtrakteristik unserer Gegner" aufgetischten„geist- reichen" Auslassungen über mi h, gestatte ich mir, Ihnen zu ent- gegnen, daß— wenn auch auf den betreffenden Streifbändern inein Name als der des Absenders gedruckt war— ich doch, wie Ihnen der Vergleich der Handschriften zeigt, nicht das an Hrn Hascnclever gegangen? Exemplar selbst adressirt habe. „Jene Adresse nebst anderen ist von dem Adressanten, wie ich höre, einem illustrirten Kalender pro 1873, entnommen und ein trauriger Beleg für die Redaktionsmache desselben. Daß aber Jemand, der die soziale Bewegung beobachtet, von der Ver- schmelzung der beiden früheren sozialistischen Arbeiterparteien wissen, daß also hier ein Versehen Dritter vorliegen mußte, würden Sie sich selbst haben sagen können!— Ob Sie geneigt sein werden, den über mich an bezeichneter Stelle ausgegossenen „Latsch" zu rectificiren, etwa durch Wiedergabe dieses Briefes, erscheint mir nach solchen Proben tendenziös medisanter Taktik höchst zweifelhast. Ich enthalte mich deshalb einer Bitte und überlasse es gänzlich Ihrem Anstandsgefühl. Hochachtungsvoll Dr. C. Calberla." Dies unverkürzt und unverändert das Schreiben des Herrn Dr. Calberla. Bielleicht begreift er das Unpassende seiner, ten- denziös medisanten Taklik". Aus Nordamerika. Jacksonville(Florida), 12. Dezember 1877. Seit den letzten Jahren ist es eine Passion„amerikanischer Landagenten", den Staat Florida als einen der Auswanderung sehr günstigen anzupreisen. Alle Kniffe und Schliche tvcrdea angewendet, die Reiselustigen und Homestcadsucher zum Niederlassen in Florida zu bewegen, deren wenige Dollars— wenn solche vorhanden— auf geschickte Weise zu eskamotiren, und „Ddv Lmuck of the flowers"(Das Land der Blumen)— w'.e Florida merkwürdigerweise genannt wird— als das wahre Eldorado hinzustellen. Der Landschwindel ist darum auch un- gemein blühend, trotzdem Florida arm an Kapital ist, eine schwache Bevölkerung zählt und kein Feld für produkrioe Be- schäftigung bildet. Was zur Förderung dieses Schwindels ge- schieht, ist staunenerregend. Aber auch nur der rasfinwteste Betrug konnte es ermöglichen, die Arbeiter zu verleiten, nach hier zu kommen. Es sind Landkarten über Florida veröffent- licht mit der Angabe von Städten, Dörfern, Eisenbahnen:c., die gar nicht existiren, dazu Namen von allen möglichen Nieder- lassungen, die nur in der Einbildung vorhanden sind. In New- Jork und Boston hat man englische Blätter gegründet nur zu dem Zweck, die Auswanderungslustigen hierherzulocken, namentlich verewigten Freundes gedenkend, der achtundfünfzigjährige Dichter das erste Kapstel zu diktiren, jene köstliche Ouvertüre: Die Er- scheinung der heiligen Famil e im Alp-nfelspaß. Zehn Jahre später erst ging er an die Schilderung des Weberelends im Gebirgthal. 1820 war Theil Eins: das„erste und zweite Buch" umfassend, fertig und erschien 1821 im Mai bei Cotta, d. h. vierzehn reichlich gemessene Jahre nach dem Anfang des Diktats, vierundzwanzig nach dem Druck der Lehr- jähre. (Forisetzunz folgt.) — Zur Warnung für Wäscherinnen. Heber einen neuen Fall von Blutvergiftung durch Waschblau berichtet die„DeuischeZig." aus Düsseldorf urnerm 29. Dezbr. v. I. Folgendes:„Eine Was nfrau aus Oberbilk, welche in einem Hause auf der Ber.erstraße die Wäsche be- sorgte, verletzte sich am Donnerstag beim Waschen unbedeutend die Hand. Ais sie nach der Wäsche das Weißzeug bläute, kam etwas Bläue in die Wunde Abends war der ganze Arm angeschwollen, und gestern starb die Frau. Ein vorgestern Abend herbei gerukener Ärzt konnte sie nicht mehr retten." Z>as deutsche Weich und seine Kcsehgevung. Materialien für die sozialistische Agitation von Bruno Geiser. Leipzig. Ver- lag von R. E. Höhme. Aus dem Inhalt der Schrift heben wir zunächst den ersten Ab- schnitt: Gründung und Gesetzgebung des deutschen Reichs hervor, in welchem der Verfasser in kurzer, aber klarer Weise be- sonders die Thätigkeit des deutschen Reichstags den Lesern vorführt; dieser Abschnitt bildet an sich schon die Unterlage zu einem geordneten längeren Vortrage. Dann findet man die Verfassung des deutschen Reichs, die Gewerbeordnung, Preßgesetz, Haftpflicht- gesetz, Hilfskasiengesetz, über Beschlagnahme des Arbeits- und Dienstlohnes, Bestimmungen aus dem Strafgesetzbuch: und einen Abschnitt zur Statistik des deutschen Reichs(R ichshesr, Reichs- finanze« k. jc.) Sämmtliche Gesetze sind mit Erläuterungen versehen. Von welchen Motiven der Verfasser bei Herausgabe des Schriftchens geleitet worden ist, darüber giebt das kurze Borwort, welches wir hier folgen lassen, die bsste Auskunft: „Mit dem in vorliegender Broschüre Zusammcngesteilten meine ich einem Bedürfnisse zu genügen, welches sich bei jedem in der sozialistischen Bewegung thätig Mitwirkenden geltend macht. „Die Gründung des deutschen Reiches, sowie der wesentliche Inhalt und der Charakter seiner Gesetzgebung sind beständig der Gegenstand der Betrachtung und Kritik in den sozialistischen Ber- sammlungen und Preßorganen, und die für das arbeitende Volk in politischer und sozialer Beziehung wichtigsten Gesetze sollten von Rechtswegen bei jedem denkenden Proletarier zu finden sein. „Darum galt cs mir, eine Darlegung der Begebenheiten bei der R-ichsgründung mit einer kritischen Betrachtung der gesetz- geberischcn Arbeiten seit 1871 und einer Sammlung der im Reich geltenden, für das Volksleben und die sozialistische Agita- tion wesentlichsten Gesetze zu verbinden. „Der Umfang des Stoffes heischte gedrängteste Kürze und Klarheit und litt die wortgetreue Wiedergabe der Gesetze nur bei ihren hauptsächlichen Bestimmungen. Ueberall wo daher bei dem letzteren Theile meiner Aufgabe die Form belanglos schien, habe ich daher den Inhalt nach Kräften zusammengepreßt wie- dergegeben und durch kleineren Druck für deutliche Unterschei- düng des von mir Geschriebenen von dem wörtlich Angeführten sorgen lassen.„... „Um den Anforderungen der agitatorischen und lournalisti- schen Tagesarbeit entgegenzukommen, soweit es bei einer auf möglichste Preisbeschränkung arigewles-iien Volksschrift thunltch ist, fügte ich eine Reihe der unentbehrlichsten Notizen zur Sta- tistik des deutschen Reiches bei. „Mit alledem hoffe ich eure Arbeit geliefert zu haben, die ihrem Zwecke, Materialien für die sozialisttsche Agitation zu geben, derart entspricht, daß sie jeder Agitator sowohl als jeder Arbeiter brauchen kann, der am politischen Kampfe selbst theil- nehmen oder ihn auch nur verstehen lernen will. , Vielleicht erkennt auch dieser oder jener Sozialistenfelnd dar- aus," daß wir keine Phrasenhelden sind, soildern uns bei unserer sozialpolitischen Thäligkeit klar und kühl an die Sache halten." Wir können das Schristchen den Agitatoren und Parteize- nossen nur empfehlen., wenn sie mit Geld versehen sind. In diesen Blättern wimmelt es förmlich von Correspondenzen, die aber sämmtlich an ge- nannten Orten fabrizirt werden and mit einer Frechheit zu lügen verstehen, die kaum zu überbieten ist. Wie lange diese von der Regierung protegirten Hallunken ihr Wesen noch treiben werden, ist ungewiß, zumal wenn man bedenkt, daß selbst ein Astor von New Jork zu dieser Bande gehört, der auch hier in Jacksonville fem mit gutem Erfolg gehendes Geschäft:„die Grundeigenthum- Spekulation" mit ungeschwächten Kräften fortsetzt. Der Umstand, daß in neuerer Zeit wieder stark in dem „Floridaschwindel" gemacht wird, veranlaßt Ihren Corrcspon- denten, darüber zu berichten, und zumal, seitdem im Norden überall sog.„Colonisationsgesellschaften" entstehen, die leider nur zu oft oberflächlich in der Aussuchung eines neuen Heimatblandes zu Werke gehen. Statt sich an Ort und Stelle von der Be- schaffenheil und Ergiebigkeit des Landes zu überzeugen, wendet man sich gewöhnlich an irgend einen Staatsbeamten, Governor?c., um Erkundigungen einzuziehen, die selbstverständlich des Lobes übervvll sind. Die Arbeiter sind freilick arm, in den meisten Fällen aber immer noch mit etwas Geld versehen, und dieses „Etwas" ist es, nach dem man verlangt. In der Union ist Land bekanntlich billig zu erwerben, in vielen Staaten sogar umsonst zu haben, natürlich auch in Florida. Kommen nun Farmsuchende hierher, so arbeiten sie— falls sie einfältig genug find, mit Aufopferung der Gesundheit ein Stück Land auszu- roden— wie die Maulesel, hungern wie die armen Neger, die das ganze Jahr nicht einmal satt werden und kommen dann schließlich zu der Einsicht, umsonst gearbeitet zu haben und ent schließen sich endlich, wieder abzuziehen, wenn— die nöthigen Mittel zu erlangen wären. Die vergeudete Arbeitskraft aber ist verloren und die Gesundheit oft dahin. Es giebt hier Ein- gewanderte, welche 10, 15, 20 Jahre mit Unverdrossenheit und Ausdauer alles versucht haben und froh wären, wenn sie nur einen Spottpreis für ihr Land erhalten könnten.— Die Fremden find, mit Ausnahme der nach Beschäftigung suchenden Arbeiter, verluderte Bourgeois, Spekulanten, Agenten und Gamblers (Spieler) u. a. canlinarische Existenzen. Allerdings giebt es ge- legentlich auch größere Farmen, die für den Besitzer lohnend sind, so unter andern die Orangegroves(Orangcnpflanzungen). Dort wird aber auch mit ganz andern Mitteln gearbeitet, ja die ganze Arbeitsweise ist mehr„eine Produktion im Großen".— Die kleinen Farmer aber führen eine jämmerliche Existenz und find ganz dazu geeignet, den Auswanderer gründlich abzu- schrecken. Der Schreiber dieses steht nicht an, zu behaupten, daß Florida unter allen Südstaaten für Farmer der allerungünstigste ist, von d.n Industriearbeitern gar nicht zu reden, da für diese nicht die geringste Ehance sich bietet, in einer betreffenden Branche unter- zukommen. Mit Ausnahme von Key West(an der Südspitze Florida's), wo eine bedeutende Cigarrenindustrie besteht, und allenfalls Jacksonville— die bedeutendste Stadt Florida's, mit 13,000 Einwohnern— ist kein Ort im ganzen„berühmten Staat", wo stch rhnen die bescheidenste Aussicht eröffnen könnte. Und die Farmarbeiter— im Innern Florida's habe ich sie arbeiten und leben(richtiger vegetiren) sehen! Es giebt dort Leute, welche nie Geld gesehen, höchstens von Jacksonville gehört und von der Vereinigten Staaten- Regierung den kuriosesten Begriff haben. Selbst die Kirchen machen„schlechte Geschäfte"— und das will viel sagen—, da die Gläubigen kein Geld haben, die Pfaffen zu bezahlen. Auf einer der kultivirtesten Strecken des Landes, von Jacksonville bis Cedar Key an der Golfküste, etwa 120 Meilen Distanz, ist überall nur Armuth anzutreffen, nur die Grocerystore's (Kramladen) und Whiskey-(Kornschnaps-) Kneipen können bestehen. Kommt nun zu all diesen Mißverhältnissen eine Epidemie, wie dasvor einigen Wochen hier angeblich plötzlich austretende, in der Wirklichkeit aber schon lange grassirende gelbe Fieber, so ist der an die Scholle Gebundene in einer schrecklichen Lage, da überall der Au- gang versperrt ist, in Folge der sofort an andern Orten er- lassenen Quarantaine. Bekanntlich räumte das gelbe Fieber im letzten Jahr in Saoannah(Georgien) furchtbar auf, dieses Jahr wuthete es in Fernandina(Florida), welches dadurch beinahe verödet ist. Tie Nähe Jacksonville's von Fernandina erleichterte die Ein- führung des gelben Fieber. Jacksonville ist aber aus den Fremden- verkehr angewiesen, ohne den es kaum bestehen kann. Natürlich wird ein solcher Platz gemieden, sobald nur ein Schein dieser Krankheit sich zeigen sollte. Man verheimlicht deshalb so lange Wie irgend möglich die Thatsache und entschließt sich nur dann, fie öffentlich bekannt zu geben, wenn sie sich absolut nicht länger verheimlichen läßt. In unverantwortlicher Weise wird somit mir dem Leben und der Gesundheit der Menschen gespielt, wenn in alle Welt ausposaunt wird,„Jacksonville sei der gesundeste Platz unter der Sonne", während zugleich fortwährend Opfer an dieser Seuche erliegen.— Aber die Geldgier kennt keine Rüch'ichten, mögen diele noch so sehr geboten sein. Es wäre zu weitläufig, das Thema in dem kurzen Rahmen einer Eorrespoudenz ganz zu erschöpfen, die übrigens nur den Zweck haben soll, die Unerfahrenen, welche ip die von den „Florida- Landagenten" gestellte Falle zu gehen beabsichtigen sollten, die Augen zu öffnen. Mögen die feisten Bourgeois das Land belachen und ihre Dollars den Hotelbesitzern und Handels- leuten zukommen lasten, der Arbeiter, welcher nur auf seine Arbeitskraft angewiesen ist, wird sich in hundert Fällen neun- undneunzig Mal getäuscht finden, darauf kann er sich verlassen. Und besonders, da man es auf die Arbeiter nächst den Geld- leuten abgesehen hat, wohl wissend, daß die Äultivirung des sumpfigen Landes viel Arbeit erfordert, sollten die Arbeiter doppell vorsiaftig sein. Die hiesigen Lohnverhältnisse sind äußerst trauriger Art. In den meisten Fällen erhalten die Arbeiter kein Geld und müssen ihre Löhnung in„Trade"— Lebens- und Handelsartikel— herausnehmen. ähnlich dem„Trucksystem" in den Kohlregionen Penn- syloania's, nur noch allgemeiner ausgebildet. Tausende arbeiten Jahr ein Jahr aus— selbst in den Sägemühlen und bei den Eisenbahnen—, erhalten me einen Eent und sind doch herzlich froh, nur zur Fristung des nackten Lebens gleichviel welche Be- Ichästigung zu erhalten. Die Colonisationsversuche haben sich hier wirklich glänzend bewährt, das muß der Neid jenen Phi- lanthropen a la Greeley und Wendell Philipps lassen, welche im „behaglichen Stäbchen" so schöne Vorschläge den Arbeitern zu machen verstehen, die aber von deren praklischer Durchführbarkeit keine Ahnung haben. Die Sozialdemokratie als die Verfechterin der Interessen der Arbeiterklasse hat deshalb nach den gemachten Erfahrungen gegen die erwähnten„Colonisationsversuche" entschieden Front zu machen, weil diese direkt gegen das Interesse der Arbeiter ge- richtet sind. R. I. Correspondenzen» Aus dem Lugauer Kohlenrevier. Die Zeit kurz vor dem neuen Jahr wurde von uns noch wiidlich zur Agitation ausge- nützt, da wir unserem neuen Blatte, dem„Erzgebirgischen Volks- blatt" gehörigen Eingang verschaffen wollten. Kayser aus Dresden, noch von der Landtagswahl her in gutem Andenken, war erschienen und sprach in unserem Revier, nämlich in Stoll' berg, Niederwürschnitz und Lugau überall unter großem Beifall über die Presse.— Die Gegner hatten sich von den Versamm- lungen ganz fern gehalten— In Oelsnitz konnte leider eine Versammlung nicht stattfinden, der dortige Wirth will seinen Saal nur dann hergeben, wenn eine„Capacität" redet. Da nun bei der vergangenen Landtagswahl neben Hasenclever auch Kayser in Oelsnitz geredet und großen Anklang gefunden hatte, so hatte sich der Wirth schon bereit erklärt, sein Lokal herzu- geben, wenn Kayser redet. Doch noch in letzter Stunde besann sich der Wirth eines andern und verweigerte sein Lokal, da er durchaus einen sozialistischen„Reichstagsabgeordneten" hören will, womöglich einen, der noch nicht in unserer Gegend gehört ward. Allem Anschein nach wird das neue Blatt gerade in die- siger Gegend an Boden gewinnen, die Bergarbeiter haben schon lange eine andere geistige Nahrung begehrt, als ihnen hier durch die arbeiterfeindlichen Amtsblätter geboten wird. Unsere Ge- gend hat ja schon bei vielen öffentlichen Akten, so bei Wahlen gezeigt, wie der Arbeiter hier vom Klassenbewußtsein durch- drunzen ist. Ein Zeichen, wietiefder Groll im Arb-iterherzen hier fitzt, ist wohl, daß der Arbeiter auf der Landstraße nur den Arbeiter begrüßt, an dem Bourgeois aber finster vorübergeht. Hoffentlich hat unser Blatt bald die hiesige Amtsblattspresse verdrängt und geben wir ihm zum neuen Jahre den Wunsch mit:„Glück auf!" Schwarzenberg, 1. Januar. Um dem„Erzgebirgischen Volks- blatt" eine größere Verbreitung zu sichern, hatten wir für den 29. Dezember in Raschau und für den 30. in Schwarzenberg Volksversammlungen einberufen. Genosse Wiemer aus Chem- nitz, der von uns eingeladen war, die Referate zu übernehmen, war erschienen und entledigte sich seiner Aufgabe in zufrieden stellender Weise. Der Redner sprach hauptsächlich über die Ur fachen und Wirkungen der Geschäftskrisen und über die Roth- lvendigkeit seiner den Volksinteressen entsprechenden Literatur. Gegner, welche in beiden Versammlungen vertreten waren, ließen die wiederholten Aufforderungen des Vorsitzenden, von der ge- währten Redefreiheit Gebrauch zu machen, unberücksichtigt und verhielten sich lautlos. Der Aufforderung des Referenten, auf das„Erzgebirgischc Volksblatt" zu abonniren, wurde von den Anwesenden entsprochen, und so wird das sozialistische Blatt seinen Einzug auch in unserer Gegefid halten und die Bresche, welche durch die mündliche Agitation bis jetzt gelegt wurde, noch mehr erweitern; und stank und frei wird das Arbeiterorgan die hei- ligsten Interessen der Menschheit wahren, gegenüber den Aus- beutern und Unterdrückern in der heutigen Gesellschaft. Heyer.(sieg.) Trotz aller Anstrengungen der Gegner hat unser Bürgerverein bei der Stadtverordnetenmahl am 3. Weihnachtsfeiertag alle seine Candidaten durchgesetzt. IranKfurt a. M., 20. Dezbr. 1877.(Allerlei, zusammengestellt aus den„Franks. Nachr." von heute.) Nächstens wird sich ein Cigarrenfabrikant wegen Verkaufs von Cigarretten unter der nachgemachten Marke der französischen Regierung gerichtlich zu verantworten haben.(„Verantworten" ist nicht übel!)— Ein seit etwa 8 Tagen in Bockenheim vermißter Holzhacker wurde heut in der sog. Steinkaute aufgefunden.(Arbeit-r-Risiko?)— Ein in Sachsenhausen wohnender Schreiner. Wittwer, ist seit einigen Tagen verschwunden und hat zwei Kinder in hilflosem Zustande zurückgelassen.(Bielleicht aus Lebensüberdruß?)— Gestern wurde die jüngste Tochter des kürzlich verstorbenen Freiherrn M. v. Bethmann mit zc. kirchlich getraut.(Sehr wichtig!) Ein Dienstmädchen machte einen Selbstmordversuch. Grund: unglückliche Familienverhältnisse.— Ein in bitterster Armuth herabgesunkener Familienvater mit vier kleinen Kindern, welche ebenfalls krank, leidet seit langer Zeit an der Lungen- schwindsucht. Derselbe richtet die dringendste Bitte tc.(Der Mann hätte in„guten Zeiten" sparen sollen!)— Genug! — 0— Nachtrag zum Verzeichniß der Partei- und Gewerkschaftsblätter in Nr. 152. „Die Rundschau", Organ für sozialistische Propaganda, er- scheint 1 Mal monatlich in Hamburg. Preis pr. Quartal 60 Pf. „Die Zukunft". Sozialistische Revue, erscheint 2 Mal monat- lich in Berlin. Preis monatlich 1 M. 25 Pf. „Erfurter Voltsblatt", erscheint 3 Mal wöchentl. in Erfurt. Preis pr. Quartal 1 M. 50 Pf. „Groitzsch-Pegauer Volksblatt", erscheint 2 Mal wöchentl. Preis pr. Quartal 90 Pf. „Hessisches Volksblatt", erscheint 2 Mal wöchentl. in Cassel. Preis pr. Quartal 1 M. 20 Pf. „Muldeuthaler Bolksfreund", erscheint 2 Mal wöchentlich. Preis pr. Quartal 1 M. „Pfälzisch-Badisches Volksblatt", erscheint wöchentl. 1 Mal in Mannheim. Preis pr. Quartal 75 Pf. „Vogtländii che Freie Presse", erscheint wöchentlich 2 Mal. Preis pr. Quartal 1 M. „Volksblatt" für das Herzogthum Altenburg, erscheint 2 Mal wöchentlich. Preis pr. Quartal 1 M. „Volks blatt" für Borna, Frohburg. Lausigk und Umgebung, erscheint wöchentlich 2 Mal. Preis pr. Quartal 1 M. „Wilhelmshafener Bolksblatt", erscheint wöchentl. 2 Mal in Wilhelmshafen. „Zeitzer Volksfreund", erscheint wöchentlich 2 Mal. Preis pr. Quartal 1 M. „Sozialpolitische Rundschau", Monatsschrift der sozialde- mokratischen Arbeiterpartei Oesterreichs. Erscheint monatlich 1 Mal in Reichenberg. „Ambos", Organ der Schmiede, erscheint wöchentlich 1 Mal in Berlin. Briefkasten der Redaktion. I. M. in Baden-Baden: Sie können froh sein, daß Sie der Schwindler nur um 2,60 M. gebracht hat. Das Geld können Sie vielleicht aufdem Prozeßwege wieder erlangen, d. h. wenn sie Zeit und Geld übergenug haben, um einen langwierigen Prozeß führen zu können. — Rieck in Würzburg: Erhalten. Wird verarbeitet.— M. M. m Zürich: D-e Rede des Frl. Bardina ist unter der Uebrfchrist:„Ein Helden- Mädchen" bereits in Nr. 55 des„Vorwärts� vollständig veröffentlicht worden. Diese Thatsache allein ist ein genügender Beweis, daß Ihre Annahme, wir hätten Vorurihe-le gegen die russische Sozialdemo- kratie unbegründet ist. Sehr lieb wäre urs, wenn Sie uns einen zwammensaffenden Artikel über den neuesten Sozialistenvrozeß in Rußland zuschicken oder verschaffen wollten. Ihr Manuikript mit der Rede des Frl. Bardina senden wir Ihnen zurück;, sobald wir Ihre Adresse haben. der Expedition. M. S. in Berlin: Senden Sie uns Ihre Be- stellung mit Kasse nebst Ihrer genauen Adresse ein, wir werden dann das Weitere veranlassen.— G. Sprngr in Aachen: Die gewünschten Gedichte können Sie durch uns beziehen.— Jos. Neumann in Uecken- dors: Ihre Reklamation haben wir der hiesigen Post zur Recherche übergeben.— H. A. Kuckuk, Linden: Die betr. Verzeichnisse werben möglicherweise noch in Berlin, Exped. d.„Berl. Fr. Pr." zu haben sein. Hrn. Or. A. D ouai in Newark(Nordamerika) sür die erfolgreiche Bemühung zur Aufsuchung meines Bruders besten Dank und die Mit- theilung, daß derselbe bereits geschrieben hat. Hausen bei Frankfurt a. M. Reinhard Löser. Quittung. Arbeiterbild.-Ber. London Ab. 318,00. I. Schttbrgr Wien Ab. 5,00. Rsksch Freutenthal Ab. 5,04. Arbeiterbild.-Berein Leoben Ab. 8,06. Wß Goldlauter Schr. 1,80. Hß Philadelphia Ab. 1*0,00 Wlbrcht Ab. u. Schr. 4,20. Mrtg Colditz Schr. 1,50. Knke Frankfurt Schr. 3420. I Brdnsky Ab. 8,00. Gglr hier Ab. 7,50,. Schr. 2,20. Mllr Reichenbach Ab. 11,20, Schr. 14,25. Brn Graz Ab. 11,77. Mllr Szigetvar Ab. 2,35. Lnk Pieschen Schr. 30,00. Sprugr Aachen Ab. 2,30. Grde Stötteritz Ab. 23,40. Kpfr hier Ab. 8,80. Zpfl hier Ab. 1,80. Rlk Kl Gräditz Ab. 5,90 Mllr Flensburg Ann. 0,70. Slysc Gohlis Ab. 8,75. Dßbch Hanau Ab. 15,70. Frtz Lffenbach Ab. 25,00. Echtz! Großenha n Schr. 25,(0. Srbrn Liege Ab. 4,04. Rbzn London Ab. 4,08. Schrngr Wels Ab. 6,31. Grnwld Altenburq Schr. 18,35. Hnsch Linz Ab. 4,95. Lffn Cöln Ab. 12,00. Obg Gießen Ab. 4,00. Hbtzl Wien Ab. 6,75. Bck Gotha Schr. 3,75. Aschbrn Hirschberg Schr. 2,10. Schmidt Neviges Schr. 9,80. Hrzg Gei enkirchen Schr. 1,20. Fonds für Gemaßregclte. 20 00 Nr. quitlirten 2,00 von R. in Hof muß heißen B. C. Bohne in Ernstthal von einem Parteigenossen 3,00 z. Wahl- fond u. 3,00 für d. Gemaßrezelten. V. Rchlein St. Francisco 3,00. - Sonntag, den 13. Januar. Abends 7 Uhr, >. pidet eine Versammlung sämmtlicher Abonnenten des„Vorwärts", der„Schleswig-Holsteinischen Volks- Zeitung", des„Hamburg-Altonaer Volksblattes", der„Neuen Welt" und„Rundschau im Lokale des Hrn. Petersen zur kleinen Vörie, statt. Tagesordnung: 1. Wohl einer Zeitungs-Tommission 2. Die„Schl.-H. Volks-Zeiwng".— NB. Das Erscheinen aller Abon- nenlen ist erforderlich.(F. 125) Heinrich Muhlke. j80 QotYntrr Donnerstag, den 10. Januar, Abends> ,9 Uhr, im Saale des Hrn. Michael, gr. Windmühlenstt. 7: Sozialistenversammlung. Tagesordnung: Sozialpolitische Rundschau. Ref. R. Seiffert. 60) Der Agent. Durch uns ist zu bezieh- n: Die bürgerliche Gesellschaft. Ein Vortrag gehalten vor freireligiösen Arbeitern des Wupperthals i» Elberfeld-Barmen von I o seph Pietz gen. Preis 10 Pf. Leipz'g. Die Expedition deö„Vorwärts". Motto:„Alle Menschen gleich geboren, Sind ein adliges Geschlecht." vir Nene Gestülchast. ihre Aufgabe, unter Hivwei au, den unausbleiblichen Zusammenbruch der heutigen Gesellschaftsordnung und auf die nvthwendig werdende so- ziale Wiedergeburt, die neue Gesellschaft, den wissenschaftlichen So- zialismus immer mehr zu vertiefen, zu erweuein und auszubauen. Neben ihren anerkannt gediegenen Aufsätzen im Gebiete der Sozial- und Naturwissenschaft bringt die„N. G." auch zahlreiche ausführliche Bespiechungen sozialwissenschaftlicher Schriften deutscher, französischer, englisch, r, italienischer, spanischer, russischer tc. Sprache und bietet einen oricntirevden lieberblick über das Gesammtgebiet der Sozialwisscnschaft und Sozialphilvsvphie, wie auch des eigentlichen Sozialismus, Communlsmus, Colleklivismus, Anarchismus, kurzum des Sozialismus aller Völker, Zeiten, Richtungen, Schulen, Theorien und System-. Die„N. G." erscheint in Monatsheften, elegantester Ausstattung. 3— 4 B-gen stark, Lexicon- Octav. Abonnementspreis pro Quartal M. 3,00 Zu beziehen direkt durch die Expedition der Zeitschrift, die Post und alle Buchhandlungen; in Leipzig durch die Expedition deS •„Vorwärts". Zürich, im Januar 1878. Uertag der„Aenen Gesellschaft". Im Comwisfions-Verlage von R. E. Höhme in Leipzig, Elisen- straße 1, ert>ien soeben und ist dmch alle Expeditionen sozialistischer Blätter zu beziehen: Das deutsche Reich und seine Gcsclzgebung. Materialien für die sozialistische Agitation. Bon Bruno Geiser. 7 Bogen 8. Preis 60 Pfg. In Partien 50 Pfg. Inhalt: Kap. 1. Uebec die Gründung und Gesetzgebung deS deutschen Reicks. Kap. 2. Die Reichsoerfassung. Kap. 3. Die Ge- Werbeordnung für das deutsche Reich. Kap. 4. Das Gesetz bezüglich der Abänderung des§ 141 der Gewerbeordnung und das Hilfskassen- gesetz. Kap, 5. Das Haftpflichtgesetz. Kap. 6. Das Lohnbeschlagnahme- gesep. Kap. 7. Das Preßgeletz. Kap, 8 Die für das sozial-politische Leben wichtigsten Bestimmungen des ReickiSstrasgesetzbuchs mit Erläutc« rungen nach Oppenhof, Schwarze tc. Kap. 9. Zur Statistik des deutschen Reichs. Wir empfehlen unseren Filialen, Colpor- teuren und Parteigenossen als Material zum Sammeln von Abonnenten auf Die Nene Welt statt Prospekte, überzählige Nummern aus den, früheren Jahrgängen gratis. Leipzig. Expedition der„Neuen Welt". Färberstraße 12. n. Berantwoitlicher Redakt ur: Hermann Hclßig in Reudnitz-Leipzig. Redaktion und Expedition Färberstraße 12. II in Leipzig. Druck und Verlag der Genossenjchastsbuchdruckerei in Leipzig.