Erscheint tn ftipiig «ittooch, Freitag, Sonntag. AbonnemcntSprei» sür ganz Deutschland t W.«« Ps. xr» Quartal. WonatZ- Abonuemenlg toerden bei allen deutschen PostanftaUen «s den S. und t. Monat, und aus den » Monat besonder« angenommm:>« Ntnigr. Sachsen und Herzoglh. Sachsen- «ltenburg auch aus den tlen Monat dt» Quartal« k ü Psg. Inserat» betr. lSersammlungen pr. Petitznle ioPs„ betr. Prioatangelegcnhtiten und Feste pro Petitznle 30 Ps. Vorw ärts Bestellungen nehmen an alle Poftanstaiten und Buch. Handlungen de« In- u. Auelande«. Filial- Expeditionen, Zeew-Nork: To»,- deniotr. Genossen- schastSbuchdruilerei, IS» Illäi-i-Ix« Str. Philadelphia: P. Hab, S30«ortd Se» Struvl. I, Boll, 113» Ctmrloll» Str. Hobolen N. J.: F. A. Sorge. 2l» Vnnd- iugton k,tr. Thieago: A.Lanscrnia! n, 7» Oiz douroe.»» San Franzisco: F. Env,«>« tt't'nrrsU Sri London W.:£. Hönze, 8 Sew t Molden Square. Gentrat Hrgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 36. Mittwoch, 27. März. 1878. Der Ehebruch vor dem Richterstuhl des Liberalismus. .Die Heiligkeit der Ehe", diese bekannte Phrase der Liberalen, muß so oft herhalten, um dem Spießbürger eine Gänsehaut zu verursachen, wenn er der„eheschänderischen" Sozialdemokraten gedenkt.„Der.Heiligkeit der Ehe" setzen diese rothen Dema- gogen die„freie Liebe" entgegen"— so klingt es in allerlei Tonarten aus dem liberalen Lager. Wie es aber mit der„Heiligkeit der Ehe" in der heutigen Gesellschaft beschaffen ist, das haben wir oft genug gezeigt; wir waren deshalb geneigt, den ganzen Crispiskandal, den Ehebruch des auch von den Liberalen Deutschlands so hoch gefeierten italienischen Ministers, wenigstens redaktionellerseits zu ignoriren. Doch nach dem schamlosen Gebühren des ton- angebenden nationalliberalen Blattes in Deutschland, nämlich der „National-Zeitung, sind wir von unserem Vorhaben abgekommen. Bekannt ist, daß Erispi, der Bigamie beschuldigt, seine Entlassung als Minister des Innern und der Polizei erhalten hat; weniger bekannt ist, daß dieser Mann, intimer Freund von Bennigsen und Genossen, dem man noch im vorigen Herbst in Berlin große Ovationen gebracht hat von Seiten der nationallibe- ralen und fortschrittlichen Abgeordneten, drei Frauen gehabt hat, ohne eine dieser drei Ehen zu lösen. Die„National-Zeitung" schreibt nun über diese sauberen Geschichten Folgendes, indem sie den aus ähnlichen Vergehen entsprungenen Fall des thränenreichen Communemörders Jules Favre mit dem vorliegenden vergleicht: „Es ist aber sehr bemerkenswerth, daß der gefühlvoll menschliche Zug, den die beiden Staatsmänner in ihre Beziehungen brachten, ihnen so schwer gefährlich wurde, während die Welt wahrscheinlich an Verhältnissen, die sie anderweit unter- halten hätten, mit gleichgiltigem Achselzucken vorbeigegangen wäre. Es liegt in der That etwas Tragisches darin. Die Harther- zigkeit, mit welcher die Jugend so oft derartigen Verhältnissen entgegentritt, macht im höheren Alter erfahrungsgemäß einer größeren Weichheit Platz, und Erispi und Favre wären nicht die Ersten, die einer späten Leidenschaft und dem er- wachten Familiensinn zum Opfer fielen." Das ist also„erwachter Familiensinn", wenn man sich zwn oder drei Frauen anschafft!„Erwachter Familiensinn" bei den Nattonalliberalen! Und dieser„erwachte Familiensinn" wird noch ganz beson- ders in Schutz genommen von der„National-Zeitung" in Hin- blick auf die Gleichgiltigkeit, mit welcher die„Welt"— natürlich nur die liberale Welt— an den kleinen„Verirrungen", an den anderweittgen„Verhältnissen" der Ehemänner vorbeizugehen beliebt I Daß die klerikale„Germania" über die„National-Zeitung" herfällt und uns dabei in Schutz nimmt, indem sie schreibt: „Und ein Blatt, das ein solches Urtheil über eines der ab- scheulichsten Verbrechen, die Bigamie, fällt, will die Moral der Sozialdemokraten meistern und beansprucht die Führung der regierungsfreundlichen Presse Deutschland!" — dies finden wir allerdings sehr erklärlich, aber wir müssen doch bestreiten, daß ein Blatt, welche« das Eölibat vertheidigt, den richttgen Begriff von der Heiligkeit der Ehe, resp. von dem geordneten, vernünftigen Verkehr zwischen den beiden Ge- schlechtern hat. Eine klerikal-pfäffische Zeitung, die so manche Beichtstuhlgeschichten erzählen könnte, wenn sie nur wollte, ist am wenigsten berufen, in dieser Sache da« Wort zu ergreifen. Die Berliner„Volkszeitung" hat sich wenig um den Fall bekümmert; ihr liegt der Herr Duncker wohl noch allzu schwer im Magen, und auch an den lebendigen, illegittmen Leitarttkeln deS Herrn Bernstein mag sie wohl noch an Berdauungs- beschwerden leiden.— Wie wir aber hören, will Herr v. Unruh eine Broschüre schreiben mit dem Titel:„Die Bigamie, eine Institution im sozialdemokratischen Staate." Ts wird nämlich noch immer nach der alten israelittschen Praxis verfahren: Man führt einen Bock in die Wüste, bürdet ihm alle eigenen Sünden auf und schlachtet ihn— und so ge- reinigt, sündigt man weiter— nicht wahr, Herr von Unruh?— Doch nun genug I Der Crispi'sche Fall ist äußerst unbedeu- tend, weil ähnliche Fälle täglich, stündlich in der herrschenden Gesellschaft sich ereignen, die vur nicht an die große Glocke ge- hängt werden. Auch wir freuen uns nicht besonder« über die Entlarvung Favres und Erispi'«, weil ihnen lediglich der Zufall so arg mitgespielt hat, während ihre ebenso schuldigen sich»och auf verschiedenen Ministersesseln und Abgeord- netenstühlen befinden und frech das Volk betrügen und die Sozialdemokraten verleumden. Nicht einzelne Personen der herrschenden Gesellschaft find zu verdammen, sondern d. ese selbst- den Beweis hierfür liefert der erwachte Familiensinn" de« leitenden liberalen Blattes in Deutschland, der„National-Zeitung." Rückblick auf den 18. März. 'st leicht begreiflich, daß sich die Bourgeoisie des.tollen Lohres 1848, und ganz besonder» des 18. März, an welchem �age das Königthum sich vor dem Willen des Volkes beugen «umc. nicht gern erinnert; sie hat ,a ihr Ziel erreicht, ihr Recht ST"??- da« Recht de» Geldbeutels! Diejenigen, welche ; t" Achre" am lautesten von Volksrechtcn sprachen und lvnnm Willkür und Volksbevormundung auftraten, find die .Patrioten" geworden und können, nach Oben hin, der i-n 9et,U9 versichern, daß sie glücklich sind, an den Stufen m Temuth ersterben zu dürfen, was natürlich nicht wert, daß sie nach.Unten" auf die willkürlichste Art ver- fahren. Viele dieser„Freiheitsmänner" sind Hof-, Geheim-, Legations- oder sonstige Räthe, Polizeidirektoren und dergleichen geworden, oder haben von irgend einem Fürsten.in Anerkennung der treuen Dienste" einen„Orden" erhalten. Es ist selbstver- ständlich, daß solchen Leuten die Erinnerung an ihre„Jugend- eseleien", wie sie ihr damaliges Auftreten nennen, unangenehm ist, und daß sie bemüht sind, auch im Volke derartige Er- innerungen zu unterdrücken. Schrecklicher aber, als die Erinnerung an den 18. März 1848, ist der herrschenden Klasse die Erinnerung an den 18. März 1871, an welchem Tage sich das Volk von Paris gegen die Reaktton erhob; an welchem sich die Commune constituirte. Wahre Bolksfteiheit und Gesammtwohlfahrt war das Ziel, welches sich die Männer der Commune gesteckt hatten, und dies genügte, den Haß aller Privilegirtcn auf sie zu laden. Mit Schrecken und Grauen gedenken die Machthaber dieses Tages, an welchem man Hand an alle Privilegien legte. Das Volk jedoch, das gedrückte und ausgesogene Volk, gedenkt der Tage, an welchen die Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, Sroklamirt wurde. Trotz des Wuthgeschrei's der reattionären Kasse feiert das Volk den 18. März; es feiert die Erinnerung an die ausopferungsfähige Hingabe, an die Idee der Erlösung der Menschheit. Diese Erinnerung kann weder durch behördliche Ukase, noch durch polizeiliche Maßregeln hinwegdekretirt werden. Im angegebenen Sinne wollten die Arbeiter Deutschlands diesen doppelten Gedenktag feiern, wurden aber in den meisten Fällen von der Polizei daran gehindert. Wie man von Polizei- wegen bemüht ist, das verfassungsmäßig garautirte Recht des Volkes, das Versammlungsrecht, illusorisch zu machen, wollen wir hier durch einige Beispiele nachweisen. Wir haben bereits mitgetheilt, auf welche Weise in Berlin die für den 17. März einberufene Versammlung aufgelöst wurde, ohne daß von Seite der Arbeiter zu diesem unerhörten Vorgehen der ge- ringste Anlaß geboten worden wäre. Dieses neueste Polizei- kunststück wird sogar von gegnerischen Blättern, welche unserer Sache spinnefeind find, nicht gebilligt. Die„Vossische Zeitung" bringt einen diesbezüglichen Bericht, welcher des taftlosen und provokatorischen Vorgehens der Polizei erwähnt und aus dem ersichtlich ist, daß es nur dem Ordnungssinne der Arbeiter zu verdanken war, daß die Ruhe nicht gestört wurde. Eine Ver- sammlung, welche für den 18. März im Nordostdistritt m Berlin einberufen wurde, wurde auf dieselbe Weise wie die obenerwähnte aufgelöst. Der Beamte verlangte ebenfalls die Vorzeigung der Bescheinigung, und als dieselbe für richtig befunden wurde, die Herstellung eines freien Ganges zur Tribüne; auch hierin wurde dem polizeilichen Wunsche nachgegeben. Als aber der Referent, Reichstagsabgeordneter Fritzsche, die Tribüne betrat, wurde die Versammlung, bevor der Redner noch ein Wort gesprochen, ohne Angabe irgend eines Grundes aufgelöst. Man muß sagen, es ist System in der Sache.„Entweder die Arbeiter fügen sich und die Polizei löst nach Belieben die Versammlungen auf, oder sie— was gewissen Leuten am liebsten wäre— treten für ihr Recht ein und setzen sich der Gefahr aus, mit dem„hauenden Säbel" und der„schießenden Flinte" Bekanntschaft zu machen." An vielen Orten des„starken" deutschen Reiches wurden die Versammlungen oder Feste, welche zur Feier des 18. März ab gehalten werden sollten, von der Polizei einfach verboten; man wollte an diesen Tag nicht erinnert werden. An anderen Orten wurden die Bersammluugen abgehalten und die Polizei begnügte sich, dieselben genügend zu überwachen. Der Kuriosität wegen erwähnen wir einer Versammlung, welche am 18. März in Rixdorf abgehalten wurde und von circa 250 Personnen besucht war. Zur„Ueberwachung" waren nicht weniger als achtzehn Gensdarmen erschienen. Eine solche Furcht vor der freien Rede wirkt geradezu komisch. In Dresden konnte eine Versammlung, in welcher über den 18. März 1848 und 1871 gesprochen wurde, ruhig tagen, ohne daß die Stadt in die Lust flog. In Leipzig wurde, wie bereits erwähnt, die Versammlung ebenfalls ver- boten, ohne daß überhaupt ein Grund angegeben worden wäre. Der Herr Polzeidircktor von Leipzig weiß es sehr gut, daß der- artige Verbote nichts nützen, denn er sprach ja selbst, selbstver- stündlich zu einer Zeit als er noch nicht Polizeidirettor, sondern Vorfitzender des„republikanischen Clubs" war, die unumstößliche Wahrheit aus:„Was helfen alle solche Verbote! Die Meinung, die einmal vorhanden ist, rotten sie doch nicht aus!" Daß man sich berechtigt glaubt, den Sozialdemokaten gegen- über die Gesetze nach Belieben drehen und wenden zu können, hat das Mannheimer Bezirksgericht bewiesen. Boriges Jahr wollten die Mannheimer Sozialdemokaten eine„Märzfeier" veranstalten, wurden aber von der Polizei belehrt, daß sie eine solche nicht abhalten dürfen, daß aber polizeilicherseitS nichts eingewendet werden würde, wenn man dieselbe etwa auf den Namen Johann Jacobys', der doch auch— ein ganz ordent- licher Rann gewesen sei— umtaufen würde. Die Feier wurde nun abgehalten. Dieses Jahr wurde abermals und zwar schon etwa am 8. oder 9. März der Behörde angezeigt, daß eine „Märzfeier" veranstaltet werden soll. Von Seiten des Bezirks- amtes kam den Meldenden der Bescheid zu:„Den Sozialisten kann eine Märzfeier nicht gestattet werden; wäre es irgend eine andere Partei, vann ja; aber die Sozialisten wollen durch diese Feier die Revolutton verherrlichen." Auf diesen Bescheid wurde beim Ministerium Rekurs ein- gereicht. Die Antwort ging dahin, daß das Verbot aufrecht erhalten werde, weil durch die Feier die„öffentliche Sicherheit" und die— Sittlichkeit gefährdet werden könnte. Vorsichtshalber wurde, noch bevor die Antwort des Ministeriums„herabgelangte", eine„Frühlingsfeier" angemeldet. Auch diese wurde verboten; in dem Schreiben des Bezirksamtes wurde gesagt, daß auf Grund des ministeriellen Entscheides jede Feier am 18. März unter- sagt sei. Daraufhin wurde für den Montag Abend(18.) eine Volks- Versammlung mit der Tagesordnung:„Das badrsche Vereins- und Versammlungsrecht" einberufen. Diese Versammlung wurde untersagt und dem den Anschlag der Plakate besorgenden Buch- drucker bekannt gegeben, daß diese Plakate„auf polizeilichem Wege" entfernt werden würden, wenn der Anschlag nicht unter- bliebe. Der Besitzer des„Badener Hofes", woselbst die Ver- sammlung stattfinden sollte, erhielt vom Polizeikommissär eine Verfügung, in welcher gedroht wurde, daß jede Versammlung „auf dem Wege der Gewalt" aufgelöst werden würde. Die Sozialisten veranstalteten darauf im„Grünen Hause" eine ge- müthliche Zusammenkunft mit Borträgen, Dettamationen und Gesang. Die Polizei war sehr stark vertreten und mußte es hören, wie ein Redner ein„Hoch auf die Mannheimer Polizei, als die würdige Agitatorin für die sozialdemokratische Sache", ausbrachte, in welches die Anwesenden in der heitersten Weise einstimmten. Auf den 19. März wurde eiue Volksversammlung mit der oben angeführten Tagesordnung einberufen. Nicht lange hatte der Referent in durchaus ruhiger Weise gesprochen, als der Com- missär die Erklärung abgab, daß eine„Kritik der Maßnah- men der Behörden" nicht statthaft sei. Vom Borsitzeuden über seine„Machtvollkommenheit" belehrt, löste er die Ver- sammlung auf. Erwähnen wollen wir nur, daß die„Fortschrittler" in mehreren Städten unbehindert ihre„Märzfeier" abhalten und bei derselben fest- essen, fest-kinken und fest-schwätzen konnten, ohne daß sich die hohe Polizei um dieselben auch nur im Ge- ringsten gekümmert hätte. Freilich sind die edlen„Fortschreiter" ein ganz unschuldiges und harmloses Völkchen, welches bei der- artigen Festen der Küche und dem Keller die Hauptaufmerksamkeit widmet und jämmerlich viel wässeriges Zeug schwätzt. Was aber dem Einen recht ist, soll dem Andern billig sein. Die Polizei hat kein Recht, die Versammlungen oder Feste zu verbieten; der Vorwand, die Behörde müsse verhindern, daß aufreizende Reden gehalten und die öffentliche Ruhe gestört werde, ist höchst unge- rechtfertigt, weil die Polizei den Beweis, daß bei derartigen Ge- legenheiten die Ruhe gestört wurde, bis heute noch nicht erbracht hat und denselben me erbringen wird. Derartige Borwände find das Feigenblatt, mit welchem die Polizei die brutale Willkür zu verdecken sucht. Die„Märzfeier" soll aber nicht nur in Deutschland verpönt werden, auch in der„freien" Schweiz, der Bourgeoisrepublik pur oxeolleuee, ist man bemüht, öffentliche Kundgebungen des Volkes, welche der Erinnerung an die Märzkämpfe gelten, zu unterdrücken. In Bern wurde von Seite der angsterfüllten Bourgeoisie das Gerücht verbreitet, es würden am 17. März etwa 2000„Communards"(so werden von dem„gebildeten" Pöbel die Sozialisten im Allgemeinen genannt, da nach den Begriffen dieser Leute die Benennung„Communard" der In- begriff aller Abscheulichkeit ist), mit einer rothen Fahne in der Stadt Herumziehen, auf welcher ein auf dem Rücken liegender gefesselter Bär abgebildet sei(der Bär ist das„Wappen" Berns). Die ganze„gute Gesellschaft" gerieth in Aufregung, welche ihren Höhepunkt erreichte, als ein Wirth die Anzeige machte, er sei von etwa 500 Mann um Ueberlassung seines Saales angegangen worden, habe das Gesuch jedoch abschlägig beschieden. So plump dieser BourgeoiS-Ulk war, die Regierung des Cantons Bern nahm denselben für baare Münze und verbot für den 17. und 18. März jeden Umzug. Mit dieser Blamage noch nicht zufrieden, ermächtigte sie die Militär-Direftion, zur Unterstützung der verfügbaren staatlichen und städtischen Pvlizei- gewalt das nöthige Militär aufzubieten. Es wurden auch zwei Bataillone Landwehr aufgeboten, ein Polizei-Jnspeftor wurde ium Platzkommandanten ernannt und die umfassendsten Bor- ehrungen wurden gekoffen. Und dies AlleS, weil es einigen Bourgeois gefiel, Gerüchte in Umlauf zu bringe», an denen kein wahres Wort war. Trotzdem die Sozialisten beschlossen hatten, von jeder öffentlichen Demonstratton abzusehen und die Feier in einem Lokale abzuhalten, von welchem Beschlüsse die Behörden, die doch alles, was auf die Arbeiterbewegung Be»«g hat, erfahren, ebenfalls Kenntniß hatten, wurde Militär aufge- boten u. f. w. Die„freien Republikaner" denken auch:„Gegen Demokraten helfen nur Soldaten". Dieses Vorgehen liefert den besten Beweis, daß die Bour- geoifie überall gleich reaftionär ist, gleichviel ob sie monarchische Gesinnungen zur Schau trägt, oder sich„republikanisch" nennen läßt. Die FreihettSbestrebuugen deS Volke» sowie die Feier der Erinnerung an die Freiheitskämpfe find ihr durchaus verhaßt und sie ist bemüht, beide zu unterdrücken. Freilich agitirt sie durch ein solches Vorgehen, ganz gegen ihren Willen, für die Sache deS Volkes, indem sie dazu beiträgt, dieses zum Nach- denken über unsere so herrlichen Gesellschastseinrichtungen zu bringen. Der Leipziger Polizeidirettor hat seinerzeit, als er noch ein glühender Revoluttonsmann war, den Ausspruch ge- than:„Die größten Reattionäre sind immer die größten Revo- lutionäre!" und er hat vollkommen Recht. Sozialpolitische Uebersicht. — Die Auflösung des herrschenden Systems geht in wünschenswerthester Weise vor sich. Nachdem es den National- liberalen glücklich gelungen, den„einzigen constitutionellen Mi- nister", Camphausen,„herauszubeißen" und ihrem eigenen Ben- nigsen in die Suppe zu spucken, sucht der schwankende, von Tag zu Tag schlottriger werdende Fürst- Reichskanzler seine Stütze mehr rechts. Eulenburg.junior, der endgiltig das Mini- sterium des Innern angenommen hat, ist noch prononcirterer Reaktionär als sein längst beurlaubter Vorgänger Eulenburg senior; und Graf Stollberz-Wernigervde, der wahrscheinlich — der Kaiser soll ihn dazu„kommandirt" haben— Bicekanzler werden wird, ist nicht blos politisch reaktionär, sondern auch— o Graus!— ein Gegner des Culturkampfs und der liberalen Wirthschaftspolitik. Kein Wunder, daß die Nationalliberalen wie aus dem Häuschen sind und schon das Schreckgespenst einer ultramontan- schutzzöllnerisch-conservativen Reichsregierung Fleisch und Blut annehmen sehen. Uns ist es natürlich höchst gleich- giltig, ob wir unter nationalliberaler oder anderer Firma un- terdrückt werden. Wir freuen uns blos der sich so rapide voll- ziehenden Zersetzung in deu obersten Regionen. Charakteristisch l>t, daß die Nationalliberalen sich jetzt über„Hausknechtsbe- Handlung" beschweren, dabei ganz vergessend, daß man stets nur so behandelt wird, wie man sich behandeln läßt. Graf Stoll- berg wird wohl dafür zu sorgen wissen, daß Fürst Bismarck ihm gegenüber seine Nerven in der Gewalt hält— nöthigenfalls, meinte ein Freund Stollberg's,„würde er ihm persönlich zu Leibe gehen." Diese preußischen Junker lassen sich nicht on— LaSker traktiren; und Graf Stollberg, der einer der ältesten Adelsfamilien entstammt und kolossal reich ist, steht auf Bismarck herab— nicht umgekehrt. Beiläufig erblickt man in Stollberg den„künftigen Reichs- kanzler". Denn daß es mit der Bismarck'schen Herrlichkeit auf immer zu Ende ist, das haben nachgerade alle Parteien im Reichstag und preußischen Landtag begriffen. Bismarck wird noch im Amt bleiben, bis„ein gewisses Ereigniß" eintritt, von dem man sich in die Ohren raunt, und dann ist's aus. Diese Frist wird er zu verschiedenartigen genialen Experimenten be- nützen, durch welche die Zersetzung beschleunigt wird. Nament- lich auf dem Gebiete der wirthschaftlichen Politik. Von einer Auflösung des Reichstags wird wieder gemunkelt. Wir glauben indeß nicht daran. Die Nationalliberalen werden fich wohl hüren, es zum Aeußersten zu treiben; und anderseits hätte Bismarck von einem Appell an das Volk zum Behuf der Steuererhöhuug(„Ich brauche 300 Millionen Mark mehr." Merke dir's, Volt!) kein günstiges Resultat zu erwarten. Ver- muthlich werden die Nationalliberalen in letzter Stunde noch ihre „constitutionellen Garantien" und den übrigen Plunder fahren lassen, und„in den Pott springen"— das heißt ein paar Mi- nisterportefeuilles ohne Bedingungen annehmen.„Hunde sind wir ja doch", und, wenn die Fußtrstte nun einmal nicht zu ver- meiden sind, dann absolvirt man sie doch lieber hinter dem grünen Tisch und im feinmöblirten Ministerhotel, als auf den etwas harten Ledersitzen des Reichstags.— Herr Falk, dem Fürst Bismarck die seidene Schnur in Gestalt einer Zwangs- Krankheit auf Flügeln eines geflügelten Worts zuschickte, soll vor Schreck wirklich krank geworden sein. Der gute Mann mag sich aber trösten. Wird der Culturkampf offiziell eingestellt — und der Brief des Papstes an Kaiser Wilhelm ist die Ein- leitung dazu— dann ist nicht er der Geschlagene, sondern ein höherer ER. Nach den letzten Berichten ist nun auch für den unglücklichen Thräneu-Camphausen ein Nachfolger gefunden in der Person des Berliner Oberbürgermeisters Hobrecht, eines ehemaligen „Altliberalen", der aber sehr conservativ geworden sein soll. Die Nationalliberalen haben am Sonnabend bei der ersten Lesung des Nachtragetatgesetzes, welches vor Thorschluß ins Ab- geordnetenhaus geworfen wurde, sich gegen die Regierungsvor- läge, dieses neueste Kind der Bismarck'schen Nerven, erklärt; es fragt sich nun, ob ihre Entschlossenheit die zweite und namentlich die dritte Lesung überdauern wird.— Das Zustandekommen des Congresses ist fraglicher als je. Die Kluft zwischen Oesterreich und England einer- und Rußland andererseits erweitert sich von Tag zu Tag, so daß sehr bald selbst eine Vertagung des Confliktes kaum mehr möglich sein dürfte. —„Der Neffe als Onkel". Graf Eulenburg, der Neffe des Grafen Eulenburg, des früheren Ministers des Innern in Preußen, ist zum Minister des Innern ernannt. Daß dieser Neffe die Rolle des Onkels sehr gut spielen wird, dafür bürgt seine hochkonservative Gesinnung. Diese Ernennung ist ein klatschender Schlag in die Gesichter der Nationalliberalen; ob dieselben davon roth werden, möchten wir bezweifeln, da sie allzusehr an Schläge gewöhnt sind. — Ju der Reichstagssitzung vom 21. März verhandelten die Abgeordneten über den Feingehalt von Gold- und Silberwaaren. Genosse Most erklärt sich gegen den vorliegenden Gesetzentwurf, da er nicht weit genug gehe. Mit Freu- den begrüße er es, daß die Regierung endlich eingesehen habe, daß das Prinzig des laiszer aller und laisser faire sich nicht auf die Dauer durchführen läßt und daß es eben nur zu einem Gehen und Machen-Lassen des Schwindels und Betruges führt. Die Lage der ländlichen Arbeiter in Posen. (Fortsetzung.) Das Brod besteht aus Roggen- und Gerstenschrot, welcher mittelst zweier Schleifsteine in zeder Familie hergestellt wird. Backöfen kennt man selten; gebacken wird das Brod in Kuchen- form auf der Kochplatte, und wie unvollkommen dies geschieht, kann man daraus ersehen, daß ein solcher Kuchen in der Dicke und dem Umfang eines tiefen Tellers 1'/, bis 2 Pfd. schwer ist, während ein gleiches Stück guten Brodes nur Va bis 3U Pfd. wiegt.— Zu Mittag giebt es natürlich wieder Schur oder eine Mehlsuppe mit Kartoffeln, Abends desgleichen. Fleisch kommt nur dann auf den Tisch, wenn der Domänenbesitzer ein krankes Stück Vieh schlachten und das Fleisch per Pfund zu 10—15 Pf. verkaufen läßt. Die Kleidung entspricht den kläglichen Verhältnissen, in welchen sich die Armen befinden. Eine grobleinene Hose, zwei ditto Hemden, eine Kattun- oder Tuchweste und ein blauer Tuchrock, der nicht selten mehrere Generationen alt ist, bilden den Kleider- reichthum des Mannes. Am Samstag werden die Hemden ge- waschen, während welcher Prozedur die Kinder, die in der Regel nur ein Hemd haben, nackt herumlaufen müssen. Der höchste Kleiderluxus beim Manne ist ein blauer Mantel, welchen er, wenn er den Besitz eines solchen im letzten Drittel seines Lebens erreicht hat, mit Stolz am Sonntag in die Kirche oder zum Markt des nächsten Städtchens umhängt. Den Sorgenbrecher in diesem elenden Dasein bildet der Branntwein; Mann und Weib, Kind und Greis ergötzen sich an ihm als dem einzigen Labsal, das ihnen hier auf Erden zugängig ist. Selbst den Säuglingen wird er als etwas besonders Gutes eingeträufelt. Und doch sind diese Gärtner noch beneidenswerth gegenüber dem Stande von Proletariern, die die dritte Klasse ausmachen, es find dies die Gesindeleute, Schaffer(Vögte), welche die Auf- ficht über die Pferdeknechte, Ochsenknechte oder eine Abtheilung der Arbeiter führen. Sie rekrutiren fich aus den Knechten und Wie man schließlich dahin kommen wird, das Publikum zu schützen, indem man nicht mehr gestattet, daß Milch, Brod, Bier und Fleisch ohne Controle auf den Markt gebracht wird, so müsse man dies um so mehr Waaren gegenüber thun, bei denen der Betrug so leicht sei. Durch die Vorlage aber werde das nicht erreicht; dadurch würde nur dem Betrüge ein gesetzliches Män- telchen umgehängt. Die Garantie der Privatcontrole genüge nicht; das Publikum sei nicht im Stande, die gesetzlichen Beftim- mungen alle zu kennen, zumal da sich die Gesetzmacherei zu einer Großindustrie emporgeschwungen habe. Man habe gewiß Rück ficht genommen auf die Händler, die Geldjuden mosaischer und christlicher Confession, die man als Sachverständige zugezogen habe. Hätte man die Fabrikanten und Arbeiter gefragt, so hätten sich diese nach den Erfahrungen in anderen Ländern entschieden für den Legierungszwang und die Staatscontrole ausgesprochen. Most bittet die Commission, die Vorlage in diesem Sinne gründ- lich umzuarbeiten.— Es folgen einige unwesentliche Petttions- berathungen.— Der Reichstag wird sich in diesem Monat lediglich mit Etatsberathungen beschäftigen und dann im Monat April die Abänderungsvorlagen der Gewerbeordnung, nebst verschiedenen Anträgen, die aus der Mitte des Hauses eingebracht werden, berathen. — Die Staatssozialisten gedenken nach Art der sozia- listischen Zeitungen in Berlin ein„Arbeiterblatt" in's Leben zu rufen. Der Gimpelfang, der in den Versammlungen so kläglich mißglückte, soll also auf diese Weise noch einmal ver- sucht werden. Wir können selbstredend nichts dagegen haben, wenn den Herren„Aucharbeiterfreunden" nach einem zweiten Mißerfolge gelüstet, den sie auch so sicher einheimsen werden, als es feststeht, daß die denkenden Arbeiter, auf die es ja allein ankommt, schon längst die Sozialdemokratie auf ihren Schild gehoben haben. — Dem Sozialismus ist neuerdings eine Anerkennung zu Theil geworden, die erwähnt zu werden verdient. Der „Katholsky Posol"(Katholischer Bote), ein wendisches Blatt, Halle nämlich die Behauptung aufgestellt, daß ein Katholik auf- höre katholisch zu sein, wenn er der Sozialdemokratie beittete. Dem trat ein Anonymus entgegen, indem er erklärte, daß er dem Katholizismus in keiner Weise entsagt Hätte, gleichwohl aber mit vielen Fundamentalforderungen des Sozialismus einver- standen sei. Daß der Sozialismus und Katholizismus sich scheiden wie Feuer und Wasser, wagen nur perfide Gegner des ersteren zu bezweifeln, um so bedeutungsvoller ist es daher, wenn ein„guter Katholik" sich genöthigt sieht, den sozialdemokratischen Bestrebungen in der Hauptsache zuzustimmen, weil er sie als solche erkannt hat, was sie find— als wahr und gerecht. — Ein französischer Parteigenosse, Fr. St., beklagt sich in einer an uns gerichteten und in unsere Hände gelangten Zuschrift bitter darüber, daß ihm schon seit mehreren Monaten der„Vorwärts" nicht zugegangen sei; er zweifelt überhaupt an der Möglichkeit, sozialistische Zeitungen aus Deutschland zu er- halten, und er habe Grund anzunehmen, daß drei zu Ende des verflossenen Jahres von ihm an die Redaktion des„Vorwärts" gesandte Correspondenzen den Bestimmungsort nicht erreicht hätten. Die letztere Annahme ist richtig. Alles das liefert den den Beweis, daß die Bourgeoisrepublik in allen infamen Prak- tiken dem so jämmerlich verendeten Kaiserreich in nichts nach- steht. — Der Inhalt des Friedensvertrages von San Stefano. Die Substanz des publizirten Friedensvertrags von San Stefano läßt sich, wie folgt, rubriziren: Art. 1. Montenegro erhält Niksik, Gatzko, Podgoritza und Antivari. Art. 2. Montenegro wird unabhängig. Künftige Streitigkeiten unterliegen der schiedsrichterlichen Entscheidung Oesterreichs und Rußlands. Art. 3. Die neue serbische Grenze erstreckt sich bis Novi Bazar, Klein- Zwornik und Zakas.— Dus Jnselfort Adakaleh wird geschleift.— Das Fürstenthum Serbien wird für unabhängig erklärt.— Art. 4. Die muselmännischen Landbesitzer in dem cedirten Lande behalten ihren Besitz, welcher durch Andere gepachtet oder verwaltet wird. Art. 5. Rumänien wird unabhängig. Sein Recht zur Kriegsentschädi- gung wird anerkannt. Art. 6. Bulgarien wird ein autonomes Fürstenthum, mit tributärer christlicher Regierung. Es erhält eine Rationalmiliz. Seine Grenzen sind vor der Evaluation Rumeliens durch eine russisch-türkische Spezialkommisfion festzu- stellen. Sie erstrecken sich vom Karadagh zur schwarzen Dnna zum See Beschik, zur Mündung de« Struma(Kacassu) an der Seeküste bis zum Burugöl, zum Rhodope- Gebirge und Kara- Balkan, zum Flusse Arda nach Tschirman, nördlich von Adria- nopel bis Hakim-Tabiassi, am Schwarzen Meere, von Mangalia südlich des Tultscha-Sandschaks zur Donau oberhalb Rasgrad. Art. 7. Der Fürst von Bulgarien wird vom Volke gewählt, Gärtnern; oft hilft ihnen zu dem Posten nicht eine besondere Kenntniß der landwirthschaftlichen Arbeiten, sondern ihre Bereit- Willigkeit, ein Mädchen zu Heirathen, daß der Brodherr oder sein Beamter vorher betrogen hat. Ferner sind noch die Schäfer, der Hofwächter, Schaf-, Ochsen-, Pferdeknechte und die Mägde. Grundsätzlich werden nur ver- heirathete Leute in Dienst genommen; die etwa vorhandenen lcdigen Gesindeleute sind ältere Kinder der verheiratheten Dome- stiken, oder werden diesen in Kost gegeben. Beim Halten von verheiratheten Leuten hat der Brodherr eine größere Garantie für die Seßhaftigkeit derselben und erspart die Auslagen für Küche, Köchin, Kochutensilien, Bettstellen, Betten, Licht, Brenn- Material u. f. w. Bevor ich zum Aufzählen der Einkünfte eines Knechtes, als der zahlreichst vertretenen Klasse der Domestiken, übergehe, er- wähne ich noch, daß die Wohnungen allen Leuten gleich zuge- theilt sind; nur der Schäfer, die Vögte, Schaffer erhalten die bequemer gelegenen, meist unter einem Dache mit dem Beamten oder in dessen Nähe, da sie dessen Generalstab bilden. Gemiethet werden alle Domestiken ohne Abschluß eines besonderen Vertrages auf Grund des Gesindegesetzes vom 8. November 1310 durch ein Miethgeld, welches bei den Vögten rc. 6 Mark, bei den Knechten und Mägden 3 Mark beträgt. Dieses Gesetz ist durch die Gewerbeordnung nicht aufgehoben und enthält eigentlich nur Pflichten und Strafandrohungen für das Gesinde, aber keine Rechte. Der§ 77 gestattet sogar die Prügelstrufe; diese aber ist doch noch eingeschränkt, wenn auch durch die sehr dehnbare Bemerkung:„Reizt das Gesinde die Herrschaft durch ungebühr- liches Betragen zum Zorn u. s. w."; toller aber ist der Z 78. Dieser besagt: „Auch solche Ausdrücke und Handlungen, die zwischen anderen Personen als Zeichen der Geringschätzung anerkannt find, be« gründen gegen dieHerrschaft noch nickt die Bermuthung, daß sie die Ehre des Gesindes dadurch habe kränken wollen." ' von der Pforte bestätigt und bedarf der Genehmigung der Groß- mächte. Kein Mitglied der regierenden Dynastien der Großmächte ist wählbar. Eine Notabelnversammlung wird unter Aufficht russischer und im Beisein türkischer Commissäre eine neue Landes- Organisation entwerfen, gemäß der der Donaufürstenthümer. Die Einführung derselben wird während 2 Jahren durch einen russischen Commissär überwacht. Nach dem ersten Jahre können im Falle Uebereinkommens Spezialdelegirte anderer Mächte dem Commissär beigegeben werden. Art. 8. Die türkischen Truppen verlassen Bulgarien. Die dortigen Festungen werden geschleift; das Kriegsmaterial und das Staatseigenthum verbleibt der I Türkei. Bis zur Formatton einer Nattonalmiliz, voraussichtlich während 2 Jahren, verbleiben russische Truppen in Bulgarien. Art. 9. Die Höhe des bulgarischen Tributs ist später durch Uebereinkommen der Mächte festzustellen. Art. 10. Die Türkei ist berechtigt, die Straßen der Bulgarei zu benutzen mit be- stimmten Restriktionen. Art. 11. Die Verhältnisse des Land« besitzes der Muselmänner werden analog den hierüber für Ser- bien getroffenen Bestimmungen geordnet. Art. 12. Die Donau- festungen werden geschleift; die internationale Commission der unteren Donau bleibt intakt. Art. 13. Die Pforte stellt die Schiffbarkeit der Sulina-Mündung her. Art. 14. In Bosnien und der Herzegowina werden Reformen eingeführt in Gemäßheit des Vorschlages der Mächte in der ersten Sitzung des Konstan- tinopeler Conferenz, jedoch mit solchen Modifikationen, wie die- selben unter Oesterreich, der Türkei und Rußland verabredet werden. Art. 15 betrifft die Besserung der Zustände in Kreta, Epirus und Thessalien. Art. 16 bezieht fich auf die Schutz- maßregeln der Türkei für Armenien gegen die Kurden und Tscherkessen. Art. 17. Für die in den letzten Ereignissen com- promittirten türkischen Unterthanen wird volle Amnestie gewährt. Art. 18. Die Türkei regulirt die perfisch-türkische Grenze und zieht bezüglich Khotur's die Anficht der vermittelnden Mächte in Betracht. Art. 19. Die Kriegsentschädigung bettägt 1410 Mil- lionen Rubel. Davon werden für cedirte Territorien 1100 Millionen Rubel angerechnet. Cedirt wird das Sandschak Tultscha, wobei fich Rußland das Recht des Austausches gegen den im Jahre 1856 cedirten Strich Bessarabiens vorbehält. Cedirt werden ferner(in Asien) Ardahan, Kars, Bajazid, Batum und das Land bis zur Kette des soghanlü-Dagh. Art. 20 betrifft die Abwickelung von streitigen Angelegenheiten russischer Unter- thanen. Art. 21 enthält sekundäre Bestimmungen bezüglich der Verhältnisse von Einwohnern in den cedirten Territorien. Art. 22 sichert den Mönchen vom Berge Athos und den russischen Pilgern Schutz zu. Art. 23. Die früheren Verträge bezüglich des Handels u. s. w. werden wieder hergestellt. Art. 24. Der Bosporus und die Dardanellen bleiben in Friedenszeiten den Handelsschiffen offen. Art. 25. Die russischen Truppen räumen die europäische Türkei, Bulgarien ausgenommen, in 3 Monaten, die afiattsche Türkei in 6 Monaten nach Herstellung des defini- tiven Friedens. Art. 26 enthält provisorische Bestimmungen bezüglich der Verwaltung der okkupirten Territorien bis zu deren Räumung. Art. 27. Die Pforte verspricht, türkische Unterthanen wegen etwaiger Beziehungen zur russischen Armee nickt zu ver- folgen. Art. 28 enthält Bestimmungen über die Freigabe der Kriegsgefangenen. Art. 29. Die Rattfikationen der Friedens- Präliminarien sollen binnen 14 Tagen in Petersburg ausge- tauscht werden. Welche Gesetzesunkenntniß oft selbst höhere Beamte an den Tag legen, das beweist nachstehendes rectificirendes Cirkular der Königl. Regierung zu Schleswig an sämmtliche Landrathsämter und selbstständigen Polizeioerwaltungen der Provinz Schleswig-Holstein. Auf dieses Cirkular hat auch der Abgeordnete Hasenclever Bezug genommen, als er das Auftreten der Polizei bei der Wahl im 6. Schleswigs Holsteini- scheu(Otteusen-Pinneberg) Wahlkreise am 13. März im Reichstage einer längeren und scharfen Kritik unterzog. DaS sehr bezeichnende Cirkular lautet: „Schleswig, den 26. Januar 1877. „Auf die berichtliche Anfrage vom 9. d. M., Journ-Nr. 15248, betreffend sozialdemokratische Agitationen, erwidern wir dem Königlichen Landrathsamt. daß die dem vorgelegten Cirkular vom 5. d. M. zum Grunde liegende Auffassung der in Betracht kommenden Bestimmungen des Gesetzes über die Presse vom 7. Mai 1874 und der Gewerbeordnung nicht für richtig erachtet werden kann. „Nach§ 43 der Gewerbeordnung bedarf nur derjenige» welcher gewerbmäßig Druckschriften u. s. w. vertheilen will, dazu einer Erlaubniß der Ottspolizeibehörde resp. eines über diese Erlaubniß auszustellenden Legittmationsscheins. Da es sich aber im vorliegenden Falle um unentgeltliche Verabfolgung von Druckschttften, also um nicht gewerbmäßige Verbreitung derselben handelt, wie solche eben der% 5 des Preßgesetzes, auf welchen das Cirkular des Königlichen Landrathsamts Die§Z 77 und 78 allein mußten die braven„Culturkämpfer", wenn sie ein Atom von Wahrhaftigkeit in ihrer Handlungsiveise hätten, veranlassen, eine Revision dieses Gesetzes vornehmen zu lassen. Doch wenden wir uns zu den Einkünften des Knechts; es cnc.�. erhält der Ochsen lnecht Schäfer- knecht Pferde- knecht Mk. 48.00. 60,00. 60,00. 3,00. 3,00. 3,00. 30,00. 30,00. 30,00. 1. Lohn pro Kalenderjahr 2. Miethgeld 3. freie Wohnung im Werthe von 18 Quadratruthen Gattenland, 90 Quadratruthen Acker, 4. 108 Quadratrutheu. die im aller- günstigsten Falle 7o schssl.(Ctr.) «artoffefri pro 160 Ouabr.'Jl., a(|0 45 Ctr. pro 108 Quadr.-R. bringen; davon ab Saat 5 Ctr., bleiben zum Consum 40 Ctr. a 2 Mk. 5. 14 Schffl. Roggen a Schffl. 6 M. 6. 4 Schffl. Weizen a Schffl. 71/* M. 7. 2 Schffl. Erbsen ä Schffl. 6 M. 8. 4 Schffl. Gerste a Schffl. 6 M. 9. Nutzen von 6 Hühnern— 6 Schock Eiern ü M. 1,50 10. Durch den Berk. von4Gänsen ä 2 M. 11. Nutzen von 1 Kuh bei freiem Futter: 365 Liter Milch ä 8 Pf. 12. Heizmaterial in Reißigholz_. Mk. 384,80. 396,80. 396,80, Vorstehende Posten find noch hoch gegriffen. Ehe wir un» aber zu der Frage wenden, wie bringt es eine Familie fettig, mit diesen Mittem zu exntiren» wollen wir noch einige erlän- ternde Bemerkungen an die einzelnen Posittonen knüpfen. Der Gefindelohn wird selbstverständlich postnumerando viertel« jährlich ausgezahlt. Mit Hangen und Bangen statt mit Freude» sieht dem Quattalschluß der Mann entgegen; zunächst ist er hinweist, zum Gegenstand hat, so fehlt es an einem gesetzlichen Grunde, für diesen Betrieb ebenfalls die polizeiliche Genehmigung als erforderlich zu bezeichnen. Es kann m dieser Beziehung um so weniger ein Zweifel obwalten, als die Verhandlungen des Reichstages über das Preßgesetz ersehen lassen, daß der dem Reichstage vorgelegte Entwurf desselben zwar eine Bestimmung enthielt, welche auch für die nicht gewerbliche Verbreitung von Druckschriften die polizeiliche Erlaubnißertheilung zur Bedingung machte, diese Bestimmung jedoch sowohl von der resp. Commission als auch vom Reichstage abgelehnt worden ist. „Hiermit steht selbstverständlich die im§ 5 des Preßgesetzes vom 7. Mai 1874 den Polizeibehörden ertheilte Befugniß, die nicht gewerbmäßige öffentliche Verbreitung von Druckschriften ans den im§ 57 der Gewerbeordnug aufgeführten Gründen zu verbieten, nicht in Widerspruch. Es wird nur festzuhalten sein, daß, abgesehen von diesen Gründen, der übrige Inhalt, sowohl des§ 57 wie der Gewerbeordnung überhaupt, für die BeHand- lung nichtgewerbmäßigen Betriebes gar nicht in Betracht zu ziehen ist. „Als weitere Folge ergiebt sich hieraus, für das von Seiten der Polizeibehörden den nicht gewerbmäßige» Verbreitern von Drucksachen rc. gegenüber zu beachtende Verfahren, daß die letzteren eines Legitimationsscheins überall nicht bedürfen, ihnen ein solcher also auch nicht abgefordert werden kann, daß dieselben ferner hinsichtlich ihrer persönlichen Legitimation nur den all- gemeinen, für Jedermann geltenden, gesetzlichen Bestimmungen unterworfen, endlich, daß nicht fie zu nöthigen sind, den Nach- weis des Nichtvorhandenseins der Gründe, welche nach§ 5 des Preßgesetzes resp.§ 57 der Gewerbeordnung ein Verbot ihres Betriebes rechtfertigen würden, ihrerseits zu erbringen, sondern daß es Sache der Polizeibehörden sein wird, event. Thatsachen zu.rmitteln, welche den angeführten Gesetzesstellen zufolge ein Verbot der nicht gewerbmäßigen Verbreitung von Druckschriften ec. rechtfertigen. „Wir ersuchen das Königliche Landrathsamt, die Wohldem- selben nachgeordneten Polizeibehörden unter Berücksichtigung des Vorstehenden mit einer veränderten Instruktion zu ver- sehen. Königliche Regierung:c. „An sämmtliche Königliche Landrathsämter, die Königliche Kirchspielvogtei zu Burg a. F. und die Polizeiverwaltungen zu Altona, Kiel, Ottensen und Flensburg." Ein solch derber Rüffel ist wohl selten ertheilt worden. Wir machen unsere Parteiorgane, das„Hamburg-Altonaer Volks- blatt" und die„Kieler Volkszeitung" auf das Cirkular besonders aufmerksam, da dasselbe die weiteste Verbreitung in Schleswig- Holstein verdient und bei den nächsten Reichstagswahlen uns zu Statten kommen dürfte. — Die Genossen Dreesbach und Oppenheimer traten am 17. d. M. in Edenkoben(Schweiz) in einer gut besuchten Versammlung auf. Der Erfolg muß ein durchschlagender gewesen sein, da das dortige gegnerische Lokalblättchen, so sich„Gegen- wart" benamset, an den beiden Referenten kein gutes Haar läßt. Hopentlich geht uns über die Versammlung ein Originalbericht zu. — Nachdem die Boruntersuchung gegen den Genossen Most wegen der von ihm im Saale des Berliner Handwerkervereins Zehaltenen Rede, betreffend den Massenanstritt aus der christ- Ilchen Kirchengemeinschaft, abgeschlossen worden, hat die Staats- anwaltschaft beim hiesigen Stadtgericht gegen Most die Anklage wegen Beschimpfung der christlichen Kirche und Beleidigung evangelischer Geistlichen aus ßß 166 und 186 des Reichsstrafgesetzbuchs erhoben. — Der verantwortliche Redakteur des„Vorwärts", Genosse Helßig, ist Donnerstag den 21. März aus der Untersuchungs- Haft wieder entlassen worden. —„Erzgebirgische Freie Zeitung", Volksblatt für die Städte Schneeberg, Neustädtel, Lößnitz, Aue, Elbenstock und Um- gegcnd— so lautet der Titel eines neuen sozialistischen Partei- organs, von welchem am 17. März die Probenummer ausgegeben worden ist. Für'den 19. sächsischen Wahlkreis(Abg. Liebknecht) wird das Erscheinen des Blattes besonders von Wichttgteit sein. Correspondeuzeno Aew-VorK, den 1. März. Die Roth nimmt hier geradezu schreckenerregende Dimensionen an; Tausende und aber Tausende von Arbeitern sind arbeits- und brotlos und diejenigen, welche sich noch in Arbeit befinden, müssen sich von Woche zu Woche Lohnreduktionen gefallen lassen. Während früher z. B., um der Eisenbranche zu erwähnen, ein gewandter Former oder Eisen- gkßer täglich 21/s bis 3 Dollars und ein Tagarbeiter l'/i bis 2 Dollars verdiente, müssen sie sich jetzt mit 1'/- resp. 1 Dollar und darunter begnügen. Trotz alledem kümmern sich die Protzen'das Auftreten Zielowski's, welcher seinen Uebergang zum Rene- int ttttnSpffptt' Itttt Sip SoS �TirtffpS rtvtS finS TipmVtftf w»»-»-» X££,*** 4- 41.. j..'_____ nicht sicher, ob er seinen Lohn voll erhält; denn er hat einige Eggezinken, ein Hufeisen von dem ihm übergebenen Inventar verloren, vielleicht hat er sich bei Anlaß eines Marktganges be- trunken, oder es sind seine Hühner oder Gänse, sein Schwein oder seine Kuh auf das herrschaftliche Feld übergetreten. Für alle diese Bergehen hat er zwar gleich auf frischer That die maßlosesten Injurien in Worten wie in Schlägen erhalten; doch weiß er nicht, ob der„gnädige Herr" ihm nicht noch eine Geld- strafe auferlegen wird. Dies geschieht in 10 Fällen sicher 9 Mal. � bss 9 Mark habe ich den armen Teufeln abziehen sehen; statt 2 Mark erhält er 9 oder 6 Mark. Empört sich sein Herz ®f$fen diese Gewaltthat, wagt er irgend eine Aeußerung des Un- „«üfr*'■!?0tm bekommt er tn Gegenwart seiner Kameraden zu- , elilige Hiebe:„denn der Kerl ist noch frech und uuver- salls er muckt, ohne Weiteres aus dem Dienst gejagt und brevi manu mit Weib und Kind, mit Sack und Pack an die Luft gesetzt. Er also und sucht sich durch Stehlen iu Übrigens erhält der Knecht obigen Lohnsatz um 12 Mark pro Jahr verkürzt, wenn er keinen Dienstboten hält, den er verpflichtet ist, täglich gegen einen Tagelohn von 5 Pf. weniger, als.me freien Arbeiter gleichen Alters bekommen, in die Arbeit zu schicken; der Brodherr hingegen nimmt sich heraus, diese Menschen ohne Beschäftigung zu lassen, wenn er es für gut hält. Die Wohnung besteht aus einer Stube von 18—20 Fuß Länge, 15—13 Fuß Brette und 71/j— 10 Fuß Höhe und einer dunklen Kammer, in welcher der Dienstbote des Knechtes schläft und in der die Vorräthe an Deputat, die Handmühle und allerlei Gerumpel aufbewahrt werden. Die Wohnstube bewohnen Vater, Mutter und die Kinder. Nicht selten kommt es trotz Polizei- licher Vorschriften vor, daß noch eine zweite Familie i» den- selben Raum gesteckt wird; gewöhnlich dann, wenn ein Sohn oder eine Tochter, die als Knecht oder Magd dienen, beirathet. Bis zur Ankunft des ersten Kindes werden die Leute bei ihren resp. Eltern untergebracht.(Schluß folgt.) nicht im mindesten um die Roth des Volkes und sind bemüht, die Arbeit so billig als möglich zu erhalten und so theuer als thunlich zu verkaufen. Diesen Zweck erreichen sie am besten durch die Gefängnißarbeit, mit welcher der„freie" Arbeiter un- möglich konkurriren kann. Die Firma Perry u. Co. in New- Jork erließ vor Kurzem eine„Bekanntmachung", die ich hiermit unter Hinweglassung der echt amerikanischen Marftschreiereien im Auszuge mittheile: „Wir, die Unterzeichneten, sind für den Zeitraum von fünf Jahren mit dem Staat New-Uork für die Beschäfttgung von „Neunhundert Sträflingen in Contrakt getreten und werden dieselben in allen Zweigen mechanischer Arbeiten, welche zur Fabrikation von Oefen, Ranges, heiße Luft-Oefen, Hohlwaaren, Zinn- und Eisenblechwaaren, platirte Nickelwaaren u. s. w. erforderlich find, verwenden. „Mit Hinzurechnung von einhundert bürgerlichen Ar- b eitern werden ein Tau sie nd Mann an jedem Arbeitstage im Jahre in der besteingerichteten und ausgedehntesten Eisengießerei der Welt beschäftigt werden. „Die nationale Ofen-Association hat in feierlichem Conclave erklärt, daß ihre Mitglieder mit uns hinsichtlich des Preises nicht konkurriren können, und hat ihr erfahrener Präsident angerathen, daß„solche Fabriken, welche sich den bestehenden Verhältnissen nicht zu fügen im Stande seien", besser thäten, sich vom Geschäfte gänzlich zurückzuziehen. Unsere Konkurrenten sind von einem solch panischen Schrecken übermannt, daß fie mit dem Gedanken umgehen, bei der Legislatur um Pasfirung eines Special- Ge- setzes zu ihren Gunsten einzukommen. Dieser Bewegung müssen ernste Umstände zu Grunde liegen, welche zu untersuchen den Ofenkäufern anheimgestellt wird. „Seit mehreren Jahren sind wir, in Gemeinschaft mit an- deren Fabrikanten der Umgegend, dem empörenden Despotismus der Moulder Union unterworfen gewesen, welche uns bei einer Aussicht, unsere Werke in Folge eines„Strikes" schließen zu müssen, zwangen, bei 25 bis 50 Proz. mehr für unsere Arbeit zu bezahlen, als in andern Theilen des Landes üblich war. Außerdem wurde uns diktatorisch anbefohlen, wen wir beschäf- tigen, und wen wir nicht beschäftigen dürften: Das Resultat dieses Krieges gegen den„Freihandel" war ein nach Millionen zu berechnender Verlust für die hiesige Geschäftsgegend und nebenbei ein direkter Schaden für das Publikum, welches ge- zwungen war,„Kriegskosten gleiche Preise" für Oefen zu bezahlen. „Wir betrachten uns als das Instrument, alle diese Unzu- läsfigkeiten zu einem Ende zu bringen. Die Kosten der Her- stellung von Oefen im Allgemeinen sind auf eine vernünftige Basis zurückgeführt und wir selbst haben uns entschlossen, daß das Publikum den vollen Antheil an diesen verbesserten Zu- ständen haben soll". Es folgt nun eine lange Reklame, welche ich hier weglasse. Diese schamlose und in der höhnendsten Weise abgefaßte Pcokla- mation bedarf keines Commentars, weil jeder denksähige Mensch aus derselben den nackten Egoismus der Kapitaliften heraus- lesen kann. Eine Frage wird aber an dieser Stelle am Platze sein und zwar: Wer ruinirt die kleinen Geschäftsleute, die den Konkurrenzkampf nicht aushalten können, der„hohe Lohn" der Arbeiter oder der Egoismus der Kapitalisten? Derjenige, der reell arbeiten will, kann mit der Gefängnißarbeit unmöglich kon- kurriren. Die Staaten werden mit den Produkten von Sing- Sing(Staatsgefängniß im Staate New-Aork) überfluthet, die Eisen-Jndustrie wird gehemmt und während 900 Sträflinge im Interesse einer Firma zu Spottpreisen arbeiten, hungern„eben- soviele" freie„Arbeiter". Die gewöhnlichen Oefen erzielten hier den Preis von 15 Dollars per Stück, während die durch die Gefängnißarbeiter erzeugten mit fünf Dollar auf den Markt ge- worfen werden, für welchen Preis sie außerhalb des Gefängnisses unmöglich hergestellt werden können. Ferner kann ich Ihnen mittheilen, daß am 1. März in New- Jork 200 Dockarbeiter, welche bei der„Ancher Line" beschäftigt waren, die Arbeit niederlegten. Sie erhielten seither 30 Cents (— 1 Mk. 20 Pf.) pro Stunde. Der Durchschnitts- Wochenlohn belief sich auf 9 Dollar. Während der letzten Zeit war die Arbeit so unbeständig, daß in manchen Fällen nur 2 bis 3 Dol- lar per Woche verdient wurden.(Ein Dollar gleich 4 Mark.) Außerdem ist die Arbeit eine äußerst anstrengende; vier Mann hatten z. B. 250 Tonnen Kohlen(— 5000 Ctr.) in 10 Stun- den zu schaufeln. Außerdem kam an manchen Tagen nur ein Schiff, an andern zwei bis drei Schiffe an, so daß die Hälfte der Arbeiter beständig ohne Beschäftigung war. Trotz diesen schlimmen Verhältnissen reduzirte die Compagnie die Löhne von 30 auf 20 Cents per Stunde, wodurch der Durchschnitt»-Wochen- lohn auf 7 Dollar gesunken wäre. Da die Leute mit diesem Lohne nicht leben konnten, legten sie allesammt die Arbeit nie- der. Die Compagnie engagirte sofort gegen 300 Arbeiter; diese werden jedoch bald wieder entlassen werden müssen, weil 16 in der Arbeit unerfahrene Männer kaum so viel zu leisten im Stande sind als vier alte geübte Arbeiter. Eine Zeit lang wirds die Compagnie freilich aushalten und lieber ziemliche Geldopfer anwenden als nachgeben. Hoffentlich wird sie aber durch die Entschlossenheit der Arbeiter schließlich doch zum Nachgeben ge- zwungen werden. In Folge der Einstellung der Kohlenproduktion settens der Besitzer fast sämmtlicher Anthracit-Kohlenfelder sind jetzt 40 bis 50,000 Arbeiter brodlos. Wie überall find auch die amerikanischen„Arbeitgeber" be- müht, den Arbeitstag zu verlängern. Als Gegengewicht gegen diese ausbeuterischen Bestrebungen wird von den Arbeitern eine von Zehntausenden von Unterschriften bedeckte Eingabe der Le- aislatur(gesetzgebender Körper) vorgelegt werden, welche die ge- schliche Einführung eines blos neunstündigen Arbeitstages ver- langt. Es thut wirklich außerordentlich noth, daß sich das ar- bettende Volt vereinige, endlich einmal das Joch mit vereinter Kraft abschüttle und das Parasitenthum, welches sich von seinem Schweiße nährt, unschädlich mache. T. Stettin, 7. März. Um in die, durch die„Zielowski-Affaire" schon seit längerer Zeit andauernde Zerfahrenheit und Gedrückc- heit unserer hiesigen sozialen Bewegung einigermaßen Bresche zu legen, hatten wir zu gestern Abend eine Voltsoersammlung mit der Tagesordnung:„Der Massenaustritt aus der Landes- kirche" einberufen, welche sehr gut besucht war. Nachdem Herr Jentzsch, Tischler, das Referat in Anlehnung an die Berliner Vorgänge in einstündiger glänzender Rede zur großen Zufrie- denheit der Anwesenden erledigt hatte, versuchte Herr Reise- Prediger(für innere Mission) Fürer, welcher den anerkennens- werthen Muth befitzt, bei religiösen Fragen uns stets entgegen- zutreten, den Referenten zu widerlegen, sowie einige„Mäßig- keitsvereinler",„Freunde des Reiches Gottes",„Apostolische" oder wie sie sich sonst nennen mögen, mit scheinheiligem Augen- verdrehen vor dem„gänzlichen Abfall" zu warnen.— Der An- trag zur Wahl einer Kommission, welche den Austritt aus der Kirche vorbereiten soll, wurde mit großer Majorität angenommen (dagegen natürlich die„Frommen"). Das Schlußtableau bildete gatenthum(spec. zu den Frommen) öffentlich dokumentirte, indem er ausführte: Ein Wechsel auf den Himmel erschiene ihm sicherer als einer auf Jkarien. Daß eigenthümliche Gefühle uns beweg- ten, als wir den Mann, welcher jahrelang gegen die„Pfaffen" geeifett, nun öffentlich für dieselben Partei nehmen sahen, bedarf wohl keiner Erwähnung; Ausrufe des Erstaunens, des Abscheus, und der Verachtung begleiteten seine Rede.— Trotz dieser öffeut- lichen Fahnenflucht stehen wir doch jetzt und immerdar treu und fest zur Fahne der Sozialdemokratie! Sie lebe hoch! Irankfurt a. 0., 12. März. In dem vor einigen Tage« dem„Borwätts" zugegangenen Bericht über die von Grüneberg und Küster einberufene Versammlung zur Gründung einer Mt- gliedschaft der christlich-sozialen Partei war angefühtt, daß die Parteigenossen eine weitere Versammlung einberufen würden, um genannten Herren die Meinungsäußerung der Frankfutter Arbeiter etwas deutlicher zu beweisen. Diese Versammlung fand Montag den 11. d. Abends 7V, Uhr im Saale des„Volks- gartens" statt. Punft 8 Uhr war der Saal deratt gefüllt, daß an Vor- oder Rückwärtsbewegungen nicht mehr gedacht werden konnte. Ueber 1000 Personen hatten sich trotz strömenden Regens eingefunden. Genosse O. Siegerist leitete die Versammlung ein mit dem Hinweis auf den Verlust, den die Partei durch den Tod unseres Genossen Heinsch in Berlin erlitten, und ehrte die Versammlung das Andenken an den Verblichenen durch Erheben von den Sitzen. In llzstündiger Rede beleuchtete nun Siegettst das Programm unserer Partei und kritisirte dasjenige der „Christlich-Sozialen". Er führte an der Hand der Geschichte unserer Partei den Beweis, daß, da keine Mittel bisher verfangen wollten, den Sozialismus zu tödten, die neue Partei gegründtt wurde, um die sozialistische auseinanderzusprengen. Bei Beleuch- tung unseres Steuersystems, der Unterrichtsverhälwisse, so wie der Frauen- und Kinderarbeit, wobei sich Redner ganz besonders an die Frauen wandte, welche in hier noch nicht dagewesener Stärke vettreten waren, ist mancher armen Hausfrau ein anderes Licht aufgegangen, als sie bisher hat leuchten sehen.— Die Bourgeoisie war statt vettreten, ebenso hatte sich die Pfaffen- garde eingefunden, welche sich aber nur an den Eingängen des Lokals postitte. Die Avantgarde der Schwarzen, nämlich Küster und Grüneberg, ist jedenfalls herbeitelegraphirt worden, und war Küster der Erste in der Debatte. Die Arbeiter Frankfurts mögen aber wohl von seinen Bekehrungsversuchcn nicht deratt erbaut gewesen sein, wie er erwartete, denn die Entrüstung über das blöde und provozirende Geschwätz machte sich Luft. Unser Polizei- Inspektor vermuthete wahrscheinlich eine ernste Gefahr für unser Staatsschiff, denn er drohte mit Auflösung, wenn die Ruhestörungen fortdauern würden. Genosse Siegerist forderte die Versammlung auf, in ruhiger Weise, wie das bisher immer Sitte gswesen. jeden Gegner anzuhören, was auch geschehe« wäre, wenn der Polizei-Jnspektor es nicht für gut befunden hätte, „wegen Verhöhnung seiner Person" die Versammlung plötzlich auszulösen.— Eines weiteren Commentars bedarf dieses Ver- fahren jedenfalls nicht; der Sozialismus ist nun in Frankfutt mausetodt gemacht— wenn nicht die am Sonnabend den 16. d. stattfindende Volksversammlung das Gegentheil beweisen wird. Nur so fortgefahren, es wirkt nichts agitatottscher für unsere Partei, als gerade diese Mittel. Sora» N.-L. Mittwoch, den 6. März cr., fand Hierselbst eine von dem früheren Redakteur des„Neuen Sozialdemokrat", Herrn Küster, und von dem früher in München und Stuttgatt gewesenen sozialdemokratischen Agitator, Herrn Grüneberg, einberufeye öffentliche Arbeiteroersammlung statt, zu welcher „alle diejenigen, welche ein warme? Herz für die Arbeiter haben", eingeladen worden waren. Selbstredend hatten sich die Arbeiter auch massenhaft eingefunden, um die beiden Renegaten persönlich kmnen zu lernen und ihnen die gebührende Abfertigung z« Theil werden zu lassen, zu welchem Zweck Genosse Paul aus Berlin erschienen war. Allein die Sache wurde vereitelt, denn die Herren, welche„ein warmes Herz für das Wohl der Ar- bester" zu haben vorgeben, glaubten als Einberufer auch den Vorsitz führen zu müssen. Uns, die wir die überwiegende Ma- jorität hatten, wollte dies aber nicht einleuchten und wir pro- testitten gegen diesen Terrorismus entschieden. Als sich Herr Paul und Herr Hugo Schmidt aus Forst N.-L. zum Wort gemeldet hatten, schloffen die Herren, welche„für das Wohl der Arbeiter sorgen wollten", die Versammlung schleunigst. Es ist nicht unsere Absicht, Jemandes Fehler aufzudecken, aber wer öffentlich vorgiebt, für das Wohl der Arbeiter sorgen zu wollest, der darf fich privatim nicht Dinge zu schulden kommen lassen, die das Gegentheil von Arbeiterfreundlichkeit beweisen. So soll unter Anderm ein Borstandsmitglied des hiesigen Lokalvereins der christlich-sozialen Arbeiterpartei ein solch„warmes Herz für die Arbeiter" haben, daß es Dienstmädchen körperlich züchtigt; ja, eine Arbeiterftau hat das Nämliche von diesem„frommen" Herrn erfahren müssen. Gegenwärtig steht dieser Herr wegen Hausfriedensbruch und Körperverletzung vor dem Staatsanwalt. Ihre Umgebung, Herr Hofprediger Stöcker, wird immer netter! Wir gratuliren! Die„Sorauer Zeitung" wiegt sich in dem Glauben, endlich das Mittel gefunden zu haben, die Sozialdemokraten zu ver- tilgen, denn fie schreibt ganz vergnügt: Den Sozialdemokraten sitzt nun das Messer an der Kehle. Um das Gegentheil zu be- weisen, hatten wir zu Sonntag, den 17. März cr., eine Bolks- Versammlung einberufen mit der Tagesordnung:„Die chttstuch» soziale Arbeiterpartei." Genosse Alb. Paul hatte bereitwilligst das Referat übernommen. Diese Versammlung war eine der besten, welche wir hier abgehalten haben, so baß Biele, ohne einen Platz zu erhalten, wieder umkehren mußten. Von de« Chttstlich- Sozialen hatte sich anscheinend Niemand eingefunden, denn eine Widerlegung der Ausführungen des Herrn Paul hat nicht stattgefunden. Wir müssen somit annehmen, daß gerade sie tue Oeffentlichkeit scheuen, was sie uns so gern vorwerfen. Nur immer so weiter, Ihr Christlich- Sozialen, das Jahr 1880 wird den Beweis liefern, daß Ihr nur für uns gewirkt habt. — Die Versammlung verlief, wie immer, in der ruhigsten und schönsten Weise, so daß man zu der Annahme berechtigt ist, daß die vorgekommene Störung in der von den Christlich-Sozialen einberufenen Versammlung auf der anderen Seite zu suchen ist. Zleflau. Am 16. März fand hier eine öffentliche Gettchts- sitzung gegen die im vorigen Jahre inhaftttten Direktoren der hiesigen„Äewerbebank", Moritz Steindorff und Stadtrath Fiedler, statt. Die Beweisaufnahme ergab, daß dieselben Gelder der Bank in Höhe von 559,355 Mrk. zu spekulativen Zwecken in eigennütziger Weise veruntreut hatten. Durch Bor- legung falscher Bilanzen und Angabe fingirter Conten hatten sie verstanden, das Kuratorium der Bank derartig zu täuschen, daß nicht ein einziges Mitglied desselben bis zum Tage der Katastrophe eine Ahnung vom Stande der Bank hatte. Im Jahre 1872 vettheilten fie auf Grund falscher Bilanz eine Divi- dende von 12 Proz., obschon eine Unterbilanz von 29,492 Thlrn. vorlag; 1873 als die Unterbilanz bereits auf 120,391 Thlr. gestiegen war, 10 Proz. Dividende, 1874 bei einer Unterbilanz vnn 403,762 Mrk. ebenfalls 10 Proz. Dividende, 1875 bei einer Untcrbilanz von 476,958 Mrk. 9 Proz. Dividende, 1876 dw gegen, als die Unterbilanz die Höhe von 559.355 Mrk. erreicht hatte, gelangte keine Dividende mehr zur Bertheilung. Fiedler, welcher flüchtig geworden war, stellte sich freiwillig. Stcindorff wurde in Bremen, wo derselbe seit einem Jahre ctablirt war, verhaftet. Der dritte Direktor der Bank, Eiseck, hat sich der Bestrafung durch die Flucht entzogen. Die Staatsanwaltschaft beantragte eine Gefängnißstrafe von 6 Jahren, wovon ein halbes Jahr der erlittenen Untersuchungshaft in Abrechnung kommen sollte, sowie 2000 Mrk. Geldstrafe für jeden der Angeklagten. Der Gerichtshof erkannte auf je 4 Jahre Gefängniß, 2000 Mrk. Geldstrafe, sowie ein Viertel der entstandenen Kosten und den Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 5 Jahren. Die Mitangeklagten beiden Buchhalter der Bank wurden frei- gesprochen. Dem Recht wäre hiermit zwar Genüge geschehen, den vielen Kleinbürgern freilich, die die Sucht nach mühelosem und reich- lichem Erwerb verleitete, den Betrügern ihre kleinen Kapitalien zur Verfügung zu stellen, denen ist damit nicht geholfen. Striega«, 16. März. In einer, im Laufe des vorigen Monats abgehaltenen Scbuhmacherversammlung wollten die„Li- beralen", welche die Majorität bildeten, dem Genossen Bruck aus Gotha, welcher das Referat übernommen hatte, blos eine Redezeit von 30 Minuten gewähren. Tie Sozialdemokraten verließen in Folge besten den Saal und die Versammlung mußte aufgelöst werden. Die„Liberalen" waren außer fich vor Freude. Am 10. d. M. wurde wieder eine Volksversammlung ein- berufen, welche von mehr als 1000 Menschen besucht war und bei welcher die„Liberalen" glänzend abgetrumpft wurden. In der letzten Stunde suchten die Herren den Wirth zu bereden, uns das Lokal zur Abhaltung der Versammlung nicht zu über- lassen, weil Alles kleingeichlagen werden könnte. Gegen Erlegung von 150 Mark Caution ließ fich der Wirth bewegen, uns das Lokal zur Verfügung zu stellen. Als Referent war Herr Kapell erschienen, welcher sich seiner Aufgabe auch auf die glänzendste Weise entledigte. Folgende Resolution wurde fast einstimmig angenommen:„Die heute im Feldschlößchen tagende Volksver- sammlung ist mit den Ausführungen des Reichstagsabgeordneten Kapell vollständig einverstanden und erklärt, bei der nächsten Rerchstagswahl nur einen Arbeiterkandidaten zu wählen." Eine beabsichtigte Tellcrsammlung wurde von der Polizei verboten. Gegner traten trotz Zusicherung unbeschränkter Redefreiheit leider nicht auf, es wollte sich keiner blamiren. Großenhain, 13. März.(Zur Klarstellung.) Die„Er- klärung" unseres Parteigenosien Wollmar in Nr. 30 des„Vor- wärts" zwingt uns zu folgender Klarstellung. Zunächst sei cvn- statirt, daß durch eine redaktionelle Beschneidung resp. Versetzung mehrerer Sätze unserer Correspondenz ä. ä. 25. Februar, die- selbe eine ihrer ursprünglichen Bestimmung nicht ganz ent- sprechende Form erhalten hat.(Ohne Absicht der Redaktion; die ursprüngliche„Form" war noch bedeutend schärfer. R. d.„V.") In dieser„corrigirten" Form kehrt sich allerdings die Spitze allen Unwillens gegen Genossen Wollmar, was wir jedoch keinesfalls beabsichtigten, da uns— wie selbst Genossen Wollmar bekannt ist— von der andern Seite weit größerer Schaden zugefügt wurde. Zu weiterer Genugthuung bestätigen wer, daß der Wortlaut des Vollmar'schen Telegramms folgendermaßen lautete:„Durch Schuld hiesiger Genossen Zug versäumt. Kommen unmöglich." Dasselbe ist auch in der be- treffenden Versammlung wörtlich bekannt gegeben worden. Bedauerlicherweise hat uns zwar die unvollkommene Wiedergabe des Telegramms den leicht begreiflichen Mißmuth unseres von uns ssehr geachteten Genossen Vellmar zugezogen; doch kaum daß uns etwas Böses betroffen, erwartet uns im Hintergrunde schon etwas Gutes, um die geschehene Unbill vergessen zu machen. So provozirte der nicht wörtliche Abdruck obigen Telegramms die„Erklärung" Vollmar's, die uns nun am Orte die trefflichsten Dienste leistet. Hiesige Gegner colportirtcn nämlich in Bezug auf die Zugverspätung nicht ohne Abficht die Bemerkung:„Man werde in Mittweida höchstens gekneipt haben." Durch die Vollmar'sche„Erklärung" ist nun der perfiden Klatscherei jener „Herreu" die Spitze abgebrochen und auf diese Weise Genossen Wollmar selbst erst die rechte Genugthuung geworden. Im Auf- trage der Großenhainer Parteigenossen: Fr. Geier. -t. Gohlis, 15. März. Das am vergangenen Sonntag ab- gehaltene 4. Stiftungsfest des hiesigen Arbeitervereins gestaltete sich zu einem wahren Volksfeste. Der große Saal des neuen Gasthofes war gefüllt von den Festgenossen aus dem hiesigen Orte wie aus Stadt und Umgegend. Bald nach Vi4 Uhr begann das Eoncert; erfreuten sich schon die Musikstücke, welche von der Hiller'schen Kapelle ausgeführt wurden, reichen Beifalls, so war dies noch weit mehr der Fall mit den Gesängen, welche von dem Gesangverein Frohsinn aus Stötteritz vorgetragen wur- den, die aber auch den gespendeten Beifall reichlich verdienten. Eine recht günstige Aufnahme fanden auch die beiden Deklama- tionen: Ein Theil aus„Zriny" und Herwegh's„Bet' und arbeit'". Nachdem das Eoncert beendet, wurde vom Vorstand ein Brief von Temmler verlesen, in welchem er sein Nichterscheinen ent- schuldigt und den Festgenossen die besten Grüße übersendet. Dann folgte die Festrede vom Reichstagsabgeordneten Liebknecht. In gewohnter, spannender Weise löste derselbe seine Aufgabe und wurde von den Zuhörern mit rauschendem Beifall belohnt. Wahrhaft ergreifend wirkte die von ihm eingeflochtene Schilderung einer Episode aus der Eommunezeit, nach der in Frankreich unterdrückten Novelle Cladel'S, eines französischen Schriftstellers. Der Titel der Novelle ist: �llevanchc" und wollen wir hier in kurzen Zügen den Inhalt wiedergeben. Ein gcmaßregelter Ingenieur findet bei einer Eisenbahn eine Stelle als Lokvmo- tivenführer und als solchem gelingt es ihm einst, ein junges Mädchen vom Tode zu erretten und wird dasselbe seine Frau. Nach kurzer glücklicher Ehe kommt der Krieg, und die Zeit der Commune findet ihn als Ehes eines Bataillons der Communards. Die letzten Tage der blutigen Maiwoche sind gekommen und er kämpft wacker mit den Seinen für die Freiheit. Zuletzt ist er mit seinem Bataillon auf dem Kirchhof?öre 1» Ctuusv. Von den 300 Mann seines Bataillons, die hinzogen— der Rest war in den früheren Kämpfen aufgerieben worden— find noch 90 übrig, die andern liegen todt oder verwundet auf dem Platze; ein Parlamentair der Versailler bringt die Aufforderung zur Ueber- gäbe auf Gnade und Ungnade mrt einer halben Stunde Bedenk- zeit. Waffen und Munition werden überzählt und der Beschluß gefaßt, zu kämpfen bis auf den letzten Mann. Die halbe Stunde naht ihrem Ende, da stürzt ein junges Weib herbei, einen Säugling auf den Armen: es ist die Frau des Comman- danten. Gefangen von den Versaillern, hatte man sie mit andern Männern, Weibern, Greisen, Kindern an die Mauer ge- stellt, um sie zu erschießen. Die Salve kracht, sie sinkt hin: doch bald fühlt sie, daß sie nicht getroffen worden, sie rafft sich auf, eilt fort zu ihrem Manne, um an seiner Seite für die gute Sache zu sterben. Nun aber soll das dem Tode geweihte Kind, das noch keinen Namen hat, schnell getauft werden. Welchen Namen soll es haben? Wie aus Einem Munde erscholl es von den Neunzig: „Revanche"!— Die halbe Stunde ist um, die Versailler machen sich schußfertig. Da durchblitzt ein Gedanke das junge Weib: „Ihr müßt sterben, ruft sie dem Gatten und seinen Freunden zu, ich aber muß fort, ich muß das Kind retten, das Kind muß leben, leben für die Revanche, für die Rache, die Sühne!" Also, fubr Redner weiter fort, sei es auch unsrer nachfolgenden Jugend bestimmt, das begonnene Werk zu vollenden und Sühne zu erlangen für die an der Menschheit begangenen Frevel: Sühne durch vollständige Umgestaltung des Staats und der Gesellschaft auf der einzig dauerhaften Grundlage: Gerechtigkeit. Aber an uns ist es, dafür zu sorgen, daß dem kommenden Geschlecht die Bahn geebnet wird. Wir dürfen nicht müssig sein und es nicht diesem nur überlassen, sondern müssen fort und fort wirken für die Aufklärung unter dem Volke; dieses nun sei auch das Streben der Arbeitervereine und deshalb schließe er mit dem Wunsche: Gedeihen dem Arbeiterverein von Gohlis!— Ein muntrer Tanz, der bis 2 Uhr dauerte, machte den Schluß des schönen Festes, das gewiß allen Theilnehmern in langer Erinnerung bleiben wird.(Die Cladel'sche Novelle:„Revanche" wird für die„Neue Welt" übersetzt werden. Die Red.) Kfle«. Am 3. d. M. hielten wir hier eine Versammlung ab mit der Tagesordnung:„Christenthum und Sozialdemokratie". An der Debatte betheiligten sich auch einige Christlich- Soziale, welche aber ihre Weisheit nicht recht an den Mann bringen konnten, denn sie wurden vom Referenten, Genossen Seelig, gründlich heimgeleuchtet. Da noch verschiedene Redner ein- gezeichnet und über die eingegangenen Resolutionen noch nicht diskutirt, die Zeit auch schon ziemlich vorgerückt war, so vertagte fich die Versammlung bis zum 10. ds. Mts.— Nachdem Herr Seelig bei dieser zweiten Versammlung wiederum einen längeren Vortrag über obige Tagesordnung gehalten und die Ausführungen einiger Ultromontanen widerlegt hatte, wurde eine Resolution von der Versammlung angenommen, welche dahin ging, daß nur die Sozialdemokratie im Stande sei, die gedrückte Lage des Arbeiterstandes zu verbessern und sich der bekannten Berliner Resolution anschloß. Unwillen erregte es bei einigen Ultramon- tauen, als Seelig treffend bemerkte: Wir suchen unsere Partei durch Belehrung in den öffentlichen Versammlungen, Schriften:c. zu verstärken, wenden uns mit einem Worte an den gesunden Menschenverstand, was vom heutigen Christenthum nicht gesagt werden könne. Herr Rosenkranz(christlich-sozial) forderte noch schließlich seine Genossen auf, unsere Versammlungen zu meiden, in welchen über Religion gesprochen, bedauerte es, daß trotz unseres Programms, die Religion sei Privatsache, dieselbe in den Versammlungen hineingetragen werde. Kurz und vortrefflich erwiderte Scelig hierauf und erinnerte die Christlich-Sozialen daran, wie sie vor sechs Jahren eine Versammlung der Sozial- demokraten gesprengt und dann die Letzteren mit Bierseideln und Stöcken traktirt hätten. Die Arbeiter fangen immer mehr an einzusehen, daß sie von den„frommen" Herren, welche in Arbeiterfreundlichkett machen, nichts zu erwarten haben; sie wenden fich von ihnen mehr und mehr ab und kommen dorthin, wohin sie gehören, zur Fahne der Sozialdemokratie. Keikvronn, 12. März.(Herrliche Justiz!) Wie man mit Arbeitern, welche ohne ihre Schuld arbeits- und brodlos wurden und gezwungen find, sich durch das Land zu betteln, verfährt, beweist folgender Borfall, der verdient, weiter bekannt gemacht zu werden. Ein Handwerksbursche wurde vor einigen Tagen in Frankenbach beim Betteln erwischt und eingesteckt. Der arme Teufel mochte der Meinung sein, er werde, wenn er den Frevel(daß er nicht ruhig verhungerte) mit einigen Tagen Arrest werde abgebüßt haben, wieder entlassen werden. Diese Voraus- setzung war jedoch eine irrige, denn der„Bettler" sollte an das königliche Oberamt abgeliefert und dort„bestraft" werden. Da er jedoch in Folge der langen Reise wunde Füße hatte und nicht im Stande war, den Weg zu Fuß zurückzulegen, ein Fuhrwerk jedoch nicht beschafft werden konnte(Weshalb nicht? R. d. B.), fand der Schultheiß einen Ausweg; er ließ den kranken Mann auf einen Schubkarren laden und ihn durch den Nachtwächter an das Oberamt abliefern. Damit Jedermann sehe, daß der Betreffende ein dem Gesetze Verfallener ist, schritt neben dem Schubkarren der Polizeiwann. Ist dieser Vorfall nicht die präch- tigsie Illustration zu den Deklamationen von„Humanität", „deutscher Bildung" ic.? Große Spitzbuben, welche Hundert- tausende gestohlen, Wittwen und Waisen um ihre letzte Habe betrogen, Staatskaffen ausgeleert haben u. dal., werden auf das zuvorkommendste behandelt, wie dies z. V. beim gewesenen Kriegsrath Wiegand in Darmstadt der Fall war, den man in der elegantesten Equipage vom Bahnhof abholte und so, vor den Blicken der Neugierigen geschützt, ins Gefängniß brachte. Der Sohn des Volkes, welcher, um seinen Hunger zu stillen, ein Stück Brod bettelt, wird, wenn er erwischt wird, wie ein todteS Kalb auf einen Schubkarren geworfen. Ein solches Vor- geben verdient ein sehr entschiedenes Pfui! An die Metallarbeiter Deutschlands! 'Calle gen! In Nr. 23 des„Vorwärts" wurde der Wunsch ge. äußert, die deutschen G.werkschasien möchten sich auf der Weitaus- stellung in Paris vertreten lassen. Am 10. März wurde die Ange- legenhcit in einer geweinschastlichen Sitzung der Klempner und Be- rufSgenoffen und der Metollarbeiter-Genassenschast zur Sprache ge- bracht, und beschlossen, daß es nicht nur nützlich und zweckmäßig, son- dern notlwcndig sei, daß die deutschen«ewerlschaften sich in Paris vertrelen lasten. Den Kostenpunkt anbelangend, waren die Anwesenden darüber einig, daß die auslaufenden Kosten nicht aus der Hauptkasse gedeckt werden dürsen, und e» wurde der Vorschlag gemacht!, zur Be- fireitung der nöthigen Kosten von jedem Mitg'.rede eine Extrasteuer zu erheben. Es wurde auch eine in diesem Sinne abgefaßte Resolution eingebracht, einstimmig angenommen, und der Schriftführer beauftragt, dieselbe dem Borstande vorzulegen. Co liegen! besprecht diese Änaelegenheit in Eueren Bersamm- lungen und Sitzungen. Wenn die Kosten von sämmtlichen Mitgliedern der Gewerkschaft mit Einschluß der Klempner und Berufsgenossen ge- tragen werden, entfällt auf den Einzelnen nur ein verschwindend kleiner Betrag, welcher zu deu Vortheilen, den erne Beschickung der Weitaus- stellung für die Metallarbeiter haben würde, m gar keinem Berhältniß stände........ Collegen! zeigt daß Ihr die Wichtigkeit dieses unseres Antrages begriffen babt, indem Ihr für denselben eintretet. Sache deS Vorstande« würde es sein, falls die Collegen allerort» sich einverstanden erklären, die etwaigen Resultate im„Vorwärts" oder im„Pionier" zu verösseutlichen. Ebenso wäre es Sache deS Borstan- tes mit den Collegen in Paris sich ins Einvernehmen zu setzen. Pa- riser Metallarbeiter, welche uns ,n dieser Sache an die Hand zu gehen gesonnen sind, wollen sich an L. Söhler, Weberstraße 24 in Braun- schweig wenden. Cöln, im März 1878. An die Parteigenossen und Leser des„Vorwärts" zu Osnabrück. Wiederum nähert sich ein Quartal seinem Ende, Pflicht eine« jeden Parteigenossen ist is, deshalb mit aller Kraft für die Verbreitung des „Vorwärts" einzutreten. Es heißt nicht allein wieder abonniren, sondern auch durch neue Abonnenten neue Kämpfer heran zu ziehen. Daß der„Vorwärts", überhaupt die Arbeiterpresse unser bestes Kampsmittel ist und unsere Interessen am entschiedensten vertritt', brauche ich wohl kaum zu erwähnen ebensowenig, daß die gegnerische Presse dieselben bei jeder Gelegenheit bekämpft. Thut'also Eure Schuldigkeit und ver- breitet den„Vorwärts" nach Kräften.— d. Briefkaste« der Redaktion: R. I. in Fr.: Wenden Sie sich an W. Bracke jun. in Braunschweig, der über denselben Gegenstand eine Broschüre herauszugeben beabsichtigt.— Gr. in Großenharn: ack 1) Siehe heutige Nummer; all 2) Können keine bestimmte Auskunft ertheilen. der Expedition. Aug. Breidenbach in Hückerswagen: Ja! — A. Hohl in Baden: 50 S'ück kosten mit Porto 1,80 Mark.— Langendorf in Barmen: Sobald die Bilder DriumpK of Order von London wieder eingetroffen, machen wir solches bekannt.— C. Born- Hägen in Cöln: Die gewünschten Schriften kosten mit Ausschluß des Pfaffenspiegel, den wir nicht haben, incl. Porto 5,10 Mk. Es erscheint ein Fachblatt für Spengler, Broncearbeiter, Gürtler rc. betitelt„Der Metallarbeiter", herausgegeben von Pataky, Verlag von Lehmann und Wenzel iu Wien. Preis vierteljährig 3 Mk. Das Blatt können Sie bei jeder dortigen Buchhandlung bestellen. Der Schmiedemeister und der Schmiedegesell Ferdinand und Herrmann Hannemann, geboren in Ostpreußen, werden von ihrem Bruder ersucht, ihren jetzigen Aufenthaltsort anzugeben. Julius Hannemann, Sattler, Prinzenstraße 3a, Königsberg i. Pr. A. Dreesbach! Warum bekomme ich auf meine zwei Briefe immer noch keine Autwort? I. Witzka, Mülheim a. Rhr., Windmühlenstraße 2 2/,. Quittung. Flr Schwäb.-Gmünd Ab. 6,00. H. Schür Dresden Ab. u. Schr. 167,50. W. Schrdr Hannover Ab. 100,00. Gr Osna- brück Ab. 24,80. Englmnn Achtm Ab. 7,25. Gew.-Ver. der Holz- arbeiter Ab. 3,40. W. Knk Frankfurt Ab. 50,00. Wrgs Wien Schr. 3,40. Redaktion des„Vorwärts" London Ab. 14,00. Hrba Würz- bürg 18,20. Rxckr Wien Ab. 5,00. Gltzl Berlin Schr. 5,00. Wnzr Mellenbach Schr. 0,60. Rchl Mildenau Schr. 12,00. Fonds für Gemaßregelte. Von Schndr Gautzsch 2,02. Vom Arb.-Verein Gohlis 25,00; do. Wahlfonds 25,00; do. Preßfonds d.„Fackel" 15,00; do. Baufonds d. Arb.-Bild.-Berein hier 10,00. Jacobyfonds. Bon Stcklbrg Bordeaux 4,00. Donnerstag, den 28. März, Abends>/,S Uhr im Saale des Hrn. Michael, gr. Windmühlenstr. 7: Sozialistenversammlung. f" Tagesordnung: Vortrag über die Quintessenz des Sozialismus. Referent W. Hafenclever. Der Agent.(60 Unserem Freunde Wagner bei seiner Uebersiedelung von Leopolds- hall nach Wörlitz„glückliche Reise". Wir wollen fwünschen, daß»r unsere Idee auch dort verbreitet, wie er es hier aethan.(F. 280) 1,50] Mehrere Freunde. _ K. P. K. Sch. I. H. Durch die Expedition deS„Vorwärts" ist zu beziehen: Dl« Orientdebatte im deutschen Reichstage(vollständig nach dem amtlichen stenographischen Bericht). Kurz beleuchtet von W. Liebknecht. 5 Bogen. 8«. Preis 30 Pfg. Zur orientalischen Frage oder Soll Europa kossakisch werden? Ein Mahnwort an das deutsche Volk von W. Liebknecht. Zweite, um 1 Bogen vermehrte Auflage, in der die neuesten Phasen der politischen Lage berücksichtigt sind. 4 Bogen. 8°. Preis 30 Pfg. Religion und Sozialismus. Eine nachgelassene Schrift aus dem Jahre 1869 von Dr. Bornttau. Den deutschen Arbenern ge» widmet. Zweite Auflage. 4 Bogen. 8°. Preis 40 Pfg.(4a) Die religiöse Frage und das arbeitende Tolk. Von Dr. C. Bornttau. Zweite Auflage, durchgesehen und ergänzt von Bruno Geiser. Preis 30 Pfg. Das deutsche Reich und seine Gesetzgebung, Materialien für die sozialistische Agitation. Von Bruno Geiser. 7 Bogen. 8". Preis 60 Pfg.(5,10 Durch uns ist zu beziehen:, N. Tchernychewsky: LEconomie politique JugtSe par la science, critique des principe« d'äconomie politique de John Stuart Mill. 492 pages. Prix 1,50 M. _ Die Expedition des„Vorwärts". Soeben erschien im Verlage der Allgemeinen Deutschen AssoeiatiouS- buchdruckerei zu Berlin, Eingetragene Genossenschaft, und ist durch die unterzeichnete Expedition zu beziehen: Das Vrief-Geheimniß vor dem Deutschen Reichstag. Nach den amtlichen stenographischen Berichten mit einem Nachwort von W. Liebknecht. Preis: 4V Pf. Die Expedition des„Vorwärts". Im Berlage der Allgemeineu Deutschen Assoeiations-Buch- druckerei in Berlin erschien und ,st durch alle Buchhandlungen sowie durch die unterzeichnete Expedition zu beziehen: Die Sozialen Aewegungen im alten Rom und der Cäsarismus. Von Joh. Most. 71/« Bog. brach. Preis: 1 Mk. Expedition des„Vorwärts". Lerantwortlicher Redakteur: Hermann Helßig in Reudnitz-Leipzig. Redaktion und Expedition Färberstraße 12. II in Leipzig. Druck und Lerlag der GenossenschastSbuchdruckerei in Leipzig.