«rscheint in 5tipz!z RXtwoch, Freitag, Sonntag. Wonncmcntsprris ftr ganz Deutschland t Marl KV Pf. pro Quartal. Monats- Abonnements » 54 Pf. werden bei allen»eutülini Postanstalten ans den 2. und 3. Monat, und auf den 3. Monat besonder» angenommen. Inserate tetr. Berl-mmlimgen pro Petirzeile 1» Pf., >etr. Priratan.geleqmyeiten und Feste pro PetilzcUc 30 Pf. Pestellimieii nehmen an alle Postanjtalten und Buchhand« lungen des In- und Auslandes. Fillal- Expeditionen» 31-!V- B o r l: Mr. Franz Ionfcher, 177 Lim Str. eorner Broorae.— Mr. Herm. Nchfchc, 348 Wozt— 37 Str. Philadelphia: P. Hai,«3 X-rtk 3r4 Street. J.Poll. X.L.dor lldarlotte k George Str. Hoboken N. J.t F. A. Sorge,»15 Vaak» in�ton Str. Chicago: A. Lansermann, 74t?Ixdvurne»,«. San Franzilco: F.Enb, 4t3 O'IArreU Str. London V.: Wilh. Hosfmaim. 37 X Brin- ee» Str. Bolveater Lg». Kentrat Grgan der Sozialdemokratie Deutschlands. >)tr. 46. Freitag, 19. April. 1878. Die Renegaten an der Arbeit. Ludwig Bamberger, liberaler Reichstagsabgeordneter, Exvemagoge, Pardon: erst recht jetzt Demagoge, und Ausreißer bei kirchheim- Bolanden,— hat eine Schrift herausgegeben: .Deutschland und der Sozialismus", in welcher er sagt: .Versuche gewaltsamer Gedankenvertilgung werden regelmäßig den Kürzeren ziehen. Nur in furchtbaren Momenten, in welchen die Verbreiter neuer Ideen selbst zum Kampf mit bar- barischen Werkzeugen greifen, setzt auch die heutige Civilisation ihre Empfindsamkeit so weit beiseite, daß fie nicht vor barba- rischen Mitteln im Dienste ihrer Selbsterhaltung zurückschreckt." Diese Anschauung wäre ja an sich nicht zu bemängeln; auch wir halten das schwächliche christliche Rezept von der rechten und linken Backe für höchst einfältig, während wir uns, wie hier Herr Bamberger, dem jüdischen kräftigen: Auge um Auge, Zahn um Zahn, zuneigen— aber der Ausspruch Bambergens beruht auf historischer Unwahrheit, die zu Gunsten der Herrschenden ausposaunt wird. Wann haben denn die Ver- breiter neuer, und, da Bamberger vom Sozialismus spricht, idealer Anschauungen jemals selbst zum Kanipf mit barbarischen Werkzeugen gegriffen, ohne vwn ver herrschenden Gesell- schaft provozirt zu werden? Niemals! Deshalb fälscht Bamberger die historische Entwicklung der„neuen Ideen" zu Gunsten der herrschenden Gesellschaft— eine eines Renegaten allerdings vollständig würdige„Arbeit".— „Vom 1. Oftober d. I. ab soll in Berlin eine die„Sotial- Eorrespondeuz" ergänzende Wochenschrift erscheinen, deren hauptsächlichste Aufgabe es sein soll, in populär-wissenschaftlicher Form die großen sozial-politischen Probleme der Gegenwart dem Interesse und Verständnisse der gebildeten Schichten der Nation nahe zu bringen. Es wird fich vorzugsweise darum handeln, \ wissenschaftlichen Sozialismus im neunzehnten Jahrhundert, die odcrnen Arbeiterbewegungen(Chartismus, Juni- Ausstände, -i'�wune zxZ zu schildern, endlich die Ziele einer sozialen Re- svimpolitlk zu erforschen und zu begründen, welche den Bedürf- Nisten der©egenipatt gerecht wird. Selbstverständlich wird das Organ sich mit politischen Tagesfragen nur insofern befassen, als dieselben einen sozialen Inhalt haben und dieser Inhalt an der Hand wissenschaftlicher Forschung auf seine Bedeutung hin fu prüfen ist. Vom Boden der liberalen Weltanschauung aus oll in den gebildeten Klassen des Volkes eine sachliche, unbe- fangene wissenschaftliche Ausfassung dieser gewaltigen Probleme ve, mittelt werden, deren brennende Wichtigkeit sich in ganz ra- pider Weise steigert, ohne daß die rechtzestige Erkenntniß der berufenen Wächter moderner Cultur mit dieser Entwickelung gleichen Schritt hält. Es soll zugleich dem hofdemagogischen Treiben des„Staatssozialist", wie den Schlagworten der den Liberalismus einigermaßen compromittirenden„Sozialen Frage" von Max Hirsch ein Gegengewicht geboten werden, während ein ergänzendes und freundschaftliches Hand-in-Handgehen mit der in ihren Keinen und lehrreichen Artikeln das sozial- politische Berständniß der großen Masse so heilsam fördernden„Sozial- Correspondenz" in Aussicht genommen ist. Eine angesehene Berlagsfirma, sowie namhafte Männer der Wissenschaft wenden dem Unternehmen das lebhafteste Interesse zu; als Redafteur ist Franz Mehring in Aussicht genommen, dessen Buch über die deutfche Sozialdemokratte ja seiner Zeit allgemeine Aner- kennung geftlnden hat." So lesen wir in der„Sozial- Correspondenz" des Herrn Viftor Böhmert, den wir schon fast vergessen hatten wegen seiner geradezu bodenlosen Unbedeutendheit. Wir haben es äugen- scheinlich mit einem Ableger, mit einer sogenannten Wochenaus- gäbe der„Sozial-Correspondenz" zu thun. Böhmert il Böhmert und Mehring sein Prophet; Mehring, der Excommunist und tttzige Polizeidemagoge, soll den Hofdemagogen deS„Staats- sozialist" und dem„Demagöglein" Max Hirsch, den wir uns laum anders denken können, als sitzend auf einem Nachtstühlein, die„Soziale Frage"(redigirt von Dr. Max Hirsch) lösend— also der Polizeidemagoge soll den anderen Demagogen den Garaus machen— vor Gaudium klatschen wir, die Demo- «i?« diese« Demagogentreibens in die Hände, wir sehen abthut-»ugthuung. wie einer dieser Helden den andern dp?'s �cker, Hirsch und Mehring, alle drei, doch kundiaer Ren nn? � unter ihnen- weil er ein offen- und die Polizei am besten kennt, er wird ANe /nV/nbin�� Dummkopf schon den Rang ablausen. - fln,tanh,D'"° aber, denen es Ernst ist um des Ä8»?' fS wS: r..Äi mfrf, h bJm"reiun'nn' �ohl von Ludwig Bamberger fi?»ad.»» ®0|i«lbe«t»hallt,«U ba.idlich.» Partei, als der zu- Das ErziehuugSwesen in den Vereiniaten Staaten. Wtl*??** Kunden, und- aristokratische Geldmenscheu, fond J'•• schule absichtlich verschlechtern, welche fich am Schul- mit is.�isch bereichern, oder die Lehrerstellen verkaufen oder '" en Maitreffen und Günstlingen besetzen wollen. Aber selbst wo dies nicht der Fall ist, wirft unter solcher unpädagogi- schen Oberleitung das amerikanische Scheinwesen zum Nachtheile der Schule. Es werden für dieselbe ungeheure Summen be- willigt, aber das Meiste davon geht darauf, um Prachtpaläste von Schulhäusern zu bauen, welche gewöhnlich unzwemnäßig eingerichtet find, um em unnützes Berwalwngs-Personal zu be- solden, eine Masse auswendig' zu lernender Schulbücher den Schülern zu schenken und die Oberlehrer reich zu bedenken an- statt der Lehrer für die Anfänger, welche die schwerste Arbeit verrichten. Diese Letzteren, meist selbst erst der Schule entlaufen, haben überfüllte Klassen von Kindern ohne häusliche Erziehung, müssen gewöhnlich nach Methoden unterrichten, welche das Brett bohren, wo es am Dicksten ist, haben große Roth mit dem unregelmäßigen Schulbesuche, sind überbürdet mit tabellarischer Berichterstattung über alle Vorkommnisse in den Klassen, haben selbst nie denken gelernt und können also nicht denken lehren, werden gehosmeistert von Schulvorständen, Oberlehrern und Ettern, welche ihnen die eignen Fehler und die des Systems aufbürden, müssen ihre beste Unterrichtszeit mit religiösen Uebungen, strengster mechanischer Zucht und Ordnungsregeln verschwenden und die Kinder dumm langweilen und können also nur einen kleinen Bruchtheil ihrer Schüler für die Mittel-, einen ganz Neinen für die Oberftassen reifen, wo die Jugend mit massenhaftem Auswendiglernen der Textbücher vollends geistig verkrüppelt wird. Drei Viertel aller aufgenommenen Schüler gehen ab, ehe sie die Mittelftasseu, vom letzten Viertel eine Hälfte, ehe fie die Oberklassen erreichen, und vom letzten Achtel kommen je zwei vom Hundert bis zum Ziel der Volksschule. Bon dieser Regel findet man nur in wenigen Großstädten Aus- nahmen, wo deutscher Einfluß nachhaltig gewirkt hat. Wenn trotzdem viel natürlicher Verstand unter den Eingebornen zu finden ist, so verdanft man da» weit mehr der Schule des auf- regenden Lebens als der eigentlichen Schule, sowie der natür- lichen Begabung und der weitverbreiteten Einsicht, daß das Lernen Geld einbringt. Und als wenn dies nicht schlimm genug wäre, so locken die katholischen Pfaffen immer mehr Kinder in ihre Kirchenschulen und agittren unter ihren Schafen für Theilung des Volksschul- Fonds unter die Seften nach der Kopfzahl; aber auch einzelne protestantische Seften unterhalten große und kleine Schulen. In Viesen Kirchenschulen steht es begreiflicherweise noch schlimmer um die wahre Erziehung.� Der Kampf der wahren Pädagogen um Verbesserung der Volksschule und Erziehung ist also ein ziemlich hoffnungsloser, wenigstens vorläufig. Diese große Sache geht vielmehr zurück; das Einzige, was man wollen kann, ist den Rückgang zu ver- langsamen. Der Kapitalismus trägt daran die Hauptschuld. In allen Staaten, wo er uneingeschränkt herrscht, wie in Neu- England, New-Aork, New-Jersey, Pennsylvanien, werden die Schulen de? Volkes planmäßig verkümmert, und nur die für die herrschende Klasse gehätschelt— man will ein Volk von Chinesen erziehen. In den Fabrik- und Minen-Bezirken geht die Volksschule auS Mangel an Mitteln und an Schulbesuch reißend schnell rückwärts; in den Großstädten weiß man es so anzustellen, daß die Kinder der Armen nicht in denselben Schul- Häusern mit denen der Wohlhabenden zusammentreffen können. In fast allen Staaten aber find, seit die Sparsamkeitswuth ein- gerissen ist, die Lehrergehälter beschnitten, und ist der Bau neuer Schulhäuser unterlassen worden, obwohl die schulfähige Jugend rasch an Zahl zunimmt. Ja, im Staate New Jork wird stark dafür agitirt, die Oberftassen der Volksschule eingehn zu lassen, angeblich weil fie blos der Jugend der Wohlhabenden zugute kämen; und auch anderwärts erschallt ew solches Verlangen. Daß in den ehemaligen Sklavenstaaten, auch wo die Mittel dazu vorhanden sind, für die Volksschulen blutwenig geschieht, und daß dort sür Neger besondere Klassen und Häuser bestehen (kommt auch in den nördlichen Staaten vielfach vor), in welchen schlechter für die Erziehung gesorgt ist als in denen für die weiße Jugend, nimmt kaum Wunder. Man sollte meinen, daß die brotlose Zeit Tausende von arbeitlosen Menschen von Fähigkeit dem Lehrberufe zutriebe, so daß eine größere Zahl dazu Geeigneter zu finden sein müßte. Allein es findet eher das Gegentheil statt; bei jeder ausgeschriebenen Bacanz melden sich Massen von Bewerbern: darunter sind aber weniger Befähigte als je vorher— so abschreckend ist.für einen Menschen von Talent, Kenntnissen und Charakter hierzulande der Volksschul- dienst. Es mag in Europa in dieser Hinsicht nicht besser stehen, wenigstens nach allen gedruckten und mundlichen Berichten; allein es kann kaum schlechter stehen. Es ist deshalb höchster Aner- kennung Werth, daß der deutsche Lehrerbund in der Union und eine Anzahl deutscher Freunde wahrer Volkserziehung damit beschäftigt find, im September d. I. ein Muster-Seminar zu begründen, in welchem Lehrer, beider Sprachen gleich mächtig und der hiesigen Bedürfnisse kundig, so ausgebildet werden sollen, daß fie wahrhaft freie Menschen erziehen können. Bis jetzt sind zu diesem Zwecke 50,000 Dollar etwa gesammelt, und mehr wird beigetrieben. Sozialpolitische Uebersicht. — Ein Zeichen der Zeit, und zwar ein sehr bedeutsames, ist der Umstand, daß das Streben nach geistigem Fortschritt bei den herrschenden Klassen mehr und mehr erlahmt, wohin- gegen die Sucht nach Erlangung materieller Güter fast aus- schlich deren Sinnen und Trachten in Anspruch nimmt. Einmal auf diesen Standpunft gelangt, ist der Zerfall, der Untergang dieser Gesellschaftsftassen nur noch eine Frage der Zeit. Zwar erheben fich dann und wann Sttmmen aus diesen Klassen, die mahnend an die Lehren der Geschichte erinnern, und es werden auch wohl mitunter Mittel und Wege in Borschlag gebracht, wie dem Berderbniß Einhalt geboten werden könne— aber die Stimmen verhallen ungehört, und alle Versuche, das Unheil ah- zuwenden, scheitern an der moralischen Erschlaffung. Zu den vielen Beweisen über den geisttgen Rückgang der dominirenden Klassen, die wir schon erbracht haben, wollen wir heute einen weitern hinzuaesellen. Dieser Beweis wird uns geliefert in dem diesjährigen Programm, welches das Direftorium des Gymna- siums zu Liegnitz herausgegeben hat, und in welchem es folgender- maßen heißt: „Zu Ostern vor. I. vollendeten von zehn Abiturienten de« Gymnasiums zwei die Prüfung überhaupt nicht, vier bestanden sie nicht, und nur vier wurden für reif erklärt. Aus anderen Städten der Provinz wurden ähnliche Prüfungsergebnisse ge- meldet; aus einer Stadt wurde sogar berichtet, daß von 21 Oberprimanern nur sieben das Zeugniß der Reife erlangt hätten. Auch aus anderen Provinzen des Staats gingen ähnliche Nach- richten ein, so daß die öffentliche Meinung anfing, fich zu be- unruhigen und die Tagespresse die Ursachen dieser betrübenden Erscheinungen diskutirte. Es lohnt fich auch wohl der Mühe, diese Ursachen aufzusuchen. Der Schulmann weiß recht gut, wo fie liegen. In vereinzelten Fällen mag Mangel an Befähigung und an Beruf für eine gelehrte Laufbahn die Ursache des Miß- lingenS der Prüfung sein; im Allgemeinen ist es die ins Un- glaubliche gesteigerte Genußsucht und die daraus herstammende Arbeitsscheu unserer Jugend. Es ist umsonst, daß die Schule durch Lehre und Beispiel zu ernster Arbeit anhält; außerhalb der Schule, nicht blos in Haus und Familie, sondern leider überall weht ein ganz anderer Wind. Wenn die Genußsucht unserer Jugend vom Hause auch nicht immer direft gefördert wird, so wird sie doch oft aus Schwäche geduldet. Es ist aber angesichts ihrer traurigen Folgen hohe Zeit, daß das Haus der Schule die Hand reiche zu kräftiger Bekämpfung dieses gefährlichen Feindes unserer Jugend und Zukunft, damit nicht ein Geschlecht heranwachse, das, der Arbeit entfremdet und dem Genüsse lebend, unfähig ist zur Erfüllung der täglich wachsenden Aufgaben im Staat, in der Gemeinde und in der Kirche. Ihre meisten Opfer fordert die Genußsucht allerdings erst nach der Schulzeit; wir, die wir mit Theilnahme die weiteren Wege un- serer früheren Schüler verfolgen, wissen davon zu erzählen. Allein es ist doch wahr, daß der Grund zu allem später» Unheil früher gelegt wird. Möchten darum Alle, die es angeht, vor Allem die Eltern unserer Schüler, uns die Hand reichen zum Kampfe gegen die epidemisch gewordene Genußsucht und Arbeits- scheu der Jugend. Es handelt sich um die Zukunft nicht blos unserer Söhne, sondern des Vaterlandes, das Bürger nöthig hat, die arbeiten wollen und können." Ja, ja— das„Vaterland" braucht„Bürger", die arbeiten wollen und können. Aber diese„Bürger" in den Reihen der Reichen zu suchen oder aus denselben herauszuerziehen, ist ver- lorne Mühe. Nein, die„Bürger", die das„Vaterland" braucht, find ganz anderswo zu suchen; ja, fie sind zum Glück schon da und wirken unabläsfig darauf hin, daß alle„Bürger" arbeite« müssen. —„Bettler und Vagabunden". Die Aufwiegler aus den sogenannten besseren Ständen, die in jedem wandernden Handwerker einen Bettler und Vagabunden erblicken, und auch der„berühmte" Landrath Stiehl ow von OscherSleben mögen sich nachstehende Notiz zu Gemüthe führen, die, aus Naumburg dattrt, merkwürdigerweise in der„Magdeburgischen Zeitung" zu lesen ist:„Als ein Beweis für die herrschende Arbeitslosig- keit kann u. a. die Thatsache angesehen werden, daß im Monat März nicht weniger als 574 Personen in unserer streng gelei- teten Herberge übernachtet haben. Es waren dies durchweg ordentliche Handwerksgebilfen."— Wo bleiben da die„Bettler und Vagabunden" auch der„Magdeburgischen Zeitung"? Ant- wort: Sie find zu suchen in der Lügenhaftigkeit und der Arbeiter- feindlichkeit! — Humanität. Der Fabrikanten-Verein zu Forst (N.-L.) hat beschlossen, sogenannte jugendliche Arbeiter in den Fabriken nicht mehr zu beschäftigen.— Wie human das ftingt! Aber Kinder werden und sollen weiter beschäftigt und die„sogenannten jugendlichen Arbeiter" als„Kinder" für ge- ringeren Lohn angestellt werden. Welche Fabrikantenhuma- nität! — Bei der im Reichstagswahlfteise Militsch- Trebnitz (Schlesien) stattgehabten Neuwahl wurde der conservattve Fürst von Hatzfeld mit 8989 Sttmmen gewählt. Der sozialdemo- kratische Candidat, Sattlermeister I. Kräcker aus Breslau, er- hielt 2080 Stimmen. Mit dem Anfang m jenem Kreise können wir also zuftieden sein; daß bei der nächsten Wahl auf unfern Candidaten mehr Stimmen kommen, dafür soll gesorgt werden. — Gegen den Spruch des Mannheimer Schwurgerichts, welches den schweizer Bürger Buchhändler Schabelitz in Zürich wegen Hochverraths am deutschen Reiche zu längerer Freiheitsstrafe verurtheilte, hat sich in der schweizer Presse em Sturm der Entrüstung erhoben.„Ist die Schweiz schon preußische Provinz?" ruft unser schweizerisches Parteiorgan, die„Tagwacht", aus; und der Winterthuer„Landbote" verlangt, daß der schwei- zerische Bundesrath sofort und mit Bestimmtheit einschreite, und von Deutschland die Aufhebung eines Urtheils verlange, das fich über die Schweiz die Jurisdiftion anmaße. Ohne uns des Mannheimer Schwurgerichts annehmen zu wollen, das freilich besser gethan, wenn es Schabelitz fteigesprochen hätte, müssen wir doch hervorheben, daß das deutsche Strafgesetzbuch die Ver- folgung eines jeden Ausländers wegen Hochverraths am deut- schen Reiche gestattet. Die Jurisdiktion der deutschen Gerichte erstreckt sich daher nicht nur auf die Schweiz, auch alle andern Staaten, die ganze Welt ist durch das deutsche Strafgesetzbuch gleichsam juridisch annektirt. Im Grunde genommen liegt die Sache für Schabelitz aber nicht so schlimm, denn wie weiland die Nürnberger, so hängen hoffentlich auch die Mannheimer Keinen, fie hätten ihn denn zuvor. — Der internationale Arbeiter-Congreß, der wäh- rend der Pariser Weltausstellung auf Beschluß des Lyoner Ar- beitercongresses in Paris tagen sollte, ist von der französischen Regierung verboten worden. Das Verbot war vorauszusehen. Denn wie sollte auch eine„Republik", die sich sogar der Pro- tektion eines Bismarck erfreut, die Volksrechte achten, und na- mentlich wenn es Arbeiter find, die fie auszuüben gedenken. — Die Fenier rühren sich wieder in Irland. So wird aus London gemeldet: Ein Peer des Reiches, Besitzer von 95,022 Acres in Irland, der 72jährige Carl of Leitrim, wurde gestern Morgen nahe bei seiner Befitzung in der Graf- schaft Derry ermordet gefunden, mit ihm sein Schreiber und sein Kutscher. Die Brust des Grafen war von einer Kugel durchbohrt, sein Kopf zerschmettert, der linke Arm gebrochen, der rechte völlig zerschlagen. Der Leichuam lag in einem Sumpfe. Von den Thätern weiß man noch nichts; jedoch bringt man den Mord damit in Verbindung, daß der Getödtete kürzlich eine Wittwe aus ihrem Hause ausweisen ließ, in dessen Nähe der Angriff stattgefunden haben soll.— Soweit der Be- richt aus London. Wir wenden uns natürlich gegen jede Ge- waltthat; aber sollten die Besitzenden nicht einsehen wollen, daß ihre oft so grausame Handlungsweise die Armen und Enterbten zur Verzweiflung treibt? Was ist denn eigentlich unmensch- licher, eine Wittwe aus dem Hause zu treiben oder einen Grafen zu erschießen? —„Noch ist Polen nicht verloren!"— Die Ruhe eines Kirchhofs herrschte seit dem Jahre 1864 in dem Königreich Polen; man wagte kaum zu athmen, denn das Athmen wurde mit der Knute und mit dem Blei bestraft, der russische Henker wachte, sein böses Gewissen ließ ihm nicht Rast noch Ruhe. Der orientalische Krieg hat etwas Luft gebracht, der gefesselte Pole darf wieder athmen; der Riese selbst wurde an den Füßen ge- fesselt und wenn auch siegreich, doch in Fesseln; und zu seinen Häupten droht das Gespenst nicht der polnischen, sondern der russischen Revolution. Die letztere muß gehannt werden, des- halb sucht man die erste re zu entzünden; der Panslavismus muß ein Opfer haben. Aber daß man dem Panslavismus Polen zum Opfer vorwerfen will, beweist, daß letzteres noch lebt, daß es noch seine nationale Stelle behauptet, daß es noch immer sein stolzes Haupt erhebt, zur Schande aller Derer, welche das Nationalitätsprinzip als den leitenden Gedanken des 19. Jahrhunderts proklamircn und das nattonale Polen preis- geben. Die„Wiener Deutsche Zeitung" läßt sich aus Warschau schreiben: „In Folge eines kleinlichen Anlasses fing es unter den Studenten zu gähren an. Die Regierung intervenirte mit GenSdarmen, sie nahm Haussuchungen vor und schritt unbe- dacht zu Verhaftungen. Darob ist Warschau in Aufregung ver- setzt worden, in eine Aufregung, deren Folgen sich jetzt schwer berechnen lassen. Den mittelbaren Grund zu den Verhaftungen gab eine Borlesung des Professors Spasowicz über den Dichter Vincenz Pol. Spasowicz, ein Pole, jedoch Panslavist, kam aus Petersburg hierher, um einen Dichter, welcher die polnischen historischen Traditionen hochgehalten hat, des ihn umgebenden Nimbus zu entkleiden und seinen altpolnischen Patriotismus als Chinesenthum hinzustellen. Die Vorlesung war stark besucht, und es befand sich im Borlesungssaale auch ein Häuflein pol- nischer Studenten, welche in den russischen Schulen sich bereits zum Panslavismus bekehrt haben. Dieses Häuslein applandirte demonstrativ jede Stelle der Vorlesung, welche ihre Spitze gegen die polnischen Traditionen kehrte. Die Presse hat sich einstim- mig sogar mit Entrüstung sehr abfällig über die Vorlesung aus- gesprochen, und der beliebte Feuilletonist des„Kurjer Wars- Zwei Geschichtsabschnitte. Schon oft ist, um unsere heutige Gcsellschaftslage zu kenn- zeichnen und den weiter und weiter um sich greifenden Zer- setzungsprozeß vor Augen zu führen, auf die letzten Jahrhunderte der römischen Geschichte verwiesen worden, also auf eine Zeit, die mit der unsrigen gerade in dieser Beziehung überraschende Aehntichkeiten aufweist. Sehen wir ein wenig näher zu; ver- gleichen wir die römische Welt, wie sie sich uns von Christi Geburt bis zum Untergänge des weströmischen Reiches vorstellt, mit unseren heutigen Zuständen, und ziehen wir unsere Schlüsse daraus. Die Weltanschauung einer Gesellschaft, eines Volkes, die den Boden der Existenz beider bildet, und ohne welche eine Geschichts- Periode gar nicht denkbar wäre, drückt sich in der Religion am Klarsten aus und durchzieht von diesem Centralpunkte aus den ganzen Gesellschaftsorganismus, so daß auch in seinen unschtin- barsten Verzweigungen diese Weltanschauung sich wiederspiegelt. Fragen ww nun, welche Weltanschauung es gewesen ist, die zu Täsar's und seiner Nachfolger Zeiten die römische Welt be- herrschte, so müssen wir constatiren, daß der damaligen Gesell- schast eine solche überhaupt abhanden gekommen war. Der Glaube an die alten Gottveiten, an den Olyp und den Tartarus war verschwunden, die Götter, die der ehemalige Römer mit heiliger Andacht verehrte und denen er stets sein Bestes zum Opfer gebracht hatte, waren längst vergessen, statt ihrer ließen sich die Kaiser vergöttern. Mit dem alten Glauben hatte man definittv gebrochen, er hatte aufgehört das Lebensprinzip jener Zeit zu sein; das um dieselbe Epoche entstehende Christenthum dagegen war noch ohne allen und jeden Einfluß. Die ersten Anzeichen, die um diese Zeit bis nach Rom drangen, waren schon darum ohne Bedeutung, weil fie sich fast ausschließlich in den zur römischen Welt gar nicht zählenden Elementen der Sklaven und des untersten Volkes ansetzten. Auf der einen Seite den zusammengebrochenen Götterglauben, auf der anderen das wachsende Chnstenthum, schwebte die römische Welt gleichsam in der Mitte ohne jeden sittlichen Halt, den Glauben der Bäter als einen überwundenen Standpunkt betrachtend, aber nicht vermögend, irgend etwas Besseres an dessen Stelle zu setzen oder gar die Idee des Christenthums zu erfassen und sich zu eigen zu machen. So hin und her gezogen von dem ewigen Schwanken zwischen Materialismus und Jdea- lismus und nicht die Kraft in sich fühlend, für den Einen oder den Anderen Partei zu ergreifen, verzweifelnd an sich selbst, zawski" der Schriftsteller Boleslaw Prus, zog sehr heftig gegen die panslavistischen Demonstranten ins Feld. Diese überfielen ihn in der Nacht als er nach Hause ging und vergriffen sich tatsächlich an seiner Person. Die Polizei kam dem Ueber- fallenen zu Hilfe und es wurden einige von den Excedenten in Haft genommen. Als dieser Borfall in der Stadt bekannt wurde, war die Entrüstung über die rauflustigen Panslavisten eine allgemeine. Die Blätter forderten trotz Censur die übrige Jugend auf, sich jeder Solidarität mit den„Vagabunden" zu enthalten, was zur Folge hatte, daß die polnisch gesinnte Jugend die Panslavisten aus den Hörsälen hinaus- warf. Wieder schritt die Polizei ein und diesmal verhaftete fie zwanzig Studenten, welche ,n Ketten geschlagen, unter Gendarmerie-Escorte durch die belebtesten Gassen der Stadt ins Gefängniß auf die Citädelle geführt wur- den. Der Anblick dieser„Opfer" steigerte die allgemeine Er- bitterung derart, daß es in derSwistokrzyskaUlicazwischendemVoste und den Gensdarmen zum Handgemenge gekommen wäre, wenn sich nicht die angesehensten Bürger die größte Mühe gegeben hätten, auf das Volk besänftigend einzuwirken und den ganzen Vorfall als ein Mißverständniß, welches bald aufgeklärt sein werde, hin- zustellen. Gleichzeitig wurden in den Wohnungen der Berhaf- leten Hausdurchsungen vorgenommen, welche später zu weiteren Verhaftungen einiger Advokaten und Bürger führten. Es sollen bei einem der Jnhaftirten Proklamationen eines polnischsen Revolutions-Comitös vorgefunden worden sei. Die Polizei fahndet nun Tag und Nacht nach Theilnehmern an der angeb- lichen Verschwörung, nimmt Hausdurchsuchungen bei den ruhigsten Personen vor, steigert dadurch die Erregung der revolutionären Emigrantenpartei und arbeitet so den Nihilisten in die Hände. In manchen Kreisen herrscht hier die feste Ueberzeugung, daß es im Plane der russtschen Regierung liege, irgendwelche Be- wegungen in Polen zu provoziren, um den grellen Widerspruch welcher darin liegt, daß fie die Slaven auf der Balkanhalbinsel „befreit" und im Innern die Polen unterdrückt, wenigstens anscheinend rechtfertigen zu können. Auch soll eine zu provo- zirende polnische Bewegung den Grund geben, größere Truppenansammlungen in Congreßpolen zu recht.fer- tigen. Diese Vermuthung hat sehr viel Wahrscheinlichkeit für sich, wenn man sich das in der letzten Zeit offenbar heraus- fordernde Benehmen der Regierungsorgane gegenüber der Bevölkerung vor Augen hält." Soweit der Bericht der„Deutschen Zeitung". Daß das „Väterchen" an der Newa in großer Verlegenheit sich befindet, um seine Siegesthaten gehörig auszunützen, das weiß man; daß er sich lange gesträubt hat, dem Panslavismus Concessionen zu machen ist ebenso bekannt, da aber nunmehr der„thönerne Riese" selbst nach den Siegen so recht in seiner Schwäche sich zeigt, wenn er nicht ein Bolkselement für sich zu ent- zünden vermag, deshalb greift„Väterchen" zu dem ver- zweifelten Mittel, den Panslavismus auf die Bühne zu rufen, der die völlige Unterwerfung aller slavischen Nationalitäten unter das Russenthum verlangt und dem nunmehr auch der letzte Rest der polnischen Nationalität zum Opfer fallen soll. Gelingt es dem Panslavismus, seine„Mission" durchzu- führen, dann ist ganz Europa von der asiatischen Unkultur auf das Ernstlichste bedroht— die russische Regierung, selbst wenn sie wollte, kann kein„Halt" mehr gebieten:„Die sie rief, die Geister, wird sie nicht mehr los". Und Deutschland? Und Eu- ropa? Gäbe es ein Deutschland, gäbe es ein Europa, dann brauchte man sich nicht zu sorgen, dann würde mit der natio- nalen Wiederherstellung Polens der Damm aufgeführt gegen die zärtlichen Umarmunzen, welche der russische Bär der Jungfrau Europa zudenkt, dann würde die orientalische Frage gelöst unter dem brausenden Gesänge:„Noch ist Polen nicht verloren!" — Die orientalische Frage befindet sich noch immer im Stadium der diplomatischen Erörterungen: England will nach wie vor von dem zwischen Rußland und der Türkei geschlossenen Friedensvertrage nichts wissen, und Rußland läßt scheinbar einen Punkt nach dem andern dieses Vertrags fallen. Wir sagen aus- drücklich: scheinbar, denn in Wirklichkeit wird Rußland nicht ein Theilchen des Raubes, den es an der Türkei begangen hat, gutwillig herausgeben. Der„gordische Knoten" der orientalischen Frage wird durchhauen und dem russischen Nimmersatt eine derbe Lektion erthcilt werden müssen, wenn anders Europa sich für die suchte die römische Welt ihre Existenz zu vergessen durch Be- rauschung der Sinne. Die römische Welt bestand zu Cäsar's Zeiten auS wenigen tausend Familien, fast alle übrigen Bewohner der dem römischen Reiche unterworfenen Länder waren Sklaven und hatten als solche durchaus keine Berechtigung. Diesen wenigen tausend Familien standen alle Reichthümer der damals bekannten Welt zur Verfügung. Unermeßliche Schätze wurden nach Rom ge- schleppt und ebenso unermeßliche Summen, die dem Schweiße von Hunderttausenden von Menschen ausgepreßt waren, für nichtssagende Dinge und Vergnügungen verausgabt, einzig und allein, um einige wenige Menschen zu zerstreuen und sie für einige Stunden ihres haltlosen Daseins vergessen zu machen. Und nicht bei den Produkten sentes Schweißes blieb es, mit dem das Volk, d. h. die ganze Staatsbevölkerung mit Ausnahme jener wenigen Tausenden, diese Aristokratie zu unterhalten ge- zwungen war, jene Herrschenden verlangten mehr; der tollste Sinnentaumel, das ausschweifendste Leben stumpfte die Sinne ab und hatte bald keinen Reiz mehr für jene blasirten Römer; tollere Vergnügungen mußten erfunden werden, an Geld und Gut war dem Volke nichts mehr auszupressen, und so mußte es sein Blut hingeben; die Gladiatoren- Kämpfe, der größte Schand- fleck der römischen Geschichte, wurden eingeführt. Nie und nimmer sind Mensch und Menschenrechte so offen, so bewußter und so gesetzlicher Weise mit Füßen getreten worden, wie durch die Gladiatoren-Kämpfe. Tausenve hierzu besonders ausgebildete Menschen werden aufeinandergehetzt, um einige sich Menschen und Herren nennende Ungeheuer mehrere Stunden zu zerstreuen; je toller der Kampf, je mehr Blut vergossen wird, desto in- teressanter das Schauspiel. Die ganze Scheußlichkeit zeigt sich in der Behandlung der Besiegten. Nicht unparteiischen Richtern, senn solche waren zu jener Zeit fast unmöglich, nicht einmal sem Sieger wurde das Loos des Besiegten zu bestimmen anhcim gestellt, sondern die finnentrunkenen und die absolut urtheils- unfähigen Zuschauer hatten sich dieses Recht angemaßt. Diese waren es-, die dem Besiegten erlauben konnten, in der Weise wie bis dahin weiter zu vegettren oder getödtet zu werden. Alle Versuche, die von einigen ehrlichen Männern gemacht wurden, die alte Einfachheit der Sitten und den alten Götter- glauben zurückzuführen, waren vergebens. Die alte Welt- anschauung hatte sich als unhaltbar erwiesen und konnte nicht mehr genügen, ein neues Prinzip an Stelle des abg-lebten zu setzen. Dazu war die römische Welt zu ohnmächtig. Die Herr- lichen, mit den Schätzen aller Länder geschmückten neuen Tempel konnten die alten einfachen nicht ersetzen, seitdem der Götter ' nächsten Dezennien einer friedlichen Entwickelung erfreuen soll. Inzwischen richten sich die Russen in Bulgarien„häuslich" ein, und allem Anschein nach steht diesem Lande dasselbe Schicksal bevor, das Elsaß-Lothringen ereilt hat— es wird„Reichsland" werden und nur zum Schein eine Selbstverwaltung erhalten. Auch Rumänien wird zum Dank für seine Dienste, die es Rußland geleistet, wie eine russische Provinz behandett. So lesen wir:„Die Okkupatton und Einverleibung Rumäniens hat ihren Anfang genommen. Die russischen Offi- ziere bemächtigen sich auch überall der Verwaltung, als ob es gar keine Convention vom 16. April 1877 gäbe. Wie Zimmer« mann's Corps aus der Dobrudscha in die Moldau, so rückten drei weitere Armeecorps aus Bulgarien über Rustschuk in die Walachei vor. Sie sollen zunächst Plojeschti und Piteschli be- setzen, die beiden großen Eisenbahnstattonen im Nordosten und Nordwesten Bukarests, das fie von da aus unbedingt beherrschen und jeden Moment besetzen können. Rußland kann sich in der That nur Glück wünschen, daß man ihm nach der türkischen auch noch die rumänische Armee zu vernichten gestatten wird, ehe man in Wien und London schlüssig darüber wird, was dem Frieden von San Stefano gegenüber geschehen wird."— Der Fürst Karl von Rumänien nimmt solchem Borgehen gegenüber eine mannhafte Stellung ein; er sagte, man könne wohl die rumänische Armee vernichten, aber nimmermehr entwaffnen. Aber was hilft das Alles: Rußland wird nur dem Willen Europas gehorchen, und Europa ist zum Mindesten in sehr trauriger Verfassung. Die Balkanvölker aber sind wenigstens zu der Er- kenntniß gekommen, daß der russische„Befreier" ein Mörder und ein Räuber, und daß der türkische„Despot" ein anstän- diger Mensch ist. — Der bisherige„Präsident" des aus etwa 160 zah- lenden Mitgliedern, welche über ganz Deutschland zerstreut sind, bestehenden Bereinchens, welches sich unbegreiflicherweise„Allge- meiner deutscher Arbeiterverein" nennt. Herr Julius Röthing in Leipzig, wurde seines hohen Postens enthoben. Herr Röthing wurde durch Streber, welche nach dem Präsidentensessel strebten, verdrängt. Sein Nachfolger in der„Regierung" ist ein Herr Franz Geweke in Bremen. Diese wichttge Neuigkeit bringt' der mit liberalem Gelde ober Wasser gehaltene Moniteur der 160, die„Deutsche Bolkszeitung", in einer sehr schwülstig gehaltenen „Bekanntmachung", welche jedem Polizeiblatte zur Ehre ge- reichen würde.— Gewisse an Größenwahn krankende Personen fühlen sich sehr glücklich, wenn sie ein wenig„Präsident" spielen können. Wir gönnen ihnen das Vergnügen, so lange der Schwindel dauert,— lange wird'S auf keinen Fall mehr währen. — Von der„Zukunft", sozialisttsche Revue, ist soeben daS 14. Heft erschienen. Jnhaltsverzeichniß: 1) Die Vermehrung der Produkte durch sozialisttsch organifirten Betrieb. 2) Unter- suchungen über die Grundprinzipien der Sozial-Oekonomie. Bon De Paepe.(Forts.) 3) Ein Brief von Rodbertus-Jagetzow. 4) Zur wirthschaftlichen Krifis II. 5) Rezensionen. Polizei, Sozialdemokratie und Versammlungs- recht. Da den Nationalliberalen die Ministersessel entrückt wurde», und da sie nicht die geringste Aussicht haben, je zum„Regieren" zu kommen, wird ihnen vor der Zukunft bange. Sie erinner« sich jetzt plötzlich, daß es Rechte giebt, welche von der Polizei nicht angetastet, deren freie Ausübung den Staatsbürgern, gleich« viel welcher politischen Richtung, nicht geschmälert werde» dürfe. Die Leute, welche bis vor Kurzem jeder Maßregel, die gegen die Sozialdemokraten beliebt wurde, zustimmten, die es mit verschuldeten, daß unsere durchaus mangelhaften Gesetze, welche der Polizei überall Hinterthürchen offen lassen, zu Stande kamen; Leute, die bei jeder Gelegenheit die Polizei gegen die Sozialdemokraten zu Hülfe riefen und denen es, wenn ihre Parteimitglieder würdig und fähig befunden worden wären, Ministerposten zu bekleiden, nie eingefallen wäre, an der bis- herigen„Ordnung" zu rütteln, diese Leute werden jetzt auf einmal„freisinnig" und nehmen sich der gefährdeten Volksrechte herrlichster Tempel, das Menschenherz, ihnen abtrünnig geworden war, seitdem Spott und Hohn innige Verehrung, seitdem Freuden- rausch und Sinnenlust republikanische Tugend und Sitteneinfach- heit verdrängt hatten. Was nützen den Göttern herrliche Bei- Häuser, wenn Niemand mehr betet? Nicht durch äußere Pracht herrschen Götter, sondern durch den im Menschen lebende« Glauben! Daß in einem Staate, ein Ausdruck, der einer Gesellschaft wie der römischen jener Zeit, und ebenso jeder anderen, die nicht ein sittliches Prinzip als Basis hat. eigentlich gar nicht zukommt, das polittsche Leben dem gesellschaftlichen analog ist, ist zweifellos. Und so finden wir die gleiche Verkommenheit, die wir im so- zialen Leben jener Römer antrafen, im politischen wieder. Der Senat, die Tribunen und alle öffentlichen Autoritäten hatte» längst ihre alte Würde und Unabhängigkeit vergessen und sich zu Werkzeugen und Handlangern der Mächttgen erniedrigt. Sie eiferten mit diesen in der Unterdrückung des Volkes. Nicht mehr die alleinige Würde war es. die den Römer zu jenen Ehre»- Plätzen hinzog, er wünschte sich nur ein Staatsamt, um die ihm untergebenen Provinzen nach Möglichkeit auszusaugen und mit den so gewonnenen Reichthümern die quälenden Sinne betäube» zu können. Kein Wunder, daß unter solchen Umständen alle Rechtsbegriffe im Volke und all' und jedes Ideal derer, die i» der allgemeinen Corruption noch nicht ganz und gar unter« gegangen waren, verschwanden. Wenn als höchste Macht i« einer Gesellschaft die brutale und rohe Gewalt herrscht und u»« gestraft ihr Wesen treibt, was soll da denn noch Gutes auf« kommen? Und so, nachdem die Gewalt Alles aufgeboten hatte, sich Sinnenrausch zu verschaffen, nachdem fie alle möglich«� Mittel erschöpft hatte, im Taumel vergessen zu finden und das Bewußtsein zu ersticken, blieb für den trotz alledem immer wieder- auflebenden Menschengeist nichts übrig, wie der Tod. Und sehen wir den vornehmen Römer, nachdem er Alles, was er h� erpressen können, verpraßt hat, durch Selbstmord, die Römerin im Bordell endigen. Geistiger und physischer Tod, dahin hat das herrschende Römerthum gearbeitet, da» waren seine Ideals Unter solchen Bedingungen konnte eine Gesellschaft unmöglich bestehen. Der europäischen Welt blieb eben kein anderer Weg als das Christenthum, das nunmehr an Stelle des alten Ma- terialismus das Szepter der Weltherrschast übernahm und a» fueto bis auf unsere Zeit behauptete; de jure allerdings wurde» feine Grundlagen schon seit drei Jahrhunderten nach und nach unterminirt, bis es erst eigentlich der neuesten Zeit gelang, dessen ganze Jnhaltslosigkett aufzudecken. (Schluß folgt.) an. Sie befürchten nämlich, daß eine conservatioe Regierung die„Liberalen" mit denselben Polizeiliebensmürdigkeiteu be- glücken könnte, denen bis jetzt blas die„Reichsfeinde" ausgesetzt waren, daß man das Vereins- und Versammlungsrecht nicht nur diesen, sondern auch ihnen beschneiden könnte, und erinnern sich deshalb der so oft und so schnöde verleugneten Rechte des Volkes. Alle diese Erwägungen mögen die Redaktion der„Magde- burgischen Zeitung" bestimmt haben, unter obiger Ueberschrift einen Artikel zu veröffentlichen, den wir unter Hinweglassung einiger nebensächlicher Stellen hier wiedergeben. Nachdem der vor Kurzem in Berlin aufgelösten Arbeiter- Versammlungen Erwähnung gethan und von einem Versuche, eine politische Partei mundtodt zu machen, gewarnt worden, schreib! das Blatt: „Der Erfahrungssatz, meinen wir, stände heute fest: Die Polizei wird die Sozialdemokratie nicht aus der Welt schaffen; der Schutzmann„ist der Mann noch nicht, den Teufel fest zu halten." Dieser Erfahrungssatz scheint aber noch nicht lange „festzustehen", weil die„liberale" Partei bisher alle gegen uns gerichteten Polizeimaßregeln gatgeheißen hat. � �, „Die Geschichte der andern Staaten," fährt die„Magdeburg. Zeitung" fort,„weist Beispiele genug auf, daß schließlich weder die Regierung, noch die besitzenden Klassen es der Polizei ge- dankt haben, wenn sie in erster Linie sich berufen glaubt, um den Staat und seine Institutionen, um alle diese letzteren be- treffenden Handlungen, durch die eine Schädigung des Staates befürchtet wird, präventiv besorgt zu sein. Ueberall, wo man das Volk durch Plackereien und Hemmungen in der freien Hand- habung seiner Rechte, ganz gleichgültig, ob es sich um das Verbot von Versammlungen, um das Äcreinsrecht, Maßregelungen der Presse, Conzessionsentziehungen, Ausweisungen:c. handelte, be- einträchtigt hat, da hat die Erfahrung bewiesen, daß dieser Ein- griff der Polizei, weit entfernt seinen Zweck zu erreichen, die Gegner der bestehenden Ordnung nur vermehrt. „Eine Regierung— so lehrt die Volkswirthschaft—, welche dem Publikum durch die Polizei den Mund stopfen zu müssen glaubt, fügt sich zweierlei Nachtheil zu: sie entzieht sich das wirksamste Mittel, um Gebrechen, deren Heilung zum Besten des Staates nothwcndig find, zu erfahren, und verdammt ihre eigenen Anhänger zum Stillschweigen, weil Niemand deren Worten mehr Gewicht beilegt, wenn der Opposition der Mund gestopft ist, oder weil Viele derselben es schon aus Generosität verschmähen, mit dem gefesselten Gegner zu kämpfen. Die Wissenschaft warnt davor, daß dem Individuum oder dem Publikum von vornherein der Gebrauch seiner Freiheit untersagt werde, ehe man sich durch den Augenschein, durch getroffene Borbereitungen überzeugt hat, daß aus jenem Gebrauch der Freiheit ganz bestimmt eine Ber- letzung des Rechtes, des Eigenthums, der Person, der Moral, der Gesundheit u. s. w. hervorgehen werde. Alles das find politische Lehren, die nicht für die Sozialdemokratie, sondern für alle politischen Parteien, für das Bürgerthum ge- schrieben find. Was nun die Sozialdemokratie im Allgemeinen anbetrifft, so hat die staatsfreundliche Publizistik schon vielfach darauf hingewiesen, daß weder die äußerste Strenge der Gerichte, noch die schärfften Maßregeln der Polizeibehörden, am aller- wenigsten vexatorische, im Stande sind, die Sozialdemokratie zu unterdrücken. Daß bisher die Staatsbehörde, insbesondere die -ömmer Staatsanwaltschaft, den Ausschreitungen und Gesetz- Widrigkeiten der Sozialdemokraten mit aller Energie entgegen- getreten ist, verdient in hohem Grade Anerkennung, allein die Sozialdemokratie zu verhindern, von allen den Mitteln Ge- brauch zu machen, wozu sie Recht und Gesetz ermächtigen, wäre die größte politische Thorheit. Haben die Sozialdemokraten den Stein der Weisen gefunden und befitzen sie das Arcanum, die Welt glücklich und selig zu wachen, so lasse man sie innerhalb gesetzlicher Bahnen frei sich bewegen. Gerade dadurch wird ihrer Ausbreitung der beste Damm gezogen und zuerst vom Volk er- kannt werden, daß die Theorie vom Zukunftsstaat uud der all- gemeinen Gleichheit und Glückseligkeit blauer Dunst ist." Zum Schlüsse des Artikels heißt es dann:„Die Sozial- demokratie wird erst im Wachsthum aufgehalten werden, wenn Alle an der Besserung der Zustände der unteren Volksklassen, und zwar je größer ihre geistige und materielle Kraft ist, in um so höherem Grade mitwirken werden." DieS der Artikel der„Magdcburgischen Zeitung". Wir wollen nur erwähnen, daß die„Llberalen" am wenigsten berechtigt find, sich als die Verfechter der Freiheit aufzuspielen, weil sie stets bereit waren, die Rechte des Voltes zu verkümmern, weit sie jeder Gewaltmaßregel zustimmten und sich als die gefügigsten Handlanger der Polizei- und Gewaltherrschaft erwiesen haben. Ganz besonders aber können die Sozialdemokraten auf die Freund schast der sogenannten„Liberalen" verzichten, weil sie, wie sie es bisher gethan, auch künftigbin für ihr Recht selbst einzustehen im Stande find. Nicht das Recht des Voltes ist es, was die „Liberalen" zur Opposition gegen die Polizeimaßregeln antreibt, sondern die Furcht vor etwaigen Maßregeln, die gegen ihre «igene Partei angewendet werden köunten. Die Anerkennung, welche den Behörden und Staatsanwaltschaften für ihr Borgehen gegen die Sozialdemokratie und für die Energie, mit welcher sie zu Werke gehen, gezollt wird, ist der schlagendste Beweis dafür, wie wenig ernst eS den Liberale« mit ihren Dekla- mationen ist. Correspondenzen sä». Wien. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen zur Ab- wechselung wieder einmal einige Polizeistückchen aus unserem in dreier Hinficht wohl bereits rühmlichst bekannten„Großstaate" Oesterreich melde Die Polizeistückchen find zwar, im Grunde genommen, gegenüber den schon öfters in Szene gesetzten„Staats- «ttungen en groa ziemlich harmloser Natur, dennoch aber charakterlstisch für den stetigen Fortschritt, welchen unsere mit der Ueberwachung der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Frei- chen" �khörden in der Einschränkung dieser Rechte Beginnen wir zuerst mit dem Vereins- und Bersammlungs- recht. Wie es mit diesem bei uns aussteht, habe ich schon öfters Gelegenheit gehabt, zu berichten. Bor langer, langer Zeit hat vr. Kronawetter einen Antrag auf Revision desselben im Ab- geordnetenhause eingebracht, dieser Antrag wurde einem Aus- fchusse überwiesen— und war damit die Sache anscheinend erledigt, denn dieser Ausschuß hat trotz wiederholter Jnter- dellationen noch immer nicht Bericht erstattet, ja sogar, wie ich �stimmt weiß, seit Jahr und Tag keine Sitzung abgehalten. immer, zeigen sich auch hier wieder unsere Liberalen, wo � gilt, rare Bolksrechte zu schützen, in ihrer ganzen reaktionären Gestalt und müssen sich sogar von den Nationalkleritalen be- lchämen lassen. Diese, welche unter dem gegenwärtigen„frei- heitlichen" Regime auch nicht wenig zu leiden haben, brachten Antrag ein, behufs Untersuchung der Handhabung des Vereins-, Bersammlungs- und Preßgesetzes durch das Ministerium Lasser, genannt Auersperg, einen Ausschuß einzusetzen, wurden aber hierin nur von den Polen und von der äußersten Linken (den 5 Wiener Demokraten und dem Abgeordneten Schönerer) unterstützt. Die Liberalen in allen ihren Fraktionen stimmten ,den Antrag nieder und einer dieser respektablen Herren, der Abgeordnete Nitsche, verstieg sich sogar zu der colossal dummen Behauptung, daß durch einen solchen Ausschuß ein Consent(!) im Hause geschaffen würde. Wenn man sich vor Augen hält, daß es fast durchgehends Ultramontane und Feudale waren, welche den Antrag unterstützten, wird man die ganze Lächerlich- keit dieses geflügelten Wortes erst einsehen.— Mit 125 gegen 63 Stimmen wurde der Antrag abgelehnt; dieses Votum fällt umsomehr in's Gewicht, als Minister Lasser das Haus förmlich herausforderte und erklärte, er werbe sich nicht von seinem Wege abbringen lassen, er sei unverbesserlich, das Volt, das besitzende Volk und(setzte er nach einer Pause, gleichsam sich besinnend und corrigirend, bei) das erwerbende, das arbeitende Volk wolle Ruhe haben. Baron Lasser kennt jedenfalls seine Leute und weiß, was er ihnen bieten kann. Jedes Parlament der Welt, das einigermaßen auf seine Würde hält, hätte gerade in Folge dieser Herausforderung, wenn es auch sonst nicht mit dem An- trag einverstanden gewesen wäre, denselben annehme« müssen; unsere Liberalen aber, die, mit den Worten des Abgeordneten Schönerer zu reden,„kein Vereins- und Versammlungsrecht brauchen, weil sie Alles thun, was die Regierung wünscht,"— diese beschließen: oas Volk will Ruhe haben— Ruhe ist die erste Bürgerpflicht! Kann es nach einem solchen Vorgange Wunder nehmen, wenn die Polizeiorgane in der Beschneidung unserer wenigen kümmerlichen Rechte täglich ungenirter vorgehen? So sehen wir auch die Bereinsauflösungen in schönster Blüthe: nach der Schuhmacher-Gewerkschaft kam der politische„allgemeine öfter- reichische Arbeiterverein" an die Reihe. Um Motive zu solchen Gewaltstreichen ist man nicht verlegen— es genügt, daß der Verein sozialdemokratische Gesinnungen zum Ausdruck bringt, damit hat er„die Bedingungen seines rechtlichen Bestandes überschritten"(die löblichen Behörden scheinen nicht zu ahnen, daß sie mit dieser Phrase ausdrücklich aussprechen, daß die Sozialdemokratie rechtlos ist— armes Staatsgrundgesetz, wie spnngt man mit dir um!)— der Rest ist§ 6.-- Alle Bemühungen, seither wieder einen politischen Berein ins Leben zu rufen, blieben resultatlos. Zwar hat einmal das Reichsgericht den Ausspruch gethan, daß die„Staatsgefährlichkeit" eines Vereines erst aus dessen Handlungen und Beschlüssen ge- folgert werden könne— aber was kümmert sich bei uns Re- gierung und Polizei um Gerichtsbeschlüsse— sie verbietet unsere Bereine» priori als„staatsgefährlich" und damit bast»! Ebenso geht's mit den Volksversammlungen: sie werden ver- boten oder erlaubt, aufgelöst oder nicht aufgelöst, je nachdem es in dem hochweisen Belieben der für die Sicherheit des Staates so sehr besorgten Behörde steht. Selbst freie Schuster-, freie Maurer- Versammlungen können mitunter dem Staate gefährlich werden und deshalb thut man sehr klug daran, sie bei Zeiten zu verbieten, wenn man eine derartige Gefahr wittert.— Trotz- dem nun nach dem Vorhergesagten das Versammlungsrecht voll- ständiger Willkür preisgegeben ist, verlieren unsere G-nossen doch nicht die Geduld, und obwohl jedes derartige Verbot die ge- machten Auslagen sür Stempel, Anzeigen u. f. w. als hinaus- geworfen erscheinen läßt, wird doch eine Versammlung nach der andern einberufen— dann und wann glückt deren Abhaltung doch, und wenn nicht, so können auch die Verbote recht auf- klärend wirken auf so manche naive Gemüther, die da wähnen, in einem„Rechtsstaate" zu leben. Neulich(23. März) fand endlich nach langer Pause wieder eine Volksversammlung mit der übrigens bereits mehrmals un- tersagten Tagesordnung:„Der Entwurf einer neuen Gewerbe- ordnung" statt. Dieselbe lief so ziemlich glatt ab; als jedoch ein Redner meinte, die Arbeiter mögen lieber statt Arbeiter- kammern das allgemeine Wahlrecht verlangen, wurde ihm vom überwachenden Polizeikommissär das Wort entzogen. Bierzehn Tage später hatten wir das allgemeine Wahlrecht auf der Tagesordnung einer Volksversammlung. Ein Redner cittrte den Abgeordneten Schönerer, welcher das allgemeine Wahlrecht als eine Lebensfrage für den Bestand des Staates bezeichnet hatte, und knüpfte an diesen Ausspruch die Schluß- folgerung: Diejenigen also, die das allgemeine Wahlrecht ver- langen, wollen den Staat erhalten, und Die, welche es ver- weigern, werden ihn zerstören,— Facit: Auflösung der Ber- samnilung wegen„aufreizender Reden". Die gleiche Wirthschaft herrscht auch in den Vereinen, natür- lich den Arbeitervereinen, denn die Vereine der liberalen Bour- geoisie werden ungeschoren gelassen. Jeder wissenschaftliche Vor- trag muß bei der Polizei angezeigt werden und wird auch mit der Anwesenheit eines k. k. Polizeikommissärs beehrt, und da diese Herren bekanntlich die Wissenschast mit dem großen Löffel zu steh genommen haben, so verstehen sie Alles besser als der Bortragende, und lassen es an Unterbrechungen nicht fehlen. Ein Prachtexemplar dieser Sorte ist z. B. der Commissär des 6. Bezirks, ein gewisser Reif(wir halten den Herrn reif für eine andere staatliche Versorgungsanstalt), der in dem löblichen Bemühen, aus seiner gewohnten Lebensweise nicht heraus- und noch vor der Thorsperre nach Hause zu kommen, die Borträge nach Möglichkeit abzukürzen sucht. Einmal gehört das philo- sophische System Rousseau's nicht in die Culturgeschichte— ein andermal die Frauen- und Kinderarbeit nicht in die Nattonal- ökonomie u. s. w., damit wird manches Viertelstündchen ge- Wonnen. Zu seiner Entschuldigung wollen wir gestehen, daß er uns wirklich ein Bedürfmß«ach Ruhe zu haben schien, denn nach Beendigung deS letzterwähnten Vortrags blieb er noch fünf Minuten schlafend beim Tische sitzen. Als Curiosum mag erwähnt werden, daß nicht nur die Bereine, sondern auch die Polizeibehörden selbst überwacht werden. So kamen unlängst in das Lokal des Arbeiterbildungs- Vereins zu Atzgersdorf zwei Gendarmen, um nachzusehen, ob Jemand von der Gemeinde die stattfindende Monatsversammlung überwache! Es fehlt jetzt blos noch, daß man auch zur Ueber- wachung der Gendarmen Jemand bestimme. Die„Preßfreiheit" blüht nach wie vor; nach wie vor bringt fast jede Nummer der amtlichen„Wiener Zeitung" ein langes Verzeichniß der nach dem beliebten„objektiven Verfahren" ge- maßregelten Zeitungen. Unser junges Parteiblatt, die„Sozial- politisch- Rundschau" ist seit ihrem viermonatlichen Bestände noch nicht einmal in erster Auflage erschienen; jedesmal wurde sie confiszirt, Nr. 2 sogar dreimal, so oaß eine vierte Auflage veranstaltet werde« mußte! Auch der„Sozialist" kann sich über Vernachlässigung von Seite des-Staatsanwalts nicht beklage» — fast jede zweite, dritte Nummer verfällt seinen staatsrette tischen Händen und da man hofft, daß die Wiener Bourgeois-Geschwo- renen sich eher zu einer Verurtheilung herbeilassen werden, als die bäuerlichen Geschworenen von W>ener-Neustadt, so versucht man es zur Abwechslung auch einmal mit subjektiven Anklagen, von denen die„Gleichheit" durch die ganze lange Zeit fihres Bestehens verschont geblieben war. Der verantwortliche Redak- teur des„Sozialist", Johann Schwarzinger, hat bereits zwei Anklagen wegen diverser durch die Presse begangener„Ber- brechen" und„Bergehen" und dürfte im Laufe des Monats Mai vor die Geschworenen kommen. Augenscheinlich ist es aber dem hochgebornen Herrn Staatsanwalt weniger um die Perso« Schwarzingers, sondern vielmehr um die Caution des Blattes zu thun. Bei einer eventuellen Verurtheilung könnte nämlich auch ein Cautionsverlust ausgesprochen werden, der binnen acht Tagen ersetzt werden müßte, widrigenfalls das Blatt als Wochen- blatt aufhören und höchstens monatlich zweimal erscheinen könnte; und da unsere Partei eben, wie allbekannt, eine arme Partei ist, hofft Graf Lamezan durch solche Manipulation am ehesten das verhaßte Sozialistenblatt unterdrücken zu können. Noch einen andern Kniff versuchen jetzt die Herren von der Staatsanwaltschaft; etwas mißmuthig darüber, daß sich die so- zialdemokcatischen Blätter durch die fortwährenden„objektiven" Confiscationcn nicht mürbe machen lassen, sonder» stets unter Hinweglassung des beanstandeten Aufsatzes eine zweite Auflage veranstalten, wodurch die Parteigenossen, wenn auch spät, aber doch zu ihrem Blatt kommen— beginnt man jetzt damit, bei einer Confiscation auch die Druckformen zu versiegeln und so die Veranstaltung einer zweiten Auflage zu verhindern. Das ist zwar im Gesetz- nirgends begründet, aber die Polizei thut es und was die thut, das ist recht. Daß durch öftere Wieder- holung einer derartigen Praxis auch die besteingerichtete Druckerei bald an Schriftmangel leiden muß, da diese Versiegelung oft Wochen und Monate lang dauert, ist begreiflich. Daß damit die Reihe der Liebenswürdigkeit gegen unsere „freie" Presse noch nicht erschöpft ist, wird nach dem voran- gegangenen Wunder nehmen. So legt man z. B. letzt ein Haupt- gewicht darauf, daß jedes Blatt genau am programmmäßigen Tage erscheint, verzögert sich das Erscheinen wegen unvorher- gesehener Umstände um ein oder zwei Tage, so ist entweder ein gestempeltes und vom Herausgeber, Redakteur und Drucker unter- zeichnetcs Gesuch an Staatsanwaltschaft und Polizeidirektion zu richten oder— Strafe! Sie sehen, daß unsere Preßzustänoe den vielberühmten russischen wenig nachstehen. Für heute will ich jedoch die Leser des„Vorwärts" mit wetteren Belegen über die„Freiheit wie in Oesterreich" verschonen. Aertin, 15. April. Die„Brüder in Christo", welche von der profanen Welt„Christlich-Soziale" benamset werden, find sich gegenseitig in die Haare gerathen. Die Herren Hofprediger finden es, veranlaßt durch irgend einen uns unbekannten Um- stand, für gut, sich gegenseitig zu bekämpfen. Der Oberhof- Prediger Kögel macht den„verehrten Bruder in Christo", den Hofprediger Stöcker, dafür verantwortlich, daß die Arbeiter dem so dick aufgestrichenen christlich-sozialen Leim aus dem Wege gehen und nicht geneigt sind, sich über Hals und Kopf in die Arme der„liebevollen Mutter Kirche" zu stürzen, sich vielmehr, durch die„hochwurdige" Agitatton veranlaßt, von der Kirche immer mehr entfernen. Die Geistlichen, zumal in Berlin, habe» nach der Ansicht des Oberhofpredigers mehr und Wichtigeres zu thun, als sich mit den bösen, für kirchliche Lehren total unem- pfänglichen Sozialdemokraten herumzubalgen. Dieses Herum- balgen ist allerdings für Jene sehr gefährlich, die stets Federn lassen müssen und so oft sie auf den Kampfplatz treten, jämmer- lich zerzaust werden. Nach der Meinung des Herrn Oberhof- Predigers dürfe der Polittker nur dann mit den Sozialdemo- kraten sich einlassen, wenn er das Zeug dazu habe und denselben erfolgreich führen könne. In einer der letzten Versammlungen der Christlich- Sozialen wurde diese bittere Kritik einer Be- sprechung unterzogen. Zwei Prediger ergingen sich in Lobprei- sungen der Bestrebungen der christlich-sozialen Partei, welche endlich doch über alle Hindernisse den Sieg davontragen müsse. Der bekannte Misfionsdirektor Wangemann erklärte sich als „von Gott berufen", die geschmähte Kirche zu vertheidigen. Ihn treffe keine Schuld, wenn er sich im Kampfe als„zu dumm" herausgestellt habe. Logischerweise würde für die„Dummheit" des Herrn MissionSdirektors„Gott", der ihn„berufen" hat, verantwortlich sein; eine billige Manier, sich eigener— Unge- schicklichkeit zu entledig-n. Herr Hofprediger Stöcker suchte die Berechtigung seiner Mission durch Citate aus dem alten und neuen„Testamente" zu beweisen. Denkende Menschen können freilich keinen Zusammenhang zwischen den 2000 Jahre alten Judengeschichten und der heuttgen Stöckerei finden, die„Frommen" beweisen aus der„heiligen" Schrift Alle», was sie eben be- weisen wollen. Schließlich sehnten sich die„ehrwürdigen" Herren wieder aus, um, wie betont wurde, der bösen Welt kein Aerger- niß zu geben. Es wird also mit vereinten Kräften fortgestöckert, so lange— als sich noch Dumme finden, die geneigt find, sich den salbungsvollen Quatsch anzuhören. Daß die Stöckerei sogar gewissen, jeden Ulk mitmachenden Berlinern„zu dumm" wird, beweist der schwache Besuch der Betstunden— Pardon! Ber- sammlungen, zu welcher sich in der Regel nur noch jene„Damen" einfinden, welche, da sie auf die„Freuden der Welt" oothge- drungen verzichten müssen, sich nun dem„himmlischen Bräutt- gam" zuwenden. Aerti«, 13. April. Am 11. April wurde von den Sozial- demokraten im großen Saale des Handwerkervereins der Ge- burtstag Lassalle's gefeiert. Der Saal wurde von sozialdemo- kratischen Frauen und Mädchen, unter der Leitung der Frau Stägemann, festlich und geschmackvoll dckorirt. Ueber der mit Kränzen geschmückten Rednertribüne befand sich, umgeben von t almzweigen und Topfgewächsen, die Büste Lassalle'». Der aal war mit Guirlanden, Fahnen, Transparenten u. p w. geschmückt. Anwesend waren gegen 1200 Personen beiderlec Geschlechts. Parteigenosse Finn gab bekannt, daß die Pouzel das Halten der Festrede verboten habe. Zu Beginn des festes wurde von einem kleinen Mädchen ein Gedicht vorgetragen. Gesangs- Vorträge der hiesigen sozialdemokratischen Gesangvereine, Dekla- mationen und Musik Piecen füllten den Abend aus. Dem be- währten Agitator für unsere Sache, dem Staatsanwalt Tessen- dorf, wurde ein stürmisches„Hoch" dargebracht. Das Fest verlief trotz des polizeilichen Verbotes der Festrede ln der würdigsten "'�Aromverg �10�' April.(Agitationsbericht.) Wie überall, benimmt sich auch hier die Fortschrittspartei den Sozialdemo- traten gegenüber auf die denkbar perfideste Weise. In einer öffentlichen Versammlung des hiesigen Arbeiter-Lesezirkel», in welcher Genosse Hahn über das sozialdemokratische Programm sprach, meldete sich der Fortschreiter Jsak zum Wort und ver- unglimpfte die Arbeiter auf das gemeinste. Dieser würdige Fortschrittsmann schimpfte und lästerte wie ein Marktweib und spie Gift und Galle auf Lassalle; der Siel in der Fabel rega- lirte den tobten Löwen ja auch mit Fußtritten. Nach Anficht dieses Jsak's hat einzig und allein die Fortschrittspartei Großes geleistet, während die Sozialdemokraten rein Nichts gethan haben. Schulze-Delitzsch, der große Fortschrtttsmann hat mit seinen Spar-Consum-Wirthschafts und sonstigen Bereinen den Leuten viel Erleichterung verschafft, denn sie wurden durch diese Bereise ihr Gtld los. Die Fortschrittler brüllten und stampften wie ge- wisse Vierfüßler und nur mit Mühe konnte der Vorsitzende die Versammlung zu Ende führen. Am 18. und 25. März, ferner am 1. und 8. April wurden gut besuchte Versammlungen abge- halten. In der Versammlung am 25. März wurden die Fort- schrittler, welche ihren faulen Kohl aufwärmen wollten, gehörig abgetrumpft und mußten unter dem Spotte der Anwesenden ab- ziehen. Die Versammlung am 1. April wurde polizeilich auf- gelöst, ehe der Redner auf das eigentliche Thema:„Unsere Schulen im Dienste gegen die Freiheit", eingehen konnte. Ge- wisse Leute müssen zum ersten April ihr Späßchen machen können. In der Versammlung am 8. April endlich schlief der anwesende RegierungSvertreter den Schlaf der Gerechten und schnarchte in tiefen Baßtönen. In dieser Versammlung hätte die Commune proklamirt und die Revolutton gepredigt werden können, ohne daß die schlafende Gercchttgkeit das Mindeste wahr- genommen hätte. Trotz dieser so ungemein günstigen Gelegen- heit kam nicht eine einzige Petroleumflasche zum Vorschein; Bromberg blieb ruhig! So viel über unsere Agitationsthätig- keit.— Wie in de» meisten Garnisonen deS„einigen" deutschen Reiches, können auch die Soldaten hiesiger Garnison viel von den Herrlichkeiten des Soldatenlcbens erzählen. Bor Kurzem war ein Unteroffizier bemüht, drei jungen„Helden" die Weisheit der Moltte'schen Schule beizubringen. Da diese Rekruten die verschiedenen Kunstgriffe sich nicht sofort aneignen konnten, wur- den fie nicht wenig chikanirt. Ein Unteroffizier soll dem be- treffenden Exerziermeister den Rath ertheilt haben, die L.... eine Stunde„Lausschritt" machen zu lassen. Bon dem Schreien und Schimpfen müde, entfernte fich der Unteroffizier, um sich durch einen Schnaps zu stärken. Diesen Augenblick benutzte einer der drei Soldaten, luv sein Gewehr, und drückte mit dem Fuße ab, ohne fich jedoch zu verletzen, weil ihn ein Kamerad noch rechtzeitig an dem Vorhaben, fich das Leben zu nehmen, hin- derte. Der Soldat wird strenge bewacht, der Unteroffizier, der durch sein Benehmen die Veranlassung zu diesem Selbstmord- versuche gegeben hatte, geht frei herum.— Die Roth macht nicht nur erfinverisch, sondern stumpft auch ab. Ein armer Arbeiter, der in Folge längerer Arbeitslosigkeit nichts zu beißen hatte, ging neulich direkt zum Polizei-Jnspettor, um ihn um eine Gabe anzusprechen. Er wurde selbstverständlich eingesteckt und zu einigen Tagen Arrest verurtheilt. So etwas heißt selbstver- ständlich:„Göttliche Weltordnung!" chreifswatde.(Arbeiterrifiko.) Vor einigen Wochen richteten fünfzig Bürger des Städtchens Zanow(Regierungsbezirk Kös- lin ,n Pommern) an die königlich preußische Regierung eine Pe- tttton, auS welcher ersichtlich ist, daß in manchen Industrie- zweigen geradezu haarsträubende Zustände herrschen, denen cher Arbeiter zum Opfer fällt. Im genannten Städtchen besteht seit 33 Jahren die Phosphor-Zündhölzchenfabrik der Firma Aug. Kolbe u. Comp., in welcher während der Zeit ihres Bestandes, wie nachgewiesen werden kann, jährlich vier Prozent der bei den gesundheitschädlichen Arbeiten Beschäftigten nach langer Krank- heit den Tod fanden. Die meisten der Unglücklichen hinterließen Wittwen und Waisen, deren Unterstützung der Stadt zufiel. Die Unglücklichen erliegen der Phosphor-Nekrose, einer so entsetzlichen Krankheit, daß viele der Erkrankten den Selbstmord den jahrelangen Qualen vorziehen. Am 1. Januar d. I. starb ein Ar- beiter nach vierjährigem Krankenlager an der genannten Krank- heit und hinterließ eine Frau und vier kleine Kinder im größten Elende. Am 12. Januar starb nach langem Krankenlager eine früher in der Kölbeschen Fabrik beschäftigt gewesene Arbeiterin, welche fünf Kinder im Alter von 2 bis 10 Jahren hinterließ. Am selben Tage durchschnitt fich ein an der Phosphor-Nekrose leidender Mensch, welcher ebenfalls früher in der genannten Fa- brik arbeitete, da er die Schmerzen nicht mehr zu erttagen ver- mochte, den HalS; er hinterläßt eine hochschwangere Frau und drei unmündige Kinder. Ein ganz junger Arbeiter liegt krank darnieder und siecht langsam dahm. Da die Fabrikanten für die Unterstützung der Hinterbliebenen der im Dienste des Kapi- talS ums Leben gekommenen Arbeiter nichts thun und die Aermsten der Gemeinde zur Unterstützung zufallen, wendeten sich die Pe- tenten an die Regierung mit der Bitte, dieselbe möge die Fabrik- befitzer Kolbe u. Comp, verpflichten, die unterstützungsbcdürf- tigen Angehörigen der armen Opfer, welche der Phosphor-Ne- krose erlegen sind, selber zu unterPützen und dieselben nicht der städtischen Armenkasse aufzubürden. Es find dies schreckliche Zustände und zeigen ganz deutlich, daß das Leben der Arbeiter durchaus nicht in Betracht kommt, wenn es fich darum handelt, recht viel„Profit" zu erzielen. Charakteristisch ist es, daß die Fabrikanten die Hinterbliebenen der Opfer, welche in Folge der erwiesenermaßen höchst gesundheitsgefährlichen Arbeit sterben, einfach auf das Straßenpflaster werfen, sie ihrem Schicksal preis- geben. Es wird jedem Denkenden einleuchten, daß die Fabri- kanten die Verpflichtung haben sollten, für diese Hinterbliebenen, deren Ernährer von dem Moloch Kapital in den Tod getrieben wurden, zu sorgen. Das Papier für Jedermann, die Berliner „Volkszertung", veröffentlicht in dieser Angelegenheit den Brief eines Arztes, durch welchen der Versuch gemacht wird, die Fa- brikanten weiß zu waschen und die Schuld auf die Arbeiter, welche den väterlichen Anordnungen der liebevollen Arbeitgeber nicht folgen, zuschieben. Der„fortschrittliche" Herr Doktor be- hauptet, daß in den 22 Jahren, seit welchen die Fabrik besteht, bloS fünfzehn Arbeiter an der Phosphor-Nekrose starben und daß dies in andern Faarikcn ebenfalls der Fall ist. Von den drei im Monate Januar Gestorbenen sind nur zwei der Phos- phornekrose erlegen; der dritte litt wohl auch an derselben Krankheit, starb aber infolge eines Selbstmordversuches, den er unternahm, weil er an unheilbaren Geschwüren an den Un- terschenkeln erkrankt war. Weshalb die Geschwüre unheilbar waren, verschweigt dieser Herr Doktor wohlweislich. Die jim Monat Januar vorgekommenen drei Todesfälle beleuchten die Behauptung des Dottors, daß in 22 Jahren blos 15 Arbeiter an der genannten Krankheit starben, gar selssam. ES werden dann vom Herrn Doktor die Vorkehrungen gelobt, welche in der betreffenden Fabrik eingeführt sind und die Erkrankungen darauf S rückgeführt, weil die Arbeiter eS unterlassen, sich eines vorge- riebenen Mundwassers zu bedienen. Der gelehrte Herr Doktor scheint nicht zu wissen, daß das Einathmen des Phosphor? die Schuld trägt, daß der Körper ruinirt, die Gesundheit untergraben wird; das Mundwasser allein thut's nicht. Was der gelehrte Mann mit folgenden Sätzen sagen will, begreife wer— kann. Er schreibt:„Die Ueberwachung sämmt- licher zum Schutze der Arbeiter getroffenen Anordnungen liegt zuvörderst der hiesigen Behörde ob, sodann sachverständigen Mit- gliedern der königl. Regierung in Köslin und findet zu diesem BeHufe von Zeit zu Zeit eine Untersuchung statt". Was nützt die behördliche Ueberwachung, was helfen die sachverständigen Regierungsmänner, wenn derarttge entsetzliche Vorkommnisse wie die oben geschilderten stattfinden können? Hier hilft nur ein Mittel und dies wäre: Die vollständige Einstellung dieser so ge- sundheitSfchädlichen Arbeit. Die Mohrenwäsche ist dem Doktor herzlich schlecht gelungen, es beweist das aber, daß, wenn es gilt, das Ausbeutungkmonopol auftecht zu erhalten, die„Männer der Wissenschaft" es nicht unter ihrer Würde halten, ihren guten Freunden, de« Männern des Gcldsacks einen Gefallen zu thun und sie in Schutz zu neh- men. Die„anständige" Presse öffnet dann bereitwillig ihre Spalten und halst den Arbeitern alle Schuld auf. Nette Ge- sellsckoft! Korst i/K., 12. April. Von allen hier abgehaltenen Ver- sammlungen war die am 4. April von den Stöckerianern Grüne- berg und Küster in Scene gesetzte die„lusttgste", denn es gab viel zu lachen. Der christlich-soziale Küster und sein Küster be- abfichtigten nichts weniger, als die Forster Arbeiter mit dem christlich-sozialen Leime zu fange» und Firma Stöcker u. Co. ins Garn zu führen. Dieses„edle" Bestreben fand auch bei ge- wissen„Frommen" Unterstützung. Als das Lokal bestellt wurde, wurde dem Wirthe die Weisung ertheilt, Niemanden den Zu- tritt in den Saal zu gestatten, bevor nicht die Christlich-So- zialen da find; die vorderen Plätze sollten für die Anhänger der Stöckerei reservirt bleiben. Obschon der Ukas von einem gar mächtigen Herrn ertheilt wurde, wurde er doch von den Forster Arbeitern nichts weniger als respettirt, denn lange vor Beginn der Komödie war das Lokal überfüllt und die Plätze von den Arbeitern mit Beschlag belegt. Den Mucker», welche den Cer- berusdienst übernommen hatten uud die Plätze hüteten, wurde einfach bedeutet, daß, wer eher komme auch eher mahle. Gegen acht Uhr kam Grüneberg, von seinem Adjutanten Küster und einigen„Größen" von hier und der Umgegend begleitet. Grüne- berg eröffnete als Einberufer, wohlverstanden als Einbe- rufer, trotzdem er in Berlin und nicht m Forst wohnt, die Versammlung. Selbstverständlich kam das Bureau in unsere Hände. Ueber die von den beiden Aposteln verbrochenen Reden will ich den Mantel der„christlichen Liebe" breiten, sie waren in der bekannten Manier gehalten und trieften von Frömmigkeit und Christenthum. Gegen die Sozialdemokraten in gewohnter Weise loszupoltern, fanden die Herren nicht räthlich und unter- ließen wohlweislich das Geschimpfe. Genosse Paul aus Berlin wies den Herren ihren Jesuitismus nach und widerlegte den von ihnen zum Besten gegebenen Unsinn. Mit weinerlicher Sttmme leierte Pastor Schulz eine Predigt herunter, in welcher er nicht nur die Stöckerianer, sondern auch den„Herrn und Heiland" in Schutz nahm. Pastor Abrahm, der zweite Prediger, machte das betrübende Zugeständniß, daß die beiden Referenten, wenn fie auch in den Versammlungen fich keinen Anhang zu verschaffen im Stande seien, doch zu Hause, bei Einzelnen guten Boden für ihre Lehren fänden. Grüneberg versuchte die Ausführungen Paul's zu widerlegen, was ihm jedoch selbstverständlich nicht ge- lingen wollte, polterte gegen den Liberalismus und die Sozial- demokratie, welche er in einen Topf warf, und forderte zum Schlüsse unter schallendem Gelächter der Versammlung zum Ein- tritt in die christlich-soziale Partei auf. Wer Mitglied dieser legenbringenden Partei werden wollte, sollte sich Tags darauf in der christlichen Herberge einfinden und sich bei den Mtt- gliedern des JünglingsvereinS melden. Zum Schlüsse wurden die christlich-sozialen Bauernsänger noch von den Genossen Keller aus Görlitz und Senftleben von hier, unter dem Bei- fall der Versammlung gehörig heimgeleuchtet. Mit einem drei- maligen Hoch auf die Arbeiterbewegung aller Länder wurde die Versammlung gegen Mitternacht geschlossen. Die Arrangeure schlichen sich, wie begossene Pudel von bannen, wohl einsehend, daß Forst für die Bestrebungen der Christlich-Sozialen kein Feld ist. Z...... y. Schedewitz b. Zwickau, 11. April 1878. Damit die aus- wältigen Genossen wenigstens sehen, daß wir hierorts noch am Leben und rüstig an der Arbeit find, wollen wir, so weit es uns heute möglich, Bericht erstatten. Die Zahl der wirklichen Parteigenossen ist zwar klein, etwa 30, doch find wir aas dem Platze. Auch besteht hier ein Arbeiterbildungsverein, welcher über 40 Mitglieder zählt und ziemliche Fortschritte macht. Vor einigen Monaten wurde ein deklamatorischer Club gebildet, wel- chem zur Zeit bereits die Hälfte der Mitglieder angehört, und vor Allem wird der Gesang aufs Sorgfältigste gepflegt; die Ge- sangspiccen werden jetzt vielfach vom„Deutschen Sängerbund" angeschafft. Obgleich der ArbeiterbildungSverem auf Grund der Statuten von der Partei getrennt ist, so sind doch fast alle Mit- glieder entschiedene Sozialisten. Und warum sollten sie auch nicht? Sind etwa unsere Zustände so herrliche, daß ein Ein- greifen in das rollende Rad der Zeit nicht nöthig erscheint? Ganz gewiß nicht. Betrachten wir uns das Getriebe im Ge- schäftsleben: wie ein Alp lastet der Druck der Krise auf dem Gewerbe- und Arbeiterstand. Die Arbeiter werden fast all- monatlich mit Lohnreduktionen beglückt. Zudem kommen noch Arbeitsentlassungen en masse vor. So erhielten erst in diesem Monat auf einem Kohlenwerk 34, auf einem anderen 36 Mann die Abkehr; dazu kommt, daß viele der Entlassenen, die 15 bis 20 Jahre, ja noch länger, in die Knappschastskasse steuerten, falls sie keine Bergarbert wieder erhalten, ihre eingesteuerten Capitalien und ihre Anrechte zur Knappschatt verlieren. Der Lohn ist in der Regel täglich 20 bis 25 Groschen für Häuer. Die Förderleute erhalten noch weniger uud zu allem Ueberfluß müssen die Bergarbeiter auch noch vielfach feiern, so daß monat- lich 40— 48 Mt. verdient werden, ja bei Manchem beträgt es oft noch weniger. Der Handwerker ist der nächste, welcher dar- unter zu leiden hat. Ueberall also Noth und Klage und dabei heimsen die Kohlenbarone mindestens ebenso viel— wenn nicht noch mehr— ein, als in den Jahren, wo die Milliarden die Ueberproduktion förderten und die sogen. Schwindelperiode zur Welt brachten. Die Steuern, welche nie weniger, eher von Jahr zu Jahr mehr werden, find als ein Agitationsmittel der Sozial- demokratie zu betrachten, denn dadurch wird selbst der mit dem „Zopfe" geschmückte Spießbürger aufgerüttelt. Wir sind auch bemüht, in die Gemeindeverwaltungen Einige von uns hineinzu- bringen; wir gehen aber als eigene Partei vor und werden selbst dem fortschrittlich- liberalen Ortsverein gegenübertreten. Unsere Aussichten in dieser Beziehung sind auch nicht ganz ungünstige. In dem benachbarten Wilkau ist es den dortigen liberalen Grö- ßen freilich gelungen, der Masse Sand in die Augen zu streuen und nun, da dieselben in Amt und Würden sitzen, haben ste auch das Gemeinderuder ziemlich in der Hand.— Sollte der Berg- bau nicht bald einer Besserung entgegensehen, stehen noch schlim- mere Zeiten als jetzt zu erwarten, wofür Diejenigen verantwort- lich gemacht werden müssen, die solche Zustände aufkommen ließen, ja heute sogar noch zu ihrer Förderung beitragen. Aufruf au unsere Parteigenossen im erste« uassanischen Wahlkreis Höchst-Usingen! Ueberall erwacht der Drang in den Kreisen des gedrückten, arbei- tenden Volkes den heutigen Zuständen ein Ende zu machen. Auch in unserem Wahlkreise werden Wunsch und Bedürfniß immer dringender für unsere politischen und wirthschaftlichen Rechte einzutreten und durch regere Agitation der Ausklärung mehr Eingang zu verschaffen. Männer der Arbeit! Als Ihr im vorige» Jahre an der Wahlurne standet, um einen Vertreter Eurer gerechten Ansprüche in den gesetzgebenden Körper zu wählen, habt Jhrs im Bewußtsein e-ncr hehren Pflichterfüllung geihan. Der großen Anzahl unserer Gegner ist unser Wahlcandidat erlegen, und, obgleich wir dies im Voraus wußten, haben wir den Kampf nicht vermieden, wir mußten kämpfen, um die Saat säen zu könne», die, schon jetzt gedeihend, immer herrlichere Früchte tragen wird. WaS den aus dieser Wahl hervorgegangenen ReichstagSabgeord- nctcn anbelangt, find wir Arbeiter und Freunde wahren BolkSwohleS schon dahin einig, daß derselbe unsere Rechte nicht vertritt. Wer vom Schweiße des Arbeiters lebt, wird meistens jede freiheitliche Regung desselben unterdrücken und darum soll und muß auch m unserem Wahl- kreise nur ein solcher Vertreter aus der Wahl hervorgehen, der unsere Bedürfniffe kennt und für die Gewährung derselben einzutreten sich ver- pflichtet fühlt. Möge darum Jeder diese Lehre beherzigen und ,u seinem und seiner Mitleidenden Wohl dementsprechend handeln. Nicht mehr ganz zwei Jahre und wieder müßt Ihr dann wählen und darum müssen wir jetzt schon unsere Kräfte stählen, müssen uns brüderlich die Hände reichen, um in unserem Wahlkreise den Kampf wagen zu können, der unS zum Siege führen soll. Nach gepflogenen Verhandlungen mit den Parteigenossen verschie» dener Orte der Umgegend wurde bestimmt, daß in Höchst ein Delegirten- Congreß tagen solle, der die bei d�r nächsten RetchStagSwahl zu neh- wenden Maßregeln beschließt, die Gründung lokaler Wahlkassen und Wahlvereine anregt uud unterstützt und die Anträge der Delegirten an» nimmt und vollführt. Dieser Auftuf erscheint sowohl im„Vorwärts" wie im„Volks- fteund", und bitten wir deshalb alle Parteigenossen, die diesbezüglichen Exemplare auch da zu verbreiten, wo sie nicht gehalten werden. Zeit und Lokal, in denen die Delegirten-Eonferenz abgehalten wer» den soll, haben wir in voriger Nummer bekannt gegeben. Alle An» träge und Anfragen find an den Unterzeichneten zu richten. Im Auftrage der Höchster Genossen: Höchst a. M. Fr. Wilh. DSrmer, Kleme TaunuSstraße Nr. 7. An die Partei- nnd Gesinnungsgenosse» des Reichstags- Wahlkreises Minden-Lnbbecke. Zu der in voriger Nummer angezeigten Konferenz der Partei- und Gesinnungsgenossen im Minden-Lübbecker ReichstagSwahlkreise ist noch das Lokal anzugeben, wo dieselbe stattfinden soll. Dasselbe be- findet sich bei Herrn Arnold Stroth enke in Lübbecke am Berger» thore. Der Beginn der Conferenz kann Umstände halber uicht um IV Uhr, wie angezeigt worden, stattfinden, sondern erst Mittags 1 Uhr. Bitte die Genossen dies beachten zu wollen und zahlreich auf der Eonferenz zu erscheinen. Minden i. W. Mit sozialdemokratischem Gruß I. A.: G. Sipert. Briefkaste» der Redaktion. Rr. Berlin: In Ihrer Sache gegen die Vztg." resp. den Herausgeber P. können wir Ihnen nur rathen, sich an den Herrn Rechtsanwalt Otto Freytag in Leipzig, Nikolaistraße, Amt- mannShof, zu wenden. Auf diese Weise könnten Sie hoffen zu Ihrem Gelde zu kommen. der Expedition. G. StrS Bautzen: Wir haben Ihren Brief mit Annonce dem Eentral-Wahlkomitä zur Begutachtung eingesandt.— Fremdling Wilhelmshaven: Die jetzige Adresse des Dr. M. Lehn ist uns unbekannt. Quittung. Khlr hier Ab. 1,80. Grßr Wien Ab. 4,95. Drssi Hamburg Ann. 1,80. Knblch Eutritzsch Ab. 7,20. Krmr Forbach Ab. 2,30. Nnvc Smcderewo Ab. 14,85. Inf cht Rewyork Ab. 83,58. Grllnbrgr Nürnberg Ab. 150,00. Mck Ingolstadt Ab. 3,00. Frnkl Buda-Pest Ab. 26,76. Bsch hier Ab. 50.00. Sktjn Wien Ab. 25,50. Kndrth Regen Ab. 1,67.«nk Frankfurt Ab. 64,00. Engl Reudnitz Ab. 22,00. Eons Dresden Ann. 1,20. Hasch Linz Schr. 1,65. Schlr Frohnau Ab. 15,00. Rtr Darmstadt Ab. 25,00. Tbrt hier Ab. 1,25. Bhlmnn Aachen Schr. 40,00. Ncl Düsseldorf Schr. 12,10. Nrt Cassel Ab. 20,79. Bckr Cöln Schr. 5,00. Sttzng Bonn Schr. 4,00. Kpp Riechen Ab. 1,70. Pftznr her Schr. 3,00. Arnldt Königsberg Schr. 0,50. Nbr Wien Schr. 1,50. MttMrt 4 liiert, e.l.ltum, ü Ii.1 DIU Wettinerstr. I9k, Osnabrück.|TÄÄ?-"""" Oeffentliche Wählervcrsammlung. Tagesordnung: Vortrag.— Verschiedenes. I f60 H. Goldbeck. Sonntag, den 21. April, als am ersten Ostertage, w Bnrmeister's Salon: Grosses Vokal- nnd Instrumental-Goncert mit Vorträgen etc. unter Mitwirkung mehrerer Liedertafeln. Festrede hält Herr Hartmann aus Hamburg. Karte für 1 Herrn nebst Dame im Boraus 40 Pf. Damcnkarten 15 Pf., an der Kasse 50 und 20 Pf. Saalöffnung 4 Uhr. Anfang 5 Uhr. Karten hierzu sind an den bekannten Stellen und bei den Colpor- teuren zu haben. fg,90j Das Comits. Durch die Expeditton deS„Vorwärts" ist zu beziehen: Die Orientdebatte im deutschen Kelchstage(vollständig nach dem amtlichen stenographischen Bericht). Kurz beleuchtet von W. Liebknecht. 5 Bogen. 8». Preis 30 Pfg. SSur orientalischen Frage oder Soll Europa kossaklsch werden! Ein Mahnwort an daS deutsche Volk von W. Liebknecht. Zweite, um 1 Bogen vermehrte Auflage, in der die neuesten Phasen der politischen Lage berücksichtigt sind. 4 Bogen. 8°. Preis 30 Pfg. Kellglon und Sozialismus. Eine nachgelassene Schrift aus dem Iahte 1869 von Dr. Bornttan. Den deutschen Arbeitern ge- widmet. Zweite Auflage. 4 Bogen. 8». Preis 40 Pfg.(m) Die religiöse Frage und das arbeitende Volk. Bon Dr. C. Bo- ruttau. Zweite Auflage, durchgesehen und ergänzt von Brun» Geiser. Preis 25 Pfg..„ � t Das dentsehe Reich und seine Gesetzgebung. Materialien für die sozialifttsche«gttation. Bon Brnno Geiser. 7 Bogen. 8». Preis 60 Pfg.__[6�10 Ärmer Conrad Preisherabsetzung. Um mit dem Reste desselben zu räumen, ist der Preis auf 20 Pfg. für geheftete, und 40 Pfg. für gebundene Exemplare herabgefetzt. Bei Bezug von 10 Expl. und darüber Rabatt. Bestellungen sind zu machen bei der Associattons- Buchdruckerei in Berlin 80., Kaiser-Franz-Grenadier- platz 8a., sowie der Genossenschafts-Buchdruckerei in Leipzig, Färberstraße 12. Die Expedition deS„Vorwärts." verantwortlicher Redakteur: Hermann Helßig in Reudnitz-Leipzig. Redaktion und Expedition Färberstraße 12. ll m Leipzig. Druck und Verlag der GenossenschaftSbuchdruckerri in Leipzig.