Erscheint in Leipzig MUtnxich, Freitag, Sonntag. Atonnemcntsprci» für ganz Deutschland l Marl K0 Pf. pro Quartal. Monats- Abonnements ii 54 Pf. Werden bei allen deutschen Poftanstalten aus den 2. und Z. Monat, und aus den s. Monat besonder? angenommen. Inserate fctr. Bersammlungcn pro Petitzeile 10 Ps., »etr. Privatangelegenheiten und Feste pro Petit, eile Z0 Ps. ZZcfleUul'.zcn nehmen an alle Postanstaltcu und Buchhand» lungen des In- und Auslandes. Filial- Expeditionen. New-Zorl: Mr. Franz Ionscher, 177 bllm Str. uoruer Lroom«.— Mr. Herin. Nidsche, MS West— 37 Str. Philadelphia: P. Hast, 508 North 3r4 Street. I. Poll, N.K. box Charlotte& George Str. Hobvlen N. J.: F. A. Sorge, 215 Washington Str. Chicago: A. Lansermann, 74 Clxdourne»?». San Franzisco: F.Enh. ilSCRarrell Str. London W.: Wilb. Hostmann, 87 A Prin- cess Str. Leicester Squ. GentraL Grgan der Sozialdemokratie Deutschlands. 50. Mittwoch, 1. Mai. 1878. s» Der Todtenwurm an der Arbeit. „Während gesunder Menschenverstand, Recht, Humanität be- schimpft, die Saaten zerstampft, die Künste des Friedens ge- opfert werden— plätschern am Bosporus, langsam anschwellend, die Wogen der Revolution, und an der Newa und Wolga bohrt leise, unaufhaltsam,„der Wurm des Sozialismus"—„der Todtenwurm der heutigen Gesellschaft." So schrieben wir vor nahezu einem Jahr, unmittelbar noch vor Beginn des russisch-türkischen Kruges. Der Todtenwurm an der Newa and Wolga hat im Verlauf dieses Jahrs tüchtig gearbeitet— die jüngsten Vorgänge in Rußland liefern den Beweis. Der Prozeß Wjera Sassu- litsch's hat, sozusagen, das Dach von dem russischen Staatsge- bäude abgehoben und der zuschauenden Welt einen vollen Ein- blick in das bisher sorgsam Verborgene gewährt. Wjera Sassulitsch feuerte bekanntlich vor wenigen Wochen auf den Petersburger Stadthauptmann Trepow, dem obersten und schuftigsten Polizeibeamtcn Rußlands und Günstling des Czaren, und verwundete ihn schwer. Als Motiv der That gab fie die auf Befehl dieses Elenden vorgenommene Auspeltschung eines politischen Gefangenen, Bogoljubow's, an. Und so war es in Wirklichkeit. Der Pistolenschuß Wjera Sassulitsch's war ein Protest gegen die herrschende Bestialität, gegen die Knute, gegen die politischen Verfolgungen, gegen die Polizeiwillkür. Das junsje— 26 Jahr alte— Mädchen wurde gefangen und vor Gericht gestellt. Ob die Regierung den Kopf verloren harte, oder sich in einem unbegreiflichen Gefühl der Sicherheit wiegte— genug, sie ließ für diesen Prozeß das, für politische Prozesse thatsachlich beseitigte Schwurgericht, mit öffentlicher Verhandlung, in Funktion treten. Der Verlauf des Prozesses ist in frischem Gedächtniß. Nicht Wlera Sassulitsch saß auf der Bank der Angeklagten, sondern das ofsizielle Rußland. Im Angesichte Europas wurde ihm die Maske der Humanität und Freifinnigkeit abgerissen, und ein Gemälde entrollt, das jeden unverdorbenen Menschen mit glü- hender Verachtung und flammendem Zorn erfüllen muß. Die Angeklagte ward zur Anklägerin: ihr ganzes Leben, in schlichten Worten uns vorgeführt, gestaltete sich zu einer lebendigen, er- druckenden, niederschmetternden Anklage. Als 17jähriges Mädchen, so sagt der uns vorliegende aus russischen Blättern übersetzte Bericht, hatte Wjera Sassulitsch ihre Bildung in einer Pensions- Anstalt zu Moskau beendet und kehrte nach Absolvirung des Gouvernantenexamens mit Auszeichnung in das Haus ihrer Mutter zurück. Kurze Zeit darauf wollte der Zufall es, daß sie mit Netschajew und dessen Schwester bekannt wurde. Sie machte diese Bekanntschaft eben ganz zufällig, als sie die Schule besuchte, um Stunden in der Lautirmethode zu nehmen. Wer dieser Netschajew war, das wußte sie nicht, damals kannte ja noch Niemand denselben. Netschajew war ein Student, der unter den Studenten Be- wegungen hervorrief, dieselben waren jedoch nicht von ernstem Charakter. Netschajew traf in der Schule mit Wjera Sassulitsch zusammen; er wandte sich an dieselbe mit der Bitte, ihm einen Dienst zu erweisen und aus ihren Namen Briefe für ihn in Empfang zu nehmen und ihm dann zu übermitteln. Als es sich in der Folge erwies, daß Netschajew ein„Staatsverbrecher" s ei, wurde die 17jährige Sassulitsch, als der Theilnahme an dem Staatsverbrechen Netschajew's verdächtig, in Untersuchungs Haft gezogen. Zweijährige Gefänznißhaft hat ihr dieser Verdacht gekostet. Ein Jahr verbringt sie im Li- towskij-Gefängniß, sodann ein Jahr in der Peter Pauls-Festung. Nach zwei Jahren entließ man sie aus der Haft, da man keinen Grund fand, sie dem Gericht zu übergeben. Man sagte ihr sogar nicht bei ihrer Entlassung:„Geh' und laß' Dir nichts w-cder zu Schulden kommen!"— iveil man ihr eben kein Ver- gehen nachweisen konnte, da sie nichts begangen hatte. Im Ver- lauf von zwei Jahren wurle sie nur zwei Mal einem Verhör unterworfen, so daß sie bereits glaubte, man habe sie vollständig vergessen. Man sagte ihr:„Gehen Sie!"— sagte aber nicht, wohin sie gehen solle. Jfljre Mutter nahm sie mit Freuden auf; Fräulein Sassulitsch war erst 20 Jahre alt— also noch jung. Die Mutter tröstete ihre Tochter:„Zwei Jahre schweren Unglücks sind, Gott sei Dank! vorüber. Wir ziehe» auf's Land— dort wirst Du Dich erholen." Es vergehen zehn Tage in Träumen Und Sinnen. Da erscheint plötzlich ein Polizeioffizier:„Ich habe den Befehl", sagt er,„Sie zu verhaften und in das in- terimistische Gefängniß zu führen!"—„Ich bin an keinem Prozeß betheiligt. Die Untersuchung gegen mich ist eingestellt." --„Das kann ich nicht wissen."— Es vergehen fünf Tage. Die Sassulitsch befindet sich im interimistischen Gefängniß. Ihre Mutter und Schwester können sich die Möglichkeit gar nicht den- ken, daß man einen Menschen, gegen den der Prozeß niederge- lchlagen ist, welcher sich zwei Jahre in schwerer Haft befunden, ausweisen könnte. Man schaffte ihr in's Gefängniß Speisen und Lektüre, denn Niemand konnte eine Ausweisung voraussetzen. ®ineS Tags theilt man ihr mit:„Man wird Sie gleich fort- mhren!"„Was, mich fortführen! i Warten Sie ein wenig! �ch habe nichts bei mir! Lassen Sie mich meine Verwandten benachrichtigen. Die Sache beruht auf einem Mißverständniß. lassen Sie mich wenigstens einen Tag noch hier bleiben."— "«s ist unmöglich! Das Gesetz befiehlt es so!"— Die Sassulitsch Äußte, gemäß dem Gesetze, mit Einem Kleide bekleidet, abreisen. ?0 lange man zur Reise die Eisenbahn benutzte, war es er- � glich. Als fie aber im Postwagen in Begleitung von zwei «endarmen weiter befördert wurde, spürte sie die Kälte empfind- e"?- Sie wäre vor Kälte umgekommen, ohne die Menschlichkeit des Bfh!i"en der Gendarmen; derselbe zog seinen Pelz aus cute seine Gefangene mit demselben. Sie wurde in's' und Now- i gorod'sche Gouvernement, in's Städtchen Kcestzy, gebracht und dem bortigen Landpolizeimeister übergeben. Dieser sagt ihr: „Gehen Sie! Sie sind nicht gefangen, sondern frei! Führen Sie sich gut auf und melden Sie sich jeden Sonntag auf der Polizeibehörde."— Doch wohin sollte die Sassulitsch?! Sie hatte an baarem Gelde nur einen Rubel und außerdem vom Gefängniß her noch ein Kästchen mit Chokoladenplätzchen und ein französisches Buch bei sich. Das waren die Mittel, auf welche fie sich angewiesen sah. Es fand sich ein guter Mensch, welcher sie zu sieb in seine Familie nahm. Es war ihr unmög- lich, in Krestzy sich irgendwelche Beschäftigung zu suchen. Sie konnte nicht verheimlichen, daß sie verwiesen sei.— Aus Krestzy führte man fie nach Twer, von dort nach Ssaligatitsch und darauf nach Charkow. Auf diese Weise begann ihr Nomaden- leben. Sie wurde Durchsuchungen unterworfen. Man setzte fie in's Gefängniß. Schließlich gerieth sie in Vergessenheit.— Da wurde es ihr möglich, sich nach St. Petersburg einzuschmuggeln und dann nach Pensa zu gehen. In Pensa fand sie in der Zei- tung„Nowoje Wremja" die Nachricht von der Mißhandlung Bogoljubow's.-- Und der Gedanke zur That, welche sie vor die Geschworenen führte, entstand in Wjera Sassulitsch. War je ein„Verbrechen" gerechtfertigter, mehr in den Verhältnissen begründet, mensch- licher? Das Publikum, welches sich zu den Prozeßverhandlungen gedrängt hatte, fühlte es; die Geschworenen fühlten es: sie sprachen Wjera Sassulitsch frei, und das Publikum begrüßte den Wahrspruch mit Freudenthränen, mit donnerndem Jubelruf. Wjera Sassulitsch war freigesprochen, das offizielle Rußland verurtheilt— verurthcilt von russischen Äeschwo- renen, in der Haupt- und Residenzstadt Rußlands, wenige Schritte vom Pallast des„siegreichen Czaren", dessen Hände noch rauchten von dem blutigen„Ruhm", den er als„Vor- kämpfer der Humanität", als„Befreier der Unterdrückten" sich im Krieg gegen die„barbarischen" Türken erworben. Und wer waren die Geschworenen? Wer das Publikum? Unter den 12 Geschwornen befanden sich 9 kaiserliche Be- amte, das Publikum setzte sich fast ausschließlich aus Personen der sogenannten„gebildeten" Stände, zumeist der hohen und höchsten Gesellschaftsklassen, zusammen. Das gibt dem Wahrspruch der Petersburger Geschwornen, und der Billigung, die er beim Publikum gefunden, noch eine ganz besondere Bedeutung. Daß das Publikum, welches den Prozeßverhandlungen bei- wohnte, die öffentliche Meinung, so weit von einer solchen in Rußland die Rede sein kann, getreu widerspiegelt, erhellt aus der Einmüthigkeit, mit der im ersten Moment nicht blos die Petersburger, sondern auch die Moskauer Zeitungen das Urtheil der Geschwornen billigten. Kein Wunder, daß die Regierung erschrak, und der Czar in seinem Pallast erzitterte. Die Angst machte sich Luft in bru- talen Gewaltakten: der Vcrtheidiger Wjera Sessulitsch's ist ver- haftet, das Urtheil der Geschwornen kassirt, und ein neues Pro- zeßverfahren angeordnet worden. Allein mit dem neuen Prozeß- verfahren wird's wohl keine Elle haben, denn Wjera Sessulitsch, die von der Polizei sofort nach Verlassen des Gerichtssaals„ge- sucht" wurde, hat sich den Spähern und Häschern zu entziehen gewußt, und befindet sich jetzt, wie uns mitgetheilt wird, in Sicherheit. Doch die Regierung hielt noch einen andern Coup für noth- wendig. In Kiew gab die Freisprechung Wjera Sessulitsch's zu einer großartigen Studentendcmonstration Anlaß. Die Polizei schritt ein und verhaftete mehrere Studenten, die nach Moskau gebracht wurden. Die dortigen Studenten empfingen am Bahn- Hof ihre gefangenen Kameraden und wollten sie in fe'erlichem Zug nach dem Gefängniß geleiten. Sie verhielten sich durchaus ruhig. Allein plötzlich wurden sie von Pöbelhaufen überfallen, es kam zu einer furchtbaren Schlägeret. der die Polizei mit ver- schränkten Armen zusah; die unbewaffneten Studenten wurden von den größtentheils mit Messern und sonstigen Mordwaffen versehenen Angreifern trotz tapfersten Widerstands überwältigt und furchtbar zugerichtet: zwölf Todte werden eingestanden und mehrere Dutzend Schwerverwundete. Die Zahl ist aber jedenfalls weit höher. Wie dem nun sei, es kann nicht dem leisesten Zweifel unterliegen, daß diese Metzelei von den Be- Hörden, von der Regierung veranstaltet war. Die Regierung organisirt den„weißen Schrecken", um sich des„rothen Schreckens" zu erwehren; sie appellirt an die Rohheit, um die Intelligenz zu Boden zu schlagen. Denn die Intelligenz Rußlands ist in offner Re- bellion gegen das offizielle Rußland— diese Thatsache ergiebt sich zur Evidenz aus den jüngsten Vorgängen. Das offizielle Rußland ist so brutal, so korrupt, so infam, daß Alles, was denken kann und Ehrgefühl hat, von Rußland sich mit Ekel und Ingrimm abwendet. Die Beamten, die Offiziere, die Bourgeoisie, der Adel bis in die obersten Spitzen— überall stoßen wir auf diesen Ekel, diesen Ingrimm. Es hat nie eine Regierung gegeben, die von ihren eigenen Agenten und Stützen so gehaßt und verachtet worden wäre. Daß eine solche Re- gierung, daß das System, welches sie vertritt, keine innere Festig- kcit hat, bedarf keiner Auseinandersetzung. Freilich, die unzuftiedenen Adligen, Bourgeois, Beamten und Offiziere sind nicht„Revolutionäre", ,m westeuropäischen Sinn, allein das verhindert nicht, daß ein Staat, dessen Trä- ger in diesem Maße„staatsfeindlich" geworden find, seinem Untergange mit Riesenschritten entgegeneilt. Das sozialdemokratische Element ,n Rußland wird wesent- lich durch die Studenten, und überhaupt die Zöglinge der höhe- ren Schulen geliefert. Die gebildete Jugend Rußlands ist vorwiegend sozialistisch, und wenn wir einerseits die Unzufrieden- heit in den herrschenden Kreisen, andererseits die von Tag zu Tag unträglicher werdende ökonomische Lage der russischen Bauern, d. h. von 90 Proz. der Bevölkerung, in Betracht ziehen, dann können wir, ohne uns dem Vorwurf des Optimismus aus- zusetzen, der Hoffnung Ausdruck verleihen, daß in Rußland die Sozialdemokratie berufen ist, schon in naher Zukunft eine be- deutungsvolle Rolle zu spielen. Zur sozialistischen Werththeorie. Von Geo. C. Stiebeling. (Schluß.) Daß aber dabei Sozialbedarf und Sozialproduktion nicht in eine heillose Verwirrung gerathen werden, das sollte der Herr Professor doch wissen. Denn er sagt ja selbst Seite 24 seiner „Quintessenz":„Die centralisirte, einheitlich geschlossene Collcktiv- Produktion könnte unzweifelhaft mindestens cbenso gut eine voll- kommen e tägliche, wöchentliche, monatliche, semestrale, jährliche Statistik der freien Jndividual- und Familienbedarfe aufnehmen, als solche jetzt auf dem Markt mit seiner Nachfrage sich von selbst vollzieht, und hiernach könnte die Nationalproduktion quan- titativ und qualitativ nach dem freien Bedarf sich gliedern. Außerordentliche Bedarfsschwankungen hätte man,— da das Volk fast nur gleichmäßig verzehrender Mittelstand wäre, Proletariat und Plutokratie fehlen ivürden— sogar weniger zu erwarten, als solche jetzt tagtäglich vorkommen. Lagervorräthe würden allerbings zur Ausgleichung da sein müssen; allein die sind jetzt auch da, in Gestalt der spekulativen Handelslager."— Und ferner Seite 40 und 41:„Die Absatzämter erheben den Bedarf, ver- theilen hiernach die Nationalarbeit auf die verschiedenen Ge- schäftsgattungen, auf die Produktions-, Transport- und Lager- Corporationen und deren Aemter und setzen den Werth der Produkte nach Maßgabe der darauf zu verwendenden durch- schnittlichen„gesellschaftlichen Arbeitszeit"(Karl Marx) fest. Nach dem so regulirten Werth kämen die Produkte zur Verthei- lung durch Liquidatton gegen die Arbeitsguthaben der sämmt- lichen Produzenten." Der Herr Professor Schäffle vergißt auch ganz und gar, daß eines der Hauptübel, welche der Sozialismus abschaffen will, gerade jene„heillose quantitative und qualitative Disharmonie" zwischen Sozialbedarf und Sozialproduktion ist, die unter dem Einfluß des Lohnsystems mit seiner Conkurrenz zu einer so be- dauerlichen Höhe sich entwickelt hat, und in immer häufigeren und schwereren Arbeits- und Handelsstockungen zu Tage tritt.— Doch wir wollen ihm an einem Beispiel zeigen, wie viel besser die Sache in dem Sozialistenstaat sich gestalten wird, und zwar an einem Beispiel aus dem schon oben berührten Gebiete des Ackerbaus, auf welchem die Sozialproduktion den meisten und bedeutendsten Schwankungen ausgesetzt ist, weil sie nicht vom Willen des Menschen allein abhängt, sondern großentheils vom Einfluß der Natur, d. h. der Witterung. Nehmen wir wieder an, daß das Land X im Jahre 1900 1 Million Hektoliter Weizen erzeugt, und dafür 5 Millionen Tage gesellschaftlich nothwendiger Arbeitszeit aufgewendet hat. Der durchschnittliche Kostenwerth eines Hektoliters ist also gleich 5 Tagen gesellschaftlich nothwendiger Arbeitszeit. Von der einen Million Hektoliter braucht es 800,000 für den Verzehr und für die nächste Aussaat, und 200,000 als Lagervorrath.— Im Jahre 1901 bringt eine gute Ernte 1 Million und 250 Tausend Hek- toliter, wofür 5 Millionen und 100 Tausend Tage gesellschaftlich nothwendiger Arbeitszeit aufgewendet wurden. Der durch- schnittliche Kostenwerth eines Hektoliters belauft sich daher auf 5,100,000 1,250,000 — 4,08 Tage. Nun sind aber vom Jahre 1900 200,000 Hektolittr von 5 Tagen durchschnittlichem Kostenwerth noch übrig, welche mit in die Rechnung gezogen werden müssen. 1,250,000 Hektoliter zu 4.08 Tagen macht 5,100,000 Tage, und 200,000 Hektoliter zu 5 Tagen macht 1,000,000 Tage, zusammen 1,450,000 Hektoliter zu 6,100,000 Tagen oder 1 Hektoliter zu 4,21 Tagen, d. h. der durchschnittliche Kostenwerth eines Hektoliters Weizen im Jahre 1901 ist gleich 4,21 Ta- gen gesellschaftlich nothwendiger Arbeitszeit. Von diesen 1,450,000 Hektolitern werden 900,000 für den Verzehr und die nächste Aussaat bestimmt, und 550,000 als Lagervorrath.— Das Jahr 1902 fällt schlecht aus. Obschon wegen vermehrter Bevölkerung eine größere Bodenfläche bebaut worden ist, kommt der Ertrag nur auf 800,000 Hektoliter, die 5,200,000 Tage ge- sellschaftlich nothwendiger Arbeitszeit erfordert haben. Die 550,000 Hektoliter vom vorigen Jahre zu 4,21 Tagen per Hek- toliter mit den diesjährigen 800,000 Hektolitern zu 5,200,000 Tagen zusammengerechnet, giebt1,350,000Hektouter zu 7,515,500 Tagen, ober 1 Hektoliter zu 5,57. Der durchschrnttttche Kostenwerth eines Hektoliters Weizen im Iahte 1902 ist also gleich 5,57 Tagen gesellschaftlich nothwendiger Arbettszett. Von diesen 1,350,000 Hektolitern dient 1.000.000 zur Consumtton und zur Aussaat, und der Rest von 350M) als Lagervorrath.— Das Jahr 1903 liefert wieder eine Mittelernte von 1.100.000 Hekto- litern, die 5,300,000 Tage beansprucht haben. Die 350,000 Hek- toliter vom vorigen Jahre zu 5,57 Tagen per Hektoliter mit den diesjährigen 1,100,000 Hektolitern zu 5,300,000 Tagen zu- sammengerechnet, giebt 1,450,000 Hektoliter zu 7,249,500 Tagen oder 1 Hektoliter zu 5 Tagen. Der durchschnittliche Kostenwerth eines Hektoliters Weizen im Jahre 1903 ist also gleich 5 Tagen gesellschaftlich nothwendiger Arbeitszeit, wie bei der mittleren Ernte des Jahres 1900. In den 4 Jahren 1900— 1903 bei guten, mittleren und schlechten Ernten schwank demnach der durchschnittliche Kosten- werth eines Hektoliters Weizen von 4,21 bis 5,57, d. h. etwa um 20— 25 Prozent. Wenn der Herr Professor sich daran erinnert, daß heutzutage der Unterschied im Marktpreise des Weizens nach einer guten und nach einer schlechten Ernte oft über 100 Prozent beträgt, so muß er zugeben, daß die Leute im Sozialistenstaate sich viel leichter„nach der Decke strecken" können, als unter der jetzigen Gesellschaftsordnung. Bringt er ab�r außerdem in Anschlag, daß die schlechte Ernte immer nur «inen Theil der Erde betrifft, während der andere sich einer guten erfreut und den Mangel ersetzen kann, und daß alle Länder ihre Produktion auf internationaler Grundlage einrichten werden, so muß er es sehr wahrscheinlich finden, daß die Schwan- kungen im durchschnittlichen Kostenwerthe des Getreides noch beträchtlich geringer ausfallen werden, als nach obiger Berechnung. Und bedenkt er endlich, daß alle anderen Gebiete des gesell- schaftlich- stofflichen Lebens eine mehr oder weniger genaue Voraus- festsctzung sowohl der Größe des Bedarfs, wie der zu seiner Deckung erforderlichen Produktenmaffe gestatten, so muß er auch zu der Ueberzeugung kommen, daß der Sozialistenstaat mit Hilfe einer streng durchgeführten und die kleinsten Einzelnheiten um- fassenden Statistik viel besser im Stande sein wird, das voll- kommenste Gleichgewicht zwischen Sozialbedarf und Sozialpro- duktion herzustellen und zu erhalten, als es die Bourgeois- Monarchie oder die Bourgeoisrepublik mit ihrer dem Willkür- lichen Belieben der Spekulanten und Zufälligkeiten aller Art unterworfenen Marktpreisbestimmung je zu thun vermögen. Sozialpolitische Uebersicht. — Die Aussichten auf Erhaltung des Friedens, d. h. auf Vertagung des Kriegs find nach den letzten Nachrichten fast gänzlich geschwunden. Jedenfalls ist die Bismarck'sche„Media- tion"(Maklerei) total verunglückt— das wird jetzt selbst von der russischen Presse eingestanden. Lord Beaconsfield ist ein ge- riebener Diplomat, der den Werth von Worten und Versprechun- gen kennt. Und— einen günstigeren Moment zur Abrechnung mit Ruhland findet er nicht. Die Volkserhebung in Süd- bulgarien hat England eine unverhoffte Hilfsarmee gegeben, welche beim Ausbruch des Kriegs unschätzbare Dienste leisten wird. Die Zahl der wohlbewaffneten, sogar mit Kanonen ver- sehenen Insurgenten wird auf 30,000 Mann veranschlagt; es sind meist alte Soldaten und sie haben den Russen bereits tüch- tige Schlappen, ja Niederlagen-zugefügt. Die Zahl ist in täg- lichem Steigen. Natürlich argwöhnen die Russen, baß der Auf- stand von der türkischen Regierung genährt werde— womit sie vermuthlich Recht haben. Daß das Nationalitätsprinzip, dessen Spitze die Russen gegen die Türkei gewandt, sich nun mit einem- mal gegen Rußland gesandt hat, ist die Nemesis, wie sie im Buch steht. — Die Fortschrittspartei rüstet. Nachstehenden Auf- ruf erläßt der Ausschuß der deutschen Fortschrittspartei, in wel- chem sich natürlich auch der moderne Thersites Herr Eugen Richter befindet. „Die nächsten Wahlen— mögen dieselben nun bald oder erst nach Ablauf der Legislaturperiode erfolgen— werden mehr als sonst die Anstrengungen aller freisinnigen Wähler erheischen. Es gilt, den Volkshaushalt gegen neue Steuerbelastungen, große Erwerbszweige gegen Beunruhigungen durch bedenkstche Projekte, wie Tabaksmonopdl, Reichseisenbahnen, drückende Verbrauchs- steuern sicherzustellen. Die Sozialdemokratie bleibt zu bekämpfen; neuen Gefahren und Bündnissen der Reaktion mit Vertretern von Sonderintcressen ist entgegenzutreten. Einer Politik, welche im letzten Ziele darauf hinauskommt, durch Mo- nopol, Steigerung der Verbrauchssteu rn, Auflegung neuer Zölle, Erhöhung der Eiscnbahnfracht dem Volke den Lebensbedarf zu vertheucrn und der Volkswirthichaft eine falsche Richtung aufzu- zwingen, gilt es eine entschlossene Mehrheit �entgegenzustellen, kräftig genug, um auch positiv die freiheitliche Entwickelung der Nation auf politischem und wirthschaftlichem Gebiete zu fördern. �„ Die Thätigkeit, welche seiner Zeit unmittelbar vor den Wahlen in den einzelnen Kreisen zu entfalten ist, wird in hohem Maße erleichtert, wenn planmäßig die Borbereitungen getroffen find, um die einzelnen Wahlkreise im gegebenen Augenblick durch literarische Hilfsmittel, rednerlsche Kräfte(Sckimpf- richter!), sowie auch durch Baarsummen unterstützen zu können. Hierzu müssen Geldmittel in erheblichem Betrage schon vor- handen sein, ehe die Wahlthätigkeit beginnt." Wir theilen unfern Lesern diesen Aufruf lediglich mit, daß fie gleichfalls sich zum energischen Wahlkampfe vorbereiten und überall, wo es gehl, dem heuchlerischen Fortschritt energisch ent- Aus Brasilien. Sanct Bento, im März 1878. Nachstehenden Brief erhielt die Redaktion des„Reichenberger Arbeiterfreund", dessen weitere Verbreitung im Interesse der deutschen Albeiter liegt: Durch die schlechte, arbeitslose Zeit waren wir gezwungen auszuwandern, um jenseits des Oceaus, in den deutschen Colo- nien Brasiliens, eine neue Heimath, ein neues Vaterland zu suchen; es ist dies kein leichter Versuch, arm, ohne alle Mittel, mit Weib und Kindern eine derartige Wanderung zu unter- nehmen. Viele deutsche Arbeiter werden unS beneidet haben, als wir jene Reise in das gepriesene Land der Botokuden an- traten jedoch unsere heutige Lage ist alles andere, nur nicht beneidenswerth. Wir haben den verlockenden Briefen der Agenten Vertrauen geschenkt, und sitzen nun hier und leiden Roth; wir glaubten ein Land der Freiheit zu finden und find wieder die Knechte Anderer geworden, w,e wir IN dem verlassenen Heimaths- lande waren; die Herrschast der Besitzenden bedingt überall die- selben Ursachen und hat üverall dieselben Folgen. Wo die Armen mangeln, dort fehlen auch die Reichen, und wo Reiche sind, müssen Arme sein, we,l sich der Rerchthum nur durch die Verwendung der Armuth zu Produktiven Zwecken ergicbt. Sie sehen also, der große Ocean hat die sozialistische Färbung nicht ganz verwaschen können; wenn man sich einmal mit einer großen Idee bekannt gemacht hat, so bleibt etwas hängen, man mag hinkommen, wohin man will, vis zum letzten Augenblicke. Es vergißt sich nicht, was man mit den Genossen gesprochen hat über die Befreiung der Bevölkerung aus den ökonomischen und politischen Fesseln, auch wenn Meere dazwnchen liegen. Nun zur eigentlichen Sache. Die Colonie Donna Fran- zioka wurde im Jahre 1849 von dem„Hamburger Colomsations- Vereine" gegründet; die Colonie Sanct Bento gründete der nämliche Verein im Jahre 1873. Beide Colonicn versprächen allerdings eine blühende Zukunft, wenn dieser Coloniiatious- verein seine Versprechungen hielte, bis dato haben sich aber dieselben als Lug und Trug erwiesen. In den von diesem Vereine versendeten Prospekten heißt es unter anderem auch:„Ein Jahr hat jeder Colonist ärztliche | gegentreten. Die Fortschrittspartei ist die widerlichste aller unserer Gegenparteien, weil sie ein freisinniges Mäntelchen sich umhängt, um das Volk zu betrügen; doch durch die vielen Löcher dieses Mäntelchens kann jeder aufmerksame Politiker die nackte Reaktion erblicken. Also nieder mit diesen politischen Heuchlern und Betrügern! — Je wohlfeiler die Arbeitskraft, je höher der Pro- fit— auf diesen Satz schwört der Bourgeois, wie der gläubige Christ aufs Evangelium; was Wunder also, wenn er sein Augen- merk namentlich auf die Kinder lenkt und diese für ein wahres Spottgeld in seinen Dienst zu pressen sucht. Gesetze, welche dem Bourgeois bei diesem edlen Metier etwa hindernd im Wege stehen, weiß er geschickt zu umgehen, oder er beachtet sie, da er sich mit den„Gesetzeswächtern" in der Regel auf guten Fuß zu stellen weiß, gar nicht, weil er weiß, daß diese ihm kein Haar krümmen. Es ist daher nicht befremdlich, wenn die Kinderarbeit wie überall, so auch bei uns in Deutschland in hohem Maße florirt. Wie eine Bosheit erscheint es uns aber, wenn die Reichs- regierung über die Kinderarbeit in Deutschland eine Enquete anstellen läßt und deren ziffernmäßiges Ergebniß bekanntgiebt, weil sie damit ihren lieben Freund und allerunterthänigstcn Diener, den Bourgeois, an den Pranger der Unmenschlichkeit stellt. Doch das mögen die beiden Freunde unter sich aus- machen, wir halten uns an die Enquete. Darnach wurden be- schäftigt Kinder im Alter von 12—14 Jahren in: Eisen-Erz- bergwerken und Kohlengräbereren 1327; Eisen-. Zink-, Blei- und Arsenikhütten 300; Ziegeleien 1023; Glas-, Porzellan-, Thon- und irdene Maaren 966; Zündwaaren 393; Kurz-, Knopf- und Spielwaaren 1057; Seiden-, Flachs-, Kamm- und Baumwollen- garn- Spinnerei 4672; Seiden-, Sammet-, Zeug- und Tuch- fabrikation 2361; Bleicherei und Färberei 462; Watte und Kunstwollfabrikation 33; Tüll- und Spitzen-Fabrikation, Strick- und Posamentirwaaren 815; Papier- und Cartonnage- Fabrikation 800; Strohhut- und Strohwaaren-Fabrikation119; Tabakindustrie 6696; Chokoladen- und Cichorien-Fabrikation 97; Rübenzucker- Fabrikation 60. Im Ganzen 21,585. Also 21,587 Kinder in dem hoffnungsreich:» Alter von 12 bis 14 Jahren sind in das Geist und Körper erdrückende Joch des Kapitalismus gespannt. Daß diese Ziss-w aber bei Weitem nicht die volle und nackte Wirklichkeit aufdeckt, erhellt schon aus dem Umstände, daß die Enquete sich nur auf die Fabriken be- schränkte und von der Hausindustrie, die dem Ausbeuterthum noch ein viel größeres Contingent an Kindern zur Verfügung stellt, ganz absah. Wenn irgend etwas, so ist gerade die Her- anziehung der Kinder zur regelmäßiqen industriellen Arbeit eine der finstersten Schattenseiten der kapitalistischen Produktionsweise, und alle staatsrechtlichen Gesetze werden den Hang des Privat- kapitals nach Consum der Kinderarbeit nicht beseitigen, es sei denn— der Sozialismus selber wird Gesetz. — Die Berliner Polizei hat mit ihrer eines Laien wür- digen Interpretation des§ 360 des Reichsstrafgesetzbuchs, welcher bekanntlich den„groben Unfug" verfolgt, ein gründliches und wohlverdientes Fia-ko erlitten. Nach den Begriffen der Berliner Polizei nämlich ist es, wie unsere Leser wissen,„grober Unfug", wenn Jemand in öffentlicher Versammlung zum Austritt aus der Landeskirche auffordert und zu diesem Zwecke AustrittSfor- mulare vertheilt. Wegen dieses„Vergehens" gegen den ß 360 des R.-Str.-G.-B. hatte denn auch die Berliner„Löbliche" einen Colporteur in Strafe genommen; auf den Rekurs des Ver- urtheilten erfolgte jedoch dessen Freisprechung Seitens des Einzel- richters, der selbstredend in der Aufforderung zum Austritt aus der Landeskirche groben Unfug nicht entdecken konnte. Die Ber liner Polizei möge sich das zu Herzen nehmen und ein andermal etwas gründlicher die Gesetzesparagraphen studiren, bevor fie „Strafen" verhängt. — Dem Privatbriefe eines österreichischen Eisenbahnbeamten entnehmen wir folgende für die Situation in Oesterreich- Ungarn bezeichnende Stellen:„Hier nichts von Belang, als daß wir Eisenbahner, d. h. solche die wehrpflichtig, den Auftrag erhalten haben, uns zur Einrückung parat zu halten. Von Seite der Bahnen wird bereits allseitig Vorsorge getroffen und wird die Mobilisirungsordre täglich erwartet. Militär-, Pferde- und Munitionstransporte in Separatzügen sehe ich täglich; durch Ungarn gehtn von Arsenal Wien nach Siebenbürgen täglich schwere Separatzüge unter der Deklaration: Aerar'sches Gut, Maschinenbestandtheile ab. Man kennt solche Maschinenbestand- theile. Pferde sind bereits vom Lande einberufen, und es werden auf mehreren Eisenbahnstationen, so auch hier, Militärproviant- magazine neu errichtet.— Man sieht, daß die von unseren Hilfe frei." Dieselbe haben wir wohl, aber was für eine. Ein gröberer und pflichtvergessenerer Arzt kann wohl kaum noch auf- gefunden und von der Sonne beschienen werden, wie es dieser lvr. Wolf ist; derselbe zahlt nicht selten noch etwas heraus, daß er nur den Kranken nicht zu besuchen braucht. Unter freier ärztlicher Behandlung verstanden wir auch den unentgeltlichen Medikamentenbezug, dieses ist jedoch nicht der Fall. Bei jeder Zadlung, die alle zwei bis drei Monate einmal vorkommt, sitzt dieser Herr Doktor in der Direktion und verlangt sein Geld für die Medikamente, das heißt es wird dieser Betrag den Colo- nisten vom Direktor Brustlein vom Lohne abgezogen und dem Doktor zugestellt. Und was das für Medikamente sind(ähnlich wie sie die böhmischen Kartenaufschlägermnen mitunter verabfolgen) und zu welchen Preisen sie den Colonisten angerechnet werden!— Es ist eine Schande für den Colonisationsverein, daß sein Direktor diesem Wolf zur Plünderung der Schafe Handlaugerdienste leistet. Die einzige Arbeit, welche den eingewanderten Colonisten zu- gewiesen wird, ist Straßenbau. Auch freie Wohnung verspricht in seinem Prospekte der Colonisationsverein. Die haben wir auch in Gestalt eines 50 Meter langen und ungefähr 10 Meter breiten Schuppens. Die Herstellung einer solchen„Wohnung" geschieht auf folgende Art: es werden einige Baumstämme in die Erde gerammt, mit einigen Brettern beschlagen und die Wohnung ist fertig. Wie diese„Wohnungen" aussehen, kann sich jeder leicht vor- stellen; als Fußboden dient die Mutter Erde, als Schornstein eine Oeffnung, welche nebstdem noch Thüre geheißen wird. Hier lebt nun alles unter einander: Männer, Weiber, Greis, Jung- frauen, Jüngling- und Kinder; hier lebt, hier ißt und schläft man; Kinder werden geboren und sterben; von Schamgefühl kann unter solchen Verhältnissen keine Rede mehr sein; die Menschen verthwren. Sehr viele Colonisten sind schon durch den„Hamburger Colonisationsverein" bei Zeiten„selig" gemacht worden, dieses Verdienst muß ihm gelassen werden. Unsere Nahrungsmittel find Maismehl, schwarze Bohnen und getrocknetes Fleisch; Krankheiten find für Einwanderer aus der mittleren Zone im Anfange die Regel, nicht die Ausnahme. Welche Pflege hat nun eine solche, plötzlich krank gewordene Familie in einem Russcnfreunden fortwährend ausposaunte russisch- österreichische Freundschaft immerhin nur auf den Bajonetten fitzt. Dieser kitzliche Platz kann ihr aber wohl bald unangenehm werden, so daß sie sich in den Schmollwinkel zurückzieht und ihrer Halb- schwester, der Feindschaft, Platz macht. — Voltairefeier. In Paris hat sich— schon vor längerer Zeit— ein Comitä gebildet, welches am 30. Mai ds. Jahres. als dem hundertsten Todesjahr des bekanntlich am 30. Mai 1778 verstorbenen Voltaire, eine Voltairefeier zu veranstalten beabsichtigt. Das Comits hat soeben in deutscher Sprache nachstehenden Aufruf veröffentlicht: Den 30. Mai dieses Jahres, einen Monat nach Eröffnung der Weltausstellung, wird sich in Paris der hundertste Todestag Voltaire's zu einer erhebenden, demonstrativen Feier gestalten. Wenngleich der Geistesrichtung nach Franzose und Pariser, bat Voltaire seiner Zeit eine kosmopolitische Mission erfüllt. Er hat sein ganzes Leben einem allgemein- menschlichen Cultur- zweck, einem großen Emanzipationswerk gewidmet. Er verdient demnach, als ein Borkämpfer der Humanität, einen europäischen Dank, hat ein Anrecht auf die Pietät aller Derer, die seinen Abscheu gegen staatliche, wie religiöse Intoleranz theilen. Auf diesem Grab sollten sich die Gleichgesinnten aller Nationen die Hände reichen, und deshalb wendet sich das Centralcomitä ver- trauensvoll an Diejenigen alle, die in Voltaire den schlagfertigen, unermüdlichen Streiter für Aufklärung und thatkräftigen Recht- sinn ehren. Das ganze jesuitenfeindliche Frankreich wird sich dieser groß- artigen Kundgebung anschließen, und das Centralcomitä bat die Beweise in Händen, daß die Feier eine durchschlagende Wirkpng erzielen wird. Aber Frankreich will sich in dieser Feier eines Mannes, der für die Güter der gesammten Menschheit ein- getreten ist, nicht isoliren: für die freie Forschung und für die Menschenliebe giebt es keine Grenzpfähle. Wir appelliren darum über die nationalen Schranken hinaus an Alle, denen die freie Forschung und die Menschenliebe theuer ist. Sie alle sollen bei diesem Fest des Geistes vertreten sein, und deshalb fordern wir Sie auf, sich mit uns ins Einvernehmen zu setzen. Das Pariser Centralcomitä wird sich ein Vergnügen daraus machen, Ihnen jede nähere Auskunft zu ertheilen; es bittet sie, es durch alle Mittel der Publizität zu unterstützen und Subskriptionslisten zur werkthätigen Theilnahme an der Feier zu eröffnen, damit sich auf allen Universitäten und in allen großen Städten Deutsch- lands und Oesterreich-Ungarns Lokalcomites zur Beschickung deS Voltaire-Jubiläums bilden mögen. Wir bitten Sie, uns eine schleunige Mitwirkung zuzuwenden, damit die kurze Frist bis zum 30. Mai möglichst ausgebeutet werde und hoffen, auf ein freundliches Entgegenkommen Ihrerseits rechnen zu dürfen. Gefällige Mittheilungen nimmt das„Comitä Central du Centenaire' de Voltaire", 5, Rue Croix-de-Petits-Champs, ent- gegen. — Daß die Arbeiterbewegung in Nordamerika er- freuliche Fortschritte macht, davon legten die zu Anfang April in verschiedenen Städten stattgehabten Stadtwuhlen Zeugniß ab. In Chicago z. B. hatte es die sozialistische Arbeiterpartei auf 8000 Sttmmen gebracht und es gelang ihr, einen Councilman (Bezirksvorsteher) in die Stadtvertretung zu bringen. In Mil- waukee. Cincinnati und St. Louis brachten es die Arbeiter ebenfalls zu recht ansehnlichen Minoritäten. Bei der noch sehr jungen Orqanisatisn der sozialistischen Arbeiterpartei Nord- amerika's sind diese Resultate als guter Anfang mit Freuden zu begrüßen. — Ein allgemeiner Gewerkschafts-Congreß wird zu den Psingstfciertagen in Magdeburg eröffnet werden. Die sehr reichhaltige Tagesordnung, mit welcher sich der Congreß zu beschäfttgen haben wird, zerfällt in zwei Abtheilungen, von denen namentlich die zweite das ganze Interesse des CongresseS in Anspruch zu nehmen geeignet ist. Wir begnügen uns für jetzt mit diesen kurzen Andeutungen, wollen aber noch den Wunsch aussprechen, daß der Congreß möglichst zahlreich und allseitig von den Gewerkschaften beschickt werden möge. — Man schreibt uns aus Erfurt:„Der unermüdlichen Thätigkeit des hiesigen Staatsanwalt Jesse ist es wiederum ge- lungen, einen unserer braven Genossen 8 Monate hinter Schloß und Riegel zu bringen. Wiesinger war angeklagt, in einer Rede, gehalten im Wahlverein, gegen die Zß 166 und 360 Alinea 11 verstoßen zu haben. Die Verbandlungen, welche kürzlich hier stattfanden, erfolgten mit Ausschluß der Oeffentlichkeit, weil derartigen Empfangshause, wo Wind und Regen überall hin- durch können? Gar keine. Da gilt ganz einfach der Spruch: Was zäh ist, hält, und was morsch ist, bricht. Wenn sich auch die Colonisten nicht wohl befinden, desto besser befindet sich der „Hamburger Colonisationsverein"; er füllt sich unter solchen Umständen die Taschen. Er schafft Menschen in unbebaute Gegenden und läßt fie dort langsam zu Grunde gehen, und das ist in gewisser Be- ziehung auch Mcnschenmord. Weiter heißt es in dem Prospekt:„Der Hamburger Colo- nisattonsverein geht von dem Prinzip aus, der Einwanderer muß vollständig Herr seiner Zeit und seines Willens sein." Alles schön und gut zu— lesen. Die Thatsachen aber sind ganz anders.— Die Einwanderer kommen meistens ohne Mittel in Donna Franziska an, hier sollen sie nun durch sechs Wochen (laut Prospekt) mit Lebensmitteln versehen werden; wir erhielte» durch zwei Tage Lebensmittel, dann muhten wir uns selbst be- köstigen, von was, das war unsere Sache. Wir waren Herren über unsere„freie Zeit" und verkauften ganz aus„freiem Willen' was wir hatten, Betten, Kleider, Wäsche u. s. w. In Donna Franziska verblieben wir vierzehn Tage, dann hatte die Direktion die Güte und schaffte uns auf Leiterwagen bis an ein hohes Gebirge, welches wir zu übersteigen halten. Hier hatten wir wieder viel„freie" Zeit und„freien" Willen. Achtzehn Tage mußten wir hier warten, bevor der gewünschte Trupp Maulesel ankam, um uns weiter zu bringen. Während dem gab jeder, was er hatte, damit nur Niemand der Roth erliegen sollte. Unsere Habseligkeiten wurden dann gepackt, die Männer führten die Maulesel, die Weiber ritten auf denselben und die Kinder hingen in Körben an den Seiten der Thiere. Durch drei Tage ging es durch den dichten Urwald, der Weg war so schlecht, daß sich kein Europäer einen Begriff davon machen kann. Heruntergerissen und schmutzig kamen wir endlich in dem fl«' lobten Lande Sanct Bento an. Bisher war es uns schlecht gegangen, nun ging es uns sehr schlecht. Wer leben will, geht hin und baut Straßen und erhält in zwei bis drei Monaten schon seinen Lohn; wer Geld hat Wiesi nger Redewcnduiigen gebraucht habe, die gegen die„guten Sitten" verstoßen. Staatsanwalt Jcsse beantragte 1 Jahr Ge- fängniß, der Gerichtshof erkannte auf 8 Monate. Auf Antrag des Staatsanwalts erfolgte die sofortige Verhaftung Wiesinger's. Von demselben Gericht wurden— seit des kurzen Bestehens unseres Thüringer Parteiorgans— folgende Genosien ver- urtheilt: Götz� 1 Monat Gefängniß; Bruck 6 Monate; Genosse Schulze befindet ffch schon 10 Wochen in Untersuchungshaft und soll 14 Anklagen haben; ferner schweben noch Untersuchungen gegen Wicsiiiger, Bruck, Werner. Die Bestrafungen und Unter- suchungen, welche vor dem Krcisgericht in Gotha schweben, sind nicht mitgezählt.— Daß ist die deutsche„Freiheit", d.-r Staat der„Gerechtigkeit". Die hiesigen Genossen werden trotzdem muthig weiter kämpfen, ob ihnen auch fernerhin das stille Asyl des Gefängnisses winkt." Unser wackere Genosse, der frühere Redakteur der„Berliner Freien Presse", Paul Pentier, ist den 24. April als Gefangener in der Charitä gestorben. Dentler befand sich, wie unser Berliner Parteiorgan, die„Ber- liner Freie Presse", schreibt, seit dem 18. Januar dieses Iah- res in Untersuchungshaft; er wurde verhaftet, trotzdem mehrere renommirte Aerzte erklärt hatten, daß er die Haft unmöglich überstehen könne. Als sich sein Zustand in der Stadtvoigtei mehr und mehr verschlimmerte, wurde er nach der Charite überführt. Mau ließ ihn nicht frei—, obwohl das gegen ihn erlassene Urtheil noch keineswegs rechtskräftig geworden, man ließ ihn nicht frei, obwohl man sich darüber klar sein konnte, daß man es mit einem Todtkranken, mit einem Sterbenden zu thun hatte.— Was sollen wir Angesichts des Todten zu diesen Borgängen sagen? Sollen wir anklagen, Diejenigen anklagen, welche ihn in den Kerker warfen? Sie find durch gesetzliche Bestimmungen gegen solche Angriffe geschützt, und die steinernen Gesetze zu brandmarken, das erscheint uns heute müßig. Wir wollen nur dem Todten noch einmal das Wort lassen über die Thatsachen, die seinem Tode vorausgegangen, die sein Sterben zum Mindesten beschleunigt haben. Sie klagen mehr an, als das unsere, vom gerechten Zorn diktirten Worte zu thun ver- möchten.— Dentler schrieb uns vor seiner Ueberführung nach der Charite: „Ich glaube, ich stehe vor dem letzten Akt— so oder so— und daher ist es gut, einmal die Vorgänge, die sich seit meiner Verhaftung abgespielt haben, zu rekapituliren: Am Tage meiner Verhaftung wird von den Freunden unter Einreichung eines Attestes meine Entlassung aus Gesundheitsrücksichten be- antragt. Der Anstaltsarzt, königl. Sanitätsrath, Stadtphysikus:c., kann mit mir nicht ins Klare kommen und behält sich sein Ur- theil vor, um mich„einige Tage" zu beobachten. Die„Be- obachtung" bestand darin, daß Herr ec. Dr. Lewin in der fol- genden Woche zweimal in meiue Zelle kam, mich fragte, wie mir's ginge, und verschwand. Aus den„einigen Tagen" sind sieben Wochen geworden, Herr Lewin hat noch immer kein Urtheil über mich. Nur hatte er, als ich ihm mittheilte, daß ich appellirt hätte, den sanften Vorwurf für mich:„Warum thun Sie das? es hilft Ihnen ja doch nichts!"— Da ich mitt terweile einsah, daß auch Herr Lewin mir nicht helfen würde, so stellte ich bei Gericht den Antrag, mich gegen Hinterlegung elner Caution, deren Höhebemessung ganz und gar dem Gericht anheimgestellt sei, zu entlassen,— der Antrag wird ohne Angabe rrgend eines Grundes abgelehnt. Endlich erfahre ich, daß mir «rn Rekurs an den Gerichtsphysikus zusteht. Am Freitag, den 15. Februar, erbitte ich unter Ueberreichung schriftlicher Anträge in mündlicher Unterredung von Herrn Direktor Reich Befchleu- uigung der Sache, die mir zugesagt wird.— Mein Zustand verschlimmert sich mit zedem Tage, nach Verlauf einer Woche erinnere ich— vergebens. Eine zweite Woche bricht an, geht zu Ende, und am letzten Tage derselben— vierzehn Tage nach meinem Antrage— erscheint Herr Medizinalrath Wolff. Herr Wolff hat die gerichtliche Benachrichtigung Tags zuvor erhalten.-- Nach einer sehr sorgfältigen Untersuchung geht Herr Wolff, nachdem er sich sehr bedenklich über meinen Zustand ausgesprochen hat.— Seit jener Untersuchung sind wiederum volle acht Tage verflossen, ich bin nach wie vor im Unklaren über mein Schicksal, die siebente Deputation hat seitdem drei Sitzungen gehabt, und ich— nun ich habe heute Nach- mittag in der Spazierstunde Blut gespieen, nach meinen seit' Herigen Erfahrungen ein Vorbote starker, in kurzer Zeit darauf folgender Lungenblutungcn. DaßichjetzteineLungenblutung vom Schlage der beiden erlebten überstehen würde, halte ich einfach für unmöglich." Dentler hatte Recht, er verblutete, er verblutete im Kerker! Tie„Berliner Volkszeituna" bemerkt zu dem Todesfall unseres Genossen, daß es häufig vorkomme, daß notorische Betrüger wegen Krankheit aus dem Gefängniß beurlaubt würden; um so inehr sei das Verfahren gegen Dentler unbegreiflich, besonders da sich das Gericht doch selbst hätte sagen müssen, daß man da- durch der Sozialdemokratie, die man bekämpfen wolle, nur Vor- schub leiste.— Daß unsere Gegner immer für uns agitiren, ist bekannt, aber auch_ unsere Parteigenossen kämpfen selbst im Tode-ringen noch n>.t für die große Sache der Befreiung der Menschheit. Ehre sei ihrem Andenken! Lassalle's Briese an Rodbertus. Bon C. A. Sch. (Schluß.) Die Consequenz des sich selbst entwickelnden Lebens hat Lassalle's kühnste Erwartungen übertroffen. Die von ihm gegründete Arbeiterpartei ist ihm ewig zu Dank verpflichtet für seine Agitation, welche es erst möglich gemacht hat, das ferne, aber endgültige Ziel schon jetzt in's Auge zu fassen, jenes Ziel, welches uns Lassalle damals noch nicht nennen durfte, weil wir Alle noch in dem blinden Aberglauben von der„Heilig- keit" der bestehenden Eigenthumsordnung steckten. � Lassalle bot verständiger Weise in der Formel der Produktiv- Assoziationen den kleinen Finger seiner großen Idee.— Die Consequenz des sich selbst entwickelnden Lebens hat die Arbeiter schnell genug dahin gebracht, die ganze Idee in ihrer Totalität zu verstehen und mit eiserner Energie zu erfassen. Wohl giebt es noch eine ganze Anzahl von Arbeitern, die an dem Wort des Meisters hängen und es beinahe wie einen Abfall von seinen Lehren betrachten, wenn die Majorität jetzt den geraden Weg auf das endgültige Ziel der Einführung eines nur auf Arbeit basirenden Einkommen- Eigenthums lossteuert und den damals für nothwcndig erachteten Umweg über die Produktiv Assoziationen mit Staatskredit verschmäht,— das sollte aber doch unter denkenden und vernünftigen Arbeitern kein Grund zur Spaltung sein. Auch diese Lassalleaner von der strikten Observanz werden„mit der Consequenz des sich selbst entwickeln- den Lebens" noch dahin kommen, wohin sie Lassalle zu führen gedachte. Lassalle hat noch unmittelbar vor seiner Abreise nach Frank- furt a. M., woselbst er seine große, im Arbeiterlesebuch abge- druckte Rede hielt, an Rodbertus geschrieben: „Ich werde das Mittel der Assoziation zwar plaidiren, aber ausdrücklich als offene Frage, das Prinzip lediglich in die Staats- intervention setzend, wie ich auch schon in meiner Erklärung für die Coburger Arbeiterzeitung gethan." Was er hier versprochen, das hat er in Frankfurt gehalten und dort— man lese die Stelle nach— gesagt: „Nur um das Prinzip handelt es sich heute: durch die Ge- setzgebung, durch die Intervention des Staates die Verbesserung Eurer sozialen Lage herbeizuführen. Welches die geeigneten Mittel hierzu wären— diele Diskussion ist eigentlich hier noch ganz verfrüht. Diese Diskussion gehört erst in die gesetzgebenden Körper. Es sind manche und sehr verschiedene Mittel hierbei denkbar und im Laufe der Zeit nothwendig." Rodbertus war ein entschiedener Gegner der von Lassalle geplanten Produktiv- Assoziationen; die Auseinandersetzung der Gründe, weshalb Lassalle an diesem Gedanken festhielt, füllt einen Theil der Briefe aus. Es fallen in ihnen aber auch hoch- interessante Streiflichter auf den politischen Standpunkt Lassalle's, den die heutigen Bismarckanbeter, Allen voran der vielgewandte Herr Mehring, gern zu einem beschränkt nationalen ausdeuteln möchten, wozu ihnen die falsche Auslegung einzelner Stellen aus Lassalle's Schrift von 1859:„Der italienische Krieg und die Aufgabe Preußens" die willkommene Gelegenheit bietet. Diesem Treiben macht der jetzt veröffentlichte Briefwechsel ein jähes Ende. Denn das„Deutschland ohne Oesterreich", das wir jetzt haben, dieses Kleindeutschland hat der Republikaner Lassalle nie gewollt. Er schreibt: „Wenn ich etwas in meinem Leben gehaßt habe, ist es die kleindeutsche Partei. Alles Kleindeutsche ist Gothaerei und reine Feigheit. Vor 1'/- Jahren hielt ich hier einmal bei mir eine Versammlung meiner Freunde ab, worin ich die Sache so for- mulirte: Wir müssen alle wollen Großdeutschland moins les dy- nasties!(ohne die fürstlichen Familien)." Der Mann sollte ein'Verehrer der Bismarck'schen Politik sein! Hören wir nur, was er schon 1859 schrieb: „Das gute Einvernehmen zwischen den beiden großen Cultur- oder noch etwas verkaufen kann, geht und bebaut sein Land; denn jeder erhält ungefähr 100 Morgen, dieses ist das Einzige genau nach dem Programm. Wer nichts hat, kann nichts be- bauen; der Colonisationsverein hilft nur, wenn es nichts kostet, hier also nicht. Man könnte Sanct Bento das Pumpland heißen; denn in Folge der schlechten Auszahlung muß Jeder von einem Zahltage zum and-rn borgen, was er braucht. Die Krämer nehmen, weil sie borgen müssen, so hohe Pro- zente als möglich, demzufolge lebt man in jeder europäischen Hauptstadt beinahe so billig, wie in den brasilianischen Ur- Wäldern. Ein Kilo Weizenmehl kostet Vs Milreis(eine Milreis gleich 60 kr. ö. W.). Bon Schule ist fast gar keine Rede, obgleich ein Schulhaus in dem Stile des Emfangsgebäudes vorhanden ist, welches sich die Colomsten und nicht der Colonisationsverein erbaut haben. Der Lehrer der„Stadt" Sanct Bento est auch zugleich der Schuster der„Stadt" Sanct Bento, und das ist fein Glück; denn sonst würde er bald aufhören Lehrer zu sein. Die Direktion besolvet ihren Lehrer mit 16 Milreis des Monats, müßte da bei ihm nicht Schmalhans Küchenmeister sein und Lerchenwäscher werden, wenn er sich nicht als Schuster sein Stück Geld verdiente?'-y>, jeder Colonist für ein Kind pro Monat !/2 Milreis zahlen, aber wer soll sie denn schicken, da Niemand bezahlen kann? Vieles wäre noch zu berichten, doch für dieses- mal mag es genug sein; denn wer weiß ob dieser Brief auch an seine Adresse gelangt, und wenn er anlangt und verössent- licht wird, so wird das Mitgetheilte vollkommen genügen, um Auswanderer vor den Agenten des Hamburger Colomsations- Vereines und vor den beiden Mustercoionien Sanct Bento und Donna Franziska zu warnen. Zum Schlüsse noch Eines, was die Zustände hier ganz eigentbümlich charakterisirt. Der deutsche Consul Dr. Döcfel ist zugleich Kassirer bei der Direktion. Wer sich also über den Direktor beschweren wollte, wüßte dies bei dem Kassirer der Direktion thun, und der Erfolg einer derartigen Beschwerde ist vornweg einzusehen, deshalb thut's Niemand. Man lebt eben hier so schlecht, als man muß, weiter, und hofft, die Menschen sind schon einmal von der Hoff- nicht loszureißen,„auf eine bessere Zukunft, obgleich es bei genauer Beurtheilung der Sachlage sehr wenig zu hoffen giebt." Nicht in den Urwäldern Brasiliens, am Cap der guten Hoff- itung und in Port Adelaide in Australien sollen die Arbeiter Böhmens fernerhin ihr Glück suchen, sondern hier bleiben sollen sie und mitwirken zur Lösung des großen sozialen Problems; denn zum Glücklichwerden hat nns-r Heimathland Böhmen von Mutter Natur genug bekommen. Wir brauchen nicht des Satt- Werdens wegen in einen andern Welttheil auszuwandern, wenn wir unsere Kraft daransetzen, bessere Zustände zu schaffen. Bemerken müssen wir noch, daß dieser Brief an 20 Unter- schriften enthält, meist Leute aus unserer Gegend. — Biel auf dem Kerbholz. Folgende Ber ügung der Direktion der hannoverschen StaatSbahn ist jüngst allen Beamten und Arbeitern der Bahn zugegangen: „Mit der durch§ 2 der gemeinsamen Bestimmungen für alle Beamte w StaatSessenbahndienste vorgeschrlebenen Pfbcht gewissen- haiter Bewahrung der Amisvcrschwiegenhe.t, ist nicht nur jede unbe- fugte Mitiheilung über dienstliche Borgänge und Anordnungen, son- dern auch deren Krtistrung in öffentlchen Lokalen unvereinbar, da auf die, ein Wege unrichtige Auffassungen über Maßnahmen der Ber- waliunz ,n das Publikum gelangen und das Ansehen der Vermal- tung geschädigt wird. Wir untersagen daher die Besprechung von dienstlichen«ngelegrnh iten in öffentlichen Lokalen und werden Zu- widerhandelnoe zur Bestrafung ziehen. Dm unterstellten Bcamicn ist hiervon Eröffnung zu machen." Personen und Direknonm, die„viel auf dem Kerbholz» haben, sie wünschen niemals eine B-leuch-ung ihrer Handlungen. Wo sollen denn die Beamten übm ihre Veihältniffe sich mir einander umerhaltm, als in einem öffentlichen Lokale? Etwa auf der S.raße? Dann käme em neuer Ukas. Oder der Beamte ladet seine Coll-gen und Freunde aus dem Bürg-rslande in stire Wahnnng— dann wird auch d ese als ein öff ntl'ches Lokal angesehen. Pariren und Mrulhalten, so lautet d-e Parole, wenn nicht, so erhastet Ihr das Hungertuch. Drß eS aber sehr schlecht um die Verwaliung der Hannovers hen S aatsbahn bestellt sein muß, das beweiset die Angst vor einer öffenllichm Be- sprcchung. B-elleicht theilt ein oder der andere Beamte uns irgend eine Heldenthat der ängstlichen Direklion mit, damit wir d eielbc einer gewiss-nhaftm Besprechung zu Nutz und Frommen aller Be-Heiligten unterziehen können. Das lehrere gilt uusern hannöverfchen Parteigenossen zur g«f.«eranlaffung. Völkern, Deutschen und Franzosen, das ist der Punkt, von wel- chem alle politische Freiheit, aller civilisatorische Fortschritt in Europa, alle Vermehrung und Verwirklichung der geistigen Jdeenmasse, kurz alle demokratische Entwicklung und somit alle Culturentwicklung überhaupt unwiderruflich abhängt. „Der endlich gebändigte blutdürstige Tiger des National- Hasses zwischen diesen beiden Völkern wieder aus seiner Höhle geweckt— und auf vielleicht drei Decennien(30 Jahre) hinaus ist jeder Culturschritt geknickt, jede politische Fortbildung ge- hemmt, jede Verwirrung der Geister ermöglicht, jeder finstern und macchiavellistischen Cabinetspolitik wieder Thür und Thor geöffnet und die Barbarei gegenseitiger Eroberungs- und Ber- nichtungswuth an Stelle der inneren Entwicklung auf die Fahne der Völker geschrieben!! „Es wäre der weitaus ungeheuerste und unübersehbarste Sieg des reakttonären Prinzips, den dasselbe seit dem März 1848 erfochten." Die heutigen Thatsachen bezeugen, wie lehr Lassalle Recht gehabt hat; der Mann wäre auch in Ketten nach Lötzen gebracht worden, denn er hätte nach Sedan auch gegen die Annexion ge- sprechen, der wir die heutige Reaktion verdanken!— Lassalle's Briefe an Rodbertus sind leider zu theuer für die Arbeiter— Rmk. 2,40— aber in keiner den Arbeitern zuzäng- lichen Bibliothek, in keinem Lesecabinet sollten sie fehlen. Setzt auch ihr volles Verständniß eine genaue Kenntniß der Lassalle- scheu und Rodbertus'schen größeren Werke, sowie die des Ri- cardo'schen Systems voraus, so ist doch auch noch so vieles An- dere darin von Interesse, daß sie den lernbegierigen Arbeitern in den Bibliotheken zur Disposition gestellt werden müssen. Schwerlich wird Jemand diese Briefe unbefriedigt aus der Hand legen; sie sind ein Zeugniß von dem durchdringenden Geiste eines der größten Männer unseres Jahrhunderts, dessen Name noch genannt werden wird, wenn Niemand mehr an Bis- marck, Königgrätz und Sedan denkt. Aus Italien. (Fortsetzung aus Nr. 42.) Neapel, 19. April. (Schluß.) Das einzige Mittel, das dem Landarbeiter allenfalls zu Ge- böte steht, sich dieser„Sklaverei in materieller und persönlicher Hinsicht" zu entziehen, wäre die Auswanderung, die, wenn ein- mal unternommen, meistens nach Südamerika stattfindet. Es ist ja wohl unmöglich, daß ein so nüchterner und gewiß fleißiger Arbeiter, wie der italienische, in Amerika z. B. noch schlechter fahren sollte, wie in der„lieben Heimath". Weniger wie 85 Centimes bis Lire 1,70 wird wohl nirgends sein Tagelohn be- tragen, und mithin hat er eine Verschlechterung seiner Verhält- nisie durch die Auswanderung wohl nicht zu befürchten. Je ärmer die Provinzen und je größer das Elend ihrer Bewohner, desto stärker der Drang zur Auswanderung. Aus der Provinz Basilicata wanderten im Jahre 1872 5545 Personen aus, wo- von 5150 nach Amerika. Von diesen 5150 waren 1579 Hand- werker und 3685 Landarbeiter. Im folgenden Jahre(1873) wanderten aus derselben Provinz aus 3891 Personen, hiervon 3691 nach Amerika. Der Beschäftigung nach waren von jenen 3891 Ausgewanderten 815 Handwerker und 2561 Landarbeiter. Den Auswanderern, denen in den meisten Fällen das Geld zur Deckung der Reisekosten fehlt, schießen die Wucherer das Nöthige vor gegen die üblichen Zinsen von 20—25 Prozent. Weitere Sicherheiten, als Pfänder ic., giebt der Borger nicht; mit einer ganz besonderen Gewissenhaftigkeit sendet der Bauer, kaum an seinem Bestimmungsorte angekommen, von seinen ersten Ver- diensten dem Wucherer den Vorschuß ganz oder nach und nach zurück. Ist es da zu verwundern, wenn der kleine Pächter und Ar- beiter, in solcher Lage und ohne Aussicht, dieselbe bessern zu können durch Arbeiten, sich dem Brigantenthum in die Arme wirft, zumal wenn dieses durch seine Fortexistenz aus der grauen Feudalzeit in moralischer Hinsicht nichts Schreckenerregendes für den Bauer hat? Unzweifelhaft bessert der Bauer, wenn er statt des Spatens die Flinte als Handwerkszeug benutzt, seine Lage; seiner und seiner Leidensgenossen Anficht nach sind die Briganten die wahren Herren des Landes, die beste Polizei des Ortes, und warum sollte nicht auch er unter sie gehen? Materielle Roth und Mangel an sittlichem Halt führen ihm das Brigantenthum als etmas Wünschenswerthes vor Augen. Und wer trägt die Schuld daran? Diese Frage hat sich die italienische Regierung nie vorgelegt, darum soll das Brigantenwesen durch eine absolutistische Polizei ausgerottet werden, während doch das Unwesen so mit den öko- nomischen und sozialen Verhältnissen jener Länder verwachsen ist, daß nur durch eine Aenderung dieser Verhältnisse ein Umschwung zu erzielen ist. Man bringe das ganz und gar verwirrte Rechts- bewußtsein im Volk- in richtige Bahnen, man bessere die mate- rielle Lage der großen Masse des Volkes, und dieser Räuber- unfug wird ohne Hilfe der Polizei verschwinden. Aber das zu thun ist die Regierung nicht willens und wohl auch nicht im Stande. Nun noch ein Wort über die Schwefelgruben-Arbeiter. Die Ausbeutung der Minen geht auf folgende Weise vor sich: Der Besitzer der Mine macht mit einem oder mehreren sogenannten picconieri Contrakte zur Ausbeutung eines Schwefellagers und verpflichten sich Letztere, die Mineralien aus der Erde bis aus den Lagerplatz zu schaffen. Jeder pioeonierv arbeitet mit 2— 4 Jungen von 7 Jahren aufwärts, doch werden auch schon S- ms 6jährige Kinder angetroffen. Diese Knaben, den«chwesel in Körben auf den Schultern tragend, durchlaufen die Stollen, die gewöhnlich 1.30—1,80 Meter hoch und 1- 1,20 Meter, häufig auch nur 80 Centimeter breit sind, wahrend 8 10 Stunden pro Tag und bei einer Hitze von durchschnittlich 38° Reaumur. Die jüngsten Kinder tragen auf ihren schultern �— 30 Kilo. Die Anzahl der heraufzuschaffenden Ladungen wechselt nach der Tiefe der Stollen und der Entfernung vom Lagerplatze. Bn einer Entfernung von 100 Meter unter der Erde und 50 Meter über der Erde machen die Kinder gewöhnlich 29 Hin- und Di? Arbeitszeit der über der Erde beschäftigten Arbeiter be- träat 10— 12 Stunden. Der Lohn der 8jährigen Knaben ist 50 Centimes, der der jüngeren 35 Cent.; 16-18jährige ver- dienen Lire 150, hin und wieder auch Lire 2—2,50. Fast alle Kinder befinden sich in den denkbar schlechtesten sanitären(ge- ündheitlichen) Verhältnissen; das ewige Tragen schwerer Lasten auf den Schultern und da« Gehen und Kriechen m den engen Stollen hat fast allen das Rückgrat gekrümmt. Hören wir, was bierüber d-e Regierungs-Commission 1877 schreibt:_ v Die Arbeit der Kinder und Erwachsenen dauert gleich lange, ohne den Kindern Zeit zum Unterrichte zu lassen. An bev Nachtarbeit, die indessen nicht Regel ist. müssen sich Kinder und Erwachsene gleichmäßig betheiligen. Die Löhne betragen für Frauen von 18-40 Jahren 1 Kilo Brod und 50 Centtmes, für Wnder 1 Kilo Brod und 20 Centime», für Männer 1 Liter Wein, 2 Kilo Brod und 1 Lire." Alle erhaltenen Angaben stimmen in dem Punkte überein, daß es den Kindern unmöglich sei, die Schule zu besuchen; nur die Gemeinden Caltanisetta, Villarosa und Volgnarera glauben, daß die Theilnahme an den Abendschulen wohl zu bewerkstelligen sei. Ebenso lauten fast alle Angaben über den Gesundheits- zustand der Kinder und der erwachsenen Arbeiter schlecht, nur rn Cortogiovanni, Lundi und Villarosa ist derselbe„sehr gut". Auch darin stimmen die Angaben fast aus allen Orten überein, daß die Arbeit in keinem Verhältnisse zur Kraft der Kinder stehe, nur Caltanisetta und Villarosa, die überhaupt bei diesen Ausführungen durch eine beneidenswerthe Kühnheit sich hervor- thun, behaupten das Gegentheil. Bei 8— 12stündiger Arbeit, die zum großen Theil unter der Erde geschieht, bei einer Hitze von 38° Reaumur, und bei den meistens bedeutenden Entfernungen der Minen von den Ort- schaften behauptenfljene beiden Gemeinden doch, den Kindern sei es wohl möglich, an dem Unterrichte in den Abendschulen theilzu- nehmen; während alle anderen Angaben dahin lauten, daß die Kinder mit Arbeit überbürdet find, behaupten diese beiden Mustergemeinden das Gegentheil und wagen es sogar, die Ge sundheitsverhältnisse als sehr gute hinzustellen, während die Commission die Verhältnisse nirgends so schlecht und so ungc- sund fand, als gerade in Caltanisetta, Villarosa und einigen anderen Gemeinden. Und wie verhält sich nun der Staat zu all' dem— von den Gemeindeverwaltungen gar nicht zu reden? Ein Blick auf das Budget giebt uns den besten Aufschluß und zeigt uns, wo die Erträge der indirekten Steuern, denen Italien sich ganz und gar verschrieben hat, bleiben. Von den Steuern will ich nur das Salzmonopol anführen, das dem italienischen Staate im Jahre 1876 das hübsche Sümmchen von 79,860,703 Lire ein- brachte? Die Ausgaben deS Ministeriums für öffentlichen Unterricht beliefen sich dagegen im Jahre 1875 auf 23� 124,050 Lire, davon entfallen auf die sogenannten höheren Lehranstalten, Wissenschaft- liche und literarische Institute:c. 9,896,302 Lire, auf Lehr- institute zweiter Ordnung 5,281,717 und auf die Elementar- schulen 3,290,051 Lire. Dem gegenüber steht die Gefängnißverwaltung, deren Ausgaben im selben Jahre 33,280,518 Lire betrugen. Also circa ein Drittheil mehr wird für die Gefängnisse bewilligt, wie für den öffentlichen Unterricht. Wo mag man da wohl besser aufgehoben sein in materieller Hinsicht— im Gefängniß oder in der Volksschule? Den Löwen- antheil des Budgets bekommt natürlich wie überall das Militär, das über 250 Millionen Lire für sich beansprucht; für Ve- teranen und Invaliden aber belaufen sich die Ausgaben auf ganze 969,100 Lire. In allen diesen Punkten— und das mag sein Trost sein— steht Italien nicht allein. Im Gegentheil, es giebt Länder, die es noch schlimmer machen. Das Volk aber hat weder hier noch anderswo eine Aendcrung dieser schrecklichen Zustände zu er- warten, es sei denn, daß es seine Geschicke selbst in die Hand nimmt. Correiöonöenzen Ans Irankreich. B....... 23. April. Meine theuren und werthgeschätzten Parteigenossen! Ich sage Ihnen meinen herz- lichsten Dank für die drei Vorwärts- Nummern, die ich Anfangs April erhielt, und schicke Ihnen hiermit 5 Mark mit der Bitte, das Geld zur Unterstützung gemaßregelter Parteigenossen zu verwenden. Ich las neulich die„Kölnische Zeitung" und möchte gerne wissen, wie der Mensch heißt, der dieses Sauhirtenblatt redigirt.*■) Der Mann plaidirte neulich aufs Schamloseste für die Prügelstrafe und bedauert fast, daß Wjera Sassulitsch nicht gestäubt worden ist. Edles Herz, gutmüthiger Nationalliberaler! Uebrigens beurtheilt Jeder die Anderen nach sich selbst, und ich will gerne zugeben, daß der Nationalliberalismus noch auf einer „Culturstufe" steht, mit der die Prügelstrafe wohl verträglich ist. Trotz aller Humanität und Menschenliebe würde, ich wohl schwerlich für einen gründlich durchgeprügelten Nationalliberalen Mitleid empfinden. Diese Sorte Bourgeois stehen noch unter dem Vieh! Wir Europäer, Deutsche, Franzosen-c., entsetzen uns allzu sehr über die grauenhafte Behandlung unserer russischen Parteigenossen. Sind die Verhältnisse in Deutschland und na- mentlich in Frankreich etwa besser? In Frankreich?! In Frankreich existirt ja allerdings äe jure die Prügelstrafe schon längst nicht mehr,— de facto wird aber noch nach Leibes- kräften gepeitscht! Sind denn etwa Humbert, Lullier, Brissac, Marateau und wie sie noch heißen, nicht geprügelt worden? Täglich sehe ich aus meinem Fenster Leute in Ketten von Gens- darmen ins Gefängniß geführt. Was haben die Unglücklichen verbrochen, welchem Grundsatze des„heiligen Bourgeoisstaats" "oben sie zuwider gehandelt? Neunmal auf zehn sind es arme eufel, die Brot oder sonstige Nahrungsmittel aus einem Laden gestohlen haben! Brot, das Wort bedarf keines Commentars! Ein Bourgeois sagte mir neulich:„Ja, wenn die Arbeiter von Decazeville vernünftig gewesen sein würden, so säßen heute nicht viele von ihnen im Gefängniß."— Vernünftig, ist gemüthlich! Vernünftig? Ja, wären die Arbeiter alle„vernünftig", so hätten wir ja keine vernünftigen Bourgeois mehr, und die Sklaven- Händler von Decazeville und anderen Orten würden ja dann wohl schon längst gelyncht worden sein— unddaszwarvon Rechtswegen! Frankreich! Mit dem großen Frankreich von 1793 ist es heute so weit gekommen, daß jedes junge Weib, das nicht Renten besitzt, eo ipso, weil�es arm ist, unter der Auf- ficht der Sittenpolizei steht! Die Sittenpolizei, Sie wissen ja wohl, was das für eine Mördergrube ist! Die„Sittenpolizei" der„sittlichen Bourgeoisgesellschaft"!— Je mehr in Frankreich die Bourgeoisrepublik Wurzeln faßt— sie find glücklicherweise nicht allzu solide,— desto mehr werden wir sozialistische Re- publikaner gepeinigt, gemartert und wie das wilde Vieh gehetzt! Es ist bereits mit der Boirgeoisrepublik so weit gekommen, daß ein wirklicher Republikaner ohne Uebertreibung sagen darf, daß verglichen mit dem, was täglich sich im heutigen Frankreich er- eignet,— selbst das verruchte Kaiserreich ein mildes Regiment war! Unterdessen geht die sozialisttsche Propaganda munter vorwärts, und die Stunde ist vielleicht nicht allzu entfernt, wo die Bourgeoisie von heute demüthig flehend zu den Füßen des siegreichen Proletariats liegen wird.— Verzeihung wäre dann «errath! Mit freundschaftlichem Gruß stets der Ihrige in der gerechten Sache F St. ?. 8. Dem Preßpirateu der„Kölnischen Zeitung" zur Ant- wort, daß es mir herzlich leid thut, daß die brave Wiera Sassu- litsch die wilde Bestie Trepow nicht erlegt hat. *) Es sind an dem Blatte sehr viele Redakteure und Correspondenten beschäftigt. Der verantwortliche Redakteur heißt: August Schmits. Aiefefekd, 18. April.„Christenthum und Sozialismus" war'das Thema, über welches Genosse Oehme aus Hannover am 16. d. M. in dem neuen Saale unseres Wirths, Herrn Kahl, in zahlreich besuchter Volksversammlung referirte. Der Viele- selber Bürgervcrein, durch das hiesige conservative Organ„Neue Westfälische Volkszeitung" rechtzeitig avertirt und trotz der stillen Woche zur Theilnahme eindringlich ermahnt, war als getteuer Schildknappe unserer antisozialistischen ecclesia militans pünktlich angetreten. Parteigenosse Zwiener führte den Vorsitz. Oehme's Referat schilderte die anttsozialistischen Bestrebungen der conser- vativen Kreise, wie sie in Gründung des„Christlich-sozialen Vereins" unter Hofprediger Stöcker's Aegide zu Tage getreten seien, als den mißglückten Versuch, mittelst des christlich-sozialen Elementes in die immer mächtiger sich entwickelnde sozialdemo- kratische Arbeiterpartei den kennenden Keil zu treiben. Diesen Versuch gerade in der Reichshauptstadt Berlin, dem Sitze einer sehr zahlreichen und bewußten sozialistischen Arbeiterpartei zu machen, sei um so einfälttger gewesen, als die Aufforderung zum Masienaustritt aus der Landeskirche, welcher ja durch die neuere Landesgesetzgebung legalisirt sei, vorauszusehen gewesen war.— Dann ging Herr Oehme zur Geschichte des Christenthums und seiner Entwicklung über, und charatterifirte die eigentliche Grund- läge des Christenthums— die Bibel— als bloßes Menschen- werk, über dessen Aechtheit bezüglich der einzelnen Bücher und Evangelien außerordentlich viel hin- und hergestritten sei und noch werde. Ebensowenig stichhaltig sei nun auch die besonders von der Geistlichkeit colporttrte Legende von der außerordent- lichen Culturmission des Christenthums. Im Ganzen sei das Christenthum zu allen Zeiten freiheitsfriedlich gewesen; denn indem es den Christen die Geduld predige und die Hoffnung auf ein unerwiesenes Jenseits pflege als den Ersatz für ein mühseliges und mißrathenes Diesseits, mache es den Menschen zum willenlosen Unterthanen, gefügig zum Ertragen der Knecht- schaft in jeder Form. Dabei sei die Geschichte des Christen- thums— welche als Religion der Liebe gepriesen werde— eine unaufhörliche Kette der blutigsten, gegenseitigen Verfolgungen und der scheußlichsten Kriege bis in die neueste Zeit. Ja, der rusfisch-türkische Krieg mit allen seinen Greueln sei unter gleiß- nerischer Anrufung des Christengottes und unter dem Panier des Kreuzes von einer Barbarenmacht lediglich vom Zaune ge- brachen._ Inquisition, Hcxenglaube mit Scheiterhaufen, eine in Ueppigkcit und Lastern verkommene Geistlichkeit, alleinselig- machende Glaubens-Arroganz— das Alles sei Jahrhunderte hindurch, und zwar zur Zeit seiner Vollblüthe, die wirkliche Signatur des Christenthums gewesen; und bis in unsere Tage hinein sei unter den Fitttgen des Christenthums überall bei den Culturvölkern der liebloseste Klassenstaat großgezogen worden. In dieser Erkenntniß der Thatsachen hätte nun der Sozialismus als solcher die vielgepriesene Culturmission des Christenthums nicht anerkennen können, und das Versagen jeder spezifisch- kirch- lichen Theilnahme, sowie der cffcktuirte Austritt aus den Landes- kirchen, wie sie die sozialistische Partei weit und breit freimüthig geübt, das sei nur die Folge solcher Erkenntniß. Schließlich kritisirte nun noch Referent in scharfer Weise im Ganzen und Einzelnen das Programm der christlich-sozialen Partei, welches überall nur ein verhunzter Abklatsch des Programmes der sozial- demokrattschen Arbeiterpartei sei. Wäre es übrigens den Christlich- Sozialen mit der Durchführung ihres Programmes wirklich ernst, so möchten sie doch nur solche Forderungen stellen, welche der Roth des Volkes und des Arbeiterstandes allenfalls gründ- lrche Abhülfe bringen könnten, z. B. die Ausdehnung des all- gemeinen Wabl- und Stimmrechts für die Staats- und Gemeinde- wählen, Gewährung von Diäten für die Reichstagsabgeordneten, Beschneidung des ungeheueren Militärctats, vor Allem Ver mehrung der Bildung des Volks durch Einrichtung eines tüch- tigen, wissenschaftlichen und aufklärenden Unterrichtsystems, Un- entgeltlichkeit des Schulunterrichts. Von Allem diesem wäre indeß selbstredend gar nicht die Rede, und so muß und müßte die christlich-soziale Bewegung scheitern. Herr Pastor Dietz, Redatteur der„Neuen Westfälischen Volkszeitung", unternahm es nun, die Auskührungen des Herrn Oehme zu widerlegen. Im Allgemeinen machte er demselben den Vorwurf der Unwiffenschaftlichkeit und suchte auch diesen Vorwurfs durch Bibelstellen und Aussprüche von Kirchenvätern zu begründen. Auch rügte Herr Dietz, daß Referent gegen parlamentarischen Brauch längere Citate aus Bebells und Ed. Sack's Schriften gegeben habe. Dann glaubte aber Herr Dietz die geleugnete Culturmission des Christenthums besonders durch folgende Punkte nachweisen zu können: 1) Beseitigung der Sklaverei; 2) würdigere Stellung der Frau in der Ehe; 3) Pro- klamirung der Gleichstellung aller Menschen; 4) Gebot der Barm- Herzigkeit; 5) Anerkennung der bürgerlichen Ehre für die Arbeit u. s. w. Die Sozialdemokratie habe Aehnlichcs gar nicht auf- zuweisen und könne auch überhaupt durchaus nichts Besseres dem Volke bieten, als das Christenthum demselben schon längst ge- währt habe. Ueberhaupt seien ja die Sozialdemokraten doch nur Aufwiegler und Schreier, die nichts Positives schaffen könnten und nur zerstören und desorganisiren wollten. Als Autoritäten zu Gunsten der behaupteten Culturmission des Christenthums citirte Herr Dietz— vielfach unter Anführung bestimmter Aus- spräche— u. A. den Prinzen Friedrich Carl, den Feldmarschall Moltke, den deutschen Kaiser, ferner die Gelehrten Copernicus, Kepler, Newton, den Geograph Ritter, Geschichtsforscher Ranke, den Naturforscher Virchow, endlich auch die Dichter und Denker Schiller, Göthe und sogar Kant, welche Alle keine Sozialdemo- kraten gewesen und für das Christenthum gezeugt hätten. Er- heiternd wirkte gegen den Schluß der längeren Auseinander- setzung die„scharffinnige" Argumentation des Herrn Dietz gegen den spezifischen Unglauben der Sozialdemokraten, die angeblich immer nur wissen, aber nichts glauben wollten. Wäre es ihnen wirklich mit dem Wissen so ernst, wie sie thun, so dürfe z. B. doch Niemand, welcher nicht persönlich auf der Insel Island gewesen, glauben, daß dieselbe sammt dem Vulkan Hecla und dem heißen Sprudel Geiser existire; und ebenso dürfe dann auch nicht an geschichtliche Thatsachen— etwa an Friedrich den Großen und seine Thaten— geglaubt werden, denn eigentlich wissen könne man doch darüber nichts, müsse vielmehr Alles auf Treu und Glauben nehmen und für wahr halten. Wie gcift- reich!— Der Komiker des Abends war diesmal Herr Gymnasiallehrer Kemper, welcher seinen hierorts schon genügend bekannten, volksrednerischen Fiaskos ein neues, unsterbliches hinzufügte. Derselbe führte nach einer schwächlich-gemeinen Jronisirung des Referenten das städtische Krankenhaus und die von frommen Christen ins Leben gerufene hiesige epilepttsche Heilanstalt als vollgültige und klassische Zeugen echt christlicher Culturmission m Bielefeld vor. Als ob derartiges ausschließliche Culturblüthe des Christenthums und nicht vielmehr nothwendiges Produtt der civilisirten Gesellschaft, als solcher, wäre! Alles Uebrige, was noch hin und her gewechselt wurde, war unbedeutend und scheint der Erwähnung nicht Werth. Auf die Aufforderung des Herrn Pastor Dietz verließen die Christlich- Sozialen In corpore— scheinbar ziemlich verstimmt— die Versammlung und werden sie hoffentlich als wahrhafte Christen zu Hause im stillen Kämmerlein recht inbrünstig gebetet haben, daß der Herr doch recht bald diese armen ungläubigen Sozialdemokraten erleuchten möge mit seinem heiligen Geiste und vor Allem, daß er ihnen vergebe, denn sie wissen doch offenbar nicht,. was sie thun. Briefkasten der Redaktion: K... Beireffs der Klagsache wöiblen Red. der„Berliner Fr. Presse� wenden. der Expedition: Lippold Mainz: Betr. der Adressen wenden Sie sich an C. Derossi, Hotzdamm 42, Hamburg. r: Fernere Zusendungen erwünscht. wir Ihnen doch rathen, sich an die Kaiser Franz-Grenadierplatz 8a zu E. in Hanau. Ersuche um gef. Angabe Ihrer Adresse, indem derartige Angelegenheiten nicht in der gewünschten Weise besprochen werden können. v. Die Parteigenossen in nachfolgenden Orten werden gebeten, bis zum 3. Mai eine zuverlässige Adresse an den Unterzeichneten gelangen zu lassen: Clausthal, Wildemann, Laulenthal, Goslar, Harzsburg, Zellerfeld, Langelsheim und Neustadt. Es handelt sich um die Agi- tationsreise eines Parteigenossen. Freiheit bei Osterode i. H. Joh. Hassenpflug, Cigarrenarbeiter. Quittung. Stlzl Teplitz Ab. 1,67. K. u. Z. hier Ab. 3,69 Lnch Altona An. 1,96. Lhmnn Pforzheim Schr. 12,59. Arbeiterverein Halle An. 1,19. Wnk Niemes Ab. 11,59. Schröder Hannover Ab. 200,69. Engl Reudnitz Ab. 21,60. Mr hier Ab. 0,66. Prbstl Mün- chen Ab. 22,56. Kls Magdeburg Ab. 146,96. Brn Saarbrücken Schr. 9,76. Wgnr Wohlau Schr. 5,13. Whl Duisburg An. 1,25. Rb Cottbus Schr. 6,79. Bs Grabow Schr. 1,16. Lkwcz Lemberg Ab. 1,49. Schmdt Wien Schr. 1,65. Für die Gemaßregelten in München. Ges. von den Mitgliedern des Stellmachervereins in Leipzig durch Kappel Mk. 2,46. Diffideutenbund kür�Zeipzia nud Umgegend. Mittwoch, den 1. Mal, Abends 8'/2 Uhr, bei Richter, Roßplatz 9, im„Trianon": f69 Generalversammlung. Tagesordnung: Wahl des Borstandes. Aufnahme neuer Mit- glieder. ClYV/ttni Die Leser des„Vorwärts werden dringend ersucht Samstag, den 4. Mai, Abends 8l/i Uhr im„Klee- blatt, große Bleiche" zu einer wichtigen Besprechung zu erscheinen. 46](26) Der Agent. Todes-Anzeige. Am Mittwoch, Abends 11>/z Uhr, verstarb unser seit mehr denn. drei Monaten in Untersuchungshaft gehaltener Genosse ]?au1 Dentler aus Danzig im jugendlichen Alter von 25 Jahren nach langer und schmerzensvoller Krankheit in der hiesigen Charttö. Möge ihm die Erde leicht werden. Berlin, 25 April 1878. Redaktion und Expedition der„Berliner Freien Presse�. Durch uns ist zu beziehen: Grund- und Bodenfrage von Wilhelm Liedknecht. Leipzig. 2. vervollständigte Auflage. Preis per Exemplar 0,75 Mark. Expedition des„Vorwärts Färberstraße 12. II. // Soeben ist neu erschienen: Triumph of Order gemalt von(£. �ichio. Darstellend: Die Erschießung von Communisten durch die Versailler Truppen(Mai 1871) im Kirchhofe Pdre la Chaise zu Paris. Eines der größten und denkwürdigsten Kunstwerke der Neuzeit. Dasselbe ist gegenwärtig in London am Alexander Palace aus kurze Zeit ausgestellt und wird gegen besonderes Eintrittsgeld gezeigt. In Paris war die Ausstellung verboten.— Es ist gelungen, Original-Photographien zu folgenden Preisen anfertigen zu lassen: Größere(die Photographie ohne Carton 28 Elm. breit, 26 Ctm. hoch) im Dutzend das Stück M. 3,56, einzeln 5,69; kleinere(20 Ctm. breit, 14 Ctm. hoch) im Dtzd. das Stück 1,80, einzeln 2,59. Für Deutschland haben wir den Vertrieb übernommen und liefern zu obigen Preisen gegen baar oder Postvorschuß. 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