Erscheint in Leipzig HHttnod), greitag, Sonntag. AbonncmcntSprcis fflt ganz DentZchland i Marl 60 Ps. pro Quartal. RonatS- SbonncmcntS i M W. ■Rben bei allen deutschen Postanstalten »ul den 3. und 3. Monat, und auf dm (.Monat besonders angenommen. (otx. Inserate Versammlungen pro Petitzeile 16 . Privatangelegenheiten und Feste Petitzeile 30 Ps. l0 Ps.. pro Vorwärts Vegellungen nehmen an alle Postanstalten und Buclchand- lungen des In- und Auslandes. Filial- Expeditionen. Nt.w-?1orl: Mr. Franz Jonscher, 177 Lim Str. coruer Broome.— Mr. Hcrm. Nitzsche, 34« VfMi— 87 Str. Philadelphia: P. Hast, 5«8 �ortd Zrä SU'evt. I. Boll, I?. L. dox Cdarlott«& Georg« Str. Hoboken N. J.: F. A. Sorge, 2t5 Washington Str. Chicago: A. Lanfermann, 74 Gl)'dvurne»v«. San Franzisco: F.Entz, 4l8 0'l''arreU Str. London W.: Wilh. Hoffmanu. Z7X Brin- eess Str. I�eieestsr Sczu. Gentrat Hrgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 53. Mittwoch, 8. Mai. 1878. Ein sonderbares Strafverfahren haben nicht etwa die Chinesen oder Japanesen, über welche so mancher bezopfte Hof-, Geheim-, Legations-, Kreis-, Gerichts-, Stadt- oder sonstiger Rath die weingeschwollene Nase rümpft, sondern das starke, einige„Deutsche Reich". Auf die ZZ 361 und 362 des Strafgesetzbuches gründet sich B. das Strafverfahren gegen die Bettler und Landstreicher. it Haft wird laut 8 361 bestraft: 3) wer als Landstreicher umherzieht; 4) wer bettelt oder Kinder zum Betteln anleitet oder aus- schickt, oder Personen, welche seiner Gewalt und Aussicht untergeben sind und zu seiner Hausgenossenschaft gehören, vom Betteln abzuhalten unterlaßt. Der§ 362 besagt: „Die nach Vorschrift des 8 361 Nr. 3 bis 8 Verurtheilten können zu Arbeiten, welche ihren Fäbigketten und Verhält- nissen angemessen find, innerhalb und, so fern sie von andern freien Arbeitern getrennt gehalten werden, auch außerhalb der Strafanstalt angehalten werden. Bei der Verurtheilung zur Haft kann zugleich erkannt werden, daß die veruriheilte Person nach verbüßter Strafe der Landespolizeibehördc(Regierung) zu überweisen sei. Die Landespolizeibehörde erhält dadurch die Befugniß, die veruriheilte Person entweder bis zu 2 Jahren in ein Arbeitshaus unterzubringen oder zu gemeinnützigen Arbeiten zu verwenden. Im Falle des 8 361 Nr. 4 ist dieses jedoch nur dann zulässig, wenn der Veruriheilte in den letzten drei Jahren wegen dieser Uebertretung mehrmals rechtskräftig verurtheilt worden ist oder wenn derselbe unter Drohungen oder mit Waffen gebettelt hat. Ist gegen einen Ausländer auf Ueberweisung an die Landespolizeibehörde erkannt, so kann an Stelle der Unterbringung in ein Arbeitshaus Ber- Weisung aus dem Bund-sgebiet eintreten." Bei der großen Zahl von Arbeitslosen, welche als„Bettler" oder„Landstreicher" arretirt und zu kürzerer oder längerer Freiheitsstrafe verurtheilt, oder der Eorreklionshaft zugewiesen werden, dürfte es nicht uninteressant sein, das formelle Ber- fahren, wie es in vielen Theilcn des„deutschen Reiches" im Gebrauche ist, kennen zu lernen. Wir geben hier einem„libe- ralen" Blatte, den„Jtzehoer Nachrichten", über diesen Gegen- stand das Wort. Das genannte Blatt schreibt: „Bei der großen Zahl von Bettlern und Landstreichern, welche zu kürzerer oder längerer Haft strafe verurtheilt, bezw. an die Landespolizeibebörde zur Festsetzung der Corrcktions- nachHaft in der Provinzialcorrigendenanstalt zu Glücküadt überwiesen werden, wird es nicht ohne Interesse sein, auch das formelle Verfahren kennen zu lernen, das nicht so einfach ist, wie Mancher denken mag. Es wird also ein Bettler oder Landstreicher von dem Gensdarmen oder Polizeisergeanten angehalten. Dieser führt den Angehaltenen der Polizeibehörde zu, welche über die ge- schehene AnHaltung ein Protokoll aufnimmt und die Per- sonalien und den Thatbestand vorläufig feststellt. Von der Polizeibehörde wird der Angehaltene an die Königl. Polizei- anwaltschaft zur weiteren Veranlassung abgeliefert, was in den meisten Fällen einen längeren Transport bedingt, der erst am nächsten Tage ausgeführt werden kann, so daß der Angehaltene inzwischen im polizeilichen Verwahrsam bleiben muß. Ist die Ablieferung an den Polizcianwalt erfolgt, so hat dieser Letztere zuerst für den Transporteur eine Ablieferungsbescheinigung auszustellen, dann eine Arresteinlieferungsbescheinigung dem gerichtlichen Gefangenwärter zuzufertigen. Nunmehr sendet der Polizeiar.walt die Akten an das zu- ständige Königl. Amtsgericht mit dem Ersuchen um gerichtliche Vernehmung des Angehaltenen und Beschließung der gericht- lichen Haft. Sobald die Akten mit dem Verhaftsb'fehl an den Polizeianwalt zurückgekommen find, schreibt dieser wegen der etwaigen Vorbestrafungen des Verhafteten an die Polizei- behörde des Wohnorts desselben, bezw. an das beikommende Gericht. Gehört der Verhaftete zu der Gattung der Militär- Pflichtigen Perjonen, so ist überdies der Militärcontrolb hörde von der Verhaftung Kenntniß zu geben. Wenn die Nachrichten liA-f«« �vrbestrafungen eingegangen find, wird eine schrist- betLim 9e. dem Amtsgericht eingereicht und um An- Hiiuuooin� eme8 �udienztermins gebeten, zu dem zwei Schöffen Pouzeianm«» �"den. In dem Termin erscheint nun der wiederholter e'inn?f>£ anlIa9e mündlich vorzutragen und nach Strafantrag ru A"iehmung des Verhafteten, seinen ist, hat der Volii-i»' �°bald die erkannte Strafe verbüßt antrag zu stellen �°" �riftl.ch einen Haftentlassung-- Akten zu Ä Zhi. � Skafvollwckungsattest zu den mklfs erbält der �3e nach Abgebung des Erkennt- R, di- I,W-,d.Zd gehen wieder Mittheilungen über die olick bene Bektrnknna an dieselben Behörden, von denen SS Änr! bestrafungen e.i"�g°ngen find In � gj wo auf lieber- Ä? tfü o"lannt ist. kommt ein Bericht des Pollz"anw°lts an das Landrathsamt unter An- legung einer Charakteristik über das gestimmte Borleben des Verurtheilten hinzu." . Ein solches Borgehen ist gewiß gründlich, wenn eS auch mit der Gerechtigkeit sich nicht vereinbaren läßt Es ist selbstver- Endlich, daß der„Bettler" oder„Landstreicher" so lange in Wst behalten wird, bis an Pontius und Pilatus geschrieben die Briefe und Erkundigungen beantwortet wurden. Ob �er eine Haft, welche im günstigsten Falle einige Tage, im weniger günstigen Falle aber auch einige Wochen dauern kann, mit dem„Bergehen" im Berhältniß steht, ob es gerecht ist, Serecht vom Standpunkte der heutigen Gesetzgebung, einen Men- hcn, dessen Vergehen mit 24 oder 48 Stunden Haft„bestraft" werden kann, auf diese Strafe tage-, ja wochenlang warten zu lassen, möge sich Jeder selbst beantworten. Wir verneinen dies aus das Entschiedenste. Diese ganze complizirte und langweilige Prozedur müssen aber in den meisten Fällen Leute sich gefallen lasi n, welche in Folge unterer heutigen ziel- und planlosen, auf Unersättlichkeit und Raubgier begründeten privatkapitalistischen Produktionsweise arb.itslos geworden und gezwungen find, zweck- und ziellos durch die Welt streifend sich ihr Brod zu erbetteln. Ein Stück Brod, welches der Arme zur Stillung seines nagenden Hungers erbettelte, ist es oft, welches den ganzen schwerfälligen Gerichts- und Strafvollstreckungsapparat, vom Gensdarmen oder Polizisten bis hinauf zum Landrath-amt resp. zum Amtsgericht, in Be- wegung bringt. Wird der Arme zwei oder dreimal wegen „Betteln" bestraft, so wird er als„Landstreicher" betrachtet und in eine Eorrektionsanstalt gesteckt. Darin gipfelt die ganze Weisheit unserer so sehr gelahrten, in Aktenstaub und Tinte ein- g, trockneten Bureaumenschen. Daß es dem oft hungrig aus der Hast entlassenen Arbeitslosen nicht möglich ist, sofort Arbeit und Beschäftigung zu finden, daß er, wenn er, was ja stets der Fall, kein Geld hat, keinen andern Ausweg findet.als neuerdings zu betteln, können die für ihre oft sehr problematische Thätigkeit aus dem Volkssäckel sehr gut bezahlten Affenmenschen nicht be- greifen; der Buchstabe des Gesetzes, die alten, zopfartigen, steifen Formen müssen beobachtet und die„Bettler" und„Landstreicher" müssen unschädlich gemacht werden. Selbstverständlich kosten derartige Prozeduren Geld, viel Geld, trotzdem die Sache, um welche es sich handelt, das„er- bettelte" stück Brod oft nicht den zehnten Theil des Papiers, welches ruinirt wird, Werth ist. Nun, dieses Geld haben die Steuerzahler zu bezahlen! Auf einige Millionen Mark für derarttge hochwichtige Verwaltungsgeschäfte darf es dem beut- scheu Volke aber auch nicht ankommen, es muß nur denken, daß für manche andere unnütze Dinge ebenfalls viel, sehr viel Geld gebraucht wird. Die Herrlichkeit des deutschen Reiches ist es aber auch Werth, daß man de« Beutel ordentlich aufthut. Daß der„liberale" Federfuchser der„Jtzehoer Nachrichten" seinen Bericht nicht ohne einen Seitenhieb auf die Arbeitslosen schließen konnte, liegt in der Natur der Sache. Der Skribisax verrichtet seine geistige Nothdurft folgender- maßen: „Wenn man bedenff, daß das Geschäft eines Polizeianwalts von den Bürget meistern als Nebenamt zu besorgen ist, so wird man nach dem Vorstehenden wenigstens in dieser Zeit mit den Herren Bürgermeistern ein ebenso großes Mitleid haben müssen, wie mit den Herren Bettlern und Landstreichern, für welche Letztere die Verhaftung öfter eine Wohlthat, als eine Strafe ist. Nur vor der Ueberweisung an die Landespolizei- behörde haben sie einen höllischen Respekt, und für das Land ist die Corrigendenanstalt in Glückstadt daher ein wahrer Segen." Es ist ein sehr trauriges Zeichen unserer Zeit, daß für viele Menschen, die gerne arbeiten möchten, aber keine Arbeit finden, die Verhaftung öfter eine Wohlthat ist. Daß der Preßlakai die Corrigendenanstalt für einen wahren Segen für das Land hält, zeugt entweder für seine bodenlose Unkenntniß in Bezug aus wirthschaftliche Fragen, speziell die Uriachen und Wirkungen des gegenwärtigen Nothstandes, oder aber für eine grenzenlose Nieder- lrächtigkeit. Für die hungernden und darbenden Arbeiter das Gesängniß, ein endloses Strafverfahren und das Correffions Haus; für die„Gründer" und sonstigen„Millionendiebe", die es nur der heutigen Gesellschaftsordnung danken können, daß sie das Zuchthaus blos mit dem Aermel streiften, anstatt, wie sie es verdient hätten, hineinzukommen, Titel, Ehre und Orden. Das heißt:„Göttliche Weltordnung!" Sozialistische Consumvereine. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wenn ich den Partei- genossen erst weitläufig auseinandersetzen wollte, daß fast alle schönen Vorschläge zur Agitation unter der Landbevölkerung und in den kleinen Landstädtchen daran scheitern, daß unsere Partei an einem lästigen Uebel leidet: der chronischen Geldbeutel- schwindsucht Wenn diese Krankheit auch einmal auf einige Wochen vor den Reichstagswahlen infolge der vorübergehenden Wahl- bcgeisterung und der daraus folgenden Opferwilligkeit der Ge- nossen sich weniger fühlbar macht, so hindert sie doch während der ganzen Zeit zwischen den Wahlen die Partei an jener groß- artigen Entwickelung, die sie unzweifelhaft nehmen müßte, wenn ihr genügende Geldmittel zur Verfügung ständen. Denn an den Personen, an Rednern und Agenten fehlt es in wenigen Fällen. Es ist wunderbar, wie die Partei, angewiesen auf die win- »igen Erträge der Trllersammlungen, Feste und einiger Blätter jo große agitatorische Erfolge erzielt hat, aber viel merkwürdiger ist es, daß fie nicht schon längst Anstalten getroffen hat, sich eigene Einnahmequellen zu verschaffen, welche, wie indireffe Steuern, unabhängig von dem guten Willen und der Wahl- begeisterung der Genossen fl-eßen. Sehen wir doch einmal zu, wie es unser„großer Meister" Bismarck macht oder machen will, um dem Militärstaat Großpreußen Annahmen zu ver- schaffen, die unabhängig find von der Laune seiner Volksvertreter und mit der Zunahme der Bevölkeruug immer reichlicher werden. Das alte Mittel zu diesem Zweck find die indireffen Steuern, das neue das Monopol. Bei dem ersten System werden die Consumenten übervortheilt, indem fie die Waare über ihrem Werthe bezahlen müssen, bei dem zweiten die Produzenten, indem zwar die Waare zu ihrem Werthe verkauft wird, ihre Erzeuger aber nur mit einem Theile ihres Werthes abgespeist werden. Eine Uebervortheilung der Consumenten kann zwar auch mit dem Monopol verbunden sein, liegt jedoch nicht in seinem Wesen, welches vielmehr darin besteht, daß der Staat als Unternehmer den von den Arbeitern eines Produffiomzwe'ges erzeugten Mehrwerth direkt einstreicht. Da wir die Parteigenossen als Consumenten nicht übervortheilen können, aus dem einfachen Grunde, weil sie es nicht zugeben, so versuchen wir einmal, wie wir fie oder andere Arbeiter als Produzenten„ausbeuten" können, was sie als Lohnarbeiter sich eher gefallen lassen werden, weil sie es gewohnt sind. Um dies zu erreichen, müßte die Partei als Unternehmerin in irgend einem Arbeitszweige auf- treten, Parteigenossen als Lohnarbeiter anstellen und die Pro» dukte verkaufen. Abgesehen von dem Risiko eines solchen Unternehmens, so gehören dazu auch bedeutende Mittel. Weniger ist dies der Fall bei dem System, sich einen Theil des nationalen Mehrwertys auf indireffem Wege anzueignen, beim Waaren- Handel. Da hierzu viel weniger Geld gehört und wir uns mit Leichtigkeit durch Agitation einen großen, sicheren Kundenkreis erwerben könnten, so bleibt nur noch die Frage offen, woher wir die Mittel zur Etablirvng dieses Handelsgeschäfts oder Consum- Vereins nehmen. Zur Beantwortung dieser Frage will ich mit einigen Worten auseinandersetzen, wie ich mir die einfachste Er- richtung und Erweiterung dieses Consumoereins vorstelle. In irgend einer Großstadt des Reichs mit vielen Partei- genossen und verhältnißmäßig hohen Löhnen, z. B. Hamburg, macht die dortige Parteidruckerei bekannt, daß sie ihren Geschäfts- betrieb durch Errichtung eines Consumoereins erweitern will, von dessen Reingewinn die Hälfte zur Vertheilung an die Ge- nossen nach Maßgabe ihrer Einkäufe, ein Drittel zur Agitation und ein Sechstel zur Akkumulation, d. h. zur Erweiterung des Geschäftsbetriebes verwendet werden soll. Zu diesem ausge- sprachen politischen Zwecke müßte die Genossenschafts-Druckerei natürlich ihr Prädikat„Eingetragene G, nossenschaft" im Firmen- register abmelden. Sie macht ferner bekannt, daß Jedermann gegen eine Einzahlung von mindestens einer Mark Mitglied d,s Consumoereins werden kann, und daß fie Darlehne mit 5 Proz. verzinst. Zu gleicher Zeit werden in allen StadttHeilen öffentliche Versammlungen einberufen, in welchen die Vortheile dieses Consumoereins für jeden Genossen und für die Partei diekutirt werden. Es kann nicht ausbleiben, daß eine große Anzahl von Parteigenossen sich als Mitglieder einzeichnen lassen und ihre Ersparnisse der Genossenschaft zur Verzinsung über» geben wird. Mrt den Beiträgen. Darlehnen und eigenen früheren Ueberschüssen würde die Genossenschaft in der Lage fein, eine Anzahl von Verkaufslagern in allen StadttHeilen zu eröffnen und wie ich an dem Beispiele des Breslauer ConsumvereinS zeigen will, großartige Gewinne zu erzielen. Der Breslauer Consumv-rein besitzt bei 14,000 Mitgliedern 300,000 Mark eingezahlte Geschäflsantheile der Mitglieder, von denen jedoch 219,500 Mark in Grundstücken und 43,300 in Zinspapieren angelegt sind. Man sieht, wre wenig Kapital ein sozialistischer Consumverein zum Beginne nöthig hätte. Mit oben erwähnten geringen Mitteln hat der Breslauer Consum- verein im Jahre 1877 für 2,702.000 Mark Waaren verkauft und vertheilte pro 1877 nach Bestieitung aller Unkosten an seine Mitglieder 8'/, Prozent ihrer Einkäufe in Gesammthvhe von 225,000 Mark als Dividende. Der geringe Umsatz, etwa 200 M. pro Mitglied, kommt daher, daß der Consumverein sich nur mit dem Vertrieb von Nahrungsmitteln, außer Fleisch, Semmeln, Milch, Käse u. s. w. befaßt, so daß die Mitglieder diese letzteren Waaren, so wie alle zur Bekleidung und Bequemlichkeit nöthigen Gegenstände anderswo kaufen müssen. Von den in seinen Lagern verkäuflichen Waaren produzirt der Consumverein selbst nur Brot, Mostrich und Liqueure. Und dennoch sind bei ihm außer dem Hilfspersonal der 29 Lagerhalter gegen 100 Personen be- schästtgt. Allerdings hat der Breslauer Consumverein 12 Jahre gebraucht, um sich zu seiner heutigen Höhe zu entwickeln, aber ich bin überzeugt, daß wir Sozialisten, Kapitalkerle wie wir find, es in zwei Jahren ebenso weit bringen können. Sobald von einer gewissen Waare ein so großes Quantum verkaust wird, daß sich die Herstellung in eigenem Betriebe lohnt, müßte dieser Betrieb, z. B. Backerei. Fleischerei u. s. w. eingerichtet werden. Dies, sowie die Erweiterung des Berkaufsgeschäfts, gäbe der Partei günstige Gelegenheit, eine Anzahl tüchtiger Redner und Organisatoren anzustellen und unabhängig zu machen und so eine ansehnliche Agitationsarmee mobfl zu machen. Es gilt zum Schluß den Vorwurf des Schulze- Schwindels zurückzuweisen, der bei dem Worte Consumverein sehr nahe liegt, aber kurz und le>cht zu widerlegen ist.— Wenn zwei dasselbe thun, so ist es nicht dasselbe, sagt ein lateinisches Sprüchwort. Wenn Schulze Consumvereine gründet, so hofft er oder redet wenigstens den Leuten ein, damit die soziale Frage zu löseu; wenn wir solche Bereine errichten, so thun wir es mit der aus- gesprochenen Absicht, Mittel und Kräfte zur sozialistischen Propa- ganda zu gewinnen. Ts wäre mir lieb, wenn diese Zeilen eine lebhaste Diskussion dieses Gegenstandes hervorriefen, noch lieber aber, wenn möglichst bald zur That geschritten würde. D. 8t. (Wir nahmen obigen Artikel auf, um den Parteigenossen Gelegenheit zu geben, sich über die Nützlichkeit und Ausführbar- keit des von dem Artikclschreiber gemachten Vorschlags auszu- lassen. Die sozialistische Arbeitet Partei, die in beständigem Kampfe mit den Gegnern liegt, kann Geld schon brauchen, und wem es gelingen sollte, eine reinliche und reichliche Geldquelle der Partei zu erschließen, der hätte sich jedenfalls ein Verdienst um die sozialisttsche Sache erworben. Red. d.„B.") Sozialpolitische Uebersicht. — Der Reichstag beschäftigte sich am 2. Mai(3. Sitzung nach den Ferien) u. A. auch mit dem Gesetzentwurf betr. die Gewerbegerichte, welcher zur zweiten Berathung vorlag. An- wesend waren bei Beginn der Sitzung 232 Abgeordnete; das Haus war also beschlußfähig.§ 1 des Gesetzentwurfs, der von der Errichtung der Gewcrbegerichte handelt, wird nach Ber- werfung verschiedener Abänderungsanträge nach den Commissmns- Vorschlägen angenommen; desgleichen§ 2, der den Gewerbegerichten das rechtliche Gebiet ihrer Thatigkeit zuweist;§§ 3, 4 und 5, welche die Zuständigkeit der Gewerbegerichte und die Kostendeckung regeln, werden nach der Regierungsvorlage an- Senommen;§ 6, der die Einrichtung der Gewerbegerichte vor- hreibt, findet Annahme nach den Commissionsvorschlägen. Zu K 7, welcher nach den Commifsionsbeschlüfsen lautet: „Zum Mitgliede des Gewerbegerichts sollen nur solche Deutsche berufen werden, welche das dreißigste Lebensjahr vollendet haben, für sich oder ihre Familien Armenunterstützung aus öffentlichen Mitteln in den letzten drei Jahren nicht empfangen haben und in dem Bezirk des Gerichts seit mindestens zwei Jahren wohnen oder beschäftigt sind. Unfähig zu dem Amt sind alle Personen, welche sich in einem der durch§ 32 des Gerichtsverfassungsgesetzes vorgesehenen Fälle befinden. Das Amt der Beisitzer ist ein Ehrenamt. Die Uebernahme desselben kann nur aus den Gründen abgelehnt werden, welche zur Ablehnung eines unbesoldeten Gemeindeamts berechtigen. Die Beisitzer erhalten Vergütung der Reisekosten. Außerdem kann ihnen eine für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleiche Ber- gühtng für Zeiwersäumniß zugebilligt werden," beantragen Dr. Franz und Genossen: in Z 7 im Absatz 1 Zeile 2 und 3 die Worte:„oder ihre Familien" zu streichen; Zeile 3 statt:„den letzten drei Jahren" zu setzen:„den letzten zwei Jahren". Dagegen beantragen Fritzsche und Genossen: 1) Den ersten Absatz wie folgt zu fassen: „Zum Mitgliede des Gewerbegerichts sollen nur solche Deutsche berufen werden, welche das 25. Lebensjahr vollendet haben, für sich eine fortlaufende Unterstützung aus öffentlichen Mitteln in dem letzten Jahre nicht empfangen haben und in dem Bezirk des Gewerbegerichts seit mindestens einem Jahre wohnen oder beschäftigt find." 2) Dem letzten Absatz desselben Paragraphen folgende Fassung zu geben: Die Beisitzer erhalten eine für Arbeitgeber und Arbeiter gleiche Vergütung der Reisekosten und Zeitversäumniß. Abg. Helldorf bekämpft die Anträge von Fritzsche u. Gen. Abg. Hasenclever, der dieselben vertheidigt, weist darauf hin, daß ja auch die befitzenden Klassen ununterbrochen öffentliche Unterstützungen dadurch erhalten, daß der Staat ihnen höhere Lehranstalten aus den Mitteln der gesammten Steuerzahler für die Ausbildung ihrer Kinder zu Gebote stelle. Er constatire dies, da bei der ärmeren Klasse schon oft die Wählbarkeit an- gefochten worden sei, weil die Eltern Schulmaterial für ihre Kinder aus öffentlichen Mitteln erhalten hätten. Oft liege es, wie z. B. bei Aufnahme in Krankenheilanstalten, ganz außer der Schuld des Arbeiters, der öffentlichen Unterstützung zu verfallen; es sei oft nicht Zeit, erst den Instanzenweg bei den Kassen, denen er angehöre, abzulaufen, und hinterher forderten die Armenbehörden ja die Unterstützung von diesen zurück. Nur wo eine„fortlaufende" Unterstützung eintrete, sei von der Wähl- barkeit abzusehen. Ein Alter von 25 Jahren sei im Uebrigen genügend. Abg. Dr. Hirsch(Max) erklärt, nachdem er, durch die Rede Hasenclever's veranlaßt, noch flugs den Antrag:„Die Gewäh- rung von freiem Schulunterricht gilt nicht als Armenunter- stützung" gestellt hatte, daß er und die Fortschrittspartei für den Antrag von Dr. Franz u. Gen. stimmen würden. Nach einer längeren Debatte wird schließlich der Antrag von Fritzsche und Gen. gegen die Stimmen der Antragsteller ver- warfen. Demnächst wird der erste Antrag Dr. Franz, die Worte „oder ihre Familie" zu streichen, abgelehnt. Bei dem zweiten Anttage Franz, statt 3 Jahre nur 2 Jahre zu setzen, muß „Hammelsprung" eintreten, da.die Abstimmung durch Aufstehen zweifelhaft bleibt. Es stellt sich dabei heraus, daß der Reichstag beschlußunfähig ist, da nur 104 Abgeordnete anwesend find. Die Sitzung mußte deshalb resultatlos geschlossen werden. Und wohlgemerkt, es war die dritte Sitzung, die der Reichstag nach Wiederaufnahme seiner Arbeiten abhielt— und dreimal war er beschlußunfähig. Wenn die Reichsboten selber auf sich und ihre Arbeiten so wenig Werth legen, daß sie bei einem so wich- tigen Berathungsgegenstande, wie es der Gesetzentwurf über die Gewerbegerichte ist, nicht einmal in beschlußfähiger Anzahl am Platze sind— von allem anderen ganz abgesehen—, dann dürfen sie sich aber auch nicht wundern, wenn das Volk über die reichstägliche Gesetzesmacherei die Achseln zuckt und sich nach anderen, das Voltswohl voll und ganz verbürgenden gesetz- oeberischen Maximen umsieht. — 3. Mai. Die gestern durch die Beschlußunfähigkeit des HauseS unterbrochene zweite Berathung des Gesetzentwurfs, be- treffend die Gewerbegerichte, wurde heute wieder aufgenommen und führte zur weiteren Abstimmung über die gestern zu 8 7 gestellten Anträge. Auch der zweite Theil des Antrags von Dr. Franz und Genossen zu 8 7 wird abgelehnt, dagegen wird ein Amendement Lasker's und das von Fritzsche und Ge- nassen angenommen, so daß 8 7 nunmehr lautet: „Zum Mitgliede des Gewerbcgerichts sollen nur solche Deutsche berufen werden, welche das 30. Lebensjahr vollendet haben, für sich oder ihre Familien Armenunterstützung aus öffentlichen Mit- teln in den letzten drei Jahren nicht empfangen oder die inner- halb dieses Zeitraums empfangene Unterstützung erstattet haben und in dem Bezirk des Gerichts seit mindestens zwei Jahren nacheinander beschäftigt sind. Unfähig zu dem Amte sind alle Personen, welche sich in einem der durch 8 32 des Gerichtsverfassungsgesetzes vorgesehenen Fälle befinden. Das Amt der Bei- sitzer ist ein Ehrenamt. Die Uebernahme desselben kann nur auS den Gründen abgelehnt werden, welche zur Ablehnung eines unbesoldeten Gemeindeamts berechtigen. Die Beisitzer erhalten eine für Arbeitgeber und Arbeiter gleiche Vergütung der Reise- kosten und Zeitversäumniß." 8 8 lautet nach der Eommisfionsvorlage folgendermaßen: „Die Berufung der Mitglieder erfolgt auf mindestens ein Jahr und auf höchstens drei Jahre. Eine wiederholte Ernennung ist nicht ausgeschlossen. Die Berufung erfolgt durch Wahl des Magistrats, wo ein solcher nicht vorhanden ist oder wo das Statut oder die An- ordnung der Landes-Centralbehörde dies bestimmt, durch Wahl der Gemeindevertretung, in Communalverbänden durch Wahl der Vertretung des Verbandes. Die Wahl kann in allen Fällen der Vertretung eines Communalverbandes übertragen werden. Die Wahl der Beisitzer kann den Arbeitgebern und Arbeitern ju gleichen Theilen unter mögl'cher Berücksichtigung der Haupt- ächlichen Gewerbzweige und gabrikbetriebe überttagen werden. Die zur Wahl berufenen Arbeitgeber und Arbeiter müssen voll jährig und seit mindestens einem Jahre in dem Bezirke des Gewerbegerichts wohnhaft oder beschäftigt sein. Die Wahlen unterliegen der Prüfung durch die höhere Ver- waltungsbehörde. Dieselbe hat Wahlen, welche gegen das Gesetz oder gegen die auf Grund des Gesetzes erlassenen Wahlvorschriften verstoßen, für ungültig zu erklären. Sind Wahlen überhaupt nicht �u Stande gekommen oder wiederholt für ungültig erklärt, so ist>, soweit Arbeitgeber und Arbeiter wablberechttgt sind, zunächst die Gemeindevertretung befugt, die Wahl vorzunehmen. Im Uebrigen werden in den bezeichneten Fällen die durch die Wahlen zu berufenden Mit- glieder von der höheren Verwaltungsbehörde ernannt." Zu diesem 8 hatten die Abgg. Fritzsche und Genossen fol- genden Abänderungsanttag eingebracht: 1) An Stelle des zweiten und dritten Absatzes in 8 8 zu setzen: „Die Wahl des Vorsitzenden erfolgt durch die Gemeinde- Vertretung, in Communalverbänden durch die Vertretung des Verbandes. Die Beisitzer werden zur Hälfte von den Arbeitgebern, zur Hälfte von den Arbeitern gewählt und zwar die Arbeitgeber von den Arbeitgebern, die Arbeiter von den Arbeitern. An der Wahl können alle Gewerbtreibende mit gleichem Rechte theilnehmen, welche volljährig und seit mindestens drei Monaten in dem Bezirke des Gewerbegerichts wohnhaft oder beschäftigt sind. Die Wahl ist unmittelbar, die Abstimmung geheim." 2) Dem vierten Absatz dieses Paragraphen anzufügen:„und unverzüglich Neuwahlen anzuordnen." 3) Den fttnften Absatz desselben Paragraphen zu streichen. Der Antrag wurde, wie das übrigens vorauszusehen war, verworfen. Dasselbe Schicksal hatten auch etliche andere von verschiedenen Fraktionen gestellte Anttäge und wurde schließlich der 8 3 nach der Commissionsvorlage, jedoch mit der Aenderung angenommen, daß die zur Wahl berufenen Arbeiter seit minde- stens zwei Jahren im Bezirke des Gewerbegerichts wohnhaft oder beschäftigt sein müssen. Die 8§ 9—12 werden nach den Commissionsvorschlägen an- genommen, nachdem etliche Amendements der sozialisttschen Ab- geordneten verworfen worden waren. Desgleichen werden die 88 13—18 nach etlichen beantragten Aenderungen im Wortlaut der Commissionsvorlage genehmigt. Mit§ 19 beginnen die„Schlußbestimmungen". Derselbe lautet: „Wo Gewerbegerichte nach Maßgabe dieses Gesetzes nicht bestehen, kann in Streitigkeiten der in 8 2 unter 1 bezeichneten Art Klage vor dem Gemeindevorsteher erhoben werden. Die Gegenpartei hat sich auf die Klage einzulassen. Zuständig ist der Vorsteher der Gemeinde, in deren Bezirk die streitige Verpflichtung aus dem Arbeitsverhältniß zu er- füllen ist. Der Gemeindevorsteher hat das Verfahren nach den in gleichen Rechtsstreiten für den Borsttzenden des GewerbegerichtS maß- gebenden Bestimmungen zu leiten. Seine Entscheidung geht in Rechtskraft über, wenn nicht von einer der Parteien binnen drei Tagen nach der Zustellung oder der in Gegenwart der Parteien erfolgten Verkündung Klage bei dem zuständigen Gericht erhoben ist. Die Entscheidung ist nach Maßgabe des 8 16 vollstreckbar. Der Gemeindevorsteher kann die Wahrnehmung der ihm hiernach obliegenden Geschäfte mit Genehmigung der höheren Verwaltungsbehörde einem Stellvertreter übertragen. Derselbe muß aus der Mitte der Gemeindeverwaltung oder Gemeinde- Vertretung und auf mindestens ein Jahr berufen werden. Die Berufung ist bekannt zu machen. v. Cuny beantragt, im Absatz 1 die Worte„nach Maßgabe dieses Gesetzes" zu streichen; im Absatz 3 statt„binnen drei Tagen" zu setzen:„binnen zehn Tagen". Diese Amendements werden angenommen, und ein Antrag Bürgers, den ganzen 8 19 zu streichen, damit abgelehnt. 8 20 lautet:„Bis zum Inkrafttreten des Gerichtsverfassungs- gesetzes finden gegen die Entscheidungen der Gewerbegerichte die in den geringfügigsten bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten zulässigen Rechtsmittel bei den für solche zuständigen Gerichten statt; für die Zwangsvollstreckung find die Bestimmungen über die Zwangs- Vollstreckung in den geringfügigsten bürgerlichen Rechtsstreitig- leiten maßgebend." Derselbe wird unverändert genehmigt. 8 21 lautet nach der Regierungsvorlage:„Die Bestimmungen dieses Gesetzes finden keine Anwendung: 1) auf Streitigkeiten der Kaufleute und Apotheker mit ihren Arbeitern; 2) auf Streitigkeiten der Vorstände der unter öffentlicher Ber- waltung stehenden Betriebsanlagen mit den in der letzteren beschäftigten Arbeitern. Die Commisfion schlägt dagegen vor, im 8 21 nur zu sagen: Die Bestimmungen dieses Gesetzes finden keine Anwendung auf Streitigkeiten der Kaufleute und Apotheker mit ihren Gehilfen und Lehrlingen. Das Haus genehmigt den 8�21 nach dem Commisfionsvor- schlag, desgleichen die übrigen 88 des Gesetzes, welches im Gan- zen 24 Paragraphen enthält. — In der Sitzung vom 4. Mai, auf deren Tagesardnung als einziger Gegenstano die zweite Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Abänderung der Gewerbeordnung, stand, war von sozialistischer Seite(Most und Genossen) u. A. auch folgender Antrag gestellt worden: Den 8 105» mit 8 105 d zu bezeichnen und vor demselben folgenden Paragraph einzuschalten: „8 105». Gewerbliche Arbeiter dürfen täglich nicht länger als zehn Stunden, an den Tagen vor Sonn- und Festtagen nicht länger als neun Stunden, ausschließlich der Pausen, beschäftigt werden. Kürzere ArbeitSschichten sind der freien Vereinbarung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern überlassen. Während der Arbeitsschicht müssen drei Pausen von zusammen mindestens zwei Stunden stattfinden. Die Hauptpause muß in die Witte der Arbeitsschicht fallen und mindestens eine Stunde dauern. Die Arbeitsstunden sind nach der öffentlichen Uhr zu richten und dem Gewerbegericht anzu- zeigen. Die Arbeitsschicht darf nicht vor 6 Uhr Morgens beginnen und muß spätestens Abends 8 Uhr beendet sein." Wie vorauszusehen war, wurde der Anttag, der in der Hauptsache die gesetzliche Einführung des zehnstündigen Normalarbeitstages bezweckte, nach eingehender Begründung durch den Abg. Most, verworfen. Es kann also in der alt- hergebrachten gewohnten Weise ins Maßlose hinein weiter aus- gebeutet und geschunden werden. Ausführlicher Bericht über die Debatten und Beschlüsse bei Berathung des Gewerbegerichts und der Gewerbeordnung folgt. — Auf die Interpellation des Abgeordneten zum Ge- raer Landtage, Parteigenossen Brätter, über die Behandlung des früheren verantwortlichen Redakteurs der„Thüringer Freien Presse", Leuschke, in der Strafanstalt Ichtershausen ist seitens des fürstlichen Ministeriums die gewünschte Antwort ertheilt worden. Hiernach hätte der sich zur Verbüßuug von 5 Monaten Gefängniß wegen Beleidigung und Verleumdung verurtheilte Schuhmacher und Colporteur Leuschke freiwillig gemeldet; bei seiner Aufnahme habe derselbe erklärt, sich der Hausordnung fügen zu wollen. Da die Tragung eigener Kleider noch nicht ausgewirkt war und es ihm an ausreichender Wäsche fehlte, habe man ihn mit Hauskleidern versehen. Die Haare wurden ihm, da er hiergegen nicht protestirt, geschnitten/ Einen Bart habe derselbe gar nicht gehabt. Er sei zuerst isolitt und dann im Schuhmachersaale beschäftigt worden. Nach einiger Zeit sei der- selbe von H. Kettel(welcher gegenwärtig ebenfalls dort inhaf- tirt) besucht worden und seien von demselben dann jene Behaup- tungen in der„Thüringer Freien Presse" veröffentlicht worden, welche das fürstliche Staatsministerium veranlaßt haben, Erör- terungen hierüber zu pflegen. Leuschke habe später seine eigenen Kleider tragen können, auch sei ihm der Bezug von anderer Kost gestattet worden. Zeitschrfften habe er lesen können, nur nicht die„Thüringer Freie Presse" in Gotha. Er selbsi, sowie auch die jetzt dort zur Berbüßung ihrer Strafzeit befindlichen Redakteure Bruck und Kettel haben sich über ihre Behandlung nicht beschwert. Das Battscheeren sei seit dem 1. April d. I. abgeschafft worden.— Abg. Brätter erkennt an, daß hiettn nunmehr Wandel geschaffen ist und daß nicht Alles, was in seiner Interpellation angedeutet, zutreffe. Das Wesentlichste derselben sei aber auch durch das Schreiben der Direttion nicht entkräftet. Er könne sich nicht denken, daß ein Besuchender so etwas er- findet und weiter verbreitet; Kettel müsse doch Leuschke in diesem Zustande dott getroffen und das Uebttge von demselben mitge- theilt erkalten haben.— Daß die Interpellation noch diesen Erfolg gehabt hat, ist rein zufällig. Wäre Brätter nicht Par- teigenosse und zugleich Geraer Landtagsabgeordneter— Leuschke und seine übttgen polittschen Mitgefangenen würden, der„Ge- rechttgkeit" gemäß, vielleicht noch heute wie die gewöhnlichen Verbrecher behandelt werden. — Glücklich vertuscht. Der Redakteur eines Berliner Blattes(„Neue Zeit") ward kürzlich von dem Aufsichtsrathe der Gesellschaft„Flora" verkrachten Angedenkens mit einer Verlcum- dungsklage bedacht wegen eines Artikels, in welchem behauptet worden, daß ein Mitglied des Aufsichtsrathes genannter Gesell- schaft die Summe von 5837 Mark„zur Bestechung von Ber- lmer Zeitungen" gebucht, aber nicht ausgezahlt. Das betr. Blatt beschwerte sich also nicht über die Absicht der Be- stech un g, sondern bloß darüber, daß diese Absicht nicht ver- wirklicht worden! Vor einigen Tagen kam es in Charlotten- bürg zur öffentlichen Verhandlung des Prozesses. Der als Zeuge vernommene Bankier Lewenstein gab ungenirt zu, daß er eine Geldsumme für die Berliner Presse,„um diese günstig zu stimmen", ausgesetzt habe, und— zog dann im Namen des Aufiichtsraths die Klage zurück. Die Schmerzen des Redakteur« der„Neuen Zeit" werden wohl nach- träglich gestillt worden sein. Jedenfalls hat die Diskretion des Bankiers Lewenstein verschiedenen Berliner Redattionen etliche „unangenehme Viertelstunden" erspart. Wie dem aber sei: die Thatsache ist constatirt, daß Berliner Aktiengesellschaften es im Interesse des Geschäftes für etwas ganz Selbstverständliches halten,„Berliner Zeitungen" zu bestechen. Daß Aktienge- feilsch asten dies nicht für etwas Selbstverständliches halten könnten, wenn nicht„Berliner Blätter" dergleichen Anschau- ung huldigten, liegt auf der Hand.— — Herr von Diest-Daber hat, nachdem die Tivilge- richte sich inkompetent erklärt, den„General" Bismarck jetzt bei dem Militärgericht verklagt. Wir find sehr begierig auf das Resultat. Erklärt auch daS Militärgericht sich inkompetent, weil Bismarck— was ja unleugbar— eine Civilperson sei, so wäre ein prachtvolles Mittelchen gefunden, der Justiz ein Schnippchen zu schlagen, und die—„ehrlichen Leute" könnten tttum- phiren. — Olivier Pain, ein Mitglied der Pariser Commune und Freund Rochefort's, mit dem er aus Neukaledonien entwich, war im Sommer vorigen Jahres von Genf aus als Kriegs- correspondent eines französischen Blattes auf den türkischen Kriegsschauplatz gegangen. Bei Plewna fiel er den Russen in die Hände, die ihn erst erschießen, dann nach Sibirien schicken und schließlich nach Frankreich ausliefern wollten. Neuerdings ist es den schweizerischen Behörden gelungen, die Frei- lassung Pain's zu erwirken. — Der schweizerische Arbeiterbund und der Grütli» verein halten am Pfingstsonntag den 9. Juni in Luzern einen Delegirtentag ab. Zur Berathung sollen folgende Punkte ge- langen: Organisatton und Programm der sozialdemokratische» Partei: Reorganisation der Jnstiwte des Arbeiterbundes. Bon der Abhaltung eines Congrcsses wurde auf Wunsch vieler Sek- tionen und aus finanziellen Rücksichten abgesehn. — Aus der Schweiz schreibt Freund Joh. Philipp Becker: „Wie man hott, soll hier England, wie zur Zeit des Krim- ktteges, Mannschaften anwerben. 2500 Francs pro Mann und eine bedeutend höhere Summe für Offiziere zahlen. Das Unternehmen soll nicht ohne Erfolg bleiben, was bei der großen Arbeitslosigkeit nicht zu verwundern ist. Doch läßt sich nicht leicht etwas Bestimmtes darüber in Erfahrung bringen, da die Werberei durch die ganze Schweiz strengstens verboten ist. Nun, dieser Menschen- und Kanonenfutterhandel wird trotz Verbots nur mit der Klassenherrschaft, dieser Ursache des politischen, na- tionalen, des ökonomischen und sozialen Krieges aufhören". — Ein Bauernaufstand. In Galizien(Oesterreich) ist es auf zwei großen Gütern in Folge der unerträglichen Be- drückung der Gutsbauern durch die der Leibeigenschaft nahe- kommenden Hof- und Spanndienste und in Folge der unerhört harten Behandlung der Landarbeiter seitens der„Herren" vor einigen Tagen zu einem ernstlichen Bauernaufstand gekommen. Einem polnischen Blatt, das unterm 29. April darüber schreibt, entt nehmen wir solgende Einzelheiten:„Eine Anzahl von Bauern erschien in Begleitung ihrer Frauen und Kinder und widersetzt sich der amtlichen Commiision. Es wurden neun Gensdarwe" und einige Militärs zu Hilfe gerufen. Auf'die Aufforderung der Gensdarmen, die Bauern möchten sich von dem besetzten Grund zurückziehen, achteten diese nicht, sondern schlössen v- Gensdarmen ein. In erster Linie gingen die Weiber und Kinder, hinter ihnen die Männer mit Gabeln bewaffnet. Ermaw nungen und Drohungen halfen nicht und bald kam es zu TY lichkeiten: die Bauern stürzten sich auf die Gensdarmen warfen einen derselben zu Boden. Jetzt nahm das Parlamen- tiren ein Ende und es entspann sich ein blutiger Kampf. Ba- jonette und Geschosse lichteten die Reihen und schon nach den ersten Schüssen lagen zwei der Bauern todt und viele verwundet auf der Erde. Nur dem Umstände, daß die Mehrzahl der Geschosse über die Köpfe abgefeuert wurde, ist es zu danken, daß es nicht mehr Todte gab. Trotz alledem lagern jedoch die Bauern schon drei Tage auf dem Felde, bekommen neue An- Hänger und wollen sich den Aufforderungen, die von den Be- Hörden an sie ergehen, nicht fügen. Neuerdings wurden In- fanterie und Ulanen zur Einschließung dieses Bauernlagers und von der Statthaltern eine Commisfion zur Untersuchung der Uebelstände abgeschickt." Nach späteren Berichten ist es nickt mehr zu Blutvergießen gekommen und haben die Bauern sich „beruhigt". Was die„Commisfion zur Untersuchung der Uebel- stände" ausrichten wird, wollen wir abwarten. — In Bezug auf den Stand der orientalischen Krise ist auch nicht das mind-ste neue Faktum zu melden. England giebt nickt nach und Rußland giebt noch nicht nach. „Kapitnlation oder Krieg" heißt jetzt das Programm John Bull's. Russischer Seits scheint man sich an die Hoffnung zu klammern, die Herren Gladstone und Bright könnten die Toryr-'gierung schließlich doch lahmlegen— eine Illusion, welche beweist, daß die russischen Diplomaten und Agenten nichts gelernt und viel vergessen haben.— Fürst Bismarck hat die Ausfuhr derjenigen Pferde erlaubt, die auf dem diesjährigen Königsberger Pferde- markt nach dem Ausland verkauft worden sind. Das„Ausland" ist in diesem Falle natürlich Rußland. Gestern Pulver, heute Pferde— mein Väterchen, was willst Du mehr?— Schade nur, daß nicht per Luftballon ein paar deutsche Armeekorps in- cognito über den Balkan geschafft werden können, um den im- mer gefährlicher werdenden„offiziösen Krieg" auszustampfen und dem geliebten„Erbfreund" aus der Sackgasse und Tinte zu helfen.— — In Dresden hat Genosse Kayser am 2. d. Mts. seine Smonatliche Haft angetreten. In einem weiteren Prozeß wegen Beleidigung eines Wohlfahrtspolizeibeamten ist Kayser freige- sprachen worden, hingegen schwebt noch ein Prozeß wegen Be- leidigung des Bürgermeisters Krause in Lößnitz i. Erzgebirge, außerdem noch der Siebdrahtprozeß. Es erscheint demnach zweifelhaft, ob Kayser nach diesen 6 Monaten die Freiheit ge- nießen werde. Letztes Wort an Herrn Pfarrer Hager über die Motive des Sozialismus. Bon k'. R. (Schluß.) Jener rechtmäßige Genuß aber, den wir für die Zukunft für Jeden erstreben, der ist nicht Lebenszweck allein, Herr Pfarrer, das ist erst wahres Leben. Was Sie für jeden Baum in Ihrem Felde verlangen, daß er gehörige harmonische Pflege habe, um zu gedeihen und Frucht zu tragen, das ist, seinen Lebenszweck zu erfüllen, das schelten Sie, wenn es für die Gesammtheit der Menschen verlangt wird: Anreizung zur Genußsucht, Anfachung wilden Feuers der Begehrlichkeit. Wahrlich! Genosse K. aus Coburg, wenn er sich in Nr. 25 des„Vorwärts" zornig über Ihre derartigen Behauptungen ausließ, war sachlich vollkom- men im Recht, wenn auch die Form, in der cr's that, zu miß- billigen ist. Ja» aber das ist Ihresgleichen Unglück: die formelle Rohheit und Ungefügigkeit im Ausdruck können Sie nicht von der Sache, dem Kern, scheiden. Was dagegen in der Form gewählt ist, ist gut, sei es sachlich auch noch so schlecht. Wenn Sie die auf- reizende Sprache der Tagesblätter tadeln, so mag ja wohl manch- mal der Tadel gerechtfertigt sein(s. Dulk: Neue Gesellsch. III, Seite 124), im Großen und Ganzen ist's jedoch der gerade, ehrliche Inhalt, der Anstoß bei den Gegnern erregt, nicht die Form. Aber auch wenn die Idee von dem Unverstand Einzelner falsch gefaßt wird, wenn einmal Einer vom Halsabschneiden spricht— gesetzt, der Mann, den Sie anführen, hätte überhaupt zur sozialistischen Partei gehört— dürfen Sie den Sozialismus dafür verantwortlich machen? War's die Idee der Reforma- tion, die im Bauernkriege den Helfensteiner in die Speere sagte? Wenn Sie aber bloße Worte wägen und messen wollen, dann erinnere ich Sie an Lasker's Knüppel und Eulenburg's Flinte. Oder horchen Sie um sich herum, wie oft Sie von einem„Ge- bildeten" Aeußerungen über uns hören können wie: die Bande müsse man wie wilde Thiere zusammenschießen" u. dgl. Haben Sie zweierlei Maß, eins für die Aeußerungen von„Gebildeten" über Sozialisten und ein anderes für die Aeußerungen von So- zialisten über„Gebildete"? So aber machen's die besitzenden Klassen und ihre Verthei- diger.„An alle hervortretenden Schwächen und Auswüchse, sowohl der sozialistischen Bewegung wie der arbeitenden Klasse überhaupt knüpfen sie an, um Bewegung und Tendenz zu brand- marken. Sie wollen den Splitter aus dem Auge der Arbeit ziehen und den Balken lassen im Auge des Besitzes. Während sie im Wohlstand geebnete Bahnen wandeln, verdammen sie scharf « ul!-' ber in FelS und Dornen fehlgeht. Keine Schuld Reichen tragen am Nothstand der Armen, an der dies? Ernährung, an der versagten Bildung, aber was ilbrei J-Äf11.ÖDn der fiebernden That bis zum gellenden Roth- a a O? Armen als Schuld gerechnet.(Dr. Dulk triff�auch Sie! � Herr Pfarrer, und dieser Vorwurf 1 darauf erwidern, daß Sie Lasialle's Nine Definition"Revolution" ein Sophisma nennen? u h..!» J*0" unter einer Zusammensetzung von zehn Buchstaben veyanden haben wolle soll ein Sophisma � Thorheit, ein Sophisma pflege nur feh� huste �erwendung von Definitionen oder gewisse Fehler in der Schlußfolgerung zu bezeichnen. Was soll ich ftrner auf Ihre emphatische Verwerfung des demokratischen Prinzips erwidern? Daß eines armen Köhlers Stimme und die eines Kant im Gemeinwesen dasselbe gelte, soll unsittlich sein. Ich bedaure, S'e darauf erst hinweisen zu müssen, daß ein Kant freilich m der Philosophie ganz von selbst mehr gilt, als jener Köhler, daß aber rn einem Gemeinwesen, worin oer Köhler seine eigene Jntereyenjphäre gegenüber der eines Kant zu vertheidigen hat, und worin„Jedes Freiheit mit der des Andern nach Gesetzen zusammenstimmt", nicht einzusehen ist, warum der arme Köhler seine Interessen als Mensch so viel geringer soll vertreten können, als ein Kant die seinen. Nach welchem Maß soll eigentlich die Vertretung stattfinden? Haben Sie vielleicht den Jntelligenzmesier, den man in die Seelen ein- senken und an dem man die Stärkegrade d?r Jntellig mz ab- lesen könnte, nach denen das Stimmenverhältuiß zu regeln wäre? Sodann Ihre Anschauungen über den Zukunftsstaat. Ge- radezu klassisch ist es, wenn Sie z. B. über die Berufswahl sagen: „Denken wir uns einen reichbegabten Menschen, gezwungen, par oräre äu moukti lebenslang geisttödtende Arbeit in einer Nadel- fabrik zu verrichten,— das ist ein Jammer, mit dem der Mangel an gewessen materiellen Genüssen gar nicht verglichen werden kann." Wenn ich den Satz bei einem sozialistischen Schriftsteller unter den stärksten Beweismomenten gegen unser jetziges Pro- duktionssystem und für die soziale Gesellschaft gefunden hätte, so hätte es mich nicht gewundert, aber bei einem Gegner! I! Und wenn Sie, ohne den Collektivbesitz als solchen als Unmög- lichkeit nach strengem Denken erwiesen zu haben, doch, um den Arbeiter, den Kleinbauern gegen uns einzunehmen, ihn auf die Freude an seinem Gärtchen, auf die Freiheit, mit ihm anzu- fangen, was er will, hinweisen; sagen Sie, wer von uns hat dann das Recht, zu sagen, daß der Andere durch Anknüpfen an Vorurtheile, kleinliche Liebhabereien und Leidenschaften das Volk seinem wahren Vortheil zu entfremden suche? Noch ein letztes Beispiel Ihrer Bekämpfungsweise. Ich war Ihnen in meinen„Motiven" am härtesten deshalb zu Leibe ge- gangen, weil Sie gesagt hatten, der Sozialismus ruhe auf un- lauteren Beweggründen und sei deshalb eine sittliche Verirrung. Nun sagen Sie, Sie hätten aussprechen wollen, daß der So- zialismus bei Vielen eine sittliche Verirrung sei. Diese Argu- mentation ist so vorzüglich, daß ich sie mir merken will. W nn ich einmal in die Lage komme, Thesen gegen das Christenthum aufzustellen, so werde ich bei meinen Gesinnungsgenossen sicher- lich den größten Beifall ernten, wenn ich sage: Das Christen- thum findet bei Vielen aus unlauteren Beweggründen Beifall und ist deshalb bei diesen eine sittliche Verirrung. Ja, Herr Pfarrer, Sie haben ganz Recht gehabt, als Sie mich einmal belehrten:„Wenn man die Worte Genus und Species kennt, ist man noch lange kein Logiker." Doch schon zu lange habe ich mich mit der Erwiderung Ihrer Entgegnung aufgehalten, und doch nur einzelne Punkte herauszugreifen vermocht. Aber es wird genügen, um die tiefen Mängel Ihres Gedankenganges in's Licht zu stellen. Mancher einfache Arbeiter, der Ihre„Entgegnung" las, mag sich ver- wundert gefragt haben, wie es möglich ist, daß ein Mann, der Lehrer des Volks sein will, derartige Dinge ausspricht. Wenn meine Controverse mit Ihnen dann dazu gedient hat, auch nur bei Einem und dem Andern die Ueberzeugung zu wecken oder �n stärken, daß nur in dem allerentschiedensten Kampf gegen die Gedanken, die Sie vertreten, die sittliche und geistige Be- freiung der Menschheit errungen werden kann, so war Zeit und Mühe nicht umsonst. Sie aber, Herr Pfarrer, werden hoffentlich doch noch inne werden, daß der Kampf, den wir gegen Ihre Partei zu führen gezwungen sind, aus dem Bewußtsein der Wahrheit unserer Ueberzeugungen, der Reinheit unserer Absichten entspringt. AuS diesem Bewußtsein stammt unsere Ueberzeugung, daß der heutige Staat auf egoistischen Grundlagen erbaut, daß die Kirche, welche statt selbstlosen Strebens nach Wahrheit ein Dogma, statt des eifrigen Willens zum Guten eine Anweisung auf ein zukünftiges Leben giebt, sinken muß, und wer weiß, ob nicht, so unbegreif- lich es Ihnen jetzt scheinen mag, dereinst noch eine Zeit kommt, wo auch Sie im Hinblick auf die siegreich und belebend empor- steigende Idee de-.- atheistischen Sozialismus sagen müssen: Ja, darum bedarf es unserer nicht mehr! Es lebt nach uns— durch andere Kräfte will das Herrliche der Menschheit sich erhalten. Correjpondeuzen� Güstrow in Mecklenburg, 29. April. Das von den hiesigen Arbeitern arrangirte Arbeiterfest war ein gut besuchtes und verlief wie immer, d. h. würdig. Durch Theater, Gesang und musikalische Vorträge und besonders durch die Rede des Reichs- tagsabgeordneten A. Kapell wurde den Anwesenden ein wirklicher Genuß geboten. Genosse Kapell sprach darüber, daß die Arbciterfeste den Theilnehmenden des Lebens Hunger und Kummer auf kurze Frist vergessen machen sollten; sei ja das Leben der Arbeiter doch nichts weiter als ein Leiden von der Wiege bis zum Grabe, und dieses Elend finde auch nicht eher ein Ende, als bis die heutige Produktionsweise geändert sei. Die Letztere wirke besonders auf die Familie in erschreckender Weise, denn durch den ungenügenden Verdienst würde Streit und Zank in der Familie hervorgerufen; und man könne Keinem einen Vor- wurf machen; der Mann kann nicht mehr verdienen und der Frau ist es unmöglich, mit dem Geringen etwas ordentliches zu bieten und den Gatten zu stärken zu neuer Arbeit. Die Frauen sollten daher selbst mitwirken, damit sich die gegenwärtigen Ver- Hältnisse einmal änderten, sie sollten die Männer antreiben, an dem Bau der Menschenliebe, Gerechtigkeit und Freiheit mitzu- wirken. Nach dieser sehr beifällig aufgenommenen Rede wurde folgendes Telegramm verlesen: „Hoch allen auf dem Arbeiterfest in der Tonhalle ver- sammelten lieben Parteigenossen und meinem Reichstagscollegen Kapell, auch das anwesende schöne Geschlecht einbegriffen. Temmler." Dieses Telegramm wurde mit Jubel aufgenommen und sprechen die Güstrower Genossen hierdurch ihren Dank aus. Nach der Pause fand Ball statt, auf dem sich die Festtheilnehmer bis gegen 4 Uhr vergnügten. IUefa, 28. April. Auch in unserm Städtchen suchen die Staatssozialisten Anhänger zu gewinnen. Zu diesem Zwecke war nämlich der Reiseredner Lössel aus Berlin erschienen. Er hielt sich einige Tage in der Residenz des Sozialistentödters Calberla auf, und warf in Versammlungen, die am 24. und 25. April abgehalten wurden, seine Netze aus, um Gimpel zu fangen, jedoch ohne Erfolg. Deshalb großes Lamento seitens des Herrn Lössel. Der Redner forderte in den Versammlungen alle Anwesenden recht dringend auf, unter seine Fahne zu treten, um seine Bataillone, wie er sagte, zu verstärken, doch schien den Zuhörern die Sache zu kostspielig zu sein, denn 10 Pf. Eintrittsgeld, die Herr Löffel für seinen Vortrag erhob, und min- bestens 3 Mrk. Steuern und 12 Mrk. Abonnementsgelder jährlich, das ist zuviel des Guten. Ueberdies waren die beiden Vorträge wirklich keinen Pfennig Werth, und deshalb kann man wohl be- haupten, die christlich- soziale Partei hat am hiesigen Orte ein todtgeborneS Kind zur Welt gebracht. Hschah, 1. Mai. Rrrrrr! Nur immer hereinspaziert, meine Herrschaften, hier ist zu sehen, was Sie noch nie gesehen haben, die ganze Welt und noch drei Dörfer! Nur hereinspaziert! So lauten die Ausrufe, mittelst welcher Gaukler und Marktschreier auf Jahrmärkten mn bei ähnlichen Gelegenheiten das Publikum zum Besuch ihrer Schaubuden veranlassen wollen. Diesen in der Regel armen Leuten kann man es nicht übel nehmen, wenn sie durch Lärm zu ersetzen Isuchcn, was die Qualität ihrer „Kunstwerke" zu wünschen übrig läßt, sie wollen eben auch leben. Faul, sehr faul muß es aber um die Sache gewisser poli- tischer Harlekins stehen, wenn sie, um ihren abgestaudenen und zum so und so vielten male aufgewärmten Kohl an den Mann zu bringen, zur Hanswurstiade greifen und in der marktschreie- rischsten Weise zusammentrommeln müssen. In dem Oschatzer Käsepapier stand var Kurzem folgende Annonce, welche den be- kannten Jahrmarktsannoncen ähnlich sieht, wie ein Ei dem andern: „Zwei öffentliche Vorträge über die soziale Frage wird der Reiseredner des Central Vereins für Sozial-Reform auf religiöser und constitutionell- monarchischer Grundlage Herr Lössel im Rathhaus-Saale Hierselbst halten und zwar: Frei- tag. den 3. Mai, über:„Die soziale Frage und den Central- Verein für Sozial-Reformen" und Sonnabend, den 4. Mai, über:„Die Roth des Handwerker- und des Mittelstandes und seine Errettung durch obligatorische Fachgenossenschaften (Rechtsgewerke). Anfang der Vorträge um?'/- Uhr Abends. Zum freundlichen Besuch der Vorträge werden eingeladen die hohen königlichen städtischen Behörden, die Geistlichkeit, Be- amte und Lehrer, die Mitglieder des Gewerbe- und Städti- scheu Vereins, sowie sämmtliche Bürger der Stadt. Auch von auswärts wird die recht rege Betyeiligung eines hohen Adels, der Herren Ritterguts- und Gutsbesitzer, sowie der zum Verbände gehörigen Mitglieder der Gewerbe-Vereine zu Dahlen, Strehla, Mügeln, Würzen gütigst erbeten. Hoch- achtungsvoll ergebenst Lössel, Schriftsteller und Reise-Redner." Also, Rrrrrr! nur hereinspaziert, meine Herrschaften„hoch" und sonstwie„würdige" Herren, Ihr Männer der„Gerechtig« keit" und Du, ehrsamer Spieß. Daß die dreimal verfluchten Sozialdemokraten die Ruhe und die„Gemüthlichkeit" nicht stören, dafür hat der Reiseapostel und Schriftüehler Lössel, der sich in seiner Bescheidenheit selbst als„Herr" Lössel ankündigt, schon gesorgt. Wie gesagt, faul, oberfaul muß es mit dem „Central-Berein für Sozial-Reform" bestellt sein, wenn er ge- zwungen ist, zu solchen Mitteln zu greifen. Ob und welches „Eintrittsgeld"„Herr" Lössel für seine Harlekinade erhob, ist nicht gesagt, aber es ist, nach den Erfahrungen, die wir bereits gemacht haben, anzunehmen, daß dies der Fall war, weil die Herren, die von ihren Auserwählten gehaltenen Kapuzinaden nicht unentgeltlich zum Besten geben. Hat doch Stöcker, der „fromme" Mann, vem das Wohl der arbeitenden Volkes so am Herzen liegt, daß er, um dasselbe aus den Klauen der Sozial- demokraten, dieser leibhaftigen Teufel, zu retten, selbst die boden- losesten Lügen und niederträchtigsten Verläumdungen nicht scheut, als er vor Kurzem in Naumburg gastirte, pro Person eine Mark Enttöe erhoben, natürlich ohne der Wohlthätigkeit Schranken zu setzen. Für dieses Geld hat der Diener der„Re- ligion der Wahrheit" den anwesenden gelehrten und ungelehrten Eseln moralische Steine in den weit aufgesperrten Mund ge- werfen indem er log, die Sozialdemokraten beabsichtigen nichts anderes als Mord und Brandstiftung; sie wollen ihr Prinzip durch Hängen und Ersäufen der ordentlichen Leute verwirklichen. Gäbe es einen„gerechten" und„rächenden" Gott, dessen Vor- handensein Stöcker predigt, so hätte dieser„geweihte" Lügner und Verläumder an der haushohen Lüge ersticken müssen. So aber— weiß der Pfaffe, daß er von dieser Seite nichts zu fürchten hat und ungestraft lügen kann. Eine nette Gesellschaft der Ordnung, die solche Don Quixotes zur Bekämfung des So- zialismus aussendet. Um den Kampf leichter führen zu können und das Geschäft einträglicher zu machen, sollten sich die beiden edlen Seelen, Lösser und Stöcker, resp. die von diesen vertre- tenen Parteien, finden und ein Compagniegeschäft errichten. Lösser als Tamtamschläger und Stöcker als ausübender Künstler, es müßte ein Schauspiel für Götter sein. Bielleicht beherzigen die guten Leute diesen unfern gut und ernstgemeinten Rath. Göppingen, 25. April.(Situationsbericht.) Kurz nach unseren Gemeinderaths- und Bürgerausschußwahlen, bei welchen die hie« sigen Sozialiften diesmal selbstständig vorgingen, hat sich die mit so vielem Pomp in's Leben gerufene„Fortschrittspartei" nach nur 13monatlichem Bestehen aufgelöst. Dieselbe hatte in§ 4 ihrer Statuten ganz stramm die Bekämpfung der Sozialdemo- traten aufgenommen. Die„Bekämpfung" ist ihr schlecht be- kommen.— Die„Bolkspartei" verdankt ihre Existenz wesentlich ihrem Lokalorgan, dem„Hohenstaufen". Wäre dieser nicht, so würden sich nur wenige Ueberreste von der Volkspartei vor- findeil. Innerhalb 8 Wochen hat dieselbe zwei Versammlungen abgehalten. In der ersten hatte sie das Steuergesetz auf der Tagesordnung. In der zweiten Versammlung war keine Tages- ordnung aufgestellt. Beide Male stellten sich auch die Sozial- demokraten 6—9 Mann stark ein. Das erste Mal hatten wir Gelegenheit zu hören, wie hervorragende Mitglieder genannter Partei ihr Programm verleugneten, wofür ihnen gehörige Zu- rechtweisung von unserer Seite insofern zu Theil wurde, als denselben aus dem Programm der Volkspartei der Passus vor- gelesen wurde: Beseitigung aller indirekten Steuern und Ein- führung einer einzigen progressiven Einkommensteuer. Das Thun und Treiben der hiesigen Fabrikanten, besonder» einiger nationalliberalen, ist ganz dazu geeignet, den noch im Jndifferentismus steckenden Arbeitern die Augen zu öffnen. In den Webereien wird das eine Mal der Lohn gekürzt, das andere Mal die Kette verlängert. Dieser Umstand hat dazu beige- tragen, daß die Manufakturarbeiter-Gewerkschaft nun 40 Mit- glieder zählt, während ihr früher nur 25 angehörten. Unter 650 Webern und Weberinnen ist dies allerdings noch wenig, aber es zeigt doch einen Fortschritt in der Arbeiterbewegung. Dagegen ist seit einiger Zeit ein anderer„Fortschritt" weniger erfreulich, nämlich die wachsende Zahl der Ganten(Concurse). Auch die Unglücksfälle an den laufenden Werken mehren sich. Im Monat März verunglückte eine Frau in der hiesigen Leim- siederei auf eine ganz schauderhafte Weise. Dieselbe fiel nach mehrmaligen Umdrehungen um die Transmission auf den Boden. Der rechte Arm war buchstäblich derart losgerissen, daß man ihr in das Innere der Brust sehen konnte. Außerdem hatte dieselbe am andern Arm, an den Füßen, auf dem Rücken und am Kopfe Beschädigungen. Auch gebar sie noch im Laufe des- selben Tages, starb aber etwa 20 Stunden nach dem Unglücks- falle bei völligem Bewußtsein, welches sie trotz der Schmerzen nicht verlassen hatte. In unserm Stuttgarter Parteiorgan„Süd- deutsche Voikszeitung" wurde dieser Vorfall dahin kcitisirt, daß wohl nicht der nöthiae Schutz vorhanden gewesen sein werde. Auch der„Hohenstaufen" druckte den Artikel aus unserm Partei- organ ab. Der Besitzer genannter Leimsiederei geberdete sich darüber, wie wenn ihn eine Tarantel gestochen hätte, war aber doch so klug, am darauffolgenden Sonntag durch einen Schreiner einen Schutzmantel um den Königsstock machen zu lassen.. Es wurde also durch die Kritik in diesem Falle doch etwas erreicht. So werden doch unsere Gegner hin und wieder gezwungen, von uns Notiz zu nehmen. Selbst der hiesige Dekan, früher Gar- nisonspreoiger, schenkt den Sozialdemokraten Aufmerksamkeit und zwar in einer Weise, daß schon zu wiederholten Malen selbst stanz unparteiische Leute daS häufige„Räsonniren auf der Kanzel' getadelt haben. Die Herren Geistlichen haben so häufig Gelegenheit, in den ärmlichen Hütten der Enterbten Um- schau zu halten, befürworten auch hm und wieder die Wohl- thätigkeit, und doch bringen fie es über sich, das herrschende System als Gottes Ordnung und den Krieg als nothwendiges Strafgericht zu bezeichnen. Wie aber die Frauenvereine in der Hand der Geistlichkeit ihre Wohlthaten spenden, zeigt fich an einigen dem Einsender wohlbekannten Fällen. Wenn nämlich Jemand, der krank oder arbeitslos ist, fich als unterstützungsbedürftig meldet, so wird nicht allein darüber berathschlagt, ob die Unterstützung wohl angebracht, sondern es wird auch nach- gefragt, ob derselbe auch pietistisch genug gesinnt ist und häufig zum sogenannten„Nachtmahl' geht. Dem entsprechend wird mancher Kopfhänger aueg'ebig unterstützt, sehr arme Leute aber, welche entweder selbst krank find, oder seit einem halben Jahre, einzelne seit mehreren Jahren kranke Kinder haben, erhalten nichts. Und warum? weil fie die Kirche nicht besuchen. Hier liegt der Hase im Pfeffer.— Die Landesversammlung der So- zialisten in Württemberg findet hier am 5. Mai im Gasthof „Zu den Aposteln' statt; einen Bericht darüber werde ich ein- senden. Minden i. M. Die in Nr. 45 des„Vorwärts' angezeigte Eonfcrenz der Gtfinnungsgenossen des Minden- Lübbecker Reichs- tagswahlrreises in Lübbecke erfreute fich einer sehr regen Be- theiligung. Vertreten waren 8 Orte mit 17 Delegirten. Außer- dem waren die Genoffen aus Lübbecke und Umgegend zahlreich erschienen, so daß das Lokal(zwei geräumige Zimmer) voll- ständig überfüllt war. Trotzdem aber folgten alle Anwesenden den Verhandlungen mit der größten Aufmerksamkeit. Da Um stände halber nicht vor 3 Uhr begonnen werden konnte, so hatten die Delegirten, welche meist alle gegen Mittag eintrafen, fich vorher über die Lage an den verslbiedenen Orten unterhalten und konnten in Folge dessen die Beschlüsse in kurzer Zeit gefaßt werden. Alle Delegirten erklärten, daß an den resp. Orten wohl was auszurichten wäre, wenn nur einige Agitation ent- faltet würde. Zu diesem Zweck wurde ein Wahlcomite gebildet, in welches säwmtliche Delegirten aufgenommen wurden. Als Central- Punkt wurde Minden bestimmt. Behufs Aufbringung der Gelder wurden an die Delegirten Sammelbogen ausgegeben, und ver- sprachen die Delegirten, aus vollen Kräften für Aufbringung der Wahlgelder einzutreten. Parteigenosse Frick in Bremen wurde als Candidat für die stattfindende Neuwahl einstimmig aufgestellt. — Indem wir nun die Genossen, ganz besonders die bei der Conferenz anwesend gewesenen, noch dringend ersuchen, nicht zu erlahmen, sondern mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln für die gerechte Sache einzutrten, damit wir die bei voriger Wahl auf unseren Candidaten zusammengebrachte Stimmenzahl verdreifachen oder gar vervierfachen, ersuchen wir noch alle die- jenigen Genossen, nelche vielleicht noch verhindert waren, auf der Conferenz zu erscheinen, uns irgend eine zuverlässige Adresse einzusenden, damit wir mit allen Orten unseres Wahlkreises in Verbindung treten können. Wenn wir so planmäßig vorgehen, so werden wir unsere Arbeit reichlich belohnt sehen. Ueber die eingegangenen Gelder wird seiner Zeit im„Vorwärts' genaue Quittung gegeben werden. Alle Briefe und sonstigen Sendungen find bis auf Weiteres an meine Adresse zu senden. Mit sozialdemokratischem Gruß I. A.: Gottf. Siepert, Alte Kirchstr. 465. Antertürkheim(b. Stuttgart), 30. April. Erst bei meiner Rückkehr jetzt b. merke ich eine Correspodenz in Nr. 45 d. Bl. über das polizeiliche Einschreiten g�gen mich, welche zu berichtigen und zu ergänzen ist. Sie lassen mich sogar in erner Note um 15 Mark wegen des bekannten„groben Unfugs' in Berlin gestraft worden sein, obwohl unser Berliner Organ, welches besser unterrichtet sein mußte als der„Börsen- Courier', derben Schwindel brachte, nichts davon weiß. Säwmtliche über Aus- Weisung und polizeiliche Verfolgung in Preußen von liberalen und conservativen Blättern gebrachte Nachrichten sind Phantasien und fromme Wünsche geblieben. Obwohl ich in Berlin 4 Mal über das„Leben Jesu', je 1 Mal über die„Ungöttlichkeit Jesu", „die Nothwendigkett des Austritts aus der Küche' und„die Entfernung des Religionsunterrichts aus der Schule' gesprochen, war meines Wissens nur in der letzteren, vom„Verein für Schulreform' berufenen Versammlung Polizei gegenwärtig. Von drei, ausschließlich für Sozialisten beabsichtigten Vorträgen end- lich über das„Leben Jesu' wurde nur der letzte, ohne nach- weisbares Eingreifen der Polizei, durch die plötzliche Berwei gerung des Lokals feiten? des Wirthes verhindert. In Leipzig dagegen diente der Umstand, daß ich die öffentlich ange zeigten Vorträge— so wenig wie ich es in Preußen und seit orei Jahren in Würtemberg gethan, da wissenschaftliche Vorträge dieser Verpflichtung nicht unterliegen— nicht bei der Lokal- Polizei angem-ldet hatte, dem Herrn Polizeipräsidenten Rüder zum Anlaß, dieselben„bei Haftstrafe' zu verbieten, und dies Verbot auch gegen meine persönliche Einsprache festzuhalten. Die Ausweisung aus seinem Amtslokal durch einen Diener ge- schah b-i diesem ersten, nicht bei dem zweiten Besuche und war die Antwort auf meine Brhauptung, daß ich ein Recht habe, schriftliche Motivirung und Bescheinigung des Verbots zu er- halten, um auf Grund derselben mein Recht durch einen Anwalt »erfolgen zu lassen. Auch die der Polizeidireknon vorgesetzte Behörde(Kreishauptmannschaft) willfahrte meinem Gesuch um eine solche Bescheinigung nicht, sondern verwies mich auf eine direkt bei der Polizeidirektion auszusetzende Beschwerde gegen dieselbe. Der den Protest aufnehmende Beamte alsdann wies meinen Wunsch, die Beschwtrde selbst auszuführen, mit den Worten ab:„Diktiren lasse ich mir nicht', und überließ mir, ein von ihm aufgesetztes Protokoll zu unterschreiben.— Aehnlich wurden mir zwei bereits angezeigte Vorträge in Dresden ver- boten, und wurde hier auf meine persönliche Einsprache die Ge- nehmi'gung derselben von der„Prüfung' meines Manuscripts abbängig gemacht. Als ich jedoch dieser auffallenden Zumuthung durch Eiureichung der vorhandenen Vortrags-Noten nachgegeben, wurden mit anerkennenswerther Schnelligkeit— zwischen 7 Uhr Abends und dem nächsten Mittag— die Vorträge freigegeben und auch noch in der Charwoche gehalten.— Recht abst chend gegen diesen Erlaß der auch sonst höflich und gebildet auftreten den Dresdener Polizei ersch'int die Behandlung der Wissen- schaft, wie fie der nachstehende, mir hierorts nun zugefertigte Erlaß giebt: „Die Königl. KreiShauptmannschast, collegial zusammen gesetzt, hat das von Dr. phil. Albert Benno Dulk nach Blt. 6 des beiliegenden Aktenheftes eingewendete, gegen die Ent- schließung des Polizeiamtes Blt. 3 gerichtete, Rechtsmittel als unbeachtlich zu verwerfen beschlossen. Inhalts öffentlicher Ankündigungen hatte der Rekurrent für den l2. und 13. dieses Monats zwei öffentliche Vorträge über die Themata:„Die Ungöttlichkeit Jesu auS der Schrift er- wiesen" und„Die Nothwendigkett des Austritts au? der Kirche' zu halten beabsichtigt. Daß das Polizeiamt die Abhaltung dieser Vorträge dem Rekurrenten bei Strafe verboten hat, hat die Königl. Kreishauptmannschaft nur billigen können. Denn abgesehen davon, daß die Erörterung des ersten Themas als der Versuch einer Erschütterung eines der Grundpfeiler des christlichen Glaubensbekenntnisses offenbar ein öffentliches Aer- gerniß geben müßte, würde das Beginnen gradezu gegen eine positive gesetzliche Vorschrift verstoßen, öffentlich zum Austritte aus der Landeskirche durch Herabwürdigung bestehender Con- fesfionen zu verleiten— in welcher Beziehung auf die Be- stimmung in Z 9 des Mandats vom 20. Februar 1827 hin- gewiesen werden mag.— Daß der Rekurrent bei Ausführung und Erörterung des Themas:„Die Nothwendigkett des Austritts aus der Kirche" einer solchen Zuwiderhandlung fich schuldig machen werde, mußte schon mit Rücksicht auf das Thema des an erster Stelle angekündigten Vortrags ange- nommen werden. Nun hat zwar der Rekurrent die erhobene Beschwerde damit zu rechtfertigen versucht, daß seine Vor- träge durchaus wissenschaftlich gehalten seien. Dem ist aber entgegen zu halten, daß nach§ 17 in Verbindung mit§ 5 des Gesetzes, das Vereins- und Versammlungsrecht betreffend vom 22. November 1850 das Verbot von Versammlungen, deren Zweck es ist, Gesetzübertrewnqcn oder unsittliche Hand- luugen zu begehen, dazu aufzufordern oder doch geneigt zu machen, auf Versammlungen aller Art und mithin auch auf solche Anwendung erleidet, welche zu Zwecken der Beförderung der Künste und Wissenschast stattfindet. Das Polizeiamt, welchem bezüglich der Statthaftigkeit des Vorhabens des Rekurrenten, öffentliche Borträge über die Blt. 3 b angegebenen Themata zu halten, instanzgemäße Ent- schließung zu fassen überlassen bleibt, wolle den Rekurrenten dem Vorstehenden gemäß mit Bescheidung versehen. Leipzig, am 18. April 1878. Königl. KreiShauptmannschast. Graf zu Münster.' „Das Polizl-iamt der Stadt Leipzig an das Königl. Würtembergische Oberamt zu Cannstatt. Das Königl. geehrte Oberamr ersuchen wir ergebenst, dem in Uutertürkheim wohnhaften Dr. phil. Albert Benno Dulk die in Ab'chrift beiliegende Verordnung der Königl. Kreis- hauptmannfchast hier bekannt zu machen und ihn derselben gemäß zu bescheiden. Auch wolle demselben eröffnet werden, daß ihm das Halten eines Vortrogs über das Thema„Das Leben Jesu' hier ebenfalls nicht gestattet wird. Ueber die erfolgte Bescheidung des Dr. Dulk erbitten wir uns eine kurze Not-*. Leipzig, am 23. April 1878. C. Rüder." Möchte man nicht die Hände über den Kops schlagen, daß deutsche Verwaltungsbehörden bei einer die Wissenschaft und ihre Lehre frei erklärenden Verfassung mit so bodenloser Ver- kennung des Sinnes dieser Bestimmung zu Werke gehen können? Die„Erörterung des Ausiritts aus der Kirche' darf verboten werden als eine„Erschütterung des christlichen Glaubensbekenntnisses", als„öffentliches Aergerniß"!! Ja, wird denn unser Staat von Hesehen regiert, oder von Dogmen? Was anderes haben wir vier als den unfehl- baren Papst, der Kepler maßregelt, Galilei pnnigt, weil ihre Erörterung der Erdbewegung ein Aergerniß für den Glauben ist!— Haben denn Leute, die so denken, so vorzügliche B amte fie sein mögen, nur einen Begriff da»on, daß die„Wissen- schaft", welche die Vcrsassung frei erklärt, stets die mächtigste, unaufhaltsame, ewige Revolutionärin war und ist, welche von jeher das Wähnen und Glauben— die erste und niedere Stufe unserer Welterkenntniß— angriff, theils vernichtete, theils in Wissen überführte, und deren ganzer Beruf eben dieser Kampf ist, die„Erschütterung der Grundpfeiler" und sonstigen Pfeiler eines unwissenschaftlichen, vernunftfeindlichen Glaubens, wie es nach eigenem Bekrnntniß und Rühmen die christliche R-ligion ist? Oder haben fie die wünschenswerthe Achtung vor der „Wahrheit", die, nach Luther's Ausspruch,„allzeit rumort", wenn sie wissenschaftliche Lehre und Ueberzeugung, nicht einmal auf irgendwelche wissenschaftl'che Auktorität hin, sondern weil sie rumort, verbieten? Wer soll denn, wenn die Wissen- schaft aufhört, friedlich, segensreich den verlebten Aberglauben in neue Erkenntniß umwandeln, die dem Lrbensgang des Geistes innewohnende permanente Revolution vollbringen? Der Säbel? die Flinte? Dahin drängt man, wenn man wissen- schaftliche U- berzeugungen pol>z-ilich verbietet— und dadurch zum Eifer entflammt; wenn man sittlichen Widerstand gegen vorhandene Verderbniß mit Leibes strafe und Drohung verfolgt — und dadurch Gewaltwiderstand wie ihn ja auch„Friedrich der Weise' für den„Junker G org' auf der Wartburg eintreten ließ— zum Schutze, zur Pflege der Moral und der U-bcrzeu- gung wachruft. Freilich kann man nicht mehr daran denken, allgemein einen solchen Kampf durchzuführen— aber ausnahmsweise versucht man ihn doch. Und zu solchem Versuche, einen Schriftsteller, dessen wissenschaftlicher Cha, akter mit Hilfe des Conversationslexikons aus einem Dutzend selbstnändiger, in den berufensten und gelesensten Organen kritisirter Publikationen festzustellen ist, als Petroleur zu behandeln, genügt es, daß er die Ehre habe, Sozialdemokrat zu sein. Gegenüber der Freiheit religiöser Diisidenz die„Erörterung des Austritts aus der Kirche' für eine„Herabwürdigung bestehender Confes ionen' ausgeben, und fie vornweg als„schuldige Zuwiderhandlung' brandmarken, das find Dinge, deren Handhaben in der Gesetz- gebuug auffindbar sein mögen, deren Ausführung aber auf die öffentliche Vernunft nicht beruhigend, sondern aufreizend wirken muß. Daß Herr Direktor Rüoer so sehr dirsen Weg zu wandeln fich berufen fühlt, um, statt eventueller Bestrafung begangenen Unrechts, vornweg auch den dritten, versuchsweise von mir auf- gestellten Vortragsgegenftand, das„Leben Jesu", zu verbieten, dies bringt ihn in die nächste Beziehung zu de» exaltinen Frommen des Landes, welche auch meinen, ,n den ordentlichen Gerichten keine Waffe gegen die wissenschaftliche Haltung meiner Vorträge finden zu können, die �sie so gut wie die Stuttgarter und die Dresdener Polizei stenographirt haben. Und doch findet sich für Herrn Direktor Rüder hierbei eine vielleicht bemerkens- werthe Nuance. Das Canstatter Muckerblatt eines HauptsührerS, Oberhelfers Kapff, erklärte ausdrücklich: man habe versucht, vermittclst Stenographirens mir beizukommen, allein eingesehen, daß dies nicht zum Ziele sühre, und daß es nur einen Weg für das bedrohte Chripenthum gebe— noch frömmer zu werden. A. Dulk. zu halten und ersuchen alle arbeiterfteundlichen Blätter, obige Rottz in ihren Spalten aufnehmen zu wollen. Briefliche Angelegenheiten ersuchen wir zu senden an R. Kahl, Hepperstraße, Bielefeld. Bielefeld. Die Arbeiter der Nähmaschinenfabrik von Carl Schmidt. Briefkasten der Redaktion:<8. S. in Minden: Ja.— C. Sch. in Coblenzt Schuhmacher W. Bock wird Ihnen die gewünlchte Adresse mittheilen können. Wenden Sie sich an diesen.— G. M. in K.: Unser Urtheil in der betreffenden Angelegenheit ist von geringem Werth, da e? aus d'e Entschließungen des Berichts keinen Einfluß hat.— A. H. in Halberstadl: Sie haben richtig grrathen, den Artikel hat der„Orkus ver- fchlungen". Wie können Sie aber auch für die„fteien Gemeinden', in denen zum Theil noch der Gottesglaube kultivirt wird, eine Lanze brechen wollen.— A. in Leipzig: Sie meinen, wir hätten die hiesige „Volkszeitung' etwa? zu unsanft angepackt, dieselbe sei doch„ein an- ständiges Blatt" Lesen Sie nur den„Briestasten' der Nummer vom vorigen Mittwoch,— da heißt es wörtlich:„G. G. Sie sehen also,, daß dem„B." alle Mittel recht sind, die dazu dienen könnten, poli« � tische Gegner herabzuwürdigen. Einfache Beleidigung, Lüge, Berdre- bung, Verleumdung, selbst die Mitwirkung bei Erpressungsver- suchen, nichts ist so schlecht, daß es nicht von dieser Sorte von Journalisten begierig aufgegriffen, nicht? so schmutzig, daß sie nicht dar-n behaglich Herumwühlen sollten. Es ist diesen Leuten, sollte man glauben, das traur-ge Schicksal der Gefährten des OdyffeuS beschieden worden.(Dieselben wurden bekanntlich in Vierfüßler der bek iunten feiten Art verwandelt, deren Gebeine in den Anzeigen unserer Annon- cenbläiter eine so große Rolle spielen). Wir bedauern wahrlich die besseren Elemente in der Partei, die sich ein derarttges„Centralorgan' gefallen lassen müssen; ein„Revolver-Journal' jemals als ihre publicistiscde Anwaltschaft zu bekommen, daS hat ihnen gewiß nie ge- träumt, das Geschick haben sie auch wirklich nicht verdient." Wie ge» fällt Ihnen diese„Anständigkeit"? Beiläufig wundert eS uns, daß der hc ffnungsvolle Jüngling, der als Redakteur des Leipziger Fortschritts- organs sungiri, das„Revolverjournal' nicht verklagt, sintemalen„Er- presiungsoeriuche' kriminell strafbar sind. Oder sollte daS dem betreffec den Jüngling unbekannt sein? Dann sei es ihm hiermit gesogt. — H. P. in Hannooer: Geben Sie uns Ihre Adresse.— Wenden Sie sich doch an Johann Philipp Becker,?rö i'Eveqae 35 Genf. der Expedition. H. Lge Hanau: Sie können den„Vorwärts" von März und April nachbekommen. Preis per Kreuzband ftanco zu- gesandt 1,26 M. Quittung. W. Ufrt Weimar Ab. k,40. Exp. d.„fiamb.-Alt. Volksbl." Hamburg Ab. 300.00 und 117,81. Hssnr Mainz Ab. 20,75. Str k Offen dach Ab. 23,76. Kl hier An. 1,00. Schrdr Hannover Ab. 10000. Slbrhrn Eßlingen Ab. 13,02, Schr. 2,70. Sprngr Aachen Schr. 4,00. Kln Elberfeld Schr. 0,45. Mllr Schalksmühle Schr. 4, l5. Dr. Edr Troppau 4,36. Brgmnn Barmen Schr. 2,00. Fonds für die Gemaßregelten. Von L. hier 4 Mk., Ueberschuß einer Reise. Allgemeine Gewerkschaftsversammlung Mittwoch, den 8. Mai, Abends 8 Uhr, im Saale des Hrn. Jacobi, Rosen. halgasse. T.-O.: Die Borlagen zum Eougreß in Magdeourg und Anträge zu derselben.[60 Die Einbernfer. Wir empfehlen: Douai: Antwort an die Bekenner»es Theismus. Mk.—.10 Stllmann: Organisation der Massen......20 rinnerung an Herwegh.......—.10 Knappschaftskassenwesen vor dem deutschen Reichstag„—.12 treugifcher Schnaps im deutschen Reichstage.„—.05 chramm: Grundzüge der Nationalökonomle..„—.25 Uorck. Die industrielle Arbeiterfrage...„—.10 Die Expedition deS„Vorwärts". Soeben ist erschienen und durch uns zu beziehen: Die Freiheit. Büste in Gyps 25 Centimeter hoch, modellirt«ach der Courbett'schen Büste„I-ikert�". Preis pro Stück in We ß 2 Mark, in Eisenbeinlon 2,50 Mark. Bei Bezug von 6 Stück 25°/« Rabatt. Versandt ohne jede Ausnahme nur gegen baar. Die Expedition des„Vorwärts". Au die Metallarbeiter Deutschlands! Kollegen! Durch die Verhälm'ffe gezwungen haben wir heut den äußersten Schritt gcthan und die Arb-it eingestellt. Es wurden uns> ämlich im Laufe d eseS W nters dermaßen Abzüge gemacht, daß unser jetziger täglicher Verdienst für einen Arbeiter sich ungefähr durch schnittlich auf 1,90 Mk. belauft. Bon diesem kärgliche» Lohne soll uns abermal» ein Abzug von 10 pEt. gemacht werden und zugle ch eine Vermehrung der Aibectszeit von einer Stunde. Daß wir auf diese Bedingung nicht eingehen konnten, leuchtet gewiß jedem denkenden Ar- beiter ein, zumal am hiesigen Orte die Lebensmütelpreise in stetem Steigen begriffen sind. Wir ersuchen unsere Kriegen, den Zuzug fern Soeben ist erschienen und durch die Expedition de»„Vorwärts" zu beziehen:„ Drei Zahre ans memem Leben oder Wein Prozeß wegen Erregung von Mißvergnügen und Unzufriedenheit� meine Suspension und Wiedereinführung ins Lehramt. 1845-1847. Von K. F. W. Wander. preis Mark 1,50. Es ist ein alter B'teran der«olkssache, aber einer von den we- nigen, die ihrer Ueberzeugung treu geblieben sind, der in der voilie- genden Schritt zu uns spricht. Die P riode vor dem Jahre 1848 ist der jetzigen Generation völlig nnbekannl; um so wichtiger, wenn Er« innerungen wie die vorliegenden zu ihrer Kenntniß gelangen, um ihr z» ze gen, weiche Fortschrit.e wir trotzalledem in 30 Jahren gemacht haben. W�e wird es nach weiteren 30 Jahren aussehen? Die!e Frage drängt sich jedem Leier auf.— Die Schrift führt unter anderem daS Biid' eines Menschen vor, der heute noch eine Rolle spielt: de jetzigen kql. preußischen Geheimraths und Berschwörungsfabrikanten Stieb er; außerdem einige hochinteressant« Bertheidigungsschristen des Justizraths Rone, Vcrth, idiger Wanders. Letztere sind Muster l-gisch-jurlstlscher Dialektik und philosophischer Gründlichkeit. Soeben ist neu erichienen: Die Entwicklung Irankreicks � vom 16. bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Eine kulturgeschichtliche Skizze von Bebel. Preis 25 Pf. Plötzeusee ist die Geburisstätle der kleinen Schrift, die dem Leser einen inler.ffanien E nblick in die Entwicklung Frankreichs während des erwähnten Z itraums dielet.„Die Geschichte ist die beste Lehr- me sterin"; dieser Satz bewährt sich auch, wenn man die Schilderung der Zustände und Kampfe in Frankreich durchgeht, die uamenilich im vorigen Javrhundert der großen Revolution vorausgingen. Jene Zeit ha, mit der unteren viele Paralellen. und die Ouinieffenz der Dar- st.llung ist, daß gegen in den Zeitoerhälinissen liegende Ideen und UmgestaltungSnothwendigkeiten schließlich keine Macht der Erde- siegreich ankämpfen kann. Die Expedition deS„Vorwärts." Verantwortlicher Redakteur: Jul,u» Künzel in Leipzig. ittrOattum mit«xved toi. Farderstraß« 12 11 m Leipzig. Druck und Vertag der GenoffenschastSbuchdruckerei m Lechzig.