Srschtwt in Leipiig Mittwoch, Freitag, Sonntag. Abonncmentsprei» für ganz Deutichland l Mari 60 Pf. pro Quartal. MonatS- Abonnements b M Pf. »orden bei allen deutschen Postanslaltcn aus den 2. und Z. Monat, und aus de« ».Monat besonders angenommen. Inserate Igt». Versammlungen pro Petitzeile 10 Mr. Prioalangelegmheiten und Feste Petitzeile 30 Pf. l« Pf.. ,r» Vo rw ärts Vrstellunzen nehmen an alle Postanstalten und Buchhand« lungen des In- und Auslandes. Filial. Expeditionen. New-Pori: Mr. Franz Jonschcr, 177 Lim Str. avrner Brooms.— Mr. Herm. Nitzsche, 34« Wert— 37 Str. Philadelphia: P. Haß, SOS Lortd gra Street. I. Boll, dl. E. box Cbariotto k George Str. Hoboien N. J.: F. A. Sorge, gib WnoK» juxten Str. Chicago: A. Lansermann, 74 Gtydeui-ue San Franzt»co:N.Tnh,41»G'E»rreII Str. London W.: Wilh. Hoffmann, 37 X Lriu- oeo» Str. l,e!ee»ter Sgu. Gentrat Hrgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 58. Sonntag, 19. Mai. 1878. Abonnements anf den„Vorwärts" tür den Monat Juni zu 55 Pfennig werden bei allen beut- schen Postanstalten, für Leipzig pr. Monat zu K0 Pf. bei der Expedition, Färberstr. 1211, in der Expedition der „Fackel", kl. Fleischergasse 15, pari, und bei unfern Colporteur Bösch, Hospitalstraße 6 IV., in den Filialen: Cigarrenladen des Hrn. Peter Krebs, Ulrichsgafse 60, für die Umgegend von Leipzig bei den Filialexpeditionen: für Aokkmarsdorf, Ztendnitz, Aeuschötitfeld ic. bei Frau Engel, Reudnitz, Täub- chenweg 2g, 2 Tr., für Konnewih sc. bei H ackert, Kurze Str. 10 part., für Kleinzschocher u. Umgegend bei Troft,öauptstr. 10/l, für Thonberg bei Bösch, Hospitalstraße K/IV, Leipzig, Pen» rendnitz bei Zschau, 151, für �tagwitz- Lindenau bei Frau Gräfenstein, Aurelienstr. 3, für Köhlis:c. bei A. Herms- dorf, Lindenthaler Str.?, für Stötteritz bei Grude, An der Papiermühle, angenommen. Für ZZerlin wird auf den„Vorwärts" monatlich für 75 Pf., ~ in's Hans abonnirt, bei der Spedition der„Berliner Freien sse", Kaiser-Franz-Grenadier-Ptatz 8», und bei Rubenow, nenstr. 34, im Laden. Die Leipziger Abonnenten werde«»och besonders darauf «nfmerksam gemacht, daß bei alle» Gtadtpost-Filialcn Quartals- »bonnemeotS angenommen werden. Die Expedition des„Vorwärts". Die Gewerbegefttznovelle im Reichstage. in. (Schluß.) Berlin, 14. Mai. § 133 lautet nach den Commisfionsbeschlüsien wie folgt: Kinder unter zwölf Jahren dürfen iu Fabriken nicht beschäftigt werden. Bor vollendetem vierzehnten Lebensjahre dürfen Kinder in Fabriken nur dann beschäftigt werden, wenn sie in der Volks- schule oder in einer von der Schulaufstchtsbehörde genehmigten Schule und nach einem von ihr genehmigten Lehrplan einen regelmäßigen Unterricht von mindestens drei Stunden täglich genießen. Die Beschäftigung darf die Dauer von sechs Stunden täglich nicht überschreiten. Junge Leute zwischen vierzehn nnd sechzehn Jahren dürfen in Fabriken nicht länger als zehn Stunden täguch beschäftigt werden.— Hierzu beantragen: Abg. Pen zig: 1) in Absatz 3 statt„zehn Stunden" zu setzen„elf Stunden"; rm Falle der Ablehnung dieses Antrags: 2) in Absatz 3 hinter den Worten„zehn Stunden" einzufügen:„in Spinnereien nicht länger als elf Stunden".— Abgg. Wölfel, Hr. Buhl: Den § 133 in folgender Fassung anzunehmen: Kinder unter zwölf Jahren dürfen in Fabriken nicht beschäftigt werden. Die Be- schäftigung von Kindern unter vierzehn Jahren darf die Dauer von sechs Stunden täglich nicht überschreiten. Junge Leute zwischen vierzehn und sechzehn Jahren dürfen in Fabriken nicht länger als zehn Stunden täglich beschäftigt werden. Schul- Pflichtige Kinder unter vierzehn Jahren dürfen in Fabriken nur dann beschäftigt werden, wenn sie in der Volksschule oder in einer von der Schulaufsichtsbehörde genehmigten Schule und nach einem von ihr genehmigten Lehrplan einen regelmäßigen Unter- richt von mindestens drei Stunden täglich genießen.— Abg. Penzig stellt zu diesem Antrag den Unterantrag, die Worte „zehn Stunden" in„elf Stunden" zu verwandeln.— Abgg Dr. Freiherr v. Hertling, Dr. Franz und Stötzel:§ 133 folgendermaßen zu fassen:„Kinder dürfen vor ihrer Entlassung ans der Schule nicht in Fabriken beschäftigt werden. Diese Bestimmung tritt am 1. Januar 1882 in Kraft. Ausnahmen von dem Verbote, welche zu Gunsten einzelner Industriezweige die Beschäfttgung schulpflichtiger Kinder nach vollendetem zwölften Jahre in Fabriken zulassen, bestimmt der Bundesrath. Die Be- schäftigung ist nur zulässig, wenn die Kinder in der Volksschule oder in einer von der Schulauffichtsbehörde genehmigten Schule und nach einem von ihr genehmigten Lehrplan einen regelmäßi- gen Unterricht von mindestens drei Stunden täglich genießen. Die Beschäfttgung darf die Dauer von sechs Stunden täglich nicht überschretten. Junge Leute unter sechszehn Jahren, sowie Arbeiterinnen dürfen in Fabriken nicht länger als zehn Stunden täglich beschäftigt werden."— Zu diesem Antrag liegt ein Unter- antrag Penzig vor:„In Absatz 4 anstatt„zehn Stunden" zu fetzen„elf Etuuden".— Abg. Motteler und Genossen: ziai.A folgend- Fassung zu geben:„Für Kinder unter 'st jede Beschäftigung in Fabrik-n verboten. und sechzehnten Lebensjahre dürfen Arbeiterinnen schäftiat werden-p ausschließlich der Pausen(8 134)— be- wie Arbeiterinnen fieute Zwischen 16 und 18 Jahren, so- fl««AI s» l stchzehn Jahre, dürfen in Fabriken nicht 1 134)- ÄSrben �ich- ausschließlich der Pausen � w l 9 s""'den. An den Tagen vör Sonn- und abzukürzen""annten Arbeitszeiten um je eine Stunde Nachdem der Referent vr. Geniel die Commisfionsvorschläge verthndigt. reden.die Herren Wiggers(Fortschritt) gegen Stötzel(Centrum) in scharfer Weife für den Schutz der Kinder rn den Fabriken. Darauf erhält Motteler das«ort. Derselbe wandte sich zunächst gegen den Fortschrittler Wiggers, um ihm Einiges über die Gesetze von Angebot und Nachfrage beizubringen, welche bei Veichränlung oer grauen- nnd Kinderarbeit uniwei- felhaft zu Gunsten aller Arbeitergruppen am ArbeitSmarfte einwirken müßten. Auch über das Sinken aller Geldwerthe, Steigen der Lebensmittel 2C. bei abnormer Mehrung des Kapi- tals mußte der alte Herr von M. noch belehrt werden, da er behauptet hatte: je mehr Kapital, desto höher die Arbeitslöhne. Der Polizei-Wau-Wau der Herren Richter und Genossen fand durch den Redner gebührende Kennzeichnung als ein bequemes Ausweichen, wenn es gelte, gesetzlich für die Arbeiter einzu- stehen, statt mit Redensarten, und schließlich erinnerte derselbe auch noch an den Unterschied zwischen Polizei und Gesetz. Mit der elfteren haben wir nichts zu thun, agte M., wir verlangen dagegen Schutzgesetze, die eme präzi e Behörde auszuführen haben soll. Der fortschrittliche Antrag gleiche dem Beschluß, für die verschiedenen Patienten erst dann eine Arznei zu ver- schreiben, wenn sie kränker geworden seien.— Im zweiten Theile seiner eingehenden Rede erbrachte Motteler mit Zahlen und Daten die Nachweise, daß durch die Frauen- und Kinder- arbeit mehr und mehr männliche erwachsene Arbeitskräste er- werbSlos gemacht, die Lödne herabgedrückt, die Arbeiterschaft in gesundheitlicher und moralischer Hinficht zerrüttet werde. Mit der Ausbreitung der Fabrikindusttie und Vervollkommnung der Maschinen werde der Kampf zwischen Mensch und Maschine immer vernichtender. Bei Zunahme der Fabriken in der Textil- industrie um 723 in 25 Jahren(1850—1875) sei die Spindel- zahl um über 70 Prozent, die der mechanischen Stühle über 86 Prozent, die der Arbeitskinder um über M6 Prozent gestiegen! Während fdas Arbeiterkontingent im Atter von 15 vis 18 Jahren nur um wenige Prozente zugenommen habe, sei zur gleichen Zeit das Contintzent der 18— 25jährigen Arbeiter und darüber um 6 Prozent bis über 20 Prozent gefallen! Unsere Anträge beabsichttgen diesen Mißstand abzumildern und dem fortgesetzten Experimentiren des Kapitals auf Kosten der Arbeitskrast Zügel anzulegen. Der achtstündige Normal- arbeitstag sür Frauen und Untersechzehnjährige sei eine For- derung im Interesse der Industrie wie der Arbelter; es sei der elfteren durchaus nicht das Recht zuzusprechen, ihre Existenz— gleichbedeutend mit ihrem Profit— sich aus der Ueberarbeitung der Arbeiter herauszupressen. Daß durch die heilsame Ver- schiebung der Arbeitszeit der vom sozialistischen Antrage be- troffenen Arbeitergruppen die Löhne steigen müssen, solle gar nicht verheimlicht werden, die Phrase der Fabrikanten aber, daß bei kurzer Arbeitszeit auch die Löhne sinken müssen, zeige am deutlichsten, wie man mit der Arbeit und in erster Lrnie mit ihr seine Profite zu machen gewohnt sei. Redner geißelt trotz wiederholter Schloßrufe die Resoluttonen und Petitionen der Fabrikanten mit ihren eigenen Zahlen und girbt statistische Nachweise über die naturgemäße Entwicklung der Arbeitskiaft, gegen die das heutige Produktionssystem fort- gesetzt sündige, obschon in einem Memorandum der Fabrikanten von der Ethik die Rede sei, die zwischen der deutschen Im dustrie und ihren Arbeitern walten solle! Dies zu dokumen tiren, sei durch Annahme unserer Anträge die beste Gele� genheit. Die Commisfionsvorschläge werden natürlich angenommen. 8 134 lautet nach den Eommissionsbeschlüssen: Die Arbeits stunden der jugendlichen Arbeiter(8 133) dürfen nicht vor 5'/, Uhr Morgens beginnen und nicht über 8'/, Uhr Abends dauern. Zwilchen den Arbeitsstunden müssen an jedem Arbeits tage regelmäßige Pausen gewährt werden. Die Pausen müssen für Kinder eine halbe Stunde, für junge Leute zwischen vierzehn und sechszehn Jahren Mittags eine Stunde, sowie Vormittags und Nachmittags je eine halbe Stunde mindestens betragen. Während der Pausen darf den jugendlichen Arbeitern eine Be- schäftigung in dem Fabrikbetriebe überhaupt nicht und der Auf enthalt in den Arbeltsräumen nur dann gestattet werden, wenn in denselben diejenigen Theile des Betriebes, in welchen jugend liche Arbeiter beschäftigt sind, für die Zeit der Pausen völlig eingestellt werden. Während der von dem ordentlich n Seel- sorger sür den Katechumenen- und Confirmanden-, Beicht- und Communionunterricht bestimmten Stunden dürfen jugendliche Av beiter nicht beschäftigt werden. Wöchnerinnen dürfen während drei Wochen nach ihrer Niederkunft nicht beschäftigt werden.— Die Abgg. Motteler und Genossen beantragen, de» 8 l34 ab- zuändern, wie folgt:„Die Arbeitsstunden der jugendlichen Ar veiter und Arbeiterinnen(8 133) dürfen nicht vor 6 Uhr Mor- gens beginnen und nicht über 8 Uhr Abends dauern. Zwischen den Arbeitsstunden müssen an jedem Arbeitstage regelmäßige Pausen gewährt werden. Dieselben müssen Mittags eine Stunde, sowie Vormittags und Nachmittags je eine halbe Stunde min- destens betragen. Während der Pausen darf den jugendlichen Arbeitern und den Arbeiterinnen eine Beschäftigung in dem Fabrikbetriebe überhaupt nicht und der Aufenthalt in den Arbeits- räumen nur dann gestattet werden, wenn in denselben diejenigen Theile des Betriebes, in welchen sie beschäftigt find, für die Zeit der Pausen völlig eingestellt werden. Wöchnerinnen dürfen während sechs Wochen nach ihrer Niederkunst nicht beschäftigt werden. Eine Kündigung oder Entlassung solcher Arbeiterinnen darf während dieser Zeit nicht stattfinden."— Abgg. Dr. Blum, Dr. Klügemann: Den letzten Absatz der Regierungsvo-.lage: „An Sonn- und Festtagen, sowie während der von dem ordent- lichen Seelsorger für den Katechumenen- und Confirmanden- Unterricht bestimmten Stunden, dürfen jugendliche Arbeiter nicht beschäftigt werden" wiederherzustellen.— Abgg. Dr. Freiherr v. Hertling, Dr. Franz, Stötzel: In Absatz 1 nach„Ar- beiter(8 133)" zu setzen:„und der Arbeiterinnen"; in Absatz 1 statt:„junge Leute zwischen vierzehn und sechszehn Jahren" zu setzen:„die übrigen jugendlichen Arbeiter"; in Absatz 4 statt: „drei" zu setzen„sechs".— Abg. v. Reden: 1) Unter Streichung des letzten Satzes de» 8 134 der CommissionSbeschlüsse als 8 137 a einzusetzen:„Wöchnerinnen dürfen während drei Wochen nach ihrer Niederkunft in Fabriken nicht beschäftigt werden." 2)(für den Fall der Annahme des vorstehenden Antrages): in Artikel 2, 8 146 Nr. 2 hinter:„8 137" einzusetzen:„§ 137 a und hinter:„jugendlichen Arbeitern" einzusetzen:„oder Ar« beiterinnen". Abg. Motteler: Gegen die Nachtarbeit der Frauen und jugendlichen Arbeiter Schutz zu fordern, sei eine einfache Eon- sequenz unsrer Forderungen zu 8 133. Viele Fabriken schlagen ihren Profit ausschließlich aus der Nachtarbeit der Frauen her- aus. Die Arbeiterschaft nenne diese Etablissements„schmutzige Todtenbuden" und aus diesen stelle er dem gesunden„Dragoner" auS der Weißblechfabrik, den Herr Stumm cittrt habe, um zu beweisen, daß Nachtarbeit für Arbeiterinnen nicht schade, unsre „lebendigen Leichen" auS der Textilindustrie entgegen. Der weitere Zusatzantrag zu diesem Paragraphen spreche für sich selbst, die Erfahrung lehre, daß die Herren Fabrikanten, um nicht fortgesetzten Personalwechsel zu haben, Arbeiterinnen lieber entlassen, wenn fie nach der Entbindung länger außer Arbeit bleibe». Man möge bei diese» Anträgen nicht die Partei, son- der« die Menschlichkeit sprechen lassen. Natürlich wird, nachdem daS bekannte Sozial-Mäxchen einmal wieder gegen die Sozialdemokratie gebelfert hatte, der CommiffionS- anttag angenommen. Der 8 139 lautet: „8 139. Die Aufsicht über die Ausführung der Bestim- mungen der 8§ 133 bis 133, sowie des 8 113 Absatz 3 in seiner Anwendung auf Fabriken ist ausschließlich oder neben den ordentlichen Polizeibehörden besonderen von den Landesregie« rungen zu ernennenden Beamten zu übertragen. Denselben stehen bei Ausübung dieser Aufficht alle amtlichen Befugnisse der OrtSpolizeibehöroen, insbesondere das Recht zur jederzeitigen Revision der Fabriken zu. Sie find vorbehattlich der Anzeige von Gesetzwidrigkeiten, zur Geheimhaltung der amtlich zu ihrer Kenntniß gelangenden Geschäfts- und Betriebsverhältnisse der ihrer Revision unterliegenden Fabriken zu verpflichten. Die Regelung der Zustäudigkeitsverhältnisse zwischen diesen Beamten und den ordentlichen Polizeibehörden bleibt den Landesregierungen vorbehalten. Die erwähnten Beamten haben Jahresberichte über ihre amtliche Thätigkeit zu erstatten. Diese Jahresberichte oder Auszüge aus denselben sind dem Reichstage vorzulegen. Auf Antrag der Landesregierungen kann für solche Bezirke, in welchen Fabrikbettiebe gar nicht oder nur in geringem Umfange vorhanden find, durch Beschluß des BundesratheS von der An- stellung der besonderen Beamten abgesehen werden. Die auf Grund der Bestimmungen der 88 133 bis 138, sowie§ 113 Absatz 3 in seiner Anwendung auf Fabriken auszuführenden amtlichen Revifionen müssen die Arbeitgeber zu jeder Zeit, namentlich auch in der Nacht, während die Fabriken im Be- triebe, gestatten." Nach langer Debatte wird dieser Antrag der Commission mit einigen unwesentlichen Aenderungen angenommen. An Stelle des 8 154 der Gewerbeordnung soll folgender Paragraph treten: Die Bestimmungen der 88 105 bis 131 finden auf Gehülfen und Lehrlinge in Apotheken und Handelsgeschästen keine An- Wendung.— Die Bestimmungen des 8 195 a, sowie der 88 133 bis 139 finden auf Arbeitgeber und Arbeiter in Werkstätten» in deren Bettieb eine regelmäßige Benichung von Dampfkraft statt- findet, sowie in Hüttenwerken, in Bauhöfe» und Werften ent- sprechende Anwendung.— In gleicher Weise finden Anwendung die Bestimmungen des 8.105», sowie der 88 114 bis 118 und 133 bis 139 auf die Besitzer und Arbeiter von Bergwerken, Ausbereitungsanstalten und unterirdisch betriebenen Brüchen oder Gruben. Arbeiterinnen dürfen in Anlagen dieser Art nicht unter Tage beschäftigt werden.— Zuwiderhandlungen gegen letztere Bestimmung unterliegen der Sttasbestimmung des 8 146. Abg. Stumm schlägt vor, im dritten Absatz hinter dem Wort:„Bergwerken" einzuschalten:„Salinen". Abg. Dr. Hammacher beantragt, vom zweiten Absatz an den Paragraphen wie folgt zu fassen: Die Bestimmungen des 8 105a, sowie der 88 114 bis 118, 124 und 133 bis 139 finden entsprechende Anwendung auf die Besitzer und Arbeiter von Bergwerken, Salinen, AufbereitungSanstalten und unterirdisch betriebenen Brüchen und Gruben, jedoch mit der Maßgabe, daß es bezüglich der Aufficht über die Ausführung der 88 113 Absatz 3 und 133 bis 138 bei den bestehenden berggesetzlichen Einrichtungen verbleibt, und daß Arbeiter von 14 bis 16 Jahren bei dem unterirdischen Bettiebe von Bergwerken und Gruben auf Grund besonderer Erlaubniß der Bergpolizeibehörde beschäf- tigt werden können, ohne daß während der zu gewährenden Pausen der Bettieb, bei welchem sie beschäftigt sind, eingestellt "u werden braucht. Arbeiterinnen dürfen m Anlagen dieser Art nicht unter Tage beschäftigt werden. Zuwiderhandlungen gegen diese Bestimmung unterliegen der Sttasbestimmung des 8 146. Abg. Motteler schlägt vor, Absatz 3 hinter dem Worte: „Arbeiterinnen" einzuschalten:„und jugendliche Arbeiter unter sechzehn Jahren"; sodann als Absatz 4 folgen zu lassen:„Ebenso dürfen in diesen Anlagen Arbeiterinnen überhaupt und jugend- liche Arbeiter unter achtzehn Jahren zum Bedienen von Ma- schinen oder sonstigen mechanischen Vorrichtungen zum Aus- und Einfahren nicht verwendet werden." Derselbe begründet sein Amendement folgendermaßen: Nir- gends klarer als bei der Bergarbeit dokumentirt sich die Roth- wendigkeit, die Kinder- und Frauenarbeit zu beschränken und Arbeiterinnen, sowie besonders unter 16jährige Arbeiter„unter Tag" gänzlich auszuschließen. Ersatz an Erwachsenen gebe es n Fülle. Er erinnere an die vielen Arbeitslosen, Bettler, .Vagabonden". Die jugendlichen Arbeiter fänden„über Tag"« ofort wieder Verwendung. Bon einer Lehre im Sinne des Handwerks könne beim Bergarbeiter nicht die Rede sein, also sei auch die Behauptung hinfällig, es handle sich bei Beschäf»- gung der kleinen Bergleute„unter Tag" in erster Linie um Heranziehung eines tüchtigen Arbeiterstandes. Reoner kennzeichnet die verschiedenen Arbeiten der Knaben im Bergwerk als gesundheitsschädlich, gefahrvoll und verant- Wortungsreich, weil noch andere Menschenleben davon abhängen, wie z. B. beim Bremsen und Pferdeleiten tc. Das Eontingent der 12— 14jährigen sei so verschwindend klein, daß es in ganz Deutschland kaum 1000 Köpfe betrage, und da wolle man be- haupten, die Concurreuzfähiakeit der Branche würde unter Be- schränkungen, wie die vorgeschlagenen, leiden! Ebenso sei das Contingent der 14-1kjährigen ein verhältnißmäßig so geringes, daß deren anderweitige Verwendung ohne Schwierigkeiten zu bewirken sei. Die Industrie frage nie darnach, was aus den Arbeitern werde, wenn neue Maschinen die menschliche Hand überflüssig machen, und beim Bergbau wirke die frühzeitige Arbeit„unter Tag" so verderblich, daß z. B. von einer Beleg- schaft von 16,000 Mann in einem Jahre nicht weniger als 12,000 Mann in ärztlicher Behandlung standen. Mit 30 Jahren werde gewöhnlich der Bergmann„bergfertig", d. h. ausgenützt und unbrauchbar, gewiß beredte Zahlen, die für unsren Antrag sprechen. Der Antrag, daß unter 18 jährige nicht zum Warten von Maschinen ic. genommen werden sollen, sei dem englischen Berggesetze entnommen und auch bei uns in Deutschland Be- dürfniß geworden. In bergmännischen Kreisen heiße es, daß zu dieser Funktion Männer von Kraft und geistiger Reife ge- hören und nicht die Jugend. Sorge man, daß der Bergmann zur Arbeit nicht zu früh zur Grube fährt, dann wird er, wenn er dem Ende näher kommt, auch nicht allzufrüh zur Grube fahren müssen! Der Commissionsantrag wird mit dem Amendement Stumm angenommen. Der letzte Artikel:„Das Gesetz tritt mit dem 1. Januar 1879 in Kraft" wird ohne Debatte genehmigt. Die in Bezug auf dieses Gesetz eingegangenen Petitionen, soweit sie dasselbe, beziehungsweise die darin behandelten Gegen- stände betreffen, werden hierauf durch die gefaßten Beschlüsse für erledigt erklärt. Das Haus genehmigt sodann folgende Resolution:„Den Reichskanzler zu ersnchen, daß er über die Beschäftigung von Kindern und von jungen Leuten zwischen 14 und 16 Jahren in der sogenannten Hausindustrie, sowie über die geeigneten Mittel, den dabei vorkommenden Unzuträglichkeiten abzuhelfen, Erörterungen anstellen und dem Reichstage eine Vorlage darüber zugehen lasse." Es folgt noch die Berathung einer vom Abg. Stumm be- antragten Resolution; dieselbe lautet:„Den Reichskanzler zu ersuchen, eine auf die Einführung des Titels 7 der Ge- Werbeordnung in Elsaß-Lothringen gerichtete Borlage dem Reichstage baldthunlichst zugehen zu lassen." Damit ist die zweite, die eingehende Berathung der Gewerbe- gesetznovelle zn Ende. Förderliches für das arbeitende Volk ist nicht zu Stande gekommen. Die sozialdemokratischen Anträge wurden natürlich abgelehnt! Sozialpolitische Uebersicht. — In der ReichstagSsitzung vom 14. Mai hatte der Abg. Windthorst zwei Interpellationen gestellt, von denen die erste, das Pferdeausfuhrverbot, nur deshalb Interesse er- regte, weil der Kriegsminister von Preußen erklärte, daß das Verbot nothwendig sei, um eventuellen Falles den Militärbedarf zu decken. Also doch!— Die zweite Interpellation bezog sich auf die Frage, wann der Strafvollzug im deutschen Reiche seine einheitliche Regelung endlich erhalten solle. Der Bundes- commissar Herr Friedberg erklärte, daß man an die gesetzgeberische Erledigung des Materials herangetreten sei, um einer der näch- sten Sessionen des Reichstags eine diesbezügliche Vorlage zu machen. Es folgte die Berathung des Antrags der Sozialdemokraten, betreffend die Aufhebung des Strafverfahrens gegen Most. Fritzsche empfiehlt den Antrag lediglich mit Hinweis auf den bisherigen Usus des Hauses. Der unter liberaler Flagge segelnde ultra-reactionäre Abgeordnete des 6. schles»ig-hol- Religion. Von A. Dulk. In Nr. 34 des„Vorwärts"*) befindet sich folgende nach Württemberg gerichtete Brieftastennote: Fordern Sozialdemokraten zum Massenaustritt aus der Kirche aus, und wollen mit den Ausgetretenen eme„fteie Gemeinde" noch beson- ders bilden, so verstößt solches Vorgehen nicht allein gegen unser Pro- gramm, sondern schädigt auch direkt unsere Sache, da durch derartige freigemeindlerische Nebensächlichkeiten der Blick der Genossen von den eigentlichen Zielen der Sozialdemokratie abgewendet wird, und sie in der Agitation für dieselbe erlahmen. Wo immer solche Erscheinungen zu Tage treten sollten, bitten wir unsere Genossen, denselben entgegen- zuarbeiten. Ueber dieses Votum der Redaktion habe ich mich auszu- sprechen, da ich direkt zum Massenaustritt und zur Bildung einer confessionslosen(„sozialen") Gemeinde aufgefordert habe. Die Insinuation, daß solches Vorgehen gegen unser Programm verstoße, weise ich hiermit zurück; die daran ge- knüpfte Bitte, dem entgegenzuarbeiten, halte ich für einen schweren Jrrthum des Schreibers. I. Unser Programm fordert: Abschaffung aller Gesetze, welche die freie Meinungsäußerung beschränken, unbeschränktes Eoa- litionsrecht. m, Die Erklärung der Religion zur Privatsache ist, wie Jeder- mann weiß, ein Protest gegen Zwang in(religiösen) Meinungs- lachen; sie bedeutet die Negation jeder staatlichen Verpflichtung zu irgend welcher Religion.— Sollte es jedoch Leute geben, welche diese Befreiung szu irgend einem Verbot jeder Religion aufbauschen möchten, so würden sie damit unmöglich durchdringet�, weil sie die individuelle Freiheit, die das Pro- gramm retten will, in neue Fesseln schlagen, und die heutige Re- aktion, den Gewisiensterrorismus, nur m anderer Weise wieder einzuführen vorhätten. Selbstverständlich muß jede private Meinungsäußerung und jede Coalition privater Memungen zu einer öffentlichen gestattet und geschützt bleiben von Staatswegen innerhalb der bestehenden Gesetze. Es giebt keine Privatsache, die ich nicht, so lange die Gesetze sie nicht unsittlich, gemein- schädlich und strafbar erklären, zu einer öffentlichen zu machen *) Eine längere Abwesenheit von Hause gestattet mir erst jetzt die durch diese öffentliche Warnung mir auferlegte Abwehr. steinischen Wahlkreises, Dr. Beseler, bittet unter verschämtem Hinweis auf die agitatorische Thätigkeit des Abg. Most und auf das Kaiserattentat den Fritzsche'schen Antrag abzulehnen. (Bravo rechts.) Lasker nennt es einen verhängnißvollen Fehler, wenn der Reichstag sich durch eine augenblickliche Stimmung verleiten lassen würde, von dem früheren Gebrauche abzugehen; er stimme für den Antrag. Windthorst spricht mit einigen Seitenhieben auf Most und einem frommen, heuchlerischen Augen- aufschlag auch für den Antrag, desgleichen Eugen Richter, der aber als„lebhafter" Gegner der Sozialdemokratie„lebhaft" be- dauert, daß überhaupt Sozialdemokraten im Reichstage sind.(Glauben wir recht herzlich, weil dieser moderne TherfiteS eine wohlverdienten Züchttgungen gerade in dieser Session von >en Sozialdemokraten erhalten hat.) Er(Richter) werde dafür orgen, daß bei der nächsten Wahl, besonders in Berlin, den Sozialdemokraten energisch entgegengetreten werde.(Freut uns. Bei der letzten Nachwahl im 6. Berliner Wahlkreise ist es hauptsächlich den Schmäh- und Schimpfreden des Herrn Richter zu verdanken, daß Hasenclever eine so große Majorität erhielt.) Selbst der Deutschkonservative Abg. Helldorf sprach sich darauf noch für den Antrag Fritzsche aus. Rittinghausen erwiderte auf den Angriff Beseler's, daß die eigentliche Ursache der Rede des Abg. Beseler das verab- scheuungswürdige Attentat sei, das vor einigen Tagen gegen den Kaiser begangen worden ist. Redner fährt dann folgendermaßen fort: Ich protestire aus allen Kräften dagegen, daß mau ver- sucht, dieses Attentat im Allergeringsten mit den Bestrebungen der Sozialdemokratte in Verbindung zu bringen.(Oho! rechts.) Wenn man das versucht, meine Herren, so geschieht es Haupt- sächlich deshalb, weil die alten Parteien sich nicht ablösen können von der Idee, daß dergleichen Attentate für die Parteien— und es war dies richttg für die alten Parteien— irgend ein günstiges Resultat hervorbringen können. Man begreift, daß bei den alten Parteien, bei denen es sich blos darum handelte, immer eine Person zu ersetzen durch eine andere; man begreift, daß bei solchen Parteien man in die Berirrung hineinfallen konnte, nach dem Leben des einen oder andern Mächtigen zu trachten, um diese Persönlichkeit durch eine andere zu ersetzen. Aber, meine Herren, bedenken Sie doch, daß wir Sozialdemo- kraten von den Persönlichkeiten gar nichts erwarten. Die Ver- besserungen, welche wir anstreben, hängen nicht von den Persön- lichkeiten ab; sie können auch nicht abhängen von irgend einer Versammlung, sie hängen ab von der Aufilärung, die wir in die Massen zu tragen haben, und dabei kann es nicht helfen, ob man hier oder da etwas ändert bei den Trägern der Gewalt. Vor allen Dingen wird es darauf ankommen, daß die Ueber- zeugungen in die Massen eindringen.(Rufe: Zur Sache.— Der Präsident meint, daß der Redner sich von der Sache entferne.) Meine Herren, ich habe geglaubt, es sei sehr wichtig, daß ein Mitglied der Sozialdemokratie sich frei über diesen Gegenstand aussprechen könne. Da ich aber unterbrochen werde, so will ich mich einfach darauf beschränken, zu erklären, daß ich es der liberalen Partei überlasse, die Würde des Parlaments in Bezug auf den vorliegenden Fall, nach ihrer Art, zu wahren. Zum Schluß der Diskussion erklärt der Abg. Fritzsche, daß ihm die ganze Berathung zu hoher Befriedigung gereicht habe. Bielleicht wären wir mit dem Antrage nicht vor das Haus getreten, wenn nicht außerhalb des Hauses seitens eines Staatsbeamten(Tessendorff!) darauf provocirt worden wäre, um das Votum des Reichstag« als Material zur Anklage zu be- nutzen. Ich hatte die gute Meinung vom Hause, daß es der- artigen Erwartungen nicht entsprechen würde. Ich habe mich darin nicht getäuscht. Ich habe mir noch das Wort erbeten, um dem Hause meinen Dank dafür auszusprechen. Der Antrag wurde nunmehr mit allen gegen die Stimmen einzelner ultra-reaktionärer Herren(Beseler, Moltke, von Schöning w. ic.) angenommen. — Verrückte Menschen. Verrückte Zustände.„Die so eben erschienene Registrande des großen Generalstabs repro- duzirt eine über die Kosten der Kriege angestellte Berechnung des Londoner„Economist". Danach kosteten die zwölf Kriege seit dem Krimfeldzuge— wobei der jüngste russisch-türkische nicht mitgerechnet ist— durch Tod vor dem Feinde oder in Folge der Erkrankungen 1,948,000 Menschenleben. An Geld erforderten sie einen Aufwand von 48 Milliarden und befugt wäre, sofern ich Theilnehmer und Genossen zum Vereine finde; und es ist dabei ganz gleichgültig, ob ich eine Asiociatton für Schuhsohlen oder für Herunterholung von Medien aus dem mittleren Aether gründe. Mit dem„Verstoß gegen das Pro- gramm" ist es also nichts. Dagegen bleibt noch auf die„Schä- digung unserer Sache durch Nebensächlichkeiten", auf„Abwen- dung von den eigentlichen Zielen der Sozialdemokratie zu ant- Worten; und das thue ich um so lieber, als erst dieser Vorwurf den Kern des Pudels, eine für echte Sozialdemokratie ausgege- bene Parole in sich schließt, die doch, wie ich zeigen werde, nur Unverständniß oder das Geständniß eventueller Impotenz ist. II. Die gedachte Parole glaubt nämlich genug und sogar das Höchste, Beste zu thun, wenn sie alles was Religion heißt, fort- wirft, mißachtet, jede Beschäftigung damit als Abwendung vom Sozialismus darstellt, die Ausbildung des Sozialismus dagegen in die Ausbildung volkswirthschaftlicher Theorien und in den polittschen Kampf setzt. Nun ist aber jeder politische Kampf ein Kampf sittlicher Kräfte; diese sind es stets in letzter Instanz, welche die Staatsideen wie die Staatsbajonette lenken; und die langsamere oder schnellere Fortbildung des sittlichen Jdeenkreises (der Rechtsbegriffe, der Auktoritäten u. s. f.) ist es, die entweder stetige Fortentwickelung der politischen Freiheit oder die Ge- waltakte der Revoluttonen erzeugt. Sittlichkeit ist, nach dem Sozialismus, die Herrschaft der Naturgesetze der Gesellschaft über das natürliche Triebwerk des Einzelnen, den Egoismus... Nach der Religion ist aber©tttuchteit: die Befolgung der überirdisch offenbarten, von der Kirche gedeuteten, ver- walteten und gehaudhabten Gebote emes nur dem Glauben zugänglichen persönlichen Kirchengottes der Willkür und der Wunder!— In diesen heute herrschenden Begriffen liegt ein Abgrund von Unsinn, Aberglaube und Unheil für die Gesell- schaft.— Je weniger ferner die Sittlichkeit entwickelt ist, um so mehr ist sie selbst bloßer Gottesdienst ,n der Gesellschaft; so mehr gilt Religion und Sittlichkeit für gleichbedeutend. Es bedarf nun wohl keiner Ausführung, daß, wie alle poli- tische Entwickelung, auch Gesetzgebung, Regierung, Verwaltung, Sittenbildung, mit einem Wort das ganze soziale Leben einer Volksgemeinschaft auf den in ihr herrschenden Begriffen von Sittlichkeit bafirt, daß insbesondere, um gleich zum Thema zu kommen, unser Staat, der Klassenstaat, tief mit all seinen Wur- zeln noch in der Religion steckt, vom Herrscher von Gottes Gnaden bis zur Eivilehe mit Pastoren; daß Kirche und Staat 260 Millionen Mark, eine Summe, die dem acht- bis zehn- fachen Betrag der Jahreseinkünfte der sämmtlichen europäifchen Staaten so wie Nordamerikas gleichkommt." So lautet eine kleine Notiz in der letzten Nummer(134 vom 15. Mai) der„Kölnischen Zeitung". In runder Summe zwei Millionen Menschenleben dem Moloch des Militarismus und dynastischen Ehrgeizes geopfert, zu welch kolossaler Zahl noch die halbe Million(mit den Kranken eine ganze Million) des russisch-türkische» Kriegs kommt. Und das Alles nn Zeitraum von 2 Jahrzehnten. Wie gesagt: es war eine ganz kleine Nottz, nicht volle acht Zeilen, und in Petitdruck. Bloß zwei Millionen getödteter, gemordeter Menschen. Mehr Raum ließ sich nicht für sie be- schaffen, denn das Berliner„Attentat", der angebliche Mord- versuch auf einen einzelnen Mann, dem dabei auch kein Här- chen gekrümmt worden ist, verschlingt jetzt allen Raum unserer Zeitungen. Hier um einen Menschen, der nicht ermordet wurde, dieser außerordentliche Lärm, dieser verschwenderische Aufwand von pathetischer Entrüstung; dort um zwei Millionen Menschen, die nur zu erfolgreich gemordet wurden, nicht ein Wort des Bedauerns, der Entrüstung. Läßt sich die Verlogen- heit, die Heuchelei, die Corruption unseres politisch-sozialen Lebens schlagender kennzeichnen, als durch diesen Contrast? Der Attentatslärm hat übrigens seine guten prakttschen Gründe. Das immer verdächtiger und mythischer werdende Attentat auf den Kaiser soll zu einem höchst realen At- tentat auf die Sozialdemokratie und die letzten Rudera unserer Freiheiten ausgenützt werden. Die Auslassungen der ge- sammten Regierungspresse, die plötzlich, offenbar auf Befehl von oben, die anfängliche reservirte Haltung aufgegeben hat, läßt in Bezug hierauf keinen Zweifel zu. Hätte noch einer bestehen können, so wäre er durch die Ansprache zerstört worden, welche der Kaiser, laut der„Provinzialcorrespondenz", am Sonntag, beim Empfang des Staatsmimsteriums an dasselbe richtete, und worin er, nach einem Hinweis auf seine vor48er Thätigkeit gegen„staatsfeindliche Richtungen", die Ueberzeugung und Mah- nung aussprach:„Jetzt wiederum und in erhöhtem Maße sei es Aufgabe der Regierung, dahin zu wirken, daß revolutionäre Elemente nicht dije Oberhand gewinnen. Jeder Minister müsse dazu das Seinige thun. Jnsbe- sondere komme es darauf an, daß dem Volke die Religion nicht verloren gehe. Dies zu verhüten, sei die hauptsächttchste Aufgabe." Wir müssen uns also, falls nicht„an maßgebender Stelle" nach Verwindung des ersten Schrecks ruhigere Erwägungen noch Platz greifen, auf einige neue Reattionsmaßregeln gefaßt sein. Uno wir sind darauf gefaßt. Wenn die Gegner unsere Parteimit Gewalt in die Höhe bringen, den natürlichen Entwick- lungsprozeß durchaus künstlich beschleunigen wollen, so können wir sie selbstverständlich nicht daran hindern. Nun— wenn die reaktionäre Presse das Attentat für Reaktionszwecke auszubeuten sucht, so hat sie von ihrem Partei- Standpunkt aus damit Recht. Wenn aber die liberale Presse in das nämliche Horn bläst, die Sozialdemokratte für den Lehmann- schen Blödsinn verantwortlich macht und Unterdrückungsmaß- regeln fordert, so ist das eine Erbärmlichkeit ohne Grenzen, die uns fteilich von diesen polittschen Heuchlern nicht wundern kann, und zu gleicher Zeit eine kolossale Dummheit, denn die gefor- derten Unterdrückuilgsmaßregeln werden auch die liberale Partei treffen. In der„Creselder Zeitung" finden wir einen Arttkel, welcher die„liberalen" Anschauungen klassischer ausdrückt, als es in irgend einem uns bekannten Blatte bisher geschehen ist, und den wir deshalb hier im Auszuge mittheilen: „Von einer Partei, auch wenn sie sich in der schärfsten Op- Position befand mit dem herrschenden System, von einer achtens- werth en Partei konnte weder dirett noch indirekt die Veran- laffung zu diesem wahnsinnigen Unterfansien ausgehen. „Nur einer einzigen Partei, der sozialdemokratischen, wird eine Zusammengehörigkeit mit dem Mörder zugemuthet werden, derselben, die für die Gräuelthaten der Pariser Eommunisten sich begeistert und den Mordversuch der Wjera Sassulitsch in ihrem Hauptorgan, dem„Vorwärts", verherrlicht. „Was hat die letzte Zeit, was allein das verflossene Jahr im Schooße dieser Partei, die sich als die Trä- gerin der Zukunft hinzustellen beliebt, für Früchte gezeitigt! Durfte nicht ein an Größenwahn leidender trotz alles häuslichen Haders unzertrennlich sind, und, obwohl sie einander nach dem Grillparzer'schen Wort") nicht aus dem Sumpfe ziehen, doch festest sich auf einander stützen. Die Religion ist daher der mächtigste Feind des Sozialismus, wie denn auch bei dem allergrößesten Bruchtheile der Staatsbürger, der länd- lichen Bevölkerung, unsere Agitation noch an der religiösen Er- ziehung derselben fast völlig sich bricht. Diese Religion mit einem Worte ist die Hauptsestung des Antisozialismus, der Reaktton, das Bmtnest aller sozialen Uebel. Wer somit diesen Kampf für nebensächlich hält und gar vor ihm warnt, der hat keinen Begriff von dem wahren Kampffelde des Sozialismus. Eben dieser Kampf ist nothwendiger und entscheidender als der polittsche, denn aus dem religiös-ethischen Boden wachsen erst die (neuen) Gesellfchaftsverfassungen hervor; und er ist der eigent- lichste Kampf des Sozialismus, dessen großartiges Culturmoment eben dies ist: eine neue Weltanschauung und neue Sittlichkeit in Fleisch und Blut der Gesellschaft einzubilden. Er fordert ja nicht die polittsche, sondern die soziale Revolution; er muß und will zur Gründung des Volksstaats nicht nur das Sittengebäude der christlichen Kirche zertrümmern, sondern ein anderes, das der Naturgesetze der menschlichen Gesellschaft, der Solidarität an dessen Stelle setzen. Der politische Kampf, die volkswirthschast- lichen Theorien, die Gesetzgebung, die Organisation selbst der arbeitenden Klasse sind nur ausführende Einzelrichtungen, Zweige des ethischen Kerns, der ihnen allen das Leben giebt. Der Sozialismus ist eine neue Ethik. Unvermeidlich, wie scheu und zage man ihn auch hinausschieben mag, ist der Kampf der Sozialdemokratie gegen die religiös-fittlichen Prinzipien der Heu- ttgen Gesellschaft. Und in ihm liegt die nothwendige Entscheidung, das vermag nur dem oberflächlichen Blicke zu entgehen. Ist Ethik erhaben über das Christenthum des Klassenstaates, so wird der Sozialismus unwiderstehlich. Und diesen Kampf auf dem ethischen Bolksgebiete, das zur Zeit die christliche Religion ist, will man ihm verbieten? will man für eine„direkte Schädigung des Sozialismus" erklären?! III. Die Scheu vor diesem Kampfe geht nur hervor aus unzureichenden Mitteln für denselben, und da wo sie mit FanattsmuS *) Der Staat stützt sich aus Adel und«irche, Die beide sich wieder nur stützen auf ihn; DaS gleicht dem Versuch des Baron Münchhausen, Am eigenen Zopf aus dem Sumpf sich zu ziehn. Bu chbindergesell es wagen, in Rede und Schrift Un- zufriedenen und Ungebildeten mit der Beseitigung der Religion die der Moral, mit dem Kampf wider den Staat denjenigen gegen die Gesellschaft zu predigen; hat nicht die sozialdemokratische Presse in der schäm- losesten Weise den Kirchenraub verherrlicht und ihre petroleumduftenden Umsturzideen in die empfäng- lichen Gemüther ihrer zum größten Theil gesetzlich wie geistig unmündigen Leser gepflanzt? Und hat man gehört, daß Eines der hervorragenderen Mitglieder, angeekelt von dem wüsten Treiben, aus der Partei ausgetreten, oder auch nur eine Stimme aus dem Kreise derjenigen laut geworden wäre, die vermöge ihrer Bildung die abschüssige Bahn erkennen mußten, auf der man sich bewegte? Nein, leider nein! Keiner dieser Männer scheint sich der großen Verantwortlichkeit bewußt ge- wesen zu sein, die er durch seine moralische und pekuniäre Unter- stützung einer von gewisienlosen Agitatoren geleiteten Bewegung lieh, einer Bewegung, die durch systematische Erregung von Un- Zufriedenheit und Fanatismus naturgemäß dahin führen mußte, wo sie jetzt angelangt ist, zum Königsmord. „In welch direkter Beziehung die sozialdemokratische Partei zu der unseligen That des Leipziger Ktempnergesellen steht, das wird hoffentlich die Untersuchung klar stellen, wie weit sie in- direkt das Verbrechen verschuldet, ist schon jetzt außer allem Zweifel. Man sehe nur irgend eins ihrer Preßorgane an, wie aus jeder Zeile die Unzufriedenheit mit dem Bestehenden hervorbricht, wie gewaltsam jedes Vorkommniß, ja das selbst- verschuldete Elend und die von grenzenlosem Leichtsinn herbei- geführten Unglücksfälle Unbemittelter der Ausbeutung seitens der befitzenden Klassen in die Schuhe geschoben werden. Und gerade der Umstand, daß diese gefährliche Mixtur den körperlich und geistig Unreifen gegeben wird, das ist das Traurige, das ist der Geist der Zersetzung, der einem 21jährigen Schlingel die Mordwaffe in die Hand drückt." Und in diesem Stil geht's weiter bis zur obligaten Phrase über die nun zu erwartende Beschränkung der Preß- und Rede- fteiheit, des Versammlungsrechts u. s. w.— Maßregeln, welche „die Gutgesinnten im Lande, wenn sie auch.selbst darunter leiden, doch billigen müffen." Greisen wir aus dem Phrasenbrei einige Bröckchen heraus. Die„Greuelthaten der Pariser Commnnisten" schenken wir der Ignoranz des liberalen Leitartiklers; wegen der Wjera Sassu- litsch haben wir aber ein Wörtchen mit ihm zu sprechen. Er insinuirt: indem wir— der„Vorwärts"— den Schuß auf Trepow„verherrlicht", hätten wir den Schuß auf den Kaiser Wilhelm gebilligt, wo nicht provozirt. Begreift der unglückliche Zeitungsschreiber nicht, daß diese denunziatorische Schlußfolge- rung eine Majestätsbeleidigung enthält, wie sie krasser nicht gedacht werden kann? Oder ist es nicht eine Beleidigung des deutschen Kaisers, ihn mit Trepow auf eine Stufe zu stellen? Mit Trepow, der brutalen Bestie, die hilflose, seinem Schutz anvertraute Gefangene auf's Blut peitschen ließ, mit Trepow, dem bestechlichen Spitzbuben, der die Gerechtigkeit verkaufte, drei Millionen in wenig Jahren zusammenstahl und sein Amt zu allen möglichen Infamien mißbrauchte? Daß dieser Schand- bube ein Opfer der Privatjustiz wurde, das haben wir natür- lich gefunden und die That der Wjera Saffulitsch für menschlich durchaus berechtigt erklärt. Und wir haben damit nur dem Gedanken Ausdruck gegeben, der jeden anständigen Menschen bei der Nachricht von der diesem Elenden gewordenen Züchtigung er- füllte, und der schließlich den Geschworenen— auserteseneu Großbürgcrn und Beamten— das freisprechende Verdikt eingab. Das Verdikt ist von der civilifirten Welt mit Jubel begrüßt worden, und hat das Gedicht im„Vorwärts", welches den denunziatorischen Eifer des Crefelder Zeitungsschreibers und unzähliger Genoffen desselben erregt hat, veranlaßt. Kein Zweifel, mit Volks- und Privatjustiz ist es ein bedenk- liches Ding. Aber welche andere Justiz giebt es einem Schur- ken gegenüber, der über der gewöhnlichen Justiz steht? Ein Trepow spottet entweder der Justiz, oder er muß seine Wjera Saffulitsch finden. Aber was hat Lehmann mit Wjera Saffulitsch, was Kaiser Wilhelm mit Trepow gemein? Welchen Anlaß bat Kaiser Wilhelm der Privat- oder Volksjustiz, der Privatrache oder der politischen Rache gegeben? Merkt die„Cre- felder Zeitung", welchen horrenden Bock sie geschossen? Weiter.— Die sozialdemokratische Preffe hat„schamlos den egen alles was Religion heißt verbunden ist, aus einer falschen, los historischen Anschauung von dem Wesen der Religion. Religion ist und war unter allen Umständen die Empfindung des Weltganzen in irgend einem Erkenntnißbilde; und zwar die Zusammenfassung der ganzen, dem Volke und dem Menschen gegebenen Welterkenntniß im Selbstgefühl. In allen jeweiligen Bildungsstufen hat sie aber die beiden Beziehungen des Men- schen, zur Welt(Natur, All) und zum Menschen, oder Erkenntniß- glauben und Sittlichkeit umfaßt, wenn auch letztere anfänglich, und ersterer letztlich beinahe verschwindet. Ich sage Erkenntniß- glauben, denn aller Glaube ist Frucht von Erkenntniß, sei er noch so dumm oder kindisch; und jede Religion hat ihn aus ihrer Naturerkenntniß.— Ist es nun zu verwundern, wenn alle Weltanschauungen(Religionen) der Kindheit— wo die Natur- erkenntniß nur zusammenhangloses Wähnen bleibt— voll dicken Aberglaubens sind? Schein und Gespenster sind die Erkenntnißart des Kindes! Aber deshalb die Religionen verwerfen, hieße das Kind mit dem Bade ausschütten. Die Welterfaffung reinigt sich von Jahrtausend zu Jahrtausend. Die Kindheit geht und die Mannheit ist nahe gekommen. Seit einigen Jahrhunderten haben sich in der That nicht nur die Fundamente des Wissens, auf denen noch sämmtliche Religionen aufgebaut find, völlig erneuert durch jene Naturerkenntniß, welche Columbus und Copernikus einleiteten: sondern es hat sich nunmehr auch die Wissenschaft als solche zu der einzigen höchsten Auktorität aller Erkenntniß � auch des Glaubens und Wähnens— aufgeschwungen. So daß fortan nur der von der Wissenschaft angezeigte und frei- gegebene Glaube den Inhalt der Religionserkenntniß bilden kann, und jeder andere ohne Wissenschaft und gegen die Vernunft in Zukunft von selbst aus aller Prätension durch die vernünftige und wissenschaftliche Volksbildung verschwindet. Religion besteht also nicht, wie die hier getadelte Ansicht will, im Aberglauben, sonderm iM Aufnehmen des Weltbildes in die Selbstempfindung des Menschen. Die Welterkenntniß wird in der Religion leben- diges und einigendes Bewußtsein. Gottanbetung und Cultus find nur vergängliche(KlndheitS-) Momente der Religion, welche nur anfangs dem ganzen bewußten Inhalte der Religion Aus- druck geben, mit der wachsenden Selbstständigkeit aber sich min- dein und verschwinden; und schon den Buddhismus hat man nicht mit Unrecht eine Religion ohne(persönlichen) Gott und ohne Cultus genannt. Das Wesentliche der Religion ist viel- mehr die Verlebendigung und Einigung der Erkenntniß im Gemüth..Das Gemüth als Herd unserer Selbstempfindung, unserer Leeoenschaften und Triebe, muß nicht nur von der Er- kenntniß und Begehrung des Einzelnen(in den Trieben) ergriffen Kirchenraub verherrlicht". Die„Crefelderin" zupfe sich an der eigenen Nase. Die sozialdemokratische Presse kümmert sich ver- teufelt wenig um Kirchen und„Kirchenraub"— wenn aber das Crefelder Blatt sich die Mühe nehmen will, unsere liberale kul- turkämpferische Presse und ihre eigenen Spalten zu durchblät- tern, so wird sie Centner und Tonnen von„Verherrlichungen des Kirchenraubs" entdecken. Urkomisch ist die Wuth, daß keines „der hervorragenderen Mitglieder" unserer Partei derselben, an- geekelt„von dem wüsten Treiben", den Rücken gewandt— mit anderen Worten zum Renegaten geworden sei. Wir quittiren dankend das Compliment, und verabschieden uns hiermit von der„Crefelder Zeitung".— Ueber die Person und Vergangenheit Lehmann's haben wir noch Verschiedenes nachzutragen. Unser Berliner Partei- organ bringt(in seiner Dienstagsnummer) nachstehende Zu- schrist: Berlin, 12. Mai 1878. Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen, soviel ich von meinem Freund, dem„Attentäter" Lehmann weiß, wahrheitsgetreu mit- zuth eilen. Ich lernte denselben im Arbeiterbildungsverein Leipzig kennen, wir nahmen beide deutschen Sprachunterricht; sein Geschäft betrieb er nicht, er colportirte sozialdemokratische Schriften, die Behauptungen des„Tageblattes", er habe dort Versammlungen einberufen oder abgehalten, ist unwahr. Am letzten Neujahr erzählte er mir im„Thüringer Hof" in Leipzig, er habe an Hrn. Stöcker nach Berlin geschrieben, um Probe- nummern des„Staatssozialist"; darauf erhielt er zehn Stück, welche er in der Sozialisten-Versammlung bei Michael, Wind- mühlenstraße, unentgeltlich vertheilte. Darauf schrieb er um mehr und erhielt zweihundert Stück Probenummern nebst einem sehr schmeichelhaften Brief, den er mir zu lesen gab, und in welchem der Schreiber die Bitte aussprach, den pp. Lehmann persönlich kennen zu lernen. Am 20. Januar d. I. bin ich von dort wieder hierher übergesiedelt, und traf meinen Freund wieder, als ich mich beim Leichenbegängniß unseres Dentlers betheiligte. Er schritt ungefähr 50 Mann hinter mir. Noch ehe sich der Leichenzug in Bewegung setzte, kam er zu mir und stellte mich mit heftigen Worten zur Rede, warum ich den„Vor- wärts" nicht mehr hielte, die Abonnenten wären jetzt auf 9000 gesunken; ich sagte ihm, daß ich die„Berlmer Freie Presse" hielt, worauf er erwiderte, letztgenannte Zeitung sei ein reines Bourgeoisieblatt, gab mir jedo b seine Absicht kund, Abonnenten für die„Berliner Freie Pnsse" zu sammeln. Bei dieser Ge- legenheit hatte er eine Nummer vom„Vorwärts" und eine Nummer vom„Staatssozialist" in der Tasche. Ich schließe hiermit und bleibe ganz der Ihre. Carl Simpich. Mit Bezug auf diesen Brief schreibt die Berliner„Bolkszei- tung", die sich offenbar ihrer denunziatorischen Heulmeierei zu schämen beginnt: „Ein„Anarchist", der zugleich Staatssozialist ist, der die „Berliner Freie Presse" für ein Bourgeoisblatt hält— die Richtigkeit vorstehender Mittheilungen vorausgesetzt— ist jeden- falls ein wüster Kopf; ein Bursche, der bereits wegen Majestäts- beleidigung und Urkundenfälschung verfolgt wird, abwechselnd verschiedene Namen führt, mit einer ansteckenden Krankheit be- haftet ist und endlich gar zum Attentäter wird, das Alles im Alter von 21 Jahren— ist ein Mensch, der die Schule des Lasters von Jugend auf und von Grund aus durchgemacht haben muß. Mit einem solchen verworfenen Subjekt wird Niemand eine politische Partei identifiziren wollen; auch zum politischen Fanatiker auf eigene Faust scheint uns der Kerl zu schlecht. Die weiteren Recherchen dürften daher wohl ergeben, daß Hödel ein verkommener, unklarer Mensch ohne allen und jeden sittlichen Halt ist, der lediglich aus Freude am Verbrechen sogar vor einem Mordversuche gegen das Staatsoberhaupt nicht zurückgeschreckt ist, weil er die Größe dieses Verbrechens zu würdigen nicht vermocht hat." So die„Bolkszeitung", der übrigens bemerkt sei, daß alle Thatsachen, auf welche sie ihre neue, vernünftige Auffassung gründet, im Wesentlichen schon bekannt waren, als sie in den Chorus der reaktionären Biedermänner einstimmte, denen das Attentat Wasser auf die Mühle ist. Einem Zeitzer Blatt, der„Sächsischen Provinzialzeitung" entnehmen wir folgende authentische Notizen: „Der Klempnergeselle Max Hödel ist ein geborner Preuße. Seine Mutter verheirathete sich später an einen Schuhmacher werden, sondern auch von der des Weltganzen, des höchsten Lebens oder höchsten Einklangs des Lebens. Ideen, welche die jeweilige Erkenntniß als weltregierend darstellt— und solche waren auch der Klotz, der Fluß u. s. w.—, werden dadurch zu Mächten über die Empfindung und über das Wollen(Handeln). Das ganze Selbstbewußtsein wird in ihnen einig, ruht m ihnen, handelt aus ihnen. (Schluß folgt.) — Wir erhalten von einem Studiosus nachstehende Zuschrift: Vielleicht haben Sie die Güte, Folgendes in die Spalten des „Vorwärts" aufzunehmen. „Im vorigen Winter hörte ich in Breslau eine Vorlesung bei dem Prof. G. über Glaubenslehre. Wörtlich äußerte er darin: Vor Kurzem hat ein hiesiger Geistlicher behauptet, es sei Thorheit, an dm Satan zu glauben. Man braucht allerdings nicht an den Satan glauben, wie ihn sich das Volk denkt, d. h. an ein Mittelding zwischen Mensch und Thier, obwohl die Offen- barung St. Johannis von einem solchen redet. Das Letztere ist ganz entschieden bildlich zu nehmen. Wohl aber müssen wir an den biblischen Satan glauben. Bon ihm sagt Paulus, er wirke besonders unter den Heiden, zugleich aber auch unter den Christen. Wie läßt sich das vereinigen? Manche haben vorgeschlagen, es sei der Satan allgegenwärtig, doch stimmt dies nicht zur Glaubens- lehre. Vielmehr müssen wir sagen: Es giebt viele Teufel, aber der Eine, mit dem wir uns hier beschästigen, ist der Ober- oder Hauptteufel. In Betreff seiner Eigenschaften sagt Paulus, er übt die Herrschaft in der Welt aus. Danach muß er colossalen Verstand besitzen. Da er aber Jahrhunderte lang vergeblich gegen Gottes Weltregierung kämpft und nicht einsteht, daß er den Sieg nicht erringen kann, muß er von riesiger Thorheit beseelt sein. Wie läßt sich dies vereinigen: Der Satan hat von Natur riesigen Verstand, leidet aber an einer fixen Idee." —„Leider nicht getroffen." Nach der neuesten Berliner Leh- maniade wurde ein Arbeiter verhastet, der gesagt haben soll, eS sei schade, daß der Attentäter fehl geschossen. Bielleicht erinnern unsere liberalen Herren Bourgeois sich daran, daß nach dem Tschech'schen Attentat(im Jahr 1844) Schnupftabaksdosen, Tabakspfeifen u. s. w. mit dem Bildniß Friedrich Wilhelm's IV. mit der Unterschrift„Leider nicht getroffen" in den Handel kamen, und zu Hunderttausenden von den liberalen Bürgern gekauft wurden.— Traber in Leipzig und brachte den Jungen mit in diese Ehe ein. Wegen einiger damals wohl schon verdienten Züchtigungen von seinem Stiefvater, entfloh dieser hoffnungsvolle Sprößling und trieb sich vagabondirend umher. Bon der Behörde er- griffen, wurde er als geborner Preuße der Erziehungsanstalt in Zeitz übergeben. Zu Ostern 1872 confirmirt, übergab diese An- stalt den Hödel dem Klempnermeister Robert Härtling in Zeitz in die Lehre. Vom Anfang an war derselbe dort ein aufmerk- samer Lehrling, welcher seine Sache auch leicht begriff. Durch Verschiedenes gezwungen, mit anderen, auch älteren Lehrlingen aus der Correktions- und Erziehungsanstalt zu verkehren, lernte er sehr leicht von denselben sich das Schlechtere aneignen. Nach- dem er bei dem Meister zwei Jahre gelernt hatte, sah sich dieser gezwungen', den Lehrling der Anstalt wegen zu großartiger Renitenz wieder zurück zu übergeben.(Zuletzt schlug er mit einem Umschlageisen— ein ca. 5 Pfund schweres beilar- tiges Stück Werkzeug— auf einen Gesellen ein und wurde dieser Hieb von einem anderen Gesellen parirt, so daß er nicht den Kopf, sondern nur den Rücken des Betreffenden traf.) Daselbst mußte er eine Arreststrafe bestehen, dann wurde er vor- läufig bei dem Gärtner Baum untergebracht. Vierzehn Tage weiterer Lehrzeit absolvirte er bei dem Klempner Stengel, zwei Jahr in Kayna und 6—8 Wochen bei dem Klempner Nagel hier. Verwahrloste Erziehung seiner Jugend und ex- centrisch angelegter Charakter mag hier wohl die Ur- fache seiner letzten Schandthat gewesen sein." Demselben Blatt wird„von anderer hochachtbarer Seite" ge- schrieben: „Hödel ist nur durch Abstammung von Seiten seiner Mutter als preußischer Unterthan zu betrachten. Derselbe wurde erst als IZjähriger Schulknabe wegen Verwahrlosung(namentlich Bettelns, Bagabondirens und Stehlens) auf den Antrag des königl. Landrathsamtes zu Merseburg in der hiesigen Lehr- und Erziehungsanstalt am 21. Juni 1870 durch die Anstaltsoerwal- tung des St. Gcorgenhauses zu Leipzig eingebracht. Nach seiner Ostern 1872 erfolgten Confirmation wurde er am S. April 1872 bei dem Klempnermeister Härtling in Zeitz in die Lehre gebracht. Hödel hat in der Lehre nichts Gutes gethan, ist wegen malitiösen Ungehorsams und Aufteizung seiner Mitlehrlinge des öfteren be- straft. Nachdem er von Härtling deshalb entlassen, ist es seitens der Anstaltsverwaltung am 21. März 1874 bei dem Klempner- meister Stengel zu Zeitz und am 13. April 1874 anderweit bei dem Gärtner Baum ebendaselbst untergebracht worden. Da der- selbe jedoch auch bei diesen Meistern zu vielen Klagen Ver- anlassung gegeben, so wurde er(als letzter Versuch) am 1. Juli 1874 bei dem Klempnermeister Bayer in Kayna untergebracht, von dem er nach Verlauf von zwei Jahren das Gesellenzeugniß ausgestellt erhielt. Derselbe ist evangelischer Religion, außer- ehelicher Sohn der später verehel. Schuhmacher Charlotte Emilie Traber geb. Hödel in Leipzig. Das Schulzeugniß von Leipzig lautet unter Rubrik Betragen: schlecht, er stahl systematisch". Mit dem bereits früher von unS Veröffentlichten genügt dies zur Kennzeichnung des Menschen, aus dem eine gewissenslose Reaktion jetzt den fanatischen Helden eines großen polittschen Verbrechens machen will, und die in Wirklichkeit nichts anders ist, als das natürliche Produkt unserer heutigen Staats- und Gesellschaftszustände.")„An ihren Früchten sollt ihr sie er- kennen." Mit dem Helden ists nichts, und mit dem„großen po'-- litischen Verbrechen"—? Noch sind die Kugeln nicht gefunden. Und nun eine andere Frage. Daß uns die Lehmann sche Mordgeschichte nichts nützt, im Geaentheil daß sie uns„sehr un- willkommen" sein muß, wird übereinstimmend von den Geg- nern zugestanden. Giebt es aber nicht Parteien, welchen sie nützt und sehr gelegen kommt? Und Lehmann, wie wir neulich gesagt,„war für Geld zu Allem zu gebrauchen". — An den Rockschößen eines Verrückten baumeln im- mer mehrere andere Verrückte. Ein solcher Verrückter schlägt in der„Berliner Tribüne" vor, wie weiland bei den Jesuiten, ein Sozialisten-Ausweisungsgesetz zu produziren. Circa 5 Millionen Seelen und darunter die fleißigsten und intelligen- testen Arbeiter sollen ausgewiesen werden. Ein netter Reichs- feind das, dieser Verrückte in der„Berliner Tribüne".— Ein andrer Verrückter leistet in den Berliner Blättern das Ammen- märchen, daß eine Anhängerin der Frauen Stägemann und Hahn, ein„gefallenes Mädchen", sich Aeußerungen über da? Attentat erlaubt habe, welche die Verhaftung des Mädchens nach sich gezogen hätte.— Ein„gefallenes Mädchen", Anhängerin der Sozmldemokratte. Diese Mädchen sind durchweg glühende Anhängerin des Geldbeutels und den finden sie viel voller und auch viel bereiter bei den Junkern und bei den liberalen Bour- geois. Wenn also ein solches Mädchen im Zorne beleidigende Aeußerungen ausstieß, so kam es gewiß, betrunken gemacht, von einem Herrn der feinen Gesellschaft, der ihr vielleicht nicht genug gezahlt hatte. Deshalb der Zorn. Ein notorisch Verrückter nur, deren wir ja genug unter den liberalen Preßschlingeln besitzen, konnte die„Gefallene" an die Kleider der Frauen Hahn und Stägemann anbinden wollen. Am letzten Montag Nachmittag wollte, so erzählen Berliner Blätter, ein 19jähriger junger Mensch absolut vor den Kaiser gelassen werden, um demselben „gute Rathschläge" �u ertheilen— der junge übergeschnappte Nichtattentäter ist einer Heilanstalt übergeben worden.— In der Nacht vom Montag zum Dienstag meldete sich beim Cri- minalcommissariat am Molkenmarkt ein ebenfalls irrer Schul- lehrer aus Sachsen, der den Kaiser sofort sprechen wollte; der arme Irre wurde seiner Familie zugeführt.— Der reine Hexen- *) Herr Biedermann in seiner„Deutschen Allgemeinen Zeitung" (Nr. 114) findet, der„Vorwärts" hätte in der lepten Nummer das „Attentat"„in einem Tone der Erregung" besprochen,»welcher für die Wahrheit dessen, was das sozialistische Blatt behauptet, schlechtes Zeug- niß ablegt, und mit einem Mangel an Logik, der sonst gerade diesem Blatte nicht eigen ist, der aber am besten beweist, in welcher Verlegen- heit sich die Herren befinden--" Die„Erregung" besteht darin, daß wir den Bersuch, daS Stöcker-Sparig'sche Schmerzenskind an unsere Rockschöße zu heften, uns nicht lammesfromm haben gefallen laffen. Und„der Mangel an Logik" darin, daß die Redaktion der fal- schen Annahme ihres Berliner Correspondenten, Lehmann habe aus Hunger gehandelt, entgegentritt,— und ferner in einigen— Lesefehlern des Hrn. Biedermann. So sollen wir z. B. behauptet haben, Lehmann sei„vor einigen Tagen"(„also unmittelbar vor dem Atten- tat", wie Herr Biedermann in einer an Tessendorff'S Adresse gerichteten Klammernotiz bemerkt)„bei der Redaktion des„Vorwärts" erschienen". Wenn es Hrn. Biedermann gelingt, seinen denunziatorischen Uebereifer zu mäßigen und richtig zu lesen, wird er entdecken, daß er die Redaktion des„Vorwärts" mit der Redaktion der„Berliner Freien Presse' verwechselt hat. Wünscht er weiteren Leseunter- richt, so kann ihm gedient werden. Vorerst aber möge er dafür sorgen, daß seine Parteigenossen Sparig und Hüttner den Lehmann abstreifen— was freilich nicht leicht sein wird. Redaktion d.„Vorwärts". tanz scheint somit in Berlin gegenwärtig stattzufinden. Daß der i Rußland und England wird mit aller Macht gerüstet, auch vp. Lehmann nicht zurechnungsfähig ist, liegt für uns und für diejenigen jetzt jedenfalls wohl klar zu Tage, welche das Attentat nicht zu einer politischen Frage emporbauichen und Sozialisten- Hetzen veranstalten wollen.— Das Auftreten des Attentäters selbst, der sich schon als moderner Herostratus in den Büchern der Weltgeschichte eingeschrieben erblickt; ferner, daß derselbe die Taschen voll Pattonen aber keine im Laufe, aus dem er ge- schössen, hatte— bis jetzt ist nämlich noch keine Kugel gefunden und auch nirgends eine Spur, wo eine Kugel angeprallt wäre — alles das weist darauf hin, daß wir es mit einem hirnver- brannten Menschen zu thun haben, der nebenbei ja auch, wie seine Personalien ergeben, noch ein vollkommener Lump?st.— Selbst auf verschiedene Zeugen muß das Attentat eine momen- tane hirnerschütternde Wirkung ausgeübt haben. Es geben näm- lich verschiedene Zeugen an, sie hätten genau gesehen, daß der Attentäter auf das Haupt des Kaisers gezielt habe.— Befanden fich diese Zeugen aber nicht unter dem Eindruck einer Sinnes- täuschung, so mußten sie ja dem Attentaten so nahe und so gün- ftig hinter ihm stehen, daß es unverantwortlich genug ist, daß dieselben dem Menschen den Revolver nicht aus der Hand schlu- len. Standen diese Zeugen aber ferner, so konnten sie wohl ehen, daß der Attentäter den Revolver in der Richtung nach vem Kaiser anlegte, aber doch nicht genau, wohin er zielte. Weshalb haben sie denn nicht gesehen, daß der pp. Lehmann auf die Stirn, auf das rechte oder das linke Auge gezielt hat? Deshalb müssen wir die Angabe betreffender Zeugen als eine durch die momentane Erregung entstandene Sinnestäuschung an- sehen, daß der Attentäter auf das Haupt des Kaisers gezielt habe, umsomehr, da andere Personen angeben, daß die Kugel hinten unter dem Wagen in den Sand gefahren sei.--- Die Hitze in Berlin ist sehr groß— möge die Natur uns bald einen frischen Mairegen bringen. — Ein sehr günstiges Urtheil über die Sozialdemo- kratie. Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung", welche von dem Hödel- Verführer August Braß(„Wir färben echt, wir färben gut, wir färben mit Tyrannenblut"!) gegründet und in das jetzige offiziöse Fahrwasser übergeführt worden ist, sucht uns allerdings oen Hödel an die Rockscköße zu hängen, schreibt aber sonst auch manchmal recht vernünftig. So constatirt sie bei Besprechung des Leichenbegängnisses von Dentler„eine rapide Zunahme der Thätigkett und des Einflusses der Frauen in unserer Bewegung" in folgenden Worten: „Im Königreich Sachsen gehören Vorträge von Damen über die Heilslehren der Sozialdemokratie vor versammelten Arbeiter- balaillonen oder Lobreden auf Ferdinand Lassalle, diesen be- kannten Verehrer des weiblichen Geschlechts, schon zu den All- täglichkeiten: in der Bolubilität der Zunge ringen schon mehrere, ja einige sogar schon in dem Pathos und in dem Feuer der Beredsamkeit mit den gefeiertsten Namen der heutigen Sozial- demottatie nicht ohne Aussicht auf Erfolg um die Ruhmespalme. Unseres Erachtens ist es ganz ungerechtfertigt, dieses Hervor- treten deS weiblichen Elementes in der sozialdemokratischen Agi- tation zu unterschätzen; die Geschichte verkünoet mit lauter Stimme, welchen wilden, unheilschwangeren Charakter noch jede politische oder religiöse Bewegung sofort erhalten hat, in der Frauen eine maßgebende Rolle spielen." Schließlich hebt das genannte Blatt den Gehorsam und die Zahlungsbereitwilligkeit unserer Partei hervor: Oesterreich beginnt nun mit ernsthaften militärischen Maß- regeln, die geradezu sinnlos wären, wenn man in Wien an ein glückliches Resultat der Mission Schuwaloff's glaubte. — Auf unscre kürzlich im„Vorwärts" gestellte Frage über das Befinden der im Gefängniß zu Trier inhaftirten Genossen Kaulitz und Hackenberger ertheilt der„Braunschw. Volks- freund" folgende Antwort:„Die Behandlung der Gefangenen hat sich ltwas gebessert. Kaulitz, der betreffs seiner Gesundheit viel zu leiden gehabt hat, fühlt fich jetzt wieder wohler. Sozial- demottatische Zeitungen zu lesen oder gar mit sozialdemokrati- schen Redakteuren oder sonstigen Sozialdemokaten auch über die unschuldigsten Sachen der Welt zu correspondiren, ist„selbst- verständlich" verpönt."— Da diese Angaben des„Braunschw. Bolksfreund" in einem Schreiben, welches uns au? Cochem zu- gegangen ist, im Wesentlichen bestättgt werden, so halten wir die Angelegenheit vorläufig insofern für erledigt, als wir zu der Ueberzeugung gelangt find, daß die Behandlung der beiden Genossen, trotzdem fie„fich etwas gebessert hat", nichts weniger als gut genannt werden kann. Ein anderes Resultat hatten wir übrigens bei drm tragt-komischen Haß, der gerade in den Rhein- landen die Gegnerschaft gegen die Soziuldemokatie erfüllt, auch gar nicht erwartet. — Montag, den 13. Mai, wurde der RedaKeur der „Dresdner Volkszeitung", Genosse Georg Volkmar, in ge- heimer Verhandlung des Dresdner Schöffengerichts wegen zwei Majestätsbeleidigungen und einer Kirchenschmähung zu 10 Mo- naten Gefängniß verurtheilt. Freigesprochen wurde er von der Auklage wegen einer Majestätsbeleidigung, einer Preßcon- travention, sowie einer Richterbeleidigung, wegen welch letzterer auch die Mitangeklagte Genossin Eugenie Klemich freigesprochen wurde. Als Vertheidiger der Angeklagten fungirte Herr Rechts- anwalt Frey tag I. aus Leipzig.— Selbstverständlich wird diese„Strafe" den„Verbrecher" nur bestärken, fester denn je zur Fahne des Sozialismus zu halten; wenn auch eine längere Zeit der Partei entzogen, wird er im Kerker frische Kräfte zu neuem Kampfe sammeln, um dann trotz aller Verfolgungen, trotz aller Einkerkerungen den Kampf auf's Neue gegen die Feinde der Sozialdemottatie aufzunehmen. — Aus Belgien gehen uns die ersten Nummern eines neuen sozialistischen Blattes in französischer Sprache zu: der „Voix de ronvrier"(Arbeiterstimme), zu Brüssel wöchentlich ein Mal erscheinend, unter der Redaktion unseres bewährten Ge- nassen Louis Bertrand.— Auch in Italien ist ein neues sozialistisches Blatt gegründet worden:„Avvenire"(Zukunft). Es erscheint in Modena und steht auf sozialdemokratischem, nicht anarchistischem Boden. Corresponoenzeno Asertohn, 15. Mai. Für Frau Heinrich Winner, welche sich in drückendster Lage befindet, sind bis zum heutigen Tage Mark 9,80 eingegang'U, was ich hiermit dankend bekannt gebe. Winner befindet fich im Gefängniß. Ein schon längere Zeit �____________________________ n______ �______ krankes Kind ist gestorben. Die Äerpflegungs- und Beerdigungs- '„In Bezug auf diese" letztere, jeder politischen oder religiösen kosten find bedeutend genug. Frau W. aber, mit der Pflege Partei ganz unerläßliche Eigenschaft haben die Sozialdemokraten und Ultramontanen vor den anderen Parteien, der liberalen Und der conservativcn, ohne Ausnabme irgend einer ihrer Frak- tionen, einen geradezu fabelhaften Voriprung. Am tiefsten in der Skala stehen ohne Widerrede die Conservativen, die ihrem sonst so löblichen Prinzip des ErHaltens des Bestthenden auch in Bezug auf die Erhaltung des persönlichen Besitzes, insbe- sondere wenn es fich um Parteizwecke handelt, eine wahrhaft ihres Kindes beschäftigt, konnte nicht arbeiten, so daß die Roth noch keineswegs gehoben ist. Ich bitte deshalb die hiesigen(aber auch andre) Parteigenossen, hier noch zu helfen, da Hülfe drin- gend nöthig ist. Heinrich Pilster. chotha.„Der Wecker", Organ für die Schuhmacher Deutsch- lands, bringt folgenden Nachruf:„Am 5. Mai starb nach kurzen, aber schweren Leiden unser braves, treues Mitglied August Köllein in Gotha in der Blüthe seiner Jahre. Der Wirthsftau trägt außer den Verletzungen am Kopfe noch 15 bis 20 andere Verletzungen. skupulöse Rechnung zu ttagen pflegen. Aber auch wenn man- selbe gehörte der Gewerk, chaft seit deren Gründung an, war die Rechnungslegungen der nationalliberalen und fortschrittlichen fünf Jahre Mitglied der Verwaltung und bekleidete drei Jahre Wahlcomitös, also der Parteien, die das constituttonell- Prinzip � das Amt emes Hauptkaffirers. Von semem Eintritt in die als Devise auf ihre Fahne geschrieben haben, den öffentlichen! Gewerkschaft bis zu seinem tödtüchen Krankenlager verfocht er Quittungen der sozialdemokratischen WahlcomitSs gegenüberstellt,> die Interessen der Gewerkschaft, galt sein Wirken nur unseren .-------- Könnte! Bestiebungen.-----*---------— kann man fich des lächelnoen Staunens nicht erwehren. Herr A. Geib in Hamburg, der Kasfirer der Sozialdemokratie ursere Sache. Deutschlands, nicht wöchentlich mindestens über den Empfang des Doppelten von dem, was Nationalliberale und Fortschrittler das Jahr über zusammen ausbringen, öffentlich quittiren, so würde er ohne Widerrede seine Bücher sehr bald zumacken. Die besitzenden Klassen Englands wissen, daß das Tonangeben im Staateleben, mit einem Worte, daß die constitutionelle Staats- Wir verlöre» in ihm einen braven Kämpfer für Ehre seinem Andenken! Saarvrücken, 29. April. Betriffend die Tödtung der Frau Brück von Alsweiler durch Marpinger Reservisten liest man in der hiesigen Presse folgende haarsträubende Einzelheiten..Die Reservisten find ohne besondere Veranlassung in das Haus des Brück, der Wirth und Bäcker ist, eingedrungen, als die ganze Familie des Mittags am Kaffeetische saß. Durch die vorher form ihren Regulatoren Geld kostet. Die Deutschen denken consumirten Gettänke stark ang» heitert, setzten fie sich ohne alle anders, sie dringen lieber auf„constitutionelle Garantien", chika Einladung an den Kaffeetisch und griffen zu. Da sie in ihrem niren die Regierung auf Stegen und Wegen und renommiren Uebermuth sogar mit den Fingern m dre auf dem Tische stehende von Zeit zu Zeit mit der Bedeutsamkeit des freisinnigen Bür- sog. Schmiere tasteten und die Frau mit ihrem Tadel daittlber gerthums, um dann endlich, da jede Bedeutsamkeit im Momente nicht zurückhielt, wurden fie grob und zertrümmerten schließlich, der Krisis nach ideeller und materieller Wage geprüft werden nach heftigem Wortwechsel, mit wahrer Berserkerwuth Fenster muß, von Tag zu Tag Boden an die Sozialdemokaten zu und Küchengeräth, und fielen gleichzeitig über vie Frau und die verlieren." 003 beiden K nder, die ihrer Multer zu Hülfe kommen wollten, m Verzeihen wir dem Blatte solcher Anerkennung halber die der rohesten Weise her. Die Frau verendete, von einem sckieit vielen Denunziationen gegen uns; besonders da in Äezug auf Holz, wie cS die Bäcker zu gebrauchen pflegen, schwer getroffen, den Hödel jeder anständige Mensch weiß, daß derselbe nur'» einer Mistpfütze vor ihrem Hause, da fie, von den wuth- ein Produkt der traurigen zerfahrenen und leider herrschenden schnaubenden Gesellen verfolgt, nach der Thür geeilt war» um Zustände ist, welche die Sozialdemokratie nicht geschaffen hat. Hülfe zu rufen. Als fie sogar noch auf die bereits entseelte sondern aufheben will. Frau losschlugen, machte der inzwischen herbeigekommene Mann die Unmenschen schmerzerfüllt darauf aufmerksam, daß seine Frau — Der Strike oder Lockout in Lancashire dauert bereits den Geist aufgegeben habe. Dem Sohn des Hauses ist fort. Nach einem Telegramm vom 15. d. ist es am 14. Abends der Arm entzwei geschlagen worden, außerdem hat er verschiedene m Blackburn zu heftigen Tumutten gekommen. Das Tele- Wunden am Kopfe. Die Tockter des Hauses hat nur unbe- gramm lautet:„Eine große Masse von Strikt nden durchzog die! deutende Verletzungen davongetragen. Die Jnkulpaten, 12 an Straßen, warf die Fenster in den Hauptmühlen(soll beißen: der Zahl, wurden unter Begleitung von K GenSdarmen in das Hauplfabrikcn,— Fabrik heißt auf englisch mit!, Mühle) ein St. Wendeler Kantonsgefangn'ß eingebracht, nachdem sie die und zerstörte die vordere Seite des Hauses des Arbeitgebers Hornby. Nacht vorher in einem Lokale zu Marpingen, von Polizei und Letzterer wurde durch Steinwürfe verwundet. Das Haus des Bürgern bewacht zugebracht hatten. Der Hauptschuldige ist Obersten Jackson, des Vorsitzenden der Arbeitgeber- Assoz'ation, sofort flüchtig geworden, soll jedoch bererls in Saarbrücken er- wurde in Brand gesteckt und gänzlich zerstört. Starke Abthei- griffen worden sein. Auf den Gcsichttrn der Arrestanten zeigte lungen von Infanterie und Cavallerie find angekommen. Der fich auch nicht die geringste Spur von Reue und Niedergeschlagen- Tumult dauert fort." Nähere Berichte bleiben abzuwarten.— heit, nichts von dem Bewußtsein, in frevelhafter Weise an einem m.r.(.• rv< c• f*m h r* fo v an*;»* �_____ rc..______ i. v__ 5!�.___ v ina... Daß die Arbeiter, die in so frivoler Weise dem Eigennutz der Fabrikanten geopfert werden, sehr erregt sind, läßt sich denken. Die beiden in dem Telegramm genannten Personen haben sich besonders gehässig gegen die Arbeiter benommen. Nachschrift. Neueren Nachrichten zufolge dauern die Un- ruhen fort, und haben am 15. d. Collisionen zwischen Arbeitern Morde fich betheiligt und eine Familie ins Unglück gestürzt zu haben. Ja, die zweite Gruppe—- sie wurden nämlich zu je 6 Mann ins Gefängniß nach Saarbrücken abgeführt— hat zum Entsetzen der Nachbarschaft des Kantonsgefängniffes zu St. Wendel grade vor der Ueberführung so laut gesungen und gejubelt, daß man es weithin vernehmen konnte.� Die sämmtlichen Be und Soldaten stattgehabt. Ob Blut geflossen ist, wird nicht schuldigten gehören den besser situirten Familien gesagt. Das Schweigen des Telegramms über diesen Punkt ist � Marpingens an.— Wie die„Saarbr. Ztg." vernimmt, ist jedenfalls verdächtig.' nunmehr auch der schwer mißhandelte Sohn der Frau Brück an den erlittenen Verletzungen verstorben. Eine Tochter, welcher — Die Hoffnungen auf eine friedliche Lösung der der Arm entzwei geschlagen ist, befindet sich j» ärztlicher Be- orientalischen Krisis find durch die neuesten Nachrichten Handlung. Die Unholde haben außerdem sämmtliches Mobiliar wieder sehr erschüttert worden. Thatsache ist: nicht blos in in der Wirthschaft demolirt. Der Leichnam der ermordeten An die Partei- und Gcwerksgenosseu! Mainz. Wegen der großen Geschäftslosigkeit, welche auch hie: wie überall seit mehreren Jahren herrscht, hat die Partei daS Lokal „Union" aufgegeben und werden infolgedessen die Partei- und Gefw- nungsgenossen ersucht, sämmtliche Briefe in Parteiangelegenheiten an Julius Lippold, Ambach Nr. ö, 3. Stg., Mainz, zu richten. IM. Das Verkehrslokal der Partei befindet fich im„Kleeblatt,! große Bleiche", und dos Verkehrslokal für die zureifenden Gewerks genossen, welche den vereinigten Gewerkschaften(Schuhmacher, Schneider,! Schreiner, Metallarbeiter und Zimmerer) angehören, bei dem„Nestau-s rateur Heckmanu", mittlere Bleiche, woselbst auch übernachtet werden kann. Briefkasten der Redaktion: Th. H. in W.:«eben Sie uns Ihre genaue� Adresse an, damit wir Ihnen das Attest zustellen können.— C. Klein in Elberfeld: Lehmann war, unseres Wissens, nie in Stuttgart; jeden- � falls ist er kein Jude. Lehmann ist daher nicht der Berliner Revolver- Held; es giebt ja der Lehmanne so viele und so verschiedenartige in allen, niedersten wie höchsten Rangstufen. der Expedition: W. SchltS in Eickel: Die Annonce kam für die Freitags-Nummer zu spät. Quittung. Jwkwc Wien Ab. 4,59. Brnng Delitzsch An. 2,19. Ostrmnn M'artilly Ab. 4,99. Bsch hier Ab. 29,99. Fr. Engl Reudnitz Ab. 39,99. Brchwtz Connewitz Ab. 2,19. Frhlch Wien Abon. 1,59. Lppl Kaiserslautern Schr. 9,99. Brsch Altona An. 1,99. Rpvrcht Bukarest Ab. 19,99. Lthr hier Ab. 1,89. Flr Schwöb. Gmünd Ab. 6,99. Bchtlr Stuttgart Schr. 9,59. Dr. Rpp Rottweil Schr. 19,75. Brthld Oberstauchau Schr. 9,59. R. Kbtzsch Roda Ab. u. Schr. 12,99. Genosse Petersohn, Korkschneider aus Hamburg, zuletzt in Braun- schweig, wird von einem Freund ersucht seine Adresse an I. Lippold� Ambach Nr. 6, 3. Stg. in Mainz einzusenden. Fonds für Gemaßregelte. Von S. in Lützen 1,99. Von Maurer H. hier 1,59._ SHTfnttfr Dienstag, den 21. Mai, Abends 8'/, Uhr, im Co« TlllvlUI. oent Saal, gr. Bergstr, 27: Volksversammlung. Tages-Ordnung: 1) Der Sozialisten-Congreß in Gotha. 2) Dele- girten-Wahl.(F. 36)[89 NU. Etwaige Anträge wolle man schriftlich bei dem Unterzeich- neten oder in der Versammlunng einreichen. Brasch. (Ätcfel 1t IlmflPflPtth Sonntag, den 19. d. M., Nach- ISMU-ci U. UUiytgtUV. mittags 5 Uhr im Saale de« Gast wirths Hrn. Gohsmann:[l,l>9 Große Volksversammlung. Tages-Ordnung: Das deutsche Reich und seine Gesetzgebung. 2) Der Sozialismus und das Christenthum. 3) Verschiedenes. Referenten: Die Herren C. Kühl aus Dortmund und C. Seelig aus Essen. Der Einberufer: W. Sch. Zur Deckung der Tageskosten werden 19 Pf. Enttee erhoben. ftprbzzi/-» Den Mitgliedern der Geoossenschaftsbuchdrnckerei zur Nachricht, daß gedruckte Rechenschaftsberichte für das Geschäftsjahr vom 1. April l877 bis 31. März 1878 zu jeder Tag.Szeit in unserem Geschäftslokal, Färberstr. 12 II. zu haben sind. Auswärligen Genosse» wird, soweit uuS deren Adressen bekannt, der Bericht unter Streifband,»gehen.[79 Der Borstand der Genossenschaftsbuchdruckerei. Durch die Expedition der..Fackel" in Leipzig, Kleine Fleischergaffe 15, ist in dritter neu erschienener Auflage zu beziehen: Kerr Julian Schmidt der Literarhistoriker mit Setzer-Scholien h e r a u s g e g e b e w von[3,00 Ferdinand Lassalle. ü Exemplar 1 Mk. franeo. Diese bedeutende Schrift wird hiermir den Parteifteunden, sowie dem gesammten Publikum besten» empfohlen.(3b) Durch uns ist zu zu beziehen: I)ie Freiheit. Büste i« Gyps 25 Zentimeter hoch, modellirt nach der Courbett'schcn Büste„Libert�". Preis pro Stück in We-ß 2 Mark, in Eifenbeinton 2,50 Mark. Bei Bezug von 6 Stück 25% Rabatt. Versandt ohne jede Ansnahme nnr gegen baar. _ Die Expedition des„Vorwärts". Im Verlag von Emil Sauerteig in Gotha ist erschienen: Ein armer Wandersmann. Lied für eine Baritonstimme mit Pianobegleitung. Comp, von G. Scholz. Op. 16. Preis 50 Pfg.(4d) Gegen Einsendung deS Betrages in Briefmarken erfolgt Zusendung ftanco.___________[99 _ Durch die Expedition deS„Vorwärts" ist zu beziehen: Hie 9rlentävd»tt« Im cksntsode» Kelobotaxs(vollständig nach dem amtlichen stenographischen Bericht), jtucz beleuchtet von W. Liebknecht. 5 Bogen. 8°. Preis 39 Pfg. Zur orlentallschen Frag-e oder Soll Europa kossakiieh werden? Ein Mahnwon an das dcmsche Volk von W. Liebknecht. Zweite,. um 1 Bogen vermehrte Auflage, in der die neuesten Phasen der politischen Loge berücksichtigt find. 4 Bogen. 8«. Preis 39 Pfg. Rellxlon und Soziallsmus. Eine nachgelassene Schrift auS dem Jahre 1869 von Hr. Bornttan. Den deutschen Arbcilern ge- widmet. Zweite Auflage. 4 Bogen. 8®. Preis 49 Pfg. Die religiöse Frage und das arbeitende Volk. Bon Dr. C. Bornttan. Zweite Auflage, durchgesehen und ergänzt von Brnno Geiser. Preis 25 Pfg. Da» deutsebe Reich und»eine Gesetzgebung. Materialien für die sozialistische Agitation. Bon Bruno Geiser. 7 Bogen. 8®. Preis 69 Pfg._(«O___[5,10 Prachtvoll und solid gearbeitete Einbanddecken (Goldpressunajfür die „Neue Welt" Jahrganz 1876 u. 77 sind in Schwarz ü Stück M. 1,20, in Roth M. 1,50 gegen baar oder Nachnahme durch die Buchbinderei von H. Jansen, Leipzig» Univerfiiätöstrasie 16 zu beziehen. Eolporieure und Filialexpeditionen erhalten bei Parttebezug entsprechenden Rabatt. Porto zu Lasten der Emptänger. ES. Bestellungen hierauf werden entgegengenommen und essektuin von der Expedition der„Neuen Welt", Leipzig, Färberstr. 12. Verantwortlicher Redakteur: Julius Sünzel in Leipzig. Aedalttvn und Exprd äon Färberstraß» 12 II m Leipzig. Druck und«erlag der Genossenscha>»«butdruckerei in Leipzig. 1-