Irscheint in Leipiig littwoch, Freitag, Soautag. «bounemealipreiS ftr ganz Deutjchland i Mark So Bs. vro Quartal. ManatS> Abonnements b sa Pf. Wlden bei allen deutschen Bostanstalte» «s den Z. und Z. Msiiat, und aus den S.Monat besanderi angenommen. Inserate täte. Versammlungen pro Petitzeile 10 Pt, Bäte. Brinatangelegenheiten und Fest» pro Petitzeile M Bi rw ärw Veftellunyen nehme? an alle Poftan-stalten und Buchhand« lungen des In- und Auslandes. Expeditionen. New-?)o.rt: Mr. Franz Jonscher, 177 Elm Str. corner Broorne.— Mr. Herm. Stttzsche, 348 West— 37 Str. Philadelphia: P. Haß, 50» LlortI» Zrä Sk-ect. A Voll. N. E. box Cbarlotto& George Str. Hoboken N. J.: F. A. Sorge, 215 WasK- ington Str. Chicngo: A. Lanfermann. 74 Gl bon rno San Franzitco:F.Knd. 4180'EarreIl Str. London W.; Wilh.«offman�. 57 A Prin- ccgg Str. Leicester 8qn. Gentrat Hrgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 66. Freitag, 7. Juni. 1878. Congretz der Sozialdemokraten Deutschlands! Parteigenossen! Wie seit mehreren Jahren regelmäßig, so wird auch in diesem Jahre ein Congreß der Sozialdemokraten Deutschlands zu Kotha, und zwar vom 1a. vis 18. Zuni, stattfinden. Zutritt zu dem Congreß haben solche Parteigenossen, welche von einer Arbeiter- oder Volksversammlung zu Delegirten ze- wählt werden. Um die Vertretung nach einheitlichem System zu ermöglichen, wird bestimmt, daß nur die in einer und derselben Versammlung eines Ortes gewählten Delegirten auf dem Congreß Zutritt haben. Die Delegirten haben sich durch ein Mandat, welches von den Vorfitzenden und Schriftführern der Wahlversammlung unterzeichnet fem muß, zu lcgitimiren; außerdem ist es nothwendig, daß der Vorsitzende der Wahlversammlung dem mitunterzeichueten C. Derossi, Hamburg, Holzdamm 42, von der Wahl und dem Namen des Delegirten brieflich Kenntniß giebt. Delegirte, welche ohne vorgeschriebenes Mandat erscheinen, haben nur auf aus- drücklichen Beschluß des Congresses Zutritt. Der Congreß beginnt am Sonnabend, den 15. Juni, Abends 8 Uhr, um seine Constiwirung noch am selben Abend im Äaltwasser'schen Lokale vorzunehmen. Alle Zuschriften, betreffend Quartiere K.:c., sind an Bruno Straube, Genossenschaftsbuchdruckerei in Gotha, zu richten. Hamburg, 27. Mai 1878. Das sozialistische Centralwahlcomitä Deutschlands. G. W. Hartmann. H. Brasch. A. Geib. C. Derossi. Angebot und Nachfrage. i. Es scheint der Mühe Werth und bedarf wohl keiner Entschul- digung, wenn die beiden obigen Begriffe einmal einer beson- deren fichtenden Behandlung unterworfen werden. Wie wenig Lebenserfahrung gehört doch dazu, um zu wissen, daß der Preis einer Waare(oder eines Dienstes) steigt, wenn davon mehr verlangt als angeboten wird, und sinkt, wenn der umgekehrte Fall eintritt. Allein gerade von den bekanntesten Erscheinungen gilt, daß ihr Wesen am längsten unbekannt bleiben kann. Daß diese Bemerkung ganz besonders auf die Begriffe des Angebots und der Nachfrage anwendbar ist, hat sich erst jüngst wieder herausgestellt, bei der Besprechung nämlich der Marx'schen Werththeorie und der Schäffle'schen Ausstellung daran. Die letztere tadelt ja eben an der ersteren, daß sie den Tauschwerth ohne Rückficht auf Angebot und Nachfrage, ledig- lich durch die gesellschaftlich nothwendige Arbeitszeit bestimmt werden lasse. Die drei Einsender von Besprechungen dieser Streitfrage kommen zu drei verschiedenen Ergebnissen, drei ver- schiedenen Auslegungen des Marx'sch.n Werthbegriffs. Versuchen wir nun der Sache näher zu treten, ohne zunächst von dem letzteren auszugehen, indem wir Beispiele vorausschicken. Der Gebrauchswerth der aus Handgespinnst gefertigten Lein- wand ist größer als derjenige der ans Maschinengespinnst ge- webten. Sic befriedigt mehr menschliche Bedürfnisse als diese, weil pe beiweitem länger hält und durch den Gebrauch längere Zeit hindurch nur besser wird, die menschliche Haut wohlthuen- der berührt und weniger der Fälschung unterworfen ist. Trotz dem ist ihr Tauschwerth nicht größer, sondern wohl geringer als der von Leinwand aus Maschinengespinnst, welche schöner aussieht,«''er die Flachsfaser in verschlechtertem Zustande verar- bettet enthält. Da nun aber der Geschmack der Käufer und andere Umstände die Hausleinwand(die aus Handgespinnst ge- machte) fast ganz aus dem Markte verdrängt hat, so wird sie von Kennern mitunter viel theurer bezahlt als die andere; ihr Preis wird durch ein Mehr von Nachfrage und ein Weniger von Angebot gesteigert. Aus diesem Beispiele ergib! fich, daß Gebrauchswerth, Tauschwerth und Preis— Begriffe, welche die alte Nationalökonomie stets und mitunter absichtlich verwechselt, scharf unterschieden werden müssen. Das Gemälde eines Meisters befriedigt wenige menschliche Bedürfnisse, in der That nur ein einziges, das des Schönheits- finne-, und auch dieses nur bei vcrhältnißmäßig wenigen Men- scheu; für die meisten anderen bat es vielleicht weniger Ge- brauchswerth als die ungefärbte Leinwand. Der Tauschwerth ist aber sehr hoch in einer Culturnation, welche daran die Seltenheit würdigt, die Arbeitszeit mitbezahlt, welche der Meister Zur Erlernung seiner Kunst und zur Herstellung des Kunstwerks u°ih!g gehabt Hai, und fich mit dem Alleinbesitz desselben spreizen u""-. Der Preis aber wird innerhalb derselben Nation im "ufe der Zeit ganz bedeutend wechseln können, je nachdem mehr ,.Lutger Liebhaber des Kunstwerks vorhanden oder be- ?V und eitel auf den Besitz sind, je nachdem der eben Herr- I ft sf �uustgeschmack wechselt, zumal wenn das Bild außer- halb der Culturkreise verkauft werden muß. Aus diesem Bei- spiele ergibt sich wieder die große Verschiedenheit der Begriffe Gebrauchswerth Tauschwerth und Preis; zugleich aber zeigt fich schon hler, daß der erstere ein sinnliches Ding, der zweite blos in den Vorsteunngen der Austauschenden vorhanden und kein äußerliches Ding, der dritte aber beides zugleich ist oder sein kann, nämlich entweder eine vorgestellte Summe Geldes, oder dieselbe Summe greifbares Geld. Ein Schuldschein über eine Million Geldes hat gar keinen Gebrauchswerts, weil er gar keine menschlichen Bedürfnisse be- ftiedigt bis dahin, daß er gegen Gebrauchswerthe umgetauscht werden kann, also ein Tauschwerth geworden ist. Dann aber ist sein Tauschwerth und sein Preis genau eines und dastelbe, kann sehr bedeutend wechseln, wie man es häufig an der Börse sehen kann, ja ganz verloren zehn und erweist sich in diesem Falle als ein Scheinwerth je nachdem Angebot und Nachfrage gegen einander die Rollen wechseln. Dennoch verlangt er, so lange er seinen Tauschwerth behält, mit gleichviel Gebrauchs- weithen bezahlt und obendrein regelmäßig verzinst zu werden. Dieses Beispiel lehrt genau dasselbe, was die beiden ersten Bei- spiele lehrten, aber zugleich noch etwas Neues: Gebrauchswerth, � Tauschwerth und Preis können in einander übergehen und fich decken, obwohl sie weit verschieden sind. Wie verhalten sich nun Angebot und Nachfrage zu Ge- brauchs- und Tauschwerth und Preis?— Nun, ein Gebrauchs» werth als ein wirkliches Ding, eine Waare oder fertige Arbeit, oerhält sich gleichgültig gegen Angebot und Nachfrage, und um- gekehrt. Das Pfund Fleisch, Brod oder wollene Strümpfe wird nicht im Mindesten nutzloser, wenn die Nachfrage im Verhält- niß zum Angebot abnimmt. Noch tritt der umgekehrte Fall ein; wenn das Angebot gegenüber der Nachfrage wächst, oder wenn es abnimmt— immer bleibt die nützliche Waare gleich nützlich, und man kann damit nur immer dasselbe Maß menschlicher Be- dürfnisse befriedigen. So einfach und selbstverständlich dies ist, so nothwendig ist eS, darauf eine besondere Aufmerksamkeit zu lenken, wie wir noch sehen werden. Ganz anders mit dem Tauschwerth. Da dieser blos in den Köpfen, in den Werthvorstellungen und in den Vereinba- rungen der Menschen besteht, so werden Angebot und Nachfrage fort und fort verändernd darauf einwirken. Wie die Menschen- welk bisher ist und gewesen ist, wird für ein Pfund Fleisch, Brod oder wollene Strümpfe mehr andere Arbeitsfrucht ange- boten werden, wenn viele Kauflustige da find, von denen jeder damit seine Bedürfnisse befriedigen will, als wenn deren wenige da sind. Und wenn es weniger Pfunde Fleisch, Brod oder wollene Strümpfe im Markte gibt, während die Zahl der Kauf- begierigen dieselbe bleibt gegen vorher, so wird derselbe Fall eintreten, es wird mehr Arbeitsfrucht als vorher dafür ange- boten werden. Und ganz derselbe Vorgang wird platzgreifen, wenn wir das Verbältniß unter dem Gesichtspunkte der Nach- frage betrachten. Mit andern Worten: die Menge der Käufer und die Menge der Waare im Markte stehn im umgekehrten Verhältnisse. Und dieses Verhältniß wird unter Umständen aus einem umgekehrten arithmetischen ein umgekehrtes geometrisches werden. Weil z. B. die Menge der großen und fehlerfreien Diamanten im Markte weit geringer ist gegenüber der Menge der Kauflustigen, so wird für einen doppelt so großen Diamanten ein vierfach so großes Maß von Waare, für einen drei- fach so großen ein neunfach so großes, für einen vierfach größeren ein sechzehnfach größeres angeboten werden. Und wieder anders wirken Angebot und Nachfrage auf den Preis ein. Denn dieser hängt nicht bloS von der Werthvor- stevung der Menschen, sondern zugleich von der Menge des vor- bandenen allgemeinen Tauschmittels, des Geldes, ab. Weil die Menschen sich gewöhnt haben, nicht mehr Waaren gegen Waaren, sondern Waaren gegen Geld, und dann Geld gegen andere Waaren auszutauschen, weil sie also für ihre eigene Waare erst Geld bekommen müssen, ehe sie dafür fremde Waare erlangen können, und weil das Geld nicht blos Werthmesier und Stell- Vertreter von Werth, sondern daneben auch selbst Waare oder Tauschwerth ist, so ändert sich bei jeder Preisbestimmung, welche in Gelde erfolgt, der Tauschwerth zweimal. Zuerst wird in der Werthvorstellung der Austauschenden die eine Waare gegen den Geldwerth abgeschätzt, und dann der Geldwerth gegen die an- dere Waare. Der Preis wird also durch eine zweifache Waaren- abschätzung bestimmt, bei welcher Angebot und Nachfrage ein- wirken, bei welcher die Menge der Käufer und die Menge der Waaren im Markte in's umgekehrte Verhältniß eintreten. Und so wenig dieser Vorgang im gewöhnlichen Leben vieles und tiefes Nachdenken erfordert, so verwickelt wird er nun für die wissenschaftliche Untersuchung. Wir werden uns die letztere erleichtern, wenn wir uns vor- her ein wenig unter dem Gewühl der Waaren umsehen. Da finden wir deren eine Anzahl von Arten, welche als Waaren gelten, während sie doch das wesentlichste Merkmal der Waare nicht an sich tragen— sie können nicht die Hände wechseln, nicht abgeliefert werden, nicht ohne Weiteres menschliche Bedürf- niste befriedigen, bevor die Menschengesellschaft sie dazu hergibt und verordnet. Dahin gehören der Boden und seine Schätzt, die Luft, das Licht, die Sonnenwärme und— der Mensch. Diese alle werden nur infolge von Menschengesetzen zur Waare und dem Angebot und der Stachfrage unterworfen. Bleiben wir beim Menschen stehen. Er kann also unter menschlichen Gesetzen zugleich Käufer und Waare sein, Waare, wenn er in Inner- afrika geschlachtet, verkauft und gefressen wird; Waare, wenn er als Sklave verhandelt, mißhandelt oder zur Arbeit gepeitscht wird, Waare, wenn er als Lohnarbeiter sich täglich selbst, d. h. seine Arbeitskraft verkaufen muß, oder gar seine Frau und Kin- der. Als Lohnarbeiter ist er zugleich Waare und Käufer des eigenen Lebensunterhalts und Verkäufer seiner selbst. Als sol- cher ist er dem Angebot und der Nachfrage unterworfen, ganz wie jede Waare, bestimmt aber zugleich als Käufer und Ver- käufer den Tauscbwerth und die Preise aller Waaren mit. Durch seine Bedürfnisse, welche beftiedigt werden müssen, wird er zur Nachfrage nach solchen Waaren gezwungen, ohne welche er nicht bestehen, geschweige denn seine Arbeitskraft verkaufen könnte, und durch den Verkauf seiner Arbeitskraft vermehrt(oder unter Umständen vermindert) er alle Waaren und die Menge der Arbeitskräfte im Markte. Daß dies unnatürlich ist, unvernünftig, selbstwidersprechend, so daß die wissenschaftliche Untersuchung der Gesetze von Ange- bot und Nachfrage nicht rein für fich vorgenommen werden kann, leuchtet ein. Wir müssen, um ihre Wirkungen unbeein- flußt von Störungen, betrachten zu können, einen Zustand vor- aussetzen, in welchem der Mensch in keiner Weise Waare, son- dern lediglich Käufer und Verkäufer von Waare ist. Wir müssen aber zugleich Vorausetzen, daß die heutige durch Wissenschaften und Künste ungemein gesteigerte und steigerbare Produktivkrast der menschlichen Arbeit in diesem Zustande fortdauere. Wie wirken dann Angebot und Nachfrage?— Nun, das Gemälde wird vollständig anders. (Schluß folgt.) Aus Oesterreich. Wien, 31. Mai. Für Oesterreich hat sich ein Lehmann noch immer nicht ge- funden, der eine bequeme Handhabe zu Maßregelungen der So- zialdemokraten bieten würde. Man setzt dieselben daher ohne Lehmann in Scene. Es war wohl nicht nothwendig, daß der geniale Reichskanzler, der Alles so schön erfüllt, wofür man im Jahre 1848 gestritten hat, unsere Regierung aufforderte, Hand in Hand mit der deutschen und russischen einen Feldzug gegen die Sozialdemokratie zu eröffnen, oder vielmehr denselben rück- sichtslofer als bisher fortzusetzen, denn in diesem Punkte hat es unser Ministerium stets sehr gut verstanden, die Initiative zu ergreifen. Um so sonderbarer klingt es, wenn die liberalen Blätter über dies Ansinnen Bismarcks außer sich gerathen. Man weiß nicht, soll man lachen oder sich ärgern über die Frechheit, mit der sie Oesterreich als einen freien Staat hinstellen. Die„Neue Freie Presse", welche, von Beaconsfield besoldet, schon längst von ihrer Verehrung für den russischen Reichskanzler abgekom- men ist, macht fich in folgender Weise Luft:„Um wie viel ent- rüsteter muß das Volk in Oesterreich, in Frankreich, in Italien die Zumuthung von fich weisen, mit dem Leipziger Klempner- gesellen identistzirt zu werden! Heißt es denn nicht das Vor- dandensein von Königsmördern in Rom. Wien, Paris als fest- stehende Prämisse stawiren, wenn man den dortigen Kabinetten anstnnt, aus Veranlassung des Schusses, der unter den Lind.n in Berlin abgefeuert wurde, im eigenen Hause Razzias und Polizeihetzen zu veranstalten?---- Der sozialen Hebel giebt es leider überall genug, und zwar besteben sie nicht erst seit gestern; aber durch den Polizisten fie zu beseitigen, ist russische Therapie; wo Verfassungen und Gesetze in Kraft(?) und Volsvertre- tungen(??) in Funktion sind, ist man an andere Heilmethoden gewöhnt(???�." So der«chnack, der in demselben Blatte die Anzeige von dem Verbot einer Volksversammlung hätte lesen können— wenn er gewollt hätte. Die Gesetze sind bei uns nicht in Kraft, das Volk nicht vertreten und wir daher an andere Heilmethoden als Trepow'sche nicht gewöhnt. Dennoch waren selbst wir über- rascht, als die österreichische Regierung die Schamlosigkeit so weit trieb, und nicht nur faktisch, sondern sogar formell mittelst eines Erlasses das Versammlungsrecht suspendirte! An sämmt- liche Landeschefs ist nämlich die Weisung ergangen, gar keine Volksversammlungen, und möge die Tagesordnung welche immer sein, zu gestatten. So erfolgt Verbot auf Verbot— jedes natürlich auf Grund des famosen Paragraph 6 des Versammlungsgesetzes. Für den 26. Mai ist eine Volks- Versammlung in Wien angezeigt mit der Tagesordnung:„Die Wiener Zeitungen"— staatsgefährlich! für den 27. Mai eine in Graz, Tagesordnung:„Die Grazer Zeitunzen"— staats- gefährlich! für den 2. Juni eine tschechische in Wien— staats- gefährlich! für dasselbe Datum eine in Florisdorf, Tagesord- nung: 1)„Das allgemeine direkte Wahlrecht", 2)„Wie kann den Arbeitern geholfen werden"— staatsgefährlich! Der Suspendirung des Versammlungsrechts reiht fich würdig an die Beseitigung der Freiheit und Unabhängigkeil des Richter- standcs. In Oesterreich existiren bekanntlich Geschworenenge- richte, der Reichsrichter hat blos das Strafmaß zu bestimmen. Obgleich in der Bestimmung desselben Niemand bisher etwas von einer außerordentlichen Gutmüthigkeit unserer Richter ver- spürte, bält man es doch für gerathen, den Richter ganz zum Werkzeug der Regierung zu machen und ihm mit Maßregelung zu drohen, wenn er sich nicht gefügig zeigt, wie aus folgendem Erlaß des Brünner Oberlandesgerichts hervorgeht: „In Ansehung des exorbitanten Umfanges, in welchem von dem außerordentlichen Milderungsrechte Gebrauch gemacht wird, theile ich vollkommen das tiefe Bedauern, welchem der Herr Ober- Staatsanwalt über diesen durch beredte Ziffern constatirten wahrhaften Abusus(Mißbrauch) Ausdruck giebt. Gegenüber der Freiheit des richterlichen Urtheils kann allerdings eine Abhilfe, soweit es die Spruchpraxis der Berufungsgerichte anbelangt» gar nicht, und bei den Urtheilen der Gerichtshöfe erster Instanz nur mittelst des im§ 283 Strafprozeßordnung gewahrten Be- rufungsrechtes der Staatsanwaltschaften getroffen werden. „Ich nehme aber keinen Anstand, hiemit unumwunden zu erklären, daß derjenige Richter, welcher, unbekümmert um die immer greller hervortretenden Consequenzen einer kurzsichtiger- weise geübten Milde, die Ausnahme zur Regel zu erheben und so das Strafgesetz zu korrigiren sich anmaßt, seinem Beruf nicht entspricht, und daß ich dieses Urtheil über einen solchen Richter bei passender Gelegenheit praktisch zur Gel- tung zu bringen nicht unterlassen werde." Die kurzsichttge liberale Partei läßt solche Dinge ruhig vor sich gehen, ohne zu bedenken, daß der Spieß auch einmal gegen sie umgedreht werden kann. Allem Anschein nach wird man auf diesen Augenblick nicht allzulange warten müssen. Immer jämmerlicher und offenkundiger>oird die Halbheit des Liberalismus immer zuversichtlicher die Haltung der„staats- rechtlichen" Opposition. Graf Hohenwart, ihr Führer, der nicht gewohnt ist, mit Phrasen um sich zu werfen, und nicht etwas spricht, was er nicht verantworten kann, meinte unlängst bei der Ausgleichsdebatte im Abgeordnetenhause, er wolle das Ministe- rium mcht allzusehr angreifen, denn gegen Sterbende müsse man nachsichtig sein. So weit hat es der Liberalismus in Oesterreich gebracht, daß ein reaktionäres Ministerium, weil es gegen die Liberalen reagirt, die Volksfreiheit fördern muß. Ein ultramontan-feudal« föderalistisches Ministerium müßte, um sich eine breitere Basis geben und die Herrschaft der Bourgeoisie, welche ihm feindlich ist. zu untergraben, das Wahlrecht erweitern, vielleicht sogar das allgemeine Wahlrecht gewährem Es gewänne dadurch das Landvolk, wir aber würden einige Sitze in den Jndustriebezirken Wien, Reichenberg und Graz gewinnen. Die Liberalen würden auf die wenigen Territorien beschränkt, in denen das Kleinge- werbe das dominirende Element ist. Die staatsrechtliche Opposition weiß es, daß die Sozialisten die einzigen dunklen Flecken sind, welche den Himmel des allge- meinen Wahlrechtes für sie trüben konnten. Während die Li- beralen den Sozialismus geringschätzig über die Achseln ansehen, ist die Partei des„Vaterland"— unserer Kreuzzeitung— eifrig bemüht, eine antisozialistische Agitation in's Leben zu rufen. Daher wurde der bekannte Sozial- Conservative Rudolf Meyer in die Redaktion des„Vaterland" berufen, welches seitdem den Sozialismus eifrig und im Gegensatze zu den liberalen Journa- listen, welche die Sozialdemokratie nur aus dem Conversations- lexikon kennen— wenn sie dieselbe überhaupt kennen— gründ- lich untersucht. Nachdem schon wiederholt im„Vaterland" auf die Roth- wendigkeit eines christlich- sozialen Arbeiterblattes hingewiesen worden, ist endlich vor wenigen Wochen durch ein Cirkular, welches in den Reihen des Adels und der kirchlichen Würden- träger verbreitet wurde, der Anstoß zur Grüdung einer christlich- sozialen Partei gegeben worden, welche beiläufig allerdings nur durch die Presse sich bemerkbar machen will, unmöglich aber, für den Fall, daß sie Erfolg haben will, auf dies Gebiet allein sich beschränken kann. Uns kann ein Kampf nur erwünscht sein. Er erweckt die Indifferenten aus ihrer Lethargie, er zwingt das Volk zum Nachdenken— und wenn das Volk nur einmal selbst- ständig zu denken anfängt, dann haben wir gewonnenes Spiel. Sozialpolitische Uebersicht. — Zum neuen Attentat. Für Leipzig und Umgegend brachte der„Vorwärts" Montag den 3. Juni folgendes Extra- blatt: Der Urheber des lebten Attentats auf den deutschen Kaiser, Dr. Nobiling, war im amtlichen statistischen Bureau des Dr. Engel zu Berlin beschäftigt— getäuschter Ehrgeiz(er hatte sich vergeblich um eine Stelle cm landwirthschaftlichen Ministe- rium beworben) scheint das Motiv der That gewesen zu sein. In dem Zimmer, aus welchem Nobiling geschossen, fand man Exemplare der„Germania" und der„Leipziger Zeitung". Nach einem Berliner Telegramm hätte Nobiling bekannt, daß er„so- ialdemokratische Versammlungen besucht habe". Diese Notiz, e> m denunziatorischer Zweck in die Augen springt, ist dahin u �.richtigen, daß Nobiling, wie uns telegraphirt wird, sozial- emokratische Versammlungen in Dresden zu besuchen pf.egte, um die Sozialdemokratie zu bekämpfen. Dr. Nobiling, der in Halle und Leipzig Landwirthschaft und Volkswirthschaft studirte, zeichnete sich in Leipzig durch pro- noncirt nationalliberale Parteianschauungen aus und war einer der eifrigsten Sozialistengegner in dem bekannten Debattirklub des Professors Birnbaum; er verließ Leipzig vor zwei Jahren und begab sich mit Empfehlungen Prof. Roscher» nach Dresden, wo er im statistischen Bureau arbeitete, und dann nach Berlin, wo er, wie schon bemerkt, ebenfalls eine Zeit lang im statistischen Bureau beschäftigt war und bis jetzt mit geringen Unterbrechungen gelebt haben soll. Er war Mitarbeiter der Böhmert'schen antisozialistischen„Sozial-Correspon- denz". Wir veröffentlichen diese Thatsachen ausschließlich im In- te.sse der Wahrheit und zur Abwehr infamer Insinuationen, und nicht in der Abficht, Dr. Nobiling„an die Rockschöße" der nationalliberalen Partei zu hängen. Jeder anständige Mensch Ein Schritt zum Sozialismus. Unter der Ueberschrift:„Eine Revolution auf dem Ge- biete des Heizungswesens" veröffentlicht die„Frankfurter Zeitung" eine Correspondenz aus London, welche die Richtigkeit unserer Behauptung, daß die bürgerliche Gesellschaft allmählich in den Sozialismus hineinwächst, recht schlagend demon- ftrirt. Die Correspondenz lautet: London, im Mai. In der hiesigen„Times" wurde in der jüngsten Zeit mehrfach auf die Versuche hingewiesen, die in Newyork mit einem Centralheizungsshsteme für ganze Stadttheile angestellt worden sind. Die Versuche gingen von einer Gesell- schast, der Holly ateam Combination Company, aus und sind, nachdem sie den ganzen Winter über angedauert, als durchaus erfolgreich zu betrachten. Erstreckten sie sich bisher auch nur über einen Complex von nur etwa 210 Häusern, so kann es doch keinem Zweifel mehr unterliegen, daß das System sich auch in größerem Umfange für ganze Stadttheile, ja für ganze Städte bewähren wird. Dasselbe ist ein Central- Dampfheizungssystem und beruht darauf, daß von dem Dampfkessel einer Centralstelle aus der Dampf auf beträchtliche Strecken hin durch Straßenröhre weiter geleitet und in die Hauseinrichtungen eingeführt wird. Die Einrichtungen unterscheiden sich im Ganzen wenig von den analogen der Gas- und Wasserleitungen, auch die Manipulationen sind ähnlich wie bei dieser, sie sind gefahrlos und lassen sich leicht bewerkstelligen. Abgesehen von allen anderen Vor- theilen zeichnet die städtische Centralheizung sich durch Bequem- lichkeit und Billigkeit aus und dürfte deshalb allein schon einer großen Zukunft entgegengehen. Mit oen Versuchswerken in Lockport wurde im vorigen Jahre begonnen und während des letzten Winters wurden bereits gegen Li.) Häuser aus ihnen gespeist. Die Centralstelle enthielt zwei Dampfkessel von 10 zu 5 und 8 zu 8 Fuß; die nach allen Rich. tu igen sich verzweigenden Leitungsrohre betrugen drei lausende (e: glische) Meilen. Während des Winters wurden die beiden Kessel bis zu einem Drucke von 35 Pfund per Zoll geheizt mit einem Kohleuverbrauche von 4 Tonnen Anthracit binnen 24 Stunden und einem Kostenaufwande von 4 Dollars pr. jTonne. Während des Sommers wird nur ein Kessel geheizt, der ändert- halb Tonnen binnen 24 Stunden konsumirte und aufeinen Druck von 25 Pfund pr. Zoll gebracht wurde. Ter Druck von 35 Pfund im Winter und 25 Pfund im Sommer ist auf der ganzen Leitungsstrecke von drei Meilen bis zur Konsuwtionsstelle ein gleichmäßiger, au letzterer wieder durch weiß, daß der Versuch, politische Parteien für die Privathand- lungen und Privatverbrechen einzelner ihrer Mitglieder oder Anhänger verantwortlich machen zu wollen, eine Niederträch- tigkeit, ein moralischer Meuchelmord ist. Dr. Nobiling machte, als er nach heftigem Widerstand er- griffen ward, einen Selbstmordversuch und verwundete sich so schwer am Kopf, daß er gestern Abend für„vernehmungs- unfähig" erklärt ward. Trotzdem wird gemeldet, er sei in der Nacht verhört worden— ein Widerspruch, welcher der Auf- klärung bedarf. Die Mittheilung eines hiesigen nationalliberalen Blattes,„Nobiling habe bei der gerichtlichen Vernehmung be- kannt, daß er sozialdemokrattschen Tendenzen huldige und wie- derholt hier(in Berlin) sozialdemokratischen Versammlungen bei- gewohnt habe", wird durch das Vorstehende auf ihren wahren Werth reduzirt. Was es mit dem Besuch sozialdemokratischer Versammlungen auf sich hatte, ist bereits gesagt worden, und statt zu„sozialdemokratischen" Tendenzen wird der Mit- arbeiter des Sozialistentödters Böhmert, der Schützling des nationalliberalen Volkswirthschasters Roscher und der Unter- beamte des preußischen Regierungsraths Engel sich wohl zu „sozialpolitischen", aber antisozialdemokratischen Ten- denzen bekannt haben. Ob und welche Bedeutung übrigens den Aeußerungen eines„vernehmungsunfähigen", am Kopfe schwer- verwundeten Menschen beizulegen ist, das wollen wir nicht bcurtheilen. Folgendes Extrablatt hat der„Vorwärts" für Leipzig am 4. Juni Abends herausgegeben: Wenn man bedenkt, mit welchem Eifer sich die Reaktion auf das Lchmann'sche Attentat warf, kann man sich nicht darüber wundern, daß sie jetzt ihr Aeußerstes aufbietet, um das neue Attentat, welches alle Volksschichten in Aufregung versetzt hat, politisch auszubeuten. Welch' bessere Gelegenheit als inmitten der allgemeinen Entrüstung, der hochwogenden Leidenschaften, um die am Schluß der letzten Reichstagssession erlittene Nieder- läge wieder gut zu machen und die Zustimmung der Bolksver- tretung zu Maßregeln zu erlangen, denen sie in normalen Zeiten nimmermehr ihre Sanktion ertheilen würde? Nur Eins steht hier im Wege: die Person und Lebensge- chichte des Meuchelmörders. Lehmann, den verkommenen Lumpen- Proletarier, der in Leipzig eine Zeitlang der sozialistischen Partei angehörte und sozialistische Zeitschriften kolportirte, ließ sich im ersten Lärm unschwer der Sozialdemokratie„an die Rockschöße hängen". Der kleine Umstand, daß die Sozialdemokratie selbst ihn längst abgeschüttelt hatte, und daß er dann von ihren er- bittertsten Feinden, den Nattonalliberalen und Christlich-Sozialen, an's Herz geschlossen worden war, brauchte nicht an die große Glocke gehängt zu werden: und es kam ja blos darauf an, daß die fromme Lüge Cours behielt, bis das famose Lehmann- Gesetz vom Reichstag angenommen war— eine Berechnung, die freilich nicht zutraf. Aber wie den Sohn des preußischen Domänenpächters, den streberischen Beamten des sächsischen und Preußischen Büreaus, den Mitarbeiter Böhmert's— wie ihn zum Opfer sozialdemo- kratischer Verführung, zum Werkzeug sozialdemokratischer Mord- Pläne machen? Die Aufgabe ist keine leichte; aber man muh den Biedermännern, die sie sich gestellt, nachsagen, daß sie sehr fleißig sind und keine Mühe scheuen. Da es nicht mit ehrlichen Mitteln geht, müssen unehrliche Mittel herhalten— der Zweck heiligt das Mittel. Calumniars audaoter— nur frech gelogen und verleumdet, etwas bleibt doch hängen, denken die sauberen Biedermänner. Daß Dr. Nobiling ein Nationalliberaler vom reinsten Wasser war, ein Ehrgeiziger, der zum Unzufriedenen wurde, weil er sich zurückgesetzt sah— das wird wohlweislich verschwiegen. Wohl aber wird in die Welt hinausposaunt, er habe sich bei seiner Vernehmung nach der That zu sozialdemokratischen Tendenzen bekannt, und gestanden, daß er sozialdemokratische Versammlungen besucht, und daß sein„jüngerer Bruder" einige sogar einberufen habe; daß er Mitschuldige habe und„vom Laos getroffen" wor- den sei. Diese und ähnliche Behauptungen und Insinuationen werden mit jesuitischer Raffinirtheit in das Volksgemüth geträu- felt, um es voreinzunehmen und ruhiger Erwägung unzugäng- lich zu machen. Wohlan, an all diesen Behauptungen ist kein wahres Wort. Die Natur der Wunden, die Nobiling theils von eigener, theils von fremder Hand empfangen, ist derart, eine Abstellung von den Konsumenten nach Belieben moderirt. Die ersten 600 Fuß der Straßenlcitung von dem �Kesselhasen an hat vierzöllige Röhren, daran schließt sich eine Strecke von 1400 Fuß mit dreizölligen und an diese eine solche mit zwei- einhalbzölligen Röhren. Die von der Straßenleitung nach dem Innern der Häuser sich abzweigenden Zuleitungen haben einen Durchmesser von 1'/» und die Hausleitungen einen solchen von »Ii Zoll. Außer der unter Kontrole des Konsumenten stehenden Abstellung ist für jede Hausstelle ein bis zu einem Drucke von 5 Pfund regulirles unter der Kontrole der Gesellschaft stehendes Druckventil vorhanden; ein sehr sinnreich konstruirter Dampf- messer zeigt nicht nur den Gesammtverbrauch des ganzen Hauses, sondern auch den Einzelverbrauch für jede Räumlichkeit in Kubik- fuß an. In den Straßenleitungen ist auf eine Entfernung von je hundert Fuß in Gestalt eines gewöhnlichen Hahnverschlusses ein Expensionsventil angebracht, der auf jeder diesir Strecken eine Expenfion von P/4 Zoll bei einem Drucke von 35 Pfund gestattet. Eine Kondensation findet in den Straßenleitungen nicht statt. Die Röhren sind zunächst mit einer dünnen Lage Asbestpapier bedeckt, dann kommt eine Umhüllung aus russischem Filz und schließlich eine solche von Manillapapier, so daß das Ganze aussieht, als sei es mit dünnem hellbraunem Papier um- wickelt. Die so eingehüllten Eisenröhren liegen in einer Holz- umkleidung, die etwa 3U Zoll weiter gebohrt ist, als das Eisen- rohr mit seiner Filzbekleidung; sie werden genau wie Gas- und Wasserleitungsröhren gelegt.. Die Vertheilung der Hitze in den einzelnen Räumlichkeiten der Häuser wird durch Ausstrahler vermittelt, die in einzölligen vertical entweder im Kreise oder in einer Doppelreihe gelegter Röhren bestehen und ein Abflußrohr für den kondensirten Dampf enthalten. Das abfließende Wasser hat eine Temperatur von etwas unter Siedehitze und ist zu allen Haushaltungszwecken verwendbar; es eignet sich sogar noch ganz gut zu Reben- Heizungen, z. B. für Treibhäuser und andere derartige Anlagen. Aus eine Entfernung von mehr als emer halben(englischen) Meile hat der Dampf sich noch vollständig als Triebkraft be- währt; es sind auf diese Distanz hin Dampfmaschinen von 10 und 14 Pferdekrast in Bewegung gesetzt worden, ohne daß die Feuerung erheblich hätte vermehrt werden müssen. Der fort- geleitete Dampf ist auch zu Küchenzwecken, zum Kochen sowohl wie zum Backen, zu verwenden. Ein Eimer kalten Wassers wurde beispielsweise nach der Aussage eines verläßlichen Ge- währsmannes binnen 3 Minuten durch das Einlassen eines Mundstückes der Leitung zum Kochen gebracht. Wie bei Gas- und Wasserleitungs- Anlagen legt die Gesellschaft die Röhren daß er keinen Augenblick bei vollem Bewußtsein sein konnte(durch die tödtlichen Wunden quillt das Gehirn hervor!). Wäre Nobiling in diesem Zustand wirklich einem regelmäßigen Verhör anterzogen worden, so würde dies eine ganz überflüssige Grausamkeit gewesen sein, denn die Aussagen eines Sterbenden, der zwei Kugeln im Kopfe hat, sind juristisch absolut Werth- los— ebenso werthlos, wie weiland die Aussagen der„Hexen", die unter dem Einfluß der Folter, mit verrenkten und zer- malmten Gliedern, im Delirium Alles, was man von ihnen wünschte, über den Teufel, über dessen Aussehen bis in alle Details aussagten. Uebrigens wird nun auch nachträglich„von kompetenter Seite" — so schreibt die nationalliberale„Magdeburger Zeitung"(Nr. 255)— bestritten, daß Nobiling von Mitschuldigen gesprochen und obige Geständnisse gemacht habe. Mit den angeblich auf einen Zusammenhang mit der Sozialdemokratie hindeutenden Aeußerungen wird es die nämliche Bewandtniß haben. Jeden- falls wären sie vollkommen werthlos. In Leipzig kennt keiner unserer Parteigenossen den Dr. No- biling. Niemand aus unserer Mitte hat mit ihm verkehrt; Nie- mand ihn je in einer Versammlung gesehen. Ein Correspondent des„Leipz. Tagebl."(Nr. 155) schreibt freilich:„Er(Nobiling) besuchte gern die Versammlungen der Sozialdemokraten". Der Correspondent des„Leipziger Tageblatt" hat ihn wohl in diese Versammlungen begleitet? Ist also auch Sozialdemokrat und—7 Derselbe„Tageblatt"- Correspondent schließt seine Nottzen charak- teristisch wie folgt:„Der Attentäter befitzt eine außerordentliche geistige Begabung und großen Fleiß, dabei war sein Leben äußerst solid, nie sah man ihn trunken. Sein im höchsten Grade exal- tirtes Wesen läßt die Annahme, daß er die ruchlose That in Geistesverwirrung begangen, nicht unwahrscheinlich erscheinen; wer aber die Schuld an dieser Geistesverwirrung trägt, läßt durchaus keinen Zweifel zu, es find die sozialdemokratischen Hetzereien." Also: der Mann ist„im höchsten Grade exaltirt", hat„die ruchlose That nicht unwahrscheinlich in Geistesverwirrung be- gangen", ist folglich unzurechnungsfähig und für seine Person nicht strafbar; aber„Strafe muß sein", und so wird denn die Sozialdemokratie an den Haaren herbeigerissen: sie trägt die Schuld an der Geistesverwirrung Nobiling's, und ergo auch an der in der Geistesverwirrung verübten That. Und die Moral der Geschichte:„der Jude wird verbrannt." Warum macht der„Tageblatt"-Correspondent— wenn er i denn durchaus einen Verantwortlichen haben will, nicht Herrn Roscher und dessen famose Vorträge über Volkswirthschaft ver- antwortlich, die schon Hunderte von jungen Leuten in Bezug auf nattonalökonomische Dinge in bedenkliche„Geistesverwirrung" gestürzt haben sollen? Oder die kaum weniger geistreichen Vor- träge des Professor Birnbaum? Und die ditto geistreichen Kneip- abende in der(ultranationalliberalen) Burschenschaft„Germania", zu deren eifrigsten Mitgliedern Nobiling gehörte.*) Wir dächten, an Ursachen zur„Geistesverwirrung" hätte der Lieblingsschülcr Roscher's und Birnbaum's keinen Mangel gehabt. Inzwischen ist der„Tageblatt"-Correspondent vielleicht durch das„Tageblatt" selbst von seiner„Geistesverwirrung" geheilt worden; es bringt nämlich, und zwar auf dem gleichen Blatt, genau auf der Rückseite, ein sehr vernünftiges„Eingesandt", das den Gedanken ausspricht, den Hunderttausende von vernünftigen Leuten in den letzten Stunden ausgesprochen haben: daß die Art und Weise, wie die Presse deu Lehmann'- scheu Bubenstreich behandelt hat, sehr leicht den An- laß zu dem Verbrechen Nobiling's gegeben haben könnte. Es ist eine, allen Criminalisten und Statistikern bekannte, psychologisch auch leicht zu erklärende Thatsache, daß Verbrechen ansteckend sind, und daß jeder oause cslebre, jedem außerordentlichen, über das Niveau des Gewöhnlichen hinaus- ragenden oder künstlich hinausgehobenen Verbrechen eine Reihe ähnlicher Verbrechen zu folgen pflegt. Der Lafarge- Prozeß gab das Original für Dutzende von Giftmorden in ähn- *) Die im gestrigen Extrablatt von uns gebrachte Noti«, Nobiling sei Mitglied des Birnbaum'schen Debattir- Clubs gewesen, wird von einem unserer Correspondenten in Zweifel gezogen. Wir erwarten positive Mittheilungen._ bis zu den Häusern, die Hauseinrichtungen, Jnnenleitungen, Apparate k. sind von dem Hausinhaber zu gestellen. In einem auf etwa acht Zimmer berechneten Hause von mäßigem Umfange betragen die Einrichtungskosten etwa 150 Dollars oder etwas über 600 Mark, in größeren Häusern, die komplizirtere Ein- richtungen erfordern, bis zu 500 Dollars oder etwa 2130 bis 2140 Mark. Die Thätigkeit der Gesellschaft hat bisher einen experimen- tellen Charakter getragen. Bon den 200 Häusern, die an das System angeschlossen worden sind, hat man als Kostenbeitrag den Betrag erhoben, den etwa die Kohlenheizung erfordert haben würde; dabei ist man weit über die Betriebskosten gekommen, trotzdem daß nur ein kleiner Theil des Bezirkes, auf den die ganze Anlage berechnet ist, zum Anschluß gekommen ist. Die Betriebskosten bestehen in wenig mehr als den Anlagen für die Kohle und dem Salair für zwei Heizer, die Anlage selbst erscheint im Berhältniß zu den erzielten Resultaten, sowohl was die Ge- bäulichkeiten wie was den Kohlenvorrath betrifft, unbedeutend. Das Gesellschaftsvermögen beträgt 50,000 Dollars, in 500 Aktien zu 100 Dollars; hieraus find die Kosten für die Centralanlagen und die 300 Meilen Leitungsstrecke bestriUul worden. Allseitig ist das Unternehmen bis jetzt als ein aussichtsvolles angesehen worden und wenn man dem Zeugnisse der Hauseigenthümer, die ihre Häuser der Leitung haben anschließen lassen, vertrauen darf, wird die städtische Centralheizung im gesammten Kulturleben bald eine große Rolle spielen. So weit der Bericht der„Frankfurter Zeitung". Durch die gemeinsame Heizung der Wohnungen wird dem „Individualismus" wieder ein tüchtig Stück Land, auf dem er sich unbesiegbar sicher glaubte, entrissen, und weitere Gebiets- theile von dem andrängenden„Communismus" bedroht. Der gemeinsamen Heizung, welche eine ganz außerordentliche Arbeits- ersparniß mit sich bringt, wird auf dem Fuß das gemeinsame Kochen folgen, und so geht es weiter und weiter, Schritt um Schritt, vorwärts in den Sozialismus! — Voltaire, geboren am 21. November 1694 zu Paris, gestorben ebenda am 30. Mai 1773.„Dieser, Geschichtsschreiber und Philosoph, erweiterte er den menschlichen Geist und lehrte ihm, daß er ftei sein solle; er vertheidigte Colas, Sirven, de la Barre, Montbailly; er bekämpfte die Atheisten und Fa- natiker, er begeisterte für die Toleranz und reklamirte die Wen- schenrechte gegen die Knechtschaft der Feudalität." Mit dieser Grabschrift auf Voltaire ist alles bündig und treffend gesagt, lichem Stil ab. Der erste Schuß eines Verrückten aus die! Königin Viktoria von England erzeugte unter den friedlichen John Bulls eine förmliche Attentatsepidemie. Dutzende von Verrückten, die unter anderen Umständen ihre Verrücktheit in harmloserer Manier bethätigt hätten, richteten nun ihre Augen auf die junge, allgemein beliebte Köuigin und wollten berühmt werden wie der Narr Oxford, den sein verrückter Schuß zu einem—„großen Mann* gemacht hatte. Und warum nicht � so berühmt wie der„große Mann*— Lehmann,„Atten- täter Seiner Majestät des deutschen Kaisers", den unsere Presse, in ihrem tollen Haß gegen die Sozialdemo- kratie, aus den unehrenhaftesten Motiven, zu dem berühm- testen Mann des Tages gemacht hat? vr. Nobiling wird von Allen, die ihn kennen, als höchst ehrgeizig geschildert— aus dem einen oder anderen Grunde war ihm das Leben zur Last geworden, er fühlte sich zurückgesetzt, gekränkt— was na- türlicher, als daß er, statt allein zu sterben,„noch Jemand mitnehmen", und sich die Unsterblichkeit Lehmann's erringen wollte? Ein Lehmann in verbesserter Auflage? Die Zeitungen, welche jetzt gegen Schaam und gesunde Ver- nunst der Sozialdemokratie ein Verbrechen in die Schuhe zu schieben suchen, dem keine Partei so fern steht als gerade die Sozialdemokratie, sie mögen zerknirscht an die eigene Brust schlagen; denn aller Wahrscheinlichkeit nach tragen sie, durch ihre unverantwortliche Behandlung des Lehmann'schen Bubenstreichs, einen wesentlichen Theil der moralischen Arheöerschast des Ilobiling'schen Attentats. Keine Partei, sagten wir eben, steht dem Verbrechen so fern als die unsrige. Das ist keine Uebertreibung, keine„politische Hmchelei". Welche andere Partei hätte je prinzipiell gegen den Mord in jeder Form protestirt? Welche andere Partei � faßt den geschichtlichen Entwickelungsgang so auf, daß er gänzlich unabhängig von einem einzelnen Individuum erscheint, nenne es sich Kaiser, Kanzler oder Straßenkehrer? Das Leben eines jeden Menschen ist uns heilig, ist uns sakrosankt— das Leben des Höchsten wie des Niedersten. Die Schüsse, welche, wie voni „Anstand" aus auf ein Stück Wild, aus feigem Hinterhalt aus den greisen 81jährigen Kaiser, der den politischen Haß längst überlebt hat, abgefeuert worden find und das Opfer grausam verletzt haben, empören unser Gefühl so gut, wie sie das Gefühl jedes anderen Menschen, der menschlich fühlt, empören müssen. Aber ist das ein Grund, dieses Verbrechen eines Jndivi- duums nun zum Verbrechen einer Partei stempeln zu wollen? Wären wir nicht ebenso ruchlose Meuchelmörder wie Nobiling, wenn wir die Profestoren Roscher, Birnbaum, Böhmert und die nationalliberale Partei als moralische Urheber des Nobiling' schen Attentats denunzirten? Und hätten wir dazu nicht eine hundertmal größere scheinbare Berechtigung, als die infamen Ehrabschneider, welche die Sozialdemokratie der moralischen Ur- heberschaft des Attentats, mehr oder weniger verschleiert, anzu- klagen die Stirn haben? Man hüte sich vor diesen Attentätern! Und haben wir Sozialdemokraten etwa ein Interesse an dem Tod des Kaisers? Mit nichten! Im Gegentheil, sein Tod kann uns nur schaden. Und gewiß ist, daß dos Attentat un- serer Partei Schwierigkeiten bereiten wird. Unsere Partei ist unzweifelhaft diejenige, welche durch solche Handlungen, wie die Lehmann's und Nobiling's am meisten benachtheiligt wird. Es «iebt aber Parteien, deren Jntereste in entgegengesetzter Richtung liegt. Und das sind die Parteien, welche jetzt aus Lei- beskräften>aran arbeiten, die beiden Attentate zu Reaktionszwecken auszubeuten. »Ja", gesteht man uns wohl zu, ihr Sozialdemokraten habt die Attentate nicht direkt gewollt; sie sind euch sogar unbequem, aber es ist doch die Frucht der von euch gesäeten Saat." Alber- nes Gerede! Die Lehren der Sozialdemokratie reizen nicht auf, stacheln nicht zu Gewaltthat, sondern bändigen die Lei- denschaften und leiten sie in das Bette organisirten, ruhigen, planmäßigen Handelns. Will man Beweise? In Sachsen ist das gesammte arbeitende Volk sozialdemokratisch— hat je, trotz der furchtbarsten Roth im Erzgebirge zum Beispiel, trotz frechster Provokationen Seitens unserer Gegner auch nur die geringste Ruhestörung, irgend ein nennenswerther Exzeß statt- gefunden? Nein! Aber in Ostpreußen, in Königshütte zc�, wo die Sozialdemokratie noch keine Wurzel gefaßt hat, ist es wiederholt zu Exzessen, blutigen Krawallen, ja einmal zu einem „kleinen Bauernkrieg" gekommen. Wir leugnen nicht, daß Verbrechen gegen die Person, und überhaupt Gewaltthätigkeiten seit einiger Zeit in erschreckender Progression sich mehren— die amtliche Statistik hat diese trau- rige Thatsache festgestellt. Wir bedauern dies, und suchen dem Uebel nach Kräften abzuhelfen— nicht ohne Erfolg, wie die Verbrecherstatistik der Theile Deutschlands, in denen die Sozial- demokratie Einfluß hat, beweist. Wer sich über die zunehmenden Gewaltthätigkeiten entrüstet, der reiche uns die Hand, statt uns entgegenzutreten, und be- kämpfe mit uns den Cultus der Rohheit, der jetzt in der M»de ist, der bekämpfe mit uns den Massenmord, die Blut- und Eisenpolitik! Fort mit der politischen Heuchelei! Nieder mit den Attentaten! Nieder mit den Attentätern! �Anständige Stimmen ans der gegnerischen Presse: Die„Berliner Volkszeitung" vom 4. Juni schreibt: „Die Motive derThat. Noch liegt keinerlei irgend glaub- hafte Version über die Motive der That vor. Die Aussage Nobiling's, daß er es für das Staatswohl ersprießlich gehalten habe, das Staatsoberhaupt zu beseitigen, entbehrt jeder Wahrscheinlichkeit. Bei dem Bildungsgrade des Verbrechers ist nicht anzunehmen, daß er geglaubt haben sollte, durch seine That eine derartige Wirkung zu erzielen; andererseits bietet sein Vorleben, welches doch bererts in vielen Details bekannt ist, keinerlei Anhalt für die Annahme, daß der Mörder ein poli- tischer Fanatiker gewesen sei oder sich überhaupt für das Staats- wohl interessirt habe. Der Umstand, daß er sich zu sozialdemo- kratischen Tendenzen bekannt hat, scheint von keinem Belange; nach den Folgen und Wirkungen des Hödel'schen Attentats wird Niemand glauben, mit einem neuen Mordversuche der Sozial- demokratie einen Dienst zu erweisen. Es werden daher zunächst die Erhebungen über die unmittelbare Vergangenheit des Ver- brechers, sowie über seine körperliche und geistige Verfassung ab- zuwarten sein, ehe es statthaft erscheint, sich in dieser Richtung ein Urtheil zu bilden. Einstweilen erscheint das Verbrechen völlig unerklärlich." Die„Kölnische Zeitung" vom 3. Juni läßt sich aus Berlin schreiben: „Im Umgang machte der vr. Nobiling den Eindruck eines mäßig begabten und nicht allzu schnell begreifenden Menschen, der in bescheidenen Formen eine ziemlich hohe eigene Werth- schätzung verbarg. Was ihn zu der ruchlosen That getrieben haben mag, läßt sich noch nicht übersehen; es ist aber nicht anzunehmen, daß er zu irgend einer der radikalen politischen, sozialen oder religiösen Parteien in näherer Verbindung ge- standen hat; eher erscheint es glaublich, daß allgemeine Un- zufriedenheit mit seiner Lage und gänzliche moralische Verwilderung, wenn man nicht, was vielleicht eben so glaublich, gänzlichen Wahnsinn annehmen will, ihn zu dieser schänd- lichen That getrieben hat. Wer die kleine unbedeutende Persön- lichkeit des Attentäters früher gesehen, wird bei ihm an Alles Andere eher als an einen Königsmörder gedacht haben, und so dürfen wir zur Ehre des deutschen Namens wohl glauben, daß wir es hier mct einem durch das neuliche Attentat auf diese Bahn gelenkten Irrsinnigen(man erinnere sich nur, wie häufig besttminic Verbrechen zur Nachahmung reizen), und nicht mit einer in(o.y her Consequenz entwickelten Frucht bestimmter ver- abscheuu'.-.j-.ürdiger Tendenzen zu thun haben." Die„Dresdner Nachrichten" vom 4. Juni schreiben: „Der verruchte Attentäter Nobiling wurde im Herbste 1877 von dem Direktor Geh. Reg.-Rath Victor Böhmert auf Grund einer warmen Empfehlung des Herrn Geh. Rath Professor vr. Roscher in Leipzig am königl. sächsischen statistischen Bureau des Ministeriums des Innern als Diätar angestellt. Er wünschte eine Stellung �als wissenschaftlicher landwirthschaftlicher Hilfsarbeiter; da sich dieser Wunsch indeß nicht realifiren ließ, so verzichtete er am 2. Juni vorigen Jahres auf die Diäten und arbeitete als freiwilliger Hilfsarbeiter bis Anfang Oktober weiter, zu welcher Zeit er freiwillig aus dem Bureau austrat und nach Berlin übersiedelte. Nobiling galt hier allgemein als einfacher harmloser Mensch. Er bezeigte fast gar keine Bedürfnisse, trug was über ihn zu bemerken ist. Er war ein Mensch— nehmt Alles nur in Allem— und Mensch sein heißt ein Kämpfer sein. Und gekämpft hat er mit Aufbietung aller seiner Kräfte gegen Lug und Trug, gegen Falschheit und Heuchelei, gegen Unwisien- heit und Aberglaube! Aber auch er war menschlich fehlbar, er war als Philosoph Schüler der englischen Deisten, welch; eine natürliche Religion zur Norm und Regel aller positiven Religion erhoben, welche an das Dasein und an die Weltregie- rung eines Gottes, der zugleich Urgrund aller Dinge sein sollte, glaubten. Auch sein Charakter ist nicht ganz rein und frei von jedem Makel. Seine sarkastische Natur bestimmte ihn öfter zu größeren und kleineren Bosheiten, die seinem Bilde einige stö rende Schatten aufsetzen: aber wo viel Licht ist, da ist viel Schatten. Stets und allzeit aber war er ein begeisterter Pre- diger der Mensibenrechte, er emanzipirte die leibeigenen Bauern, welche den 20 Mönchen eines Klosters Südfrankreichs gehörten, er kämpfte eifrig für ein vernünftiges Besteuerungssysiem, für Verbesserung der Rechtspflege, welche er in Frankreich, wenn auch nicht überall direkt, hervorgerufen hat, deren intellektueller Urheber er jedoch genannt werden darf und muß. Er forderte Rechtsgleichheit, wenn er auch, im Grunde eine mehr aristokra- licker" �ur, durchaus nicht für Durchführung gänz- dal Volk Ä Weichheit zu gewinnen war. Er unterschätzte meruno �h seine materielle und geistige Verküm- Er vlai'dirte für? viel, um hier Wandel zu schaffen. verwandelte endlich Berbesierungcn im Schulwesen; er i,!. dÄ 50 Einwohner zählenden Weiler �.dnsiiiesleiüiae an ber Schweizer Grenze in eine Einwohnern. Wie sehr dies Cfr befftü©;*•0c�rt nach seinen, Tode eintretende I-n' v* x» a � � wie Keiner vor ihm oder nach ihm die �nst des Popularisirens; er war Meister in der von den Encyklopadl ten angefangenen und geübten Kunst, die Ergebnisse der Philosoph,- und alle Wissenschaft zum Ge.neingut Vieler, möglichst Ju �"chkn. Er konnte mit Recht von fich sagen, daß er für seine Zeit mehr gethan habe, als Luther und Calvin für die lh«." Wissenschaftlich stand er aui der Höhe seiner Zeit, auch die Naturwissenschaft kannte er in ihrer hohen Wichtigkeit für die Philosophie, sowie für das cjaiue Menschenwesen: der neu auftauchenden Probleme bemächtigte ei sich mit scharfem Geiste und trug fie mit binr-ißcnder Ber d- samkeit nicht nur seiner Nation, sondern fast v.r ganzen Welt vor. Er schrieb über Messungen der Kräfte, über die Reflexe des Lichtes im luftleeren Räume, über die Naiur des Feuers "nd andere Dinge mehr. Ferner besaß er ein hervorragendes Erzählertalent und wußte geschichtliche Gegenstände zu beleben und fruchtbar zu machen. Wenn man die Namen der Schöpfer einer kulturgeschichtlichen Betrachtung der Menschheitsgeschicke nennt, so muß auch der seine genannt werden. Voltaire war Franzose, war ganz Das, was diese Nation Höchstes und Bestes in jener Zeit zeitigen konnte; über ihn sagt Goethe am 13. Februar 1829 ,n den Gesprächen, die uns Eckermann gesammelt: „So bringt ein Volk seine Helden hervor, die gleich Halb- göttern zu Schutz und Heil an ihrer. Spitze stehen, und so ver- einigten fich die poetischen(und philosophischen, R. d. V.) Kräfte Frankreichs in Voltaire."— Diese wenigen Zeilen widmen wir dem großen Todten zu seinem hundertjährigen Todestage. — Wir erhalten wiederum von Herrn Professor Bieder- mann eine„Berichtigung": Ich muß Sie,„och ehe Sie meine zweite, unterm 29. Mai Ihnen zugesandte„Berichtigung" abgedruckt haben, schon wieder zu einer solchen, auf Grund von Artikel Ii des Reichspreßze- setzes auffordern. In Nr. 63 im Feuilleton wiederholen Sie die schon früher einmal gegen mich erhobene, aber auf mein Verlangen der Er- Härtung unerwiesen gelassene Behauptung, ich hätte an meinen frühern Parlamentscollegen Reh in Darmstadt„vor dem 1866r Krieg" einen Brief geschrieben,„in welchem ich denselben aufge- fordert, im Großherzogthum Hessen für die preußische Annexions- Politik thätig zu sein". Ich habe einen Brief solchen Inhalts niemals und an Niemand, folglich auch nicht an Hrn. Reh geschrieben. Da„der Schreiber" Ihres Feuilletonartikels diesen meinen Brief„gelesen" haben will und„die Existenz dieses Briefs sogar„gerichtlich feststellen" kann, so braucht er ihn ja nur zu veröffentlichen, natürlich unter gleichzeitiger Vorlegung des Originals, um„festzustellen", daß es kein von ihm oder Anderen gemachter ist. Ich fordere ihn dazu auf und behalte mir übrigens wegen der in jener Behauptung liegenden Ver- lcumdung alle weiteren Schritte vor. Leipzig, 31. Mai 1878. Prof. vr. Karl Biedermann. Wir können Herrn Professor vr. Carl Biedermann nur bitten, unserer, doch ziemlich deutlichen, Einladung Folge zu leiben und die Existenz der beticffenden Briefe„gerichtlich fest'-len" zu lassen. Statt„ die„weiteren Schritte vor- zub.alten", möge er sie kea-nd kühn thun— sie werden |U lir.gerichtlichen Feststellung"'ühren, auf welche es ankommt. sich einfach, fast alffränkisch, und arbeitete mit Eifer. Gegen seine College» war er freundlich, mied aber den großen Verkehr und lebte am liebsten zurückgezogen. Dagegen hielt er in ge- wissen auf Facharbeiten bezüglichen Dingen zäh an seiner vor- gefaßten Meinung. Es ist bekannt, daß er hier sozialdemokra- tische Versammlungen oft besuchte und sozialdemokratische Blätter nicht nur las, sondern auch hielt: dagegen äußerte er im Verkehr keinerlei sozialdemokratische Anschauungen, wie er denn überhaupt in diesem Punkte wie auch sonst im Umgange sehr zurückhaltend war. Die Dresdner Sozialdemokraten protestiren entrüstet in einem Extrablatte dagegen, daß Nobiling als Anhänger ihrer Partei angehört habe, sie behaupten, daß derselbe den Ausspruch gethan habe,„daß er formell eigentlich keiner Partei angehöre, aber dem Nationalliberalismus am nächsten stehe." Auch soll Nobiling in Bezug auf Nationalökonomie gemäßigten Anfchau- unge« gehuldigt haben und ein eifriger Mitarbeiter an der von Professor Böhmert zur besonderen Bekämpfung der Sozialdemo- kratte herausgegebenen nationalliberalen„Sozial-Correspondenz" gewesen sein. Ferner erzählt das Extrablatt des hiesigen sozial- demokratischen Organes, dem dafür alle Verantwortlichkeit über- lassen bleibt, Folgendes:„Nobiling erschien Jedem, der ihn kennen lernte, auf den ersten Blick, besonders auch nach länge- rem Umgang, als ein studirter aber überaus confuser Kopf. Er hatte auch spiritistische Anwand- lungen und sich ein eigenes Weltsystem zurechtgezimmert, von dem er selbst sagte, daß es Niemand begreife, als er selbst. Zu Ostern dieses Jahres besucht' ihn ein Sozialist, der ihn von hier kannte, in Berlin in seiner Wohnung Unter den Linden und traf ihn mit dem Putzen einer Schrot-Doppelflinte flin deren Ge- brauch er fich schon seit vorigem Sommer geübt, und mit welcher er auch das Attentat verübte) beschäftigt. Auf die Frage, wie weit das Gewehr schieße, meinte Nobiling: es reiche zwar nicht bis zu der gegenüberstehenden Häuserreihe, aber einen auf dem Straßendamm Befindlichen könne man schon damit erschießen. Als aber das Gespräch auf die vielen Selbstmordfälle kam. meinte Nobiling: es sei dumm von den Selbstmördern, daß sie nicht, ehe sie selbst vou der Welt ginaco, noch einen Großen mitnähmen, wozu man blos ein Messer brauche, das für wenige Groschen zu haben sei. Dann würde es schon besser werden. Stellung konnte er keine bekommen, seine Mutter aber, von der er Ber mögen zu erwarten hatte, verheirathete sich vor Kurzem mit einem verschuldeten Offizier, so daß jede Hoffnung für ihn, sein gewohntes Leben fortsetzen zu können, verloren schien: dazu der Pessimismus, die Wankelmüthigkeit und Schrullenhaftigkeit No- biliug's— so entstand das Attentat.� Die„Magdeburgische Zeitung"(Abendblatt vom 3. Juni) läßt sich aus Berlin Nachstehendes schreiben: „Unter den Linden wogen unabsehbare Menschenmassen. Das Haus Nr. 18 ist belagert und von der Polizei gesperrt. Ich interviewte soeben die Wirthin des vr. Nobiling, welche erklärte: „Nobiling wohnt bei mir seit Neujahr, er ist stets nüchtern, or- deutlich und pünktlich gewesen; er hoffte auf eine Anstellung im landwirthschaftlichen Ministerium; er muß wahnsinnig geworden sein."— Nobiling soll erklärt haben, keinen politischen Grund für seine Handlungsweise zu haben, seine Parteistellung ist un- bekannt." Einem Extrablatte der„Vossischen Zeitung" entnehmen wir Folgendes:„Carl Nobiling ist 1848 am 10. April auf der kö- niglichen Domaine Köllns bei Birnbaum, Provinz Posen, ge- boren. Sein Vater hatte diese Domaine in Pacht. Er siudirte in Halle und Leipzig, nicht Jena, wie vorerst mitgetheilt wurde. Seine Vorbildung genoß er auf dem Pädagogium zu Züllichau. Seit zwei Jahren lebte er in Berlin, arbeitete kurze Zeit im statistischen Bureau beim Geheimrath Engel, feste Stellung konnte er aber trotz aller Mühen nicht erhalten. vr. Nobiling bezog das Zimmer Unter den Linden, aus welchem er geschossen, am 1. Januar 1878 und war seinen Wirthsleuten ein sehr lieber und ruhiger Miether. Er schien ihnen sehr ruhigen Charafters zu sein, doch wissen dieselben über sein Privatleben um deshalb keine weiteren Mittheilungen zu machen, da er am Tage fast niemals zu Hause war und mit seinen Wirthsleuten fast gar nicht in weitere Berührung kam. Er erhielt allabendlich die„Germania" und alle Morgen die in Leipzig erscheinende„Deutsche Allgemeine Zeitung", und auf Herrn Levy machte es auch den Eindruck, als ob er für eines dieser beiden Blätter correspondirte. Er stand mit mehreren Rüthen des landwirthschaftlichen Ministeriums in Verbindung, jedoch nur in rein literarischer, als gelegentlicher Mitarbeiter der von diesen Rüthen herausgegebenen landwirthschaftlichen Jahr- bücher. In seinem Zimmer befanden sich ein Stoß von Exern plaren der„Germania" und das erste Heft des Jahrgangs 1877 der„Landwirthschaftlichen Jahrbücher" von Nathusius und Thcel, in dem sich ein Artikel:„Beiträge zur Geschichte der Landwirth- schaft des Saalkreises der Provinz Sachsen von Carl Ed. No- biling" befindet." Die„National-Zeitung berichtet, daß der Attentäter ein fleißiger Bibelleser gewesen sei. Folgende uns noch bekannt gewordene Nachrichten zu dem Attentat tragen wir hiermit nach: In unserm Extrablatt vom 4. Juni hatten wir gemeldet, daß vr. Nobiling gestorben sei. Diese Nachricht hat sich als un- richtig herausgestellt; derselbe liegt in völlig bewußtlosem Zustande. Die„Berliner Volkszeitung", welche überhaupt eine anstän- dige Haltung in Bezug auf das neueste Attentat gegen uns be- wahrt hat, läßt sich aus Dresden schreiben, daß vr. Nobiling in Dresden sozialdemokratische Versammlungen besucht habe, ohne sich indeß zur Sozialdemokratie zu bekennen. Hier wird also unser Dresdener Telegramm in der vorigen Nummer lediglich bestätigt. Ferner schreibt das genannte Blatt: „Frivol erscheint uns der abermals auftauchende Versuch, einzelne Parteien für das Bubenstück hastbar zu machen. Nobi- ling war ein Protestant und doch sieht sich die„Germania" bereits genöthizt, dagegen zu protestiren, daß man ihr Be- ziehungen zu Nobiling andichtet. Der Umstand, daß No- viling zu den Abonnenten der„Germania" gehört, genügt zu einer solchen Anklage, hinter der die ungeheuerliche Ver- dächtigung der intellektuellen Urheberschaft lauert. Der Ernst des Augenblicks sollte wenigstens insoweit veredelnd wirken, daß man von dem Bestreben abläßt, seine Loyalität durch widerliche Denunciutionen zu� bekunden. Versucht man es nicht überall, die �Sozialdemokratie der intellektuellen Urheberschaft auch dieses Meuchelmord zu ver- dächtigen? Da man aber bei dem Mörder keine sozialdemokra- tischen Schriften und Portraits gefunden hat, so muß die ultra- montane Partei herhalten. Andere Parteien."erden auch noch an die Reihe kommen. Unserem Berliner Parteiorgan, der„Berliner Freien Presse". entnehmen wir folgende Nachrichten:„Auf ein sozialistisches Blatt war Nobiling nicht abonnirt, in seiner Bibliothek fand sich auch keine sozialistische Broschüre oder ein ähnliches Buch, thut aber nichts: Nobiling huldigte trotzdem sozialdemokratischen Tendenzen lügt„Post" und„Tribüne" und das Wolff'sche Bw- reau telegraphirt die Lüge munter in die Welt hinaus.— Der Freund Nobilings, mit dem er correspondirt und der sich gegen- wärtig in Paris aufhält, soll Hansen heißen und sich eingehend mit aus die Arbeiterwohnungen, Hausindustrie u. s. w. bezüglichen Fragen beschäftigt haben. Es scheint dies also einer der Mitarbeiter an der„Sozial-Correspondenz" zu sein und auf alle Fälle ein Freund der liberalen Sache, denn daß wir Sozia- listen uns nicht mit der Frage der Beschaffung von Arbeiterwoh- nungen befassen, dürfte der„Nordd. Allgem. Zeitung" wohl bekannt sein." Ferner berichtet die„Berliner Freie Presse", daß kein ein- ziger Sozialist in Berlin, soweit sie unterrichtet sei, den Atten- täter auch nur den Namen nach kenne; dasselbe erklärt auch hier- mit die Redaktion des„Vorwärts". Den 3. Juni, Abends 6 Uhr, haben 14 Criminalbeamte in der Redaktion und dem Geschäftslokal der„Berliner Freien Presse" Haussuchung gehalten, doch ohne jeglichen Erfolg; ferner ist Haussuchung gehalten worden in den Privatwohnungen unserer Berliner Parteigenossen Fritzsche, Most, Auer, Scha- pira und Rackow. Hierzu bemerkt unser Berliner Partei- organ: „Daß die ganze Razzia erfolglos gewesen und daß man bei uns keine von Dr. Nobiling herrührenden Papiere gefunden hat, brauchen wir wohl nicht erst zu betonen. Auf unserer Redak- tion sowohl, wie bei den sämmtlichen Parteigenossen, welche wir bisher zu befragen Gelegenheit hatten, ist Nobiling eine unbe- kannte Persönlichkeit. Ter Kön-gsmörder hat mit uns in keinerlei Verbindung gestanden." Noch wollen wir bemerken, daß sich als die gemeinsten De- nuuciantenblätter gegen uns die„Berliner Tribüne", die„Post" und die„Deutsche Allgemeine Zeitung" zu Leipzig zeigen! — Zum Kampf mit geistigen Waffen. In der Cor- respondenz unserer heutigen Nummer aus Königsberg befindet sich eine Bekanntmachung der Firma Stantien u. Becker(Bern- steingräberei), welche in der geistigen Bekämpfung der Sozial- demokratie ungemein Großes leistet. Dieser Nachricht reiht sich folgende würdig an, welche die Runde durch die ganze liberale Presse macht: „Zwei Cigarrenfabrikanten in Werther, Regierungsbezirk Minden, haben kurz nach der Kunde von dem Hödel'schen Mord- versuche ihren Arbeitern erklärt, daß sie kein Mitglied eines so- zialdemokratischcn Vereins mehr beschäftigen würden. Eine dieser Firmen hat schon 40 Arbeitern gekündigt, die nach Ablauf einer gestellten dreitägigen Frist die verlangte Entscheidung nicht abge- geben hatten. Aehnliches ist schon von anderen Fabriken ge- meldet worden. Ter groß? Industrielle Krupp hat von jeher eine solche strenge Ausschließung sozialdemokratischer Arbeiter geübt." In solchem Kampfe müssen die Arbeiter einig zusammen- stehen, sie müssen erklären, daß fie sämmtlich Sozialdemokraten seien, dann wird man keinen Arbeiter mehr entlassen.— In Leipzig besprachen sich zwei Fabrikanten auch über derartige Maß- regeln, der eine stimmte ihnen zu, der andere aber sagte:„Ich gehe nicht darauf ein, die Kerle sind ja sämmtlich Sozialdemo- kraten, wirft man einen aus der Fabrik, erhält man 10 Sozial- demokraten wieder!" — Einen wohlweisen Bürgermeister und einen ebenso weisen Stadtrath besitzt das Städtchen Franken- berg im Königreich Sachsen. Ein von dem Bürgermeister ver» öffcntlichter Beschluß des Stadtraths lautet wörtlich: „Der von dem Weber Ferdinand Rösch hier angemeldete Verein hat nach§ 1 der eingereichten Statuten den Zweck, bei Wahlen dahin zu wirken, daß in alle Vertretungskörper Sozialdemokraten gewählt werden und veranstaltet nach ß 2 zur Erreichung dieses Zweckes Versammlungen, in welchen Borträge über die Bestrebungen der Sozialdemokratie gehalten werden und Diskussionen hierüber stattfinden sollen. Wenn nun durch zahllose Artikel der sozialdemokratischen Parteipresse als hinlänglich erwiesen und als allgemein bekannt anzusehen ist, daß die Bestrebungen der Sozialdemokratie unter anderen daraus hinauslaufen, zur Ausführung hochverrätherischer Hand- lur.gen, zu Majestätsbeleidigungen, zu Verbrechen und Vergehen wider die öffentliche Ordnung und die Re- ligion, mithin zu Gesetzesübertretungen und unsittlichen Hand- lungen geneigt zu machen, so ist der sozialdemokratische Wahl- verein zu Frankenberg, welcher diese Bestrebungen zu befördern bezweckt", auf Grund ß 20 des Gesetzes vom 25. Novbr. 1850, das Vereins- und Versammlungsrecht betr., zu verbieten und ist der Einreicher dieser Statuten durch reinschriftliche Zufertigung dieses Beschlusses dessen zu bescheiden, ihm auch ein Duplikat der Statuten zurückzugeben. Kuhn, Bürgermeister." „Der Jude muß verbrannt werden"— so lautete früher der Ruf des fanatischen Pöbels! Wenn solche Verordnungen Mode werden, wenn solche von gebildeten Rathsherren und Bürger- meistern gepredigt wird, wie die vorstehende, dann wird die Zeit kommen, wo auch ein fanatisirter Pöbel, der sich nicht gerade aus den sogenannten unteren Volksklassen zu rekrutiren braucht, den Ruf anstimmt:„Der Sozialdemokrat muß verbrannt werden!" Di: Sozialdemokraten werden vielfach als die Hetzer und Volksaufwiegler hingestellt; soweit haben sie es aber noch lange nicht im Hetzen gebracht als die„verehrten" Herren Gegner jeder Richtung. — Antisozialisten Congreß. Kaum hat die Reaktion sich auf die Sozialistenhetze begeben, da kommt auch das kleine brave Mäxchen in Berlin aus seinem Schlupfwinkel wieder her- vor und schließt sich dieser Hetze an. Sein Schreiber, der Wanderlehrer Keller, erläßt jetzt folgendes Schreiben an die! Bürger und Antisozialisten in und um Berlin: Ständiger Ausschuß des deutschen Arbeiter-Congresses. Berlin 8., den 28. Mai 1878, Ritterstraße 3. Sehr geehrter Herr! Die tief greifende sozialdemokratische Bewegung mit ihren Folgen fordert das entschieden fteisinnige Bürgerthum zu euer-! gischer Thätigkeit auf, um die große Masse des Volkes den Händen derjenigen Führer zu entziehen, welche in der Zerrüt- tung und Unordnung ihr Heil suchen. Das Auftaffen der ord- nungsliebenden liberalen Partei ist gerade jetzt am dringendsten geboten, als von derselben die geplanten polizeilichen Maß- nai.men(Ausnahmegesetz) der Regierung zurückgewiesen worden sind, und der Beweis geliefert werden muß, daß die Rettung der Gesellschaft ganz wo anders liegt. � � Aus diesem Grunde legen wir Ihnen unsere„Aufforde- rung:c." bei, mit dem Ersuchen, sich dem Arbeitercongreß als persönliches Mitglied anzuschließen und denselben auch sonst noch unterstützen zu wollen. Geht uns Ihre gefällige Entschließung innerhalb 8 Tagen nicht zn, so werden wir uns die Ehre geben, dieselbe persönlich einzuholen. Hochachtungsvoll Für den Ausschuß des Deutschen Arbeiter-Congresses. Der Generalsekretär Julius Keller. Daß die Rettung der Gesellschaft ganz wo anders liegt, als in polzeilichen Maßnahmen und im Antisozialistencongresse ü 1» Hirsch-Kutschbach-Keller-Bujarsky, das war uns längst bekannt. Der„Gewerkverein" bringt folgende Jammernotiz: „Reaktion oder Unkenntniß? Der wohllöbliche Stadt- rath zu Döbeln im Königreich Sachsen hat unter Berufung auf das sächsische Vereinsgesetz unseren dortigen Vereinen der Maschinenbauer und Stuhlarbeiter eine Verfügung des unge- fähren Inhalts zugehen lassen, daß ihre Existenz nicht länger gestattet werden könne:!! Merkwürdig: sollte etwa der wohllöb löbliche Stadtrath jetzt, nachdem die Ortsvereine bereits mehrere Jahre existiren, herausbekommen haben, daß dieselben„sozial- demokratische Ziele" verfolgen oder befindet er sich in so grenzenloser Unkenntniß über die Bestrebungen der Ge- werkoereine und der Sozialdemokratie, daß er zwischen beiden Organisationen keinen Unterschied zu machen versteht?! Natür- lich ist gegen dieses Borgehen bei der höheren Behörde Protest erhoben worden." Wir sagen es war Unkenntniß von dem Stadtrath zu Döbeln, daß er die Hirsch-Duncker'schen Ortsvcreine aufgelöst hat. Wer so polize?brav ist, wie Max Hirsch und Hugo Polke, der darf doch wahrlich nicht von der Polizei verfolgt werden. — Der Oberamtsrichter und Reichstagsabgeord- nete Wirth, welcher der nationalliberalen Partei angehört, ist bekanntlich kürzlich wegen Urkundenfälschung zu 4 Wochen Ge- fängniß verurtheilt worden. Wir hatten über den Vorfall schon früher einen Bericht gebracht, in welchem wir den Herrn Ober- amtsrichter entschuldigten, und zwar auf eine Nachricht hin, die uns aus Württemberg zugegangen war, daß die Diätenlosig- keit als Reichstagsabgeordneter wohl die Schuld an jener Fäl- schung gewesen sein möge.— Darauf hm hat der edle Herr uns wegen Beleidigung verklagt; er verlangt sogar eine Ent- schädigungssumme von 2000 Mark, weil wir seinen Credit geschädigt hätten. Ein Mann, der wegen Urkundenfälschung verurtheilt istj, will noch von einer Creditschädigung sprechen! — So eben aber erfahren wir noch aus dem„Schwäbischen Merkur", daß Herr Reichstagsabgeordneter und Oberamtsrichter Wirth am Sonnabend in seiner Heimath Rottweil verhaftet worden ist. Derselbe muß also noch mehr auf dem Kerbholz haben, als die vier Wochen Gefängniß, die noch nicht einmal rechtskräftig find. — Unser Genosse Helßig, der ftühere Redakteur des„Vor- märts", ist am 1. Juni wegen Majestätsbeleidigung zu drei Monaten Gefängniß, und am 4. Juni wegen Beleidi-! gung das Kriegsministerium zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt worden. Sieben Prozesse schweben noch gegen Helßig.— Dies zur Beruhigung des Herrn Laskcr, der im Reichstage ausposaunte, daß die sächsischen Gerichte gegen die Sozialdemokratie nicht eiftig genug vorgehen. — Genosse Most ist in Chemnitz wegen Uebertrctung des Vereinsgesetzes zu 6 Wochen Gefängniß verurtheilt worden; eine Woche Untersuchungshaft ist angerechnet worden.— Parteigenosse Klemrch ist in Dresden am 3. Juni verhaftet worden; eS soll sich um eine Untersuchung wegen Gotteslästerung handeln. Correiponoenzen Königsberg i. Pr., 1. Juni 1878. Vorgestern Abends von S'/e biä gegen 11 Uhr fand hier im großen Saale des Kneip- höf'schen Gemeindegartens eine zahlreich besuchte sozialdemokratische Volksversammlung statt, in welcher unter dem Borsitz von Max Herbig daS gegen die sozialdemokratische Partei vorgeschla- gene Ausnahmegesetz und die dieses betreffende letzte Verhandlung im Reichstage eifrig und eingehend diskutirt wurde.— Gegen Schluß der' Versammlung wurde ein Ukas vorgelesen, den die bekannte„Bernsteinfirma" Stantien& Becker an ihre nach Tausenden zählenden Arbeiter in Ostpreußen vor wenigen Tagen erlassen hat. Derselbe lautet wörtlich: „Wir bringen hierdurch zur Kenntniß, daß von heute ab jeder auf unseren Etablissements beschäftigte Beamte oder Arbeiter, welcher einem sozialdemokratischen Vereine angehört, Versammlungen desselben veranstaltet, solchen beiwohnt, oder sich irgendwie an sozialdemokratischen Agitationen betheiligt, sofort ohne jede Kündigung entlassen wird. Diejenigen Beamten und Arbeiter, welche sich diesen Bestimmungen nicht„unterwerfen" wollen, können unser Geschäft innerhalb 14 Tagen verlassen. Schwarzert, 18. Mai 1878. Stantien& Becker." Man meint hier ziemlich allgemein, daß Staatsanwalt Heckt, der sozialdemokratischen Angelegenheiten ganz besondere Aufmerksamkeit zu widmen pflegt, eoent. Oberstaatsanwalt Stellmacher, im Hinblick auf§ 6 oes Gesetzes vom 3. Mai 1852(Rechte und Pflichten der Staatsanwaltschaft) und auf Grund der Z§ 107 und 240 des deutschen Strafgesetzbuches gegen den Inhaber der Firma Stantien und Becker, der auch hier in Königsberg, Klapperwiese 9 a ein großes Comptoir etablirt hat, einen Strafantrag stellen wird. Denn es dürfte wohl keinem Zweifel unterliegen, daß in jener Verfügung Staatsbürger in der Ausübung des durch Verfassung und Gesetz garantirten Ver- eins- und Versammlungsrechts, wie in der Ausübung ihres Wahlrechts, also„durch Androhung mit einer strafbaren Hand- lung verhindert worden, in Ausübung ihrer staatsbürgerlichen Rechte zu wählen oder zu stimmen" und ferner„durch Bedrohung mit einem-- Bergehen zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung genöthigt" werden. In dem einen wie in dem anderen Falle ist schon„der Versuch strafbar".— Rerlin, 1. Juni. Vor Kurzem starb der aus der Gründer- zeit hier wohlbekannte Dr. Mattner, in der Strafanstalt zu Plötzensee am— Typhus. Wie die hiesige„Volkszeitung" schreibt, hat sich Dr. Mattner die Krankbeit durch die schlechte Qualität des Wassers zugezogen. Die nachgesuchte Beurlaubung wurde zwar gewährt, kam aber zu spät, da der Erkrankte mitt- lerweile starb. Wie das genannte Blatt berichtet, macht die Hinterbliebene Familie des verstorbenen Ex- Gründers es dem Gefängnißarzte zum Vorwurf, daß er nicht früher eine Beurlau- bung des Gefangenen bewirkt hat. Dieser Todesfall ist in man- chcr Beziehung lehrreich. Erstens ist in einem Gefängnisse, in welchem Hunderte von Menschen bei kaum genügender und un- definirbarer Ernährung eingesperrt sind, das Wasser so schlecht, daß es Krankheiten erzeugt, welche den Tod herbeiführen. Wer weiß, wie viele Menschen schon in Folge des Genusses des schlechten Wassers gestorben find, ohne daß ein Hahn darnach gekräht hätte, und es wäre vielleicht noch lange nichts in die Oeffentlickkeit gelangt, wenn nicht ein Ex-Gründer, also eine „angesehene" und„geachtete" Perchnlichkeit, hier das Opfer wäre. Da der Mensch— selbst wenn er der größte Verbrecher ist— welcher eine Gefängnißstrafe zu erdulden hat, durch dieselbe nicht zum Tode oder dazu verurtheilt ist, an seiner Gesundheit Schaden zu leiden, sollte dafür bald gesorgt werden, daß der Uebelstand beseitigt werde. Sollte gesorgt werden— wenn man im„lieben deutschen Vaterlande" für solche Angelegenheiten daS nöthige Berständniß und— Geld hätte?! Letzteres braucht man bekanntlich für wichtigere Dinge: für den hauenden Säbel und die schießende Flinte. Zweitens ersieht man aus diesem Borfalle, daß ein erkrankter Gründer sofort beurlaubt wird, wenn um seine Beurlaubung nachgesucht wird. Wir erinnern uns, daß Dentler, der doch ebenfalls schwerkrank war, nicht einmal gegen eine hohe Caution beurlaubt wurde, obschon er blos in Ver- wahrungshaft gehalten wurde, weil die zu erwartende Strafe noch nicht rechtskräftig war. Dentler war aber auch kein Grün- der, sondern sozialdemokratischer Redakteur; er hat das Volt nicht um Tausende bestohlen, sondern war so ftei, eine eigene Meinung zu haben und derselben Ausdruck zu geben. Der Allgemeine Gewerkschasts-Congretz, rroleber in IlambnrA in den Pfiugstfeiertagen stattfinden sollte, ist nun anch in letzter Stunde Ton der Hamburger Behörde untersagt worden.— Demzufolge müssen wir die Abhaltung dieses Kongresses bis auf eine günstigere Zeit vertagen. Aug. Kapell. Briefkasten der Redaktion! I. D. in Apolda: Ihr Borschlag würde— und mit Recht— zu den weitlä..figsten Disputationen führen. Ihre Voraussetzung, daß ein Mitglied(ein Arbeiter) des fraglichen Consum- Vereins für 2t» Thlr. jährlich einkauf.n würde und konnte, ist ja den Thatsachcn so wenig entsprechend, daß alle Ihre Schlußfolgerungen gleichfalls völlig in der Luft schweben.— S. Labiau: Der I. Ber- liner Wahlkreis ist damals allerdings auf die Leitartikel der„Volks- zeitung"„hereingefallen"— er hat vr, Max Hirich gewählt. Dann müssen Sie ins Äuge fassen, daß wir ausdrücklich schon mehreremal hervorgehoben haben, daß wir die Fortschrittspartei nur solange noch persönlich angreiscn werden, solange sie sich selbst mit Schimpfrichter identificirt. der Expedition: Jos. Mtz. Möckmühl 54 Pf. kostet das Monats- Abonnement be: der Post. Bei direktem Bezug per Kreuzband erhöht sich das Abonnement selbstverständlich um das Postporto für das Kreuz« band.— H. Krp Lübeck: Die Annonce des Gesangvereins Eintracht kostet 59 Pf. mehr als Sie gesandt. Quittung. Br Groitzsch Abon. 8,89. Thme hier Abon. 23,59. Ldng Flensburg Ab. 25,79. A. Chrstn St. Jmier Ab. 19,31. Sbrt Kassel Ab. 18,9t). Hrmnghs St. Louis Ab. 42,94. Bhlmnn Aachen Schr. 5,99. Wntr Wien Ab. 5,99. Hsmnn Tysmienitz Ab. 1,79. Rw Altona Ab. 24,59. Schld Straßburg Ab. l9.89. Schltr Dresden Ab. 199,99. Sffrt hier An. 9,69. Mcknsy Düsseldorf Ab. 5,99. Strk Offenbach Ab. 23,14. Tl hier Ab. 4,91. Etzld Gößnitz Ab. 3,85. Mr hier Ab. 9,69. Expedi ion des„Hamb. Alt. Bolksblati" Hamburg Ab. 299,99 u. 48,34. Flhr Friedberg Ab. 39,99. L. Krljw Pancsowa Schr. 8,39. I. Glddrg Königsberg Scbr. 19,79. Brnng Delitzsch Ab. 6,49. Krbs hier Abon. 8,65. Bngm Mühlhausen Ab. 2,59. Rpprcht Schweidnitz Ab. 5.99. Hllngl Nordhausen Ab. 13,93. Krz Lübeck An. 1,99. Rriff Wulfer- stett Schr. 1,99. Ftzk Ebreichsdorf Schr. 9,67. Bckr Lippspring Schr. 5,99. Ernblch Barmen Schr. 9,49. Wß Neu-Ulm Schr. 9,39. Jsten Lberthormühle Schr. 9,66. Lngr Baden-Baden Schr. 5,29. Mnn Leisntg Schr. 9,89. Hffstr Mannhe m Schr. 9,49. Rschmllr Schwerin Schr. 0,71, Hndrchs Merscheid Schr. 4,99. Rthml Berka Schr. 9,69. Rn.-gftr Magdeburg Schr, 9,65, Gesrch Jüterbog! Schr. 1,99. Alnd M nden Schr. 1,85. Tttlbn Alfeld Schr. 1,99. Krsch Lausigk Schr. 1,69. Sthr Herzberg Schr. 1,99. Khn Kaltwasser Schr. 1,59.! Plmbck Neumünster Schr. 1,75. Den mi. mir korrespoudirenden Parteigenossen zur Nachricht, daß ich von Bittcrfeld abgereist bin; Briete in Parteiangelegenheiten sind an: Tümmter in Bitterfeld, Raihswall Nr. 18 zu richten. Wache. Meinen Freunden und Genossen zur Anzeige, daß ich in meinem neuen Wirkungskreise eingelrvffcii bin und meine Adresse nun lautet: I. Franz,„Philadelphia Tagblatt" 69, North 7 street, Philadelphia Pa., Nordamerika. Fonds fur�ie Gemaßregclten. Bon E. St. in Lunzenau M. 2,59, gesammelt bei einem g-müth- lichen Zusammenfein beim Schmidt in Corbe. t f"1 Pfingstfeiertag im Barth'ichen Lokale: �Ll(l u«w. Grosses Pflngstfest bestehend in Gesang, Declamation und Theater arrangirt vom Ge- sangverein„S'ängerbuud". Eniree ä Person 29 Psg. Kassen- offnung�5 Uhr. Anfang 6 Uhr.(F. 122) Der Vorstand. sl,b0 Den zweiten Pfingstfeiertag bei schönem Wetter: Morgen- Ausflug ins Holz. Zusammenkunft bei Natten. 1,89](3b) H. Rudolph.____ Abends halb 9 Uhr, bei Donnerstag, den 6. Juni, Michael, Windmühlenstraße 7 Oeffentliche Sozialistenversammlung. Tagesordnung: D'e Bedeutung der Weltausstellungen, Referent: W. Hasenelever. f69] Der Agent. O.« stark Gesangverein„Eintracht".(3219)[1,50 �UDIU. Am 2. Pfingsttage, Morgens 6 Uhr, Lnsttour nach dem Jsraelsdorfer Holz, umer Begleitung eines Musikchors vo» 19 Mann, wo,u all: Fremwe und Gönner ergebenst eingeladen siilv. NB.«ersammlung vorm Burgthor am Rundthril. Das Comitö. Mainz-Gartenfeld. heim und arrangirt von der sozial. Partei Mainz-Gartenfeld:[3,90 Großes Waldfest. Programm: Festrede, Musik und Tolksspiele. Wozu wir alle Freunde und Parteigenossen der Umgegend freund- lrchst einladen. Die Bergnügnngs Commisfion. Böhmcrt Wesen" i.>__________...______ � niemals eine Zeile für die„Sozial-Corresponden," geschrieben- Dresden, den 4. Juni 1878.---- Bei meiner Abreise und Uebersiedelung nach G.'lha den Partei- genossen von Lcchzlg und Umgegend ein herzliches Lebewohl![� Leipzig, 31. Ma 1878. Rudolph Seifrert. »r. Bvhinert. Verantwortlicher Redakteur: Julius Künzel in Leipzig. R-daktror. und Erpedttion Färbcrstraße 12, II in Lopn-s- Druck und Verlag der«cncssensckaitsbuckdruckerei in Le oW