Erscheint i» Leipzlz II«I>»»ch, Freitag, Sonntag. AbonnementSPrei? «tr ganz Tentichlan!! 1 Mark 60 Ps. xro Quartal. vlonats- Zlbonnemcuti lt Pf. »«den bei aZen deutschen Postanstaltm «as den ü. und 3. Monat, und aus den I.Monat besonders angenomnien. Inserate IM. versainmlungen uro Petitzcile l» Pf., »Mr. Prtvalangclegenheiten und Feste xro Petilzeile ZV Ps. Veflelluygen vchme? an alle Pafhmstatten und Buchhand- lunjjcn deö In- und Auslandes. Filial- Expeditionen» Ncw-Vork: Mr. Franz Jonscher, 177 Lim Str. corner Eroome.— Mr. Herm. Nitzsche, 343 West— 37 Str. Philadelphia: P. Hab, SVS Xortd 3r«i Street. I. Voll, X. L. dox Ldarlotte b George Str. Hob o fcu N. J.: F. A. Sorge, 215 WusK- ington Str. Chicag o: A. Lanferinann, 74 Clybourne ave. San Franzisco: F.Entz� 418 O'Farrell Str. London W.: Wilh. Hoffmann, 37 A Prin- cess Str. Leicester Squ. Gentrat Grgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 69. Freitag, 14. Juni. 1878. Ein neues Comploit entdeckt. „Es ist jetzt wenigstens so viel festgestellt, daß Nobiling mit den internationalen Sozialisten des Auslandes, notorisch denen in Paris und London Beziehungen hatte; speziell unter den Londoner Sozialisten bemerkte die englische Geheimpolizei am Tage des Attentats eine außerordentliche Bewegung; sie merkte, „daß etwas los war", konnte aber nichts Näheres erfahren. Tics ist amtlich nach Berlin gemeldet werden." Also wurde in Hundcrttausenden von Extra- und Nicht- extrablättern in die Welt hinausgerufen, um die Leidenschaften gegen unsere Partei zu entfachen. Daß die„Pariser Internationalen" sich auf den harmlosen Böhmerlling Hansen reduzirt haben, wurde bereits mitge- theilt, wie auch, daß der bei Nobiling gefundene verdächtige Be- richt über den Londoner„Sozialistenputsch" von demselben Harm- losen Böhmertling herrührte. Jetzt erfahren wir, daß das ganze Gerede von dem entdeckten Zusammenhang mit den Londoner Sozialisten, von der„außer- ordentlichen Bewegung" derselben am Tage des Attentats u. s. w. von A bis Z eine infame Spitzel-Erfindung und-Lüge ist. Und zwar ist es Niemand anders als die englische Regie- rung, welche die Lüge und die Lügner entlarvt und an den Pranger gestellt hat. Man schreibt uns aus London unterm 7. ds. Mts.: „Der englischen Regierung ist die Stieber'sche Manier, aus der Nobilingaffaire Kapital zu schlagen, bereits zu arg gewor- den. Sie hat heute im„Daily Telegraph", den ich hier bei- lege, eine für den fieberhaften Stieber und seine verlogenen Helfershelfer sehr blamable Berichtigung drucken laffen, woraus hervorgebt, daß, wenn diese dunklen Biedermänner in Deutsch- land verbreiten lassen, sie wüßten bereits, daß eine Verschwörung vorliegt, sie gleichzeitig der englischen Polizei mittheilen, daß sie selbst sich vom Gegentheil überzeugt haben. Da die Idee, England in eine erneute heilige Allianz zur Unterdrückung der Sozialisten hineinzuziehen, und den Congreß von Berlin in einen Congreß von Verona zu verwandeln, hier doch gar zu dumm erscheint, so beeilte sich die englische Regierung, diese verschämten Geständnisse der deutschen Polizei der Oeffentlichkeit zu übergeben und muß nach Kräften dafür gesorgt werden, daß dies in Deutschland von Polizei und Literaten nicht unterschlagen und todtgeschwicgen wird. „Es ist wirklich noch zu verwundern, daß man nicht schon den Steuermann des„König Wilhelm", der den„Großen Kur- fürsten" umgerannt hat, für einen Sozialisten ausgegeben und damit dieses fatale Pech, das auf die preußische Scetaktik einen so unangenehmen Schlagschatten wirft, ganz natürlich und ein- fach aus der sittlichen Berderbtheit und der Aufreizung zum Klassenhaß erklärt hat."*) So unser Londoner Freund. Das amtliche„Mitgetheilt", aus welches er hinweist, lautet wie folgt: Viele der Gerüchte, die mit Bezug auf Nobiling's angeb- liche Beziehungen zu sozialistischen Verschwörern in England, sowie mit Bezug auf die�Thätigkeit der englischen Polizei Curs erhalten haben, sind, wie wir auf Grund authentischer Mittheilungen erklären können, vollständig grundlos {are,\ve have authority to State, entirely baseless). In erster Linie scheint das Gerücht, von Scotland Jard(wo die obersten Londoner Polizeibehörden installirt find) sei vor dem letzten Attentat auf das Leben des deutschen Kaisers eine Warnung noch Berlin geschickt worden, dahin gehend, daß irgend etwas geplant werde, eine reine Fabel gewesen zu sein(seems to have been a pure fable). Wir werden amtlich davon unterrichtet(we are officially informed), daß keine derartige Mittheilung je zwischen den Behörden der beiden Hauptstädte erfolgt ist. Nicht nur hat kein Grund vorgelegen, die deutschen Behörden von einem gefährlichen Complott in Kenntniß zu setzen, sondern es ist sogar jetzt, nach sorgfältiger Nach- forschung offenbar geworden, daß die in diesen phan- tastischen Märchen(imaginative tales) angedeuteten Umstände der That Nobiling's ganz fern gewesen sind(were wholly abseut from the deed perpetrated by Nobiling). Es ist wahr, er war kurze Zeit in London; und daß er Versamm- oder demokratischer Clubs besucht habe, ist di-s-.? 9eroi� Aber er nahm an den Verhandlungen «inn-rt«i* t1-""96" keinen hervorragenden Antheil, und man heißen Debatten"" nUr eitie§ stillen Zuhörers bei einigen Unt�brechungen�gele� worL�V"�»� ß, a"f reichung einer Glückwunickab � gelegentlich der Ueber- Kronprinzessin des deutsche« �" Kronprinzen und die .snaland b r varkani�'Z� Reichs bei deren Anwesenhett m aU-th9oente9ii.e?ethben" n t e. othing occurred, within or without the Embassy, that could be co�trued into threats agamst thelmpenalhead of the German nation.) Der gesunde MenfcheiiDerji�anbs�te schon den Gedanken an die Hand geben, daß, wenn finstere Plane gehegt worden wären, man sie 2?st thatsächlich geschehn- wenn auch«u, indirekt. Bekannt- sich wurde em naturlich>m Geruch lozialdemokratiiib-r Geiinnuna liehender- Schiffszimmermann in Wilhelmshafen verhnf.et, weil man sich nach der Katasiriphe zu erinnern glaubte, daß er bei Abfahrt der «chiffe gesagt: Das Geschwader werde nicht heil zurückkommen Wenn ? das wirklich gesagt hat, so würde es bloß beweisen, daß er der �"siche Schiffszimmermann, die Tüchtigkeit der deutschen Admiral'e und t-chiNskapnane richtig beurtheilt hat. R. d. B. sicherlich nicht gerade an dem Ort enthüllt haben würde, wo ihr Bekanntwerden unfehlbar die Vereitelung nach sich ziehen mußte. Nobiling war— darauf läuft einiges Beweismaterial hinaus (there is some evidence to show)— war ein Sozialdemokrat von extrem prononcirten Ideen(die englische Regierung ist in Bezug auf diesen Punkt durch tendenziös-wahrheitswidrige deutsche Darstellungen irre geführt worden. R. d. B.); aber � sowohl die deutsche als die englische Polizei haben Beweise da- für, daß Nobiling für sein Leben während der vorigen Sonntag (den Tag des Attentats) beginnenden 14 Tage Anordnungen getroffen hatte, die nicht im Entferntesten auf die Absicht einer, dem von ihm begangenen Attentat ähnlichen� Handlung schließen lassen. Im Besitz des neuen Criminal- Departements in Scotland- Aard befindet sich ein Brief, der, wenn nicht von Nobiling mit einem überflüssig künstlichen lieber- maß von Doppelzüngigkeit geschrieben, deutlich zeigt, daß da- mals kein solcher Plan seinem Geist vorschwebte(that no purpose of the sort was thea present to bis wind). Wie gänzlich unwahr(utterly untrue) die jüngst verbreitete Behaup- tung ist, die deutschen Behörden seien von der Londoner Polizei vor einem Attentat gewarnt worden, geht zur Genüge aus der Thatsache hervor, daß der Berliner Polizeipräsident zu jener Zeit seit 3 Wochen in London war, und zwar nicht in Verbindung mit dem Besuch des deutschen kronprinzlichen Paares, sondern zu dem Zweck, unser Polizeisystem zu studiren. Durch einen wunderlichen Zufall sprach er mit Hrn. Vincent (wenn wir nicht irren, Chef der Londoner Geheimpolizei. R. d. V.) in dessen Bureau in Scotland-Aard gerade in dem Augenblick, wo Nobiling betreffende Aktenstücke aus Berlin einliefen. Die Ansicht der dortigen(Berliner) sowohl als der hiesigen Beamten geht dahin, daß Nobiling, obgleich im vollen Besitz seiner Denkfähigkeit(reasoning powers), sich doch von seiner Leidenschaft und von einem teuflischen Impuls fort- reißen ließ(saffered himself to become the creature of passion and diabolical impulse). Sie übersehen dabei nicht seine an- gebliche Aussage, er und andere Verschwörer hätten das Loos gezogen, und ihn hätte es getroffen. Wenn er diese Aussage wirklich gemacht hat, sagen die deutsche» Vokizeibeamlen, dann geschah es nicht in ihrer Gegenwart(it was not in their bearing), und müßte ihm von seiner Mutter im Gespräch entlockt worden sein.(Ebenfalls nicht; denn als seine Mutter ihn be- suchte, war er bekanntlich schon bewußtlos. R. d. V.). Aus bestimmten Gründen, welche durch zahlreiches Material unterstützt werden und namentstch durch den positiven Beweis, daß Nobiling keine Fluchtvorbereitungen getroffen hatte, bezweifeln die Wächter des Gesetzes die ganze Geschichte von dem Loosziehen. Sie kennen, das brauchen wir kaum zu bemerken, die Existenz so- zialistischer Clubs und mehr oder weniger„geheimer"(die Gäns- füßchen befinden sich im englischen Original. R. d. B.) Gesellschaften in London, aber in dem Falle ihres Gefangenen(Nobiling) haben sie Andeutungen, die nach �iner anderen Richtung hinweisen(they recognise signs, which point in another direction)." Ties das amtliche..Mitgeiheilt" der englischen Behörden. Es ist vernichtend für unsere Spitzel und Spitzelpresse. Nach welcher„Richtung" die etwas geheimnißvollen Schlußworte hinweisen, ist nicht recht klar. Offenbar nimmt die englische sowohl als die deutsche Polizei(letztere privatim) an, daß Nobiling die That nicht vorbedacht und in plötzlichem Impuls gehandelt habe— bei seinem excentrischcn Wesen und seiner erb- lichen Anlage zum Irrsinn die nächstliegende und natürlichste Hypothese. Aber man vermuthet auch bestimmende Einflüsse, die aber nicht in der sozialistischen„Richtung" zu suchen sind. Sollte man etwa Beweise nach der„Richtung" hin ge- funden haben, die allein von dem Attentat Profit hat? Da stehn uns möglicherweise noch merkwürdige Enthüllungen bevor. Thatsache ist, daß Nobiling mit den ultrareaktionärcn Agrariern, die viel sozialistischen Phrasen machen, verkehrte. Es ist sehr unbequem für die Urheber des Attentates gegen die deutsche Sozialdemokratie, daß man ihnen in England auf die Finger sieht. Angebot und Nachfrage. il. (Fortsetzung.) Gerade hinsichtlich der nothwendigen Waaren haben Erfahrung und Wissenschaften schon längst die natürliche Seltenheit mit Er- folg bekämpfen gelehrt, und nur die Thorheit menschlicher Gesetze und Einrichtungen hemmt diesen Erfolg im großen Maßstab?. Würden diejenigen Arbeiten am Höchsten vergütet, welche die nothwendigsten Maaren liefern, wie z. B. die Nahrungsmittel, so würde jeder dazu geeignete Acker tief aufgelockeert. die Boden- arten gemischt und gedüngt werden, wie es die Wissenschaft for- dert, die ergiebigste und ausdauerndste Saat gewählt, Maschinerie und Arbeitstheilung angewendet werden, um einen stets genügen- den höchsten Ertrag zu liefern, welcher vorausberechnet werden könnte. Dann würd» also das gesellschaftlich nothwendige Maß der Arbeitszeit allein den Tauschwerth der Nahrungsmittel be- stimmen, nicht die Natur. Erbsen, Linsen und Bohnen haben unter allen Nahrungs- Mitteln den größten Nutzwerth; ja, sie ergeben obendrein auf gleicher Ackerfläche einen höchsten Ertrag. Sie enthalten(wenig- stens für alle Menschen von gesunder Verdauung) dnr doppelte» bis dreifachen Nahrungswerth des Fleisches, haben aber dem Ge- Wichte nach nur den vierten bis fünften Theil von dessen Tausch- � Werth. Endlich kann auf derselben Ackerfläche zehnfach weniger Fleisch als Hülsenfrüchte nach dem Gewichte erzeugt werden. Diese sollten also doch einen weit höheren Tauschwerth als Fleisch haben. Daß sie ihn nicht haben, daran ist zu einem Theile schuld die viel größere Menge Arbeitszeit, welche der Anbau der Hülsenfrüchte gegenüber derjenigen, welche die Viehzucht erheischt. Allein da es soviel überschüssige Arbeitskräfte und soviel Nah- rungsbedürfniß giebt, warum verdrängt die Viehzucht mehr und mehr den Anbau der Hülsen- und Körnerfrüchte? Weil erstere dem Großgrundbesitzer mehr Reinertrag gewährt. Also ist es das Gesetz, der Mensch, welcher das Bestehen von Großgrund- besitz erlaubt, und nicht die Natur, welche hier ein schreiendes Mißverhältniß des Tauschwerthes zum Nahrungs- oder Ge- brauchswerthe erzielt. Dürften gesetzlich die Bedürfnisse des Menschen die Bodenbenutzung bestimmen, so würde der Anbau von Hülsen- und Körnerfrüchten die Viehzucht einschränken, den Tauschwerth jener über den des Fleisches heben, die Nachfrage und das Angebot verändern, und Alle hätten genug zur kräftig- sten Nahrung, und mit der größeren Nachfrage nach Arbeits- kräften auch den nöthigen Tauschwerth, um sie zu kaufen. Es giebt jedoch einen weiteren Grund zur Erklärung des Miß- Verhältnisses, das hier in Frage steht: die Unkenntniß des Waarenwerthes in weiten Kreisen. Ein seltsames Vorurtheil legt dem Fleische vielleicht den allerhöchsten Nahrungswerth bei, weil es leichter verdaulich ist und folglich den Hunger am Ge- schwindesten, wenn auch weniger auf die Dauer stillt. Und dazu kommt die Unkenntniß der Kochkunst, welche Hülsenfrüchte, mit oder ohne ein wenig Zuthat thierischer Stoffe, ebenso schmackhaft als Fleisch und leichter verdaulich machen kann. Die Nachfrage ist also auch hier nicht in erster Hinsicht werthbestimmend, son- dern ihrerseits bestimmt durch menschliche Unwissenheit, welche abgestellt werden kann, und durch eine Verminderung der Ar- beitskraft. Es wäre mehr Zeit zur schmackhaften Zubereitung der Hülsenfrüchte, als zu der des Fleisches erforderlich, und das würde sich im Tauschwerthe beider Waaren ausdrücken, so daß das Fleisch etwas weniger im Tauschwerihe sänke als andern- falls.— Unsere Vorfahren bauten Wohnhäuser, welche für viele Jahr- hunderte ausdauern sollten und deshalb' auch Muster der Schön- heit und des Nutzwerthes sein konnten, und trugen Kleidungs- stücke, welche vom ersten erwachsenen Alter bis zum Greisenalter ausdauerten und deshalb aus bestem, schönstem Stoffe gemacht waren. Die kapitalistische Produktionsweise, welche raschen Absatz und kurze Produktionszeit verlangt, hat diese Solidität der Waare verdrängt und mit ihr den durchgebildeten Handwerker. Hier hat das Angebot die Nachfrage erzeugt, nicht wie gewöhnlich umgekehrt. Ein Heer von Handlungsreisenden schwatzt den Ab- nehmern die leichte moderne Waare auf und erweitert, von der Mode unterstützt, den Markt dafür, bis die alte solide Waare, und mit ihre manche solide Tugenden des Volkes verdrängt werden. Die neuen Häuser und Kleidungsstücke kosten auf die Dauer doppelt, ja vielfach soviel als die alten, welche nicht ge- wechselt zu werden brauchten, und verwüsten somit Arbeitskrast und Rohmsterial nebst Arbeitsmitteln und Kapital. Der einzige Gewinn von dieser industriellen Revolution ist, daß sie eben Re- volution ist und auf neue Bahnen der Produktion und Lebens- weise die Massen unwiderstehlich hinzwingt. Aver wie theuer ist dieser unleugbare Gewinn erkauft! Es ist augenscheinlich, daß mit dem Wachsthum der Bevölkerung der Verwüstung an Rohstoff, Arbeitsmitteln, Kapital und— menschlicher Arbeitskraft gesteuert werden muß. Und sobald wieder allgemein solide Wohnung und Kleidung erzeugt wird, kann die Geschicklichkeit des durchge- bildeten Arbeiters und die schöne Kunst bei jedem seiner Er- zeugnisse wieder sich geltend machen, selbst wo im allergrößten Maßstabe produzirt wird. Die Individualität und der ehrenfeste Charakter des Menschen müssen wieder zur allgemeinen Geltung kommen. Und wenn wir hier sehen, wie Nachfrage und Angebot künstlich geschaffen werden durch Entsittlichung der Menschen und Entwerthung seiner Arbeitskraft— wie können wir einen Augen- blick zweifelhast bleiben, daß Versittlichung des Menschen und Verwerthung seiner Arbeitskraft ebenfalls künstlich, aber nach Geboten der höheren Menschennatur, werden herbeigeführt wer- den? Die Wissenschaft hat alle Mittel dazu, wenn nicht ver- altcte Gesetze ihr in die Arme fallen. (Schluß folgt.) Gerechtigkeit für das deutsche Volk! fordern die„Neuen Hessischen Bolksblätter", ein in Darmstadt erscheinendes, dem Sozialismus feindliches Blatt, demokratisch- partikularistischer Tendenz, und lassen sich über den Versuch zur politischen Ausnutzung des Nobiling-Attentats wie folgt aus: In dem Meuchelmörder Nobiling stehen wir trotz der vielen und eingehenden Details, welche die jüngsten zwei Tage über denselben und dessen Vorleben in allen möglichen deutschen Zei- tungen gebracht haben, vor einem annoch unaufgeklärten Räthsel — zumal die sofort beliebte Deutung, daß man es auch in ihm mit einem Sozialdemokraten zu thun habe, bis jetzt in keiner Weise als bewiesen betrachtet werden kann. Ueberhaupt ist es der nur denkbar schroffste Gegensatz zwischen den beiden Jndi- viduen: Nobiling und seinem Vorgänger Hödel, welcher das schauderhafte Interesse an diesen Verbrechern und ihrer scheuß- lichen That hinsichtlich der wichtigsten Frage der Motive sich in immer tieferes Dunkel verlieren läßt. In Hödel wohnte doch nur eine blöde Halbthier»Seele, seine Untbat entsprang einer Art viehischen Eitelkeit, die ihn beispiels- weise bewog, sich mit ekler Selbstgefälligkeit den„Altentäter Sö! Majestät" zu nennen. Bei Nobiling liegen die Dinge indessen völlig anders. Hier tritt uns ein Wesen entgegen, das mit voller Intelligenz ausgestattet ist und welches das ganze Maß moderner Getstesbildung in sich aufgenommen hat. Er. Nobiling zann ein Rasender, ein Exaltado, ein Wahnsinniger genannt werden, aber wir müssen ihn immerhin als Menschen betrach- ten und dabei leider allen Umständen nach annehmen, daß er nicht wahnfinnig ist, daß sich seine Seele wirklich an verderben- schwangeren Doctrinen vergiftet hat. Und hierin liegt der Grund unserer Besorgnisse. Bei dem Leipziger Klempnergesellen konnte man von einem Narrenschuß sprechen, bei Dr. Nobiling aber kann das Verdict leider nur auf ein politisches Verbrechen lauten und es ist aller Grund zur Befürchtung vorhanden, daß die Machthaber hieraus abermals und zwar mit verstärkter Energie gegen die Gesammtheit eine freiheitsgefährliche Moral ziehen werden. Aus der düste- ren That„Unter den Linden" kann den Völkern schweres Un- heil erwachsen, denn die Macht— das sehen wir leider ein— wird und kann das rauchende Fürstenblut nicht ungerächt lassen. Den Anwälten der Freiheit aber geziemt es, die Machthaber selbst unter den schwierigsten Umständen um eine weise Mäßigung zu bitten. So gerecht auch die Empörung über den entsetzlichen Frevel ist, so ungerecht wäre es doch, eine ganze gesittete und ruhige Nation dafür büßen zu lassen. Oder hat wirklich Graf Moltke recht, wenn er vor dem Reichstag das Zukunftsgespenst einer Berliner Commune herauf- beschwört? Ist es wohlgethan, die Phantasie zu so grauenhaften Träumen aufzustacheln? Werden wirklich eines Tages die Pa- läste Unter den Linden wie der Louvre und die Tuilerien zum Himmel auflodern? Wird die Victoria vom Brandenburger Thor durch freche Hände gleich der Vendome-Säule zu Boden geschmettert werden? Wird die deutsche Nation Wütheriche wie Raoul Rigault und Ferrä gebären? Graf Moltke hält all' das für möglich, allein man darf zur Ehre Deutschlands annehmen, daß er sich irrt, man darf trotz Hödel's und Nobiling's an dem ganzen„Volke der Denker und Dichter" nicht verzweifeln. Selbst im schlimmsten Falle aber werden wir stets behaupten, daß einer sozialen Katastrophe besser durch versöhnliches Walten als durch physische Gewalt vorgebeugt werden kann. Der Sozia- lismuZ zählt heute seine Anhänger auch in Deutschland leider nach vielen Millionen und wie der Abgeordnete Richter unlängst sehr richtig und treffend bemerkte, wurde diese Partei anfänglich gerade von der Regierung protegirt, indem sie als Werkzeug gegen das„kecke Bürgerthum" benutzt worden ist. In der dermaligen kolossalen Ausdehnung des Sozialismus ist aber die Gewalt in ihren Consequenzen selbst für den mäch- tigsten Staat ein unzureichendes Auskunftsmittel, denn man kann doch nicht Millionen ins Gefängniß stecken, Millionen nicht nach irgend einem Cayenne oder auf das Schaffst schicken. Wir suchen für die Schreckensthaten Hödel's und Nobiling's keinen Milderungsgrund, denn für Mord giebt es auf Erden keine Entschuldigung, aber wir möchten denn doch aufmerksam machen, daß der politische Fanatismus in Deutschland mit der Epoche des wirthschaftlichen Nothstandes zusammenfällt. Die Zeit ist eine trübe und Fürst Bismarck hat selber zuge- standen, daß das Reich eine andere Handelspolitik einschlagen messe. Darin liegt u. E. die große Moral für die Machthaber. Gebt den Völkern die Lebensluft des Fortschritts und der Arbeit, sorgt für ihre geistige und materielle Prospe- rität, denkt daran, daß der Staat nicht der gebieterische Herr, sondern der milde Hüter und Arzt der Gesellschaft sein soll und Ihr werdet das fürchterliche soziale Gespenst tausendmal sicherer bannen, als es durch die schärfsten Ausnahmegesetze möglich ist. Möae deshalb das verdammenswerthe Geschoß zweier Meu- chelmörder nicht in das Herz der Freiheit eines ganzen Volkes zurückgesendet werden! Sozialpolitische Uebersicht. — Nobiling wird politisch nach Kräften verwerthet. An seine Rockschöße, die solider sind als die zerlumpten des Halbidioten Hödel, klammert sich triumphirend Fürst Bismarck und hofft, seine Reaktionspolitik, mit der er vollständig auf dem Sand saß, durch die Fluthen des künstlich angestachelten Mords- Patriotismus wieder flott zu machen. Er glaubt seiner Sache ficher zu sein. Darum der Beschluß, den Reichstag aufzulösen. Für die Nationalliberalen ein Blitz aus heiterem Himmel. Sie hätt-n so gern die Sozialdemokraten geopfert und das Ausnahme- gesctz„jetzt" bewilligt. Hiermit war aber Fürst Bismarck nicht Unser Sieg. Vor vierunddreißig Jahren schon entflammten Gedanken mich, die nun das Volk ergreifen; Wovon gewiß gesunde Früchte reifen, Wofür uns blinde Feinde gern verdammten. Den ächten Glückesdrang, den angestammten, Zur guten Waffe mag die Bildung schleifen; Wo noch die Feinde tückisch uns Umschweifen, Daß würdig wir besiegen die gesammten.. Wir wollen Schmach und Elend nicht ertragen, Als Helden bald für gleiche Rechte streiten, Wo wir besonnen kühne Thaten wagen. Die Weisheit mag uns unermüdlich leiten, Daß wir im großen Kampfe nie verzagen, Das reinste Lebensglück uns einst bereiten. Fernsicht. Am Tag der Wahlen rief ich unverdrossen: Wir müssen uns noch fester klug vereinen; Gesellschaftsretter werden bald erscheinen, Zur unbezähmten Rache blind entschlossen. Die Rache raubt uns manchen Kampfgenossen, Den wir mit Recht als Opfer bald beweinen; Mit Blut und Eisen überzeugt Ihr Keinen, Mit scharfem Spotte trotzen wir Geschossen. Den blinden Feinden wollen wir beweisen: Daß wir nach allgemeiner Bildung trachten, Daß Recht begründet nicht mit Blut und Elsen. Die Macht erstreben schon wir kaum Erwachten, Mit Jugendgluth bewährt in weiten Kreisen, Den Sieg verschaffen uns Gedankenschlachten. Düffeldorf, im Juni 1378. gedient. Die Sozialdemokraten fürchtet er noch nicht; sie find ihm nur ein vortrefflicher Wauwau. Die„Sau", der es eigent- lich gilt, ist der Liberalismus, auf politischem, gewerblichem, religiösem Gebiet. Eine Majorität, die auf Bismarck schwört, das Tabaksmonopol votirt, das Septennat verlängert, gründlich nach rückwärts reformirt— das ist's, was erstrebt wird. Die Nationalliberalen merken, daß sie geprellt sind und daß sie durch ihre Hetzereien gegen die Sozialdemokratie nur sich selbst die Grube gegraben. Sie mögen sehen, wie sie herauskommen. Wir kennen unser Ziel und unsere Pflicht. Es bedarf für die Genossen keiner besonderen Aufmunterung und Ermahnung. Jeder wird, unter den jetzigen außerordentlichen Verhältnissen mit verdoppeltem, Opfermuth seine Schuldigkeit thun. Die Frage ist: unter welchen Bedingungen die Wahlen statt- finden werden. Man spricht davon, Fürst Bismarck wolle den Belagerungszustand über alle sozialistischen Bezirke verhängen, sei aber bisher an dem Widerstand des Kronprinzen gescheitert. Nun— auch das würde uns nicht lahm legen. Die unerschüt- terliche Festigkeit, welche die Partei in den letzten 8 Tagen des Terrorismus überall bewiesen hat, würde uns, hätten wir je Zweifel gehegt, diese genommen haben. Das Schlimmste ist überstanden. Die Wogen des Volkswahnsinns verlaufen sich, und die Gewaltmaßregeln, welche die Bismarck'sche Staatskunst noch in petto hat, verursachen uns keine Kopfschmerzen. — Falck soll„auf dringenden Wunsch Bismarck's" wieder bleiben. Ja— bis nach den Wahlen. Daß die Falken zur Jagd dienen, ist ja bekannt— hier handelt es sich um den Bürgerfang— auch eine Jagd.— — Der Congreß über die orientalische Frage tritt im Lauf dieser Woche in Berlin zusammen. Lord Beaconsfield, dem der französische Gesandte zur Seite stehen wird, beherrscht die Situation vollständig. Bisher hat Rußland, trotz der Bis- marck'schen„Vermittlung", in allen Punkten nachgeben müssen. Zu einer gedeihlichen„Lösung" kommt es natürlich nicht. Und es fragt sich sogar, ob auch nur die Vertagung des Kriegs ge- lingen wird.— — Wie auf den Blitz der Donner soll nach dem Lasker- schen Ausspruch die Strafe dem Vergehen auf dem Fuße folgen. Dies mag im Allgemeinen recht gut sein, aber soll man unter dem Eindruck eines Ereignisses, welches leicht zum Zorne Veran- lassung giebt, also in der Aufregung, urtheilen? Dies, glauben wir, ist nicht gut im Interesse des Richterstandes selbst. Wir haben schon mitgetheilt, daß in Posen drei Tage nach der That ein Buchdrucker wegen Majestätsbeleidigung zu vier Jahren Gefängniß verurtheilt worden ist.— In Spandau ist nun ein Commis, der sich am Sonntag den 2. Juni unziemender Aeuße- rungen gegen den Kaiser ec. ec. bedient haben soll, gar schon am Dienstag den 4. Juni zu 2l/2 Jahren Gefängniß verurtheilt worden.— Nun, Herr Lasker, was sagen Sie dazu? — Majestätsbeleidigungen. Wohl nicht mit Unrecht sagt die„Nationalliberale Correspondenz", daß die vielen Ver- Haftungen wegen Majestätsbeleidigungen einen noch niederschlagen- deren Eindruck machten, als das Attentat am 2. Juni selbst; sie spricht dabei von Verrohung, Verthierung und sagt, daß, so- weit sie unterrichtet, die rohesten Ausdrücke gerade bei den jün- geren Verhafteten vorgekommen seien. Mag sein; gewiß ein schlechtes Zeugniß für die Erziehung unserer Jugend in den Schulen und in den Familien. Weshalb die Erziehung in den Familien der Arbeiter keine gute sein kann, das haben wir oft � genug gesagt— Frauenarbeit, Kinderarbeit, Ausbeutung der Arbeitskraft überhaupt. Und in den Schulen? Der Militäretat verschlingt die großen Summen— für Schulen kann deshalb verhäünißmäßig nur wenig geschehen.— Wir haben aber bei den vielen Majestätsbeleidigungen, die in jüngster Zeit vorge- kommen find, noch etwas Anderes zu constatiren, nämlich, daß die große Mehrzahl der Personen, welche in dem beireffenden Alter schon standen, Soldaten gewesen sind; ferner, daß unter den Majestätsbeleidigern verhältnißmäßig viele niedere Ange- stellte bei Eisenbahnen?c. zc. sind, die gleichfalls Soldaten waren und jetzt eine sogenannte Civilversorgupg gefunden haben. Das giebt zu denken! Noch ist zu betonen, daß von den in Berlin Verhafteten und Angeklagten die überwiegende Zahl nicht in Ueber den Untergang des„GrofzenKursürsten" schreibt die ultra-nationale„Weserztg.", welche in Marinesachen mit Recht als Fachblatt gilt: Als die Kunde von dem furcht- baren Schlage eintraf, der das deutsche Geschwader im Canal betroffen hat, haben wir uns enthalten, in dem ersten Augen- blick der Erregung den bitteren Bemerkungen und Vorwürfen Ausdruck zu geben, die auf Aller Lippen waren. So berechtigt die Entrüstung und der tiefe Schmerz über den Verlust eines solchen Schiffes und der dreihundert braven Seeleute, die mit ihm zu Grunde gegangen sind, sein mochten, so sollten sie doch nicht das Urtheil trüben und zu Anklagen verleiten, welche sich später vielleicht als zu hart oder ganz unbegründet herausstellen. Aus den ersten widersprechenden und unklaren Nachrichten ließ sich kein Bild von dem Hergange gewinnen. Erst der amtliche Bericht des Admirals und die ausführlichen Darstellungen in den englischen Blättern, namentlich der�„Tinces", haben so viel Licht in die Sache gebracht, daß wenigstens der äußere Verlauf wenigstens einigermaßen verständlich ist. Vieles freilich bedarf noch der Aufklärung. Das aber steht leider schon jetzt außer Zweifel: die Umstände waren nicht derart, daß der Un- fall durch menschliche Fürsorge nicht hätte verhütet werden können. Besseres Wetter, eine ruhigere See, über- Haupt günstigere Verhältnisse hätte sich das Geschwader �zu seiner Fahrt durch den Canal gar nicht wünschen können. Nach den rauhen Winden der letzten Tage war es fast still geworden; nur eine leichte östliche Brise kräuselte die in Hellem Sonnenscheine erglänzende Wasserfläche. An Seeraum fehlte es nicht, die Luft war sichtig, das Land lag klar vor Augen. So dampften An- gesichts vieler Hunderte von Zuschauern, welche das Schauspiel auf die Klippenwände und den Strand der englischen Küste ge- lockt hatte, die drei mächtigen Schiffe durch die Hoofden: der „König Wilhelm" an der Spitze der Backbordcolonne voran, rechts hinter ihm der„Große Kursürst", in weiterem Abstände und im Kielwasser des Flaggenschiffs die„Preußen". Von vielen Augenzeugen wird behauptet, und der Bericht des Admirals bestätigt es, daß die beiden vorderen Schiffe viel zu dicht bei einander waren. Man wird nicht fehl gehen, wenn man diese gedrängte Fahrordnung als eine Haupt- Ursache des Unglücks bezeichnet. Kein Seemann wird darüber zweifelhaft sein, daß eine Formation, welche zwei große und schwere Panzerschiffe, wie„Wilhelm" und„Kurfürst", mit zehn Knoten Geschwindigkeit in einem Abstände von knapp einer Schiffs- länge oder halben Kabellänge fahren läßt, die größten Gefahren in sich birgt. Der geringste Zwischenfall kann die verhäugniß- Berlin ansässige Leute waren, die sich erst seit ganz kurzer Zeit dort aufhielten, und daß ferner in den Gegenden— Pommern, Posen, Ost- und Westpreußen, dann Brandenburg, wo die Sozial- Demokratie noch wenig Fuß gefaßt hat, die meisten Majestäts- beleidigungen vorgekommen sind. Daß jeder Majestätsbeleidiger trotzdem zum Sozial-Demokraten gestempelt wird, ist ja selbstoer- ständlich bei unseren deutschen„Biedermännern"; ohne alle Frage ist dies aber der Fall, wenn der Betreffende ein Arbeiter ist. Müssen wir nun diese Arbeiter auf unser Conto schreiben, so möge man doch auch nicht länger davon faseln, daß wir nicht die Arbeiterklasse verträten, deren gute Elemente, die ja so unendlich weit die schlechten überragen, durchweg zur Sozial- Demokratie gehören. Nehmen wir also Alles, was man uns in dieser Zeit, wo der Wahnsinn blüht, aufhalsen will, mit Ruhe entgegen, die Zeit ist nicht fern, wo die Wahnsinnigen, hoch oder niedrig geboren, mit ihren Attentaten auf das Recht und die Ver- nunft allein stehen werden, wo das Volk sich mit Mitleid und Verachtung abwenden wird, bedauernd, daß es eine kurze Zeit lang sich in die Irre hatte führen lassen. — Die Bourgeoispresse hetzt die Antisozialisten überall indirekt auf, mit ihren Fäusten gegen die Sozialdemokraten d en „geistigen" Kampf zu führen. So berichtet z. B. das„Ma n- heimer Journal", und selbst die„Kölnische Zeitung" druckt es nach, über die von uns schon gekennzeichnete Versammlung in Wiesloch in folgender lakonischer Weise:„Die Sozialdemo- kraten haben mit ihrer heutigen Versammlung Pech gehabt, sie haben böse Denkzettel durch die Fäuste der Landbevölkerung ausgetheilt erhalten. Herr Oppenheimer von Mannheim w iro davon wohl in seinem Wohnorte erzählen."— Klingt das ni chi gerade wie ein Siegesbulletin? Liegt darin nicht die indirekte Aufforderung, die Sozialdemokraten überhaupt mit den Fäusten zu verhauen?— Sind sich aber auch die liberalen Zeitungen bewußt, was sie heraufbeschwören? Wir wollen es ihnen sagen. Wo die Mehrzahl Antisozialisten sind, erhalten die Sozialdemo- kraten Prügel; wo die Mehrzahl Sozialdemokraten sind, erhalten die Antisozialisten und Bourgeois Prügel— die Prügelei im deutschen Reiche wird durch derartige Loblieder auf die Rohheit in Permanenz erklärt— die Sozialdemo'raten aber werden ge- zwungen sein, mit den Fäusten sich zu vertheidigen. Selbst sonst anständige Blätter, wie der„Hamburger Corre- spondent", sind geradezu von einem an Wahnsinn grenzenden Haß gegen die Sozialdemokratie befallen. Da dieses Blatt die Behauptung, Nobiling sei Sozialdemokrat, doch nicht recht in ihrem ganzen Unfange aufrecht erhalten kann, so giebt dasselbe folgende gewundene Erklärung ab: „Die Bemerkung Nobiling's, daß er keiner bestimmten Partei angehöre, ist vielfach dahin gedeutet worden, er habe gesagt, er gehöre keiner politischen Partei an, während die Worte „bestimmte Partei" sich auf die Nuancen innerhalb der sozialisti- schen Bewegung bezog." Dem„Hamburger Correspondenten" fällt es gar nicht ein, diese Ansicht nur mit einer Silbe zu begründen; deshalb erklären wir, daß jenes Blatt dem Mörder die Worte im Munde umdreht, um politisches Kapital daraus zu schlagen. Ein sol- ches Beginnen aber ist nicht mehr ein ehrlicher politischer Kampf, sondern ein politischer Meuchelmord! — Das„gute Gewissen". Einem Ausspruche des Cultus- Ministers Falk ist bis jetzt zu wenig Gewicht beigelegt worden, den er einer Lehrerdeputation gegenüber vor circa 14 Tagen gethan hat. Derselbe sagte, daß man ihm vielfach vorgeworfen habe, er beabsichtige die Verdrängung der Religion aus'der Schule; man habe ihn sogar gewissermaßen für das Hödel'sche Attentat verantwortlich machen wollen. Gegen solche Angriffe schütze allerdings das gute Gewissen.— Diese Erklärung des Herrn Cultusministers ist gewiß ganz corrcct, aber wie geht es uns Sozialdemokraten? Schützt auch uns unser gutes Gewissen gegen die maßlosen Angriffe und Verfolgungen, die über uns hereinbrechen? Nein! Trotz unseres guten Gewissens werden wir bitter zu leiden haben wegen unserer Ileberzeugungs- treue, wegen unserer Menschenliebe, blos aus Anlaß der Unthaten Halbwahnsinniger. Denn daß man uns nicht dieser Verbrechen halber verfolgt, das hat der Präsident des Reichs- kanzleramts Staatsminister Hofmann selbst gesagt: das Hödel- Attentat sei nur der Anlaß zu dem Altentatsgesetz-'.— Man vollsten Folgen nach sich ziehen. Und mußte man auf Zwischen- fälle nicht gefaßt sein in so belebten, von so vielen Schiffen durchkrcuzten Gewässern, wie die Meerenge zwischen Dover und Calais? Was konnte den Admiral bewegen, das Geschwader in dieser geschlossenen Ordnung an der englischen Küste vorüb-rzu- führen? Die Frage, ob ein so dichtes Aneinanderschließen selbst für das Gefecht empfehlenswerth ist, mag hier unerörtert bleiben, obwohl wir nicht anstehen, sie zu verneinen. Jedenfalls lag ein Gefechtszweck hier nicht vor. Und das damit lediglich Parade gemacht werden sollte, kann man doch nicht annehmen. Schreibe» aber die Reglements für das Fahren der Panzergeschwader im tiefen Frieden so geschlossene Treffen vor, so scheint es die höchste Zeit, daß sie geändert werden. Erschwerend fällt ferner hierbei der Umstand in das Gewicht, daß Offiziere und Mannschaften die Schiffe noch nicht kann- ten, daß wahrscheinlich selbst die Kommandanten mit der Steuer- und Manöorirfähigkeit derselben nicht hinreichend vertraut waren; dies hätte selbstverständlich zu doppelter Borsicht auffordern und das enge Schließen bei so großer Fahrt unisomehr als unge- eignet erscheinen lassen müssen. Und selbst die Distanz, die vor- geschrieben war, wurde nicht eingehalten. Denn, wie der Bericht des Admirals sagt,„befand sich der„Kurfürst", wohl reichlich vor seiner Position", was ihn in die gefährlichste Nähe zum Flaggenschiff bringen mußte. Nun kommt schließlich, nachdem beide Schiffe, wie es ihre Pflicht war, den ihren Kurs kreuzenden Segelschiffen ausge- wichen waren, die verkehrte Ausführung des Ruder- commando's an Bord des„König Wilhelm", auf welche der amtliche Bericht die Hauptschuld an der Herbeiführung der ent- setzlichen Katastrophe wälzt. Es ist möglich, daß es so ist. Es ist jedoch auch möglich und durchaus nicht unwahrscheinlich, daß die Schiffe bereits in einer Stellung waren, in welcher, auck wenn das Ruder an Bord des„König Wilhelm" gestützt und steuerbord gelegt worden wäre, der Zusammenstoß dennoch er- folgt und vielleicht nur in seinen Wirkungen etwas abgeschwächt worden wäre. Aber angenommen, daß die falsche Ausführung des Rudercommandos wirklich zu der Collision geführt hätte, die sonst vermieden wäre, so kann das nicht als Entschuldigung gelten. Wozu haben die Kriegsschiffe ihre Menge von Offizieren, ihre zahlreichen Mannschaften, ihren geregelten Dienst, wenn sie vor solchen Mißverständnißen nicht gesichert sind? Was whr denn Wichtigeres zu thun an Bord? Was nützt die peinlickist-. Ordnung und Sorgfalt in Nebensachen, was hilft es, wen» hundert läppische Dinge, auf die absolut nichts an- kommt, nach der Schnur gehen, wenn unter den Umständen, sieht also, daß selbst das gute Gewissen der Menschen mit zweierlei Maß gemessen wird. —„Grober Unfug". Wir haben schon erwähnt, daß die Berliner Polizeibehörde das Verbot erlassen hat, die Photo- graphien der beiden Attentäter in den Schauläden auszustellen. Diesem Verbote war folgende Notiz unseres Berliner Partei- organs, der„Berliner Freien Presse", vorausgegangen: „Unmittelbar nach dem Hödel'schen Attentat ist bis in die letzten Tage die Verbreitung von Abbildungen des Meuchel- Mörders, sowie der That selbst in unpassendster Weise betrieben worden. An vielen Schaufenstern war seine Photographie un- Mittelbar neben denen der königlichen Familie ausgehängt, und die illustrirten Journale überboten sich fast, Darstellungen des Attentats dem Publikum vorzuführen. Der Einfluß derartiger Schaustellungen auf unreife, von einer gewissen Großmannssucht erfüllte Gemüther dürfte nicht zu unterschätzen sein, und wir hoffen, daß die zuständigen Behörden gegen eine nach dem jetzigen erneuten traurigen Vorgang wiederum bereits begonnene derartige Industrie mit aller Entschiedenheit einschreiten werden." Liberale Zeitungen, welche diese Bemerkung unseres Berliner Organs bringen, schreiben dazu: „Das Sozialistcnblatt, die„Berliner Freie Presse", bringt obige Notiz, jedenfalls nicht unberechtigt, obgleich die Mahnung von dieser Seite doppelt beschämend sein muß." Der„National- Zeitung" ging über denselben Unfug von einem hervorragenden Rechtsgelehrten(Laster?) folgende Zuschrift zu: „Gestatten Sie mir in der allgemeinen Aufregung einen Ge- danken auszusprechen, der mir schon seit Wochen am Herzen liegt. Unter den, ihrem innersten Kerne nach, schwer zu erzrün- denden Motiven solcher Unthaten, wie wir sie innerhalb weniger Wochen zweifach erlebt, spielt sicherlich die Eitelkeit eine nicht unbedeutende Rolle. Der Mörder sieht sich als einen großen Mann an, der sich sogar als„Attentäter Sr. Majestät" unter- zeichnen zu dürfen glaubt. Solche krankhafte Seelenzustände wirken aber auf empfängliche Gemüther allzu leicht ansteckend, und man sollte deshalb doch Alles vermeiden, was den Glauben an das Großmannsthum eines so schlechten Menschen irgend Nahrung geben könnte. Wird aber dieser Glauben nicht geradezu gefördert, wenn man aller Orten„das Bild des Mörders" öffentlich ausgestellt und zum Kauf feilgeboten sieht! Braucht unsere Industrie aus solchen Dingen ein Geschäft zu machen und kann das Publikum sich nicht beruhigen, ohne das Conterfei eines solchen Menschen in Händen zu haben? Ich sollte denken, es wäre sehr wohlgethan, wenn mau, soweit es irgend möglich ist, einen solchen Bilderbetrieb nicht aufkommen ließe. Er trägt die Gefahr in sich, krankhafte Gemüther immer wieder zu neuen Schandthaten aufzureizen." Kurz, es fehlt nicht an Leuten, welche sich in diesem Hexen- fabbath des Blödsinns die nöthige Vernunft bewahrt haben, um einzusehen, daß gerade der Unfug, der mit dem Hödelattentate in den Zeitungen, in den Schauläden und auf öffentlicher Straße von den Antisozialisten getrieben worden ist, eine Hauptur- fache des zweiten Attentates war— wie wir das ganz zu An- fang hervorhoben. — Bubenstreiche. Aus Schwerin geht uns die Mitthei- lung zu, daß in Folge der maßlosen Hetzereien der dortigen liberalen Presse dem Reichstagsabgeordneten Hofbaurath De mm- ler zwei Nächte hintereinander ein Theil der Fensterscheiben eingeworfen wurde. In Folge dieser Bübereien sah sich die Stadtbehörde genöthigt, während der folgenden Nächte an das einzeln stehende Haus des alten 74jährigen Mannes Wacht- Posten aufzustellen. Da Temmler in Schwerin unter der Arbeiter- und Hand- Werkerbevölkerung eine wahre Verehrung genießt, so ist nicht der geringste Zweifel vorhanden, daß diese Büberei von Leuten aus den sogenannten„gebildeten" Ständen verübt wurden, der alte Temmler hat uns selbst diese Ansicht auf unsere ausgespro- chene Vermuthung hin bestätigt.— Ein preußischer Landrath hat folgenden Brandaufruf veröffentlicht: „Auf, deutsches Volk, ermanne dich! Abermals hat die ruchlose Hand eines Deutschen das Leben unseres allverehrten, greisen Kaisers angetastet, damit Trauer unter denen das Geschwader fuhr, nicht dafür gesorgt ist, daß die Ausführung der wichtigsten Befehle, von der Alles abhängt, gegen jedes Mißverständniß sichergestellt ist! Die Gefahren der See bestehen für das Kriegsschiff wie für das Handelsschiff, und keine Flotte kann sich rühmen, frei von Unfällen und schweren Verlusten geblieben zu sein. Auch Eng- länder haben ihren„Agincourt", ihren„Eaptain", ihren„Van- guard", ihre„Euridice". Aber die Unfälle, von denen unsere Flotte in der letzten Zeit betroffen ist, gehen über das Maß hinaus. Wir wollen nicht auf frühere Vorkommnisse zurückgreifen, sondern nur fragen: Was ist aus dem Uebungsgeschwader geworden, das in diesem Jahre unsere Flagge im Mittelmeer zeigen sollte? Wenig mehr als vierzehn Tage ist es her, daß die vier zur Bildung deffelben bestimmten Panzer stolz und schmuck in unseren Häfen lagen. Wo sind sie jetzt?„Friedrich der Große" ist auf der Fahrt von Kiel nach Wilhelmshaven wieder- holt und dermaßen aus den Grund gesetzt, daß sein Boden schwer beschädigt ist. Er liegt außer Dienst und seeunsähig in Kiel, um einer umfangreichen Reparatur unterworfen zu werden. Der «Kurfürst" ruht auf dem Grunde des Meeres. Der„König j�llhelm" ist so zugerichtet, daß er in Monaten nicht wieder fcifh S*9 un� seetüchtig werden wird. Ohne daß irgend welche irgend ein durch Menschenkraft und Menschensorge m.n.�&ares Raturereigniß dabei mitgewirkt hätte, ist so in � tiefsten Frieden fast das ganze J;-�ifte unserer Schlachtflotte, ver- gemacht" für den Augenblick völlig unbrauchbar ""nehmen, daß diese schwere Schädigung unserer Wehrkraft zur �>ee nur unglücklichen, unvermeidlichen Zufällen zuzuschreiben lst. Wir würden aufrichtig und von Herzen wün- icken, daß dem so Ware, allem wir bedauern, nicht daran glau- ben zu können. Diese wiederholten Unfälle scheinen vielmehr die Symptome tiefer liegender Uebel zu sein. Und es wäre dringend zu wünschen, daß die Untersuchung, welche natürlich über den Untergang des„Kurfürsten" abgehalten werden wird, sich nicht auf den einzelnen Fall und die einzelnen Thatsachcn beschränken, sondern der Sache mehr auf den Grund gehen und die Wurzeln der Uebelstände bloslegen möchte. Wie man hört, soll die Untersuchung der Havarickommission in Kiel übertragen fein, einem Institute, welches außerhalb der Marine wenig de- kannt sein dürste aus dem einfachen Grunde, weil seine Thätig- keit nicht an die Oeffentlichkeit kommt. Sollte diese Havarie- kommission wirklich das geeignet: Tribunal für einen Fall sein, wie es der vorliegende ist, sollte es wirklich beabsichtigt sein, die und Schmaw über unser ganzes Land gebracht, und wiederum war es ein Mitglied der Partei, welche die Grundsäulen unseres Staatslebens vernichten will, das zu diesem frevelhaften Be- ginnen seine gemeine Hand bot. Schande über uns, wenn wir länger das schädliche Treiben einer Rotte dulden, welche solche Früchte zieht! Die bestehenden Gesetze und Polizei-Maßregeln genügen da- gegen nicht; der Reichstag verweigert zu deren Verschärfung seine Zustimmung; da muß das Volk seinem Könige Recht, Schutz und Genugthuung schaffen. Adressen und Ovationen aller Art mochten dem Attentate eines wahnwitzigen Hödel gegenüber dem im Tiefinnersten verwundeten Herzen unseres heißgeliebten Landesvaters einige Linderung schaffen; der wie- derholte Mordversuch verlangt andere Sühne. In des Volkes Acht mit den Missethätern! Kein Stück deutschen Bodens sei ferner entweiht durch den Tritt eines Führers dieser Partei; fort mit ihnen aus deutschen Gauen, und möge ihnen der Fluch und die Verachtung des ganzen Landes folgen, über welches sie so große Schande brachten! Keinerlei Unterstützung einer Presse, die so gemeinem Dienste sich widmet, die mißleitete Masse seinem Gotte und seinem Könige entfremdet! Nirgend der Brut eine Stätte geduldet, wo sie noch ferner ihr widriges Haupt erheben kann, um weiter Fäulniß in das Mark des Volkes zu tragen. Das muß unser Aller Ziel und Streben sein, wenn wir uns von der Schmach reinigen wollen, die wir in ihrem lange vor- bereiteten Treiben nur zu weit schon geduldet haben; dazu helfe jeder deutsche Mann und Jüngling, jede deutsche Frau, auf daß wir wieder frei aufschauen können zu unserem lieben Landes- vater, und bitten uns seine guten Kinder zu heißen. Und das geschehe bald, das helfe Gott! Lublinitz, 5. Juni 1878. von Klitzing, Landrath." Jedes Wort der Entrüstung wäre zu schwach gegenüber dieser abscheulichen Aufforderung zu Gewaltthätigkeiten. Wir wollen abwarten, ob die Behörden einschreiten. Thun sie es nicht, dann ist ausdrücklich erklärt, daß man uns als vogelfrei betrachtet. Wir könnten noch unzählige Bubenstreiche berichten, die in den letzten Tagen verübt worden sind, aber es fehlt uns der Raum. Mit hoher Genugthuung constatiren wir bei dieser Ge- legenheit die Thatsache, daß das Volk sich durchweg musterhaft gehalten, und einen Grad von Bildung an den Tag gelegt hat, der die„Bildung" der„gebildeten" Hetzer tief beschämt. Wäre das Volk so roh gewesen wie diese Gesellen, und wären diese Gesellen nicht ebenso feig wie roh gewesen, dann hätte es, trotz der ruhigen Haltung unserer Genossen, vielfach zu Exceffen und gewaltsamen Collissionen kommen müssen. —„Der Krieg ist erklärt"— unter dieser Ueberschrift bringt die„Kölnische Zeitung" einige Hetzartikel gegen die So- zialdemokratie, in welcher sie die Schüsse, die von wahnwitzigen Menschen„Unter den Linden" in Berlin abgefeuert sind, als eine Kriegserklärung der Sozialdemokratie gegen die Gesellschaft hinzustellen sucht.— Albernes Gerede! Durch Verbrechen und Dummheiten wird die Kriegserklärung von der Sozialdemokratie nimmermehr eingeleitet; die Kriegserklärung ist ja längst schon erfolgt, und zwar ist dieselbe gegen alle faulen Schäden der heutigen Gesellschaft gerichtet. Der Krieg, der bis jetzt gegen dieselben geführt wurde, ist aber mit den anständigsten Waffen, die auf die gesetzmäßige Umänderung der bestehenden faulen Zustände hinzielten, geführt worden.— Wir haben einen gesetz- lichen, einen anständigen Krieg geführt. Was thun aber unsere Gegner nunmehr? Sie führen den Krieg mit vergifteten und rohen Waffen. Die Hungerpeitsche soll den Arbeitern ihre Ueberzcugung rauben. Die sozialdemokratischen Arbeiter sollen aus der Arbeit entlassen, aufs Straßenpflaster geworfen werden. Wer erinnert sich dabei nicht all' der wahnsinnigen Verfolgungen und Bedrohungen Andersgläubiger? Wer nicht der Juden- Verfolgungen am Rhein? Wer nicht der Scheiterhaufen der In- quisition? Die andere Ueberzeugung, der andere Glaube wurde mit Verfolgung, mit dem Tode, mit Martern bestraft. Jeder gebildete humane Mensch hat längst über derartige Unthaten das Urthal gesprochen. Und jetzt? Der Ueberzeugung wegen, des Glaubens wegen sollen Arbeiter mit ihren Familien dem Elende, dem Verderben preisgegeben werden? Bedenkt Ihr die Folgen Untersuchung bei verschlossenen Thören stattfinden zu lassen? Vielleicht wird man sagen, daß die Einrichtungen einmal so wären, daß der Dienst es so erforderte. Wir glauben dagegen sagen zu dürfen, daß sich die öffentliche Meinung nicht dabei beruhigen, daß sie kein Vertrauen in das Ergebniß einer Unter- suchung haben wird, die unter Ausschluß der Oeffentlichkeit vor sich gegangen ist. Das Land hat das Recht und die Pflicht, strenge Rechen- schaft von Denen zu fordern, denen das kostbare schwimmende Material der Flotte, die Schiffe im Werthe von vielen Mil- lionen, und das noch kostbarere Personal, die Hunderte uner- setzlicher Menschenleben anvertraut gewesen sind, und die im tiefen Frieden, aber vielleicht an der Schwelle eines großen Krieges unsere Streitkräfte so empfindlich geschädigt und lahm gelegt haben, wie es kaum eine entscheidende verlorene Schlacht vermocht hätte. Das Land hat ein Recht zu verlangen, daß die Untersuchung eines solchen Falles nicht im Geheimen abgemacht und vielleicht mit der Bestrafung eines oder einiger Schuldigen enden, während nicht wenige allgemei- nere und tiefgehende Uebelstände ungestört fortwuchern. Man gebe sich in der jungen deutschen Marine keiner Täuschung hin. Gern erkennen wir an, was in vielen Richtungen geleistet ist, und wohl wissen wir, daß sich in ihr eine Menge begabter und tüchtiger, auch seemännisch hochstehender Offiziere befindet. Aber das Vertrauen zum Ganzen, das schon durch manche frühere Erfahrung geschwächt worden ist, hat durch die jüngsten Ereignisse einen schweren Stoß erlitten. Wenn wir keine Sicherheit haben, daß es im Kriegsfalle wirksam zur Ver- Wendung kommen kann, dann wäre es Selbsttäuschung und Thor- heit, eine Flotte zu unterhalten. — Anfrage. Die„Braunschweiger Leuchtkugeln" stellen folgende Frage: Darf ein Soldat mit seinem Vater verkehren, wenn dieser Sozialdemokrat ist? Sollte es nicht vielleicht besser sein, Söhne oder Brüder von Sozialdemokraten ganz vom Militärdienst zu dispensiren? — Versprochen. Nach dem Nobiling'schen Attentat eilte bekannt- lich Fürst Bismarck rasch nach Berlin, um den dort für ibn blühenden Weizen zu mspiziren, l eß sich von Eulenburg sunior Bericht über das Vorgekommene erstatten, und bemerkte dann, laut Berliner Blättern „in hoher Eiregung":„Sehen Sie, das sind die Vorboten der Revolution!" Natürlich wollte er sagen: Reaktion. Oder hält Fürst Bismarck das, was er jetzt thut, für Revolution? Kann doch nicht sein. solcher Verfolgungswuth nicht, seht Ihr nicht ein, daß aus Eurer rohen Brutalität nur Rohheit und wilder Fanatismus erzeugt werden können? Fühlt Ihr nicht, daß Ihr, die Ihr in(iurer Presse das Kapital zu solcher Handlungsweise drängt, Gefahren heraufbeschwört, welche die Cultur und jeglichen Fortschritt be- drohen? Doch wir predigen nur tauben Ohren. Unter der Maske des Patriotismus wollt Ihr Eure Mitbrüder nur noch mehr abhängig machen, wollt Ihr die Herrschaft des Mammons befestigen. Immerzu— angelangt auf der schwindelnden Höhe der Alleinherrschaft stürzt um so schneller die Herrschaft des Kapitals jäh in den Abgrund. — Die Denunziationssucht. Schlimmer noch als die beiden verbrecherischen Attentate Unter den Linden, schlimmer noch als die vielen brutalen und kindischen Majestätsbeleidigungen, die jetzt ausgestoßen werden, schlimmer noch ist das dabei blühende Denunziationswesen, welches unter der Maske des Patriotismus ein hündisches Bediententhum in den meisten Fällen nur schlecht verhüllt. Daß dies Denunziationswesen sogar aus den unlautersten Motiven entsteht, daß durch eine Denunziation persönliche Gegner vom Halse zu schaffen versucht werden, ist all- bekannt; daß aber die Denunziationssucht zur„verbrecherischen Thorheit" werden kann, dies mag die Thatsache zeigen, daß auf dem Gesundbrunnen bei Berlin, Koloniestraße 5, ein Mann wegen Majestätsbeleidigung verhaftet worden ist, welchen seine eigene Frau denunzirt hat.— Und diese Denunziations- sucht wird von der herrschenden liberalen und conservativen Presse genährt. — Wer hat das Attentat verschuldet? Die conserva- tive„Schlesische Zeitung" nimmt den Dr. Nobiling und hängt ihn mit folgenden Worten den Liberalen an:„Wir haben kein Recht mehr, von einer vereinzelt dastehenden«That des Wahnsinns" zu reden, wie sie ja allerwärts und zu allen Zeiten vorkommen kann. Vor tiefer Scham erröthend müssen wir an- erkennen, daß wir Thatsachcn gegenüberstehen, die laut pnd unwiderruflich Zeugniß geben won einem sittlichen Verfall, zu dem wir unter der zehnjährigen Herrschaft des unseligen I-aissör faire gelangt sind."— Also Bamberger und Eugen Richter sind die Hintermänner Dr. Nobiling's! Die„Kölnische Zeitung" aber, nicht faul, nimmt den vielgenannten Verbrecher und halse: ihn den Conservativen mit folgenden Worten auf:„Das Blatt, das in Breslau erscheint, sollte sich doch wohl darüber zuver- lässig unterrichten können, von welcher Seite in den Scchsziger Jahren die Pflanzung und Förderung der Sozialdemokratie in den schlesischen Weberdistrikten ausging. Sie ging nicht aus von den vermeintlichen Freunden des„unseligen Laisser faire", sondern von den Freunden des reglementirungssüchtigen„Cäsaris- mus", von den Anhängern der„iäöes llapoläomennes".— Also nun sind die Hintermänner des Dr. Nobiling der Herr Geheime Rath Wagener, der langjährige intime Berather Bis- marck's, und Genossen!— Immer zu! Dies Fangballspiele mit dem Verbrecher zwischen den Liberalen und Conservativen wird noch lustiger werden, wenn es zur neuen Reichstagswahl geht, in welcher die Liberalen aller Schattirungen„an die Wand gedrückt" werden sollen. Wahrscheinlich würden die Liberalen dann froh sein, wenn ihnen die in letzter Zeit so unsinnig ge- schmähte Sozialdemokratie unter Umständen und in einzelnen Fällen zu Hilfe eilte. — Den Fortschrittlern geht's auch schon an den Kragen Aus Königsberg wird gemeldet, daß das Disziplinargericht gegen den fortschrittlichen Kreisrichter Dr. Kolkmann auf Amtsentsetzung erkannt hat. Die bekannte, von keinem Ge- richt beanstandete Broschüre des Pseudonymen R. Planenbirg soll die Veranlassung zu diesem die Berliner„Volkszeitung" über- raschenden Urthal gewesen sein. Der bei diesem Urtheile fungirende Oberstaatsanwalt brachte die Schriften des fortschritt- lichen Dr. Kolkmann direkt mit der Sozialdemokratie in Ver- bindung. Sollte ein Ausnahmegesetz oder ein Ausnahmezustand über die Sozialdemokratie verhängt werden, so dehnt sich der- selbe selbstverständlich auch, nach rechts aus. Das mögen die liberalen Parteien in's Auge fassen. — Als ein äußerst glückliches Ereigniß würden wir es begrüßen, wenn der Dr. Nobiling wieder völlig vernehmungs- fähig würde, wie jetzt von ärztlicher Seite gehofft wird. Dann würde zunächst der Beweis geliefert werden, daß die That Nobiling's weder direkt noch indirekt mit sozialdemokratischen Lehren etwas zu schaffen hat; außerdem aber würden dann auch die Complntt-„Macher" an's Tageslicht kommen. Das Volk aber würde solcher„Mache" dann verächtlich den Rücken kehren und sich schämen, daß man es so schnöde bethört habe. — Nobiling war Correspondent des Börsenblatts„Kapita- list" in Stutigart, und bot kurz vor dem Attentat„einem öfter- reichischen landwirthschaftlichen Journal ftine Mitarbeiterschaft an", wie der Wiener Correspondent des„Standard" telegraphirt. Alles Spuren, die„nach einer anderen Richtung" hinweisen. — An anderer Stelle warnen wir vor Briefen mit majestätsbeleiderischcm Inhalt, die jetzt aus bekannter Fabrik zu erwarten sind. Des Weiteren warnen wir jeden Partei- genossen, sich mit Fremden in ein Gespräch über Politik einzu- lassen. Es ist Thatsache. daß in ganz Deutschland verkleidete Polizeiagentcn die Wirthschaften ec. besuchen und Unterhaltungen über die neuesten Vorgänge, besonders das Attentat, anzuknüpfen suchen. Namentlich hüte man sich vor den angeblichen Colpor- teuren, welche Nobiling's und Lehmann's Bilder ver- kaufen. Wir haben Gründe.— -Der große Kurfürst. Unten im Feuilleton veröffentlichen wir einen Artikel über die Katastrophe, die unsere Marine be- troffen hat. Dieselbe wirft ein so schlechtes Licht auf unsere Marineleitung, daß die Vermuthung sehr nahe liegt, der gewal- tige Nobilingskandol sei zum Tbeil zu dem Zweck mscenirt worden, um das Jena der deutschen Marine und ein Jena ohne Kampf!— dem Urtheil des Volkes zu ent- rücken._ — Auf Wunsch des Herrn Dr. Böhmert bringen wir seine Berichtigung nochmals und zwar an dieser Stelle*) zum Abdruck: „Die Notiz des„Vorwärts", Nobiling sei Miraibeiter den Böhmert'schen antisozialistischen„Sozial- Correspondenz" ge- Wesen, ist vollständig aus der Luft gegriffen. Nobiling hat niemals eine Zeile für die„Sozial-Correspondenz geichrieben." Dresden, den 4. Juni 1878. vr. Böhmert." Die Berichtigung der Berichtigung ist anderwärts erfolgt. *) Die erste Veröffentlichung in vorletzter Nummer erfolgte deshalb am Schluß des Blattes, weil dasselbe bereits umbrochen war und wir einen Aufschub der Veröffentlichung für unloyal hielun.(Unser Blatt lommt zwei Tage vor dem Datum des Erscheinens in die Presse.) Dann aber berief sich Herr Böhmert auch auf daS Preßgesetz, nach welchem wir ja die Berichtigung an dieselbe Stelle zu setzen hatten, wo die betreffende Behauptung stand. R. d.„V." — Eine Berichtigung. Von Herrn Aölsel erhielten wir nachstehende Zuschrift: „Dresden, den 10. Juni 1878. Die Redaktion des„Vorwärts" ersuche ich, gemäß Z 11 des Rnchspreßgesetzes vom 7. Mai 1874 die nachstehende Verichti- auna kostenfrei in die nächste Nummer des„Vorwärts" auf- zunehmen: Tie von einem Sozialdemokraten öffentlich einberufene und von Herrn Rödiger eröffnete„Volksversammlung" hat in Merseburg am 3. Juni d. I., Abends 8 Uhr, stattgefunden, also am Tage nach dem Attentate. Ich aber habe nicht nur in keiner Weise die Mißhand- lung des Herrn Rödiger provozirt, sondern ich habe noch vor Eröffnung der Versammlung wiederholt und dringend gebeten, Herrn Rödiger und Gen offen nichts zu Leide zu thun. Wölfel, Rechtsanwalt und Notar in Merseburg, Mitglied des Reichstags." Um Herrn Wölfel und seiner Berichtigung gerecht zu werden, lassen wir nachstehendes, von der nationalliberalen Presse veröffentlichtes Referat über den Merseburger„Kampf mit gei- stigen Waffen" folgen: „Die Abfertigung, welche die Sozialdemokraten in der von ihnen gestern Abend hier im Schützenhause zusammenberufenen Volksversammlung erlitten haben, wird in den Annalen ihrer Partei bis jetzt einzig dastehen. Wir fassen uns kurz. Saal, Nebenzimmer u. s. w., Alles gefüllt bis auf den letzten Platz, draußen Taufende von Menschen, die des Ausgangs harrten. Agitator und Schankwirth Rödiger aus Halle eröffnete in Ab- Wesenheit des Einberufers(wer?), der sich aus einem unbe- kannten Grunde entschuldigt hatte(aha!), die Versammlung. Bei der Wahl des Bureaus wurde durch Akklamation— Herr Rechtsanwalt und Reichstagsabgeordneter Wölfel zum Bor- sitzenden gewählt. Derselbe übernahm den Vorsitz und consta- tirte, daß er in dieser Wahl die allgemeine Verurthei- lung der Unverschämtheit und Frechheit erblicke, mit welcher am heutigen Tage, an welchem eben die Kunde gekommen, daß ein Sozialdemokrat abermals die Mordwaffe auf den Kaiser gerichtet, diese Partei es wage, hier in Merseburg eine Volksversammlung einzuberufen.(Brausender Beifall.) Redner brachte ein Hoch auf den Kaiser, welches mit jubelnder Begeisterung aufgenommen wurde.(Rufe:„Rödiger, Sozial- demokraten'raus,'raus!") Darauf entwarf Redner ein Bild von der Stimmung in Berlin, die tieftraurig sei, wie sie am 11. d., als Hödel's Attentat mißglückte, fröhlich gewesen. Be- geistert aufgenommener Antrag zur Absendung von folgendem T legramm durch Magistrat und Stadtverordnete an den Kaiser: „Se. Maj. dem Kaiser, Berlin. Die Bürgerschaft Merseburgs, tief erschrocken durch die Trauerkunde von einem neuen Attentat gegen Ew. Majestät Leben, flehen in inniger Liebe und un- wandelbarer Treue zu Gott, dem Allmächtigen, um die Erhaltung des theuern Lebens Ew. Majestät, des Vaters des Vaterlandes. Magistrat und Stadtverordnete." Hurrahrufen. Mit nochmali- gem Hoch auf den Kaiser erklärt Redner hierauf die Versamm- lung für geschloffen.(Hoch der Kaiser, hoch Wölfel; Rödiger und Sozialdemokraten'raus,'raus!) Draußen Tusch der Feuer- wehrmusik, die Tausende brachten Hochs auf den Kaiser aus, es war ein Sturm der patriotischen Begeisterung. Die ganze Ver- sammlung dauerte kaum 10 Minuten. Rödiger und seine An- Hänger schlichen wie betäubt und zerschlagen hinweg. Jetzt ließ sich die lediglich durch die Frechheit der Sozialdemokraten her- vorgerufene Erregung der Massen zu einigen Exzessen hinreißen, die man bedauern, aber auch leicht erklärlich finden muß. Obgleich Rödiger, der bei seinem Einzug Hierselbst mit dem Zuge um 6 Uhr 18 Min. eine Mütze trug, dieselbe, um sich unkennt- lich zu machen, mit einem Strohhute vertauscht hatte, wurde er erkannt und thätlich angegriffen. Einige Feuerwehrleute nahmen ihn unter den Arm und führten ihn zum Bahnhofe, aber sie vermochten ihn nicht völlig gegen die entflsselte Lcldenschast zu schützen— mancher wuchtige Schlag traf ihn, mancher auch die Feuerwehrleute, und er durfte von Glück sagen, in dem eben nach Weißenfels abgehenden Zuge Schutz zu finden, um nachher unbemerkt nach Halle zurückkehren zu können.— Jedenfalls ist der Sozialdemokratie in unserm Merseburg seit diesem denkwür digcn Abend der Boden entzogen und ihren Aposteln die Lust vergällt, nochmals hier den Versuch zu machen, ihre We'.sheit auszukramen!" Wir fragen Herrn Wölfel, ob es eine schlimmere Provo- kation zur Gewaltthätigkeit geben konnte, als sein unverantwort- liches Verfahren, Rödiger und„diese Partei" mit dem Atten- tätcr Nobiling, dessen That allgemein die fürchterlichste Aufregung hervorgerufen hatte, zusammenzukoppeln und für solidarisch mit rhm zu erklären? Wenn Herr Wölfel durchaus seinem patrio- tischen Herzen Luft machen wollte, ohne Skandal zu provo- ziren, dann hätte er— der Rödiger persönlich kennt— ihn einfach vor Eröffnung der Versammlung von der Sachlage in Kenntniß setzen und zum Aufgeben der Versammlung bewegen sollen. Beiläufig äußert sich die Verrohung unserer„liberalen" „Gebildeten" darin, daß obiger Bericht von verschiedenen libe- ralen Blättern, u. A. auch der„Deutschen Allgemeinen" des Professor Biedermann, nicht nur ohne ein Wort der Ent- rüstung über solch bedenkliche Brutalität abgedruckt, sondern noch mit der Aufforderung begleitet wird, es überall ebenso zu machen. Herr Wölfel aber wird hoffentlich eingesehen haben, daß er feine Berichtigung besser unterlassen hätte. — Die Parteigenossen Milke und Körner, die Vorsteher des Arbeiterbildungsinstituts in Berlin find verhaftet worden; ebenso unser Parteigenosse Joseph Dietzgen in Sicgburg. Derselbe wurde nach Köln in's dortige Gefängniß gebracht. Verletzung der Paragraphen 110, 130, 131, 166(Oeffentliche Aufreizung zur Friedensstörung, Aufreizung der Klaffen gegen einander, Schmähung von Staatseinrichtungen und Religions- schmähung) soll der Grund zu dieser Verhaftung sein. Dietzgen ist Besitzer einer Gerberei und wahrlich nicht fluchtverdächtig; er ist noch nicht bestraft und bei sämmtlichcn Vergehen, die hier vorUegin sollen, kann auf Geldstrafe erkannt werden. Deshalb erscheint uns die plötzliche Verhaftung lediglich durch den äugen- blicklichen großen Elfer der Behörden erklärlich.— Bei Geib und Derossi in Hamburg war Haussuchung. Natürlich erfolglos. Namentlich fahndete man auf Briefe mit Aeußerungen über das Attentat. Da nicht zu erwarten ist, daß Soz'.aldcmokraten, welche betreffend des Briefgeheimnisses keinen Illusionen huldigen, sich— namentlich in einer Zeit wie der jetzigen— in ihrer Corrcspondenz zu frivolen oder gar strafbaren Aeußeiungen über dw Altentat fortreißen lassen, so hat man wohl Briefschaften aus anderen Lagern vcrmuthet. Und bei dieser Gelegenheit möchten wir unseren Genossen den Rath geben, etwa ihnen zu- gehende Briefe, die Majcstätsbeleidigungen k. enthalten, sofort der Staatsanwaltschaft zu überliefern. Auf diese Weise kommt man vielleicht den Biedermännern die jetzt durchaus eine Verschwörung anfertigen wollen, auf ihre lichtscheuen Schliche. Wir wissen aus bester Quelle, daß Herr Stieber persönlich die jetzigen Operationen gegen uns leitet. Und Herrn Stieber kennen wir.— Noch an vielen anderen Orten wurde hausge- sucht u. a. bei Wilhelm Eckert in Kalk bei Deutz nach einer nicht existirenden Schrift Dictzgen's: die Zukunft der Sozial- demokratie. Zur Tollheit gehören Hallucinationen. — Genosse Franz, bisher in Zürich, ist am 13. Mai, nach einer 17tägigen Ueberfahrt, mit seiner Familie in Amerika angekommen und bereits in die Redaktion des sozialistischen „Philadelphiaer Tageblatt" eingetreten. — Arbeiterrisiko. Am 7. Juni hat in einer Kohlen- grübe in der Nähe von Sanct- Helens(in Lancashire) eine sehr heftige Explosion stattgefunden, die Zahl der dabei um's Leben gekommenen Personen wird auf 200—250 angegeben. Correspondenzen» Berlin, 8. Juni.(Zum Falle Dentler.) Die achte De- putatton des Criminalgerichts begann in ihrer gestrigen Sitzung die Verhandlungen in dem Prozesse gegen unsere Parteigenossen den Redakteur der„Berliner Freien Presse", Leopold Schapira und Heinrich Rackow, und ferner gegen den Chef-Redakteur der „Berliner Bürger-Zeitung", Josef Gebert, wegen Beleidigung der Mitglieder der siebenten Deputation des Criminalgerichts, der sogenannten Preßdeputation. Jnkriminirt find drei Artikel der„Bcrl. Fr. Pr." in Nr. 100 des diesjährigen Jahrganges der Leitartikel„b'iat jnstitk" und das Referat über das Be- gräbniß Dentler's; in ersterem wird eine Beleidigung der Mit- glicder der siebenten Deputation, in letzterem eine Anreizung gefunden. Gebert ist auf Grund des§ 20 des Preßgesetzes aus dem Artikel„Der Fall Dentler" in der Nummer vom 5. Mai der„Berl. Bürger-Ztg." angeklagt, in welchem ebenfalls eine Beleidigung der siebenten Deputation erachtet wird. Der Straf- antrag ist in allen 4 Fällen von dem Stadtgerichts-Präsidenten Krüger gestellt, und behandeln dieselben sämmtlich die Verweige- rung der Entlassung Dentler's aus der Untersuchungshaft. Die Bcrtheidigung führte Rechtsanwalt Munkel. Sein Antrag, die Beweisaufnahme über die Behandlung Dentler's in der Stadt- Voigtei durch die Vernehmung der Aerzte Dr. Lewin, Physikus Wolff und Dr. Albu zu vervollständigen, wurde nach dem Ein- wände des Staatsanwalts, daß die neue Instruktion des Justiz- Ministers nur für Strafgefangene, nicht auch für Untersuchungs- gefangene gelte, abgewiesen. Die aus den Akten ausgezogene Nachweisung der Behandlung Dentler's in Stadtvoigtei und Charitä, die, wie man sich denken kann, sehr günstig für die Verwaltung sich stellte, insbesondere aber die Aussage des einzi- gen geladenen Zeugen, des Charitä-Jnspektors Krüger, über die- selbe Materie, wurden von Rackow und Schapira, sowie von der Verlheidigung, welche nunmehr im Interesse der Gleichheit der Rechtsprechung die Vernehmung des Professor Lewin von der Charit«, des JDr. Albu und des Kreisphysistls Wolff bean- tragte, in scharfer Weise angegriffen. Der Gerichtshof erkannte unter Aufhebung seines ersten Beschlusses nach dem Antrage der Vertheidigung und vertagte demgemäß die Verhandlung bis Ende dieses Monats. Mendsburg, 6. Juni. In der am 1. Juni d. I. im Collo- scum abgehaltenen Volksversammlung wurde folgende von Herrn H. Winge eingebrachte Resolution angenommen. In Erwägung, daß nach den Reichstagsberichten nur die sozialdemokratischen Reichstags Abgeordneten die Interessen des Volkes vertreten haben, spricht die heute tagende Volksversammlung denselben ihren Dank und Anerkennung aus, und ermuthigt sie, in der Zukunft auch auf dem eingeschlagenen Wege zu beharren. �artsruhc, den 5. Juni. Es geht uns folgende„Berich- tigung" zu: Tit.: Redakcion des„Vorwärts", Lechzig. Auf Grund des§ 11 des Preßgesetzes ersucht Sie der unter- zeichnete Ausschuß des polytechnischen Vereins zu Carlsruhe, folgende Berichtigung in die Spalten Ihres Blattes aufzu- nehmen: Die in Nr. 64 Ihres Blattes enthaltene Correspondenz aus Carlsruhe, gezeichnet A. 8., enthält eine entstellende, aus Ihrem Zusammenhang gerissene Darstellung der auf der außcrordent- lichen Generalversammlung vom 23. Mai stattgehabten Bor- gänge betreffs Abhaltung eines Kaisercommerses. Auf der be- treffenden Gencralversammlunz war überhaupt keine Meinungs- Verschiedenheit darüber, daß der Freude über den Mißerfolg des Mordanschlags auf Seine Majestät den Kaiser Ausdruck zu ver- leihen sei; nur über die Form, in welcher dies geschehen sollte, gingen die Ansichten auseinander. Der Antrag des Ausschusses auf Abhaltung eines Commerses wurde auch nicht, wie behauptet, mit Stimmenmehrheit abgelehnt, sondern erhielt nur nicht die statutengemäß nothwendige Zwei- drittcl-Mehrheit, während die absolute Mehrheit dafür war. Der Antrag auf Absendung einer Adresse wurde abgelehnt, weil es dafür zu spät war. Zur Klarlegung der Sachlage möge die Thatsache dienen, daß am Montag, den 27. Mai, von Seiten der Studentenschaft mit dem Professorencollegium und unter Anwesenheit Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs ein Cammers zu Ehren Seiner Majestät des Kaisers stattfand. Im Namen des Aus- schusses zeichnet Alfons Delisle, Schristsührer." Dies die„Berichtigung".„Berichtigt" wird blos, daß der Cammers nicht mit„Stimmenmehrheit", sondern mit der statuteu- mäßig genügenden Mehrzahl abgelehnt wurde. Ob diese sehr unwesentliche Diff-.renz das Papier Werth war, auf welches die„Berichtigung" geschrieben ist? Der am 27. Mai abgehal- tene„Cammers" dient nur zur Marlegung" der Thatsache, daß es unter der Studentenschaft Mitglieder giebt, die an solchen Tingen Gefallen haben, was nie bezweifelt wurde. Die Mit- theilung unseres A. 8.-Corresondentcn, daß in der fraglichen Generalversammlung sich Stimmen gegen den projektirten Fest- commers erhoben, wird in der„Berichtigung" nicht bestritten, deren Verfasser wohl zugeben werden, daß�ein Gegner der- artiger Demonstrationen zugleich anch ein Feind von Mord- anschlügen sein kann. R. d. V. An die Freunde der sozialistischen Sache im dritten württembcrgischen Wahlkreis! (umfassend die Oderämier Heilbronn, Bcpgheim, Bracken heim und Neckarsnlm) Da eS nach den neuesten Nachr chten so gut wie gewiß ist, daß der deutsche Reichstag aufgelöst wird und die Neuwahlen bis Ende Juli staitfinden, so laden wir hiermit alle diejenigen Freunde der sozio- listischen Sache, die für die Wahl eineS sozialistischen Kandidaten in unserem Wahlkreis thätig sein wellen, zu einer Besprechung ei» auf Tonntag, drti 23. Junt, Nachmittags 2 Uhr in das Lokal des Herrn Strohmaier am Süime.thor in Heilbronn. Jeder, der sich an dieser Besprech«nz bctheiligen will, muß sich durch zwei Nummern irgend eines Partei- oder Gewerkschaftsblatte- als Fr. und unserer Sache ausweisen. Wer nicht kommen kann und doch agitiren will, möge unserem Agenten Gustav Kittler, Frauenweg Nr.'4 in Heilbronn seine Adress einsenden. Heilbronn, den 10. Juni 1878. Die sozialistische Arbeiterpartei. Briefkasten der Redaktion: R. Sch. in Kray:„Das rothe Gespenst oder Bekenntnisse eines Sozialdemokralen". Großer politisch, sozialistischer- Zeitroman von Gottfried Bebel ist das einfältigste Zeug, welches je geschrieben worden, lediglich um den Arbeitern die Pfenn-ge aus der Tasche zu locken. Deshalb hat man auch irgend einen Men- scheu aufgetrieben, der zufällig Bebel he>ßt und ihn als Autor auf das Titelblatt gesetzt. Unser Parteigenosse Bebel heißt übrigens nicht Gott- fried, sondern August. der Expedition: Jul. Decker in Manchester: Das betr. Buch ist von uns bei der Vcrlagshandlung bestellt, aber bis jetzt noch nicht ein- gehoffen. Am 25. Mai trafen 26,52 Mk. ein. Fonds fiir Gemaßregelte. Bon M. Augsburg 1,40; Trtz Schönefeld 0,80; Kttgn Düsseldorf 5,00; Klmnn hier 0,50. Herzliche Bitte. Alle Abonnenten von„Klemich's Blättern f. qeist. Fortschr/V welche noch restiren, ebenso die Filialen meiner Äücher k. werde» dringend ersucht, sofort Abrechnung zu halten unter Benutzung der Adresse:„Frau Eugenie Klcmich in Dresden." Die zwingenden Gründe zu dieser Bitte kann sich Jeder denken. Parteiblätter werd.n um Nachdruck ersucht. Elemich, z. Z. Untersuchuugsgefangener in Glauchan. AnFägeu tto Anusuccu für die M i t t w o ch ö- Nummer muffen bis Montag Vormittags 9 Uhr; für die Freitagö-Nammer bis Mit»- woch-Vormittags 9 Uhr: für die SountagS-Nummer bis Frei- tag Bormittags 9 Uhr hier sein, wenn solche noch bestimm» Aufnahme finden sollen. Annoncen, denen der Betrag tuet beiliegt, oder für welche der Einsender kein Depot bei»nS hat, können eine Aufnahme nicht finden. 9Im Samstag, den 16. Juni, findet in Lotidoi; -*.vUvt.U. 85 Phönix-Temperence hall C'omercial road unc gr. Volksversammlung «ler Deutselien statt, in welcher die letzte Sozialistendemonstratioo, sowie die Verleumdung, welche dieselbe erlitten hat, gekennzeichnet werden soll. Es wird zu derselben Jedermann eingeladen. 11.00) Ehrhardt. KenvSZenselmktsvueMriieKerei zu Leipzig. Die diesjährige Ordentliche Generalversammiung findet am Donnerstag1, den 20. Juni, Abends 8 Uhr, in Leipzig im Restaurant der MTölbling'schen Brauerei, Windmühlenstr. 15 statt. Die Tagesordnung lautet: 1) Geschäftsbericht des Vorstandes. 2) Revisionsbericht des Aufsichtsrathes. 3) Eichtigsprcchiing der Jahresrechnung. 4) Feststellung der Dividende und Bestimmung über den Geschäftsgewinn. 5) Feststellung des Etats(ür das neue Geschäftsjahr. 6) Wahl des Vorstandes. 7) Bestimmung über den Sitz des Aufsichtsraths. 8) Antrag, Aenderung des§ 27 des Statuts betreffend. Laut§ 18 des Statuts steht es den Mitgliedern, welche nicht am Orte der Generalversammlung wohnen, frei, sich auf Grund einer eigenhändig unterzeichneten Vollmacht vertreten zu lassen. Die betr. Vollmachtsformularo, welche den Stempel der Genossenschaft tragen müssen, werden von dem mitunterzeichneten A. Geib, Hamburg, Rödlngsmarkt 12, auf Verlangen den Genossenschaftsmitgliedern zugeschickt.[2,60 Hamburg, den 30. Mal 1878. Der Aufsichtsrath. I. A.: J. W. Hartmann. H. Drasch. A. Geib. C. Derossi Allgemeine Deutsehe Assoclations-Buchdrukcrei zu Berlin. (Eingetragene Genossenschaft.) Die diesjährige Ordentliche Gcncralversamml»»g findet am Sonntag, den 2l. Juli, Morgens 10. Uhr, statt, und zwar in den Kefchästsräumtn der Association, Berlin SG. Kaiser- Franz-Grenadier-Platz 8a, Hof 2 Tr>ppen. Laut§ 21 der Statuten find etwaige Anträge zur Generalversammlung bis spätestens den 29. Juni d. I. bei dem Unterzeichneten einzureichen.— Nur diejenigen Mitglieder, welche gemäß Z 11 ihre Pflichten erfüllt haben, sind zur Stellung von Anträgen berechtigt. Hamburg, den 8. Juni 1878. Ter Anfsichtsrath. Im Auftrage: August Geib.[1,20 Agitations-Nummer 100 Exemplare 1,50 Mk. jede weiteren 100 Exemplare zu 1 Mk. liefert bei Einsendung des Betrages Die Expedition des„Vorwärts". Es bedarf wohl in jetziger Zeit keiner besonderen Anfenernng, um die Parteigenossen zu be- stimmen, daß sie für die weiteste und größte Verbreitung dieser Nummer, besonders in jenen Kreisen, wo bis jetzt unsere Prinzipien noch wenig oder gar nicht bekannt sind, Sorge tragen und in dieser Be- ziehung keine Mühe und kein Opfer scheuen. Am 10. ds. Mts., Morgens 5 Uhr, starb unser braver Mitkämpfer Carl Jnst zu Königsberg, Redakteur der„Königsberger Freien Presse." Dersslbe war seit Jahren mit Anstrengung aller seiner Kräfta ein nnerschrockener Kämpfer des vierten Standes. Sein biederor Charakter sichert ihm ein unauslöschliches Andenken.[3,90 Die Sozialdemokraten Breslaus. Berantwortlicher Redakteur: Julius Künzel in Leipzig. Redaktion uno Expedtnon Ftrberstraße 12. II in Leipzig. und Verlag der GenvssenschastSbuchdruckerei in Le-pzig.