Irsch eint in Leip>iz MlltOOlb. Freitag, Sannt»». »daunemenlSprcis tdr gaiij Deiillchland I Mark 6« U. pro Quorlat. Ronnt«-Abonnement» »54®. »arten bei allen deutschen Povanstalten aas den 2. und 3. Monat, u»d aus dr» », Monat besonder» angenommen. J»ser»te »Mr. Lersammlungen pro Betitjeile 10 Pf. Mr. Priraiangelegenheiten und Feste pro Petit, eile 30 Pf. Vesteltungtn nehmen an alle Pc-llanstalten und Buchhand» lungen dce An- und Auslände», Filtal- Erprditionen. Reio-lgort: Mr. grau, Aanscher, 177 blln» Str. eoroer Leoome.— Wr. hierin. Nitzsche, JW Wert— 37 Str. Philadelphia! P. Hab,»03 üortl, ZeU Street. I. Voll, x. L. dar lldnrlott«&, George Str. �obolm N. J.: F. A. Sorge, 21b WaaK- ington Str. Thicag«: A. Lansermanu, 7» Ll�daarne»,». San FranziSc»! F.Tnd,»130'?»rreII Str. London W.: Wilh. Hoffinan», 37X l'rtn- ee» Str. L,e!ee»ter Squ. Kentrat Hrgan der Sozialdemokratie Deutschtands. Nr. 72. Freitag, 21. Juni. 1878. Abonnements- Einladimg. unter diesen Umständen die Antwort, welche die Nation auf die Auflösung ertheilt, nimmermehr gewissenhaft ausfallen Mit dem 1. Juli 1878 beMnt ein neues Quartal, und Äber dennoch! Wir treten mit aller Energie ein in den !0i v™"tr r fi■ v J161 au� wochent- Wahlkampf, weil dadurch erst die Kampfesmittel unserer Gegner lich dreimal erscheinende Parteiorgan auf. � den Pranger gestellt werden können, und weil wir aber auch Der Preis beträgt 1 Mark 60?s. pro Quartal für ganz das felsenfeste Vertrauen auf die großartige Kraft und Opfer- Deutschland. freudigkeit der Arbeiterklasse haben, daß sie trotz Sturm und Alle Postanstalten und Buchhandlungen nehm-.n Abonnements Unwetter das anvertraute Rettungsboot, welches die Menschheit entgegen. vor dem Untergänge bewahren soll, durch Klippen und Brandung Denjenigen Abonnenten, welche das Blatt per Kreuzvand mit sicherer Hand hindurchsteuern wird. beziehen, wird dasselbe in folgender Weise berechnet: �_! Auch die bevorstehende Reichstagswahl in Deutschland wird für Deutschland, Ungarn, Helgoland und Luxemburg bei wöchentlich dreimaliger Zusendung 3 Mark pr. Quartal; bei wöchentlich einmaliger Zusendung 2 Mark 30 Pf.; für die Schweiz, Serbien, Belgien, Skandinavien, Italien, zeigen, daß das Boot wohl hin und her geworfen werden kann von den Parteiwogen, daß es aber den Cours nicht verliert und ein gutes Stück Weges vorwärts kommt. - Am Steuer sitzt das Recht, die Freiheit ist die Führerin und die Niederlande, Großbritannien, Rumänien, Portugal, djx Ruder werden getrieben von der unverdorbenen Volks- Frankreick, Spanien, Türkei und Bereinigten Staaten �aft.____ von Amerika bei wöchentlich dreimaliger Zusendung Am 30. Juli wird die für längere Zeit entscheidende Wahl- 4 Mark, wöchentlich einmal 2 Mark 50 Pf� �_ schleicht geschlagen werden unter den schwierigsten Verhältnissen für die Sozialdemokratie, die deshalb auch in Bezug auf die Wahlvorbereitungen und den Wahlkampf selbst eine von früher etwas abweichende Taktik verfolgen wird. Es kann uns diesmal nicht darauf ankommen, eine möglichst große Gesammtzahl von Stimmen zusammenzubringen, sondern im wir müssen, der so heftig andringenden Reaktion gegenüber, auf möglichst viel positive Erfolge bedacht sein. Unsere ganze Couvertsendunqen innerhalb des deutschen Postgebiets incl. Oesterreich- Ungarn, Luxemburg und Helgoland wöchentlich dreimal 10 Mark pr. Quartal, wöchentlich einmal 4 Mark 80 Pf. pr. Quartal. Der Abonnements-Betrag ist bei Bestellung einzusenden. In dem Zeitungskatalog steht der„Vorwärts Nachtrag IX, unter Nr. 4132, Seite 2. Für Leipzig und Umgegend ist der Abonnementsprcis mit s�igie muß sonach aus dieMigen Walstkrcise verwendet werden, Bringerlohn) auf 1 Mark 80 Pf. pro Quartal und 60 Pf. pro b""n"" w-rd-n Monat festgesetzt. Man abonnirt bei der Expedition d. Bl. Färberstraße 12/lI, in der Expeditton der„FackelP kl. Fleischer- gasse 15 pari., bei unserm Eolporteur Bäsch, Hospitalstr. 6/IV, und im Cigarrenladen des Hrn. Peter Krebs, Ulrichsg. 60; für die Umgegend von Leipzig bei den Filialexpedittonen: Hotk- «arsdorf, Reudnitz, Zleuschönefeld ic. ic. bei Frau Engel, Reudnitz, Täubchenweg 29, 2 Tr.; für ßonnewitz zc. Hackert, Kürze Str. 10 part.; für Kleinzschocher und Htmgegend bei F. Trost Hauptstr. 10 1; für Thonberg beiBösch, Hospitalstt. 6/IV dahicr; für Neureudnitz bei Zschau, 15 I; für Köhlis ic' in«schdser, Eisenbahnstraße 8; für Stötteritz bei E. Grude, An der Papiermühle; für-xragwitz-Lindenau bei Frau Grebenstein, Aurelrenstr. 3; für Eutritzsch bei W. Knobloch, Marienstraße. Für ZZertin wird auf den„Vorwärts" monatlich für 75 Pf. ifrei in's Haus) abonnirt, bei der Expedition der„Berliner Freien Presse", Kaiser-Franz-Grenadier-Platz 8» und Rubenow, Brunnenstr. 36 a, im Laden. Die Leipziger Abonnenten werden noch besonders darauf aufmerksam gemacht, daß bei alle« Stadtpost-Filialen Quartals- Abonnements angenommen werden. Leipzig. Expedition des„Vorwärts". Färberstraße 12. II. „An das Gewissen der Nation" Wendet ssch bei den bevorstehenden Neuwahlen nach ihrer eigenen Erklärung die deutsche Reichsregierung. Gegen diese Phrase kann Niemand etwas einwenden und be- sonders dann nicht, wenn die Regierungsorgane das„Gewissen der deutschen Nation" bei seiner Rückäußerung nicht unrechtmäßig beeinflussen, wenn die deutschen Regierungsorgane eine voll- ständige freie Wahl dem deutschen Volke ermöglichen. Wie die Wahlprüfungen im deutschen Reichstage bisher schon gezeigt haben, ist es mit der freien Wahl nicht immer sonder- lich gestellt gewesen: Pastöre auf den Kanzeln. Gensdarmen und Schutzleute haben direkt und indirekt die Wahlen„machen" helfen. Und alle Anzeichen sind vorhanden, daß die bevorstehenden Wahlen nicht frei sein werden von allerlei Beeinflussungen, die von der Macht ausgehen. So wird aber das„Gewissen der mJeiner freien Willensäußerung beeinträchtigt, und der ffie„?™ane.lbe hat keine Bedeutung. dcmokraiis�" �on die Hindernisse sieht, welche den sozial- selbstständin �hlern, dem arbeitenden Volke, soweit es werfen öerff,«0"» iutreten und seine Stimme in die Wagschale zu versammluno-n m��ugethmmt werden: Auflösung von Wahl- dann siebt-« des Sammelns von Wahlgeldern— Nation" merkwü>� dem Appell„an das Gewissen der daß die°us. oder aber man müßte annehmen, d eut�ch e' N aU o n � x r e ch n-'t � Da« Land nfi», 8 ,ej9net werden sollen. in die Ackt erklärt ieine besten, seine edelsten Söhne Rande � aÄV beschichte lehrt, schon dicht am wir°lso nach den Maßnahmen zu urtheilen, die jetzt schon getroffen werden, kaum die Hoffnung Derer zu theilen lÄ!'.«.M S™ fc,!' d-?'ich»> S-HS-d'»»ürk» in denen ein Sieg der Sozialdemokratie erzielt werden kann. Für diese Wahlkreise, die als offizielle bezeichnet wer- den und die auf dreißig veranschlagt sind, muß die ganze Partei wie ein Mann einstehen. Es darf kein Groschen unnöthig verausgabt werden in Gegenden, in denen wir nur mit sogenannten Stimmenzähl- Candidaturen austreten können. In solchen Stadt- und Jndustricbezirken mag man selbstständig vor- gehen, wo dies mit wenig Mühe und Kosten verknüpft ist; in solchen Bezirken aber, die man von vornherein als ungünstig kennt, namentlich in noch wenig bearbeiteten ländlichen Gegen- den, möge man für diesmal sich der Agitation für sozialistische Wahlen gänzlich enthalten. Alle verfügbaren Mittel sende man an die Centralkasse ein, damit die Partei in den Stand ge- setzt wird, in den offiziellen Kreisen eine möglichst kraftvolle Agitation entfalten zu lassen. Es gilt diesmal nicht, Heer- schau zu halten über die Massen der Sozialdemokratie, sondern es gilt, das bereits eroberte Terrain zu behaupten und neues zu erringen im Kampfe mit der von allen Seiten anstürmen- den Reaktion. Im Uebrigen ist unsere Stellung trotz der vielen Wider- wärtigkeiten, die auf uns einstürmen, keine so ungünstige, wie vielfach gesagt wird. Die conservativen und offiziösen Blätter erklären mit großer Offenheit, daß der Kampf der Regierung allerdings auch gegen die Sozialdemokraten, aber in nicht geringerer Weise gegen die Liberalen und Fortschrittler gerichtet sei. Die Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemokratie sind nur die Lockspeise, um die simplen Wähler zu fangen. Es handelt sich in Wirklichkeit um 3— 400 Millionen Steuern mehr! Es handelt sich um das Tabaksmonopol! Es handelt sich um die Verlängerung der gegenwärtigen hohen Präsenzstärke des deutschen Heeres und der enormen drückenden Militärlasten! Dies Alles soll das liberale Vürgerthum gewähren, dafür erhält es einige Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemokratie, die im günstigsten Falle weder schaden, noch nützen— wir sprechen hier vom Standpunkte eines liberalen Bürgers aus— ini un- gm stigen Falle aber die Sozialdemokratie zu noch höherer Blüthe führen. Dies merken auch jetzt bald die lange Zeit mit Blindheit geschlagenen Liberalen. So erhalten wir anstatt einer allgemeinen, organisi-ten Sozialistenhatz einen äußerst bunten Parteikampf— die Reaktionäre gegen die Fortschrittler, die Liberalen gegen die Cleri- calen, diese gegen die Regierungscandidaten oder gegen die Libe- ralen. Christlich-Soziale, Agrarier und Schutzzöllner verwirren den Kampf noch— geschlossen und fest steht allein die Sozial- demokratie da. Deshalb steht unsere Sache gut. Aber auch der Stolz der Arbeiter ivird erwachen ob all' der unerhörten Maßregel», von denen sie getroffen werden und die ihnen ihre freie Ucberzeugung rauben sollen. Für diese Ueberzeugung werden sie am 30. Juli kämpfen. Und von diesem Standpunkt aus appelliren auch wir an das Gewissen der deutschen Nation. Sozialisten und Meuchelmord. (Aus dem Centralorgan der englischen Gewerkschaften: „Indnstrial Review" vom 15. d. M.) c"'■' an„„A c.„&''i ri""-oryvrvr» luueuwff Die Leser unserer Zeitungen werden es kaum bedauern, daß eine srele Wahl auch den Sozialdemokraten, den Arbeitern ge- die Hrn. Redatteure ein Thema gefunden haben, durch welches statten, so soll uns das doch nicht abhalten, in den Wahlkampf in das tödtliche Einerlei der in langweiligen und verwirrenden einzutreten, der ja außer den behördlichen Maßregeln ungleich Artikeln behandelten orientalischen Frage etwas Abwechslung ge- größere, welche die besitzenden Klassen gegen die abhängigen Ar- bracht wird. oener ergreifen, zeigen wird.„Bogel friß oder stirb!"— wird Schade nur, daß dieses neue aufregende Thema ein versuch- oaver die Parole der Arbeitgeber lauten; entweder du wählst ter Meuchelmord ist; aber das läßt sich nun einmal nicht ändern..........,— cm- �?iialdemokrate n, odi"- du kommst von Lohn und Brod! Das bloße Schießen(tlie mere shooting) auf einen König, cweifiir eine abscheuliche Lüge(liiäeous kalsebooä) halten, und spkwtt /»itoi nnn htpf<»r i.!. � unfoy' imnr für eine vom Parteihaß zu Parteizwecken zusammengekochte wie dies der Versuch, das Ausnahmegesetz durchzusetzen, gemacht hat. Der Kniff ist unter den polittschen Macht- Philipp und unsere Königin Viktoria sind so vielen Mordver- suchen ausgesetzt gewesen, daß das Thema vollständig erschöpft ist, soweit der einfache Fürstenmord ins Spiel kommt. Handelte es sich einzig um die Rettung des Kaisers vor den Kugeln zweier Elenden, die auf ihn feuerten, so würden die Zeitungen wenig zu schreiben haben, was irgend Jemand des Lesens Werth fände. Nach allen Nachrichten sind diese beiden Möchte-gern-Fürsten- mörder(wonlä de King-Killers) höchst verächtliche Personen— erbärmliche, halbirrsinnige Subjekte, deren Roth und Leidenschaf- ten, zusammenwirkend mit ihrer Verrücktheit, sie zu Verbrechen trieben, zu deren Vermeidung ihnen die Kraft, und zu deren richtiger Ausführung ihnen die Entschlossenheit und das erforder- liche Geschick fehlte. Die Presse(d. h. die Bourgeoispresse) Großbritaniens füllt aber, indem sie den Wunsch der deutschen Staatsmänner, diese Attentate mit den deutschen Sozialisten in Verbindung zu brin- gen, Tag für Tag ihre Spalten mit Jagd- und Mordgeschichten („eeek and bull" stories) der lächerlichsten Art, in der Absicht, einen Zusammenhang zwischen Hödel- Nobiling und den deutschen Sozialisten nachzuweisen, als ob heutzutage die Theorie des Meuchelmords und die Praxis des Fürstenmords Dinge wären, die Zehntausende von Menschen in Deutschland, Amerika, Frankreich und England als das beste Mittel zur Erreichung ihrer politischen Zwecke betrachteten. Etwas Monströseres als dies kann man sich unmöglich denken. Vor einigen Tagen er- zählte uns die„Times", überall in den Vereinigten Staaten bewaffneten sich die Sozialisten in der Absicht, dem Gesetze zu trotzen und das Eigcnthum des Landes an sich zu reißen. Der gesunde Menschenverstand mußte Jedem sofort sagen, daß das Ganze eine gewöhnliche Reporter- Ente war; statt aber die Sache so aufzufassen, schrieben die Zeitungen ernsthafte Leitartikel, und brachten die Trabes- Unions und alle anderen Bewegungen und Organisationen, an denen Arbeiter theilnehmen, in Zusammen- hang mit diesem angeblich drohenden revolutionären Ausbruch. In Deutschland sind derartige Gerüchte sehr kunstreich ange- fertigt und verbreitet worden. Hr. Krupp ließ sich vor Jahres- frist, in einer Ansprache an seine Arbeiter, sehr lebhaft über Gewerkschaftswesen und Sozialismus aus. Das neuliche Be- gräbniß eines Sozialistenführers in Berlin wurde mit drama- tischem Effekt verarbeitet. Ein so fetter Bissen war unwider- Der(angebliche) Unfug in den Straßen und die(an- lriqcm■ stehlich. gebliche) Gotteslästerung und Unordnung an dem Grabe ent- sprachen so vollkommen den Anstandsbegriffen der Sozialisten und vernünftigen Arbeiter, daß die„Times", der„Daily Tele-. graph" und die„Pall Mall Gazette" nicht umhin konnten, das alberne Zeug zu glauben, es zu veröffentlichen und lange Com- mentare zu schreiben. Natürlich war Alles nicht wahr, wie durch das Zeugniß von Leuten, welche der Leichenfeier beiwohnten, festgestellt wurde. Jndcß die„Berichtigungen" fanden wenig Gnade und konnten nur verstümmelt zum Abdruck gelangen. Die Lüge war nützlich, oder galt doch den„Freunden des Eigen- thums und der Ordnung" für nützlich, und man ließ ihr des- halb freien Lauf. Die Personen, die solche monströse Verleumdungen gegen das Volk in all seinen Bewegungen schreiben, stehen mit den Hödel's und Nobiling's genau auf der- selben Stufe. Sie begehen ein meuchlerisches Attentat auf den Ruf des Volkes, während die genannten Elenden verzweifelte Attentate auf das Leben von Fürsten verüben. Die verbrecherische Handlungsweise der Zeitungsschreiber ist sichrer und wird besser belohnt, ist aber im Ganzen noch nieder- trächtiger als die der hirntollen Fürstenmörder(dut is upon the whole meaner than that of insane regicides). Wer die friedliche Fortentwicklung der Gesellschaft wünscht, muß selbstver- ständlich den Meuchelmord verurtheilen, ja sogar eine bewaffnete Erhebung, es sei denn, daß dem Volk kein anderer Weg für die im Interesse der Gerechtigkeit und des Rechts nothwendigen Ver- änderungen offen gelassen werde. Die Sozialisten Englands wie der übrigen Länder sind freier von Gedanken der Gewalt- that als irgend eine andere Reformpartei(Tbe socialists whether in England or elsewhere are freer than any other body of reformers from thoughts of violence). Der Grund liegt auf der Hand. Sie haben wirthschaftliche und sonstige Plane, deren Verwirklichung nur in Frieden begonnen und nur durch eine im Frieden allein mögliche Disziplin des Denkens und tandelns durchgeführt werden kann. Wie könnte der Tod eines aisers oder Königs die Geister diszipliniren und ein gesell« schaftliches und wirthschastliches System ins Leben rufen, welches methodischer Vorbereitung und, bei seiner Ausführung, des Frie- dens und der Zustimmung des Publikums bedarf, wenn der Erfolg gesichert werden soll? Wir fragen ferner, wie könnte der Meuchelmord als das Geheimniß einer Partei bewahrt werden, die Jeden, der mit ihren Zielen sympathisirt, in ihre Mitte aufnimmt? In Deutschland haben die Sozialisten ihre Zeitungen, und sie haben mehrere Vertreter in dem deutschen Parlament. Um anzunehmen, daß die Sozialisten an den Meuchelmord glauben und heimlich dazu aufmuntern, müßte man erst annehmen, daß der allgemeine Gesellschaftskörper, aus welchem die sozialistische Partei ihre Anhänger zieht, schon eine starke Neigung zum Meuchelmord hat. Die Verleumdung richtet sich also nicht blos gegen die Sozialisten als solche, sondern gegen die Gesellschaft im Allgemeinen: gegen die Männer, Frauen und Kinder, mit denen wir im täglichen Leben verkehren. Wir stehen nicht im, auf's Entschiedenste zu erklären, daß wir eine solche Annahme habern ebenso abgestanden, wie das RingespieP) unter den Gaunern. Und wenn auch in dem kleinen Parteigezänk die Anklage des Meuchelmords selten ist, so wird dafür desto ungenirter gegen jeden nicht ganz orthodoxen Gedanken über gesellschaftliche und wirthschaftliche Fragen die Anklage des Communismus und eines Attentats auf das Eigenthum geschleudert. Ehrliche Bürger können nicht genug auf ihrer Hut sein gegen Menschen, die sich so unredlicher Mittel b. dienen. Nichts ist im politischen Kampf gewöhnlicher, als eine solche Schurkerei des Anklagens(rnscalitz' of accusation). Der Ruf einiger der tüchtigsten Charaktere ist auf diese Weise geschä- digt oder zerstört worden. V.Hammer hat die„Geschichte der Assassinen"**) geschrieben, aber die Meuchelmörder(Assassinen) waren Orientalen, nicht Deutsche oder Engländer. Wir haben auch von der geheimnisvollen Mördergesellschast der Thugs in Indien gehört. Engländer und Deutsche haben jedoch keine Aehnlichkeit mit diesen, und es ist eine ungeheuerliche Verletzung der Wahrheit, eine Verleumdung auszustreuen, die einen Theil der Völker Europas auf eine solche stufe der Infamie herab- drücken will. Die Leichtfertigkeit, mit welcher die„Times�, die „Pall Mall Gazette" und andere Zeitungen die Attentate auf den deutschen Kaiser als eine Frucht des Communismus, als das Resultat einer communistischen Verschwörung hinstellen, ist einfach ein Frevel an der Moral und dem gesunden Menschen- verstand. Hödel scheint ein verzweifelter Halbidiot(a desperate imbecile) gewesen zu sein, und Nobiling ahmte ihm nach, wie ein Verrückter den Akt des anderen nachzuäffen pflegt. Ein ver- kommener Hallunke schoß einst auf unsere Königin— flugs fanden sich irrfinnige Nachahmer, welche das verbrecherische Attentat wiederholten. Vor einigen Jahren stürzte sich eine verrückte Frau von dem Monument(einer hohen Säule in London) herab— und dies war das Signal für eine andere verrückte Frau, dasselbe zu thun. Wir wollen dies nicht für eine Erklärung ausgeben— da wir die eigentlichen Ursachen und Triebfedern der beiden Atten- täte auf den Kaiser ebenso wenig kennen, wie die Redakteure der „Times" und der„Pall Mall Gazette". Wir sind bereit, jede andere Erklärung zu acceptiren; unmöglich können wir aber auch nur für einen Augenblick glauben, daß ein namhafter Theil des Volks in Europa und Amerika den Mord als ein Mittel zur Förderung politischer Zwecke betrachtet und heimlich predigt. Es ist schlimm, daß man Politiker und Zeitungsschreiber der Fabrikation so infamer Verleumdungen anklagen muß, aber dies ist doch bei Weitem der Annahme vorzuziehen, daß es eine Partei geben könne, welche ein so empörendes Verbrechen wie den Meu- chelmord für gerechtfertigt hält und ausübt. Lloyd Jones. Aus Berlin. -- den 16. Juni. Die heutige Berliner„Bolkszeitung" bringt in ihrer Wochen- Übersicht sehr beherzigenswerthe Worte, wobei nur zu wünschen wäre, daß sie und ihre Partei auch nach solchen Worten handeln möchten. Nachdem die„Volkszeiwng" die Haltung der Ratio- nalliberalen bei der Attentatsvorlage und nach dem zweiten Attentat verglichen hat, kommt sie zu der Ueberzeugung, daß ein großer Theil der Nationalliberalen nach rechts neige und etwaigen Ausnahmegesetzen seine Einwilligung ertheilen würde. Doch hören wir die„Volkszeitung" zunächst selbst: „Die Regierungsvorlage wurde mit großer Majorität ver- worfen.—--- Da kam das zweite Attentat. Obwohl kein irgend ruhigdenkender Mensch heute, nachdem sich herausge- stellt, daß so ziemlich Alles, was über Nobiling seit dem Attentate geschrieben worden, erlogen ist, sich schon ein Urtheil über die Motive und die intellektuelle Urheberschaft der That— wenn dabei überhaupt von einem Intellekt ') Eing dropping— eigentlich: das Fallenlassen eines Rings— ein bekannter Trick, der dorm besteht, daß ein Gauner auf der Straße, bei Jahrmärkten rc. nach einem angeblich verlorenen Ring sucht, und dadurch einen Auflauf bewirkt, der es den„Verbündeten" leicht macht, die Taschen zu leere«. **) Wörtlich die Hanfesser; so nannte sich eine Sekte von muha- medanischen Fanat kern, die fich durch Hanfgenuß in Tollwuth ver- setzten, und dann blind dara is los mordeten. Au» dem türkischen Wort baseüaeebim ist das französische und englische assaaam, Meuchelmörder, geworden, v. Hammer hat die Geschichte jener muhameda- nischen Sekte geschrieben— im englischen T°xt wird aber das Wort in seinem doppelten Sinn genommen. An die Deutschen. 3. Juni 1878. Von Felix Dahn. Senket von Sedan die Siegesfahnen, Senket die Häupter in Scham, Germanen! „Treue der Deutschen"— ein Wort der Schande! Unsere Schmach schreit über die Lande! Nimmer des Lorbeers, des Oelbaums Reiser Schirmen das theure Haupt dem Kaiser! Heilig dem Fremden dies Angesicht— Aber dem Wahn der Deutschen nicht!— Giftige Fäulniß ergriff dies Geschlecht: Aber gedenkt, daß der Jugend Recht, Daß es die Zukunft zu retten gilt! Such erhebet des Rechtes Schild; chlagt mit dem Schwert des Kaisers daran: In der Scheide nur trug es der mildeste Mann! Dröhnend und drohend über das Reich Schalle der eherne, warnende Streich: Frevler zu schrecken, Säum'ge zu wecken, Alle zu mahnen, den Kaiser zu decken! Wahrlich. Ihr deckt mit dem Kaiser zugleich Nicht nur die Ehre, den Ruhm und das Reich— Alles, was heilig und edel und theuer: Bildung und Zucht und des Herdes Feuer! Laßt, ihr verblendeten Brüder, das Zanken! Fühlt ihr den Boden des Hauses nicht wanken? Tretet sie aus die aufzüngelnden Flammen— Krachend sonst brechen die Balken zusammen! Germantscher Unsinn. Antwort an Felix Dahn. Senke, o deutsches Volt, die Fahnen, Hoch„die Könige der Germanen".*) *) So betitelt sich ein geschichtliches Werk Dahn's, welches nicht sozialdemokratisch ist, und dennoch blüht dort Hinterlist, Treubruch, Todtschlag und Mord aufs Ueppigste. die Rede sein kann— anmaßen wird, so hat doch bereits da-jenige Organ, die Dernburg'sche„National-Zeitung", welches bisher als das tonangebende der nationalliberalen Partei galt, mit einem Häufchen von etwa 30 Dissidenten sich in offenen Widerspruch gegen die Partei gesetzt, gerade als ob die Ablehnung der Sozialistenvorlage mit dem zweiten Attentate in einem ursächlichen Zusammenhang stünde, was doch im Ernst kein ver- nünftiger Mensch behaupten wird. Damit war das langersehnte Ziel, der Riß in der nationalliberalen Partei, erreicht; es galt nun. ihn zu einem dauernden zu machen. Dazu hätte wohl die Einberufung des alten Reichstages genügt; denn ebenso sicher wie nunmehr ein Theil der Nationalliberalen der Regierung zu- gelaufen wäre, ebenso sicher hätte ein erheblicher Theil an seinem verneinenden Votum festgehalten; denn das zweite Attentat, das Attentat eines der gebildeten Gesellschaft angehörigen excentrischen Menschen, der trotz aller Bemühungen in dieser Rich- tung ebensowenig selbst als Sozialdemokrat hat ent- larvt werden können, wie es gelungen ist, seine That als die letzte Consequenz sozialistischer Demagogie zu enthüllen, dieses zweite Attentat hatte an der durch das erste geschaffenen Sachlage nichts geändert, wenn man es nicht als mahnenden Hinweis darauf ansehen will, wie wenig die Aus- nahmemaßregeln den Kern der Sache getroffen hätten." Und weiter sagt die„Volkszeitung" in dem, vom antisozia- listischen Standpunkte aus betrachtet, sehr vortrefflichem Artikel: „Inzwischen aber hatte die offiziöse im Berein mit der Land- rathspresse und einem großen Bruchtheil der urtheilslosen kleinen Lokalpresse und unterstützt durch die Entenzucht der Berliner Reporter aus dem Nobiling'schen Attentat mit sol- chem Erfolge politisches Kapital zu machen gewußt, daß eine Rechtsschwenkung im Volke deutlich zu Tage trat. Diese ver- änderte Stimmung wurde sofort benutzt." Alles sehr gut! Wenn nur die Berliner„Volkszeitung" nicht auch die meisten Reporterenten in ihrem Teiche hätte schwimmen lassen?! Doch hören wir noch weiter: „So wurde denn die Auflösung des Reichstages am 11. im Bundesrathe beschlossen; die Neuwahlen sind zum 30. Juli an- beraumt. Das Schlagwort, das man vom Regierungstische aus in den Wahlkampf geschleudert hat, ist das Attentat; in Wahr- heit wird es sich darum handeln, ob Fürst Bismarck seine wirthschaftlichen Reformpläne durchsetzen kann. Hätte es sich wirklich nur um die Sozialistenvorlage gehandelt und wäre die Regierung in der Lage, der Reichsvertretung gegenüber, das zweite Attentat als ein neues Belastungs- Moment gegen die Sozialdemokratie und als Rechtfertigung für die Vorlage geltend zu machen, so würde sie auch mit dem früheren Reichstage zum Ziele gekommen sein; das ist aber eben nicht der Fall. Das Attentat ist das Feldgeschrei, aber dem Liberalismus gilt der Krieg----." Wiederum Alles sehr gut!— Aber merkwürdigerweise hat die Fortschrittspartei an der Spitze ihres Wahlaufrufs das Losungswort:„Entfernung der Sozialdemokraten aus dem Reichstage" gesetzt. Der Eugen Richter'sche Haß ist eben mit der Vernunft davon gelaufen. Die Sozialdemokratie verlangt von den Fortschrittlern keine Schonung, noch viel weniger Unter- stützung, aber jeder einsichtige Fortschrittler sollte sich sagen, daß im Augenblicke drohender politischer und wirthschaftlicher Re- aktiv» die Anhänger der Sozialdemokratie in vielen Wahlkreisen den Ausschlag geben dürfte. Auch weiß man, daß mit dem Jahre 1881 der eiserne Militäretat sein Ende erreicht, daß von da ab der Reichs- tag in militärischen Dingen wieder etwas mitzusprechen hat. Der am 30. Juli dieses Jahres gewählte Reichstag aber dauert bis zum 30. Juli 1881; er hat also in seiner letzten Session noch Gelegenheit, die drückende Militärlast auf weitere 7 Jahre oder gar auf unbestimmte Zeit hin zu ver- längern. Unter dem Drucke der Attentate soll eine reaktionäre, ge- fügige Majorität geschaffen worden! Die„Bolkszeitung" sagt selbst, daß die Sozialdemokratie diesen Attentaten fern stehe— weshalb also in dieser Zeit, wo alle Volksrechte bedroht sind, das tolle, kopflose Wüthen gegen eine Partei der Freiheit? Weshalb nicht, wie früher energischen Kampf gegen uns, aber doch keinen taktlosen und selbstmörderischen? Weshalb also bläst die Fortschrittspartei in dasselbe reaktionäre Horn mit den an- deren Parteien gegen uns? Also doch: reakttonäre Masse! Der Haß gegen die Sozialdemokratie treibt den Liberalis- Treue der Deutschen— ein Wort der Schande? Tugend im ersten und sechsten Bande! Felix Dahn hat Alles beschrieben Wie es die Ahnen, die edlen getrieben. Wie fich Graf und Herzog morden. Ist die Welt nicht schlechter worden? Wer schlich heimlich in das Gemach Philipps von Schwaben? Der Wittels b ach. Mit dem Schwert, dem blanken, schlug Er in Stücke des Herzogs �.rug. Dieser Ahnherr war kein Lamm, Wittelsbach von. Bayernstamm. Lohengrin ist nock gesund, Gott sei Dank. Doch Telramund Wollt' ihn tödten— weh und ach!— Wollt' ihn tödten im Brautgemach. Oder ist der Graf gerathen Aus Vcrsehn in die Kemenaten? Siegfried blutete beim Genicke Von der Brunhilv zornigem Blicke. Eine Königin war sie— und Vom verlorenen Burgund. Albrecht von Habsburg, der Heldenkaiser, Der in der wogenden deutschen Schlacht Adolf von Nassau umgebracht, Weigert Johann die Lorbeerreiser. Hans, der auch ein Herzog war, Zog den Dolch; der härme Streich Schallte in's Herz dem ganzen Reich. Mörder ein Fürst! Wie sonderbar! Lasier, Deutsche, verblendetes Zanken, Würde sonst nicht der Giebel wanken? Auf zum Kampfe des R iches Uhlanen, Heruler, Teukterer, Sachsen, Alanen! Werdet Alle westgothische Krieger! Schlagt an das Schild ihr vandalischen Sieger, Sonst Walhall' und Tuiskons Land Frißt Muspilli, der Weltenbrand. Gennanus. mus und den Fortschritt zum Selbstmord, das rothe Gespenst wirkt; die Tragikomödie, welche in dem Gedichtchen:„Der Ochs und das Morgenroth" uns vorgeführt wird, erfüllt sich bei den Liberalen und Fortschrittlern und mit ihr die Weltgeschichte, welche keinerlei Halbheiten auf die Dauer duldet.---— Der neue Handelsminister Maybach macht jetzt auch schon in Sozialistenhetz-. Er hat an die Handels- und Gewerbe- kammern eiii_ Schreiben gerichtet, in welchem er auf die Ge- fahren der Sozialdemokratie aufmerksam macht und die Gewerbe- treibenden auffordert, die sozialdemokratischen Agitatoren zu be- kämpfen. Selbstredmd befindet fich unter den Bekämpfungs- recepten auch das der Entlassung der Sozialdemokraten aus den Fabriken und Werkstätten. Schon einmal hat ein preußischer Minister, der jetzt verflossene Minister Camphausen, den deut- scheu Arbeitern einen Liebesdienst geleistet, als er die Fabrr- kanten aufforderte, die Löhne herabzusetzen, sie also in mate- rieller Hinsicht zu drücken, der Liebesdienst des neuen Herrn Handelsministers besteht nun darin, daß er die Arbeiter voll- ständig unter die geistige und moralische Botmäßigkeit der Ar- beitgeber stellen will. Sage man doch nicht, man wolle nur „sozialdemokratische Ausschreitungen treffen" man trifft selbst- verständlich und naturgemäß die gesammte Arbeiter- klasse. Jedes noch so berechtigte Widerwort, welches mit der Sozialdemokratie nichts zu thun hat, wird unter die„sozialde- mokratischen Ausschreitungen" gebracht, so daß von nun an in Fabriken und Werkstätten die Parole lauten wird:„Maul halten oder Entlassung! Selbst dem Gr. Max Hirsch ist solche Agitation gegen die Arbeiter zu arg; er befürchtet, daß man dieselben Maßregeln auch gegen fortjchrittliche oder liberale Arbeiter anwenden könnte. Auch meint er, daß man durch die plötzlichen Entlassungen der sozial- demokratischen Arbeiter nur Märtyrer oder Heuchler erzöge. Das ist Alles ganz gut! Aber merkt Herr Dr. Max Hirsch nicht, daß gerade er durch seine Schweiswedelei den Fabrikanten gegenüber, die er so oft unter allerlei Harmoniegedudel der Ergebenheit der Arbeiter versichert hat, dann durch sein wüstes antisozia- listisches Treiben die heutigen Fabrikantenmaßregeln mitver- schuldet hat? Die Fortschrittler haben am meisten gegen die Sozialdemokraten gehetzt, sie haben sich dabei sticht gescheut, Bündnisse mit allen reaktionären Elementen zu schließen; wenn es ihnen nun auch an den Kragen geht, so tragen sie daran selbst die Schuld. Noch aber kann ich Ihnen mittheilen, daß bis jetzt mit einigen Ausnahmen lediglich die schlechtesten Elemente (Bankrotteure, Gründer und frühere Schwindler) unter den Fabrikanten mit ihren Maßregel» gegen die sozialdemokra- tischen Arbeiter vorangehen. Sehr natürlich, da sie ihr Thun und Treiben, welches das Licht nicht gut vertragen kann, in dem allgemeinen Trubel zu verd-cken hoffen, aber auch deshalb, um später bei einem neuen Bankrott jammernd sagen zu können: „Ich habe aus Patriotismus meine besten Arbeiter entlassen, jetzt müßt Ihr mir aber auch gute Bedingungen stellen!"— Die alten soliden Firmen aber bleiben ihrem alten Grundsatze getreu:„Arbeit für den guten Arbeiter!" Die Sozialdemo- kcaten sind aber durchweg die besten Arbeiter. Noch will ich Ihnen mittheilen, daß der jüngste Prozeß gegen unsere Genossen Rackow und Schapira wegen der „Dcntleraffaire", in welchem dieselben, der Beleidigung von Ge- richtsbehörden angeklagt, zu 3 und 6 Monaten Gefängniß ver- urthestt worden sind, trotz der großen Aitentatsbewegung ein gewisses Aufsehen erregt hat. Trotzdem der Gerichtshof zuge- stand, daß eine erhebliche durch einen Gerichtsbeamten verschul- dete Verzögerung des Dentler'schen Haftentlassunzsgesuchs statt- gefunden habe, und deshalb„mildernde Umstände" annahm, wur- den die Angeklagten zu hohen Freiheitsstrafen verurtheilt. Wenn also bei unfern Gerichten Versehen vorkommen, welche vielleicht auf den schnelleren Tod eines Mannes eingewirkt haben, dann darf der Deutsche nicht einmal ein derbes Wort der Entrüstung gebrauchen! Ueber den Ausfall der kommenden Reichstagswahlen in Berlin auch nur annähernd jetzt schon ein bestimmtes Urtheil abgeben zu wollen, erscheint mir unrichtig. Ich oerkehre hier mit vielen bürgerlichen Elementen, in ihrer Mehrzahl Antisozia- listen. Die einen glauben, daß es gar keinen heißen Wahlkampf gäbe, da die Sozialdemokraten, erdrückt von ihrer„kaisermörde- rischen Schuld" sich vor der Schlacht zurückziehen würden, die andern, weniger optimistisch, sagen, daß der 4. und 6. Wahlkreis den Sozialisten verbleiben würde und zwar unter jeder Be- — Zum Delirium der Ordnungsfanatiter. Die„wohl- anständige Kölnische Zeitung" läßt sich aus Unterfranken schrei- ben:„Ein Fall urwüchsiger Loyalität ist aus Oberickelsheim zu berichten. In der M.'schen Wirthschaft äußerte sich ein Metzgerbursche über die Mordversuche gegen den Kaiser in einer Weise, die den gut deutsch gesinnten Wirth entrüstete. Der Letz- tere aber nahm die Strafrechtspflege in seine eigene Hand; er versetzte dem Sprecher mit den Worten„im Namen des Kaisers" eine derbe Ohrfeige, ließ sofort eine„im Namen des Königs von Bayern" folgen, faßte ihn dann am Kragen und warf ihn unter Beihilfe einiger Bürger„im Namen des deutschen Volks" zum Hause hinaus."— Daß die ganze Geschichte nur ein fauler Rcporterwitz ist, dies merken leider die Leser der„Kölnischen Zeitung" in ihrem„Wundfieber" nicht.— Die„liberale"„Rem- scheider Zeitung" bringt alles Ernstes folgendes Inserat:„Zur Nachricht! Ein hiesiger Kaufmann, der keinen geschäftlichen Verkehr will mit Sozialdemokraten, wünscht ein Verzeichniß der Rcmscheider Mitglieder dieser Partei. Derselbe zahlt dafür eine einmalige lohnende Vergütung und sichert vollständige Verschwie- genheit zu, wenn der Mittheilende dies der Sozialdemokratie wegen begehrt. Schriftliche Angabe k."— Irgend ein Lum- pazius wird den Kaufmann schon befriedigen; ob das Verzeich- niß richtig ist oder nicht, das ist ja ganz gleichgiltiz, wenn der Lump nur sein Geld erhält und der Narr seinen Willen.— Die„Nürnberger Presse"(Redakteur-- Igel) schreibt:„Der Besitz einer Berbrecherkolonie wäre in jetziger gefahrdroheu- der Lage dem deutschen Reiche von höchstem Werth». Ein- fangung und Deportation der etwa 150 bezahlten bläh- halsigen Agitatoren, jener elenden Miethlinge, welche die stetige Aufstachelung der wildesten Leidenschaften als Broderwerb betreiben, Einschränkung der sozialdemokratischen Mordpresse würden der zügellosen Bewegung den ersten Damm entgegen- setzen und baldige wohlthätige Wirkung verspüren lassen."— Doch es kommt noch besser. In einem badischen Blatte, dem „Hochberger Boten" heißt es:„Mögen sämmtliche im deutsch- französischen Kriege erbeuteten Kanonen in eine einzige Riesen- kanone umgegossen, die ganze Sozialistenbrut unseres Bater- landes fest hineingerammt, in das Meer geschossen und von einem Haifische verschlungen werden; möge der Haifisch in eines Wall- fisches Bauche, der Wallfisch in des Teufels Bauche, der Teuf» in der Hölle seinen Platz finden. Möge daS Höllenthor ver- schlössen werden, und verdammt sei der Schlosser, der einen neue» Schlüssel macht!"— Diesen Zeitungssttmmeu reiht fich eine dingung. Ich glaube nun, daß sich beide Richtungen täuschen: der Kampf wird in Berlin ein sehr heißer werden, das Zünglein der Wage im 4. und 6. Wahlreis wird hin- und her- schwanken, der äußersten Anstrengung der Sozialdemokratie aber wird es gelingen, den Sieg nochmals an ihre Fahne zu fesseln. Sozialpolitische Uebersicht. — Es geht uns von absolut zuverlässiger und unker- richteter Seite die Mittheilung zu, daß in gewissen Kreisen die Aeußerung gefallen ist:„Sic— die Sozialdemo- kraten— müssen so geknebelt und an die Wand gedrückt werden, daß sie zuletzt aufmucken und wir schießen können." In dieser Aeußerung, die, wie gesagt, authentisch ist, ent- hüllt sich das Spiel der Reaktion. Sie braucht einen Putsch, irgend eine Gelegenheit, um„schießen zu können�. Gelingt es mit dem„schießen" vor der Wahl, dann hat die Reaktion am 30. Juli gesiegt. Genossen, ihr wißt nun, worauf die Gegner ihre Hoffnungen setzen und was sie erstreben. Wir rufen euch nochmals zu: Seid auf der Hut! Laßt euck durch keine Provokation irgend welcher Art von dem Boden des Gesetzes abdrängen, auf dem uns der Sieg, den Gegnern die Niederlage sicher ist. — In den bevorstehenden Wahlkampf ziehen wir in ruhiger Erwartung. Alle Mittheilungen, die uns von unseren Parteigenossen zugehen, zeugen von hohem Muthe und großer Entschlossenheit, und auch viele nüchterne Stimmen aus geg- nerischem Lager zeigen nichts weniger, als besonderes Vertrauen auf die unbedingte Verdrängung der Sozialdemokraten aus dem deutschen Reichstage. So glaubt der„Hamburgische Correspon dent", daß die Sozialdemokratie in Altona höchstwahrscheinlich «inen Sieg erfechten würde, weil die Antisozialisten sich in zwei Lager theilen. Die Richter'sche„Fortschrittscorrespondenz" meint, daß es durchaus nicht so leicht sei, die Sozialisten aus dem 4. und 6. Berliner Wahlkreise hinauszuschlagen, wie sich Manche dies unter den Eindrücken des Augenblicks einbildeten. In Dresden trennen sich die Antisozialisten, da die Conservativen den Stockreaktionär, den früheren Minister von Friesen aufge- stellt haben.— Die„Jtzehoer Nachrichten", ein Blatt, welches die Sozialisten immer scharf bekämpft hat, bedauern die Auflösung des Reichstags und schreiben: „Als die nächste Folge der demnächst stattfindenden Neuwahlen wird sich ergeben: eine große Aufregung in allen Kreisen der Bevölkerung, unausgesetzte Reden in Wahlversammlun- gen der Sozialdemokraten, und in weiterer Folge ist kaum anzunehmen, daß der Reichstag eine wesentlich veränderte Ge- statt zeigen wird, außer daß aus den Wahlkreisen, wo die staats- treuen Parteien sich nicht einigen, der eine oder andere So- zialdemokrat mehr in den Reichstag kommt. Wenn indeß die Thatsache einmal da ist, wie sie es ohne Zweifel in wenig Tagen sein wird, so gilt es nicht mehr, an dieser Regierungs- Handlung Kritik zu üben, sondern mitzuarbeiten an der schwie- rigen Aufgabe, die bürgerliche Gesellschaft zu schützen, ohne der bürgerlichen Freiheit Schaden zuzufügen." Das sind„goldene Worte", wird mancher freiheitlich gesinnte Bürger fich sagen, aber wie macht man es, wenn man gegen eine Partei der Freiheit mit allen Mitteln agitiren soll, ohne dabei der bürgerlichen Freiheit Schaden zuzufügen?--- Diejenigen Parteigenossen, welche durch die letzten maßlosen Ber- folgungen etwas zaghast geworden sein sollten, mögen aus den obigen Mlttheilungen ersehen, daß unsere Sache auch jetzt noch „sehr gut steht" und daß es lediglich gilt, den Kopf oben zu behalten. Wir theilen hier vorläufig diejenigen Paragraphen des Wahl- gesetzcs mit, die für die bevorstehenden Wahlen von besonderer Bedeutung sind: Aus dem Reichswahlgesetz: § 1. Wähler für den Reichstag des deutschen Reichs ist jeder Deutsche, welcher das 25. Jahr zurückgelegt hat, in dem Bundes- ftaate, wo er seinen Wohnfitz hat. K 2. Für Personen des Soldatenstandes des Heeres und der Marine ruht die Berechtigung zum Wählen so lange, als dieselben fich bei der Fahne befinden. § 3. Bon der Berechtigung zum Wählen sind ausgeschloffen: Ii Personen, welche unter Vormundschaft oder Curatel stehen. 2) Personen, über deren Vermögen Concurs- oder Fallitzu- Rede des Obersten v. Lüderitz in Oldenburg an, der auch in Sozialistenverspeisung„machte" und seinen Soldaten vordekla- mirte:„Die Zeit ist nicht mehr fern, wo das Militär gegen diesen Feind im Innern des Landes wird kämpfen müssen."— Man sieht, daß Moltke's„Brandrede" im Reichstage schon an- sängt, gute Früchte zu tragen. — Eines Proletariers Erdenloos. In Frankfurter Blättern finden wir eine Lokalnachricht, die zwar möglichst kurz gefaßt ist, aber doch jedem Denkenden Stoff zu allerlei Be- trachtungen liefert. Sie lautet:„Ein Auslaufer. der seit 27 (siebenundzwanzig) Jahren in einem und demselben Geschäft gedient, Vater von fünf Kindern, hat sich, weil dasselbe in Folge der Ungunst der Zeitverhältnisse geschlossen werden mußte und er dadurch brodlos ward, ertränkt." Auf solche Vorkommnisse hinweisen und sie abzuschaffen suchen, ist freilich bei manchen Mordattentm�b�r Unfug, wo nicht gar Aufreizung zu einem nen'Sck�.�n�"�i°°tliches.„Bon der vor Kurzem erschiene- hat das /�/D-ber und wider die Sozialdemokraten", von Wild, lux Srtb(eÄföe) Ministerium des Innern 100 Exemplare zu lS in&?" Söeamt£ seines Ressorts angekauft." Also Sckuster' cke�Ä»" Zeitungen. Betreffende Schrift ist nn SEonorani«uoMin�h rcten' nur daß sie von noch größerer mit kbüÄSriÄfc«Ä'U'k!6™«' fojiotiftlfAe ffiifer h,, m w E-m-»g-lu»s ton Sozialdemokraten zu Opfern ausersehen hat. Die Vorliebe Eulenburg �°.on8 sur den S ch u st e r'nden Wild kann uns bei- k f enre""r erinnern uns ja noch, mit welch durchschlagend m Erfolg Eulenburg senior in seiner fa- Mosen„Flinte schießt Säbel haut"-Rede. den Original-Schuster produzirte. »..." tn�er''d v�so0'66,!"'-bci»vorwärts" in einer der letzten Nummern die Bermuthung ausgeiprochcn, der Nobilina-Skan- dal sei zum Theil zu dem Zweck iuscenirt worden,„um das Jena der deutschen Marine dem Urtheu des Volkes zu entrücken", meint Pro- fessvr Biedermann in seiner„Allgememen":„Ein? entweder perfide oder alberne Ansicht vom Attentat Nobiling's entwickelt der Bor- wärts"." Wir hauen schon früher, nach der Lehmaniade, Gelegenheit tu bemerken, daß Hr. Biedermann mcht lesen kann. Es scheint, daß « diese Lücke in seiner Erziehung noch nicht ausgefüllt hat. Lernen «ie lesen, Herr Prof. Biedermann, das ist doch das Geringste, waS nur von Ihnen verlangen können. stand gerichtlich eröffnet worden ist und zwar während der Dauer dieses Concurs- oder Falliwerfahrens. 3) Personen, welche eine Armenunterstützung aus öffentlichen oder Gemeindemitteln beziehen, oder im letzten der Wahl vorhergegangenen Jahre bezogen haben. 4) Personen, denen in Folge rechtskräftigen Erkenntnisses der Vollgenuß der staatsbürgerlichen Rechte entzogen ist, für die Zeit der Entziehung, sofern sie nicht in diese Rechte wieder eingesetzt sind. Ist der Vollgenuß der staatsbürgerlichen Rechte wegen poli- tischer Vergehen oder Verbrechen entzogen, so tritt die Berech- tigung zum Wählen wieder ein, jobald die außerdem erkannte Strafe vollstreckt oder durch Begnadigung erlassen ist. § 17. Die Wahlberechtigten haben das Recht, zum Betrieb der den Reichstag betreffenden Wahlangelegenheiten Vereine zu bilden und in geschlossenen Räumen unbewaffnet öffentliche Ver- sammlungen zu veranstalten. — Karl Marx hat an die„Daily News" in London fol- genden Brief gerichtet: „Sir,— Nach einem Telegramm von Reuter's Bureau ist Herr Legationsrath Bucher designirt zum„secrötnirs arehiviste" des Congresses". Sollte dieser Herr Bucher etwa der Lothar Bucher sein, der während seiner langen Verbannung in London als ein begeisterter Parteigänger des Herrn llrquardt glänzte, dessen russenfeindliche Doktrinen er Woche für Woche in seinen Correspondenzen an die Berliner„National-Zeitung" zum Aus- druck brachte; derselbe Lothar Bucher, der nach seiner Rückkehr nach Berlin so feurig Lassalle's Lehren befürwortete, daß der Letztere ihn zu seinem Testamentsvollstrecker ernannte, ihm ein jährliches Einkommen vermachte, indem er das Hcrausgabe-Recht seiner Werke ihm hinterließ? Kurz nach Lassalle's Tode trat Lothar Bucher in das preußische auswärtige Amt, wurde zum Legationsrath gemacht, er wurde Bismarck's Vertrauter und Adlatus. Er hatte die Naivetät, mir einen Brief zu schreiben, worin er mich einlud, natürlicher Weise mit der Sanktion seines Herrn und Meisters, die Redaktion der Börsenabtheilung des„Preußi- scheu Staatsanzeigers" zu übernehmen. Die pekuniären Bedingungen dieser Stellung zu bestimmen, wurde mir überlassen, indem mir ausdrücklich versichert wurde, daß ich volle Freiheit genießen sollte,„die vorkommenden finan- ziellen Operationen und diejenigen, die sie ausführten, von mei- nem eigenen„wissenschaftlichen" Standpunkt aus zu behandeln." Nach diesem seltsamen Vorkommniß amüsirte es mich nicht wenig, als ich die Beiträge des Herrn Lothar Bucher, Mitgliedes der „Internationalen Arbeiter- Assoziation", fortwährend in den Spalten des von Philipp Becker in Genf herausgegebenen Or- gans der„Internationale", betitelt„Der Vorbote", fand. Wenn hier keine Verwechselung der Personen vorliegt, und wenn es wahr ist, daß die russische und die deutsche Regierung den Eon- greß gelegentlich der Attentate von Hödel und Nobiling inter- nationale Maßregeln gegen die Ausbreitung des Sozialismus vorlegen wollen,— so ist Herr Bucher allerdings der Mann dazu, dem Congreß mit aller Autorität zu sagen, daß die Orga- uisation, die Thätigkeit und die Lehren der deutschen Sozial- demokratie nicht mehr mit den Attentaten zu thun haben, als mit dem Untergang des„Großen Kurfürst" oder mit dem Zusammentritt des Congresses in Berlin. Der Schrecken, den man durch Verhaftungen in Deutschland genährt hat, und der Staub, den man durch die Preßreptilien hat aufwirbeln lassen, dienen lediglich zum Zwecke eines Wahl- ruft, durch den man einen Reichstag zusammenbringen will, der bereit ist, Deutschland mit allen finanziellen Mitteln auszustatten, während zu gleicher Zeit über das deutsche Volk von Neuem jenes alte politische Regime verhängt werden soll, das in alle Winde verweht ist durch den Orkan von 1848. Ich bin, geehrter Herr, Ihr ergebener Karl Marx." — Der Versuch unserer Reaktionäre, die Nobiling Affaire zu einer internationalen Sozialistenhatz zu verwerthen, ist, wie schon angedeutet, an der englischen Regierung gescheitert, die ruhig aber kühl erklärte, daß sie bei solchem Spiel nicht mitspielen könne. Was man in England von der heute im Reich der Gottesfurcht und frommen Sitte grassirenden Stieb er- krankheit hält, das geht zur Genüge aus der einen Thatsache hervor, daß die„Saturday Review", das vornehmste und an- gesehenste der englischen Wochenblätter, natürlich conservativ, das famose Ausnahmegesetz als ebiläislr, kindisch bezeichnet. Ueberhaupt machen die jetzigen Vorgänge in Deutschland auf das gesammtc Ausland einen höchst ungünstigen Eindruck. Sogar die zwergstaatlerischen Rumänen verspotten uns. So schreibt z. B. das Journal„Epoche" in Bukarest unterm 12. d. M.: „Die Geschichte lveist kaum einen Zeitpunkt auf, in welchem eine große, mächtige, blühende(! R. d.„V."), auf der Höhe der Civilisation stehende Nation eine so klägliche Rolle gespielt hätte, wie gegenwärtig die deutsche. Das letzte Attentat auf den 81jährigen Kaiser von Deutschland war allerdings geeignet, die größte Bestürzung hervorzurufen; daß aber eine ganze Nation weil aus ihrer Mitte ein Wahnsinniger oder ein Schurke her- vorgegangen ist, demuthsvoll den Nacken beugt und, als ob in jedem Einzelnen die Neigung zum Meuchelmörder läge, ausruft: Geißelt uns, wir haben die Züchtigung wohl verdient!" das cht denn doch über alles Maß der gesunden Vernunft hinaus! Zas Wort:„Geißelt uns" klingt schon acht Tage in den ver- schiedensten Variationen aus den größten deutschen Blättern hervor und die Wege der Reaktion waren schon lange nicht s» geebnet, wie heute." Das ist bitter, unseren Angstphilistern aber wohl zu gönnen. Jedenfalls haben sie in den letzten paar Wochen das deutsche Reich„in den Augen des Auslandes" so tief herabgesetzt, daß ein Dutzend„heiliger Kriege" nicht ausreichen wird, um von der Stirne des„ei vis germanus"(deutschen Spießbürgers) das Stigma(Mal) der Lächerlichkeit, Feigheit und politischen Unreife zu entfernen. — Es giebt noch Richter! Der Präsident des Straf gerichts zu Hamburg erläßt im„Hamburgischen Correspon- deuten" nachstehende Erklärung, welche als leuchtendes Beispiel allen Richtern und Staatsanwälten Deutschlands dienen möge: „Erklärung. Aus Nr. 140 des„Hamb. Correspondenten vom heutigen Tage ersehe ich, daß gestern Nachmittag in der Börse eine Versammlung betreffs der bevorstehenden Reichstags- wählen stattgefunden hat, deren Zwecke wesentlich dahin gehen die Regierung des deutschen Reichs in allen für den neuen Reichs- tag vorzuschlagenden Maßregeln gegen die Sozialdemokraten zu unterstützen und daher an Stelle unserer bisherigen Abgeord- neten Andere zu wählen, und daß,„auf Grund eines aus der Versammlung gemachten Vorschlages", ein Comitö ernannt ist, in welchem auch mein Name vorkommt. Diese gewaltsame Verfügung über meine Person muß mich aus verschiedenen Gründen Wunder nehmen, namentlich aber aus dem folgenden: Am Mittwoch, den 12. Juni, stellte fich zu mehreren Malen ein Herr im Strafgericht ein. der mich sprechen wollte und der mich auch 2lU Uhr, als ich im Begriffe war fortzugehen, traf. Es war, wie er sich selbst nannte, der hiesige Kaufmann Herr Julius Schultz. Derselbe hatte, wie sich jetzt herausstellte, mir einige Tage vorher anonym ein Exemplar der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" vom 24. Mai zugeschickt, in welcher er einen politischen Artikel geschrieben hatte; die Zusendung war wahrscheinlich erfolgt, um mich politisch zu belehren. An diese Zusendung und den Inhalt des staatcnrettenden Schriftstückes anknüpfend, machte mir nun Herr I. Schultz Mittheilung von der auf den nächsten Tag beabsichtigten Versammlung„zur Un- terstützung der Regierung" und erklärte mir, daß„namhafte Persönlichkeiten" auf meinen Beitritt rechneten. Ich erwiderte ihm, daß bis jetzt und mit Recht bei mindestens der Mehrzahl der Hamburgischen Richter die Ueberzeuguug vorherrsche, daß der hiesige Richterstand sich von allen Agitationen auf den Gebieten der brennenden Tages- fragen, namentlich also der sozialen, kirchlichen und politischen Fragen, fern zu halten habe, daß ich aus diesem Grunde auch keinem diese Materien behandelnden Berein angehöre, noch angehören wolle. Ich erwiderte ihm außerdem noch, daß sich Ausnahmegesetze, wie die jetzt beabsichttgten, und Straf- Paragraphen, wie die 1876 vorgeschlagen, weder mit meiner rechtlichen Ueberzeuzung vertrügen, noch daß ich auf Grund meiner langjährigen Erfahrungen in der Polizei- und in der Strafjustiz Nutzen und Erfolg von denselben erwartete, daß also der Standpunkt seiner Mandanten nicht der meinige sei und daß ich mich für die Zwecke, die man mit meiner Hilfe verfolgen wolle, nicht qualifizire. Hamburg, den 14. Juni 1878. Dr. H. Föhring." — Der Artikel der„luäuotrial Review", welchen wir an anderer Stelle veröffentlichten, ist auch insofern inter- essant, als aus demselben erhellt, daß die englische Bourgeoisie ebenfalls die Lehmann-Nobiling-Attentate ausbeutet, und zwar vornehmlich gegen die Gewerkschaften, die doch bekannter- maßen nicht sozialdemokratisch in unserem Sinne sind. Man sieht, daß es der Bourgeoisie nur auf Eins ankommt: Nieder- werfung der ihre Klassenherrschaft bedrohenden Arbeiterbewe- gung. Und dazu ist ihr jedes Mittel recht. Wäre Herr Hirsch ähig, etwas zu lernen, so würde ihm nun ein Licht über das Schicksal„seiner" Gewerkvereine aufgehen. Da wir gerade von der Berwerthung der Attentate seitens der reaktionären Parteien reden, sei hier noch bemerkt, daß in Frankreich die klerikale Presse den gesammten Liberalismus solidarisch mit dem Sozialismus erklärt und für die Attentate verantwortlich macht. Die deutsche„Kreuzzeitung" bläst schon in das nämliche Horn, und die Hüfthörner der übrigen Jäger und Treiber der jetzt beginnenden„Sauhatz" werden schon eifrig auf diese Melodie gestimmt.— Auffallenderweise haben die Zeitungen seit fünf bis sechs Tagen kein Wort über Nobiling gebracht. Sollten die Untersuchungsrichter etwa dem skandalösen Lügen« getreibe einen Damm gesetzt haben? Von anderer Seite er- warten wir es nicht. — Das Delirium Tremens läßt in Deufchland schon etwas nach. Verschiedene Blätter bekommen wieder einzelne lichte Augenblicke. Schon aus Anstand wollen wir resümiren. Die„Deutsche Allgemeine Zeitung" schreibt:„Inmitten deS wüsten Parteigezänks, das fich im Hinblick auf die Neu- wählen hier und da bereits erhoben hat, muß die Kundgebung des Kronprinzen, welche derselbe im Auftrage seines erhabenen Vaters durch den Reichskanzler veröffentlichen läßt, auf jedes patriotisch empfindende Herz einen doppelt wohlthuenden Ein- druck machen."— Die„Deutsche Allgemeine Zeitung" hat bis jetzt das Parteigezänk am wüstesten getrieben— nach obiger Selbsterkenntniß wird alsö bald das Delirium schwinden. Die„Mazdcvurgische Zeitung" schreibt:„Die sozialdemokra- tische Presse verwahrt ihre Partei mit aller Kraft gegen jeden Zusammenhang mit den Attentgten. Wir glauben gern, daß die sozialdemokratische Partei als solche von aller Mitwirkung oder auch nur Mitwissenschaft an dem abscheulichen Verbrechen frei- zusprechen ist."— Nicht wahr, das ist ein anderer Ton, als der, aus welchem die Magdeburgerin bis jetzt gepfiffen hat?— Dasselbe Blatt bespricht die„Gründerära" und die darauf fol- gende„Berleumdungsära", macht dieselben für die Abstumpfung des Rechtsgefühls im Volte verantwortlich und fährt dann fort: „Und diese Abstumpfung des Rechtsgcfüyls iit nicht zum We- nigsten daran schuld, daß eine aller sittlichen Fundamente bum\ Lehre in denjenigen Schichten des Volks so furchtbar hat Ein gang finden und um ficki greifen können, welche der Hauptsache nach darauf angewiesen sind, dem Beispiele der höher gebildeten Klassen zu folgen, sich nach ihm zu richten."— Das ist recht! Wenn die„höher gebildeten Klassen" erst zu solcher Selbster- tenntniß kommen, dann wird schon das jetzt herrschende Delirium in Deutschland schwinden. Der„Hamburgische Correspondent", der in der letzten Zeit gleichfalls das Wundfieber hatte, ist zu seiner früheren Objekti- vität zurückgekehrt und meint, daß die jetzige antisozialistische Bewegung weit über das Ziel hinausschösse und die Klassen- gegensätze noch verschärfe. — An die Arbeiter. Unser Berliner Parteiorgan schreibt: „Von den verschiedensten Seiten gehen uns aus den Arbeiter- keifen Anfragen zu, was die Arbeiter thun sollen, wenn von Seiten der Arbeitgeber verlangt wird, daß die Arbeiter sich schriftlich verpflichten, keine sozialistische Zeitung mehr zu lesen, keinem sozialistischen Berein anzugehören und für sozialistische Zwecke keine Gelder zu geben. Wir können darauf den Ar- bcitern, von denen solches verlangt wird, unter der Drohung, sie sonst aus Lohii und Brod zu jagen und jo mit sammt ihren Familien dem Elende Preis zu geben, nur den Rath geben, getrost Alles zu unterschreiben, was verlangt wird.— Unser- Herren Arbeitgeber, welche fich— aufgehetzt von einer schamlosen Presse— dazu hergeben, den brutalsten Gewissens- zwang auszuüben, müssen es sich schon gefallen lassen, wenn sie angelogen werden.— Wir haben von jeher daraus gehalten, daß jede unserer Handlungen im vollsten Lichte der Offenheit erschie- neu ist, wir wollen es auch weiter so halten, will man uns aber durch die Hungerfolter zur Geheimhaltung und zum Heucheln zwingen, gut denn, dann mögen die Folgen über unsere Gegner kommen." Wir stimmen diesen Anschauungen unseres Berliner Partei- organs vollständig zu. Wählen kann ja doch Jeder, wie er will und heimlich die verbotenen Früchte, die am süßesten schmecken, i zu genießen, kann dem Arbeiter auch Niemand wehren. Die Arbeitgeber wollen Heuchler haben, sie sollen sie haben! — Da in Bezug auf die für die nächste Reichstagswahl auszulegenden Wählerlisten vielfach eine irrige Auffassung herrscht, theilen wir mit, daß dieselben vollständig neu ange- fertigt werden und daß alle männlichen Perionen, die das 25. Lebensjahr erreicht haben, im Besitz der bürgerlichen Ehren rechte find, keine Armenunterstützung in letzter Zeit erhalten haben und nicht im aktiven Militärdienst sind, in dieselben ein- getragen werden müssen. Versäume deshalb kein stimmberech tigter Parteigenosse, die Wahllisten, welche acht Tage lang zur Einficht aufliegen, einzusehen, um sich zu überzeugen, daß sein richtiger Name mit richtiger Angabe des Standes oder des Gewerbes und richtiger Wohnung auch eingetragen sei. Wenn der Wähler auf dem Polizeiamt oder dort, wo die Listen aus- liegen, nicht persönlich bekannt ist, so hat derselbe eine Legiti- mation(Steuerzettel:c.) mitzubringen; befindet sich sein Name nicht oder nicht richtig in der Liste, so hat er sofort zu re- klamiren. � Flagrante Gesetzesverletzung. Mitten im Wahl kämpfe hat die Hildesheimer Polizeibehörde es gewagt, den§ 17 des deutschen Wahlgesetzes vollständig zu ignoriren. Sie hat nämlich folgende Verfügung getroffen: „Hiermit wird Ihnen eröffnet, daß der hier bestehende so� zialdemokratische Wahlverein in Gcmäßheit der Vov schriften des Z 8 und 16 der Verordnung vom 11. März 1850 über die Verhütung eines die gesetzliche Freiheit und Ordnung gefährdenden Mißbrauchs des Bersammlungs- und Vereinigungs- rechts vorbehaltlich des gegen die Betheiligten gesetzlich einzu- leitenden Strafverfahrens bis zur ergehenden richterlichen End scheidung vorläufig polizeilich geschlossen worden ist. Es wird darauf besonders aufmerksam gemacht, daß, wer sich an dem vorläufig geschlossenen sozialdemokratischen Wahlverein als Mitglied ferner betheiligt, mit Geldstrafe von 5—50 Thalern oder Gefängnißstrafe von 8 Tagen bis zu 3 Monaten belegt wird. Hildesheim, den 14. Juni 1878. Die�Polizeidirektion. A. Koch. An den Kasfircr des sozialdemokratischen Wahlvereins, Hrn. Schneider Hilder hier." Wir haben den ß 17 in der heutigen Uebersicht an einer andern Stelle abgedruckt und fordern unsere Hildesheimer Partei- genoffen auf Grund dieses Paragraphen auf, gegen die Polizei- direktion zu Hildesheim klagbar vorzugehen. Inzwischen aber sollen sie einen neuen Wahlverein gründen, der laut Gesetz bis {u den Wahlen mit anderen Vereinen und Personen in Deutsch- and in Verbindung treten darf. — Genosse Hasselmann ist in Barmen verhaftet worden, angeblich wegen Vergehen gegen den§ 130 des Strafgesetzbuchs. — In Solingen wurde unser Parteigenosse Luchtenberg verhaftet wegen„öffentlicher Verbreitung falscher Thatsachen"(!?) und in das Gcfängniß nach Elberfeld abgeführt.— Der in Görlitz verhaftete Genosse Tischer ist wegen Majestätshelei- digung zu 3 Jahren Gefängniß verurtheilt worden.— Die „Magdcburgische Zeitung" läßt sich aus München mittheilen, daß Politzer verhaftet und daß Parteigenosse Ernst veranlaßt worden sei, jetzt eine rechtskräftige Strafhaft anzutreten. Dabei sagt der Correspvndcnt dieses liberalen Blattes ganz offen und naiv:„Die Behörden suchen eben für den bevorstehen- den Wahlkampf die hiesige Sozialdemokratie thunlichst mundtodt zu machen." Beruht diese liberale Annahme aus Wahrheit, so ist der Appell der Regierungen an das Gewissen der Nation eine nichtssagende Phrase. Was aber sagt Herr Freiherr von Stausfenberg, der sich immer mit großem und bis dahin auch gerechtfertigtem Stolze auf das Recht stützte, zu der eigenartigen Unterstützung, die ihm die Polizei an- gedeihen läßt? Corresvonoenzen »cka. Wien. Wie Ihnen bekannt ist, brachte die gesammte Presse die Meldung, daß sich die deutsche Reichsregierung un- mittelbar nach dem Lehmann'schen„Attentate" mit den auswär- tigen Regierungen in Verbindung setzte, um die im Jahre 1872 abgebrochenen Unterhandlungen wegen gemeinsamer Bekämpfung der Internationale, resp. des Sozialismus, wieder aufzunehmen, und sei diesem Wunsche der Bismarck'schen Regierung in erster Linie das„erbfreundliche" Rußland aufs Bereitwilligste entgegen- gekommen. Von Oesterreich hieß es, daß dessen Staatelenker wohl die wärmsten Sympathien dieser gemeinsamen Bekämpfung entgegenbringen, es jedoch nicht für nölhig finden, Ausnahms- gesetze gleich dem verunglückten deutschen ins Leben zu rufen, in- dem die gegenwärtigen gesetzlichen Bestimmungen ihren Zweck hin- reichend erfüllen. Es ist diese Meldung der Blätter auch, da sie den thatsächlichen Verhältnissen ganz und gar entspricht, voll- kommen glaubwürdig. Wozu auch das Odium einer Ausnahms- gesetzgebung auf sich laden(zumal man ebenfalls nicht ganz sicher ist, dieselbe vom Reichsrathe angenommen zu sehen), wenn man es in der Hand hat, auch ohne solche auf ganz„gesetzliche" und „unparteiische" Weise jede mißliebige Meinung zu unterdrücken. In der That hätten solche Ausnahmsbestimmungen, indem sie die Sozialdemokratie außerhalb der allgemein giltigen Gesetze stellen, mithin ihre Rechtlosigkeit durch den ganzen gesetzgebenden Apparat fanftioniren und ausdrücklich dokumentiren würden, derselben nur nützen, in keiner Weise aber schaden können. Denn für die sozial- demokratische Presse sorgt unser berüchtigtes„objektives Verfahren" und das österreichische Vereins- und Versammlungsrecht ist, wie den Lesern des„Vorwärts" aus früheren Berichten sattsam be- kannt, für die Sozialdemokraten schon längst eine ungreifbare Lata morgana! Glückte es auch früher von Zeit zu Zeit— gleichsam um den österreichischen Arbeitern zu zeigen, wie gut es ihnen gehen würde und wieviel freiheitlicher Rechte ihrer harrten, wenn sie sich nur das leidige Nörgeln an den bestehenden Zuständen ab- gewöhnen könnten und alle Regierungsmaßnahmen freudig be- grüßten— eine oder im günstigen Falle zwei Volksversamm- lungcn abzuhalten, so feierte doch schon in der zweiten Hälfte des April, also noch vor dem„Attentat" des Lehmann, der§ 6 abermals in der schamlosesten Weise seine Orgien. Während noch am 7. April in Wien eine Volksversammlung mit der Tagesordnung:„Allgemeines, gleiches und direktes Wahlrecht" gestattet wurde, erfolgte drei Wochen(am 28. April) später ein Verbot ganz der gleichen Tagesordnung; ebenso wurde schon am 22. Aprrl m Atzgersdorf bei Wien eine Volksversammlung mit der Tagesordnung:„Tie Wienyi Zeitungen und die Roman- literatur" verboten. Man ersieht daraus, daß der von einem andern Correspondenten erwähnte Ministerialerlaß betreffs Ein- schränkung der Versammlungsfreiheit nicht erst des Berliner Attentates bedurfte. Die Reaktion war schon vorher beschlossen! Von Preßmaßregelungcn sind die Wiener Parteiblätter in letzter Zeit etwas verschont geblieben,— dagegen arbeitet das Präger Landesgericht in nichts zu wünschen" übrig lessender „Objektivität" weiter; von den fünf böhmischen Arbeiterblättern erscheint selten eines in erster Auflage. Und da nicht nur die sozialdemokratischen Blätter solche staatsanwaltliche Aufmerksam- keit genießen, sondern dieselbe auch der national- oppositionellen Presse zu Theil werden läßt, so ist eS ganz wohl begreiflich, wenn man von Seite des hohen Gerichtshofes bestrebt war, etwas Geschästsvereinfachung in die Sache zu bringen, etwa wie Bismarck mit seinen autographirten Strafanträgen. So sehen wir denn neuerer Zeit in der unS wohlbekannten Spalte mit „Erkenntnissen in der k. k.„Wiener Zeitung" nicht mehr wie früher über jede Confiscation ein separates Erkenntniß, sondern daS„k. k. Landes- als Preßgericht Prag" bricht in edlem Amts- eifcr in einem Urtheile gleich über drei, vier, fünf Zeiwngs- nummcrn den Stab, wahrscheinlich nach dem Grundsatze:„Die Masse muß es machen!" Friedlich kann man da die altschechische „Politik", die jungtschechische„Narodni listy" oder die sozialistische „Äudoucnost" nebeneinander finden, alle gleich staatsgefährlich. In welch' zahlreichen Gefahren doch dieser arme„Großstaat" stecken muß, wenn kein Tag vergehen kann, ohne daß der Staats- anwalt mehrere Blätter confiscirt hat, etwa wie ein Weib, das nicht ruhig schlafen kann, ehe es nicht ein halbes Dutzend Flöhe unter dem Daumen zerknickt hat. Man verzeihe mir diesen Vergleich, aber die Massenhaftigkeit, mit der man in der böh- mischen Hauptstadt das fteie Wort knebelt, muß unwillkürlich daran mahnen. Unsere„Volksvertretung" hat für derlei Gesetzhandhabungen kein Wort und noch viel weniger eine That; nur wenn es irgend einer in derselben vertretenen Clique selbst an den Leib geht, rafft sich dieselbe auf und greift zu dem schrecklichen Mittel einer — Interpellation, die in den meisten Fällen von der Regierung auch ihre volle Würdigung findet, das heißt unbeantwortet bleibt. Als unlängst die„Deutsche Zeitung" wegen eines die Programmlofigkeit der Regierung behandelnden Artikels confiscirt wurde, da verübte der gesammte Fortschritts club mit seinem Ob- mann Grafen Coronini eine solche Interpellation, worin er das Vorgehen der Regiernng„unerhört" nannte. Wenn der edle Graf und seine Genossen mitunter das Amtsblatt der„Wiener Zeitung" ansehen würden, könnten sie daraus zu ihrem Tröste die Neuigkeit erfahren, daß ein derartiges Vorgehen in Preß- fachen im glücklichen Oesterreich durchaus nicht„unerhört", son- dern etwas ganz alltägliches ist; aber freilich sind die dort ver- zeichneten„objektivirten" Blätter zumeist nicht fortschrittlich, ja nicht einmal verfassungsfreundlich, sondern national, ultramontan oder sozialdemokratisch, und denen geschieht ja Recht, da hört bei unseren Fortschrittlern der sonst so ostenfiv zur Schau ge- tragene Radikalismus auf. Doch Sie kennen diese Sorte von Liberalen so gut wie wir: sie find liberal, wo es an ihre Haut oder an ihren Geldbeutel geht; dem Volke gegenüber, wo es gälte, dessen Interesse und dessen Rechte zu schützen, da zeigen sie sich in ihrer ganzen nackten reaktionären Gestalt. Die Sozial- demokratte aber hat nicht einen einzigen Vertreter im öfter- reichischen Parlament, und so ist es natürlich, daß auch die In- teressen des armen und arbeitenden Volke? selten in demselben einen Fürsprecht r finden. ' ch Die Lehmann- Affaire hat übrigens dennoch auch in Wien ihre Wirkung geübt. Dieser Protege Sparig's ist nämlich auch in der österreichischen Metropole gewesen und hatte da bereits am ersten Tage seiner Anwesenheit Gelegenheit, Bekanntschaft mit unseren so trefflichen Staatseinrichtungcn zu machen. Ohne Subsistenzmittel wollte er die Nacht in den grünen Auen des Praters zubringen, doch die Arme der irdischen Gerechtigkeit ereilten ihn— er wurde„per Schub" in seine Heimath zurück- befördert. Mit Constattrung dieser hochwichttgen Thatsache ließ es aber unsere pflichteiftige Polizeibehörde nicht bewenden; Leh- mann soll auch gesagt haben, im hiesigen Fachvereine der Spengler eine Unterstützung erhalten zu haben— welch' treff- liche Gelegenheit, den„Mitschuldigen" des„Attentäters" auf die Spur zu kommen! Der Obmann des genannten Vereines wird auf das Polizeicommiffariat geladen, um hierüber Auskunft zu geben; da er davon nichts weiß, wird ein Amtsdiener in das Vereinslokal gesandt, welcher die Bücher durchsieht, um hier aus eine Spur des Verbrechers zu gelangen, allein auch dessen Liebe Müh war umsonst. Wie schade! Wie schön wäre es doch ge- wesen, wenn sich herausgestellt hätte, daß der Wiener Spengler- Verein den Lehmann zu seinem„Attentat" gedungen hätte! Jammerschade! Da ich gerade vom Attentate spreche, so will ich noch kurz erwähnen, daß die Haltung der Wiener Tagespresse in dieser Angelegenheit eine verhältmäßig ziemlich anständige war; nur eines der größeren Tagesblätter befleißigte sich hierin einer Aus- nähme und bezeichnender Weise war es gerade ein Blatt, dessen allerintimste Beziehungen zum Preßbureau ein offenkundiges Ge- heimniß sind: die alte„Presse"! Dieses halbamtliche Organ der Regierung leistet an Beschimpfung der Sozialdemokratie das Menschenmöglichste und trug dabei zugleich e,ne derarttge Ignoranz über Alles, was Sozialismus ist, zur Schau, daß selbst das klerikale„Vaterland" sich berufen fühlte, in einem„Berufs- mäßige Unwissenheit liberaler Literaten" überschriebenen Artikel dem Blatte eine derbe, aber wohlverdiente Lettion zu ertheilen. Daß die Ohrfeige gesessen hat, konnte man schon Tags darauf aus dem ohnmächttgen Gezische des Reptils bemerken, womit es das„Pfaffenblatt" beschuldigte, die Lehmann'sche That ver- theidigt und beschönigt zu haben. Derlei Gezücht ist eben un- verbefferlich. Einen grellen Gegensatz zu dieser verhältnißmäßigen An- tändigkeit der übrigen liberalen Tagesblätter bildete das ohren- zerreißende Gekläffe jener zahlreichen Klasse von Demimonde- Blättern, die man mit einem Fachausdrucke Revolverpresse nennt. Je obskurer solch' ein Blättchen, je bedürftiger seine Manipulation des Mantels nachsichtiger„christlicher Milde' ist, je trüber die Quellen, aus denen dessen Ergenthümer die Mittel zur Fristung eines Strauchritterdaseins schöpft, desto wüthender die Angriffe auf Alles, was mit der Sozialdemokratie in Verbindung steht. Es ist dies auch ganz natürlich; denn wenn auch die meisten dieser ehrenwerthen„Journalisten" von den eigentlichen Prinzipien unserer Partei keine blasse Ahnung haben, so sagt ihnen öcch ihr Instinkt, daß in einer Gesellschaftsordnung, in welcher diese Prinzipien zum Durchbruche gelangt sind, Existenzen wie. Jie ihrigen nicht mehr möglich sein werden. Ihr Haß, ihr Zorn, ihre Wuth ist daher begreiflich— es ist ein Akt der Nothwehr, der sie leitet, wie ja auch eine Räuberbande, die ringsum von Dienern der Gerechtigkeit umzingelt ist und keinen Ausweg mehr seht, sich dennoch aus Verzweiflung zur Wehr setzt. Die Angriffe von dieser Seite können uns nur freuen; es wäre der größte Schimpf, von dieser Bande gelobt zu werden. Ein Wochenblättchen dieser Sorte, um nur ein Beispiel an- zuführen, das„Jllustrirte Fremdenblatt" nannte die Sozialdemo- kratie anläßlich des Attentates„politisches Atropin und gesetzlich geschützte(?) Massenvergiftung." Das Atropin, ein Giftstoff, welcher zwar nicht direkt tödtlich wirtt, jedoch die Gehirnfunttioncn stört und daher den Zweck hat, den damit Vergifteten wahnsinnig zu machen, spielte eine große Rolle in einem der jüngsten Sensattonsprozesse, in welchem wenig erbau- liche Zustände in unserer vornehmen Gesellschaft zu Tage traten; der Ausdruck„Maffenvergifwng" bezog sich ebenfalls auf einen erst dieser Tage vorgekommenen Fall, wo durch das Fleisch einer milzbrandigen Kuh bei 200 Personen erkrantt find. Man muß gestehen, daß der Versuch, die Lehren und Bestrebungen der Sozialdemokratie mit diesen Vorfällen auch nur in einen Vergleich zu bringen, ein sehr origineller ist und kaum dadurch überboten wird, uns für die That eines Lehmann verantwortlich machen zu wollen. Briefkasten der Redaktion: W. H. in Worms: Uns ist ein derartiges Buch nicht bekannt. der Expedition: Ernst Vgl hier: Ihr Geschenk wird mit größtem Danke acccptirt.— Beruh. Steil Koblenz: Es werden neue Wahlliste» angefertigt. Es ist daher nöthig, daß Jeder, der das 25. Lebensjahr erreicht hat, auch diese Listen kontrollirt, ob sein Name eingetragen ist. - X. I. Marburg: Ja, Preis 1.50 M. Quittung. Jnghs L'vge Ab. 3,84. Trtr Gera 816.3,00. Krbs hier Ab. 0,60. Arbeiterpartei hier Ann. 1,00. Bd Spandau Ann. 0,90. Lpr Paris Seht. 25,80. Lgs Hannover Ann. 0,90. Hldr Hildesheim Ann. 1.50. Arbetterbild.-Berein Ab. 3,45. W R. New« Jork Ab. 90,00. Krs Rottweil Schr. 0,40. Sgrst Frankfurt Schr. 2,60. Hsnr Karlsruhe Schr. 350. Trttr Naumburg Schr. 2,50. Hfmnn Worms Schr. 4,20. Wrd Karlsruhe Schr. 1,50. Alnd Min- den Schr. 2,00 Stl Koblenz 2 50. Schlz hier Ab. 2.40. Bchtl Stuttgart Schr. 1,50. Hnk Freudenthal Schr. 2,51. Rdl Ruhla Schr. 3,00. Brn Lechhausen Schr. 5,50. Bf Wechselburg Schr. 4,00. Berichtigung. In der letzten Nummer 71 muß es im ersten Leitartikel:„Parteigenossen! Freunde!"— in der 33. Zeile von unten anstatt„öffentlich abgewiesen" heißen:„öffentlich abgewichen." Die Anftage im„Briefkasten" des„Vorwärts", Nr. 63 vom 31. Mai, kann ich folgendermaßen beantworten: Auf den Schlepp- dampfern, die ja mittelst der Maschine getrieben werden, befindet sich aus dem Verdeck eine Art Kammrad, welches befestigt ist und von der Maschine gelrieben wird. Dieses Rad faßt die Kette, welche auf dem Verdeck entlang läuft; an der hinteren Seite des Dampfers befindet sich eine Walze, an welcher die Kette ins Wasser geht; an der vorderen Seite des Dampfers ist ebenfalls eine Walze, welche die Kette aus dem Wasser hebt. Das Treibrad, welches die Kette in Bewegung srtzt, be- findet sich, wie gesagt, auf dem Verdeck. X. Wahlfonds. Vom Wahlcomits hier 13,50. Wbrg R. W. K. 17,00. Allen Spandauer Parteigenossen sage ich hierdurch herzliches Lebewohl. so, 90 Leipzig, den 18. Juni la78. W. Bade. Ich ersuche meine lieben Par'eigcnossen Böcker, Czielinski, Tietze:c. in London, sowie die Genossen Ludwig Ehrich, Pölzing, Stade?c. in Paris mir schleunigst Ihre Adresse zukommen zu lassen. Mühlhcim a. d. R..lean AVitzka sen., Windmühlenstraße 22/1. Am letzten Sonnabend auS meiner Arbeit hinausgemaßregelt empfehle ich mich nunmehr den' eu offen zur Anfertigung von Berreuxarderobe aller Art nach M�ß, tbenio werde:! Reparaturen besorgt. Musterprobcn liegen anö. C. Hilder, Hildesheim, Hoch lebe die Soziaidcmokrattt! Wollenw�berstrvße 967, 3. Etage. � Versammlungen des Sozialdemokratischen Wahlvereins finden von jetzr an jeden Sonn- abend, 8>/r tthr, in dem Lokale des(F. 107) Herrn Ott«, Neuestraße Nr. 45 ffaU. Nächsten Sonnabend, den 22. Juni: T.>O.: Ebenso auch die Gesangstunde Donnerstag, Abends von 9 bis 11 Uhr.(0,90) Der Vorstand. -■ Qptlllt/t Freitag, 21. Juni, Abends 8 Uhr, bei Michaels Windmühlenstr. 7: Emwohnervtrsammlung. T.-Ordn.: Die bevorstehende Reichstagswahl. 0,70) Der Einbernfer. Sonntag, den 23. Juni 1878 Sommerfest sammtlicher Gewerkschaften Leipzigs im„Utlltll Gasthof" zu Gohlis. Anfang Nachmittags 3 Uhr. eoneert, Herren- und Damenspiele. Bon 7 Uhr an Ball wozu wir Alle freundlichst einladen.(3,10 /ur Wahlbewegung! ttieder mit den Sojialdemokraten! Von W. Bracke. Bisherige Auflage 195,000 Exemplare!! Einzeln im Buchhandel 25 Pf., sur Arbeilervereine 15 Pf. In Partien 10 Pf., 50 Stück 4 Mk., 200 Stück Mk. 12,50, 1000 Stück 50 Mk. Bei größeren Partien für die Wahlbewegung pro 1000 Slück 40 Mk Gegen baar oder Postvorschuß.(100 Braunschweig, 12. Juni 1878. W. Bracke jr. Zur bevorstehenden Wahlagitation empfiehlt sich als die beste Agi- tationS-Brochüre, namentlich in Bürger- und Handwerkerkreisen: Der Kleinbürger und die Sozialdemokratie. Ein Mahnwort an die Kleingewerbtreibenden von Joftann Most. (Eine Gefangnißarbeit au« Plötzensee.) 4'/, Bogen stark mit elegantem Umschlag. Preis 50 Pf., in Partien billiger. Inhalt: Die Macht des Vorurtheils.— DaS Handwerk in der Vergangenheit.— Das Handwerk in der Gegenwart.— DeS Hand- werters Klage über die Lohnarbeiter.— Illusionen.— Rothe Ge- spenster.— Revolutionsficber.— Unsere Grundprinzipien.— Unsere politischen Forderungen.— Soziale Reformen.— Die Organisation der Klaffen. Versendung nur gegen baar oder Postnachnahme.(250 Bestellungen werden erbeten von der Bolksbuchhandluna von 3. Endres in Augsburg (2 a) Oberer Graben G. 322. Verantwortlicher Redakteur: Julius Künzel in Leipzig. a dawon und(£jpfb ion Fä berstraße 12. II in Sechzig., üiUi und Vcr ag ver s-nossrnlchaittbnchdruck-rei m Lechzig-