Erscheint in Ctipiij illtw° ch, Freitag. Somtog. aisBntmcntäprtU (St gang Deulilbland 1 l'iarf 60 P>, »r» Ouartal. l?«»«?»ab»i:»c»e»t» k h*«. «nn tci sEen iculichcn L»S«nkIalle» •«; trn 2. und 3. Monal, und auf de» » Rcr.ot desonder« aiigencmmm. tat. Verianimlungen rro Peiitreil» ll PI.. WN Pridnlangelegenheiten und Fest«»r» Hrtitleilc il> Pf. kellellunzt» Neimen an alle PnIteKinftni und Buchdand« langen de» In- und AnSlandec. F!l!al- lrxpedlliaucn» ??> w- z?» r t:?»tr. Franz.Zonicher, 177 Iii», Btr. corner Broom«.— Kt. Heim. Nipjchc, U» West— 37 Sit. Philadelphia: P. Haß, SS» Kneid nea Zireat. I. Poll,!i. L. dar LBaolalt« Z>«eorxs 5ilr. Hodolen II. F.: A. Ä. Sorge, 2tS Wnak» inxio» Ltr. llhicago: 21. haiilermanii, 74 Cl/douene»»«. San Franiide«: K.Snd.«l»0'l!'»rr«U Btr. London W.; Wilh. Holfinan», S7A Prin- cc» Btr. Leicedter Squ. Gentrat Grgan der Sozialdemokratie Deutschtands. Rr. 77. Mittwoch, 3. Juli. 1878. Parteigenossen! Laßt Euch nicht provo- ziren! Man will schießen. Die Reattion braucht i Krawalle, um das Spiel zu gewinnen. Die ftudirende Jugend und die Sozial- demokratie. Die Thatsache, daß die Sozialdemokratie unter den Schülern der Gymnasien, sowie der technischen höheren Unterrichtsanstaltcn Eingang gefunden hat, ist in jüngster Zeit so oft hervorgetreten, daß in ihrer Herzensangst der Culwsminister von Preußen so- wohl, als der Handelsminister Reskripte an die Provinzialschul- behörden erlassen haben, in denen sie nähere Aufschlüsse verlangen, Warnungsrufe und Drohungen ausstoßen. Der gemüthlichere der beiden Herren ist der Cultus- minister Falk, der das Pflegen des idealen SinneS bei der Jugend als ein gutes Schutzmittel gegen die sozialdemokratische Verführung anpreist. Die Berliner„Bolkszeitung" aber erwidert in Bezug auf diesen Punkt, daß gerade die idealistisch angelegte Jugend am ehesten den sozialistischen Anschauungen anheimfalle, welche das Ideal der gleichen Lebensgenüsse für die Armen, die Leidenden die Enterbten, als den Zielpunkt der Sozialdemokratie hinstellten. Diese Devisen hätten besonders für die idealistisch angelegte Jugend gewaltigen Reiz. Solcher Gefahr zu begegnen, schlägt die„Volkszeitung" vor, möge man in den Schulen schon constitutionelles Verfassungsleben lehren, damit man die Jugend von dem idealen Boden abdränge und auf den realen Boden praktischer Politik frühzeitig hinführe. Wir find auch damit einverstanden, weil wir wohl wissen, daß alle praktische Politik von der Jugend ideal aufgefaßt wird, weil wir wohl wissen, daß fast alle jungen Leute, die sich mit Politik befassen, radikale Politik treiben. Die Sozialdemokratie würde von dem Augenblicke an, wo man die Politik zum Lehr- fache in den Schulen erhöbe, die beste Heimstätte bei der Jugend finden. So oder so— es wird nichts geändert. Der Idealismus führt die Jugend zur Sozialdemokratie, die reale Politik gleichfalls. Der Handelsminifter von Maybach scheint übrigens eine andere Auffassung von der Sache zu haben; er giebt nicht viel auf den„idealen Sinn" der Schüler, sondern legt sich auf die Anwendung von Machtmitteln, indem er schreibt: „Sollten einzelne Lehrer es an dieser Wirksamkeit fehlen lassen, weil sie selbst der Sozialdemokratie zuneigen, so veran- laßt oer Minister die Direttoren oder die königlichen Regierungen, ihm ohne Verzug Anzeige zu machen. Gegen die Schüler soll mit den strengsten Mitteln der Schuldisziplin eingeschritten und dieselben nöthigenfalls unnachsichtlich aus der betreffenden An- stalt entfernt werden." Also Gewalt, nochmals Gewalt und nochmals Gewalt.?ro- butnm est! Beide Herren Minister aber verwundern sich über die„kaum erklärliche Geistesrichtung", welche sich in den höheren Lehr- anstalten zeige. Kaum erklärlich? Uns ist es allerdings erklärlich, daß die Herren Minister sich über solche Geistesrichtung wundern: dies kommt daher, weil es den Herren Ministern gerade so geht, wie fast allen unseren Gegnern, die von dem eigentlichen Wesen des Sozialismus nichts verstehen. Verständen sie etwas davon, so würden sie es sehr erklär- lich finden, daß die noch unverdorbene Jugend unsere Ideen gut und wahr findet, daß die noch unverdorbene Jugend die verdorbenen Zustände in unserem gesammten jetzigen Gesellschaftsleben verächtlich findet, daß die noch unverdorbene Jugend sich und das Volk vor völliger Verderbung schützen möchte. Die Herren Minister werden, wenn ihnen wahrheitsgetreu berichtet wird, ferner erfahren, daß das fortwährende Bollpfropfen mit allerlei religiösem Wust, mit patriotischen Phrasen den auf- geweckteren Schülern auf die Dauer nicht zusagen kann, so daß sie fern und fteudig zu einer gesunderen, frischeren Lost greifen. sie werden unter oerselben Voraussetzung erfahren, daß die so- zialdemokratisch angehauchten Schüler überhaupt die tüchtigsten sind und daß bei einer unnachfichtlichen Entfernung solcher Ele- mente gerade die besten Elemente der Schule und der Wissen- schaft, dem Staate und der Gesellschaft verloren gehen. Und Alles, was wir hier über die Schüler auf den Gym- nasien und den technischen höheren Lehranstalten gesagt haben, das trifft in noch erhöhterem Maße bei der auf den Universi- taten studirenden Jugend zu. Hier können wir vielfach aus eigener Anschauung und zwar nicht nur in Bezug auf eine, son- dern ,n Bezug auf mehrere Universitäten urtheilen. Die frommgläubigen und patriotischen Studenten sind meist auchdlebesten Bterpawoten; Fecht- und Ballsaal ist ihr Element und das Fachstudium zum künftigen Broderwerb ihre emzige Sorge.'* unter den Studenten studiren. Sauferei, Schlemmerei. Liebelei und Prügelei- sind für sie nicht Vorhanden. Allgemeine Bilduna. allumfassende Wissenschaft find ihre Ziele. Daneben wird meist spielend das sogenannte Brod- studium überwunden., Zur ReichstagSwahl. (Aus Süddeutschland.) Das Eentralwahlcomits der sozialistischen Arbetterpartei Deutschlands hat allerdings schon einen Aufruf an alle Partei- genossen erlassen: in dem für den JO. Juli bevorstehenden Wahlkampf durch Agitation und Geldbeiträge voll und ganz ihre Schuldigkeit zu thun und es möchte somit als überflüssig er- scheinen die in jgünsttgen Vermögens- und Erwerbsverhält- nissen befindlichen Parteigenossen noch einmal besonders hierzu aufzufordern. Die hartbedrängte Situation der Partei— an deren schließ- lichem Siege das Wohl des ganzen deutschen Volkes hängt— mag es jedoch als gerechtferttgt erscheinen lassen, wenn ich gerade an diejenigen Parteigenossen, welche aus der Bourgeoisie hervor- gegangen, ihre Lebensstellung innerhalb dieser haben und die sich in einer vom Glück bevorzugteren materiellen Lage befinden, die dringende Ausforderung richte, ihre Genossen im Proletariate in dem bevorstehenden schweren Entscheidungskampfe in außer- gewöhnlichem Maße zu unterstützen. Unsere Partei ist im Großen und Ganzen— es ist das ja allbekannt— eine arme, und dennoch hat keine einzige der übrigen polittschen Parteien eine solche Opferfteudigkeit seitens ihrer Mitglieder aufzuweisen als gerade die unsere; der bevor- stehende Wahlkampf aber kann nicht erfolgreich geführt werden, wenn die Parteileitung nicht über genügende Mittel zu verfügen hat, was— da die Zeiten für den Proletarier ohnehin schon harte sind— ein schweres Ding ist, wenn auch der Arbeiter und Kleinbürger, wie es ja stets geschehen, den letzten Pfennig den hohen Zwecken der Partei opfert— deshalb richte ich an alle Wohlhabenden in der Partei den dringenden Aufruf, in so außer- gewöhnlicher Zeit durch möglichst umfangreiche Geldspenden— und das können auch diejenigen, die aus Rücksicht auf ihre Lebens- stellung, sich nicht öffentlich der Partei angeschlossen— nach Kräften das ihrige zur Erreichung der Parteiziele beizutragen. — Meinen Beitrag zum Wahlfond habe ich bereits an Genossen A. Geib in Hamburg abgesandt. kl. Und weck nun gerade die tüchtigsten Elemente unter der flu- d'renden Jugend Sozialisten sind, deshalb werden sie bedrängt. Auf dem Altar der Reaktion wird die Wissenschaft geopfert. Dies geschieht im„Lande der Dichter und Denker" und zwar in dem drittletzten Decennium des neunzehnten Jahrhundert»! Sozialpolitische Uebersicht. — Aufgepaßt!„Wenn das Publikum nur eine Ahnung davon hätte, wie viel gewisse Leute werth sind, die das Volk jetzt durch Anwendung jedes imfamsten Mittels dazu veranlassen möchten, einen reaktionärn, konservativen Reichstag zu wählen! Nach Allem, was man bis jetzt erlebt hat, halten wir es nicht für unmöglich, daß von dieser selben Seite aus noch vor den Wahlen irgend ein Coup in Scene gesetzt werden wird, um die liberalen Wähler einzu- schüchtern. Kommt ein solcher Coup, von welcher Art er er auch sei, dann ist das Volk wenigstens im Voraus ge- warnt und weiß, daß es nun erst recht nicht reaktionär wählen darf. Also augepaßt!"— Wer ist es, der diese sehr zeit- gemäße Warnung erläßt? Ein sozialdemokratisches Blatt? Ein fortschrittliches Organ? Nein, die dreimal in der Wolle gefärbte nationalliberale„Magdeburger Zeitung"! Gegen wen die Warnung sich richtet, das wissen unsere Leser, die wiederholt in ähnlichem Sinn von uns gewarnt worden sind. Herr Stieber ist an der Arbeit, das sagt Alles. Wir können bei dieser Gelegenheit auf Grund authentisü.r Information melden, daß sogar der deutsche Kronprinz die Thättgkeit des genannten Herrn mit Mißtrauen betrachtet, und bezüglich der Aechtheit des Lehmann'schen Attentats Zweifel geäußert hat. Ja, wir müssen auf Alles gefaßt sein; die„gewissen Leute" können ohne„Schießen" ihren Zweck nicht erreichen— und. sind die Arbeiter zu klug, sich als Scheiben benutzen zu lasier, dann findet sich vielleicht— ein anderes Objett. Vielleicht ein r der „gewissen Leute" selbst. Es braucht ja nicht— getroffen zu werden. Die„Magdeb. Ztg." aber, die jetzt hinter die wahre Natur des Attentat-Spektakels gekommen ist, möchten wir fragen, ob sie nun auch die Ehrlichkeit besitzt, zu gestehen, daß sie mit ihrer ganzen Partei, ein schweres Unrecht und einen schweren Fehler begangen hat, als sie, sammt ihrer ganzen Partei, ohne jeglichen Anhalts- Punkt, den offenkundigen Thaffachcn zuwider, lediglich aus po- li tischen Gründen die Sozialdemokratie für die Attentate ver- antwortlich machte? Hat sie den Muth zu gestehen, daß sie, sammt ihrer ganzen Partei, durch Betheiligung an der„Sozialisten- Hätz" ihr eigenes Parteiinteresse— von Moral gar nicht zu reden— aufs Aergste geschädigt, und das Spiel der„gewissen Leute" gespielt hat" vor denen sie nun in so emphatischer Weise zu warnen genöthigt ist? Inzwischen ist für Berlin bereits eine Maßregel dekretirt worden, die vorläufig einen wetteren„Coup" überflüssig macht: wir meinen die Wiedereinführung des Paßzwanges(s. die nach- folgende Notiz). Die bezügliche Verorduung ist erlassen auf Grund des � 9 des Gesetzes vom 12. Oktober 1867, welcher lautet:„Wenn die Sicherheit des Bundes oder eines ein- zelnen Bundesstaates, oder die öffentliche Ordnung durch Krieg, innere Unruhen oder sonstige Ereignisse bedroht erscheint, kann die Paßpflichtigkeit überhaupt oder für einen bestimmten Bezirk, oder zu Reisen aus und nach bestimmten Staaten des Auslandes, durch Anordnung des Bundespräsidiums vorübergehend eingeführt werden." Da von Krieg nicht die Rede ist und nicht sein kann, so sind es also„innere Unruhen oder sonstige Ereignisse", von denen die Erlasser der Verordnung die Hauptstadt bedroht glauben. Nun, von unserer Seite geht die„Bedrohung" nicht aus. Wird man uns sagen, von wem man sich bedroht glaubt? Jedenfalls aber muß das durch diese Verordnung heraufbeschworene Schreckbild der ge- heimnißvoll drohenden Gefahren das Publikum in Aufregung versetzen, und dabei finden die„gewissen Leute" ihre Rechnung. — Der alte deutsche Bund ist wieder auferstanden Folgende königlich preußische Verordnung ist erlassen worden: „Bis auf weiteres ist jeder in der siadt Berlin ankom- wende Fremde oder Neuanziehende verpflichtet, sich durch Paß oder Paßkarte über seine Person auszuweisen. Ueber die Ausführung dieser Bestimmungen find von der Polizei- behörde die erforderlichen Borschriften zu erlassen." Diese Verordnung scheint der Anfang zur Wiedereinführung der allgemeinen Paßpflichtigkeit und der Wanderbüchcr zu sein. — Sämmtliche Personen, die unter dem Verdacht, mit Nobiling das Attentat geplant zu haben, von der Polizei ver- hastet worden sind, haben als unschuldig entlassen werden müssen— so melden einstimmig die Berliner Blätter. Auch Nobiling's jüngerer Bruder ist wieder in Freiheit gesetzt. Kurz: von dem ganzen Complott bleibt nicht? übrig als das Complott unserer Feinde gegen die Freiheit und die Sozial- demokratie. Bei dieser Gelegenheit sei auf Grund authentischer In- formation hin, erzählt, wie Nobiling zum Sozialdemo- kratfen gemacht wurde. Als nach dem Attentat der erste Schrecken vorüber war, versuchten die herbeigeeilten Beamten bekanntlich den blutend und bewußtlos daliegenden Nobiling einem Verhör zu unterwerfen. Da dies nicht ging und dem Unglücklichen kein Wort zu entlocken war, verlegte man sich darauf, ihm Fragen zu stellen, die er— wie dem Bewußt- losen(I) laut ins Ohr gerufen ward— mit Ja oder Nein, oder mit Kopfnicken beantworten sollte. Eine der ersten Fragen war: Sie sind(nickt: Sind Sie) Sozialdemokrat? Der tödtlich Verwundete, der von der Prozedur keine Ahnung hatte, bewegte sich in diesem Moment convulfifisch und stöhnte. Dies wuroe für Ja genommen und— der Telegraph blitzte es in alle Welt: Nobiling ist Sozialdemokrat! Das„rothe Ge- spenst" war losgelassen, die„Sauhatz" mit der Sozialistenhatz als Ouvertüre konnte beginnen. — Das tausendjährige Reich Bismarck's. Wie wir i das letztemal uzsttheilten, betrugen bis Ende voriger Woche die für Majestätsbcleidigungen anläßlich der Attentate verhängten Gefängnißstrafen eine Gcfammtsumme von 300 Jahren. Es stehen aber noch dreimal so viel Prozesse aus, die voraus- sichtlich in Summa mindestens 700 Jahre ergeben werden— Gesammtfacit: tausend Jahre Gefängniß. Wer will jetzt noch daran zweifeln, daß Bismarck der Auserwählte des Herrn ist und uns das„tausendjährige" Reich der Verheißung ge- bracht hat? — Der„Sozialist" Lothar Bucher schrieb vor 15 Jahren an das Leipziger Central-Arbeitercomitä— dasselbe, an welches Lassalle sein„Antwortschreiben" richtete, wörtlich wie folgt: „Sie haben mich aufgefordert, bei der nächsten ordentlichen Zusammenkunft Ihres Vereins einen Bortrag zu halten. An ein Geschäft gebunden, das meine Zeit jeden Tag in Anspruch nimmt, würde ich, wenn auch mit Bedauern, abgelehnt haben, wenn nicht der von Leipzig aus angeregte Streit zwischen meinem Freunde Lassallc und meinem ehemaligen Parteige- Nossen Schulze-Delitzsch auf eine Frage geführt hätte, die Mich während ineines langen Aufenthalts in England viel beschäf- tigt hat, die Frage: wie sich die Manchesterpartei zu dent Wesen jedes Staates und zu den Ausgaben der gegenwärtigen Staaten verhält. Da die Erscheinungen, die ich zu beobachten Gelegenheit gehabt, in Deutschland Vielen gar nicht bekannt sind, von Vielen in einem falschen Lichte gesehen werden, und da die Lehren, die aus jenen Erscheinungen zu ziehen sind, nicht nur für die Arbeiter-Verhältnisse, sondern für die Entwickclung Deutschlands in jeder Richtung von der größten Wichtigkeit sind, so würde ich die dargebotene Gelegenheit, Zeugniß ab- zulegen, nicht ausschlagen können, ohne das Gefühl, einer Pflichtversäumung schuldig zu sein. Ich bin daher bereit, über die bezeichnete Frage zu sprechen. Die Vorgänge m der gestern hier abgehaltenen Arbeiter- Versammlung, wo man*) diejenigen, die Lassalle's Argumente entwickeln wollten, mit dem Geschrei: Haut ihn. nicht zu Worte kommen ließ, und die Art und Weise, wie die so zu Stande gebrachte Abstimmung von einem Theile der hiesigen Presse verwerthet wird, dieses von Berlin gegebene Beispiel, die Anwesenden zu terrorisiren und die Abwesenden zu täu- scheu, macht es doppelt geboten, Farbe zu zeigen. Ich ver- liere daher keine Zeit, meine Ueberzeugung auszusprechen, daß die Lehre der Manchester- Schule: der Staat habe nur für die persönliche Sicherheit zu sorgen und alles Andere gehen zu lassen, vor der Wissenschaft, vor der Geschichte und vor der Praxis nicht besteht. m c- Mit demokratischem Gruße Berlin, 20. April 1863. Lothar Bucher." Der„demokratische Gruß" verwandelte sich bald darauf in einen sozialdemokratischen Gruß, als Herr Lothar Bucher »)„Man" d. h. die Freunde und Parteigenossen des Hrn. Eugen Richter, der um jene Zeit als CarnevalSheld und BersaimnlungS- sprenger sich di: politischen Sporen verdiente. Sonderbarerweise regi- strirt die Berliner„Bolkszeitung", Organ der Fortschrittspa-.tei, den ihre Partei so schwer compromittirenden Brief Bucher'S mit großer Genugthuung. Red. d.„B." seine Beiträge für die Internationale Arbeiterassocia- tion an Johann Philipp Becker in Genf einschickte, und Zwar auf Grund von Artikel 20 der Statuten der schweizerischen Sektionsgruppe deutscher Sprache der Internationalen Arbeiter- assoziation, welcher§ also lautet: Art. 20. „Bewährte Gesinnungsgenossen, an Orten wohnend, wo keine Sektionen bestehen, oder die dermalen noch in Stellungen find, welche eS nicht rathsam machen, öffentlich oer Assoziation anzu- gehören, können sich beim Centralcomtts oder dessen Agenten zur Aufnahme anmelden. Dieselben erhalten nach erfolgter Aufnahme, gegen Zahlung von 3 Frcs. 75 Cent, oder 1 Guld. 45 Kr. oder 1 Thaler preuß. ein Centralmitgliedsdiplom und haben die Zahlung des genannten Betrages alljährlich zu er- neuern, wogegen sie eine gedruckte Quittung erhalten, die sie ihrem Aufnahmsdiplom, zum Beweise ihrer fortdauernden Mit- gleidschaft beizufügen haben. Sie erhalten das Centralorgan (d. h. den„Vorboten") frei und verpflichten sich durch Wort und Schrift, Rath und That die Grundsätze der Internationalen Ar- beiter-Association vertheidigen und in allen Richtungen fördern zu helfen." Wie die Quittungen des„Vorbote" ausweisen, ist Herr Lothar Bucher seinen Verpflichtungen gegen die Internationale mit mustergiltiger Pünktlichkeit nachgekommen. — Ein Bourgeois, dem die Furcht wenigstens nicht allen Verstand genommen hat, schreibt der„Vosfischen Zeitung" aus Lübeck: „Wie sehr Diejenigen Recht hatten, welche davor warnten, durch zu weit gehende Maßregeln jedes öffentliche und dadurch trotz aller unbestrittenen Gemeinschädlichkeit immer- hin controlirbares Parteileben in der Sozialdemokratie zu unterdrücken und dadurch diese kecke Partei zu uncontrolirbarer geheimer Thätigkeit zu zwingen, das zeigt sich schon jetzt allent- halben. In demselben Maße, in welchem sich in Folge der be- hördlichen Verbote im ganzen Reiche die Vereins- und Volks- Versammlungen vermindert haben, genau in demselben Maße hat sich die Beweglichkeit und Thätigkeit in jener Partei vermehrt; das wird Jeder bestätigen müssen, der mit dem Lager der So- zialdemokraten einigermaßen Fühlung hat. Die Sozialdemokraten zeigen sich freilich nicht mehr so öffentlich, als„Genossen", renommiren und bramarbafiren nicht mehr so von den Redner- tischen aus; sie schließen sich vielmehr mehr und mehr von den Nichtsozialisten ab und sind diesen gegenüber in politicis sehr zurückhaltend und mißtrauisch. Dafür aber agitiren und wühlen sie unter sich und in der reinen Arbeiterbevölkerung, in Werk- statten, Fabriken u. s. w., besonders aber in den sogenannten Parteirestaurationen, in Biergärten ic. desto eifriger. Und hier ist die Behörde machtlos, während sie früher in den öffentlichen Versammlungen sich über die Ziele und Absichten der Leute leicht informiren konnte. Dasselbe war der Fall mit den Congressen der Sozialdemokratie, die man aber für dieses Jahr ebenfalls unpolitischer Weise verbot. Verschiedene Zeitungen haben sich viel darum gestritten, wo dieser Congreß nun geheim abgehalten werde und sind dabei auf London, Brüssel, ja sogar auf ein von Hamburg auslaufendes und in den englischen Gewässern Helgo- lands ankerndes Schiff verfallen. Ich glaube, der Streit, wo dieser Congreß stattfinden wird, ist ein sehr unnützer, und zwar glaube ich das deswegen, weil ich der festen Ueberzeugung vin, daß derselbe bereits stattgefunden hat. Einem mir aus Breslau zugegangenen Brief entnehme ich, daß dort in sonst gut unterrichteten Kreisen die Nachricht verbreitet ist, genannter Eon- greß habe im Laufe der vergangenen Woche in Leipzig getagt, und seien auf demselben Delegtrte aus allen Wahlkreisen des Reiches, in denen die Sozialdemokratie vertreten, außerdem aber der gesammte Hamburger Parteivorstand anwesend gewesen. Ob sich nun die Sache, wieZgemeldet verhält, oder ob die Herren Agitatoren auf Kosten ihrer Wähler irgendwo anders zusammen gewesen— die Sache und die aus ihr zu ziehende Lehre bleibt sich völlig gleich. Soviel steht fest: Während früher die Behörde in der Lage war, durch Ueberwachung solcher Versammlungen die beabsichtigten Schritte schon im Borau? kennen zu lernen und so bei Zeiten die nöthigen Maßregeln gegen sie zu ergreifen, Gegen die Denunzianten! (Aus dem Kladderadatsch 1349.) Wem noch ein Herz im Busen lebt, Das sich empört bei Hochgerichten, Wem zitternd noch die Seele bebt, Wenn sich des Henker's Hand erhebt, Ein Menschenleben zu vernichten— Der schaare sich und wahre sich Ge'n uns'res Volkes Schimpf und Schande! Der wahre sich und schwöre sich: Vernichtung dieser Henkerbande? Wem noch ein Herz im Busen bebt Für Menschenliebe— für ein Hoffen: Daß sich das Volk zu dem erhebt, Was seine Edelsten erstrebt, Der trete zu uns frei und offen: Was alle Völker aller Zeit Dem Brudermorde gleich erkannten, Laßt richten und vernichten uns: Zum Teufel mit den Denunzianten! — Zur Sozialistenhetze. Die„Berliner Freie Presse" erhält folgende Zuschrift: Nachdem ich ö'A. Jahr zur Zufriedenheit meiner sämmtlichen Vorgesetzten auf der königlichen Ostbahn gearbeitet habe, wurde ich am 22. d M. plötzlich entlassen. Auf dem Abqangszeugniß war als Grund meiner Entladung ange- geben,„hervorragende Betheiligung an sozialdemokratischen Zwecken!" Meine„hervorragende Betheiligung» war die. daß ich bei Unterhaltungen, wie sie boch in den Werkstatten, wo Collegen neben einander arbeiten, üblich sind, und wo mitunter ganz sonderbare Ansichten auch über die Sozialdemokratie zu Tage gefördert wurden, daß ich da Jrrthumern m aller Ruhe entgegentrat und sie zu berichtigen suchte. Ich habe das uli ehrlicher Mann für meine Pflicht gehalten. Dann habe ich bei den vorigen Wahlen in meiner freien Zeit Flugblatter verbreiten helfen und am Wahltage selbst Stimmzettel mst aus- aetheilt, auch ab und zu öffentliche Versammlungen besucht und die„Berliner Freie Presse" gelesen. Das ist das„Berbrechen, wegen dessen man einen Arbeiter heut zu Tage vor die Thure setzt, wenn sich auch sonst nicht das Geringste gegen ,hn vor- bringen läßt! Der Vorsteher der betreffenden Werkstatt forderte mich noch eine Stunde vor memer Entlassung auf:„ich solle mich von dieser Sache abwenden, solle meine Meinung ändern, da er mich nicht gerne entlassen wolle, sondern mich sogar achten erfährt jetzt weder sie, noch sonst Jemand etwas von dem Be- schlossenen, bis es uns als nicht mehr rückgängig zu machende That entgegentritt. Welcher von beiden Zuständen ist aber der für die Sicherheit des Staates und die bürgerliche Freiheit gün- ftigere? Man möge sich also wohl bedenken, ehe man auf dem betretenen Pfade weiterschreitet. In Bezug auf die jetzige ge- räuschlose, aber darum jedenfalls nicht weniger gefährliche Thä- tigkeit der Sozialdemokratie kann ich auch aus unserer Stadt etwas mittheilen. Man Hai verschiedentlich bemerkt, wie in den letzten Tagen der letzten Woche sich eine Anzahl hervorragender Sozialisten hier ein Rendezvous gegeben haben, es wurden Geib aus Hamburg, Bebel und Hasenclever aus Leipzig, Voll- mar aus Dresden, Auer aus Berlin und noch einige unbekannte Herren bemerkt. Sie alle nebst unfern einheimischen Sozialisten- führern und deren Anhang thaten der Polizei aber keineswegs die Liebe, sich insgeheim zu versammeln, so daß man die Ge- sellschaft mit vollem Recht hätte aufheben und verantwortlich machen können. O nein, die routinirten Parteimänner sagten sich vielmehr, daß sie nirgend sicherer sein würden, als in der öffentlichsten Oeffentlichkeit und verkehrten deshalb nur in viel- besuchten Restaurationsgärten, besonders in dem Tivolietablisse- ment, gerade als ob es sich um ein Vergnügen handle. Daß es außer diesen öffentlichen auch nicht an geheimen Versamm- lungen gefehlt haben wird, daran ist wohl nicht zu zweifeln." Sicherlich nicht. Da der Herr Correspondent so lebhaft Pro- paganda für uns macht, wollen wir ihm zum Dank auch ein paar„Geheimnisse" verrathen. Der„Congreß" hat allerdings stattgefunden, jedoch nicht in, sondern bei Leipzig, auf jenem romantischen, zu einem modernen Rütli, wie geschaffenen Wald- fleck, der nach dem ruhmreichen Leipziger Polizeidirektor und Staatsretter den Namen„Rüders-Ruhe" trägt. Was ferner die „unbekannten Herren" von Lübeck betrifft, so sind drei derselben doch wohl nicht so ganz unbekannt, wie der Herr Correspondent uns zugeben wird, wenn wir ihm die Namen nennen: Engels, Lissagaray und Marx; unter den„Herren" befindet(oder be- fand— denn sie find inzwischen wieder abgereist— sich die eben- falls nicht ganz unbekannte Wjera Sassulitsch, die glücklich aus Rußland entkommen ist und jetzt in England der continen- talen Polizei ein Schnippchen schlägt. Wünscht der Herr Correspondent in weitere Geheimnisse ein- geweiht zu werden, so braucht er's nur zu sagen, und wir stehen zu Diensten. Die erzwungene Geheimthuerei geht uns wider die Natur und wir machen uns gern Luft. — Wie's gemacht wird. In der„Vossischen Zeitung" lesen wir:„Als ein neuer Beweis, in welcher Weise gegenwärtig auf sozialdemokratische Agitatoren gefahndet wird, kann eine Regierungs-Präsidial-Verfügung gelten, wo- durch ein Maurer Trillhose aus Heppens den Behörden bezeich- net wird, welcher nach den angestellten Ermittelungen, als Agitator „im Solde des allgemeinen deutschen Arbeitervereins"(!) steht, welcher in Hamburg seinen Sitz bat, für den preußischen Staat aber geschlossen ist.„Derselbe befindet sich zu Agitationszwecken fortwährend auf Reisen", ist vor Kurzem in Frankfurt a. d. O. gewesen und hat dort„viel mit den Führern der Sozialdemokratie, die von seinem Eintreffen vorher unterrichtet waren, verkehrt," auch mehrere Exemplare des Vereinsblattes des gleichfalls in Preußen geschlossenen Hamburger Maurer- und Steinhaurer- Bundes vertheilt. Da es wahrscheinlich ist, daß der Trillhose auch andere Orte auf seinen Agationsreisen besuchen wird, so soll auf denselben aufmerksam gemacht und die Behörden sollen veranlaßt werden,„dem verderblichen Wirken desselben mit allen gesetzlichen Mitteln auf das Energischste entgegenzutreten."— Was dieses„Entgegentreten mit allen gesetzlichen Mitteln" bedeutet, das wissen wir. Als charakteristisch sei erwähnt, daß das Berliner Fortschrittsorgan auch nicht ein Wort des Tadels für dieses unerhörte Verfahren hat, und es wie etwas Selbstverständliches, ohne Commentar hinnimmt. Au- ßerdem giebt es keinen„Allgemeinen deutschen Arbeiterverein" mehr, der„in Hamburg seinen Sitz hat und für Preußen ge- schloffen ist". Die Regierungs-Präsidial-Verordnung beruht also auf falscher Voraussetzung und zeigt von einer in diesen hohen müsse, meines Charakters wegen. Ich erklärte ihm offen und frei, daß ich durchaus nicht so charakterlos sein könne, auf Wunsch eine Ueberzeugung abzulegen, wie einen Rock und wenn ich wirklich die gewünschte Erklärung abgäbe, so wäre ich dadurch zum Heuchler geworden. Das mochte ich nicht und so erfolgte denn meine Entlassung. Gleichzeitig wurden mir dadurch alle meine Rechte, die ich an die dort bestehende Kranken- und Sterbekasse durch meine monatlichen Beträge (KM. 1,20) erworben hatte, rücksichtslos genommen; das find die Freiheiten eines Arbeiters in unserer heutigen Ge- fellschaft R. B., Sattler und Tapezierer. Wir haben diesen schlichten Worten eines Arbeiters, so sagt unser Berliner Parteiorgan, nichts hinzuzufügen. Solche Vor- kommnisse zeigen mehr wie ganze geschriebene Bände das Elend unserer Zustände und mehr wie je muß in jedes ehrlichen Mannes Brust die Ueberzeugung sich festigen, daß Zustände, welche solches Unrecht möglich machen, beseitigt werden müssen.— Auf Eines sei hier doch noch aufmerksam gemacht. Seit SV, Jahren hat die Krankenkasse der königlichen Ostbahn die Beiträge des Ge- maßregelten einkassirt, von dem Tage, wo der Mann seiner Ehrenhaftigkeit wegen auf die Straße gesetzt worden ist, hat er seine Ansprüche an die Krankenkasse verloren. Wie nun, wenn der Mann heute oder morgen krank wird, wer muß dann für seinen Unterhalt sorgen? Wer anders als die Gemeinde, also der steuerzahlende Bürger.— Eine famose Gelegenheit jetzt für den Staat sowohl, als wie für die Bourgeoisie sich der alten, ausgenützten Arbeiter zu entledigen und so die eigenen Kranken- lassen zu ent-, die Armenkassen der Gemeinden aber zu be- lasten. — Anständig. Die Unruh'sche„Bande" ist übertrumpft. Die spezifisch„anständige"„Kölnische Zeitung" nennt unsere Partei„eine Rotte, deren blutrothe Lehre Meuchelmörder groß- gezogen haben". Wir sind begierig, zu erfahren, welches Epitheton die brave„Kölnerin" für die„gewissen Leute" hat, denen die Magdeburger Partei- und Gesinnungsgenosfin der „Kölnischen Zeitung" den Gebrauch der„infamsten Mittel" nachsagt und zutraut? Zur Statistik des Verbrechens. Nach einer Statistik der preußischen Zuchthäuser besaßen von 23,599 Gefangenen höhere Bildung: 247; vollständige Elementarbildung: 5227; mangelhafte Bildung: 12,740; 2593 konnten nur lesen, und ohne alle Schulbildung waren 3592. Drei Viertheile aller Gefangenen waren also ohne alle Schulbildung oder besaßen doch nur mangel- hafte Schulbildung. Da die sozialdemokratischen Arbeiter durchweg eine verhält- nißmäßige gute Schulbildung besitzen und außerdem ein auSge- Regionen schwer begreiflichen und noch schwerer verzeihlichen Unkenntniß landkundiger Thatsachen. — Sehr kurzes Gedächtniß. Die„Maadeb. Zeitung" bringt in ihrer Nummer 294 einen Artikel:„Die Bewegung gegen die Sozialdemokratie und ihre Tadler", der nach Styl und Inhalt zu urtheilen, der Victor Böhmert'schen„Sozial- Correspondenz" entnommen ist. Der unverschämte Schluß des Artikels lautet, indem er sich gegen den Tadler der brutalen Verfolgungsweise wendet: „Was wir verhindern wollen, das ist die Weise, wie einzelne, bald ganz aus dem Zusammenhange gerissene, bald vollständig verdrehte Sätze abstrakter oder gar utopistischer Systeme benutzt werden, um in der urtheilsloseen Menge einen Samen auszu- streuen, der auf die eine oder die andere Weise verbrecherifche Ausschreitungen hervorbringen muß. Der wirksamste Standort zur Ausstreuung dieser Saat ist die Tribüne des Reichstages. Darum fort mit den Sozialdemokraten aus dem Reichs- tage! Möge sich Niemand beirren lassen durch die Phrase, daß es gefährlich sei, den„reformatorischen Ideen" das Wort zu entziehen! Was die Sozialdemokraten im Reichstage oder vielmehr vom Reichstage aus betreiben, ist nicht die Berkündung resormatorischer Ideen, sondern die nackte Aufwiegelung. Dazu aber soll das deutsche Parlament nicht länger mißbraucht werden!" Um so unverschämter ist dies Geschreibsel, als noch im April vorigen Jahres die„Magdeburgische Zeitung" auch nach einem Artikel der„Sozial-Correspondenz" Folgendes geschrieben: „Unter den verschiedenen Anträgen auf Revision der Gewerbe- ordnung hat auch der von der sozialdemokratischen Partei aus- gearbeitete Entwurf eines Arbeiterschutzgesetzes trotz mehrerer fehr anfechtbarer Forderungen entschiedene Beachtung und keine ungünstige Aufnahme gefunden. Man erblickt einen poli- tischen Fortschritt darin, daß sich die Sozialdemokratie ge- nöthigt sieht, die unfruchtbare Verneinung alles Bestehenden mit selbstthätiger Antheilnahme an der Gesetzgebung?- arbeit zu vertauschen und mit ihren Weltverbesserungsplänen hervorzulreten. Sobald man sich mit einzelnen politischen Fragen Praktisch beschäftigt, pflegt man auch den harten Thatsachen des Lebens näher zu treten und die Grenzen der Ausführbarkeit deutlicher xu erkennen. Das Unerreichbare wird leichter ausge- schieden, und Diejenigen, welche ander Verbesserung der sozialen Zustände aufrichtig arbeiten wollen, trennen sich von Denen, die nur im Tadeln ihre Aufgabe suchen." Hier haben wir also genau das Gegentheil von dem oben Gesagten. Man sieht, daß die Sozialdemokratie es mit ebenso schwachsinnigen als unverschämten Gegnern zu thun hat. — In Ka lisch(russisch Polen) wurde vor einigen Tagen eine„Judenhatz" abgehalten, bei der etwa ein Dutzend Menschen um's Leben kamen. Wir möchten die„Frankfurter Zeitung" fragen, was die Kalischer Juden verschuldet haben? Denn sie wird uns zugeben, daß wenn eine Sozialistenhatz nicht möglich ist ohne Verschulden der Sozialisten(was sie mit mehr— Vor- ficht als Ritterlichkeit und Logik soeben in einigen recht taktvoll schulmeisternden Artikeln ausgeführt hat), dasselbe auch von einer Judenhatz gelten muß. Wir sind allerdings anderer Anficht, und glauben, daß die„gewissen Leute", vor denen die„Magdeburger Zeitung" jetzt so heillose Angst hat, gerade so gut wie die So- zialistenhatz, auch jeden Tag eine„Judenhatz", eine„Liberalen- Hätz", ja eine allgemeine„Bourgeois Hätz", kurz eine„Hätz" gegen jede Partei, und jede Klasse, die nicht im faktischen Besitz der Staatsgewalt ist, insceniren könnte. — Vom Kriegsschauplatz. In Kleinzschocher(Königreich Sachsen) fand vor einigen Wochen das Begräbniß eines Parteigenossen statt, bei welchem die Leidtragenden sich mit rothen Schleifen geschmückt hatten. Dreizehn Parteigenossen sind dieserhalb, weil sie republikanische Abzeichen getragen haben, mit Haftstrafen belegt worden. Was sagt Herr Lasker nun dazu? Ist ihm die sächsische Polizei, find ihm die sächsischen Richter noch nicht strenge genug?— Unser Genosse Kühl prägtes Rechtsbewußtsein haben, so findet man nur sehr selten einen Sozialdemokraten im Zuchthause. Und da sollen die Sozialdemokraten die guten Sitten zerstören?! — Die Verhandlungen des Staatsgerichtshofes zu Berlin gegen Hödel wegen des Mordversuches gegen den Kaiser finden bekanntlich am 10. und 11. Juli öffentlich statt. Der Zuschauerraum des Sitzungssaales faßt im Ganzen etwa 100 Personen, und soviel Personen werden auch Einlaß erhalten. Der Botenmeister beim Kammergericht ist angewiesen, bei der Bertheilung der Einlaßkarten, welche erst kurz vor der Eröffnung der Sitzung erfolgen soll, die Zeitungsberichterstatter besonders zu berücksichtigen. — Zwei neue Attentate.„Gegen den Herzog zu Sagau ist zu Sagan ein gräßlicher Mordanfall verübt worden"— so lautete die Sensationsnachricht in den Skandalzeitungen. Das Thatsächliche ist folgendes: Am letzten Sonntag Nachmittag drang der Hausbesitzer S. in das herzogliche Schloß ein und gab auf Befragen nach seinem Begehr an, er müsse sofort den Herzog sprechen. Als ihm bedeutet wurde, daß dies nicht so ohne Wei- teres angehe und er zum Verlassen des Schlosses aufgefordert wurde, setzte er der Dienerschaft Widerstand entgegen und zog schließlich eine Schußwaffe hervor, mit der er die Dienerschaft bedrohte. Bei der bald bewirkten polizeilichen Verhaftung stellte sich heraus, daß die Waffe gar nicht geladen war, der ungefähr- i liche Attentäter aber sehr stark„geladen" hatte. Der„Fränk. Kurier" schreibt vom 23. Juni:„Heute gegen Mitternacht wurde, während der Veteranen- und Kampfgenossen- Verein im Gasthaus zum„Essigbrätlein" in Nürnberg versam- melt war, in das Lokal desselben von einem Nachbarhause aus durch das Fenster aus einer Windbüchse ein scharfer Schuß ab- gefeuert, der glücklicherweise Niemand verletzte, obwohl gegen 30 Schrote im Zimmer aufgelesen wurden. Polizeiliche Anzeige ist erstattet, der Thäter aber bis jetzt noch nicht ermittelt."— Es hat sich daraus herausgestellt, daß der„Attentäter" kein Geringerer ist, als Herr Appellrath Müller, der übrigens nicht geschossen, sondern lediglich eine Hand voll Schrotkörner durch das offene Fenster unter die Gesellschaft warf, um bemerklich zu machen, daß er Ruhe zu haben wünsche. Hochkomisch ist, daß der Herr Appellrath die Störer seines Schlafes für Sozial- demokraten, die erschreckten Kampfgenossen aber den Attentäter für einen Sozialdemokraten hielten! Die Nürnberger Ordnungs- Blätter beeilen sich nun natürlich, den ganzen Vorfall für einen harmlosen Scherz zu erklären. Was wäre wohl geschehen, wenn ein Sozialdemokrat der„Scherzmacher" gewesen wäre? ist in Dortmund zu einem Jahre Gefängniß verurtheilt worden wegen Privatbeleidigung einiger politischen Gegner!!! Nun, Herr von Bennigsen, sind Sie zufrieden? — Am 29. Juni wurde in Chemnitz in der Expedition der „Chemnitzer Freien Presse" der noch geringe Rest von Kegel's „Freie Lieder" confiszirt und Kegel selbst verhaftet.— Genosse Bollmar wurde am 25. Juni in Lübeck, wo er sich zum Be- suche seiner erkrankten Frau aufhielt, auf Requisition des Dres- -dener Bezirksgerichts verhaftet. Derselbe hat bekanntlich eine lOmonatliche Gefängnißstrafe abzumachen.— Der Einjährig- Freiwillige K. vom zweiten Garderegiment zu Berlin, der früher öfter im Nordklub verkehrte, ist nach 15tägiger Unter- fuchungshaft wieder entlasten worden.— Der Redakteur der „Süddeutschen Bolkszeitung", Genosse Degenhardt, ist in Stuttgart wegen emer ihm zugesandten Correspondenz ver- haftet worden. — Londoner Fomvota. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat, nachdem sie in der Londoner Kiste keine Mordwaffen, son- dern sehr harmlose Gegenstände entdeckt, nun eine Untersuchung wegen verbotenen Lotteriespiels gegen Geib und Genossen (Derosfi zc.) eingeleitet. Jedenfalls wird event. Anklage nur gegen Geib erhoben, da dieser allein mit dem Vertriebe der Loose sich befaßt hatte. Allem Anscheine nach will man aber auch den Loosnehmern außerhalb an den Kragen, wie die Haussuchungen in Elmshorn, Barmen:c. beweisen. Da die Gewinngegenstände jedenfalls beschlagnahmt bleiben, so hat die Aufbewahrung der Verzeichnisse nnd Loose doch keinen Zweck, Wonach sich jeder Loosinhaber richten möge. Corresponsenzen Zürich, 29. Juni. Ueber die am 24. Juni gehaltene Ver- fammlung ist die gefammte liberale Presse in einer Weise her- gefallen, daß wir uns genöthigt sehen etwas ausführlicher deren Verlauf zu schildern. Seidel referirte. Ausgehend von der landläufigen Phrase, daß man unser Zeitalter das der Humanität nennt, wies er nach, daß wir in einem Zeitalter der Barbarei leben. 720/o der Einnahmen aller europäischen Staaten werde für Militär, Höfe und Staatsschulden ausgegeben und nur 28% für Schule, Gewerbe und Handel. Der Krieg ist eine Wissen- schaft, das Todschlagen ein Gewerbe geworden! Hierauf geißelt Redner die schmähliche Haltung des deutschen Bürgerthums, das seinen Rücken krümmt und um Peitschenhiebe fleht, weil unter 40 Millionen Menschen es zwei gibt, die auf den Kaiser schießen. Wieder wie bei Hödel macht man die So- zialdemokratie auch für die wahnsinnige That Nobilings verant- wortlich. Die Sozialdemokratie ist der Prügeljunge der moder- nen Gesellschaft. Attentate hat es aber seit Jahrhunderten schon gegeben, während die Sozialdemokratie erst 15 Jahre existirt. Das Attentat kann, vom politischen Gesichtspunkt aus betrachtet, nur einer Partei, der konservativen, nützen, den Sozialisten aber nur schaden. Letztere stellen den Grundsatz auf, daß unsere Zu- stände Resultate der geschichtlichen Entwickelung sind und also nur von innen heraus verbessert werden können. Die Sozialdemo- kratie tritt ein für Abschaffung der Todesstrafe, bestreitet also der Gesellschaft das Recht zum Morde, wie könnte sie also auch nur im Entferntesten einem Einzelnen das Recht zugestehen, sich am Leben seines Nebenmenschen zu vergreifen? Nachdem der Redner noch weiter ausführlich die intellektuelle Urheberschaft des Nobiling'schen Attentats von der Sozialdemokratie zurück- gewiesen und insbesondere hervorgehoben hat, wie unvernünftig es ist, zu glauben, eine unsittliche Idee könne im Volke Anhang gewinnen, daß es einen Fortschritt geben könne ohne Sittlichkeit, geht er näher auf die Entstehungsursachen des Attentats Nobiling ein. Uebergehend zu der dem Attentat gefolgten Reaktion in Deutschland meint der Redner es könne keinem Zweifel unter- liegen, daß Bismarck vormärzliche Zustände, eine Junkerherr- schaft will und das deutsche Bürgerthum zeigt sich geneigt, Aus- nahmegesetze zu votiren und habe auf den hingehaltenen Köder, das rothe Gespenst, bereits angebissen. Die Reaction ist im besten Zuge. Redner wurden verhaftet, Versammlungen aufge- löst, Majestätsbeleidigungsklagen anhängig gemacht. Bis zum 15. Juni sind schon 180 Jahre Gefängnißstrafe deshalb verhängt worden.(Bis Ende Juni sind circa 400 Jahre Gefängnißstrafe, aus Anlaß der Attentate begangenen Majestätsbeleidigun- gen verhängt worden.) Schließlich präzisirt der Redner noch den Standpunkt der deutschen Sozialdemokratie bei den bevorstehenden Wahlen, zeigt, wie man gern einen Aufstand provoziren möchte, um das Volk niederkartätschen zu können, daß aber die Sozialdemokratie, Dank ihrer Organisation und Disziplin, durch ihre eiserne Ruhe diesen schändlichen Plan vereiteln werde und daß es daher doppelte Aufgabe aller freiheitlich gesinnten Männer sei, dieselbe mate- riell und moralisch zu unterstützen durch Entnehmen der angefertigten Quittungen von 25 Rp. für den Wahlfond der Sozialdemokraten. Mögen sich aber, so schloß der Redner unter lebhaftem Bei- fall, besonders die Arbeiter ihrer großen geschichtlichen Aufgabe bewutzt sein und sich ihrer würdig zeigen, indem sie der guten Sache ihr Opfer bringen. Ohne Kampf kein Sieg! An der Debatte betheiligten sich Beyerer und Greulich. die die Ausführungen des Referenten unterstützten und Robert Reff, der in der verworrensten und confusesten Weise die deutsche Sozialdemokratie schmähte. Wie wenig seine Schmähun- gen fruchteten, zeigte die Abstimmung über folgende Resolution. die mit allen gegen eine Stimme angenommen wurde. „Die heutige Versammlung erklärt ihren Abscheu vor der in Deutschland wüthenden Reaktion namentlich vor den unerhörten Verfolgungen und spricht die Ueberzeugung aus, daß die deutsche Sozialdemokratie gegenüber dem herrschenden Taumel Ruhe und Besonnenheit bewahren wird. Die Ernüchterung von diesem Rausche wird bald folgen und dann kommen durch die Logik ver Thatsachen die sozialdemokratischen Bestrebungen erst recht Zur Anerkennung." Die Versammlung hat gezeigt, daß die arbeitende Bevölkerung Zürichs nicht vom Loyalitätsduscl befallen ist, sondern ihre Stel- lung gegenüber den politischen Borgängen in ihrem Vaterlande begriffen hat. ?rag, 23. Juni. In Bezug darauf, daß Ihr sehr eifrig gelesenes Blatt alle Länder durchkreuzt und mir auf diese Weise 1 Gelegenheit geboten wird, weitere Kreise der Sozialdemokratie � von unseren Verhältnissen in Kenntniß zu setzen, erlaube ich mir » einige Zeilen in Ihrem Blatte für unsere Interessen einzu- RLflehmen. Die böhmische, sozialdemokratische Partei in Oesterreich 'besitzt heutzutage drei Organe, welche sämmtlich in Prag er- scheinen und von denen das Centralorgan„Budoucnost"(Zukunft), die„Delnickö Listy"(Arbeiterzeitung) zweimal und die Agitationsschrift„Organiface" einmal monatlich herausgegeben wird. Daß die Zahl unserer Parteigenossen trotz Verfolgung seitens unserer Gegner fortwährend im Wachsen begriffen ist, davon zeugt am besten die Abonnentenzahl, die von Tag zu Dag wächst. Als ein großes Hinderniß m der Entfaltung unserer Agitation— ich muß dies offen gestehen— ist der jetzt sich zu Ende neigende„heilige" Räuberkrieg Rußlands gegen die Türkei anzusehen, denn die bourgeoifistische Tagespresse, welche dem Czaren das epitdetou ornnuz„Osvododitel"(Erlöser, Messias) beigelegt hat, auf die fabelhafteste Weise ihn zu ver- herrlichen sucht und das Volk vor ihm wie vor einem Götzen das Knie zu beugen zwingt, wirkt durch das tägliche„Volks- erlösende" Geschrei auf die Massen so demoralisirend, daß es dann Keinen wundern kann, wenn man hört und liest, das böhmische Volk sei für den„Erlöser" fanatisirter, als selbst die Türken für ihren Allah Wie kommt es aber, fragt sich's, daß solche Blätter, trotz- dem sie von der Schandwirthschaft in Rußland, von Trepows, Murawiews, welche der Czar belohnt und reichlich bescheert, täglich zu hören Gelegenheit haben,— wie kommt es, frage ich noch einmal, daß die sauberen Blätter für einen Czaren, der seine tüchtigsten Landsleute, wie Tschernischewski u. A., in den Berg- werken des unfteundlichen und Tod herbeiführenden Sibiriens schmachten läßt, zu agitiren sich erfrechen? Das hat einst zur Genüge ein polnffches Blatt aufgeklärt, indem es offen aufge- zählt hat, welche Blätter unserer Nationalen und wie hohe Sub- ventton sie von der russischen und serbischen Regierung gnädigst angenommen haben, um das Volk bei uns für„erlöserische Thaten" eines Alexander oder Milan aufzuregen und zu fana- tifiren. Dazu muß ich noch beifügen, daß sich kein einziges Blatt von diesen aufgerafft hat, um das zu widerlegen. Also gm tacet, consentire videtur. Diese Schandpolitik zu bekämpfen und über den Haufen zu werfen, ist unsere Aufgabe, der wir durch Wort und That nach- zukommen trachten. Daß jene Freiheit, mit welcher Bismarck das geeinigte Deutschland zu beglücken beabsichtigt, bei uns schon seit Jahren„auf den Bergen wohnt", muß ich nicht erst hier erwähnen; unsere Versammlungsrechts- und Preßgesetzes-Ausübung ist ja weltberühmt, dafür nur einige Belege. Zur Schilderung dieser„goldenen Freiheit" will ich mich nur einiger Beispiele bedienen, die insbesondere die Herren Gesellschaftsordner Andrassy und Comp, charakterisiren, und darauf sollte sich Graf A. auch ein Patent nehmen, denn Niemand übertrifft ihn darin, davon bin ich fest überzeugt. Unsere hier erscheinenden Blätter tragen auf jeder Nummer die unsere Preßfreiheit charakterisirende Auf- schrift:„Nach der Confiskation zweite Auflage", und das Cen- tralorgan„Budoucnost" ist heuer, nachdem es 12 Mal erschienen ist, 13 Mal behördlich confiszirt worden Daß das Versammlungsrecht schon längst aus dem Codex Francisci L gestrichen ist, glaube ich mit nachstehendem Beispiel zu bekräftigen. In der letzten Zeit haben unsere Parteigenossen in Stadt und Land Volksversammlungen einberufen, deren Zweck die Besprechung des„allgemeinen, direkten Wahlrechtes" sein sollte. Alle Versammlungen aber wurden auf Grund des kautschuk- artigen§ 6 des Versammlungsgesetzes verboten. Die Einbe- rufer haben sich überall widerrufen. In Brünn sollte zu Pfingsten ein Congreß der mährisch- schlesischen Arbeiter abgehalten werden, aber auch dieser störte die Ruhe der Andrassyffchen Compagnons und wurde deswegen auch verboten. Nun hat der Redakteur der„Delnickö Listy" diese Verbote, deren Zahl über 15 gestiegen ist, gesammelt und hernach in einer Nummer dieses Blattes der Reihenfolge nach, ohne daß dazu eine Bemerkung beigefügt wäre, veröffentlicht. Die Folge davon war, daß dasselbe Loos auch diese Nummer getroffen hat, und zwar wegen„Hetzen gegen die Behörden".— Die Administration des Parteiorgans„Budoucnost" hat eine Einladung zum Abonnement mittelst Plakaten in der Stadt an- schlagen lassen. Diese Plakate wurden rechtzeitig der Polizei- behörde vorgelegt und nachdem dieselbe in der Einladung nichts „Gesetzwidriges" oder„Staatsgefährliches" vorgefunden hatte, wurden die Plakate an den Straßenecken Prags affichirt. Am Mittag waren aber alle Plakate verschwunden, denn die Polizei hat sich's überlegt und die betreffenden Plakate herunterreißen lassen. Nachmittags war in Pcag von einer„Budoucnost" keine Spur mehr— und Andrassy konnte wieder ruhig schlafen. Vor einigen Monaten ist in Dresden eine in böhmischer Sprache verfaßte Broschüre unter dem Namen„diasß idea" (Unsere Idee) erschienen, welche unter uns eine sehr gute Auf- nähme gefunden hat und unter unseren Genossen in Böhmen, Mähren und Schlesien eingeschmuggelt wurde. Dieses unser „Treiben" durfte aber dem wachsamen Auge der Polizei nicht verborgen bleiben, und so entsendete der Gerichtshof, nachdem er die Verbreitung der betreffenden Broschüre untersagt, eine gerichtliche Commission in die Redaktionen der„Budoucnost" und„Delnickö Listy", um den Vorrath an Broschüren zu con- fisziren; aber diesmal hatten sich die Herren ungemein getäuscht, denn die ganze Colportage ging vom Druckorte Dresden aus. Das ist ein treues Bild unserer Verhältnisse, und manche Leute erfrechen sich noch, von Freihett zu sprechen.— nlca. Aus dem 17. sächsischen Wahlkreis(chtauchau-ZLeeranet. Auf Grund von mehrfach stattgehabten Besprechungen der Ver- trauensleute unseres Wahlkreises können wir berichten, daß die Organisation der Wahlagitation rüstig von statten geht. Es herrscht ebenso unter den älteren Genossen, wie unter den frisch aufgerückten Kräften der höchste Eifer und eine Festigkeit und Ruhe, die den Gegnern schweres Kopfzerbrechen verursacht. Weder die theilweise beliebte Lokalsperre, noch sonstige Einschüch- terungsversuche können uns verhindern, für unseren Candidaten W. Bracke nachhaltig einzugreifen, wobei uns die öffentliche Stimmung wesentlich zu statten kommt. Je mehr die Gegner Schimpf und Verleumdung als einzige Waffe gegen uns führen, desto mehr werden die sonst unpolitiichen Kreise vom Ekel über solches Treiben erfüllt, was ganz rückhaltslos in Privatgesprächen wie an öffentlichen Orten geäußert wird. Der Wahltag wird beweisen, ob wir zu viel sagen, wenn wir erklären, noch nie hat uns der Liberalismus so vortrefflich in die Hände gearbeitet, als durch sein neuestes„Schreckensystem". Die Redensart von der„Hebung des Kleingewerks" kennt der Weber ebenso genau, wie der Kleinbauer die Phrase von der„Schaffung eines lebens- fähigen Bauernstandes" längst als Flunkerei kennen gelernt hat. Wie lange hat man nicht schon zu„heben" und zu„schaffen" gesucht? Und waren es denn nicht die herrschenden Parteien, die in ihren Wirthschaftssystemen all die erfolglosen Recepte ver- ordnet und damit herumgedoktert haben?—„So kann es nicht weitergehen!" Das hört man täglich hundertmal und in einem Athemzuge sagen, wenn von der neuesten Rcactions- campagne die Rede ist. Noch schlechter als bisher kann es mit der Arbeit nicht mehr gehen, und wo es hinauswill, das erzählt uns ja die liberale Presse mit der Bedrohung jedes Versuchs, dem Volke zu helfen.„So kann und soll es nicht weitergehen", — das wird unser Wahlkreis am 30. Juli tausendstimmig in die Welt rufen!— Wir find organisirt, Versammlungen abzu- halten, Flugblätter, Aufrufe, die Presse zu verbreiten, und wehrt man uns alles dies öffentlich zu thun, so befitzen wir eine tausendgliedrige Organisation, die von Haus zu Haus, von Stube zu Stube mit Wort und Schrift sich bewegt und um so wirkungsvoller ist. Guten Muthes und ruhigen Sinnes führen wir unsere Sache und— gewiß auch zuni Sieg. Man hat uns fester und enger aneinander gedrängt, und Alles wartet mit Un- geduld des Tages, an welchem das grollende arbeitende Volk in unserem Wahlkreise dem Liberalismus sein„Schuldig" auf die Stirn brennen wird. Bis dahin grüßen wir unsere auswärtigen Genossen mit dem Nachtwachtruf des Seemannes, als Zeichen, daß wir an der Arbeit und guter Dinge sind:„All well!" (Alles wohl!- Alles in Ordnung!) Ans dem 19. sächsischen Wahlkreise. Die Organisatton zum bevorstehenden Wahlkampfe für Parteigenossen Liebknecht ist bereits in gutem Gange. Eine Anzahl von Besprechungen der Vertrauensleute aus den meisten größeren und kleineren Orten hat stattgefunden. Die Berichte über die Stimmung im Wahl- kreise lauten ohne Ausnahme gut. Nicht nur unsere alten Wähler- schaften werden am 30. Juli das Tribunal bilden, welches den Schimpf, den Hohn und die feigen Verleumdungen gegen unsere Partei geziemend richten wird, sondern es werden auch nach Allem, was in der öffentlichen Meinung verlautbart, neue Kräfte aus den Reihen der Kleinbürger-, Bauern- und Arbeiterschaft eintreten. Man begreift allseits, daß das dunkle Werk der Reaktion nicht blos den Sozialismus, sondern selbst die letzten Scheinreste der Volksfreiheit treffen soll. Der unheimliche Alp, welcher Handel, Gewerbe und Ackerbau bei uns jetzt noch mehr drückt als sonst, und der das ganze öffentliche Leben im Bann hält, wird am 30. Juli in einem sozialistischen Wahlsiege eine wohl- thättge Unterbrechung finden, und der stille Groll aller anstän- digen Leute über das feige und schmutzige Gebahren der gegne- rischen Presse und ihrer Zubringer wird in der Wahl Liebknecht's zum Ausdruck gelangen und keinen Zweifel mehr übrig lassen, wie man in unserem Wahlkreise über die Volksrechte und ihre Unverletzlichkeit denkt. Was man auch gegnerischerseits von hier aus erzählen mag, es steht fest, daß die große„Hetzjagd gegen die Sozialen" auch hier nur von den versorgungssüchtigen Herrschaften ausgeht, hinter denen der Geldsack seinen Druck ausübt. Pfarrer, Schul- meister und mittlere Beamte zeichnen sich natürlich vor Allen aus, sich als„tapfere" Pfründenhüter zu zeigen, nachdem man unserer Partei den Knebel in den Mund gepreßt, sie so zu sagen vogelfrei erklärt, unsere Organisation unterbunden, vernichtet glaubt, wirft man sich schimpfend in die Brust, gründet„patrio- tische Bereine", wie die Herren Pfarrer Steininger und Schul- direktor Meier aus Lößnitz, und läßt in der Presse den Tam- Tam schlagen. Eine billige Tapferkeit das! Wir kennen diese Taktik schon von lange her. Damit wird man uns nimmer schlagen. Unsere Organisation ist unzerstörbar, sie beruht i« unseren Grundsätzen und wird sich dieser Kampfweise gegen- über mehr bewähren als je. Man sucht uns das Versammlungsrecht zu schmälern, zu verkümmern, hier eine kleine Probe von den sauberen Mitteln, welche die Presse dazu anwendet, aus Nr. 72 der„Erzgebir- zischen Zeitung", einem Sammelorte verschiedener Berliner Wasch- zettel und anderer„Geheimmittel". Dieses Blättchen schreibt:! „Lößnitz, 20. Juli. In der Stadt geht das Gerücht herum, daß m den nächsten Tagen eine sozialdemokratische Ver- sammlung in hiesiger Stadt abgehalten werden sollte. Nach de« schrecklichen Vorgängen der letzten Wochen, für die selbst der mildestdenkende Politiker die Sozialdemokratie verantj- wortlich machen lmuh!, können wir nicht anders, als unser Erstaunen darüber ausdrücken, daß in unserer Stadt ein Gastwirth so pflichtvergessen und ehrlos fein sollte, sein Lokal für eine derartige Versammlung abzugeben. Sollte sich aber wider Erwarten in der That Jemand finden, so muß es Sache eines jeden gutgesinnten und anständigen Bür- gers sein, ein derartiges Lokal stets zu meiden, gleich- wie eine verpestete Höhle!" „Pflichtvergessen und ehrlos" find also Gastwirthe, welche uns aufnehmen,„verpestete Höhlen" die Lokale, in denen wir verkehren!? Ist das nicht die schönste Acht- und Verrufserklä- rung? Wäre da nicht ein fetter Bissen für den Staatsanwalt, wenn er ihn zu finden die Geneigtheit hätte?! Und trotz dieses Bannfluches der„gutgesinnten" und„an- ständigen"„Erzgebirgischen Zeitung" finden sich hier noch Gast- wirthe, denen unser Geld auch kein Blech ist. Unsere Organisation ist übrigens so sicher und beweg- lich, daß wir ebenso viele Agitatoren als Genossen zählen. Wir brauchen das Wirthshaus nicht, denn Werkstatt, Privatwohnung, Spazierweg, der dunkle Schacht sind uns Raum genug zu unserer Arbeit, die Wähler zu sammeln und unsere Lehren weiter- zutragen. Alle Vorarbeiten sind gethan, unsere Vertrauensleute gewonnen. Werden Versammlungen möglich, so kämpfen wir dort, ebenso arbeiten unsere Presse und unsere Flugblätter, und will man uns diese auch unmöglich machen— gut— dann sind wir so organisirt, daß wir von Mund zu Mund, von Stube zu Stube, allem Drängen und Drücken, allem Schnüffeln und Hetzen den Damm entgegenstellen. Nie war der Geist in unseren Reihen ein besserer, nie der Wille ein einheitlicherer, als zu dieser Campagne, die mit unserem Siege enden muß. Also, Genossen, auf die wohlver« theilten Posten! Befolgt Alles genau, wie vereinbart ist! Königsberg, 27. Juni. Heute Morgen wurde auf Befehl der Hamburger Staatsanwaltschaft bei dem Unterzeichneten eine gründliche Haussuchung vorgenommen. Der Zweck derselben war, die Mitgliederliste Derjenigen zu erlangen, welche zu der in London zu Gunsten der nach Neu- Caledonien Deportirten veranstalteten allgemeinen Verloosung, Loose genommen haben. Wie es mir schien, wird man den deutschen Loosinhabern wegen Spielens in ausländischen Lotterien den Prozeß machen. Zu- nächst galt allerdings die Haussuchung dem nunmehr zur Ruhe gelangten Genossen Karl Just, resp. seinen noch hier befind- lichen Papieren. Als man jedoch weiter nichts fand, als ein Loos, welches natürlich mit Beschlag belegt wurde, mußte ich zunächst dem„Herrn Criminalinspektor Hirsch" meine bei mir getragenen Papiere, Brieftasche zc. ic., zur Durchsicht vorlegen. In einem erst heute Morgen vom Parteigenossen Müller aus Braunschweig erhaltenen Privatbriefe kam das Wort„la commune" vor, worüber sich Herr Hirsch eine Erklärung erbat. Und als ihm diese insofern zu Theil wurde, daß„Nademoisslls la commune" keineswegs mit jenen„schrecklichen" von 1871, sondern mit einer jungen Dame in Braunschweig zu identtfiziren sei, hatte sich der Herr Hirsch so weit beruhigt, daß er mir den Brief zurückgab. Auf die Durchsicht weiterer Privatbriefe ver- zichtete der Herr Criminalinspektor, nachdem ich dem Herrn er- klärt hatte, daß sie nur Privatsachen enthielten. Sonst wurden meine sämmtlichen Effekten durchsucht: Zeitungen, Broschüren, selbst die Geschäftsbücher der Expedition wurden einer strengen Durchficht unterworfen. Das Resultat der Haussuchung außer obengenannten Looses war Nr. 120, Jahrg. 1877 vom„Vor- wärts" und ein Exemplar des„Armen Conrad" Jahrg. 1877: R. S. Mrannschweig, 27. Juni. Der heutige„Volksfreund" schreibt — und es ist dies auch für viele andere Orte beherzigenswerth: In vielen Wirthschaften werden von einer kleinen Anzahl Leute lie Wirthe gegen die Sozialdemokraten verhetzt. Es kommt vielfach vor, daß einzelne Personen in ein Lokal kommen, in welchem sie sonst gewöhnlich nicht verkehren, den Wirth zur Rede stellen, wie er den„Bolksfteund" halten könne und mit dem Richtwiederkommen drohen. Läßt sich nun der Wirth eines Lokals, in welchem hauptsächlich Gegner verkehren, einschüchtern, oder glaubt er einer patriotischen Pflicht zu genügen, indem er den„Volksfreund" nicht auflegt, nun, so lächeln wir über die Bornirtheit. Anders aber ist eS, wenn in Lokalen, die fast nur durch Sozialdemokraten und deren Freunde existiren, der Wirth sich durch ein paar Gecken terrorifiren läßt. In allen Lokalen, in welchen Arbeiter verkehren, herrscht die größte Humanität und Toleranz, selbst gegenüber Leuten, welche, ohne daß an ihnen selbst viel daran ist, von oben herab über die Arbeiter und Sozialdemokraten abzusprechen lieben. Man sucht sie höch- stens in aller Ruhe zurechtzuweisen, und die Freiheit der Dis- kusfion ist nirgends mehr wie in solchen Lokalen gewahrt Wenn nun der Wirth solcher Lokale sich aber von ein paar Personen terrorifiren läßt, nun, so ruft er von selbst Repressa lien hervor. Wir kennen Lokale, in welchen die liberalen Nach barn selbst nur deshalb verkehren, weil sie dort angenehme und anregende Unterhaltung gerade im Verkehr mit sozialdemokrati- schen Arbeitern und Bürgern finden. Läßt sich der Wirth nun durch Einzelne gegen Diese verhetzen, dann kann er es in Kurzem erleben, daß gerade sein Lokal das erste sei, welches von beiden Seiten aufgegeben wird. Wir empfehlen allen Genossen und Freunden, wie überhaupt Allen, welchen darum zu thun ist, daß nicht eine kleine Schaar, oft aus bloßem Ulk, die Wirthe terrorifirt, oder welche nicht wollen, daß der Wirth sich einbildet, die Gäste zwangsmaßregeln zu können, überall, wo sie hinkommen, den.Volksfreund" zu verlangen. In vielen Fällen thun sie dem Wirthe sogar einen Gefallen. Wir haben Lokale, in welchen zu verschiedenen Tages- stunden das verschiedenste Publikum verkehrt, und der Wirth ist eine wahre Jammersperson, weil er nicht weiß, was er thun und lassen soll, um nicht einen Theil seiner Gäste zu verlieren Er giebt nach, wo die größte Pression geübt wird. Wir und unsere Genossen üben nun keine Pression, und wenn nun der Wirth eine Reihe gegnerischer Blätter hält, so stellen wir höchstens— leider ist dieses bisher nur im geringsten Maße geschehen— das Ersuchen, ein und das andere unserer Blätter auch zu halten, ein gewiß billiges Verlangen der Majo- rität, daß wo der Wirth vielleicht 15 Thaler für das Bedürfniß einer Minorität ausgiebt, auch 4 bis 5 aus Rücksicht für die Majorität auszugeben. Ja, wir haben nichts dagegen, wenn der Wirth alle möglichen gegnerischen Blätter hält; ein anderes aber ist es, wenn in Lokalen, wo zum größten Theile unsere Leute verkehren, der Wirth in ostensibler Weise unsere Blätter in die Acht erklärt. Das ist eine Beleidigung unserer Genossen, ein Schlag, der ihnen ins Geficht versetzt wird, den sie sich nicht gefallen zu lassen brauchen. Unser Blatt ist wenig dadurch getroffen, daß kaum 30 Personen, darunter fast lauter Wirthe, dasselbe abbestellten, haben wir doch in wenigen Tagen 500 neue Abonnenten gewonnen, aber unsere Freunde und Genossen wollen dort, wo sie verkehren, sich nicht die Achtung und Rücksicht seitens des Wirths versagen lassen, die sie zu beanspruchen haben. Wer eines der von uns gekennzeichneten Lokale besucht, der verlange zunächst den„Volksfteund". Er dulde nicht, daß ein paar Leute sich herausnehmen, in einem Lokale, in welchem fast nur Sozialdemokraten verkehren, oder in welchem sonst der freundschaftlichste Berkehr ohne Unterschied politischer Partei- stellung herrschte, den Wirth zu terrorifiren. Viele Wirthe werden es uns sogar Dank wissen, wenn dem- gemäß aufgetreten wird. Wenn in einem Lokale der Wirth frei- willig oder gezwungen Parteistellung einnimmt, so mag er sich die Folgen gefallen lassen. Antonien lj ütte, 16. Juni. Wie jetzt überall, so ist auch hier die Sozialistenhetze inscenirt worden. Ich bin seit ändert- halb Jahren hier an der Bahn beschäftigt gewesen und habe da, soviel als in meinen Kräften stand, für Ausbreitung der sozialistischen Ideen unter den Arbeitern gewirft, und deshalb ergießt sich jetzt der ganze Haß und Groll der Gegner über mich. Der Bahnmeister, bei dem ich arbeitete, machte Bekeh- rungsversuche mit mir und muthete mir zu, eine Erklärung zu unterschreiben des Inhalts, daß ich mich von der Sozialdemo- kratie lossage und nun vielmehr gegen dieselbe agittren würde. Da ich nicht zu bekehren war, so suchte der Mann mir Angst zu machen, indem er meinte, ich würde noch im Zuchthaus enden und meine Familie in Unglück und Schande bringen. Der Herr Bahnmeister wollte sodann als Grund der Entlassung auf dem Attest angeben, daß ich sozialistischer Agitator sei; ich habe dasselbe natürlich nicht angenommen.— Mehr als je bin ich aber jetzt entschloffen, einzustehen für die Sozialdemokratie trotz aller Verfolgungen. Es lebe die Sozialdemokratie! I. W. —o— Irankfurt a. M, 17. Juni. Noch mehr als Hödel hat Nobiling die Sturmvögel der Reaktion zu einem kühnen Fluge aufgescheucht. Die Sozialdemokratie ist selbstverständlich der Prügelknabe, auf den unsere Liberalen und Conservativen zwar„mit vereinten Kräften", aber doch jeder nach seiner Art loshauen. Citate aus dem Schimpf- L-xikon unserer ur-liberalen und ditto reichsireuen„Neuen Frankfurter Presse" zu machen, oder den von?hr verübten Blödsinn mit und ohne Methode theilweise zu registriren, das will ich unterlassen. Der hiesige „Volksfreund" hat diesem Preßorgan in verschiedenen Artikeln derb auf die unreinen Finger geklopft. Wenn ich mich nicht täusche, findet sich als Entschuldigung dafür, daß all' diesen mo- ralischen Peitschenhieben ein tiefes Schweigen entgegengesetzt wurde, im Brieflasten des Frankfurter Fischweibes(2. Blatt vom 9. Juni) ganz versteckt eine nach„hier" adressirte(wohl fingirte) Nottz folgenden Inhalts:„Das Kläffen des kleinen Dächsels kennen wir auswendig; die Bodenbeeren scheinen dieses Jahr nicht zu gerathen, weil die Gründe selbst dem sonst allezeit fer- ttgen Dialektiker fehlen."—— Au! au! Herr Dr. Moldenhauer! Zeichnen wir diesen Mann gleich mit ein paar Feder- strichen: Zu einer am zweiten Pfingsttage stattgehabten Volks- Versammlung(von den Sozialisten ausgehend) war mit Pomp in der„N. Fr. Pr." das Erscheinen der Liberalen angekündigt. Es kam auch richtig Herr Dr. Moldenhauer, hörte sich das Re- ferat Irohme's bis kurz vor Beendigung an, um alsdann zu verduften, denn:„Es ist zu heiß!" Es wird ihm freilich etwas „heiß" geworden sein, dem Herrn Dottor! Denn in einem Blatte ungestraft schimpfen und dirett vor seinen Gegnern Rede und Antwort stehen— das ist bekanntlich zweierlei! Doch genug von diesem— Ehrenmanne! Lassen wir ihn laufen!-- Das hiesige ur-conservative Organ, das freilich in Frankfurt selbst gar keine Rolle spielt, verdient nur deswegen einige Aufmerk- samkeit, weil wir daraus sehen können, wie gerade diese Leute, die so sehr mit Frömmigkeit und Tugend um sich werfen, denken und wie sie handeln würden, wenn sie— ja wenn sie— sie sind zwar sehr mit dem Schleifen ihrer rostigen und schartigen Sensen beschäftigt, um von dem nun üppig blühenden Weizen den Löwenantheil einzuheimsen. Thun wir unsere Schuldigkeit und harren wir getrost der Dinge, die da kommen werden und kommen müssen! Eine ganz kleine Blumenlese aus den zahl- reichen und ellenlangen Attentats-Glossen der„Deutschen Reichs- Post", deren„Moral" freilich immer die gleiche ist: Ein Stutt- garter Correspondent wirft die vielen Personen, die wegen Gut- 1 heißen des Attentats verhaftet worden find, alle unter die So- zialdemokraten. Ueber den Vorschlag der Errichtung einer Vo- tiv-Kirche schreibt ein Karlsruher:„Aber in einem Augenblicke, wo eine schwefelgelbe Bande von Mordbrennern sich rüstet, alle Kirchen und Paläste zu zerstören, sollten wir doch wohl dringen- dere Sorgen haben, als Geld zu Kirchenbauten zu sammeln":c. Ein Gießener malt die Gefahr vor, die von einer„verwegenen Umsturzpartei" in unserer Mitte unserem Vaterlande droht. Das Alles und noch mehr in einer Nummer! In einer Cor- respondenz aus Baden wird von„Mordgefindel" geredet. Wie sich aus dem Inhalte ergiebt, find für den Verfasser(und auch für die„ReichS-Post", da die Rebaltion keinerlei Bemerkung hierzu macht)„Mordgesindel" und jene hunderttausende von ehr- lichen und fleißigen Männern, die sozialdemokrattscher Gesinnung find, gleichlautende Begriffe. Aus der bayerischen Pfalz weint Einer zwar zahllose fromme Thränen, kann aber doch nicht um- hin, inmitten der Reaftionswüste folgende grüne Insel auftauchen zu lassen:„Wer nicht Gelegenheit hat, in die Tiefen des Volks- lebens zu schauen, ahnt gar nicht, wie tief die sozialdemokra- ttschen Ideen in unser Volk eingedrungen sind, hier neue Saa- menkörner streuend, dort alte aus dem Schlummer weckend":c. Nun, so lange es noch Menschen giebt, welche logisch zu denken vermögen, so lange giebt es auch noch Sozialdemokaten. Frei- lich giebt man sich jetzt, hat man sich von jeher und wird man sich auch ferner noch die größtmöglichste Mühe geben, den Leuten das Denken, das fatale Denken abzugewöhnen— mögen sie lieber etwas— Gescheidteres treiben!--- Ein hiesiger 15 jähriger Gymnasiast, Sohn eines Doftors, erhielt wegen Majestätsbelei- digung zwei Monate Festung zudiftirt. Das beantragte„Ge- fängniß" wurde in«„Festung" umgewandelt, damit der Junge nicht in schlechter Gesellschaft verdorben werde! Dieser Grund ist gewiß nicht übel, aber übel ist es, daß man nicht immer der- artige Rücksichten übt.— Ein hiesiger, in Hessen reisender Buch- Händler wurde wegen Majestätsbeleidigung verhaftet. Bei einer vorgenommenen Suche fand man bei ihm— o wie jammerschade! — weder was Complottliches, noch etwas halbwegs Sozialdemo katisches, sondern nur— Romane! Mit dem Ausdruck meines großen Bedauerns über diesen Neinen, von einem gutgesinnungs- widrigen Schicksal verübten Streich will ich schließen. Leipzig, 30. Juni. Nachdem sich das Central-Wahl- komitö für den 10., 11., 12. und 14. sächs. Wahlkreis konstt- tuirt, hat man folgende Grundsätze aufgestellt, nach welchen die ganze Agitatton geleitet werden soll und welche Fragen zu beant- Worten wir diejenigen Genossen bitten, die den resp. Conferenzen nicht beiwohnen konnten. Dieselben lauten: 1) Besteht bei Ihnen ein Lokal- Wahlcomitä? Wer leitet dasselbe(Adresse des Vorfitzenden)? Oder: mit Wem haben wir ständig zu verkehren? 2) Sind Wählerversammlungen bei Ihnen möglich? Stehen Ihnen Lokale zu solchen zur Verfügung? 3) Wie viel würden Sie Wahlaufrufe und Stimmzettel bedürfen zur Verbreitung in Ihrem Orte und Umkeise? 4) Können Sie das Austragen von Wahlaufrufen und Stimm- zetteln selbst besorgen lassen, oder müssen wir Leute dazu hinschicken? 5) Wenn Sie das Austragen selbst?besorgen können, brauchen Sie Geld zur Bezahlung der Leute? Wie viel pro Tag und Mann? 6) Haben Sie überhaupt�Geldmittel zur Verfügung? Hoffen Sie das nöthige Geld zur Orts-Agitation selbst zu be- schaffen? 7) Wollen Sie uns beständig Mittheilungen zugehen lassen in Betreff des Fortganges der Wahlagitation, über etwaiges Vorgehen der Gegner u. s. w.? 8) Welches sozialistische Blatt wird bei Ihnen am meisten gelesen? 9) Wie heißt das gegnerische Blatt? Wollen Sie uns dasselbe regelmäßig unter Kreuzband während der Wahlagitation zusenden? 10) Haben Sie Leute zur Ueberwachung der Wahlhandlung selbst am Wahltage? Alle Zuschriften für das Comitä sind zur schnelleren Erledigung an den Genossen C. Lienig, Leipzig, Färberstraße 12 zu richten; durch denselben find auch Sammellisten zum Wahl- fond zu beziehen. Gelder zum Wahlfond u. s. w. sind aber nur an den Kassirer, P. Eckerlein, Leipzig, Weststraße 37 zu senden._______ Leipzig, den 29. Juni. Unser alter Parteigenosse, der bis- herige Reichstagsabgeordnete Temmler hat an das sozialdemo- katische Wahlcomitä des 13. sächsischen Wahlkeises(Leipzig- Land) folgenden Brief geschrieben, der am letzten Sonntag in 10,000 Exemplaren unter den Wählern verbreitet worden ist:„An meine lieben Wähler des 13. sächsischen Wahlkreises. Geehrte Gesin- nungsgenossen! Am 10. Januar 1877 haben die sozialdemo- Katischen Wähler Ihres Wahlkeises mit seltener Einmüthigkeit zusammengestanden und haben mir mit 9420 Stimmen das für jeden deutschen Bürger höchste Ehrenamt, ein Reichstagsmandat. verliehen, wofür ich seiner Zeit allen meinen Wählern meinen herzlichen Dank ausgesprochen habe und auch heute denselben mit gleicher Anhänglichkeit Ihnen Allen wiederhole. Jetzt ist die Legislaturperiode, für welche ich gewählt worden bin, durch die von den Bundesregierungen beschlossene Auflösung des Reichs-> tages abgebrochen und wir stehen in allernächster Zeit vor neuen! Wahlen und da muß an die sozialdemokatischen Wähler des 13. Wahlkeises die Frage heranketen: Wen wählen wir für die bevorstehende Legislaturperiode? Ob ich durch mein Verhalten während der beiden letzten Sessionen des Reichstages, ob ich durch die geringe wirksame Thätigkeit, idie ich bei der Organi- sation der verschiedenen Parteien habe entfalten können, das Ver- Kauen meiner Wähler verdient, mir dasselbe also erhalten habe, darüber haben Sie zu entscheiden. Ich darf nur versichern, daß ich in keiner Sitzung beider Sessionen gefehlt, und treu wie gc- wisienhaft zu meinen Reichstagscollegen der sozialdemokatischen Partei gehalten und mit ihnen gestimmt habe. Sollte ich nun mit diesem meinen bescheidenen Wirken dennoch meinen lieben Wählern genügt haben und Sie darauf mir auch für die bevor- stehende Legislaturperiode ein gleiches Mandat wieder übertragen wollen, so muß ich schon jetzt zu meinem tiefem Bedauern das Bekenntniß abgeben, daß ich ein neues Reichstagsmandat, so höchst ehrenvoll dasselbe auch wäre und so sehr es mich zum auftichtigen Danke verpflichten würde, dennoch theils aus per- sönlichen, theils aus anderen Gründen nicht annehmen könnte, und folglich zu meinem Bedauern die Bitte aussprechen muß: —„von meiner Wiederwahl absehen zu wollen." Diesen Ent- schluß, kein ferneres Mandat bei einer neuen Legislaturperiode wieder anzunehmen, habe ich schon gleich in der ersten Session nicht nur gegen alle meine Parteigenossen im Reichstag, son- dern auch anderweittg ausgesprochen, wie allgemein bekannt ist. Im 74. Lebensjahre, worin ich mich befinde, hat man nicht mehr die Spannkraft, um die vielfachen, an den Reichstag her- antretenden Gesctzesvorlagen mit dem dazu gehörenden umfäng- lichen Material folgen und sie sachgemäß und eingehend prüfen zu können, wie dies doch nothwendig ist, wenn man seine Stimme abgeben soll. Dann aber, meine theurcn Wähler und Parteigenossen, regen mich in meinem vorgerückten Lebensalter die höchst ungerechten, unverdienten und planmäßigen Scbmähungen, denen die Sozial- demokratie ausgesetzt ist, derartig aui, daß ich dadurch schon Nach- theile an meiner Gesundheit erlitten habe. Kommen dann noch persönliche Insulten oder Kränkungen hinzu, wie ich denselben in den letzten Tagen ausgesetzt war, so wird man es mir Nie- mand verargen können, wenn ich den Wunsch hege, die ferneren Jahre meines Lebens thunlichit ohne politische Erregung zu be- schließen. Das Fundament unserer Ziele besteht nun einmal in unsere» Bestrebungen, die Lage unserer ärmeren Mitmenschen zu ver- bessern und staatliche Heilmittel zur Linderung und möglichsten Beseittgung des menschlichen Elends zu finden. Allein schon Börne sagte: „Daß der Reichthum das Herz schneller hart mache, als kochendes Wasser ein Ei." Da nun einmal unsere Gegner, wenn auch nicht alle mit Reichthümern gesegnet, doch nicht zu der darbenden leidenden Menschheit gehören, so werden den Sozialdemokraten auch fernere Verfolgungen, Anfeindungen und Verunglimpfungen nicht erspart bleiben.— Es ist diese Erfahrung freilich sehr betrübend, weil sie die kaurige Thatsache feststellt, daß viele unserer Gegner den Ursprung und das eigentliche Wesen unserer sozialdemo- kratischen Grundsätze fortwährend verkennen oder verkennen wollen, während sie bei einer vorurtheilsfreien Prüfung, bei Zurückdrängung eines egoistischen Parteistandpunktes sick doch sagen müssen, daß diese Grundsätze der wahren Humanität entstam- men, daß sie veredelnd und bildend derjenigen Menschheit dienst- bar werden sollen, die nicht an den Brüsten des Glückes gesäugt wurden, daß sie aber auch neben diesen ethischen Aufgaben den praktischen Zweck verfolgen soll: Die gesellschastlche Arbeit in richtige vernunftgemäße Bahnen hinüber zu führen, damit nicht zwei Drittel der Gesellschaft fernerhin noch in thatsächlicher Leib- eigenschait dem internationalen Kapital dienstbar verbleiben. Mit den besten Grüßen und anhänglichen Gesinnungen der Ihrige, G. A. Temmler. Schwerin i. M, 12. Juni 1878. Briefiaste» der Expedttion. Dr. Pchlr in Gsmr: Wenn Ihnen die dor- tige Post eine Nr. des Blattes nicht am Erscheinungstage jugestellt, s» rellamiren Sie diese Nr. iofort bei der betr. Postexpedition. Für diese Reklamation, sowie für die sehlende Nummer selbst darf die Post keinerlei Gebühren erheben. Wenn Sie aber bereits frühere Nrn., die Sie mchi erhalten aber auch nicht reklamin haben, von der Post nachgeliefert bekommen wollen,>0 müssen Sie Reklamationsgebühr und den Preis der Einzelnummer bezahlen, da vorausgesetzt wird, daß Sie die betr. Nr. erhalten, dieselbe Ihnen aber irgendwie zu Verlust ge- gangen ist. Quittung. Rchnsld Bonyhad Ab. 3,30. Mllr Mannheim Ab. 100, 00. Gglr hier Ab. 8,25. Bsch hier Ab. 20,00. Bstr London Ab. 4,00. Knk Frankfurt Ab. 50,00. Brgr Seeßen Ab. 7,S0. Rrz Manche Ab. 3,00. Wßnr Anina Ab. 8,65. Flr Schwäb.-Bmünd Ab. 6,00. Rtr Darmstadt Schr. 35,00. Grbnstn Lindenau Ab. 1,80, Schr. 0,63. Hß Sonneberg Ab. 6,70. Btz Darmstadt Schr. 10,50. WßmnN Bockenheim Ab. 4,20. Mck Ingolstadt Ab. 3.00. Gldbrg Königsberg Schr. 63,20. Ammnn Wießenburg Ab. 3,47. Wndt Penzlin Ab. 4,70. Nbr Wien Ab. 18,54. Mllr Breslau Ann. 1,20. F. Entz S. Francisco Ab. 83,79. Rw Altona Ab. 45,00. Hnzl Gelsenkirchen Ab. 16,00. Strckrt Königsberg Schr. 1,50. Tsch Elbingerode Schr. 1.90. Kch Mannheim Schr. 3.60. Grhl Lunden Schr. 6,00. Klrx Gießen Schr. 2,40. Hff Lübau Schr. 1,50. Schrdr Hamburg Schr. 0,75. Brnng Delitzsch Ab. 1,20. Lt Hammcrhütte Ab. 1,00. Sick Mainz Schr. 13,00. Mndt Meiderich Schr. 4,33. Schll Düsseldorf Schr. 3,50. Echnr Wien Schr. 5,00. Tnhs Gelsenkrchn Schr. 2,50. Jswt Lubehnen Schr. 1,40. Flsk Spremberg Schr. 2,65. M. Danzig Schr. 7 40. Ltz Ueberlingen Schr. 2,50. Sprngr Aachen Ab. 1,90. Lngnsn Heidenheim Ab. 1:50. Eckstn Deuben Schr. 4,50. Krgr Se- aard Schr. 2,00. Bhlmnn Aachen Schr. 5,50. Schrdr Hamburg Schr. 5.00. N Frankfurt Schr. 1,20. Pfnnkch Cassel Schr. 7,50. Eitz Dahme Schr. 1.50. Bckr Mainz Schr. 4,20. Rhbrg Braun, chwe'0 Schr. 2,80. Ihn Berlin Schr. 0,70. Krsch Lausigk Schr. 0,90. Krgr Constanz Schr. 1,50. Nglr Greiz Schr. 6,00. RsnSk Popcillen Schr- 2,60. Schwnk Barmbeck Schr. 2,50. Krg Verden Schr. 0,85. Rdl Ruhla Schr. 2,00. Wllhm Ragusen Ab. 1 00. Grnr Mannheim Schr- 3,30. Wahlfonds. Bon Gldbrg Königsberg 36,80; R—w 0,50; Liste 898 d. B. 2,25. Sozialdemokratischer Wahlverein. «yUHUVVVi* Die Mitglieder Versammlungen finden von jetzt an, jeden Sonnabend, Abends 8'/, Uhr, im Ballhofsaale statt- Sonnabend, den 5. Juli, Tagesordnung: Vorlesung und Ver- schiedenes. Der Vorstand.[50 fAtfSrtÄkot-m Sozialdemokratischer Wahlverein. *yIlCv9"vXin» Jeden Montag, Abends halb 9 Uhr: Mitgliederversammlung wozu Jeder srcien Zutritt hat.(m)_[0,59 OotVot/t Dissideiltcnbund für Leipzig u. Umgegend. I�exvzrg» Mittwoch, den 3. Juli, Abends LI, Uhrj: Monats Versammlung bei Richter, Roßplatz 9, im Trianon. Tagesordnung- Vortrag von Wittig übcr sittliche und religiöse Erziehung. Vereins' angelegenheiten. Zahlreiches Erscheinen erwarter D. B. J50 \ini>inSon t Sfil Sozialdemokratischer Wahlverein., JJClill vU l. Die hiesigen Mitglieder versammeln sis jeden Sonnabend, Abends 8 Uhr, bei Herrn Gastwirth Thieltt Ritterstraße.(m)[0,4� Ihre heute vollzogene eheliche Verbindung zeigen an Heinrich Eisengarten Anna Eisengartcn geb. Schubert. Leipzig, den 29. Juni 1878. [1,20 __ Zur Wahlbeweguug! Nieder mit den Sojialdemokraten! Bon W. Bracke. Bisherige Auflage 195,000 Exemplare!! Einzeln im Buchhandel 25 Pf., für Arbeiiervereme 15 Pf. I Partien 10 Pf., 50 Stück 4 Mk., 200 Stück Mk. 12,50, 1000 StS- 50 Mk. Bei größeren Partien für die Wahlbewegung pro 1000 Sw. 40 Mk. Gegen baar oder Postvorschuß. Braunfchweig, 12. Juni 1878._ W. Bracke jr Verantwortlicher Redatteur: Julius Künzel in Leipzig. Redaktion und Expedition Färberftt. 12. II. m Leipzig.. Druck und Verlag der Benoffenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.