frfittint in Frlxfi, Freitag, Sonntag. »llonncmentkpi-eig ttr ganz Deutlib'and l Mar! 60 Ps. tu Caortal. vienatS- Abn»nc»e»t» » S4 U. T» tri allen deutschen Pokankalten den 2. und 3. Monat, und auf den ». Mcnat lefonderd angenommen. I»srr»»e W». Uerfammlnngen tu Petitzeil» 10 Pf. Mi. Pinoatanzelee.ciiheitkn und Fest« pro Peeitzeilc ZV Pf. vorwärts BefleUung-n neimen an alle Poftanffalten und Buchhand» lungen de« In- und Auglande«. Fillal- Eipcdltlouen. Pew-Yort: Mr. Franz Jonfcher, 177 W» Str. caroor»rosm«.— Mr. Herm. Nigfche, US West— 37 Str. Phil-d-lphia: P. Haß, 30»«ortk 3rd Street. 3. Boll, N. E. box Charlotte 3- George Str. Hoboken N.J.: F. A. Sorge, StiWaid- logtoa Str. Chitago: A. Lanfermann, 71 CtydaBroe«r«. Tan FtanziSco: F.gnft,«iSO'Farrell Str. London W.: Mlh. Hoffmann, 37 A Prln- ccss Str. Leicestcr Squ. Gentrat Hrgan der Sozialdemokratie Deutschtands. Nr. 81. Freitag, 12. Juli. 1878. Parteigenossen! Laßt Euch nicht provo- ziren!' Man will schießen. Die Reaktion braucht Krawalle, um das Spiel zu gewinnen. Wahlfälschung. Durch Gewalt und Bedrohungen soll am 30. Juli vas Wahl- ergebniß gefälscht werden. In der Bourgeoisgesellschast, in wel- cher man weiß, daß man nicht durch Ueberzeugung siegen kann, ruft man die Brutalität zu Hilfe. So haben vor Kurzem die Arbeitgeber auf dem Berliner Viehhofe in einer Conferenz beschlossen, am Wahltage Jeder seine Arbeiter und Angestellten im Geschäftslokale zu versammeln, ihnen fortschrittliche Stimmzettel zu geben und sie dann persönlich zum Wahllokal zu führen. Wer sich wei- gern sollte, den empfangenen Stimmzettel abzugeben oder über- Haupt zu wählen, soll dem Beschlüsse gemäß auf alle Fälle ent- lassen werden. Wie weit eine solche Gewaltthat sich mit den Paragraphen 106 und 108 des Reichsstrafgesctzbuchs verträgt, das werden die Richter zu ermessen haben, da sich unter den Arbeitern Berschie- dene finden, welche diese Brutalität ihrer Arbeitgeber dem Staats- anwalt überweisen werden. Daß aber jeder Mensch, der in oben angeführter Weise seine Nebenmenschen durch Gewalt zwingt, gegen ihre Ueberzeugung zu handeln, in moralischer Beziehung ein Lump ist, dazu braucht wan nicht erst ein Gerichtserkenntniß, das wird jeder ehrenhafte Mann fteudig unterschreiben. Die Bedrängung der Arbeiter durch die Arbeitgeber mit der Hungerpeitsche nimmt immer noch zu— doch glauben wir, daß die Erfolge ausbleiben. So hat das Direktorium der Magdeburg-Halberstädter Eisen- bahngesellschaft als Nachtrag zu den allgemeinen Bestimmungen gr sämmtliche Beamte, sowie zu der Arbeitsordnung für die rbeiter in den Werkstätten und zu derjenigen für Bodenarbeiter Folgendes erlassen: „Die Betheiligung an sozialdemokratischen Bereinen, sowie IJ-ste Unterstützung sozialdemokratischer und gleichartiger Be- strebungen und Agitationen, insbesondere durch Geldbeiträge, Halten von Zeitschriften, Theilnahme an sozialdemokratischen Versammlungen und Besuch aller Lokale, in welchen der Aus- tausch sozialdemokratischer Gesinnung stattfindet, ist bei Strafe der sofortigen Entlassung verboten. Die Uebertrctung dieses Verbotes wird im Sinne des§ 15 der allgemeinen Bestimmunzen für sämmtliche Beamte als grobe Pflichtverletzung aufgefaßt und hat in jedem Falle neben der sofortigen Entlassung auch den Verlust der Pension resp. der zur Penfionskasse eingezahlten Beiträge zur Folge." Unter die Rubrik:„Jede Unterstützung"—fällt natürlich auch die Abgabe von Stimmzetteln für sozialdemokratische Can- didaten. Dadurch macht sich auch die Direktion der„Magdeburg- Halberstädter Eisenbahngesellschaft" einer Handlungsweise schuldig, die bei unparteiischen Richtern zum Gefängniß führen kann. Nehmen wir nun noch den Ukas der Braunschweiger„Arbeit- Leber", in welchem sich dieselben auf Ehrenwort verpflichtet: 1) sozialdemokratische Agitatoren zu entlassen.(Als solche Zelten diejenigen Arbeitnehmer, welche sozialdemokratische Ver- sammlungen geleitet oder Reden im Sinne der Sozialdemokratie gehalten, Mitglieder für dieselbe geworben, Beiträge gesammelt oder sozialdemokratische Schriften vertrieben haben.) 2) Beamte ober Arbeiter zu entfernen, welche in Zukunft die Versamm- Zungen jener Partei oder Lokale besuchen, in denen sozial- demokratische Blätter ausliegen, diese Preßerzeugnisse selbst lesen und Beiträge für diese Partei zahlen. 3) Die entlassenen Arbeiter bis auf Weiteres nicht wieder zu beschäftigen. Ferner ist bestimmt, daß derjenige Arbeitgeber, welcher in irriger Weise finen aus den angeführten Gründen Entlassenen wieder beschäf- s tigt, denselben sofort entläßt, wenn ein anderes Vereins Mitglied kinen dahin zielenden Antrag stellt. Endlich verpflichtet sich jedes Mitglied, keine Lieferungen von sozialdemokratischen Industriellen, Handelstreibenden, Handwerkern:c. zu beziehen; dasselbe bezieht ach auch auf Lieferanten-c., welche in sozialdemokratischen Blättern inseriren. Was Niedertracht und Rohheit zusammen aushecken können. °os haben wir hier vor uns. Glücklicherweise können wir mit- Mlen, daß schon mehrere„Arbeitgeber" schwankend geworden M, und daß die Braunschweiger Arbeiter lediglich bei den Muten kaufen wollen, welche im„Braunschweiger Volksfreund" 'nseriren. Das hebt sich dann auf; aber niederträchtig ist und «leibt es, wenn man den polittschen Parteikampf ins Erwerbs� leben überspielt, was lediglich von Seiten der Arbeitgeber ge- lchehen ,st. Dadurch werde« die niedersten menschlichen Leiden- ichasten erweckt; die Heuchelei und die ekelhafteste Denunziation Mrd blühen, und die Männer, welche sich als„Ordnungspartei" Ausgeben, werden die größte Unordnung in der Moral hervor- .»«bracht haben, die Männer, welche sich..Reichsfreunde" nennen. ne werden Deutschland völlig m den Sumpf schleudern, und Alles das lediglich um eines gleichfalls schlechten Zweckes halber, 'ämlich, um die nächsten Reichstagswahlen zu fälschen. � Schlechter Zweck, schlechte Mittel, schlechte Menschen! Die Verfälschung der Lebensmittel vor dem Reichstage. Bon H. Vogel. (Schluß.) a- Von geringerer Bedeutung find die Aenderungen, welche die �»winisfion mit den§§4—8 W mmen. Dagegen wurde § 9 wieder in sehr charakteristischer Weise geändert. Derselbe lautet nämlich im Entwurf:„Mt Gefängniß bis zu sechs Mo- naten und mit Geldstrafe_ bis zu eintausendfünfhundert Mark oder mit einer dieser Strafen wird bestraft: 1) Wer zum Zweck der Täuschung im Handel oder Verkehr Nahrungs- oder Genußmittel nachmacht, oder mit dem Schein einer besseren Beschaffenheit versteht, oder dadurch verschlechtert, daß er fie mittelst Entnehmens oder Zusetzens von Stoffen oder in anderer Weise verfälscht; 2) Wer wissentlich Nahrungs- oder Genußmittel, welche ver- dorben oder nachgemacht oder fälschlich mit dem Schein einer besseren Beschaffenheit versehen oder durch Verfälschung verschlechtert find, unter Verschweigung dieses Umstandes verkauft oder unter eine zur Täuschung geeigneten Bezeich- nung feil hält." Nach den Beschlüssen der Commission lautet er:„Mit Ge- fängniß:c. 1) Wer zum Zwecke der Täuschung im Handel und Verkehr Nahrungs- oder Genußmittel nachmacht oder dadurch ver- fälscht, daß er dieselben mittelst Entnehmens oder Zu- setzens von Stoffen verschlechtert oder den bestehen- den Handels- oder Geschäftsbräuchen zuwider mit dem Scheün einer besseren Beschaffenheit versieht; 2) Wer wissentlich Nahrungs- oder Genutzmittel, welche ver- dorben oder nachgemacht oder im Sinne der Nummer 1 verfälscht sind, unter Berschweigung:c." Hiernach kommt es also ganz darauf an, was der Richter oder der Sachverständige unter bestehenden„Handels- oder Ge- schäftsgebräuchen" versteht. Betrachtet er es als einen„bestehen- den Geschäftsgebrauch", Stärkesyrup und Glycerin dem Bier zuzusetzen, so kann er keinen Brauer, welcher diese Manipulation vornimmt, deswegen bestrafen. Oder betrachtet er es als einen „stehenden Handelsgebrauch", Ohlauer Kanaster unter dem Ettquet Cubatabak oder Tilsiter Käse als Limburger zu ver- kaufen, so kann er keinen Kaufmann dieserhalb bestrafen. Auch wurde in der Commission offen erklärt:„Im Verkehr müsse der Grundsatz gelten:„„Augen offen, Beutel offen"", und von diesem sonst allgemein anerkannten Grundsatz bezüglich des Verkehrs mit Nahrungs- und Genußmitteln eine Ausnahme zu machen, liege ein hinreichender Grund nicht vor." Von diesem Standpunkt aus war aber das ganze Gesetz überflüssig. Zwar wurde bei Begründung dieser einstimmig angenommenen Aende- rung bemerkt, daß solche Handels- und Geschäftsgebräuche, „welche den guten Sitten und den Gesetzen widersprächen", aus- zuschließen seien. Aber der Begriff„gute Sitten" ist wohl mindestens ebenso weitdeutig, wie der„bestehende Handels- oder Geschäftsgebrauch". Mit dieser Aenderung ist also die zweite Hinterthür für die Herren Fälscher geschaffen. § 12 lautet im Entwurf: „Wer in den Fällen des§ 11 der Genuß oder Gebrauch des Gegenstandes die menschliche Gesundheit zu zerstören geeignet, so tritt Zuchthausstrafe bis zu zehn Jahren, und wenn durch die Handlung der Tod eines Menschen verur- sacht worden ist, Zuchthausstrafe nicht unter zehn Jahren oder lebenslängliche Zuchthausstrafe ein." Hier hat die Commission hinter die Worte:„zu zerstören ge- eignet" eingeschalten:„und war diese Eigenschaft dem Thäter bekannt". Es ist nun nicht zu bezweifeln, daß in Folge dieses Zusatzes, der trotz Widerspruch auch bei der englischen Gesetzgebung neuer- dings wieder eingeführt ist, bei den meisten zur richterlichen Kenntniß gekommenen Fällen vom Thäter der Einwand erhoben werden wird, die Eigenschaft, die menschliche Gesundheit zu zer- stören, sei ihm von dem betreffenden Gegenstand nicht bekannt gewesen, und der Richter wird nicht immer im Stande sein, diesen Einwand zurückzuweisen. Somit bietet dieser Zusatz eben- falls eine willkommene Hinterthür für die Fälscher. Wesentlich ist noch ein Paragraph, den die Commission als § 15 a eingeschaltet hat, und der folgendermaßen lautet: „Ist ein, wenn auch nur außergerichtliches Verfahren durch eine wider besseres Wissen gemachte oder auf grober Fahr- läsfigkeit beruhende Anzeige veranlaßt worden, so kann das Gericht dem Anzeigenden, nachdem derselbe gehört worden, die Kosten des gerichtlichen und außergerichtlichen Ver- fahrens, sowie die dem Beschuldigten erwachsenen Kosten auferlegen. War noch kein Gericht mit der Sache befaßt, so erfolgt die Entscheidung auf den Antrag der Staats- anwaltschaft durch dasjenige Gericht, welches für die Er- öffnung des Hauptverfahrens zugeständig gewesen wäre." Wenn auch dieser Paragraph gegen böswillige Denunziationen gerichtet sein soll, so ist klar, daß er auf der anderen Seite auch die Wirkung haben wird, daß sich durch denselben sehr oft Per- sonen abhalten lassen werden, Anzeigen zu machen, die für das allgemeine Wohl sehr nützlich wären, lediglich weil sie fürchten, daß ihre Angaben vielleicht durch irgend einen Umstand vor Ge- richt nicht festgestellt werden können, und fie dann noch bedeutende Kosten zu tragen hätten. Dadurch trägt auch dieser Paragraph dazu bei, daß aus dem ursprünglich beabsichtigten Gesetz zum Schutz vor Lebensmittelverfälschern, ein Gesetz zum Schutz der Lebensmittelverfälscher geworden ist. Die Commission selbst aber, welche dies vollbracht, und die aus Liberalen, Ultramontanen und Conservattven zusammengesetzt war, hat sich damit ein würdiges Denkmal gesetzt, die sozialistischen Abgeordneten da- gegen, welche mit diesen Aenderungen nicht einverstanden waren, sind weder bei der betreffenden Verhandlung im Plenum zum Worte gekommen, noch in die Commission gewählt worden. In- zwischen ist die bekannte Auflösung des Reichstages erfolgt. Wenn es nun auch nicht eine der ersten Aufgaben des am 30. Juli neu zu wählenden Reichstages sein wird, diesen Gesetz- entwurf und Commisfionsbeschluß zu berathen, so ist doch nicht zu bezweifeln, daß er ihm während seiner dreijährigen Legislatur- Periode wieder vorgelegt werden wird. Wir Sozialisten verhehlen uns nun zwar nicht, daß die Ver- fälschung der Lebensmittel vollständig erst verschwinden wird, wenn an die Stelle der kapitalisttschen Produkttons- und Handels- weise die genossenschaftliche Waarenerzeugung und-Vertheilung treten wird, gleich wie das gesammte Elend der großen Masse des Volkes radikal erst durch die Ersetzung der kapitalisttschen Produkttonsweise durch die genossenschaftliche gehoben wird. Erst dann wird die Verfälschung der Lebensmittel vollständig und von selbst verschwinden, wenn es keinen Kaufmann und Fabri- kanten mehr giebt, der durch einen mit weiterem Gewissen und reicheren Mitteln ausgestatteten und glücklicher spekulirenden Concurrenten gezwungen wird, zu denselben billigen Preisen als der letztere zu verkaufen, und der dazu keine andere Möglichkeit sieht, als die Verfälschung seiner Waaren. Aber wenn wir auch wissen, daß die Gefahren, welche das heutige Jndustriesystem mit sich bringt, erst vollständig verschwinden werden, wenn dieses System durch ein rationelles, auf Gerechtigkeit basirtes, ersetzt ist, so sind wir doch nicht Willens, diesen Gefahren gegenüber bis dahin unthätig zu verharren. Wir suchen sie vielmehr so viel als es uns bei den heutigen Verhältnissen möglich ist, schon heut zu beseitigen. Deshalb haben unsere Abgeordneten zu dem Ge- Werbegesetz Amendements gestellt zum Schutz der Arbeiter. Des- halb ist uns auch der Zustand der Gesetzgebung in Betreff der Verfälschung der Lebensmittel nicht gleichgültig, und neben der Bekämpfung der angekündigten Ausnahmegesetze und der Er- Neuerung des eisernen Militärfonds soll uns das Streben nach einem wirksamen Gesetz gegen das Unwesen der Lebensmittel- Verfälschung ein Beweggrund sein, beharrlich trotz aller Anfein- düngen für die Wahl sozialdemokrattscher Abgeordneten am 30. Juli zu agittren. Aus Berlin. - 9. Juli. Das erste Flugblatt, welches unsere Partei hier herausgegeben hat, ist, nachdem allerdings schon eine große Anzahl Exemplare vcrtheilt waren, mit Beschlag belegt worden und zwar auf Be- schloß der Rathskammer des hiesigen Stadtgerichts. Wenn die Polizei das Blatt beschlagnahmt hätte, so würde ich das ver- standen haben, aber das Gericht? Dabei steht mir wahrlich der Verstand still. Das Flugblatt ist nämlich von der hiesigen „Volkszeitung" und auch von den übrigen liberalen Blättern der übergroßen Mäßigung„angeklagt" worden, wie ich in meinem vorigen Briefe Ihnen mittheilte und so oft ich das Blatt auch durchlese— nicht ein einziges Wort, welches mir verräth, was denn eigentlich an demselben der Rathskammer derart miß- fallen hat, dasselbe confisciren zu lassen.— Mir kommt immer dabei der Gedanke, daß das Stadtgericht doch unmöglich im Sinne sozialdemokratischer Wahlen hat wirken wollen, was es doch thatsächlich gethan hat. In den letzten 7 Tagen ist für den Wahlfond unserer Partei in Berlin laut Quittung im hiesigen Parteiorgan die Summe von"iKOO Mark eingegangen— da kann sich das Stadtgericht schon das Vergnügen machen, einige Tausend Wahl- zettel zu confisciren. Ein Kellner hat bei dem Stadtgericht die Anzeize gemacht, daß er die beiden Redakteure des„Vorwärts", Liebknecht und Hasenclever, dann Most und die beiden Töchter des erstgenannten im vorigen Herbst im Berkehr mit Nobiling in der„Nord- deuffchen Brauerei" gesehen habe.*) Die„Germania" berichtet, daß die Redattion der„Berliner Freien Presse" und Hafenclever einen Abgesandten an die Re- daktion der„Germania" gesandt hätten, um Schorlemer, dem Candidaten der Ultramontanen in Berlin, den 4. Berliner Wahlkreis anzubieten, wenn die Klerikalen im 6. Wahlkreis für Hasenclever stimmen würden. Die Redaktton der„Germania" hat diesen Vorschlag mit Entrüstung zurückgewiesen! Daß die„Ger- mania" dem„Abgesandten" wirklich geglaubt hat, ist zu naiv. Die Sozialdemokratie hatte im 4. Berliner Wahlkreis schon bei der vorigen Wahl über 10,000 Stimmen zu vergeben(jetzt mehr) und die Klerikalen im 6. Wahlkreise 300— diese gegen einander einzutauschen!? Wäre Majunke noch in der„Redaktion" der „Germania" gewesen, er hätte das Polizeistückchen gleich heraus- gewittert und die Person des„Abgesandten" festgestellt, aber die jetzigen Gelehrten der„Germania" ließen den„Abgesandten" ruhig ziehen und erkundigten sich andern Tages in der Redaktion der „Berliner Freien Presse", wo sie natürlich erfuhren, daß der „Abgesandte" nicht von der Redattion unseres Parteiorgans ab- gesandt und daß Hasenclever gar nicht in Berlin sei. Die„Zukunft" soll, wie die Richter in Berlin sagen, nicht lediglich wissenschaftlichen Zwecken dienen. Der Verleger muß nun 100 Mark Strafe zahlen, weil er kein Pflichtexemplar der Polizei zugesandt hat. Die„Berliner Freie Presse" bemerkt dazu sehr treffend:„Die Sache ist also abgemacht. Der Staats- säckel bekommt 100 M., die Herausgeber der„Zukunft" sind um eine Erfahrung reicher und die„Zukunft" selbst bleibt trotzdem was sie ist: eine Zeitschrift, welche— wie Freund und Feind anerkennen muß und thatsächlich auch bereits anerkannt hat— den sozialökonomischen Wissenschaften dient." Unsere Parteigenossen lassen es sich jetzt hier sehr angelegent- lich sein, die renitenten Wirthe zur Raison zu bringen. Ueberall, wo ein Wirth die„Berliner Freie Presse" abgeschafft hat, ver- *) Liebknecht und Hasenclever keimen Nobiling gar nicht, sind auch tm vongen Herbst mcht ,n Berlin gewesen; Liebknecht'S Töchter waren überhaupt seit Jahren nicht in Berlin. D. R. d. B. langen die Arbeiter, daß sie wieder gehalten werde, andernfalls sie das Lokal nicht wieder besuchen würden. An verschiedenen Stellen hat diese Nothwehr schon gefruchtet. Noch will ich Ihnen mittheilen, daß vor einigen Tagen Unter den Linden eine junge Dame aus vornehmer Familie, die der vorüberfahrenden Kronprinzessin kein Compliment gemacht hatte, von einem Schutzmann angeschnauzt wurde, daß sie, wenn die hohen Herrschaften vorbeiführen, Front zu machen und zu grüßen habe. Die junge Dame, ganz verwirrt, war froh, daß sie nicht sofort arretirt wurde, als der Schutzmann huldvoll mit der Hand nickte und gnädig sagte:„Na, diesmal soll es Ihnen noch so hingehen!"— Die Sache fängt wahrlich an, in Berlin recht heiter zu werden. Einem bekannten Sozialdemokraten werde ich nicht rathen, Unter den Linden spazieren zu gehen. Grüßt er die hohen Herrschasten, so verhastet man ihn, weil man in der Handbewegung eine Drohung gegen den Borüberfahren- den wittert— Majestätsbeleidigung: 5 Jahre! Grüßt er nicht— Ehrfurchtsverletzung, indirekte Majestätsbeleidigung: gleichsfalls 5 Jahre. Dabei wimmelt es Unter den Linden von Denunzianten, der dritte Mensch ist ein„Geheimer". In den schlimmsten Zeiten der Reaktionsperiode war es gemüthlichcr hier, als jetzt. Wie es mit den Wahlen steht? Die Gegner rühren sich be- deutend, doch ist ihnen, wenigstens den Fortschrittlern, der„weiße Schrecken" vorzugsweise in die Knochen gefahren. Die Berliner Philister werden sich am 30. Juli nicht aus ihren Häusern locken lassen, da sie die helle Revolution fürchten. Unsere Partei wird mit jedem Tage muthiger und energischer. Die Begeisterung wächst— die Wahl mag ausfallen, wie sie wolle: besiegt kann unsere Parkei nimmermehr werden. Sozialpolitische Uebersicht. — Nemesis. Wer war es, der nach dem Nobiling-Attentat am lautesten die Sozialdemokratie der moralischen Urheberschaft anklagte, am stürmischsten die Vernichtung der Sozialdemokratie forderte, am tollsten und rohesten in die„Hätz" gegen uns ein- trat? Die Herren Nationalliberalen. Um sich selber über die fatale Thatsache zu täuschen, daß der Bismarck'sche Streich eigentlich ihnen galt, und um ihre Angst zu übertäuben, schrieen sie mit der vollen Kraft ihrer Lungen und mit dem Instinkt des von den Hunden hartbedrängten Fuchses, der einen Hasen aus dem Nest und den Hunden in den Rachen jagt, die dadurch seine eigene Spur verlieren, stürzten sie auf uns los in der Hoffnung, dadurch den famosen„Saujäger" von der richtigen Fährte ab- zubringen. Nun— der Versuch ist kläglich mißlungen. Fuchs und Hase haben die Rollen vertauscht. Wir sitzen ruhig im Bau und lassen in aller Gemüthsruhe das große und kleine Hundezeug bellen(man muß ihm den Spaß gönnen— ein jedes Thierchen hat sein Pläfirchen), Freund Lampe aber, der natio- nalliberale Hase, rennt verzweifelt über das Wahlfeld, die Rüden haben ihm den Pelz schon übel zerzaust und trotz der Schnellig- keit der famosen Hafenfüße wird es mit dem Aermsten bald Matthäi am Letzten sein. Er pfeift schon auf dem letzten Loch. Man höre nur folgenden Nothschrei oder Noth quietsch des offiziellen Hasen-— wollten sagen nationalliberalen Organs, der„Nationalliberalen Correspondenz":„In Folge dieses Unter- schiedes— in den Verhältnissen— kann es sein, daß der Wahl- streit nicht in demselben Maße opferlos für die Stärke und Zahl der nationalliberalen Partei verläuft, wie gleichartige vorher- gegangene Debatten in ihren parlamentarischen Fraktionen. Aber wenn das deutsche Volk im Ganzen nicht etwa, aus seineu Sinnen geängstigt durch eine Anzahl aufregender Vorgänge und Erscheinungen, der Diktatur zusteuert und dem Parlamentaris- mus vorläufig ganz den Rücken kehren, d. h. einfach auf geord- nete Mitbestimmung seiner Geschicke verzichten will, so wird der Ausgang im Ganzen nicht wesentlich anders ausfallen. Hier nimmt man eS etwas ernster mit der Niederwerfung des revo- lutionären Wühlerthums, dort ist man besorgter und wachsamer gegen die Gefahren conservattver Reaktion, aber im Allgemeinen wird sich auch in Zukunft wohl wie bisher in Deutschland durch besonnene unabhängige Vertreter des Volkes Freiheit mit Ord- nung vereinigen lassen. Geben wir uns nur vor allem nicht ohne Roth selber auf! Kein Geschick ist überwäl- tigend, dem ein Mann tapfer entgegengeht." Zur Wahl. (Bon einem 7Ljährigen Genossen.) Der Lebensabend grüße noch einmal mein Geschlecht, Im jungen Thatendrange für allgemeines Recht; Wofür schon viele Jahre die wunde Brust mir glüht, Im schönen Untergange die späten Strahlen sprüht. In reiner Menschenliebe verkünde mein Gesang Dir, kaum erwachtem Volke, den echten Wahrheitsdrang; Der Dich im Bildungskampfe zum rechten Krieger weiht, Nach ruhmgeschmückten Siegen Dir Lebensglück verleiht. Mit Jugendlust beginne den schönen Heldenlauf, Aus tiefem Elend steige zur Tugend kühn hinauf; Daß Dich in jedem Kampfe die Weisheit würdig führt, Bis Dir im Siegesfeste der erste Preis gebührt. Im Leben bald bewähre gesunde Bildungslust, An warmen Mitgefühlen, für jede Dulderbrust; An allen Leidgenossen bewähre Brudersinn, An allen Glückberaubten bereite Dir Gewinn. Die arofien Grundgedanken verkünde muthentflammt, Wovon in mancher Schöpfung das Glück der Völker stammt; In dieser Ueberzeugung begründe Deme Macht, Bon angstverwirrten Feinden m blinder Wuth bewacht. Verlange keine Früchte für Dich in kurzer Zeit Bevor von jeder Fessel Dich eigne Kraft b-ftett; Für Dein Geschlecht bereite die Selbsterlösung vor, In reifer Ueberzeugung, zur vollen Macht empor. Du, Mann der Arbeit, keuchest im Joche immerdar. Doch lockern sich die Bande im Kampfe Jahr für �ahr, Daß Dir die Morgenröthe des Tages bald erscheint, Wo Dich den Kampfgenossen die Rettung treu vereint. Nach ruhmgeschmückten Thaten gestatte Dir Genuß An allen guten Gaben, am schönen Ueberfluß; An allgemeiner Bildung, an allen Rechten gleich, Am reinen Mitgenusse des LebenSglückes reich! Gustav Adolf Köttgen. „Dem ein Mann tapfer entgegengeht!" Ein Mann, ein Mann! O Lampe! Also Freund Lampe giebt sich„ohne Roth" nicht selber auf. Das braucht er uns nicht zu sagen. Aber in der Roth? Und er ist in Roth. Die fatale Viertel- stunde deS Rabelais ist in qualvolle Nähe gerückt, und Herr Lasker, der sich mit ein paar Getreuen auf einige rasch zu- sammengefügte Bretter aus dem unglücklichen Schiffbruch gerettet hat, schickt sich schon an, dem unglücklichen Lampe, den ein tückisches Berhängniß zum Opfer dieser„Sauhatz" gemacht hat, die Grabrede zu halten. Ob im Reichstag, das dürste frei- lich die Frage sein, denn sogar dem Parlamentarischsten unserer Parlamentler hat man die Parlamentsthüre vor der Nase zuge- schlagen, und es wird eines sozialdemokratischen Wunders be- dürfen, wenn die heiligen Hallen sich ihm wieder eröffnen sollen. O Jerum, Jerum, Jerum! — Wer theilt? In Chemnitz hat soeben das Bankgeschäft Haase und Sohn, eins der ersten in Sachsen, die Zahlungen eingestellt, mit Passiven, die, nach der niedersten Schätzung, sich auf 9 Millionen Mark, nach anderen Schätzungen auf das drei-, vier- und fünffache belaufen sollen. Eine Anzahl von Fabri- kanten werden durch diesen Krach hart bettoffen, wo nicht rui- nirt, und dadurch Tausende von Arbeitern aufs Schwerste be- nachtheiligt; das ist aber noch nicht Alles: tausende von Fa- Milien hatten der wohlrenomirten, wiederholt vom Staat unterstützten(1848 und 1866) Firma ihre Ersparnisse und Habe an- vertraut— und diese sind nun sämmtlich mit einem Schlage am Bettelstab. Die Scenen nach dem Bekanntwerden des Er- eignisses sollen wahrhaft herzzerreißend gewesen sein. Und nun die Moral. Die Herren Haase und Sohn sind fanatische Na- tionalliberale, und gehörten zu deren einflußreichsten Führern. Niemand eiferte pathetischer als sie gegen die Zerstörer des Eigenthums: die bösen Sozialdemokraten. Was es mit der Eigenthumsschwärmerei der Herren Haase und Sohn für eine Bewandtniß gehabt hat, das sehen wir jetzt: die abscheulichste„Theilerei" und Beraubung. Fern sei es von uns, die ganze Schuld persönlich auf die beiden Bankro- teure zu werfen, allein der Theil der Schuld, welcher ihnen abgenommen wird, fällt auf die verkehrten Gesellschafts- einrichtungen, zu deren Vertheidigern sie sich aufgeworfen haben und die wir Sozialdemokaten bekämpfen. Jeder Denk- fähige, der noch nicht zur Berurtheilung der heutigen Gesell- schaftsordnung oder richtiger Gesellschaftsunordnung gelangt ist, muß aus diesem(und so manchem ähnlichen) Beispiele er- sehen, wie berechtigt die Forderungen der Sozialdemokratie sind, und wie nur die krasseste Unwissenheit oder der nackte Egoismus sich gegen sie stemmen kann. Bei dem Wahlkampf, namentlich in Sachsen, soll uns die Firma„Haase und Sohn" gute Dienste thun. — Ein amtlicher Erlaß in Mecklenburg. Den Ge- meindebehörden in Mecklenburg ist folgender Erlaß zugesandt worden: „Sie werden hierdurch aufgefordert, innerhalb ihres Ge- meindebezirkes sorgfältig nachzuforschen, ob darin sozialdemokra- tische Vereine oder sogenannte Gewerkschaften oder Mitglieder derselben vorhanden sind, oder ob sich daselbst Personen befinden, welche sich Blätter!, als der„Pionier", der„Grundstein" oder andere sozialdemokratische Schriften halten. Zunächst haben Sie vor Allem unausgesetzt darauf zu achten, ob Personen, nament- lich Ortsfremde in Ihrer Gemeinde sozialdemokratische Anschau- ungen vortragen, verbreiten, Anhänger zu erlangen suchen, sozia- listische Blätter vorlesen, vertheilen oder dergleichen. Bei den unmittelbar bevorstehenden Neuwahlen zum Reichstage steht letz- teres zu erwarten. Was Sie in allen vorerwähnten Richtungen ermitteln, haben Sie unverzüglich hierher zu berichten, unter Benennung der Personen, Vereine, Blätter u. a.— Es wird Ihnen zu diesem Zwecke angerathen, diejenigen Orte, wo Fremde, oder wo Handwerker und Arbeiter, besonders die Zimmer- und Maurergesellen, verkehren, häufig aufzusuchen und über das Treiben daselbst stets in Kenntniß zu halten. Sie haben diese Aufgabe mit der größtmöglichsten Gewissenhaftigkeit und Strenge zu befolgen. Falls sich ergeben sollte, daß Sie in irgend einem Punkte es an Wachsamkeit und Aufmerksamkeit fehlen lassen, so werden Sie unnachfichtlich zur Rechenschaft gezogen und mit der strengsten Strafe belegt werden. Schwerin, den 11. Juni 1378. Großherzogl. Amt. v. Oertzen."__ — Im„Amtsblatt für die Königl. Amtshauptmannschaft N. N." ist unter„Mittwoch, den 3. Juli 1878" wörtlich zu lesen: „Bekanntmachung. Die Wählerliste für den Ort N. N. den 23. Juli d. I., den Reichstag betteffend, liegt im(Name des Lokales) vom Erscheinen dieses Blattes bis 3. Juli d. I. öffentlich aus. Unter Bezugnahme auf§ 8 des Wahlgesetzes für den Reichstag vom 2. Juli d. I. Jedermanns Einsicht bis 11. Juli öffentlich aus, unter Bezugnahme des§ 8 des Wahlgesetzes bis 2. Juli bis Mittag 1 Uhr aus. Reklama- tionen sind bis 13. Juli bei Unterzeichnetem aus und sind bis selbe Zeit bei Unterzeichnetem anzubringen, den 13. Juli an- zubringen. N. N. den 1. Juli 1878. P. P., Gem.-Borst." Das Original-Belegblatt befindet sich in unserer Hand, bemerk hierzu die„Chemnitzer Freie Presse". Angenommen aber, der betteffende Gemeindevorstand habe das Schriftstück durch einen Unterbeamten oder sonst Jemanden ausfertigen lassen, so wäre bei Namensunterschrift das Durch- lesen Pflicht gewesen. Und— fragen wir— kann dann ein solcher Gemeindevorstand Anspruch auf das Prädikat der Pflicht- treue erheben? Kann derselbe nicht gleichfalls zur Ueberwachung von Versammlungen Stellvertreter senden, von der Unfähigkeit derer, die das„amtliche" Aktenstück verfaßt haben? Daß die Druckereien an„amtlichen Erlassen u. s. w." Ver- änderungen nicht vornehmen dürfen, ist bekannt. Sctzerfehler liegen nicht vor, das erhellt aus dem DiKatc und Style des ganzen AKenstückes. Erübrigt also noch, neben der bisher noch nicht erfolgten Berichtigung seit-ns des Verfassers, die.Berichti- gung der Oberbehörden, welche in Folge gegenwärtigen Artikels vielleicht erfolgen dürfte. Daß die Druckerei des bezüglichen Amtsblättchens die Handschrift des Gemeindevorstandes kennt, also eine Mysttfikation nicht vorliegen kann, ist anzunehmen und wir erheben nun Angesichts solcher Thatsachen feierlich Protest gegen die Verlegung der öffentlichen Polizeigewalten in die Hände entweder notorisch unfähiger oder fahrlässiger Persönlichkeiten. „Anwendung der Gesetze bis zur äußersten Grenze!" Wir acceptiren dies getrost, wenn wir sicher find, daß Män- ner von mindestens allgemeiner Bildung dazu berufen werden. Herrn Kngen Dühring's Mmwakznng der Wissenschaft. Phi- losophie— Politische Oekonomie— Sozialismus. Von Friedrich Engels. Vlll und 274 Seiten gr. 8°. Preis 3 M. ord., 2 M. baar. Zu diesem Ukas haben wir nichts weiter zu bemerken, als daß nach Erlaß desselben im Mecklenburgischen Wappen die Hörner an dem edlen Ochsenhaupt um einige Zoll gewachsen sind. — Schulze-Delitzsches. Der Vorschußverein auf Gegen- seitigkeit in Treptow an der Rega in Pommern ist zahlungs- unfähig geworden. Veranlaßt soll dies sein durch zu hohe Beleihung wenig werthvoller Effekten. Wie es heißt, find einem jetzt verstorbenen Kaufmann 800,000 M. auf heute sehr niedrig stehende Aktien vor einigen Jahren geliehen und diese Unterlage soll immer für voll gebucht sein, obgleich dafür seit drei Jahren keine Zinsen bezahlt seien. Da ein großer Theil der Bewohner Treptows bei diesem Institut betheiligt ist und deshalb zur Deckung des Verlustes in Anspruch genommen werden wird, so herrscht dort große Niedergeschlagenheit.— Wir fragen die Herren Gegner: Wer zerstört das Eigenthum? Uebrigens muß es den Anhängern Schulze's doch bald klar werden, daß in dessen Spießbürgervereinen auch nothwendigerweise daS spießbürgerliche Cliquenwesen sich entfaltet und so in der Gemeinsamkeit großes Unheil anrichtet. � Die Ordnungsbanditen an der Arbeit. Unserem alten ehrenwerthen Parteigenossen, Hofbaurath a. D. Temmler, sind in Schwerin am 6. Juli wiederum an seinem Hause eine Anzahl Fensterscheiben von dem Ordnungspöbel eingeworfen worden. Das sind die säubern Früchte der Sozialistenhatz. — Fortschrittlich. Ohne ein Wort des Tadels bringt die„Berliner Bolkszeitung" die Confiscation des von ihr wegen seiner Mäßigung heftig angegriffenen sozialdemokratischen Wahlflugblattes. Und das will von Freiheit und Recht sprechen! — Bon einem Pastor aus Norddeutschland geht uns fol- gender Brief zu: „Die hochgeehrte Redaktion bitte ich ergebenst, für die in Postmarken eingelegten 1 Mark 50 Pfg. mir so viel Exemplare der in Nr. 78 des„Vorwärts" angekündigten„Wahlagita- tionsnummern" Hochgeneigtest zuzuschicken— als nach Abzug der mir gleich dem Gewicht der qu. Drucksachen unbekannten Frankirungs-Kosten übrigbleiben. „100 Exemplare Wahlagitationsnummern brauche ich aber nicht, da in unserer Provinz, zumal in den abgelegenen Theilen desselben die Anhänger der sozialdemokratischen Parteien in weiten Kreisen nur sehr gering find. Es soll eine bestimmte Zahl jener Wahlagitationsnummer nur als ein zeitgeschichtliches Dokument einigen Freunden in die Hand gegeben werden, um ihnen darin ein Mittel zu bieten, mit dem sie der auch hier, glücklicherweise nur in den in vielen Beziehungen fälschlich so- genannten gebildeten Ständen besonders auch im Beamtenstande herrschenden blinden Wuth gegen den Sozialismus entgegen- treten könnten.— Nach einem Jahre schon, sicher nach 2 oder 3 Jahren, werden viele Tausende von Menschen, die es jetzt leider noch gar nicht oder doch lange nicht leb- Haft genug empfinden, mit der tiefsten Scham des Deutsch� lands so unwürdigen Treibens dieser Wochen gedenken. Und dazu soll jene Wahlagitationsnummer als ein Dokument der Zeitgeschichte helfen." — Das Centralorgan der englischen Gewerkschaften, die„Jndustrial Review", bespricht in einem trefflich geschriebenen Leitartikel die Arbeiterentlasiungen in Deutschland und das fa- mose Rundschreiben des preußischen Handelsministers. Sie be- zeichnet das Verfahren der Arbeitgeber als frevelhaft und zu- gleich stupid, und geißelt die Einmischung des Handelsministers, der zum mindesten hätte neuttal bleiben sollen, in Ausdrücken, die wir aus Rücksicht auf unsere Preßverhältnisse auch nicht an- nähernd wiedergeben können.„Wenn, so heißt es in dem Ar- tikel, wenn jeder Arbeiter, der kein Heuchler werden will, ein Bettler werden und als Ausgestoßner durchs Land wandern muß, dann werden die Bande der Gesellschaft zerrissen, und jeder Mann, der einen Gedanken im Kopf und ein Herz in der Brust hat, muß sich empört wider eine so teuflische Ver- schwörung gegen Fortschritt und Gerechtigkeit wenden.„Natür- lich, so schließt die„Jndustrial Review", wird diese Klassen- Der Verfasser der„Lage der arbeitenden Klasse in England" tritt in dieser Schrift, seit längerer Zeit zum ersten Mal, wieder mit einer größeren Arbeit vor das deutsche Publikum aufgefor- dert, die mit so gewaltigen Ansprüchen auftretende neue sozia- listische Theorie des Herrn Dühring im Centtalorgan der sozial- demokratischen Arbeiterpartei, dem„Vorwärts", einer gründlichen Kritik zu unterwerfen, sah sich der Verfasser genöthigt, diese Kritik auf das gesammte philosophische und ökonomische System des Herrn Dühring auszudehnen. Es war aber nur dann z«- lässig, der Kritik eines so wenig bedeutenden Gegenstandes eine solche Ausdehnung zu geben, wenn der Verfasser die Gelegenheit benutzte, den Dühring'schen Ansichten gegenüber, seine eignen Auffassungen der hier berührten mannigfachen Themata positiv zu entwickeln— Themata, die der großen Mehrzahl nach zu den brennenden Tagesftagen der heuttgen Wissenschaft und Po- litik gehören. Die Einleitung skizzirt die allgemeinen Grundzüge des mo- deinen wissenschaftlichen Sozialismus in seinem Zusammenhang mit, und seinem Unterschied von, einerseits dem älteren Sozia- lismus und andererseits der klassischen deutschen, dialettischen Philosophie. Als die beiden Hauptzüge dieses wissenschaftlichen Sozialismus werden aufgestellt die„beiden großen Entdeckungen von Marx: die materialistische Geschichtsauffassung und die Ent- hüllung des Geheimnisses der kapitalistischen ProduKion ver- mittelst des Mehrwerths". Nachdem die ersten drei Kapitel der„Philosophie" sich vor- wiegend mit dem Nachweis heschäftigt, daß die ganze Anordnung des Dühring'schen„Systems" ein mattes und verwässertes Pla- giat aus Hegel'» Logik, und der von Herrn Dühring, vermittelst Mißverständnisses einer Kant'schen Anttnomie, fabrizirte„sich selbst gleiche Urzustand der Materie" ein Unding ist, zeigen die folgenden drei Kapitel über„Naturphilosophie" den wahrhaft erschreckenden Grad von Unwissenheit in nawrwissenschaftlichen Dingen, der sich hinter den Großprahlereien des Herrn Dühring verbirgt. Sie geben gleichzeitig Veranlassung zu einer Vertheidigung Darwin's und der Defzendenztheone gegenüber den Dühring'schen Bemängelungen, sowie zu selbstständigen Aeußerungen des Verfassers über das Verhältniß von Materie und Bewegung, über den inneren Zusammenhang der verschiede- neu Naturwissenschaften, über die Natur des Lebens u. s. w. Von der Natur auf das moralische und rechtliche Gebiet über- gehend, untersucht der Verfasser, gelegentlich des Anspruchs des Herrn Dühring, auch hier„endgiltige Wahrheiten letzter Instanz" aufzustellen, wie weit solche„ewige Wahrheiten" in dem ge- schichtlichen Entwicklungsgang der menschlichen Erkenntniß über- oosheit(clasä-malignlty) ihren Zweck nicht erreichen und jäm- merlich Schiffbruch leiden. — Aus Frankreich vom 4. Juli erhalten wir folgenden Brief: „Parteigenossen, Freunde! Ich habe vorgestern sämmtliche „Vorwärts"-Nummern vom 1. Juni an erhalten und sage Ihnen hiermit meinen wärmsten und aufrichtigsten Dank!— Die grau- same Bourgeoisie und Reaktion, die heute in Deutschland wüthet, empörte mich bis aufs Aeußerste und erfüllte mich mit Ekel! Die Sozialdemokratie, eine Partei von mehr als 1 Million Genossen für die Handlung eines wahnwitzigen Narren verantwortlich machen zu wollen, ist mehr als verbrecherisch— ist dumm! Bei den herrschenden niederträchtigen Verhältnissen halte ich es für unklug, brieflich meiner Empörung Luft zu machen, und begnüge mich für diesmal, meine volle und ganze Sympathie für die ebenso weise als correcte Haltung der deutschen Sozialdemo- tratie den heutigen Gewalthabern und deren erkaufter Presse gegenüber, auszusprechen. „In Frankreich hat die Bourgeoisie am 30. Juni in allen Städten und an vielen Orten„genationalfeiert". Marcere schloß gleich Rouher, Guizot und Polignac die Aera der Revo- lution, Paris, Bordeaux ic. waren prachtvoll illuminirt. In dieser Beziehung beweist die Bourgeoisrepublik, daß sie in nichts dem Kaiserreich nachsteht, und gesonnen ist im„Machen" der öffentlichen Meinung in die Fußtapfen desselben zu treten.— Den 30. Juni um 11 Uhr Abends begab sich in Bordeaux eine ungeheure Menschenmasse, zu 3lt aus Bourgeois bestehend und unter Absingen der Marseillaise unter die Fenster des„ Zur Wahlagitation empfiehlt die Expedition des„Vorwärts". (leiser, Bruno, Redakteur der„Neuen Welt": Das Deutsche Reich und seine Gesetzgebung. Materialien für die sozialistische Agi> tation. 7 Bogen 8°.— Preis 60 Pfg.(3a)[3,90 Inhalt: Gründung und Gesetzgebung deS deutschen Reichs.— Die Verfassung des deutschen Reichs.— Gewerbeordnung für daS deutsche Reich.— Gesetz über die Presse.— Reichsgesetz, betr. die Ver- Kindlichkeit zum Schadenersatz(Haftpflicht).— Reichsgesetz, betr. die Abänderung des Titels VIll. der Gewerbeordnung.— Reichsgesetz über die eingeschriebenen Hilfskaffen.— Gesetz betr. die Beschlagnahme deS Arbeits- und Dienstlohnes.— Bestimmungen des Stasgesetzbuches für daS deutsche Reich.- Zur Statistik des deutschen Reichs. 1) Stand und Bewegung der Bevölkerung; 2) Reichsfinanzen; 3) Reichsherr; 4) Verwendung der französischen Kriegskostenentschädigung; 5) Flächeninhalt und Bevölkerung der deutschen Einzelstaaten.— Staatsschulden der Culturstaaten in den letzten zwei Jahrhunderten. Die Reue Welt. Jllustrirtes Familienblatt. Preis vierteljährlich Mk. 1,20, in Heften(3 Wochen- nummern enthaltend) 30 Pfg. Bestellungen nehmen alle Postanstalten, Buchhand- lungen nnd die Expedition der„Reuen Welt", Färber- straße 12/11. Leipzig entgegen. Die Wahlagitationsnummer ist erschienen. Dieselbe enthält: 1. Ansprache des Centralwahlcomite, die Wahlen betreffend. 2. Zum bevorstehenden Wahlkampf. 3. Unsere Prinzipien. 4. Rückblicke auf den aufgelösten Reichstag. 5. Den Verläumdern. 6. Wahlgesetz und Wahlreglement ic. Preis für je 100 Expl. 1,50 M. ohne Porto. Versandt nur gegen baar oder Postvorschuß. Da wir erwarten, daß die Parteigenoffen aller- orts von diesen Agitationsmittel in dem jetzigen Wahlkampfe den ausgiebigsten Gebrauch machen wer- den, ersuchen wir die Bestellungen rechtzeitig zu machen, damit nicht unliebsame Verzögerungen ein- treten. Leipzig. Die Expedition des„Vorwärts". Verantwortlicher Redakteur: Julius Künzel in Leipzig. Redaktion und Expedition Färberftt. 12. ll. in Leipzig. Druck und Verlag der«enoffenschastsbuchdruckerei in Leipzig.