•tföt'.nt in 5elpfis Itltwich, Sttitoj,£onp(«|. atsnnemtntHittii Nt»mij ltati Expedtttonen. R r w-B» r I: PK. grauz Zonicher, 17? Lina »lr. oexaer Brootne.— Mr. Herm. Ritz! che, 24» West— 37 Str. Philadelphia: P. Hab. 50» Portd 3-4 Street 9. Boll, K. E. box Charlotte& George Str. chobokei» N. J.; F. A. Serge, 2» Vaoh- ioglo» Str. Chicago: il. Lanfermann, 74 Cl�dourne San Jranziico: F.ENH. 44» C' karreU Str. London W.: Wilb. Hoffmann. S7A PriB- eeso Str. Leiccster Sefu. Kentrat Hrgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 82. Sonntag, 14. Juli. 1878. Parteigenossen! Laßt Euch nicht provo-i ziren! Man will schießen. Die Reaktion braucht Krawalle, um das Spiel zu gewinnen. Lichte und„feierliche Augenblicke". Prinz Peter von Oldenburg, der fich gegenwärtig in Petersburg bei seinen kaiserlichen Verwandten befindet, gehört zu den eifrigsten Vertretern der Friedenspolitik und hat vor r.niger Zeit an die Petersburger hohen Kreise ein autographirtes Memorandum erlassen, welches folgenden Wortlaut hat: „Es giebt feierliche Augenblicke im Leben der Menschen, es giebt solche nicht minder im Leben der Nationen. Besonders feierlich ist der gegenwärtige Augenblick, wo die Chefs der Cabinette und die Delegirten der Großmächte in Berlin zusammengetreten sind, um einem furchtbaren Kriege ein Ende zu machen und Europa einen soliden Frieden zu sichern, für welchen dasselbe ein gebieterisches Bcdürfniß empfindet. — Unter sehr schmerzlichen Umständen findet diese Vereinigung statt. Die ganze Welr, erschreckt durch die entsetzlichen Ereignisse, die fich in Berlin vollzogen haben, fragt sich: Wohin gelangen wir; sollen wir einer wilden Bereinigung zur Beute werden, die fich die Internationale nennt und welche durch die Solidarität des Verbrechens dahin zielt, die Grundlagen der Gesellschaft zu erschüttern, die Throne und die Regierungen zu stürzen und die Religion zu vernichten. Die Ideen des Sozialismus verbreiten fich in erschreckenden Verhältnissen; und die Geschichte liefert uns den Beweis, daß man die Ideen nicht durch Ba- jonette bekämpfen kann, daß das Schwert der Justiz wohl� die Schuldigen treffen, aber nicht die Keime verbrecherischer Ideen ausrotten kann, daß, um diesen Zweck zu erreichen, es einer übereinstimmenden und gleichzeitigen Aktion aller Souveräne und Regierungen bedarf, welche durch Gottes Gnade an die Spitze der Nationen gestellt sind. Unglücklicherweise muß man gestehen, daß trotz der ganzen Verkehrtheit der Ideen des Sozialismus die Regierungen demselben Borwände zur Unzufriedenheit durch das Uebermaß ihrer Forde-. rungen liefern, unter denen die Blutsteuer diejenige ist, nrelche am schwersten auf den Bevölkerungen lastet. Reden wir nicht von allen Schrecken des Krieges, welcher den Frauen die Gatten, den Kindern die Väter, den Familien die Söhne raubt, der so viele kräftige Arme dem Ackerbau und der Industrie ent- zieht, und welcher in kurzer Zeit die schönsten Regimenter, die aus der Blüthe der Bevökerung bestehen, in Haufen von Leichen und Verstümmelten umwandelt. Ist das Christenthum? Ist das Civilisation? Ist das das 19. Jahrhundert? Man ruft Wohlthätigkeitsanstalten und 5hilantropische Einrichtungen in's Leben, man gründet selbst 'hierschutzvereine und man verurtheilt Menschen zur Schlachtbank! Es genügt also nicht, einen Frieden zu schließen, so ehrenvoll derselbe immer sein mag, wenn man den bewaffneten Frieden fortführt, welcher die Geißel aller Regie- rungen ist, weil er sie der Mittel beraubt, um dem Volke zu Hülfe zu kommen und die in der inneren Verwaltung unerläß- lichen Verbesserungen eintreten zu lassen. Jede Regierung muß über eine respektable bewaffnete Macht disponiren, die ihren po- litischen und geographischen Positionen wie den Ueberlieserungen ihrer Geschichte entspricht: dieselbe abzuschaffen wäre eine ver- brecherische und finnlose Idee, aber das gegenwärtige System der Massenaushebung, welches von Robespierre erfunden ist, muß geändert werden. Die Wünsche und Gebete aller guten Menschen begleiten die großen Staatsmänner, welche sich in Berlin ver- sammeln. Möchten ihre Bemühungen gelingen, um den Frieden, die Wohlfahrt Europa's zu sichern, indem sie die Menschheit von der Geißel des Krieges befreien, dadurch werden sie sich in der Geschichte unsterblich machen und die Nachwelt wird sie segnen." So das Memorandum des Prinzen. Es ist klar, daß der hochgeborne Prinz die Bestrebungen der„wilden Vereinigung", welche Throne und Regierungen stürzen und die Religion vernichten will, gar Nicht kennt, daß er nur die landläufigen Redensarten, wie sie über die Sozial- demokratie durch die feile, bezahlte Presse m die Welt gesetzt worden find, ausspricht— und deshalb sei ihm verziehen; aber auch deshalb, weil er nicht nur einen„feierlichen", sondern auch einen lichten„Augenblick" gehabt hat, in welchem er eine Forderung, ja eine Hauptforderung der Sozialdemo- kratie, nämlich daß die Kriege aufhören sollen, in einer Weise unterstützt, die eindringlich nuf das Volk wirkt und anklagend gegen alle europäischen Regierungen auftritt. Der Prinz ruft dabei die Religion, er ruft die Civilisation an pen dle„Blutsteuer"�>egen die„Schlachtbank", auf der„Haufen von Leichen und Verstümmelten« m-rhen. SÄÄin Ä,% �LtZonm es stnd, welche die Civilisation zurückhalten Ein feierlicher Augenblick war es wiederum, aber wahrlich kein lichter, als der Pnnz schrieb, daß jede Regierung über eine respektable, bewaffnete Macht disponiren müsse Weiß denn der Herr gar nicht, daß der Krieg vielfach der Ausfluß der stehenden Heere, der Militärmacht ,st? Wenn der Kaiser von Rußland, wn Verwandter, ein stehendes Heer nicht gehabt hätte so würde er den fluchwürdigen Krieg gegen die Türkei im Namen des „Christenthums und der Civlllsation" nicht haben ankanaen kön- �?'>»n würde er„die Blüthe der russischen Bevölkerung nicht auf die Schlachtbank" geliefert haben. Ein feierlicher Augenblick mag es gewesen sein, aber kein lichter, als der Prinz auf den Berliner Congreß hinblickte und Möglichstes thun zu wollen— und der Kaiser wurde pompös von ihm verlangte, Europa von der Geißel des Krieges zu be- empfangen.— Da wir nun doch einmal auf diesen Gegenstand freien. Die Staatsmänner habgieriger Staaten, die lediglich, abgeschweift sind, können wir es uns nicht versagen, noch einige auf Länderraub ausgeben, sind dort versammelt, um sich gegen-! Worte, die die Wahrheitsliebe unserer Offiziösen ins rechte Licht seitig bei der Beutetheilung zu übervortheilen. Weiß der zu setzen vermögen, beizufügen. Was wurde nicht Alles in die Prinz nicht, daß solcher Kriegsraub zu neuen Kriegen, die er so Welt telegravhirt von dem„Sturm der Begeisterung", der die glühend verdammt, führen muß? elsäsfischen Gauen durchbrauste. Es ist wahr, namentlich in Und feierlich mag der Augenblick gewesen sein, als der Prinz Straßburg war die Sache recht gut inscenirt und machte sowohl seinen Fluch schleuderte gegen die„wilde Vereinigung", gegen Regisseuren wie Schauspielern alle Ehre. Ein Blick hinter die die Sozialdemokratie, aber lichtvoll war er nicht. Weiß der Couliffen zeigt jedoch, wie auf dem Theater, viel des Jnteressan- Prinz nicht, daß die Verfolgungen der Sozialdemokratie voll- ten. Die Schilderungen in der oben genannten Broschüre find ständig dem Christenthum, auf welches er sich stützt und das die gerade über diesen Punkt so vorzüglich und nach unserer eigenen Menschenliebe als höchstes Gebot hinstellt, widersprechen, daß der Wahrnehmung so wahrheitsgetreu, daß wir es uns nicht ver- Haß etwas Unchristliches ist? Weiß der Prinz nicht, daß die sagen können, einige Stellen daraus anzuführen: Verfolgung ganzer Bevölkerungsklassen der„Civilisation" ichnur-„In der That steht das, waS insbesondere die einheimische stracks zuwiderläuft und endlich zum Bürgerkriege, zur Bevölkerung zu jenen Festlichkeiten beigetragen, in gar keinem „Schlachtbank" führt? Berhälwiß dazu, was„von Amtswegen" für die Sicherung des „Es giebt feierliche Augenblicke im Leben dex Menschen, es Erfolges gethan wurde. Am ganzen Gutenbergplatz waren bei- giebt solche nicht minder im Leben der Nationen"---- o, spielsweise sieben Jahnen ausgesteckt.— Man konnte ganze daß es mehr lichte Augenblicke gäbe, damit die Wege der Re- Straßen durchgehen(z. B. Niklausstaden) ohne einer Fahne zu aktion und des fanatischen Glaubenshasses beleuchtet würden, so begegnen. Wo viele Beamte und Offiziere ihre Quartiere hatten, daß sich jeder aufgeklärte, ehrliche Mensch von denselben mir z. B. in der Steinstraße, waren die geschmückten Häuser häufig, Schauder abwenden müßte. während man da, wo die Alt-Elsässer wohnten(Blauwolken-, Meisengasse:c.), geschlossenen Fensterladen begegnete. „Bei ruhigerer Betrachtung konnte man ferner finden, daß die ganze Feierlichkeit auch darin mit einer Theatervorstellung ?roße Aehnlichkeit hatte, daß dieselben Persönlichkeiten ei jeder Gelegenheit Statisten gleich aufmarschirten. Sehr erheblich waren die Geldmittel, welche aus der Landes- Elsässische Zustände. ii. Das Eldorado der Bureaukratie. Straßbura, im Juni 1878.. „Die Regierenden im Reichsland find treffliche Leute; sie � Me°us di-F-st� Dieselben BetrugeH haben es verstanden, die in der kerndeutschen Bevölkerung nie � � N?eher c?™' erstorbenen Sympathien für das deutsche Mutterland wieder zu � cjf«m, Straßburg. Für den Metzer Em- kräftigem Leben zu erwecken; sie haben durch ihre kluge Politik,« waren schon Monate vorher durch die Oberförster die eine versöhnliche Stimmung selbst in jene Kreise hineingetragen, v o,.™er�en welche anfänglich dem Deutschthum feindlich und schroff gegen- �ten. In den Zuchthausern waren 40 Kilometer Gmrlanden überstanden; sie haben bei den Kaiserfesten und ähnlichen Ver- angeferttgt worden und aus der gesammten Rhemprovinz steh anlassungen gezeigt, mit welch' schönem Erfolg ihr Werk gekrönt r J�n r f* o l zusammen. Die ward"- solches und Aehnliches lasen wir oft und lesen wir �f /�sten der Eiienbahnverwaltung veranstaltete Decoratton des noch täglich in gewissen,„wohlinformirten" Organen der deut m�lte° ok.� sehen Tagespresse. Wenn hie und da ein Mißton in diesem|.' r em f'?- i i. i � � ir i f' Optimistenconcert laut wird— wie z. B. in einer der letzten nommen, nach Metz gefahren und dort mit„affenartiger Ge- Nummern der ehrenwerthen„Biedermännischen deutschen Allge ichwindigkeit wieder aufgestellt. Die von der Regierung ein- meinen"— wenn daselbst behauptet wird, das elsässische Volk ge;etzte Gemeindeverwaltung von Straßburg verausgabte für die sei für das Gute, das ihm von Oberpräsidiums Gnaden in so Ms, R ,en.ZU Ehren des Kaisers in Straß bürg, nck majorem reichem Maße zu Theil werde, so gar unempfänglich und un- eine,000 Mark. Diese dankbar: wenn geschrieben steht, man müsse statt der bisherigen'>t).urnin.e h,,£ f11 hören, aus einleuchtenden Milde Strenge walten lassen, so wissen die zahlreichen offiziösen A�itden auf die einzelnen Unterabtheilungen des städtischen Blumen in dem Garten deutscher Journalistik, daß das ja Alles Budgets vertheilt we�en. Die Ausgaben für die Beleuchtung nicht zutreffend, daß- kurz, daß das elsässische Volk glücklich Münsters, 600 Mark, sowie diejenigen für die Beleuchtung und zufrieden lebe wie nie zuvor. der öffentlichen Gebäude werden z. B. auf die Kosten der Leider entsprechen diese phantasievollen Schilderungen der a w1 b�uchtun 3 übernommen, die Ausgaben für venctia« wirklichen Wirklichkeit so wenig, daß wir, die wir keinen Grund Masten je., lo,000 Mark, auf die Ausgaben für öffent- haben, mit unserer Ueberzeugung hinter dem Berge zu halten, liche Bauten; die Ausgaben für den Sand, der gefahren wurde, uns erkühnen, eine völlig andere Ansicht von den„Regierungs-"51 da, wo der Kaiser durchfuhr, die Straßen zu bestreuen, wohlthaten" zu äußern und zu vertreten. Das Ergebniß un- � Man, werden bei den Kosten des Straßenpflasters be- serer Untersuchung lautet: Nirgends herrscht in der Gegenwart 1*�™:— f, Vf �ie<."".sierl®�ejn ist — das gesegnete Land unseres„Erbfreundes" vielleicht ausge-„cx,-£�sie Orundjatz bei Allem, was im Reichslande nommen— eine ausgeprägtere Beamtenwirthschaft, ein widerlicheres Coterie- und Jntriguenwesen, ein schamloserer Nepotismus als im deutschen Reichsiand."-- In der heutigen Verwaltung tritt uns ein ungeheurer Ver- (Schluß folgt.) waltungsapparat entgegen, wie ihn das französische Elsaß niemals kannte. Statt des ftanzösischen Präfekten und seiner wenigen Räthe und Unterpräfekten ist ein preußischer Oberpräsi- dent mit einer Legion von Bezirkspräfidenten, Kreisdirektoren, Oberregierungsräthen, Regierungsräthen, Regierungsassessoren, Sekretären und anderen Schreibern eingezogen. Die natürliche Folge ist, daß, während die französische Verwaltung, unter der doch unser Land eine �—*■ ve»—«j— Sozialpolitische Uebersicht. — Ter Prozeß Lehmann-Hödel ist am Mittwoch vor dem Staatsgerichtshof zu Berlin verhandelt worden und hat mit der Verurtheilung des Angeklagten zum Tode geendigt. Wir theilen heute die Anklageschrift(im Feuilleton) mit; in der nächsten Nummer werden wir einen kurzen Bericht der Gerichts- * iifinften imh SLien Verhandlungen veröffentlichen. Was zunächst die Anklageschrift J �*e tnfft' J0. lu**cn wir darin vergeblich die„Enthüllungen", +441V|t4)4.WV*J4. UVklUU> 44 4 4>>!«.»-W 4- 4.] 44 V intereffirt, nehm die in ihrer Art treffliche Broschüre„Elsaß- Gesinnung des Attentäters ein- im Gefängniß(!) von ihm ge- b wb"*"» � Seme Gegenwar zur Hand, der Verfasser schriebener Brief cittrt; und ferner wird unter denjenigen Per- derselben ist ein ehemaliger Redakteur dcr offiziellen„Straß- �„en, mit denen Lehmann verkehrt, Liebknecht genannt*), der burger Zeitung", kennt also den„Rummel" aus eigener An- ihn blos einmal gesprochen und obendrein ohne ihn zu kennen; KU""?-- Die Verwaltt-ng der em» neu Kreise erfordert das Ehrend auf der anderen Seite die Herren Sparig und Hütt! Iunffache der Unterhal ungskofien d r früheren Untirprasek uren:„er nicht erwähnt werden. Wie dem nun sein mag, es ließ dasselbe Verhaltmß besteht Wichen den sruheren Prajekturen fich dem Attentäter und seinem Attentat nichts machen, und SfÄSS». m-».-°-.»-sw s-i» h°'* weiter gehen kann, ist klar. denn diese Last droht die materiellen Prozeßverhandlung zur Evidenz ergeben, daß Lehmann ein Kräfte des Landes zu erschopsen Doch wir werden ja jeden- Haibidiot ist. der nur von anderen Halbidioten oder von Schur- falls durch ein zuvrnkommendes �erhalten entschädigt werden. jen mjj unserer Partei oder irgend einer anderen politischen Es ist eine traurige Thatjache, daß die große Mehrzahl dieser Partei zusammengekoppelt werden kann. Keine Spur jener Euer- „Regierenden" die Diktatur des Herrn Oberpräsidenten von.j. die' einem politischen Verbrechen gehört keine Spur Möller noch viel zu„milde" findet; die; e Herren würden es � Favismus. unglücklicher, verkommener' Mensch, der viel lieber sehen, wenn von Berlin aus die„�ugcl noch straffer" am Fuße des Schaffots die„schnoddrigsten" Bemerkungen macht angezogen würden.— Daher die negative Beliebtheit speziell und die ganze Gerichtsverhandlung offenbar als einen Spaß der preußischen Beamten hier zu Lande, die durch folgende auffaßt, wie das ganze Attentat.„Verstockt",„gleichgiltig", nette Anekdote reizend illustrirt wird: Anläßlich der Vorberei-„frech" nennen ihn die Berichterstatter,„er lacht cynisch"— das hingen zum Kaiserempfang m Weißenburg ließ der dortige �mische Lachen ist das jedem Arzt bekannte blöde Lachen des Kreisdirektor v. St.. ein als geborener Pfälzer bei der Bevöl- kerung beliebterer Beamter, die Bürgermeister des Kreifis vor fich kommen und stellte ihnen vor, daß, wenn die Sache nicht �*)„Seit November nahm er(Lehmann) an dem Unterycht des gut in's Blei komme, an seine stelle ein„Preuß" treten würde, Leipziger Arbeiterbildungsvereins, geleitet von dem Reichstagsabgeord. um die widerhaariaen Bauern zu größerer Reichsfreundlichkeit neten Liebknecht theil." An anderer Stelle findet der Leser, was der zu drillen. Die Wirkung dieser Worte war zauberhaft: Ein- Reichstagsabgeordnete Liebknecht zu dieser zweifelhaft fiilisirten, aber stimmig erklärten die bisher Renitenten, in diesem Falle ihr j unzweifelhaft sehr tendenziösen Jnsinuatton zu sagen Hai. R. d. V. Halbidioten, der so„verstockt",„gleichgiltig",„frech" ist, nicht genug Hirn zu haben, um normal denken und handeln zu können. Erwähnt sei noch der sehr auffallenden Thatsache, daß bei der Verhandlung zwei Stadtvoigtei-Aufseher(Gefängnißschließer), welche als Zeugen figuriren, ungenirt bekunden,„sie hätten dem Hödel(Lehmann) gesagt, die Sozialdemokraten haben sich einen richtig Dummen ausgesucht. Darauf habe Hödel gesagt: Na, wenn ich'raus komme, dann werde ich's besser machen." Die beiden Ausseher haben also die Rolle von Ge- fängnißspionen gespielt und sich dabei Beschimpfungen unserer Partei erlaubt, die eine Rüge Seitens des Gerichts- Hofs wohl verdient hätten. Wahrhast standalös benahm sich der Vertbeidiger Justtzrath Wille, der, statt seiner Pflicht als Vertherdiger nachzukom- men, sich als Ankläger gegen die Sozialdemokratte aufspielte, und Lehmann für„ein Opfer der sozialdemokratischen Lehre" ausgab. Mit diesem edlen Herrn werden wir noch ein Wörtchen zu reden haben. Es ist bedauerlich, daß der Gerichtshof auf die Bedingung Freytag's, den Termin zu verschieben, nicht einge- gangen ist: einem guten, gewissenhaften Bertheidiger bot sich das reichste und dankbarste Material. So viel steht fest, bei tüchtiger Vertheidigung wäre der Beweis überzeugend zu liefern gewesen, daß oer„Attentäter Seiner Majestät des deutschen Kaisers", wie er sich in kindischer Eitelkeit selbst betitelt, nicht zurechnungs- fähig ist und in ein Irrenhaus gehört. Das Todesurtheil, welches von den Richtern in Abwesenheit jeder Vertheidigung gefällt werden mußte, wäre dann ihnen und dem Volke erspart worden. Die Vollstreckung des Todesurtheils halten wir einfach für unmöglich. Zum Schluß lassen wir die Betrachtungen der„Magde- burger Zeitung" über den Prozeß folgen. Das nationalliberale Organ schreibt unterm 10. d. Mts.: „Es war früh genug bekannt geworden, daß Hödel zu den verlumpten Menschen gehört, und daß deshalb sein furchtbares Verbrechen als eine singuläre That anzusehen sei, für die das deutsche Volk nicht verantwortlich gemacht werden könnte, wurde bald die Ueberzeugung aller ruhig und unbefangen Denkenden. Allein die heutige Verhandlung vor dem Staatsgerichtshof, die mit der Verurtheilung des Angeklagten zum Tode endete, hat erkennen lassen, daß das bisherige Urtheil über den Verbrecher noch viel zu mild lautete. Die Annalen deutscher Gerichtshöfe kennen keinen Fall, der an den Hödel'schen heranreicht, denn es stand vor Gericht noch niemals ein Hochverräther, der so viel gemeines Empfinden und jso viel Rohheit des Denkens zu er- kennen gegeben hätte, wie dieser Hödel. Die Gemeinheit griff so weit, daß sie keinerlei psychologisches Interesse zu erwecken vermochte. Auf der Anklagebank saß heute ein Mensch, der sich als die verkörperte Bestialität darstellte. Und diese Bestialität affekttrte obenein Blasirtheit. Für den öffentlichen Ankläger und und für die Richter wurde hierdurch eine juridisch vortheilhafte Situation geschaffen, denn sie wußten sogleich, woran sie mit dem Angeklagten waren, der nur cynisches Leugnen und Hohn und Spott gegen Alle und gegen Alles aus seiner entmenschlichten Seele produzirte. Als einen Bösewicht gab sich der Angeklagte zu erkennen, der an seiner Frevelthat in dem Maße mehr Ge- fallen findet, je mehr sie in ihrer ganzen Scheußlichkeit von Richtern und Zeugen entlarvt wird. Man sah diesem Hödel an, daß er nachttäglich unendliche Lust empfand über Alles von ihm Geschehene: nur über Eins empfand er Reue: er hatte sein Ziel verfehlt. Wie gemein war Angesichts dieser teuflischen Empfin- dung der feige Versuch, die Absicht des Mordes zu leugnen! Aber das Leugnen trat nur bei Beginn der Beweisaufnahme auf: Jedes spätere Stadium des Prozesses steigerte die Freude an dem Geschehenen, und völlig aufrichtig war des Angeklagten Schlußbemerkung,„zu seiner Vertheidigung hätte er nichts zu sagen und um Gnade bäte er auch nicht."— Lachend bettat er den Gerichtssaal, und höhnisch lächelnd verließ er ihn.— Zur Ehre der Menschheit dürfen wir sagen: Dieser Verbrecher ist eine ganz singuläre Erscheinung, und weil er außerhalb des A«klageschrist im Prozeß Hödel. Die Anklageschrift lautet: Berlin, 18. Juni 1878. Anklage des Oberstaatsanwalts am königlichen Kammergericht wider den Klempnergesellen Emil Heinrich Max Hödel, genannt Lehmann auch Traber, am 27. Mai 1857 zu Leipzig geboren, evangelisch, Seitens der Ersatzcommisfion für dauernd untauglich erklärt, im Jahre 1870 durch Bescheid des königl. Polizeiamts zu Leipzig wegen Taschendiebstahls mit zehn Streichen besttaft, gegenwärtig hier in Untersuchungshast wegen Hochvermths. Seine Majestät der deutsche Kaiser und König von Preußen, in Begleitung Seiner Tochter der Frau Großherzogin Louise von Baden, fuhren am 11. Mai 1878, Nachmittags zwischen 3—4 Uhr in einer offenen Kalesche von einer Spazierfahrt aus dem Thiergarten nach Berlin zurück, wie gewöhnlich durch das Brandenburger Thor, die Südseite der Sttaße„Unter den Linden" entlang. Der kaiserliche Wagen hatte ungefähr das Hotel der russischen Boffchaft erreicht, als der Angeklagte plötzlich hinter einem Privaffuhrwerk hervorttat, welches dort auf dem Straßen- dämm dicht an der Bordschwelle deS Trottoirs nach dem Thore zu gerichtet stand, und, den rechten Arm weit ausstreckend, nach der Person Seiner Majestät infeiner Entfernung von 3—4 Schritt einen Schuß aus einem Revolver abfeuerte. Der Schuß ging fehl. Der Leibkutscher Seiner Majestät sah den Angeklagten den Arm ausstrecken und den Revolver abfeuern und hielt die Pferde an. Bevor der kaiserliche Wagen zum Stehen gebracht war, eilte der Angeklagte hinter demselben über de« Fahrdamm der mittleren Promenade zu und feuerte, ehe er den zweiten Fahrdamm erreichte, sich umwendend, einen zwetten Schuß ab, den Revolver auf den Wagen Seiner Majestät gerichtet. Auch dieser Schuß fehlte. Der Angeklagte lief dann weiter nach dem Promenadenwege zu, kroch unter der Eisenstange des Geländers, welches den zweiten Fahrdamm von der Promenade trennt, hin- durch und rannte, von vielen Hinzugekommenen verfolgt, dem Brandenburger Thore zu. Auf dem Promenadenwege schoß er auf seine Verfolger noch zwei Schüsse ab, welche gleichfalls fehl- teu. Nach dem letzten Schuß warf er den Revolver weg und wurde verhastet. Der Angeklagte räumt zwar ein, aus dem Re- volver am Orte der That scharf geschossen zu haben, er bestteitet dagegen, auf Seine Majestät den Kaiser den Revolver abgefeuert zu haben.— Der Angeklagte will vielmehr, durch Arbeitslosig- keit in Roth gerathen, überdies syphilittsch krank, zu dem Ent- schluß gekommen sein, sich das Leben zu nehmen und in Aus- führung dieses Entschlusses auf sich selbst geschossen haben. Die Sttaße„Unter den Linden" habe er gewählt, um unter den Augen der feinen Welt mit Eklat aus der Welt zu gehen.— Der Angeklagte erscheint indeß überführt, bei dem Abfeuern des ersten Schusses den Entschluß gehabt zu haben, Seine Majestät zu tödten und diese That mit Ueberlegung ausgeführt zu haben. Augenzeugen haben beobachtet, wie der Angeklagte kurz vor dem Herannahen des kaiserlichen Wagens an dem linken Hinterrade des vorerwähnten Fuhrwerks stand, dann nach und nach auf den Jdeenkreises aller übrigen Menschen steht, so bleiben die übri- gen Menschen alle von der Schande unberührt, die an seiner That haftet." Wir find begieng, ob man hinfüro noch die Stirn haben wird, die Sozialdemottatie für Hödel-Lehmann verantwortlich zu machen! — Die Wahlen nah'n. Man merkt es an den gewalt- samen Versuchen der Reaktionspreffe, die Wählerschaft in„Auf- regung" zu bringen. Da die Sozialdemokraten bis Dato das „Schießen" vereitelt haben, und da aus dem Lehmannprozeß kein politisches Kapital zu schlagen war, derselbe im Gegentheil abkühlend und ernüchternd auf das Publikum wirken muß, so ist man genöthigt, sich anderweittg zu helfen. Zunächst hat der arme Nobiling wieder herhalten müssen, der, weil eine Besse- rung in seinem Zustande constatirt wurde, plötzlich von Neuem Verhöre zu bestehen und das tobte Complottmärchen ins Leben zu galvanifiren hatte. Natürlich von A bis Z Alles gelogen. Dann griffen„gewisse Leute" in die„Schublade" des Fürsten Bismarck und zogen daraus„Drohbriefe" aus den Jahren— 1866 und 70 hervor, die indeß leider einen mehr erheiternden als austegenden Eindruck machten und selbst von den national- liberalen Blättern ins Feuilleton verwiesen wurden. Wunderliche Briefe sinds— die Schreiber waren zum Theil Propheten und schrieben schon im Juni 1866 an den„Grafen" Bismarck, der bekanntlich erst weit spätern Datums ist. Nun, wir könnten mit einer weit interessanteren Sammlung von derartigen Geistespro- dukten aufwarten.— Wir sind begierig, welche neue Reizmittel man dem Publikum noch vor den Wahlen bieten wird. Jeden- falls heißt's: aufgepaßt! — Die Maßregeln und Borschläge zur Unterdrückung der Sozialdemottatte häufen sich bergehoch und die Gegner werden zuletzt selbst nicht mehr aus, noch ein wissen; zumal ganz besonders in Betracht kommt, daß gerade die sozia- listischen Arbeiter, d. h. die wirklichen Arbeiter, die besten sind. Interessant ist jedoch so Manches, und da wir. nicht von Allem Notiz nehmen können, so wollen wir hier einige Fälle Jur Kenntniß unserer Leser bringen, die diesen Kampf illustriren. is sind nämlich nicht allein die Fabrikanten, die auf solche Weise vorgehen, nein, auch die Behörden. Es wird nämlich aus Königsberg i. Pr. gemeldet:„Bei Vergebung der öffentlichen Arbeiten im Submissionswege sehen die Behörden jetzt auch darauf, daß die Unternehmer nicht der sozialdemottatischen Richtung an- gehören, ja es wird sogar von solchen verlangt, daß sie keine Arbeiter beschäfttgen, welche dieser Richtung angehören. In den Submissionsbedingungen über den Aufbau der chirurgischen Klinik in der Langen Reihe findet man das ausdrücklich ausge- sprachen."— Merkwürdig! Als ob die sozialdemottatifchen Ar- beiter an den Nasen zu erkennen wären! Wir haben Hunderten von Versammlungen beigewohnt und nur Eines herausgefunden — daß gerade die intelligentesten Arbeiter sich dort eingefunden hatten. Wo aber die Behörden zu solchen Bedingungen das Recht her- nehmen, das begreife, wer kann. Als Grundsatz jedes vernünf- tigen Beamten hat es zu allen Zetten gegolten, unparteiisch zu sein— steilich heute im neunzehnten Jahrhundert———! — Jedoch auch Zeichen von wiederkehrender Vernunft begegnet man hier und da. So meldet z. B. die„Vossische Zeitung" aus Berlin von einer Versammlung Berliner Arbeitgeber, die auch beriethen, wie die Sozialdemokraten am besten zu vertilgen wären, und schließlich auf Vorschlag des Herrn Dr. Siemens beschloffen, hauptsächlich die Agitatoren zu verfolgen und aus den Werkstätten zu entfernen, von Unterschreibung eines Reverses jedoch abzusehen, weil dadurch die Heuchelei und Denunziation nur gefördert werden. Man muß den Herren schon überlassen, ihre Wuth an den Agitatoren auszuüben, sie werden sich gar bald überzeugen, daß jeder Fetzen eines sozialistischen Blattes einen Agitator bedeutet, und— die Käse- und Wurstpapiere zu vertilgen, dazu gehört mehr, als einfache Beschlüsse!— Auch die Fahrdamm trat zwischen die beiden Hinterräder dieses ihn thor- wärts vollständig versteckenden Fuhrwerkes und sich nach dem Thore zu wendete, so, als ob er auf etwas laure. Wie er ferner, als der kaiserliche Wagen herannahte und noch etwa sechs Fuß von ihm entfernt war, mit der rechten Hand eine Bewe- gung nach seiner linken Seite machte, als wenn er von dort irgend etwas hervorlangen wollte, alsdann in dem Augenblick, als der Wagen mit ihm in gleiche Höhe kam, den rechten Arm weit ausstreckte, einen Schritt auf den kaiserlichen Wagen zu that und in einer Entfernung von wenigen Fuß von dem Wagen einen Revolver, auf die Person Seiner Majestät gerichtet, ab- schoß.— Die Kugel muß unmittelbar an dem Haupte Seiner Majestät vorbeigegangen sein, indem dicht hinter demselben der Dampf aufstieg. Der von dem Angeklagten geführte Revolver ist ein sechsläufiger gezogener Lefaucheux, 7 mm., Lütticher Fa- brikat und geeignet, einen Menschen damit zu tödten. Nach einer mit dem Revolver vorgenommenen Schießprobe hat die aus dem- selben abgefeuerte Kugel noch auf 15 Schritte Entfernung ein zwei und ein halb Centimeter starkes Brett glatt durchschlagen. In dem von dem Angeklagten weggeworfenen Revolver waren vier Pattonenhülsen leer, zwei noch mit scharfen Patronen ge- laden. Am 16., 29. und 30. Mai find IN der Nähe des Ortes der That drei abgeschossene Revolverkugeln aufgefunden worden, welche zu dem Revolver des Angeklagten passen. Auch verschiedene Aeußerungen des Angeklagten kurz vor und nach der That ergeben seine Absicht, Seine Majestät den Kaiser zu tödten. Am 27. April erkundigte er sich bei dem Buchdrucker- gehilfen Petsch, welchen er in der Passage getroffen hatte,„wann und wo der Kaiser in der Regel spazieren gehe oder fahre." In gleicher Weise fragte er etwa fünf Tage vor der That, als Unter den Linden eine Equipage vorbeifuhr, den Schlosserge- sellen Krüger, den er wenige Tage vorher kennen gelernt hatte, ob der Kaiser in einem offenen oder verdeckten Wagen spazieren fahre und welchen Weg er gewöhnlich nehme." Am 6. Mai kam der Angeklagte zu dem Photographen Die- trich in der Commandantensttaße, fragte ihn, ob er nicht ein großartiges Geschäft machen wolle, und erklärte dem Diettich auf dessen Gegenfrage, worin dies Geschäft bestehen solle, daß er dasselbe mit seinem Bilde machen könne,„er sei zwar noch kein berühmter Mann, es werde aber bald wie ein elektrischer Funke durch die Welt gehen, und dann würde er, Diettich, Tau- sende von dem Bilde los werden; er selbst habe keinen Nutzen davon, er sei dann moralisch todt und werde eingepflanzt." Als Dietrich auf diese» Borschlag nicht einging, äußerte der Ange- klagte im Fortgehen:„Wenn er ihm oder dem Geschäfte etwas in den Weg lege, so habe er einen geladenen Revolver."— Am nächsten Tage ließ er sich drei Schnellphotographien von ihm anfertigen. Der Angeklagte will mit Dietrich außer und über den Preis der Photographien und über die Witterung nichts ge- sprachen haben.— Wenige Tage vor der That ttat er an den vor dem Schaufenster des Waffenhändlers Temmler in der Moh- renstraße stehenden Kaufmann Kalischer heran, knüpfte mit ihm Direktton der Bergisch-Märkischen Eisenbahn in Elber- feld glaubt, indem sie ihre Arbeiter vor der Theilnahme an sozialdemottattschen Versammlungen und Bereinen, Geldsamm- lungen. Lesen und Mithalten sozialistischer Blätter warnt, im Interesse ihrer Arbeiter gehandelt zu haben und hofft das Beste von diesem Erlaß. Ob die Arbeiter diesen Glauben theilen, werden wir bald sehen; das Wupperthal wird hoffentlich seinen Ruf auch diesmal bewähren. — Zur Affaire Bucher schreibt unser alter bewährter Ge- nosse Joh. Philipp Becker in Genf: „In Sachen des in letzter Zeit allgemeiner bekannt gewordenen preußischen Legationsraths Lothar Bucher kann ich als ehemaliger sechsjähriger Vorsteher des Centralcomitö's der' Sekttonsgruppe deutscher Sprache der Jnternattonalen Arbeiterassoziation und auch als Redakteur von deren Organ„Der Borbote" kurz fol- gende nähere Auskunft ertheilen: Herr Bucher wurde um so eher ohne Anstand als Ge- sinnungsgenosse und um so sicherer als Assoziattonsmitglied be- ttachtet: 1) als er uns hier schon 1364 von Lassalle als Sozialist ge- schildert wurde; 2) als er in dem in meiner Gegenwart geöffneten Testamente Lassalle's vom gleichen Jahre als Testamentsvollstrecker und Erbe verzeichnet war; 3) als er, wie mir längst bekannt war, sich während seiner Flüchtlingsschast in London der Gastfreundschaft des Ge- nossen L. S. Borkheim erfreute und durch diesen auch in einige Beziehungen mit Carl Marx gebracht worden war, und 4) als er nicht nur statutengemäße, sondern sogar noch höhere Beiträge an die Assoziation entrichtete und seinen Geld- sendungen sympathische(dem Archiv des Centralcomits's einverleibte) Zeilen beifügte." — Ueber den Fall des Bankhauses Haase u. Sohn in Chemnitz berichteten wir bereits in letzter Nummer. Ueber die eigentlichen Ursachen dieses Ereignisses läßt sich noch nichts Bestimmtes berichten, nur das steht fest, das viele Tausende um ihre Ersparnisse, um ihre Nothpfennige gebracht worden find. Ganze Schaaren von Landleuten meldeten sich bei dem Sach- Walter der Firma Haase u. Sohn, Herrn Advokat Ullrich, und es mag dort manchen unangenehmen Auftritt gegeben haben. Auf dem Chemnitzer Marktplatz sammelten sich große Menschen- massen an und die Polizei hatte vollauf zu thun, den Platz zu leeren. Auch das Mitttär war in den Casernen consignirt, wahrscheinlich hat man für die öffentliche Ruhe gefürchtet.— Dieser Fall beweist wiederum so recht eklatant die Unhaltbarkett der heutigen wirthschaftlichen Zustände und der Ruf nach Aende- rung derselben muß immer lauter ertönen. Freilich die Träger und Schöpfer dieser herrlichen Zustände lassen sich nimmermehr belehren, sie rennen blindlings in ihr Verderben, sie suchen ihre Rettung nur noch in der Verfolgung aller Andersdenkenden, sie hoffen nur noch auf die Polizei. Wie letztere diese Hoffnung er- füllt, sehen wir täglich, das wird uns auch der nächste Reichstag lehren. Die Chemnitzer Arbeiter, Bürger und Landleute werden aber zuvor solche Lehren beachten und am 30. Juli ihre Meinung dokumentiren. — Die vereinigten„Ordnungs"parteien treten überall mit ihren Programmen hervor. Dieselben tragen insgesammt den Stempel äußerster Reattion und gipfeln im Wesentlichen darin, den Wünschen der Reichsregierung in allen Punkten ge- recht zu werden. Die indirekten Steuern erhöhen und neue ein- führen, Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemokraten, Geld- bewilligung für den Militäretat— das sind die Herrlichkeiten, die man uns zugedacht hat. Wir erwarten von der heutigen Gesellschaft nichts Besseres und find darum nicht im Mindesten überrascht; mögen sie an der„Ordnung" ruhig fortarbeiten; ein Gespräch an und fragte ihn, was wohl ein Revolver koste und ob ein solches Ding wohl über die Sttaße ttage und treffe. Der Angeklagte läugnet dieses Gespräch.— Am Tage der That zwischen 12 und 1 Uhr Mittags befand sich der Angeklagte im Thiergarten und fetzte sich auf eine Bank in der Nähe der Sieges- allee, auf welcher der blinde Drehorgelspieler Schulz mit seinem Führer Koch saß. Der Angeklagte sing an, über die schlechten Zeiten für die Arbeiter zu klagen und äußerte schließlich,„er lauere auf den Dickkopf, heute müsse noch etwas platzen," oder: „er lauere auf etwas, ein Dickkopf müsse platzen, dann würde es besser". Er ging dann in das Gebüsch, um sich, wie er an- gab, auf kurze Zeit schlafen zu legen, kehrte aber bald wieder und sagte:„er könne nicht schlafen, er habe keine Ruhe." Der Angeklagte stellt auch diesen Vorgang in Abrede. Nach der That am 18. Mai äußerte der Angeklagte im Gespräch über das Attentat zum Stadtvoigtei-Aufseher Soehnel:„Wenn er wieder herauskommen würde, werde er schon besser zielen." Auf die Bemerkung des Soehnel, daß es wohl noch lange dauern könne, bis er herauskäme und er erst seine Theilnehmer nennen müsse, entgegnete der Angeklagte:„ich werde keinen verrathen, und wenn ich zehn Jahre sitze."— In einem während der Untersuchung?- Haft am 21. Mai an seine Eltern geschriebenen Briefe legte er ein Geständniß ab. In dem Briefe bittet er seine Eltern um Vergebung, daß„diese finstere Wolke sich so fürchterlich hätte über sie entladen müssen, sein Leben sei einer Sache geopfert, durch welche er ihnen schon oft Calamitäten bereitet habe, ge- opfert zum Wohle der Menschheit," und schreibt in einer Nach- schrift:„eS thut mir sehr leid, fehlgeschossen zu haben, doch— Polen ist noch nicht verloren" und unterschreibt diese Nachschrift: „Max Hödel, Attentäter Sr. Maj. des Deutschen Kaisers". Der Angeklagte wird von seiner Mutter als zu allen Nichtswürdig- leiten bereit geschildert, von seinem Stiefvater als jähzornig, von Anderen als streitsüchtig und frech bezeichnet. Er ist das uneheliche Kind der jetzt verehelichten Schumacher Traber, Emilie geb. Hödel zu Leipzig. Im Alter von zwölf Jahren mußte er wegen schlechter Stteiche, namentlich wegen mehrfacher kleiner Diebstähle, in die Besserungs-Anstalt zu Zeitz gebracht werden, in welcher er bis zu seinem 14. Lebensjahre verblieb. Er lernte demnächst in Zeitz bei mehreren Klempnermeistern und kehrte in seinem 17. Lebensjahre im Oktober 1875 nach Leipzig zurück. Bon dort ging er auf die Wanderschaft, wobei er Berlin, Bayern, Frankfurt a. M. und Köln besuchte. Im Jahre 1876 nach Leipzig zurückgekehrt, arbeitete er etwa ein halbes Jahr in sei- nem Handwerk und wurde dann Abonnentenfammler für die zu Leipzig erscheinenden sozialdemokratischen Zeitungen„Der Vor- wärts, Organ der sozialistischen Arbeiter-Partei Deutschlands" und„Die Fackel".— Inzwischen machte er eine Reise nach Ungarn und Wien, von welcher er im September 1877 aus Oesterreich ausgewiesen, zwangsweise nach Leipzig zurückgebracht wurde. Anfangs colportirte er auch den hier erscheinenden „Staatssozialisten", das Organ des Centralvereins für Sozial- reform. Am 11. März verließ er wiederum sein elterliches Haus, Nur aber werden dafür sorgen, daß das arbeitende Volk mit der Zeit immer mehr erkennen lernt, wo es der Schuh drückt und wo ge- Holsen werden muß, und wahrlich ein großer Bruchtheil des arbeitenden Volkes hat bereits erkannt, von wem die Hülfe kommen muß und wird den„Ordnungs"parteien am 30. Juli antworten. Wer jedoch jetzt noch nicht erkannt hat, daß alle anderen der Arbeiterpartei gegenüber eine„reaktionäre Mo'V bilden, der ist nicht zu bekehren. Indirekte Steuern erhöhen und neue einführen, das heißt doch gerade dem armen Volke den Fuß auf den Nacken oder auf die Brust setzen und ihm vollends den Garaus machen und Ausnahmegesetze in einem Staate, der sich rühmt, der militärisch bestorganisirteste zu sein, gegen eine Klasse der Bevölkerung in's Leben zu rufen, das ist ein testünomum paupertatis für denselben. Freilich, was nützt die Vermehrung des stehenden Heeres, wenn schon die Jugend vom Sozialismus angefressen ist und sozialdemokratischen Geist in die Caserne mitbringt? — Es muß auch solche Käuze geben. Der Commerzien- rath, Ritterguts- und Fabrikbesitzer Riebeck zu Halle hat eine lange Epistel in der„Magdeburgischen Zeitung" erlassen, in welcher er sich als ein absoluter Verächter der Wissenschaft selbst hinstellt. Der confuse Mensch schreibt:„Sogenannte National- ökonomen und Kathedersozialisten, und in neuerer Zeit auch die christlichen Sozialisten, Männer, die meistens nicht die nöthigen praktischen Vorkenntnisse über das Verhältniß zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern besitzen, fanden sich berufen, die Mittel zu lehren, durch welche Alles besser gemacht werden könne, und arbeiteten auf diese Weise den sozialen Communisten in die Hände."— Den„sozialen Communisten"! Giebt es etwa auch nichtsoziale Communisten? Die Braune, die Schulze, die Schmoller, die Stöcker— alle zusammen in einen Topf; man erkennt gleich an diesem Verfahren den Bierbrauer. Herr Riebeck versieht die gute Stadt Leipzig bekanntlich auch mit seinem Lagerbier, welches von den dursttgen Seelen sehr gelobt wird. Doch hören wir den Bierbrauer weiter:„Wenn die Herren Sozialisten aller Farben etwas Besseres lehren und erreichen wollen, so mögen sie den Anfang damit machen, die Fehler und Schwächen der Menschheit abzuschaffen, mögen Dünkel, Hochmuth und Lieblosigkeit gegen Andere unterdrücken. Wen wollen sie sonst, als unfern Schöpfer und allmäch- tigen Gott, dafür verantwortlich machen, daß er nicht alle Menschen mit gleichem Geiste begabt, nicht Alle mit gleicher Arbeitslust, gleicher Sparsamkeit und gleicher Charakterfestigkeit ausgestattet, daß er den Menschen die Freiheit gegeben habe, welche ihn unter Verantwortlichkeit befähigt, das Gute und das Böse zu wollen. Die Lehren der Sozialisten, der grünen, schwarzen und rothen, verstoßen wider Gottes Ord- nung. Sie rauben dem Menschen das Beste, was er besitzt, seine Zufriedenheit mit sich selbst, seine Liebe zum Vaterlande, zu seinem Könige und zu seinen Mitmenschen. Tief zu beklagen ist es, wenn solche Menschen in ihrer Dummheit und ihrem Dünkel wähnen, es besser machen zu können, als der allgütige Gott selbst."— Armer Stöcker! Auch Du wirst als ein Mensch hingestellt, dessen Lehren wider Gottes Ordnung verstoßen!— Doch verzeihen wir dem Herrn Riebeck seinen Blödsinn, wenn er fortfährt gutes Bier zu brauen. Hoffentlich wird sein„Esprit" nicht in sein Bier fahren. —„Republikanische" Preßfreiheit. Unser französisches Parteiorgan, die„Egalitö", ist soeben unter fünffacher Anklage vor das Polizeigericht und den Assisenhof geladen worden. Auch die„Adresse an die deutsche Sozialdemokratie" befindet sich unter den inkriminirten Artikeln; es sollen darin verbrecherische That- fachen gelobt und ferner zum Ungehorsam gegen die Gesetze auf- gefordert sein. Die fünf inkriminirten Artikel befinden sich in drei Nummern des Blattes; wenn dasselbe auf alle Punkte hin in der ganzen Strenge des Gesetzes verurtheilt wird, steht der „Egalitö" neunjähriges Gefängniß und außerdem acht- zehntausend Francs Geldbuße in Aussicht. Man sieht, wie weit es die Herren Opportunisten vom Schlage Gambetta's gebracht haben. — Die Exekutive der amerikanischen Arbeiterpartei hat sich nachdrücklich gegen die Schützenvereinsspielerei ausgesprochen, die hier und da eingerissen war und den Feinden als Popanz für die Philister treffliche Dienste that. Einige Genossen sind über das Einschreiten der Exekutive etwas erbost; wir dächten aber, die ganze Affaire wäre zu unbedeutend, um viel Worte darüber zu verlieren. Wem es Spaß macht, seinem Schützenverein(„Lehr- und Wehrverein") anzugehören, dem wird es Niemand mißgönnen; im Gegeutheil: es kann nur von Nutzen sein, daß die Männer sich im Gebrauche der Waffen üben. Ent- schieden zu verwerfen war und ist aber das rennomistische Säbel- gerassel einiger uniformsüchtigen Leute, die sich in diese„Lehr- und Wehrvereine" eingeschlichen haben und auf allen Gassen an- kündigen, daß sie mit Hülfe derselben die bürgerliche Gesellschaft und den heutigen Staat aus den Angeln zu heben beabsichtigen. Daß solch kindischem Gebahren nun ein Ziel gesetzt ist, können wir nur mit Freuden begrüßen. — Auch in Amerika wird Geld für Unterstützung der deutschen Sozialdemokratie in ihrem gegenwärtigen Kampf gegen die vereinigte Reaktion gesammelt. Man sieht, das Pro- letariat hat seine Solidaridät begriffen und die Devise: „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!" ist keine„alberne Phrase". — In der am 9. Juli stattgefundenen Verhandlung des Schwurgerichts in Wien wurde der Redakteur des sozialdemo- kratischen Blattes:„Der Sozialist", Johann Schwarzinger, wegen Störung der öffentlichen Ruhe zu einem Jahre schwe- ren Kerker verurtheilt. — Am 8. ds. starb zu Genf in der Verbannung Ra- zoua, unter der Commune Commandant der„Militärschule". Er War gleich tüchtig als Schriftsteller wie als Soldat, und ein überzeugungstteuer Sozialist. Sein Leichenbegängniß gab den Anlaß zu einer imposanten Demonstration. Das Proletariat wird seinen treuen Vorkämpfer nicht vergessen! Erklärung. In der Anklageschrift gegen Lehmann-Hödel heißt es:„er (Lehmann-Hödel) nahm seit November 1877 an dem Unterricht des Leipziger Arbeiterbildungsvereins, geleitet von dem Reichs- tagsabgeordneten Liebknecht, Theil." Die zweifelhafte Grammatik macht es ungewiß, ob das„ge- leitet" sich auf den Arbeiterbildungsverein oder auf den Unterricht in demselben bezieht. In jedem von beiden Fällen ist die Notiz aber unrichtig. Ich habe niemals den Leipziger Arbeiterbildungsverein, niemals dessen Unterricht„geleitet". Ich habe— gleich Anderen— zu verschiedenen Zeiten im Leipziger Arbeiterbildungsverein Unterrichtsstunden ertheilt(englische und deutsche), erinnere mich jedoch nicht, Lehmann-Hödel je zum Schüler gehabt zu haben. Der Verfasser der Anklageschrift hätte dies aus den Akten ersehen können. Unter allen Umständen ist es sehr eigenthümlich, daß man mich, der ich er- Wiesenermaßen in meinem ganzen Leben wissentlich nur einmal mit Lehmann-Hödel gesprochen(und obendrein als mit einem Gegner, den ich bei jener Gelegenheit vor den Folgen seines provozirenden Benehmens schützte), in die Anklageschrift hinein- zerrt und zum Lehrer oder intellektuellen„Leiter" des Unglück- liehen stempeln will, während die Leipziger nationalliberalen Führer: Sparig und Hüttner, die sich Lehmann- Hödel's er- Wiesenermaßen zu politischen Zwecken bedient und hundertmal mehr mit ihm verkehrt haben als ich, in der Anklageschrift nicht und zwar in Folge eines gegen seine Mutter verübten Diebstahls an Geld in Höhe von gegen 40 Mark, hielt sich zunächst einige Zeit in der Umgegend von Leipzig auf, wo er als sozialdemo- kratischer Agitator auftrat, und wendete sich dann nach Frank- furt a. M., berührte Kolmar, Metz, Luxemburg und Trier und kehrte am 11. April 1878 nach Leipzig zurück. Am 24. dessel- den Monats verließ er wiederum Leipzig, angeblich, um nach Dresden und Bremen zu reisen, begab sich aber über Magde- bürg nach Berlin, wo er bis zu seiner Verhaftung in Schlaf- stelle bei der Wittwe Breiter, Stallschreiberstr. 13, gewohnt hat. — Hier ist er unter dem Namen Lehmann, dem Namen seines Vaters, im April Mitglied der beiden sozialdemokratischen Ber- eine, des„Vereins zur Wahrung der Interessen der werkthätigen Bevölkerung Berlins" und des„Vereins für kommunale Ange- legenheiten des Nordostdistrikts" geworden, sowie auch dem den Sozialisten gegenübertretenden Vereine der„christlich- sozialen Arbeiterpartei" beigetreten, und hat seit seiner Ankunft in Ber- lin fast jeden Abend Versammlungen dieser Vereine besucht und sozialistische Zeitschriften und Flugblätter verbreitet.— Seinen Lebensunterhalt und seine sonstigen Ausgaben in Berlin, wie z. B. den Ankauf einer Spieldose für 52 M. 50 Pf., unter deren Klängen er vielfach in Bierlokalen sozialistische Blätter absetzte, bestritt er hauptsächlich von dem Gelde, welches er bei seiner letzten Anwesenheit in Leipzig seiner Mutter entwendet hatte.— Nachdem der Angeklagte bereits 1876 Mitglied der sozialisttschen Arbeiterpartei Deutschlands geworden und deren Versammlungen vielfach besucht hatte, nahm er seit November 187? an dem Unterricht des Leipziger Arbeiterbildungsvereins, geleitet von dem Reichstagsabgeordneten Liebknecht, als Mitglied Theil. Zur selben Zeit lernte er die in Leipzig damals anwesenden „Anarchisten" kennen, deren bekanntes Programm dahin geht, daß sie als Grundlage die Gemeinden annehmen mit der Frei- heit der Gemeinden, sich zu conföderireu, und als obersten Grundsatz hinstellen, daß die Aenderung der politischen und so- zmlen Verhältnisse mit Gewalt herbeigeführt werden müsse, wahrend die Sozialdemokraten den centralisirten Volksstaat und zwar zunächst im Wege der Reform zu errichten streben. Der Angeklagte trat insbesondere in Verkehr mit Emil Werner, dem Vertreter der Anarchisten auf dem vorjährigen Weltcongreß der Sozialisten ln Gent, und bekannte sich, als ihm seit einer Volks- Versammlung zu Stötteritz, auf welcher er den„Staatssozialist" verbreitet hatte, seitens der sozialdemokratischen Partei mit Arg- wohn begegnet wurde, offen zu ihrer Richtung. In Folge von Angriffen auf die Bediensteten der sozialistischen Arbeiterpartei, besonders in einem Artikel unter der Ueberschrift„Paschawirth- schast", wurde er durch förmlichen Beschluß der Leipziger So- zialisten vom 14. März aus der Partei ausgeschlossen, dieser Beschluß durch das„Central-Wahlcomitö" zu Hamburg unterm 9. Mai 1878 bestätigt und am 12. Mai iu der Zeitung„Die Fackel" bekannt gemacht. Am 24. Februar und am 17. März 1878 berief der Angeklagte selbst zwei Volksversammlungen zu Schkeuditz>bei Leipzig, in welchen der Anarchist Emil Werner Referent war. Während die Tagesordnung der ersten Volks- Versammlung„der Krieg im Orient" und die„Orientalische Frage im deutschen Reichstage" war, verherrlichten auf der zweiten Volksoersammlung Werner und Braune die Pariser Commune. Seine sozialdemokratischen, bezüglich anarchistischen Ideen kennzeichnet das von ihm über diese Versammlungen erstattete schriftliche Referat. Seitdem huldigte der Angeklagte immer mehr der anarchistischen Richtung. Er bekannte sich in prahlerischer Weise Anderen gegenüber als Anarchisten und Atheisten und that vielfach während seiner Aufenthaltes in Schkeuditz und an meh- reren anderen Orten Aeußerungen, die darauf schließen lassen, daß er bei seinem zu Gewaltthätigkeiten geneigten Charakter und politisch aufgeregtem Geist danach strebte, wenn möglich selbst zur Verwirklichung der sozialistisch-anarchistischen Ideen und ins- besondere der Abschaffung der monarchischen Regierungsform thättg zu werden. So äußerte er am Abend vor der ersten Schkeuditzer Volksversammlung zu dem dortigen Kürschnermeister Keil, als dieser sich weigerte, die Anmeldung dieser Volksver- sammlung zu unterschreiben, und dem Angeklagten erklärte, daß er mit Sozialdemokraten nichts zu thun haben wolle,„er sei nicht sozial, er sei Anarchist, er spreche nicht von Sozialdemo- kratie, weit mehr von der Commune; Amerika habe seinen Prä- fidenten und es ginge auch; Kaiser, Könige und Fürsten brauchen wir nicht." In gleicher Weise sprach er sich kurz vor der zweiten Schkeuditzer Volksversammlung in einer dortigen Restauration zu einigen Arbeitern dahin aus:„Kaiser, Könige und Fürsten brauchen wir nicht, die saugen das Volk aus;" und endigte seine weiteren Schmähreden mit den Worten:„Uns Sozialdemokraten gehört die Zukunft." Am Abend der zweiten Schkeuditzer Volks- Versammlung kam der Angeklagte mit Emil Werner in ein dor- tiges Restaurationslokal, sprach zu den dort anwesenden Gästen über die für die Arbeiter schlechten Zeiten, über den herrschenden Arbeitsmangel und äußerte dabei:„Das bringe ich noch dahin, daß ich selbst zum alten Wilhelm gehe."— Zu dem Restaura- teur Steiniger daselbst äußerte er, als dieser ihm seinen Saal nicht zu den Versammlungen einräumen wollte:„Na, weun's Hängen losgeht, da wissen wir, wo wir den Anfang machen."— Während seiner Anwesenheit in Metz am 28. März 1878 äußerte er in einem dortigen Restaurationslokal:„daß das Militär ganz überflüssig sei, daß das Volk überhaupt ohne Könige und Fürsten sich selbst regieren könne." In einem andern dorttgen Lokale bekannte er sich als Sozialdemokrat und führte Schimpfreden gegen die staatliche Ordnung und namentlich gegen die Zustände im deutschen Reiche.— Einige Tage darauf, am 31. März, in der Winter'schen Gastwirthschaft zu Trier, entwickelte der Ange- klagte den anwesenden Gästen gegenüber seine atheistischen An- sichten, kam dann auf Staat und Gesetze zu sprechen und äußerte dabei:„Wir brauchen keinen Kaiser, keinen König und keine Regierung, fort mit allem, alles muß fort, wir wollen frei sein, die Reichen müssen theilen, alle müssen gleichmäßig arbeiten, ein Jeder höchstens zwei Stunden täglich" und so fort. Kurz vor erwähnt werden. Auf welche Motive ein solches Verfahren zurückzuführen und ob es zu rechtfertigen ist, das überlasse ich dem Leser zu errathen und zu beurtheilen. Leipzig, den 11. Juli 1878. W. Liebknecht. Correspoudenze«. Nerti», 8. Juli. Die Paßkontrole in Berlin kam dieser Tage, wie man sich hier in kaufmänmschen Kreisen unter großer Heiterkeit erzählt, einem Jndustrieritter sehr gelegen. Derselbe, ein in seiner Heimath sehr angesehener Bankier, fühlte recht be- denkliches Schwanken seines Geschäfts, welches durch Schwankun- gen ähnlicher Geschäfte dem Zusammensturz vollends nahe ge- bracht wurde. Um nicht unter den Trümmern begraben zu werden, verließ der Bankier rechtzeitig das baufällige Haus und kam hierher nach Berlin. Hier war er aber nicht für alle Fälle geborgen, er mußte weiter, mußte in's Ausland. Dazu brauchte er einen Paß. Aus welche Weise den unter solchen Umständen erhalten, das war die Frage. Da kommt zur rechten Zeit der Paßzwang für Berlin. Nun schreibt unser Bankier ganz ge- müthlich an den heimischen Polizeidirektor, man solle ihm sofort einen Paß nach Berlin senden, weil er dessen wegen des Paß- zwanges dringend bedürfe. Der brave Polizeidirektor sendet, um seinen angesehenen Mitbürger prompt zu bedienen, sofort den Paß, und der Bankier segelt nun vergnügt in die weite Welt hinaus. Man steht, es hat Alles seine gute Seite! Berlin, 11. Juli. Die„Berliner Freie Presse" schreibt: Gestern waren die Mitglieder des Central-Wahl-Comitees und unser verantwortlicher Redakteur vorgeladen und wurde ihnen bei der Gelegenheit eröffnet, daß gegen sie wegen Verbreitung des bekannten Flugblattes Anklage wegen Beleidigung des Bundes- rathes und wegen Verstoßes gegen§ 131 eröffnet worden sei.— Die inkriminirten Stellen sind so unschuldiger Natur, daß eine Freisprechung selbstverständlich erscheint, bezeichnend aber ist die eingeleitete Untersuchung für unsere Zustände immerhin.— Daß die Wahlfreiheit unter solchen Umständen mehr und mehr zur Illusion wird, liegt auf der Hand, Versammlungen können wir nicht abhalten, weil die Polizei sämmtliche Lokalbefitzer einge- schüchtert hat, gelingt es aber trotzdem, eine Versammlung zu- sammen zu bringen, so wird sie aufgelöst, unsere Flugblätter aber werden konfiszirt und so geht es weiter. Nun, am 30. Juli werden wir auf dieses alles unsere Antwort geben und zwar eine prompte und pünktliche Antwort. Bis dahin aber kühl Blut und fleißig agitirt.— Wie der Redaktion unseres hiesigen Parteiblattes vom Genossen Most selbst per Korrespondenzkarte aus Chemnitz mitgetheilt wurde, ist derselbe von dort nach hier transporttrt worden. Die Frau von Most begab sich nun gestern sofort nach Plötzensee, um sich dort zu erkundigen, ob ihr Mann eingeliefert sei, erhielt aber darauf die Antwort: Das ist Dienst- geheimniß.— Wir wissen also augenblicklich nicht, wo sich Most befindet, hoffentlich aber wird diese Geheimnißkrämeret nicht allzu lange dauern. Die„Volkszeitung" meldet, daß Most direkt vom Anhalter Bahnhof in das Gefängniß am Plötzensee geführt worden sei. KirchVerg, 9. Juli. Am 1. Juli verschied nach langem Leiden unser Vorstand Wilh. Schubert. Derselbe war einer der Ersten, der unserer Fahne folgte, und ist ihr auch bis zu seinem Ende treu geblieben. Leider hinterläßt derselbe eine zahlreiche Familie ohne alle Existenzmittel, und möchten wir auswärtige Genossen bitten, der Familie ein Scherflein zukommen zukommen zu lassen, damit dieselbe nicht gänzlich dem Elend verfalle. Handelsmann Hermann Schwedler in Kirchberg nimmt Beiträge dankend entgegen. Sotdau. Am 9. Juli hielt sich Genosse Pöhmler besuchs- weise in Neumark bei guten Freunden auf. Nichts Böses ahnend, sahen P. und seine Freunde sich alsbald von Gendarmen und Polizisten verfolgt, und der bejahrte 62jährige Mann in seinem dem Attentat erzählte er hier dem Schlossergesellen Krüger, daß er Sozialdemokrat sei und daß, wenn alle Sozialdemokraten zu- sammenhielten, sie die Oberhand bekämen und alles umstürzen könnten. Wie sehr der Angeklagte die Ideen der absoluten Frei- heit und den Sturz der Dynastien in sich aufgenommen hat, bezeugt er selbst in seinem Briefe vom 21. Mai 1873. Er schreibt:„daß die Schweiz durch Tell frei geworden, daß ein neuer Tell erwünscht sei und in Deutschland es an solchen Tells fehle; schon in früher Jugend habe in ihm der Wille gekeimt, Front zu machen, den Kampf bis auf das Messer zu führen, die vollste individuelle Freiheit zu befitzen und nicht der Willkür dynastischer Jnteressenmänner zu gefallen."— Er rühmt sich weiter, in Berlin ein Viertelhundert revolutionärer Köpfe ge- schaffen zu haben, mahnt, daß eS Zeit sei,„tabula rasa zu machen", und schließt mit den Worten:„Es lebe die Propa- ganda der That." Demgemäß wird der Angeklagte des Verbrechens wider§§ 80, 211, 43 und 32 deS Strafgesetzbuchs beschuldigt. — Wie's gemacht wird. Unsere liberalen Spießbürger bieten überall die Krieger- und Turnvereine auf, um sozialistische Versammlungen zu sprengen. Und diese edlen Recken folgen auch dem Commandoruf des Geldsacks. Man sagt, daß b« solchem Aufgebot jedes Mitglied der Kriegervereine 50 Pfennige und jeder Turner zwei Seidel Bier Belohnung erhalte. — Wahlgeschichten. In Constanz hat Prinz Wilhelm von Baden die ihm von den Deutsch-Conservattven m einem Aufrufe, der das„Aufhören des Culturkampfs" fordert, angebotene Candidatur gegen den bisherigen nationalUberalen Abg. Heilig angenommen.— Ueberaus hübsch»st"n Wahlaufruf in einem Beuthener Blatte, welcher die Wahl des Herzogs von Ratibor empfiehlt. Er lautet wörtlich;„An die Männer der Stadt und des Kreises. Wählet den Mann, der Oberschlesien kennt!- Wählet den Berwandten des Kaiser- Hauses— gerade weil er Katholik ist!— Wählet Viktor, Herzog von Ratibor, den Präsidenten des Herrenhauses.— Wählet und fraget nicht!— Treu zu Kaiser und Reich wird er die Wahl annehmen!— Sollte der Herzog die Wahl für unsern Kreis annehmen, so wäre dadurch die beste Gelegenheit geboten, unseren bisherigen Abgeordneten nicht ferner seinem Berufe als Priester zu entziehen. Für den Herrn Herzog dürften auch unsere sämmtlichen katholischen Mitbürger stimmen, wenn von dem liberalen Wahlcomitö eine Einigung mit der ultramontanen Partei erzielt würde."— Herr Wölfel hat aus das Reichstagsmandat im Wahlkreise Merseburg- Querfurt verzichtet. Man sagt, daß die Merseburger Knüp- pelei daran die Schuld trage; Wölfel schäme sich jetzt der ganzen Affaire und wünsche nicht von jenen Prügelhelden gewählt zu werden. leichten Festtagsanzuge wurde unter starker ortspolizeilicher Be- gleitung in einen Thurm gebracht. Die Freunde schickten ihm verschiedene Male Viktualien, die zwar den Bringern abgenom- men, von denen jedoch dem alten Mann nicht das Geringste behändigt wurde; im Gegentheil ward ihm Alles, was er bei und an sich trug, abgenommen. So saß er eingekerkert bis zum 11. d., dann wurde er nach Soldau, natürlich in Begleitung der hohen Polizei, per Bahn gebracht. In seiner und seiner Frau Abwesenheit wurde gehaussucht, bei welcher Gelegenheit ein Herr Pohl eine Rolle gespielt haben soll, wie er auch der Ver- fasser eines recht„liebenswürdigen" Artikels in unserer hiesigen Zeitung gegen Pöhmler gewesen sein soll. Bei der Haussuchung wurden sämmtliche Briefe, Photographien, noch nicht gedruckte Abhandlungen und verschiedene Quittungen mitgenommen. Bei Pöhmler'S Verhaftung in Neumark wurde im Reisekistchen der Frau Pöhmler nach sozialistischen Schriften gesucht, aber nichts gefunden. Pöhmler'S Reisekoffer, sowie seine ganze Baarschaft nahm der Herr Bürgermeister an sich. Seine Frau erhielt nur soviel retour, daß sie vorläufig nicht zu betteln braucht. Die Veranlassung zur Verhaftung bot eine Denunziation, laut welcher Pöhmler sich einer Majestätsbeleidigung schuldig gemacht haben soll. Obgleich nicht bewiesen werden konnte, wann und in welchem Zusammenhange er die Aeußerung gethan haben soll, wurde er doch zu l'/a Jahren Gefänaniß verurtheilt. Aarmöeck. Die am Mittwoch, oen 3. Juli, Abends, im Lokale des H. Meier stattgehabte„Große Wählerversammlung" war insofern von Interesse, als nämlich der hiesige Bürger-, resp. liberale Wahlvererein in Begleitung mehrerer Herren aus Hamburg lange vor Eröffnung derselben auf dem Platz erschienen war. Um des lieben Friedens willen wurde das Bureau auf Wunsch gemischt gewählt. Zu Punkt 1:„Die Reichstagswahl" erhielt als Referent zunächst Genosse Wilh. Blos das Wort. Der Vortrag fand, abgesehen von einigen Schlußrufen, allge- meinen Beifall. Als Interpellant trat Herr Schloßmacher auf, der die bekannten Schlagworte, als: die Sozialdemokraten wollen den Staat stürzen, ihr Ziel ist die Revolution:c. vorbrachte und zum Beweise dessen eine Stelle aus Bebel's:„Unsere Ziele" vor- las. Zum Schluß konnte„der Herr" nicht unterlassen, die Mit- schuld an dem Attentate Nobiling's der Sozialdemokratie aufzu- wälzen!(Große Entrüstung! Pfuirufe!) Zudem verwies der überwachende Polizeicommissar den Redner zur Tagesordnung. Genosse Blos erwiderte hierauf ungefähr Folgendes: Solche Weis- heit wäre allerdings werth, daß sie verzapft würde, wenn Je- mand sich vor das Volk hinstelle und solche Begriffe über Na- tionalökonomie entwickle, dem wäre doch zu rathen, daß er sich auf die Hosen setzte und das ABC über Nationalökonomie recht lerne. Herr Lehrer Koch entwickelte in ruhiger Weise seine An- ficht und warf einige Köder aus: Als ein Sohn aus dem Volke, der vom 17. Jahre an mit den gesellschaftlichen Verhältnissen habe kämpfen müssen, sei seine Stellung in der Gesellschaft eine so bescheidene, daß er nicht als Bourgeois gelten könne, sein Prinzip sei: Wahrheit, Gerechtigkeit; wenn die Sozialdemokratie Ruhe und Friede, wie es in den goldenen Zeiten(?) war, wieder einführen wolle, sei er der Erste, der dazu seine Kräfte weihe, und selbst vor dem Worte„Revolution" nicht zurückschrecken werde!! Dann machte Redner der Sozialdemokratie den Bor- wurf, daß sich die Partei nicht hätte„Arbeiterpartei" tituliren sollen!(Haha!)„Wer das Wohl des Volkes im Auge hat, wer die Freiheit wahren will, der sorge vornehmlich für eine tüchtige Schulbildung!"(Bravo!)— rief der Redner emphatisch aus— und man wäre versucht zu glauben, der Herr Lehrer sei auf dem besten Wege, Sozialdemokrat zu werden; wenn es nicht vor der Reichstagswahl wäre! Es sprachen noch Pflugrad und Breuel, die den Gegner gehörig heimleuchteten und den Zweiten auf seine Halbheit aufmerksam machten.— Der zweite Punkt der Tages- ordnung wurde in der Weise erledigt, daß Genosse Schwencke im Namen des hiesigen sozialistischen Wahlcomite's den ver- sammelten Wählern empfahl, am Wahltage einem Sozialisten und zwar unserem Genossen E. Breuel ihre Stimme zu geben, während der Herr Koch mittheilte: die vereinigte liberale Partei gälte an der Candidatur Wolffson's fest!— Schließlich be- kündete die Versammlung, auf besonderen Wunsch durch getrennte Abstimmung: indem alle sozialistischen Wähler die linke Seite des Saales und die„reichstreuen Männer" die rechte Seite des- selben einnahmen, daß die Linke, die überwiegende Majorität, für einen Sozialdemokraten sei, trotzdem Herr Riege(Hamburg) beim Sondern der Böcke von den Schafen sein Möglichstes that. Sch. AranKfurt a. W., 9. Juli. Gustav Kanngießer, der Mitbegründer des„Franks. Beobachter", ist am 7. d. M. in Frankftirt gestorben. Die„Franks. Zeitung" schreibt von ihm: „Die demokratische Partei verliert in ihm einen treuen begeisterten Anhänger, die deutsche Journalistik ein würdiges Mitglied, der Frankfurter Kreis derselben einen guten Kameraden, wir aber bedauern noch mehr— einen Freund. Friede seiner Asche und seinem Namen das wohlverdiente treue Andenken. Sein Denk- mal steht im Herzen Aller, die ihn kannten; was er ihnen war, überdauert Tod und Grab. Iutda, 2. Juli. Hier geht man auf jede mögliche Art vor, um uns zu unterdrücken. In den Fabriken und in den Eisen- bahnwerkstellen sind großartige, resultatlose Verhöre angestellt worden, wobei den Arbeitern bei Verlust der Arbeit untersagt wurde, keiner Arbeiter- Corporation anzugehören oder sonstwie mit Sozialdemokraten zu verkehren. Den Soldaten wurde der Besuch unseres Verkehrslokals, das in der Nähe der Kaserne liegt, auf das Strengste verboten. Auch wurde kurz nach dem zweiten Attentat das Gerücht colportirt: In diesem Lokal sei ein Hoch" auf Hödel ausgebracht worden, die polizeiliche Unter- suchung verlief jedoch— abgesehen von der Einschüchterung des Wirthes— resultatlos. Der Wirth erließ eine Bekanntmachung folgenden Inhalts:„Einem verehrlichen Publikum die Mitthei- lung. daß die mir von jeher antipathischen Sozialdemokraten feit geraumer Zeit in keiner Weise mehr in meinem Lokale ver- kehren." Da nun aber früher Herrn Wohlgemuth nicht genug von den„anttpathischen Sozialdemokraten" kommen konnten, ja sogar einmal ein Faß Bier den Sozialdemokraten zum Besten gab, begab sich Genosse Fuchs zu Herrn Wohlgemuth, um den- selben zu emem Widerruf zu veranlassen, widrigenfalls wir ihn vor der Oeffentlichkeit blosstellen würden, erklärte derselbe:„Er wisse gar nicht, was Antipathie heiße." Auf die Frage, wer ihm denn eigentlich den Aufsatz gemacht habe, gab er auswei- chende Antwort. Einem Genossen wurde am ersten Pfingstfeier- tage in einer Wirthschaft, wo er den„Kladderadatsch" las, von einem Feldwebel folgende Liebenswürdigkeit zu Theil:„Wenn ich nur diese Bande mit Prügel regaliren dürfte." Unserm Ge- nossen fiel es natürlich gar nicht ein, dem„gebildeten" Bater- landsoertheidiger zu antworten und bot ihm keine Gelegenheit, seinen dadurch noch gesteigerten Muth zu kühlen. v. V. Kikdesheim. Die Schließung de« hiesigen sozialistischen Wahlvereins, welche schon am 14. v. Mts. verfügt war, wurde am Freitag den 5. Juli vom königlichen Amtsgerichte definitiv bestätigt und außerdem die fünf Vorstandsmitglieder zu 120 Mk. Geldstrafe und Tragung der Kosten verurtheilt. Die zwei Vor- sitzenden erhielten je 30 Mk. oder zehn Tage Gefängniß, die drei anderen je 20 Mk. oder acht Tage Gefängniß. Grund der Verurtheilung war die„Rundschau" Nr. 1, 1878, die als Cen- tralorgan, wie sich die Zeitung ja selber nenne, die Vermittlung der Correspondenz der verschiedeneu Bereine unter einander leite. Durch das bloße Lesen eines Centralorgans correspondirten also verschiedene Bereine miteinander. Recht nett! Bezeichnend war die Schlußansprache des Richters:„Ich möchte Sie nur noch bitten, abzulassen von diesem Streben, denn wo soll das hinaus, wenn jeder Unterthan sich um höhere Politik bekümmert und mit solchen Dingen sich befaßt. Der Richter verlas einige Polizei- liche Protokolle, darunter eins über eine Versammlung, in welcher Bracke referirte, als er hier candidirte. Der polizeiliche Berichterstatter hatte etwas von„freier Liebe" gehört, flugs be- schuldigte man uns der Weibergemeinschaft, nicht wissend, daß gerade in den„höheren", also anttsozialistischen Ständen wahre Liebe verpönt und die Ehe zu einem Geschäft herabgesunken ist. Als wir noch erwidern wollten, wie selbst der Landtagsabgeord- nete Advokat Dr. Gotting in einer vor Kurzem abgehaltenen liberalen Versammlung gesagt hatte:„Die Sozialdemokraten haben edle Ziele und humane Besttebungen, die auch wir nicht nur anerkennen, sondern auch vertheidigen müssen(warum aber bis jetzt nicht gethan?) wurden wir eiligst abgeferttgt und auf die Appellation verwiesen. E. D. Turemkurg. Können wir auch nicht mit unseren englischen, schweizerischen und belgischen Parteigenossen wetteifern, so wollen wir doch an Größe der„Opferwilligkeit für die gute Sache" unseren genannten Freunden nicht nachstehen; denn diese zählen nach Hunderten in ihren Reihen, während wir nur über die Wenigen verfügen, welche auch in der Fremde treu in Leid und Freud' zur gerechten Sache halten.— Der hiesige Arbeiterstand ist leider noch sehr weit zurück, so daß die Sammellisten für „Peterspfennige" auf viel mehr Erfolg rechnen können, als die unsrigen, denn hier weht noch die finsterste pfäffische Reaktton durch's Land. In der Verleumdung der Sozialdemokratte stehen unsere Zeiwngen den bekannten Schmutz- und Lügenreptilen der deutschen Presse nicht nach; aber wir sind hier Alle der festen Meinung, daß die gesammte deutsche Arbeiterpartei am 30. Juli eine Antwort geben kann, welche beweist, wie wenig stichhaltig Verleumdung gegen eine gerechte und wahre Sache ist.— Noch bin ich beauftragt, den deutschen Genossen unsere volle Achtung auszusprechen über die imponirende Ruhe, welche die deutschen Arbeiter inmitten dieser„Hätz" bewahren, sowie das taktvolle Vorgehen der gesammten deutschen sozialisttschen Presse, voran der„Vorwärts" und die„Berliner Freie Presse", so daß der 30. Juli, mag er ausfallen wie er will, uns zur größten Ehre gereichen wird. Versprengte Sozialisten Luxemburgs. I. A.: F. G. Minden. Die„Sozialistenhatz" treibt auch hier ihre lustig- sten Blüthen, so konnten zwei von uns projektirte Versammlungen nicht abgehalten werden, weil der Wirth seine Lokalitäten ein- für allemal für„sozialdemokratische Elemente geschlossen" hat. Ferner gingen schon in der Pfingfiwoche verschiedene Arbeitgeber in der bekannten Weise gegen„ihre" Arbeiter vor, entweder Gesinnung her oder heraus auf die Straße. Schließlich folgte dann am zweiten Tage nach dem Pfingstfeste noch das Kleider- geschäft W. L. Wolff Nachfolger. A. und M. Goldschmidt und verlangte den Arbeitern die Gesinnung ab. Auf Grund dessen kamen die Arbeiter und meldeten ihre Mitgliedschaft bei mir, (ich war Kasfirer) ab, und war schließlich der Borstand allein. Außerdem hatte auch der Borstand seine Gesinnung„verschreiben" müssen, und es schien uns am vrakttschsten, der Behörde die Auflösung anzuzeigen. Doch noch immer ist dem Regen Herr- licher Sonnenschein gefolgt, und so wird denn auch Minden seiner Zeit die Erfahrung machen, daß die Sozialdemokratie wohl unter das Niveau des Wasserspiegels getaucht, aber nicht getödtet wer- den kann. Wenn wir auch nicht für unfern Candidaten agitiren können, so werden die Anhänger des Sozialismus trotzdem wissen, wen sie am 30. Juli 1878 zu wählen haben und ich glaube fest überzeugt sein zu dürfen, daß alle Diejenigen, welche die in letzter Zeit gegen die Sozialdemokratie in Scene gesetzten Maß- regelungen verachten— und das muß jeder rechtlich denkende Mann— nur ihre Sttmme für unfern Genossen und Candidaten der Arbeiterpartei, Herrn W. Frick in Bremen abgeben werden. Briefkasten der Expedition. E. S. hier. Wenn Sie uns besuchen wird Ihnen die gewünschte Auskunft werden. Quittung. Schtt hur Ab. 0,60. Gewerkschaften hier Ann. 3�0. Dr. Klschr RoSnau Ab. 3,00. LgS Hannover Ab. 100,00. Bbzn London Ab. 2,72. Schrnr Lübeck Ab. 5,90. Krtschmr Meuro Ab. 2,00. Brnng Delitzsch Ab. 2,80. Rschl hier Ab. 9.00. Flck Kaaden Ab. 4,97. Pllck Weißkirchen Ab. 9,52. Bsch hier Ab. 150.00. Pnkrnl Elsdagen Ab. 1,85. Lw Berlin Ann. 2.40. Mllr Reichenbach Ab. 10,00. Tt. hier Ab. 3,00. Grbnstn Lindenau Ab. 33,60. Slrn Bartenstein Ab. 1,80. Fldnr hier Ann. 1,20..nckrt hier Ab. 24,25. Rdgr Halle Ann. 0,30. Sick Lffenbach Ab. 22,30. Lng Hamburg Ann. 18,00. Sprngr Bam- berg Ab. 4,80. Ettl Brüfau Ab. 2,97. Hrld Radworna Ab. 1,75. Hßnr Main» Ub. 32,00. Lgs Hannover Schrft 2,35. Hnrch Wigstadtl Ab. 4,95. Hnz London Ab. 12,24. Erlr hier Ab. 1,80. LgS Hannover Ann. 0,90. Hdr ElSdagen Ab. 1.85. Jhbr Friedebach Ab. 3,(10. Hgk hier Schrft 5,55. Zngr Ab. 2,30. Deutscher Verein Bevey Ab. 5.00. Zßl Linz Ab. 2,10. SpSn Dornbirn Ab. 4,29. Hrtch Hof Ab. 7,70. Hschl Cilan Ab. 4,00. Zrgbl. Crimmitschau Ab. 58,25. Hrbdtz Innsbruck Ab. 10.00. Krstn hier Ab. 1,80. Hbtzrthr Frankfurt Schrft. 4,70. Wlthr hier Ab. 1,60. Knzr Hohenstein Schrft. 1,50. Lhmnn Berlin Schrft. 0.80. Schstr Forchheim Schrft. 1,70. Schrschmdt Mylau Schrft. 0,50. Blk Großenhain Schrft. 2,00. Lng Tnng Schrft. 1,50. Gnthr Worms Schrft. 7,00. Schly Crinitz Schrft. 0,60. Bsch hier Schrft. 4,10. Lbfrd Luxemburg Schrft. 10,40. Dvq Wiesbaden Schr. 2,00. Wahlfouds. Ungenannt 0,23. Krtschmr Meuro 3,00. Klub der bartlosen Burschen hier 5,40. Devaque Biberich 2,00. Jhbr Friedebach 2,00. C. M. FramerSbach 10,00. Liste 2610 Sch. hier 8,05. M. i. K. 1,00. Hrn. Carl Hirsch, Paris: Bitte um Nachricht im„Vorwärts" ob Briefe erhalten. E. Ma. in Leipzig. Aufforderung. Der Aufenthalt des Christian Friedrich Louis EckariuS, den 13. Juni 1862 in Gotha geboren und nach seiner Eltern Tod in Eschenberga bei Gotha bei den Großeltern erzogen!, daselbst 1876 con- nrmirt, am 16. Januar 187? auS der Lehre in Gotha entlaufen, hat bis heute noch nicht ermittelt werden können, worüber die Großeltern sehr besorgt sind. Der Pastor Lotze in Eschenberaa hat f. Z. dem Betteffenden zu seinem Fortkommen Papiere ausgestellt. Ich bitte alle, die dies können, mir Nachricht über Eckarius zugehen zu lassen. Leip'zig, den 9. Juli 1878. 1,20) Zriedr. Füldner, Antonstraße Nr. 21. Aufforderung. Theodor Rayra, Buchbinder aus Krain, letzte Zeit in Rottweik am Neckar in Conditio», wird hiermit aufgefordert seinen Pflichten gegenüber dem„Allgemeinen Arbeiter-Berein in Jnsbruck nachzu- kommen. Für den Ausschuß: E- Fritzenweuger, 1. Schriftführer. Kirchbcrg, 9. Juli. Die Genossen und Vertrauensmänner von V�fkau, Culitsch, Niedererienitz, Bärenwalde und Wiesen werben ersucht sich Souutag, deu 14. Juli, Nachmittags 3 Uhr in Kirchberg in der Refiauranon„zur Sonne", zur Besprechung wich- tiger Wahlaugclegeuheiten einfinden zu wollen. Der Borstaud. Hamburg, 10. Juli 1878. Angeblich wegen Uebertretung des Preußischen Vereinsgesetzes habe ich eine Gefängnißstrafe von 20 Tagen verbüßt und zwar in der Zeit vom 18. Juni bis 8. Juli. Während dieser Zett fand in merner Wohnuog eine polizeiliche Haussuchung statt, woselbst unter andern eine Anzahl eingelaufener Briefe mit Beschlag belegt wurden. Da ich den Inhalt derselben nicht kenne, so ersuche ich hiermit sämmtliche Genossen, welche in dieser Zeit Briefe wichtigen In- Halls an mich gesandt haben, ebenfalls Diejenigen, welche auf ihre Briefe Antwort erwarten, nochmals an mich zu schreiben. Wilh. Wißmaun, Specksgang 3 Iii. Bürgerlichen Privat Mittagstisch ä 45 Pf., im «{y/HUUVvv*-» Abonnement Mk. 3,00 pro Woche, empfiehlt (0,90) I. Müller, Langestr. 21, 2. Et. Wir empfehlen: Drei Zahre aus meinem Leben oder Mein Irozeß wegen Erregung von Mißvergnügen und Unzufriedenheit, meine Suspension und Wiedereinführung ins Lehramt. 1845—1847. _ Bon K. F. W. Wander. preis Mark 1.50. Es ist ein alter Veteran der Bolkssache, aber einer von den we- nigen, die ihrer Ueberzeugung treu geblieben sind, der m der vorlic- genden Schrift zu uns spricht. Die Periode vor dem Jahre 1848 ist der jetzigen Generation völlig unbekannt; um so wichtiger, wenn Er- innerungen wie die vorliegenden zu ihrer Kenntniß gelangen, um ihr zu zeigen, welche Fortschritte wir trotzalledem in 30 Jahren gemacht haben. Wie wird es nach weiteren 30 Jahren aussehen? Diese Frage drängt sich jedem Leser auf.— Die Schrift führt unter anderem das Bild eines Menschen vor, der heute noch eine Rolle spielt: des jetzigen (gl. preußischen Gehcimraths und Lerschwörungsfabrikanten Stieb er; außerdem einige hochinteressante Vertheidigungsschriften des Justizraths Rfob e, Vertheidiger Wanders. Letztere sind Muster logisch-juristischer Dialektik und philosophischer Gründlichkeil. Die Expeditton des„Vorwärts". Durch die Expeditton des„Vorwärts" ist zu beziehen:(2,10 Boruttau, Religion und Sozialismus..... M.—,40 —— Die religiöse Frage und das arbeitende Volk..„—,25 Geiser, Das deutsche Reich und seine Gesetzgebung..„— ,60 Liebknecht, Zur orientalischen Frage oder soll Europa kosackisch werden..........—,30 -- Die Ottentdebatte im deutschen Reichstage..„— ,30 LE CORRES INTERNATIONAL DU DROIT DES FEMMES anra lien le 25 juillet prochain ä Paris.— II sera partage e» 5 sections: 1° Histoire.— Conditions sociales de la kernrne ä diverses spoques, 2° PödagogTe.— Edncation; instruction; hygiene. 3° Economic sociale.— Travail; salaire; profcssions. 4° Morale.— Morale generale; morale individuelle. Ganses de la Prostitution. 5° Legislation.— Mariage; pnissance maritale; devorce; re- cherche de la patemitö. Commissalre general: Lson Eicher.— Adresser franoo toos le» renseignements concernant rAllemagne ä Mlle Eogenie Pierre� 4 rne des Denx-Gares i Paris. Ponr copie conforme Le deiegue berlinois Edmond Potonie. Prachtvoll und solid gearbeitete Einbanddecken (Goldpress»«a)für die „Neue Welt" Jahrgang 1876 u. 77 sind in Schwarz k Stück M. 1,20, in Roth M. 1,50 gegen baar oder Nachnahme durch die Buchbinderei von H. Jansen, Lnvzig. Universitätsstraße 16 zu beziehen. Colpotteure und Filialerveditionen erhalten bei Parttebezug entsprechenden Rabatt. Potto zu Lasten der Empfänger. EL. Bestellungen hieraus werden entgegengenommen und essekwirt von der Expedition der„Renen Welt", Leipzig, Färberstr. 12. Wahlagitationsnummer. Den vielen Reklamanten zur Nachricht, daß mir,. da die Genossenschaftsbuchdruckerei unseren Bedarf air Wahlagitationsnummern nicht decken kann, außer Stande sind nach Verlangen zu liefern. Bis Mitte nächster Woche wird es uns möglich werden, die bis jetzt eingegangenen Bestellungen zu effektuiren. Neubestellungen werden vor dem 22. d. M. kaum zum Versandt gelangen können. Leipzig, 11. Juni 1878. _ Die Expedition des„Vorwärts". Die Neue Welt. Jllustrirtes Familienblatt. Preis vierteljährlich Mk. 1,20, in Heften(3 Wochennummern enthaltend) ä 30 Pfg. Bestellungen nehmen alle Postanstalten, Buchhandlungen und die Expedition der„Neuen Welt", Färber� strafte 1211. Leipzig entgegen._______ Verantwortlicher Redakteur: Julius Küuzel in Leipzig. Redaktion und Expedition Färberstr. 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckertt in Leipzig.