ü» Felpki, Arkttaz, S»nnt«>. StovuemcntApreiA W»»ens Deut�cklanb\ Mark 60 VI ttc OucrtoL WoamS• Sbo»ar«e»II 4 M St. WW»ri> bei aOrn deutichra Srst-nst»>tn> «Ol»rn 2. und s. MdNUI. und auf dni «.Sinn»! des»»der» anzenoinme». guter»»» Wersaaunlun�ra xr» Velüjrile>0 VI., «W. Vr-.oal-ngitegenheiien und Fest» pr» Hekstzeile Z» VI. KeSellungen »ehmen an alle Postanstaktcu und Luchhand» langen de» In- und Auslände», Dilsal-»i»e»i,t-n-n. Nes-Dorl: Mr. Frau» Jonscher, 177«I» Str. eoraor Krooen«.— Mr. Hrrm. Rtdlch«. Z»» 770»»— Z? Str. Phtiladelphi«: P. Hab, 508 North Sri Stiect. 3. Boll, N. E. box Cbxrlatto& Qeorje Str. Hoboken B. J.; F. tL Karge, Itt Wuh- ingtori Str. Shlcago:». Laaserinann, 7» eixbourno»,». Kan Franzltco: F.Entz,»t»cj'?»rroN Str. London 77.! Wild. Hoffmann,»?ch?rta- coo» Str. t«ice>ter 8qu. Geniral' Grgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 85. Sonntag, 21. Juli. 1878. Parteiqenossen! Laßt Euch nicht provo- ziren! Man will schießen. Die Reaktion braucht Krawalle, um das Spiel zu gewinnen. ! Logische Untersuchungen. äd». Es ist bisher in der Attentatssache seitens unserer Partei der Standpunkt selbstverständlich und mit Recht festgehalten worden: Hödel und Nobiling seine keine Sozialdemokraten; denn Elfterer hat nachweislich mehreren Parteien hinterem- ander gedient, und die That vollbracht, während er bereits von unseren Gegnern engagirt war; und Letzterer hat durch keinerlei Akt— wie etwa Mitgliedschaft an einem Verein oder persön- lichcn Berkehr mit einem der bekannteren Sozialisten— seine Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie bekundet, wennschon die Aussage Hansen's und anderer Gegner, daß er ihnen gegenüber »sozialistische Neigungen" an den Tag gelegt, vielleicht der An- nähme Raum giebt, daß er vorübergehend und oberflächlich sich mit unseren Prinzipien beschäftigt hat,— was beiläufig bei Bielen der Fall»st, die keine Sozialdemokraten, die im Gegen- theil Bekämpfcr unserer Sache sind. Dieser Standpunkt wird von den Attentats-Ausbeutern dadurch zu erschüttern gesucht, daß sie sagen: .Wenn auch Hödel von Jugend auf ein verkommener Mensch ist, dessen Verwahrlosung wir Euch gar nicht schuld geben wollen, und wenn er auch zur Zeit des Attentats antisozialistische Ge- finnungen offenbarte, so war doch infolge seines längeren Ver- kehrs unter Euch das sozialistische Gift ihm so tief in Blut und Fleisch eingedrungen, oaß er sich der Nachwirkungen Eurer aufhetzerischen Lehren gar nicht mehr erwehren konnte und da- durch Königsmord versuchte. Zugegeben auch, daß ein ver- nünftiger Sozialdemokrat das Attentat verurtheilt, aber ein verlumpter Mensch wie Hödel, oder ein von Hause aus nicht normal Beanlagter wie Nobiling, solche Menschen werden durch Eure Theorien zu Verbrechern; darin liegt das Gefährliche, darum muß die Sozialdemokratie ausgerottet werden. Hödel wäre, wenn er nicht sozialdemokratische Schriften gelesen hätte, Jwar auch ein Lump gewesen, aber nur ein gewöhnlicher, ein llltagslump, wie eS deren viele giebt, er wäre nicht auf Königs- mordgedanken gerathen. Und Nobiling hätte wahrscheinlich — vorausgesetzt daß(wie Ihr sagt) sein syphilittscher Zustand auf sein Gehirn nachtheilig eingewirkt hat— irgend eine andere verrücke Idee, eine harmlosere aber als die des Königs- mordes erfaßt, wenn er sich nicht nebenbei mit Sozialdcmo- kratismus abgegeben hätte. Die sozialistischen Allüren waren es, die den(infolge seines angeerbten und durch die Syphilis noch erhöhten geistigen Schwächezustandes) exceßfähigen Menschen erst zum Attentäter machten." So— die anständigeren Gegner. Wir wollen denselben einmal den Gefallen thun und uns für kurze Zeit auf ihren Standpunkt stellen; wir wollen ihnen also einmal Recht geben. Aber wäre denn selbst mit einem solchen Zugeständniß für die Herren Attentats- Ausbeuter etwas gewonnen? Im Gegentheil. Wenn bei einer fünfzehnjährigen Agitation — einer so großartigen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat— unter Tausenden und Abertausenden von Verkommenen und Verwahrlosten, zu denen wir sprechen und schreiben, die wir zu uns heran- und heraufzuziehen suchen, nur Einer— denn Hödel und Nobiling stehen in concurrirendem Zusammenhang— sage in fünfzehn Jahren Einer uns mißversteht,— wie veredelnd, wie erhaben, wie mächtig, wie unbcsieglich, wie rein und lauter muß dann unsere Lehre sein! Nennt uns aus der ganzen Weltgeschichte Ein Beispiel, das dem an die Seite ge- stellt werden könnte! „Schlimm genug, wenn sich überhaupt Einer findet, der Eure Lehren zum Äönigsmord mißbraucht! Eine Theorie, eine Institution, die so etwas überhaupt ermöglicht, und mag der Fall auch nur in fünfzehn Jahren ein Mal vorkommen, ist «o ipso verderblich und muß ausgerottet werden!"— so würde man uns entgegenrufen. m Gemach! Jahr aus— Jahr ein erscheinen die Berichte über die Unglücksfälle auf den Eisenbahnen. Ihr wißt ganz genau: trotzdem die Vorsichtsmaßregeln nach jedem Unfälle immer �rgfältiger getroffen werden, wiederholen sich periodisch doch die Entgleisungen, Zusammenstöße und Maschinenexplosionen. Habt �hr darum schon die Abschaffung der Eisenbahnen verlangt?— *8 der Bourgeoisie— wegen Betrugs, betrügerischen Bankerotts, Unterschlagung-c. in's Zuchthaus, weil diese Leute Eure Leh- �en über das Eigenthum und den Erwerb, das Reich- werden und Sichbereichern mißverstehen?— Und nun halten wir Euch beim Wort: Wenn Theorien, die auch nur von Einem in 15 Jahren ein Mal mißverstanden werden, der Torrektur bedürftig sind,— um wie viel mehr verabscheuungswerth find solche Lehren, deren Mißverständniß jährlich Tausende zum Opfer fallen? Denn gebt Acht auf unsere Theorien! Dieselben ent- halten lediglich— und weiter nichts als— die Negation Eurer„Theorien" über Erwerb und Eigenthum, die von Allen, die im Zuchthaus sitzen, mißverstanden worden sind. Sämmt- liche Zuchthäusler haben auf Eure Parole geschworen:„Das Recht der Ausbeutung, Ueberlistung, Unterdrückung steht Jedem, der an der fteien Concurrenz theilnimmt, zu." Nur haben sie Eure Lehre nicht recht verstanden, indem sie bei der Wettjagd nach Gewinn die scharfe Grenze des„Gesetzes", die Ihr einzu- halten anempfehlt, aus Versehen nicht beachteten. Die Räuber- logik ist nämlich so:„Wenn der reiche Mann, der einen Wechsel von 300 Mark diskontirt, pro Monat 25 Mark Zinsen rechnet, also hundert Prozent einem Andern aus der Tasche stiehlt— so werde ich es billiger machen. Dort kommt Einer des Weges. Ich will ihm nicht Alles abnehmen, ich begnüge mich mit 50 Prozent, ich raube ihm nur die Uhr und lasse ihm das Porte- monnaie." Der Angegriffene wehrt sich natürlich und wird da- für erwürgt. So hat der Räuber Eure Theorie über Erwerb und Eigenthum mißverstanden. Absolut nur mißverstanden! Dem nun will der Sozialismus entgegen- arbeiten, indem er die Basis, auf der Eure Theorie ruht, wegnimmt, d. h. die Eigenthumsverhältnisse von Grund aus umgestaltet. Und nun noch ein Wort! Blick einmal um Euch, in Euren eigenen engeren und weitere» Familienkreis. Wie oft kommt es vor, daß die besten Häuser, in denen die Tugend und gute Sitte durch Lehre und Beispiel geübt wird, ein Mitglied auf- zuweisen haben, das sich gesellschaftlich entehrt hat. Wird man dann immer der Familie Schuld geben? Selbst in dem vor- liegenden Falle Nobiling wird ja Eurerseits die größte Nachficht gegen dessen Angehörige geübt. Wenn nun selbst die intimen Beziehungen zu seinen Familienmitgliedern einen Menschen von Ausschreitungen und Vergehen nicht zurückzuhalten vermögen, mit welchem Rechte verlangt inan einen derartigen Einfluß von fremden Personen? Hatte Nobiling wirklich lange vor der traurigen Affaire schon Attentatsgedanken gefaßt, so ist— wenn man die Um- gebung des Menschen für ihn moralisch mitverantwortlich machen will— weiter Niemand compromittirt, als sein einziger intimer Freund, der nationalliberale Hansen. Diesen aber im Ernste in die Sache zu verwickeln, wäre gerade so frivol- spaßhaft, � wie dem preußischen Richterstande zum Lorwurf machen, daß dieser Tage der Kreisgerichtsrath Stille vor dem Grüneberger Schwurgericht wegen zehnfacher Unterschlagung und Ver- untreuung zu 5 Jahren Zuchthaus verurtheilt worden ist.— Ihr seht also, daß selbst bei der Annahme, Hödel und Nobiling seien durch die Sozialdemokratie verführt, alle Eure Schlußfolgerungen von der Verwerflichkeit der sozialistischen �Lehren eitel Humbug sind— wie viel mehr Schwindel, ja � Niederträchtigkeit aber liegt in Eurer Verurtheilung einer guten Lehre und einer ganzen großen Partei, wenn Ihr selbst davon jetzt wenigstens überzeugt sein müßt, wie wir es sofort waren, daß die Sozialdemokratie mit Hödel und Nobiling nicht mehr zu thun hat, als mit den Massenmördern Thomas, Gurko und Skobeleff. Deutschland und der Sozialismus von Ludwig Bamberger. Bon H. M. Dieses Produkt auf dem Gebiete der sozialen Literatur leitet sich ein mit einer persönlichen, sich über acht Seiten erstreckenden > Schimpferei auf die sozialisttschen Theoretiker, vor Allen auf Marx, Engels und Lassalle; jedoch sind diese Schimpfereien ganz allgemeiner Natur und bewegen sich, wie es ja auch nicht anders denkbar, ganz im Rahmen des Privatlebens jener Männer, mit dem offenbaren Zwecke, durch Herabsetzung dieses auch ihre Thä- tigkeit im öffentlichen Leben zu verunglimpfen. Vage und un- bestimmt, wie diese Ergüsse des Herrn Verfassers, ist auch der Inhalt der ganzen Schrift beschaffen. Ueberall wird von Voraus- fetzungen ausgegangen, die vielleicht im Kopfe des Herrn Bam- berger begründet erscheinen können, die aber, um begriffen zu werden, nähere Erklärungen nöthig gehabt hätten. Seinen Stand- punkt nennt uns der Verfasser zwar klar und deutlich, der näm- ! jich der ist, daß er den Communi-mus einfach für„Unsinn" ansieht. Eine solche Behauptung ist nun recht billig, sie kostet ' nicht mehr, als wenn sich die Nationalliberalen unbeugsame 1 Politiker nennen, oder Herr Lasker sich einen politischen Charakter, aber bewiesen ist damit noch nichts. Herr Bamberger könnte antworten, es sei nicht der Zweck seiner Schrift gewesen, eine Krittk des Sozialismus zu schreiben. Diese Abficht hat er aller- dings nicht gehabt, indessen in Anbetracht des Umstandes, daß, nach eigener Meinung des Herrn Bainberger, die Majorität der ..reichsfreundlichen" Elemente, ja sogar die meisten Sozialisten selbst die Ziele der sozialistischen Bewegung gar nicht begreifen, und um nun den Folgen vorzubeugen, die ein weiteres Umfich- greifen dieses„Unsinns" unzweifelhaft nach sich ziehen muß, hätte da nicht Herr Bamberger auch wohl ein wenig näher darauf eingehen können und sollen, warum denn er den Sozia- ! lismus für Unsinn hält? Erst dadurch könnte er wirklich Gutes j stiften, sowohl für seine eigen- Partei, um diese vor dem Unsinn zu bewahren, als auch für die Sozialisten, denen es doch gewiß erwünscht wäre, daß man ihnen endlich einmal die Hohlheft ihrer Ideen nachweise, auf daß nicht weitere Kraft und Zeit so vieler Tausende umsonst vergeudet wird! Von alledem ist bei Herrn Bamberger nichts zu finden, er dekretirt, der Sozialismus ist Unsinn und überhebt sich damit all' den langen uno schwierigen Arbeiten des Beweises. Auch weiß Herr Bamberger, für wen er schreibt, seine nationalliberalen Philister möchten nicht geneigt sein, die Spannkraft ihres Verstandes an wissenschaftlichen Fragen zu versuchen, die objekttves und consequentes Denken zur Boraus- setzung haben. Das haben jene Herren längst verlernt, darum bleibt's bei Herrn Bamberger's Unsinn. Als einzige Antwort auf solch' persönliche und private Insinuationen, wie sie Herr Bamberger auf Marx, Engels und Lassalle vorbringt, antworten wir mit einem Passus aus Hegel's Philosophie der Geschichte(3. Auflage), Einleitung, pa�. 39: „Nach diesen allgemeinen Momenten also, welche das Interesse und damit die Leidenschaften der Individuen ausmachen, sind diese geschichtlichen Menschen zu betrachten. Es sind große Menschen, eben weil sie ein Großes, und zwar nicht ein Einge- bildetes, Vermeintes, sondern ein Richtiges und Nothwendiges gewollt und vollbracht haben. Diese Betrachtungsweise schließt auch die sogenannte psychologische Betrachtung aus, welche dem Neid am besten dienend, alle Handlungen in's Herz hinein so zu erklären und in die subjektive Gestalt zu bringen weiß, daß ihre Urheber Alles aus irgend einer kleinen oder großen Leiden- schast, aus einer Sucht gethan haben und um dieser Leidenschaften und Suchten willen keine moralischen Menschen gewesen seien. Alexander von Mazedonien hat zum Theil Griechenland, dann Asien erobert, also ist er eroberungssüchtig gewesen. Er hat aus Ruhmsucht, Eroberungssucht gehandelt; und der Beweis, daß sie ihn getrieben haben, ist, daß er Solches, das Ruhm brachte, ge- than habe. Welcher Schulmeister hat nicht von Alexander dem Großen, von Julius Cäsar vordemonstrirt, daß diese Menschen von solchen Leidenschaften getrieben, und daher unmoralische Menschen gewesen seien? Woraus sogleich folgt, daß er, der Schulmeister, ein vortrefflicherer Mensch sei, als jene, weil er solche Leidenschaften nicht besäße und den Beweis dadurch gebe, daß er Asien nicht erobere, den Darius, PoruS nicht besiege, sondern freilich wohl lebe, aber auch leben lasse.— Die Psycho- logen, hängen sich dann vornehmlich auch an die Betrachtung von den Parttkularitäten der großen, historischen Figuren, welche ihnen als Privatpersonen zukommen. Der Mensch muß essen und trinken, steht in Beziehung zu Freunden und Bekannten, hat Empfindungen und Aufwallungen des Augenblickes. Für einen Kammerdiener giebt es keinen Helden— ist ein bekanntes Sprichwort; ich habe hinzugesetzt, und Göthe hat es 10 Jahre später wiederholt, nicht aber darum, weil dieser kein Held, son- dern weil jener der Kammerdiener ist. Dieser zieht dem Herrn die Stiefel aus, hilft ihm zu Bette, weiß, daß er lieber Cham- pagner trinkt u. s. f.— Die geschichtlichen Personen, von solchen psychologischen Kammerdienern m der Geschichtsschreibung be- dient, kommen schlecht weg; sie werden von diesen ihren Kammer- dienern nivellirt, auf gleiche Linie oder vielmehr ein paar Stufen unter die Moralität solcher feinen Menschenkenner gestellt. Der Therfites des Homer, der die Könige tadelt, ist eine stehende Figur aller Zeiten. Schläge, d. h. Prügel mit einem soliden Stabe, bekommt er zwar nicht zu allen Seiten, wie in den Home- rischen, aber sein Neid, seine Eigenthümlichkeit ist der Pfahl, den er im Fleische trägt; und der unsterbliche Wurm, der ihn nagt, ist die Qual, daß seine vortrefflichen Absichten und Tade- leien in der Welt doch ganz erfolglos bleiben. Man kann auch eine Schadenfreude am Schicksal des Therfitismus haben." Nachdem nun Herr Bamberger fleißig auf das üppige Leben der sozialistischen Theoretiker geschimpft, sagt er auf pax. 3: „Man kann einwenden, dies heiße die Dinge von ihrer kleinen Seite ansehen, daß große Gesammterscheinungen nicht auSschließ- lich nach dem Maßstäbe der an ihnen zunächst betheiligten Menschen gemessen werden dürfen. Niemals aber darf als Regel gelten, daß die Dinge von den Renschen gänzlich abzulösen seien, auf daß die Dinge sich desto leichter in übermenschlichen Dimensionen darstellen und in ihrem Hintergrunde Menschen über Lebensgröße ahnen lassen. Zwischen derjenigen Geschichts- Methode, welche nur personificirte Ideen vorführt, und der entgegengesetzten, welche den Schlüssel der Begebenheiten, wie etwa I. Michelet in seinen späteren Arbeiten, hinter den Bettvorhängen sucht, giebt es eine vernünftige Mitte. Und nicht zu vergessen. hier haben wir es keineswegs mit Geschichte, sondern mit Gegen- wart zu thun." Wir, Herr Bamberger, anerkennen in der Geschichte nur ein einziges Gesetz— die Nothwendigkeit. Die ganze Geschichte ist nur eine Abwickelung dieses Fadens, ein„Naturprozeß", und die geschichtlichen Personen sind nichts wie die Produkte ihrer Zeit. Soviel zur Klarstellung unseres Standpunktes. Eins aber müssen Sie uns erklären, wie ist es möglich,„hinter den Dingen Per- sonen über Lebensgröße ahnen zu lassen", wenn man diese Per- sonen auf ein Minimum rcduzirt, wenn man eben den Verlauf der Geschichte als ein logisches, nothwendiges Aufeinanderfolgen von Ereignissen ansieht, die zu Stande kommen mußten, gleich- gültig ob A oder B daran betheiligt war. Ganz anders ist das Berhättniß mit vielen Ihrer Freunde, die der Anficht sind, die Geschichte werde von Staatsmännern, Generalen, überhaupt von Menschen gemacht. Da ist das Feld, Personen zu über- menschlicher Größe aufzublasen, und leider geschieht es nur zu häufig. Bei uns, wo die Menschen selbst als Objekte dargestellt werden, da ist kein Raum zum Personencultus.— Als guter Nationalliberaler zeigt sich uns Herr Bamberger, wenn erwählen muß zwischen den personificirten Ideen und den Bett-e vorhängen des Herrn Mchelet. Natürlich will er es mit Keinem verderben. Deshalb wird Compromiß gemacht! Die goldene Straße der Mittelmäßigkeit geht sich so bequem; genügt der Eine nicht mehr, hilft man sich mit dem Anderen aus!(Forts, f.) Sozialpolitische Uebersicht. — Die Trauben sind sauer. Wir hatten uns schon ge- freut, im ersten Berliner Wahlkreise den Dr. Max Hirsch auf's hohe Roß steigen zu sehen, um seinen bisherigen Wahlkreis vor den mißgünstigen Freunden zu schützen. Wenigstens berech- tigte uns der„Gewerkverein" zu solcher Freude, der triumphirend verkündet hatte, daß Dr. Hirsch an das Volk appelliren würde, um die ihm von den liberalen Comites angethane Schmach der Absetzung zu rächen. Montag den 15. Juli fand nun in den Reichshallen die entscheidende Wählerversammlung statt, in welcher der Fortschrittler Hänel zum Candidaten des von dem Fort- schrittler Hirsch innegehabten Wahlkreises ernannt wurde. Ein Brief von Hirsch lag vor, der„freiwillig-gezwungen" seinen Rücktritt anzeigte, um die Zersplitterung unter den Liberalen nicht zu fördern.— Wenn Hirsch auch ein Hanswurst ist, haben ihn doch eine Anzahl allerdings irregeleiteter Arbeiter, aber doch Arbeiter auf den Schild gehoben— das genügt in dieser Zeit, wo man auf die Arbeiterklasse Schmach und Schande häuft, den Mann nicht wieder aufzustellen. Der allgemeine Kampf, der jetzt gegen die Sozialdemokratie geführt wird, trifft alle Arbeiter— das steht man so recht auch an obigem Vorfall. — Frech, wie Hödel. Die„Norddeutsche Allgemeine Zei- tung" eifert gegen diejenigen Anschauungen, welche kundthun, daß mit den vorhandenen Mitteln die Reichsrcgierung den„Aus- schreitungen" der Sozialdemokratte, wie man jetzt sehen könne, wirksam entgegenzutreten im Stande sei. Das Blatt sagt dabei wörtlich: „Die Regierung entbehrt nach wie vor aller Waffen, um den gehässigsten Agitationen der sozialdemokrattschen Presse mit Nach- druck und Wirksamkeit entgegenzutreten. Man braucht dieselbe nur in den wenigen Wochen nach dem zweiten Attentat zu ver- folgen, um über den Grad höhnischer Frechheit und heraus- fordernden Trotzes zu erstaunen, womit diese Presse allen Ge- fühlen der Nation ins Geficht schlägt. Was kann es wohl ver- schlagen, wenn zehn solcher Artikel nach dem bestehenden Straf- recht unverfolgbar sind und bei dem elften in Folge einer Verurtheilung ein Sitzredakteur einige Wochen im Gefängniß zubringen muß, von wo aus er Artikel gleichen Schlages schreiben fortfährt, falls er anders dazu überhaupt be- ähigt ist. Eine solche Strafe hat nicht den mindesten Einfluß auf die Verbreitung des Blattes, welches dieselbe vielmehr sofort mit Hohn zur Selbstreklame benutzt." Der„Grad höhnischer Frechheit", der fich in diesen Zeilen zeigt, wetteifert mit dem Hödel's oder übertrifft denselben gar noch.„Ein„Sitzredakteur"— also eine vorgeschobene Person, die keinen Artikel schreiben kann, fährt im Gefängniß fort, Ar- tikel„gleichen Schlages", wie derjenige war, der zur Verurtheilung führte, zu schreiben!"— Auf solche tölpelhast infame Weise sucht das gouvernementale Blatt Stimmung zu machen, verttauend auf die Dummheit jener Mistbauern, welche vorzugsweise ihre Weisheit aus der„norddeutschen Düngergrube" schöpfen. — Die Einigkeit der Ordnungsparteien. „Nationalliberale Correspondenz" schreibt:„Ein höchst Die lehr- reiche» Beispiel von den traurigen Folgen, welche der rücksichts- lose Eingriff conservativer Kandidaturen in den oft mühsam aufrecht erhaltenen Besitzstand der Nattonalliberalen herbeiführen kann, wird aus Elberfeld berichtet. Dieser Wahlkreis ist be- kanntlich nur mit äußerster Roth den Sozialdemokraten entrissen worden und war im verflossenen Reichstag durch den national- liberalen Abgeordneten Prell vertreten. Es bedarf der höchsten Anstrengung und vollständiger Eintracht der staatserhaltenden Elemente, um den Sozialdemokraten das Gegengewicht zu halten. Die Tandidatur des bisherigen Abgeordneten wäre wahrscheinlich durchzubringen, trotzdem aber stellen die Conservativen in der Person des Professors Aegidi in Berlin eine Gegencandidatur auf, die auch nicht die geringste Aussicht auf einen anderen Erfolg hat, als den, den nattonalliberalen Bewerber in die Minderheit zu bringen. Zu den beiden genannten Candidaten kommen nun ein sozialdemokratischer und ein ultramontaner, und eine engere Wahl ist ganz unausbleiblich. Man könnte sich nun damit trösten, daß wenigstens bei dieser engeren Wahl die Einigkeit Zur Wahl. Bor dreißig Jahren rief ich schon: Gesinnungsbrüder, jammert nicht; Bereitet Euch mit Weisheit vor, bis unser Grimm die Ketten bricht. Räch langer Vorbereitung scheint mir nun das deutsche Volk erwacht, An allgemeiner Bildung reif zu mancher Schöpfung, tief durch- Im Volke dämmert schon der Tag, wo bald empor die Sonne taucht, In manches arme Menschenherz das junge Licht und Leben haucht. Ein allgemeiner Freiheitsdrang entflammt erfreulich mein Ge- schlecht; Aus dumpfer Ahnung aufgescheucht, ein ungestillter Durst nach Recht. Mit unbezähmter, blinder Wuth befeindet uns die Bürgermacht, In reiner Ueberzeugung stark beginnen wir die Geisterschlacht. Wo Blut und Eisen keinen Sieg und keinen wahren Ruhm verleiht; Wo jeden Streiter, immer neu, die rechte Bruderliebe weiht Wir fordern würdig Euch zur Schlacht, wo nur gesundes Wissen fiegt; Worin der größten Ueberzahl der starke Denker nicht erliegt. Gesetzlich wollt Ihr fesseln uns, berauben gierig uberall; Das Wissen schmiedet Waffen uns, wir sprengen tapfer jeden Den Mann der Arbeit werben wir, der alle Güter fast erzeugt; Für Sorgen, ungewissen Lohn geduldig noch den Rücken beugt. Mit jedem Racheplane steigt gewiß für uns die Kriegerzahl: Die kraftbewußte Stimmung beweisen Euch die nächste Wahl. Gustav Adolf Köttgen. Einem Maler w's Stammbuch. Ein schwacher Greis gefordert vor Gericht?— Welch' Schrcckensthat ist wohl von ihm verbrochen? Mord?— Diebstahl?— Redet!— Drauf der Nachbar spricht! „Hat unbedacht ein böses Wort gesprochen." „Ein schlimmes Wort auf Kaisers Majestät--- Ihr wißt ja wohl, in diesen schweren Zeiten Hat dies für den, der nicht auf Vorficht späht, So ein paar Jahr' Gefängniß zu bedeuten." ' unter den staatserhaltenden Parteien wieder hergestellt würde. Allein da wird jetzt schon ein genialer sozialdemokratischer Coup in Aussicht gestellt. Um die beiden Vertreter der„Ordnungs- Partei" von der engeren Wahl auszuschließen, wollen, wie be- richtet wird, die Sozialdemokraten von den ihnen zur Verfügung stehenden 12,000 Stimmen etwa 4000 dem ultramontanen Candidaten zuwenden. Alsdann würden Sozialdemokraten und Ulttamontane in die Stichwahl kommen, die 4000 leihweise ab- getretenen Stimmen würden natürlich wieder sozialdemokratisch wählen und Herr Hasselmann aller Boraussicht nach als Ver- treter Elberfelds im Reichstag erscheinen, da an einer engeren Wahl zwischen einem Sozialdemokraten und einem Ultramontanen sich schwerlich weder Liberale noch Conservative betheiligen werden. Das sind die Folgen der conservativ-gouvernementalen Befehdung des Liberalismus, die auch anderwärts ähnliche Früchte zeitigen zu wollen scheint!" — Ueber die juristisch-wissenschaftliche Seite der jüngsten Majestätsbeleidigungsprozesse bringt die„Frankfurter Zeitung" eine aus Süddeutschland datirte Correspondenz, die von großem Interesse und mit Scharfsinnigkeit geschrieben ist:„Wir find überzeugt, daß mancher noch so conservative Staatsmann die jetzt täglich weitergehende Häufung der Majestätsbeleidi- gungsprozesse bedauert, nicht blos aus Ekel vor den dabei oft- mals hervortretenden Erscheinungen, sondern gerade auch aus höheren staatsmännischen Erwägungen, wie sie die Gesetzgeber Theodosius und Napoleon I. leiteten,— weil dadurch der Zweck der Bestrafung nicht erreicht, sondern geradezu verfehlt wird. Nun kommen aber auch Fälle vor, die vom wissenschaftlichen Standpunkte die ernstesten Bedenken erregen. Mehrfach liest man, N. N. sei angeklagt oder verurtheilt worden, weil er eine Aeußerung gemacht, beiläufig dahin gehend: Möchte die Kugel des Hödel getroffen haben! Gewiß ist eine derartige, wenn auch ohne alle Ueberlegung, gedankenlos ausgestoßene Aeußerung ab- scheulich und moralisch im höchsten Grade verdammenswerth; wer einen solchen Gedanken ausspricht, setzt sich, selbst wenn es nicht einem Kaiser, sondern sogar nur dem geringsten Menschen gilt, mit Recht der allgemeinen Verachtung und Äerabscheuung aus. Aber— ist dies eine gesetzlich strafbare Majestäts-(oder eventuell, bei Anderen, gewöhnliche)„Beleidigung"? Das be- zweifeln wir auf Grund alter, rechtswissenschaftlicher Anschauun- gen. Eine Beleidigung, folglich auch die der Majestät, kann nur begangen werden durch Worte oder Geberden, welche die Ehre, mindestens den Verstand und die Befähigung antasten, welche den Angegriffenen verächtlich zu machen, ihn herabzusetzen oder ihm Verachtung auszudrücken suchen. Ausdrücke jener Art aber, so schmählich und nichtswürdig sie find, passen nun einmal nicht für dieses Kriterium. Es kann dies um so weniger be- zweifelt werden, wenn aus den Umständen hervorgeht, daß ein üolus(hier ein nnimus injurlandi)— ohne den es ein Ver- brechen oder Vergehen überhaupt in allen Fällen nicht giebt— offenbar nicht vorlag, während allerdings Rohheit, Gemeinheit der Gesinnung, mindestens Gedankenlosigkeit hervorgebrochen war. Gar Manches kann als verwerflich vom moralischen Standpunkt aus verdammt werden, ohne daß dadurch die Anwendung des Straf- gesetzes begründet würde. Die Empörung des Gefühls darf nicht die vom Gesetze mit Recht geforderten, hier aber fehlenden Vorbedingungen ergänzen wollen. Wer thöricht genug ist, einen Andern„todtbeten" zu wollen, wünscht nicht nur dessen Tod, sondern er macht sogar einen Versuch, wenn auch einen sehr wirkungslosen, die Tödtung herbeizuführen. Und doch ist es bisher noch keinem Richter eingefallen, einen solchen, offenbar boshaften Menschen deshalb wegen„Beleidigung" des Tod-zu- Betenden verurtheilen zu wollen."— So die beherzigenswerthe Correspondenz. Hierbei sei noch erwähnt, daß die Zahl der Majestätsbeleidigungen sich immer noch vermehrt. Das„Wund- fieber" beherrscht die biederen Deutschen noch immer— der Aerzte find noch viel zu wenige und die Denunziationskrankheit, welche wahrlich dem sittlichen Zustande der Nation ein schlim- meres Zeugniß ausstellt, als die wahnwitzige That zweier Meuchel- mörder, wirkt weiter wie die ansteckende Pest. Gründe für die- selbe sind leicht zu finden. So haben wir zunächst die Be- dauernswerthen, die aus einer Art von krankhaftem Patriotis- mus sich gedrungen fühlen, Angeberdienste zu verrichten, dann die Erbärmlichen, die zu eigenem Vortheil und um ihre Gesin- Und wer bracht' diesen Greis denn vor Gericht? Ich möchte diesen— Menschen yerne kennen, Ihm schauen einmal scharf in sein Gesicht, Ob Scham und Reu' nicht glühend darauf brennen. „Ein alter Freund verrieth den alten Mann. Dort seht Piloty, der den Cola malte Und Galilei in des Kerkers Bann. Er war's, der diese Botschaft so bezahlte." „Seht wie er dasteht, blaß und erdenfahl. Hört wie die Worte dumpf dem Mund enttollen Und schau't die Mienen rings umher im Saal, Wie dem Repttl sie unverhohlen grollen." Acht Monat Festung!— Und der schwache Greis Verließ den Raum, gegrüßt von allen Seiten, Und hier und dort vernahm man laut und leis: „Wir müssen den Piloty— heimgeletten." Das war Geleit! Denkst ganz gewiß daran, So lang du athmest noch auf deutscher Erde, Du großer Held, du echter deutscher Mann, Werth, daß dein Name nie vergessen werde. Ein rasches Wort bracht, Greis, dich vor Gericht Und das Gericht hat seinen Stab gebrochen— Doch darum murre und verzage nicht, Denn auch das Volk hat seinen Spruch gesprochen. Frankfurt a. M. Ludwig Rosenberg. Zwei Attentate. (Aus dem„Hamburgischen C-rrespondent".) I. Das Tschech'sche Attentat gegen Friedrich Wilhelm IV. DaS vierte Jahr der Regierung Friedrich Wilhelm'? IV. war das schwierigste, das der am 7. Juni 1840 auf den Thron ge- langte sechste König von Preußen zu überstehen gehabt. Drei der Provinziallandtage von 1843 hatten die Wünsche der Nation nach Herstellung einer ständischen Verfassung der Geiammt- Monarchie, nach Preßfteiheit und Oeffentlichkeit des gerichtlichen Verfahrens mit einem Nachdruck und einer Entschiedenheit zum Ausdruck gebracht, welche von einer tiefen Verstimmung der ge- bildeten Gesellschaftsklassen über die bestehende Ordnung und von ! nungstüchtigkeit in das gehörige Licht zu stellen, das Gewerbe der Denunziation betreiben; und endlich die verkommenen Sub- jekte, welche die günstige Gelegenheit benutzen, durch falsch: Be- schuldigung einer Privatrache Befriedigung zu verschaffen.— So werden vielfach auch Majestätsbeleidigungen„gemacht" und die Gerichte verurtheilen flott darauf los, in der Mnnung, die Sozialdemokratie zu vernichten. Das Denunziantenwesen aber erhält durch die harten Urtheile, die vor der Wissenschaft nicht einmal Stand halten, neue Nahrung. — Wie wir hören, soll der neue Reichstag Anfangs September zusammenberufen werden. Es verlautet ferner, daß demselben nur das neue Sozialisten-Ausnahmegesetz vor- gelegt werden soll, mit welchem fich gegenwärtig alle Ministerien beschäftigen. Die Reichsregierung bettachtet es als selbstver- ständlich, daß dasselbe die Majorität erlangen wird, da man vor und während der Wahl alle Minen springen läßt, um Jasager hinein zu bekommen. Diese Heidenangst vor unserer Partei ist charakteristisch und bezeichnend für die herrschenden Parteien— nur mit Gewalt können und wollen sie uns vernichten! Ob aber dies auch noch gelingen wird, steht ebenso dahin; der So- zialismus spuft nicht mehr auf dem Papiere, in alten Scharteken, m einzelnen Menschen, nein, überall, auf jedem Orte, auf jeder Sttaße, in jedem Hause, in jeder Familie, in der Caserne, in der Fabrik, im Comptoir, auf der Eisenbahn, unter den Beamten fast aller deutschen Anstalten u. s. w.— kurz, er ist da und die Gewalt der Thatsachen wird schließlich die Reaktion zwinge«, das, was der Sozialismus will, selbst auszuführen und dann tnumphiren wir doch zuletzt. — Für„Ordnungsmänner"! Unter die Swdirenden der Berliner Universität und wahrscheinlich auch anderer Uitiver- sitäten wurde folgendes Circulair vertheilt: „Geehrter Herr! Die alte Thatsache, daß eS für fidele Herren- Gesellschaft kein besseres Zugmittel der Unterhaltung giebt, als„pikante Photographien", hat uns zu nahezu hundert Aufnahmen veranlaßt und haben wir dadurch ein wirkliche» Non plus ultra für Herren geschaffen.— Eine Reihe Hand- lungen, welche in diversen Zeitungen„pikante Photographien" annonciren, liefern meistens Grazien und sonstige harmlose Bilder, Sachen, welche fich mit unseren schönen und äußerst de- colledirten Mädchengestalten in den denkbarsten Situationen und Gruppen nicht vergleichen können!— Wir liefern diese Photo- graphien per Collektion zu 5 Mk. und offeriren Ihnen solche direft, weil Zeitungsredakttonen uns ein entsprechendes Inserat verweigern. Wir expediren nur ungern und ausnahmsweffe gegen Nachnahme, indem der Versandt umständlicher, kostspieliger und auffallender ist, weil der Absender angegeben werden muß, während ein gewöhnliches Briefpacket in jeden Briefkasten ge- worfen werden kann; wir empfehlen daher Voreinsendung des Betrags, in welchem Falle franco liefern. Wir find überzeugt, daß unsere Bilder Ihren Beifall finden werden, und sehen gef. Bestellung in gut geschlossenem Couvert entgegen. HgchachtungS- voll Arstistische Anstalt von R. A. in Mainz." Das Circulair wurde der Redaktion der„Berliner Freien Presse" zugesandt und man sieht daraus, daß unsere studirende Jugend nicht dazu angethan ist, auf solch erbärmliche Weise fich in ihren Bestrebungen nach Erkenntniß des Wahren, Schönen, Guten verhöhnen zu lassen. Das genannte Parteiorgan druckt den Namen veS Geschäftsmannes vollständig ab und hat ein Exemplar davon an den Mainzer Staatsanwalt eingesandt; ob derselbe hier eingreifen wird, lassen wir vorläufig dahingestellt. Jedenfalls aber gehört der Herr R. A. der„Ordnunzs"partei an— es ist ein Zeichen der Zeit; ein Theil der Inserate des „Kladderadatsch" und anderer liberaler Blätter protegiren ja förmlich die Prostitutton— warum soll Herr R. A. in Mainz nicht auch von diesem„Geschäft" leben? Herr Mosse und Andere geniren fich ja auch nicht, das Geld dafür einzustreichen. Und das ist die Moral der heuttgen Gesellschaft! Hohngelächter der Hölle! — Kaiser Wilhelms-Spende! Unter dieser Rubrik fin- den wir in sämmtlichen Ordnungsblättern eine Aufforderung an das deutsche Volk zur Zahlung eines Beitrags, bestehend in Pfennigen oder Groschen, jedoch nicht über eine Mark, zu einem leidenschaftlichem Verlangen nach Erfüllung der Versprechungen Friedrich Wilhelms III. vom 22. Mai 1815 zeugten; das Obertribunal hatte Johann Jacoby von der«ider ihn erhobenen Anklage auf Majestätsbeleidigung unter dem stürmischen Beifall des gesummten Deutschlands freigesprochen, das zu Düsseldorf abgehaltene Festmahl der Rheinischen Stände zu Demonstrationen Veranlassung gegeben, welche auf die Stimmung des Beamten- thums ein überraschendes Schlaglicht warfen und jenes Gesetz vom 29. März 1844 veranlassten, das die richterlichen Beamten der Diszipliniruvg des Justizministers unterwarf, wenig später das durch Verordnung vom 28. Juni 1844 in Wirksamkeit ge- setzte Savigny- Eichhorn'sche Ehescheidungsgesetz einen förmlichen Sturm von Anklagen und Verdächtigungen gegen die Regierung hervorgerufen. Im Winter 1843—44 war endlich in den Weber distriften Schlesiens ein Nothstand ausgebrochen, der die bis dahin ungestört gebliebene äußere Ruhe ernstlich gefährdete und zu Auftritten Veranlassung gab, wie sie in Deutschland noch nicht erlebt worden; Schaaren hungernder Arbeiter durchzogen die Distrifte von Peterswaldau und Langenbielau, stürmten und ver- wüsteten die Fabriken und Wohnungen der Arbeitgeber und mußten mit bewaffneter Hand zurückgeworfen werden, die öffent- liche Meinung aber gab der Regierung Schuld, die schreienden Uebelstänoe der schlesischen Arbeiterverhältnisse unberücksichtigt gelassen und das Interesse der befitzenden Klassen einseitig 9e fördert zu haben. Das Zusammentreffen dieser Tumulte mit den Widersetzlichkeiten der Eisenbahnarbeiter in dem benachbarten Böhmen legte Befürchtungen vor einer allgemeinen Arbeiter- erhebung nahe und vermehrte das Mißtrauen und die Unzu- friedenheit, welche sich allgemach fast aller Schichten der Bevölft' rung bemächtigt hatten und durch die Publizistik jener Z«'1 systematisch genährt wurden. So lagen die Dinge, als am 2«. Juli 1844 die Kunde von einem unerhörten Ereigniß Preußen und Deutschland erschreckt Am Morgen des gedachten Tages war der König zum Beh einer Reise m den Wagen gestiegen, der vor den Thoren d Residenzschlosses hielt, als ein anständig gekleideter pockennarbige� Mann in mittleren Jahren fich durch daS umstehende Publikum bis dicht an den Monarchen vordrängte und ein Doppel-Pifl" auf denselben abfeuerte. Die erste Kugel war durch Mantel uu° Ueberrock des Königs gedrungen und hatte demselben eine lc� Quetschung auf der Brust beigebracht, die zweite schlug du? über dem Haupt der neben ihrem Semahl fitzenden König" Elisabeth in das Holzgestell des Wagens ein. Der sofort«n griffene Mörder hieß Heinrich Ludwig Tschech, war von 1»� bis 1841 Bürgermeister des Städtchens Starkow gewesen, un hatte diese Stellung bald nach der Thronbesteigung Fnevri� tvohlthatigen Fond und als einen Beweis, daß das ganze Volk die Attentate verurtheilt. Wir Soziallsten haben allüberall den Mord und Mordversuch, trete er auf wie und wo er wolle, verurtheilt und hätten nicht nöthig, erst noch durch Unterschrift und Geldgaben solches zu bethätigen. Möge es ein jeder Genosse, der bei diesen schlechten Zeiten noch etwas übrig hat, halten wie er wolle.— Im Uebrigen halte ein Jeder seine Zunge im Zaum, besonders aber die Frauen! Deutschland wimmelt von Denunzianten. — Nachwehen des Haase'schen Bankerotts. Infolge Verlustes von 5200 Mark bei dem Haase'schen Krach legte der 72jährige Handarbeiter N. Hand an sein Leben. Sein Roth- Pfennig für's Alter war dahin— von was sollte der alte Mann weiter leben? Betteln— da steht an jeder Thür ein Denun- ziant und überall Gensdarmen und Polizisten, und düster drohend erwartet ihn auf die alten Tage noch das Gefängniß, die Schande. — Ebenso brach die Frau eines Chemnitzer Bürgers bei der Nachricht vom Krach bewußtlos zusammen und verschied auch bald darauf. Sie hatte sich redlich gemüht und geplagt und so manchen Genuß versagt, um einen Nothpfenmg zu erübrigen, und nun mit einem Schlage Alles, Alles dahin. Wer als Ar- beiter weiß, was es heißt, bei den heutigen Verdiensten sparen, der kann sich lebhaft in diese beiden Fälle hineindenken. Wir aber wollen nicht richten, nur lauter und lauter den Ruf nach Abänderung der heutigen Gesellschaftsordnung ertönen lasten. — Soldatenmord in der Kaserne. Die„Hamburger Nachrichten" vom 15. und 16. Juli berichten Folgendes:„In der hiesigen Kaserne wurde am Sonnabend Nachmittag der zur 5. Comp, des 76. Jnf.-Reg. gehörende Sergeant Koch von einem Musketier seiner Korporalschaft, Namens W ernecke, mit dem Gewehrkolben erschlagen. Die blutige Scene spielte sich in dem Zimmer Nr. 160, in welchem Wernecke mit mehrreen Kameraden untergebracht war, ab. Am Sonnabend Nachmittag gegen 2 Uhr begann die„Putzstunde", wobei sich Wernecke schon einen Verweis zuzog, weil er den Lauf des Gewehres reinigte, ohne vorher die sogenannte Kammer herausgenommen zu haben. Als ihm sodann der Sergeant Franz Heinrich Erdmann Koch, auch Kock genannt, das Commando abfragte, erklärte er:„das weiß ich nicht mehr, ich hab's vergessen". Sergeant Koch ließ ihn dafür zur Strafe„Kniee beugen", jedoch nur zwei Minuten, sodann setzte er sich auf den Stuhl und las eine Zeitung, die er nach einiger Zeit auf das Bett legte und dann einnickte, wo- bei ihm der Kopf auf das Bett sank. Wernecke putzte anfangs ruhig fort, jedoch ohne, wie ihm dies von Koch geheißen worden war, die Kammer aus dem Gewehre herauszunehmen. Er ließ dieselbe auch darin, als er den Todtschlag vollführte, so daß infolge des wuchtigen Hiebes der ca. 1'/- Zoll lange Kammer- knöpf tief in den Kopf des Koch eindrang. Als der Feldwebel mit mehreren Soldaten ins Zimmer eilte, hatte Wernecke das Faschinenmesser, welches vorhin auf dem Bette gelegen hatte, in der Hand, anscheiuend, um sich damit gegen die Hinzukommenden zu vertheidigen. Eine tiefe Wunde quer über dem G-sichte des Verstorbenen läßt indeß darauf schließen, daß Wernecke ihm auch einen Schlag mit dem Faschinenmesser versetzt hat. Der Tod des Koch erfolgte bald darauf. Wernecke wurde von vier seiner Kameraden festgehalten und dann nach der Militärwache geführt. Die Untersuchung gegen den Thäter führt Herr Justizrath Puhl- mann. Wernecke wurde gestern vor die Leiche des Erschlagenen geführt. Er erklärte auf Befragen, daß er den Verstorbenen kenne, es sei der von ihm erschlagene Sergeant Koch. Er zeigte indeß keine Reue, sondern gab zu, schon zu wiederholten Malen den Entschluß gefaßt zu haben, Koch umzubringen. Dieser wird von seinen Vorgesetzten als ein pflichtgetreuer Soldat geschildert, welcher allerdings große Strenge ausübte, nie aber ungerecht gewesen sein soll. Wernecke will von seiner hier wohnhaften Schwester angeblich verstoßen gewesen sein und dadurch sich schon immer in erbitterter Gemüthsstimmung befunden haben. Vor seinem Militärdienste ist er nur mit sehr geringen Strafen, unter Anderem einmal wegen Unfugs, bestraft. Als Soldat hat er mehrfach Strafen wegen nächtlichen Umhertreibens, Wegblei- bens aus der Kaserne und Trunkenheit erlitten. Er wird zu- nächst vom Kriegsgericht abgeurtheilt, aus dem Militärstande gestoßen und dann dem Civilgericht(Geschwornengericht) über- wiesen werden. Die Beerdigung des Koch fand am 16. d. M.' unter militärischen Feierlichkeiten vom Lazareth am Schulterblatt aus auf dem in Elmsbüttel belegenen Militärkirchhofe statt. Der Verstorbene machte den Feldzug von 1870/71 mit und wurde damals am rechten Arm verwundet. Wernecke wurde im Jahre 1856 in Barmbeck geboren und erlernte das Zimmerhandwerk. — Von den vlämischen Genossen in Gent(Belgien) ist an das Central-Wahlcomit« in Hamburg folgender Brief abgesandt worden: „Die vlämischen Genossen an ihre deutschen Brüder. Genossen! Hierbei senden wir Euch die Beiträge(1030 Francs) der vlämischen Sozialisten zur Unterstützung Eures Riesenkampfes gegen die vereinigte Reaktion. Wir begreifen, daß Eure Lage die denkbar schwierigste ist. Ihr seid die muthigen Vorkämpfer, die Pioniere unserer gemeinschaftlichen Sache, und darum ist es Pflicht, daß wir der Parole:„Einer für Alle und Alle für Einen" treulich nachkommen. Unsere Prinzipien gebieten uns, solidarisch zu handeln, und wir hoffen, daß unser Beispiel bei den Genossen aller Länder Nachahmung finden möge. Deutsche Brüder! In dem Augenblick, wo wir dies schreiben, rückt der Wahltag immer näher heran und deshalb verdoppeln sich Eure Schwierigkeiten. Aber Muth und Ausdauer, Genossen! Biel- leicht wird der 30. Juli ein Siegestag für das unterdrückte Volk — ein SiegeStag wie noch nie! Unsere Sympathien werden Euch aber immer, in Glück und Mißgeschick, begleiten. Unsere Brüderlichkeit wird niemals ermangeln; rechnet auf sie. Empfanget also die besten Grüße und Händedrücke von Euren vlämischen und belgischen Brüdern. Es lebe der Sozialismus! Es lebe die Solidarität aller Völker! Im Namen der vlämischen sozialistischen Arbeiterpartei Edmond Vanbeveren, Körte Schipgracht 5." — Das rothe Gespenst in Amerika. In Californien! haben sich die daselbst eingeführten Chinesen für alle anderen Arbeiter zu einer Geißel ohne gleichen aufgeschwungen; dieselben haben es dahin gebracht, daß die Arbeitslöhne von Jahr zu Jahr gefallen find und Niemand, außer den Chinesen, mehr dort existiren kann. Infolgedessen wurden die bisher zerstreuten sozialistisch gesinnten Arbeiter gezwungen, gemeinsam Front gegen diese Kuli's zu machen und zwar auf gesetzmäßigem Wege. Und der Erfolg ist auch nicht ausgeblieben. Bei den Wahlen zum Verfassungsrath in San Franziska hat die Arbeiterbewegung einen glänzenden Sieg errungen. Die Arbeiterpartei sagt in ihrem Programm:„Die Chinesenarbeit ist ein Fluch für unser Land, schädigt unsere Sitten, beeinträchtigt unsere Freiheiten und die Institutionen unseres Landes; sie sollte beschränkt und für immer ausgemerzt werden. Die Chinesen müssen das Land verlassen." Ob solchen unerhörten GebahrenS spukt natürlich die amerikanische Kapitalistenpresse Feuer und geberdet sich wie wahnsinnig. Das hilft aber nichts, die beiden Arbeiterparteien haben je 11,000 und 9000 Stimmen, während die„Ord nun gs- Parteien" zusammen nur 7000 Stimmen erzielen konnten. (Deutsche Arbeiter, nehmt Euch am 30. Juli ein Beispiel daran!) In den anderen Theilen des Staates ganz dasselbe Verhältniß und man darf sicher erwarten, daß die neue Gesetzgebung dahin wirken wird, die Kulieinführung zu verbieten. Darob aber in Israel ein groß Geschrei, man macht allerhand Ausflüchte und wird wahrscheinlich versuchen, der neuen Bewegung mehr als einen Stein in den Weg zu legen. Hoffentlich irritirt dies die neue Partei nicht, eingedenk, daß nur eine Radikalkur der Wirth- schastsmissre ein Ende machen kann und überzeugt, daß, je weniger Bedürfnisse der Arbeiter hat, desto weniger geschaffen zu werden braucht und dadurch schließlich das menschliche Bc- schlecht langsam zu Grunde gehen muß. Die„Tagwacht" meint, bei dieser Gelegenheit eines Wortes erwähnen zu müssen, das ein angesehener Arzt ausgesprochen, als einmal die Rede war von einer möglichen Chineseneinfuhr nach Europa.„Seid unbesorgt," sagte der Mann,„die Chinesen- einfuhr nach Europa könnte in keinem Falle rentiren. Nament- lich ist die Lebenshaltung unserer Fabrikbevölkerung eine derartig auf niederer Stufe stehende, daß mit noch weniger Ansprüchen, namentlich an Nahrung, selbst ein Chinese verhungern müßte." Der Mann hatte Recht; wer unsere großen Jndustriebezirke Wilhelm's IV. aufgegeben, um sich um ein Staatsamt zu be- werben. Er hatte sich in dieser Abficht an verschiedene Behörden und schließlich in einer Immediateingabe an den König gewandt, war aber allenthalben zurückgewiesen, weil man ihn für einen unruhigen Kopf, nach damals übliger Terminologie für einen „Jakobiner" hielt und an seiner Fähigkeit zu geordneter Amts- arbeit zweifelte. Den liberalen Bestrebungen, welche sich seit 1840 auf das Zustandekommen einer constitutionellen Verfassung richteten, war Tschech durchaus fremd geblieben, mit keinem der Führer dieser Richtung auch nur persönlich bekannt gewesen; da- gegen hatte er aus seiner Verehrung für die politischen und religiösen Grundsätze der französischen Revolution kein Hehl ge- macht und auch seine Tochter m denselben erzogen. Als Motive seiner That stellten sich Rachsucht, Roth und Eitelkeit heraus; während der gesammten Untersuchung zeigte er sich verstockt und allen Regungen der Reue unzugänglich, trotzdem ihm bedeutet worden war, daß der König ihn begnadigen wolle, wenn er darum bitte. Obgleich' diese Umstände und die rein persönlichen Motive der Tschechffchen That allgemein bekannt waren, machte man sich in Preußen, wie im übrigen Deutschland darauf gefaßt, das Zchf.?>che Attentat mit der liberalen Bewegung und mtt den AusS1. Un(.n�en in Zusammenhang gebracht und zu polittschen benutzt zu sehen. In der näheren Um- Mißtrauen d�"���lte es nicht an Stimmen, welche das und st««»- Ärung wachrufen. Verschärfung der Censur das Verb«»?n ber sog. Unzufriedenen anrathen und Abrechen vom 26. Juli zu einer Ausgeburt der Erregung »o�ruken ständischen Oppositionsversuche her- darauf aesaßt d�' dJüf•lw liberalen Lager machte man sich darauf gefaßt, daß die Regierung aus ibrer bisherigen zuwarten- dadurch die bereits im Anzüge � � � toerbe; stand doch fest, daß viele hochgestellte Personen von dem Verdacht nicht zu heilen waren, daß hinter d�n We�rrevolten die ständischen OppofitionSredner steckten. Friedrich Wilhelm IV. aber, der sich damals noch im Vollbesitz seiner Kraft befand, erklärte öffentlich daß eine ver- finzelte That ihn'« dem Vertrauen zu seinem Volke nicht er- Wittern könnte.„Ich gehe," sagte der König,„mit frohem Muthe an mem Tagewerk, Begonnenes zu vollenden Vorbereitetes auszuführen, das Böse mit neuer SiegeSgewißheit' zu bekämpfe« und meinem Volke das zu sein, was mein hoher Beruf mir auferlegt und was meines Volkes Liebe verdient." Am 20. August -h«-b-r seinem Freunde Bunsen:„Gott wendet, was mensch- '-'.cher Fluch erdacht, zu reichem himmlischem Segen. Also sei �s.... Die Kugel, auf kaum ein Fuß breit abgeschossen, zerriß alle Kleider,— ich aber habe auch nicht das Allerleiseste gefühlt, die Kugel ist machtlos von dem Brustbein in den Wagen gerollt! Verstummen und Anbeten ist meine Losung."(Ranke, Aus dem Briefwechsel Friedrich Wilhelm's IV., p. 121.) Tschech wurde am 14. Dezember 1844 zu Spandau hinge- richtet, ohne eine Spur von Reue oder Todesfurcht gezeigt zu haben— politisch aber blieb seine That ohne alle Folgen, ob- gleich die Zeitläufe wohl danach angethan gewesen wären, solche herbeizuführen und die im deutfchen Leben neuen Borgänge der jüngsten Vergangenheit als Glieder einer großen Kette anzu- sehen. Friedrich Wilhelm's IV. gesunder Sinn sorgte dafür, daß die Versuche, dem Tschech'schen Verbrechen eine allgemeine Bedeutung zu geben, machtlos zu Boden fielen und daß das Jahr 1844 ungleich friedlicher endete, als es begonnen hatte. — Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Tin seltenes, nur in sehr wenigen Exemplaren vorhandenes Dokument ist dem Märkischen Provinzial- Museum vom Kaufmann Max Krüger aus Berlin als Geschenk überwiesen worden. Es ist dies die Proklamation des Grafen v. d. Schulenburg, welche derselbe nach der verlorenen Schlacht bei Jena anschlagen ließ. Dieselbe lautet wörtlich:„Der König hat eine Bataille verloren. Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht. Ich fordere die Berliner Einwohner dazu auf. Der König und seine Brüder leben! Berlin, den 17. Ottober 1806. Graf von der Schulenburg." Die Zeitungspresse in England. Dem„Printers Register" zufolge erscheinen in Großbritannien und Irland gegen- wärtlg 151 tägliche Zeitungen, gegen 149 zur nämlichen Zeit im vorhergehenden Jahre. Bon dieser Anzahl kommen auf London 20, die Provinzen 89, Wales 2, Irland 19 und Jersey 1. 83 erscheinen des Morgens und 68 des Abends. Die Abend- Leitungen find mit Ausnahme von 7 alle Halfpenny-Blätter. Ihrer politischen Färbung nach gelten 67 als liberal, 41 als konservativ, 29 als unabhängig und 14 find nicht-politischen Inhalts. — Wie groß allenthalben die furchtbare Roth ist, beweisen nachstehende Annoncen in der„Vossischen Zeitung". Da heißt es u. A.: Eine Mutter wünscht ihr Kind. Mädchen, an kinderlose anständige Leute zu verschenken. Näh. Oranienstr. 63, Hof 3 Tr., bei Walter.— Ferner: Ein kleiner niedlicher Junge ist zu verschenken. Näh. Oranienstr. 63, Hof 3 Tr., bei Walter.— Ferner: Ein kleiner niedlicher Junge ist zu verschenken. Adalbertstt. 47, 2 Tr. rechts. durchstreift, selbst dort aufgewachsen und mitgemacht hat, der fürchtet sich vor den Kuli's nicht, denn in Deutschland besorgen böhmische und italienische Arbeiter deren Aufgabe. Ein Zeichen aber, daß die deutschen Arbeiter auch dies schon begriffen haben, ist das ungeheure Anwachsen des Sozialismus. Die amerikanische Bourgeoisie aber schreit mit aller Gewalt nach strenger Handhabung der Gesetze, nach strenger und ener- gischer Polizei und rascher Exekutivmaßregeln. Man wäre heutzutage fast versucht, unter die Polizei zu gehen, das Geschäft blüht, zieht doch z. B. im Leipziger Landkreise der Kaufmann S. immer in Begleitung zweier Polizeibeamten in die Versamm- lungen u. f. w., mit einem Wort ein rentables Handwerk. Und nun zumal in Amerika, wo so wenig stehendes Militär vorhan- den! Doch, dies Geschrei zeigt uns so recht das riefige Wachsen des Sozialismus in Amerika. — Eine neue Staatsrettung. Der„allgemeine deutsche Maurer- und Steinhauerbund" ist in Preußen verboten worden, wie folgende Bekanntmachung Tessendorff's zeigt: „Durch die Erkenntnisse des hiesigen königl. Stadtgerichts und des königl. Appellattonsgerichts zu Frankfurt a. O. vom 14. De- zember 1876, bezw. vom 4. Juni 1878, ist der Allgemeine deutsche Maurer- und Steinhauerbund zu Hamburg für den Um- fang des preußischen Staatsgebietes wegen Zuwiderhandeln gegen §§ 8 und 16 des preußischen Gesetzes über das Versammlungs- und Bereinsgesetz vom 11. März 1850 definitiv geschlossen worden. Demgemäß ist die fernere Betheiligung an diesem Ber- eine, insbesondere auch das Zahlen von Beiträgen, für den Um- fang des preußischen Staatsgebietes verboten. Die Uebertretung dieses Verbotes ist im§ 16 loc. cit. mit Geldstrafe von 15 bis 150 Mk. oder mit Gefängniß von 8 Tagen bis zu 3 Monaten bedroht." So! Die Maurer und Steinhauer wären also glücklich be- seittgt; der Sozialismus aber noch lange nicht. — Vom Kriegsschauplatz. Genosse Zaumsegel in Dresden hat eine dreimonatliche Haft angetreten; Genosse Georg Bollmar wird nach Zwickau übergeführt werden.— Partei- blätter berichten: Most verbüßt gegenwärtig in Plötzensee eine dreimonatliche Gefängnißhaft im sogenannten„Maskenflügel", der extra für die gemeinsten Verbrecher und unverbesserlichsten Taugenichtse hergerichteten Abtheilung. Most trägt auf der Brust eine Nummer— die im„Maskenflüge!" Jnhaftirten werden nicht bei ihrem Namen, sondern nach einer ihnen gegebenen Nummer gerufen— und über das Geficht eine Kapuze, in der sich für Augen, Nase und Mund vier Löcher befinden. Eine derarttge Behandlung politischer Gefangener paßt so recht zum „Culturstaate" Preußen.— In Chemnitz wurde Genosse Uhle aus Wittgensdorf zu 3 Jahren Gefängmß, Genosse Peukert aus demselben Orte zu 1 Jahr 6 Monaten Gefängniß, beide wegen Majestätsbeleidigung, verurtheilt. Dem Letzteren wurden auch die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt. Peukert ist nämlich Gemeinderathsmitglied.— Unser wegen Majestätsbelei- digung angeklagter Reichstagscandidat Gutsbesitzer Heinrich Lauer in Niederwalgern ist vor Kurzem, nachdem er eine Kaution von über 10,000 Mark gestellt hat, aus der Haft ent- lassen worden. Der Friedensvertrag oder besser gesagt, der Waffenstillstandspakt, denn anders dürste er selbst von den optimistischen Congreßposaunisten nicht aufgefaßt werden, ist am Sonnabend hier unterzeichnet worden. Derselbe umfaßt nach der„Neuen Freien Presse" 23 Folio-Druckseiten und außer der üblichen Einleitung 64 Arttkel. In seinen wichtigsten Punkten lautet er: Artikel 1 des Vertrages bestimmt, daß Bulgarien ein auto- nomes und tributäres Fürstenthum unter der Suzeränetät des Sultans wird; es erhält einen christlichen Gouverneur und eine nationale Miliz. Artikel 2 enthält die Grenzen Bulgariens sehr detaillirt. Artikel 3: Der Fürst Bulgariens soll von Notabeln gewählt werden und darf keiner europäischen Dynastie angehören. Artikel 5 bestimmt Freiheit aller Culte in Bulgarien. Artikel 6: Bis zur Bollendung des organischen Statuts soll die provisorische Verwaltung Bulgariens durch einen russischen Commissär geführt werden. Zur Controle ist ihm eine aus einem türkischen Com- missär und den Coniuln der Signatarmächte gebildete Commision beigegeben. Artikel 7: Das provisorische Regiment des russischen Commissärs darf nur neun Monate dauern, worauf zur Wahl des Fürsten geschritten werden muß. Arttkel 8 bestimmt die Fortdauer der Handelsverträge für Bulgarien. Artikel 9: Der Tribut Bulgariens soll von den Signatarmächten nach Maßgabe der mittleren Einkünfte des Fürstenthums bestimmt werden. Artikel 10 betrifft die bulgarischen Sisenbahn-Angelegenheiten. Artikel 11 bestimmt die Räumung des Fürstenthums durch die türkischen Truppen, Schleifung aller bulgarischen Festungen. Die Pforte behält das Eigenthum am Kriegsmaterial. Artikel 13: Im Süden vom Balkan wird eine Provinz gebildet, welche den Namen Ost-Rumelien erhalten soll und unter der direkten poli- tischen und militärischen Autorität des Sultans, unter den Be- dingungen lokaler Autonomie steht. Sie bekommt einen fürstlichen Generalcouverneur. Artikel 15: Der Sultan wird das Recht haben, für die Vertheidigung der Grenzen der Provinz zu Wasser und zu Land zu sorgen, indem er an den Grenzen Befesttgungen errichtet und ,n denselben Truppen unterhält. Die innere Ord- nung wird in Ost-Rumelien durch eine eingeborene Gendarmerie und eine lokale Miliz aufrechterhalten. Die Pforte darf daselbst keine irregulären Truppen unterhalten. Artikel 17: Der General- gouverneur Ost-Rumeliens wird von der Pforte mit Zustimmung der Mächte auf fünf Jahre ernannt. Arttkel 18: Eine euro- päische Commission soll nach dem Friedensschlüsse die Organi- sation Ost-Rumeliens festsetzen. Arttkel 19: Bis zur Beendigung dieser Aufgabe soll die europäische Commission die Finanzen der Provinz verwalten. Artikel 22: Die russische Garnison m Ost- Rumclien darf nicht über 50,000 Mann betragen, die Okkupation darf nur neun Monate dauern, wozu drei Monate zur Boll- ziehung der Räumung hinzutteten. Artikel 25: Die Provinzen Bosnien und Herzegowina werden von Oesterreich-Ungarn besetzt und verwaltet werden; im Bezirke Novi-Bazar bleibt die tür- kische Regierung bestehen, doch hat Oesterreich das Recht, im ge- sammten Vilajet Garnisonen zu halten. Artikel 26 bestimmt die Unabhängigkeit Montenegros. Artikel 29 behandelt Antivari; das Gebiet südlich Montenegros fällt an die Türkei zurück, Spizza an Dalmatien. Die Schifffahrt auf der Bojana ist frei. Befestigungen dürfen an ihren Ufern nicht unterhalten werden. Montenegro darf keine Kriegsschiffe und keine Kriegsflagge haben. Der Hafen von Antivari ist Kriegsschiffen aller Nationen ver- schlössen, die Seepolizei darüber hat Oesterreich; Montenegro accepttrt das dalmatinische Seerecht. Montenegro soll sich mit Oesterreich über den Bau einer Straße und einer Eisenbahn durch sein Gebiet verständigen. Arttkel 33: Montenegro über» nimmt einen Theil der türkischen Staatsschuld. Arttkel 34 be- stimmt die Unabhängigkeit Serbiens. Artikel 38: In Eisenbahn- fachen tritt Serbien, soweit es sein Gebiet betrifft, gegenüber Oesterreich in die Rechte und Pflichten der Pforte. Artikel 41: Bierzehn Tage nach der Ratifikation des Friedens sollen die serbischen Truppen türkisches und die türkischen serbisches Gebiet räumen. Artikel 42: Auch Serbien soll einen Theil der tür- tischen Schuld übernehmen; den Betrag sollen die Mächte be- stimmen. Artikel 43 bestimmt die Unabhängigkeit Rumäniens. Artikel 45: Rumänien tritt Beffarabien an Rußland ab; die öst- liche Grenze bildet der Thalweg des Pruth, die südliche der Thalweg der Kilia und des Staristambul. Artikel 46: Das Donaudelta, die Schlangeninsel und die Dobrudscha fallen an Rumänien. Artikel 49 gewährt Rumänien ausdrücklich das Recht, Verträge zu schließen. Artikel 32 setzt die Freiheit der Donau fest. Unterhalb des Eisernen Thores dürfen keine Kriegsschiffe gehalten werden, ausgenommen die leichten Schiffe für die Fluß- Polizei und den Zolldienst. Artikel 53 bestätigt und erweitert die Rechte der europäischen Donaucommission; dieselbe übt ihre Funktionen ganz unabhängig von den Behörden des betreffenden Landes. Artikel 58: Die hohe Pforte tritt an Rußland Kars, Ardahan und Batum ab. Artikel 59 bespricht die Erhebung Batums zu einem Freihafen. Artikel 60 bestimmt die Rückgabe des Thales von Alaschgerd und der Festung Bajazid, welche der Friede von San Stefano Rußland zusprach, an die Pforte und die Abtretung von Khotur an Persten. Artikel 62 ist ein län- gercr Artikel, welcher die Freiheit und Gleichheit aller Culte in der Türkei und die Zugänglichkeit aller Aemter und politischen Rechte für alle Bekennwisse bestimmt, Frankreichs Rechte Hinsicht- lich der Heiligen Orte reservirt und die Mönche von Athos in ihren Rechten bestätigt. Sie sollen alle gleich behandelt werden. Artikel 63(sehr wichtig) bestimmt das Fortbestehen der Ber- träge von 1856 und 1871 in allen Punkten, welche der gegen- wältige Bertrag nicht aufhebt. Artikel 64: Die Ratifikation soll in etwa drei Wochen stattfinden. Folgen das Datum(13. Juli) und die Unterschristen. Corresponoenzen Petersburg, 24. Juni(6. Juli). Die in der hiesigen Peter- Paul-Fefiung befindlichen politischen Gefangenen(die Mehrzahl der schon im letzten großen Prozeß Berurtheilten und einige noch in Untersuchungshaft Befindliche) baten am 17.(29.) Juni den Auffeher, daß er sie doch etwas länger spazieren gehen(jetzt drei Viertelstunden täglich) und sie mit den noch in Untersuchungs- Haft Befindlichen zusammenkommen lassen möge, auch ihnen etwas physische Arbeit gebe, da sie, alle ohne Arbeit, schon ihre Ge- sundheit eingebüßt hätten. Darauf ist ihnen angedroht, daß ihnen, wenn sie noch einmal solche Forderungen stellten, keine Nahrung mehr gegeben werde.— Am 20. Juni(2. Juli): Alle politischen Gefangenen, 40 Mann, außerdem 2 Nichtsozialisten (aus dem letzten Prozeffe, Larionoff und Rabinowitsch), darunter zwei sehr Kranke, haben schon keine Nahrung mehr bekommen. — Heute, 23. Juni(5. Juli), haben die Gefangenen immer noch keine Nahrung bekommen. Es ist schrecklich. Also schon 4 Tage ohne Nahrung. Es wird unserer Regierung wohl sehr lieb sein, wenn sie auf solche Weise, indem sie die Gefangenen verhungern läßt, von diesen für sie so gefährlichen Menschen schnell befteit wird.— Den 24. Juni(6. Juli): Es ist noch Nichts für die Gefangenen gethan. Im Gegentheil find die noch in der Untersuchungshaft Befindlichen in ein anderes Ge- bäude des Gefängniffes gesperrt; zwei von ihnen sogar in ein anderes Gefängniß übergeführt. Was wird aus diesem Allem werden? Niemand weiß es.— Das ist die beste Methode, un- bequeme Elemente los zu werden— wie lange aber wird die Geduld der Menschen noch anhalten? München. 13. Juli. Heute steht auf dem Bezirksgericht die Anklage gegen Dr. Trettenbacher wegen Majestätsbeleidignnz zur Verhandlung. Seit Mittag stehen Hunderte im Hofe. Um 4 Uhr soll die Verhandlung beginnen und um diese Swnde zählt das Publikum, das den Saal, den Corridor, die Treppen und den Hofraum erfüllt, schon mehr als tausend Harrender. Auf der Straße stehen Gruppen beisammen, Leute aus allen Ständen. Es wird erregt disputirt. Niemand spricht vom„Prozeß Tret- tenbacher", jeder nur vom„Prozeß Piloty". Sie Alle find hier- her gekommen, um zu hören, ob es denn wirklich wahr ist, was man sagt und waS sie nicht glauben können, daß der Piloty der Denunziant sei. Sie waren stolz, die Münchener, auf den Maler der gefangenen Tusnelda und des tobten Wallenstein, und nun soll der, welcher den Galilei und den Rienzi Cola, zwei Opfer des religiösen und politischen Fanatismus früherer Jahrhunderte, im Kerkerbild erstehen ließ, er soll denunzirt, soll einen alten Mann ins Unglück gebracht haben?! Der Angeklagte erscheint; ein gebrechlicher Mann, der sich mühsam vertheidigt und die be- treffende Aeußerung in Abrede zu stellen sucht. Die Zeugen werden gerufen, und als sich die saalthür öffnet, als nun in der That Piloty erscheint, da geht eine mühsam unterdrückte Ent- rüstung durch den Saal. Also doch! Mit seinem Gewährsmann Prof. Seeberger entkräftet Piloty den Widerspruch des Ange- klagten. Die beschworene Zeugenaussage bestätigt die Majestät?- beleidigung. Aber die dies aussagen, sind noch bleicher wie der Angeklagte, und während dieser die Stimme mitunter erhebt, sprechen die Zeugen so gedämpft wie möglich, weil jedes vernehm- bare Wort unter der athemlosen Zuhörerschaft ein erneutes Mur- ren hervorruft. Was ist über den Gang der Verhandlung selbst hinzuzufügen? Der Staatsanwalt erachtet den MaiestätSbelcidiger für überführt, und beantragt 1 Jahr Gefängniß. Das höchste Strafmaß müßte er beantragen, wolle er nicht die 73 Jahre des Angeklagten berücksichtigen. Vor acht Tagen seien zwei Proletarier hier gestanden; ihre Bildungsstufe stehe in keinem Vergleich mit derieniaen des Herrn Doktors und ihre Aeußerungen seien kaum halb so belastend, der eine habe 1'/,, der andere 2 Jahre Ge- sängniß erhalten!(Sensation.) Der Vertheidiger bittet zu er- wägen daß dieser Fall anders als die zahlreichen Majestätsbe- leidigungen in Preußen zu beurtheilen sei. Dort werde im Kaiser der angestammte König beleidigt, hier wolle man bedenken, daß der Angeklagte, seit frühester Jugend ein Bayer m,t Leib und Seele, seinen polttischen und religiösen Anschauungen nach von jeher ein beinahe fanatischer Anhänger deS Alten gewesen sei. Wenn nun plötzlich eine neue Zeit über uns hereingebrochen, welche die bestehenden Begriffe von SouveränetatS- und Unter- thänigkeitsverhältniß verschoben habe, wie sollte es einem von der alten Schule, besten Sympathien noch vor das Jahr 186< zu- rückreichen, wie sollte es dem so schwer verdacht werden, wenn er das Berständniß für die gewordenen Gestaltungen mcht so rasch erfaßt wie die jüngere Generation, sondern mit der Zähigkeit des Greisenalters am Früheren festgehalten habe."(Zustimmung.) Bedenken wir ferner, daß die fragliche Auslassung im privatesten Gespräch zweier langjährigen Freunde erfolgt ist(Unruhe), einem Gespräch, das vor Ändern auf gegenseitiger Diskretion zu be- ruhen hat. Meine Herren, wobrn würden mir kommen, wenn der Vater vor dem Sohn, der Bruder vor dem Bruder und der Freund vor dem Freund nicht mehr sicher ist, daß ein allzurasches Wort den Gerichten hinterbracht wird?"(Lebhafte Bewegung.) Der Vertheidiger beantragt Freisprechung, event. das Strafmini- mum von 2 Monaten Festung. Nach kurzer Berathung verkün- digt der Gerichtshof den Spruch, der auf 8 Monate Festung Festung lautet. Das Urtheil, welches außerordentliche Sensation erregte, verbreitete sich sofort durch die äußeren Räume auf die Straße und in den Hof hinab, welcher um V-9 Uhr noch dicht von Menschen besetzt war. Und nun ereignete sich ein nicht ge- wöhnliches Schauspiel. Als der verurtheilte Majestät! beleidiger, der filberhaarige Greis, den Hof betrat, sah er sich von allen Seiten achtungsvoll gegrüßt und durch Reihen theilnahmsvoller Unbekannter schritt er mit einigen Freunden nach der Straße. Allein noch immer harrte das Publikum; es wurve wenig ge- sprachen und Alles blickte nach der Treppe.„Er kommt!" hieß es endlich. Piloty trat heraus, und als er die Menge sah, da mochte er wohl fühlen, daß das Publikum Den für den Schul- digen hält, auf den es zu warten pflegt. Bor diesem Forum war er der Angeklagte. Zuerst Stille, dann ein Murren, Plötz- lich ein Pfui, und noch eins und wieder eins und Pfiff auf Pfiff. Es blieb ihm nicht erspart, durch eine Fluth von Indignation Spießruthen zu laufen. Er suchte zu lächeln, aber es wollte nicht gehen, er sah erdfahl aus. Mit einem Begleiter trat er ins Freie und ging die Straße entlang. Zwei Schutzleute hatten sich ihm angeschlossen. Und immer ergoffen sich mit Pfiffen und Verwünschungen Hunderte hinter ihnen drein. Er bog, um der Demonstration zu entgehen, in eine enge Gasse ein; allein sie wollten ihn nun einmal nach Hause geleiten. Auf dem Dult- platz verstärkte sich die Sicherheitsmanuschaft, doch sie konnte nicht verhindern, daß in seiner unmittelbaren Nähe anhaltend Rufe der Verachtung ausgestoßen wurden. Schließlich gelang es dem Direttor Piloty, in eine Weinwirthschaft sich zu retiriren, worauf sich die Menge verlief. So endete ein Münchener De- nunziationsprozeß. Hoffentlich für lange Zeit der letzte in un- serer Stadt.(Frff. Ztg.) Limmer(bei Hannover), 14. Juli.(An die Parteigenossen des 9. hannoverschen Wahlkreises(Hamelns.) Von den hiesigen Parteigenossen wurde beschlossen, unfern bisherigen Candidaten, Parteigenossen Meister in Hannover, auch für die bevorstehende Reichstagswahl wieder aufzustellen.— Trotzdem die hiesigen Genossen die Kosten der beiden letzten Wahlen ganz allein ge- tragen, sind sie dennoch entschlossen, selbstständig vorzugehen. Wahlenthaltung hieße dem Gegner die Stimmen in die Hände arbeiten. Auf einen großen Erfolg rechnen wir nicht, haben indeß das Bewußtsein, für einen überzeugungstteuen Mann und keinen Volksfeind gestimmt zu haben. Die Verbreitung der Stimmzettel(ein Wahlflugblatt wird nicht herausgegeben) nach allen Richtungen energisch betteiben zu helfen ist Pflicht eines jeden Genossen. Wir ersuchen Euch deshalb, recht viel zuver- lässige Adressen— mit Angabe der verlangten Stimmzettelzahl— an den Unterzeichneten einzuschicken.— Besondere Unterstützung erwarten wir von Hameln, Gr. Berkel und Eldagsen. Thue also ein Jeder seine Schuldigkeit am 30. Juli. Es leben die Wähler! Mit sozialdemokratischem Brudergruß I. Austr.: Heinrich Reichenbach. Oschatz, 15. Juli. Die Wahlbewegung hat nun auch in unfern Wahlkreis ihren Anfang genommen, und ist es schon bei der Wahl 1877 als ein Eingriff in das Eigenthumsrecht der hier dominirenden konservativen Partei betrachtet worden, als die Sozialisten es wagten, einen Candidaten aufzustellen. Die damals abgegebenen 3500 sozialistischen Stimmen scheinen aber den Herren noch heute im Magen zu liegen; ja wohl, Ihr Herren! Dank unserer Rührigkeit fängt es auch in den vor- wiegend ländlichen Kreisen an zu tagen. Man geht nicht mehr zur Wahlurne auf Befehl von Oben, sondern aus Ueberzeugung. — Für Sonnabend, 13. d., hatten wir eine Volksversammlung im Völkner'schen Saal hier einberufen, unser Candidat Christian Hadlich aus Leipzig sollte über die bevorstehende Reichstags- wähl und die Presse sprechen,„doch mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten," unsere sogenannten reichstreuen Ordnungsmänner, bestehend in 50 Proz. Conservattven, 25 Proz. Liberalen und 25 Proz. Fortschrittlern, hatten anders beschlossen, der Sozialist durste diesmal hier unter keinen Umständen sprechen, schon Tags vorher lud man durch Cirkulair die Mitglieder des Gewerbe-, Bürger- und anderer Bereine ein, ja zahlreich in der Versammlung zu erscheinen; die meisten dieser Leute wußten natürlich nicht, um was es sich handelt, der Geschäftsführer der Pfitzner'schen Brückenwagenfabrik hatte die Arbeiter aufgefordert, die Versammlung Mann für Mann zu besuchen, um zur beab- sichigten Sprengung ihr Theil beizutragen. Um 8 Uhr war der Saal bereits gefüllt. Zur Ueberwachung waren der Bürger- meister und Stadtrath Lehmann erschienen, eine große Anzahl Lehrer, Beamte und sonsttge distinguirte Personen hatten Platz genommen und warteten der Dinge, die da kommen sollten. Gegen 9 Uhr eröffnete der Einberufer, Genosse Krohe, die Versammlung mit der Bitte, die Wahl e,neS Borfitzenden vorzu- nehmen; die„Ordnungsleute" riefen wie aus einem Mund: Oberlehrer Holzmüller, unsere Freunde: Krohe; einen Augenblick der Ruhe benutzend ließ Kr. über seine Person abstimmen, und war unzweifelhaft die Majorität auf unserer Seite, doch die Ordnungsmenschen konnten dies nicht dulden, sie riefen fortgesetzt ihren auserkorenen Holzmüller. Genosse Hadlich bat zur Ge- schäftsordnung ums Wort, um mitzutheilen, daß er auch unter oem Borfitz eines Gegners zu sprechen gesonnen sei, doch der überwachende Beamte verbot dies mit dem Bedeuten, es müsse erst der Vorsitzende gewählt werden. Unter solchen Umständen war es vorauszusehen, daß die Versammlung aufgelöst werden mußte, was denn auch seitens des Stadtrath Lehmann geschah. Ein Hoch auf Kaiser und König, sowie der Gesang der Wacht am Rhein bildete den Schluß dieser Versammlung; der Zweck war erreicht; ob aber die Anwesenden in ihrer überwiegenden Majorität ein derartige? Verfahren billigen, möchten wir sehr bezweifeln; Worte der tiefsten Entrüstung konnte man von vielen Seiten hören, die Wahrheit und das Recht sollen unterdrückt werden, wurde uns vielfach von schlichten Landleuten gesagt. Die Aufregung ob dieses Gebahrens war groß hier und ist uns sicher zum Bortheil.— Die auf Sonntag Nachmittag 3 Uhr in dem zwei Stunden von hier entfernten Städtchen Mügeln ein- berufene Versammlung endete auf dieselbe Weise, nur mit dem Unterschiede, daß der dortige Buchdrucker Strahmer zum Vor- fitzenden gewählt wurde und nachdem ein dicker Bäckermeister ein Hoch auf Kaiser und König ausgebracht hatte, die Versammlung schloß. Es war dieselbe Oschatzer.Sprenggarde", die sich in 15 Wagen nach Mügeln bringen ließ, um den dorttgen Bürgern einen Begriff von unserm„freien" Versammlungsrecht beizu- bringen; wir werden nun sehen. Ihr Herren Rittergutsbesitzer, Pastoren, Volksbildner und Fabrikanten, ob am 30. Juli das Volk Euch keine deutliche Antwort geben wird. Was habt ihr durch ein derartiges Verfahren erreicht? Das Rechtsgcfühl des Volkes ist tief verletzt, die Achtung vor Euch auf Null gesunken. Ist uns doch von verschiedenen Seiten gesagt worden: weil sie zu dumm und zu feig sind, um in der Versammlung ihre An- sichten mit Erfolg vertheidigen zu können, wird zu solchen unsaubern Mitteln gegriffen. Darum, Arbeiter, Landleute, Kleinbürger, fordern wir Euch nochmals aui, wählt am 30. Juli nur unfern Candidaten Chr.. Hadlich, Buchhalter in Leipzig. Kriekkastev der Redaktion. E. M. in Graz. Ist der Betreffende„deuticker Unterthan", so wird er sich in Deutschland zum Militärdienst stellen muffe», nur unter dieser Bedingung wird ihn ein deutscher Consul in Bukarest vom rumänischen Militärdienst„erlösen" können.— H. K. in Warfleth: Die deutsche Regierung ist entschieden für das Tabaksmonopol;. ob der nächste Reichstag sich mit dieser Frage beschäftigen wird, können wir noch nicht angeben.— W. B.: Sie haben ja keine Beweise dafür angegeben.— S. in Lachem: Die Adresse Bebel's i'i: Leipzig, Haupt- mannstr. 76. Auf die Stimmzettel schreiben Sie: August Bebel, Drechsler iu Leipzig.— der Expedition. W. Blh. Schw. Gmünd: Proudhon's Werke sind in deutscher Uebersetzung von Dr. Wilh. Jordan bei Otto Wigand in Leipzig erschienen. Quittung. Grnr Mannheim Schrft. 3,50. Lb Beuthcn Schrft. 1,50. Hnk Schweidnitz Schrft. 0,75. Fnnmnn Duisburg Schrft. 3,50. Schsr Fürth Schrft. 3,30. Stttnr Steyr Schrft. 4,40. Ptzld Glauchau Schrft. 1,10. Strt Coburg Schrft. 2,30. Chm Hamburg Schrft. 1,70. Gldstn Freiberg Schrft. 1,50. M. Mainz Schrft 2,10. Lbg Schrei- berhau Schrft. 1,45. Stb Breslau Schrft. 5,00. Frs Frankfurt Schrft. 0,80. Phlpp Dresden Schrft 1,40. Mbs Jsny Schrft 4,25. St. Zeitz Schrft. 1,80. Ktl Mannheim Schrft. 5,00. A. Berlin Schrft. 10,58. U. Ulm Schrft. 54 30. Sdl Tcuchern Schrft. 5,40. Krß Langendiebach Schrft. 1,50. Riss Quedlinburg Ab. 0,55. Stgmr Ueberlingen Schrft. 1,20. Slbmnn Oberlungwitz Schrft. 1,75. Fnu Buer Ab. 0,25. Lgs Hannover Ab. 200,00. Sbrt Cassel Ab. 20,00. Hrbg Würzburg Ab. 18,20. Schfr Gohlis Ab. 10,00. Hrtmnn Mainz Ab. 6,50. Krsch Troppau Ab. 17,01. Echnr Wien Ab'. 5,00. Brgr Seesen«b. 4,90. Prbstl München Ab. 22,50. Ahl Wien Ab. 5,24. Uftt Apolda Ab. 25,00. C. Wels Ab. 4.80. Arbeilervereiu Agram Ab. 3,50. Schrth Arad Ab. 3,50. Brnkmnn Hemme Ab. 10,80. Wahlfonds. Unbekannt. Bergmann 1,50; v. Genossen in L. d. H. 4 Gld.— 6,99; d. C. B. Ernstthal von einem Gesinnungsgenossen als Spende zur Unterstützung für Wahrheit und Recht 6,00; v. C. hier 3,00. Berichtigung: In dem Artikel:„Die Verfälschung der Lebens- mittel vor dem Reichstage", in Nr. 78 des„Vorwärts" muß es im Schlußsätze heißen:„Bevor wir die Richtigkeit dieser Borwürfe beleuchten".— In Nr. 79, zweite Seite, zweite Spalte, erste Zeile, statt Lycopodiumpillen, Lycopodiump ollen.— In Nr. 80, zweite Seite, zweite Spalte, fünfte Zeile v. oben statt: vezichte, verzichte. QptlUtft Krankenkasse der Kürschner. Sattler, Riemer, Beut- ■vvlf'giy. ler, Posamentirer, Strumpfwirker und Friseure. Sonnabend, den 27. Juli, Abends präcis 8 Uhr Generalversammlung in Schaaf's Restauration(früher Kühnrich) Nicolaistr. 51. Tagesordnung: 1) Rechenschaftsbericht über das verflossene Ge- schäftsjahr; 2) Bericht der Revisoren; 3) etwaige Anträge des Vorstandes oder der Mitglieder; 4) Neuwahl des Vorstandes und der Revisoren; 5) Neuwahl des Gewährsmannes. Leipzig, den 18. Juli 1878. Für den Vorstand(1,30 Chr. Hadlich, I. Bors. _ Die Mitgliedsbücher sind beim Eintritt vorzuzeigen. Männer-Chören empfehle ich meinen Musitalienverlag, als: Neun Arbeiter-Lieder. Liedersammlung des Allgem. Arbeiter-Sänger-Bundes Lief. 1—4. Drei Soloquartctte von G. Scholz. Ein armer Wandersmann. Baritonsolo mit Piano von G. Scholz, ä 50 Pfg. Preisliste gratis und ftanco. Emil Sauerteig in Gotha.[1,10 Durch die Expedition des„Vorwärts" ist zu beziehen:[2,10 Boruttau» Religion und Sozialismus..... M.—,40 -- Die religiöse Frage und das arbeitende Volk..,—,25 Geiser, DaS deutsche Reich und seine Gesetzgebung..„—,60 Liebknecht, Zur orientalischen Frage oder soll Europa kosackisch werden.........„—,30 -- Die Orientdebatte im deutschen Reichstage..„—,30 Für Colporteure. Vogel, Verfälschung der Lebensmittel; Enxülnder, Geschichte der französische« Arbeiter-Associationen und sonst. Partei- schristcn liefert soliden Colporteureu u. Wiederverkäuferu m. höchstem Rabatt i. Rechn. Mustersendung gratis. G. Alliier, Exportbuchh. Berlin, Forsterstr. 55.___(4b)(F. 41)[1,80 Prachtvoll und solid gearbeitete Einbanddecken (Goldprcffuna) für die „Neue Welt" Jahrgang 1876 u. 77 sind in Schwarz i Stück M. 1,20, in Roth M. 1,50 gegen baar oder Nachnahme durch die Buchbinderei von H. Jansen, Leipzig, unlverfitätsstraße 16 zu beziehen. Colpotteure und Filialexpedittonen erhalten bei Partiebezug entsprechenden Rabatt. Potto zu Lasten der Empfänger. HS. Bestellungen hierauf werden entgegengenommen und effektuirt von der Expedtti» n der„Nenrn Welii", Leipzig, FSrberstr, 12. Die Wahlagitationsnnminer. ist wieder vorräthig. Dieselbe enthält: 1. Ansprache des Centralwahlcomite, die Wahlen betreffend. 2. Zum bevorstehenden Wahlkampf. 3. Unsere Prinzipien. 4. Rückblicke auf den aufgelösten Reichstag. 5. Den Verläumdern. 6. Wahlgesetz und Wahlreglement sc. Preis für je 100 Expl. 1,50 M. ohne Porto. Versandt nur gegen baar oder Postvorschuß. Da wir erwarten, daß die Parteigenossen aller- orts von diesen Agitationsmittel in dem jetzigen Wahlkampfe den ausgiebigsten Gebrauch machen wer- den, ersuchen wir die Bestellungen rechtzeitig zu machen, damit nicht unliebsame Verzögerungen ein- treten. Die Expedition des„Borwärts". Verantwortlilb-r Redakteur: Julius Künzel in Leipzig. Redaktion und Expedition Färberstr. 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag der Scnossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.