irfdjttnt in Leipziz «ittwoch, Freitag, S-niita«. Abaunementspreii iür ganz Teutschland 1 M. KS Ps. pr» Quartal. Monat«- Abonnement» «erden bei allen deutschen Postankaltm snf den 2. und 3. Monat, und auf den MRtmat besonder« angenommen: im Mnigr. Sachsen und Herzogth. Sachsen- Altcnburg auch aus den iten Monat de« Quartali k 54 Psg. Inserate Setr. Versammlungen xr. Petitzeile l0 Ps., betr. Prtvatangctcgenbeitcn und Feste pro Petitzeile 30 Ps. Gentrat Hrgan der JJestclhiitzcn nehmen an alle Postanftalten und Buch. Handlungen de« In- u. Auslände«. Filial- Expeditionen. New-Dorl: Soz.-dcmokr. Genosten- schastSbuchdruckerei, 154 Qlllrillxs Str. Philadelphia! P. Haß, S30«ortd Zea Ktrsot. I. Boll, 1122 Charlotte Str. ftoSolen N.J.: F. A. Sorge, 21» Wash- ißgton Str. Chicago: A. Lansermann, 74 Cl>donrne»?». San Franziico: F. Entz, 413 v'b'urrsU Str London W,: T. Henze, 8 New'-fc1 Golden Square. Deutschtands. Nr. 91. Das Resultat der Wahl läßt sich im Augenblick, da wir dies schreiben, noch nicht über- sehen, und es kann daher keinen Sinn haben, sich über die Physiognomie und den Charakter des neuen Reichstags in Be- trachtungen zu ergehen, die, bei der Abwesenheit fester Unter- lagen, mehr oder weniger auf Kaunegießerei hinauslaufen müßten. Was speziell unseren Wahlkampf betrifft, so fehlen uns zwar noch viele Details, aber ein Gesammwrtheil ist doch schon möglich. Zwei Thatsachen stehen fest: Wir haben mehrere Sitze(6: Chemnitz, Leipziger Landkreis, Zwickau, 6. Berliner Kreis, Reuß ält. Linie, Reichenbach-Neurode) verloren, und bis jetzt blos in drei Wahlkreisen(Glauchau, Stollberg- Ichneeberg und Reichenbach) definitiv gesiegt. fJn drei der 12 Kreise, welche wir 1877 errungen hatten, kommen wir zur Stichwahl(Solingen, Dresden-Altstadt und Berlin 4. Wahlkr.).) Dieser scheinbar ungünstigen Thatsache steht aber die andere Thatsache zur Seite, daß in den meisten Wahlkreisen, um welche wir kämpften, die Zahl der für uns abgegebenen Stimmen be- deutend gewachsen ist. Da wir, wie in dem Wahlaufruf des Centralwahlcomitäs von vornherein erklärt ward, unsere Kräfte ausschließlich auf die„offiziellen" Wahlkreise conzentrirten und nicht wie früher nach möglichst hohen Stimmenziffern in allen Theilen des Reichs strebten, so wird die Gesammtsumme der sozialdemokratischen Stimmen wohl kaum die Ziffer von 1877 erreichen; dagegen ist es gewiß, daß wenn wir blos diejenigen Orte, um die wirklich gekämpft wurde, rechnen, sich ein sehr namhafter Fortschritt der Partei ergiebt. Besonders gilt dies von Berlin, wo unsere Stimmenzahl sich seit Januar 1877 beinahe verdoppelt hat.(S. unter Berlin!) Bedenken wir nun, daß die Reaktion bei dieser Wahl sich Beeinflussungen, Einschüchterungen, Willkürafte, ja direfte Gewalt- akte erlaubt hat, die sie unter halbwegs normalen Zuständen nimmermehr gewagt haben würde; bedenken wir weiter die ab- scheulichen Verdächtigungen unserer Partei, das durch eine gewissenlose Presse systematisch genährte Attentatsdelirium und die politische Unreife eines großen TheilS unseres Bürgerthums, der auS blödsinniger Angst vor dem Rothen Gespenst in ein förmliches Zitterfieber verfallen war und am Wahltag seine fünf Sinne noch nicht zusammengefunden hatte, so daß es blindlings der Reaktion die rohesten Handlangerdienste leistete— bedenken wir das Alles, dann müssen wir zu der Ucberzeugung gelangen, daß die Lebenskraft der Sozialdemokratie durch den 30. Juli 1878 wiederum auf's Glänzendste bewiesen(ihre Unbesiegbar- keit über jeden Zweifel erhoben) worden ist. Und erwägen wir ferner, welche Festigkeit dazu gehörte, bei dieser Wahl Zeugniß für die Sozialdemokratie abzulegen; wie vollständig illusorisch an Tausenden von Orten das Wahlgeheimniß gemacht wurde; mit welcher Schamlosigkeit jeder Arbeiter oder Kleinbürger, der nicht für den Candidaten der Ordnungsparteien stimmte, mit E n t l a s su n g aus der Arbeit oder g e s ch ä st l i ch e m Ruin bedroht ward,— dann wird man uns beipflichten, wenn wir sagen: jede unter solchen Verhältnissen abgegebene Stimme zählt für zwei unter gewöhnlichen Verhältnissen. Mindestens die Hälfte Derer, die am 30. Juli für die Sozial- demokratie eintraten, setzten dadurch ihre Existenz auf das Spiel. Und doch statt des„Rückgangs" ein Fortschritt, ein Stimmen- zuwachs. Wahrlich der 30. Juli ist für die deutsche Sozial- demokratie ein Tag des Triumphs. Wir wissen nicht, ob wir in den noch streitigen unserer 12 früheren Sitze den Sieg erringen werden; wir wissen nicht, ob und welche Erfolge wir in den Dutzenden(eine genaue Ziffer liegt uns nicht vor) von Stichwahlen, die uns in anderen Wahl- kreisen bevorstehen, erringen werden— allein das wissen wir: die Partei wird überall, wo sie zu kämpfen hat, ihre Schuldig- keit so voll und ganz thun, wie am 30. Juli; und sie wird am Ende des gegenwärtigen Wahlfeldzuges dem Feinde eine stolzere Stirn und geschlossenere Reihen darbieten, als beim Eintritt in die Campagne. Auf den Verlust von Sitzen waren wir vorbereitet. Daß unsere Partei noch nicht die Majorität in Deutschland hat, das war uns vor der Wahl so gut bekannt wie heute; und daß es einer Toalition der feindlichen Parteien gelingen mußte, uns diesen und jenen Sitz zu entreißen, war von vornherein selbst- verständlich. Aber haben wir denn überhaupt eine Partei, welche allen anderen Parteien gegenüber die Majorität hätte? Und war unsere Partei nicht während der Wahlcampagne thatsächlich außerhalb des Gesetzes gestellt? Die paar Sitze, die man uns durch Mittel, welche die „Sieger" brandmarken, entrissen hat, werden wir gelegentlich wiedererobern; diese Verluste werden hunderffach aufgewogen durch den Gewinn an Stimmen in den Centren des politischen Lebens, und durch die glorreiche Haltung unserer Partei in dem Wablseldzug und am 30. Juli. Kurz: das Attentat gegen die Sozialdemokratie ist kläglich gescheitert. Man wollte uns meucheln, und man hat uns mächtig gestärkt; man wollte unsere Partei in Scherben zerschlagen und man hat das Eisen zu Stahl gehämmert. Sollte sich nach der Lehre des 30. Juli in Deutschland noch ein Mann finden,„genial" genug, um zu vermeinen, die Sozial- demokratie sei durch Ausnahmegesetze zu vernichten, wohlan, er ulöge„sein Glück probiren". Wir können Niemand verhindern, mit Windmühlen zu kämpfe». Was auch versucht werden möge, uns kann's gleichgültig sein. Höchstens zwingt man uns zu veränderter Kampfweise und schädigt dabei die„nationalen Interessen" dergestalt, daß..d"r Sozialdemokratie Hunderttausende Sonntag, 4. August. von Rekruten zugeführt werden, die sonst die Armee der Feinde geschwellt hätten. Und nun, Genossen, von Neuem in den Kampf! Die Schlacht der Stichwahlen ist noch zu schlagen! Die Volksvertretung. Bon Ad. Douai. II. Ein Beispiel mag zeigen, wie die von uns gedachte Einrich- tung in der Wirklichkeit sich gestalten würde. Wir wählen dazu den Beruf, der am zahlreichsten vertreten ist und für die Volks- wirthschaftslehre die meisten schwierigen Aufgaben darbietet— den Beruf der Ackerbauer und Landwirthe überhaupt. Wir gehen dabei von der Boraussetzung aus, daß jedes Land sein durchschnittliches Maß von Lebensmitteln selbst erbauen und nur den gelegentlichen Fehlbetrag anderswoher einführen sollte, und daß Culturländer nur insoweit Rohstoffe für Handwerke und Fabriken erzeugen, als für das eigene Land ausreichen. Auf die Gründe hierfür lassen wir uns hier der Kürze wegen nicht ein. Wir nehmen ein Land von der Größe Deutschlands, welches in zwei Klimagürteln liegt und ebensowohl fruchtbaren als kargen Boden in mehreren Abstufungen enthält, so daß gleichviel gleich tüchtige Arbeit einen ziemlich verschiedenen Ertrag liefert. Ein Arbeitstag von— sage acht Stunden, auf's Jahr gleich vertheilt gedacht, wenn auch je nach der Jahreszeit von verschiedener Länge, muß, bei der Landwirthschaft verwendet in durchschnitt- licher Güte, einen gleichen Durchschnittswerth in jedem Landes- theile haben— das erfordert die Gerechtigkeit. Der Naturfaktor aber— die Fruchtbarkeit und das Klima mit seiner verschiedenen Länge des Sommers und der heiteren Zeit— belohnen gleichen Fleiß mit verlchiedenem Ertrage. Wie kann nun der Arbeitstag überall gleichviel Werth haben? Dazu, dieses Räthsel zu lösen, ist eben die Gewerkschaft der Landwirthe da, welche ihre Bezirks-, Landschafts- und Reichs- Vertreter wählt. Sie theilen alle Bodenarten nach den aus einer Reihe von Jahren gezogenen Durchschnitts-Erträgen in— sage zehn— Grade der Ergiebigkeit ein. Jeder Grad zahlt dem Staate eine verschiedene Pachtsumme, die fruchtbaren Aecker und Wiesen also bedeutend mehr als die unfruchtbaren. Die Pacht- summe ist zugleich die einzige Steuer im Staate(und zwar für alle Gewerke) und aus ihr werden nicht nur alle Staatsaus- gaben gedeckt, sondern auch ein mäßiger Zins für alle Staats- darlehn behufs der Verbesserung des Bodens und der Betriebs- weise. Durch diese, unter dem Beirathe der Ackerbau- Chemiker und Ackerbau- Mechaniker und anderer Gewerkschaften allmählich überall durchgeführten Verbcsserungen des Bodens und der Be- triebsweise wird der anfänglich sehr verschiedene Ertrag gleich- mäßiger gemacht, und die große Verschiedenheit der Pachtsummen einigermaßen ausgeglichen. Die Pachtsumme also bewirkt eine überall gleiche Belohnung des ackerbaulichen Arbeitstage?. Zugleich aber bestimmt sie den Preis aller im Lande er- zeugten Lebensmittel und Bodenerzeugnisse, und zwar für das ganze Reich in annähernd gleicher Höhe. Sie muß dazu die Einwilligung der übrigen Gewerkschaften haben und schließlich noch die der politischen Volksvertretung. Es ist anzunehmen, daß sie diese Einwilligung erhalten wird, wenn und weil sie nicht selbstsüchtig verfährt, sondern ihre Veranschlagung durch Gründe der Billigkeit und Gerechtigkeit stützen kann. Diese Preise werden nur noch in sehr engen Grenzen durch das Spiel des Angebots und der Nachfrage mitbestimmt werden; denn es giebt keine Spekulation in Ackerbauerzeugnissen mehr. Die Ackerbau- gewerkschaft löst diese Aufgabe in folgender Weise. Es ist nicht mehr oberster Zweck aller Produftion, einen möglichst hohen Reinertrag und Privatkapital zu erzielen; denn jede beliebige Summe von Anlagekapital zur Verbesserung der Produftion kann vom Staate geschaffen werden, und sie wird nur auf Empfehlung der Sachverständigen hergeliehen, wenn sie in irgend einem Geschäft eine sichere und nothwendige Bermeh- rung oder Verbesserung der Produttion verheißt, und die Acker- bau-Gewerkschaft sorgt für ihre zweckmäßige Verwendung. Statistische Erhebungen stellen das Bedürfniß an Lebensmittkln für das beginnende Jahr fest, und es wird dafür gesorgt(nicht zwangsweise, sondern durch Empfehlungen), daß die Produktion das Bedürfniß ungefähr decke. Kleine Üeberschüsse werden theils durch Magazinirung(und bei rasch verderbenden Lebensmitteln durch Verwandlung in dauerhaste) theils durch Austausch mit anderen Staaten verwendet, ohne daß dadurch der Preis be- deutend gesentt zu werden braucht; kleine Fehlbeträge werden importirt, ohne daß der Preis stark gesteigert zu werden braucht — dafür sorgt schon das Weltparlament der Gewerkschaften. Große Ausfälle an Ernteerträgen werden im Verlaufe der Zeit immer weniger denkbar, jemehr rajohlt und drainirt, und der Gebirgswald geschont wird, Bodenarten gemischt, die zweck- mäßigsten Fruchtfolgen und die passendsten Sämereien angewendet werden. Aber lange bevor man in dieser und ähnlicher Weise den Nawrfaftor in Menschengewalt bekommen hat, kann ein mög- lichst wenig schwankender Preis durch Vereinbarung aller in den Gewerkschaften der Welt vertretenen Bürger erzielt werden, welche der Plusmacherei ein Ende machen wollen. Aber die Gewerkschaft hat mehr Aufgaben. Sie soll unter ihren eigenen Mitgliedern Gerechtigkeit herstellen. Was eine blos politische Volksvertretung niemals könnte— die Leistungen jedes Bürgers im Berhältniß zum Gesammtwohl gerecht bemessen und die Bedürfnisse eines jeden gehörig zu würdigen, das können die Bürger, wenn sie als Sachverständige in ihrem Berufe zusammen- treten. Bon seinen Fachgenosscn allein kann der Fachgenosse ein möglichst gerechtes Urtheil über seine Leistungen und Be- dürfnisse erwarten. Er kann es umsomehr, wenn die Unterschiede 1878. in der Arbeitsvergütung nicht groß gemacht werden, und wenn das ganze Staatswesen darauf berechnet ist, Jedem ein menschen« würdiges Dasein, ein sorgenfreies Alter, möglichst viel Muße zur Selbstbeschäftigung, freie Berufswahl und Bewegung überhaupt zu geben, wenn die Zukunft seiner Familie gesichert ist, und die Ersparniß von Privatkapital ihm weniger Genuß verschaffen kann, als ihm gesellschaftliche Consumtion gewährt. Gesetzt also, die Ackerbaugewerkschast verordnete drei Lohngrade(Lohn hat hier einen ganz anderen Sinn als heutzutage)— den durch- schnittlichen und einen nur wenig niedrigeren, sowie einen nur wenig höheren, und die örtliche Gewerkschaft hätte zu bestimmen, zu welchem der drei Grade jedes Mitglied berechtigt sei, so wäre ein Aufsteigen vom niedrigsten zum höchsten Grade Niemandem benommen, die Freiheit also gewahrt. Gesetzt ferner, daß jeder Ackerbauer sich die örtliche Genossenschaft wählen könnte, und sie wechseln nach Ablauf seiner Vertragszeit, so wäre seine Freiheit noch mehr gewahrt. Ueberall ferner, wo er sich anschließt, findet er Consumvercine, welche gemeinsam wirthschaften und ihm die möglichsten Annehmlichkeiten des Lebens bieten, so daß er seinen Anschluß an den ihm zusagendsten bewerkstelligen kann, so wird er seine Freiheit noch weniger beeinträchtigt finden. Gesetzt, er ist ein Forscher und Bersuchansteller, so wird ihm seine GeWerk- schaft, weil sie sein Thun zu beurtheilen versteht, die gemeinsamen Mittel dazu und freiwillige Arbeitskräfte während der Muße- stunden zu Gebote stellen, seine Erfolge allgemein bekannt machen und ihm die daraus fließende ehrenvolle Anerkennung verschaffen. Entdeckungen und Erfindungen werden natürlich Gemeingut sein und sofort von der Gewerkschaft nutzbar gemacht werden. Es fragt sich, wie jede Gewerkschaft sich die nöthige Anzahl von Arbeitern verschaffen kann, wenn es daran fehlt, und wie sie die überschüssigen verwenden kann, ohne ihrer Freiheit Ab- bruch zu thun. Gerade beim Ackerbau wird eher die erstere als die letztere Frage eintreten, weil das Landleben für Jedermann einen mächtigen Reiz hat, und da dieser Reiz mit dem späteren Lebensalter zunimmt, so kann es an freiwilligen Arbeitskräften kaum je fehlen, zumal Maschinen im Nothfalle stellvertreten können. Ein Ueberfluß an Ackerbau-Arbeitern kann deswegen nie eintreten, weil die Bodenverbesserung immer weiter getrieben, und der rationelle Bodenbau nie auf schlechthinige Vollkommen- heit gebracht werden kann. Der Segen der gewerkschaftlichen Einrichtung wird sich gerade darin zeigen, daß die Erkenntnisse der Wissenschaft und der Fortschritt der Technik in den Gewerk- schaften einflußreiche Organe finden und von der Staatsverwal- tung alles nötbige Kapital erlangen können, um auf einem ge- gebenen Stück Boden eine immer dichtere Bevölkerung und höhere Cultur vollauf mit den ersten Lebensbedürfnissen zu versorgen. Die Gewerkschaften werden ferner Beweggründe genug haben, das Erziehungswesen des Staates auf alle Weise zu unterstützen. Sie kommen in stete Berührung mit den Gewerkschaften der Chemiker, Mechaniker, Aerzte, Lehrer und aller gelehrten Berufe; sie werden durch diese, falls sie es nicht schon wären, zu der Ueberzeugung bekehrt, daß Niemand zuviel Bildung und Kennt« nisse haben könne, am wenigsten der Ackerbauer, dessen Geschäft nie aufhören wird, eine große Mannigfaltigkeit von Thätigkeiten zu veremlgen. Wenn die vielen hochgebildeten Ackerbauer, welche es bereits giebt, auf die verdummten ländlichen Bevölkerungen als Fachgenossen einwirken müssen, so werden sie bald die träge Masse durchsäuern. Wenn der Bauer endlich einmal mittelst der Gewerkschaften gesetzgeberischen Einfluß erlangt, wird er die Wichtigkeit der Bildung begreifen. Die Gewerkschaften werden also die mit jeder Volksschule verbundene Arbeitsschule mit Lehrern und Lehrhülfsmitteln ausstatten, um jedem Schüler die nöthige Vorbereitung zum Acker- und Gartenbauer zu er- theilen, damit er gelegentlich einen tüchtigen Gehülfen m der Äodenbewältiguug abgebe. Di« Bestimmung der jedesmaligen Vergütung eines Arbeits- tages ist natürlich nicht von der Ackerbau- Gewerkschaft allein, sondern vom nationalen Gewerkschafts- Parlamente zu erwarten, in welchem alle Berufe vertreten sind. In diesem Parlamente wird nicht die Seelenzahl des Volkes vertreten— denn eS handelt sich um lauter gleichberechtigte Berufsinteressen. Aber es kann auch nicht jede Berufsgenossenschaft gleichviel Stimmen haben; denn nicht jede ist gleich unentbehrlich. Es werden in diesem Parlamente die Stimmen nicht gezählt, sondern gewogen. Das bedeutet, daß die Gründe für jedes Interesse abgewogen werden, und daß zu jedem Gesetzvorschlage, welcher der politischen Volksvertretung vorgelegt wird, entwedqv Einstimmigkeit oder nahezu Einstimmigkeit gehört. Auf die Verfassung der GeWerk- schaften brauchen wir uns nach dieser Andeutung nicht weiter einzulassen. Es ist klar, daß ihr Parlament zu einem möglichst gerechten Compromisse kommen muß, wenn die ganze Volks- wirthschaft nicht stillstehen oder in gräuliche Verwirrung gerathen soll, und daß dieses Compromiß alljährlich verbessert werden kann. Wahlresultate. Sachsen. 1. Wahlkreis(Zittau) Dr. Rentzsch(N.-L.) 4987, Freytag (S.-D.) 1764, Graf Stolberg(Ultr.) 277.'" �» 4.(Neustadt-Dresden mit Dörfern) bis jetzt Dr. v. Schwarte (F.-C.) 6460, Liebknecht(S.-D.) 6459. 5.(Altstadt-Dresdens Frhr. v. Friesen(F.-C.) 7269, Waltor (F.) 5809, Bebel(S.-D.) 9892. Stichwahl. 6.(Dippoldiswalde ic.) bis jetzt Ackermann(C.) 3275, Boll- mar(S.-D�) 3908. 7.(Großenham ic.) bis jetzt Nauert(S.-D.) 1692, Richter 3107. 4262'. 0,5W 10.(Döbeln) bis jetzt Schaffrath(K.) 2995, Burckhardt (I.-D.) 3313. 11.(Würzen) bis jetzt Günther(F.-C.) 2K24, Hirsch(F.) 586. Hadlich(S.-D.) 783. 12.(Leipzig- Stadt) Dr. Stephani(N.-L.) 11,940, Bebel (S.-D.) 5819, Dr. Heine(F.) 2361.(Zersplittert 63, un- giltig 97.) 13.(Leipziger Landkreis) bis jetzt Dietze(F.-T.) 12,735, Ramm(I.-25.) 11,438. 14.(Borna:c.) bis jetzt Dr. Frege(C.) 5044, Jerrmann (N.-L.) 1976, Geiser(S.-D.) 3793 Stimmen. Das flache Land fehlt meist noch. 15.(Mittweida) Dr. Gensel(N.-L.) 3681, Böttcher(C.) 2991, Vahlteich(S.-D.) 5244(Stichwahl). 16.(Chemnitz) Vopel(N.-L.) 13,800, Most(S.-D.) 9898. 17.(Glauchau) Bis jetzt Bracke(S.-D.) 10,946, Birnbaum (N.-L.) 8168. 18.(Zwickau) Resultat aus 38 Orten: Motteler(S.-D.) 10,684, Streit 11,372. 19.(Stollberg) Liebknecht(S.-D.) 7538, Löwe(F.) 6663. 20.(Wolkenstein) Wiemer 4287, Mangold(T.) 3100, Brockhaus(N.-L.) 2695. 21.(Annaberg� Wiemer(S.-D.) 2321, Holtzmann(N.-L.) 5106. 22.(Reichenbach) Auer 6984, Dietel 446, Schmiedel 3735, Opitz 1376. 23.(Plauen) Burckhardt 2128, Meusel 841, Landtmann (N. L.) 2958, Werner(F.-C.) 430. Im übrigen Deutschland. Barmen- Elberfeld: Hasselmann 11,443, Prell(nat.-lib.) 7189, Aegidi(fortsch.) 6209, Schorlemer-Alst(ultr.) 3051. Offenbach: Liebknecht 5257, Dernburg(nat.-lib.) 6500, Flinsch(fortsch.) 804, Wasserburg(ultr.) 2942. Ottensen: Stöhr2897, Beseler(nat.-lib.) 1774, Selig(forts.) 1699. Halberstadt: Dr. Stamm 1542, von Bernuth(nat.-lib.) 2489, v. Blumenthal(cons.) 114, Schorlemer(ultr.) 103. Bremen: Frick 6302, Mösle(nat.-lib.) 14,356. Solingen: Rittinghausen 5067, Melbeck(nat.-lib.) 6835. (Stichwahl.) Magdeburg: Bracke 6253, Unruh(nat.-lib.) 12,173, Moltke (cons.) 614, Majunke(ultr.) 269. Stuttgart: Dulk 3964, Leipheimer(Bolkspart.) 3463, Hölder (nat.-lib.) 10,391, Probst(ultr.) 264. Breslau: 1. Bez. Reinders 6587, Molinari(nat.-lib.) 5406. (Stichwahl.) 2. Bez. Kräcker 6432, Bürger 8070.(Stichwahl.) Königsberg: Cons. 7830, Lib. 5352, Soz. 1104. Greiz: Bios 3100, Merz(freicons.) 4300. Frankfurt a. M.: Döll 4080, Sonnemann(Bolksp.) 6367, Barrentrapp(nat. lib.) 4589, Ebner(forts.) 2526. Braunschweig(Stadt): Bracke 6596, Bode(nat.-lib.) 6369. Altona: Prast 11,662, Karsten(fortsch.) 10,572.(Stich- wähl.) Hannover: Fritzsche 6530, v. Brüel(Part.) 10,924, Ben- nigsen 6033.(Stichwahl.) Mainz: Liebknecht 3291, Reuleaux(nat.-lib.) 7297, Moufang (ultr.) 6979, Guido Weiß(Bolksp.) 930. Essen: Stötzel(christl.-soz.) 14,527, Krupp(freie.) 13,903. Lennep-Mettmann: Henning 2475, Dr. Techow(nat.-lib.) 8340, Vowinkel(freicons.) 8300, Reichensperger(ulta.) 3102. Eßlingen: Motteler 761, Retter(Bolksp.) 1077, Werner (cons.) 624. Augsburg: Most 976, Fischer(nat.-lib.) 4961, Dr. Freitag (ultr.) 3267. Lübeck: Schwarz 1588, Dr. Klugmann(nat.-lib.) 6247. Düsseldorf: Rittinghausen 400, Bernards(Centr.) 7360, Landtvogt(nat.-lib.) 2960. Altenburg: Stolle 2913, Findeisen(cons.) 7947, Oppen- heim(Bolksp.) 997. Kiel: Oldenburg 7097, HSnel(Fortsch.) 10,513, Kloch (freicons.) 3062. Ueberstcht der Volksbewegungen im 19. Jahr- hundert. (Forlsetzung.) Als ob es gälte, dem Fortschritte der Freiheit jede ober- flächliche Eile zu wehren, droht daher heute die Universalherr- schaft, die Fessel der Bildung und Freiheit gefahrvoller sollte es scheinen als je, nicht mehr von den katholisch-romanischen Völkern aus, die von dem germanischen Geiste mehr und mehr angesteckt wurden, sondern von den griechisch slavischen, die allen europäi- schen Stämmen an Cultur und Religion feindselig gegenüber- stehen. Es find rohe Massen in unwirthlichen Gebieten, die zum Verlassen mehr auffordern als zum Bleiben. Massen, die handlich in der Hand eines Despoten und Eroberers sind, von Einem Glauben zusammengehalten, dessen alleiniges Haupt, der Czar, alle weltliche und geistliche Macht in jenem furchtbaren Verbände befitzt, der von den Universalherrschern des Westens so eiftig gesucht ward. Was die Gefahr noch immer höher steigert: in diesen slavischen Stämmen wird das Gefühl eines feindlichen Gegensatzes gegen Europa, einer großen Gemeinsam- keit eines weltgeschichtlichen Berufs, die überbildete Gesellschaft zu'verjüngen, durch eine panslavistische Literatur und Politik unterhalten, was den Zusammenstoß zweier verschiedener Staats- VrinUvien zugleich zu einem großen Kampfe der Volksstämme zu machen droht. Dies ist noch nicht Alles, was die Aussichten Rußlands ins Grenzenlose auszudehnen verspricht..Auch im Räumlichen ist dieselbe Gunst der Verhältnisse zu bemerken, wie in den Beziehungen des Staats, der Stämme, der Rellgionen. Schon hat Rußland die Türkei um große Gebiete in Asien und Europa beraubt, es hat in allen griechischen Bekenner» im Oriente natürliche Verbündete. Gelänge es ihm bei einer glück- lichen Gelegenheit, das türkische Reich zu verschlingen, so hätte es außer diesem unschätzbaren Erwerbe im Rücken das größte, der Wiedergeburt bedürftige Festland, das ihm eine unermeßliche, zusammenhängende Herrschast, eine unweit nützlichere und sicherere Machtausdehnung entgegenböte, als sie je Spanien oder England in ihren Pflanzstaaten besessen haben. Schwäche des Conservatismus. Was über diese Gefahren von Osten her auf der anderen Seite beruhigen mag, sind die Erfahrungen aller früheren und auch die der neuesten Geschichte selbst. Was einem Manne wie Napoleon, von Frankreich aus, mit Franzosen und mit dem halben Europa im Bunde, nicht gelungen ist, das möchte Ruß- land noch schwerer werden auszuführen. Viel weniger hätte man erwartet, daß Oesterreich, getheilt in eine bunte Verschieden- heit von Nationen, mit Beamten und Subalternen noch einmal Gera: Lange 1855, Dr. Jäger(nat.-lib.) 5786, Träger (Fortsch.) 3132. Iserlohn: Tölke 582, Overweg(lib.) 6204, Schlieper(nat.- lib.) 7113, Schorlemer-Alst(ultr.) 3290. Worms: Dreesbach 415, Görz(nat.-lib.) 7499, Biegeleben (klerikal) 2855. Sozialpolitische Ueberstcht. — Ein Nothschrei, der jedem„Reichsfeind" das Herz im Leibe muß lachen machen, wird von der nationalliberalen „Magdeburgischen Zeitung" ausgestoßen. Sie schreibt am Tage der Wahl:„Noch ehe das Resultat des 30. Juli bekannt ist, läßt sich bereits mit Gewißheit vorhersehen, daß der neue Reichs- tag sehr ernsthafte Wahlprüfungen wird vornehmen müssen. Allem Anscheine nach hat die Beeinflussung durch Staats- beamte in diesem Wahlkampfe einen bisher nicht gekannten Umfang erlangt. Die„Kreuzzeitung" ereifert sich darüber, daß in dem nichtamtlichen Theile einzelner Kreisblätter national- liberale Reichstagscandidaten belobt worden seien. Sie meint, dadurch müsse das Volk irregeführt werden. Dagegen, daß in der ungeheuren Mehrzahl der Kreisblätter die heftigste Agitation für conservative Candidaten betrieben worden ist, hat das feu- dale Blatt selbstverständlich nichts einzuwenden. Aber was will diese Thätigkeit der Kreisblätter vermittelst ihres nichtamtlichen Theiles besagen gegen die offene Wühlerei der Berwaltungs- organe? Die„Kreuzzeitung" selbst war neulich der Ansicht, daß die Betreibung der offiziellen Candidaturen aus Klugheits- rücksichten nicht durch eigentliche Beamte erfolgen dürfe. Man scheint indeß diesen guten Rath schlecht beherzigt zu haben. Die seltsamsten Nachrichten gehen uns in dieser Beziehung aus dem Fürstenthum Waldeck zu. Dort war als conservativer Can- didat ein Herr v. Quast, Landrath zu Neu-Ruppin, aufgestellt. Kreisamtmänner machten für diese Candidatur, namentlich bei den Bürgermeistern, ihren ganzen Einfluß geltend; in einem Kreisamtsgebäude wurde das Programm des Herrn v. Quast vertheilt; in nicht wenigen Dorfgemeinden prangte der Aufruf für Herrn v. Quast an dem nur für amtliche Bekanntmachungen bestimmten Schwarzen Brett. Ein geistlicher Kreisschulinspeklor ermahnte in dieser ferner Eigenschaft die Lehrer zur Beförderung der Quast'schen Candidatur. Dann bereiste Herr v. Quast selbst das ganze Land, wobei nicht nur ein Kreisamtmann, sondern sogar der höchste Verwaltungsbeamte, der von Preußen bestellte Landesdirestor, mit ihm umherzog und durch seine demonstrative Anwesenheit in den Versammlungen der fanatischen Verunglim- pfung der liberalen Parteien und den haarsträubenden Ber- sprechungen des Herrn v. Quast gewissermaßen das offizielle Siegel aufdrückte.— Wir zweifeln nicht, daß die nächste Zeit ähnliche Beispiele in Fülle zur allgemeinen Kenntniß bringen wird. Der aufgelöste Reichstag ist gegen jede amtliche Beein- flussung der Wahlen mit durchaus berechtigter Strenge einge- schritten. Wir hoffen, auch die neue Volksvertretung, wie immer sie zusammengesetzt sein möge, wird von dieser Praxis nicht ab- weichen. Es handelt sich dabei für den Reichstag um eine Exi- stenzfrage. Der Reichstag ist für unsere neugeschaffene nationale Einheit vielleicht das stärkste Band. Er müßte diese Eigenschaft verlieren, wenn er nicht mehr aus dem freien Entschlüsse, u�r- mittelbar aus dem Herzen der Nation, sondern aus einer Pra- sektenbevormundung nach napoleonischem Muster hervorginge. Darum wird er mit fallen Ungehörigkeiten der letzten Wahlbe- wegung unnachsichtlich' in's Gericht gehen müssen."— Nur zu! Soll uns freuen. Nur hoffen wir, daß man dann ebenso„un- nachsichtig in's Gericht gehen wird" mit den schamlosen Wahl- beeinflussungen, die seitens liberaler Arbeitgeber gegen sozialdemokratische Arbeiter zur Erwirkung liberaler Wahlen verübt worden sind— Wahlbeeinflussungen, die an Brutalität und Schamlosigkeit Alles weit hinter sich lassen, was von Staats- beamten verübt worden ist. —„Erkenntniß und Umkehr". Weshalb der Reichs- tag aufgelöst wurde, verräth die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung", das Bismarck'sche Leibblatt, in einem Leitartikel, der ü. A. Folgendes besagt: das System des däpa�ser, des Gesammtstaates, oder eines großen Reichs der Mitte versuchen würde, ein System, das dem fähigsten Gewalthaber, Soldaten und Staatsmanne mit dem einheitlichsten Volke fehlschlug, das in Oesterreich selbst dem edlen Joseph miß- lungen war, und an dem sich selbst eine verbundene Napoleonische Kraft und Josephinische Herzensgüte vergeblich versuchen würde. Universalherrschaften gedeihen nur auf den Trümmern verfallener Staaten und nach gänzlicher Erschöpfung der Voltskräfte. In dieser Hinsicht täuscht man sich leicht über das Alter Europas und die angebliche Entartung seiner Civilisation. Dieser Welt- theil zeugt von Zeit zu Zeit immer wieder große, ungenutzte und gesunde Kräfte aus seinem Schooße, ergänzt und erfrischt sich dadurch, daß er sich als Ganzes unter den wechselnden An- strengungen seiner Theile bewegt, und hat als Ganzes den Höhepunkt seiner politischen Entwickelung noch lange nicht erreicht. Noch ist bis heute die Frucht der Bildung in Europa(seine politisch- und geistige Aufklärung, seine gewerbliche Thätigkeit und der Reichthum, den beides schafft) eine Quelle der Macht und des nationalen Selbstgefühls gewesen, nicht eines entnervenden Luxus und einer Käuflichkeit der Menschen. Und diese Güter und diese Macht könnten, so lange sie nicht durch Ueberfülle in Uebel und Unmacht ausschlagen, nur von solchen Stämmen ein- gezogen werden, die die europäischen Völker auf dem gleichen Boden an den gleichen Gütern überböten und mit einer ähnlich begründeten Macht überwältigten. Dafür aber haben selbst die begabtesten slavischen Stämme wenig Anlage bewiesen. Die Böhmen haben eine Kirchenverbesserung vor D-utschland versucht, aber mit der Widerlage eines bildungsfrohen Volkes entging ihr die Haltbarkeit. Die Polen berathschlagten unter den günstigsten Verhältnissen mit Calvin über ihre Reformation, aber ihm ward bald der Ernst de? Adels, ja die Aufrichtigkeit des resormatori- schen Bedürfnisses in der ganzen Nation verdächtig. Böhmen versuchte auch seine Revolution und politische Selbstständigkeit gegen Oesterreich in einem versprechenden Zeitpunkte, aber sie gelang nicht. Die Polen befragten Rousseau über eine Ver- fassungsveränderung, wie sie Calvin über ihre Reformation befragt hatten, und zu einer Zeit, wo die Mächte sie nicht in ihren Verbesserungen gehindert hätten; aber sie verschoben sie, bis die französische Revolution den Vorwand gab zu der schwach- vollsten aller politischen Unthaten. Weniger als dies Wenige hat sich bisher in Rußland gezeigt. Kein Bedürfniß religiöser Selbstthätigkeit und Fortbildung hat hier laut zu werden gewagt. In dem Adel hat sich kein körperschaftliches Streben nach einer aristokratischen Staatsbildung geregt. Die bürgerlichen und ge- werblichen Entwickelungen sind weder von dem Volksgeiste noch von der Oertlichkeit unterstützt. Der Staat ist aus den Zuständen der orientalischen Despotie im Wesentlichen nicht herausgetreten. Wenn es sich daher einst um die Civilisation des Orients han- „Unser Kaiser, der vor acht Jahren zottoertrauend an Eurer Spitze ausgezogen, verläßt verwundet seine Staaten, um an den Heilquellen eines benachbarten Landes Genesung zu suchen. Die Hand, welche unermüdlich war in der Sorge für das Wohl des Reiches, in treucster Pflichterfüllung, sie ruht in der Binde s o muß unser Kaiser vor den Augen der sremden Völker er- scheinen. Wähler in Stadt und Land! Gebt durch Euer Votum am morgigen Tage zu erkennen, daß die Nation in Treue um ihren Kaiser geschaart bleiben, daß sie mit den falschen Doktrinen brechen, im Fortbauen an ihrer historischen Entwickelung fortan allein ihr Heil suchen will. Aus Millionen treuer Herzen steigen die innigsten Wünsche und Gebete empor, den Kaiser auf seiner Reise zu geleiten, seine baldige und völlige Genesung zu erflehen. Diese Wünsche können keinen besseren Ausdruck finden, als in einem Wahlergfebniß, welche dem Kaiser die volle Bürgschaft bietet, daß das tiefschmerzliche Ereigniß vom 2. Juni für die große Mehrheit des deutschen Volkes zum Zeichen der Erkennt- niß und der Erkenntniß und der Umkehr geworden ist!" Dazu bemerkt der„Frankfurter Beobachter" sehr richtig: „In welcher Richtung diese„Erkenntniß und Umkehr" sich zu vollziehen hat, soll sie dem Reiche nützen, zeigt wohl recht deutlich die Thatsache, daß in Berlin nicht blos sozialdemokratische, son- dern auch ganze Ballen fortschrittlicher und nationallibe- raler Wahlaufrufe mit Beschlag belegt worden sind, worüber die in Bremen erscheinende„Weserzeitung" als über ein wahr- Haft ungeheuerliches Ereigniß jammert. Mit Unrecht, denn Graf Eulenburg der Jüngere hat in der Sitzung des Reichstags vom 24. Mai d. I. dem Abgeordneten v. Bennigsen, als dieser Na- mens der Liberalen sich über zu milde Handhabung der Preß- gesetze beschwerte, lächelnd versprochen, es werde in dieser Be- ziehung noch mehr als seither geschehen, er werde das Menschen- mögliche leisten. Am Ende kann es dem Herrn v. Bennigsen noch passiren, daß er unter dem neuen„Regiment der Umkehr" wegen staatsfeindlicher Agitationen gerade so in's Gebet genom- men wird, wie bisher die schwarzen und die rothen Reichsfeinde, von denen die ersteren lange genug Ambos gewesen sind und sich nach der Rolle des Hammers sehnen. Welch' eine Ent- täuschung für die guten Nationalliberalen! Im vorigen Winter noch Hahn im Korbe und den Ministerstühlen nahe, und nun zum allergrößtem Theil unter die Reichsfeinde geworfen, die nimmer den„großen Culturkampf" mehr kämpfen werden— es ist geradezu tragisch und ganz sicher nicht zum Lachen!" Das heißt nicht zum Lachen für die Herren Fortschrittler und Nationalliberalen. Wir hatten's ihnen gleich voraus- gesagt, und wir lachen. Wer aber zuletzt lacht, lacht bekannt- lich am besten. — Deutsche Freiheit ohne Ausnahmegesetze. In Kö- nigsberg ist dem bekannten Kathedersozialisten und Bankier Adolph Samter die bisher von demselben innegehabte Lotterie- Einnahmestelle entzogen worden. Warum? das besagt folgende Erklärung: „Mir ist die preußische Lotterie-Einnahme entzogen worden, welche ich seit nahe 30 Jahren innehatte. Der Grund dazu war meine literarische Thätigkeit, und ein Brief, den ich an Herrn I. Dietzgen gerichtet hatte, welcher inzwischen wegen seines sozialdemokratischen Verhaltens zur Untersuchung gezogen ist. Was meine literarische Thätigkeit betrifft, so ist, wie ver- schieden auch die Urthcile über dieselbe lauten, allgemein aner- kannt, daß dieselbe streng sittlich und durchaus Wissenschaft- lich gehalten ist. Eine überaus große Anzahl Zeitschriften der verschiedensten und selbst entgegengesetzten Richtungen von der„Norddeutschen Allgemeinen" bis zur„Vossischen" und „Neuen Freien Presse"(Wiener) haben sich neben streng wis- senschaftlichen Blättern durchaus günstig über meine Ar- besten geäußert. Die sozialdemokratische Partei hat zwar, wie es nicht anders möglich ist, meinen Standpunkt angegriffen, da mich von ihnen eine große Kluft trennt, aber sie hat mich stets anständig behandelt. Nur der preußischen Regierung war es vorbehalten, aus meinem literarischen Wirten einen Grund abzuleiten, gegen mich einzuschreiten. Was den oben erwähnten Brief betrifft, so ist der Zusammen- hang folgender: Im Juli vorigen Jahres hatte mich I. Dietzgen deln wird, so wird vielleicht nicht Rußland dieser neuen Bildung die Bahn eröffnen, sondern diese Bildung vielmehr ihre Bahn in Rußland zu eröffnen haben. Was aber den Einfluß im Westen und die Widerstandsfähigkeit gegen die freieren Regungen in Europa betrifft, so sprechen die Erfahrungen nicht für beider Stärke. Der östliche Fürstenbund ist gegen diese Freiheits- bestrebungen ganz in der Bertheidigung; in der Geschichte sind aber die angreifenden Kräfte allein von wirksamem Vermögen. Die Ligue der Reaktion hat 1814, siegreich und ganz Europa im Gefolge, den ganzen Gewinn der Revolution in Frankreich nicht abzuthun gewagt. Nachher, mit den Bourbons un Bunde, die Kräfte Frankreichs auf ihrer Seite, wagte sie ein angriff«- weises Vorgehen im dritten Jahrzehnte, aber die Kühnheit dieses Angriffs ward durch Cannings bloßen Fingerzeig auf die Volts- kräfte, die England unter dem Banner seiner Freiheiten ver- sammeln könne, erschüttert und ihre Erfolge wurden von drei Tagen des Juli 1830 mühelos hinweggespült. Damals ward gegen die Selbstbestimmung des französischen Volkes nicht ein Versuch mehr erhoben, und die absolutistischen Thronwerber auf der pyrenäischen Halbinsel hatten höchstens noch Geld zu ihrer Unterstützung. Nur als man Frankreich wieder ins Interesse gezogen hatte, hätte man 1843 wieder einigen Muth zum Angriff auf die Schweiz gehabt, aber der Februar schreckte auch damals in die Linie der Vertheidigung zurück.� Die Revolution trat jetzt in Frankreich wieder in ihre schroffste republikanische Gestalt. Die Erfahrungen zeigten, daß Frankreich zu den stets wieder- kehrenden Bewegungen dem Welttheile Beispiel und Anstoß gab; man wagte gleichwohl nicht, zwar am eigenen Heerde angegriffen, den Angriff zu vergelten. � Die dynastische Politik hat die günstige Lage voraus, daß sie die politischen Verhältnisse über- schlagen, beobachten und benutzen kann, was die erregten Massen nicht verstehen und was ihre Anstrengungen so oft fruchtlos macht; gleichwohl hat noch jede der flutenden Volksbewegungen des Jahrhunderts der Sache der Freiheit feste Gewinne gebracht, die keine Ebb? der Reaftion wieder wegnehmen konnte. Die conservativen Mächte belauschen unter kluger Borsicht die Ab- spannung des öffentlichen Geistes und gewinnen der Erscklaffung jahrelang fortwährende Bortheile ab, um sie an Einen Tag der Bewegung Plötzlich wieder zu verlieren. Der Gegensatz des Ostens und des Westens, der volksfeindlichen und freien Staats- grundsätze, ist in diesen steten Reibungen zu einer seltsamen Klarheit und Bewußtheit gediehen, und dies scheint allerdings eine bevorstehende große Entscheidung zu verkünden. Napoleon hatte es scharfsichtig vorausgesagt, daß durch die Rückführung der Bourbons und die freiheitfeindliche Haltung der Mächte die Sache der Könige und Völker neu in Frage gestellt sein, daß es nur eines Funkens bedürfe, um den allgemeinen Brand wieder- zubringen; und er hat den Gegenstand und die Bedeutung des im„Vorwärts" angegriffen. Im Juni vorigen Jahres hat er mir eine kleine Schrift übersandt, welcher er einige Zeilen hinzu- fügte, dahin lautend: die literarische Fehde schließt die per- sönliche Reverenz'nicht aus u. s. w. Hierauf dankte ich ihm für die Uebersendung, fügte aber ausdrücklich hinzu:„wir werden uns niemals verständigen," so daß ich auch mei- nerseits die Differenz, die zwischen uns waltet, hervorhob. Dieses in der Form selbstredend freundliche, in der Sache ab- wehrende Antwortschreiben war neben meiner literarischen Thätigkeit der Grund meiner Entlaffung. Es ist wahrlich traurig um unser Staatsleben bestellt, wenn ein durchaus ernst sittliches wissenschaftliches Streben und ein an einen in Untersuchung Befindlichen, dessen Schuld noch gar nicht feststeht, gerichtetes Antwortschreiben Anlaß giebt, gegen den Betreffenden einzuschreiten. Hierzu tritt, daß mir ein Grund gar nicht angegeben war; erst durch den sich entwickelnden Schriftwechsel und äußerm Vernehmen nach erfuhr ich den Grund. Es war mir also gar keine Möglichkeit ge- boten, vor gefaßtem Beschluß die nöthigen Aufklä- rungen zu geben, die leicht verständlich nach gefaßtem Be- fchluß für unzureichend befunden wurden. Die Lotterieeinnehmer können freilich auf Grund der Bestallung beliebig entlassen werden; es darf aber wohl die Frage aufgeworfen werden, ob es sich mit einem geordneten Staatswesen verträgt, daß irgend ein staatlich Angestellter, ganz abgesehen von der Halt- barkeit oder UnHaltbarkeit der Gründe, seiner Stelle enthoben werden kann— ohne daß er auch nur in die Lage versetzt wird, sich zu rechtferttgen, daß er ungehört gleichsam verurtheilt wird. Gewiß verdient auch dieser Punkt öffentliche Beachtung. Ein solch beliebiges Schalten darf keiner Behörde eingeräumt werden. Nicht meinetwegen, denn für mich ist die Angelegenheit defi- nitiv erledigt, und Beileid bedarf ich nicht, veröffentliche ich den Thatbestand. Das Verhalten der Behörde, materiell wie formell, hat seine ernste öffentliche Seite, und deshalb bringe ich es zur öffentlichen Kenntniß. Adolph Samter." — Schweizer Fabrikgesetz. In Folge einer Beschwerde von Fabrikarbeitern hat der Schweizer Bundesrath entschieden, daß die Arbeiter vom Arbeitgeber nur aus folgenden Gründen sofort entlassen werden können:») wegen ungebührlichen Be- tragens; d) wegen Veruntreuungen; v) wegen anderweitiger be- deutender Verletzung der Fabrikordnung; ä) wegen Unfähigkeit zur Ausführung einer angefangenen Arbeit(Fabrikgesetz Art. 9). Es gelten daher die erlassenen Fabrikreglemente nur insofern, als sie mit diesen Grundsätzen übereinstimmen. — Deutsche Freiheit. Am Tage vor der Wahl wurde in Stuttgart Genosse Dulk, der dort bekanntlich candidirte, durch drei Landjäger verhaftet; ebenso wurde das ganze Wahlcomits, 20 Mann stark, verhaftet. Dieser„Schwaben- streich" wird dem preußischsten der preußischen Landräthe einen Zoll der Bewunderung abringen.— Einige Tage vor der Wahl wurde in Magdeburg Genosse Klees,„die Seele der dortigen Wahlbewcgung", wie liberale Zeitungen schmunzelnd bemerken, verhaftet, weil das Titelbild des seit Jahren unbeanstandeten Bracke'schen Volkskalenders plötzlich einen hochverrätherischen Charakter angenommen haben sollte. Klees ist nach den letzten Berichten wieder in Freiheit gesetzt, aber eine Zeitlang fehlte doch seine Kraft im Wahlkampf.— In Elberfeld stand am 27. Juli Hassclmann vor Bericht unter der Anklage, gegen F 131 verstoßen zu haben. Er wurde freigesprochen, auf Antrag des Staatsanwalts sofort wieder verhaftet. Von den übrigen Angeklagten wurden Wüst ho ff zu 3 Monaten, Mann zu 6 Monaten Gefängniß verurtheilt, Wolfert und Bastian frei- gesprochen. Ein Zeitbild. Das war das größte Verderben jener Zeiten, da Leute vom ersten Range das Geschäft der Angeberei, auch der nieder- trächtigsten, trieben, die einen öffentlich, viele insgeheim, und Kampfes in zwei Worte des grellen Gegensatzes gebracht, die in Aller Munde umgehen.*) Bei dieser bewußten Erwägung der Frage aber scheint die Stabilität selbst ihre Sache verloren zu geben. Dies spricht sich nicht allein thatsächlich in jener ver- theidigenden Haltung aus, sondern auch die Wortführer der Erhaltungspolitik selbst, die Anstifter der Kämpfe, haben schon 1827 aus der Seele der Geschichte heraus bekannt, daß sie nicht hofften, bei aller Majestät und Stärke ihrer Häupter und trotz aller einzelnen Siege, den Zeitgeist zu überwinden, weil keine Kunst und Gewalt dem Weltrade in die Speichen zu fallen ver- möge. Die berühmten Minister dieser Sache führten ihre Kämpfe eingestandenermaßen nur für ihre Lebensfrist. Dieser Widerstand ist an zufällige Personen und gebrechliche Leben geknüpft, an einen Bund höchstens von Staaten, die durch ein ewiges Widerspiel ihrer Interessen innerlich getrennt sind. Auf der anderen Seite steht die zähe und ununterbrochene Lebensdauer der Völker und der fortschreitende Geist der Geschichte, der die Völker ohne Bündnisse vereinigt, auf ein einziges Ziel zu wirken; dessen Werkzeug die gewaltigen Triebe ungeheurer Massen sind, die nicht zu eilen haben, denen der Augenblick oft gefährlich war, die Zeit immer ein sicherer Bundesgenosse sein wird. Daß die Bewegungen dieses Jahrhunderts von dem Instinkte der großen Massen getragen werden, daß ihr Ziel ein gemein- sames und gleichartiges ist, daß sie in einem ganz gesetzmäßigen Verlaufe vor sich gehen, dies sind die drei Eigenschaften, die ihre äußere und innere Stärke ausmachen, ihre Naturgemäßheit de- weisen und ihre Unwiderstehlichkeit verbürgen. (Fortfetzung folgt.) — Die Untersuchungz-„nd Polizeigefängnisse in Deutschland. Unter dieser Ueberschrift bringt das„Aerztliche Vereinsblatt" in seiner Juninummer folgenden beinahe sozial- demokrattschen Artikel, der schon um deswillen„oben" nicht wird berücksichtigt werden:„Die bevorstehende Einführung der neuen Gerichtsverfaffung in Deutschland und die Vergrößerung der Landgerichte hat für viele Gerichtsgebäude die Nothwendigkeit einer baulichen Erweiterung ergeben. Einsender dieser Zeilen hatte Gelegenheit, die wahrhaft schaudererregenden Zustände kennen zu lernen, in denen sich, mitten in sonst gut verwalteten Städten, die Gefängnisse bisher befunden haben, und richtet hiermit an die Bezirks- und Phyfikatsärzte die dringende Mah- nung. jetzt wo es noch Ze,t ist, diesem hochwichtigen Gegenstand °er öffentlichen Gesundheitspflege die pflichtschuldige Aufmerksam- Zuzuwenden und ihren ganzen Einfluß aufzubieten, damit V"se geschafft wird. Das Ueberhandnehmcn von Vagabunden fanssV"3n$Ün;Kia 3a£)ten if<®U"pa entrocber ko'akisch oder republi- man keinen Unterschied zwischen Fremden und Nahestehenden, zwischen Freunden und Unbekannten, der Sache des Augenblicks oder alten und darum nicht mehr auszumittelnden Dingen machte. Man mochte auf der Straße wie beim Gastmahle über irgend etwas gesprochen haben, so wurde man verklagt, wenn der Andere zuvorzukommen und Einen anzubringen eilig war, manche(An- geber) um sich zu helfen, die Mehrzahl wie in Folge einer Seuche und Ansteckung. Hierbei ist mir wohlbekannt, daß von gar vielen Schriftstellern übergangen wird, wie viele(Bürger) verfolgt und gestraft worden, weil sie(die Schriftsteller) dieser Menge von Fällen erlagen, oder von dem, was ihnen selbst zu gehäuft und jammervoll gewesen, den Eindruck eines gleichen Widerwillens bei ihren Lesern fürchteten..... Selbst Frauen blieben nicht unangefochten. * ** Auch die Vertreter des Volkes kümmerten sich nicht darum, ob das Reich...... zu Unehren kam: der Schrecken im eigenen Hause lastete auf den Menschen und dagegen suchte man Hülfe im Bezeugen niedriger Ergebenheit. Also beantragten sie ..... überall die Errichtung von Tempeln zu Ehren und mit den Bildnissen des Kaisers......; und drangen an mit wiederholten Bitten, sie(der Kaiser und sein Vertreter, der all- mächtige S.) möchten gestatten, daß man ihnen aufwarte. Es kam.... der Adel und ein ansehnlicher Theil des Bürger- standes, zitternd in Bemühung um S..... Man wußte mit Bestimmtheit, daß seine Menschenverachtung noch mehr dadurch stieg, daß er diesen sich schamlos anbietenden Sklavensinn ansah. Es geschah, daß— ein schreckliches Bild von Elend und Grausamkeit— ein verfolgter Vater und der Ankläger, sein Sohn, vor Gericht gestellt wurden. Der junge Mann.... heitern Angesichts, erzählte, Angeber und Zeuge in einer Person, von einem bösen Anschlag gegen den Kaiser.... und fügte an, ein Dritter habe das Geld dazu hergegeben; welcher(Dritte) dann aus Widerwillen gegen jede Vertheidigung und weil man schon mit der Anklage meist den Mann als verloren ansah, sich den Tod zu geben eilte. * ** Und man ließ an maßgebender Stelle in schroffer Weise und für die Ankläger Partei nehmend, seine Unzufriedenheit darüber vernehmen, daß es so aus mit den Gesetzen sei, daß das Land an einem Abgrund stehe: lieber möge man die Verfassung um- stoßen, als deren Wächter(die Angeber) bei Seite schieben. So wurden die Angeber, diese zum Fluche des Volkes geschaffene Rotte..... noch durch Belohnung aufgemuntert. -f- ** Dieses Jahr war auch sehr unheilvoll dadurch, daß ein sehr würdiger Mann, Namens T..... in den Kerker geschleppt wurde. Er war für die Wohlgesinnten ein Gegenstand der Achtung und ein Anstoß für die Verfolger. An diesen machten sich mehrere Angeber heran, alle im Ver- langen nach Beförderung, die nur durch den mächtigen S. zu erstreben war und dessen Geneigtheit war nur durch einen Frevel zu erkaufen. Sie machten unter einander aus, daß einer von ihnen, L., der mit dem Verfolgten in einiger Berührung stand, die Falle legen, die Andern als Zeugen dabei sein und dann die Anklage beginnen sollten. So ließ denn L. zuerst zufällige Aeußerungen fallen. Dann lobte er seine Treue..... und sprach geflissentlich mit Achtung von den Gegnern des Kaisers. Und als T. in seine Klagen einstimmte, schalt er nunmehr kecker auf S., selbst der Schmähungen auf den Kaiser enthielt er sich nicht. Solche Unterhaltungen führten Beide zu einem scheinbaren Freundschaftsverhältniß. Und schon kam T. selbst und legte seine Trauer in die Brust des L., als wäre dieser die Treue selbst, nieder. Die verbündeten Angeber besprachen sich nun über die Mittel, und Stromern hat eine grauenhafte Uebersüllung der Gefängnisse zur Folge; 5 und 6 müssen auf einer Pritsche und in einem Lokale vegetiren, das kaum Luft und Licht für eine Person hat. Feuchte Mauern lassen auch nach Deffnen der Fenster eine Luft- Verbesserung nicht zu. Es läßt sich keine günstigere Gelegenheit zur Uebertragung und Conservirung von Syphilis, Krätze und Seuchenkrankheiten denken, als in diesen Höhlen vorhanden ist. Auf ein Reinigen, Baden und Befreien von Ungeziefer ist bei dem massenhaften Andrang der Arrestanten nicht die gehörige Aufmerksamkeit gewendet. Ein Besuch des Arztes in einem solchen Loch oder die nähere Untersuchung eines Patienten ist, selbst mit einem ellenlangen Stethoskop, ohne daß Ungeziefer aufgelesen wird, kaum möglich.— Wer sich überzeugen will, wird es nicht für Uebertreibung halten, daß sich hier an dem Auswurf der Gesellschaft ein Stück Sittengeschichte abspiegelt, wie uns jetzt kaum noch aus drr Vergangenheit bekannt ist.— Es ist diese Uebersüllung der Gefängnisse entstanden in Folge der Gewerbegesetzgebung, der Verwilderung nach dem Kriege und der Arbeitslosigkeit, und es ist Pflicht des Staates, sauch hier die bessernde Hand anzulegen. Wer auch für dieses Vagabunden- volk selbst sich nicht erwärmen kann, muß doch bed nken, daß von diesem Proletariat aus die Weiterverbreitung ansteckender Krankheiten am besten besorgt werden kann, und abgesehen von dem rein humanistischen Standpunkt hier gegen die allerersten Regeln der Sanitätspolizei und unter den Augen von hochge- bildeten Richtern und offiziell bestellten Gefangenenärzten in un- verantwortlichster Weise gesündigt wird. Mögen diese Zeilen den Anstoß geben, daß solche Zustände, die von Vielen als selbst- verständlich schlechte und der Verbesserung würdige betrachtet werden, auch auf ihre sanitäre Bedeutung hin angesehen werden." Das rothe Gespenst. Sie fitzen und rathen Und stehen und reden: Sozialdemokraten Wie kann man sie tödten? Sie machen mir übel, Erklärt Herr von Sybel, Mit ihrem Geplauder, Ich schreibe nicht lauter— Unsinn, ruft Richter, Dozirt das Gelichter, Sobald ich nur rede, So schreien sie: tödte— diese Dinge von Mehreren zugleich hören zu lassen...... Sie verkriechen sich in einem Versteck, ebenso entehrend, als ihre Arglist verabscheuungswürdig war. Indessen.... zieht L. den T. in das Gemach, in welchem die Angeber lauern. Da er(L.) dann..... nahe Bevorstehendes..... und neues schreckliches Unheil verkündigte. T. sprach in gleichem Sinne und um so ausführlicher, da man tiefen Kummer, wenn er sich einmal Luft gemacht, noch schwerer zurück- hält. Nun eilten sie(die Horcher) zur Anklage und in einem Briefe..... berichteten sie den Hergang ihres Bubenstücks und ihre eigene Schande. Da kam Zittern und Zagen, wie sonst niemals, über das Land; man schloß sich ab gegen das Liebste, der Gesellschaft, dem Gespräche, bekannten und unbekannten Ohren ging man aus dem Wege, ja auch das Sprachlose und Todte, Haus und Wand, sah man forschend an. Um unliebsamen Verwechslungen vorzubeugen, sei bemerkt, daß das hier Erzählte vor ca. 1700 Jahren von einem gewissen Herrn Tacitus in seinen nicht ganz unbekannt gebliebenen Annalen niedergeschrieben wurde. Die hier berichteten Vorgänge haben sich zur Zeit des römi- schen Kaisers Tiberius ereignet. Bekanntlich war dies eine Zeit, die seither sprichwörtlich ge- worden ist, als eine Epoche äußerster gesellschaftlicher Fäulniß und Zersetzung, und bekanntlich erfolgte den« auch nicht lange darauf der vollständige Zusammenbruch dieser morschen Gesell- schaft. Und bekanntlich erblicken die Geschichtsschreiber in jener feigen Auslieferung aller öffentlichen Gewalten an einzelne Machthaber, weil man in ihnen die sichersten Beschützer der bedrohten Privi- legten zu sehen meinte, in jener„Seuche" der gegenseitigen An- geberei wegen„böser Anschläge" und ausgestoßener Beleidigungen gegen den bedrohten Staat und die sklavisch angebeteten und doch zugleich gefürchteten Gewalthaber, in jenem„sich schamlos darbietenden Sklavensinn", wie es der große Chronist kraftvoll nennt, und welches alles in erster Linie eben jener Besorgniß um die gefährdeten Privilegien und Reichthümer entsprang— bekanntlich erblicken die Geschichtsschreiber heute in all dem einen der untrüglichsten Vorboten des bald darauf erfolgten Zusammen- bruches jener durch und durch verfaulten Gesellschaft. Ja, ja, das ist wirklich einmal passirt! Comspondenze«» Straßöurg, 31 Juli. Die Wahlschlacht ist vorüber— das Urtheil gesprochen; hier, in der Hauptstadt des Elsaßes ein Urtheil, das den Herren Regenten viel Alpdrücken verursachen wird. Der radikale Demokrat und Protestler I. Kabls, dem die Re- gierung das Anschlagen eines Wahlaufrufs verboten und dem sie aus„juristischen" Gründen tausende von Flugblättern confis- zirte, hat mit 7350 Stimmen über den von der Verwaltung auf jede Weise begünstigten reaktionären Autonomsten und bis- herigen Abgeordneten, Gustav Bergmann, den glänzendsten Sieg davongetragen. Trotzdem Bergmann die zwei einzigen,(von uns schon früher charakterisirten größeren Zeitungen, die offizielle „Straßburger Ztg." und das„liberale"„Elsässische Journal") zur Verfügung hatte, während Kabls nur durch ein kleines Wochenblatt wirken konnte, hat der„große" Nationalökonom(!) und Freund BiSmarck's blos 4400 Stimmen also 3000 weniger als der Gegenkandidat, auf sich zu vereinigen vermocht. Reqaios- oat in jmce! Zieht man hiervon die 2500 Stimmen der pur oräro äu Zlufti wählenden preußischen Beamten ab, so läßt sich leicht abmessen, wie groß die Beliebtheit der Autonomisten unter ihren Landsleuten ist. Friede ihrer Asche! Unser erst)4 Tage vor der Wahl aufgestellter Candidat August Bebel in Leipzig erhielt 144 Stimmen, eine scheinbar geringe Zahl, die sich aber aus mancherlei Ursachen erklären läßt. Was soll man aber dazu sagen, wenn die beiden Reptile,„Straßb. Ztg." und„Elsässisches Journal"(letzteres das Organ des libe- ralen Abgeordneten Schneegans) von dem„berüchtigten"(!) Das Fleisch ab, meint Stöcker, O tödtet den Höcker! Doch wenn ich so predig', So schrei'n sie: unnöthig— Unnöthig, spricht Gottschall, Ist wahrlich ihr Spott all, Auf daß, was ich dichte, Geschmacklose Wichte— Ein Schlachtenmaler: Geschmacklos beharrlich Malen wir wahrlich Nach ihren Begriffen, Die roh, ungeschliffen. Ein Jardelieutenant. Roh und als Schande Erklärt diese Bande, Ich schwöre, auf Taille, Den Krieg der Kanaille. Im Chor: Wir reden und schreiben, Das Gespenst zu vertreiben, Wir predigen und dichten, Das Gespenst zu vernichten; Wir malen und kriegen*), Das Gespenst zu besiegen. Das rothe Gespenst. Schimpft immer zu, schmiert immer zu In Blättern und auf Leinwand, Vernunft erhebt mit Seelenruh' Dagegen ihren Einwand. Die Wahrheit nimmt doch ihren Lauf, Ihr köuitt sie niemals pachten: Denn böse ist von Jugend auf All euer Dichten und Trachten.' K. M. *) Soll wohl heißen: kriechen. Anm. d. Setzers. „Drechslermeister und Sozialdemokraten" sprachen! Die Frechheit dieser Regierungsblätter kann nur durch ibre Unwissenheit und Dummheit entschuldigt werden. Der Straßburger Philister, der von Bebel noch Nichts gehört hat, glaubt aber, wenn ihm das obige Epitlieton ornans*) vor die Augen tritt, entschieden, der „berüchtigte Drechslermeister" sei schon wegen Eigenthumsvergehen bestraft worden.— Daß es uns nicht möglich war Versamm- lungen zu halten, ein Wahlcomits zu wählen und Flugblätter zu verbreiten, wird keinen Kenner unseres trefflichen Diktatur- Paragraphen in Erstaunen setzen. Daß aber vor der Wahl un- gültige Stimmzettel, die nur auf„A. Bebel" oder„I. Bebel" lauteten, gedruckt und in großer Anzahl verbreitet wurden, ist wieder ein trefflicher Beleg für die Kampfweise unserer Gegner, beweist, daß bei ihnen der Zweck jedes Mittel heiligt. Die ge- ringe Stimmenzahl für unfern Candidaten kommt auch daher, daß alle politisch und radical Gesinnten, die eingewanderten bürgerlichen Demokraten und viele einheimische Sozialisten Herrn Kablö, dem Manne der äußersten Linken, ihre Stimmen zuwand- ten. Ein so glänzender Sieg der Demokratie und ihres Candi- daten wurde von Niemand erwartet. Herr von Möller wird die letzte Nacht schlecht geschlafen haben, denn seine Stellung ist hier„gründlich ruinirt". Statt des Schreiberregiments kommt nun das Säbelregiment, das für uns aber gar nicht schlimmer werden kann, als die bisherige treffliche Leitung der Dinge. Durch die gestrige Wahl hat die Bevölkerung der alten freien Reichs- stadt bewiesen, daß es in ihren Mauern nur für freie Männer Platz giebt, nicht für Liebediener und solche, die es werden wollen, sie hat einen Mann gewählt, dessen Programm mit den Worten schließt:„Wir wollen, was die Demokratie immer gewollt hat. Wir wollen die Herrschaft der Vernunft gegenüber der Gewalt! Die Regierung des gesammten Volkes durch das Volk; wir wollen derzeit die Beglückung Aller, indem jedem Einzelnen gleiches Maß von Recht und Freiheit zum Angebinde in die Wiege gelegt wird." Wir hegen die frohe Zuversicht, daß Kablö den männlichen Worten die männliche That folgen läßt und Schulter an Schulter mit unseren Abgeordneten in den Kampf gegen die Reaktion ein- tritt. Nerlin. Das Wahlresultat ergiebt sich aus folgender Tabelle: °.2�-2 s L- Wahlkreis u. sozial. i 5 g S 5« Candidat>5 Jl.» 2 D � �? « gs«s£ ® Ä � 1. Bez. Most 2141 9012— 2883 193 123— 2.„ Baumann 7583 15731 5036 136 251 78 3 3.„ Rackow 7060 13035— 1337 243 120 269 4.„ Fritzsche 20225 16538 2998— 281 54 336 5.„ Kapell 3637 10582— 1270 183 64— 6.„ Hasenclever 15690 20919— 625 251 43 808 Gesammtzahl der abgegeb. Stimmen 56336 35817 8034 6251 1402 482 1416 Gewählt sind: 1. Bez.: Hänel(Fortschr.); 2. Bez.: Klotz (Fortschr.); 3. Bez.: Saucken-Tarputschen(Fortschr.); 5. Bez.: Zimmermann(Fortschr.); 6. Bez.: Klotz(Fortschr.). Im 4. Be- zirk findet Stichwahl zwischen Fritzsche und Zelle statt. Welche Fortschritte die Sozialdemokratie in Berlin gemacht hat, zeigt folgende Ueberficht: Gesammtzahl 67 1961 11971 31522 56336. 56, 33k Stimmen im Jahre 1878 gegen K7 Stimmen im Jahre 1867— nach 11 Jahren fast so viele Tausende von Sozialdemokraten als damals Einzelne!!! Nur noch einige Jahre mit derselben Begeisterung, aber auch mit derselben Ruhe und Würde weiter agitirt, und Berlin wird nur Sozialdemokraten in den Reichstag entsenden. Hhemnitz.(Reichstreue Kniffe.) Die Agitatoren der Herrn Vopel sind recht nette Brüder. Verübten sie gestern mittelst ihres vertraulichen Circulars, welches von Herrn Th. Böhme ausging, der selbst eine Stelle mittelst Bleistift auf allen Exemplaren unterstrichen hatte, einen Angriff auf unsere Plakate, wodurch eine Eigenthumsschädigung begangen ist, so verbreiteten sie heute, am Wahltage, ganz gemüthlich:„Most habe sich ge- henkt". Sie klebten auch Plakate und zwar ohue polizeiliche Erlaubniß und ohne Druckfirma, an, auf welchen man von Weitem las:„Most ist todt". Kam man den Plakaten ganz nahe, so bemerkte man zwischen„Most ist" und„todt" das mit winziger Schrift gedruckte Wörtchen„moralisch". Daß eine Partei durch solche Mittel sich selbst moralisch todtschlägt, das ist den Herren Reichstreuen gleichgülttg; wenn nur der Schwindel momentan wirkt!— Was würde Herr Vopel und dessen Familie dazu sagen, wenn wir ebenso gemein gewesen wären, wie seine Freunde, und wenn wir ausgesprengt hätten„Vopel hat sich gehenkt?"— Es fördert das Ansehen der Behörden nicht, wenn für einen Stadtrath in so unehrlicher, bübischer Weise ge- wirkt wird. Gtöerfetd, 27. Juli. Gestern Nachmittag 4 Uhr begannen vor dem Zuchtpolizeigericht die Verhandlungen gegen unsere Parteigenossen W. Hasselmann, C. Wolferts, Bastian, Schneidt und Mann. Der Zudrang von Zuhörern war un- gemein stark; indeß ließ die zahlreich vertretene Polizei nur eine kleine Anzahl in das Gerichtsgebäude gelangen und sperrte als- dann die Zugänge ab. Selbst einer unserer Redakteure, welcher als Berichterstatter der„Berg. Volksstimme" und verschiedener auswärtiger Zeitungen den Verhandlungen beizuwohnen begehrte, fand keine Gnade vor den Augen der Polizei. Ueber den Gang der Verhandlungen ist Folgendes zu berichten: Der Staats- anwalt hielt gegen sämmtliche Angeklagte die Anklage aufrecht und beantragte für Hasselmann 1 Jahr, für jeden der übrigen Beschuldigten 6 Monate Gefängniß. Hasselmann wies an der Hand des Z 130 des Str.-G.-B. nach, daß die Ausführungen des Staatsanwalts durchaus haltlos seien und weder im Flug- blatt, noch in den beiden inkriminirten Reden irgend etwas ent- halten gewesen sei, was einer Aufreizung von Bürgern zu Ge- waltthätiakeiten auch nur im Entferntesten ähnlich sehe, daß er sonach mit Zuversicht seine Freisprechung erwarte. Auch Genosse Schneidt vertheidigte fich in längerer Rede und wies die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen als grundlos zurück. Die übrigen Angeklagten schlössen sich im Großen und Ganzen den Aus- führungen Hasselmanns an. Ein Anwalt, auf dessen Rechts- beistand unsere Freunde gerechnet hatten, erklärte sich im letzten ♦) Ehrendes Beiwort. Augenblick verhindert, die Vertheidigung zu übernehmen. Vor dem Gerichtsgebäude war die Menge fortwährend im Wachsen, verhielt sich jedoch musterhaft ruhig. Plötzlich erschien ein Partei- genösse mit einer Anzahl der confiscirten und wieder frei ge- gebenen Flugblätter und vertheilte dieselben unter die Anwesen- den, welche sie mit großer Begierde lasen. Selbst auf der die Straße begrenzenden Anhöhe, die von starken Gruppen eingenommen war, bemertte man in allen Händen die weißen Blätter, welche Angesichts der Polizei das aufmerksamste Lesepublikum gefunden hatten. Um 6 Uhr etwa zog sich der Gerichtshof zur Berathung zurück. Die Spannung wuchs von Minute zu Minute. Endlich gegen 8 Uhr erscholl die Nachricht, daß Mann zu 6 Monate Gefängniß verurtheilt, Hasselmann, Schneidt, Bastian und Wolferts freigesprochen seien. Unbeschreibliche Begeisterung er- faßte die ungeheuer angeschwollene Menge. Da erscheinen Bastian und Wolferts und aus Tausenden von Kehlen erschallen endlose stürmische Hochs. Die beiden Freigesprochenen wurden umringt, und unter nicht endenwollendem Jubel immer und immer wieder umarmt und beglückwünscht. Jetzt erfährt man auch, daß Hassel- mann auf Antrag des Staatsanwaltes, welcher gegen ihn Appellation anmeldete, wieder verhaftet worden sei. Auch diese Nachricht war nur dazu angethan, die Begeisterung noch höher anzufachen. Sagte sich doch Jeder selbst, daß nunmehr durch Urlheil der Richter die vorläufige Verhaftung Hasselmanns als ungenügend mottvirt festgestellt sei. Dieses Urtheil, in Berbin- dung mit dem neulich gefällten wird hoffentlich dem Staats- anwalt in der Erhebung von Anklagen resp. in der Anordnung vorläufiger Verhaftungen für die Zeit nach den Wahlen etwas weniger Energie rathsam erscheinen lassen. Friwitzer steige- sprochen, Hasselmann freigesprochen, Schneidt, Wolferts und Bastian freigesprochen— das sind keine Lorbeern für das Parket. Uns aber bleibt immer wieder die Frage: Wer ent- schädigt nun die Freigesprochenen für die unschuldig erlittene Untersuchungshaft? Kflcu, 28. Juli. Unsere weltberühmte Kanonenstadt Essen zeigt zur Wahl ein ganz wunderliches Gesicht: die„Liberalen" sind mit Sack und Pack in's reaktionäre Lager übergelaufen und wollen den Kanonenkönig Krupp in den deusschen Reichstag schicken; einen Besseren hätten die Herren auch nicht ausfindig machen können— ein Mann, der vom Kriege profitirt, der wird den Militäretat eher zu erhöhen als zu erniedrigen bestrebt sein, weil ein guter Theil davon ihm selbst in den Schoß fallen wird. Die Reakttonäre haben eine riesige Agitation entfaltet, an dem Reichstagsabgeordneten Stötzel lassen sie kein gutes Haar: er sei ein Sozialdemokrat, er habe blos ein religiöses Mäntelchen umgehängt. Eine Menge Flugblätter lassen die Kruppianer ver- theilen und auf den Bergwerken und Fabriken anschlagen, das eine immer nichtssagender wie das andere; auch nicht einen vernünftigen Grund können die Herren angeben, der die Wahl des Herrn Krupp rechtfertigt; nichts als Phrasen und Ein- schüchterungen. Da heißt es unter Anderem:„Arbeiter! seht Ihr nicht, wie die Butter auf Eurem Brod von Tag zu Tag dünner wird? Aber auch das Wenige geht noch verloren, wenn Ihr den christlich-sozialen Herrn Stötzel wählt; wählt lieber Herrn Alfred Krupp, der selbst Industrieller ist, der wird unserer heimischen Industrie wieder aufhelfen" u. s. w. Daß die Christ- lich-Sozialen diesem Unsinn gegenüber leichtes Spiel haben, ist wohl sehr erklärlich. Die Maßregelungen und Einschüchterungen werden hier schäm- los betrieben; auf allen Bergwerken und Fabriken hat man anschlagen lassen, daß man fernerhin keine Sozialdemokraten mehr beschäftigen will. Fast kein Bergwerk und keine Fabrik giebUes hier mehr, die nicht brave und redliche Arbeiter ihres politischen Glaubensbekenntnisses wegen entlassen hätten, und noch weitere Entlassungen werden folgen. So weit find wir gekommen im deutschen Baterlande. Ist das das vielgepriesene Recht der freien Meinungsäußerung? Ist das das Zeitalter der Aufklärung und Toleranz? Wo soll das hinführen? Was soll aus den Unglücklichen werden, die jetzt in dieser Zeit aus der Arbeit entlassen sind und noch werden? Werden diese Geächteten so viel Charakterfestigkeit behalten, um nicht zu Verbrechern herunierzusinken?— In der jetzigen Reaktionsperiode hat mancher liberale Philister die Maske abgeworfen und uns sein natürliches Angesicht gezeigt. Männer, die für Volksbildung thätig zu sein sich brüsteten, die einen„mächtigen" Bildungsverein schon em ganzes Jahrzehnt leiteten, find über Nacht ins Fahrwasser der Reaktion gekommen und werfen sich zu Ketzer- und Jnquisitions- Richtern auf, sie fallen in denselben Fehler, den sie am Ultra- montanismus so oft getadelt haben. Im Mittelalter waren die Juden die Sündenböcke, alle erdenklichen Verbrechen wurden ihnen angedichtet und die fanattsche Menge vergriff sich sehr häufig thätlich an denselben; solche Zustände möchten die liberal gewesenen Philister wieder einführen, blos mit dem Unterschied, nicht die Juden, sondern die Sozialdemokraten sollen verbrannt werden. Die Personen haben gewechselt, das System ist ge- blieben bei diesen Philistern, die das Wort Bildung im Munde führen, um uns in ewige Geistes-Knechtschaft zu stürzen.— Die Wahl im Kreise Essen ist nun aber zu Gunsten des christlich- sozialen Abgeordneten Herrn Redakteur Stötzel ausgefallen, trotz der Einschüchterungen der Kruppianer. Doch noch Eins: ich muß auch noch der Wilhelms-Pfennige erwähnen, die hier ge- sammelt worden sind. Es ist wahr, die Pfaffen find manchmal unverschämt im Betteln für ihre Zwecke, aber der liberal ge- wesene Philister hat die Ersteren an Schamlosigkeit weit über- troffen, denn sie erklärten. Derjenige, der nichts giebt, gehört zu Dr. Nobiling, dem Königsmörder. Wer also nichts geben kann, oder aus irgend einem Grunde nichts geben will, der steht auf dem Standpunkt des Kaiser-Attentäters. Kann es wohl etwas Infameres geben? Run sür heute genug, hoffen wir, daß die Reaktionsperiode nicht lange andauern wird.— d— Jork(bei Hannover), 26. Juli. Gestern wurde beim Genossen A. Alpers eine Haussuchung vorgenommen und confiszirte man bei demselben verschiedene Schriften, unter denen fich auch Gesetz- und Fremdwörterbücher befanden. Den Anlaß zur Haussuchung soll eine Sammelliste zum Reichstagswahlfond gegeben haben, welche ein GenSdarm dem Genosseu A. weggenommen hatte. Da derselbe das darauf verzeichnete Geld nicht an den Gendarmen abliefern wollte, verhaftete man ihn. Wie verlautet, kommt die Angelegenheit vor die Kronanwaltschaft in Stade. Wir find begierig, was aus der Geschichte wird, da doch die Sammlung von Geldern zum Wahlfond von Niemanden beanstandet werden kann. Antwerpen, 31. Juli. ßVarnung für Korbmacher!) Allen Collegen diene zur Nachricht und zugleich zur Warnung, auf die Annonce vom vorigen Monat nicht nach Antwerpen zu kommen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, auf die schändlichste Weise betrogen zu werden. Die unterzeichneten drei Collegen haben hier über drei Wochen gearbeitet, ohne zu rechnen; als es aber zum Rechnen kam, sollten wir noch Geld herauszahlen. Der saubere Patron, mit dem wir es zu thun hatten und der wegen Bankerotts nicht mehr nach Deutschland zurück darf, hat Nichts, woran man fich halten könnte. Der Sprache ist man nicht mächtig, das Consulat kann auch Nichts thun. So stehen wir nun rathlos da und müssen ausgeplündert unser Bündel schnüren und ruhig abziehen. Den richtigen Namen des Mannes, welckwr nicht„Stracke", sondern„Hartmann" heißt, veröffentlichen wir zur Warnung für Jedermann. Derselbe hat früher in Emmerich ein Geschäft gehabt. Also Arbeiter seid auf der Hut vor diesem Freibeuter! Mit Gruß P. Krey. A. Heinke. Paul Hwche. Kreuznach, 26. Juli. Am 6. Juni machte ich wie gewöhnlich nach dem etwa eine halbe Stunde von hier entfernten Münster am Stein einen Spaziergang, mich sorglos und nichts ahnend meinen Gedanken überlassend. Da vernahm ich die Kunde, ich solle, sobald ich nach Hause komme, arretirt werden. Der That- bestand war folgender: Ich Joseph Maisch jr. und Georg Ledderhos, Schlossergehülfe, sind nämlich freigefinnt, ersterer reiste früher auf den Buch- und Kunsthandel, letzterer arbeitete auf seinem Handwerke. Seit Januar sind wir beide gemaßregelt: wir sind Cousins; Kost, Logis und Unterhalt haben wir im elterlichen Hause. Um 3 Uhr selbigen Tages drang der schon bekannte Polizeicommissar B. in Begleitung eines Schutzmanns bei mir, Maisch, in gemeiner und roher Weise mit der Frage an meinen zu Hause arbettenden Bruder ein:„Sind Sie der Demokrat?" Als dieser mit seinem vollen Bewußtsein„Nein!" antwortete, wandte er fich an meine Mutter mit der Frager „Wo ist sein Zimmer, wo ist sein Koffer?" welches bereitwilligst geöffnet wurde, aber nicht das Geringste fanden die Herren vor und sie mußten mit langer Nase abziehen. Dem Ledderhos, der mit der Reparatur eines Schlosses beschäfttgt war, dabei ein hiesiges Käseblatt übersehend, riß der Polizeicommissar B. das Blatt mit den Worten aus der Hand:„Ha, ein sozialistisches Blatt! Sodann stehen Sie aus, wenn ich mit Ihnen spreche." L.:„Das habe ich nicht nöthig." B.„Der Mensch ist verhaftet, legt ihm die Kette an." L. wurde mitgenommen nach seiner Wohnung, dort Haussuchung gehalten und ein ganzer Berg sozialistischer Schriften vorgefunden, darunter der„Volksstaat" 1874, welche derselbe bis jetzt noch nicht zurückerhalten hat. L. bekam freies Quartter, wurde des Mittags und des Morgens zweimal ins Verhör genommen, jedoch ohne das geringste Resultat. Abends halb 10 Uhr verlangte derselbe, einem politischen Ver- brecher gemäß, sein Abendbrod; halb 11 Uhr bekam derselbe ein Stück trockenes Brod und eine Tasse Kaffee. Morgens verlangte derselbe ein Handtuch, worauf man ihm bedeutete, er habe ja ein Taschentuch, um sich daran abzutrocknen. Um 11 Uhr des andern Tages wurde L. freigelassen. Zwei Tage darauf mußte ich(Maisch) ins Verhör. Dort wurden folgende Anftagen an mich gerichtet:„Sie sollen mit unter dem Complott des Atten- täters Nobiling stecken?" Was ich ganz natürlich mit„Nein" beantwortete.„Sie verbreiteten sozialistische Schriften?"„Nein." „Von was leben Sie und von was bestreiten Sie Ihren Lebens- unterhalt?"„Table ä'büte, Chambre garni, Maison de bains bei meinen Eltern!" war meine Antwort.— Freies deutsches Reich. Polizeiwillkür und Geivaltthat! Sriefkaste« der Redaktion: K. H. in Hamburg: Wir sind nicht im Stande Ihre Wünsche, betr. einer Siellung erfüllen zu können; und wenn dies auch wirklich der Fall wäre, so sind sür derartige Stellen genug alte und bewährte Parieigenosseii vorhanden.— Ä. B. in Frankfurt a. M.: Wenden Sie sich an Hrn. Nauert, Leipzig, Frankfurterstr. Z11V.— B. K. in Leipzig: BW jetzt existirr ein derarliges Werk noch nicht» Einzelne Punkte werden in den verschiedensten Broschüren auf das AuS» führlichste besprochen.— der Expedition: F. Heniz Stuttgart: Die Bank ist gut. Quittung. Lgs Hannover An. 0,70. Rw Altona Ab. 47,75. Kupp Straßburg Ab. 3,00. Dgn Leoben Ab. 1,38. Rtr Darmstadt Ab. 23,00. Glgr hier 6,00. Gsr hier An. 2,10. Brnng Delitzsch Ab. 2,80 u. 1,05. L. Berlin Ab. 0,30. Khlmn Lüneburg Schr. 0,40. Brngr Plan Schr. 1,40. Whm Rogasen Schr. 1,20. Schrr Berlin Schr. 3,90. Schl. Brüssel Schr. 1,09. Schl Baden Schr. 0,96. Wahlfonds. Rxckr Wien 1,65. Arb B W u. W 27,50. Freunden und Parteigenossen zur Notiz, daß meine Adresse jetzt lautet: Oswald Mehnert, Buchbinder, Kerkstraat dy deVyzelatraat 212. Amsterdam. Leipzig u. Umg. halb 9 Uhr im„Trianon" des Hrn. Richter, Roßplatz 9:(5V Zlitgliederrersammlung. Das Erscheinen Aller wird erwartet. Der Borstand. HZ Durch die Expedition des„Vorwärts" ist zu beziehen: Die Behandlung der Politischen Gefangenen in Sayern. Prozeß Franz Rohleders. Zusammengestellt nach stenographischen Berichten von Sigmund �otitzer Redakteur des„Zeitaeift". Preis 20 Pfg. Der Ertrag ist für die Frauen und Kinder Jnhaftirter bestimmt. Zukunftsmetlizin oder Anleitung sich selbst der beste Arzt zu sein, d. h. Krank- heiten zu verhüten. (Bollständig in 12 Heften.) Ladenpreis pr. Heft 1 M., durch uns bezogen 75 Pf. gegen baar oder Postvorschuß. Wiederverkäufer erhalten Rabatt. Leipzig. Expedition des„Vorwärts". Färberstr. 12. Durch uns ist zu beziehen: Que Faire? Französischer Roman von Tschertlychewsky. 33 Bogen stark. Preis 4 Mavf. N. Tchernychewsky: LEconoraie politique jng6e par la science, critique des principes d'dconomie politique de John Stuart Mill. 492 pages. Prix 1,50 M. Leipzig. Lrpeditwll des vorwärts. Verantwortlicher Redakteur: Julius Künzel in Leipzig. Redaktion und Expedition Färberstr. 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag der«enokfenfchaftSbuchdruckerei in Leipzig.