erscheint in Leipzig «kttwoch, Freitag, Soimti». Abonncmentsprci» Zfa ganz Teutschland l 8». 6«$f. pw Quartal. Ronat»- Abonnement» «erden bei allen deutschen Postanstaltm Tri den 2. und 3. Monat, und aus den *. Himat besonder» angenommen: im «kngr. Sachsen und Serzogth. Lachsen» Altenburg auch aus den lten Monat de» Quartali A 5* Psg. Jttfcrütt Netr. Leriaimnlungen»t. Petitzeile 10 Vf., Mt. Priraiangelegenheiten und Feste pro P-titzcil- SO Pf. Veflclltmgcn nehmen an alle Postanstaltcn und Buch» Handlungen de» In- u. Auslände». Filial- Expeditione». Nen>-Bork: Loz.-demokr. Genossen- schastibuchdrulkerei, 154 DlckriOxs Str. Philadelphia: P. Haß, 030 Korth 3-4 Street. I. Boll, 1129 Charlotte Str. Hvb-l-n N.J.: F.«. Sorge, 21b Va»h. lllgstov Ktr. Chicago: A. Lanfermann, 74 Ol�dourve»?«. San Franzisco: F. Eng, tisOTarreUStr. London W.:<1. Henze, 8 New Ct. Golden Square. Gentrat Grgan der Sozialdemokratie Deutschtands. Nr. 92. Mittwoch, 7. August. 1878. Zu dm Wahlen. Ein sehr vernünftiges Urtheil wird von dem„Hamburgischen Correspondent" gefällt. Derselbe ichreibt zwar spcciell von den Wahlen in Hamburg, allein was er sagt, gilt Wort für Wort von den Wahlen in ganz Deutschland.„Die Umstände, so heißt es in dem betrefsenden Artikel(Nr. 180 vom 31. Juli), unter denen die Hamburgische Sozialdemokratie ihre Wahlfeld- züge unternahm, sind nie so ungünstige gewesen, wie im gegenwärtigen Augenblick. Mit Mitteln, die binnen 18 Monaten aufgebracht worden, mußten Ausgaben bestritten werden, die man sonst über drei Jahre zu vertheilen gewohnt war; in- mitten einer Zeit allgemeinen Drucks der wirthschaftlichen Ver- hältnisse galt es eine Anhängerschaft zusammenzuhalten, die sich von dem größten und einflußreichsten Theile ihrer Volksgenossen- schaft der moralischen Mtverantwortung für zwei schwere Ver- brechen angeschuldigt und außerdem mit Repressionsmaß- regeln aller Art bedroht sah. Dazu kam in Hamburg noch, daß da« Bürgerthum zum ersten Male organisirt in den Wahlkampf trat, und daß die Unterstützung der von demselben aufgestellten Candidaten nahezu Allen als patriotische Pflicht er- schien, welche die Ereignisse vom 11. Mai und vom 2. Juni hatten auf sich wirken lassen. „So vereinigten sich äußere und innere Verhältnisse der verschiedensten Art dazu, die Anhänger der Sozialdemokratie zu entmuthigen, das Selbstvertrauen und die Siegcsgewißheit ihrer Gegner zu erhohen. In weiten Kreisen wurde darum angenom- mcn, die von allen Seiten angegriffene, unter dem Eindruck der schwierigsten Einflüsse stehende Partei werde einen erheblichen Rückschlag erleiden, vielleicht gar die Flinte ins Korn werfen und sich nur der Ehre wegen schlagen.— Die Geräuschlosigkeit, mit welcher die sozialdemokratische Wahlmaschine dieses Mal arbeitete, konnte für eine Bestätigung dieser Auffassung gelten und mußte die Sicherheit und den Kampfesmuth der bürger- lichen Parteien erhöhen. „Bei solcher Sachlage kann der von den beiden(der Artikel wurde geschrieben, ehe das Resultat des dritten sLand-s Kreises bekannt war. R. d. V.) Candidaten des Hamburgischen Bürger- thumS erfochtene Sieg ein glänzender nicht genannt werden. Zu beiden Wahlkreisen ist die Sozialdemokratie erheblich stärker aufgetreten, als vor drei Jahren; in beiden Wahlkreisen haben relativ unbedeutende, bloS nach Hunderten zählende Mehrheiten den Ausschlag gegeben, obgleich von Seiten des liberalen Wahl- Vereins das Möglichste gethan worden war, um alle irgend bis- poniblen Kräfte in Bewegung zu setzen und in den Kampf zu führen. „Trotz der Befriedigung darüber, daß dieses Mal das Aeußerste abgewendet worden und trotz der Freude, die jedes Siegesbewußtsein mit sich bringt, stehen wir nicht an, dieses Ergebniß als ein höchst bedenkliches zu bezeichnen. Wenn eine so beispiellose Gunst der Umstände, wie die diesmal obwaltende, zu so bescheidenen Resultaten führt, wird der ernsthafte, über die Stimmungen des Tages hinausschauende Patriot der Zukunft nicht ohne Besorgniß eutgcgensehen und eingestehen müssen, daß er es mit Gegnern zu thun hat, an deren Bewältigung mit äußeren Repressionsmitteln nicht wohl zu denken ist. Mindestens für uns Hamburger wird der Kampf gegen die Sozialdemokratie noch lange die vornehmste, wenn nicht die ausschließliche Sorge des Tages sein und den besten Theil der Kräfte in Anspruch nehmen, welche dem Wohle der Gesammtheit dienstbar gemacht werden können." Nun— die„Hamburger" werden in diesem Kampfe ebenso wenig Sieger bleiben, wie die Reaktionäre im übrigen Deutsch- land und Europa. Die Bedingungen, unter welchen die Sozialdemokratie zu kämpfen hatte, waren sogar im Allgemeinen noch weit ungünstiger, als der„Hamburger Correspondent" sie für Hamburg hinstellt. Die Hälfte»nserer Vorkämpfer in Schrift und Wort(„Agi- tatoren" und Journalisten) im Gefängniß; ein Theil unserer Candidaten der Freiheit beraubt; die„Lokalsperre" und die massenhaften Versammlungsverbote, durch welche das Ver- sammlungsrecht für unsere Partei faktisch aufgehoben und uns damit die Waffe, der wir in früheren Wahlkämpfen unsere Siege hauptsächlich zu verdanken hatten, geraubt wurde; die massenhaften Willkürakte der Behörden; die durch keine Furcht vor Anwendung des Gesetzes zurückgedrängte Brutalität der Bourgeoisie bei Maßregelungen, Bedrohungen und Bestechungen der Arbeiter*)-- da« sind Momente, die nicht außer Acht gelassen werden dürfen, wenn man die Natur diese» WahlkampfeS richtig beurtheilen will. Es war kein fair fight— kein ehrlicher Kampf mit gleichen Waffen und gleicher Sonne. Der Feind vom Kopf bis zum Fuß gepanzert und gerüstet. Die Sozialdemokratie wehrlos, an Händen und Füßen gefesselt. Und dennoch haben wir den Feind, der unS erdrücken zu können vermeinte, von uns abgeschüttelt und zurückgeworfen. Ja, zurückgeworfen. Trotz der verlorenen Otze, haben wir Terrain gewonnen. Der Zuwachs von Stimmen wiegt die Verluste von Sitzen überreich auf. Der„Hamburgische Correspondent" konstatirt die» in einem geschüchtert und in ihrem Mannschaftsbestande nicht erschüttert worden ist. Bon definitiven Wahlsiegen der Sozialisten ist aller- dings noch Nichts zu hören, dafür aber ein Wachsthum der sozialdemokratischen Wählerzahl in fast allen in Betracht kommenden größeren Städten constatirt worden, welches sehr viel *) An vielen Orten haben unsere Candidaten fast bi»z die Stimmen von Bürgern erhalten, weil die Arbeiter ihrer Mehrzahl nach nicht zu st-mmen wagten. Wir werden Beispiele bringen. R. d. B. bedeutender ist als die Wahl eines Dutzend sozialisti« scher Abgeordneten. In Hamburg sind an 30,000, in Altona an 12,000, in Kiel nahezu 7000, in Berlin etwa 47,000, in Königsberg 1100, in Breslau 12,000, in Cöln 2000, in Elber- feld 11,000, in Dresden 13,000, in Frankfurt a. M. 4000, in Leipzig 14.000, in Stuttgart 4000, in Offenbach 5200, in Hannover 6500, in Nürnberg 10,000, in Braunschweig 6500, in Greiz 2500 Stimmen zu Gunsten sozialdemokratischer Candi- baten abgegeben worden.— Ziffern, welche während den der sozialistischen Sache ungleich günstigeren Wahlkämpfcn von 1874 und 1877 nirgend erreicht worden. Wir haben bereits bei Be- sprechung des in Hamburg erzielten Wahlergebnisses hervor- gehoben, was diese Zahlen unter den gegenwärtig gegebenen Verhältnissen bedeuten, und brauchen das Gesagte nicht zu wieder- holen. Daran aber glauben wir erinnern zu müssen, daß die bereits vor den Wahlen aufgeworfene Frage, wie eine so weit- verbreitete, auf so festen Grundlagen aufgerichtete Partei mit Hülfe einiger Gesetzes-Paragraphen aus der Welt geschafft wer- den soll, heute schwerer denn je zu beantworten ist und daß die Meinung schon jetzt widerlegt erscheint, nach welcher es nur eines entschiedenen Auftretens der Regierung bedürfen sollte, um den erregten Strom des vierten Standes in seine Ufer zurückzubannen." Der„Hamburgische Correspondent" hat Recht: ein Dutzend sozialistischer Abgeordneten hat für uns auch nicht annähernd die Bedeutung der Hunderttausende von Stimmen in den Mittel- punkten unseres politischen Lebens. Wäre selbst, worauf wir bei der Haltung der Be- Hörden vorbereitet waren, nicht ein einiger unserer Can- didaten gewählt worden, so würden wir mit dieser Stimmen- zahl uns angesichts der bewunderungswürdigen Opferwillig- feit und Disziplin, welche unsere Partei in dem Wahlkampfe bewährt hat, den 30. Juli als einen Tag des Triumphs haben betrachten müssen. — Die offizielle Auszählung der Wahlstimmen ist erfolgt. Darnach wird die Mittheilung, daß Auer gewählt sei, umgestoßen. Auer kommt in die engere Wahl gegen Amts- Hauptmann Schmiedel in Plauen(.cnseroativ). Außerdem kommen von unseren Genossen in die Stichwahl: Fritzsche gegen Zelle(fortschr.) 4. Berliner Wahlkreis. Fritzsche gegen Brüel(Centr.) Hannover. Bebel gegen v. Friesen(cons.) Dresden. Wiemer gegen Mangold(cons.) Zschopau i. S. Reinders gegen Molinari(cons.) Breslau. Kräcker gegen Bürgers(fortschr.) Breslau. Frohme gegen Weigel(nat.-lib.) Hanau. Rittinghausen gegen Melbeck(nat.-lib.) Solingen. Hasselmann gegen Prell(nat.-lib.) Elberfeld. Praast gegen Karsten(fortschr.l Altona. Kayser gegen Penzig(nat.-lib.) Frciberg i. S. Geiser gegen Frcge(cons.) Borna i. S. Vahlteich gegen Gensel(nat.-lib.) Mittweida i. S. Liebknecht gegen Dernburg(nat.-lib.) Offenbach. Stöhr gegen Beseler(reakt.) 6. schlesw.-holst. Wahlkreis. Also sechs zehn Stichwahlen. Bei folgenden Stichwahlen zwischen anderen Parteien geben unsere Genossen den Ausschlag; in Stettin zwischen Delbrück(cons.) und Schmidt(nat.-lib.) Frankfurt a. M. zwischen Sonnemann(Bolksp.) und Barren- trapp(nat.-lib.) München l. Bezirk zwischen Ruppert(ultr.) und Stauffen- berg(nat.-lib.) Mannheim zwischen Kopfer(Bolksp.) und Scipio(nat.-lib.) Mainz zwischen Moufang(ultr.) und Reuleaux(nat.-lib.) Lennep-Mettmann zwischen Techow(nat.-lib.) und Vowinkel (cons.) Ssrau zwischen Schön(cons.) und Reifert(nat.-lib.) Nieder-Barnim zwischen Mendel(fortschr.) und Jung(cons.) München 2. Bezirk zwischen Westermeicr(ultr.) und Schlör (liberal.) Darmstadt zwischen Büchner(fortschr.) und Küchler(nat.-lib.) Frankfurt a. O. zwischen Rosenstiel(conserv.) und Struwe (nat.-lib.) Teltow-Beeskow zwischen Moltke(cons.) und Möllmer(fortschr.) ES versteht sich von selbst, daß unsere Parteigenossen, unbeirrt durch irgend welche Phrasen, in allen Fällen, wo einer der beiden Candidaten sich gegen Ausnahmegesetze und gegen Beschränkung des Wahlrechts zu stimmen verpflichtet, für diesen Candidaten eintreten; in denjenigen Wahl- bezirken aber, wo keiner der beiden Candidaten eine solche Er- klärung abgiebt, sich der Abstimmung enthalten werden. Ans Berlin. --- 2. August. Gegen 5(>,000 sozialistische Stimmen sind hier in des Reiches Hauptstadt am 30. Juli abgegeben worden. Niemand hat dieses Resultat vorher geahnt; Niemand hat geglaubt, daß das arbeitende Volk von Berlin trotz der Polizei- lichen, fortschrittlichen und fabrikantlichen Bedrohungen solchen großarttgen Muth zeigen würde! Bei 40,000 sozialistischen Wählern drohte das Gespenst der Arbeitsentlassung; der Stimmzettel, dessen Inhalt der Gegner trotz der„geheimen" Wahl meist erkennt, ist allerdings die Waffe der Befreiung im Allgemeinen, aber bei der Abgabe selbst kann derselbe sich gegen den einzelnen muthigen Kämpfer wenden und als Hungerpeitsche in der Hand des modernen Sclavenherrn austauchen. Trotzallcdem und alledem— die Arbeiter Berlins blickten mit trotzigem Ernst dem grimmen Feinde ins Auge und thaten ihre Pflicht gegen sich selbst, gegen ihre Familie, aeaeu ihre Klasse. Ehre sei ihnen deshalb!--- Unter welchen Bedingungen der für uns so glorreiche Wahh« kämpf geführt worden, ist den Lesern des„Vorwärts" aus meinen früheren Berichten schon bekannt. Unsere Partei konnte nicht eine einzige Versammlung abhalten, da die Wirthe, welche größere Lokale besitzen, von den vereinigten Polizisten und Fortschrittlern beeinflußt worden waren; die sozialistischen Flugblätter wurden zu Tausenden den Verbreitern von„ge- Heimen" und uniformirten Polizisten abgenommen, und dabei standen die spießbürgerlichen Fortschrittlcr und freuten sich köstlich über solchen Polizeieifer. Selbst die in Couverts eingeschlossenen Stimmzettel für die sozialistischen Candidaten hat die Polizei nicht unbeanstandet gelassen— und die Fortschrittler standen wiederum dabei und freuten sich! Dagegen wurde die Agitation der Fortschrittsleute von der Polizei nicht allein nicht gehindert, sondern sogar noch gefördert, indem bei den zahlreichen fortschrittlichen Wählerversammlungen die Eingangsthüren zu den Lokalen polizeilicherseits überwacht wurden, damit nur kein einziger Sozialdemokrat in die Ver- sammlung gelangen und eine unliebsame Interpellation an den Fortschrittscandidatcn stellen konnte. Und eine solche Fortschrittsgesellschaft geberdet sich als die Vertreterin der Ordnung und der Freiheit!? Diese selbe Ge- sellschaft, welche sich nur unter dem Schutze der Pickelhaube wohl fühlt und sich freut, wenn durch brutale Gewalt die Sozial- demokrat-e in ihren Rechten behindert wird. Natürlich lameutiren die Fortschrittsblätter dann ganz jäm- merlich, wenn in den Provinzen die Polizei die Conservativen unterstützt und die Fortschrittler in der Ausübung ihres Rechtes hindert. Das ist dann ganz etwas Anderes. Selbst der„frei- sinnige" Dr. Max Hirsch, dem die Fortschrittspartei den Stuhl vor die Thüre gesetzt, und der die vielen stattgehabten Be- drohungen der Sozialdemokratie polizeilicher- und fabrikantlicher- scits besonders hier im 6. Wahlkreise gekannt hat, entblödet sich mcht, sein-„besondere Freude" im„Äewerkverein" über den Sieg der vereinigten Reaktion im 6. Wahlkreise auszusprechen. Und dabei maßen sich'solche Menschen noch an,„Führer" der Arbeiter zu sein, solche Menschen, welche die Fabrikanten unterstützen, die mit Arbeiterentlassungen drohen, wenn die Arbeiter nicht nach dem Willen derselben wählen.--- Die hiesigen Fortschrittszeitungen können übrigens ihres Sieges nicht recht froh werden— ihnen liegt die Steigerung der sozialistischen Stimmen von 31,000 auf fast 56,000 in dem Zeiträume von anderthalb Jahren doch allzuschwer in dem Magen. Sie nennen dies Anwachsen geradezu erschreckend; sie rufen:„Mehr als der dritte erwachsene Mann, vom 20. Lebens- jähre an gerechnet, in Berlin ist sozialdemokrattsch; wohin soll das führen?" Ich aber frage die Herren Fortschrittler und Liberalen, wes- halb sie darüber so jammern? Sie haben ja immer noch dop- pelt so viele Anhänger in Berlin, wie die Sozialdemokratie. Sind sie denn dieser Anhänger nicht mehr sicher? Ist die Idee der Sozialdemokratie so mächtig, Fortschrittler und Liberale zu bekehren, oder ist die am 30. Juli mit allen Mitteln zusammen- getrommelte antisozialistische Majorität nur eine künstliche und deshalb unzuverlässige gewesen? Darauf giebt ein hiesiges fortschrittliches Blatt selbst die Ant- Wort, nachdem es den liberalen Stimmenzuwachs registrirt hat: „Es zeugt dies von einer sehr anerkennenswerthen regeren Bctheiligung der liberalen Wähler, aber schwerlich ist es als ein Zeichen des WachsthumS der liberalen Partei in Berlin zu be- trachten, wie dies bei der Sozialdemokratie sicherlich der Fall ist." Aber außerdem ist noch zu bemerken, daß alle sozialdemo- kratischen Stimmen eine positive Bedeutung haben, während die Stimmen, welche auf die antisozialistischen Candidaten ge- fallen sind, lediglich negativ, abwehrend sind. Wir Sozial- demokraten fordern, die Antisozialisten verweigern uns unsere Forderungen. Jeder sozialistische Stimmzettel ist der Ausdruck eines bestimmten Wollens, eines Vordringens auf einem angegebenen Wege, jeder antisozialistische Stimmzettel dagegen ist nur der Ausdruck einer unbestimmten Furcht, eines ungewissen Umhertappens. Daß auf die Dauer sol- cher Kampf zu Gunsten der zielbewußten Partei ausfallen muß, das wissen unsere schlauen(schlau ist nicht klug; wären unsere Gegujr klug, so würden sie die Berechtigung der Sozial- dcmokratie anerkennen und danach handeln) Gegner, deshalb ist auch hier ihre Freude über ihren eigenen Sieg sehr gering.— Am Abend des 30. Juli allerdings herrschte in den Bour- geoiskreisen ein durch Champagner künstlich erzeugter Sieges- rausch, der am anderen Morgen aber einem sehr gründlichen Katzenjammer Platz machte, als der fortschrittliche Philister mit stieren Augen die furchtbare Anklage gegen die heutigen Zustände in den Berliner Morgen-Zeitungen las: 56,000 sozialistische Stimmen in der Reichshaupt- stadt!" Volksvertretung. Von Ad. Douai. m- Das Beispiel der Ackerbau-Gewcrffchaft, welches zur Er- läuterung unseres Vorschlags dienen sollte, läßt zugleich ersehen, daß unter einer Verfassung, wie sie von uns ins Auge gefaßt ist, von Vielregicrerei und Beamten-Hierarchie nicht die Rede sein kann. Die Gewerkschaften nehmen der politischen Verwaltung ein gutes Theil Arbeit ab. Sie führen die Statistik ihrer Gewerke bis in die Einzelheiten durch; sie führen unter Vertrag mit der Legislatur und der Executiv- Gewalt, welche aus deren Mitte hervorgeht, die öffentlichen Arbeiten aus; sie bestellen ihre eigenen Gewerbsgerichte; sie besorgen unter einander den Großhandel(der Kleinhandel fällt allmälig hin- weg) und die Waaren- und Gesundheits- und Bau-Polizei; sie leiten das Transport- und Marktwesen und verwalten die Berg- werke, Salinen und Forsten; sie erkennen den ausgedienten Ar- beitern da» Recht zu Ruhegehältern zu; sie sind in allen Er- ziehungsbehörden vertreten; sie betreiben die Waffenübuugen aller dazu fähigen jungen Bürger— kurz vermöge der allgemeinen Durchführung des Gewerkschaftswesens in allen gelehrten und mechanischen Berufen sind sie im Stande, unentgeltlich und wirksam die Gesetze auszuführen. Der Staat hat aufgehört, eine Regierungsmaschinerie von oben herab zu sein, und keine zu- fällige Majorität kann länger der Minorität ihre Gewalt fühlen lassen. Alle Revolution ist zu Ende. Daneben muß man sich vergegenwärtigen, daß die Gemeinde- Verwaltung dem Gesammtstaate ein weiteres Theil Arbeit er- spart. Alles, was die Gemeinde allein angeht, hat sie für sich zu beschließen und verwalten. Alles, was eine Land- schaft allein angeht, fällt nun in deren ausschließlichen Berwaltungsbereich, und dem Gesammtstaate bleibt nur über dasjenige zu verfügen, was zwischen den kleineren Berwaltungs- kreisen streitig, sowie über das, was allgemeine Angelegenheit ist. Wie schon gesagt, bedienen sich alle politischen Berwaltungs- kreise der Gewerkschaften bei Ausführung ihrer Maßregeln, so- weit immer möglich, oder lassen sich von ihnen für jedes poli- tische Amt eine Anzahl Bewerber zur Auswahl empfehlen.� Da die nsthwendige tägliche Arbeitszeit eines Jeden auf acht, später noch weniger Stunden beschränkt ist, so bleibt jedem Bürger Zeit genug, um sich gewerkschaftlichen und politischen Geschäften zu widmen und darin zu üben; auch sorgt das Erziehungswesen dafür, daß jederMKrger dazu befähigt werde. Da der Staat eine respublica, eine Angelegenheit Aller geworden ist. und die Gesetze vereinfacht werden, fehlt es nicht an dem Gemeinsinn und der Opferwilligkeit für öffentliche Zwecke, und da alle Ver- Handlungen aller Gewerkschaften und ihrer Parlamente veröffent- licht werden, bildet sich im Volke ein Sachverständnis in vielen Berufs- und politischen Angelegenheiten aus. Vernünftige Gründe herrschen, wo vorher die rohe Gewalt oder die gesetz- liche Uebermacht geschaltet hatte. Es gibt tausend Gelegenheiten für jeden Bürger sich auszuzeichnen, ohne daß der Ehrgeiz mit Gewinnsucht oder Herrschsucht sich erquicken könnte. Die Frei- heit ist in immer wachsenden Maße verbürgt, die Dummheit, das Philisterthum, die Rohheit sind sicher auszusterben. Natürlich gehört der politischen Verwaltung und Gesetzgebung die Oberaufsicht über die Pflichterfüllung aller untergeordneten Kreise, aller Einzelbürger und die Vertretung des Staates nach außen. Diese Verwaltung kann aber nach allem Vorausge- setzten nur wenig kosten. Staatsschulden und stehende Heere gibt es nicht, die Staatseinnahmen können dem Erziehungswesen im weitesten Wortsinn und der Lebens-, Alters- und Armen- Versorgung gewidmet werden. Der Staat ist die emzige Ber- sicherungSgcsellschaft für alle Unfälle, und er kann sie nicht nur billiger herstellen, als sie je vorher war, sondern auch auf alle Diejenigen ausdehnen, welche bisher sich nicht selbst versichern konnten. Die Gemeinde befördert die gemeinschaftliche Consumtion. Sie wird zu einer großen Familie, welche in Gruppen zerfällt. welche gemeinsam wirthschaften. um die wahre Sparsamkeit zu erzielen. Denn diese besteht darin, daß aus jedem wirthschaft- lichem Gute der größtmögliche Nutzen gewonnen, und daß jeder Verwüstung gesteuert wird. Die Gemeinde stellt Muster-Haus- wirthschaften her. in welchen mit einem gegebenen Maße von Waaren der größte denkbare Genuß erreicht wird, und betreibt den allmäligen Umbau der Städte und Dörfer, zu dem Zwecke, daß das edelste Familienleben durch gruppenweises Zusammen- Wirthschaften erleichtert werde. Wissenschaftlicher und künstle- rischer Beirath feiten der Gewerkschaften geht ihr dabei zur Hand. Wir gehn in unsrer Schilderung nicht weiter, bevor eine Besprechung der Einzelheiten gewünscht wird. Wir haben uns blos noch mit dem Einwurfe zu beschäftigen, daß der Plan sehr schwer oder gar nicht ausführbar sei. Dieser Einwand wird aber überhaupt allen Plänen der Sozialdemokratie gemacht und Ueberstcht der Volksbewegungen im 19. Jahr- hnndert. (Forlsetzung.) in. Stärke der Bewegung. Ihre instinktive Natur. Die Bewegungen der Zeit sind von dem Instinkte der Massen getragen. Denn es gehört zu dem wesentlich Charakteristischen unserer Zeitgeschichte, daß der große Einfluß Einzelner, Regenten oder Privaten, in ihr kaum zum Borschein kommt. Seit Na- poleon ist kein wahrhaft vorragender Geist aufgetreten, der die Aufmerksamkeit der Mitlebenden vorzugsweise auf sich hätte lenken können, kein wahrhaft großer Charakter, der die Geschicke eines Volkes in seine Hände genommen hätte oder der Vertreter einer ganzen Zeitbestrebung geworden wäre. Die Geschichte hat von einigen Feldherrn zu erzählen, die gewisse Eigenthümlichkeiten Bonaparte'S angenommen hatten, aber das Unnachahmliche in ihm ist unnachgeahmt geblieben. Die großen Staatsmänner der nächsten Vergangenheit sind selbst in England und Amerika aus- gestorben, und der Nachtrieb ist von bedeutend geringerem Wüchse. In Literatur und Wissenschaft haben einige große Geister in diese Zeit hereingelebt, ihre Geburt und Bildung aber gehört der vorhergegangenen an. Im Technischen ist die Ausbeutung und Anwendung der Dampfkraft ein eigenthümliches Verdienst dieser Zeit, der erste und Hauptanstoß dazu ist aber in der vorhergegangenen Periode gemacht worden; die schaffenden Kräfte sind gering, ungeheuer an Zahl und Erfolg sind die, die aus dem Geschaffenen forterzeugen. Daher mangelt all der größere Zug, der durch ausgezeichnete Menschen in die Geschichte kommt, der Geschichte der Gegenwart. Den vielen kleinen Bewegungen entgeht der schreckliche Reiz, den die starken, mit einander rm- genden Kräfte der ersten französischen Umwälzung verleihen. In den mancherlei Kriegsereignissen ist kaum Eine merkwürdige Schlacht geschlagen, kaum Ein Talent aufgetaucht, das ein größeres Interesse hätte erregen können. Gegen die Napoleonische Zeit gehalten macht die unsere trotz der vielen einzelnen Er- Hebungen den Eindruck einer tiefen und allgemeinen Erschöpfung und Ermüdung, die die natürliche Folge der vorhergegangenen übermäßigen Anstrengungen und Erschütterungen scheint. Und auch mit den Zeiten des 18. Jahrhunderts vor der französischen Revolution verglichen, erscheinen die unseren arm an bedeutenden Menschen. Das Reizvolle der Erzählung von dem Leben und darf uns nicht abschrecken. Wir stellen die Grundzüge eines idealen Staates auf und suchen die Massen dafür zu erwärmen und darüber nachdenken zu machen. Wir bestellen das Feld und streuen die Aussaat: dem Naturfaktor überlassen wir, von der unsausbleiblichen geschichtlichen Entwicklung, die wir nicht beherrschen können, erwarten wir die R-ifung der Saat. Solange wir nicht durch Gründe widerlegt werden, bestehen wir auf der Vernünftigkeit der Sache und auf der Allmacht der Vernunft. Die Kritik der bestehenden Verhältnisse lehrt uns, wie wir es nicht angreifen dürfen, um die Menschheit auf immer höhere Stufen zu heben. Sie lehrt uns, daß die herrschenden Zustände sich selbst abschaffen und in nicht fernerer Zeit sich ab- schaffen müssen. Dafür, wie dies zu erfolgen habe, brauchen wir nicht zu sorgen, wohl aber dafür, daß, wenn der Um- schwung eintritt, eine insoweit disciplinirte und denkreifc Be- völkerung vorhanden sei, und daß der kapitalistische Geist in den Völkern durch einen brüderlichen möglichst ersetzt sei. Die Gegner unsrer Ansichten vergessen regelmäßig, daß wir den Zukunftsstaat gar nicht aufbauen können, bevor wir eine Mehrheit von Menschen haben, welche den Wahlspruch:„Jeder für sich, und Gott für uns Alle" bereits gegen den anderen „Alle für Jeden, und Jeder für Alle" vertauscht haben. Falls diese Bekehrung rascher vor sich gehn sollte, als bisher glaublich war, so würden nur unsere Gegner durch die vernunftwidrige Kampfesweise, welche sie gegen uns anwenden, daran schuld sein. In bewegten Zeiten lernen die Massen erstaunlich rasch denken und Vernunft annehmen. Die Beweggründe, welche heut- zutage fast jeden Menschen bestimmen— selbstsüchtige und fanatische, kurzsichtige und abergläubische, weichen nicht blos all- mälig einer vernünftigen Erziehung, sondern oft genug auch plötzlich großen, erschütternden Sch cksalen. Auf den Adel der Menschennatur bauen wir— die sicherste aller Grundlagen. Wenn es erst soweit gekommen ist, daß es im alten Schlendrian nicht mehr fortgehen kann, dann wird Jeder bis zu einem ge- wissen Grade ein anderer Mensch und fortschrittsfähig. Und mit fast jeder einzelnen der von uns vorgeschlagenen Einrichtungen ist bereits in der Weltgeschichte gelungene Probe gemacht worden. Die Zünfte des Mittelalters waren eine solche für ihre Zeit gelungene Probe, die heutigen Gewerkschaften der Lohnarbeiter und die Wanderversammlungen der Gelehrten und Techniker zeigen, wonach die Neuzeit strebt. Die Sclbstregierung in Gemeinden und die Entkleidung des Staates von Biel- regiererei haben viele Proben bestanden. Zur gemeinsamen Con- sumtion und Lebensweise überhaupt sind zahllose gelungene An- sätze gemacht worden. Und alle diese Fortschritte wären längst in ein Ganzes zusammengefaßt und zu wahrhaften Freistaaten ausgebildet worden, wäre nicht der ganze Geist unsers Zeitalters, der das Extrem des schlechten Individualismus bis in seine letzten Folgerungen auszubilden verurtheilt ist, jedem Versuch einer großen Gesammlprobe mit dem Zukunftsstaate abhold. Schließlich kommt wenig darauf an, daß wir unsre grund- sätzlichen Gegner von der Möglichkeit und Nothwendigke'it des Zukunftsstaates überzeugen. Wenn nur möglichst viele Derjenigen davon überzeugt sind, welche sich nach Erlösung von der alten Welt und ihrer Gesellschaft sehnen. Und deren Zahl ist Legion und wächst lawinenartig. Sozialpolitische Ueberstcht. — Zur W ilhelmsspende. DieS eigenthümliche csnserva- tive Wahlmauöver hat auch in Bezug auf die erhoffte Summe und auf die Größe der Betheiligung Schiffbruch erlitten. Kaum 3 Millionen Mark sind zusammengebracht worden, kaum ein Drittel der Bevölkerung des deutschen Reiches hat sich an der Spende betheiligt.— Und auf welche Weise ist die Summe zu- sammengekommen? Durch Drohungen mit Arbeitsentlassung, durch ausdrückliche Erklärung, daß Jeder, der sich nicht bethei- lige, ein Sozialdemokrat, ein Förderer des Kaisermordes sei! Das Volk hat aus solche Niederträchtigkeiten die richtige Antwort gegeben— es hat sich in seiner großen Mehrheit an jenem Wahlmanöver nicht betheiligt!— Am kläglichsten ist die Spende in Halle(circa<10,000 Einwohner) ausgefallen; in Halle, wo man die Reichsfeinde, die Sozialdemokraten, mit Stumpf und Stiel auszurotten versucht. An der Spitze der Sozialistenfcinde befindet sich der Staatsanwalt in Halle, ein Herr Woytasch, der schon gerade so viele Redakteure eingesperrt hat, als Nummern des dortigen sozialistischen Blattes(5) erschienen sind; obendrein Wirken so vieler ausgezeichneter und eigenthümlicher Persönlich- leiten, Fürsten, Staatemänner, Krieger, Schriftsteller, wie sie das 18. Jahrhundert besitzt, entgeht unserer Zeitgeschichte ganz. Aber eben das, was ihren Inhalt von dieser Seite gering macht, macht ihn von der anderen Seite desto bedeutender. Den Reiz der Geschichte jener anderen Zeiten erkauft man um den nieder- schlagenden Preis, daß die Völker neben jenen großen Ein- zelnen ganz unthätig waren, daß sie nur den Stoff abgaben, in dem die leitenden Männer des Tags nach Gutdünken wirkten. Dagegen in unserer Gegenwart bewegen sich wie im 16. Jahr- hundert die Völker selbst in Massen, und in allen ihren Theilen und Schichten. Und dies ist die eigenthümliche Größe dieser Zeit. Der hervorragende Rang der großen Begabung ist' in Abnahme, aber die Zahl der mittleren Begabungen ist in desto größerer Zunahme begriffen; nicht die Qualität, nicht die Höhe der Bildung der Einzelnen macht den Ruhm dieser Zeit aus, sondern die Quantität, die Weite, die Ausbreitung der Bildung unter den Vielen; es ist im Einzelnen nichts Großes und Er- habenes geschehen, aber im Ganzen ist dies wahrhaft eine große und erhabene Wendung in der Gestalt des öffentlichen Lebens, daß die Geschichte dieser Zeit nicht blos Biographien und Fürstengeschichten zu erzählen hat, sondern Völkergeschichte. Die Bewegung in diesen großen Massen des ganzen Welttheils ist getheilt und langsam, und der Fortschritt unterbrochen und gehemmt, eben weil es große und ungleichartige Massen find; aber die Vorbereitung reicht weit; und wenn die Erfolge noch der Art find, daß sie den Raschlebigen und Ungeduldigen auf Augenblicke entmuthigen, so sind doch die Versprechungen dieser Zeit so groß und verlässig, daß sie auch selbst den Muthlosesten mit dem Gefühle aufrichten: es sei dies eine Zeit, in der es sich lohne, gelebt zu haben. Ist es nicht eine Zeit tiefgehender, den inneren Menschen bildender Cultur, so ist es dagegen eine Zeit weitreichender, die äußere Lage der Menschheit fördernder Civili- sation. Was die praktischen Wissenschaften und technischen Künste, aus Vieler zusammengeschossenen Kräften und Erfahrungen, in diesen Zeiten Außerordentliches erzeugen, wirkt wie einst die großen Ereignisse und Erfindungen im 15. und 16. Jahrhundert vus das Hereinziehen immer größerer Massen in die Kreise der Bildung und des Wohlergehens. Die sichere Begründung der Naturkenntniß von Himmel und Erde schließt Aberglauben und Unwissenheit, wie einst die Reformation, in immer engere Räume; die Dampfmaschinen, Eisenbahnen und Telegraphen bringen, wie einst die Druckerkunft und die erweiterte Schifffahrt, eine Be- schleunigung, eine Verbreitung, eine Gemeinsamkeit aller einzelnen ist auch noch der Hauptführer der„Kaisermörder", Hugo Nödi- ger, neuerdings wieder verhastet worden und dennoch das kläg- liche Resultat bei der Wilhclmspende. Es haben nämlich 19,081 Personen 5364 M. 80 Pf. beigetragen. In den Volksschulen haben 2920 Kinder 41 M. 20 Pf. gesammelt, jedes also sich mit 1—2 Pf. betheiligt; in den städtischen Bürgerschulen haben 2463 Kinder 164 M. 38 Pf. gespendet.— Also 19,000 Personen von 60,000; darunter circa 5500 Kinder in den Schulen!— Und da nennt sich Halle eine reichstreue Stadt.— Aber auch in Berlin, und selbst in Leipzig ist die Spende nicht reichlich aus- gefallen. Wenn es also nach der Meinung der Herren Reichs- freunden ginge, so bestände die deutsche Nation zu zwei Dritt- theilen aus Reichsfeinden! — Auf dem Wege nach Canossa! Ueber Kissingen führt auch geographisch der Weg von Berlin nach Italien. Die dortige Zusammenkunft Bismarcks mit dem päpstlichen Nuntius Masella, welche den Büßgang nach Canossa, das heißt das Nach- geben des deutschen Reiches in dem„Culturkampfe" gegen die römische Kirche einleiten soll, scheint von Erfolg in dieser Be- ziehunz zu sein. Der klassische Boden, auf welchem Kullmann auf den„Heros des Jahrhunderts" schoß, ist allerdings für die b-worstehenve Demüthigung sehr geeignet.— Die Anhänger Bismarcks glauben noch gar, daß der Fürst aus den Unterhand- lungen siegreich hervorgehe. Dem entgegen aber möge man be- denken, daß noch Niemand, der mit Rom unterhandelt hat, Sieger geblieben ist. — Das tausendjährige Reich des Fürsten Bismarck ist nahe. Wie aus einer uns vorliegenden Statistik der Attentats- Majestätsbeleidigungen erhellt, waren bis Mitte der vorigen Woche achthundertundelf Jahre elf Monate und vier- zehn Tage an Gefängnißstrafen über 521 Majestätsbeleidiger, darunter 31 Frauen und etwa ein Dutzend Kinder verhängt worden. Nur in 42 Fällen hatten die Gerichte auf Freisprechung erkannt. Fünf der Verurtheilten haben sich in Folge ihrer V�r- urtheilung selbst entleibt. Diejenigen Städte, welche am meisten Majestätsbeleidigunzen geliefert, sind in alphabetischer Ordnung: Berlin, Breslau, Bonn. Bochum, Danzig, Duisburg, Elberfeld, Görlitz, Halle und Lobsens, d. h. überwiegend mon- archistische und unsozialistische Städte(7 unter 10). Man muß gestehen, unser genialer Herr Reichskanzler hat es„herrlich weit gebracht". — Ein wirklicher Patriot. Den patriotischen Beklem- mungen einzelner Mitglieder der Kriegervereine leistet der Vor- sitzende des„Vereins der ehemaligen Division Kummer", die sich bekanntlich gerade im letzten Feldzuge außerordentlich hervorthat, energischen Widerstand; derselbe, C. Sievert ist sein Name, erklärte nämlich von Berlin in der„Berliner Freie Presse" unter dem 22. d. M., daß er es für„unstatthaft und ungesetzlich hält, daß deutsche Krieger-Vereine sich in corpore mit Politik befassen." Außerdem erklärt er aber auch, daß die in einem Flugblatt: „An die Conservativen der Hauptstadt" vorhandene Unterschrift „C. Sievert, Baumstraße, Vorsitzender des Vereins der ehemall- gen Division Kummer", nicht von ihm herrührt." — Zwei ehemalige Zuchthäusler, so schreibt der „Bürger- und Bauernfreund" aus Jnsterburg, waren die Agita- toren für die Wahl des Oberstaatsanwalts Saro. Die- selben erhielten pro Tag 3 Mark.— Zu dieser Nachricht haben wir kein Wort hinzuzufügen. — Toll gewordene Fortschrittler und Liberale. Wir lesen in der„Berliner Volkszeitung":„Nachdem das Wahl- resultat im sechsten Berliner Wahlkreise am Dienstag Abend endgiltig festgestellt war, wurde dasselbe von dem Vorstande deS Wahlvereins unverzüglich dem in Deplitz weilenden Kaiser tele- graphisch mitgetheilr und gleichzeitig im Namen der anwesenden, nach Tausenden reichstreuen Bürger der freudigen Genugthuung Ausdruck gegeben, daß es gelungen sei, den Wahlkceis von den Sozialdemokraten zurückzuerobern."— Aus Chemnitz meldet dasselbe Blatt, daß ein Telegramm an den Kaiser folgenden Inhalts von den Liberalen abgesandt worden ist:„Die Liebe zn ihrem Kaiser hat dm Reichstreuen im 16. sächsischen Wahlkreise einen glänzenden Sieg erringen helfen. Die Hochburg der So- zialdemokratie ist gefallen. Gott schütze Ew. Majestät."— Wir Fortschritte hervor, die zum Vortheile der allgemeinen Civilisation selbst die Zeiten und Räume besiegt. Nie ist der Zusammenhang aller Erdthecke vollständiger, die Mittel der Verbindung viel- fältiger, der Verkehr rascher und allgemeiner, die Kenntnisse ausgedehnter, die Bildungsmittel zugänglicher, die Allfertigkeit der Menschen zu jeder Thätigkeit größer, Wohlstand, Behaglich- keit, Genuß und Leichtigkeit des Lebens allgemeiner v.rbreitet, nie aber auch allgemeiner begehrt und angestrebt gewesen, als heute. Die Regsamkeit in allen Richtungen des häuslichen Lebens hat sich auch in dem öffentlichen Leben geltend gemacht. Und auch hier sind es die Massen, die die Politik zu machen beginnen. Mit der Sicherheit, die dem Instinkte der Menge eigen ist, sor- muliren sie ihre Forderungen, unverblüfft von dem Besserwissen der Doktrin, genau nach ihrem Vortheil und Bedürfniß, und bestehen auf ihnen mit der einfachen Folgerichtigkeit des wohl- verstandenen Interesses, unerschreckt von dem Widerstand und den zeitweisen Siegen der Gegner. Ihre Forderungen aber gehen dahin, daß der Staat das Wohl der Vielen endlich seine Sorge sein lasse, und nicht das der Wenigen und Einzelnen. Und sie stützen sich, dies- Forderungen, täglich mehr auf einen den Klarsichtigen einleuchtenden, den Verblendeten drohenden Grund, den schon die ersten Calvinistischen Staatslehrer warnend gepredigt hatten: daß es Staaten gebe ohne Fürsten, aber nicht ohne Volk. Diese Forderungen sind den Völkern gemeinsam, das Ziel ihrer Bewegungen ist ein gleichartiges. Nicht daß sie nothwendig auf eine einzige gleiche StaaUform hinausgehen müßten, aber sie gehen alle von einem gleichartigen Staatsbegriffe aus. Der strenge Staatsbegriff des Alterthums ist angesichts des neueren Staatsideals in Amerika unmöglich geworden. Niemand wird für glaublich halten, daß die straffen Ordnungen Englands Aus- ficht hätten aus das Festland überzugehen, Jedermann für unaus- bleiblich, daß die demokratischen Ideen, die die Well bewegen, vielmehr allmählig nach England überdringen. Der Jndividua- lismus, das Selbstgefühl der Persönlichkeit, ist zu stark in dem Menschen geworden, als daß er die Staatsbegriffe und Ord- nungen nicht lockern, die geschlossenen Körperschaften, die Staaten im Staate, nicht auflösen, allen Kasten- und Standesunterschied nicht ausgleichen sollte. Denn das Streben nach der Gleichheit aller Verhältnisse, nach der Freiheit von Mensch zu Mensch, ist in diesem Selbstgefühle der Persönlichkeit nothwendig begründet. Die politische Gleichheit aber, wenn sie nicht der Ausdruck der gleichen Unterdrückung unter der Despotie ist, verlangt die Herr- scbaft des Volkswillens nach der Entscheidung der Mehrheit; können nur unsere Anfangsworte wiederholen:„Toll gewordene Fortschrittler und Liberale". — Selbsterkenntniß. Die„Verl. Volkszeiwng" schreibt in ihrem Wahlfeuilleton wörtlich:„Darauf hat die Fortschritts- Partei ein nicht sehr loyales Wahlmanöver verübt, denn es ist darauf zu lesen: Arbeitercandidat Klotz. Da die Männer der Fortschrittspartei stets es abgelehnt haben, eine bestimmte Klaffen- oder Jntereffenvertretung zu übsrnehmen, so ist dies ein wenig Bauernfängerei."— Daß der sechste Berliner Wahlkreis lediglich durch polizeiliche Bedrückungen und durch fortschrittliche Bauernfängerei unserer Partei verloren ge- gangen ist, das wußten wir sofort. Und dabei noch ein Sieges- telegramm an den Kaiser! Das streift ja geradezu an Majestäts- deleidigung. — Prächtig abgeblitzt. In der am 2. August in Leipzig stattgehabten Sitzung des Kreisausschusses, so meldet das .Leipziger Tageblatt", kam unter Anderm auch die durch Herrn Hofrath Kleinschmidt vermittelte Petition einer Anzahl Gastwirthe der Umgegend Leipzigs, welche um Wiedergestattung der Abhal- tung allsonntäglicher Tanzmusik gebeten und gewtssermaßen als Gegenleistung das Anerbieten gethan hatten, dann ,n Zukunft ihre Säle zur Abhaltung sozialdemokratischer Ver- sammlungen nicht mehr hergeben zu wollen, zur Erle- digung- allerdings nicht im Sinne der Petenten. Der Referent der betreffenden Petition wies nämlich ausdrücklich gerade auf dieses Anerbieten hin und erklärte, daß diese Art und Weise, «m Gewährung eines Vortheils zu petitioniren, schwerlich dazu führen werde, das Gesuch zu unterstützen. Man fand, kurz ge- sagt, das Ansinnen doch etwas zu unzart, um darauf eingehen S können, und die Petenten wurden demzufolge abschlägig be- ieden.—.Unzart" nennt das„Tageblatt" das Ansinnen; zu deutsch würde es heißen: frech! Im Uebrigen war es vorder Wahl gerade das„Tageblatt", welches diejenigen Wirthe eines besonderen Lobes für würdig erachtete, welche den Sozialdemo- traten ihre Lokale verweigerten. Somit hat auch das„Tage- blatt" durch den Beschluß des Kreisausschuffes eine lehrreiche Lektion für sein„unzartes" Benehmen erhalten. — Komische Logik. Daß die„Vernichtung der Sozial- demokratie" nicht gelungen ist, müssen die Herren Reaktionäre aller Schattirungen sich jetzt seufzend gestehen. Statt nun aber daraus den Schluß zu ziehen, daß der„Veruichtungs"-Versuch Blödsinn war, und solchen Blödsinn für die Zukunft zu unter- lassen, sind einige besonders„geniale" Reaktionäre zu dem Schluß gekommen, das allgemeine Wahlrecht sei an dem Wachsthum der Sozialdemokratie schuld, und wenn man das allgemeine Wahl- recht beschränke, das heißt zerstöre(denn beschränktes Wahl- recht ist kein allgemeines mehr), so habe man damit auch die Sozialdemokratie zerstört. Das allgemeine Wahlrecht zeigt Ans einfach, wie der Puls der kranken Gesellschaft schlägt, und der Staatsarzt, der diesen sozialen Gesundheitsmesser zer- bricht, begeht eine ebenso thörichte als gefährliche Handlung. Das ist ungefähr gerade so logisch und vernünftig, als wenn ein Arzt die Uhr, welche den Pulsschlag des Kranken constatirt, als Ursache der Krankheit betrachtete und in Stücke schlagen wollte, um die Ursache der Krankheit zu entfernen und damit die Krankheit selbst zu heben. — Wegen ungesetzlicher Handlungen und Mißbrauchs der Amtsgewalt wird seitens der sozialdemokratischen Wahlcomitös -gegen den Wahlcommissar im 22. sächsischen Wahlkreis, Amtshauptmann v. Polentz in Auerbach(Auer'scher Wahlkreis) und die Bürgermeister von Rötha und Zwenkau(13. sächsischer Wahl- kreis) bei der Staatsanwaltschaft Strafantrag gestellt werden. — Ein Plakat des Wahlcomitös der Leipziger Fortschritts- Partei kündigt gegen das„Leipziger Tageblatt" Stellung eines Strafantrags an, weil dasselbe an der Wahrheitsliebe des fort- fchrittlichen Comitös gezweifelt. Uns nimmt diese Feinhäutig- keit des fortschrittlichen Wahlcomitös gegen einen vergleichsweise milden Angriff Wunder, denn das Wahlcomitö der Fortschritts- Partei hat in seinem Flugblatt für Dr. Heine mit einer so bodenlosen Gemeinheit die sozialdemokratische Partei in Leipzig angegriffen, daß alle Angriffe des„Tageblatts" gegen uns und bedingt eine Regierung, die nicht auf die Vorspiegelung eines göttlichen Recht« gegründet ist, sondern auf die Nothwendigkeit; erfordert eine Gesetzgebung, die auf dem Bedürfnisse der Gesell- schaft ruht, über das die Gesammtheit selber urtheilt. Nach diesen volksfreundlichen Begriffen, Formen und Ordnungen des Staats und der Gesellschaft drängt Alles in dieser Zeit in einer Gemeinsamkeit und Unaufhaltsamkeit hin, als ob die Schicksals- gewalten unmittelbar einwirkten, einer geschichtlichen Idee Gestalt and Körper zu geben. Der Kampf dieser Zeiten gilt dem Emporstreben eines vierten Standes. Die große geschichtliche Frage ist, ob dies Bestreben «in vorübergehendes, unter den Vorgriffen menschlicher Willkür verfrühtes sei, oder ob in ihm eine vorsichtliche Schickung er- kennbar wird, der es rathsam ist sich zu beugen. (Fortsetzung folgr.) — Die Gesetzeskunde unseres Herrn Reichskanzlers« kann nicht sehr weit her sein, wenn folgende, bis jetzt unwider- Legte,„Anekdote", welche ein Kiflinger Kurgast an die„Vossische Ztg." schreibt, wahr ist:„Am Morgen des Wahltags bildeten sich(in Kissingen) auf der Brunnenpromenade zahlreiche Wähler- gruppen, in denen ein Wahl-Aufruf des vereinigten reichstreuen Eomitös des Wahlkreises Neustadt a. d. Saale zur Vertheilung und Besprechung gelangte. Der Wahlaufruf steht auf dem Boden ber vereinigten liberalen Parteien und empfiehlt für die Reichs- tagswahl als Candidaten den Gutsbesitzer Freiherr Carl v. Stein in Bölkenshausen bei Mellrichftadt, ein deutsch national-gesinnter, reichstreuer Ehrenmann. Es wurde im Eonversations-Verfahren der Beschluß gefaßt, sich an der Wahl zu betheiligen und für Herrn v. Stein zu stimmen und dieser Beschluß gelangt sofort zur Ausführung, als bekannt wurde, daß sowohl der Reichs- kanzler Fürst Bismarck, als auch seine beiden hier weilenden Söhne, die Grafen Wilhelm und Herbert von Bismarck sich an der Wahl betheiligen und aller Wahrscheinlichkeit nach und wie aus einzelnen Bemerkungen der Letztgeuannten zu schließen fei für den Freiherrn v. Stein stimmen werden. Der Reichs- Kanzler und seine beiden Söhne, so wie sein sonstiges preußisches Personal wählt übrigens mcht im Wahlkreise Kissingen, sondern «n Wahlbezirk.Klosterhausen", wozu seine Wohnung gehört. Soeben treffe ich mehrere Landsleute aus dem zweiten Berliner Wahlkreise, die es bedauern, heute nicht ihre Stimme für Herrn Klotz abgeben zu können, die aber sämmtlich für Herrn v. Stein stimmen werden. Uebrigens wird es schwer halten, den Reichs- wahrlich auch gegen die Fortschrittspartei dadurch in Schatten gestellt wurden. — Leichtfertiges Urtheil. Unter diesem Titel schreibt unser Züricher Parteiorgan: Das„Züricher Volksblatt" bringt ein Avis eines sozialdemokratischen Blattes in Deutschland, daß die Genossen Alles, was ihnen jetzt von den Herren vorgelegt werde, unterschreiben sollen, da solche durch die Hungerfolter erzwungene Versprechungen doch keine moralisch bindende Gel- tung haben könnten. „Dazu bemerkt das genannte Blatt, daß sich auf solche Weise die Sozialdemokraten„in der Achtung aller Ehrenhaften herab- würdigen". „Wirklich, es ist sehr leicht, ein solches Urtheil in die Welt hinauszuschreibcn, wenn man selbst sicher sitzt und das„Ehren- Haft sein" durch keine Versuchung gefährdet ist. Man beweist aber damit auf's Deutlichste, daß man von dem, über was man schreibt, gar keine Kenntniß hat. „Wissen Sie, Herr Volksblatt-Redakteur, was es auf sich hat, wenn ein paar Hunderttausend Arbeiter, wenn sie nicht unterschreiben, entlassen werden? Entweder muß eine Partei dann für ihre derart Gemaßregelten genug Geldmittel zum Unterhalt derselben in den Händen haben— oder sie hat zu gewärtigen, daß die zur Verzweiflung Getriebenen zu blutigen Ausschreitungen greifen, wodurch gegenwärtig am allersicher- sten die Reaktion einen vollständigen Sieg erlangen würde.(Das wäre unzweifelhaft Wasser auf die Mühle unserer Mordspatrioten gewesen. R. d.„B.") „Es ist nun schwerlich zu vermuthen, daß die Redaktion des „Zürcher Volksblatt" der Sozialdemokratie Deutschlands die Geldmittel zur Verfügung stellen könnte oder wollte, um die Maßregelung über ihre Genossen wirkungslos zu machen, da- gegen ist um so mehr vorauszusehen, daß diese Redaktion im Falle von Putschen, ebenso wie andere Blätter über die zur Verzweiflung Getriebenen herfallen würde. Die deutsche Sozial- demokratie hat daher ganz wohl gethan, auf die sehr Wandel- bare und in keinem Falle Beistand leistende„Achtung aller Ehrenhaften" zu verzichten und sich über solche Kurzsichtigkeiten hinwegzusetzen. „Wenn das genannte„demokratische" Blatt kein Wort der Entrüstung über die schmähliche Sozialistenhetze hat und nur vornehm über die Gehetzten abspricht, dann muß es sich nicht wundern, wenn die schweizerischen Sozialdemokraten auf eine solche Gattung„Demokratie" nichts mehr geben." So die„Tagwacht". Es giebt auch in Deutschland Leutchen, die sich das hinter die Ohren schreiben mögen. — Parteigenossen! Es ist eine allseitig feststehende That- fache, daß bei den letzten Reichstagswahlen die Liberalen aller Schattirungen, ebenso wie die Conservativen sich die schlimmsten Wahlbeeinflussungen haben zu Schulden kommen lassen. Ebenso steht es fest, daß vielfach die Behörden, namentlich die Polizei- organe die Gesetze verletzt haben, schon deshalb, weil man bei uns verboten und hintertrieben hat, was man den Gegnern er- laubte. Es ist nothwendig, daß alle Vorkommnisse dieser Art sofort genau festgestellt werden, daß man für die einzelnen Fälle möglichst viele und glaubwürdige Zeugen zu gewinnen sucht, um die stattgehabten Unregelmäßigkeiten im Falle einer gerichtlichen Untersuchung beweisen zu können. Ort, Namen und nähere Um- stände müssen also überall wahrheitsgemäß festgestellt werden. Die so gewonnenen Thatsachen sind zu einem Bericht zu- sammen zu stellen und sofort nach dem Zusammentritt des Reichstags dem Bureau desselben zu übersenden. Wahlproteste, die später, als zehn Tage nach dem Zusammentritt des Reichstags bei dem Bureau ein- gehen, bleiben unberücksichtigt. Auch ist es nothwendig, daß unsere Vertreter von den eingesandten Protesten Nachricht erhalten. Parteigenossen seid auf dem Posten. — Parteigenosse Rödiger in Halle ist am 1. August ohne Angabe des Grundes plötzlich verhaftet worden.— Genosse Tauscher wurde in Nürnberg, wo er für die Wahl Grillen- berger's thätig war, auf Requisition der Augsburger Behörden wegen Fluchtverdacht am 28. Juli verhaftet. Derselbe war kanzler zur Wahlurne schreiten zu sehen, er ist fast unsichtbar und weicht den Kurgästen auf jede nur denkbare Weise aus, um ihrer Besichtigung zu entgehen. Zum Schluß(der Brief muß schnell zur Bahn, um den Berliner Zug zu erreichen), daß die heutige Wahl auf jeden Fall wegen Zulassung der Kurgäste an- gefochten werden wird." Allerdings ist es ungesetzlich, daß ein Gast an dem Orte, wo er nicht in die Wählerliste eingetragen ist, seine Stimme abgiebt. Daß Fürst Bismarck diese allbekannte Bestimmung des von ihm selbst entworfenen Wahlgesetzes nicht kennen sollte, ist in der That kaum zu begreifen. — Im Frankfurter„Jntelligenz-Blatt" vom 1. August ist folgendes Inserat zu lesen: „Anfrage. Sollte sick in ganz Frankfurt und Sachsenhausen nicht ein einziger Mensch finden, der einem durch die Zeitverhältnisse zurückgekommenen Familienvater von 6 Kindern zu irgend welcher Beschäftigung verhilft? Derselbe war 25 Jahre in einem Geschäft, theils als Reisender und Comptoirist thätig, spricht gel. französisch und befitzt alle kauim. Kenntnisse. Jede Art Beschäftigung drin- gend erwünscht. Nähere Adresse in der Exped. ds. Blattes zu erfahren." Diese neun Zeilen starke Anfrage redet lauter und verständ- licher als eine ganze sozialdemokratische Versammlung und läufr trotzdem keine Gefahr,„aufgelöst" zu werden. So kann der denkende Mensch täglich, stündlich mit eigenen Augen sehen, mit Händen fühlen, wie herrlich weit wir es einestheils schon gebracht, anderentheils noch bringen können, wenn nicht bald und endgültig Recht und Vernunft ans Ruder kommen.— o— — Noch nicht dagewesen! Für den liberalen Abgeord- neten in Stuttgart, Herrn Hölder, hat man vor der Wahl in der sinnigsten Weise fagitirt. So finden wir nachträglich fol- gende Annonce im Stuttgarter„Neuen Tageblatt": „Wählerversammlung. Am Sonntag den 28. d., Mittags 3 Uhr, findet im Herzog Karl, Hackh'scher Gartensaal, eine große Volksversammlung statt, in welcher Herr Fabrikant Äürkle von Großheppach als Redner auftreten wird. Die Zwischenzeit wird mit Piano ausgefüllt. Entrö 20 Pfennige." Also ist Hölder gusisi„mit Pauken und Trompeten" in den Reichstag gebracht worden. zu 8 Tagen Haft wegen Beleidigung verurtheilt worden.— Zwei Tage vor der Wahl— und wegen 8 Tage fluchtverdächtig! Merkt Ihr etwas?— Unser Genosse Dietzgen ist vom Zucht- Polizeigericht zu Köln freigesprochen worden. Auf Antrag des Staatsanwalts, welcher Appellation einlegte, wurde unser Freund jedoch in Haft gehalten.— Parteigenosse Schröder in Stuttgart wurde wegen Religionsbeschimpfung„unter den er- schwerenden Umständen", wie der Staatsanwalt hervorhob,„daß der Beschuldigte Sozialdemokrat sei", zu 4 Monaten Gefängniß verurtheilt worden.— In Remscheid ist die Wahlagitations- nummer des„Vorwärts", die überall unbeanstandet geblieben ist, consfiscirt worden. Der Colporteur wurde verhaftet, aber bald darauf schon wieder entlassen. Der§ 131 des Straf- gesetzes, Schmähung von Staatseinrichtungen, soll die Beran- laffung gewesen sein. — Wie der„Wahrheit" aus Wien berichtet wird, ist der frühere Redakteur derselben, Karl Keller, welcher durch die Flucht sich einer über ihn verhängten Gefängnißstrafe entzogen hat, auf Requisition der hiesigen Staatsanwaltschast am 31. Juli früvzeitig aus dem Bett verhaftet und in das Wiener Polizei- gefängniß, einem der schrecklichsten Jnternirungsorte, eingeliefert worden. Am 1. d. Mls. ist er dem Landesgericht überwiesen worden. Da politische Verbrecher von Oesterreich nicht ausge- liefert werden, ist es noch fraglich, ob Keller nach Preußen transportirt wird. Correspondenzen» Wien, 27. Juli. Die österreichischen Staatsretter suchen in ihrer Thätigkeit die Deutschen womöglich noch zu übertreffen; für uns existirt das Vereins- und Versammlungsgesetz schon seit längerer Zeit nicht mehr. Unter den geringfügigsten Ursachen werden Vereine gewerblicher und politischer Natur aufgelöst. Man weiß gar nicht mehr, was politischer Verein heißt. Ebenso hat sich unsere Presse einer ungeheuren Aufmerksamkeit zu er- freuen, der„Sozialist" erscheint fast immer in zweiter Auflage. Die in Reichenbach in Böhmen erscheinende„Rundschau" bringt es oft zu zwei bis drei Auflagen und dann find die Spalten auch oft genug noch leer. Man will uns auf diese Art zu Tode Hetzen und es ist zu verwundern, daß es trotzdem noch so ruhig fortgeht, aber beständiger Druck erzeugt Gegendruck und so glaube ich, daß man auch trotzdem in Oesterreich die Sozial- demokratie nicht gänzlich vernichten kann. Der Prozeß Schwar- zinger's, über den Sie schon berichteten, beweist wiederum aufs Eklatanteste unsere Widerstandsfähigkeit und zeigt, mit welcher Begeisterung Einzelne für ihre Uebcrzeugung in die Schranken treten. Genossen! nehmt Euch ein Beispiel daran und schaart Euch fest und fester um unser Banner, wenn auch der Sieg un- serer Sache noch weit vor uns liegt. I. G. St. Iranüfurl a. M., Ende Juli. In X. wurde Anfangs dieses Monats ein Parteigenosse ausgewiesen, den man zum Polizei- Präsidenten vorgeladen und dem man dort, nach Feststellung seiner Personalien, einfach mitgetheilt hatte, daß man seine Aus- Weisung aus den preußischen Staaten bei der Regierung in W. beantragen werde. Kurze Zeit darauf wurde derselbe Genosse auch schon wegen Verdachts, mit HöSel in Verbindung gestanden zu haben, verhastet. Nach vierzehntägiger Haft wurde der Ge- nosse entlassen, nach einigen Tagen indeß wiederum zum Polizei- rath bestellt, worauf ihm gesagt wurde, daß er aus polizeilichen Gründen ausgewiesen werde. Auf die Frage nach diesen Gründen hieß es, darnach habe er nichts zu fragen. Hierauf in's Ge- fängniß zurückgeführt, holte man den Genossen nach zwei Tagen abermals zum Verhör und theilte ihm mit, daß er in ändert- halb Stunden per Schub fortgeschafft werde. Das Gesuch des Gefangenen, seine Schulden bezahlen und sich mit Geld und Wäsche versehen zu dürfen, wurde abschläglich beschieden; er wurde mit Ketten gefesselt und so durch die Straßen geführt. Gewiß ein bezeichnendes Merkmal für unsere herrlichen deutschen Zustände. Von hier ging's nach H.; am andern Tage, immer mit Gendarmenbegleitung, über mehrere preußische Orte zu Fuß bis in's Bayerische hinein. In Brückenau wollte man ihn, da er keine Reisemittel und ebenso wenig Legitimationspapiere be- saß, per Schub weiter befördern. Da er jedoch erklärte, erst an die österreichische Gesandtschaft nach München schreiben zu wollen, ließ man ihn, mit einem Zwangspaß versehen, allein weiter reisen. Das nennt man nun Gerechtigkeit im deutschen Reiche: einen unbescholtenen Menschen, dem durchaus nichts nachzuweisen ist, darum, weil er Ausländer und einer radikalen Anschauung huldigt, einfach auszuweisen und wie den gemeinsten Verbrecher auf der Landstraße herumzuschleifen. O Deutschland, was ist aus dir geworden! Aranüfurt a. M., 31. Juli. Es dürfte von weitergehendem Interesse sein, über die hiesige Wahlschlacht einige Mitthei- lungen zu machen. Das Wahlresultat muß, wenn auch Ihren Lesern schon vollständig bekannt, hier nochmals angeführt werden. Von 19,300 abgegebenen Stimmen(gegen 15.128 1877) er- hielten: Demokrat Sonuemann 6867, Nationalliberaler Dr. Var- rentrapp 4583, Sozialist Döll 4080, Fortschrittler Dr. Ebner 2526, Centrumsmann Janssen 368, Deutschconservativer Heyden 213.(1877: Holthof 4922, Varrentrapp 4648, Frohme 3448, Flinsch 1491, Janffen 819.) Es hat demnach eine Stichwahl zwischen dem Demokraten Leopold Sonnemann und dem Natio- nalliberalen Geheimen Gesundheitsrath Varrentrapp stattzufinden. Wie aus vorstehender Zusammenstellung ersichtlich, erhielten von den gegen 1877 mehr abgegebenen 4000 Stimmen die National- liberalen nicht nur keine einzige, sondern sie mußten sich noch mit einem Minus von 59 zuftieden geben! Und man kann ihnen doch wahrlich nicht nachsagen, daß sie Geld gescheut oder Ehrabschneiderei gefürchtet hätten! Daß die Herren vom„Wahl- verein" keine öffentliche Wählerversammlung einberiefen, haben verleumderische Zungen gleich übel ausgelegt; ich bin nicht so pessimistisch, sondern glaube, daß sich die Herren vor weiter weiter nichts als einer Auflösung gefürchtet haben— jetzt, wo ja die Auflösungen die Regel bilden! Was hier m den letzten Wochen alles„aufgelöst" wurde, das kann ich Ihnen nicht mehr angeben; es mag deshalb hier nur der Auflösungs- Kalender aus allerneuester Zeit folgen. Am Samstag wurde in Sachsen- hausen eine von den Sozialisten einberufene Wählerversammlung und am Montag eine solche hier aufgelöst,„wegen Ueberfüllung des Lokales"! Als in letzterem Falle nach Ansicht des Herrn Comm-ssärs die Räumung zu langsam von Statten ging, gab er dem mitüberwachenden Schutzmann Befehl:„Holen Sie mi- litärische Hilfe; wenn man Ihnen nicht Platz macht, hauen Sie mit dem Säbel drein!" Als später Herr Döll in einer gleich- zeitig tagenden Sitzung des demokratischen Vereins diese Auflösungsgeschichte erzählte, wurden auch die Demokraten auf- gelöst, weil— man höre, aber staune nicht— der Herr Polizei- Commissär in dieser Versammlung eine Fortsetzung der eben aufgelösten erblicken zu müssen erklärte!— Eine am Sonntag stattgehabte Versammlung der Centrumspartei wollte am Schluß ein Hoch ausbringen, was aber— man staune abermals nicht— der Herr Polizei- Commissär als„Störung der Sonntagsfeier" verbot!„Fromme Katholiken stören die Sonntagsruhe!" meint der„Volksfreund".---- Die Sozalisten gewannen also hier sechshundert Stimmen,„obgleich"(wie der„Volksfreund" außer den bekannten Gründen mit Recht anführt)„wir kein ein- ziges Flugblatt vertheilten, nur eine einzige Nummer des„Volks- freund" stärker verbreiteten; obgleich unsere ganzen Wahlunkosten sich auf keine 200 Mark belaufen." Vor mir liegt eine Samm- lung von Wahlflugblättern und ditto Reden, die aus zwanzig Exemplaren besteht, aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit er- hebt. Da läßt Herr Barrentrapp sein politisches Glaubensbe- kenntniß von Stapel, wobei die Attentate so gut oder so schlecht wie möglich ausgebeutet werden. Den„Führern" der Sozial demokraten muß der Herr Doktor die moralische Verantwortlich keit„für die in große Massen der Bevölkerung getragene Vep wirrung":c. zuweisen. Mit verschämter Bescheidenheit freut er sich darauf hinweisen zu dürfen, was er seit nahezu 40 Jahren alles für das Wohl der„weniger bemittelten Klassen" gethan. Im Uebrigen ist der„Liberale" für Ausnahmegesetze, indirekte Steuern und die bekannten schönen Dinge, wie fie der große Kanzler haben will. Den„Wählern von Stadt und Land wurde plausibel zu machen versucht, daß die Sozialdemokraten „Ehe, Familie und Eigenthum bedrohen und die ganze Civili- fation der heutigen Gesellschaft gefährden"— welche Vogel- scheuche leider längst nicht mehr auf Neuheit Anspruch machen kann und oftmals keine Gänsehaut mehr zu erzeugen vermag Herr Sonnemann, der Demokrat, ist„mit den Sozialdemokraten verbündet und hat ihren Bestrebungen vielleicht(warum nur „vielleicht"?) noch mehr Vorschub geleistet, als ein offener An- Hänger derselben." Das alles und noch vieles mehr erzählen den„Wählern von Stadt und Land" die lieben Nationallibe- ralen, die einem solchen Mahn- oder richtiger Angstrufe svier- hundertunvfieben(407) Namensunterschriften folgen lassen!— Die Fortschrittler hatten sich diesmal besonders angestrengt und viel Lärm mit ihrem Candidsten gemacht— wie die Erfahrung gelehrt hat, mehr Lärm, wie nöthig war! Die Fortschrittspartei will den Kampf gegen die Sozialdemokratie mit Nachdruck fort- setzen,„aber nur auf dem Boden des bestehenden und Allen gemeinsamen Rechtes". Selbstverständlich wird sie die„freiheit- »che Entwicklung kräftig fördern". In einer von dieser Partei einberufenen öffentlichen Wählerversammlung durfte kein Ange- höriger einer anderen Partei sprechen. Warum wohl?— Die Demokraten haben ihr von Varrentrapp'schem„glaube",„halte" und„werde" freies Programm den Wählern mündlich und schriftlich vorgeführt, auch Jedem Redefreiheit zuerkannt, wovon freilich nur die Sozialisten Gebrauch machten. Auch in der Wählerversammlung der Centrumspartei erhielt Genosse Döll das Wort. Damit dieser ernste Wahlkampf doch nicht ganz ohne einen heiteren Zwischenfall verlaufe, haben sich die Deutschconseroa- tiven mit Wahlprogramm und Aufruf an's Tageslicht gewagt. Herr Hauptmann z. D. Lucas von Heyden heißt der Glückliche mit vollem Namen, der die 213 Stimmen erhielt. Die Herren find nach eigener Versicherung nicht„reaktionär"— und wer wird auch z. B. in der Verwerfung des allgemeinen Stimm- rechts nicht gerade das Gegentheil von Reaktion erblicken! Lassen Sie mich das Schönste von dem Schönen, das Beste von dem Guten, was in der conservativen Wählerversammlung, die von 150, nach Anderen sogar 200 Leuten besucht war, zu Tage ge- fördert wurde, nach den hiesigen Blättern mitthcilen. Dr. Rit- terfeld-Eohnfeld, Commandant des uniformirten Veteranen- corps(!!): Das Unglück der Nation sei der Materialismus, welcher die halben und flachen Köpfe erfaßt, es fehle die Ethik. Er sei am Mittwoch zu Sonnemann in den Saalbau gegangen, weil er gedacht, es sei ein berühmter Herr; er habe diesen 20 Minuten lang schimpfen hören auf den edlen Fürsten Bis- marck in ganz polizeiwidriger Weise. Wenn ein solcher Mann diesen erhabenen Geist in den Koth zu ziehen im Stande sei, so sei dies das beste Zeichen für die Verkommenheit der Welt. (Beifall.) Man wolle die Armee vermindern, diese Trägerin der Bildung, die dem Bauer aus Podolien Gelegen- heit gebe, mit gebildeten Leuten zusammen zu kommen und etwas zu lernen, so daß er später als Kutscher und Bedienter sich fortarbeiten könne. Es würde mehr gespart werden, wenn nicht die„verfluchten sozialdemokratischen Bestrebungen" wären; die meisten Führer der Sozialdemokraten wüßten selbst nicht, was Lassalle gewollt. Der Armee sei die Aufgabe zugefallen, Culturträgerin zu sein; das fühle man, darum bekämpfe man fie. Zur Kennzeichnung unserer freilich schon genügend bekannten Liberalen hier nur noch ein Satz aus einem ihrer Flugblätter: „Wir sehen, wie den Massen in der sozialdemokrattschen Presse Meineid, Treulosigkeit und Klassenhaß gepredigt wird, wie ihnen jetzt täglich zugerufen wird: Parteigenossen! Laßt Euch nicht provoziren! Man will schießen. Die Reaktion braucht Krawalle, um daS Spiel zu gewinnen." Sieht das nicht aus wie der blanke Aerger, den gewisse Leute ob ihres gründlichen Reinfalls mit ihrer modernisirten Inquisition und ihrer Provo- kations-Theorie empfinden? Nun, Ihr Herren, Ihr habt Euch Mühe genug gegeben, den Dummen, die ja bekanntlich nicht alle werden und auf die Ihr nur zu bauen vermögt. Basser- mann'sche Gestalten zu zeigen— trotz alledem und alledem cid Ihr einstweilen glänzend unterlegen. Bei der Stichwahl sehen wir unS wieder! Und so will ich denn schließen mit einem Citat aus unserer reptilisirten„Neuen Frankfurter Presse":„Wie be- schämend wäre es für die Nation, wenn auch nach den gewal- tiaen Seelenerschütterungen der letzten Monate der revolutionäre Sozialismus im Vergleich zu den reichstreuen Fraktionen an Sttmmenmenge ein Wachsthum zu verzeichnen hälte!"— Hier hat der„revolutionäre Sozialismus", wie bereits oben ausge- führt ohne jede Anstrengung sechshundert Stimmen gewonnen. Schäme dich also darüber, Schwätzerin von Frankfurt, und schäme dich auch noch darüber, daß du das nicht zu verhindern ver- mocht! Wir aber find stolz, wir freuen uns über die Lektion, die hier den systematischen Verleumdern, den Reaktionären mit und ohne Phrase ertheilt worden ist. Hoch die Sozialdemo. kratie! Untergang der Lügenbrut! Schneeöerg. Ueber unseren glänzenden Wahlsieg zammert das in unserem Wahlkreis verbreitetste Raktionsorgan, das „Chemnitzer Tageblatt". oder vielmehr ein Stollberger Corre- spondent desselben wie folgt: � „Liebknecht hat über Löwe mit erdrückender Majontat gesiegt. Dies ist das Ergebniß der ungeheuren Anstrengungen, welche die vereinigten reichstreuen Parteien zu. Gunsten ihres Candidaten gemacht hatten. Jeder, der die Stimmung der Arbeiter und den durch das neue weit verbreitete„Erzgebirgische Volksblatt"(und die„Erzgeb. Fr. Zeitung") erfolgreich bearbeiteten Boden des hiesigen Wahlkreises einigermaßen kannte, mußte dasselbe mit Bestimmtheit voraussehen. Die Betheiligung an der Wahl war ungewöhnlich stark. Mehr als 75 Proz. der Berechtigten haben wohl gewählt, und da? Ergebniß ist kein künstliches, sondern ein wirkliches Spiegelbild der vorherrschenden Stim- mung. Trotzdem mögen die Gutgesinnten auch für die Zukunft noch nicht alle Hoffnung aufgeben, wenn sie die Lehre beherzigen, daß nur durch ausdauernde thatkräfttge Fürsorge für das Wohl der Arbeiter die Herzen derselben gewonnen werden können." Der letzte Satz enthält eine ganz unverfrorene Heuchelei. Für das Wohl der Arbeiter uneigennützig zu sorgen, das fällt den Ordnungsparteien gar nicht ein, sonst machten sie nicht in Sozialistenfresserei.— Jeder, der die Stimmung der Arbeiter:c. einigermaßen kannte, mußte den Sieg Liebknechts voraussehen, behauptet der Reporter, und derselbe Reporter behauptete vor der Wahl regelmäßig: es unterliegt gar keinem Zweifel, daß der Ordnungslöwe siegt? Und jetzt? Wöckmüht(Württemberg), 28. Juli. Es dürfte in der jetzigen Zeit für die Parteigenossen von einigem Interesse sein, auch über die hiesigen sozialpolitischen Verhältnisse etwas zu er- fahren. Die Bevölkerung hier beschäfttgt sich zum überwiegend größten Theile mit Landarbeit und ist die Industrie durch nur einige Arbeiter vertreten. Es ist daher auch von sozial- politischer Bewegung nichts zu bemerken, da die Mehrzahl der Bevölkerung vollständig indifferent ist, und sich die politische Thätigkeit auf das wohlhabendere Bürger- und Beamtenthum beschränkt. Die politische Meinung ist hier Fabrikat der„Neckar- Zeitung", über deren Tendenz sich die Genossen sofort klar sein werden, wenn ich mittheile, daß dieselbe als„Amtsblatt für Heil- bronn, Brackenheim, Neckars-Ulm" u. s. w. figurirt. Trotzdem ist die Gesinnung des Kleinbürgerthums größtentheils„demokra- tisch angehaucht", bei den„hervorragenden" Persönlichkeiten jedoch (soviel ich beobachtet) reaktionär. Von den Bestrebungen unserer Partei hat man natürlich auch hier die nebelhaftesten Vorstellungen, da ja sowohl die„Neckar-Zeitung", als auch der noch hier und da aufliegende�,, Schwäbische Merkur" mitsammen wetteifern, alle nur denkbaren Schmähungen, Verdrehungen und Verleumdungen über unserePartei zu verbreiten, welche Verdächtigungen selbstverständlich geglaubt weroen. Daß obige Organe sich bei Gelegenheit der beiden Attentate in„edlem, patriotischem" Wettstreite mit der gesammten Preßmeute ergingen, um auf unsere Partei tüchtig „loszupauken", nach Ausnahmegesetzen zu schreien und was der- gleichen„reichsfreundliche" und reaktionäre Dinge mehr sind, will ich nur vorübergehend erwähnen. Das Schreckgespenst, welches da dem Philister an die Wand gemalt wurde, that auch seine Wirkung, so daß nun Sozialdemokratie und blutiger Umsturz, Revolution u. dergl. in den Augen dieser„Politiker" gleich bedeutend sind. Ich hatte daher in Anbetracht der gegenwärtigen Zeitumstände(wo„Sozialistenhatz" als Culhir-Fortschritt betrachtet wird) eine heimliche Freude, so ungeschoren durchzu- kommen.„Doch mit des Geschickes Mächten Ist kein ewiger Bund zu flechten, Denn das Unglück schreitet schnell." Mein Fatum ereilte mich Sonntag Abends in der Gestalt eines— Krieger, indeß nur eines auf diesen Namen getauften — und zwar in einer Weinstube, in welcher sich noch einige andere Herren befanden. Das Gespräch hatte sich ans die So zialdemokratie gewendet, uud da ich die verwirrten, unklaren Am sichten, welche über dieselbe abgegeben wurden, nicht länger er- tragen mochte, so unternahm ich es, die Bestrebungen unserer Partei in Kurzem klarzulegen, in der Voraussetzung, daß es mir vielleicht gelingen werde, die Herren von der Gerechtigkeit unserer Tendenzen zu überzeugen. Dies war indeß ein völlig vcrgeb liches Bemühen; ich will mich hier nur darauf beschränken, einige markirte Aeußerungen dieses— Kriegers anzuführen:„Lumpen, Lumpengesindel, das nichts arbeiten, gut fressen und saufen will; ich könnte sie(die Sozialdemokraten) alle baumeln sehen. J marck hat Recht, daß er gegen solche Sippschaft Ausnahmegesetze macht u. dgl." Anfangs suchte ich den„Herrn" eines Besseren zu belehren, als ich jedoch bemerkte, daß hier mit Vernunft- gründen nichts auszurichten sei, und ich andererseits der Meinung bin, daß gemeines Schimpfen weder anständig, noch geistreich ist, ließ ich mit stoischer Ruhe Alles über mich ergehen, bis Herr Krieger in folgender drastischer Weise schloß:„daß er eigentlich keiner Partei angehöre und wir nur durch die Reaktion wieder einen guten Geschäftsgang bekommen können."(Wer lacht da?) Er bleibt dabei: Es lebe die Reaktion! Da ich gerade beim Berichten bin, muß ich auch noch der„patriotischen Sammlung" erwähnen, welche in folgender praktischen Weise betrieben wurde: Die Agitation hierzu wurde am 21. d. Mts., Vormittags, in der Kirche eingeleitet, indem der Zweck derselben den diversen „Gläubigen" und„Unterthauen" verkündet wurde, worauf Nach- mittags Mitglieder des hiesigen Kriegervereins in den Häusern mit den Sammellisten erschienen, um die„patriotischen Gaben' entgegenzunehmen, wobei viele„freiwillig gezwungene" Ein- Zeichnungen erfolgten, da sich Jeder fürchtete, im Falle der Wei- gerung auf den Index gesetzt zu werden, und Montags kam dann die Reihe der Eontribution an die Schulkinder. Es lebe der „Patriotismus!" I. M. Leipzig, 1. August.„WaS geschickte Belehrung wirkt, das hat die Wahlbcsprechung am 27. Juli hier(in Beucha, Leipziger Landkreis) gezeigt. Zu dieser Versammlung waren auch die Sozialdemokraten, die hier in den Steinbrüchen in großer Zahl vorhanden find, eingeladen worden und auch er- schienen. Als Referenten hatte man Herrn Direktor Schiemangk aus Brandis kommen lassen. Derselbe wies nach, wie die So- zialdemokratie nichts Neues sei. Auch Griechen und Römer hatten ihre Sozialiften. Die Sozialdemokraten seien Menschen, unsere Mitmenschen, und als solche spreche er zu ihnen. Kein Scheltwort gegen die Sozialdemokraten kam über seine Lippen, aber er entwickelte in so gewandter, klarer, populärer und zum Herzen sprechender Form die Gesetze der menschlichen Gesellschaft, daß die Sozialdemokraten, obgleich es anfangs den Anschein hatte, als solle es zu stürmischen Auftritten kommen, sehr bald die Richtigkeit seiner Auseinandersetzungen zugeben mußten und mit Herrn Dir. Schiemangk in einen, wenn auch sehr lebhaften, dennoch erfreulichen Verkehr traten, wozu allerdings das joviale, leutselige, ruhige und dabei fest« Entgegenkommen des Herrn Dir. Schiemangk nicht wenig beitrug. Und iufolge dieser Wahl- besprechung ist, daß Beucha, welches sonst stets hoch sozialistisch wählte, diesmal in seiner großen Mehrzahl der Ordnungspartei sich angeschlossen hat. Man fahre nur fort zu belehren, man thue es in der rechten Art und Weise, und wir werden bald bessere Verhältnisse hqben." Diese Lobrede auf„geschickte Be- lehrung" und auf das Vermeiden jedes„Scheltwortes" findet sich im—„Leipziger Tageblatt", diesem schimpflichsten aller ordnungspartrilichen Schimpforgane! Bon Herrn Hüttner gilt auch das Wort der Bibel: Die rechte Hand weiß nicht, was die linke thut. Das heißt der gute Mann liest nicht, was der Briefträger ihm bringt, und die selkactiv�-Scheere in ihrem ver- zehrenden Eiser abschneidet. Natürlich ist das Schiemangkssche Wunder nur eine Schiemangkssche Legende und natürlich erzählt von Herrn Schiemangk selbst. Eigenlob riecht bekanntlich so gut! Herr Schiemangk machte einen Versuch, ein paar sozia- listischc Arbeiter zu bekehren, entfaltete dabei aber eine so haar- sträubende Unkenntniß„der Gesetze der menschlichen Gesellschaft", daß er einfach ausgelacht wurde. StslkSerg, 1. August. Liebknecht gewählt! so donnerte es am 31. Julr durch unsere Reihen! Der Löwe, der seine Tatzen auf unseren Wahlkreis legte, hat das Hasenpanier ergriffen und ist gelaufen, bis er außer Athem„am grünen Strand der Spree" angelangt, sich die Wunden verbinden lassen konnte, die ihm unsere tapfere erzgebirgische Bevölkerung geschlagen hatte. Wie hatten unsere Gegner auf den Sieg gebaut, welche verwerflichen Mittel hatten fie angewandt, um unseren alten, bewährten Ver- treter aus dem Feld zu schlagen, aber fest und treu standen die Wähler Liebknecht's, kein� Mann wankte im Feuer der Lüge und Verleumdung, das auf unsere Reihen niederprasselte, keines unserer Glieder löste sich und als die Entscheidung herannahte, als es galt, Sieg oder Niederlage, da rafften wir unsere ganze Krafl zusammen und die Levyten, unsere Feinde, sie warfen die Waffen weg und flohen, verfolgt von den Jubelrufen unserer braven Bataillone. Unser Banner, welches die Gegner in den Staub treten wollten, es flattert lustig weiter auf unseren Bergen, be- wacht von Streitern, die bereit sind, sich wiederum in die Schlacht zu stürzen, sobald ein neuer Kamps nothwendig werden sollte. Es war kein Kinderspiel, dieser Kampf, er war schwer und heiß, desto süßer ist die Ruhe, die wir uns jetzt gönnen können. Ein Wink mit dem Zaunpfahl. (An die Herren Ordnungssreunde und Moralpächter.) Meine Herren! Drohen Sie uns nicht mit Ausnahmegesetzen, drohen Sie nicht 600,000 Deutschen, die in Entbehrung, der allgemeinen Ordnung und dem Haß gegen Blutvergießen zulieb, täglich härtere Opfer bringen, in der Hoffnung auf bessere Zustände. Drohen Sie uns aber dennoch, so dürfte es uns eines Tags einmal in den Sinn kommen, eine Enquete über die Ehrlichkeit unserer Gegner und ihrer Helfers- Helfer in Betracht zu ziehen. Die Mittel dazu würden wir wohl noch finden und die Resultate einer solchen Enquete, ja nur die Veröffentlichung der Absicht, eine solche anzustellen, würde uns einen solch außerordentlichen Schatz von Cor- ruption zur Verfügung stellen, daß die industrielle kleine und große Welt, die Finanzwelt, das Beamtenthum merken sollten, daß ihnen der Boden unter den Füßen wankt und die halbe Welt zusammenzustürzen droht. Aufforderungen zur Anstellung einer solchen Enquete sind schon zu verschiedenen Malen an uns gerichtet worden; aber unser friedliches Temperament hat sich geweigert, sie in Betracht zu ziehen. Treiben Sie uns nicht zum Aeußersten, wenn Sie nicht wollen, daß wir rücksichtslos den wundesten Fleck bloßlegen. Zwei sozialdemokratische„Großbürger", die etwas vom„Geschäft", vom Lieferungswesen:c. verstehen.*) Erklärung Da durch die Art der Bezeichnung, welche meine Frage an Herrn. Dr. Stephani in der Wählervcrsammlung vom 25. d. M. von der gr- sammten Leipziger Presse erfahren hat, Mißdeutungen schwerer Art entstehen, so ersuche die Redaction doch eine Mittheilung der Ursachen, die mich zur Frage an Herrn Dr. Stephani veranlaßtrn, zu geben. Es beliebte Herrn Dr. Stephani in der vom Tageblatt gebrauchten Weise die sozialdemokratische Partei zu verdächtigen und zu verläumdcn, so stellte er die beiden Attentäter als Parteigenossen hin, inaß der sozialdemokratischen Partei die Schuld an diesen Altentaten bei und. erklärte, daß sie die Heiligkeit der Ehe, die Sittlichkeit und alle Moral untergrabe. I« meinen politischen Gefühlen tiefinnerst durch solare cynischc und verbrauchte Behauptungen beleidigt, welche allenfalls einem Markthelfer oder Lohndiener zu verzeihen sind, nicht aber einem Man,,». welcher wissenschaftlich gebildet und im politischen wie communaleri Leben Erfahrungen genug zu sammeln Gelegenheit hatte um seine Denk- fähigkcit von subject ven Begriffen zu reinigen, sah ich mich veranlaßt jene Frage an Herrn Dr. Stephani zu richten. Ich überlasse es dem. gechrlen lesenden Publikum zu beurlheilen, ob die in der Presse ge- brauchten Bezeichnungen, schmähliche Beleidigungen u. s. w. mehr dcir Aeußerungen des Herrn Dr. Stephani zuzumessen seien als meiner gestellten Frage. Leipzig, im Juli 1878. Robert Martin. vrirskaste« der Redaction: Petersen in Paris: Das Eingesandte wird» benutzt. der Expedition: W in R. Bon Amor u. Psyche können Sie Kabinet- und Foliobilder haben zu 1 und 2 M.(Photographie von einem Originalkupferslich), ob es aber dos von Ihnen Gewünschte»st, wissen wir nicht.— Erinnerung an Börne ist vergrissen. Quittung. M hier Ab. 5,65. Nrt hier Ab. 1,65. Dr. Stblng New-York Ab. 116,75. Stmmr Regensburg Ab. 12,25. Zsl Linz Ab. 4,56. Hrtrch Hof Ab. 17,95. Much Zittau Schr. 11,85. Endrs Augsburg Ad. 105,55. Grllnbrgr Nürnberg Ab. 150.50. Piß Fechenheim Schr. 5,65. Hn Pottenstein Schr. 2,45. Strb Ballenstedl Schr. 3,55. Bckr Stuttgart Schr. 7,50. KrS Cassel Schr. 4,55. Khlmr.n Lüneburg Schr. 3,50. Arb.-Bild.-Ber. hier Schr. 16,65. Wahlfonds. Bon X. Rudolstadt 5.00. Krtz Coblenz 5.05. Liste 902 d. F. v. Tischgästen im Arb.-Bild.-Ber. 2,55, am 23/7 schon 8,55 quinirt. Bchhm hier Liste 901 5,40. — Zur Beachtung! Wie aus London m'tzetheilt wird, ist der Redacteur Juch, welcher im„Londoner Journal- die auch von uns gekennzeichneten Schmähartikel über unsere deutschen Genossen sabrzirle, als Polizeispitzel nach Deutschland gesandt worden.«l'> Borsicht!___ Zur Beachtung! Diejenigen Genossenschaftsmitglieder, die noch mit ihren Raten-- Zahlungen im Rückstände sind, werden hiermit auf ß 5» des Statut» aufmerksam gemacht und zugleich ersucht, falls sie nicht gestrichen seitr wollen, den Restbetrag bi» zum 15. d. MtS. einzusenden. Der Borstand der Genossenschafts-Buchdrnckerei(e. G.) zu Kiel: Karl August Rau, Heinrich D'ckmann, Hermann Walther. sSV Zur Beachtung! Die Wahlcomitös werden ersucht, das Ge sammt-Wahlrcsultat ihrer Kreise an das sozia listische Central- Wahlcomite in Hamburg Adresse C. Derossi, Holzdamm 42, so möglich einzusenden. unter bald wie *) Wozu schonen? Wir bitten unsere Freunde, die über ein reich- licheS Material verfügen, damit nicht hinter dem Berge zu halten. R. d.„B." Verantwortlicher Redakteur: Julius Künzel in Leipzig. Redaktion und Expedition Fürberstr. 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag der Benosienschastsbuchdruckere! in Leipzig.